The Project Gutenberg EBook of Rckblicke, by Dr. rer. pol. Walter Grnfeld

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Title: Rckblicke

Author: Dr. rer. pol. Walter Grnfeld

Release Date: December, 2004  [EBook #7049C]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on February 28, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: Latin-1


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, RUECKBLICKE, BY GRUENFELD ***




Copyright (C) 1998 by Frank Dekker



Rckblicke

Dr. rer. pol. Walter Grnfeld



Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Frhes Panorama und Vorgeschichte
Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz
Kapitel 3 Kindheit und frhe Jugend
Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen
Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik
  A) Berlin
    a) Leben und Studium
    b) ... und politische Bettigung
  B) Mnchen
  C) Zwischen Breslau und zu Hause
Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar
Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen
Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus
Kapitel 9 Kriegsflchtling
Anmerkungen
Literatur



Kapitel 1

Frhes Panorama und Vorgeschichte

Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster
Panewnik durch einen damals reichen, grnen Laubwald zurckwanderte
und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhhe, ein gutes
Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und
einigen noch weiter westlich und stlich gelegenen Industriegemeinden,
aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten
Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren.  Und
dort lebten wir also.  Mute man also jetzt dorthin zurcklaufen?
Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, da ich das als Kind
gefragt habe.  Fr mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen
und Zinkhtten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten
der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der
und mit der man lebte.  Ja, es gab dort oft so einen Geruch und
Geschmack nach Rauch, er war wrzig, man kannte ihn.  Aber die Natur
reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld,
teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rben,
teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten
Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.

Dann weiter im Sden begann der Wald, das waren die Auslufer der
groen Wlder des Frstentums Ple, die etwa dreiig Kilometer bis
Ple sich ausstreckten.  Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den
Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen.  Da war nicht nur eine
Gartenwirtschaft, sondern auch eine groe Kohlengrube, die eigentlich
in einer sehr groen Lichtung im Wald lag.  Weiter sdlich lag dann
in den Plesser Wldern der Paprozaner See.  Dort gab es nicht nur das
Jagdschlchen Promnitz.  Da war auch einmal ein "Eisenhammer".  Man
konnte die berreste noch sehen.  Es wurde viel Holz und Holzkohle
dafr gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhttung zu den
Kohlenflzen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das
oberschlesische Industrierevier.  Es entstand aus alten Dorfgemeinden
die Kette von Industrieortschaften.  Vor allem an den
Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander ber.  Dazwischen waren
grere und alte Stdte wie Beuthen und die viel jngere, erst im 19.
Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz.  Die Orte hatten eine oder
mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten
Eisenhtten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und htten.

Das war ein frher Eindruck meiner Kindheit.  Wir lebten in Kattowitz,
ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft.
Das waren etwa eineinhalbstndige Wagenreisen, spter nach 1918 nur
noch halbstndige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers,
etwa fnfzehn Kilometer.  Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben
und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders
russig und rauchig.

Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien
zeigen kaum Spuren von den groen Konflikten spterer Jahre und wie
man von Heute darauf zurckblickt.  Ich war 1908 in Kattowitz geboren.
Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei
Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkmpfe der
Weimarer Republik und des unabhngigen Polens und dann die
Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch
so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.

ber den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden.  Die
Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden
Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch
sprechenden Oberschlesiern durchscheinen lie, und durchsetzt war mit
manchen heimischen polnischen Kraftausdrcken.  Es war eine recht
hart klingende, aber eine gemtliche Sprache.  Bei uns zu Hause, in
der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die
Kraftausdrcke und der Akzent waren verpnt, aber das oberschlesische
Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit.  Auch das Polnisch
hrte man.  In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen,
aber polnisch hrte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern
und Buerinnen der Umgebung, die man bei den tglichen Spaziergngen

traf, oder wenn man auf den Markt mitging.

Aber mir fehlte als Kind das Gefhl fr eine starke Spannung zwischen
deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich
glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, da diese
Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war.  Es ist richtig,
Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen
Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und
Zeitungen, Wahlkmpfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.

Wenn man ber die Jahrhunderte zurckblickt, dann war Schlesien, und
besonders Oberschlesien so stark und hufig ein Gebiet der bergnge,
mit wechselnden Siedlungseinflssen und politischen Oberhoheiten.
Die Bevlkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die
Zeichen davon.  Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns
Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in
Oberschlesien gesprochen wurde.  Es hatte ja lange getrennt vom
polnischen Hauptland und zeitweise unter bhmischen (tschechischen)
und deutschen Einflssen gelebt, die zu dieser Dialektbildung
beigetragen hatten.  Die Sdostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag,
war so ganz besonders ein Grenzland.  Wenn man an klaren Tagen nach
Sden sah, oder gar sdlich auf dem Wege nach Ple fuhr, dann sah man
die Gebirgskette der Beskiden, des nrdlichen Teils der Karpaten, das
war in sterreich.  Es war das stereichische Schlesien, das der
preuische Knig Friedrich der Groe am Ende seiner Schlesischen
Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen mute.  Wenn man auf
einem greren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann
ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt,
wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen
deutsch mit einem sterreichischen Akzent.  Sie waren in
sterreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es
preussische.  Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze.
Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo
das deutsche, sterreichische und russische Kaiserreich
zusammenstieen.  Fr uns als Kinder war diese Idee natrlich
faszinierend.  Aber die russische Grenze lief noch nher bei
Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und
Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natrlich
die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des
russichen Zaren stand.

Mein Grovater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz.  In
Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere schsische
Textilindustrielle niedergelassen.  Mein Grovater und Vater hatten
die Bauten ausgefhrt, und waren mit der Familie Dietel befreundet.
Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen.  Ihr Wagen mir Pferden wurde
bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz
zum Einkaufen kam.  Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus
Ruland kam.  Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und
Fremde aus der Welt meiner Kindheit und frheren Jugend.  Es waren
Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien",
so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der
preuischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer
Jugend erschien.  Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von
dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu
werfen.  Bereits fr die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche
Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen
Historikern.

Schriftliche berlieferung beginnt spt, aber archologische
Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der
Frhgeschichte des stlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit
vor der Vlkerwanderung.  Vor den Kelten und nachwandernden Germanen
wei man heute ber die vorherige Bevlkerung und ihre Kulturen,
sieht frheste Einflsse ber das Donaugebiet von Sden(1), mit
eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien.  Nach
polnischen Auffassungen (2) waren Trger dieser frhen Kulturen
bereits indogermanische, nmlich slawische Stmme, so die bekannte
Lausitzer Kultur, und die spter erscheinenden Kelten und Germanen
nur durchwandernde Vlker, die vorbergehende Herrschaft ber
bestehende Urbevlkerung ausbten, hnlich wie man es von Awaren oder
Hunnen wei.  Andere bleiben bei frherer Auffassung, da slawische
Stmme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerckt sind.

Als frhe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr
ein Gromhrisches Reich, bald berholt vom Bhmischen Reich der
Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen
Bistmern her zum rmischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in
die abendlndische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht,
von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.

Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter
dem Piasten Mieszko I. entwickelt.  Unter dem Einflu sowohl von
Bhmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, berragte es
bald das ltere Bhmen und eroberte Schlesien, das fr Jahrhunderte
nun Gebiet wechselnder Einflsse und oft erneuerten Streits zwischen
Bhmen und Polen bleibt.

Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war
in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtmer.
Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und
im sdlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit
wechselte und fiel schlielich durch Vertrag 1335 an die bhmische
Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der
Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.

Die Mongoleneinflle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum
Benefit fr ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und
deutschen Krften aufgehalten worden, aber groe Verwstungen blieben.
Vielleicht waren diese Anla fr verstrkte Siedlung von
Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Klstern,
bestehend aus buerlicher und stdtischer Siedlung, beide unter aus
deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch
ber Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde.
Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert,
hinterlie unterschiedliche Spuren in der Bevlkerung, das Bild
verndert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man
fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende
Umgebung.  Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwgerung
schlesischer Piastenherzge mit deutschen Frstenfamilien knnten mit
ein Antrieb gewesen sein fr die Entscheidung schlesischer Piasten
fr bhmische statt polnischer Oberhoheit.  Man mu aber wohl
vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer
Entscheidungen.  Schlesien blieb nun bei der bhmischen Krone fr 400
Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren
Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen,
ungarischen und dann polnischjagiellonischen Interregnen zwischen
Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles
1526 ererbten.

Die Reformation drang frh in Schlesien ein.  Die Struktur der
Herrschaft hatte sich gendert.  Die schlesischen Piastenherzogtmer
fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an
auswrtige Frsten, darunter auch Hohen zollern, oder wurden durch
Prag an Neuankmmlinge vergeben.  Die schlesischen "Stnde" wurden
somit eine immer komplexere Versammlung.

Die adligen Stnde Bhmens und Mhrens hatten whrend der Wirren um
die bhmische Krone sehr an Macht gewonnen.  Das trug dazu bei, da
die Reformation in Bhmen und Mhren besonders groe Fortschritte
machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einflssen aus
verschiedenen Richtungen.  In Polen machte die Reformation zunchst
auch Eindruck und findet Anhnger auch unter polnischen Adligen und
Gemeinden in Oberschlesien.  Es war nicht so, da mit dem bergang
der Hoheit an Bhmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit
den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehrt htte.  Es bestand
weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen
Dekanate mit dem Bistum Krakau.  Auch zum Universittstudium gehen
Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen
protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehrigen
Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).

Die Erwhnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort
spter die ersten Spuren unserer Familie Grnfeld in Oberschlesien
finden.  Die Gegenreformation, mit uerster Strenge von den
Habsburger Kaisern in Schlesien durchgefhrt, reduzierte hier den
Protestantismus bald, aber in Bhmen blieben die Beziehungen der
Stnde mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, da von dort der
dreiigjhrige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien
furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte.  Wallensteins und
Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der
Rckschlag im Wohlstand Schlesiens berwunden war.


Eine notwendige Anmerkung

Nach dem Rckblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien,
der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine
Familie dann im frhen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu
erinnern, da dies eine jdische Familie war, und das Schicksal der
Juden in Oberschlesien, wie in Europa berhaupt, noch eine besondere
Betrachtung erfordert.  Einer mndlichen Tradition nach soll unsere
Familie aus Mhren nach Oberschlesien gekommen sein und ursprnglich
aus Iglau stammen.  Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen
jdischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein knnte, von der wir
gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in
Mhren.  Frheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte
Kaufleute" in Mhren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer
Ansiedlung wird erst fr das 12. Jahrhundert angenommen (5).

Man bemerkt sie als stdtische Siedlung, wie in den deutschen Stdten
Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz fr Juden als Minderheit.  In
Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam fr deutsche,
flmische und jdische Kaufleute geregelt, und in Mhren zuerst im
Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine
der grten jdischen Gemeinden Mhrens hatte, aber 1426 wurden die
Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten untersttzt
htten.  Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbststndigen
Stdten, wegen des mehr gebruchlichen Vorwurfs des Wuchers.  Gewi
hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Stdter mit
religisem Eifer neuer Herrscher gepaart.  Die mhrischen Juden
fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertnigen
Stdten, konnten dort und auch den angrenzenden Drfern, die oft
demselben Adligen gehrten, Handel treiben (6).

Sie konnten auch an den regelmssigen Mrkten in den grsseren
Stdten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von
Besuchergebhren.  Die schon erwhnte unabhngige Eigenwilligkeit des
Adels in Mhren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von
Protestanten, sondern auch im zhen Widerstand gegen Beschrnkung
ihrer Mglichkeiten, von wirtschaftlicher Ttigkeit von Juden
Gebrauch zu machen.  Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden
Pchter oder Verleger fr neue gewerbliche Betriebe adliger Gter,
wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7).  Der Refugiumcharakter
Mhrens dehnte sich auch auf die Mhren benachbarten Gebiete der
einstigen oberschlesischen Herzogtmer Ratibor und Oppeln aus (8).
Mhren wurde auch Refugium fr andere Juden, so bei
Judenvertreibungen aus Wien, whrend der Wirren des dreissigjhrigen
Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im stlichen Polen
(Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen
Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der
wirtschaftlichen Gegnerschaft der Stdte gegen die Juden gepaarte
antijdische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert
soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in
den beiden Stdten Glogau und Zlz gab, aber sich im sdlichen
Oberschlesien eine kleine jdische Bevlkerung auf dem Land erhalten
konnte.  Wirtschaftliche Bedrfnisse aber sprachen fr
Aufrechterhaltung jdischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den
stdtischen Mrkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr
Vater, die Beschrnkungen gegen jdische Residenz auch in Bhmen und
Mhren wieder zu verstrken, und 1744 verfgte sie die Ausweisung
aller Juden aus ihrem "Erbknigreich Bheimb" wegen vermeintlicher
preuenfreundlicher Haltung der Juden whrend des Schlesischen Kriegs
(10).  Das betraf auch Mhren.  Die Fristen wurden rtlich
verschieden verlngert.  Es scheint also, da Zuwanderung von
mhrischen Juden in das nahe, unterde zu Preussen gehrige sdliche
Oberschlesien gerade fr diese Zeit gut erklrlich ist.



Kapitel 2

Die Familie in Kattowitz

Diese fhrt uns zu den Anfngen jdischer Emanzipation, etwas vom
Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Stdte wie Sohrau,
dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der
Entstehung der Stadt Kattowitz.  Die deutschpolnische Problematik
stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preuen
gefallenen Provinzen Posen und Westpreuen, aber spielt auch eine
Rolle im stark polnischsprechenden Oberschlesien.  Wir denken an
kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz,
in der ich dann 1908 geboren wurde.

Meinen Urgrovater Hirschel Grnfeld findet man in der Liste der
durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preuischen Staatsbrgern
werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und
drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau.  Nach dem Tod
seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (spter Louise)
Huldschinsky (4).  Diese neue Familie Grnfeld hat dann drei Shne
und fnf Tchter bis Hirschel Grnfeld 1840 in Sohrau stirbt.

Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen,
hchstens von der Umgebung, in der er gelebt hat.  Das Dorf
Woschczytz, schon von mir erwhnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer
Wasser und Sgemhle und einem Frischfeuer, 57 Husern und 352
Einwohnern (5).  Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von
Juden in Oberschlesien wird es fr 1693 erwhnt (6), aber bereits fr
1678 erscheint ein jdischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7).
Die Nhe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch jdische Kaufleute nach
dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung fr sie in Sohrau
begrenzt war.  Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll
und spter Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein
bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern.
Hirschel Grnfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben.
ber Umfang und Erfolg seines Geschfts haben sich in der
Familie keine Informationen erhalten.  Er starb mit etwa 60 Jahren,
seine Frau war wesentlich jnger, das jngste der acht Kinder wurde
erst im selben Jahr geboren.  Eine Schwester der Frau hatte den
Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet.  Mein Vater hat oft
betont, da die Familien eng zusammenlebten, auch da die Familie
Loebinger ebenso wie die Grnfelds von Mhren nach Oberschlesien
gekommen waren.

Die beiden lteren Shne Hirschel Grnfelds verlieen Sohrau bald
nach seinem Tode, also noch sehr jung, nmlich Abraham, geboren 1823
und Isaak, spter Ignatz genannt, geboren 1826, mein Grovater.  Er
wird spter ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen
als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf und
Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederlt.  Einen Abraham
Grnfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer
bezeichnet, manchmal als Kaufmann.  Auch meine Urgromutter hat noch
bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch fr meinen Vater eine Art
Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute
nachtrglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt
eine sehr ausfhrliche Stadtgeschichte (9).  Meine Heimatstadt
Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Hlfte des 19.
Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem
brgerlichem und Zunftleben, berwiegend katholisch geblieben.  Ich
fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgroeltern das
Leben sich da vernderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was
man ber die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen
kann.  Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange
verbunden.  Schon fr 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt
erwhnt (10).  Die Stdte lieen Juden zu ihren Mrkten zu, auch wenn
sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften.  Erst fr das 18.
Jahrhundert hren wir dann von jdischen Einwohnern. 1791 leben aber
an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstdten". 1856
waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken
Zuzug jdischer Familien vor allem aus den Drfern der Kreise Rybnik
und Pless erhalten.  Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge
gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab
jdische Lehrer.  Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der
Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.

Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur
einzelne jdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die
Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch
zunchst in Sohrau.  Die ffentlichen beaufsichtigten Schulen, die
eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jdischen Gemeinde
oblag nach Emanzipation, fr die vorschriftsmige Schulung ihrer
Kinder zu sorgen.  Fr kleinere Gemeinden war es finanziell nicht
einfach, den neuen behrdlichen Verpflichtungen fr die Erziehung
ihrer Kinder nachzukommen.  Ein System, junge jdische Leute als
Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen.
Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu gengen, wurden aber an
dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die
jdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, fr die von ihr
angestellten Lehrer behrdliche Genehmigung zu bekommen.

Viele konnten die nachtrglich abzulegenden Examen nicht bestehen.
So gab es einen hufigen Wechsel.  Zeitweise konnte die Gemeinde eine
jdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer
fortgeschrittenen Schule unterhalten.  Wenn in katholischen
Volksschulen Platz war, konnten jdische Kinder auch aufgenommen
werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jdischen Familien
das sogar bevorzugt und sich fr die Aufrechterhaltung jdischer
Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben.  Aber noch 1858 mu
eine jdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen
kein Platz ist.  Dazwischen gab es auch einen christlichen
Privatlehrer, der eine Schule fr die protestantischen und jdischen
Kinder unterhielt.  Wenn Kinder in nichtjdische Schulen gingen,
mute die Gemeinde fr ihren Religionsunterricht durch einen
hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen.  Als solcher wird
fortlaufend A. Grnfeld erwhnt (11), auch noch fr 1858. Als
Religionslehrer ttig, blieb er also wohl der jdischen Tradition
verhaftet.

In der jdischen Bevlkerung sehen wir das bekannte Bild
fortschreitender Emanzipation und Assimilation.  Schon in der 1.
Hlfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein
angesehene jdische rzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere
Fabrikbesitzer, aus der Mhlenbesitzer Familie Stern kommt der
sptere Nobelpreistrger fr Physik Otto Stern (1943 geboren in
Sohrau).  Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir frh
jdische Namen, und ebenso in verschiedenen stdtischen Vereinen, z.B.
Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr.  Im 18. Jahrhundert gab es
noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau.  Industrie ist ein
handwerkliches Gewerbe, und die Znfte kennzeichnen die Organisation
des stdtischen Lebens.  Im 19. Jahrhundert ndert sich das Bild.
Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden
gibt es manche Handwerker, recht spezifisch fr Oberschlesien.

ber den beruflichen Werdegang meines Grovaters Ignatz Grnfeld bis
er sich 1855 in Kattowitz niederlie, haben sich einige seiner
Zeugnisse erhalten.  Nur mndlicher berlieferung nach war er
zunchst als Lehrling bei dem ebenfalls jdischen Maurermeister
Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle
und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau
der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in
Stettin (Mnch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in
Gleiwitz (Wachter und Lubowski).  Als Meisterbau wird im Zeugnis vom
16. September 1857 ein Wohnhaus fr Simon Goldstein in Kattowitz
genannt, das spter durch das Caf Otto bekannt wurde, und heute noch
mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstrae in Katowice steht.

Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des
Lehrers A. Grnfeld in Sohrau.  Mit einigem Stolz wurde noch uns
Enkeln erzhlt, da er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche
gearbeitet hatte.  Die "Wanderschaft" auch auerhalb Oberschlesiens
hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern fr die
erfolgreiche Unternehmerschaft seiner spteren Jahre.  Aber das
Kattowitz, in dem er sich 1855 niederlie, war zunchst noch ein Dorf
(13).  Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in
Betrieb.  Diese Form der Eisengewinnung war gegenber neueren
Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfhig, sowohl wirtschaftlich wie
in Qualitt des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz
schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat
Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und
das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg und
Httenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind.  Nachdem die aus
England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam,
sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste
Kokshochofen in Preuen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese
Entwicklungen noch nher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls
staatlichen Knigshtte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818)
Htteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau
eines Hochofens zu modernisieren.  Die Herrschaft erwarb 1839 Franz
Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon
erfolgreichen Karriere reich verheiratet.  Er entwickelte
entscheidende Initiative fr den wirtschaftlichen Fortschritt von
Kattowitz und wurde 1840 geadelt.  Fr die Kontinuitt der Verwaltung
und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers
Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der spter
zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen
Schwiegersohn Dr. Holtze als Grnder der Stadt Kattowitz, das heit,
die Vorkmpfer fr die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.

Mein Grovater war also seit 1855 dort ansssig, und heiratete die
1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des
Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14).  Die
industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk
Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschrnkt.  Nach der Knigshtte
war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehtte mit Kokshochofen, dann an
der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem
Englnder John Baildon (15) erbaute Baildonhtte fr Stahlerzeugung
in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas
von Giesche.  Das Restaurant, das zur Arende meines Urgrovaters
Peretz Sachs gehrte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum
sttzen.  Jakob Grnfeld aus Sohrau, der jngere Bruder meines
Grovaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs,
und bernahm spter das Restaurant.  Es wurde als "Grnfeld's Garten"
fr viele Jahrzehnte sehr bekannt.

Die Gromutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die
katholische Dorfschule.  Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit
dieser Familienberlieferung ein Bild von damaligen
Schulverhltnissen zu machen.  Dabei stt man gleich auf die
Sprachenfrage zwischen preuischer Verwaltung und stark polnisch
sprechender Bevlkerung.  Ich habe keine Daten fr Zalenze gefunden,
aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunchst
einklassige Schule erffnet worden, und zwar zweisprachig (16).  Die
Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschtz, die
schon fr 1804 erwhnt wird (17).

Die preuische Politik gegenber der groen polnischen Bevlkerung,
in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im
19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs und Zielwechseln.  Unter dem
Einflu der SteinHardenberg'schen Reformideen, besonders verkrpert
durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant
gewesen (18).  Er begnstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens,
vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Knigreichs Polen
gewesen war.  Der polnische Aufstand in RussischPolen 1830/31 fhrte
zu einem vlligen Umschwung gegenber den Polen auch in Preuen, der
aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz
machte.  Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der
liberalen Freiheitskmpfer in Europa geworden, und der neue
preuische Knig Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen
nicht (19).  Die polnische Bevlkerung Oberschlesiens wird schon
damals in diesen innerpreuischen Argumenten erwhnt (20).

Im Mrz 1848 gehrte es jedenfalls auch zu den Ideen in der
Paulskirche, da mit der ersehnten deutschen Einigung auch die
Teilung Polens rckgngig gemacht werden sollte, in die sich Preuen
seinerzeit verwickelt hatte.  Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser
deutschen Einigung.  In Preuen verstrkten sich danach die
antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen
Einigung unter preuischer Fhrung kam, gab das neue deutsche
Nationalbewutsein der preuischen antipolnischen Politik sogar eine
ganz neue Note.  Es war nun nicht mehr nur die Loyalitt der
polnischen Einwohner gegenber der preuischen Monarchie gefordert,
sondern das Ziel mute ihre vollkommene Germanisierung sein.  So
verschrfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preuische
Nationalitten und Schulpolitik so rigoros wie sie dann spter in
Erinnerung geblieben ist.  Es war berdies auch die Zeit des
"Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei
ausgesetzt fand.  Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn fr
Berechtigung des Schutzes der gesamtpreuisch gesehen nationalen und
sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz
wurde dem wachsenden deutschen Bevlkerungsanteil in den fraglichen
Provinzen gegeben.  Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist
(21), da die Erwartung von Loyalitt seitens der Minderheit fr die
staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralitt des Staates
auch dort bedurft htte, wo es um die rtlichen Belange der deutschen
Bevlkerung ging.  Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und
Krone waren eben von der Omniprsenz nationalstaatlichen Denkens
verdrngt worden, und das schien keinen Raum zu lassen fr
Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch fr das
Zusammenleben von verschiedenen Nationalitten.  Die beiden
Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig gendert zu
haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europische
Einigung davon abzuhngen scheint.

Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, da die
Dorfschule meiner Gromutter mglicherweise damals noch zweisprachig
war.  Ich wei auch, da beide Groeltern das oberschlesische
Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzhlte, da sie es benutzten,
wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht
verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hlfte des 19.
Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige
Station der neuen Eisenbahn BreslauMyslowitz als ein Umschlagplatz
fr Zweigverbindungen zu einem groen Umkreis von vielen Gruben und
Werken mit ihren zugehrigen Ortschaften.  Schlielich war Kattowitz
so gewachsen, da es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde.  Dies geschah
aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den
alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankmmlingen.  Unter der
Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der
Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h.
Grtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die
unterdessen Hausbesitz hatten erwerben knnen.  Ursprnglich kamen
auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856
nderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten
Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht gendert, und
die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte
Gromada konnte allein ber die Verwendung der Einnahmen entscheiden.
Unter einer stdtischen Verfassung wre das anders gewesen.  Fr ein
Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preuischen
Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der hheren Einkommen
gewogen.  Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den
Neuankmmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit
eigenen Ideen allein schon ber Straenpflasterung und Beleuchtung
etc. Fr die eingesessenen Bauern htte es schon eine naheliegende
Idee sein knnen, da der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen
der groen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt
halten sollte.  War nun buerlicher Widerstand dagegen und gegen
Erwerb der Stadtrechte eine ganz bliche Situation und aus dem
Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verstndlich,
oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegenstze
in Oberschlesien?

Vom heutigen Blickpunkt des spten 20. Jahrhunderts knnte man auch
sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frhe Umweltschtzer, die
ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrngt
sehen wollten.  Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird
hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in spteren Rckblicken, von
beiden Seiten als der Hauptgrund angefhrt.  Schon Dr. Holtze
berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, da die polnischen
Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden"
mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann
kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der
Widerstand des polnischbuerlichen Elements gegen den von deutscher
und jdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).

Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der
Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankmmlinge, denen
allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den
letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre
im Amt gewesen war, fr polnische Sprache und Schule gekmpft und
eine groe polnische Bibliothek fr sich gesammelt habe (24).  Also
wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur buerlichen,
sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung
gedacht.  Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur
Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten
Stdte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.

Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber
sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprnglichen Dorfbewohner.
Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwhnt sind, wird als erster
jdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Frhlich erwhnt (25),
der 1825 die Arrende pachtete.  Seinen Sohn Heimann Frhlich finden
wir prominent in den Berichten ber den Streit zwischen Bauern und
Zuzglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog.  Als
mein Grovater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105
jdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11.
9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26).  Durch
die Industrialisierung und als Folge der jdischen Emanzipation zogen
die sich strker entwickelnden Industriestdte viele Juden aus
kleineren oberschlesischen Stdten und Drfern an.  Kattowitz, die
sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne greren
eingesessenen Brgerstand bot ihnen besonders guten Raum fr Tatkraft
und Profilierung.

Der Geist der Emanzipation, wie berall in Europa, mit der Anziehung
an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie
mehr zu integrieren, fhrte im damaligen Oberschlesien zu jdischer
Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element.
Das war ja vielerorts so im stlichen Mitteleuropa; fr Kattowitz
ist mir aufgefallen, da dieses Zusammenleben damit auch angefangen
hatte, da sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die
Stadtwerdung gefhrt hatten.

Ein Argument fr das preuische Dreiklassenwahlrecht fr
Stadtparlamente war, da die beruflich und wirtschaftlich
Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen
werden sollten.  In vielen Teilen Preuens fhrte dies zu einem
verhltnismig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten.  Sie
mssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben,
denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewhlt.  Das
war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und
Berlin.  Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevlkerung und in
stdtischen Organen noch hher als in anderen oberschlesischen
Stdten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der
unter den ersten 18 gewhlten Stadtverordneten sieben Juden waren
(28), darunter auch Ignatz Grnfeld, der bis zu seinem Tod 1894
Stadtverordneter blieb.

Der Bruder meiner Gromutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der
Stadtverwaltung.  Nach einer frhen meteorischen Karriere, er fing an
mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel fr
die Httenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus,
grndete das erste Bankgeschft in Kattowitz und beteiligte sich mit
zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der
Grndung der Kattowitzer AG fr Eisenhttenbetrieb in Hajduck (28),
in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb.
Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem
Wegzug nach Breslau zum Stadtltesten ernannt.  Das von meinem
Grovater Ignatz Grnfeld gegrndete Baugeschft war auch sehr
erfolgreich.  Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er
Jahre fortgefhrt (29).

In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue
Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des
oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz
des Oberschlesischen Berg und Httenmnnischen Vereins, der
Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen
nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der
neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion fr den oberschlesischen
Industriebezirk bestimmt.  Dem gingen lngere Verhandlungen mit der
Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums fr
die neuen Beamten garantieren mute.  Hierbei soll mein Grovater
noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.

Von den sechs Shnen des Ignatz Grnfeld whlten zwei auch das
Baufach.  Der zweitlteste, Max, studierte Architektur und blieb im
Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach
Kattowitz zurck.  Der drittlteste, mein Vater Hugo Grnfeld,
besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister
noch sehr jung in das Baugeschft seines Vaters ein.  Nach dem Tod
meines Grovaters 1894 fhrten diese beiden Brder sein Baugeschft
weiter und wurden auch in mter in der Stadtverwaltung gewhlt.  Max
war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater
wurde Stadtverordneter (30).

Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu
Zeiten meines Grovaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in
Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen.  Die
liberalen brgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in
verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz
systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand,
mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen
Vorkmpfer der 1848er Ideale.  Rechts von den Nationalliberalen gab
es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale
Nationalisten.  Die fhrenden Leute der oberschlesischen
Schwerindustrie gehrten zum mehr rechtsgerichteten Lager der
Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die groe gut
etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem
vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum berein.  Das
freisinnige Brgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz
eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab
es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere
sehr bekannte in Berlin).

Bei den beiden Brdern Grnfeld war das politische Engagement zu
Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen.  Sie
unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den
Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen.  Als
Redakteur war Balder Olden, Bruder des spter bekannter gewordenen
Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden.  Die
Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mute mit 300.000 Mark
Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzhlt hat.

Das grovterliche Baugeschft hatte sich aber weiter gut entwickelt.
Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine groe
Ziegelei, die 1895 im Gebiet des frheren "Vorwerks" von Kattowitz,
Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut
wurde, auch fr Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere
Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen
kann.  Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt
erffnet.

Mein Onkel Max Grnfeld aber zog dann schon frh nach Berlin und
erffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von
Wohnhusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber
eins auch Unter den Linden.  Er praktizierte auch als Architekt,
wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das
bekannte Logenhaus in der Emser Strae in Wilmersdorf.  Er heiratete
erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschft
zurckgezogen und starb 1932 in Berlin.

Von den vier anderen Brdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der
lteste, Hermann, als praktischer Arzt in BerlinKreuzberg (31), und
Ernst (32) orthopdischer Chirurg in Beuthen.  Die anderen zwei
studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jngste,
Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack &
Grnfeld in Beuthen ein, beteiligte sich spter an einer chemischen
Fabrik in Nrnberg, aus der sich die Gesellschaft fr
Elektrometallurgie (GfE), fhrend in der Ferrolegierungsindustrie,
entwickelte.  Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger
Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts
groe Bedeutung und Mglichkeiten errang.

Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha
den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon
Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frhen Tod 1908 kurze
Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat
Max Hirschel in Gleiwitz.  Die jngste Tochter, Ida, heiratete Felix
Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grnfeld,
Chef der Firma Rawack & Grnfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.

Die Familien Grnfeld und Sachs waren aber noch viel grer.  Jakob
Grnfeld in Zalenze hatte acht Tchter und zwei Shne, Elias Sachs
vier Shne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham
und weitere Schwestern Sachs meiner Gromutter.


Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger

Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren
meine Mutter, die 18 Jahre jngere Margarete Oettinger aus Breslau
heiratete.  Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgrovater Josef
Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen
(33).  Einer seiner Shne, mein Urgrovater Albert, wurde Arzt,
promovierte an der Universitt Berlin 1835 (34), und lie sich in
Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35).
Das Ehepaar hatte drei Shne und eine Tochter, die den Arzt Dr.
Riesenfeld in Breslau heiratete.

Alle drei Shne gingen auch nach Breslau und mein Urgrovater starb
dort 1860. Bei seinem ltesten Sohn Richard war ungewhnlich, da er
als Junge bei einem der polnischen Aufstnde mitgemacht haben soll.
Dann heiratete er eine deutsche, nichtjdische Schauspielerin, war im
Flachsgrohandel sehr erfolgreich, so da er zeitweilig als der
reichste Mann Breslaus angesehen wurde.  Sein Sohn, Richard, wuchs
als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen.
Die beiden anderen Shne, Siegmund und mein Grovater Max Oettinger,
grndeten zusammen ein Flachsgrohandelsgeschft und brachten es zu
Wohlstand, Siegmund spter in Berlin.

Mein Grovater fhrte das Geschft in Breslau weiter, wo er auch ein
angesehener Mitbrger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer
von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen
Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der
Freunde", einer brgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise
zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten
Kaufmannsvereinigung des "Zwinger".  Er heiratete Minna Weinstein aus
Insterburg in Ostpreuen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war
(36).

Meine Mutter war das jngste der drei Kinder.  Die ltere Schwester
Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Knigsberg, Arzt und
auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt,
Bakteriologe, auerordentlicher Professor an der Universitt Breslau
(38).  Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner
Mutter wurden protestantisch.  Eine der engsten Freundinnen meiner
Mutter in ihrer spten Jungmdchenzeit in Breslau war Stella
Whiteside, spter verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei
englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen
Unterricht gaben.  Sie hat mir viel spter, als ich sie nach dem 2.
Weltkrieg in London wiedersah, erzhlt, da sie dabei war, als meine
Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).



Kapitel 3

Kindheit und frhe Jugend

Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und
"background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen
Kindheits und Jugenderinnerungen zurck, mit denen wir begonnen
hatten.  Wir wohnten in einer groen Villa, von der Friedrichstrae,
Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Bumen und
Struchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen,
abgeschirmt.  Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die
Friedrichstrae hinaus ein groer Balkon, von dem man die Strae gut
sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte.  Da
zogen vorbei die jhrliche groe Fronleichnamsprozession und andere
festliche Umzge, viele lange Beerdigungszge, oft mit ein oder
mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schn uniformierten
Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen
und auch Schlimmeres.  Gegenber unserem Vorgarten, an der anderen
Ecke der Schulstrae lag die evangelische Kirche, auch mit groem
Vorgarten, aber doch so, da das Kommen und Gehen auch zu unserer
kindlichen Umwelt gehrte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen
uns gegenber an der Schulstrae.

Westlich angrenzend, an der Friedrichstrae, war in meiner frhen
Kindheit das Haus der Groeltern Grnfeld, 1870 gebaut, in dem bis
1913 die Gromutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des
Vaters und deren Kindern.  Nrdlich von beiden Husern zog sich ein
groer Garten bis zum Rawaflu hin, mit einer Spielwiese an der Rawa,
einem Tennisplatz, viel Obstbume und Gemsegarten, Holunder, Jasmin
und dann waren da auch Stlle fr die Pferde und Haustiere.  Wir
Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen
Kindern, die beinahe tglich zum Spielen kamen.  Auch sonst war immer
viel Besuch.  Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe,
und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.

Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung,
sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein
besonders schnes Haus.  Im Erdgescho zog sich eine groe Diele
beinahe durch die ganze Lnge des Hauses, links waren ein Ezimmer,
mit angrenzender Anrichte, Kche etc., rechts drei weitere Wohnrume,
Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer.  Im 1.Stock waren die Schlaf- und
Kinderzimmer und zwei Gstezimmer.

Da das Haus so gro war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn
dauernd Einquartierung.  Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die
Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch fr uns Kinder
dabei wieder.

Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den groen Garten begrenzt.
Spazierengehen spielte eine groe Rolle. 1910 wurde meine Schwester
Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten
wir fr lange Zeit immer ein Kinderfrulein.  Bei der Ziegelei der
vterlichen Firma drauen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet,
hauptschlich Gemsegarten, auch mit Obst und Beeren.  Morgens wurde
wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der
Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen
wieder nach Haus.

Das waren diese Spaziergnge durch die Felder zwischen Kattowitz und
dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Buerinnen bekannt
wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch.  Wir
machten aber auch Spaziergnge in den "Sdpark" von Kattowitz oder in
die Stadt.  Zu frhesten Erinnerungen gehrt ein Besuch bei uns von
Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig
lter als ich.  Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet
wurde.  Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von
Ferien in Rauschen in Ostpreuen im Sommer 1912, so auch wie wir in
Knigsberg bei den Verwandten Gerber im Garten saen und der Onkel
Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten.  Das sind solche
blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher
Vergangenheit.

Zu den Erinnerungen aus frhester Kindheit gehren auch die
regelmigen Besuche bei den Groeltern Oettinger in Breslau.  Damals
fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten
Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht.  Die Gromutter
holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die
Wohnung der Groeltern.

Die Gromutter war immer ganz auer sich, wenn wir ankamen, und
berfiel uns mit vielen Kssen.  Sie war eine sehr lebhafte und, ich
glaube, recht kaprizise Frau, hielt immer viel auf elegantes
Aussehen und elegante Kleidung.  Mutters sowohl wie unsere
Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es
folgten groe Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch grere
und elegantere Geschfte als in Kattowitz gab.  Meine Mutter war weit
weniger modebewut als die Gromutter, ja ihr lag eigentlich viel
eher eine betonte Einfachheit, so muten diese Einkaufsexpeditionen
ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Gromutter war sehr
lebhaft und energisch.  An den Grovater erinnere ich mich als sehr
ruhig, ausgewogen und verstndnisvoll, er konnte auch manchmal sehr
bse werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim
kleinsten Anla geworden wre.  Er bleibt mir von frhester Kindheit
an in sehr lieber Erinnerung.

In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die
Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse.  Zunchst in der Familie:
Im Herbst 1913 starb die Gromutter Grnfeld.  Der Grovater war
schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den groen Portraits
gekannt, die in Wohnung und Bro des Vaters hingen.  Auch die
Gromutter Grnfeld habe ich nur wenig gekannt.  Wenn wir sie
besuchen durften, sa sie fast immer in einem Sessel.  Ich wei, da
ich sie gerne besuchte und da es mich beeindruckte, aber meine
Erinnerungen bleiben vage.  Meine Tante Grete Grnfeld, Tochter des
Bruders der Gromutter des Elias Sachs, und spter nicht nur ihre
Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den jngsten
Bruder des Vaters, Dr. Paul Grnfeld heiratete, beschreibt die
Gromutter Grnfeld als "eine schne, naturhaftkraftvolle und
dominierende Persnlichkeit" und dann noch: " Die groe Verwandtschaft.
.. vereinigte sich im schnen Grnfeldschen Heim in Kattowitz beim
allwchentlichen Freitagabendessen um die dominierende
Schwiegermutter.  Diese naturhafte Frau strmt in meiner Erinnerung
immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltglichen
Spaziergngen mitbrachte.  Zu ihrer auerordentlich kraftvollen
Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"...mitgegeben.
Schnes Haus, prchtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten
sie nicht ab, alljhrlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad
zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten.  Niemand
konnte ihrer imponierenden Persnlichkeit etwas versagen oder sie
beeinflussen".

Das Haus der Groeltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja
gemeinsam, und da war ein groes Maiglckchen Beet, das sie besonders
liebte, und ich erinnere mich auch, da sie in den Garten kam.  Die
verwitweten Tchter, die mit ihr im groelterlichen Haus lebten,
waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904
in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und
Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein,
seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort
starb.  Von ihren zwei schon erwachsenen Tchtern wollte die jngere
Ellen Pianistin werden, die ltere Margot war im PestalozziFroebel
Haus in Berlin als Kindergrtnerin ausgebildet und hielt einen groen
Kindergarten im Hause ab.  Frhe Versuche, mich dort hinein zu
bringen, scheiterten.  Es tut mir noch jetzt leid.  War ich so scheu
oder so schwierig?  Ich bin doch dann ein sehr geselliger und
jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.

Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Gromutter
einlud.  Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am
Anfang durften wir es uns ansehen.  Es war ein Kostmfest mit vielen
Lampions und Musik.  Gretel Hirschel fhrte uns hin, nachdem wir
vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostm anzog.  Sie war einige
Jahre lter als ich, ich war noch nicht fnf Jahre.  Bei dem Fest war
viel Jugend.  Die beiden Epstein Tchter und die Geschwister Hirschel
und ihre Freunde machten berhaupt den Garten belebter, und es wurde
auch viel Tennis gespielt.

Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Gromutter Grnfeld.  Es wurde
uns zunchst nichts gesagt.  Aber an einem Nachmittag sollten wir ins
Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Ezimmer
in eine Art Loggia im Groelternhaus.  Es waren furchtbar viel
Menschen dort, viel Famlie, und Tante Lucie Hirschel begrte uns,
ich fragte nach der Gromutter, und sie machte eine Handbewegung zur
Decke hinauf.  Jetzt verstand ich, Gromutter war nun im Himmel.

Das wute ich also schon vom Tode.  Man hatte tote Tiere gesehen, es
gab so oft Beerdigungszge, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am
evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem
Kinderfrulein auch manchmal da durch.  Am katholischen brannten zu
Allerheiligen und Allerseelen auf allen Grbern kleine Kerzen, ein
starker Eindruck schon der frhesten Jugend.  Der jdische Friedhof
lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wute.

Religion wurde im Elternhaus nicht sehr gro geschrieben.  Wir
lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfrulein, auch
die Mutter hielten darauf, da wir es nicht vergaen, es wurde
Weihnachten mit groem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert
fr uns Kinder und natrlich das Hauspersonal mit Familien, und noch
Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen.  Aber ich habe eigentlich
keine Erinnerung, da der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle
spielte.  Da wir jdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich
durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehrt zu haben,
da es so etwas gab oder was es bedeutet.  Es war ein Tag des
Groreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen
alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch.  Es war
Sptnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen
konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie
ich es vorher von den Hausmdchen gesehen hatte.

Ich war wohl grade sechs Jahre.  Da kam das Kinderfrulein ganz
aufgeregt, ich mu sofort aufhren, was sollen denn die Leute drauen
denken, der jdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du,
dort auf der Strae geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die
Synagoge.  Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem
Gehrock.  Am nchsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah
den Zylinder unten in der Diele liegen.  Ich wei nicht, was und
wieviel mir die Eltern damals erklrten.  Es war mir in spterer Zeit
klar, da es der Vershnungstag war und der Vater am Vorabend zum
KolNidre Gottesdienst gegangen war.  Etwas mehr von der Bedeutung von
Religion und, da wir jdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar
werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jdischem
Religionsunterricht kam.

Nach dem Tod der Gromutter gab es groe Vernderungen.  Von ihren
zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwhnte Schwestern in
Kattowitz gewohnt, die lteste Schwester Martha Kaiser und der
jngere Ernst, orthopdischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort
lebten auch die beiden jngsten Kinder, Dr. Paul Grnfeld, Direktor
bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grnfeld und Ida Benjamin, deren
Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grnfeld fhrend wurde.  Rawack &
Grnfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin
zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grnfeld und Felix Benjamin
sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen.  Nun nach dem Tod der
Gromutter wurde das groelterliche Haus verkauft und zwar an die
Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch

nach Berlin.

Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in
Oberschlesien.  Fr meine Eltern war das wohl noch eine viel grere
Vernderung als fr uns Kinder.  Meine Mutter hatte sich mit Margot
Epstein angefreundet, die auch spter zu Besuch kam oder mit Mutter
und uns auf Ferienreisen ging.

Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Bhnert, und
die Bhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei
Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben
dann viel mit ihnen gespielt.

Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel
weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs.  Ich hatte schon in den
Tagen vorher etwas von Krieg gehrt, es war eine groe Spannung, und
man sprte Angst und Aufregung in der Umgebung.  Am Tag davor, als
wir in der Stadt waren, lief ein lterer Offizier mit einem dicken
roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es
war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell ber die
Strae, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn
der es so eilig hat.  Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung
an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.

Am nchsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus
unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen.  Vater war bald 49
Jahre und war dispensiert.  Auch hie es, alle guten Pferde mten
abgegeben werden.  Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am
Bezirkskommando des Militrs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und
man winkte, da wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten.  Das
tat mein Vater nicht, aber dann muten wir die Pferde doch bald
abgeben.  Sie hieen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr
zugetan.  Sie gehrten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie
oft in ihrem Stall.  Nun war ich untrstlich.  Bald erkundigte ich
mich, ob man gehrt hat, wie es ihnen geht.  Man hatte noch nichts
gehrt, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur
Seite, wahrscheinlich sind sie schon lngst zerschossen.  Wieder eine
merkwrdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte
mir zunchst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht
hren sollte, was der Krieg ist.  Dabei brauchte es dies sehr bald
nicht mehr.  Der russische Vormarsch in Ostpreuen war durch die
Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Sden waren die
Russen in Galizien gegen die sterreicher fr lngere Zeit
erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen.  Wir
hrten Kanonenfeuer, wie es hie von Olkusz, die Stadt fllte sich
mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenber in den
Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt
und wir bekamen Einquartierung.

Ein oder beide Gstezimmer waren dann whrend des ganzen Kriegs von
deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an
die ich mich gut erinnere, war viel grer.  Im Erdgescho wurden
Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mlbe und seinem Stab
berlassen, der vorbergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der
Krisensituation stationiert war.  Schon Tage vorher hatte es geheien,
da wir alle nach Berlin abreisen mten, es wurden groe
Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt.  Die beiden
Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite
Schiebetr, die meist offen war, in unsere groe Diele, es war ein
Kommen und Gehen.  Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde
dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war.  Erst viel
spter wurde mir erklrt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter
Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universitt
Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln
stationiert.  Er lie sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten
wir nach Berlin abreisen.  Er hatte ja nicht gewut, da wir unterde
auch so gut informierte Einquartierung hatten.  Die waren dann der
Ansicht, da die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen
behoben sei, und wir blieben.  Aber der Alarm wiederholte sich noch
mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt.  Die v.d.Mlbe
Einquartierung, die sich meinem Gedchtnis so eingeprgt hat, war
bald vorber.

Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aen auch
oft bei den Eltern.  Sie wechselten oft, auch verschiedene Rnge,
manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a.
Main, kam beinahe tglich, sein Dialekt machte mir Spa, es gab immer
Wein.

Inzwischen kam ich im April 1915 in die stdtische Knabenmittelschule
als meine Vorschule.  Mein Vater war sehr stolz, da die Stadt diese
Art Schulen unterhielt.  Die meisten Schler wrden dort ihre
Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr
gut, da ich in so einer Schule anfing.  Ich wei nicht mehr, ob ich
Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem
Schreiben war es schwer.  Ich war nmlich vorzugsweise Linkshnder,
manches machte ich automatisch rechtshndig, manches nicht, und beim
Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug fr die linke Hand, aber
das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mhe es zu lernen,
ich bekam eine schlechte Schrift, noch fr Jahre mahnte der Vater
immer, ich sollte Schnschreibeunterricht nehmen.

Das Kriegsgeschehen machte sich natrlich auch in der Schule
bemerkbar.  Es gab Siegesfeiern und Apelle fr Sammlungen.

Ich konnte nun auch an der Ttigkeit und den vielen Interessen des
Vaters schon mehr Anteil nehmen.  Er wollte das sehr, und ich bin
dankbar dafr.

Trotz seinem vielfltigen Engagement im ffentlichen Leben glaube ich
doch, da seine berufliche Ttigkeit als Baumeister ihm wirklich am
Herren lag.  Morgens ging er tglich zunchst auf Besuche der Bauten,
dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und
schlielich nach Hause ins Bro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf
dem Grundstck nunmehr der Deutschen Bank war.  Ich wurde schon
manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und
immer mehr, je lter ich wurde, besonders zu Fahrten ber Nikolai
nach Lazisk, wo das Elektrizitts und Karbidwerk der Prinzengrube
gebaut wurde.  Auch ber Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher
wute ich bald mehr.  Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und
Apelle, eine groe Hindenburgbste wurde aufgestellt, und das
Publikum sollte Ngel je nach gestifteten Betrgen aus verschiedenen
Metallen kaufen und selbst einschlagen.  Der Vater als
Stadtverordnetenvorsteher mute auf einer Erffnungsfeier den ersten
Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock.
Natrlich wurde in der Schule dann auch darber gesprochen.

Beginn der Schulzeit hie fr mich das Aufhren der tglichen
Morgenausflge nach Karbowa und dadurch ein Stck weniger von der
Naturnhe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren,
aufwachsen durften.  Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafr,
da dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die
Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes.
Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde
ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr
hervorriefen.  Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hhner,
Enten, Gnse und dann auch Schweine.

Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es
noch heute so, da die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule
hatte, auf mich einen berwltigenden Eindruck gemacht haben.  Der
Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weien Bart, sah so etwa wie ein
Patriarch aus, und erklrte alles ber den lieben Gott anhand des
alten jdischen Gebets Adon olam, ein sehr schnes Gebet, das die
Macht Gottes beschreibt.  Ich war sehr beeindruckt durch alles
Religise und natrlich eingenommen fr alles Jdische, durch das mir
diese Welt der Religion nahegebracht worden war.  Wir wurden
aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen,
die Eltern erlaubten es mir schlielich, sie verstrkten meine
Faszinierung mit Religion und Jdischsein.  Der Vater trug mir auf,
dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu
gren, ein angeheirateter Vetter des Vaters.  Auch stellte sich bald
heraus, da der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde
angehrte.  Da meine Begeisterung fr diese Sphre aber beiden Eltern
zu viel wurde, mute ich nach einiger Zeit die Besuche der
Jugendgottesdienste immer mehr einschrnken, durfte auch zu den
Feiertagen nur nach harten Kmpfen zum Gottesdienst gehen, aber am
Vershnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen,
eine wirkliche Vershnung.  Es blieb ein groer Schmerz, da meine
Mutter dem so fern stand.  Die anderen jdischen Kinder gingen nach
einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebrische
Unterrichtsanstalt im Gebude der Jdischen Gemeinde, wohl so etwas
wie ein alter jdischer Cheder.  Ich durfte das nicht.  Es wurde
gesagt, ich knnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde
in Hebrisch haben.

Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten
Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren
Grovater Frhlich 1825 der erste jdische Einwohner des Dorfes
Kattowitz war.  Sie war sehr begabt und anerkannt fr ihre
ffentliche Ttigkeit.

Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des
Vaterlndischen Frauenvereins, der im Krieg mit Frsorge und
Lazaretten besonders aktiv wurde.  Meine Mutter war auch im Vorstand,
und wir haben als Kinder da auch viel darber gehrt und miterlebt.
Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr.
Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen
Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski.  Frau Dr. Lubowski und Dr.
Koenigfeld gehrten auch sehr aktiv zum Vaterlndischen Frauenverein.
Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmig mit im
Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand.  Der Vorsitzende
des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehrte auch zum engeren Bekanntenkreis,
ebenso der Direktor der KunigundeZinkhtte Zoellner, mit seiner
sterreichischen Frau, die mit einer sehr schnen Altstimme
konzertierte.  Sie hatten zwei Shne und Koenigfelds zwei Tchter in
unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den
andern Lubowskis Horst, die alle regelmig zu uns zum Spielen kamen
und den Kern der Freunde der Kindheits und Schulzeit bildeten.

Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen
viele Leute, der Oberbrgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich
konnte schon soweit zhlen, da ich feststellte, der Frhstckstisch
fr den Empfang nach der Gratulationskur war fr 50 Personen gedeckt.
Fr uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa
Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, fr uns drei Kinder mit
verteilten Rollen aufzufhren, auch Marianne, noch nicht ganz drei
Jahre, hatte etwas zu sagen.  Das ging weit ber die kleinen Gedichte
heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte.  Wir
waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewut.

Ich erinnere mich auch, da Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht fr
einen der ffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold fr Eisen
oder so etwas hnliches.  Es war uns schon zu Hause gezeigt worden,
und ich war begeistert.  Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es
auch war.  Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war
wieder begeistert, aber unser Lehrer hngte es auf die Innenseite des
Schulschranks.  So mute man immer zum Schulschrank gehen und die Tr
aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen
lassen wollte.  Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwrdig
und enttuschend und natrlich unbequem aber war ganz arglos.  Heute
frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pdagogischen
Grnden, da man so etwas in eine Vorschulklasse hngt, oder war ihm
der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das
Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und
das fllt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher
Antisemitismus?  Ich wute damals noch nicht, wie kompliziert das
Leben sein kann.

Die jdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten
von jdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater.  Dr.
Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend
in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen
Interessen und der Prsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins,
und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach
Religion oder Herkunft gefragt wurde.  Aber er war ein sehr bewuter
Jude, hatte der jdischen Studentenverbindung KC angehrt und blieb
ihr aktiv verbunden.  Mein Vater war auch ein bewuter Jude, aber er
war gegen betonte jdische Absonderung.  Die beiden Brder Lubowski
waren getauft, die Frauen nichtjdisch.  Frau Else Lubowski, Frau des
Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsa
stammte, ihre Mutter aus der Schweiz.  Der Sohn KarlHeinz wurde
damals unter unseren Spielgefhrten mein nchster Freund.  Nur in
puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen.  Seine Mutter
gehrte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, spter
sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie.
KarlHeinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten
war ein groes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine
Leiter auf und wollte zu uns predigen, whrend ich im Herbst immer
wollte, da wir alle eine Laubhtte in unserem Garten zum jdischen
Laubhttenfest bauen sollten.

Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach
Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle
Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels.  Diese und die enorme
Stadt machten noch einen greren Eindruck als Breslau.  Die Ferien
an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und
erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin,
es war schwierig mit ihnen fertig zu werden.  Als weitere
Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel
Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit
beiden Eltern hinfuhren.  Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine
Erffnungsfeier mit Paraden und spter als ich mehr wute ber solche
Sachen, erfuhr ich, da das damals eine Erffnungssitzung des
Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt
Kattowitz vertrat und dem auch mein Grovater Max Oettinger als einer
von vier Vertretern der Stadt Breslau angehrte.

1917 kam ein neues Kinderfrulein, Else Jeppesen.  Vorher hatten wir
einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi
Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert.  Sie hatte in dem
Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin
leitete.  Eigentlich htte ich ja kein Kinderfrulein mehr haben
sollen, aber die Schwestern waren jnger.  Irgendwie gab es mit ihr
einen frischeren Ton.  Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut
und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen.  Alle Freunde, die
im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, muten mit uns im Herbst und
Winter Laubsgearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Drfer und
Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen
Kindern geschenkt.

Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei stdtischen Kinderhorten.
Ich wei nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der
Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im
Vaterlndischen Frauenverein.  Wir gingen fters mit ihr hin, die
Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen
Alles was wir laubgesgt oder anderweitig fabriziert hatten zu den
Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.

Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit
Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwrmend und hatte
wirkliche Schnheit.  Wir waren ja auch gar nicht die einzige
jdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte.  Das Jahr
1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel und
anderer Verknappung: Es gab viel Erdrben, bei uns Klacken genannt,
das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten,
wir gingen in Holzpantoffeln.  Dann gab es auch die ersten

Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen fr mich berhaupt,
und ich habe ja dann in spteren Jahren noch so oft unruhige, tobende
Mengen miterleben mssen.

Diesmal kam es zweifach sehr nahe.  Bei uns hrte man von der
Friedrichstrae die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns
gegenber die Lden geplndert, die meisten Scheiben zerschlagen.  Es
gab auch antijdische Untertne, wurde uns gesagt.  Diese 1917er
Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschrnkt.  Es gab auch
anderswo antijdische Beitne.  Ich erinnerte mich aber an das, was
ich eher fr besonderen Umstnde in unserer nchsten Nachbarschaft
hielt.  Trotz der Nhe Galiziens und Kongrepolens waren eigentlich
Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so hufige
Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen.  Im Verlauf des
Krieges kam das bisherige RussischPolen unter deutsche Besetzung,
die Grenze war leichter geworden.  Im letzten Haus auf unserer
Schulstrae hatten sich einige ostjdischen Familien eingemietet,
Geschftsleute, die auch viel Besuch von Familie und
Geschftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem
kongrepolnischen Bendzin hatten.  Das hatte sich erst seit ganz
kurzer Zeit so entwickelt.  Ich erinnere mich, diese armen Leute
wurden um die Zeit der Unruhen belstigt und waren ein Thema.  Es
wurde aber auch erwhnt, da es Ausrufe von Demonstranten einfach
gegen Juden gegeben hatte.

Ich bin mir nicht bewut, da diese Unruhen etwas mit polnischer
nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen
beschrieben.  Es gab natrlich auch, wie es einem bald klar werden
sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung.  Da es zu
Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und
Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um.
Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde ber alles, was den
Krieg und Politik betraf, viel gesprochen.  So wute ich ber die
Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in
den Krieg und die Debatten in Deutschland ber die Stellungnahme zu
Friedensinitiativen.  Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der
deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im
oberschlesischen Ple beim Frsten von Ple.  Der fatale deutsche
Beschlu zur Erklrung des "unbeschrnkten UBootkrieges", auf den
Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Ple
gefat (2).

Die Bros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebude
der Frstlich Pleschen Bergwerksdirektion.  Als Einquartierung
hatten wir damals Offiziere des Generalstabs.  Sie kamen nicht oft
zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten
deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn.
Viel hrte ich immer ber die politische Lage, wenn die Freunde der
Eltern zu Besuch kamen.  Der Vater war aktiver Anhnger der
Freisinnigen Volkspartei.  Auer der damals eher rechtsstehenden oder
nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die
freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt.  Dr. Speier
und die Brder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige
Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien,
aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte.  Bis weit in die
frhen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause
immer sehr interessiert.

Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin
noch heute dafr dankbar.  Ich hatte mich bald fr Latein erwrmt.
Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und
immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in
meiner Klasse gab (3).

Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur fr die
politischen Vorgnge um uns herum, sondern auch fr alles
Geschichtliche.  So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibndige
"Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde berhaupt ein
eifriger Leser von Bchern.  Beide Eltern waren es und hatten jeder
eine groe Bibliothek.  Es gab da nicht nur die ledergebundenen
vollzhligen deutschen Klassiker und Romantiker, in bersetzungen
auch franzsische und die meiner Mutter besonders nahe russische und
skandinavische Literatur, die ja alle im frhen 20. Jahrhundert im
deutschen Kulturleben groen Nachhall hatten.  Natrlich waren da
auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte,
Kunst und andere "Sachbcher".  Das wurde fr mich bald eine
wunderbare Fundgrube.  Die Mutter war immer mit Anregungen bereit,
was ich als Nchstes lesen knnte.

Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Sdpark und
fing an, ber die Lage des Kriegs zu sprechen.  Sie sagte mir in so
vielen Worten, da Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer
Revolution kommen wrde.  Ich war wie versteinert.  Das hatte ich
nicht gewut.  Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen
Offensiven und Schlachten die Rede.  Vater hatte zwar schon lange
keine der patriotischen Reden gehalten, aber da es so kam, war kaum
vorstellbar.  Meine Mutter erklrte mir, da das schon einige Zeit
vorauszusehen war, und sie daher fr die Einstellung der
Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt
htte.  Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame
Vorbereitung fr mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach
einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militrischen
Zusammenbruch und der Revolution.  Sie lieen lange Gesichter, groe
ngste vor unbekannten Untiefen.  Fr Oberschlesien hie das
Kriegsende auch, da das deutschpolnische Problem nun weit aufbrach
und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut flieen wrde.
Natrlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten,
Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben
rechtsgerichteter Freischrler und die Inflation, aber der
deutschpolnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte
Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die
dominierenden Ereignisse.

Zunchst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der
Weimarer Republik.  Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung,
auch zum preuischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung.
Der Oberbrgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen
Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen
Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als
deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsfhrer ins neue
Stadtparlament.  Fr dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf.  Nach
der Abschaffung des preuischen Dreiklassenwahlrechts war die
Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden.  Die
katholische Zentrumspartei stellte als strkste Fraktion den Arzt Dr.
Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher.  Wegen der langjhrigen
Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr.
Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher.  Es gab
nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, gefhrt von dem
Frauenarzt Dr. v.Mielecki.

Ich habe ja schon bemerkt, da einem als in der Stadt Kattowitz
lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der
polnischen Frage fr Oberschlesien gar nicht so bewut geworden war
(4).  Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem
unabhngigen polnischen Staat gehrt, dessen Teilung und Verlust der
Unabhngigkeit bei der Bevlkerung der entstandenen Teilgebiete einen
starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres
unabhngigen Polens wach hielten.

So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstnde des
frheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt.  In
Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die
Interessen der polnisch sprechenden Bevlkerung, aber es bildeten
sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal
Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag
gewhlt und 1907 von weiteren gefolgt wurde.  Nach dem Eintritt der
USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Prsidenten Wilson
offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die
Wiederherstellung eines unabhngigen Polens vor (6).  Fr
Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus.
Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen
gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevlkerung
bewohnten Gebiete".

Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet
war, deutlich anvisiert.  Nachdem wir in Kattowitz zunchst im
November die Aufregungen und Vernderungen der deutschen Revolution
von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, da die
Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und fr
die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang
Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen mssen (7),
ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden
polnischen Staat einschlossen.  Es entwickelte sich bald eine
lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszgen und
Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde.
Vor Wohnungen oder Geschften von polnischen Fhrern wurde
demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin
garnicht so bekannt waren, aber die Gemter wurden weitgehend

beherrscht von dem Namen Korfantys.

Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier.  In meiner Familie war er
nicht unbekannt.  Als Gymnasiast hatte er dem jngsten Bruder meines
Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben.  Die Familie Grnfeld stand
damit nicht allein.  Ruth Storm, Tochter des Verlegers und
Buchhndlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung,
berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), da der
Pfarrer sich bei ihrer katholischen Gromutter fr den intelligenten,
aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern
ihres Vaters Nachhilfestunden gab.  Im Reichstag wurde er bald
prominent unter den polnischen Abgeordneten.  Nach dem Zusammenbruch
im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen
Volksrats.  Korfanty gehrte zu seiner Leitung, profilierte sich also
schon damals ber seine oberschlesische Stellung hinaus auf der
gesamtpolnischen Szene.

Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie fr einen Teil
Westpreuens vor allem fr Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9).
In Vorbereitung und whrend der Abstimmung sollte Oberschlesien von
deutschen Truppen gerumt und von alliierten Truppen besetzt werden.
Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner
Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung
Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920.
Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben,
mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die
Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfllig zu machen.  Er
dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen.
Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten,
die in die Kmpfe verwickelt waren und von nun an bis zur
Durchfhrung der spteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der
Szene verschwinden sollten.  Dieser erste polnische Aufstand war doch
ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachtrglich Beunruhigung
und Bedrcktheit.  Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28.
November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).

In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfnglich
noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein
hufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an
Wochenendspaziergngen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde.  Er
wurde dann zu einer Schlsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen
fr die Abstimmung.  Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen,
und das taten auch alle in der Schule.

Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt.  Die
meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Shne von
preuischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder
auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen
waren.  Katholiken waren in der berzahl, ebenso gab es einen
verhltnismig hohen Anteil von Protestanten und einige jdische
Mitschler.  Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr.
de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr.  KarlHeinz
Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr frher ins
Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse ber mir blieb.  Er
hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war
diesem dann im Laufe der Jahre eher nher als meiner eigenen Klasse,
und das traf auch fr die jdischen Mitschler zu.

Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen
Leben in Kattowitz mitbekommen konnten.  Das moderne Stadttheater am
Ring, das die Stadtvter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten,
prsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen
Stadt, die ja nicht reich an reprsentativen Bauten war.  Freunde der
Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit
Direktor LischkaRaul und anderen im Theater befreundet.  Meine
Eltern allerdings interessierten sich mehr fr Besuch der
Vorstellungen als hinter den Kulissen.  Wir Kinder hrten doch schon
darber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir
auch hin.  Zu den Volks und Wanderliedern, die schon lange die
Kinderlieder abgelst hatten, kamen nun auch Operetten und andere
Schlager, die populr wurden.  Bei der Operette war auch Mizzi Will,
die Tanzstunden fr Kinder unseres Alters veranstalten wollte.  Das
sollte sich abwechselnd in verschiedenen Husern abspielen, und es
gehrten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen
jdischen Familien.  Es war ganz spaig, richtige Salontnze fr ganz
jugendliche Paare.

Ein Mdchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt
behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren.  Ihre
Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners
Samson Raphael Hirsch, Grnders der religis sehr orthodoxen, aber
sonst fr Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die
sich "Austrittsgemeinde" nannte.  Es gab manche Familien in
Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die groe
Familie Altmann war prominent unter ihnen.  Ich erinnere mich an den
Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50.
Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren.  Er war viel lter als
mein Vater, war nicht zum Empfang und Frhstck gekommen.  Es bestand
eine deutliche Distanz in der privaten Sphre zwischen diesen
orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jdischen
Gebruchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine
gemeinsame Gemeinde.  Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von
Kattowitz nach Frankfurt.  Ich erinnere mich an sie als ein damals
sehr ernstes und stilles Mdchen und habe sie hier erwhnt, weil sie
in ihren spteren Jahren bekannt wurde als Sekretrin des
sterreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm
verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.

Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft
gerhmt worden, man nannte es manchmal KleinParis.  Aus einer
rckblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren
wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, mchte ich hier zitieren (11).  Er
rhmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der
Oberrealschule waren einschlielich des Direktors Hacks.  Dazu mchte
ich erwhnen, da diese Schule stdtisch war und ihr Direktor Hacks
1908 Vorgnger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers.
Arnold Zweig fhrt dann fort:

"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und
freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der
Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck
verschollene Philologe Rudolf Clemens.  Ich nenne diese Namen, um
einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener
Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen
Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besa und einen
wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Knnen fand in dem
Geiger und Weinhndler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner

moderner Literaturen...".

Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die
spter bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich
Przywara.  Es gab in Kattowitz den Buchhndler Georg Hirsch, dem
nachgesagt wurde, da er diesen Kreis heranwachsender Schler sehr
angeregt und gefrdert habe.  Seine Buchhandlung spielte auch in
meinen Zeiten, ja bis in die spten 30er Jahre eine Rolle.  Meine
Eltern waren eifrige Kufer von Bchern und Kunden von Georg Hirsch.
Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl
Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbhne".

Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine
groe Rolle.  Meine Mutter hatte eine schne Altstimme, nahm auch
weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hie,
da sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, spter auch
meine Schwester Lotte.  In Konzerte durften wir schon frh gehen,
nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und
Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im
deutschen Konzertleben bedeutenden Knstler kennen.  Der von Arnold
Zweig erwhnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem
Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen.  Seine Tochter Hannah
Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde fr Halbwchsige teil, und
mit ihr und ihrem Mann war ich dann in spteren Jahren sehr
befreundet.

Nach diesem Rckblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens mu
ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den
Kmpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.

Die Ankunft der franzsischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte
fr uns zu Hause eine groe Vernderung.  Da Oberschlesien auf
franzsisch Haute Silesie hie, brachten die Franzosen Gebirgstruppen.
Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunchst eben wie
fremde Besatzungstruppen.  Etwas weiter weg in der Friedrichstrae
war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer groen
Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedlnder liiert; wir kannten
uns gut, sie war mit den Eltern befreundet.  Sie war schon lange
verwitwet, hatte ein besonders schnes und sehr gastfreies Haus.  Die
Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino
einzurichten.  Sie durfte dort bleiben, mute aber fast das ganze Haus
fr das Kasino zur Verfgung stellen.  Als sich bald Differenzen
ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mute ins Hotel ziehen.
Wir waren also verwarnt.

In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten.
Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses,
unsere Kchin durfte zunchst auch in der Kche fr uns kochen, aber
als der franzsische Koch ein groes Stck Fleisch ins Feuer warf,
weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch groe Knappheit bei
uns) es retten wollte, wurde sie aus der Kche geworfen und mute
versuchen, fr uns in der Waschkche im Dachgescho zu kochen.  So
bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, da wir jetzt unter
franzsischer Besatzung waren.  Die groe Diele war ihrer Lage nach
fr die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele franzsische
Offiziere.  Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder
jeweils einen Offizier als Einquartierung.

Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach
seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg und Httenmnnischen
Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie
hatte.  Ohnehin muten wir grere Rume, nmlich zwei der Wohnzimmer
im Erdgescho, Damenzimmer und Salon, fr den franzsischen Offizier
hergeben.  Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der
Oberstleutnant v.d.Mlbe hatte.  Diesmal sollte es 1925 werden, bis
wir sie wieder selbst bewohnen konnten.

Die Vorbereitungen beider Seiten fr die Abstimmung waren schon in
Gang gekommen.  Korfanty wurde zum Chef des polnischen
Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche
bernahmen nacheinander die Landrte a.D. Urbanek und Dr. Hans
Lukaschek.  Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschrfte sich,
die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Hufigkeit und Hitze zu,
all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein.  Wie schon erwhnt,
es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher
gehrten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in
Deutschland gebildet hatten.  Auf polnischer Seite waren es Gruppen
von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat
organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehrige von
Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung
(12).

In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel ber blutige
Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal
tdlichen Mihandlungen von Einzelnen, die sich fr die deutsche
Sache einsetzten.  Aber es gab groe Gewaltttigkeit auch von der
deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofr sie ja auch anderswo
in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten.  Als wir
Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen
"Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die
provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewaltttigem
antisemitischem Refrain, und der alte Frster mit dem langen
anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts
gegen sie.  Man wute von ihrer Rolle z.B.in Bayern.  Ein anderes
deutsches Freikorps, von dem man viel hrte, war die "Orgesch"
(Organisation Escherich).  Man sah sie auch in den Straen.

Das Bild ist aber nicht vollstndig, ohne sich auch zu erinnern, da
sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der
1918er Revolution abspielte.  Die oberschlesische Arbeiterschaft
blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung.  Es gab viele Streiks
und Protestumzge.  Man sah hufig rote Fahnen.  Ein groer Teil der
Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke
polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im
Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in
Arbeitskmpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte.  Links
von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhngigen
Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland
sympathisierten und daher prosowjetisch waren.  Das wurde ein sehr
brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen
Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der
Abstimmung hinfllig zu machen.

Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkmpft als
im Westen, und Polen hatte, nach lngeren Verhandlungsphasen, im
April 1920 einen neuen Angriff auf Ruland begonnen, der zunchst zur
polnischen Besetzung von Kiew fhrte.  Aber das Blatt wandte sich,
und im August standen die Russen vor Warschau.  Die Existenz des
neuen Polens schien gefhrdet.

Was mir fr immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in
Erinnerung blieb, war der gewaltttige Mord an dem polnischen Arzt Dr.
v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nchster Nhe
unseres Hauses abspielte.  Die unheimliche Brisanz dieses tragischen
Vorgangs blieb fr mich immer der grte Schock all dieser
umstrittenen und blutigen Jahre.

Es war uns Kindern gesagt worden, da groe Demonstrationen, grer
und vielleicht gefhrlicher als bisher angesagt waren, und wir
sollten unter keinen Umstnden das Haus verlassen.  Die Eltern hatten
jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal.  Das Haus
hatte ein groes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weiem
Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise
fters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde.  Man hrte
nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstrae, und da mute
man doch schnell aufs Dach.  Leute vom elterlichen Haushalt
entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, da
einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende
Kommentare, was drauen vor sich ging.  Eine tobende Menge hatte sich
vor dem Haus der franzsischen Kommandantur angesammelt.

Das war schrg gegenber dem benachbarten Haus, der frheren Villa
Sachs, Ecke Sedan und Friedrichstrae.  Man hrte Rufe, Schreie,
Singen von Liedern, Schsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v.
Mielecki aus seiner Wohnung gegenber der Kommandantur geholt (13),
er wurde auf der Strae schwer mihandelt.  Dann kam eine Droschke,
es hie, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge
folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang.  Dann hie es,
er sei erschlagen worden.  Um unser Haus wurde es langsam ruhiger,
aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch fr Stunden.  Mein
Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch
dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehrt und
zum Teil gesehen hatten.  Ich habe ihn nie so erschttert gesehen, er
war bleich und sprachlos.  Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als
Fhrer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in
Kattowitz.  Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, da wir trotz
aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nchster
Nhe hatten miterleben mssen.

Es wurde dann gesagt, da "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf
der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren.
Die Zusammenhnge waren aber viel komplizierter (14).  Es hatte
Berichte gegeben, da die franzsischen Besatzungstruppen
Waffenvorrte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt htten, um der
polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau
vorrckenden Russen zu helfen.  Arbeiterkreise wurden zum Protest
dagegen mobilisiert, da die Franzosen die "Neutralitt
Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen
htten.  Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen
als eine Aktion gegen die franzsische Besatzungsmacht.  Die
franzsische Kommandantur wurde hart bedrngt und mute sich mit dem
Abzug ihrer Truppen aus dem Gebude und der Stadt einverstanden
erklren.  Es verhandelten darber die Gewerkschaftsfhrer.  Aber
ganz eindeutige nationalistische Tne hatten die Oberhand gewonnen,
mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzsischen Schlagworten
und Liedern in hchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte,
da die Kundgebung, ursprnglich von Sozialisten veranstaltet, von
gewaltttigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.

Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der
Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklrt, er persnlich
stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenber (15).
Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, da sie
abziehen und die Besetzung allein den Englndern und Italienern
berlassen sollten, waren schon frher erhoben worden.  Diese
mndeten nun auch in die Demonstration fr die "Neutralitt"
Oberschlesiens im polnischrussischen Krieg ein, zu der die
Gewerkschaften fr ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem
Generalstreik.  Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der
Unabhngigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:

"Die blutigen Zusammenste in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das
Verhalten deutscher Nationalisten zurckzufhren, die die
proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und
fr Rterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem
Chauvinismus Luft zu machen" (16).

Weiter noch ging eine Erklrung des sozialistischen
Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem
Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhngigen
Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren
ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen
und die Entente losgehen wollten (17).  Die demokratische "Vossische
Zeitung" vom 27.August 1920 schlielich kritisiert die Gewerkschaften,
da sie auf bloe Verdachtsgrnde ber franzsische
Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen
Generalstreiks griffen, "ohne Fhlungnahme mit der strksten
deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).

Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion
hauptschlich von Pilsudski und seinen Anhngern betrieben, einem
ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im
innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden.
Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17.
August erlie, klagt die preuischen Militaristen an, da sie
gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und
Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemchtigen (19).

Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden
auch den Namen von J.Biniszkiewicz fr die Polnische Sozialistische
Partei, Michael Grajek fr die polnische Bergarbeitergewerkschaft und
mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsfhrer.  Man sieht also, es
gab auf beiden Seiten Flgel, deren nationalistischer Eifer viel
grer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien.
Whrend bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerchte ber
den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen
Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war
sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen
und die Polen gewannen damals die ihnen von Ruland bestrittenen
Ostprovinzen wieder.  In Oberschlesien brach der 2. polnische
Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene
Landkreise waren von den polnischen Aufstndischen besetzt.  Whrend
in Kattowitz die franzsischen Truppen hatten abziehen mssen und
erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando
wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei
ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden
Brgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.

Schlielich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden
Plebiszitkommissariaten in Beuthen.  Von polnischer Seite war es
Korfanty, von der deutschen Sanittsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der
mit Ulitz fr die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen
Plebiszitausschu sa.  Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen,
das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche
Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurckgezogen werden und durch
eine 50/50 deutschpolnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern
gebildet, ersetzt werden sollte (20).

Das war eine betrchtliche Vernderung auch fr unser tgliches Leben.
Die Polizei sollte nun aus zum groen Teil nicht vorgebildeten
Krften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung
politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale
Verbrechensbekmpfung, und das vertiefte das immer grer werdende
Gefhl um sich greifender Auflsung.

Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.Mrz 1921 zu, mit
Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie
Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat.  Die Leitung
der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreikpfige Kommission unter
dem franzsischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretr
Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater
als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter.  Wir
waren also durch seine Rolle den Vorgngen nahe.

Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften
Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die
ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter
Verwandter aus Mnchen meldete sich auch.  Unser Haus war voll von
Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag fr uns noch ein
besonderes Geprge.

Es waren auch auerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie
nach Oberschlesien gekommen.  Ich erinnere mich, da ich die Tante
Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete.  Sie traf eine groe
Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin.  Sie waren
auf dem Rckweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten.
Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender
Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das
ich dann vortragen wollte.  Das kam aber nicht zustande, und was ich
dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und
Tante Ida Benjamin, die jngste Schwester des Vaters, zum Beispiel
konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht
verbergen.  Die Benjamins und Paul Grnfelds waren nur den Tag ber
da, waren die Nacht ber gefahren und fuhren abends wieder nach
Berlin zurck, andere Verwandte blieben etwas lnger.  Aber in der
Atmosphre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schnes Wiedersehen
mit der Familie zu feiern.

Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen
ruhig.  In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% fr Verbleib bei
Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% fr Polen, beide
zusammengerechnet ergab 51.7% fr Deutschland, aber die benachbarten
Kreise Ple und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Stdten
viel grere Mehrheiten fr Polen, whrend Stadtund Landkreis
Beuthen zusammen gerade 50.3% fr Deutschland entschieden.  Das
oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% fr Deutschland.  Laut dem
Versailler Vertrag (21) sollte fr "die als Grenze Deutschlands in
Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern
ausgedrckte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche
Lage der Ortschaften Bercksichtigung" finden.  Die Alliierten Mchte,
durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darber befinden.

Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der
polnische Stimmenanteil, besonders in den sdlichen Gebieten, war
sehr viel hher als die deutsche Seite erwartet hatte (22).  Alles
deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen
wrde.  Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April
Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um
einflureiche politische Kreise zuverlssig zu unterrichten" (23).
Mein Vater gehrte der vierkpfigen Delegation nach Italien an.  Sie
bestand auerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor,
Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er
spter sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der
Frstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch
stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem
sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretr Franz.  Warum der Vater in
den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns
natrlich ausfhrlich erklrt, und so erinnere ich mich auch, da er
eine Einfhrung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz,
hatte, der damals ziemlich bekannt war.  Als Vertreter der Deutschen
Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein fr Kontakte mit den
damals einflureichen "laizistischen" Parteien zustndig, er war ja
auch Freimaurer.

So kam es denn auch, da unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der
groe 3.polnische Aufstand ausbrach.  Das wurde nun fr unsere Jugend
eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewiheit,
was die nchste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen
wrde.  Die Umgebung der Stadt war sofort in den Hnden der
Aufstndischen, als wir am 3.Mai aufwachten.  Der Chauffeur, mit dem
deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem
Hausschlssel, es stellte sich heraus, da er sich den Aufstndischen
angeschlossen hatte.  Drauen in Karbowa waren auch die
Aufstndischen, ein guter Geist fr die Familie, der Portier des
Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen
wir Gemse, aber sein ltester Sohn Heinrich hatte sich auch den
Aufstndischen angeschlossen.  Das war eben Oberschlesien.

Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und
starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der
Aufstndischen waren eben polnische Oberschlesier.  Es ging
rcksichtslos und zum Teil grausam zu.  Die Stadt war wie belagert,
aber es bestand hier und in anderen Stdten eine Art modus vivendi
der Aufstndischen mit den alliierten Besatzungstruppen, da die
Stdte selber nicht angegriffen oder von den Aufstndischen besetzt
werden sollten.

Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in
die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts.  Unser groer Garten
hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine
Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehrte die Ferdinandgrube
schon den Aufstndischen.  Auch von dort wurde manchmal geschossen.
Zuerst durften wir berhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise,
aber wenn man anfing, Schsse zu hren, muten wir sofort ins Haus.

Aber man wei ja, wie das ist.  Wenn die Risiken ber eine Zeit
andauern, dann wird man abgestumpft und fngt an, sie leichter zu
nehmen.  Schlimm war, da nachdem nachts ganz systematisch fr einige
Zeit geschossen wurde, man am nchsten Tag las, da Kinder in ihren
Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die
unser Garten ging.

Wir hatten ja noch immer franzsische Einquartierung und zwar seit
einiger Zeit den franzsischen Platzkommandanten Colonel Ardisson,
der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die
Tochter hatte nachkommen lassen.  Der Herr v. Brunn war schon
ausgezogen, und so hatten wir Platz genug.  Natrlich empfand man die
franzsische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wute doch
nie, was der nchste Tag bringen konnte.  Von der Ferdinandgrube war
es kaum mehr als fnf Minuten zu Fu und einen Sprung ber die kleine
Rawa bis zu unserem Garten, und berhaupt wer wute, wie lange der
Waffenstillstand ber Nichtbesetzung der Stdte anhalten wrde.

Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Hnden der
Aufstndischen.  Eisenbahn und Straenverkehr waren praktisch
lahmgelegt, die Aufstndischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafr,
auch ein interalliierter Zug, der tglich von Kattowitz nach Oppeln
und zurck ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.

Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch
bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen.  Nach
einiger Zeit konnte er aber fr uns eine Genehmigung "zur Ausreise"
arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen
mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.

Diese Reise war natrlich eine ziemliche Aufregung.  Man wute von
Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum
Beispiel der Pastor Voss von den Aufstndischen aus dem Zug geholt,
allerdings dann nach einem Verhr wieder freigelassen worden.  Bei
uns aber ging es ohne Zwischenfall.  Wir wurden dann nach einem
Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhbel fr die nchsten
Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln.
Natrlich war es sehr schn so lange im Riesengebirge zu sein, wir
hatten es schon im Vorjahr bei einem krzeren Ferienaufenthalt in
Brckenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so groer
Unsicherheit ber die Zukunft umwittert.  Die Verwandtschaft in
Berlin pldierte stark mit Vater, da er den Familienbesitz in
Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte.  Onkel Felix
Benjamin war im Aufsichtsrat der Lbecker Htte, an der Rawack &
Grnfeld damals mageblich beteiligt waren, und schlug vor, da Vater
die Leitung von deren Zementfabrik bernehmen sollte und wir nach
Lbeck bersiedeln wrden.

Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu
Hause aussieht.  Man hrte und konnte sich vorstellen, die Not und
Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen
Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden.  Es wurde ein besonders
heier und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen groe,
verheerende Waldbrnde aus.  Als wir nach Beendigung des Aufstandes
im Juli zurckkehrten, war das Bild der Umgebung sdlich nach Ple
hin zunchst vollkommen verndert und trug noch weiter bei zu der
Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.

Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen
Freikorps nach Oberschlesien gefhrt, die nach dem 2.Aufstand sich
samt ihren Waffen hatten zurckziehen mssen.  In einer Kampfhandlung
am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg ber Krfte der Aufstndischen
errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die
schlielich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1.
Juli, fhrte.  Die Vorgnge gelten aber als zu kompliziert fr solche
Beurteilung (24).  Die Englnder wandten sich gegen die polnischen
Versuche, durch den Aufstand die fr das weitere Schicksal
Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten
Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und
drohten, englische Truppen zur Untersttzung der
franzsisch/italienischen Besatzungen zu senden.

Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die
Unsicherheit ber die bevorstehende Entscheidung der alliierten
Botschafterkonferenz ber Oberschlesien beherrschte die Stimmung.
Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in
Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach
Frankreich zurckgekehrt.  So hatten wir wenigstens wieder Verfgung
ber das Gastzimmer im oberen Stock.

Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit
meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet.  Ich
sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die
hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte.  Er war
einerseits ein jdischer Gelehrter, aber auch preuischer
Volksschullehrer mit groer Allgemeinbildung.  Abgesehen von
hebrischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch
Grundkenntnissen in jdischen Bruchen und Gesetzen.  Die Zeit von
einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des
polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der
hebrischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen
war.  Ich hatte diese Stunden mit groen Erwartungen begonnen, sie
gaben meiner Anhnglichkeit an jdische Religion und damit auch
jdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.

Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung.  Sogar die
Mutter kam in die Synagoge.  Der Onkel Max Grnfeld aus Berlin als
Miterbauer der Synagoge und fr den architektonischen Entwurf damals
verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen.  Zu Hause
kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme
entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten.
Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen.  Ich bekam, neben
anderen Geschenken, sehr viel Bcher, Grundlage einer noch wachsenden,
recht vielfltigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2.
Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.



Kapitel 4

Kattowitz kommt zu Polen

Die Botschafterkonferenz hatte zunchst keine Einigung ber die
Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Vlkerbundsrat um
ein Gutachten gebeten.  Es handelte sich dabei natrlich nicht nur um
eine mglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewrfelten
Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und
geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Mglichkeit
einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war.  Den
Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, da die
Kreise Rybnik und Ple zu Polen kommen wrden.  Sie allein htten
Polen wichtige Kohlegruben und vorkommen gegeben, aber nichts von
der Eisen und Stahlindustrie oder Zinkhtten.  Es wurde aber auch von
einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo
der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides
fr Polen dazu kommen wrde.

Die Englnder und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine
Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland,
von der man annahm, da es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwchen
wrde, und auch Deutschlands Mglichkeiten, die ihm in Versailles
auferlegten Reparationen zu bezahlen.  Die Polen besaen eine Kohle
und Stahlindustrie im stlich an Oberschlesien angrenzenden
Dombrowaer Gebiet, wo franzsisches Kapital stark beteiligt war.  Die
Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen
an der deutschen Ostgrenze interessiert.  Basierend auf den
Empfehlungen des Vlkerbundsrats beschlo die Botschafterkonferenz am
20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis
Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden.  Die
beiden groen Industriestdte Kattowitz und Knigshtte, die mit
groen Mehrheiten fr Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu
Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hlfte der
Kohleproduktion und der Hochfen, die Hlfte der Stahlwerke, fast die
ganze Zinkindustrie.  Das Industriegebiet sollte mitten
durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn und
Straenbahnnetz, Wasser und Stromversorgung, ja auch unter Grund
wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen
und einem anderen auf deutscher Seite.

Die praktischen Probleme waren enorm, fr die menschlichen wurde
vorgesehen, da beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen
abschlieen wrden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu
schtzen.  Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den
Alliierten Mchten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner
verschiedenen Minderheiten abschlieen mssen, und es wurde ihm nun
auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche
Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen,
whrend Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen fr
die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu
schlieen.

Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, da diese
Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen.
Mit der Ungewiheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt.  Nun war
der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu.
Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und
Gesprche zur Lage verwickelt, nun wurden sie fr die Stimmung
beherrschend.  Die Ideen vom frhen Sommer whrend des polnischen
Aufstands, da man eventuell weggehen wrde, waren ganz verflogen.
Unter den ansigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, da man
sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als
deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im
polnischen Staat einrichten msse.  Durch die Auflage eines
Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann
auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar
so angesprochen.  Es gehrte dazu, da die Vertreter der deutschen
Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun
zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer
zuknftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen muten.  Dazu gehrte
auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalitt fr die neue
staatliche Souvernitt, und das Alles geboren aus einem Heimatgefhl,
da nmlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen,
sondern weiter gedeihen sollte.

Es liegen darber mannigfache uerungen von magebenden deutschen
Funktionren aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der
Entscheidung vor.  Deutlich erinnere ich mich, da mein Vater von
einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der
Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzhlte, ein aus Berlin
anwesender Minister htte gesagt, was die knftige deutsche Politik
zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wren doch wohl Alle mit der in
Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnren und vernichten".

Ich nehme an, da es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei
Oberschlesiens war.  Auf Provinzebene waren Sanittsrat Bloch in
Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preuischen
Landtag sa, prominenter gewesen, fr das Gebiet des knftigen
PolnischOberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der fhrende
Exponent geworden.  Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf
widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns
darber erzhlte.  Fr die Deutschen im knftigen
PolnischOberschlesien mute es andere Wege des Denkens in ihrer
neuen Situation geben.  Es brachte sie in die Linie des Denkens der
nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten
Weltkrieg entwickelte.  Mich haben diese neuen Begriffe und
Vorstellungen auch spter im Zusammenhang mit manchen anderen
Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.

Der bergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen
Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen
werden.  In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von
Auflsungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behrden waren im
bergang, wir merkten das auch in der Schule.  Laut Genfer Abkommen
mute der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen
unterhalten.  Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium
sein, ein groer Teil des bisherigen Bestands seine
Minderheitsabteilung.  Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland
gehen, doch einige, vor allem jngere, waren bereit zu bleiben.  Man
wute noch nichts Genaues.  Als das letzte Abitur um Ostern
abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen
Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fhlen, da der
traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art
Abschiedsfeier fr den Lehrkrper wird.  Als wir Jngeren am nchsten
Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die
Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen.  Die Schule
fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt.  Es war gewi auch ganz
komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd.  Das Gefhl der
Auflsung nahm bergroe Proportionen an.

Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur
Fhrung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen.  Sein Name
war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer
Kriegsminister, also mute er ein prominentes Mitglied der polnischen
Generalitt sein.  Der Name der Familie ist unterde bekannter
geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an
die dortige westukrainische Bevlkerung hatte.  Sein Bruder Andrzej
wurde Metropolit der mit Rom Uniierten SlawischOrthodoxen Kirche (1).
Der General selber hatte im 1.Weltkrieg groe Erfolge im Kampf
gegen russische Truppen im stlichen Polen errungen, er war zum

sterreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski
zusammengearbeitet.  Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen
Seite Polens.

Der Gewerkschaftssekretr Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen
Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice,
ernannt, begrte den General mit seinen Truppen an der schlesischen
Grenze bei Schoppinitz.  An der Stadtgrenze sollte der neue
Oberbrgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit
dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begren.  Von
unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf
seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen.  Er hatte,
da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm
zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.

Er sollte den General ohnehin noch treffen.  Da der Colonel Ardisson
schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert.  Er machte
bald einen formellen Hflichkeitsbesuch.  Wie schon oft bei den
franzsischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, da ich dabei
bin.  Ich erinnere mich nur, da zuerst einige etwas verlegene Worte
waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich
dann auf Franzsisch ab.

Sonst bestand fr uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem
Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien pltzlich mit einem
kleinen Foxterrier.  Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schnen
Salonmbel, sie waren mit Damast bezogen.  Aber der General fuhr bald
ab, ohne greren Schaden anzurichten.

Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben.  Wir bekamen als
zivile Einquartierung den neuen polnischen Prsidenten der
Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein
sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit
uns.

Der grte Wechsel kam fr uns Jungen, als die Schule wieder anfing.
Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hie Wolff.  Die
meisten der bisherigen Schler wollten in die deutsche
Minderheitsabteilung gehen.  Die Meldungen fr die polnische
Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und
anderer Familien entwickelte sich erst.  Herr Wolff verfgte, da
alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die
polnische Abteilung bergehen mten, und er kam selbst, um uns
einzuteilen.  Es entstand Verwirrung und Aufruhr.  Die meisten der so
betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange
Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort
Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention
nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte.  Diese Frage,
wer zur deutschen Minderheit gehrte und wer nicht, brachte sehr
klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der
Minderheitsrechte fr Volksgruppen zum Vorschein.  Hier wurde also
von deutscher Seite darauf bestanden, da die Zugehrigkeit zur
Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein mu.
Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze
Reihe weiterer Gedanken.  Schlielich standen da bei uns in der
Untertertia unsere Mitschler, ein guter Teil von ihnen, und Herr
Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule
zu gehen.  Die Freiheit, die er fr sich selbst als polnischer
Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren
Mitschlern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon
seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.

Die Freiwilligkeit der Zugehrigkeit zu einer Minderheit habe ich
immer als sehr entscheidend empfunden.  Es entspricht wichtigen
liberalen Grundstzen.  Die Forderung nach autonomer Verwaltung fr
Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler
Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur
vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte.  Menschen
zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, wrde neue Elemente
von Unfreiheit einfhren.

Da die deutsche Seite und dann auch die Fhrung der
Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja
eigentlich ein Abrcken vom strikten Sinn vlkischer Denkweise.  Die
Konzeption des Nationalen war eben tatschlich vielmehr verwandt mit
dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu
berufen.  Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und
bringt einen so zu einer Annherung an europische Wirklichkeit
zurck.  Man liest oft ber anscheinend bedauernswerte Gebilde:
Vielvlker oder Gemischtvlkerstaaten, so die alte Donaumonarchie,
ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei.
Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands,
mehr als man davon Kenntnis genommen hatte.  Da war nichts
bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente vlkische
Ideologien dahinein brachte.

Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale
Krfte gegeben, die Sinn hatten fr die europische Bedeutung und
liberale Grundnote der Sache.  Aber es gab wohl auf deutscher Seite
auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalitt
hochhielten, weil das fr den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z.
B. in Polen zahlenmig so wichtig war.  Man sieht wieder, wenn es um
klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern
einfach Macht und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da
verschwanden Ideologien in den Hintergrund.  Dann blieb nur noch der
Antisemitismus als Kaffeesatz der vlkischen Idee.

Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorber, ja es
entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell
wieder in unsere Klasse zurck durften und das normale Schulleben
unter dem neuen Regime begann.  Dieser Vorfall war beigelegt.

Auf lngere Sicht waren aber die Polonisierungsmanahmen auf anderen
Wegen erfolgreicher.  Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt
Kattowitz eine polnische Bevlkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche
Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner
geworden, schlielich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch
ein deutsches Privatgymnasium.  Der Direktor Wolff blieb nicht lange,
unser nchster polnische Direktor hie Steuer, und unter ihm habe ich
noch 1926 dort mein Abitur gemacht.

Kurz nachdem wir in Kattowitz die bergabe an Polen erlebt hatten,
wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsauenminister Walter
Rathenau ermordet.  Fr uns waren und blieben die Ereignisse in
Deutschland immer noch ganz hautnah.  Das Berliner Tageblatt und die
Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die
Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mute ja auch mit dem
deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam
frh morgens am selben Tag.

Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit.
Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers
Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale
Freischrler.  Rathenau war Jude, er war fr mich als 14jhrigen
etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bcher gelesen.
Es war die menschliche Tragdie dieses Mordes an Rathenau, und eben
auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen
Weimarer Republik fiel, fr die es dann mit vernichtender Inflation,
franzsischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum
eine Atempause gab.  Dieser Hitlerputsch damals war aber ein
theatralischer Fehlschlag.  Die Republik hatte doch schon Muskeln,
eine Regierung der Groen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum,
Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am
erfolgreichsten mit der Konsolidierung, untersttzt vom Erfolg der
Schacht'schen Whrungsreform.

Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf
kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens,
mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden.  Fr uns
heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in
Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung.  Wandervgelbnde
selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt whrend der Zeit
der Besetzung und politischen Kmpfe.  Es gab aber eine Gruppe des
jdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde
gehrten dazu.  Es war ein nichtzionistischer Bund.  Beide Eltern
widersetzten sich meinen sehr dringenden Wnschen, da auch
beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen,
der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verlie.

Bedeutsam wurde, da ich mit einigen Freunden, meist aus der nchst
hheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehrte, in dem gelesen, aber
auch viel diskutiert wurde.  Es waren Klassiker und zeitgenssische
Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing,
und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung.  Wir
trafen uns abwechselnd zu Hause.  Einige der "Kameraden"Mitglieder
spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite
erinnere ich mich besonders an den alten Freund KarlHeinz Lubowski

und an Wolfgang Juretzek.

Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehrte auch fr
mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus
Breslau.  Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn
Jahre lter, aber noch ganz erfllt mit solchen und anderen Ideen und
hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlsselfiguren aus dieser
Welt (2).

Auch das kulturelle Umfeld blieb fr uns eigentlich ganz unverndert
und weiter sehr reich und aktiv.  Das StadtTheater wurde nun
zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der
neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es
von der ebenfalls neuentstehenden Landesbhne aus dem
deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt".  Das war dann doch eine
sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich sttzende
Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Krfte.  Die
Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine fhrende Rolle bernahm,
veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils fr einige Wochen
Gastspiele der Wiener Volksoper.  Bis dahin hatte ich Opern nur bei
Besuchen bei den Groeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze
wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknpft, weil mehrmals
Knstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten.  Auch wurde der
Meister'sche Gesangsverein fr einige Opern zu Chorszenen
hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf
der Bhne sehen.

berhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine groe Quelle
musikalischen Miterlebens.  Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum
einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus
Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher,
und fr die Auffhrungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns
wohnte, ebenso fr Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten,
Kammermusik und Gesang.  So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre
viele sehr bekannte Knstler, die bei uns als Gste wohnten.
Unverndert machten wir auch die regelmigen Besuche bei den
Groeltern in Breslau.  Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den
70. Geburtstag der Gromutter, 80. des Grovaters und ihre Goldene
Hochzeit, mit einem groen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten
schne und sehr groe Familienfeier.  Wir drei Kinder spielten ein
von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstcks verfates, langes
Gedicht.  Es gab viele brilliante Reden.  Besonders erinnere ich mich
an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehrigen Herrn
Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden berst, ein Kampfflieger im
1.Weltkrieg gewesen.

Meine Groeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung
gezogen, der Grovater war nicht mehr so aktiv und prominent im
brgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen
Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbrgermeister
Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch fr die in Breslau
bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein
Grovater fr ber 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.

Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn
Oettinger an der Universitt gearbeitet und gelehrt hatte.  Bis ins
hohe Alter blieb der Grovater geistig rege und sehr interessiert und
nahm an seinem Stammtisch im Caf Fahrig teil.  Er gehrte aber zu
denen, die die Inflation schlecht berstanden, fast das ganze
Vermgen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die
Untersttzung seiner Kinder angewiesen.  Er starb Mitte der zwanziger
Jahre.  Ich fuhr mit zur Beerdigung.  Es rhrte mich, meiner Mutter
zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein
neuer Eindruck.  Ich selbst habe ja dann whrend des 2.Weltkriegs und
danach nie an den Grbern meiner Eltern stehen knnen.  Nach der
Beerdigung des Grovaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch
das Grab meines Urgrovaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.

Die Schulzeit von Untertertia an brachte natrlich auch ein
zunehmendes Ma von Bekanntschaft mit polnischen Dingen.  Polnisch
als Sprache gab es zunchst nur zweimal die Woche.  Die Regierung
fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern
weggehen, aber das nderte sich im Lauf der Jahre.  Natrlich
interessierte einen bald, etwas ber polnische Geschichte, ja auch
Literatur zu hren, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle
im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr
nach Krakau zu den sehr schnen Sehenswrdigkeiten aus polnischer
Vergangenheit.

Die polnische Politik dieser frhen zwanziger Jahre nahm auch einen
sehr turbulenten Verlauf.  Es gab immer wieder die scharfen
Spannungen zwischen Ost und Westschwergewicht, einst durch den
Gegensatz PilsudskiDmowski gekennzeichnet, es war auch einer
zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die
Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen
Lndern widerspiegelnd.  Es ging gewalttig zu, auch mit
Putschversuchen.  Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen,
und Pilsudski trat als Staatsprsident zurck; als Nachfolger wurde
Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski
nahestehend, gewhlt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922
ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland.
Als Einfhrung zu regelmiger Anteilnahme an politischen
Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis.
Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz und Inflationswirren
ausgesetzt, hatte dann aber unter Fhrung von Grabski von Ende 1923
bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer
Stabilitt.

Auch in PolnischOberschlesien entwickelte sich die Industrie
zunchst bis 1925 ganz hoffnungsvoll.  Das Baugeschft des Vaters
hatte auch aktive Zeiten.  Abgesehen vom Regierungssektor hatte
Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles
Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der
Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen.
Mein Onkel Max Grnfeld schied aus der Firma aus und ging in
Ruhestand.  Der groe Hausbesitz in Berlin hatte in der
Inflationszeit verkauft werden mssen.

Die politische Lage und Spannungen in PolnischOberschlesien aber
wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch
wirtschaftlich bedingt.  Es gab etwas in Oberschlesien, was man als
"schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3).  Ein Teil der damaligen
oberschlesischen Bevlkerung fhlte sich auch bei
polnischoberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so
festgeschrieben.  Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch
Stimmverhltnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht
beeinflussen, wie sie eben beeinflut werden, wenn Whler
wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung
dafr verantwortlich zu machen.

In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen
Parteien gut abgeschnitten.  In Kattowitz selbst blieb aber die
Mehrheit deutsch.  Die Regierung lste das Stadtparlament auf und die
Stadt wurde fr zwei Jahre kommissarisch regiert.  Die
wirtschaftlichen Verhltnisse hatten sich 1925 in Polen
verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches
Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr,
nun als Diktator, beendet wurde.

In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders
verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag
fr Einfuhr polnischoberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni
1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen
abzuschlieen (8).  Polen konnte dann neue Mrkte finden, begnstigt
durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in
Skandinavien, aber unterde litt die Beschftigung in den
Kohlengruben.

Fr November 1926 waren Wahlen fr ein neues Kattowitzer
Stadtparlament ausgeschrieben.  Umliegende, viel strker polnische
Industriedrfer waren unterde eingemeindet worden, was eine
polnische Mehrheit htte sichern sollen.  Der Eindruck verstrkte
sich aber, da die deutsche Seite doch stark an Rckhalt gewonnen
hatte (4).  Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen
PilsudskiRegierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttuschungen:
die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty
und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition
erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.

Da der lteste gewhlte Stadtverordnete, der deutsche
Katholikenfhrer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war,
mute mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert
hatte, die erste Sitzung als Altersprsident erffnen, und das war
eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach.
Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der bersetzung und schrieb
dann den Text fr ihn phonetisch auf.  Es war nicht erfolgreich.
Nach Vaters Rede verlangte der besonders kmpferische Fhrer der
polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, da die Rede nun ins Polnische
bersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht
auf Chinesisch gehalten worden.  Die Sitzung verlief auch sonst sehr
strmisch, da die Deutschen als strkste Fraktion darauf bestanden,
einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretr Jankowski,
der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu whlen, und
die Polen daraufhin die Versammlung verlieen.

Die "Kattowitzer Zeitung" aber besttigt in ihrem Bericht (5), da
"bei der deprimierenden Atmosphre des 1.Teils der Sitzung" die
polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater
(bei seinen weiteren Amtshandlungen als Altersprsident) mit ihren
polnischen bersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen.
Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im
Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurcktrat.

Nachdem er 1922 an der Grndung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt
hatte, gehrte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde spter einer
der beiden Vizeprsidenten, bis zu seinem Rcktritt 1933. Bis dahin
nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die
Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der ffentlichkeit kaum auf.
Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins
Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere
Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.

Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit
dem Proze zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des
Deutschen Volksbunds einleitete.  Die polnische Politik gegenber der
deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschrft.  Das wird
erklrt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag
von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergnzen,
was in Polen unvermeidlich verstrkte Furcht, Wachsamkeit und
Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mute (6).

Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden,
um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber
auch, um die Stellung der Sanacja gegenber dem
nationaldemokratischen Korfanty zu strken.  Die von der polnischen
Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Fen,
nmlich Dokumenten, die dem Verdacht der Flschung ausgesetzt waren.
Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkmpfer,
Rechtsanwalt Wolny, einem KorfantyAnhnger, lehnte eine Aufhebung
der Immunitt des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des
Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht.  Fr seine Verteidigung
war aus Warschau ein Fhrer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann
Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafr hatte mein
Vater zu tun.

Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein
interessantes Erlebnis fr mich.  Er war schon als Anwalt und
politisch im sterreichischen Galizien aktiv gewesen.  Als spter
Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er
auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch
Korfanty hinkam.  Dr. Liebermann war whrend des 2.Weltkriegs dann
Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).

Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des
Deutschen Volksbunds sehr klar, da er sich ganz als
Minderheitenvertretung fhlte und auftrat.  Dr. Liebermann gehrte
eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der
Minderheitenvertrge waren (8).

Es gab damals schon in Deutschland auch auerhalb der Rechtsradikalen
unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verstndnis
der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten.  Die
aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die
deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die
Hnde, wie man so oft findet, da die Radikalsten auf beiden Seiten
sich unwissentlich/wissentlich Blle zuwerfen.

Nun will ich meinen Rckblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch
mit ganz persnlichen Erinnerungen abschlieen.  So zum Beispiel, da
da auch lauter Mdchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties
gab, Verliebtheiten und Spaziergnge.  Es wurde so absorbierend, da
der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurcktraten und sich
die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch nderten.  Man fing an,
auch mit Vergngen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.

Viele aus diesem Kreis wurden spter Korporationsstudenten.  Ein
guter Freund wurde Hans Kuhnert.  Ein anderer neuer Freund aus den
spten Schuljahren war Hans Werner Niemann.  Er kam wie aus einer
anderen Welt, war eine Klasse jnger, voll aggressivem,
aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen
Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so ber meine
damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"

eingestellt.  Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki,
wir waren oft dort, das einzige Mal, da ich eine Kohlengrube
untergrund besuchte.

Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der groen
oberschlesischen Eisenhtten und Stahlwerke, der Julienhtte in
Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag.  Diese
erste Bekanntschaft mit dem Httenwesen interessierte mich sehr, die
Umformung des Metalls von Erz ber Roheisen zum Stahl, und was man
das "bulk handling" der Materialien nennt.

Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmnnische Direktor der Htte, seine
Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch
lebenden acht Kindern des Jakob Grnfeld und der Maria geb. Sachs in
Zalenze (9).  Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer
Kontakt.  Der jngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Gttingen war gut
situierter Eisen und Stahlkaufmann in Beuthen.  Sie waren sehr
lebenslustige Leute mit viel Stil.  Er war Mitglied der Schlaraffia,
die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden
gute Freunde.

Hufige Ausflge "ber die Grenze" nach Beuthen wurden fr uns
ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre.  Dort war
der jngere Bruder des Vaters, der Orthopde Ernst, mit seiner netten,
manchmal etwas rauhen Art und sein orthopdischer Turnsaal, und dann
eben das soviel jngere Ehepaar Paul Grnfeld.  Aber es waren gar
nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen.
Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen
entstand.  Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum
Reiten.  Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht,
whrend Lotte bald Preise im Springen sammelte.

Fr die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jhrlicher
Hhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht groem Kreis, vor allem
nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren
Wohnzimmer auch frei waren.  Mit die ltesten Gste waren Dr. Speiers,
und sie blieben dann auch die letzten in den spten 30er Jahren vor
Ausbruch des Krieges.  Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet
mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, da die Dr. Lukascheks auch
fr einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der
unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten
Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit
ihnen spter auch Freiherr v. Grnau mit Familie, der einige Jahre
deutscher Generalkonsul in Kattowitz war.  Manche unserer jungen
Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.

Der jdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren fr mich
immer von ergreifendem Interesse geblieben.  Als Rabbiner und
Religionslehrer hatten wir in den frhen zwanziger Jahren den lteren
Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng
verbunden war.  Wir waren schon etwas aufsssiger gewordene
Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht
nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn rgerten.

Wir waren bei jdischer Geschichte.  Wie knnen wir, so fragte man
ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil
nehmen wie andere Deutsche?  Natrlich, sagte er, wenn ich vor der
alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und
bewegt wie alle Deutschen.  Das sagte er.

Es blieben Zweifel.  Heute wrde ich sagen: Vorfahren von heutigen
Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der
Entwicklung der abendlndischen Welt in Europa, und haben eine
Beziehung zu diesen historischen Sttten, und eine besondere zu denen
der abendlndischen Nationalitt, der sie sich selbst zugehrig
fhlen.  Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jdischen
Geschichtsbewutseins.

Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurck.  Der bergang an Polen
machte sich spter bemerkbar.  Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz
anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien.  Sein Vater
war Prsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde
spter in Palstina und Israel einer ihrer Fhrer.  Er war sehr
gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und
unserem background waren es sehr interessante Stunden.  Er blieb
nicht lange in Kattowitz.

Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur.  Mit seinem Herannahen schon
war meine Berufswahl dringend geworden.  Ich war seit langem zwischen
zwei Polen hin und hergerissen.  Natrlich hatte mein Vater immer
gewollt, da ich, als dritte Generation, in das Baugeschft eintreten
und dafr Architektur studieren wrde.  Es war ein schner Gedanke
und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten.
Dahin gehrten die ja von frher Jugend her gewohnten Rundgnge durch
Vaters Neubauten und Ziegelei, schlielich auch einfache Lehrbcher
ber Architektur, Fassaden und Grundrilsungen, und Zeichen und
Malstunden bei der Knstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche
Bekanntschaft auch spter eine groe Bereicherung war.  Meine
wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich
wollte Jura studieren.  Es gab sehr ernste Gesprche.  Meine Mutter
berraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will
und mich auch nicht fr sehr begabt fr das Baufach halte, dann
sollte ich doch meinen grten Interessen und anscheinender Begabung
nach Geschichte studieren.

Wahrscheinlich hatte sie recht.  Ihr Bruder Walter und meines Vaters
Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten
sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und
das war auch meiner Mutter Ehrgeiz fr mich.  Wenn nicht das, dann
fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wre doch auch
vielversprechend.  Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bcher ber
Nationalkonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und
Zeitgeme.

Zunchst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschft bis April
1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen
in Deutschland.  So machte ich noch einen Winter "Saison" in
Kattowitz mit, lernte die vterlichen Betriebe besser, auch mit
Handangreifen kennen.

Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grnfeld in Beuthen; zur Beerdigung
kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack &
Grnfeld aus Berlin.  Er fragte nach meinen Berufsplnen, hielt aber
gar nichts von einem Nationalkonomie Studium.  Natrlich, wenn ich
dem Vater zuliebe Architektur studieren will, knnte er nichts sagen,
aber er lud mich ein, fr einige Wochen nach Berlin zu kommen, und
das tat ich auch.

Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee
in Grunewald.  Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich
lernte etwas vom Grostadtleben Berlins kennen.  Bei einem frheren
Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin fr einige Wochen im Haus
in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grnfeld mit Vettern Herbert
und Ernst eingeladen gewesen.  Das war ein ganz anderer Stil, mit
viel Betonung auf die Reitpferde und die groe Gartenliebe, aber auch
viel Anregung fr Kunst und Musik.  Jetzt bei Benjamins fehlte die
Tante Ida, sie litt an Depressionen.

Natrlich hrte ich viel ber Rawack & Grnfeld, besuchte das Bro,
mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongesprche
und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust
oder Eignung frs Baufach versprte, warum soll ich nicht bei meinem
Onkel bei Rawack & Grnfeld ins Erzgeschft eintreten, anstatt zu
studieren?  Ich fuhr wie vorgesehen zurck nach Kattowitz; dort fiel
der Entscheid fr des Vaters Wnsche, und ich bereitete mich vor, zum
Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule
Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grnfeld
mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch
Kattowitz kannte, alles Ntige fr meine Aufnahme und Frderung
meines Studiums einleitete.



Kapitel 5

Als Student in der Weimarer Republik


A) Berlin


a) Leben und Studium

Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul
und Tante Grete Grnfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel
ein mbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte.  In spteren
Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg.  Das Haus in Dahlem
blieb mir whrend der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium
und Quelle vieler Anregungen auch fr alle die groen Attraktionen
des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer
viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet
wurde.  Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch,
aber auch sehr begeisterungsfhig.

Fr mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem
Onkel Max halten.  Neben der Einfhrung in das Bauwesen bei Dr. Weiss
hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch
"Freihandzeichnen".  Grade das war ein frher Kampf, und meine
Unbegabtheit bald eine Warnung, da ich es mit dem Architekturstudium
schwer haben wrde.  Ich kmpfte drei Semester mit diesem Problem,
und je nher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im
Studium kam, desto strker wurde die berzeugung, da ich aussteigen
mte.  Dabei kann ich nicht sagen, da ich nicht vieles an diesem
Studium gern hatte, aber es war eine unglckliche Liebe.

Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein groer
Kenner der alten preuischen Schlsser war, zog es mich zur modernen
Architektur, und fr die Sommerferien plante ich eine Reise zur
Bauaustellung in Stuttgart.  Vorher traf ich mich mit KarlHeinz
Lubowski und Freunden in Bayern fr eine Wanderung ber das
"Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck.  Schon in
der Schulzeit waren wir in Bayern, Mnchen, Tegernsee und Mittenwald
gewesen.  Nun lernte ich noch mehr von Sddeutschland kennen, ich
ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels
Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte.
Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom
Leben in Heidelberg.  Fr den Rest der Ferien ging ich nach Hause und
arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.

Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner
Tageblatt" bemerkt, da es in Berlin einen Demokratischen
Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein
Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt.  Ich besuchte gleich ihre
nchste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastrae,
wo sie tagten.  Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin
fortging, sehr zu Hause gefhlt.  Rckblickend auf mein 1.Semester
wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der
Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen
Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung fr mein Leben,
ber die ich zusammenhngend berichten will.

Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen
Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten
und stets politisch orientierten Atmosphre des Demokratischen
Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine
"Fraternity", mit Betonung auf die persnlichen Beziehungen der
Bundesbrder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende,
obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine
entscheidende politische Note gewesen war.  Die Formen entstammten
den alten an deutschen Universitten gewohnten.  Ein kurzer Blick auf
einige StudentenVerbindungen ist da angebracht.

Wie schon erwhnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frhen
19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der
1848er Zeit.  Die Burschenschaften hatten die schwarzrotgoldenen
Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und fr deutsche Einigung
gewhlt, aber das vlkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als
Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich
durchgesetzt.  Fr Fraternities hat es ja solche Exklusivitt, ebenso
wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland,
aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "vlkischen
Prinzips" wurde fr die deutsche und vielleicht noch mehr fr die
sterreichische Studentenschaft charakteristisch.  Trotzdem hatten
whrend des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen
Zeitrumen immer wieder jdische Mitglieder, unter ihnen auch manche
spter prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder
getaufter Juden (1).

Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht,
einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC)
zusammen, andere blieben unabhngig.  So entstanden sogenannte
"parittische" Verbindungen, was schon anzeigt, da der Anteil der
jdischen Mitglieder unverhltnismig zunahm und bald ganz stark
berwog.  Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten
Gebruchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mtzen und
obligatorisch Fechten.  Andere jdische Studenten hatten dagegen
Korporationen gebildet, die rein jdische Verbindungen sein wollten,
aus berzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige
Antwort auf die Exklusivitt und deutschvlkische Richtung der
berzahl der deutschen Korporationen.

Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbrger jdischen
Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung.
Weder ein Beitritt zu einer parittischen Burschenschaft noch zum
jdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die
Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen
Ansichten und Neigungen.  Sie war 1886 gegrndet worden, nachdem von
Berlin durch die Ttigkeit des Predigers Stcker ausgehend eine neue
antisemitische und deutschnationale Welle zur Grndung des Vereins
Deutscher Studenten (VDSt) gefhrt hatte.  Das war eine neue Art von
Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und
Fechten, dafr aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung
scharf rechts.

Als Opposition gegen diese grndeten prominente Liberale die FWV,
fhrend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen.  Der lebendige
Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb
das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre
Vergangenheit stolz war.  Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine
der "parittischen" Verbindungen mit berwiegend jdischer oder
jdischstmmiger Mitgliedschaft (2).  Dies war keineswegs so bei den
verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen
oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Groteil der
auerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft
organisierten republikanischen Studenten stellten (3).

Die FWV hatte an der Technischen Hochschule eine eigene Verbindung,
die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender fr
meinen Beitritt zur FWV war wohl, da ich durch meinen Vetter Herbert
Grnfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm
in Heidelberg studiert hatten.  Er war dort der FWV beigetreten und
hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in
Berlin weiter studierten.

Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und
interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner.
Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den
Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der
republikanischen Seite aktiv und fhrend geworden waren, wie Heinz
Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred
Rothberg und Kurt Lange.  Wie andere Verbindungen hatte die FWV das
Amt des "Fuchsmajor" zur Einfhrung der Neulinge, das war der junge
Anwalt Gnter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und
Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in
Zusammensten mit Nazis verwickelten Republikanern.

Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter
solchen Zeichen.  Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung
und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen
20er Jahre entsprach und dazu beitrug, da man sich mit
Gleichgestimmten daran soweit als mglich beteiligte und es mitgeno.
Natrlich kamen dafr auch immer wieder Anregungen von andersher,
auch der groen Verwandtschaft.  Im Haus Grnfeld in Dahlem sah
besonders Tante Grete immer, da man die richtigen Konzerte und
Theaterauffhrungen mitmachte und Gemldeausstellungen besuchte, wo
man damals viele franzsischen Impressionisten sah, aber auch eigenen
Neigungen folgen konnte.

Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum
kulturellen Leben Berlins.  Verglichen mit der Generation meines
Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die vterliche Familie in
meiner Generation nicht so gro geworden.  Whrend meiner
Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen,
die in meiner frhen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen
waren.  Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte
Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als
Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbchern, Ellen
Epstein war konzertierende Pianistin, Schlerin von Schnabel, und
Hans Hirschel hatte fr seine literarische Ttigkeit eine Basis in
Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen
anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im
Erzgeschft von Rawack & Grnfeld.  Mir war Das Dreieck zu
"avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und
herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten
exzellentes Essen.

In der mtterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder
Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg,
unverheiratet.  In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem
Breslauer AkademischLiterarischen Verein eine groe Rolle (4).
Dieser war auch das, was ich als "parittische" Verbindung
beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden.  Die literarische
Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter
Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein
groer Kenner und Sammler.  Er war politisch konservativ, hielt den
Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner
Tageblatt.

Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem
Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen,
nun bei der AEG, dem ich whrend meiner Berliner Zeit sehr
nahegestanden habe.  Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen
und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch
whrend meiner Studentenzeit sehr frh gestorben.

Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends
unzufriedener wurde, begann ich mich fr Fortsetzung des Studiums an
der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren,
auf betriebswirtschaftliche Fhrung von Industriebetrieben
ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fchern kombiniert.
Fr meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei
der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im
nordstlichen Berlin.  Ich war kein geborener Maurer, aber so zu
arbeiten entsprach mir fr zwei Monate durchaus, es war gut, diese
Welt kennenzulernen.  Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt,
aber das war nun etwas anderes.  Mein Maurerpolier, ein richtiger
Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschlu kamen
manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man
trank Bier.

Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer,
da das nicht mein Beruf war.  Ich habe das dann noch zu Hause
besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen.  Ich wollte
nicht endgltig einen Studiengang whlen, der zu eventueller spterer
Arbeit oder bernahme des vterlichen Geschfts keine Beziehung mehr
hatte.  Ein Weg wre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die
Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung,
hauptschlich allerdings auf Maschinenbau gesttzt, die in der
Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr
an.

Entscheidend wurden fr mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger,
ich fand, da er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir
unabhngigen Rat zu geben und die Courage, die ich fr so einen, den
Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschlu brauchte.  Nach
unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen
ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach
sollte ich eigentlich Soziologie studieren.  Das war eine gerade sehr
stark beachtete Wissenschaft geworden.  Mein hochrangiger
nationalkonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred
Tismer, hatte dafr nur das Wort "Schmonzologie".

Ich entschied mich fr die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete
Lsung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg.  Die
Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden
Industriehochschule gegrndet worden.  Eine hnliche gab es in
Deutschland in Mnchen aus der Vereinigung der dortigen
Handelshochschule mit der Technischen Hochschule.  Dort stand als
Abschlu immer noch ein Diplomkaufmannsexamen.  In Charlottenburg
aber war es ein Diplomingeneur auch fr die
Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.

Dort konnte ich nun Nationalkonomie bei dem sehr geachteten Dr.
Goetz Briefs hren, er war katholisch eingestellt, auch im Verband
republikanischer Hochschullehrer ttig.  Sein Assistent, der
Privatdozent Fischer, war, wie sich spter herausstellte, weit mehr
rechts, aber diskret damit.  In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar
hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen ber die berlebenschancen
des Britischen Empires zu referieren.  Er hatte mich auf die
zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mute
die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten berall studieren
und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien.  Ich kam zu einem
fr England positiven Schlu, und sah dann, da er seine Enttuschung
nur schwer verbergen konnte.  Er hatte mich auf die vielen
Fragezeichen berall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war
ja allgemein bekannt an der Hochschule).  Es gab sie ja auch, aber
ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei
Dank recht behalten.  Grndliche Ausbildung in Betriebswirtschaft,
Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fcher
muten meist an der Universitt und Handelshochschule belegt werden.
Die technischen Fcher, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren
fr mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen
mute, nicht nach meiner Wahl, aber dann spter belegte ich
Eisenhttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das
mich wirklich interessierte.  Als weitere Nebenfcher an der TH
belegte ich dann spter noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rhl,
einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und
auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter
meiner Mutter.  Das neue Studium gab mir also ein ziemlich groes
Programm.

Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in
Kattowitz.  Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mdchen, es
gab viel Geselligkeit.  Die Studenten, die in den Ferien nach Hause
kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich
hatte mich an der ursprnglichen Initiative stark beteiligt.  Zum
Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gste, Frau Dr.
Gppert aus Gttingen, mit Tochter Maria, die in Gttingen Physik
studierte.  Sie war etwas lter als ich und mir sehr sympathisch (6),
war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr
Vater an die Universitt Gttingen ging.

Eine Folge des Sylvesterabends war, da Maria Goeppert, Karl Heinz
Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte
polnische Stadt zu zeigen, die fr Kattowitz ja nun eine Art
Nachbarstadt und kulturell ein groer Anziehungspunkt geworden war.
Ich kannte es natrlich schon, aber dieser Ausflug verstrkte den
Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden
fr polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich
daraus entwickeln muten.  Man hatte ja schon Unterricht in
polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht.  Im Studium in Berlin
war man dem etwas mehr entrckt.  Karl Heinz zum Beispiel hatte sich
entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.

Das Sommersemester 1929 war fr meine politische Bettigung zusammen
mit Studium, besonders hektisch verlaufen.  Whrend der
Semesterferien mute ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit
machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte.  Erich
Oettinger schlug die Lehrlings und Fortbildungsschule der AEG in
Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter.  Ich wollte nicht
wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, tglich von meiner
Bude in Charlottenburg hin und herfahren.  Ich gab mein Zimmer auf,
mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem
unteren Mittelstands und Arbeiterbezirk.  Die Belegschaft in
Arbeit/Schule war auch ganz anders, darber mehr spter, wenn ich
ber die politische Entwicklung spreche.

In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem
die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein groes
Geburtstagsdinner statt.  Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie
wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren,
man wollte sehen, da sie anstndig untergebracht war.  Wir sollten
versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei
mblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstrae.  Der Besuch
meiner Eltern war eine groe Freude, und die gemeinsame Wohnung mit
Lotte wurde auch eine groe Bereicherung meines Lebens in Berlin.
Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten
Freunde einladen.  Die jdischen Feiertage Neujahr und Vershnungstag
verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis
wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der
Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu.
Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen
Urlaub fr Neujahr geben wollte.  Ich nahm ihn mir einfach,
schlielich war das doch eine von Rathenau gegrndete Firma, fand ich.
Erich Oettinger war ber meinen Entschlu ebenso kritisch wie das
AEG Management.  Er meinte, ich htte den Technischen Direktor
anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben.
Fr den Vershnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da
schon bei Jachmann, wo man mehr Verstndnis fr meine immer wieder
starken religisen Bedrfnisse um diese Jahreszeit hatte.  Ich wute
allerdings damals gar nicht, da die Jachmann Familie jdisch war.
In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und
Stahlindustrie im damaligen Palstina.


Meine religise Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue
Dimensionen zu entwickeln.  Es war einerseits die Welt von Martin
Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der groen Eindruck auf mich
machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten
bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung
menschlicher religiser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden
Beitrge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben.
Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jdische
Thora und dann die Prophetenbcher, ber Jahrhunderte von Menschen
geschrieben, waren das Bild der jdischen Entwicklung, die dann eben
auch zur Entstehung des Christentums fhrte.

Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde
zunchst von meist protestantischen Alttestamentlern und von
Historikern getragen, aber bald kamen auch jdische Autoren zu diesen
nichtfundamentalistischen Forschungen.  In der Preuischen
Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und fr die
politische Ttigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser
religionsgeschichtlichen Literatur.  Meine religisen Gefhle aber
blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jhrlich an den
jdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.

Nur ein halbes Jahr spter, im Frhjahr 1930, es gab schon
weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer
Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, da nicht
alles beim Alten blieb.  Das vterliche Baugeschft war sehr ruhig
geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig.
Die Ziegelei war sehr beschftigt gewesen, soda mein Vater
Expansionsplne durchfhrte, fr deren Finanzierung die Konjunktur
aber nicht ausreichte.  Es wurde daran gedacht, das groe,
gutgelegene Stadtgrundstck, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und
ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tr
zu stehen.

Mit diesen mglichen Vernderungen auch vor mir, ging ich dann wieder
nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen
wollte.  Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen.
Mein Vater schien besonders glcklich damit.  Ich machte nur einen
kurzen Besuch zu Hause, wo die groe nderung mit Umzug der Wohnung,
Verkauf eines Teils der schnen Einrichtung der groen Villa usw.
schon im Zuge waren.

Fr August war nmlich bei mir eine Blinddarm Operation im
Krankenhaus Westend in Berlin fllig, in dem mein Onkel Walter
Oettinger mich dafr untergebracht hatte.  Gesundheitlich war ich
seit einiger Zeit angeschlagen.  Allergisches Asthma und dann die
Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt.  Ich wollte die Ferien dazu
benutzen, das hinter mich zu bringen.

Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr
schweres Asthma, ein groer Schock, und es sollte fr Jahrzehnte auf
und ab ein stndiger Begleiter bleiben.

Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der
Dahlemer Verwandten erholen.  Ich war ja dort immer wieder zu sehr
herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden.  Das
Bro meines Onkels Paul bei Rawack & Grnfeld war in Charlottenburg
an der Hardenberg Ecke Schillerstrae, also direkt bei der
Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft
mit ihm in die Stadt fahren.  Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz
seiner industriellen Firma GFE von Nrnberg dorthin verlegt.  Wenn
ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem
Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls
Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.

Da waren die Brder Forchheimer, der ltere Dr. Jakob hatte als
Techniker die Firma ursprnglich mitgegrndet und war Partner meines
Onkels, der jngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma
geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft.  Auch kam Ragnar
Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar,
und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen,
die damals mit meinem Onkel ber einen Zusammenschlu der Interessen
in Europa Verhandlungen fhrten, die aber in der Weltwirtschaftskrise
dann aufgegeben wurden.  Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch
manchmal ber laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und
Geschftsprobleme gesprochen.

Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschftlichen Karriere zur
Ausbildung von Rawack & Grnfeld zunchst nach Beuthen, dann von GFE
zu ihren verschiedenen Werken und schlielich nach England geschickt
worden.  Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den
Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht
da.  Der jngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.

1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der
Kunstgewerbeschule, fr die sie sehr begabt war, zum
PestalozziFrbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen
hatte und sie einfhrte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem.  Natrlich
brachte mich das dann noch fter dorthin.  Dann war dort oft der Sohn
des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am
KaiserWilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie
arbeitete.  Er war auch ein Mensch mit groen allgemeinen Interessen,
auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer
interessante Begegnungen.

Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger
Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch
Hans Bethe, Physikstudent.  Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter
kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling.  Hans
trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner
Sachs auf der technischen Seite.  Seine Schwester Ilse,
Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche
andere Verwandte und berhaupt viele interessante Menschen mit
verschiedenstem background und Begabungen.  Sehr enge Freunde waren
auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnischschlesischen
Grenze, die ich viel in Dahlem sah.

Dieser weitere Rckblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja
nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach
Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte.  Ich
konnte sie brauchen, denn fr September stand mir Teilnahme an einer
politischen Tagung in Genf bevor.  Auf dem Heimweg von der Tagung
verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jdische
Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne
Chor, dann erste Durchreise durch Zrich, umsteigen in Mnchen und
noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz.  Mich interessierte in
Mnchen die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen
Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger
Betonung auf die technischen Fcher abschlieen konnte.  Darber
wollte ich mich orientieren.

Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Vershnungstag und machte
mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte
war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause.  Ich ging
wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot
neue Anregung, aber mein Interesse fr Nationalkonomie war eben doch
so viel strker als die technische Seite, ein Wechsel nach Mnchen
versprach einen viel schnelleren Abschlu dieses Studiums.  Ich hatte
ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach
Mnchen im Laufe des Semesters immer festere Formen an.  Fr meine
politische Ttigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch
eine sehr an und aufregende Zeit.


b)... und politische Besttigung

Das Gefge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner
Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den strmischen und
gefhrlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler
Vertrag folgten, nach Spartakus und Freikorpsrebellionen, Inflation,
Ruhrbesetzung und gelungener Whrungsreform, es entstand auch ein
besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann.  Zunchst
hatten die Rechtsparteien an Einflu gewonnen, Hindenburg wurde 1925
zum Reichsprsidenten gewhlt (der Gegenkandidat der mittleren Linken
Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thhlmann hatte als Dritter
kandidiert).  Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther
ein Kabinett des Zentrumsfhrers Marx, an dem auer Stresemann auch
die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren.  Wirtschaftlich
hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien
in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik
ungeliebt blieb, und monarchistische Gefhle in weiten Kreisen der
Rechten sich zh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in
weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der
Studentenschaft.

Dabei spielte das "Vlkische", immer in unvermeidlicher Verquickung
mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine
besondere Rolle.  Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen
schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts ber 50%
der Studentenschaft stellte.

So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines
Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin
besuchte.  Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war
Richard Winners, der mir gleich einiges ber den Verein erzhlte,
aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war.  Winners, aus
westflischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem
Seminar Friedrich Meineskes.  Er war dann auch Herausgeber des
Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei.  Vorsitzender des
Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Mllerburg, und
weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der
Jurist Kurt Kronheim, die Nationalkonomen Alfred Tismer und Gaedecke,
Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen
Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge
und Lotte Kronheim.

Fr die wchentlichen Zusammenknfte im Demokratischen Klub wurden
oft demokratische Politiker und andere zu Vortrgen gebeten,
dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion,
auf die man sich vorbereiten sollte.  Es war hochinteressant,
anregend und eine gute Schule.  Danach konnte man noch ins Restaurant
des Demokratischen Klubs gehen und sa dann manchmal zu einem Bier
mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen
Klubmitgliedern.

Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer
Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwlf, wanderten
von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende
Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung
und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.

Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen
Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus
einem besonderen Zusammenhang ergeben.  Die Studenten einer
Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft
zusammengefat, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen
Studentenschaft.  Diese war nach 1918 unter Fhrung von
zurckkehrenden Frontsoldaten gegrndet worden, unter ihnen auch
republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke,
ideologisch noch prominenter fr lange Zeit Werner Mahrholz und z.B.
auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach.  Aber die alten
studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben
ihre vlkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutschvlkische
Gruppen.

Beschrnkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf
"vlkisch"deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschlu
jdischer Studenten.  Die Verfassungen muten aber von den
zustndigen Lnderregierungen besttigt werden, es sollte sich ja um
ffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die
Selbstverwaltung staatlich gefrderter Studentenhilfseinrichtungen
wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte.  Die
Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen
Studentenfhrungen und den Regierungen, voran dem Preuischen
Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin.  Die Studentenschaft
hatte fr Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm
festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche
Staatsbrger waren, angenommen, aber fr das "Grodeutsche Prinzip",
auf dem sie bestehen wollten, da sterreichische und
auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein knnten, wollten sie
das auf "deutsche Abstammung" beschrnken unter Ausschlu von
Studenten jdischer Abstammung.

Die Fhrung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Hnden der
rechtsgerichteten Korporationen, blieb darber in stndigem Konflikt,
besonders mit der preuischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich
rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen
Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche
Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph,
und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit
sterreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei
sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur
solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.

Dieser Konflikt beschftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen,
sondern auch Parlament und Tagespresse.  Es war mir somit vor
Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, da ich, deutschjdischer
Herkunft aus PolnischOberschlesien, zu dem umstrittenen
Personenkreis fr Aufnahme in die Studentenschaft gehren wrde und
stellte Antrag fr Aufnahme gleich bei Semesterbeginn.  Mir wurde
zunchst gesagt, meine Aufnahme wrde den Prinzipien der
Studentenschaft widersprechen, aber ich wrde Bescheid bekommen.

Wenig spter erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die
Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr.
Wegscheider im preuischen Landtag zu melden.  Ich traf eine sehr
resolute, ltere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie
sagte, sie htte ber mich gehrt (6), und fragte, ob ich Aufnahme in
die Studentenschaft beantragt htte, und da ich schon auf Bescheid
wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte
ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto
Benecke melden, dem Presseschef im Preuischen Kultusministerium.
Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im
preuischen Kultusministerium.  Nach einiger Zeit wurde ich zur
Studentenschaft gebeten.  Der Schriftfhrer Walther Nothis, der
konservativkatholischen Verbindung CV angehrend, besttigte meine
Aufnahme, die vorherige Ablehnung wre ein Irrtum gewesen (7).

Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit
dem preuischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromi.
Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften
in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft
daraufhin vom Ministerium aufgelst.  Meine Mitgliedschaft whrte
also nicht lange.

Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen
fr die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten
studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben,
unabhngig von den rechstradikalen, politischen Aktivitten der
Deutschen Studentenschaft entwickelt.  Sie sollten weiter bestehen,
unabhngige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewhlt, auf
gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V.
mit Sitz in Dresden zusammengefat.  Die Wirtschaftseinrichtungen
wurden von manchen aktiven oder frheren Studentenschaftsfunktionren
gefhrt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil
halb oder sogar vollberuflich dort ttig waren.  Es hatte sich also
eine eigene personelle Struktur fr diese Wirtschaftseinrichtungen
entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben
konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei
Auflsung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der
Fortfhrung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den
Landesbehrden interessiert waren.

Schon im Laufe des Konflikts in Preuen hatte es auerhalb Preuens
in Heidelberg 1926 einen Beschlu des Studentenschaftsparlament(Asta)
gegeben, aus der Verfassung die strittigen vlkischen Bestimmungen
herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die
eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft
anzustreben.  Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger
Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten
Hoeber an diesen Beschlssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag
der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt
mitvertreten(8).

Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen
Studentenschaft ausgeschlossen.  Die Leipziger Studentenschaft war
auch nahe dran.  Anschlieend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun
von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Grndung einer
Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den
nchsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.

An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die
Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rckseite der
Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die
Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht.
An allen preuischen Hochschulen grndete die gesamtdeutsche Deutsche
Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg
nannte sie sich "Grodeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort
mit demselben Vorstand und Ausschssen, Programmen und Propaganda.
An der Universitt Berlin zum Beispiel waren republikanische
Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber
sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei
Auflsung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen
vertreten.  An unserer TH waren sie nicht vertreten.  Die
Wirtschaftsorganisationen brauchten natrlich weiter
Studentenvertreter fr ihre Gremien.  Die erste wichtige Aufgabe war
lokal fr die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu
verhindern, da die neue Grodeutsche Studentenschaft einfach in den
Funktionen der alten aufgelsten Studentenschaft fortfahren knnte.
Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und
mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegrndet.  Die
Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder
sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers
veranlat werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten
auch in die Auschsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Bros
in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.

Diese Bros schufen natrlich eine deutliche Prsenz fr die
republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preuischen
Hochschulen so ergab.  Die Mitgliedsvereine muten Krfte nicht nur
fr die bliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe
und gegenber dem Rektor bereitstellen, sondern auch fr Abhaltung
von Brostunden.  Bei der Grndung war der Sohn eines prominenten
Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund,
und ltere Semester von FWV und KC fhrend beteiligt, aber
Schlesinger erkrankte; ich bernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender
dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere
Semester.  Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC
und spter der Sozialist Ahrens.

Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner
grten berraschung ein noch viel weitergehendes Engagement.  Nichts
ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen
Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, da
Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben mu, er wurde von einer bekannten
Privatbank beauftragt, eine Methode fr Errechnung der "Goldpunkte"
auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wre dann zuviel.

Ich hatte mich hufig an Debatten beteiligt und zu den meisten
politischen Themen etwas zu sagen gehabt.  Die magebenden Mitglieder
hielten mich fr den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals
plausiblen Nachfolger.  Die Pltzlichkeit erschreckte mich, ich war
bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem
Stand den Vorsitz zu bernehmen war zuviel.  Mllerburg, Tismer,
Winners u.a. versprachen vollste Untersttzung, nun mute man auch
noch sehen, wie man die brigen Vorstands und anderen Mitglieder
dazu bringen konnte, aber ich wurde gewhlt und trat das Amt mit
einigen Zweifeln und ngsten an, fhlte mich aber bald wie ein Fisch
im Wasser.

Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt
hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung,
die Kontakte und Reprsentanz, in Liaison mit der Demokratischen
Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den
Hochschullehrern, die ihr nahestanden.  Sie gehrten teilweise zu der
Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor
Heuss als einer der aktivsten Sttzen, der Geschftsfhrer war
Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmige
Besuche in seinem Bro gehrten zur Routine meines neuen Amts.  Dann
waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen
auch angehrten und schlielich Kontakt mit den gleichgesinnten
Zeitungen.  Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen
Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort ber
Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen
in der Studentenschaft hatten.  Besonders Werner Mahrholz galt als so
etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der
Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nchste.  Die Besuche
bei beiden waren fr mich besonders wichtig und anregend.

Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue
Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden.  Wir Studenten muten an
den Vorbereitungen fr die Partei mithelfen, Wahlversammlungen
besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben.  Die Wahl
wurde ein groer Erfolg fr die republikanischen Parteien, und man
teilte das Hochgefhl einer beginnenden politischen Sicherheit fr
die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete.  Es bildete
sich eine Reichsregierung der Groen Koalition unter dem
Sozialdemokraten Hermann Mller und als Auenminister dem
Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler.  Die
Demokraten waren vertreten durch ihren Parteifhrer Erich KochWeser
(Justiz) und Hermann Dietrich (Ernhrung).  Dies ging zusammen mit
einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und
aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom
Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der
Republik zu Hilfe zu kommen.  Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor
die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwlf
Mandate.  Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden
Regierung der Groen Koalition strkten auch die Stellung unserer
republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben.  Es war
eben nicht mehr nur der preuische Kultusminister, der hinter uns
stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war fr die Republik und
auch die beiden greren republikfeindlichen Parteien, die
Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu
bestellen.

Ein besonderes Anliegen, das ich versprte, war Kontakt mit dem
Verein fr das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jhrliche
Pfingsttagungen mit groer Beteiligung der Schul und studentischen
Jugend abhielt.  Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde
gingen dorthin.  Der VDA war damals schon stark auf die
Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz
lagen.  Der Anhngerkreis rekrutierte sich aber stark aus
rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus
Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war,
meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache.
Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher
wnschenswert.  Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren
fr Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner
schriftstellerischen und journalistischen Ttigkeit interessiert, und
mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der
Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen.  Ich meldete mich vorher bei
der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdSTer Neumann
geleitet wurde, erklrte, wer ich bin und da ich teilnehmen wrde.

Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin.  In meinem Abteil saen drei
VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die
Stimmung war antagonistisch.  Auf einer der Haltestellen kam ein
anderer Student dazu und setzte sich mir gegenber; wir hatten eine
sehr angeregte und auch recht persnliche Unterhaltung.  Man konnte
mit ihm sehr vernnftig ber viele politische und weltanschauliche
Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegenstzlich
waren.  Es stellte sich bald heraus, da der mir gegenber sitzende
Zusteiger Hermann Prbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen
Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich.
Er schien ein recht gemigter Mann im Fhrungsgremium der Deutschen
Studentenschaft zu sein.  Abgesehen von einer wirklich interessanten
und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der
Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlst.
Ich habe nie erfahren, ob er zufllig zustieg. Erst nach beinahe zwei
Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.

Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee,
sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend,
aber es war nicht wirklich interessant.  Die Formen der
Studententagung waren konventionell, ein groer Kommers als Hhepunkt.
Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als
nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem
Lied "SchleswigHolstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten
mich herausreien.  Das war es also "von der Etsch bis an den Belt".
Gehrte das mit Dnemark auch zum Katalog der Revision des Versailler
Vertrages?  Pltzlich kam mir die Unterhaltung ber die Kaiserpfalz
von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und
wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?

Nach meiner Rckkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA,
wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar ber die Tagung zu geben.
Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht
gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form
des Kommerses verleitet dazu.  Eine zeitgemere Form wre besser,
zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung.
Er notierte das.

Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im
Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft
der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit
Sitz im neugebildeten Hauptausschu.  In der ersten Sitzung war ich
dafr, die Grndungserklrung so zu halten, da ein Weg offen blieb
fr Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der
praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit.  Meine Einstellung
war beeinflut davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt
hatten.  Mir schien immer wesentlich, eine Brcke zu den Gemigten
im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance fr eine
Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu
dem Gremium, das da beisammen war, gehrten auch ltere, frhere
republikanische Studentenfhrer, die im ersten Jahr des Deutschen
Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen.  Ich blieb aber
ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann whrend
unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklrung der

Deutschen Studentenschaft zur Grndung unseres Verbands
verffentlicht wurde, da war jede Migung vom Tisch.  Einer unserer
lteren Mentoren, HansHelmuth Preuss(9), wandte sich etwas hhnisch
zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im
Stich".

Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist
mir auch fr politsche Eindrcke in Erinnerung geblieben.  Es war ja
grade erst nach den fr die Sozialdemokraten und die Republik so
erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von
Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hren.  Mein
Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen
Parteiorganisation miterlebt.  Es gab mir aber einen neuen Einblick
ber deutschjdische Beziehungen.  Er machte durchaus einen
Unterschied daraus, da ich jdisch war.  Er grenzte es ganz scharf
ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon
damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten
jdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in
seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden,
sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein
Raum fr die Art von Tabu, das jdische Assmilation oft errichten zu
wollen schien.  Mir war das recht so.  Im Grunde genommen hat es mir
geholfen, sptere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in
Studentenversammlungen an der TH mit grerem Gleichmut zu ertragen.

Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen
Aktivitt.  Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfltige
Reihe von Vortragenden bei den wchentlichen Zusammenknften.  Einmal
hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen
Vortrag besprechen.  So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein
richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemtlich, wo man sich unterhielt, er
bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit grer und schwerer als
ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit
der Rckfahrt vertrug.

In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegenstze und
Spannungen zwischen linken und rechten Flgeln, das machte sich auch
beim Studentenbund bemerkbar.  Der demokratische
Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Prsident des Hansabundes,
eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er
galt als Inhaber der grten Zahl von Aufsichtsratsitzen in
Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten
Flgel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte groes Interesse
fr unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden.  Der
Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber
Einflsse von Wirtschaftsverbnden waren nicht populr.  Da war schon
viel mehr Sympathie fr Anton Erkelenz, Gewerkschaftsfhrer.  Eine
groe Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden,
und als die ihm nchsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und
Gertrud Bumer, die auch bei uns sprach.

Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flgel
der Partei gehrten, sie waren betont national in der Auenpolitik,
wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich,
also eher rechts, ohne da dies von der wirtschaftspolitischen Seite
her kam.  Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einflu (10) in
Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der
Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts.  Auch Dr. Ludwig
Haas, als alter sddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener
Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jdisch und ein KCer.

Die Geister schieden sich damals vehement an einer gespenstischen
Frage: dem Bau des Panzerkreuzers "A".  Unter den Beschrnkungen des
Versailler Vertrages fr deutsche Rstung war der Bau von vier solchen
Schiffen erlaubt.  Die neue Regierung der Groen Koalition hatte von
der vorherigen den Beschlu zum Bau geerbt, und als dies in den Etat
aufzunehmen war, entstand starke Opposition innerhalb der
sozialdemokratischen Partei und auch bei Teilen der Demokraten.  Die
Polemik und Presseagitation nahm Ausmae an, die meinem Gefhl nach
in keinem Verhltnis zum wirklichen Gewicht der Sache standen.  Der
Kampf darber hatte eine lhmende Wirkung im Gefge der Groen
Koalition.  Auch in unserem Studentenbund gab es Gegenstze darber,
wie die Demokratische Partei sich dazu stellen sollte.  Ich fand, da
der Versailler Vertrag das vorsah, sollte der Panzerkreuzer gebaut
werden und die Demokraten mit Zentrum und Deutscher Volkspartei dafr
stimmen.  Es gab auch verantwortliche sozialdemokratische Politiker,
die dafr stimmen wollten (12).

Im Studentenbund war ich allerdings in der Minderheit damit.  Im
November 1928 fuhren wir nach Frankfurt zu einer Tagung des
Reichsbunds Deutscher Demokratischer Studenten, wo diese Frage auch
eine gewaltige Rolle spielte und ebenso dann auf einer Sitzung des
Parteiausschues, an der ich als einer der Studentenvertreter
teilnahm (13).  Der demokratische Parteiausschu war vollkommen
gespalten um den Panzerkreuzer; ich erinnere mich am strksten an das
Auftreten von Dietrich dabei(14), und mir ist das alles so lebhaft in
Erinnerung, weil es mich irritierte, da ich eine so verschiedene
Meinung von vielen meiner guten Freunde im Studentenbund hatte, auch
wenn ich nicht ganz allein damit stand.

Aus heutiger Sicht wird dieses Argument um den Bau des Panzerkreuzers
A mit den deutschen Zielen fr Revision der deutschen Ostgrenzen mit
Polen und diese schon damals als virulent angesehen (15).  Man kann
heute aus unterdessen verffentlichen Akten herauslesen (16), da
diese Revisionsziele bei manchen deutschen Amtsstellen und Politikern
immer eine Rolle spielten, aber die Spuren, die einem heute aus den
Akten in die Augen springen, geben meiner Erinnerung nach nicht ein
wirkliches Bild des Klimas in der ffentlichkeit der spten 1920er
Jahre.

Diese Frage der Ostgrenzen gehrte doch damals nicht zu einem
politischen Aktionsprogramm, sie war ein "Vorbehalt".  Deutschland
war schwach, Ruhrbesetzung und Inflation gerade berstanden, das
Hauptthema der Gegner der "Erfllungspolitik" der Weimarer Parteien,
auf die Stresemann und seine Partei eingeschwenkt waren, war die Last
der Reparationen.  Frankreich, Polen und die Kleine Entente waren
militrisch unvergleichlich strker als die Weimarer Republik.  Das
Argument, da der Panzerkreuzer als eines der im Versailler Vertrag
erlaubten Verteidigungsmittel dann auch gebaut werden sollte, schien
plausibel.

Die deutschen Vorbehalte ber die Ostgrenzen waren publizistisch
hochgespielt worden, um den Locarno Westpakt der deutschen Rechten
mehr schmackhaft zu machen.  Die Linke ergriff Aktion gegen den
Panzerkreuzer, aber nahm nicht entscheidend Stellung gegen Wnsche
nach Revision der Ostgrenzen, was wirklich der Kern der Sache gewesen
wre, wenn man dem Bau dieses Panzerkreuzers einen aggressiven
Anstrich beima.  Die Frage der Ostgrenzen aber war ein heies Eisen,
sie war eher Tabu, man wollte sie nicht wirklich in den Bereich
ernster ffentlicher Diskussion bringen.  Nachdem Hitler 1939 die
Bevlkerung ber diese Frage der deutschpolnischen Grenzen in den 2.
Weltkrieg fhren konnte, wird einem klar, welche fatalen Wirkungen
manchmal auch solche "Vorbehalte" haben knnen, wenn sie zu oft und
lange genug gemacht werden.


Auch in der damaligen Stimmung in Oberschlesien lag die Idee einer
Rckkehr des abgetretenen Gebiets sehr fern.  Die deutsche Minderheit
war in einem andauernden Kampf um die Behauptung ihrer
Minderheitsrechte auf Defensive ausgerichtet, und das waren die
motivierenden Gesichtspunkte des tglichen Lebens.

Als KarlHeinz Lubowsksi in Krakau studierte, trat er dort auch dem
Verband deutscher Studenten bei, und durch ihn lernte ich auch dessen
damaligen Vorsitzenden Jobst v. Idendorff kennen, mit dem er sich sehr
angefreundet hatte.  Wendorff stand politisch auf der deutschen
Rechten, war sehr intelligent und recht vorurteilslos.  Scherzend
betonte er mir gegenber immer, da sein mecklenburgischer Verwandter
ja Demokrat und preuischer Landwirtschaftsminister im Kabinett Braun
war.

Es war interessant, die verschiedenen Stimmungen unter diesen
deutschen Studenten in Polen zu beobachten.  Sie waren ja dauernd den
Polen, polnischer Kultur und Geschichtsvorstellungen nahe, das
tgliche Leben sozusagen in sie eingebunden.  Manche von ihnen kamen
aus deutschen Siedlungsinseln im Innern Polens, z.B. Lodz oder
Ostgalizien.  Ihre Existenz als Deutsche in Polen hatte also damals
nichts direkt zu tun mit deutschen Wnschen nach Revision der
Versailler Ostgrenzen.  Sie waren in einer typischen deutschen
Minderheitssituation.  Es hie aber nicht, da sich unter ihnen nicht
manchmal die radikalsten deutschen Nationalisten fanden (17).

Um nun von der Betrachtung mehr schicksalsvoller Fragen zu meinen
Erinnerungen an den demokratischen Studentenbund zurckzukehren, es
gab dort auch gesellschaftliche Veranstaltungen.  So hatten wir ein
Sommerfest drauen im Westen, als Redner hatte ich Gertrud Bumer
gewonnen, man mute sie dort an einem Bus abholen, mit mir machen
wollte das Gabriele Mller.  Sie war die Schwester der
Filmschauspielerin Renate Mller, deren Vater beim Berliner Tageblatt
war.  Gabriele war berhaupt ein sehr eifriges und ehrgeiziges
Mitglied unseres Studentenbunds, wo wir also nicht nur Talent sondern
auch Charme versammelt hatten (18).

Im Wintersemester gab es dann den jhrlichen Ball im Kaiserhof, den
ich damals mit vorbereiten und erffnen mute.  Es waren alle
demokratischen Minister gekommen, und viele andere prominente Freunde.
Die Damenrede sollte Dr. E. Willy Hellpach halten, der grade von
einer Operation ins politische Leben zurckgekehrt war, wozu ich ihn
bei der Einfhrung herzlich beglckwnschte.  Er dankte dafr
berschwenglich (19), und ich hatte mit ihm seitdem guten Kontakt.
Die Abfassung eines kleinen Theaterstcks war dem im linken Flgel
stehenden Berthold Weinberg berlassen worden, es wurde eifrig dafr
geprobt, ich hatte es nicht gesehen.  Das Theaterstck erregte den
Unwillen von KochWeser und die Minister verlieen bald nach der
Auffhrung unseren Ball.

Kurz darauf bat mich Oskar Meyer in den Reichstag.  Er war ein guter
Freund unseres Studentenbunds geworden, und wollte mir sagen, da es
nicht richtig war, KochWeser als schlafenden Minister darzustellen,
und ihn dann die Visionen haben zu lassen, die man auf linker Seite
bei uns ber die Entwicklung der Weimarer Republik hatte.  Ich war
erstaunt ber die Empfindlichkeit, hatte den frhen geschlossenen
Aufbruch einiger Gste als unerfreulich empfunden, aber nicht als so
ernst, wie er anscheinend gemeint war.  Oskar Meyer setzte noch hinzu,
das Stck wre ja auch schlecht geschrieben gewesen und "es war
nicht einmal gereimt." Das schien mir eine erstaunliche Bemerkung.
Als ob das anscheinend politische Odium des Stckes dadurch gelindert
gewesen wre, wenn es besser geschrieben und gereimt war.  Vielleicht
hatte er recht.  Zum Schlu des Semesters gab ich den Vorsitz im
Berliner demokratischen Studentenbund ab, da ich in den Vorstand des
Deutschen Studentenverbands gewhlt werden sollte, und damit begann
noch ein neues Kapitel in meiner hochschulpolitischen Ttigkeit.  In
studentischen Organisationen war ja die zeitliche Begrenzung der
Ttigkeit des Einzelnen ein zwingendes Merkmal.  Das Studium war an
sich begrenzt in Zeit, oder sollte es sein, und Examenszwnge kamen
auch whrend des Studiums oft dazwischen, so finden wir einen steten
Wechsel in der Mitarbeiterschaft.

Im ersten nur dreikpfigen Vorstand des DStV waren Heinz Ollendorf
(FWV) als Vorsitzender, Kurt Berlowitz (Sozialist) und Wolfram
Mllerburg (Demokrat).  Im neuen fnfkpfigen Vorstand muten die
Gewichte anders, den Krfteverhltnissen entsprechend verteilt werden.
Die Sozialistische Studentenschaft war die bei weitem strkste der
republikanischen Studentengruppen, und ihr Vorsitzender Kurt
Berlowitz bernahm den Vorsitz im DStV, und sie erhielten noch einen
weiteren Sitz mit Gerhard Geisler aus Leipzig.  Die sehr aktive
sozialistische Studentengruppe dort galt als ziemlich linksstehend.
Geissler hatte ein sehr starkes Verhltnis zu den Aufgaben der
studentischen Selbstverwaltung, die im Studentenverband auch sein
Ressort wurden.  Einer wichtigen Entwicklung mute bei der
Vorstandsumbildung Ausdruck gegeben werden:

Der Verband der Zentrumsstudenten hatte beschlossen. dem Deutschen
Studentenverband beizutreten, ihr Vorsitzender Felix Raddatz kam in
den Vorstand.  Er wurde ein wirklicher Eckpfeiler der
republikanischen Studentenorganisation, und ich habe ihn sehr
geschtzt.  Die Zentrumsstudenten standen in ihrer Partei
verhltismig links, ganz anders als die katholischen Korporationen
CV und KV, die nur sehr langsam ihre Verbindung zur Deutschen
Studentenschaft lsten.  Felix Raddatz, etwas lteren Semesters, war
mit dem katholischen Sozialfrsorgewerk des Dr. Sonnenschein
verbunden gewesen.  Je ein Sitz sollte den Demokraten und den
freiheitlichen Korporationen zukommen.  Die Demokraten waren bereit,
den in Auslandsbeziehungen und fremden Sprachen besonders erfahrenen
Joachim Joesten, ein Mitglied des Demokratischen Studentenbunds
Berlin, in den Vorstand zu entsenden, wo er dann ein Auslandsamt des
Deutschen Studentenverbands aufbauen sollte und das auch sehr
erfolgreich tat.  Er machte es aber zur Bedingung, da er sich nicht
mit Vertretung der Interessen der Demokraten den anderen
Mitgliedsorganisationen gegenber und auch mit allgemeinen
hochschulpolitischen Fragen nicht befassen mu.  Er hatte ja auch in
der demokratischen Studentenorganisation nie eine Stellung bekleidet
oder sich mit solchen Sachen beschftigt.

Dem sollte damit abgeholfen werden, da ich als Mitglied der FWV
Vertreter der freiheitlichen Verbindungen werde und dabei dann auch
die spezifischen Interessen des Reichsbundes Demokratischer Studenten
wahrnehmen wrde, dessen grte Ortsgruppe, die Berliner, ich ja fr
ein Jahr grade geleitet hatte.  Von den freiheitlichen Verbindungen
war auer der FWV hauptschlich der KC im Deutschen Studentenverband
ttig und im Hauptausschu vertreten und stimmte gegen meine Wahl in
den Vorstand (20).

Mein Vorstandsamt im Deutschen Studentenverband lief nur vom Frhjahr
1929 bis wir dann den 1.Republikanischen Studententag im Januar 1930
veranstalteten.  Es war eine erfllte und aufregende Zeit fr mich,
in sehr guter Zusammenarbeit mit den anderen Vorstandsmitgliedern.
Ich hatte, was wir das "Innenamt" nannten, den Kontakt mit allen
Ortsgruppen an den verschiedenen Hochschulen, und den Kreisleitern
und Ausschssen, in denen sie zusammengefat wurden.  Es gab in
diesen Kreis und Ortsgruppenfhrungen starke und eindrucksvolle
junge Persnlichkeiten, zum Teil schon durch Hauptausschuitzungen
des Verbandes in Berlin bekannt, der Kontakt von Berlin wurde durch
hufige Rundschreiben aufrecht erhalten, Kreistage wurden
veranstaltet und besucht (21).

Im DStV wurden auch die entsprechenden sterreichischen
Studentengruppen Mitglieder.  Besonders die Sozialistische
Studentenschaft hatte eine sehr starke und aktive Mitgliedsgruppe in
Wien, es gab auch eine Freiheitliche Gruppe dort, und es schien
selbstverstndlich, da die republikanischen Studenten sich auch auf
grodeutscher Basis organisieren wrden, wie es die Deutsche
Studentenschaft war.  hnliche Gruppen an den deutschen
Hochschulen in Prag und Brnn sollten auch in den Deutschen
Studentenverband einbezogen werden, der so zeigte, da er sich dieser
auerhalb Deutschlands lebenden Deutschen durchaus bewut war und von
seinem politischen Standpunkt eine Haltung und Lsungen dazu
entwickeln wollte.

So wurde dem Innenamt im Vorstand noch ein Grenzlandamt angegliedert.
Anfang Mai 1929 hielten wir eine Grenzlandtagung in Dresden
gemeinsam mit den "Lese und Redehallen der Deutschen Studenten" von
Prag und Brnn ab (22).  Das waren schon alte Institutionen
freiheitlicher Studenten, also mit der deutschsprachigen liberalen
Prager Kulturszene verwandt.  Dazu kamen noch sozialistische
Vertreter.  Unsere Tagung, stark besucht und recht reprsentativ im
Weien Hirsch aufgezogen, war eine Notwendigkeit fr eine lebendige
Eingliederung der Prager und Brnner Gruppen und war auf dem Programm
unseres Vorstands.  Fr mich traf es sich mit dem lebhaften Interesse
an der Problematik und Bewegung der Minderheiten in Europa, das ich
von meiner oberschlesischen Heimat her hatte (23).

Die DStV Gruppe an der TH Dresden und auch der demokratische
Studentenbund, von Helmut Eichler geleitet, bereitete die Tagung gut
vor, und sie strkte auch seine Stellung in Dresden, wo es in der
Studentenschaft der TH ebenso wie in Leipzig auch Strmungen fr
Distanzierung von der Deutschen Studentenschaft gab.  Von dieser
wurde nach 1927 auch die zentrale Organisation fr die studentische
Wirtschafthilfe abgetrennt, das Deutsche Studentenwerk mit Sitz in
Dresden, und die Tagung gab uns auch willkommene Gelegenheit fr
engeren Kontakt mit fhrenden Leuten im Studentenwerk(24).

Danach kam Pfingsten, immer eine schne Zeit fr politische Jugend
und Studententagungen.  Die Jungdemokraten hatten ihre Jahrestagung
in Worms als ein deutschfranzsisches Jugendtreffen mit der
Jugendorganisation der franzsischen Radikalsozialistischen Partei
Herriots.  Die demokratischen Studenten beteiligten sich mit ihrer
Jahresversammlung aller Mitgliedsgruppen und auf franzsischer Seite
entsprach dem die "Ligue d'Action..."unter Fhrung von Pierre
MendsFrance.  Auf der Sitzung des Reichsbunds demokratischer
Studenten sollte Joachim Joesten als demokratischer Vertreter ber
die Arbeit des Deutschen Studentenverbands berichten.

Ich selbst wollte wieder die Pfingsttagung des VDA, diesmal in Kiel,
besuchen.  Der Leiter des DStV in Kiel war Helmuth Spiegel, er fhrte
auch die Sozialistische Studentengruppe und beteiligte sich auch
aktiv beim VDA in Kiel.  Sein Vater, Rechtsanwalt und altverdienter
Sozialdemokrat, war damals Stadtverordnetenvorsteher von Kiel.  Meine
vorjhrige Unterhaltung mit Neumann hatte anscheinend Eindruck
gemacht.  Im Mittelpunkt der Studententagung stand nicht mehr ein
Festkommers, sondern eine Art Akademie in einer Kapelle, mit Vortrag
des bekannten Berliner Historikers PflugHartung und mit
Kammermusikumrahmung.  Abends gab es einen Vortrag des eindeutig auf
republikanischer Seite stehenden Schriftstellers Walter v.  Molo ber
"Dichtkunst und Volkstum".  Da hatte sich doch das Blatt etwas
gewendet.

Es war eben die Zeit, als die Regierung der Groen Koalition noch
intakt war, die Republik zunehmend an Achtung und Strke zu gewinnen
schien.  Helmuth Spiegel wollte eine Anzahl republikanischer
Studenten aus umliegenden Hochschulen zur Teilnahme gewinnen, und
auch unser norddeutscher Kreisleiter Kreye aus Hamburg, ein linker
Sozialist, kam.  Kurz vor meiner Abreise nach Kiel ergab sich eine
Komplikation: Joachim Joesten weigerte sich nach Worms zu kommen und
die ihm dort zugedachte Rolle zu bernehmen.  Mllerburg bat mich,
meine Plne fr Kiel aufzugeben und statt dessen nach Worms zu kommen,
unser Studententag wrde erwarten, von einem Vorstandsmitglied des
Deutschen Studentenverbands aus erster Hand einen Bericht zu bekommen.
Diese Sitzung sollte erst am Pfingstmontag stattfinden.  Wir
verabredeten, wenn ich wirklich dabei sein mu, wrde er ein
Telegramm nach Kiel schikken, und er versprach, sein Bestes zu tun,
das zu vermeiden.  So fuhr ich also nach Kiel, die Spiegels hatten
ein sehr gastliches Haus, viele sozialdemokratische Prominente hatten
sich im Gstebuch eingetragen, wir waren nun eine ganze Anzahl
republikanischer Studenten beisammen.  Es gab einen Republikanischen
Akademikerklub in Kiel, der fr uns einen Begrungsabend
veranstaltete, ich mute ber den Deutschen Studentenverband sprechen.

Es gab mehrere angesehene republikanische Hochschullehrer in Kiel:
Baumgarten, Schcking, Tnnies, Kantorowicz u.a.  Die VDA Tagung lie
sich auch interessant an, ich traf ja auch Bekannte aus Kattowitz,
darunter Otto Ulitz und die alte Familienfreundin Rosa Speier, und
natrlich traf ich auch Werner Mahrholz, dem der so viel besser
republikanische Anstrich dieser Kieler VDA Tagung auch sehr zusagte.
Bei der Studententagung gab es aber doch noch einen peinlichen Miton.
Wir saen alle zusammen in dem Kirchenschiff, als Dr. PflugHartung
seinen Vortrag hielt und eine scharf gegen die Weimarer Republik
gerichtete uerung nach der anderen von ihm zu hren war.  Es wurde
immer ungemtlicher, Kreye neben mir zupfte an meinem rmel, wir
guckten uns alle an, und schlielich beschlo ich, aufzustehen und
den Saal zu verlassen.  So taten acht bis zehn von uns hinter mir,
wie wir da herausdefilierten.  Das war eigentlich schade, die Form
der Veranstaltung gut gedacht, der fr den Abend geplante Vortrag
Walter v.  Molo's ebenso, aber ich hatte keine Wahl, so ausfllig war
Pflug Hartung geworden.

Am Samstagabend kam Mllerburgs Telegram, das mich um Hilfe fr
Montagmorgen in Worms bat.  Ich nahm es mit sehr gemischten Gefhlen
auf.  Am Pfingstsonntagmorgen packte ich meinen Koffer, gab ihn nach
Worms auf und ging nur mit meiner Aktentasche voll mit Papieren,
Waschzeug, Pyjama etc. zur Morgenfeier der VDA Tagung auf die
Festwiese.  Dort sah ich Werner Mahrholz, er stand mit dem
demokratischen Reichstagsabgeordneten, dem frheren
Reichsinnenminister Klz, der sich auch fr den VDA interessierte, am
Rande der Festwiese.  Mahrholz winkte mir zu, und ich stand dann dort
mit den beiden, aber vor dem Ende mute ich gehen, um meinen Zug nach
Worms zu erreichen, was ich Mahrholz auch erklren wollte.  Am
nchsten Morgen war ich in Worms.

Der Jungdemokratentag war auch ein frhliches Treiben, aber ich mute
sofort zur Sitzung der Studententagung; es war eine recht groe
Versammlung aus allen Teilen Deutschlands und gut, so viele
wiederzusehen oder kennenzulernen.  Es sind mir viele in guter
Erinnerung geblieben, Hamburg, Mnchen, Marburg, Kln.  Es war ganz
klar, sie wollten wirklich ber den Deutschen Studentenverband
sprechen und hatten was zu sagen.  Zum Schlu wurde ich zum
stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbunds der demokratischen
Studenten gewhlt.  Nach unseren Sitzungen nahm ich noch teil an
einer Zusammenkunft mit den franzsischen radikalsozialistischen
Studenten ber Plne fr weitere Zusammenarbeit.  Ich sa Pierre
MendsFrance gegenber.

Danach kam eine Rheinfahrt von Besuchern der Jugend und der
Studententagungen, an der ich nun auch teilnahm, und auch spter in
der Woche an einem Westdeutschen Kreistag des DStV in Kln.  Die
Rheinfahrt von Mainz nach Knigswinter war wirklich schn.  Als
strkste Persnlichkeit unter den Jungdemokraten auf dieser
Rheinfahrt ist mir der Hamburger Erich Lth in Erinnerung geblieben,
von groer Vitalitt, etwas wild, er hat ja auch im politischen Leben
der jungen Bundesrepublik sich wieder einen Namen gemacht.  Mit Hans
Fest und Paul Freitag von der Hamburger Studentengruppe verstand ich
mich besonders gut, und dann war dort noch Tantzen aus Gttingen, der
"junge" im Gegensatz zu seinem Vater, der demokratischer
Reichtstagsabgeordneter, ein oldenburgischer Bauernfhrer und dort
Ministerprsident war.  Der Sohn war ein sehr begeisteter und
ungestmer Kmpfer fr die republikanische Sache, reprsentierte die
Demokraten und den DStV in Gttingen.

Er hatte sich mehrfach bei uns in Berlin ber die Gttinger
Universitt, Rektor und vor allem den Kurator Schulz beschwert, die
es weiter zulieen, da die Deutsche Studentenschaft mit ihren
Anschlagbrettern als die offizielle Studentenvertretung auftrat.  Zu
meinen Aufgaben im "Innenamt" des DStV gehrte laufender Kontakt mit
dem preuischen Kultusministerium, vor allem mit Ministerialrat Leist,
auch in solchen Fragen.  Der Kurator hatte Leist gegenber alle
Anschuldigungen Tantzens zurckgewiesen und ihn als einen Krakehler
bezeichnet.  Leist meinte, jemand sollte doch mal hinfahren und ihm
berichten.  Tantzen hatte das selbst schon gefordert und auf der
Rheinfahrt berredete er mich, nach der Klner Kreistagung auf dem
Rckweg nach Berlin mit ihm ber Gttingen zu fahren.  Meine kurze
Zeit dort teilte ich zwischen ihm, der Besichtigung der mit Recht
beanstandeten Anschlagbretter und dem alten Freund KarlHeinz
Lubowski, der sein Studium in Krakau aufgegeben und nun in Gttingen
weiter Jura studierte.  Er war oft bei Gpperts, leider war Maria
Gppert, meine so begeisternde Bekanntschaft vom vorherigen Sylvester
nicht da, die alte Frau Professor lud mich mit KarlHeinz zum Tee ein.
Zurck in Berlin, berichtete ich Ministerialrat Leist ber die
Gttinger Anschlagbretter.  Er wollte veranlassen, da der Geheimrat
Schultz seines Postens als Kurator der Universitt enthoben wrde.
So endete mein ausgedehnter Pfingstausflug in diesem so lebhaften
Sommersemester 1929.

Die Aktivitten des DStV entfalteten sich gut, berall im Reich
wurden Versammlungen und Vortragsabende unter Mitwirkung
republikanischer Hochschullehrer und Politiker veranstaltet, im Juli
1929 kam unsere neue Zeitschrift "Student und Hochschule" heraus.  In
unserem Bro lernte ich viele der jungen sich bei den
Sozialdemokraten profilierenden Politiker und Publizisten kennen, die
uns dort besuchten, darunter Adolf Reichwein, damals Pressechef des
Kultusministers Becker, Theo Haubach, Walther Pahl, Immanuel Birnbaum,
damals Korrespondent der Vossischen Zeitung in Warschau, und Rudolf
Kstermeyer, Veteran der Studentenbewegung aus Freiburg.

Da zu meinem neuen Studium juristische Vorlesungen und bungen an der
Universitt und Handelshochschule gehrten, fhrte mich mein Weg
ohnehin mehrmals die Woche ins Zentrum Berlins und eben auch in unser
DStV Bro in der Albrechtstrae gegenber dem Schiffbauerdamm.  Dazu
kam noch die Preuische Staatsbibliothek und dann war noch das Caffee
Schn (Unter den Linden).  Mein Nachfolger im Demokratischen
Studentenbund Berlin, Robert Hess, gestaltete das Leben und Programm
der Berliner Ortsgruppe sehr lebendig und hatte besondere Begabung
fr menschliche Kontakte.  Es hatte sich ein regelmiger
Mittagsstammtisch im 1.Stock des Caffee Schn gebildet, er war der
eigentliche Promotor und blieb die Seele dieser Einrichtung.  Die
Teilnehmerzahl konnte so zwischen vier und zwlf schwanken; es fing
mit uns demokratischen Studenten an, aber dann kamen auch Freunde aus
den anderen republikanischen Gruppen, auch regelmig Veteranen wie
Winners, damals Korrespondent des Christian Science Monitor, spter
bei der Chicago Herald Tribune in Berlin, sein Freund Dr. Brock, sehr
katholisch, auch bei einer auslndischen Zeitung.

Zu den besonders engen Kontakten hatte beim Demokratischen
Studentenbund der Staatssekretr im preuischen Innenministerium Dr.
Abegg gehrt, und jetzt im Deutschen Studentenverband wurde das noch
ausgesprochener.  Er war in vielem ein wichtiger Mentor.  Das
Reichsbanner SchwarzRotGold hatte im politischen Leben Deutschlands
eine immer strkere Bedeutung bekommen.  Stotrupps von
Nationalsozialisten und Kommunisten spielten eine zunehmende Rolle im
politischen Kampf.  Das Reichsbanner sollte eine Schutzbewegung
dagegen sein, und Studenten waren auch beteiligt.  Der auch zum VDST
gehrige Republikanische Studentenbund von Prinz Hubertus Lwenstein
und Walter Kolb hatte Pfingsten 1929 eine Wartburgtagung gemeinsam
mit dem Reichsbanner abgehalten und ein sddeutscher Kreistag des
DStV wurde anllich einer Reichsbannertagung abgehalten.

Am 28.Juni 1929 war der 10.Jahrestag der Unterzeichnung des
Versailler Friedensvertrags.  Die Reichsregierung, in delikaten
Verhandlungen mit den Alliierten ber eine bessere Regelung der
Reparationsfrage durch den YoungVertrag verwickelt, hatte sich jede
Demonstrationen aus diesem Anla verbeten, aber die Deutsche
Studentenschaft rief zu solchen Demonstrationen an den Universitten
auf, und es gab an der Universitt Berlin die ersten gewaltttigen
Zwischenflle.  War es zulssig, da die Polizei eingriff, trotz der
Autonomie der Hochschulen, auf der der Chirurg Dr. His als Rektor
bestand, und sich damit dem Vorwurf antirepublikanischer Haltung
aussetzte?  Auf der anderen Seite war Dr. Abegg, dem die preuische
Polizei unterstand, als eines der strksten Instrumente der Weimarer
Republik angesehen.

Am 15.Juli fand in Kiel die regelmig veranstaltete Norddeutsche
Woche statt.  Die Deutsche Studentenschaft war immer sehr prominent
dabei gewesen, auch bei den Sportveranstaltungen, und diesmal wurde
der DStV auch eingeladen.  Kurt Berlowitz und ich sollten dorthin
fahren.  Gleichzeitig sollte dann dort der Norddeutsche Kreistag des
DStV stattfinden.

Als wir bei einem Besuch bei Staatssekretr Abegg unsere Reise
erwhnten, stellte sich heraus, da sein Bruder Regierungsprsident
in SchleswigHolstein war und sozusagen der Gastgeber der Tagung.
Wir sollten uns bei ihm melden, ja er wollte veranlassen, da sein
Auto uns am Bahnhof abholt.  So kam es dann auch, eigentlich etwas zu
viel.  Die Teilnahme an der Tagung war ja eine rein reprsentative
Sache, aber der Kreistag war gut, auer Hamburg und Kiel hatten wir
auch in Greifswald und Rostock sehr lebhafte Gruppen, und das Haus
Spiegel war wieder sehr gastlich.

Auf der Rckreise standen wir im Zugkorridor nahe dem Berliner Rektor
His, der Berlowitz erkannte und uns in ein langes Gesprch
verwickelte, von Politik und Hochschule ber Probleme der heutigen
Jugend, Weltanschauung und Religion.  Es bezeugte seine tiefe
Menschlichkeit, konnte aber nicht verhindern, da man bei neuen
Studenten Unruhen in kommenden Monaten entgegengesetzter Meinung ber
Schutz fr rechtsradikale Auschreitungen durch eine
Hochschulautonomie war.  Gerade weil diese Studentenausschreitungen
in den Rahmen zunehmender Gewaltttigkeit der Stotrupps der
radikalen Parteien zu kommen schienen, durften sie nicht allein
gelassen werden.

Noch aber schien die Republik auf recht festen Fen zu stehen.  Zu
ihrem 10.Jahrestag am 11.August 1929 fanden groe Feiern statt.  Wir
gingen alle in das Stadium zum offiziellen Festakt, das Reichsbanner
trat in Strke auf, es gab keine Strungen.  Beim Rckweg im
Tiergarten zwischen Zelten und Brandenburger Tor sahen wir Carl
Severing, den Reichsinnenminister, vor uns, es war ein lebhafter
Betrieb festlich gestimmter Mengen, weit und breit war kein Schutz
oder Bewachung fr ihn zu sehen.  Wir dachten, wo knnte man das
sonst so sehen, es schien doch gut um die Republik bestellt.  Aber
das Hochgefhl dieses Tages blieb mir als Episode eben so in
Erinnerung, weil es doch schon zu dieser Zeit, kaum ein Jahr nach den
Wahlen in Mai 1928 so viel strkere Anzeichen fortwhrender Bedrohung
der Republik gab, die ich selbst auch zu spren bekam.

Ich wohnte schon fr die Ferienpraxis in Reinickendorf, im Norden
Berlins.  Die Belegschaft war ganz anders als auf dem Bau im Vorjahr,
hauptschlich junge Lehrlinge oder Praktikanten wie ich, und es war
nicht nur das sondern auch das Jahr, das vergangen war.  Es gab unter
den jungen Leuten Gruppen von Nationalsozialisten und Kommunisten und
dauernd Spannungen.  Von den kursleitenden zwei Werkmeistern war
einer deutlich in Sympathie mit seinen Nazischlern.  Die standen ja
schon unter enormem emotionellem Auftrieb und das geisterte durch die
Werkrume.  Gott sei Dank war das Arbeitsklima in der Gieerei
Jachmann, in der ich abschlo, noch normaler, Arbeiter und
Angestellte aller Altersklassen, Spannungen zwischen etwaigen Nazis
und Kommunisten kaum zu merken.  Ich war aber froh, als ich wieder
nach Charlottenburg ziehen konnte.

Die nationalsozialistische Studentengruppe an unserer TH war sehr
gewachsen, trat ungeheuer aggressiv gegen jeden auf, es war an der TH
besonders stark und rapide; in dem fanatischen, von Ha platzenden
Hammersen hatten sie einen rasanten Fhrer.  Er stand dem Dr. von
Leers nahe, gehrte also zu den Radikalsten unter den Nazis.  Die
Mehrheit der rechtsgerichteten Grodeutschen Studentenschaft war noch
immer durch die Korporationen des Waffenrings vertreten, aber die
Nationalsozialisten bauten eine eigene Studentenorganisation auf.
Die Korporationen hatten Schwierigkeiten, ein Teil ihrer Mitglieder
wurden Nazianhnger.

Im Ausschu der Wirtschaftshilfe, damals vom Chemiker Dr. Pschorr
sehr unparteiisch prsidiert, saen Korporarionsstudenten als
Vertreter der Grodeutschen Studentenschaft, die Zusammenarbeit war
sachlich.  Es wurden aber von Zeit zu Zeit Vollversammlungen aller
Studenten abgehalten, und Hammersen benutzte das fr die
Nationalsozialisten, um ganz radikale Antrge zu stellen.  Ich
stellte sofort Antrag auf Ablehnung, er wetterte gegen den "Juden
Grnfeld", Geheimrat Pschorr entzog ihm schlielich das Wort.  Die
Anhnger der Grodeutschen Studentenschaft waren gespalten, ihre
gemigteren Korporationen stimmten fr Ablehnung.  Sollte das eine
neue Entwicklung werden?

In Leopold Schwarzschild's "Das Tagebuch" drngte der demokratische
Politiker Dr. F.Friedensburg auf energischeren Kampf gegen die
Republikfeindlichkeit der Studenten, und sah die Hauptursache in den
Korporationen.  Am 31.Oktober sprach er auf einem Diskussionsabend,
der dafr vom Deutschen Republikanischen Reichsbund und der
republikanischen AltAkademikervereinigung "Der Bund" in dem
Demokratischen Klub einberufen wurde.  Es sprachen in lebhafter
Diskussion u.a.  Kultusminister Bekker, manche andere Prominente und
fr die Studenten Kurt Berlowitz.  Daher meldete ich mich nicht zum
Wort, aber als uns nachher Leopold Schwarzschild um sich versammelte,
um zu fragen, was nun gegen die Korporationen getan werden sollte, da
wies ich auf meine Erfahrung an der TH Charlottenburg hin, wo sich
als die gefhrlichsten Hauptgegner der Republik bereits die
organisierten Nationalsozialisten profiliert hatten, da also von
meiner Sicht her die grere Gefahr nun von Hitlers Bewegung kam, die
auch in manchen Korporationen als Bedrohung von auen empfunden wurde.
Das hie nicht, da ich nicht auch in Zukunft gegen die schlechten
Einflsse der Korporationen sprach oder schrieb, ja ich sollte sogar
wegen solcher uerungen noch bald einem speziellen Boykott durch
meine Schulkameraden ausgesetzt sein, aber die politische Entwicklung
hatte ich von meiner zugespitzten Erfahrung an der TH her schon
damals richtiger gesehen als die anderen Teilnehmer an der Diskussion.

Am 3.Oktober war Stresemann gestorben.  Ich erinnere mich deutlich an
das Gefhl des Verlusts und auch einer deutlichen Gefhrdung der
Republik, denn es war zu diesem Zeitpunkt er, der die Groe Koalition
zusammen zu halten schien.  Nach Locarno und BriandKellog Pakt
fhrte die Verstndigungspolitik zum Abkommen ber den Young Plan fr
die Abwicklung der Reparationen, eine Erleichterung gegenber
frheren Reglungen, aber doch neuerliche Festschreibung einer
gewaltigen Last.  Die Zustimmung zum YoungPlan durch Stresemann auf
einer ersten Haager Konferenz im August 1929 war die logische und
unausweichliche Kulmination der durch Locarno eingeleiteten
Verstndigungspolitik, ein Schlsselpunkt in der Politik der
republikanischen Parteien, einschlielich Stresemanns Deutscher
Volkspartei.  Man darf nicht vergessen, das Rheinland war noch von
alliierten Truppen besetzt.  Rheinlandrumung und Annahme des
Youngplans hingen zusammen.

Zu den deutschen Sachverstndigen, die zur Abfassung des Planes
zugezogen wurden, gehrte auch der Reichsbankprsident Dr. Hjalmar
Schacht, und er wandte sich pltzlich gegen die Annahme des Plans.

Die Deutschnationale Partei Hugenbergs leitete ein Volksbegehren
gegen die Annahme des Youngplans ein, und die Nationalsozialisten
schlossen sich an.  Es trug dazu bei, ihnen entscheidenden Auftrieb
zu geben.  Wo sie im Mai 1928 noch mit 12 Mandaten gegen 73 Mandate
der Deutschnationalen in den Reichstag gezogen waren, wurden sie nun,
schon durch die Vehemenz ihrer Propaganda, gleich lautstarke Partner
auf der Rechten.  Das Referendum am 22.Dezember 1929 ging aber fr
Annahme des Youngplans aus, die Republik hatte nochmals gewonnen.  In
einigen Kommunal und Landtagswahlen aber zeigten sich bald
beunruhigende Gewinne fr die Nationalsozialisten.  Zu den
Erinnerungen an diese turbulenten ausgehenden Monate des Jahres 1929
gehren natrlich auch die ersten Nachrichten aus New York ber
Brsenkrach und beginnende schwere amerikanische Wirtschaftskrise.
In Deutschland wurde man sich bald der ernsten Bedeutung, die das
haben wrde, bewut.  Noch aber bestand, durch den Ausgang des
Youngplan Referendums bestrkt, starke Zuversicht fr die Sache der
Weimarer Republik, und der DStV bereitete seinen 2. Studententag fr
Anfang Januar 1930 vor.

Fr den Hauptfestakt suchten wir je einen Redner der drei Parteien
oder jedenfalls der politischen Richtungen, die sie fr uns
reprsentierten.  Als Redner fr die demokratische Richtung wurde der
Historiker Friedrich Meinecke vorgeschlagen.  Berlowitz wollte das
Privileg, ihn um seinen Vortrag zu bitten, ich ging in den Reichstag
zum Prlaten Dr. Schreiber und Felix Raddatz sah den
Sozialdemokratischen Staatsrechtler Heller.

Vor dem Studententag fuhr ich fr Weihnachten und Sylvester nach
Hause.  Als ganz persnliche Erinnerung: ich wollte gleich danach
wegfahren fr die Vorbereitungen zum Studententag, da brach ein Sturm
los.  Mein Vater beklagte sich, da mein Studium zu kurz kommt, und
wozu das alles gut sei, zum Beispiel in Kiel bei der VDA Tagung htte
ich blo die Aktentasche von Herrn Klz getragen.  Er mute sich sehr
gergert haben, was unsere Freundin Rosa Speier glaubte, in Kiel
gesehen zu haben, und meinen Eltern erzhlt hatte.  Das Bild da am
Rande der Festwiese kam mir wieder in Erinnerung.  "Aber es war doch
meine Aktentasche.." sagte ich und mute den Zusammenhang mit der
frhen Abreise nach Worms erklren.  Die Erwhnung von Worms machte
die Lage nur wenig besser.  Meine Eltern hatten damals tagelang nicht
gewut, wo ich eigentlich bin.  Schlielich sprach Vater noch ein
ernstes Wort, ich tte jetzt viel zu viel in meinem Alter, verausgabe
mich, und dann wrde ich spter viel weniger Erfolg haben.  Daran
habe ich oft gedacht.  Wir einigten uns auf einen mittleren
Abreisetermin.

Von den zum republikanischen Studententag sich versammelnden
demokratischen Delegierten wurde vorher eine Tagung des Reichsbunds
demokratischer Studenten abgehalten.  Wolfram Mllerburg wollte dafr
als Hauptredner neue, nicht so parteipolitisch abgestempelte Namen,
und damit vielleicht neues Blut und Ideen zeigen.  Es kamen Alfred
Weber aus Heidelberg und Heinrich Simon, Herausgeber der Frankfurter
Zeitung.  Hier war also ein Versuch der Neuerung aus der liberalen
Mitte heraus.  Ich fand mich auf der Abendveranstaltung, auf der sie
sprachen, zwischen den beiden sitzend, die Tagung verlief in
Begeisterung und Kampfstimmung.

Auf der DStV Tagung mute ein neuer Vorstand gewhlt werden.
Studenten konnten ja solche mter nie lange wahrnehmen, Berlowitz
wollte ins Referendar, ich im Juni ins Vorexamen an der TH gehen,
Raddatz war schon berufsttig.  Als neuen demokratischen Vertreter
wollte ich unbedingt Helmuth Eichler aus Dresden gewhlt haben, sehr
energisch und mit Durchschlagskraft, eher leicht rechts von der Mitte
und mit gutem Kontakt mit gemigt rechten Gruppen auch im Deutschen
Studentenwerk in Dresden, dessen Direktor Dr. Schairer auch als Gast
bei einigen Veranstaltungen der DStV Tagung teilnahm.  Diese Kreise
schienen gerade auf dem Weg, sich mit der Republik besser zu
befreunden.  Trotzdem viele links von Eichler standen, fand der
Vorschlag beim demokratischen Studententag Zustimmung, und ich wurde
beauftragt, den Vorschlag auf der DStV Tagung mit Bestimmtheit zu
vertreten.  Man wute schon, da es gegen Eichlers Wahl bei den
Sozialisten Widerstand gab.

Der DStV republikanische Studententag wurde dann eine starke
Kundgebung von gemeinsamer Einsatzbereitschaft und Kampfstimmung.
Der uere Rahmen war anspruchsvoll aufgezogen (25).  Am Vorabend gab
Minister Becker einen Empfang im Preuischen Kultusministerium, zu
der Erffnung der Tagung am 10.Januar kam der Reichsinnenminister
Severing.  Am Abend gab uns die Vereinigung freiheitlicher Akademiker
"Der Bund" einen vom demokratischen Abgeordneten Dr. Bohnert (26)
geleiteten Empfang im Preuischen Landtag, wo der Reichskanzler
Hermann Mller sprach.  Die Akademische Kundgebung mit den Reden von
Meinecke (Geschichte, Staat und Gegenwart), Hermann Heller (Die
Bedeutung der gesellschaftlichwissenschaftlichen Auffassung in allen
Geisteswissenschaften) und Prlat Schreiber (Die politische Bedeutung
des Auslandsdeutschtums) fand auch gute Beachtung.

Bei der folgenden Schlusitzung nominierte ich Eichler fr den
demokratischen Vorstandsposten, es gab heftige
Meinungsverschiedenheiten, ein zunehmendes Patt.  Ein Freund sagte
mir nachher, da ich trotz kompromilosem Bestehen auf unserem Antrag
durch die Art meiner Reden es verstanden htte, die Wogen zu gltten,
statt sie weiter aufzurhren.  Ich habe mich im spteren Leben oft an
diese Wertung erinnert.  Es berzeugte jedenfalls den
Zentrumskollegen Felix Raddatz, der die Sozialisten zum Einlenken
bewegte.

Ein Nachwort zum Studententag von Werner Mahrholz "Aufbruch zur
Fahrt" (27) enthielt auch kritische Tne.  Er bejahte den Erfolg in
der Suche nach einem unmittelbaren Aktionsprogramm, auch mit einigen
Ideen fr eine Hochschulreform, aber war kritisch, da der
Studententag eine Wiederherstellung studentischer Selbstverwaltung
erst sich vorstellen konnte, wenn "das Bekenntnis zur Republik fr
die berwiegende Mehrheit der Studenten selbstverstndlich ist", und
da zunchst auch die Wirtschaftshilfe als staatliche Organisation
auszubauen sei.  Das scheint ihm zu viel Hang zum
'Gouvernmentalismus'...man erwartet viel, ja alles vom Vater Staat,
und man verlt sich doch, trotz allen Minderheitscharakter des
jetzigen Deutschen Studentenverbandes, zu wenig auf die eigene Kraft".

Das linke Argument dagegen war, die Volksmehrheit hatte sich
besonders 1928 eindeutig fr die Republik entschieden, es durfte
keine studentischen Parlamente geben, die von der klassenmig
verschiedenen Zusammensetzung der Studentenschaft her staatsfeindlich
sein wrden.  Ich war damals, wie Mahrholz, auch fr eine positivere
Einstellung zu den Fhrern, die von gemigteren Leuten der
Studentenschaft kamen, eine Selbstverwaltung mit fr die
republikanischen Parteien annehmbarer Verfassung zu planen.  Mein
Bestehen auf der Wahl Eichlers hatte damit zu tun.  Man mute
versuchen, die Schichten auf der gemigten Rechten zu erreichen, von
denen man vielleicht kein "Bekenntnis zur Republik", aber die
Bereitschaft, mit der Republik als selbstverstndlich zu leben, im
Laufe der Zeit erwarten konnte.  Als die Republik 1928 stark war, gab
es schon Zeichen solcher Entwicklung im politischen Leben.  Der
Monarchismus, ursprnglich Hauptquelle der Gegnerschaft gegen die
Republik verblate, wenn auch nicht im Militr, doch in Brgerschaft
und Jugend.  Auch wenn man schon die nationalsozialistische Drohung
sah, da dies wirklich Hitlers Ernte werden wrde, schien nicht
vorbestimmt.  Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und
Auseinanderfallen der Groen Koalition standen noch bevor.

Eichler war also gewhlt worden.  Als mein eigentlicher Nachfolger im
Vorstand des DStV, nmlich als Vertreter der freien Verbindungen,
wurde der Mediziner und FWVer Kurt Lange gewhlt, der eine lange
Erfahrung in hochschulpolitischer Arbeit noch aus der Zeit der alten
Selbstverwaltung an der Universitt Berlin hatte.  Die anderen drei
neuen Vorstandsmitglieder, die Sozialisten Heinrich Kaun (Vorsitz),
Martin Bttcher und Zentrumsmann Mielnickel erschienen mir damals,
als wenn sie zu einer jngeren Generation gehrten.  Ich wurde
gebeten, von Heinz Ollendorf die Herausgeberschaft unserer
Zeitschrift "Student & Hochschule" zu bernehmen, was auch zur
Kontinuitt der Vorstandsarbeit beitragen sollte.  Das schien
zeitlich kaum so eine schwere Belastung, und ich nahm es gern an.
Man gehrte zu den etwas lteren Semestern in der Hochschulpolitik,
und es ergaben sich neben den Vorbereitungen zum Examen und der
Herausgeberschaft der DStV Zeitschrift noch andere interessante
Aufgaben.

Bald nach unserem Studententag fanden zwei sehr aktuell scheinende
Vortragsabende im Demokratischen Studentenbund unter Robert Hess
statt.  Erst kam Hans Zehrer, dann Gustav Stolper, Herausgeber der
sehr erfolgreich und angesehen gewordenen Wochenschrift "Der deutsche
Volkswirt", verantwortlich fr ein neues Wirtschaftsprogramm der
Demokraten (28) und einer ihrer prominenten Reichstagsabgeordneten.
Der auenpolitische Redakteur der "Vossischen Zeitung" Hans Zehrer
war im Oktober 1929 in der Zeitschrift "Die Tat" als Wortfhrer einer
neuen Bewegung der politischen Mitte hervorgetreten, mit sehr
unherkmmlichen Akzenten und starkem Abstand vom Parteienspektrum.
Fr die Dezemberausgabe 1929 von "Student und Hochschule" hatten wir
programmatische Beitrge von den verschiedenen im DStV
zusammenarbeitenden Richtungen gesucht.  Ich suchte einen fr die
Demokraten, also die politische Mitte, und wurde mit der Frage
berrascht, warum nehmen Sie nicht Hans Zehrer, er will ja fr die
junge Mitte sprechen.  Mich hatte an seinem Artikel in der Tat
manches beeindruckt, hatte ihn nie kennengelernt, aber kannte mich ja
in der Vossischen Zeitung aus, erklrte ihm, worum es uns ging, und
er gab mir dann seinen Artikel "Die Ideologie der Studenten" (29).

Als Zehrer nun Anfang 1930 im Demokratischen Studentenbund sprach,
war er noch ganz im Vordergrund in der Tat, sptere enfants terribles
wie Ferdinand Fried oder Giselher Wirsing hatten sich noch nicht
profiliert.  Zehrer gab eine gute Prsentation seiner Ideen, vieles
sehr erstaunlich, manches zum Nachdenken.  Als heftigster Opponent
gegen seine Angriffe auf das liberale Gedankengut in Politik und
Wirtschaft trat Rudolf Olden hervor, der auf die nchste
Veranstaltung, den Vortrag seines Freundes Gustav Stolper hinwies,
dem man vertrauen knne, Hans Zehrer endgltig ad absurdum zu fhren.
Es meldete sich auch ein junger intellektueller Typ von gutem
Auftreten und Benehmen, der sich aber als Nationalsozialist
vorstellte und voraussagte, da Hans Zehrer sich ihnen bald
anschlieen wrde.  An diese Voraussage habe ich in den nchsten drei
Jahren oft denken mssen.

Fr den Vortrag von Gustav Stolper bat mich Robert Hess, in der
Diskussion den Standpunkt der demokratischen Studenten zu vertreten.
Das war natrlich nicht so gemeint, da dieser in Richtung von Hans
Zehrers Ideen in der "Tat" ging, gemeint waren die alten Gegenstze
in Betonung und Zielen zwischen linken und rechten Flgeln der Partei,
Jungdemokraten und Parteizentrale, Erkelenz und Hermann Fischer.
Gustav Stolpers Ideen und ein neues Wirtschaftsprogramm luden zu
neuer Stellungnahme ein.  Ich wollte dieses Mandat nicht annehmen,
sagte aber zu an der Diskussion teilzunehmen.  Es war ein schwieriges
Thema, keineswegs war einem die Lage klar, Spannung zwischen
marktwirtschaftlichen und sozialpolitischen Geboten beherrscht ja
auch heute noch die theoretische und politische Diskussion.

Gustav Stolper kam mit dem ihm sehr befreundeten Theodor Heuss (30),
beide mit ihren Frauen, da war also auch Elli HeussKnapp.  Gustav
Stolper kam also in sehr guter Gesellschaft und vertrat sein
marktwirtschaftlich orientiertes Programm auch fr Zeiten einer Krise
mit groem Elan fr sozialpolitische Belange, ein Ausblick die
Krnung des Wohlstands der Arbeiterschaft durch weite Streuung des
Aktienbesitzes.  Kaum hatte er geschlossen, erteilte Robert Hess mir
das Wort.  Das war nicht so verabredet, ich mute gute Miene zum
bsen Spiel machen, konnte einige sachbezogene in diese Richtung
gehende Kommentare geben und Fragen an den Redner stellen, aber die
beschwingte Phillipika gegen ihn von linksdemokratischer Seite, die
kam nicht von mir, dafr aber dann von Dr. Bruno Ravecker,
Geschftsfhrer des Arbeitnehmerausschusses der Partei, der eine
Broschre ber "Wirtschaftsdemokratie" verffentlicht hatte (31).
Gustav Stolper hatte sich zwar ausdrcklich gegen die "Tabuisierung"
dieses Begriffes durch den rechten Flgel der Partei unter Hermann
Fischer gewandt, aber fr Dr. Ravecker, in der demokratischen
Gewerkschaftsbewegung prominent, gab es da noch immer einen groen
Graben.  Es war eine gute Lehre: die Mitte, wenn man ihr verhaftet
ist, bleibt ein schwieriger politscher Standort.

In der deutschen Innenpolitik war Anla zu Sorge ber die Zukunft der
politischen Mitte.  Deren Parteien hatten entscheidende Stimmeinbuen
erlitten in Zwischenwahlen, in denen neben links und rechtsradikalen
auch neuentstandene Splitterparteien der Mitte die Statur besonders
der Demokraten reduziert hatten.  Schon seit langem war das Gebot
einer Konsolidation der Krfte der Mitte, Zusammenschlusses
wenigstens von Demokraten und Volkspartei immer wieder unter
Diskussion, aber an Widerstnden in beiden Parteien gescheitert.  In
der Deutschen Volkspartei gehrten die Hochschulgruppen zu den
Aufgeschlossenen und Fortschrittlichen, die gerade damals im Januar
1930 fr solche Bestrebungen sehr offen waren.

Aus Unterhaltungen, an denen ich sehr aktiv teilnahm, ergab sich die
Idee, da wir Studenten eine Initiative ergreifen und mit gutem
Beispiel vorangehen sollten, und anstelle der Verhandlungen der
Parteipersnlichkeiten hinter den Kulissen, unter den Studenten eine
ffentliche Parole setzen sollten.  Wir bildeten eine lose Gruppe,
nannten es "Arbeitsring der politischen Mitte" und luden zu einer
Kundgebung gleichgesinnter Studenten ein (32).  Der Raum war voll,
die Stimmung sehr ernst.  Dazu war aller Grund.

Die Weltwirtschaftskrise traf zunehmend die deutsche Wirtschaft, die
Arbeitslosenzahl betrug schon 2.5 Millionen, die finanziellen Lasten
ihrer Untersttzung verlangte Steuererhhungen, auf die sich die
Parteien der Groen Koalition nicht einigen konnten.  Es gab das
lhmende Gefhl einer mglichen Regierungskrise, die zu einer Krise
des parlamentarischen Parteienstaats werden knnte.  Unsere
Versammlung schien ein Erfolg, und eine grere sollte fr Mrz
vorbereitet werden mit einem prominenten, allen Beteiligten genehmen
Redner.  Ich schlug Dr. Hellpach vor, er war demokratischer
Reichstagsabgeordeter, aber hatte eine sehr unabhngige Haltung, alle
Veranstalter stimmten zu und ich bernahm, ihn dafr zu gewinnen.
Ich schrieb ihm nach Heidelberg, und er gab mir das Datum seines
nchsten Reichstagsbesuchs in Berlin, an dem ich mich dort bei ihm
morgens melden sollte.  Er war sehr begeistert ber unseren Vorschlag
und verwickelte mich in lngere Unterhaltung ber die Lage und
Zukunft, ich wollte eigentlich schon gehen, aber er hielt mich bis
zur Mittagstunde dort in der Wandelhalle des Reichstags.  Datum und
Thema waren nun verabredet.

Einige Tage spter brachten die Zeitungen die Nachricht, da er sein
Reichstagsmandat niedergelegt hatte, aber im Vorstand der
demokratischen Partei bleiben wrde.  Er hatte mir nichts darber
gesagt, als er seine Beteiligung an unserer Versammlung des
Arbeitsrings der politischen Mitte zusagte.  Aber eine der
Begrndungen war jetzt, da er fr eine Einigung der politischen
Mitte arbeiten wollte (33).

Die Versammlung war gut besucht, zu beiden unserer Versammlungen
kamen viele, die nicht Mitglieder der beteiligten politischen Gruppen
waren, wo also das Thema "politische Mitte" ein Anreiz zur Sammlung
zu sein schien, und das war ja die Idee.  Nach dem Vortrag kam man
noch zu einem Glas Bier zusammen, gekommen waren auch, ich hatte
meinen Augen kaum getraut, Hermann Prbst und Kurt Kersten, beide
immer noch aktiv in der Fhrung der Deutschen Studentenschaft.  Die
beiden hatten seinerzeit die scharfe Erklrung der Deutschen
Studentenschaft gegen die Grndung des DStV unterzeichnet, nun kamen
sie beide zu einer mageblich von mir mitveranstalteten Versammlung.
Hermann Prbst hatte ich ja auf meiner langen Bahnfahrt nach Gmunden
Pfingsten 1928 kennengelernt.  Wir kamen auch nun wieder ins Gesprch.
Es war mir nicht klar, wo der Hauptantrieb fr ihren Besuch lag.
Sie gehrten zu denen in der Deutschen Studentenschaft, die fr neue
Bemhungen um Wiederherstellung einer studentischen Selbstverwaltung
selbst unter Aufgabe gewisser rechtsradikaler Bedingungen standen und
schon daher an Kontakten mit der Mitte interessiert.  Aber es war
doch wohl auch eine mehr politische Note dabei.  So wie meine
Erinnerung an Proebst war, schien mir das schon plausibel.  In der
Deutschen Studentenschaft und den Korporationen gab es ja schon
scharfe Konflikte mit den totalen Herrschafts und
Gleichschaltungszielen des Nationalsozialistischen Studentenbunds und
seiner von auen her kommenden radikalen Fhrungsschicht.  Die
Anderen muten oft das Gefhl bekommen, da sie mit dem Rcken gegen
die Wand standen (34).

Wenige Tage spter nderte sich die Lage der Weimarer Republik
entscheidend.  Die Regierung der Groen Koalition konnte sich nicht
ber die Finanzpolitik einigen und trat zurck.  Die Demokraten waren
entsetzt ber diese Entwicklung (35).  Sptere Beurteilung sieht den
neuen Reichskanzler und Zentrumsfhrer Heinrich Brning, obgleich den
Christlichen Gewerkschaften nahestehend, doch auch rechtsgerichteten
Einflssen in seiner Partei und auch vom Reichsprsidenten und dem
General v.Schleicher kommend, ausgesetzt mit dem Ziel einer Regierung
ohne Sozialdemokraten.  Bei diesen wird dem Arbeitsminister Wissell
zugeschrieben, da kein Kompromi zustande kam, fr das der
Reichskanzler Mller gewesen wre, gegen das aber auch in der
Deutschen Volkspartei von Schwerindustrie und nationalistischem
Flgel her starke Krfte arbeiteten.  So war Unvernunft weit verteilt
und die Weimarer Republik begann ihre tragische Talfahrt.

Die Zentrumspartei blieb aber zusammen mit ihren Partnern der
Weimarer Koalition in der preuischen Regierung Otto Brauns und
unsere Freunde bei den Zentrumsstudenten mit uns weiter im Deutschen
Studentenverband.

Da die Regierung Brning keine eigene parlamentarische Mehrheit hatte,
beherrschte das Leben von nun an nicht nur die schwere
wirtschaftliche Depression, sondern auch eine permanente ungelste
politische Krise.  Fhlungnahme unter den Parteien der Mitte stand
nun unter deutlichem Druck, es war gewi nun ein Thema geworden, aber
im Sommersemester 1930 wurde der studentische Arbeitsring selbst
nicht mehr aktiv.  Ich hatte ja aber auch andere Aufgaben.

Fr meine Herausgeberschaft der Zeitschrift des DStV "Student und
Hochschule" hatten wir erst ein neues Heim suchen mssen, da der
Verlag Mosse es nicht weiter machen wollte.  Nach einigem Zureden,
unter anderem vom Prsidenten des Reichsbanner Hrsing, war Ullstein
schlielich bereit, unsere Zeitschrift zu drucken, vorausgesetzt ein
Redakteur der Vossischen Zeitung wrde bei der Redaktion mitzureden
haben.  Zu meiner Erleichterung wurde unser alter Freund Richard
Winners, unterde von seiner amerikanischen Zeitung zur Vossischen
Zeitung bergetreten, dazu delegiert.  Ich mute, bevor der Verlag
sich entschied, noch Unterhaltungen mit den Herren Ernst Schffer, Dr.
Magnus und Mller haben, und dann kam ich also bis zu meinem Weggang
von Berlin mehrmals im Monat in die Kochstrae zu Ullstein, wo ich ja
schon vorher nicht fremd war.

Werner Mahrholz aber lebte nicht mehr.  Er war an einem damals
unheilbaren Nierenleiden erkrankt.  Ich hatte ihn noch in seiner
Redaktionsstube fters besucht, auf Vorschlag seiner Frau dann auch
zu Hause, wo ich einmal seinen engen Freund Theodor Dubler traf.
Ich nahm spter an der Urnenbeisetzung teil, es war eine fr
intellektuell Interessierte selten erlauchte Versammlung.  Ich hatte
einen sehr bewegten Nachruf in unserer Zeitschrift "Der demokratische
Student" geschrieben.

Winners teilte das Redaktionszimmer mit Hans Zehrer und Friedrich
Wilhelm v. Oertzen zu meiner groen berraschung, und unsere
regelmigen Besprechungen spielten sich meist in deren Gegenwart ab.
Einige Male gingen wir auch alle zusammen zum Mittagbrot in die
Kantine.

Es kam aber nicht zu wirklichen Unterhaltungen ber die groen
Probleme dieser Jahre, jedenfalls nicht whrend meiner Besuche in
ihrem gemeinsamen Redaktionszimmer.  Auch sonst schien eher eine
Distanz, Winners stand viel mehr links als sie.  Zu anderen
Bekanntschaften, die ich in der Vossischen Zeitung gemacht habe,
gehrte Erich Kramer, als er einmal Mahrholz vertrat (36).  Ein
anderer guter Bekannter wurde Carl Misch; durch ihn kam auch spter
einmal ein politischer Artikel von mir in die Vossische Zeitung.

Ich hatte auch bei einer Aufgabe auf ganz anderem Feld mitgewirkt.
Auf unseren Januar Studententagungen war die Notwendigkeit eines
Programms fr Hochschulreform betont worden.  Wolfram Mllerburg,
Robert Hess, Erwin Oeser, Rudolf Sobernheim und ich bildeten die
Gruppe, die es fr die demokratischen Studenten ausarbeiten wollte.
Die wichtigste Mentorin dabei wurde Gertrud Bumer, die unser
Programm dann auch in der von ihr mitherausgegebenen Monatsschrift
"Die Hilfe", ursprnglich von Friedrich Naumann gegrndet, im Rahmen
einer speziellen Hochschulnummer im Juli 1930 verffentlichte.  Ich
hatte mehrere Besprechungen mit ihr, es halfen uns auch u.a. Dr.
Theodor Bohner,verschiedene Professoren und Ministerialrat Leist.
Wir waren manchmal ziemlich halsstarrig und bestanden auf Punkten,
von denen einige ltere Freunde abrieten, so die Idee der
Humanistischen Fakultt, an der alle Studenten auch an
allgemeinbildenden Vorlesungen teilnehmen sollten, um ein
Gegengewicht gegen die zunehmende Spezialisierung herzustellen.

Fr die Mitarbeit an diesem Programm begann ich auch einige Literatur
ber Bildungsfragen zu lesen, so Scheler und Spranger, man verfolgte
ja berhaupt immer weiter die geistesgeschichtliche Entwicklung
dieser Jahre als unabdingbar fr ein intelligentes Interesse am
Zeitgeschehen.  Da war das ursprngliche Interesse an Geschichte,
einige Ideen der Jugendbewegung, und nun auch, wenn man zu
grundlegenden Dingen des Denkens kam, ein starker Eindruck von der
Phnomenologie, Bergson und Husserl.  Zu den neuen Leuchten der sich
bildenden marxistischen Frankfurter Schule konnte ich kein Verhltnis
gewinnen, aber das Denken von Karl Mannheim machte mir Eindruck, die
Herausforderung der Intelligenz zu einem ber Ideologieverdacht
stehenden, unabhngigen Denken.

Man bewegte sich damals im Demokratischen Studentenbund und FWV in
einem Kreis, der an diesen Fragen lebhaft Anteil nahm.  Da wir bei
Bchern und Ideen sind, will ich noch ein Buch erwhnen, auf das mich
ein nichtjdischer Freund bei den Demokraten damals hinwies:
"Nationalismus im Vorderen Orient" von Hans Kohn, damals
Nahostkorrespondent der Frankfurter Zeitung, spter recht anerkannter
Historiker.  Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, da die von ihm
geschilderte Entwicklung eines skularistischen Nationalismus unter
den Arabern der Nachfolgestaaten des trkischen Imperiums eine
schwere Behinderung fr die zionistischen Ziele werden knnte.  An
diesen frhen Hinweis habe ich noch oft gedacht.

Um mit unseren Gedanken zur innenpolitischen Entwicklung in
Deutschland zurckzukehren, Anstrengungen, doch noch einen Block der
Parteien der Mitte in den frhen Sommermonaten 1930 zu bilden, kamen
nicht vorwrts, einige jngere Krfte aus der Deutschen Volkspartei
blieben in Kontakt darber mit den Demokraten.  Ein anderer
Gesprchspartner war der Jungdeutsche Orden (37), mit seinen 800.000
Mitgliedern auch ein Zeichen fr die Anziehungskraft
auerparlamentarischer Bewegungen mit Frontkmpfer und
Jugendbewegungshintergrund.  Mit seiner Studentengruppe waren wir
schon im "Arbeitsring der politischen Mitte" zusammengekommen,
hielten Kontakt und ich wurde gut bekannt mit deren Fhrer Shlmann.

Im demokratischen Parteivorstand trat Hellpach entschieden fr nach
der rechten Mitte zielende Fusionsverhandlungen ein bis zu den gerade
von den Deutschnationalen abgefallenen Freikonservativen um
Treviranus (38).  Am nchsten kam ich der Stimmung, als whrend eines
Besuches bei Staatssekretr Abegg er uns fr eine Unterredung bei
Hermann Dietrich, damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister,
anmeldete.  Die anscheinende Unentschlossenheit der Parteispitze
beunruhigte uns, sie schien den Kopf verloren zu haben.  Er
versicherte, es gbe zwar manche, von denen man das sagen knnte,
aber er wisse genau, was zu tun.  Es klang zuversichtlich, aber was
war gemeint?

Fr die Sommersemesterferien 1930 hatte ich zunchst den Plan, den
Studententag der gegnerischen Deutschen Studentenschaft in Breslau
als Pressekorrespondent zu besuchen, was mir der Breslauer Vertreter
der Vossischen Zeitung auch mglich machte.  Whrend der Tage wurde
bekannt, da Demokraten und Jungdeutscher Orden (Jungdo) ihren
Zusammenschlu verkndet hatten.  Shlmann vom Jungdo nahm auch als
Gast an der Tagung teil, wir begegneten uns nun unter scheinbar ganz
neuen Vorzeichen, mit viel Hndeschtteln natrlich, aber ganz
freimtig auch gegenseitiges Erstaunen.  Ganz so hatten wir uns das
eigentlich nicht vorgestellt, da ein Zweiergespann von Demokraten
und Jungdeutschen Orden die Antwort fr den Drang nach einem starken,
vereinten Block der politischen Mitte sein knnte (39).  Die geplante
neue "Staatspartei" sollte auch Zuzug von einigen jngeren Leuten aus
der Deutschen Volkspartei bekommen (40).

Bei den Demokraten hatte es wochenlange Debatten, aber keine
erkennbare einheitliche Linie oder Entscheidungen gegeben.  Als
Damoklesschwert hatte ber allen die mgliche Auflsung des
Reichstags und Neuwahlen geschwebt, falls das ohne parlamentarische
Mehrheit regierende Kabinett Brning, das von den Demokraten
mitgetragen wurde, nicht seine finanzpolitischen Notverordnungen
gegen Vetoantrge im Reichstag durchbringen knnte.  Dietrich,
unterde von Brning zum Reichfinanzminister ernannt, kmpfte hart um
eine Mehrheit fr seine Finanzvorlagen.  Aus einer lebhaften
Schilderung (41) geht hervor, da er sehr wohl einen Plan hatte, was
zu tun sei.  Es gelang ihm auch, aus der damals durch Abspaltungen
nach der Mitte zu bedrohten Deutschnationalen Partei 25 Abgeordnete
auszubrechen, aber 32 Hugenbergtreue blieben hart in ihrer Ablehnung
ebenso wie die Sozialdemokraten.  Der Reichstag wurde von Brning
aufgelst.  Nachdem sich die Parteien der Groen Koalition im Mrz
nicht auf die Fortsetzung ihrer gemeinsamen Regierung hatten einigen
knnen, war es ein weiterer Schritt zu der Katastrophe, die
Deutschland bevorstand, da die Weimarer Republik im Juli 1930 nicht
vor der Auflsung des bis 1932 gewhlten Reichstags bewahrt werden
konnte.  Um die Chancen bei den Neuwahlen am 14.September zu
verbessern, entschied sich KochWeser fr die Grndung der
Staatspartei mit dem "Jungdo".

Ich war nun aber grade bei diesem Breslauer Studententag, eine
Herausforderung, die ich gesucht und nun zu bestehen hatte.  Auch
frher waren republikanische Studenten als Beobachter an solchen
Tagungen, Werner Mahrholz ein regelmiger Besucher gewesen.  Ich
hatte Hoffnung auf Gruppen, die sich von radikalen und besonders
nationalsozialistischen Tendenzen distanzieren wrden.  Um fr
Anhnger einer breiteren Mitte zu werben, lie ich die Juli
Hochschulnummer der "Hilfe" mit unserem HochschulreformProgramm vor
der Festhalle verteilen.

Bei Ankunft legte ich meinen Presseausweis vor, traf einige Bekannte
und hrte pltzlich whrend der Erffnungsprozedur vorne meinen Namen.
Hammersen von der TH Charlottenburg (42) protestierte gegen meine
Anwesenheit.  Der Jude Grnfeld sei ein unbequemer, ja gefhrlicher
Gegner der Grodeutschen Studentenschaft an seiner TH und mte des
Saales verwiesen werden.  Die Tagungsleitung sagte Prfung seines
Antrags zu.  Nun ging die Tagung weiter, ich war nicht sehr
beunruhigt, weniger eine negative Entscheidung als eventuelle
Aufreizung zu Gewaltttigkeit durch Hammersen htten mich beunruhigen
knnen.

Das war ja ein gewisses Risiko, wenn man mit Nationalsozialisten zu
tun hatte.  Ich erinnerte mich an frhere Hochschulunruhen an der
Universitt Berlin.  Die republikanischen Studenten hatten
beschlossen, sich bei einer angesagten vlkischen Kundgebung zu einer
Gegendemonstration zu stellen, und wir lteren sollten das nicht nur
den jungen Leuten berlassen.  Vergeblich versuchte der
deutschnationale Kollege in der Zentralstelle fr studentische
Vlkerbundsarbeit, Wolfgang Straede, als ich ihn auf dem Weg zur
Universitt traf, mich zu einem friedlichen Kaffee irgendwo anders zu
berreden.  Ich ging zur Universitt, es war hchst ungemtlich dort,
aber es blieb bei einer hautnah drohenden Gewaltttigkeit.

Jetzt sa ich also da in Breslau, mein Name war mit heftigen
Angriffen auf mich genannt worden, ich sa ganz hinten unter anderen
Pressevertretern und Gsten.  Pltzlich sah ich Hermann Proebst, er
schien mich zu suchen, kam auf mich zu, berreichte mir meinen
Presseausweis und sagte, die Sache ist jetzt erledigt.  Das war also
gut so.  Ich habe ihn dann nie wieder gesehen, aber die Begegnungen
mit ihm habe ich in guter Erinnerung behalten (43).

Die "Zentralstelle fr studentische Vlkerbundsarbeit" wurde gebildet
von den Studentengruppen der politischen Parteien von den
Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen als akademische Gruppe der
Deutschen Liga fr Vlkerbund, deren Bro sie auch teilte.  Als
Nachfolger von Mllerburg wurde ich dort Vertreter der Demokraten,
hatte an Veranstaltungen schon oft teilgenommen.  Es hatte auch ein
Seminar ber Minderheitspolitik unter dem Demokraten Dr. Junghann
dort gegeben, das ja sehr in meinem Interessenkreis war und auch in
deutscher Vlkerbundspolitik eine zunehmende Rolle spielte.

ber den Weimarer Koalitionsrahmen des DStV hinaus gab uns die
Vlkerbundsgruppe einen gewissen Kontakt zu den Studentengruppen der
Deutschen Volkspartei und auch der Deutschnationalen, erstere durch
Dr. Kurt Goepel und letztere durch Wolfgang Straede vertreten.  Der
Vorsitz rotierte jhrlich, Straede wurde Vorsitzender fr 1930/31,
danach kam die Reihe an die Demokraten.  Ich wurde fr 1930/31 der
aktivste Vertreter der Linken in der Zusammenarbeit mit Straede als
Vorsitzendem.  Das persnliche Verhltnis dabei gestaltete sich gut.
Er kam aus SchleswigHolstein.  Die deutschnationale Studentengruppe
arbeitete natrlich mit in der Deutschen Studentenschaft.  Die
Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei war dabei, sich von ihr zu
distanzieren.

An diese Mitarbeit in der Vlkerbundgruppe erinnere ich mich als das
wohl Interessanteste aus meiner politischen Ttigkeit whrend der
Zeit in Berlin.  Unsere "Zentralstelle" war Mitglied des Verbands der
akademischen Vlkerbundsligen (FUI), der jhrliche Tagungen im Herbst
in Genf abhielt, Ende August kam ich in der Pension an, wo unsere
Delegation wohnte.  Sie wurde von Strade gefhrt, mit mir als seinem
Stellvertreter.  Die Vorbereitung auf die Teilnahme an dieser Tagung
und die Hauptthemen, die dort zur Sprache kommen wrden, hatten
natrlich schon in den Vormonaten Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht.
Die jhrlichen Tagungen waren verbunden mit Sommerseminaren, die
unter dem Patronat des englischen Historikers H. Zimmern standen; er
hatte eine Tendenz sein Patronat auch etwas auf die Tagungen der FUI
auszudehnen.  Deutsche Teilnehmer des Seminars waren vorher immer nur
von den Mitgliedsgruppen unserer Zentralstelle, also den
Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu
den Deutschnationalen ausgewhlt worden.  Dr. Zimmern hatte gefunden,
da dies nicht genug begabte junge Wissenschaftler fr den
anspruchsvollen Charakter seiner Seminare gebracht habe, und er einen
Teil der deutschen Kandidaten selbst suchen will.  Das hatte dann
aber mit der deutschen Delegation und der FUI Tagung nichts zu tun.

Deren Themen waren weitgehend bestimmt von den gerade in der
Vlkerbundspolitik vorherrschenden, und es waren Themen, an denen der
deutschen Auenpolitik besonders gelegen war.  Die politische
Situation in Europa stand noch im Zeichen der PostLocarno Aera.  Die
Alliierten Truppen wurden aus dem Rheinland zurckgezogen, der
YoungPlan war angenommen.  Ein weiteres Anliegen der Deutschen war
die durch die Rstungsbeschrnkungen des Versailler Vertrages
entstandene Ungleichheit der militrischen Rstungen, was sich in ein
deutsches Anliegen fr Allgemeine Abrstung als ein Hauptthema fr
den Vlkerbund umsetzte.  Der franzsische Einwand dagegen war die
Forderung nach "Sicherheit" als Vorbedingung fr Abrstung.  Das hie
wohl Sicherheit gegen deutsche Versuche, Revisionen des Versailler
Vertrages mit Gewalt zu erzwingen, wofr die Deutschen aber keine
Rstung hatten.

Der ernsthafteste Schatten blieb die Weigerung der Deutschen, auch
die stlichen Grenzen zu garantieren, also auf Revisionansprche zu
verzichten.  Diese wurden zwar nicht fr ffentliche Diskussion auf
der Agenda gehalten, aber ein verwandtes Thema war der
Minderheitenschutz.  Er konnte jederzeit zum Tagesthema werden, wenn
immer Verletzungen der wirtschaftlichen oder kulturellen Rechte
deutscher Minderheiten in den stlichen Nachbarstaaten vorkamen, und
sie taten es.  Heutige Geschichtsschreibung (44), die dazu neigt,
polnische Unterdrckungspolitik gegen die deutsche Minderheit nach
Locarno als Abwehrstellung gegen die nicht aufgegebenen deutschen
Grenzrevisionswnsche zu sehen, weist damit auf einen "circulus
vitiosus", einen Teufelskreis hin.  Das entsprach nicht den
eigentlichen Zielen der Minderheitenbewegung, zu der deutsche
Minderheitenfhrer und Auenpolitik erheblichen Impetus und Gedanken
beisteuerten.  Ein groer Teil der Minderheiten, darunter auch
deutscher, lebten doch in Landstrichen, die gar nicht Gegenstand
territorialer Dispute waren, wo sie aber eben in ihren nationalen
Minderheitsrechten geschtzt sein sollten.  Aktiven Anteil an den
Arbeiten der Minderheitenbewegung nahm auch die groe jdische
Minderheit in Polen.

Die mir von zu Hause aus so naheliegende Minderheitenfrage war neben
dem Thema Abrstung damals ein wichtiges deutsches Anliegen im
Vlkerbund.  Briand hatte als berholungsmanver fr das Argument
AbrstungsSicherheit den Europagedanken vorgebracht, aber das hatte
noch kaum feste Formen angenommen.  Mir schien die EuropaIdee die
natrliche Lsung auch fr die Minderheitenprobleme, die unter
fderalistischen Strukturen ihre potentielle Aggressivitt und
Sprengstoffwirkungen verlieren knnten.  Das war natrlich nicht in
jedermanns Sinn.  Europa bestand eben aus alten Nationalstaaten, wie
Frankreich, und aus Nationalittenstaaten, wie den Nachfolgestaaten
der Donaumonarchie und Polen, aber auch Belgien und Spanien.  Da gab
es so explosiv irridentistische Teile in der Minderheitenbewegung wie
die Katalanen oder Wallonen oder damalige Kroaten.  Aber die Fhrung
des Minderheitenkongresses lag doch in weniger aggressiven, mehr
verantwortungsbewuten Hnden.

Zu gleicher Zeit wie unser FUI Kongre fand in Genf auch der
jhrliche Minderheitenkongre statt, und ich ging als Zuhrer auch
hin, es kamen auch andere von unserem FUI Kongre.  Das Thema
Minderheitenschutz war auch auf die Agenda der nachfolgenden
Septembertagung des Vlkerbunds gekommen und ebenso als
"wissenschaftlicher Teil" auf unsere FUI Agenda (45).

Dafr waren drei Vortrge vorbereitet worden, und einer von Dr.
MirkineGuzewich, Generalsekretr des Instituts fr Internationales
Recht, zeigte die Unterschiede des Denkens am deutlichsten.  Seiner
war nationalstaatlich, franzsisch und englisch beeinflut.  Nation
war der Staat, es war bei Definition der Pa, die Staatsangehrigkeit,
die man hatte, und da war gar kein Raum fr Nationalitt als eine
andere Kategorie.  Nicht nur fr die Deutschen, auch fr Polen und
Tschechen war das aus eigenem Erleben gar nicht so, eben in ganz
Mittel, Sdost und Osteuropa.  Mein eigenes Miterleben an dieser
Problematik wurde in dieser Genfer Woche immer wieder stark berhrt.

Auf dem Minderheitenkongre hatte ich auch Otto Ulitz als einen der
Delegierten der deutschen Minderheit in Polen getroffen.  Wir sahen
uns wieder in der Bierstube "Bavaria", so berhmt damals als
internationaler Treffpunkt, wo die Studentendelegationen auch oft
zusammen saen.  Ulitz lud mich an seinen Tisch und stellte mich dort
einem seiner Minderheitenkongre߭Kollegen vor, nmlich Dr. Motzkin,
jdischer Abgeordneter im polnischen Sejm und bekannter
Zionistenfhrer in Polen.  Nach ihm wurde spter eine Siedlung in
Israel genannt.  Das war fr mich eine nachdenklich machende
Begegnung in der "Bavaria".

Die Kongresse aber spielten sich nicht nur in der "Bavaria" ab.
Zunchst vertrat ich die deutsche Delegation in der Unterkommission
fr Abrstung und das fand wirklich im Sitzungssaal des
Vlkerbundrates statt.  Hauptaktivitt wurde dann "la question
danzigoise".  Danzig war durch den Versailler Vertrag zu einer Freien
Stadt gemacht worden, vertraglich mit Polen verbunden.  Es hatte eine
deutschsprachige Technische Hochschule, an der auch eine Gruppe fr
Vlkerbundsarbeit gegrndet wurde, die nun Aufnahme in die FUI
beantragte.  Die polnische Delegation widersprach und forderte, die
Danziger Gruppe sollte zum polnischen Verband gehren.  Auf der
deutschen Rechten war der Plan, sich fr Aufnahme einer
selbststndigen Danziger Gruppe einzusetzen, auch etwas Ungewohntes.
Die Deutsche Studentenschaft, auf dem "grodeutschen Prinzip"
aufgebaut, umfate ja alle deutschsprachigen Hochschulen,
einschlielich sterreich und der Tschechoslowakei, und natrlich
auch Danzig, wo sie sogar einmal ihren Studententag abgehalten hatte.

In der FUI war das anders.  Die sterreichischen und Prager/Brnner
Hochschulen gehrten nicht zur deutschen FUI "Zentralstelle".  Die
rechtlichen Aspekte von Danzig's Stellung waren kompliziert; ein
Przedenzfall war, da im Verband der Vlkerbundsligen auch eine
selbststndige Danziger Liga fr Vlkerbund Aufnahme gefunden hatte.
Es gab in Danzig nur die eine Hochschule, und da war nur eine sehr
kleine Minderheit von polnischen Studenten.  Die Auseinandersetzungen,
an denen ich auch schon im Kommissionsstadium verwickelt war, wurden
sehr heftig.  Als unser Standpunkt nach anfnglichen Schwierigkeiten
sich durchzusetzen begann, machten wir mit Mitgliedern der polnischen
Delegation zusammen einen Ausflug zum noch im Bau befindlichen neuen
Vlkerbundsgebude drauen am See.  Es wurde eine gar nicht
unfreundliche Begegnung, an die ich mich oft erinnert habe.  Die
Aufnahme der Danziger Gruppe wurde schlielich vom Plenum einstimmig
besttigt, nachdem eine Zusammenarbeit zwischen der selbstndigen
Danziger Gruppe und der polnischen Minderheit in Danzig vereinbart
und eine dementsprechende Bercksichtigung bei der Zusammensetzung
der Delegationen fr sptere FUI Kongresse in Aussicht gestellt
worden war (46).

Zu den wichtigen Gewohnheiten des Kongresses gehrten auch
Zusammenknfte zwischen verschiedenen einzelnen Delegationen,
befreundeten sowohl wie ferneren.  Die politische Lage in Europa
stand immer mehr unter dem Impakt der Weltwirtschaftskrise.  Ihre
Einwirkungen auerhalb der USA waren unverkennbar verschieden je nach
wirtschaftlicher Struktur und finanzieller Lage der betreffenden
Lnder oder Lndergruppen.  So kam es, da der Begriff Mitteleuropa
wieder in ganz ernsten wirtschaftspolitischen berlegungen erschien.
Da war der Zusammenbruch der internationalen Agrarmrkte, ebenso wie
die drastische Schutzzollpolitik, mit der die USA auf die Krise
reagierten.  Der SmootHawle, Tariff Act war am 17.Juni 1930 von
Prsident Hoover unterzeichnet worden.  All das sandte Wellen des
Schauderns durch Kanzleien, Bankkontore und Redaktionsstuben, und es
zeigte sich, da Lnder in Mitteleuropa dabei besonders betroffen
sein wrden.  Es ergab sich geradezu das Gefhl von Mitteleuropa als
einer Betroffenheitsgemeinschaft in dieser Weltwirtschaftskrise.

In manchen deutschen Kreisen war der Begriff Mitteleuropa mit
Anklngen an sich natrlich ergebende deutsche Vorherrschaft verfrbt
worden.  Sogar das Buch, das der Altvater der Demokratischen Partei,
Friedrich Naumann, ber Mitteleuropa geschrieben hatte, war nicht
frei davon.  Es war, als ob man in Deutschland zurckrevidieren
wollte, was Bismarck 1866/1871 zerbrach.  Aber das Heilige Rmische
Reich deutscher Nation bestand eben nicht mehr, auch die
Donaumonarchie war zerfallen, die meisten der Nachfolgestaaten waren
politisch in der Kleinen Entente und in einem Bndnis mit Frankreich
zusammengeschlossen.

Die gemeinsame wirtschaftspolitische Betroffenheit aber war da, und
in einer Zusammenkunft von Mitgliedern der deutschen und
tschechischen Delegationen wurde darber gesprochen.  Was war also
Geschichte und heutige Basis solcher gemeinsamen mitteleuropischen
Situation?  Es entstand der Plan, eine mitteleuropische
Studentenkonferenz im Rahmen der FUI zu veranstalten, auf der die
Fragen mehr wissenschaftlich behandelt werden knnten.  Wir
verabredeten, da dies eine gemeinsame Initiative der deutschen und
tschechoslowakischen Mitgliedgruppen der FUI sein sollte und die
beiden Delegationen sich zu Beginn des Wintersemesters wieder in
Verbindung setzen wrden.  Dieses Projekt schien mir ein gutes
Vorhaben.

Spter, vom 16. bis 21. September, hielt der Deutsche Studentenverband
zusammen mit franzsischen Studentenorganisationen in Mannheim ein
deutschfranzsisches Studententreffen ab, an dem ich diesmal nicht
teilnahm.

Wir hatten in Genf auch Zusammenknfte mit der franzsischen
Delegation, zu der auch der Radikalsozialist Robert Lange gehrte,
bald darauf das jngste Mitglied der franzsischen Kammer.  Ein sehr
enger franzsischer Kontakt wurde Jean Dupuy, der als Generalsekretr
der FUI wiedergewhlt wurde.  Wir hatten uns gut kennengelernt.  Bei
dem Mannheimer deutschfranzsischen Treffen war bereits der
bedrohliche Ausgang der deutschen Reichstagswahl vom 14.September
bekannt und hatte vor allem zum Thema deutschfranzsischer
Verstndigung Bestrzung hervorgerufen.

Die Nationalsozialisten hatten ihre Mandatszahl von 12 auf 107 erhht
und waren zur zweitstrksten Partei nach den Sozialdemokraten
geworden.  Man war sich ihrer zunehmenden Strke bewut gewesen, aber
das Resultat ging weit ber schlimmste Erwartungen.  Die Welt schien
nicht mehr ganz dieselbe nach diesem ersten Erdrutsch.  Uns in Genf
war das noch erspart geblieben, die Tagung schlo vorher, und die
bse Nachricht traf mich auf dem Rckweg.

Danach war fr mich das nchste Berliner Wintersemester, das mein
letztes werden sollte, eine sehr aufregende Zeit.  Hatte nun der
Hitler'sche Wahlerfolg eine Schneeballwirkung im Publikum?  Oder
brachte es Besinnung in breite gemigt rechts eingestellte Kreise,
da man mit den republikanischen Parteien zusammenrcken mute, um
sich gegen weiteres Anwachsen dieser rechtsradikalen Auenseiter zu
stemmen.

Leider waren es nur Bruchteile dieser Kreise, die so reagierten.  Bei
uns an der Technischen Hochschule gewannen die Nazis bald absolut die
Oberhand innerhalb der Grodeutschen Studentenschaft.  In der
studentischen Wirtschaftshilfe machte das noch keinen Unterschied.
Der Geschftsfhrer Hans Menzel blieb entschieden bei der
republikfreundlichen Haltung, die er gezeigt hatte.  Sein Kollege
Voth nderte zwar nicht seine Haltung in der Verwaltung seines Amts,
aber er vertraute mir eines Tages an, da er am Abend vorher im
Sportpalast Hitler sprechen gehrt hatte und sich der Partei
anschlieen wrde.  Er bat mich sozusagen um Entschuldigung, es tte
ihm leid, da er mir das sagen msse.  hnlich ging es mir mit
Jobst v. Wendorff.  Er kam aus Krakau an, kam gleich noch mit seinem
Koffer zu mir, am Abend aber wollte er in den Sportpalast, das mal
sehen.  Am nchsten Tag war es dasselbe wie mit Voth.  Es tat ihm
leid, aber er mute es mir sagen.  Er war beindruckt.  Er ist, soviel
ich wei, dann wieder einen ganz anderen Weg gegangen.

Was mich bei diesen beiden so bestrzte, war die Wirkung, die
Hitler's Auftritte anscheinend selbst auf gemigt und nchtern
Denkende haben konnten, whrend man eigentlich annahm, da die Person
Hitler's selber auch in vielen Rechtskreisen eher Mitrauen, ja sogar
Abscheu auslsen mte.  Das beschrnkte sich nicht nur auf des
General Hindenburg's und anderer Offiziere Abneigung gegen den
"bhmischen Gefreiten", es gab hnliche Gefhle nicht nur im
Brgertum, sondern auch bei rechtsradikalen Gesinnungsgenossen (47).

Die Regierung Brning blieb weiter im Sattel, prekr wie bisher, mit
Hilfe von Notverordnungen des Prsidenten Hindenburg,
stillschweigender Zustimmung der Reichswehr durch General Schleicher,
aber stets drohenden weiteren Neuwahlen.  Wo solche stattfanden,
verloren vor allem die Parteien der Mitte, die Neugrndung der
Staatspartei hatte sich schon im September 1930 als kein Erfolg
erwiesen.  Unterhalb der Reichsregierung aber waltete das
republikanische Establishment auch noch weiter, vor allem die
preuische Regierung der Weimarer Koalition mit aktiver
Zentrumsbeteiligung.  Gewaltttigkeit in Straenkmpfen nahmen immer
mehr zu, SA und Rote Front, dazwischen das Reichsbanner, aber da war
die preuische Polizei, Severing nun dort Innenminister und
Staatssekretr Abegg mit seiner starken Haltung.

Unsere Zentralstelle fr studentische Vlkerbundsarbeit beruhte
weiter auf Zusammenarbeit von den Sozialdemokraten bis zu den
Deutschnationalen, und Gerhard Hauke, unser Sekretr und Sekretr der
Deutschen Liga fr Vlkerbund, war, wie Hans Menzel an der TH, ganz
der Alte geblieben.

Um unsere Vereinbarungen mit den tschechischen Studenten weiter zu
verfolgen, wandten wir uns, nach Beratung mit der Liga fr Vlkerbund
an das Auswrtige Amt, wo ein regelmiger Kontakt fr die
Vlkerbundsarbeit das Kulturdezernat war, und Legationssekretr
Freudenthal nach Besprechung mit dem Dezernatschef Geheimrat Terdenge
uns Bescheid gab, das Amt habe nichts gegen eine von uns gemeinsam
mit den Tschechen veranstaltete Mitteleuropische Studententagung.
Wir mten aber noch Einzelheiten vorlegen, und sie wrden das
Vorhaben dann eventuell auch untersttzen (48).

Wir arrangierten nun ein Treffen mit den Tschechen, man einigte sich
dafr auf Dresden, wo Wolfgang Straede und ich hinfuhren.  Der Leiter
der tschechoslowakischen FUI Gruppe war schon berufsttig als
Assistent des Brgermeisters von Prag, eines engen Parteifreunds von
Benesch, und kam mit Frl.  Pekarzova, Tochter des bekannten
tschechischen Historikers Pekar.  Unsere Unterhaltungen in Genf
hatten sich strikt auf franzsisch abgespielt, und so begrten wir
unsere Besucher auch in Dresden, aber es ergab sich bald, da man
deutsch sprach.  Mein Franzsisch war nicht so gut, und dann war der
Einflu der Umgebung und Frl.Pekazova setzte noch hinzu, sie war ja,
ich glaube, in Aussig aufgewachsen.  Es lag nahe, sich darauf zu
einigen, da die Tagung in der Tschechoslowakei stattfinden wrde,
und die Tschechen erleichterten das noch, indem sie Bratislava, das
alte Preburg, als Tagungsort vorschlugen.  Es war die Hauptstadt der
Slowakei, in nchster Nachbarschaft Ungarns und sterreichs, auch mit
entsprechenden sprachlichen Minderheiten.

Die Vorbereitungen und Einladungen wrden gemeinsam von Deutschen und
Tschechen gemacht, teilnehmen wrden sterreicher, Ungarn, Jugoslawen,
Rumnen, Bulgaren, sowie auch Polen und ein Schweizer Vertreter (49).

 ber die Abgrenzung, was unter Mitteleuropa zu verstehen ist,
sollte dann auf der Tagung in Vortrgen und Debatte gesprochen werden.
Das Vortragsprogramm sollte starken Akzent auf wirtschaftlichen,
besonders agrarpolitischen Fragen haben, aber auch kulturelle und
geschichtlich/politische Fragen umfassen.

Nach Rckkehr in Berlin stellten wir nun unsere Liste von
Vortragenden, im Parteienspektrum gut verteilt, zusammen, nachdem
Herr Terdenge die in Dresden besprochenen Plne gebilligt hatte.
Dann kam der von den Tschechen vorgeschlagene Text der Einladungen
pltzlich mit ihrem Ministerprsidenten Benesch als Protektor der
Tagung.  Das war nicht verabredet worden und erregte Stirnrunzeln.
Es wurde aber hingenommen, nachdem man sich ja aus guten Grnden auf
einen Tagungsort in der Tschechoslowakei geeinigt hatte.  Es kamen
weitere Besprechungen mit den fr Vortrge gewonnenen Rednern und mit
fhrenden Mitgliedern der Deutschen Liga fr Vlkerbund, u.a.  Harry
Graf Kessler.

Neben der Teilnahme an den Vorbereitungen fr diese Preburger Tagung
stand bei mir weiter die Herausgabe von "Student & Hochschule".  Die
Januarausgabe 1931 war weitgehend dem deutschfranzsischen
Verhltnis gewidmet, im Verfolg der Mannheimer DStV Tagung, mit
Beitrgen u.a. von Wladimir d'Ormesson und Max Clauss, Herausgeber der
Europischen Revue des Prinzen Rohan, einer von CoudenhoveKalergi
unabhngig arbeitenden europischen Bewegung.  Ich brachte auch eine
Besprechung der FUI Tagung in Genf (50).

Im Februar brachten wir Teile des Vortrags, den Staatskommissar
Rnneburg auf einer "Ostkundgebung" des Deutschen Studentenverbands
gehalten hatte, mit Schwerpunkt auf Agrarreform in den Ostprovinzen
zwecks Bauernansiedlung.  Ich erinnere mich, da damals in der
Diskussion auch Dr. Walther Maas sprach, ein junger Geograph,
Mitarbeiter der Sozialistischen Monatshefte, und dafr eintrat, alle
deutschen Ansprche auf Rckgabe des polnischen Korridors aufzugeben.
Ich hatte solch eine offene Meinungsuerung darber noch nie gehrt.
Unzufriedenheit mit der Ostgrenze war ein hufiger Refrain in
Deutschland, aber das klang deklamatorisch, kein aktuelles
politisches Thema.  Die systematische und im Auswrtigen Amt durchaus
artikulierte Politik einer Ostgrenzenrevision (51) war auch dort
umstrittene Sache einiger Vorausplaner, in der ffentlichkeit nicht
so bekannt, wie es in den Akten steht, also nicht das politische
Klima.  So schien es mir jedenfalls noch anno 1930. Die
Reparationsfrage war durch die Annahme des Youngplans einen Schritt
weitergekommen, das Rheinland wurde gerumt von fremder Besetzung,
nun bedurfte man weiterer Erleichterung bei den Reparationen, das
waren die aktuellen Probleme.  Man konnte sich doch ein Ziel wie die
Grenzrevision nur auf Kosten kriegerischen Konflagrationen vorstellen.
Sollte man dann berhaupt daran denken?

Walther Maas's Bemerkung ber den Korridor erregte gleich Widerspruch,
auch in diesem republikanischen Gremium.  In einer kleinen Gruppe
nach Schlu der Versammlung gab ich zu bedenken, da doch im Grunde
Dr. Maas ganz recht hatte, wie konnte man an friedliche Grenzrevision,
und das hie doch an Grenzrevision berhaupt, denken oder gar davon
sprechen.  Es gab entschiedenen Widerspruch und jemand in der Gruppe
sagte, wenn man von Revision des Versailler Vertrags spricht, da gibt
es immer zwei Kategorien von deutschen Forderungen.  Fr eine gilt,
immer davon sprechen, nie daran denken, das ist z.B. der Anschlu
sterreichs.  Das andere ist umgekehrt, nie davon sprechen, immer
daran denken, das ist z.B. der polnische Korridor.  Dr. Walther Maas
schrieb dann ausfhrlicher ber den "sogenannten" polnischen Korridor
in den Sozialistischen Monatsheften (52) und erwhnte, da es ein
Gebiet breiter als SchleswigHolstein oder die Rheinprovinz sei,
betonte auch deutsche Verflechtung mit diesem Gebiet, auch wenn es
von 1466 bis zur ersten Teilung 1772 zu Polen gehrt hatte.  Es wre
allerdings schon vor 1772 mehrheitlich deutsch besiedelt, also
ethnographisch diese Manahme der ersten Teilung Polens kein Unrecht
gewesen, die Zuteilung an Polen 1919 bezeichnet er ethnographisch als
Unrecht, aber durch deutsche Abwanderung sei das 1931 schon wieder
verndert, das Gebiet wirtschaftlich Polen eingegliedert, und wird
nicht von ihnen herausgegeben werden.  Deutschland sollte jetzt in
der schwersten Krise der Nachkriegszeit andere Sorgen haben, als die
Auseinandersetzung mit Polen.  Fr das Korridorproblem gbe es keine
isolierte deutsche oder polnische, es gibt nur eine europische
Lsung, aber die Beantwortung der Korridorfrage darf nicht als
Vorraussetzung der kontinentalen Einigung verlangt werden.  So Maas
1931 in der sozialdemokratischen Zeitschrift.

Mich hat das nachdenklich gemacht.  Ich sprach darber in Kattowitz
mit dem alten Jugendfreund KarlHeinz Lubowski und war berrascht,
da er auch zur Auffassung gekommen war, die Deutschen sollten keine
Forderungen an Polen stellen.  Er kam aus einem sehr national
gesinnten Haus, aber dachte sehr unabhngig, hatte eine Zeit lang in
Krakau studiert; jetzt bereitete er sich in Deutschland auf eine
juristische Karriere vor.  Auer den vorrngigen Geboten praktischer
Politik und Prioritten gab es ja auch historische Eindrcke, die man
hatte.

Es war ja gar nicht so, da der "Korridor" in Versailles erfunden
worden war.  Man konnte ihn auf allen Karten Polens vor 1772 gut
sehen, er war nur noch breiter.  Nach den Teilungen Polens im 18.
Jahrhundert war ja im 19. Jahrhundert eine, immer wiederkehrende
Forderung der jungen nationalen und liberalen Bewegung in Europa, die
Wiederherstellung Polens in seinen historischen Grenzen gewesen.  Die
14 Punkte Wilson's hatten alles viel spezifischer auf das
Selbstbestimmungsrecht der Vlker eingestellt, und die
deutschpolnische Grenzregelung darauf, aber auch auf die
Notwendigkeit polnischen Zugangs zur See gesttzt.  An die kurze
Diskussion ber den Korridor, ber die ich etwas ausfhrlich
geschrieben habe, mute ich in spteren Jahren noch oft denken, bis
es dann 1939 Hitler darber zum Krieg kommen lie.

In diesem Winter 1930/31 verfolgte man weiter aufmerksam den
erstaunlichen Aufschwung der Zeitschrift "Die Tat".  Sie sammelte um
sich eine respektable Anhngerschaft, es bildeten sich "Tatkreise",
aber interessante und gewichtige ihrer Gedankenanstze vermengten
sich zusehends mit radikalsten Parolen, nicht zuletzt in der
Auenpolitik, und da besonders bezglich einer aggressiven deutschen
Politik in Ost und Mitteleuropa.

Fr diese zeichnete neuerdings ein Giselher Wirsing.  In der
"Bavaria" in Genf hatten wir friedlich gesessen, als ein schrecklich
impertinenter jngerer Mann, einigen Mitgliedern unserer Delegation
bekannt, vorbeiging, sich zu uns setzte und einen vernichtende Kritik
am Vlkerbundtreiben als leere, papierne Kulissen, die bald
zusammenfallen wrden, loslie.  Er schien wohlberedt, sehr
intelligent, aber gnadenlos in seinen Ansichten und seiner
abscheuerregenden Aggressivitt und Arroganz.  Seinen Namen hatte ich
nicht verstanden, und htte ihn auch nicht gekannt.  Erst Monate
spter erfuhr ich, da das dieser Giselher Wirsing gewesen war.  Er
gehrte zu denen, die Dr. Brinkmann in Heidelberg dem Dr. Zimmern zur
Teilnahme an seinem internationalen Seminar in Genf als mehr
aufgeweckten und reprsentativen Vertreter deutscher Studenten
empfohlen hatte.  Er war sein Assistent in Heidelberg gewesen.  Es
war in diesen Fragen deutscher Politik in Europa, da ich dann immer
die grte Distanz zur "Tat" empfunden habe.  Wirsing kam dazu, und
bezeichnete die Staaten Mittel und Osteuropas als die
"zwischeneuropische Trmmerzone".

Da blieb die Zusammenarbeit in unserer Vlkerbundsgruppe und auch
persnlich mit Wolfgang Straede auf viel besserer Ebene.  Ein Vorfall
blieb mir in Erinnerung, der das unterschiedliche politische
Herkommen beleuchtet.  Der Generalsekretr der FUI Jean Dupuy
besuchte uns kurz in Berlin.  Er war wohl auf der Durchreise nach
Danzig, wo er prfen sollte, ob die Auflage betreffs Teilnahme der

polnischen Minderheit an der neuen Danziger Mitgliedsgruppe der FUI
richtig durchgefhrt wird.  Whrend seines kurzen Aufenthalts in
Berlin sollten Wolfgang Straede und ich ihm etwas von Berlin zeigen.
Wolfgang Straede schlug zunchst einen Ausflug nach Potsdam vor,
Dupuy war einverstanden und wurde so zunchst mit dem alten Preuen
gut bekannt gemacht.  Am Sarge Friedrich des Groens erinnerte er
sich, da Napoleon bei der Gelegenheit gesagt hatte: "voila un honme".
Auf dieser Note endete unser Besuch in Potsdam und Dupuy wollte nun
unbedingt noch mit uns in den Reichtstag gehen.  Straede bat mich,
das zu bernehmen; er entschuldigte sich, als Monarchist wollte er
einen Besuch im Reichstag nicht unternehmen.  Ich starrte ihn an, und
Jean Dupuy wohl auch.  Natrlich, manche unserer Professoren, viele
alte Herren der studentischen Korporationen, sie waren noch
Monarchisten und daher Republikgegner, aber war das wirklich auch
mein Altersgenosse Straede, Fhrer der deutschnationalen
Studentengruppe?

Ich zog also mit Jean Dupuy allein zum Reichstag, so ohne
Vorbereitung schien das gar nicht so einfach, jemanden zu erreichen,
der einem Zutritt zur Wandelhalle ermglicht und einen empfangen
htte.  Ich meldete mich erst bei Ernst Lemmer.  Er war schlielich
Fhrer der Jungdemokraten; obgleich ich ihn wenig kannte, schien er
mir der Nchstverantwortliche fr solch ein Anliegen, von einem
Vertreter der demokratischen Studenten, als welcher ich mich
schlielich da im Reichstag befand, zu sein.  Er entschuldigte sich,
er hatte keine Zeit.  Kurz entschlossen meldete ich mich bei Carl
Mierendorf, der ja nicht nur bei seinen jungen sozialistischen
Freunden, sondern auch bei den jungen Demokraten sehr verehrt wurde.
Ich kannte ihn gar nicht, sagte gleich er brauchte uns nicht zu sehen,
aber ich wollte unserem franzsischen Gast den Reichstag zeigen, und
sein Passierschein kam auch sofort zurck.  Wir blieben eine Zeit
lang in der Wandelhalle, Dupuy hoffte Brning zu sehen, und dann rief
er auch ganz aufgeregt "le chancelier", Brning eilte vorber.  So
waren denn Dupuy's beide Programmpunkte erfllt, aber mein Freund
Straede und die Monarchie, im Winter 1930/31, das hat mich immer
wieder gewundert.

Whrend die "Tat" sich von ihrem anfnglichen Anklang an eine Stimme
der jungen Mitte unterde weit nach rechts entwickelt hatte, wurde
eine neue Gruppe um die Monatsschrift "Neue Bltter fr den
Sozialismus" bedeutsam.  Sie sammelte Anhnger des religisen
Sozialismus Paul Tillichs, berhaupt eines nichtmarxistischen
Sozialismus, vieles aus der Jugendbewegung.  Mitherausgeber war Fritz
Klatt, unabhngig von der SPD Parteistruktur auf ihrem rechten Flgel.
Es gab auch Elemente eines Suchens nach neuen politischen
Strukturen, die manchmal an hnliches im Gedankengut der "Tat" zu
erinnern schienen.  Auf der wirtschaftspolitischen Seite dieses
Kreises waren die Professoren Eduard Heimann und Adolf Loewe
prominent; aktiv verbunden waren auch, die mir von ihrem Kontakt mit
unserer republikanischen Studentenorganisation bekannten, Theo
Haubach, Adolf Reichwein, Rudolf Kstermeier und Carlo Mierendorf.

In der politischen Mitte sah es immer trostloser aus, mit zunehmender
Desillusionierung auch beim demokratischen Studentenbund.  Es hatte
demokratische Splittergruppen gegeben, die sich der Verbindung mit
den Jungdeutschen in der Staatspartei nicht anschlieen wollten.  Bei
den Studenten blieben die Meinungen geteilt, die Studentengruppen
hielten aber zusammen, blieben unabhngig.  Die Fhrer Franz Suchan
und Horst Mendershausen wollten einen Zusammenschlu mit dem
Republikanischen Studentenbund des Prionen Hubertus von Lwenstein
durchfhren.  Ich versuchte, dabei zu helfen, aber sie wurden
berstimmt.

Ich hatte zu der Zeit bereits beschlossen, meine berliner Tage zu
beenden und im Sommersemester nach Mnchen zu gehen.  Das hie auch,
da ich aus der hochschulpolitischen Arbeit ausscheiden und meine
mter aufgeben wrde.  An der TH Charlottenburg hatte ich das schon
getan, der Sozialist Ahrends war mein Nachfolger geworden.  In der
Schriftleitung von "Student und Hochschule" hatte mich schon der
demokratische Freund Erwin Oeser untersttzt, mit dem Zentrumsmann
Lothar Hartmann wurde er Nachfolger, und danach bernahmen es Heinz
Krger (Sozialist) zusammen mit Franz Suchan (Demokrat), die die
Zeitschrift tatschlich bis zum Februar 1933 weiterfhrten.

In der Zentralstelle fr studentische Vlkerbundsarbeit war es ja der
Turnus der Demokraten, ab April 1931 den Vorsitz zu bernehmen.  Ich
mu gestehen, da ich da fr mich doch einige Bedenken hatte.  Mute
es jetzt gerade sein, da ein Jude den Vorsitz bernahm?  Auch von
diesem Gesichtspunkt trieb es mich, den Wechsel nach Mnchen
vorzunehmen und zu sehen, da statt dessen Wolfram Mllerburg
zurckkommen und die Vakanz fllen wrde.  Er war schon in seiner
Referendarszeit, aber konnte doch fr Sommer 1931 zusagen.  Zunchst
stand aber noch fr den 19.Mrz unsere Mitteleuropische
Studententagung in Preburg bevor und im Zusammenhang damit noch ein
ominser Schock.

Die Vorbereitungen waren ganz nach Plan gelaufen, als wir pltzlich
eine Mitteilung vom Auswrtigen Amt erhielten, man es htte es sich
anders berlegt und wir sollten die ganze Tagung absagen.  Es war gar
nicht mehr so lange bis zum Tagungsdatum, und wir protestierten
heftigst.  Erklrungen ber die Grnde wurden uns nicht gegeben.  Was
immer die Grnde fr diesen Gesinnungswechsel des Amtes sein knnten,
wir wollten unseren Mitveranstaltern, den tschechischen Studenten,
allen anderen eingeladenen Delegationen und der FUI nicht jetzt
pltzlich, so kurz vor der Tagung, absagen.  Wir hatten eine weitere
Besprechung im Amt bei dem Geheimrat Terdenge, der uns auch etwas
ber die Grnde sagen sollte, es aber nicht tat.  Er schien etwas
belustigt ber die verschiedenen Interventionen, die wir im Amt
veranlat hatten, und auch sein Kollege, Legationsrat Dr. Sobernheim,
wollte, da sein Sohn Rudolf, ein sehr aktives Mitglied unserer
Gruppe, teilnehmen sollte.  Da bin ich wirklich explodiert und fragte,
wie man sich das vorstellt, wir haben mit den Tschechen das
Tagungsprogramm ausgearbeitet, die Vorbereitungen gemeinsam getroffen,
die anderen eingeladen, jetzt sollen wir ohne Erklrung kurzfristig
alles absagen, was fr ein Affront politisch und persnlich.  Uns ist
darber sehr ernst zumute, und gar keine Gelegenheit fr scherzhafte
Bemerkungen.

Es blieb aber dabei; ber die Hintergrnde erfuhren wir nichts, die
versprochenen Mittel standen nicht mehr zur Verfgung und soweit es
das Amt betraf, empfahlen sie uns, die Tagung abzusagen.  Die
Deutsche Liga fr Vlkerbund machte weitere Anstrengungen, aber
Haucke teilte uns dann mit, man msse die Tagung wohl nun absagen.
Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.

Das Semester ging schon zu Ende und ich reiste nach Kattowitz.  Wir
verabredeten, Hauke wrde mir telegraphieren, wenn die Tagung doch
noch stattfindet, und wirklich, die Liga konnte mit diskreter
Zustimmung im Amt doch noch das arrangieren.  Es kam das Telegramm
von Haucke, in dem es hie, ich sollte zunchst nach Prag fahren und
dort bei der Lese und Redehalle nachfragen, wo man sich zur
gemeinsamen Weiterreise nach Preburg treffen knne.

Das wurde mein 2.Besuch in Prag (53).  Die Nachricht, die ich vorfand,
brachte mich zunchst zusammen mit einem Dr. Foerster, der zu den
wissenschaftlichen Tagungsteilnehmern von der Rechten gehrte.  Er
war Historiker von der Universitt Tbingen, derzeit aber an der
deutschen Universitt Prag und mit den deutschtschechischen
Problemen und Geschichte eng vertraut.  Wir machten einen gemeinsamen
Stadtspaziergang, der auf dem Hradschin mit Blick auf die Stadt
abschlo.  Er war wohl nur einige Jahre lter als ich, bezeichnete
sich als Konservativen und pldierte eindringlich und ernsthaft fr
die Anerkennung auch des deutschen Elements in der Geschichte Bhmens
und eben auch Prags, man nehme doch nur die Karls Universitt, die
eben auch eine deutsche Universitt gewesen ist.  Mehr wollen wir ja
nicht, sagte er, man soll uns das aber nicht immer ganz in Abrede
stellen.  Das klang und er war berhaupt recht vernnftig; er sprach
mit so ehrlicher Wrme, da ich noch manchmal, besonders dann 1938/39,
als Hitler ja ganz andere Forderungen mit Gewalt durchsetzte, an
diese Unterhaltung auf der Terrasse des Hradschins gedacht habe.  Wir
waren dann zusammen in der Gruppe, die von Prag nach Preburg fuhr.

Dieses Bratislava, nun in der Tschechoslowakei als Hauptstadt der
Slowakei, war faszinierend und auch herzerwrmend.  Man war sich
bewut, da es auch dadurch jahrhundertealter Ort vieler Spannungen
und Konflikte war, aber das Zusammenflieen so verschiedener
Traditionen und das Zusammenleben so vieler Bevlkerungsteile machte
es zu einer sehr mitteleuropischen Szene, und die Donau flo
majesttisch dahin, auf dem Weg von Wien nach Budapest.  Die
offizielle Sprache war slowakisch, aber ebenso wie bei E߭ und
Trinksitten gab es viel ungarisches, sterreichisches oder deutsches.
Die lokale Vorbereitung und dann auch Leitung der Veranstaltung lag
in den Hnden der slowakischen Studenten unter der sehr
selbstbewuten und sich profilierenden Leitung von Dr. A. Kunosi, auch
das schien mir ein Unterstreichen mitteleuropischer Vielfalt.  Die
Tagung (54) mit etwa 100 Teilnehmern sollte einer wissenschaftlichen
Diskussion der verschiedenen Themenkreise dienen, einer klareren
Definition gemeinsamer mitteleuropischer Interessen und kulturellen
Zusammenhnge.  Letztere mndeten auch wieder in Betonung der
nationalen Minderheitenprobleme und wurden unterstrichen durch einen
berraschungsbesuch und Ansprache des Sekretrs des
Minderheitenkongresses Dr. Ewald Amende.  Ich habe gar nicht
nachgeforscht, wer den inszeniert hatte.

Die sterreichische Delegation hatte auf der Tagung einige neue, und
zwar rechtsgerichtete Mitglieder, was sich spter dann zunchst
wieder gendert hat, aber dort fiel es mir sehr auf (55).

Das Hauptgewicht der Tagung lag auf den gemeinsamen wirtschaftlichen
Interessen der mitteleuropischen Staaten (56).  Das war ja schon der
aktuelle Ausgangspunkt fr unsere Initiative im September 1930 in
Genf fr solch eine mitteleuropische Studentenkonferenz.  Gemeinsame
wirtschaftliche Schutzmanahmen waren gewi nicht im Sinne einer
freien internationalen Marktwirtschaft, aber der Glaube daran war
unter den schweren Sten der Krise mit ihrem Verfall der Agrarmrkte
und den einseitigen amerikanischen Zollmanahmen verblat.  Fr eine
wirtschaftliche Zusammenarbeit betroffener mitteleuropischer Staaten
gab es aber wenig politisches und kulturelles Gemeinschaftsgefhl
nach 1918 und es galt, dies zu erarbeiten.  Wie htte das besser
eingeleitet werden knnen als durch eine Inititative der Deutschen
und Tschechen, wie wir es getan hatten, wenn auch nur auf einer
kleinen Nebenbhne, und wir hatten Zustimmung gefunden (57).

Auf der Hauptbhne der Geschichte aber nahmen die Dinge einen ganz
anderen, einen verhngnisvollen Kurs.  Nach Abschlu der Preburger
Tagung fuhren wir alle nach Wien, wo am 22. Mrz die Ratstagung der
FUI begann.  Man fuhr in einem noch aus sterreichischen Tagen
bestehendem Lokalzug, eigentlich war es eine Art Straenbahn, die
Bratislava mit Wien verband, und die Tagungsteilnehmer verschiedener
Nationen saen in groen Gruppen zusammen in den Wagen dieser Bahn.
Pltzlich eilte die Meldung durch unsere Gruppen, Morgenzeitungen
wurden herumgereicht, Deutschland verkndete den Abschlu einer
Zollunion mit sterreich.  Die berraschung war bergro, auch die
Befremdung.  Niemand in der deutschen Delegation von links bis rechts
hatte vorher davon gehrt oder es ahnen knnen.  Es war den anderen
Delegationen gegenber natrlich peinlich.  Da hatte man noch am
Vortag ber Verstndigung und Zusammenarbeit in und fr Mitteleuropa
diskutiert, und am nchsten morgen kommen die deutsche und
sterreichische Regierung mit diesem berraschungscoup heraus, der
anscheinend mit keiner anderen Regierung vorher besprochen, sondern
vollkommen geheim gehalten worden war.

Jetzt dmmerte einem auch, warum mglicherweise das deutsche
Auswrtige Amt einige Wochen vorher pltzlich unsere Tagung abgesagt
haben wollte.  Da saen wir also nun alle zusammen in dem Zug, der
der Donau entlang fuhr.  Es klang gar nicht gut, diese Nachricht von
der Zollunion, und besonders in der Gesellschaft, in der wir uns
befanden (58).

Zunchst wickelte sich dann die FUI Ratstagung in Wien ganz planmig
ab, die Atmosphre des alten und neueren Wiens tat auch das ihre (59).
Auf der Tagung beantragte die Schweizer Delegation, gefhrt von
Jacques Kunstenaar, gemeinsam mit den Kanadiern, da die FUI sich fr
einen Erfolg der vom Vlkerbund geplanten Abrstungskonferenz
aussprechen und in allen Lndern dafr aktive Propaganda machen
sollte.

In der Danziger Frage wurde die Aufnahme der FUI Gruppe bis 1932
besttigt, mit Auflagen fr guten Willen, bei der vorgeschriebenen
Konsultation zwischen deutschen und polnischen Mitgliedern.  Eine
bemerkenswerte Einigung zwischen verschiedenen Gruppen in der
Tschechoslowakei wurde whrend der Wiener Ratstagung fr deren
Vertretung in der FUI erzielt.  Sie sollte in Zukunft aus zwei
tschechischen, einer slowakischen und einer deutschen Gruppe bestehen,
die jede je zwei Vertreter in den Vorstand entsenden, der Vorsitz
jhrlich rotieren sollte (60).  Dies schien wirklich ein guter
Schritt in Richtung pluralistischer Lsungen und ein guter Nachklang
zu unserer Preburg Tagung zu sein.

Umso schlimmer war der Nachhall zum deutschsterreichischen
Zollunionsplan.  Auch in heutiger Literatur wird das Katastrophale
dieser Wende voll gewrdigt (61).  Wirtschaftlich wuchs es sich zur
entscheidenden Katastrophe aus, der Abzug auslndischer Kredite aus
sterreich verstrkte sich dramatisch.  Ein groer Teil wurde
gezielten Vergeltungsmanahmen der Franzosen zugeschrieben, bis im
Mai 1931 die Wiener Kreditanstalt zusammenbrach, gefolgt im Juli 1931
vom Zusammenbruch der deutschen Danatbank und Devisenbewirtschaftung
in Deutschland.

Auf der politischen Seite brachten die Englnder den Streit vor den
Vlkerbundsrat, der ihn dem Haager Gericht berwie.  Vor dessen
Urteil schon zog sich sterreich von dem Plan zurck, das Urteil
erging dann gegen die Zollunion als eine Verletzung bestehender
vlkerrechtlicher Verpflichtungen.  Anfang Oktober 1931 trat der
deutsche Auenminister Curtius von seinem Amt zurck.  Die Politik
des Auswrtigen Amts nderte sich aber nicht, die Zeiten allerdings
wohl.  Whrend der Zollunionsplan 1931 am allgemeinen Widerstand in
Europa gescheitert war, brachten sptere vertragswidrige deutsche
Schritte wie Hitlers Wiederaufrstung und Remilitarisierung des
Rheinlands 1936 keine entsprechenden Reaktionen der anderen Mchte.
1939 wurde das Ma voll, und nach sterreichischem Anschlu, Mnchen
und Prag kam es dann ber die deutschen Revisionsansprche auf den
polnischen Korridor, Danzig und Ostoberschlesien zu entschiedener
Ablehnung seitens der Alliierten, zu Hitlers bewaffneten Angriff auf
Polen und zum 2. Weltkrieg.

Der Anfang, der "Sndenfall", war mir immer in so lebhafter
Erinnerung geblieben, weil ich ihn von so nahe erlebt hatte.  Die
Snde war durchaus nicht nur die irrige Einschtzung der eigenen
Strke und der wahrscheinlichen Reaktion der anderen, nein, es war
der Irrtum, da Deutschland in Europa anders als unter dem Leitstern
fderativer Politik und Gesinnung handeln kann.  Meine Rckkehr von
der Wiener Ratstagung bedeutete auch meinen Abschied von aktiver
politischer Ttigkeit im Studentenleben.



B) Mnchen

Wie zur Vorbereitung auf den neuen Abschnitt meines Studiums in
Mnchen war grade der dort spielende groe zeithistorische Roman Lion
Feuchtwangers "Der Erfolg" erschienen, ich hatte ihn verschlungen.
Diese Art von Portrtieren, alles Politische, die kulturelle
Geschichte und Szene, mit so lebendig werdenden Personen, teils
Fiktion, teils Schlsselroman schien mir der Gipfel zeitgenssischer
Erzhlkunst.  Gewi, es gab da auch neben der lebendigen, wenn
manchmal auch derben Menschlichkeit viel Unrecht, Gewalt und Intrige,
aber ich sah meiner Zeit in Mnchen erwartungsvoll entgegen.  Ich
wurde auch nicht enttuscht.  Menschen und Klima, Stadtbild und Land
waren wie ein krftiger Trunk nach vier hektischen Jahren in Berlin.
Hier lebte man auch mit Zeugnissen noch lngerer geschichtlicher
Vergangenheit, mir besonders in Erinnerung von einem Wochenende in
dem benachbarten Augsburg, mit seinen alten Kirchen und Brgerhusern.
Nun wute ich schon, Augsburg war schon schwbisch, der Norden
Bayerns war ja frnkisch.  Von den "complexities", die ich von
Schlesien und Berlin, von ihren "ostmrkischen" Ursprngen her
gewohnt war, gab es hier in Bayern neue Vielfalt, eigentlich selbst
ein erfolgreicher Fderativstaat, aber es wurde nicht viel darber
gesprochen und es gab ja auch keine dem entsprechende Struktur.  Von
der langen, gemeinsamen monarchischen Geschichte her schien das alles
gut unter Dach und Fach.

Die absorbierende Beanspruchung durch verschiedene politische Plne
und Funktionen hatte ich nun hinter mir, die neue Umgebung war
fruchtbarer Boden fr den Drang, nun neben Studium mehr Raum fr
eigenes Privatleben und Neigungen zu lassen.  Guter Freund in der FWV
Mnchen wurde Ralph Kleemann (1), der aus Nrnberg kam.  Durch ihn
lernte ich auch eine Psychologiestudentin aus Nrnberg kennen, mit
der ich mich sehr anfreundete.  Das Leben sah ganz anders aus da in
Mnchen.

An der Technischen Hochschule sah ich Chancen, das Diplomexamen schon
Ende des Sommersemester zu machen, aber ich ging dafr auch zu dem
"Repetitor" Dr. Broich, sehr kompetent, von nchternem, sachlichen
Urteil, auer wenn seine nationalistischen Ansichten berhrt waren.
Er kam aus dem 1918 von Deutschland an Belgien abgetretenen
EupenMalmedy, ein Original, arbeitete trotz vorgerckter Jahre an
seinem dritten Doktortitel.  Ich brauchte fr mein Examen
Finanzwissenschaft, was in Charlottenburg nicht zum Curriculum gehrt
hatte, mehr Volkswirtschaft und Jura, alles an der Universitt zu
belegen, wo ich also oft hinkam.  Das Repetitorium war direkt
gegenber der Rckseite der Universitt.

Natrlich ging ich auch zum Demokratischen Studentenbund Mnchen.  Er
war auch hin und hergerissen zwischen Staatspartei, aber eher
neigend zu der von Nrnberg her aktiven Gruppe, die sich unter dem
Pazifisten Ludwig Quidde und dem Nrnberger Oberbrgermeister Lubbe
nach links abgespalten hatte.  Zu ihnen neigte damals auch ein
aktives Mitglied des Demokratischen Studentenbundes, Walter Seuffert,
mit dem ich whrend meiner Mnchner Zeit viel zusammen war und auch
noch spter korrespondiert habe.  Trotz manchmal gegenstzlicher
Einstellungen verstanden wir uns, aber es gab manche nchtliche
Spaziergnge mit lebhaften Auseinandersetzungen.

Nicht nur, da er ganz klar fr QuiddeLubbe war, das schien mir eine
schmale politische Basis und ich wollte die Hoffnung auf die
Staatspartei noch nicht ganz aufgeben, aber die Aufmerksamkeit, die
ich einigen Ansichten des "Tatkreises" zu geben bereit war, brachte
ihn sehr auf, und er fing da bei Kant an, das heit, schon mein
Interesse an Bergson und Husserl war ihm suspekt.  Es waren
interessante Unterhaltungen mit ihm, an die ich oft gedacht habe.  Er
kam aus Darmstadt, von einer Familie bekannter deutscher Juristen,
und war damals an der Universitt Mnchen auch Assistent des
Staatsrechtlers Dr. Nawiaski.

Eine andere Bekanntschaft, die ich im Demokratischen Studentenbund
machte, war der Buchhndler Sternecke und seine Tochter.  Er war in
der demokratischen Partei aktiv gewesen, seine Buchhandlung ein
Sammelpunkt fr fortschrittlich und liberal denkende Menschen.  Es
erstaunte mich aber, als ich erzhlte, mit welcher Erwartung ich nach
Mnchen gekommen war nach der Lektre von Lion Feuchtwangers "Erfolg",
da er sehr antagonistisch reagierte.  Er sagte, Feuchtwanger sei
ein guter Freund und im selben Kreis gewesen, aber habe alle
enttuscht, er habe Mnchen in den Rcken gestoen mit diesem Buch.

Eine groe Patronin des Demokratischen Studentenbunds in Mnchen war
Frau Constanze Hallgarten.  Schon in meiner Zeit im Deutschen
Studentenverband in Berlin hatte ich von ihr gehrt.  Sie hatte
unsere Mnchner Freunde Hammelburger (er lebte leider nicht mehr als
ich nun dort studierte) und Oldenburg sehr untersttzt in ihrem Kampf,
den Status der Deutschen Studentenschaft in Bayern zu reduzieren,
wie sie mir whrend des Republikanischen Studententags im Januar 1930
sehr lebhaft berichtet hatten.  Sie lud jedes Jahr die demokratischen
Studenten fr einen Abend in ihr Haus; die Chance habe ich verfehlt.

Es interessierte mich natrlich, wie sich die Verhltnisse in der
Hochschulpolitik in Mnchen entwickelten, und will das auch noch
skizzieren, nachdem ich schon soviel ber Berlin berichtet habe (2).
In Bayern waren die staatlich anerkannten Studentenschaften nicht
aufgelst worden.  Es gab also weiter allgemeine "Asta" Wahlen und
diese hatten immer eine hohe Beteiligung.  Wie berall war die
beherschende Kraft bisher die Gemeinschaft der "waffentragenden"
vlkischen Korporationen, in Mnchen der "Waffenring", den man
gewhnlich als deutschnational eingestellt ansah, obwohl er durchaus
nicht parteipolitisch gebunden oder organisiert war.  Es gab aber
auerdem dort eine katholische Liste, die politisch gemigter war.
Auch die Nationalsozialisten traten mit mit einer eigenen Liste auf.
1928 errangen sie an der Universitt drei und 1929 dann fnf Sitze
(auf Kosten des Waffenrings) von gesamt 30. Die republikanischen
Studenten blieben bei ihren drei Sitzen und die Katholiken bei ihren
sieben (3).  Es gelang den republikanischen Studenten und ihren
Parteien nicht, von der bayrischen Regierung oder im Parlament die
Entziehung der staatlichen Anerkennung der von den vlkischen Rechten
beherrschten Studentenschaft zu erreichen, aber die katholische
Bayrische Volkspartei, Hauptregierungspartei, schlo sich
republikanischer Initiative und damit der Politik des preuischen
Kultusministers Becker soweit an, da der bayrische Kultusminister
die Beitrge der bayrischen Studentenschaften an die Zentrale der
Deutschen Studentenschaft in Berlin sperrte.  Diese Deutsche
Studentenschaft war, da die preuischen Studenten seit 1928 keine
Zwangsbeitrge mehr zu zahlen hatten, schon in finanzielle Engpsse
geraten.  An diesem Erfolg in Bayern hatte auch der
sozialdemokratische Abgeordnete im bayrischen Landtag Dr. Hoegner
groen Anteil, aber eben auch die diskrete Ttigkeit von Constanze
Hallgarten.

Das Anwachsen der Nationalsozialisten auf Kosten des Waffenrings
brachte diesen und gemigtere Rechtsgruppen in eine latente
Abwehrstellung.  Die Nationalsozialisten traten sehr provokativ auf,
mehrfach waren sie im Asta ganz isoliert und die gemigtere Rechte
mit den Katholiken stimmten zusammen mit den republikanischen
Vertretern gegen die Nazis (4).  Das erinnerte mich zeitweise an
Vorgnge an der TH Charlottenburg, aber in Mnchen machte die
Existenz des geschlossenen, eigenstndigen katholischen Blocks einen
weiteren Unterschied.  Es gab also immer wieder Machtkmpfe im
Mnchner Asta, so wie es schon in Berlin sogar Ehrengerichtssachen
zwischen Korporations und Nazivertretern in den zentralen Gremien
der Deutschen Studentenschaft gegeben hatte.

Die Mnchner Universitt hatte ihre schwersten Unruhen im Sommer 1931
mit dem "Fall Nawiasky" zu bestehen.  Die Wahlen danach im November
1931 brachten den Nazis nicht die erwartete Astamehrheit, sondern nur
elf von 30 Sitzen, die Wahlen ein Jahr spter im November 1932
zeigten bereits eine Reduktion der Nationalsozialisten auf zehn Sitze.

Schon 1931 hatten sich die Gegner der Nazis gut konsolidiert, zu den
Katholiken war eine Liste fr Fachschaftsarbeit gekommen, 1932
erschienen unter den Nichtnazis auch eine Deutschnationale und eine
Stahlhelmgruppe mit je zwei Sitzen, der Waffenring war reduziert auf
nur vier Sitze.  Das war also das Bild der Mnchner
Universittsstudentenschaft kurz vor Hitlers Machtbernahme.  Die
Nazis erhielten nur 37% der Stimmen, die Wahlbeteiligung war von 93%
auf 80% gesunken.

Die Nazis hatten es immer wieder verstanden, durch patriotische
Parolen die anderen nationalistischen Astagruppen fr gemeinsame
Aktionen mit sich zu reien, aber sie brachten die anderen "Partner"
durch maloses Verhalten immer wieder in Verlegenheit mit Hochschule
und bayrischer Regierung, so da sie sich bis zur Machtbernahme
Hitlers wiederholt isoliert fanden.  Bei der Reichsprsidentenwahl
1932 beschlo der Asta eine Adresse an Hindenburg, d.h., er
untersttzte die damalige Kandidatur Hindenburgs gegen Hitler, wieder
eine Abstimmung, bei der sich die Nazivertreter isoliert sahen.  Es
kam zu einer Maregelung des Nazifhrers durch Rektor und Senat,
schlielich sogar zur Suspendierung des Nationalsozialistischen
Studentenbundes fr das Wintersemester 1931/32.

Diese Einzelheiten (aus den vielen Pressezitaten in der Dissertation
von L. Franz gefunden, und vielleicht von gewissem zeitgeschichtlichen
Interesse) habe ich hier kurz erwhnt, sie nehmen sptere Vorgnge
voraus, ich selbst habe ja nur das Sommersemester 1931 in Mnchen
zugebracht.

Zu den engsten Freunden Walter Seuffert's gehrte damals Ernst v.
Borsig, den ich auch schon beim Repetitor Broich kennengelernt hatte.
Wir trafen uns fters, besonders zum Mittagessen in der Osteria
Bavaria an der Schellingstrae, es war ein recht gutes, gepflegtes
und ruhiges, aber zwangloses Restaurant, einige Studenten, viele
hhere Beamte, man sa oft im Garten.  Wir gingen auch manchmal
zusammen zu Veranstaltungen, so zu einem Vortragsabend der
Staatspartei, an dem der Nationalkonom Dr. v. ZwiedeneckSdenhorst
sprach, und einem Abend im PolitischAkademischen Klub, eine
spezifische Mnchner Einrichtung, berparteilich, an dem der frhere
preuische Kultusminister Becker sprach.  Ich kannte ihn ja aus
Berlin, und meldete mich auch bei ihm.

Wenn man an Politik interessiert und schon in Mnchen war, gehrte
dazu natrlich auch, da man sich dafr interessierte, wie Hitlers
Partei aus nchster Nhe aussah und was man ber sie am Ort erfahren
und sehen wrde.  Es war allerdings keineswegs so, da sie im Mnchen
von 1931 eine wirklich berbordende Erscheinung waren, so etwa ganz
Mnchen, die "Stadt der Bewegung".  Ich fragte mal, ob man die
fhrenden Leute der Partei auch sonst mal sehe, was fr Lokale sie
besuchen.  Da war, wurde gesagt, ein Bru in der Schellingstrae, wo
z.b.  Gregor Strasser und Frick oft saen.  Auch Hitler, nein wurde
gesagt, eigentlich nicht.

Als ich eines Tages mit Seuffert und v. Borsig in der Osteria Bavaria
sa, sah ich einen untersetzten, eher dunkel wirkenden Mann zwei
Tische entfernt, ich wei noch heute nicht wieso, aber meine Blicke
gingen immer wieder auf diesen Mann, er schaute eher finster drein,
und schien einen auch anzustarren.  Pltzlich dmmerte mir etwas, ich
fragte meine Freunde, ob das nicht der Hitler wre, ja, sagten sie,
der kommt hier fters her.  Mein Erstaunen schien also ganz
unangebracht, niemand schien ihn zu beachten, er sa mit drei anderen
Mnnern an einem Vierertisch, wie die meisten waren.  Ich habe ihn
dort dann noch fters gesehen, aber nie mehr in so groer Nhe, also
diesen merkwrdigen Zwang, mir einen noch Unbekannten immer wieder
anzusehen, als ob ein bses Fluidum von ihm ausgehe, das war eine
einmalige Begebenheit, aber seine weiteren Auftritte waren aus
anderen Grnden kaum zu bersehen.  Er kam meist in grerer
Gesellschaft von acht bis zehn Personen und die schien so merkwrdig,
da ich mich an diesen Aufzug oft erinnert habe.  Fast immer war der
Photograph Hoffman, Hitlers Chauffeur und ein anderer Chauffeur des
Braunen Hauses, wie man mir erklrte und natrlich Brckner, den man
meist schon vorher sah, da er das Gelnde anscheinend zu erkunden und
einen Tisch zu arrangieren hatte, dabei.  Es waren manchmal auch
einige andere Uniformierte, manchmal auch eine jngere Frau, die an
der untersten Ecke des Tisches sa.  Was fr ein eigenartiger Aufzug,
was fr ein Mann mute das sein.  Kam er in dieser Gesellschaft
dorthin, um die Brger zu schockieren, oder weil er es so am liebsten
hatte?  Die Auftritte blieben nicht so unbeachtet, als der Sommer
voranging, als man merkte, da ein oder zwei der alten Kellnerinnen
ihre Begeisterung fr den Gast kaum verbergen konnten, die sich aber
sonst kaum jemandem unter den Gsten dieses bourgeoisintellektuellen
Lokals sichtbar mitzuteilen schien.

Es hatte schon an verschiedenen Hochschulen Naziagitationen gegen
einzelne politisch linke Professoren gegeben, in Mnchen gab es am 26.
Juni 1931 dann die Auschreitungen gegen den bekannten Staatsrechtler
Hans Nawiasky.  Obgleich sie wie eine Reaktion auf seine uerungen
in einer Vorlesung, ber die der Vlkische Beobachter am Vortage
berichtet hatte, aussehen sollten, gab es Anzeichen, da sie von den
Nazis schon vorher geplant waren (5).  Nawiasky war jdischer
Abstammung, in Czernowitz geboren, aber ein prominenter katholischer
Staatsrechtslehrer geworden, der nun allerdings durchaus nicht
politisch links stand.  Er war erst in der angestammten
sterreichischen Monarchie, dann in Bayern, auch Rechtsberater der
bayrischen Regierung gewesen.  In einer Vorlesung hatte er,
ausdrcklich nur fr seine Hrer bestimmt, Fragen internationaler
Vertrge errtert, es nherte sich der Jahrestag des Versailler
Vertrages, und bemerkt, da die Deutschen ja den Russen 1917 in
BrestLitowsk auch sehr harte Friedensbedingungen auferlegt hatten.
Da hatte es zunchst gar keine Unruhe gegeben, aber Nawiasky erhielt
Warnungen, da solche geplant seien.  In der schon spt am 25.Juni
erscheinenden Ausgabe des Naziorgans vom 26.Juni war der Fall
Nawiasky ganz gro und hetzerisch aufgemacht, ganz klar als Signal zu
gewaltttigen Protestaktionen an der Universitt.

Meine Verwicklung darin blieb begrenzt, ich war ja an der TH und
schon so gut wie im Examen, aber gleich frh war es bei dem Repetitor
Broich beinahe zu einem Handgemenge zwischen einem Nazistudenten in
SA Uniform und v. Borsig gekommen, der sich sehr scharf gegen die
Angriffe der Nazis auf Nawiasky gewandt hatte.  Broich, selbst
kritisch gegen Nawiasky, konnte Gewaltttigkeit verhindern, aber
gegenber in der Universitt brach sie dann aus.  Walther Seuffert
wurde dabei verletzt.  Ich war in die TH gegangen, aber besorgt, was
passieren wrde, ging zum Mittagbrot in die Osteria, und da sa
Seuffert ganz allein, immer noch sehr erregt, unter dem Auge noch
immer eine blutende Wunde (6).  Er wollte nicht zum Arzt gehen,
erzhlte statt dessen, wie sich die Krawalle um Nawiaskys Vorlesung
an diesem Morgen abgespielt hatten und er selbst dabei ttlich
angegriffen und verletzt wurde.

Die Nazis setzten die Krawalle noch in der folgenden Woche fort, bis
der Rektor am Dienstag 2.Juli die Universitt schlo.  Sie wurde am 6.
Juli wieder geffnet.  Nicht nur Nawiasky, auch der Rektor hatten
sich sehr vorbildlich benommen, und am 8.Juli verurteilte dann auch
der Asta der Studentenschaft die nationalsozialistischen
Ausschreitungen (7).  So endete der Fall Nawiasky wieder mit erneuter
Isolierung der Nationalsozialisten, aber sie hatten von sich reden
gemacht.

Whrend meines Mnchner Studiums hatte ich mich noch fr ein
hochschulpolitisches Anliegen interessiert, die Bildung von
Fachschaften, durch die Studenten einer Fachrichtung ihre besonderen
Interesen wahrnehmen knnten, und da eine Zusammenarbeit solcher
Fachschaften dann vielleicht die studentische Selbstverwaltung
anstelle der so hochpolitisierten Studentenschaft und ihrer Astas
bernehmen knnte.  Das war schon in Charlottenburg nach Auflsung
der staatlich anerkannten Studentenschaft ein Plan gewesen (8).
Meine demokratischen Freunde baten mich auch an den Besprechungen
teilzunehmen, die grade in Mnchen aktuell wurden.  Sie gingen noch
nicht sehr weit damals, aber ein Stein kam ins Rollen.  In spteren
Semstern gab es dann in Mnchen eine Fachschaftsliste bei den
Astawahlen, die dazu beitrug, eine Nazimehrheit an der Universitt
bis zu Hitlers Machtbernahme zu verhindern.

Fr mich aber war nun das Examen fr den Diplomkaufmann gekommen, das
ich auch ganz gut bestand.  Am 13. Juli sa ich bei einer der
schriftlichen Prfungen, und wieder gingen Nachrichten im Raum herum,
Zeitungen wurden gezeigt, die deutsche Bankenkrise war ausgebrochen,
die Danatbank hatte schlieen mssen.  Ein Gefhl tiefster
allgemeiner Krise verbreitete sich.  Die staatliche Bewirtschaftung
aller Devisenvorrte, die eingefhrt werden mute, relativierte
ferner alle Vorstellungen von freier Marktwirtschaft und trug so zur
Krise des bisher vorgestellten Systems bei, eine Erscheinung, mit der
viele Lnder fr Jahrzehnte zu leben haben wrden.


C) Zwischen Breslau und zu Hause

Mit dem bestandenen Examen endete nun meine kurze Studentenzeit in
Mnchen.  Fr meine weiteren Plne war die Wirtschaftskrise nicht gut.
Ich wollte weiteres Studium der Nationalkonomie zur Erlangung
eines Doktorates mit einer Praktikantenstellung irgendwo vereinigen.

Zunchst bewarb ich mich bei der Frankfurter Zeitung um eine Stelle
in ihrem Handelsteil.  Die Frankfurter Fakultt war sehr gut, und
dort eine Dissertation zu machen, schien mir ein groer Preis.  Ich
fuhr nach Frankfurt, Heinrich Simon hatte mir gesagt, ich knnte mich
jederzeit bei ihm melden.  Erst sah ich den einstigen
Jungdemokratenfhrer Hans Kallmann (1), der dort zur Redaktion
gehrte, aber er war skeptisch, da sich nun in der Krisensituation
etwas machen lt, und Heinrich Simon fand das dann auch.  So gab ich
Frankfurt auf und ging nach Berlin.

Rawack & Grnfeld bauten Personal ab, hatten in der Krise groe
Verluste durch Vorkufe von Eisen und Manganerzen erlitten, das
entscheidende Gewicht war von Felix Benjamin auf Vertreter der Banken
bergegangen.  Die GFE meines Onkels Paul Grnfeld behauptete ihre
fhrende Stellung in der Ferrolegierungsindustrie, die Krise machte
sich aber auch bemerkbar.  Mein Onkel Paul wollte mir helfen, aber
meinte, da meine besten Mglichkeiten nicht auf der rein
kaufmnnischen Seite oder Industrieverwaltung, sondern zum Beispiel
bei Ttigkeit in einem wirtschaftlichen Verband liegen wrden.  Er
kannte mich ja gut, ich war so viel dort im Haus, und es war
vielleicht nicht unbedingt gebilligt, aber immerhin bemerkt worden,
wie ich mich in politischen Dingen profiliert hatte.  Die GFE gehrte
dem Verband zur Wahrung der Interessen der Chemischen Industrie
(genannt Langnamverband) an, und mein Onkel empfahl mich an den
Geschftsfhrer Dr. U..  Mein Interview verlief erfolgreich, und er
war bereit, mich anzustellen und das schien unter Dach und Fach.
Bald mute er mir aber mitteilen, da sein Kollege Dr. Pietrikowski
ein Veto eingelegt hat, weil es der Vertraulichkeit wegen nicht geht,
da ein Verwandter eines Verbandsmitgliedes in der Verwaltung
beschftigt wird.  Es war eine groe Enttuschung fr mich, und
unerwartet, da es grade von Dr. Pietrikowski kam.  Er war frher mit
dem von einer Posener Familie kontrollierten Ostwerkekonzern
verbunden gewesen und einige Zeit auch Direktor bei Rawack & Grnfeld,
aber ich mute das einstecken.  Dr. U. gab mir statt dessen eine
Empfehlung an seinen Freund Leo Gross, Geschftsfhrer des Verbands
des deutschen Grohandels.

Das Interview mit ihm brachte mich nochmals nach Berlin.  Wieder sah
ich auch die alten Freunde aus der Hochschulpolitik, auch Wolfgang
Straede kam zu uns ins Kaffee Schn, um mich zu sehen.  Einige Tage
vorher war gerade die Grndung der Harzburger Front verkndet worden,
also die Deutschnationalen hatten sich mit Hitler verbndet.  Wir im
Kaffee Schn waren voll Emprung und groen Befrchtungen, man fragte
Straede, wie man sich das eigentlich vorstellt, Hitler zur Macht
kommen zu lassen heit doch, da es in seiner Alleinmacht enden wird.
Wir schrieben Oktober 1931. Straede bemhte sich, uns zu beruhigen,
nichts werde auer Kontrolle geraten, alles sei dafr vorgesorgt.
Ich verlie das Kaffee mit ihm, und als wir uns unter den Linden
verabschiedeten, fragte ich, was er denn fr nderungen erwartet von
der Harzburger Front.  Es wurde deutlich, er meinte auch nicht, da
alles beim Alten bleibt, diese Harzburger Front hie viel fr ihn,
eben doch eher, da eine neue Zeit in Deutschland anfangen wird.  Ich
erwhnte die Stellung der Juden.  Er zgerte ganz kurz, als um
nachzudenken, als ob er bisher, oben im Kaffee, an diesen Punkt gar
nicht besonders gedacht htte.  Ich sah, es kam pltzlich ein etwas
sthlerner Blick in das vertraute Gesicht, als ob es einer gewissen
Anstrengung und Entschlossenheit bedurfte, wie er dann sagte, ja, es
wird sich vieles ndern.  So trennten wir uns, es gab mir das Gefhl,
da sich da ein Graben aufgetan hatte.

Da ich wegen einer Praktikantenstelle aus Berlin nichts mehr hrte,
fiel dann die Entscheidung, fr meine Dissertation nach Breslau zu
gehen und dabei soviel Zeit wie mglich auch im Geschft in Kattowitz
zu verbringen.  Das schien auch angezeigt, die finanzielle Lage war
dort angespannt geblieben der schlechten Konjunktur wegen.  Fr die
Ziegelei war als Betriebsleiter ein aus Krakau stammender junger, auf
Keramik spezialisierter Chemischer Ingenieur, Zygmunt Weingrn,
engagiert worden, er schien sehr intelligent und energisch.  Meine
Schwester Lotte kam auch nach Kattowitz zurck, um dort in der
Tischlerei der Firma sich auf Mbelfabrikation auszubilden.  Die
jngere Schwester Marianne war noch zu Hause.  Ich hatte ja seit 1928
nie mehr viel Zeit in Kattowitz verbracht, mute mich nun neu mit
manchem vertraut machen.

Meine polnischen Schulkenntnisse hatten sich noch wenig verbessert,
nur gelegentlche Anlufe mit Privatstunden in Ferien, Bemhungen,
Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, aber im privaten Leben gab es
noch kaum polnisch sprechende Kontakte, auch bei der Jugend.  Die
meisten meiner deutschen Schulfreunde waren fort in Deutschland, auch
die jdischen unter ihnen, aber es gab Ferienbesuche von manchen, und
so blieben alte Freunde wie KarlHeinz Lubowski und HansWerner
Niemann, der jetzt auch in Breslau studierte.  Als neue, sehr
interessante Kontakte in Kattowitz ergaben sich 2 etwas ltere
jdische Intellektuelle, die beide Journalisten geworden waren, auch
aus alten deutschjdischen Kattowitzer Familien stammend und dorthin
zurckgekehrt.  Einer war Dr. Fritz Guttmann, Nationalkonom aber
auch mit groen Kenntnissen und Urteil in Literatur und Musik.  Er
war bei der "Kattowitzer Zeitung" Leiter des Wirtschaftsteils und
auch des Feuilletons geworden.  Fritz Guttmann war verheiratet und
lebte mit seiner Familie auf der deutschen Seite in Beuthen, ein
weiterer Grund dort manchmal einen Abend zu verbringen.  Das war kein
Problem, der kleine Grenzverkehr, durch das Genfer Abkommen
eingefhrt, war ja noch bis 1937 in Kraft.  Vorlufig war es
attraktiv fr uns, manchmal nach Beuthen zu fahren.  Nach 1933 wurde
es dann fr manche in DeutschOberschlesien attraktiv, mal nach
Kattowitz zu kommen.

Die andere neue Bekanntschaft in Kattowitz war Dr. Franz Goldstein,
ganz und gar literarisch und knstlerisch eingestellt, unverheiratet.
Die "Wirtschaftliche Vereinigung fr PolnischOberschlesien" umfate
deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende, wobei die deutschjdischen
natrlich einiges Gewicht hatten.  Sie wurde, ebenso wie ihre
Wochenzeitung, die "Wirtschaftskorrespondenz fr Polen" von Dr.
Alfred Gawlik, zur deutschen katholischen Gruppe gehrend, geleitet,
und bei der Wirtschaftskorrespondenz war Franz Goldstein als
Redakteur angestellt.  Er entwickelte dort als Beilage eine Buchrevue
verbunden mit Theater, Konzert und Filmkritik, durch die er mit
vielen bekannten Schriftstellern in Korrespondenz oder persnlichen
Kontakt kam.  Von seiner Mnchner Studentenzeit stand er Arnold Zweig
nahe und zeigte sich sehr begeisterungsfhig fr manche junge Talente,
zu denen auch Klaus Mann gehrt hatte.  So gab es in Kattowitz 1931
zwei sehr fortschrittlich und modern eingestellte Feuilletons, die
sich, als ich 1927 zum Studium nach Berlin ging, noch nicht so
profiliert hatten.  Die Lage der deutschen Minderheit hatte sich
weiter verschlechtert.  Zwar hatten die Wahlen zum Schlesischen Sejm
den Deutschen im Mai 1930 noch ein Drittel der Sitze gebracht, aber
bei einer neuen Wahl im November waren die deutschen Stimmen stark
reduziert und es kam zu deutschen Protesten im Vlkerbund gegen
polnischen Wahlterror.

Entscheidend fr die weitere Schwchung der deutschen Minderheit
wurde dann im Laufe der Zeit der zunehmende polnische Einflu in den
Verwaltungen der verschiedenen Industriegesellschaften, die das Bild
seit dem Beginn der 1930er Jahre bald vollkommen vernderten.  Der
polnische Staat half nach durch Zwangsaufsichten z.B. nach
Steuerstreits.  Es erschien in Oberschlesien eine ganz neue Schicht
von gut ausgebildeten und erfahrenen polnischen Industrieverwaltern
und Ingeneuren, wie es ja auch im brigen Polen in diesen Jahren zu
einer strkeren Profilierung industrieller Aktivitt kam, zum Teil
unter dem Zeichen des sich in Polen entwickelnden Systems des
"Etatismus".  Die Geschftsaufsichten ber Teile der oberschlesischen,
von auslndischem Kapital oder deutschen Adelsfamilien
kontrollierten Schwerindustrie gehrten in dieses Bild.

In Breslau meldete ich mich bei Dr. G. Hesse als Doktorand.  Er war zu
seiner Zeit anerkannt als sehr solider Nationalkonom, war Verfasser
eines vielgebrauchten Lehrbuchs und auerdem Leiter des in Breslau
bestehenden Osteuropainstituts.  Er nahm mich als Doktorand gleich an
und da ich einiges Polnisch auch die Verhltnisse in Polen etwas
kannte, schlug er vor, als Dissertation eine Arbeit fr das
Osteuropainstitut zu machen, und zwar ber "Die Auslandsverschuldung
Polens", ber die noch keine Publikationen vorlgen.  Das nahm ich
auch an und machte mich gleich an die Arbeit.  Ich mute natrlich
auch die verschiedensten Vorlesungen belegen und vor allem an den
volkswirtschaftlichen Seminaren teilnehmen.  Sie waren interessant,
Hesses Seminar sehr sachlich, nchtern und grndlich, viel ber
wirtschaftspolitische Fragen, ich sprach selten, aber wurde beachtet.
Der andere Ordinarius war Dr. Bruer.  Sein Seminar war eher
lebhafter, mehr zu Gedankenflgen gegeben.  Auch ich sprach fter,
mute auch ein Referat ber Krise und Konsum halten.  Das
Hauptprogramm ber ein ganzes Semester wurde J.M. Keynes's "Treatise
on Money" gewidmet, das 1930 erschienen, grade erst in deutscher
bersetzung vorlag und in Deutschland gleich groes Interesse fand.
Auch ich hatte damals das Gefhl, da einem die Augen fr die
finanziellen Zusammenhnge im modernen wirtschaftlichen Geschehen
geffnet wurden.  Die wchentlichen Sitzungen ber Keynes's Buch, auf
die man sich entsprechend vorbereiten mute, wurden eine
eindringliche Erfahrung.

Breslau kannte ich ja gut von Jugend auf, meine Gromutter und andere
Verwandte lebten noch dort.  In der FWV traf ich wieder viele
Breslauer, die in Berlin mit mir studiert hatten, ein neuer Freund
wurde Heinz Kretschmer, dort war auch der alte Schulfreund Manfred
Danziger.  Mit den Schulfreunden, die zu den Korporationen gehrten,
traf ich mich nicht, auer Hans Kuhnert, sie hatten mich ja auf die
Boykottliste gesetzt.  Wirkliche Freundschaft verband mich in Breslau
wieder mit HansWerner Niemann und ein anderer menschlich wichtiger
Kontakt wurde wieder Rudi Treuenfels.  Ich hatte ihn jetzt auch als
Chef seiner grovterlichen Breslauer Grohandelsfirma Grund & Lion
in seinem Bro kennengelernt und seine politischen Verbindungen
hatten weiteres Profil gewonnen.  Fritz Klatt war nicht nur ein mit
der Jugendbewegung verbundener Pdagoge, er war auch einer der
Mitbegrnder der "Neuen Bltter fr den Sozialismus" geworden, die
immer noch eine der wenigen Leitplanken fr mich blieben, von denen
man in den aufgeregten Wogen jener Jahre Land glaubte sehen zu knnen.

Wegen meines starken Asthmas wurde mir fr Ende des Wintersemesters
ein Hochgebirgsaufenthalt im Sanatorium des Dr. Guhr auf der
slovakischen Seite der Hohen Tatra verschrieben.  Die herrliche
Bergwelt der Tatra, unten das Popradtal und die alten Zipser Stdte
und Drfer gehren zu meinen schnsten Erinnerungen an das alte
Europa.

Das Kurpublikum im Sanatorium und anderen Gebirgsorten war ein buntes
Vlkergemisch.  Da waren viele tschechische Krankenkassenmitglieder,
ungarische Besucher, manche davon jdisch, ebenso wie Gste von den
vielen Tlern der Slowakai, wo es ja auer Slowaken auch noch viele
ungarisch oder deutschspechende Bewohner gab, darunter auch Juden.
Ins Sanatorium kamen viele aus der Umgebung zu Besuch, meist Zipser,
und die hatten auch oft in Budapest studiert.  So war das auch mit Dr.
Nitsch, der weniger als Arzt im Sanatorium arbeitete und eigentlich
ein Patient war.  Dafr aber gab er Bridge Stunden, und ich wurde
dort ein recht begeisterter aber von Anfang an nicht sehr
vielversprechender Bridge Spieler, nahm auch bald auserhalb der
Stunden viel an Spielen teil, die sich oft auf ungarisch abspielten.

Nach dem Wintersemester 1931/32 verteilte sich meine Aufmerksamkeit
und Zeit mehr gleichmig zwischen Anteilnahme am Breslauer Studium,
den geschftlichen Dingen zu Haus und Entwicklungen in Polen, die
mich nun auch fr meine Dissertation sehr angingen.

Die Aufenthalte in Breslau gaben weiter engsten Kontakt mit der
politischen Entwicklung in Deutschland.  Sie wurde so bengstigend
und turbulent, da sie, wo immer man war und sich beschftigte, die
alles berhngende und beschattende groe Beklemmung in diesen
Monaten blieb.  Die Arbeitslosenzahl stieg auf ber 6 Millionen, die
Nationalsozialisten nahmen weiter an Stimmen und an Kraft und
Rcksichtslosigkeit im hufigen Straenkampf zu.  Die Diskussion ber
die Deflationspolitik des Kabinetts Brning war auch immer heftiger
geworden.  Die Meinungen sind noch heute geteilt, ich war sehr gegen
diese Politik eingestellt (2).

Im Mrz 1932 lief Hindenburgs Amtszeit als Reichsprsident ab.
Hitler kandidierte fr die Nachfolge, aber Hindenburg war bereit,
sich zur Wiederwahl zu stellen, auch mit der gegen Hitler notwendigen
Untersttzung der Sozialdemokraten, und dieser ProHindenburgblock
gewann auch die Wahl gegen die Nationalsozialisten.  Es brachte
Aufatmen und Erleichterung, aber der Block versagte wieder nach dem
erfolgreichen Wahlgang, wenn es zu Kompromissen ber Wirtschafts und
Auenpolitik htte kommen mssen.  Es gab bei den wichtigsten
Faktoren der brgerlichen Rechten die irrationale Vorstellung, da
zwar mglichst ohne Hitler, aber jedenfalls ohne und gegen die
Sozialdemokratie "halbautoritr" regiert werden msse, als neue
Daseinsform fr Deutschland.  Schwerindustrie und Reichswehr bten
ihre Einflsse in dieser Richtung aus.  Bald verlor auch Brning das
Vertrauen Hindenburgs, und schon damals war die Version, da dies
durch Hindenburgs Mitrauen wegen der Plne fr Landreform und
buerliche Siedlung in Ostelbien verursacht war.

Brning wurde als Reichskanzler durch einen Herrn v.Papen ersetzt,
vom rechtesten Flgel des Zentrums, als Politiker bisher fast
unbekannt.  Die andere Schlsselfigur im neuen Kabinett blieb der
General v.Schleicher.  Brnings Regierung war ja noch eine
parlamentarische gewesen.  Wenn auch ohne parlamentarische Mehrheit,
war sie doch personell parlamentarischen Ursprungs.  Das neue
Kabinett Papen war das nicht und sein Hervortreten lste Skepsis und
vermehrte Unsicherheit aus.  Brning hatte mit Hindenburgs und
Schleichers Zusstimmung nach der erfolgreichen Wiederwahl Hindenburgs
eine Verordnung fr Auflsung und Verbot der bewaffneten
nationalsozialistischen Kampforganisation SA erlassen, die Regierung
Papen hob es wieder auf (3).  Als etwas wie Papens politische Heimat
und Profil wurde der "Herrenklub" in Berlin genannt, der breiten
ffentlichkeit ganz unbekannt.

Er war einige Wochen im Amt, als ich in Kattowitz zum Bridge bei der
Frau Else Silberstein eingeladen war und dort Herrn v.d.  Knesebeck
traf, Leiter des Bros der Kohlenhandelsfirma Caesar Wollheim im
deutschoberschlesischen Gleiwitz.  Er schien fters nach Kattowitz
zu kommen und wohnte bei Frau Silberstein, die ja seit vielen
Jahrzehnten weiter eine Position im Kohlenhandel aufrecht erhalten
hatte.  Der andere Gast war Direktor Waclawek der Kattowitzer Firma
"Progress", welche die polnischoberschlesischen Geschfte von Caesar
Wollheim bernommen hatte.  Er war ein guter Pole.  Zum abendlichen
Bridge war ich dazugeladen worden.  Mein Bridge war nicht so
wunderbar, aber es gab angeregte Unterhaltung, und als Besorgnis ber
die neue Regierung in Deutschland laut wurde, stellte es sich heraus,
da v.d. Knesebeck ein Mitglied des Herrenklubs in Berlin war.
Vermutlich htte er das nie erwhnt, aber die Erffnung war gewiss
zeitgem.  Er stellte Herrn v. Papen in bestem Licht dar, den
Herrenklub als die Elite der Besonnenen und Verantwortungsvollen und
die sicherste Bastion gegen eine Machtbernahme Hitlers.  So war es
ja dann leider nicht.

Die Regierung Papen schien zunchst auf Distanz zu Hitler zu halten,
schwchte aber die Weimarer Republik entscheidend durch die
gewaltsame Absetzung der preuischen Regierung, ein groer Schock,
auch weil es so glatt und widerstandslos vor sich ging.  Es war
traurig.  Aus gingen Otto Braun und Severing, Abegg und die
republikanische Gewalt ber und durch die von ihnen so
wohlorganisierte preuische Polizei.

Als ich zum Beginn des Wintersemesters 1932/33 nach Breslau, mit
meiner Dissertation schon weit gediehen, zurckkam, hatten sich die
politischen Verwicklungen weiter gesteigert, aber es gab auch einige
scheinbare Lichtblicke.  Bei einer Reichstagswahl im Juli hatten die
Nazis selbst mit ihrem HarzburgPartner Hugenberg zusammen nicht die
Mehrheit der Stimmen errungen.  Die Reichstagsmehrheit allerdings
bestand nun aus Nazis und Kommunisten.  Diese lehnten mehr noch
strker als bisher jegliche Fhlungnahme oder gar Zusammenarbeit mit
den Sozialdemokraten und anderen Arbeiterorganisationen ab.  Als ihre
Parole verbreitete sich, man msse nun auf das Vierte Reich warten.
Das also war Moskaus Politik.

Eine niederschmetternde Erfahrung und Gefhl eines beginnenden Chaos
wurde fr mich der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom 3. November
1932, der zu einer fnftgigen Lhmung der Berliner Verkehrsmittel
gerade im Augenblick der weiteren Reichtagswahl vom 6. November
fhrte, und zu dem, gegen den Willen der sozialdemokratischen Freien
Gewerkschaften, die Nationalsozialisten und Kommunisten gleichzeitig
aufgerufen hatten (4).

Die Juliwahl hatte den Nationalsozialisten mit 37.8% (5) die hchste
Stimmenzahl vor ihrer Machtergreifung gebracht.  Die Regierung
Papen/Schleicher, im Einverstndnis mit Hindenburg und Hugenberg,
versuchte auf eine Lsung durch erhoffte "Zhmung der
Nationalsozialisten" hin zu arbeiten, eine Illusion, die Hitler bald
durch Forderung auf die ganze Macht zerstrte.  Der Reichstag wurde
wieder aufgelst und die Wahlen vom 6. November 1932 brachten zum
ersten Mal wieder einen Rckgang der nationalsozialistischen Stimmen.
Auch die Finanzen der Partei hatten gelitten.  Es gab unterde auch
Anzeichen einer beginnenden Verbesserung in Weltwirtschafts und
deutscher Wirtschaftskrise.  Die parlamentarische Lhmung im
Reichstag aber dauerte an mit Nazis und Kommunisten in knapper
Mehrheit, Hitler bestand weiter auf der Kanzlerschaft, die Hindenburg
ihm mit Schleicher verweigerte.  So erschien ein neues Konzept fr
eine von auerhalb des Parlaments kommende Lsung ein Gebot der
Stunde.  Der "Tatkreis" hatte dafr seit langem agitiert, mit
Schleicher als Schlsselfigur fr eine "Dritte Front", gesttzt auf
der einen Seite auf die Freien Gewerkschaften unter Fhrung von
Leipart, wo es Bedenken gab gegen den sozialdemokratischen Kurs
weiterer Verweigerung von Hilfe fr die Politik der herrschenden
halbmilitrischen Regierung, um Hitler von der Macht fernzuhalten.
Auf der anderen Seite gab es die mehr zum Sozialismus drngenden
Kreise der Nazipartei um den scheinbar mchtigen
"Reichsorganistionsleiter" der Partei, Gregor Strasser, der sich
gegen Hitlers Bestehen auf totaler Machtbernahme gewandt hatte.

Eine bekannte Berliner Tageszeitung, die "Tgliche Rundschau", war
fr den "Tatkreis" gekauft worden, vermeintlich mit Schleichers
Untersttzung, mit Zehrer seit September 1932 als Chefredakteur.
Papen hatte Hindenburg keine parlamentarische Mehrheit fr seine
Regierung beschafft und mute zurcktreten, Hindenburg machte Ende
November 1932 Schleicher zum Reichskanzler.  Zehrers Aktivitten und
Entwicklung hatte ich ja seit Herbst 1929 aufmerksam und mit, wenn
auch gar nicht unqualifizierter Anteilnahme verfolgt, seine
Schlsselstellung als scheinbarer Sprecher Schleichers (6) brachte
mich diesen letzten verzweifelten Anstrengungen gegen Hitlers
Machtbernahme besonders nahe.

Auch sonst gab es auf der Linken neben den Gewerkschaften Leiparts
Zeichen von Zustimmung.  Leopold Schwarzschild hatte mit seiner
antideflationistischen Kampagne zur Arbeitsbeschaffung in einer
gemeinsamen Front mit Leipart und den Gewerkschaften Stellung bezogen.
Bei allem Abstand zwischen ihm und der "Tat" kam er zum Schlu, da
nur die Untersttzung einer aufgeklrten autoritren Regierung das
Schlimmste, nmlich Hitler's Machtbernahme, verhindern knne (7).

Der Kreis um die "Neuen Bltter fr den Sozialismus" hatte auch an
"Brckenbau" zwischen links und rechtsgerichteten sozialistischen
Krften gearbeitet, auch mit Kontakt u.a. mit Otto Strasser (8).  Bei
den Neuen Blttern war man aber anscheinend skeptisch ber eine
solche "Einheitsfront" um Schleicher, aber die Fhlungnahme wird als
Teil der in diese Richtung gehenden Anstrengungen gesehen (9).

Schleicher's Plne fr eine "Dritte Front" kamen nicht zum Zug.  Er
dachte wohl auch immer noch an eine "Zhmung" der Nationalsozialisten
als Alternative.  Die Heeresleitung war zweifelhaft, ob ein Einsatz
der Reichswehr gegen Hitlers Kampfverbnde noch durchfhrbar sein
wrde.  Strasser schien den Stein ins Rollen zu bringen und legte mit
einem Applomb am 8. Dezember alle seine mter in der NSDAP nieder.
Es schockierte Hitler, er soll von Selbstmord gesprochen haben (10),
aber es kam nicht zur erwarteten Spaltung der Partei.  Auf der
anderen Seite wurde auch Leipart vom Parteivorstand der SPD
zurckbeordert (11), der abgesetzte v. Papen sorgte ber Schleichers
Kopf fr neuen rechtsbrgerlichen Support fr Hitler und schlielich
fr Hindenburgs Beschlu, Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler
zu ernennen (12).

Nicht alle der in diesem Rckblick erwhnten Zusammenhnge und
Vorgnge sind dem Miterlebenden in jenen schicksalshaften Monaten
schon vollkommen klar geworden.  Ich habe fr meine Darstellung auch
auf die reichhaltige Nachkriegsliteratur und Aktenforschung hinweisen
knnen (13).  Ich habe diese bewegten Monate zwischen der Universitt
Breslau und Kattowitz miterlebt, wo man natrlich viele Kontakte, wie
auch alle Zeitungen und Zeitschriften hatte.  Mit "Tat" und "Neuen
Bltter" war ich ja seit langem vertraut, ebenso mit Schwarzschilds
Tagebuch, nun las man auch die "Tgliche Rundschau".  Aber es kam
anders, das Unheil Hitler wurde nicht aufgehalten.  Einem grausigen
Vorfall auf dem tragischen Weg zu Hitlers Machtergreifung war ich
auch besonders nahe gewesen.  Im August 1932 hatte die Mordtat der
Nationalsozialisten im deutschoberschlesischen Potempa, bei Gleiwitz,
die Gemter in ganz Deutschland erregt.  Hitler hatte sich mit den
Ttern voll und ganz solidarisch erklrt, die ihr Opfer zu fnft zu
Hause berfallen und durch wiederholte Tritte in den Hals ermordet
hatten (14).  Ich war damals im August in Kattowitz auf der
polnischen Seite Oberschlesiens nur etwa 30 km vom Tatort entfernt,
wo Presse und Rundfunknachhall noch intensiver waren.  Ich wute,
was die Nazis sind, da war ja nicht nur Hammersen gewesen, es hatte
stndig schwere nationalsozialistische Grausamkeiten in
Straenkmpfen gegeben.  Potempa war nicht im Straenkampf, es war
ein berfall von fnf Nazis auf einen als kommunistisch verdchtigten
jungen Arbeiter.  Ob auch mitspielte, da die Familie des Opfers
polnischsprechend war, ist nicht klar.  Erschtternd war danach
wieder, wie bedrohlich eine mgliche Machtergreifung Hitlers fr
Deutschland sein wrde, und man mute dabei nun auch an die sich
abzeichnende Drohung fr die Juden in Deutschland denken.

Wie Hitler die Tter des Potempa Mordes als Helden seiner Bewegung
herausstellte, machte klar, da es bei ihm keine Schranken gab fr
die Anwendung brutalster, rechtloser physischer Gewalt.  Aber er
wurde Reichskanzler.  Was wrde nun wohl aus Deutschland werden?



Kapitel 6

Nach dem Ende von Weimar

Die Machtbernahme Hitlers als Reichskanzler erlebte ich nun in
Kattowitz mit Rundfunk, Zeitungen, einigen Telefongesprchen, dann
gab es Filmwochenschauen.  Es war ganz eindeutig mit dem Aufgebot an
SA Mrschen und Publikumserregung, obwohl das Kabinett noch eine
Mehrheit von brgerlichen und Fachministern hatte, das war die
Machtergreifung.  Hitler und seine Nazis schienen eine
nachtwandlerische Begabung zu haben, solche Ereignisse zu inszenieren.
Von den Festmrschen ging die SA wieder direkt zurck auf die
Strae und Schlimmeres.  Es kamen die Meldungen von blutigem Terror
und Vergeltungsmanahmen.  Bald mute ich lesen, da mein lterer FWV
Bundesbruder Gnter Joachim in Berlin von SALeuten abgeholt und
grausam erschlagen wurde.  Die Meldungen ber Menschen, die als
bekannte Gegner der Nationalsozialisten umgebracht oder in eines der
schnell entstehenden Konzentrationslager gebracht wurden, huften
sich, besonders nachdem der Reichstagsbrand die Szene in Deutschland
hell beleuchtet hatte, und es waren darunter immer wieder Namen, die
ich gut kannte, und manche, denen ich begegnet war.  Eine ganze Reihe
meiner Freunde verlie Deutschland schon damals.

Bei den neuen Reichstagswahlen am 4. Mrz 1933 erhielt Hitlers Partei
immer noch keine 50% der Stimmen, mit Hugenbergs Partei aber hatten
sie es nun, und andere Parteien wurden soweit eingeschchtert, da
ein Ermchtigungsgesetz Hitler vollkommene Macht gab.  Es hatte von
Nazis und ihrer SA veranstaltete antijdische Kundgebungen gegeben,
und am 1.April kam ein Tag des Boykotts aller jdischen Geschfte als
Signal, da die Unterdrckung des jdischen Bevlkerungsteils nun im
Ernst einsetzte.  Es war gut, da ich in diesen Wochen sehr
beschftigt war mit meiner Dissertation.  Auch nahm ich ja an den
Vorgngen im Geschft und zu Hause in Kattowitz teil.  Es war im
Geschft 1932 eine Vernderung eingetreten, die auch meine eigene
Stellung und Zukunft betreffen sollte.  Die Liquiditt im Geschft
war angespannt geblieben, der Absatz der Ziegelei kam erst langsam
aus der Wirtschaftskrise, weitere Kredite hatten beschafft werden
mssen, wobei ich entscheidend mitgeholfen hatte.  Dann kam 1932 der
Tod des frheren Partners Max Grnfeld, fr dessen Kremation Vater
und ich nach Berlin gefahren waren.  Nach seinem Ausscheiden hatte er
in Berlin ein bequemes und geruhsames Leben fhren knnen und danach
noch geheiratet.  Es war ihm noch ein verzinsliches Guthaben in der
Firma verblieben, nach seinem Tode wurde nun verlangt, da das fr
die Erben gesichert wird, und zu denen gehrte nicht nur die Witwe,
Tante Mucke, sondern nach ihr alle Vettern und Kusinen, die etwas
von solcher Erbschaft brauchen konnten, und da gab es einige.  Daher
waren nun an solcher Sicherung auch die interessiert, die sich als
Sachwalter solcher Familieninteressen fhlten.  Zu deren Auflagen
gehrte auer hypothekarischer Sicherung auch, da ich keine anderen
Plne fr meine Karriere machen, sondern bei meinem Vater in
Kattowitz bleiben sollte.

Mit Verhltnissen in Polen hatte ich mich ja nicht nur durch die im
Osteuropainstitut in Breslau vorhandene Literatur und Zeitschriften,
sondern auch in Kattowitz vertraut machen knnen.  Mein Polnisch
hatte sich zusehends verbessert, wenn auch mehr zum Lesen solcher
Literatur und Zeitungen oder auch Geschftspapieren als fr
Konversation und Umgangssprache.

Im Sptsommer 1932 besuchte ich zum ersten Mal Warschau.  Meine
Mnchner Freundin hatte sich einer RulandExkursion des
Kutscher'schen Theaterwissenschaftlichen Seminars der Universitt
Mnchen angeschlossen, zu der auf der Rckreise ein Aufenthalt in
Warschau gehrte, und ich wollte sie dort treffen.  Sie kam dann auch
nach Kattowitz.

Meine Schwester Lotte hatte sich unterdessen mit dem Betriebsleiter
der Ziegelei Zygmunt Weingrn, der berhaupt eine Sttze des
Geschfts geworden war, sehr angefreundet, sie schienen es sehr ernst
zu nehmen.  Bei Familie und Freunden traf Lotte damit zunchst auf
Erstaunen, nicht nur, da er polnischjdisch war und dementsprechend
seine Familie und sein Freundeskreis, aber viele empfanden ihn auch
als einen recht harten Menschen.  Ich habe ihn im Laufe vieler Jahre
dann eben als nicht nur sehr intelligent und tatkrftig, sondern auch
als besonders zuverlssig fr alle Dinge, fr die er sich einsetzte,
schtzen gelernt.  In den Monaten nach Hitlers Machtbernahme, die
ich in Kattowitz verbrachte, hatte sich Lotte mit ihm bereits verlobt,
die Hochzeit sollte im Juni stattfinden.  Ich aber wollte zu
Semesterbeginn Anfang Mai doch wieder nach Breslau gehen, um meine
Dissertation bei Dr. Hesse einzureichen.  Zur Hochzeit meiner
Schwester htte ich ja dann kurz nach Kattowitz kommen knnen.  Aber
das kam dann anders.

Ich hatte natrlich ein merkwrdiges Gefhl, jetzt nach Breslau zu
kommen.  Ich hatte mich ja als Gegner der Nazis exponiert und
Hammersen wre ich gewi nicht gern begegnet.  Aber wie eigenartig
sich das jetzt fgte.  Ich hatte ja einen polnischen Pa, und was man
so hrte, auch miliebigen fremden Staatsbrgern wurde damals
gewhnlich keine rohe Gewalt angetan.  Ich unterhielt mich mit Dr.
Hesse ganz offen ber die Lage; an der Universitt war man noch
unsicher, neue Richtlinien ber eine Sonderstellung jdischer
Studenten waren nicht ergangen, aber wurden erwartet, er nahm aber
meine Dissertation entgegen und wollte mir Bescheid geben.  Unterde
nahm ich an Seminaren teil, seines war sachlich und diszipliniert,
etwas ungemtlicher fhlte ich mich im Seminar des Dr. Bruer.  Ich
konnte zunchst bei den Eltern meines FWV Bundesbruders Kurt
Leipziger bernachten, bis ich ein mbliertes Zimmer fand.  Ich
meldete mich auch bei Rudi Treuenfels, er bat mich, ihn sofort zu
verstndigen, wenn ich in der Universitt irgendwelche
Schwierigkeiten habe.

Ein Zimmer fand ich durch HansWerner Niemann.  Er hatte eines in der
sehr groen Wohnung von Dr. Ernst Fraenkel am Nikolaistadtgraben und
es war noch ein anderes frei.  Frau Fraenkel war eine sehr
eindrucksvolle Frau, es waren viele Kinder im Haus (den Sohn Ernst,
damals 9 Jahre alt, sollte ich 23 Jahre spter in London
wiedertreffen).  Ihr Mann, Jurist, sehr kmpferisch gesinnter KCer
und mit Auszeichnungen versehener Frontkmpfer des 1.Weltkriegs,
widmete sich jetzt voll seinem Amt im Reichsbund jdischer
Frontsoldaten, durch dem bedrngten jdischen Kriegsteilnehmern oft
geholfen werden konnte.  Dazu gehrten Vorstellungen von ihren
Spitzenfunktionren sogar bei Hindenburg, aber Dr. Fraenkel war
besonders bekannt dafr geworden, da er sich in die Hhle des Lwens
zum Breslauer Gauleiter Heines, einem der berchtigsten SA Fhrer,
gewagt und mit groem Schneid diese Intervention berstanden hatte.
Er war jetzt meist im Berliner Bro des Jdischen Frontkmpferbundes;
wenn er am Wochenende nach Hause kam, reihten sich Besucher an
Besucher, die Hilfe oder auch nur Rat von ihm haben wollten.

Es war ein Zufall, da ich nun dort war, ein sehr passenden Rahmen
fr meinen kurzen Mai 1933 Aufenthalt in Breslau, so kurz, weil Dr.
Hesse mir bald mitteilte, da neue Anweisungen nun vorlgen und
jdische Studenten nicht mehr promovieren drften.  Er bedauerte das,
bot an, mir eine Empfehlung an Dr. Bchner, frher auch in Breslau,
jetzt Ordinarius in Zrich zu geben, die ich auch gerne annahm.  Man
hatte ja solch eine Sperre nicht ausschlieen knnen, und ich hatte
fr diesen Fall nicht nur an die Schweiz, sondern auch an die
deutsche Universitt in Prag gedacht, wo ich eventuell mit meiner
Dissertation noch promovieren knnte.  Zunchst verstndigte ich auch
Rudi Treuenfels; fr meinen Besuch bei ihm hatte er auch seinen
Freund Dr. Rademacher, frher so aktiv als republikanischer Professor,
ein bekannter Mathematiker, gebeten.  Beide bestanden darauf, da
man eine Beschwerde an das Kultusministerium machen mte.  Rudi
Treuenfels, der ja zur Abstimmungszeit oft bei uns in Kattowitz war,
fand, das wre doch ein ausgezeichneter Fall, der Regierung die
Unsinnigkeit ihrer Verfgungen nahe zu bringen.  Ich war nicht sehr
fr diesen Plan, war dann doch bereit, eine solche Eingabe da und
dort mitzuverfassen und zu unterschreiben, aber machte ganz klar, da
ich mich dadurch nicht gebunden fhlte und wahrscheinlich Breslau
sofort verlassen und eine andere Universitt auerhalb Deutschlands
mir suchen wrde.

Nach Verstndigung mit zu Hause beschlo ich, es erst in Prag zu
versuchen.  Nazi Grenzkontrollen beim Verlassen Deutschlands waren
schon etwas wie ein Schreckgespenst geworden.  Eine Bekannte von Kurt
Leipziger wollte auch ber Prag ausreisen; wir fuhren zusammen, man
war bange, aber es gab gar keine Zwischenflle.  In Prag sah ich
meine Freunde von der Rede und Lesehalle, man war dort schon
Emigranten gewhnt, und auf der Strae begegnete ich Dr. Otto
Friedlnder, einst Vorgnger meines Freundes Berlowitz an der Spitze
der Sozialistischen Studenten in Deutschland.  Wir kannten uns gut,
er war dann spter sehr aktiv in der studentischen Vlkerbundsgruppe,
wie ich ja auch.  Er war nun schon einige Zeit in Prag als
politischer Flchtling, und ich hrte viel ber die sich dort
versammelnde politische Emigration, ihre Probleme, Plne und
beginnenden Aktivitten.  Er arbeitete auch zusammen mit Kurt
Gromann, bekannt gewesen als Sekretr der Deutschen Liga fr
Menschenrechte, auf dessen Bitte ich auch bereit war, da sein
Haushaltsgut von Deutschland ber meine Adresse in Kattowitz geleitet
wrde, soda es von dort nach Prag gehen konnte.

An der Deutschen Universitt Prag war man nicht bereit, mich noch fr
das Sommersemester einzuschreiben, und so fuhr ich ber Mnchen
weiter nach Zrich.  Beim Umsteigen in Mnchen besuchte ich ganz
schnell noch meine Freundin; sie war krank, und so ging ich allein
essen, in die Osteria Bavaria, es war ziemlich leer, aber da sa Hans
Bethe, Freund meines Vetters Werner Sachs, ich hatte ihn fters in
Dahlem getroffen, und so a ich mit ihm.  Als Physiker schien er
schon weit aufgestiegen, war gerade von einer Gastdozentur in England
zurckgekommen, es gefiel ihm nicht in Deutschland, er wrde gleich
wieder weggehen.  Von Heisenberg und Schrdinger sprach er schon
damals wie von Gleichgestellten.

In Zrich, nach September 1930 war dies nun mein 2.Besuch und es
regnete wieder, wurde ich sehr freundlich und hilfsbereit von Dr.
Bchner empfangen und htte bei ihm meine Dissertation fertigstellen
knnen.  Er konnte aber nicht garantieren, da die Vorschriften
erlauben wrden, da ich noch fr das Sommersemester immatrikuliert
werde.  Das Sekretariat der Universitt lehnte das dann auch ab, fr
das Wintersemester sollte es mglich sein, aber zusagen knne man es
jetzt nicht.

Ich traf in Zrich an diesem Tag auch die, wie ich schon von Hans
Wener Niemann gehrt hatte, unterde im Breslauer Seminar zu
Rabbinern promovierten Bekannten Schlesinger und Funkenstein.  Wir
gingen zusammen essen, es gab da ein koscheres Restaurant in Zrich,
und meiner neuen Lage war das ja auch sehr angemessen, da ich dort
so viel jdische Atmosphre zu spren bekam und soviel darber hrte.

Unsere Unterhaltung war sehr lebhaft.  Sie wollten durchaus ihr
Bestes tun, um mich etwas mehr auf jdische Wellenlngen zu bringen.
Als sie besonders lebhaft sprachen und gestikulierten, wie ich es bei
ihnen von Breslau her gar nicht gewhnt war, schreckte ich wohl etwas
zurck, und da meinte Schlesinger halb Scherz, halb Ernst, ich msse
mich eben daran gewhnen, da wir Juden eine orientalische
Bevlkerung sind.  Mein nchstes Ziel sollte die Universitt Basel
sein, sie gaben mir die Adresse ihres Kollegen Lothar Rothschild in
Basel.

Dort ging ich sofort zur Universitt, die fr mich unterde eine
gewisse Gloriole als ein Wunschziel bekommen hatte.  Sie war sehr alt
und voller Prestige, man brachte sie schon mit Erasmus von Rotterdams
Aufenthalt in Basel in Verbindung, dann waren da so bedeutende Namen
wie Jakob Burkhardt und Friedrich Nietzsche.  In der Kanzlei schien
der Pedell die Szene zu beherrschen, seine Erscheinung entsprach so
ganz dem Ruhm der Universitt, wie ich ihn zu sehen begonnen hatte.
Er hatte einen wundervollen Vollbart, an den ich mich als
rtlichbraun erinnere, und er stand ganz vorn, wo der Amtsraum von
den Besuchern abgegrenzt war, vor ihm lag ein groes ledergebundenes
Buch.  Ich trug ihm meinen Fall vor, und mit einer einladenden
Handbewegung schlug er das Buch auf und bat mich, meinen Namen
einzutragen.  Damit war ich immatrikuliert.

Es hatten sich damals in Basel seit Beginn des Sommersemesters 1933
eine grere Zahl von Studenten versammelt, die aus politischen oder
"rassischen" Grnden ihr Studium in Deutschland abbrechen muten.
Ich war denn auch keineswegs der letzte Refugee, der noch im Laufe
des Sommersemesters angenommen wurde.  Diesmal ohne jede Empfehlung
meldete ich mich mit meiner Dissertation bei Dr. Edgar Salin, der
mich als Doktorand annahm.

Die Begegnung mit ihm beeindruckte mich sehr und erffnete viele neue
Dimensionen (1).  Wenn man ihm zuhrte, begann man zu vergessen, da
er als so rechtsgerichtet galt.  Er war vehement gegen die
Erfllungspolitik fr die deutschen Reparationen aufgetreten, als
Gegenpol zu dem mir vom Demokratischen Studentenbund einst als
hufiger Gast so gut bekannten Dr. M.J. Bonn.  Aber es war schwer
mglich, sich Edgar Salin in der Nhe auch nur Hugenbergs
vorzustellen.  Wesentlich war bei ihm Friedrich List, der deutsche
Nationalkonom des frhen 19. Jahrhunderts, der an deutschen
Hochschulen kaum noch neben Adam Smith oder Ricardo erwhnt worden
war.  List war ein "Nationaler" konomist gewesen, fr den
staatliches Denken die Basis war, so etwas wie ein
postabsolutistischer Merkantilist.  Bei Edgar Salin war es auch die
Staatsidee, die mit seiner Verbundenheit mit dem Stefan George Kreis
zusammenhing, er hatte auch ber Plato's Staatsidee ein Buch
geschrieben.  Bemerkenswert war dabei, da er in allen Problemen der
modernen Markt und Verkehrswirtschaft meisterhaft zu Hause war und
sich dafr in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch einen erheblichen
Ruf errang.  Sein Seminar auch in 1933 war mehr davon erfllt als von
Plato und Friedrich List, und man hrte viel auch ber Schumpeter und
Keynes.  Es ging damals dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise
entgegen, Roosevelt hatte sein Amt angetreten, die Allgegenwart des
Staates in der kapitalistischen Wirtschaft war einem sehr stark
bewut geworden.  Schutzzlle waren noch durch Devisenbewirtschaftung
aufgestockt worden, und der Weg aus der Krise schien in den USA
Roosevelts wie auch im Deutschland Hitlers und Schachts wiederum
durch massives Einwirken des Staates zu fhren.  Edgar Salin schien
die auf Adam Smith und Ricardo basierenden Theorien der reinen
Verkehrswirtschaft als Abstraktionen zu sehen, ntzlich fr die
erstrebenswerten Ziele der Marktwirtschaft, aber eben kein
vollstndiges Bild der Wirklichkeit, aus der "die ffentliche Hand"
im Wirtschaftsgeschehen intern und international durch die
Jahrhunderte, ganz gleich unter welcher Herrschaft, gar nicht weg zu
denken ist (2).

Neben den so interessanten Seminaren Edgar Salins und dort gemachten
Bekanntschaften bot die Zeit in Basel auch andere anregende
Abwechselung.  Es gab die schnen SommerabendKonzerte im Hof des
alten Mnsters mit seinen Kreuzgngen, Orchesterkonzerte unter Felix
Weingartner.  Die Frau unseres Kattowitzer Anwalts und entfernten
Vetters Hans Loebinger hatte mir Empfehlungen an zwei Verwandte in
Basel gegeben, die beide aus Schlesien stammten.  Der eine war Dr.
Karl Joel, als Ordinarius der Philosophie Nachfolger auf dem
Lehrstuhl Friedrich Nietzsches.  Er lebte mit seiner Schwester; sie
hatten Sonntagmittag jetzt oft eine Reihe von Emigrantenstudenten
eingeladen.  Sie waren beide sehr warm empfindende und geistig
lebhafte Menschen.  Auch wenn er nach einem Schlaganfall war, hielt
er immer noch Vorlesungen.  Sie gehrten sehr zu Basel und seiner
Universitt, aus den Unterhaltungen ergab sich, da Albert Schweizer
und Heinrich Wlfflin zu den engsten Freunden gehrten.

Die andere Einfhrung war an Dr. Ludwig Scherbel, fhrend in der
Motor Columbus, die seinerzeit auch das Elektrizittswerk in
Prinzengrube in Oberschlesien, eine alte Kindheitserinnerung von mir,
mitfinanziert hatte.  Er war nicht nur ein prominenter und
sachverstndiger Geschftsmann, sondern auch ein Mensch mit
auserlesenen kulturellen Interessen und Geschmack, groer Bibliophile
und Kunstsammler.  Er empfing mich beraus freundlich, ich lernte
viele interessante Leute in seinem Haus kennen und war dort sehr gern.
In der Universitt hatte ich im Seminar den etwas lteren
sozialistischen Studentenfhrer Beyer aus Berlin wiedergetroffen.  Er
erkannte mich vom DStV her, wir sahen uns auch sonst, meist sa ich
im Seminar neben ihm.  Auch in Basel war von FWVern wieder der schon
von Mnchen her befreundete Ralph Kleeman und von Breslau Franz
Ledermann, und ich war viel zusammen mit einigen Medizinstudentinnen,
auch emigriert aus Deutschland.

Natrlich beschftigte einen damals die jdische Frage besonders und
Kontakte die damit zusammenhingen waren intensiv.  Bei Lothar
Rothschild hatte ich mich schon gleich nach Ankunft gemeldet und
wurde gleich zum Freitagabend eingeladen.  Er war noch ohne Stellung
als Rabbiner, der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterland, wie er
meinte.  Er lebte zu Haus bei seinem verwitweten Vater, wir hatten
lange Spaziergnge und Gesprche ber Gott, vor allem aber den
damaligen Zustand der Welt und die jdische Lage.  Durch ihn und
Funkenstein lernte ich auch andere, meistens auch Emigranten kennen,
die stark in jdischem Bewutsein und Interessen verwurzelt waren.
Es gab auch einen Diskussionsabend von einer zionistischen
Studentengruppe arrangiert, wo die in Basel angekommenen sich
aussprechen sollten.  Die meisten kamen als bisherige Gegner oder
Skeptiker, jemand, es wurde mir berichtet, es war einer meiner FWV er
Freunde, sagte, wir selbst knnen einen Weg zum Zionismus nicht mehr
finden (man war in seinen frhen zwanziger Jahren), vielleicht mal
unsere Kinder.  Ich fhlte, auch wenn man fr sich selber aus der
hergebrachten Abwehrstellung und Skepsis schwer herauskam, da es
doch ein natrliches Bedrfnis wurde, in der fr die Juden durch
Hitlers Machtbernahme in Deutschland sichtbaren Entwicklung den
zionistischen Gedanken und Bestrebungen Interesse und aktive
Sympathie entgegen zu bringen.  Man wute ja von ihnen, man war aber
ein eher ablehnender Beobachter gewesen, der Akzent wurde jetzt doch
anders.  Ich hrte auch Martin Buber, der als diesjhriger Gast der
Studentenschaft Basel in ihren Vortragsreihen einen
religionsphilosophischen Vortrag hielt und ihn mit den Worten "Sren
Kierkegaard.." anfing.  Da war also ein alter Zionist der frhen
Stunde, der den Zusammenhang mit europischer Geistesgeschichte so
betonte und in ihr seinen Platz einnahm.

Am Ende des Sommersemesters besuchte ich auf dem Weg nach Hause
meinen Vetter Ernst Grnfeld in Freiburg i.Br., wo er weiter Chemie
studierte.  Wir waren whrend des Semesters in nachbarschaftlichen
Kontakt getreten, und nun zeigte er mir Freiburg.  Wir tranken Wein
auf dem Mnsterplatz, aber obwohl es so eine katholische Stadt war,
sah man auch viele Naziuniformen, und als das groe Skandalum war da
natrlich die Befremdung ber die nazifreundliche Haltung, die der
bekannte Philisoph Martin Heidegger als damaliger Rektor der
Universitt zeigte.  Man hatte darber in Basel mehr gesprochen als
anscheinend in Freiburg.  Es war fr mich keine persnliche
Enttuschung, bei allem Interesse fr seinen Lehrer Husserl, er war
fr mich ein Buch mit sieben Siegeln geblieben.  Husserl hatte ja
auch in Freiburg gelehrt, auch der alte Nationalkonom
SchultzeGaevernitz, hufiger Gast bei uns im Demokratischen
Studentenbund in Berlin, ebenso wie seine Tochter, und ich erinnerte
mich an Rudolf Kstermeyer, treibender Geist fr unseren DStV. Jetzt
stand ber allem in Freiburg ein groes Fragezeichen.

Ich fuhr nach Hause mit einem Zug, der mich direkt durch den
Schwarzwald nach Osten fhrte und mir noch ein neues, schnes Stck
Sddeutschlands zeigte.  Irgendwo in Bayern sa ich im Abteil mit
einem Bauern, er war sichtlich nicht sehr eingenommen von Hitler,
aber lassen wir es mal, sagte er, der mu ja jetzt zeigen, was er
kann, wahrscheinlich dauert das Ganze nur ein paar Monate.  Solche
uerungen hrte man gern, aber konnte man wirklich hoffen, da es so
ausgeht?

Bei Beginn des Wintersemesters stellte es sich heraus, da ich es gar
nicht mehr auszusitzen brauchte, schon im Dezember konnte ich meine
Prfungen ablegen und am 15. Dezember erfolgte meine Promotion.  Der
Pedell mit dem wunderbaren Bart zog in einem Talar mir voran und dann
wurde ich vom Dekan promoviert, langer Mhe und mancher Hindernisse
Lohn.

Nach meinem Examen lud ich zum Abschied zu einem kleinen Abendessen
ein, italienisch, fr mich damals ganz neu, aber so hatten es sich
die Medizinstudentinnen gewnscht, und eine von ihnen fuhr mit mir,
als ich vor der Rckkehr nach Kattowitz noch ber Weihnachten und
Neujahr meine Schwester Marianne in Paris besuchen wollte.  Sie hatte
aus gesundheitlichen Grnden aufgeben mssen Chemie zu studieren und
war zu Sprachkursen nach Paris gegangen.

Paris und etwas vom Leben in Frankreich war nochmals ein neues
Erlebnis und eine neue Erfahrung, und auch eine aktuelle.  Es hatte
in der Politik gerade den Stavisky Skandal gegeben, man wute nicht,
war das auch eine tdliche Krise der Republik, es gab auch
Straendemonstrationen, Ausschreitungen.  Werden sie das System
umstrzen?  Nein, sagte Kurt Kronheim, der alte Freund vom
Demokratischen Studentenbund, die franzsische Republik steht fest
auf ihren Fen, und er schien recht zu behalten.  Er war einer von
vielen deutschen Emigranten, die ich in Paris nun wiedertraf, auch
Kurt Berlowitz war darunter.  Marianne wohnte am Boulevard des
Augustins, nahe dem Quartier Latin.  Auch hier waren, wie in Prag,
bereits viele der deutschen Emigrantenzeitschriften entstanden, die
bis zum Kriegsausbruch 1939 fr mich wichtige Beziehungspunkte mit
politischen Entwicklungen bleiben sollten.  Marianne und ihre Freunde
fhrten mich zu Weihnachten in ein elsssisches Restaurant, sie
hatten alle noch Heimweh.  Berlowitz war vom Weltstudentenwerk
gebeten worden, einen Artikel ber die Lage der jdischen Studenten
zu schreiben.  Er schlug vor, ich sollte das an seiner Stelle tun,
ich wte ja mehr z.B. ber Polen, und jetzt in Basel hatte ich ja
nicht nur deutsche Emigranten getroffen, sondern auch jdische
Studenten aus Ost und Sdosteuropa, von denen seit Jahren viele ins
Ausland gehen muten, um zu studieren.  Es war ein wirkliches Problem,
ber das ich da nachdenken sollte, das die Sorgen jngster
deutschjdischer Emigration in einen viel weiteren Rahmen stellte.
Wo gab es da Wegweiser, war eine verstrkte jdische
Berufsumschichtung zu einer normaleren soziologischen Struktur, weg
vom hohen Prozentsatz akademischer Berufe und Ambitionen, wie ihn ja
nicht nur die Zionisten fr die Mglichkeiten, die sich ihnen in
Palstina bieten knnten, sondern auch fr die weite Diaspora zum
Beispiel die Gesellschaft "Ort" als Ziel hatte?  Aber welche Chancen
konnten verloren gehen fr wirkliche Intelligenz aus dieser jdischen
Bevlkerung Europas, man mute nur an die vielen Nobelpreistrger
denken, die aus ihr hervorgegangen waren.  Mit diesem zu verfassenden
Artikel im Gepck fuhr ich dann von Paris nach Hause.



Kapitel 7

Emigration nach Hause, in Polen

Wenn ich mir vorstellte, wo ich mir einst eine Karriere und
Aufgabenfeld fr meine Zukunft aufbauen wrde, war mir im Laufe
meiner Studentenjahre doch immer die Weimarer Republik als das
natrliche Habitat fr die Zukunft erschienen.  Die gab es nun nicht
mehr.  Meine Freunde aus der Studentenzeit emigrierten, meist in die
weite Welt, wo immer man ein Visum bekommen konnte, manche auch nach
Palstina, fr manche hie es Umschulung weg von ihrem Studiengebiet
auf einen praktischen Beruf.  Fr mich aber hatte wieder gegolten,
da ich jedenfalls zur Zeit an der Seite des Vaters gebraucht wrde,
und so sollte Mitarbeit im Familiengeschft jetzt meine
Hauptbeschftigung werden.  Man mute sehen, wie sich das gestalten
wrde.  Fr weitere Sicht blieb Auswanderung, weiter weg von Hitlers
Deutschland, immer noch im Blickfeld.  Geschftlich aber konnten wir
damals in Kattowitz mit sich verbessernder Konjunktur wieder
zuversichtlicher sein.  Die Ziegelei stellte als eine ihrer
Spezialitten aus ihren Tonreserven Eisenklinker her, fr die sich
pltzlich substantielles Interesse fr den Straenbau ergab.  Das
Projekt war im Verhandlungsstadium und interessierte mich sehr.

Im Verhltnis der deutschen Juden zu den offiziellen deutschen
Organisationen hatte sich nach Hitlers Machtbernahme in Deutschland
alles gendert.  Es gab gewi auch Krfte bei den Deutschen dort
gegen eine Gleichschaltung dieser Organisationen mit den
Nationalsozialisten in Deutschland (1), aber es wurde doch unmglich
fr jdische Mitglieder, in einer Organisation zu bleiben, die nicht
offiziell von der judenfeindlichen Linie der Nazis abrckte.  Mein
Vater legte sein Amt als Vizeprsident des Deutschen Volksbunds sehr
bald unter Protest dagegen nieder und schied aus der
Stadtverordnetenversammlung aus (2).

Die persnlichen Kontakte zum Leben der deutschen Minderheitsgruppen
und zu manchen guten Freunden wurden auch betroffen.  Meine Mutter
und andere jdische Mitglieder zogen sich nach einiger Zeit aus dem
Meister'schen Gesangverein zurck, auch aus dem Hilfsverein Deutscher
Frauen, und man ging nicht mehr in die Veranstaltungen der Deutschen
Theatergemeinde, deren Spielplan ja von DeutschOberschlesien herkam.
Zum Teil war das ein langsamer Erosionsproze, es gab ja doch die
verschiedensten Deutschen, die das wirklich bedauerten und aus ihrer
Distanzierung zu den Nationalsozialisten keinen Hehl machten, es war
ja auch nicht so wie in Deutschland, da ein behrdlicher Druck
dagegen stand.

Als bezeichnend fr das Bild der deutschen Minderheit vor 1933 sehe
ich, da am Vortragsprogramm des Deutschen Kulturbunds, unter Leitung
von Viktor Kauder, auch viele republikanische Akademiker und
Schriftsteller aus Deutschland teilnahmen, so die Professoren G.
Kessler, Th.Litt, Bergstrsser, H.v.Eckart, unter den Schriftstellern
Walter v.Molo und Klaus Mann, der sich damals fr den noch sehr
jungen Autor Dr. Franz Goldstein sehr einsetzte (3).  Bis
Kriegsausbruch gab es dann zwei deutsche politische Gruppen im
damaligen PolnischSchlesien, die sich offen gegen Hitler stellten.
Da war die deutsche Sozialdemokratische Partei unter ihrem schon
langjhrigen oberschlesischen Fhrer Johann Kowoll und Dr. Siegfried
Glcksmann aus dem frher stereichischen Teil (Bielitz).  Sie hatte
weiter ihre eigene Fraktion im Schlesischen Sejm, unterhielt ihre
Zeitung "Volkswille", aber verglichen mit den 1920er Jahren waren
ihre Statur und Einflu zurckgegangen.  Bei hoher Arbeitslosigkeit
und der gegen deutsche Arbeiter gerichteten Einstellungspolitik der
polnischen Regierungspartei hatten die deutschen Gewerkschaften an
Boden verloren, und als 1933 die Freien Gewerkschaften in Deutschland
gleichgeschaltet wurden, verloren die deutschen Sozialdemokraten in
PolnischOberschlesien noch mehr an Rckhalt.  Ihre Partei und einige
ihrer Organisationen blieben aber aktiv und arbeiteten effektiv mit
an der gefhrlichen Ttigkeit des sozialdemokratischen Widerstands
gegen Hitler in Deutschland zusammen mit der deutschen
sozialdemokratischen Emigration in Prag.  Dazu gehrte sowohl
"Kurierttigkeit" fr Einschleusen von Flugblttern und anderer
Literatur, wie auch Rettung von politisch Verfolgten, die Deutschland
heimlich verlassen muten (4).  Ich wute damals nicht im Einzelnen
ber diese Aktivitten, aber kannte den Gewerkschaftsvertreter Johann
Kowoll.  Mein Vater hatte ja auch einige mter in seiner Berufssphre

gehabt, Obermeister der Maurer und Zimmererinnung, Vorsitzender der
Arbeitgeberverbnde fr Bau und Ziegeleiindustrie, und da hatten die
Gewerkschaften ja auf der anderen Seite des Tisches gesessen.

Der Syndikus der vom Vater geleiteten Arbeitgeberverbnde war Franz
Cichon.  Er stand der anderen Gruppe von deutschen Hitlergegnern in
PolnischSchlesien nahe, deren Auftreten besonders bemerkenswert ist.
Sie bestand aus einem Teil der ursprnglichen Deutschen Katholischen
Volkspartei.  Unter deren Vorsitzenden Dr. Eduard Pant war diese
Partei und ihre Zeitung "Oberschlesischer Kurier" zunchst ganz offen
gegen den Machtwechsel in Deutschland aufgetreten (5).  Auf Pants
Antrag hatte sie gleich im Mrz 1933 ihren Namen in Deutsche
Christliche Volkspartei gewechselt, um auch anderen christlichen
Hitlergegnern Zusammenarbeit anzubieten, und Dr. Pant fand dafr noch
im August 1933 eine Mehrheit seines Parteitags.  Daneben gab es noch
den "Verband der Deutschen Katholiken", wo er auch bis Dezember 1934
die Oberhand behielt.

Seit Februar 1934 gab er eine Wochenzeitung, "Der Deutsche in Polen",
heraus; der bisherige Chefredakteur des Oberschlesischen Kuriers J.C.
Maier wurde dort schon frher wegen seiner offenen antihitlerischen
Haltung sehr angefeindet und wechselte zu Dr. Pants Zeitung als
Chefredakteur.  Im Juni 1934 legte Dr. Pant sein Amt im Deutschen
Volksbund nieder, und im Dezember 1934 erzielten die Gruppen der
deutschen Katholiken, die es vorzogen sich nicht offen gegen
Nationalsozialisten zu stellen, eine Mehrheit gegen Dr. Pant im
Verband der deutschen Katholiken.  Dr. Pant und seine Gruppe blieben
danach isoliert, ihre Haltung blieb eindeutig gegen die
Nationalsozialisten gerichtet, und der "Deutsche in Polen" brachte
fortlaufend viele kritische Berichte ber Nazigreueltaten und auch
die antisemitischen Exzesse.

Natrlich wurden in deutschjdischen Kreisen die Entwicklung von Dr.
Pants Partei zu einer so entschlossenen antihitler Organisation mit
ihrer eigenen sehr gut redigierten Zeitung auerordentlich begrt
und bewundert.  Wir waren Abonnenten der Zeitung und verbundene Leser,
es war aber eine sehr betont auf christlicher und eigentlich eben
katholischer Basis bestehende Gruppierung, so da sich die Frage
einer eventuellen Mitarbeit oder Einbeziehung deutschjdischer
Kreise nie stellte.

Ich erinnere mich auch nicht an persnliche Kontakte mit Dr. Pant
selber aus dieser Zeit.  Er war aus dem sterreichischen Teil
Schlesiens gekommen, von daher in seine fhrende Stellung unter den
deutschen Katholiken PolnischSchlesiens aufgestiegen und spter nach
Kattowitz gezogen, gehrte also nicht zu den alten Bekannten (6).  In
der ideologischen Einstellung gab es einen gewissen Unterschied
zwischen reichsdeutschen und den sterreichischen Katholiken, mit
ihrer strkeren Betonung einer vlkischen Note und damit einem
gewissen offenen Antisemitismus, anders als man es gewhnlich von
einem Fhrer des katholischen Zentrums in Deutschland gewohnt war (7).

Bei Dr. Pant hatte man Anfang der dreiiger Jahre vor Hitlers
Machtergreifung einen Kampf um den Vorsitz der Deutschen
Theatergemeinde in Kattowitz, vielleicht zu Unrecht, etwas in diesem
Licht gesehen.  Die langjhrige Vorsitzende Rosa Speyer sah sich
einer Gegenkandidatur Dr. Pants gegenber.  Ich war bei dieser
erregten Versammlung, die Wogen gingen hoch, es wurde durchaus nichts
antisemitisches gesagt, fr Dr. Pant schien es eine Sache
christlichnationaler Thematik fr das Kulturprogramm im Gegensatz zu
dem vermeintlich bisher vorherrschenden liberalem Einflu (8).  Es
ist eigenartig: protestantische Gruppen und Jugend, aus der sich
spter viele proNazis rekrutierten, stimmten damals gegen Dr. Pant
fr die Wiederwahl der langjhrigen Vorsitzenden Rosa Speier, und als
einer ihrer Freunde beschwerte ich mich beim katholischen
Abgeordneten Jankowski, da seine Organisation die Einheit stren
wolle.  Er selbst aber war dann in der Hitlerzeit unter den
Katholiken nicht mehr auf der Seite Dr. Pants.

Nun war also gerade Dr. Pant an die Spitze der katholischen
Abwehrbewegung gegen Hitler getreten und gab ihr soviel Profil und
Aggressivitt.  Persnlich besser bekannt waren uns einige der
angestammten Oberschlesier, die zu ihm hielten, so der langjhrige
Kattowitzer Stadtrat Schmiegel, Dr. Alfons Rojek von den Christlichen
Gewerkschaften und Dr. Alfred Gawlik, Geschftsfhrer der
"Wirtschaftlichen Vereinigung in PolnischSchlesien".  Ihn sah ich
dann oft, denn die Vereinigung ermglichte es Dr. Franz Goldstern,
Redakteur ihrer Wochenzeitung "Wirtschaftskorrespondenz in Polen" zu
bleiben und auch seine literarische Beilage im bisherigen Stil
weiterzufhren.  Er hatte mich gebeten, Buchrezensionen ber
politische und geschichtliche Themen zu bernehmen, da seine
Interesse mehr Literatur und Musik galten, und ich hatte auch
angefangen, ber aktuelle wirtschaftspolitische Tagesthemen
Leitartikel fr das Hauptblatt zu schreiben.  Dabei bewegten mich
auch Sorgen wegen der polnischen Finanzpolitik, die sich strikt an
franzsischen Theorien modellierte, whrend woanders eine
expansionistische Geldpolitik basierend auf den Ideen von Keynes
betrieben wurde.

Das Amerika Roosevelts war das einprgsamste Beispiel dafr, ber das
ich oft schrieb.  Fr Polen sollte ja die Nhe des sich auch mit
expansionistischer Geldpolitik rapide aufrstenden Hitlerdeutschlands
ein Grund gewesen sein, seine Geldpolitik zu berdenken und sich von
den Fesseln der franzsischen Schule von Gide und Rist zu
emanzipieren, wovon ich auch sprach.  Polen schien sich lange durch
seine Finanzpolitik den notwendigen Spielraum zur erforderlichen
Weiteraufrstung zu verbauen.  Zur Zeit der Weimarer Republik mit
ihrer 100.000 Mann Reichswehr galt ja wohl in Deutschland mit Recht
die polnische Armee als eine mgliche Bedrohung.  Die Welt erwachte
nur sehr langsam zu dem Ausma der von Hitler seit 1934 betriebenen,
viele Vorstellungen sprengenden deutschen Aufrstung.  Jemand, der
darber laut und stark sprach, war Leopold Schwarzschild in seinem in
Paris erscheinenden Neuen Tagebuch, das wir in Kattowitz natrlich
abonnierten.  berhaupt war nun die in allen ihren Schattierungen
bei uns vorhandene deutsche Emigrationspresse eine wesentliche Quelle
von Information und Verbindung mit den Vorgngen in der Westlichen
Welt.

Man hatte sich ja auch neue Tageszeitungen suchen mssen, die
Vossische Zeitung gab es nicht mehr, die lokale Kattowitzer Zeitung
war gleichgeschaltet, so kamen wir zunchst zum "Prager Tagblatt",
eine liberale Zeitung, die durch den Zuzug so vieler deutscher
Emigranten nach Prag an Profil noch gewonnen hatte.  Als sie nachlie,
war da die "Prager Presse", im Besitz der tschechischen Regierung,
aber auch mit Beitrgen von deutschen Emigranten, zum Schlu, wohl
bis Mrz 1939 war es dann noch die MhrischOstrauer Morgenzeitung,
die uns in Kattowitz ganz gut versorgte.  Mein Freund Dr. Fritz
Guttmann wurde auch von Kattowitz aus ein Mitarbeiter.

Von allen politischen Emigrantenzeitschriften hat mich
Schwarzschild's Neues Tagebuch immer am nachhaltigsten beeindruckt.
Um die Warnungen vor der tdlichen Bedrohlichkeit der Hitler'schen
Aufrstung zu unterstreichen, brachte er hufig Beitrge von Winston
Churchill und Andr Tardieu, den prominentesten der einsamen Rufer
unter westlichen Politikern, die das Gleiche fhlten.  Meine
Mitarbeit an der Wirtschaftskorrespondenz fr Polen gab mir natrlich
einige Genugtuung.  Meine Schwester Marianne erzhlte nach einem
Skiausflug in die Beskiden, da auf der Rckfahrt in ihrem Abteil
zwei Beamte des Wojewodschaftsamts saen, die sich ber meine
prokeynesianischen Artikel lebhaft unterhielten.  Ich wurde also
gelesen.  Es nderte sich aber wenig in der Politik.

Was wir in der Wirtschaftskorrespondenz schrieben, machte sie nicht
zu einem politischen antihitler Kampforgan, wie es Dr. Pant's "Der
Deutsche in Polen" war.  Es war ja eine Wirtschaftszeitung mit
Literaturbeilage, aber aus der klaren antinationalsozialistischen
Einstellung wurde kein Hehl gemacht, und unter den Bchern, die
besprochen wurden, waren viele, die in Deutschland verboten worden
waren.  Fr mich blieb das eine Nebenbeschftigung, fr die ich kein
Honorar bezog.  Ich schrieb unter einem Pseudonym, denn meine
Hauptaufgabe dort in Kattowitz war ja im vterlichen Geschft.

Dort war das Projekt fr Bau groer Straen mit Eisenklinkern weiter
fortgeschritten, der Initiator war der frhere polnische
Finanzminister Wladyslaw Grasbki in Warschau, auch Eigentmer einer
groen Ziegelei und sehr interessiert an der Mitwirkung unserer
Ziegelei, die ihrer Kapazitt nach eine der grten in Polen war.
Der Vater fuhr nach Warschau mit Zygmunt Weingrn zu einer
Besprechung mit Grabski, der zwar ein Politiker der
nationaldemokratischen Opposition, aber doch mit guten Verbindungen
war, und das Projekt sah weiter vielversprechend aus.  Zustzliche
Kredite wurden von der Stadtsparkasse in Kattowitz dafr in Aussicht
gestellt, und ich sollte nach Berlin fahren, um das dafr ntige
Einverstndnis der Witwe des Onkel Max zu erlangen, die von der
dortigen Familie beraten wurde.

Bevor ich nach Berlin fuhr, kamen die Nachrichten von der politischen
Mordaktion Hitlers am 30. Juni 1934. Ich war gerade fr einen Tag nach
Krakau gefahren, man sa im Kaffee auf dem Platz vor den Tuchlauben

gegenber der alten Marienkirche; Kaffeehaus dort schien ein Anklang
an die sterreichische Vergangenheit Galiziens.  Da kamen die
Zeitungen heraus mit den Nachrichten ber Hitlers Mordaktion und die
Kommentare, die Hitler dazu abgab.  Es war unbeschreiblich und
unfabar, wie so etwas vom Zaune gebrochen, wie es aufgezogen war,
dahin also waren die Deutschen gekommen, so sah ihre Regierung aus
(9).

Kurz danach fuhr ich also nach Berlin.  Die alten Kumpane vom
Demokratischen Studentenbund Franz Suchan und Horst Mendershausen
holten mich am Bahnhof ab.  Ich wohnte in Dahlem, die geschftlichen
Unterhaltungen spielten sich im Bro der GfE an der Hardenbergstrae
ab.  Mein Vetter Herbert schien dort im Sattel als ein Primus inter
pares in der GfE Leitung mit Leo Forchheimer und Dr. Hans
Krakenberger.  Mein Onkel Paul war viel abwesend durch Krankheit.
Meine geschftlichen Gesprche verliefen befriedigend, also stand der
Aufnahme des Kredits in Kattowitz, der fr das neue Projekt gebraucht
wurde, nichts mehr entgegen.

Die Eindrcke whrend des Besuchs in Berlin waren schlimm.  Die
meisten Menschen, die ich traf, waren verwundert und verschreckt.
Freunde, die nahe bei den Kasernen in Lichterfelde wohnten, wo man
die ganze Nacht die Schsse gehrt hatte, ja es wurde immer noch
weiter geschossen, waren ein lebhaftes Beispiel.  Ich besuchte auch
Richard Winners und Else Runge, er arbeitete jetzt wieder fr eine
amerikanische Zeitung.  Ich fragte, was nun wirklich passiert wre,
das knnen Sie uns doch viel besser erzhlen.  Da meinten beide, Sie
kommen ja aus dem Ausland, und das hrte ich noch oft.  Dabei gehrte
Winners' amerikanische Zeitung zu den prominentesten, die sich durch
konsequente antihitlerische Berichterstattung und Haltung
auszeichneten, und das war auch ganz energisch wie je seine Haltung.
Bei manchen anderen schienen es nicht nur die Schwierigkeiten zu sein,
richtige Informationen zu bekommen, sondern auch das Risiko, dem man
sich aussetzte, wenn man zuviel herumzuhren schien.  Ich glaube da
eine beginnende bung zu entdecken, mglichst nicht mehr zu viel zu
sehen und zu hren.  Das waren also die Wochen nach dem 30. Juni 1934.

Auf der Rckfahrt von einer meiner Reisen nach Berlin whrend der
Hitlerzeit hatte ich in Breslau Station gemacht und war auf der
Schweidnitzer Strae Dr. Hans Lukaschek begegnet.  Er hatte bei
Hitlers Machtbernahme sein Amt als Oberprsident von
DeutschOberschlesien verloren, ein engagierter Zentrumsmann.  Er
hatte sich als Anwalt in Breslau niedergelassen, erkundigte sich nach
meinen Eltern.  Als ich fragte, was er ber die Entwicklung in
Deutschland denke, sagte er, Sie haben es doch nun selbst gesehen,
Sie wissen es doch, ich sah zu ihm auf, es liefen Trnen ber seine
Backen.  So stand dieser groe, starke Mann vor mir, fr den ich
immer soviel Sympathie und Hochachtung gehabt hatte, ein Eindruck,
den ich in den kommenden Jahren nie vergessen konnte.

Am Morgen nach meiner Rckkehr gab es bei uns Alarm.  In der Ziegelei
war in der Nacht ein Feuer ausgebrochen, sie war weitgehend zerstrt,
es hatte lange gedauert, bis die vielen Feuerwehren, die von der
ganzen Umgebung zusammenkamen, den Brand unter Kontrolle bringen
konnten.  Fr den Vater war es besonders tragisch, das Werk, auf das
er so stolz war, als Ruine zu sehen; fr uns alle war es ein groer
Schock.  Der Betrieb mute eingestellt werden, fr mich wurde die
Auseinandersetzung mit den Versicherungsgesellschaften, die das
Feuerrisiko teilten, die Hauptaufgabe.

Die Sachverstndigengutachten der beiden Seiten ber die Schadenshhe
gingen weit auseinander, es kam zu einem Proze.  Da der Grund von
der Kopalnia Wujek (Oheimgrube) der Hohenlohewerke unterbaut war,
wurden diese auch in die Auseinandersetzungen verwickelt, da die
Sachverstndigen der Versicherungen einen Teil der festgestellten
Schden, besonders an den groen fen, als Bergbauschden
bezeichneten.  Die Hohenlohewerke, damals von den Gebrdern Petchek
kontrolliert, waren ja immer wieder wegen drohender Bergschden im
Gesprch gewesen, sogar ihr Ankauf des Grunds als Lsung.  Jetzt gab
es erneuten Kontakt, ihr Markscheider Dlugoborski war ein hufiger
Besucher in den Ruinen der Ziegelei, fr die sie ihren Abbau in
diesem Teil der Oheimgrube hatten beschrnken mssen.  Ich hatte also
einiges zu tun, und gut, da ich da war.  Unser Anwalt Hans Loebinger
hatte unterde einen neuen, sehr intelligenten und versierten
polnischjdischen Partner in Marek Reichmann bekommen.  Er kam aus
der Gegend Lembergs, war erst krzlich von Bielitz nach Kattowitz
bergesiedelt.  Es wurde 1935, bis wir den Proze gewannen und sich
viele neue Fragen ergaben.  Wiederaufbau der Ziegelei schien ein sehr
schwieriges Vorhaben, und die Kosten htten die Entschdigungssumme
berschritten, die Rehabilitierung der Schornsteine alleine wre der
bergbaulichen Situation wegen zweifelhaft gewesen.  In der Nhe war
der Flugplatz entstanden, auch von da war Widerstand zu erwarten.
Fr vorstdtische Bebauung fr Wohnzwecke wurde das Gelnde aber als
geeignet gefunden, und wir entschlossen uns dazu.  Das Stadtbauamt
befrwortete den Plan fr die Parzellierung in Villengrundstcke.

Die Tischlerei sollte aber vorlufig weiter bestehen, hatte sich
schon in eine erfolgreiche Mbelfabrik entwickelt, es wurde noch dort
investiert, ein Verkaufgeschft in der Stadt erffnet, so hatten
Lotte und ihr Mann dort eine Existenz, die sie voll ausfllte.  Im
August 1935 wurde ihre Tochter Nina geboren.  Sie bekam ein
deutschsprechendes Kinderfrulein, Thea, und wuchs damals mit Deutsch
als ihrer Muttersprache auf.

Ich mute nach dem Ausgang des Prozesses wieder nach Berlin, Tante
Mucke beanspruchte einen Teil der Entschdigung, ihre Hypothek mute
fr die Parzellierungsaktion gelscht werden.  Es gab wieder die
vielen Sitzungen im Bro der GFE, Onkel Felix Benjamin, Vetter
Herbert Grnfeld, Anwlte.  Der von uns an die Tante zu bezahlende
Betrag wurde vereinbart (10).

Von meinen jdischen Freunden in Berlin waren die meisten schon
ausgewandert, Kurt und Elli Lange, er erfolgreicher Mediziner,
warteten darauf.  Otto und Lore Lilien wollten nach Palstina und
dort eine Druckerei aufmachen.  Das hat mich interessiert, ich wollte
sehen, ob ich mich daran nicht beteiligen knnte.  Nicht nur in
Deutschland, ich sah auch eigentlich nicht in Kattowitz oder
berhaupt in Polen eine wirkliche Zukunft fr mich.  Wenn die
Parzellierung erfolgreich eingeleitet ist, wre fr mich doch
Auswanderung auch der richtige Weg gewesen.  In der Einstellung zu
zionistischen Hoffnungen in Palstina hatte sich doch manches
gendert.

Wie konnte es auch anders sein.  Auch wenn die Aussonderung der Juden
aus der deutschen Gesellschaft, zu der sie doch so stark und lebendig
gehrten, und eben die nationalsozialistische Herrschaft nichts
Endgltiges sein muten, die Ungewiheiten jdischen Diasporadaseins
waren in neues Licht gerckt.  Was fr Mglichkeiten die
zionistischen Hoffnungen wirklich bieten wrden, das mute sich noch
zeigen, und eigene Identifikation mit nationalen jdischen Zielen war
noch wieder eine andere Frage, aber aktiver Sympathie fr diejenigen,
die sich dafr voll einsetzen wollten, konnte man sich nicht mehr
verschlieen.  Wir waren zu Hause auch bald Abonnenten der in Berlin
von Robert Weltsch herausgegebenen "Jdischen Rundschau" geworden,
die ein hervorragendes Forum fr die Familiarisierung weiter Kreise
des deutschen Judentums mit zionistischem Gedankengut und der
politischen Entwicklung in und um Palstina wurde.

Nun erlebte ich ja Zionismus auch aus nchster Nhe von einer anderen
Seite, durch meinen zunehmenden Kontakt mit polnischen Juden.  Hier
waren seit langem auch in Intelligenz und Brgertum fast alle
prozionistisch eingestellt.  Polen, das Zufluchtsland fr europische
Juden nach mittelalterlichen und spteren Verfolgungen, hatte ein
wirkliches jdisches Bevlkerungsproblem im Zuge rapide wachsender
Industrialisierung und Urbanisierung seiner Bevlkerung.  Es gab Rufe
nach einer drastischen Berufsumschichtung in der jdischen
Bevlkerung oder eben auch massiver Auswanderung, und das waren
Fragen, die auch von den einsichtigsten Leuten auf jdischer Seite
empfunden wurden.  Zionisten und Ort hatten daher einen fruchtbaren
Boden fr ihre Bestrebungen.  In Krakau gab es eine jdische
polnische Tageszeitung "Nowy Dziennik", auch prozionistisch
eingestellt, und die habe ich auch verfolgt.  Ich nahm auch an
Veranstaltungen der Zionistischen Vereinigung in Kattowitz teil, sie
bestand aus einigen alteingesessenen deutschen Juden, Zionisten der
ersten oder jedenfalls frhen Stunden und manchen der
polnischjdischen Zuzgler.  Zu Vortrgen kamen Martin Buber, Harry
Torczyner, Dr. Elias Auerbach, Olschwang u.a., nach denen man die
Redner auch noch beim Tee kennen lernen konnte.  Hannah Rappaport,
vorher kurze Zeit mit Franz Neumann verlobt, hatte den aus Krakau
stammenden Zygmunt Krieger, Importeur Schweizer Uhren, Bruder des
sehr erfolgreichen Bankiers Hennek Krieger, geheiratet, ich wurde ein
enger Freund.  Sie war sehr aktiv bei den Zionisten, und ich erklrte
mich bereit, an Spendenwerbungen teilzunehmen, man wies mir als
Mitglied der entferntesten Kreise die "hoffnungslosen Flle" zu.
Dazu gehrte auch die Frau Else Silberstein.  Ich rief an und sagte,
ich wolle sie zusammen mit Hannah Krieger besuchen.  Sie wute daher
gleich, worum es gehen sollte und sagte, Herr Walter, Sie wissen doch
wie gern ich Sie habe, und Sie sind doch immer bei mir willkommen,
aber, bitte, kommen Sie mir doch nicht "mit diesen Leuten".  Ich
mute mich darauf einigen, da sie eine Spende per Post schicken
wrde.  Sie tat es auch, aber die Spende war sehr klein.

Es schien nicht einmal ein hoffnungsvoller Anfang, und leider konnte
es auch keiner werden, denn sie wurde bald schwer krank.  Bei der
Beerdigung auf dem jdischen Friedhof fand ich mich in der Reihe, die
am Grab vorbeizog, um Erde auf den Sarg zu streuen, pltzlich hinter
den einstigen Bridgepartnern v.d. Knesebeck und Waclawek.  Jeder
verabschiedete sich von der alten Dame noch mit einer formellen
Verbeugung wie einem militrischen Salut.  Es schien wie das Symbol
einer vergehenden Zeit.  Es blieb schon dabei, das zentrale Anliegen
war einem der Sturz des Hitlerregimes in Deutschland, die
Verbundenheit mit der deutschen Emigration und ihrer Publizistik das
eigentliche Medium.  Das war nicht nur das persnliche, jdische
Interesse, sondern auch die deutsche und schlechthin europische
Betroffenheit, die man darber empfand.  Das jdische Interesse aber
an neuen Lsungen und dann auch die Lage Polens, seine Probleme und
Innenpolitik waren Fragen des Alltags geworden, mit denen man auch
zunehmend befat war.  Einige meiner jdischen Schulfreunde waren aus
ihrer juristischen Karriere in Deutschland geworfen worden, lebten
zeitweilig auch wieder in Kattowitz.  So hatten wir einen kleinen
Kreis hnlich gestellter (11).

Meine Gromutter Oettinger war von Breslau nach Berlin zu ihrem Sohn
gezogen.  Er war nach den Nrnberger Gesetzen vorzeitig pensioniert
worden und war im Verein nichtarischer Christen ttig.  Sie kamen
beide fters fr lange Besuche zu uns.  Weiterer von Hitler bedingter
langer Besuch waren meine Vettern Gerber.  Wolfgang, nachdem er den
Juristischen Dienst quittieren mute, war im Berliner Bro der GfE
untergekommen.  Der Rassenschande angeklagt, kam er schnellstens zu
uns, sein Bruder Hans, Mediziner, spter auch.  Die polnische
Regierung gab Aufenthaltsbewilligungen, aber nicht unbegrenzt,
Wolfgang mute spter nach Prag gehen, Hans ging nochmal zurck nach
Deutschland.  Sie waren beide als Protestanten aufgewachsen, nun
lernten sie auch unsere vielen neuen Kontake aus polnischjdischen
Kreisen kennen.  Diese waren fast alle in polnischer Sprache
aufgewachsen, Anwlte, rzte, Ingenieure oder Geschftsleute, sie
gehrten zu den jdischen Gebildeten, die mit ihren lebhaften
Interessen, gutem Geschmack und Temperament viel beitrugen zum
pulsierenden Leben und der kulturellen Szene von Stdten wie Warschau
und Krakau.  Die wir kannten, waren eben die, die es nach
Oberschlesien verschlagen hatte.  Meine Eltern nahmen an neuen
Kontakten mit polnischjdischen Kreisen kaum Teil, aber die mit
deutschjdischen wurden enger und vielfltiger.

Unsere Parzellierung hatte gute Anfangserfolge aber ging dann langsam,
ein neuer Durchbruch mute noch kommen.  Mein Vater hatte im Oktober
1935 seinen 70.Geburtstag gefeiert.  Er meinte, wenn man genug Grund
verkaufen knnte, mte die Familie wieder eine neue
"Produktionssttte" aufbauen.  Das blieb sein wirklicher Wunsch.  Ich
begann verschiedentlich, mich auch nach einstweiliger anderer
Beschftigung in der Nhe von zu Hause umzusehen.

Dabei helfen wollte mir Hans Proskauer, Sohn unseres einstigen
Hausarztes, der Karriere als Syndikus der Oberschlesischen
Kohlenkonvention noch unter dem alten Geheimrat Williger gemacht
hatte und nun auch unter den neuen polnischen Fhrungskrften in der
Industrie in seiner wichtigen Stellung blieb.  Er war einiges lter
als ich, aber wie seine Eltern Freund unserer Familie.  Dann waren
Plne fr eine Beteiligung an einem Transportgeschft in Danzig
zwecks Erffnung einer Filiale im neuen polnischen Hafen Gdyngen fr
mich, und schlielich nher dem Kriegsausbruch Ankauf eines
Agenturgeschfts in Kattowitz, das den Import von Rohstoffen fr
kleinere Industrien betrieb.  Es htte Kommissionsguthaben im Ausland
gebracht.  In Polen war seit 1936 auch volle Devisenbeschrnkung
eingefhrt und Auswanderungsplne waren sehr erschwert.

Es kam aber doch so, da ich ganz mit den Angelegenheiten des
vterlichen Vermgens in Kattowitz befat blieb.  Wegen der
Baubeschrnkungen sollten Entschdigung von Hohenlohe und der
Luftverteidigungsliga (LOP) gezahlt werden, ich fuhr mehrfach nach
Warschau mit unserem Anwalt, der mit dem Syndikus der LOP gut bekannt
war, die auch bereit schien, etwas zu tun. In der groen Tongrube der
Ziegelei war ein sehr schner Teich entstanden.  Wir hrten ber
einen Plan in der Wojewodschaft in Kattowitz, da dieses Teichgelnde
uns abgekauft und als Erholungsgebiet gestaltet werden sollte, als
Abgeltung etwaiger Ansprche von uns an die LOP. Das war dann aber
schon sehr nahe dem Kriegsausbruch, und so blieben das alles Probleme
und Hoffnungen, die sich in der dann einsetzenden Katastrophe wie
Rauch und Dunst verflchtigten.

In diesen spteren 1930er Jahren ging ich auch noch mehrfach auf
Ferien in die Hohe Tatra, wieder auf die slowakische Seite, nun in
das Sanatorium des Dr. Holtzmann.  Die Mischung war von ungarischem,
slowakischen und deutschem Element, auch recht viel jdisches
Publikum, es war noch das einstige Mitteleuropa in einer so
anziehenden Form.

Nach Berlin war ich seit Mai 1936 nicht mehr gekommen.  Kontakt mit
den Berliner Verwandten gab es dann immer noch, da Vetter Herbert
fters auf Geschftsreisen nach Polen kam und uns besuchte, einmal
traf ich ihn sogar zufllig in Warschau.  Im September 1937 starb der
Onkel Paul Grnfeld.  Er hatte sich immer geweigert, an Aufgabe der
deutschen GfE Werke und Auswanderung zu denken.  Die Familie war aber
unter zunehmenden Druck der Nazis gekommen, mute verkaufen und
Deutschland verlassen.  Tante Grete und die beiden Shne Herbert und
Ernst wanderten nach England aus.

Fr uns in Kattowitz wurde die weitere politische Entwicklung auch
Grund zunehmender Bengstigung.  Hitler hatte provokativ einen
einseitigen Bruch des Versailler Vertrags nach dem anderen verknden
und durchfhren knnen, ohne Widerstand seitens der Westmchte, das
flagranteste die Remilitarisierung des Rheinlandes Anfang 1936, bei
der man allgemein und wohl auch in Kreisen der deutschen
Heeresleitung franzsische und englische Militraktionen erwartet
hatte, die, hoffnungsvoll, vielleicht zu einem Ende des Hitlerregimes
htten fhren knnen.  Diese Erwartung, da eines Tages die
Heeresleitung es ablehnen wrde, die Verantwortung fr Hitlers
abenteuerliche Kriegspolitik weiter mitzutragen, gab es ja immer
wieder, aber die Erfolge, die ihm wiederholt vergnnt wurden,
schwchten in Deutschland Skepsis und Widerstandswillen gegen Hitler
und schienen bei den Westmchten das Streben nach Appeasement nur
noch zu vergrern.

Im September 1936 kam Stella Braham zu Besuch, Mutters Freundin aus
Breslauer Jungmdchenjahren.  Ihr Mann Dudley Braham war unterde
einer der Editors der "Times" in London.  Sie war nach Schlesien
gekommen, um zu sehen, wie es den alten Freunden, die noch dort waren,
in der Hitlerzeit erging, und so kam sie auch ber die Grenze zu uns.
Marianne hatte ihre Zeit in Frankreich abgeschlossen,
Arbeitsgenehmigungen waren schwer, sie hatte zum Schlu dort als Au
Pair oder Praktikantin in Bauernbetrieben auf dem Land verbracht, das
hatte ihr sehr gelegen.  Tante Stella lud sie nach London ein, sehr
wesentliche Folge ihres Besuchs.  Marianne war immer ein Mensch mit
einem Lcheln und gewinnendem Wesen, sehr natrlich und "down to
earth".  Sie gewann dann auch in England viele Freunde.

Mit unserem Besuch sprachen wir auch viel ber Politik.  Die "Times"
war ja spter ein Hauptpfeiler fr Neville Chamberlains Appeasement
Politik.  Wie immer stark unter dem Eindruck von Leopold
Schwarzschild's "Tagebuch" ber die Gefahren deutscher Aufrstung und
drohenden Krieges und die Artikel Churchills, die dort verffentlicht
wurden, fragte ich sie, wann denn in England Winston Churchill in die
Regierung aufgenommen wrde.  Nein, sagte sie, uns in England ist er
zu abenteuerlich, man hat Mitrauen, er wird nicht wieder in die
Regierung kommen.  Ich war sehr betroffen ber diese Antwort, und das
steigerte sich zur kritischen Verzweiflung beim Miterleben der
stndig sich brauenden Katastrophe, die sich dann von Beginn des
Jahres 1938 an unaufhaltsam entwickelte (12).

Im Februar hrte man vom erzwungenen Rcktritt des Chefs der
deutschen Heeresleitung v. Fritsch wie von einem Warnzeichen weiterer
Zuspitzung.  Viele hatten ihn fr eine Hoffnung militrischen
Widerstands gegen Hitler angesehen.  Danach folgte der Einmarsch in
Wien.  Von Oberschlesien aus war man Wien nher gerckt, es war noch
ein deutsches Gebiet gewesen, das nicht gleichgeschaltet war, auch
viele unserer polnischen Freunde waren noch aus galizischer
Vergangenheit her gewohnt, nach Wien als Beziehungspunkt zu sehen, so
fr Einkauf, Mode, Theater, rztliche und zahnrztliche Kapazitten.
Wellen von politischen und jdischen Flchtlingen strmten nach Prag
und manche kamen schon von dort nach PolnischSchlesien, als Hitler
seine Aggressivitt und Propaganda gleich nach dem sterreichischen
Anschlu auf die Tschechoslowakei richtete, mit der er dann im
September in Mnchen einen vollen Erfolg erzielte: die
Tschechoslowakei wurde ihm von Neville Chamberlain und Daladier
ausgeliefert.  Schon fr einige Zeit hatte sie Zweifel am Wert des
franzsischen Bndnisses gehabt und einen Vertrag auch mit Ruland
abgeschlossen.

Es schien uns in diesen spten Septembertagen 1938 ungewi, ob die
Russen, selbst wenn das Mnchener Abkommen zustande kam, was ja auch
bis zum letzten Moment unsicher war, nicht doch zunchst durch
Luftangriffe bei einem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei
intervenieren wrden, und dann wohl nicht ohne Auswirkungen auf das
benachbarte Oberschlesien.  berhaupt waren diese Tage des
Mnchner Abkommens fr uns ja nicht nur Tage aufregender Radio und
Zeitungsmeldungen.  Polen selber hatte eine sehr eigenartige Stellung
bezogen.

Schon im Januar 1934 hatte Pilsudski, nachdem die Westmchte seinen
Vorschlag (13) gemeinsamer militrischer Intervention gegen den
damals noch schlecht bewaffneten Hitler abgelehnt hatten, einen
Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen, durch den Hitler auch
die bestehenden Grenzen fr zehn Jahre anerkannte.  Auch nach
Pilsudskis Tod 1935 nderte sich wenig in dem semiautoritren Regime
Polens, dessen "Obersten"Regierung versuchte, Konflikte mit
Deutschland zu vermeiden und eine gute Atmosphre zu erhalten.  So
wurden, obgleich die Kreise um Pilsudski eher von linker,
nichtklerikaler Seite kamen, eines Tages alle Freimaurerlogen
verboten.  Es gab keine Gesetze, die jdische brgerliche
Gleichberechtigung einschrnkte und schon gar nicht Rassengesetze,
aber zunehmende Diskussion ber die Notwendigkeit verstrkter
jdischer Auswanderung z.B. durch eine spezielle Aktion nach
Madagaskar, und es kam ein stark umstrittenes Verbot ritueller
Schchtung, das der polnischen Regierung auch wirtschaftlich
vorteilhaft erschien.

Am aufflligsten aber wurde die eigenhndige auenpolitische Linie
der polnischen Oberstenregierung in den beiden groen Krisen des
Jahres 1938. Die Zeit des sterreichischen Anschlusses benutzten sie,
um ultimativ eine alte Rechnung mit Litauen zu begleichen, und in der
Krise der Tschechoslowakei verlangte Polen die Zuteilung des 1920 bei
der Tschechoslowakei verbliebenen westlichen Olzateils des frheren
sterreichSchlesiens und bereitete sich vor, dort mit polnischen
Truppen einzurcken, sobald Hitler die Tschechoslowakei angreifen
wrde.  Gewi war das nicht als deutschfreundliche Manahme gedacht,
es war der verzweifelte Versuch, wenn die westlichen Alliierten die
CSR nicht verteidigen wrden, die Grenze zu Hitler dort wenigstens
etwas nach Westen zu schieben.  Es war aber auch die polnische
Verweigerung russischer Durchmarschrechte, die eine Einigung des
Westens mit Ruland hinderte und zum Weg nach Mnchen fhrte.

So erlebten wir denn die Tage um Mnchen bei uns in Kattowitz als
wirkliche Vorboten kriegerischer Verwicklungen, als polnische
Militrbewegungen sich in der Stadt bemerkbar machten.  Wir hatten
auch Grundstcke in Nikolai, bei Kattowitz, es war auf dem Weg nach
der Tschechoslowakischen Grenze bei Teschen.  Ich mute gerade
dorthin fahren, es wurde eine Reise mit Hindernissen, die Strae war
voll mit motorisiertem Militrtransport, auch Artillerie war zu sehen.
Man konnte nur den Kopf schtteln, es sollte also wirklich dort
einmarschiert werden, und es wurde auch.

Der Vershnungstag 1938 stimmte einen besonders ernst, als ob man
ahnte, es knnte der letzte in Kattowitz sein (14).  Zunchst gab es
neue dramatische Vorflle, auch fr uns persnlich.  Die
Naziregierung hatte bisher Aufenthaltsrechte jdischer polnischer
Brger in Deutschland respektiert.  Gleich nach Mnchen hatten sie
begonnen, ihre Aggressivitt auch gegen Polen zu richten, noch im
Oktober gab es Forderungen und dann pltzliche gewaltttige
Ausweisung aller polnischer Juden, die einfach abgefhrt und an die
nchste polnische Grenzstation transportiert wurden.  Man kann sich
vorstellen, was solch eine sptherbstliche, nchtliche Aktion gegen
ganze Familien und viele ltere Menschen an Hrte und Grausamkeit
bedeutete.  Jenny Grnfeld, die schon betagte, unverheiratete Kusine
des Vaters aus der Zalenzer Grnfeld Familie, war einer Erbschaft
wegen unlngst von Kattowitz nach Beuthen gezogen, hatte einen
polnischen Pa.  Sie wurde auch zwangsweise nachts an die Grenze
gestellt, die von den Polen zunchst geschlossen wurde.  An manchen
Stellen zwangen die Nazis die Deportierten zu Fu auf die polnischen
Grenzposten zuzulaufen, es wurde eine grausame Nacht fr alle
Betroffenen.  Bei uns lutete morgens das Telefon, meine Mutter fuhr
an die Grenze, um die Tante auszulsen.  Sie hat dann in Kattowitz
bei uns zu Hause bis zu Kriegsausbruch und Flucht gewohnt.

Man erinnert sich, in Paris war der junge Grnspan so erschttert
ber die Deportation seiner Eltern, da er auf einen deutschen
Diplomaten, der das nicht verdiente, ein Attentat verbte.  Die Nazis
benutzten das in der Nacht des 9.November 1938 als Anla fr die
"Reichskristallnacht".  In allen jdischen Geschften wurden die
Schaufenster eingeschlagen, und alle Synagogen in Deutschland sollten
angezndet werden.

Durch einen seltsamen Zufall kamen wir diesem bis dahin massivsten
Nazi Gewaltausbruch gegen die Juden auch selber ganz nahe.
Gromutter und Walter Oettinger hatten uns nicht mehr in Kattowitz
besuchen knnen.  Ein "J" war in ihren Pa gestempelt und Ausreise
nur mit ordnungsgemen Auswanderungspapieren erlaubt.  Wir hatten mit
dem Onkel ein Treffen in Beuthen fr 9.November verabredet, bevor man
ahnen konnte, was an dem Tag passieren wird.  Erika Schlesinger,
Kusine aus der Zalenzer Grnfeld Familie, hatte angeboten, in ihrer
Wohnung in Beuthen zusammenzukommen.  Auch mein Vater wollte
mitfahren, um den Onkel Walter zu sehen.  Am Morgen wute man schon
in Kattowitz, was sich in der Nacht in ganz Deutschland und auch in
Beuthen ereignet hatte.

Wir hrten von Erika, da inzwischen weiter alle jdischen Mnner
abgeholt oder gesucht und in Konzentrationslager gebracht wurden.
Ihr Mann, er war protestantisch, war noch nicht abgeholt worden, aber
man befrchtete es.  Da Onkel Walter schon angekommen war, fuhren wir
auch nach Beuthen und nahmen teil an den Gefhlen und der Beklemmung,
die die Vorgnge der Kristallnacht bei den deutschen Juden auslsten.
In der Wohnung wartete man ngstlich jede Minute, ob SS oder Polizei
doch kommt, um den Arzt Dr. Schlesinger abzuholen.  Man hrte ber
andere Beuthener Verwandte, darunter den ber 80 jhrigen Onkel
Wachsmann und Frau Bertha, lteste Tochter der Zalenzer Grnfelds,
und deren Kinder Weissenberg und Brann, die abgeholt und gezwungen
wurden, die Nacht ber mit an der brennenden Synagoge zu stehen.  Am
Nachmittag gingen wir auf die Rckreise, die Straen immer noch voll
Glas und Trmmer, eine bedrckende Stimmung lag in der Luft.

Die Vorgnge hatten groen Nachhall von Abscheu und Zweifel im
Ausland.  So kurz nach den unerwarteten Konzessionen, die Hitler in
Mnchen gemacht worden waren und "Frieden fr unsere Generation"
bedeuten sollten, brachte diese massive Exhibition Hitler'scher
Grausamkeit und Zerstrungswut groe Ernchterung und damit einen
Schritt weg vom Geiste des Appeasements.  Auch in Deutschland schien
Zustimmung zu diesen Vorgngen nicht allgemein zu sein.  Unser
jngerer Onkel Paul hatte 1937, als der Ablauf des Genfer
Minderheitenschutzabkommens auch die Juden in Deutsch-Oberschlesien
voll der Nazi Gesetzgebung aussetzte, sein Geschft in Beuthen
aufgeben mssen und es seinem bisherigen Geschftsfhrer Slamal,
einem guten oberschlesischen Deutschen berlassen.  Er selbst konnte
sich nicht zur Auswanderung entschlieen und zog nach Berlin.  Herr
Slamal kam kurz nach der Kristallnacht nach Kattowitz und besuchte
uns.

Er war sehr erschttert und in Aufruhr ber die Vorgnge der
Kristallnacht, es gbe viele, die seine Entrstung teilten.  Er fand
berhaupt, da es viel Ablehnung gbe.  Neulich hatte er Besuch von
einem Verkaufsdirektor von Krupp aus dem Westen, war zum Frhstck
mit ihm verabredet.  Als er ihn pflichtgem mit dem Hitlergru
begrte, winkte der Besucher ab, nein bitte, da knne er vor dem
Frhstck schon berhaupt nicht vertragen.  So etwas gab es also,
auch in solchen Kreisen, aber es hatte, leider, keine Konsequenzen.

Im weiteren Verlauf des Winters wurde die Wendung Hitlers nun zu
aggressiver Frontstellung auch gegen Polen immer klarer.  Weihnachten
besuchte uns Marianne.  Sie hatte in England nach der Einladung bei
Brahams und Sprachkursen eine Au Pair Stellung bei dem lteren,
kinderlosen Ehepaar Dr. Kidd, er Naturwissenschaftler, gefunden, was
auch mit Landwirtschaft zu tun hatte, und sie wurden ihr sehr gute
Freunde.  Daraus wurde dann Studium des Gartenbaus an der Universitt
Reading, so da sie fr diese Zeit keine AufenthaltsSchwierigkeiten
in England hatte.  Fr nachher machte sie sich Sorgen.  Man hatte sie
fr Auswanderung nach Neuseeland begeistert, oder, wenn wir ihr
finanziell von Kattowitz dafr helfen konnten, wollte sie ein kleines
Gartenbaugrundstck in England kaufen, wovon man bei harter Arbeit
gut leben knnte.  Die Eltern, meinte sie, knnten dann auch
hinkommen, wenn Hitler auch bei uns angreift.

Das Ehepaar Kidd wollte sie adoptieren, wie wrde Vater das nehmen?
Ich fand man sollte ihm das nicht antun.  Natrlich war das ganz
falsch.  Sie wollte sich auch taufen lassen, was ohnehin ihren
Neigungen entsprach, anders als Lotte und ich hatte sie nie eine
positive Beziehung zu ihrem Jdischsein.

Arme Marianne, die Tragweite des Ernstes unserer Situation hatte man
nicht richtig begriffen.  Heute wei ich es, man htte alles in
Bewegung setzen, alles andere hintanstellen sollen, und versuchen
sollen, ihr das Geld fr die kleine Gartenwirtschaft freizumachen und
ihr nach England zu transferieren, und ihr zur Adoption durch die
Professor Kidds zuraten sollen.  Als ich sie zum Abschied auf die
Bahn brachte, erzhlte sie, Vater hatte ihr beim Abschied gesagt, sie
wrden sich wohl nicht wiedersehen.  Er ahnte und verstand es
vielleicht viel besser.

Die Stimmung ngstlicher Ungewiheit erreichte einen neuen Hhepunkt
und eigentlich den entscheidenden Wendepunkt mit Hitlers Einmarsch am
15. Mrz 1939 in die nach Mnchen noch unabhngig verbliebenen Teile
Bhmens und Mhrens, und Abtrennung der Slowakei von was bis dahin
der tschechoslowakische Staat gewesen war.  Es war mit hergebrachten
Kategorien des Denkens schwer fabar.  Nach all den Zusicherungen,
die Hitler in Mnchen gegeben hatte, marschierte er weiter.
Churchill hatte es immer gesagt, Leute wie Schwarzschild hatten
vergeblich versucht, Hitler die biedere Maske vom Gesicht zu reien,
jetzt lie er sie selber ganz unverfroren fallen.  Die Wirkung war
momentan.  Als Hitler gleich darauf seine Forderungen an Polen
betreffs Danzig und den Korridor stellte, verpflichtete sich England
schon am 31.Mrz zu gemeinsamer englischfranzsischer Hilfe fr
Polen.  Nach weiteren fnf Monaten brach der 2.Weltkrieg aus.

Nach der Besetzung Prags durch die Nazis ergo sich ein Strom von
politischen und jdischen Flchtlingen an und ber die
tschechischpolnische Grenze.  Es waren dabei auch viele, die erst
ein Jahr vorher von Wien nach Prag entkommen waren.  Es fanden sich
verborgene Wege ber "die grne Grenze" und wegkundige Begleiter, fr
politische Flchtlinge einschlielich Journalisten wurde auch viel
getan von den Deutschen Sozialdemokraten in Kattowitz unter Johann
Kowoll.  Viele, die entkommen konnten, lernte man in Kattowitz kennen,
die Kaffeehuser Skala und Opera waren voll von ihnen, es entstanden
gute Bekanntschaften, ja Freundschaften, bei uns zu Hause kamen immer
irgendwelche neue oder auch wiedergefundene Flchtlingsfreunde zum
Essen.

Viele blieben nur kurz, hatten schon von Prag aus an Visas gearbeitet,
oder konnten sie jetzt sich verschaffen, die Konsulate, besonders
das englische hatten viel zu tun und versuchten so viel zu helfen,
wie es London ihnen erlaubte, die polnischen Behrden drckten alle
Augen zu.  Polen war ja nun selber in der heiesten Schulinie.  Die
Leute, die da geflohen waren, sie erschienen beinahe schon

Schicksalsgenossen.

Viele der Flchtlinge aber wurden von den Nazis bei Ankunft von Prag
an der Grenze geschnappt und fr weitere Untersuchung interniert.  So
erging es meinem armen Vetter Wolfgang Gerber.  Er war einige Zeit in
Prag geblieben, er kannte ja das GfE Geschft und sie hatten dort
Auftrge fr ihn, mit spteren Bemhungen um Auslandsvisas hatte er
noch keinen Erfolg gehabt, er war aus Prag geflohen, aber nicht bei
uns angekommen, und wir hatten keine Nachricht.  Bei Rosa Speier
hatte ich damals das Ehepaar Kowoll getroffen, schlielich fuhr ich
mit ihm wieder auf der Strae nach Teschen zu seinen Kontakten an der
Grenze.  Er erfuhr, da Wolfgang auf der anderen Seite im Gefngnis
sa, es wurden in Berlin Nachforschungen gemacht, ob etwas gegen ihn
vorliegt.

Das klang nicht gut.  Wenn man etwas ber das Rassenschandeverfahren
gegen ihn fand, wrde er wohl zur Aburteilung nach Deutschland
gebracht werden.  Wenn nichts vorlag, wurden die Flchtlinge meist
entlassen und konnten dann sehen, wie sie ber die Grenze kamen.  Die
Fahrt mit Kowoll gab mir eine Idee von seiner wichtigen Arbeit, ich
hielt mit ihm Kontakt aufrecht.

Die wachsende Spannung zwischen Deutschland und Polen machte sich in
Polens westlichen Provinzen besonders bemerkbar, Zeichen von
Sympathie, ja Begeisterung von groen Teilen der deutschen Minderheit
fr Hitlers Forderungen auf Abtretung polnischer Gebiete wurden immer
markanter, es kam zu Zusammensten, jugendliche Deutsche flohen auf
die deutsche Seite und bildeten dort Stotrupps fr den Tag, der
kommen sollte.  Man war umgeben von dauernder Kampfstimmung um die
Zukunft Polens, und es waren nicht nur die vielen Flchtlinge aus
Prag, die einem die Lage deutlich machten.

Einer unser hufigen Flchtlingsgste, frher Syndikus der
sterreichischenglischen Handelskammer in Wien, schlug meinem Vater
Besorgung von brasilianischen Einwanderungsvisen fr die ganze
Familie vor.  Es war schwer vorstellbar, mein Vater nahe 74 Jahre,
finanziell waren wir sehr gebunden, die Parzellierung kam nur langsam
vorwrts, so auch unsere Entschdigungsklagen.  Als sich die Lage so
zuspitzte, machten wir besondere Anstrengungen auch fr billigen
Verkauf des gesamten Grundbesitzes.  Als ein Interessent erschien
unerwartet der polnische Bergarbeiterverband, noch immer unter
Fhrung von Herrn Grajek wie zur Abstimmungszeit, jetzt war er
Mitglied des polnischen Senats in Warschau.  Er fand, sein Verband
sollte die Grundstcke erwerben, aber konnte nicht allein entscheiden.
Ich war interessiert zu hren, wie das mit seinen Erwartungen ber
Aussichten fr einen Krieg zusammenhing.  Ja, sagte der Senator
Grajek, ich wei, was Sie denken, aber die Schicksale des Krieges
sind wechselhaft, ich wei, wenn die Deutschen angreifen, wir werden
schon weichen und Grund aufgeben mssen, aber wir werden dann
wiederkommen.  Das war also ein alter polnischer Oberschlesier,
Bergarbeiterfhrer.  Ich habe oft an diesen Ausspruch gedacht.  So
wie es dann kam, haben wir es uns beide wahrscheinlich in diesem
Sommer 1939 kaum vorgestellt.  Die Verhandlungen kamen nicht zum Zuge.

Es gelang uns aber in den Wochen vor Kriegsausbruch die vier Gebude,
Wohn und Brohuser, die noch von dem Betrieb der Ziegelei her
bestanden, zu verkaufen, und so hatten wir bei Kriegsausbruch etwas
flssige Mittel, um fr das Grbste zunchst gerstet zu sein.  Das
brachte uns dann aber schon bis in die letzten Tage des August 1939.
Es gab immer strkere Anzeichen, da Hitler eine Vermittlung
berhaupt nicht haben wollte, da er ganz auf Krieg setzte.  Ich
hoffte noch, wenn er sich berzeugt, da England und Frankreich
wirklich fr Polen in den Krieg gehen, er doch noch zurckschreckt.
Aber die Spannung wuchs, wir begannen, wieder zu beraten, was man tun
wrde, wenn es wirklich...

Die Eltern wrden in Kattowitz bleiben, das wurde eigentlich immer
angenommen.  Wenn die Deutschen kommen sollten, fr die Eltern als
alte Leute, und sie hatten ja auch verschiedene alte Bekannte, hoffte
man, es knnte kaum so schlimm werden, wie auf einer Flucht.  Wir
Kinder wrden weggehen, weder ich noch mein Schwager sollten
riskieren, den Nazis, falls sie in Kattowitz einrckten, in die Hnde
zu fallen.

Da war, wenn man die Lage betrachtete, noch die offene Frage, was
Ruland im Konfliktfall tun wrde.  Man wute, London und Paris
verhandelten intensiv, aber es schien zu keiner Vereinbarung zu
kommen.  Trotz aller politischen Aggressivitt und autokratischem
Gebaren, wie sie es zum Beispiel im Spanischen Brgerkrieg gezeigt
hatten, ich selbst sah die Russen nicht als militrisch aggressiv an.
Waren sie dafr genug gerstet?  Einstellung zu ihnen war eine sich
wiederholende Kette von versuchtem positivem Interesse und gewaltiger
Enttuschung.  Ich hatte das ja auch lebhaft in Literatur und Presse
der deutschen Emigration verfolgt.  Mitte der dreiiger Jahre, als
man desillusioniert wurde ber die Haltung der Westmchte gegenber
Hitler, bemhte man sich, herauszufinden, ob Ruland doch sich als
eine Hoffnung fr fortschrittliche und freiheitliche Gesinnung
entwickeln knnte.  Die Vergangenheit war nicht ermutigend.  Gab es
Entwicklungen, die zu Hoffnung berechtigen konnten?  Zu wem konnte
man hinsehen, wenn der Westen zu beginnen schien, sich mit Hitler
abzufinden?

Es gab ErkundigungsPilgerschaften nach Moskau, auch Thomas Mann ging.
Lion Feuchtwanger blieb sogar lange ein Getreuer, Schwarzschild
hielt Distanz, und in Prag machte Willy Schlamm in der Weltbhne
sogar einen Salto und wurde einer der heftigsten Rulandgegner.  Das
hat man damals alles sehr miterlebt.  Fr mich war mit Stalins
Suberungsprozessen und Exekutionen wieder einmal alles vorber.  So
war es ja schon in Deutschland sptestens 1932 beim
Verkehrsarbeiterstreik in Berlin gewesen.  Man konnte sich nur
abwenden, und so war es ja auch mit der Behandlung von linken
Abweichlern im Spanischen Brgerkrieg, die Orwell zum Feinde machten,
und auch als Arthur Koestler enttuscht aus Ruland in den Westen
zurckkehrte.  Nun wartete man, konnten die Westmchte als
Trumpfkarte gegen Hitler doch noch zu einem Abkommen mit Ruland
kommen?  Dann kam das rde Erwachen als Stalin einen Pakt mit Hitler
schlo.  Nun schien der Ausbruch des Krieges fast unabwendbar.

Viele gingen schon fort von Kattowitz.  Lotte reiste mit Nina nach
Lemberg ab, viel Haushaltsgut, auch z.B. Silber von den Eltern wurde
dorthin geschickt.  Ich war zweifelhaft ber die Wahl von Lemberg in
ukrainischer Umgebung, wrde ein Krieg sich nicht auch bald auf den
Balkan ausdehnen, mit Rumnien und Jugoslawien, Restmitglieder der
Kleinen Entente und Verbndete Frankreichs?  Aber viele Bekannte und
Freunde gingen nach Lemberg.  Manche aber waren schon vor Monaten
nach Warschau gegangen, hatten dort Wohnungen gemietet.  Ich war auch
fr Flucht in Richtung Warschau, wenn einem schon nicht mehr Chance
und Zeit blieb, noch eine Reise ins westliche Ausland zu versuchen.
Manche unserer Bekannten waren vorsorglich auf Ferien gegangen.  Man
konnte in Polen damals Ausreiseerlaubnis und kleine Devisenzuteilung
fr Ferienreisen nach Frankreich oder England bekommen.  Bis in die
allerletzten Tage des August war ich aber mit Vater noch mit den
verschiedenen Notariatsterminen und anderem im Zusammenhang mit den
Hausverkufen "unabkmmlich".  Mein Schwager plante schon whrend
dieser Tage, auch nach Lemberg zu fahren, aber er war noch in
Kattowitz, als es im Laufe des 31. August ganz klar wurde, da
Hitlers Angriff auf Polen unmittelbar bevorsteht.  In Polen wurde
Mobilmachung erklrt, der zivile Verkehr auf der Eisenbahn sollte um
Mitternacht eingestellt werden, der letzte Zug von Kattowitz nach
Warschau um 9.30 Uhr abends abgehen.  Ich begann meinen Koffer zu
packen.  Mein Schwager wollte im kleineren Skoda Wagen, den er immer
benutzte, nach Lemberg fahren.

Manchmal hatte ich gedacht mit unserem alten groen Mercedes
wegzufahren, hatte Telefongesprche mit Johann Kowoll ber die Lage
und ob wir nicht zusammen wegfahren wrden, aber woher sollte das
Benzin fr so einen schweren Mercedes im Kriegsfall kommen?  Ich war
auch kein guter Fahrer, es kam also fr mich auf die Eisenbahn heraus.
Ich rief Kowoll noch an, er hatte auch gesagt, J. Maier vom "Der
Deutsche in Polen" war auch interessiert, aber es war niemand mehr da,
das Telefon antwortete nicht mehr.  Ich packte fertig, nur ein
handlicher Koffer, man mute leicht und beweglich sein, es waren sehr
heie Sommertage, so packte man also.  Ahnte man, wie lange es sein
wrde, da man nie wiederkommen, die Eltern nie mehr sehen wrde?
Man konnte es nicht ausschlieen.  Es gab einen herzzerreienden,
ganz kurzen Abschied, es war beinahe, als ob Mutter doch dachte, die
Eltern sollten auch mitfahren.  Mein Schwager brachte mich auf den
Bahnhof, wir verabschiedeten uns, er wollte noch die Nacht durch nach
Lemberg zu Lotte und Tochter fahren.

Als polnischer Staatsbrger war ich ja militrpflichtig, hatte
zunchst Aufschub fr mein Studium erhalten.  Als ich mich 1931 zur
Musterung stellen mute, wurde ich wegen Kurzsichtigkeit zur
Kategorie C eingeteilt, vom Dienst befreit, aber konnte im Fall einer
Mobilmachung doch eingezogen werden.  Ich hatte einen entsprechenden
Militrausweis erhalten, unter Personalien stand da auch
"Nationalitt: Deutsch", "Religion: mosaisch".  Neben meinem Pa hatte
ich diesen Ausweis auch bei mir, als ich nun meinen Zug bestieg.



Kapitel 8

Der 2.Weltkrieg bricht aus

Der Zug war bervoll.  Mein einziger Koffer lag da irgendwo oben, ich
stand oder vielmehr hing an dem Handgriff, der von der Decke kam, so
voll war das Coup, gesprochen wurde kaum.  Von Station zu Station
kamen noch Leute in den Zug, erst nach langer Zeit erreichte der Zug
das so nahe Sosnowiec, und da es Mitternacht war und der Zivilverkehr
eingestellt wurde, sollte der Zug nicht weitergehen.  Man sollte aber
warten.  Auf dem Bahnsteig sprach mich ein untersetzter Mann
mittleren Alters auf deutsch an.  Er war ein jdischer Anwalt aus
Chemnitz, der aus Prag nach Kattowitz geflohen war, und hatte mich,
wie er sagte, fters im Caf Skala gesehen.  Er war ganz allein,
sprach kein Wort polnisch.  Was fr ein Elend, dachte ich.  Er hatte
gehrt, am Ende des Zugs sei ein spezieller Wagen fr Flchtlinge aus
der Tschechoslowakei, knnte ich ihm helfen, dorthin zu kommen.  Wir
kamen auch dort an, es war ein Salonwagen, fr tschechische
politische Flchtlinge, wie es sich herausstellte, vielleicht waren
auch einige Prominente darunter, sie taten eher so, jedenfalls fr
ihn hatten sie keinen Platz, er wre ja nur ein "wirtschaftlicher"
Flchtling.  Wir muten abziehen, er sprach immerfort deutsch mit mir,
wir wurden aufgehalten, muten uns ausweisen, er fuhr dabei gut, er
hatte von der polnischen Polizei in Kattowitz einen
Flchtlingsausweis erhalten.  Ich mute meinen Militrausweis zeigen,
da stand ja Nationalitt deutsch, Bekenntnis mosaisch.  Das schien
schwieriger fr die Bahnhofspolizei, er konnte gehen, ich blieb
verhaftet.  Dann hie es, der Zug geht doch weiter, ich wurde
freigelassen und stieg wieder in mein Coup, es war mehr Platz, ich
konnte sitzen, und wir fuhren auf Umwegen DombrowaOlkusz, kamen nach
Wolbrom.  Es kam schon die Morgendmmerung und man sah eine Gruppe
von Flugzeugen, sie flogen niedrig, paten sich den Konturen des
hgeligen Gelndes an, eigenartig und unheimlich.  Waren das schon
deutsche Flugzeuge?  Man wute es nicht, aber konnte wenig Illusionen
haben.  Es gab also doch Krieg, all die letzten Bemhungen des 31.
August, belgischhollndisch noch, waren wohl gescheitert, es war nun
der frhe Morgen des 1. September.  Die eigene Situation war schwer
zu glauben.  Zu Hause waren die Eltern geblieben, hier war ich allein
in diesem Zug, wohin fuhr er?  Wo fhrte das alles hin, versank jetzt
alles, was man kannte?  Ich sah einen Lichtblick: Es wrde wohl das
Ende Hitlers sein, auch Deutschland wrde von ihm befreit werden,
aber was war der Preis?  Was hie Krieg 1939 verglichen mit 1914?
Was wrde die Zerstrung durch Flugzeugbomben sein?  Man hatte von
Guernica viel gehrt, wrden alle Stdte im Nu zerstrt werden?

Fr meine eigene Situation hatte ich ja schon in Sosnowiec noch einen
zustzlichen gehrigen Schock bekommen.  Schon in den Wochen vor
Kriegsausbruch war ja die Luft voll gewesen von Furcht und
Verdchtigungen gegen eine 5. Kolonne, jetzt nahm das noch ganz
andere Formen an.

Auf einer Zwischenstation hatte ich die Abteiltr geffnet, mein
Weggenosse aus Chemnitz war froh, mich wiederzuentdecken und stieg
ein, wir sprachen wieder deutsch, ich versuchte, es zu beschrnken.
Man wartete auf die nchste grere Station, Tunel, Knotenpunkt mit
der Bahn von Krakau nach Warschau, was wrde man dort hren, wie war
das mit diesen Flugzeugen?  Die Abteiltren gingen auf, man sprach
die ersten Leute, ja, deutsche Flugzeuge waren gekommen und hatten
Bomben abgeworfen.  Also das war es, der Krieg war da.

Es war noch frher Morgen am 1.September.  Alles war bedrckt und
aufgeregt, dann kam Polizei, jemand im Coup mute sie gerufen haben,
wir beide wurden verhaftet.  Es war wieder dasselbe, auf seinen
Flchtlingsausweis wurde er gleich freigelassen, ich mute warten.
Es war wohl auch besser, da wir uns trennten.  Schlielich konnte
ich auch weiterfahren, mute nochmals den Zug wechseln, es gab
weitere deutsche Fliegerangriffe, aber ich kam in Warschau an und
fand ein Zimmer im Hotel Angielski.

Meine Freunde Zygmunt und Hannah Krieger hatten auch eine Wohnung in
Warschau gemietet und waren schon vor Wochen dorthin gezogen.  Ich
rief an, sein Bruder, Bankier Hennek, war auch da, wohnte bei ihnen,
ein Prokurist der Bank, Zygmunt Rosshndler war grade angekommen, da
ich ein Doppelzimmer im Hotel hatte, knnte er nicht zu mir kommen.
Ja, natrlich.  Auf der Strae und im Caf traf ich einige
Kattowitzer, den Schulkameraden "Julek" darunter, berhaupt manche
deutsche Juden mit polnischen oder deutschen Pssen.  Von der
Vereinigten Holzindustrie Viktor Bulowa und Frau, sie wollten mit
ihrem Auto nach Schweden, ja das wrde mich interessieren, sie
wollten mich wissen lassen.  Es gab Sirenen, Luftangriffe, schon
schlechte Nachrichten von deutschen Erfolgen in den Grenzgebieten.
Am Sonntag 3.September saen wir im Caf vor dem Hotel Europejski,
als die Nachricht ber Englands Kriegserklrung durchkam, es war eine
enorme Erleichterung, man sprte es allgemein, vor den Botschaften
Englands und Frankreichs gab es Sympathiekundgebungen (1).

Zum Abendbrot verabredete ich mich dort also mit dem Schulfreund,
mein Hotel war ganz nahe dem Europejski.  Es entsprach zwar den
Gewohnheiten fr einen Besuch in Warschau, aber an dem Tag war es
wohl eine irre Idee.  Ich bekam eine Tisch fr zwei, aber er kam
nicht, ich sah immerfort nach ihm aus, fiel wahrscheinlich auf,
bestellte mein Essen, nachher in der Toilette verwickelte mich einer
von diesen pfadfinderhnlich grn gekleideten jungen Mnnern mit
Luftschutzabwehrtaschen umgehngt in eine Unterhaltung, erzhlte mir
ber verschiedene deutsche Angriffe und die Wirkungen, die sie hatten,
wollte wissen, was ich gehrt htte.  Mit meinem holprigen Polnisch
und heftigem Akzent sprach ich so wenig wie mglich, ging zum Tisch
und zahlte.  Als ich aus der Tr auf die Strae kam, wurde ich von
zwei Bewaffneten verhaftet und in die Festung von Warschau gebracht,
tief im Keller.

In einem ziemlich groen Raum waren schon etwa 40 Leute, man konnte
sitzen.  Es war eine eigenartige Mischung, ich sah Bekannte, das
Ehepaar Lbel aus Kattowitz, er aus Bayern mit deutschem Pa, ich
hatte sie schon am Morgen getroffen, einige hnliche Flle.  Von
verschiedenen Polen, die dort auch saen, wurde besonders ein
deutscher katholischer Geistlicher beschimpft, dem man nicht glauben
wollte, da er vor Hitler auf der Flucht war.  Es wurde nicht viel
gesprochen, pltzlich sah ich Ernst Berliner hereinkommen.  Der
jngste Bruder des Schulfreundes Ludel Berliner hatte spt in
Freiburg sein Chemiestudium beendet, war dann auch mit uns in
Kattowitz, wir hatten uns gut kennengelernt.  Da er ein sehr gutes
Examen gemacht hatte, bekam er ein Stipendium fr die Harvard
University, ein amerikanisches Visum und Schiffsbillet von Gdyngen
fr die letzten Augusttage.  Wrde er es noch schaffen?  Nun sah ich,
er hatte es nicht mehr geschafft, war offensichtlich von Gdyngen noch
nach Warschau gekommen, und nun fand man sich im Keller der Citadelle.

Zunchst blieben wir alle dort unten.  Bei mir meldete sich mein
Asthma besonders stark, und ich hatte meine Tabletten gar nicht mit.
Die Nacht wurde eine Qual.  Morgens wurden wir in Gruppen in ein Bro
gefhrt, ein sehr ruhiger und sachlich scheinender Offizier prfte
die Ausweise; man wurde dazu aufgerufen, er sah meinen Militrpa,
fragte nach meinem zweiten Vornamen.  Ich kannte ihn als Hans, aber
zgerte, stand da vielleicht auf polnisch Jan?  Ich entschied mich
dafr, es stimmte, ich wurde entlassen, ging eine schiefe Ebene
hinauf, an deren Ende man von weitem Licht sah.  Mir entgegen wankte
ein vollkommen mit stellenweise durchbluteten weien Verbnden
bedeckter Mann, er schien im Delirium, an den Seiten standen mehrere
Wachen mit ihren Gewehren auf ihn gerichtet, anscheinend um sein
Entkommen zu verhindern.

Ich konnte durchgehen, ein grausiger Eindruck, dieses Ende einer
schrecklichen Episode.  Auf der Strae sah ich bald eine Apotheke,
sie war schon offen, kaufte meine Tabletten, konnte dann besser gehen.
Im Hotel ging ich nach dieser Nacht im Festungskerker gleich unter
die Dusche, und da war ich noch, als Zygmunt Rosshndler
hereinstrzte, seine Sachen zusammenpackte und Adieu sagte.  Er fahre
mit Dr. Krieger weg aus Warschau, hoffe ber Lemberg herauszukommen.
Wie ich da stand, konnte ich nicht gut mitfahren.  Das war's denn.

Ich rief bei meinen Freunden Krieger an, erzhlte, was mir passiert
war.  Da der Bruder Hennek nun weg war, hatten sie das Zimmer frei
und luden mich ein, zu ihnen heraus zu kommen.  Das pate mir sehr.
Sulkiewicza 8 war ein ganz neues Sechsfamilienhaus in einer kleinen
Seitenstrae der Belwederska, direkt am Lazienki Park, es htte nicht
schner, passender und ruhiger sein knnen.  Passend auch, denn auer
meinen Freunden Kriegers hatten noch zwei andere Zuzgler aus
Kattowitz dort Wohnungen gemietet: Ferdinand Baender mit Frau und
noch sehr junger Tochter Steffi; er besa ein groes Haus an der
Grundmannstrae in Kattowitz mit einem Konfektionsgeschft, hatte
aber in Breslau gelebt, war von dort 1938 mit der Oktoberaktion der
Nazis vertrieben worden und dann nach Warschau gekommen.  Die anderen
Zuzgler waren Erich Steinitz mit Familie; seine Firma L. Borinski,
liiert mit der Familie Weichmann, hatte den alten Kolonialwaren und
Produktengrohandel in Kattowitz durch ein groartiges
Delikatessengeschft ergnzt.  Beide hatten schon Logierbesuch aus
Kattowitz.  Bei Steinitzs wohnten die alten elterlichen Freunde Dr.
Max Koenigsfelds und bei Baenders Dr. Hurtigs (2).

Der Hausbesitzer Rosen.....hatte auch eine der Wohnungen, eine andere
Ing.Zandberg, der selber beim Militr war, seine Familie war da und
mit ihnen Frau Dr. Krz. aus Gdyngen und Tochter Helena, Studentin.
Sie war zum Luftschutzwart des Gebudes ernannt worden.  Das war also
das Kompliment unseres Hauses, in dem wir die kommenden Wochen
Belagerung, Fall und Okkupation von Warschau zusammen erleben sollten.
Ich erzhlte Kriegers, wie ich Ernst Berliner traf, und sie
schlugen vor, da er auch kommen sollte.  Die Kriegers selber zogen
dann bald in eine Pension in der Stadt und lieen uns die Wohnung
(mit Dienstmdchen Bolla) hten.

Man war natrlich fast dauernd mit allen Hausbewohnern zusammen, denn
zunehmend spielte sich das Leben im Luftschutzkeller ab.  Das Radio
spielte eine groe Rolle, es wurde sehr gut gefhrt, dem Ernst der
Stunden angemessen, viele Bekanntmachungen, Reden, Kommentare, Musik,
viel klassische, auch das bekannte Warschauer Orchester unter dem
alten Fitelberg.  Am strksten in Erinnerung blieb das Pausenzeichen,
der Anfang von Chopins Polonaise Adur, immer wieder, und dann die
ominsen Signale: "uwaga, uwaga nadchodzi..", es schien die
Mglichkeit eines baldigen Airraid Alarms anzudeuten, Sirenen und
alles wieder in den Keller.  Dazwischen sollte man auf der
Belwederska helfen, Luftabwehrgrben auszuheben.  Helena war
verantwortlich, da man da mithalf.  Ich habe das erklrt, ich wollte
nicht nochmals riskieren, als verdchtig von patriotisch begeisterten
Mithelfern denunziert zu werden.  Das verstand man auch.  Wenn ich
hinausging, dann um mitzuhelfen bei der Versorgung der Freunde mit
Lebensmitteln.

Diese wurden sehr knapp, je mehr sich die Lage in Warschau
verschrfte.  Man mute alle Vorkost, Fleischer und Bckerlden der
Umgebung abklappern, um einfach irgendetwas zu beschaffen.  Fr
besondere Gelegenheiten erwies sich Erich Steinitz sehr grozgig und
verteilte Konserven und anderes von den Vorrten, die er aus seinem
Geschft nach Warschau gebracht hatte.  Ihm gebhrte wirklicher Dank
dafr.

Es war sehr schnell gegangen, da die Stadt Warschau de fakto von
deutschen Truppen belagert war.  Schon vom 3.September an hatten sich
die Luftangriffe sehr verstrkt und schlechte Nachrichten ber
Zusammenbruch polnischer Verteidigung in den Westgebieten Polens
huften sich.  Die Deutschen hatten ja zugeschlagen, als die
Mobilisierung in Polen noch in den Anfngen war, Teile der
Zivilbevlkerung in den polnischen Westgebieten begaben sich auf
panische Flucht, berfllten Verkehrsmittel und Straen, auch
Warschau fllte sich mit Flchtlingen, aber auch mit versprengten
Truppen von Heeresteilen, die im Westen aufgerieben wurden, und es
kamen die ersten Transporte von Verwundeten.  Die Mglichkeit
Warschau zu halten wurde bald in Zweifel gestellt, die Regierung
ordnete zunchst Verlegung der mter auf das Ostufer der Weichsel an
und beschlo schon am 4.September Verlegung von Warschau nach Lublin,
die am 5 und 6 eilig durchgefhrt wurde; auch der Staatsprsident
verlie Warschau.  Aber der Gedanke, Warschau aufzugeben, drang nicht
durch, der Brgermeister Stefan Starzynski wurde zum Zivilen
Kommissar fr die Verteidigung ernannt, und schlielich gab auch der
Oberkommandierende General RydzSmigly von Lublin aus den Befehl zur
Verteidung Warschaus und ernannte dafr einen militrischen
Kommandanten.  Starzynski gab ihr seine starke Note.

Sein Name war mir gut bekannt, er war ein prominenter Vertreter der
wirtschaftspolitischen Ideen des Pilsudski Regimes, eben des
Etatismus, und ich hatte viel ber und von ihm gelesen.  Nun hrte
man ihn tglich mit seinen Radioansprachen an die Bevlkerung und
mute seine Energie und seinen Mut bewundern, mit der er alles
versuchte, die Verteidigung, das Funktionieren der technischen
Einrichtungen und Feuerwehr und die Versorgung der Bevlkerung so
lange wie mglich aufrecht zu erhalten.

Als bergang von "mittelbarer" zu "unmittelbarer" Verteidigung
Warschaus wird der 8.September angesehen, als Beschieung mit
Feldartillerie begann und die ersten deutschen Panzerabteilungen in
der Umgebung von Warschau getroffen wurden, am 9.

begann schon Feuer von schwerer Artillerie.  Obgleich die Stadt schon
von den verschiedensten Seiten her unter Angriff war, gab es immer
wieder Reste polnischer Heeresgruppen, die sich durchschlugen und in
die Stadt kamen, ebenso wie viele Zivilflchtlinge.  Neben dem
Artilleriefeuer und meist mit ihm abwechselnd, gab es fortgesetzte
Luftangriffe, die Zerstrung und groen Brnde waren furchtbar, viele
Tote wurden schon oft nur an Straenrndern begraben.  Die Spitler
waren berfllt, viele fielen Zerstrung oder Brnden zum Opfer, ber
der geschundenen, verzweifelt kmpfenden Stadt breitete sich eine
riesige Rauchschicht, der Himmel wurde gelb von all dem Schwefel, den
man auch stark riechen konnte und einatmen mute, er wechselte bald
von gelb in lilagelb, rotgelb, blaugelb, die Detonationen peinigten.
Die Haltung und Stimmung der Bevlkerung in allen Teilen blieb
exemplarisch, es war eine Atmosphre der Bereitschaft und Einigkeit,
solidarischer Handlungen und Verstndnisses.

Starzynski trug mit seinen Ansprachen wohl entscheidend dazu bei,
aber auch viele Organisationen von Brger und Arbeiterschaft.
Whrend von auerhalb der Regierungslager stehenden Krften die
sozialistischen Arbeitergruppen unter dem Veteranen Niedzialkowski
einen prominenten Platz im Beirat des kommandierenden Generals

einnahmen (3), nahm man die Mitarbeit, zu der die Jdische Gemeinde
und andere Jdische Organisationen aufgerufen hatten, wohl als
gegeben an, sie waren im Verteidigungsrat nicht vertreten.  Dabei war
etwa ein Drittel der Bevlkerung Warschaus jdisch.

Starzynski hatte in seinen Ermahnungen an die Bevlkerung hufig von
der Wichtigkeit der Sauberhaltung von Straen und Husern gesprochen
und dabei auch das dicht besiedelte jdische Viertel, das Warschauer
Ghetto erwhnt und an die jdische Bevlkerung appelliert.

Auer den deutschjdischen Bewohnern unseres Hauses hatten sich noch
eine ganze Reihe anderer in der nheren Umgebung gefunden, auch
hatten wir Besuch von dem ursprnglich polnischjdischen Dr. Alberg
aus Kattowitz, wo er als Syndikus von Giesche arbeitete, auch
spanischer Honorarkonsul war.  Er war Katholik geworden.  Nun schien
er sehr aktiv bei der Verteidigung Warschaus.  Sein Vater aber war
ein sehr typischer Warschauer Jude, mit entsprechendem Akzent, er kam
uns fters besuchen.  Als das jdische Neujahrsfest kam, wurde in
Erich Steinitz's Wohnung gebetet, er war sehr kompetent dafr, es
waren nostalgische Stunden.

Die Chronik verzeichnet etwas ruhigere Tage vorher, da deutsche
Truppen von Warschau wegen der Schlacht mit polnischen Heeresteilen
an der Bzura abgezogen wurden, aber am 13.September griff die
deutsche Luftwaffe mit grter Vehemenz wieder an, mit 150
Grobrnden verzeichnet fr diesen Tag, mit besonders heftigen
Verlusten im jdischen Stadtteil.  Die Bevlkerung der Stadt zeigte
groe Beherrschung und Starzynski dankt ihr besonders fr den Einsatz
beim Lschen der Brnde.  Die Deutschen melden am 14., die Polen dann
fr den 16., da der Ring um Warschau vom Osten her auch geschlossen
ist.  Deutsche Versuche, in die Stadt einzudringen, werden noch
erfolgreich abgewiesen, Artilleriefeuer steigert sich am 17. zu
bisher unerlebter Intensitt, die Chronik berichtet ber um 5000
Geschosse in weniger als 20 Stunden, und dazu kamen noch die
Luftangriffe wie eine Arbeitsteilung der Angreifer.  Auch machte sich
ein Rhythmus bei der Artillerie bemerkbar, die Batterien strichen mit
ihrem Feuer in bestimmten Abstnden und Intervallen ber unseren
Stadtteil oder Vorort, so da man schon erwarten konnte, wann sie bei
uns oder in nchster Nhe einschlagen knnten.  Dann gab es auch
Pausen, vermutlich fr Frhstck etc. Als es zu solch enggezieltem
Artilleriefeuer kam, war der Platz doch auch im Luftschutzkeller,
vorher hatte man sich schon so an Artillerie gewhnt, da man auch
bei leichterer Beschieung heraus oder auch in die Stadt ging.  Am 17.
September wurde auch das Elektrizittswerk durch Feuer beschdigt.

Als das wichtigste Ereignis dieses 17.September erwies sich aber die
Meldung vom Einmarsch russischer Truppen in die Ostgebiete Polens.
Kriegers hatten in ihrer Wohnung einen sehr guten Radioapparat und
wir konnten uns gut informiert halten.  Auer dem Warschauer Radio
hrten wir nicht nur deutsche Stationen, sondern auch Sendungen der
BBC, und so hrten wir auch sofort ber dieses schicksalhafte
Ereignis.  So empfand ich es und habe spontan gesagt, wir haben schon
viel erlebt, aber das wird sich als das schwerwiegendste erweisen,
die Russen haben angefangen zu marschieren, wahrscheinlich werden sie
erst am Rhein halt machen.  Warum ich diesen blitzschnellen Gedanken
hatte?  Es stellte sich ja auch zunchst als ganz falsch heraus, dann
aber auch gar nicht, es wurde aber nur die Elbe, und das ist
schwerwiegend genug geworden fr Europa.  Man wute damals dort in
Warschau am 17.September 1939 nicht, ob das eine gezielte aber
einseitige Abwehrmanahme der Russen im Hinblick auf die schnellen
deutschen Erfolge in Polen war.  Da es ein abgekartetes Spiel war,
schon im HitlerStalin Abkommen vom 22.August vorgesehen, das begann
man erst langsam zu ahnen.

Der Warschauer Bevlkerung wurde die Nachricht zunchst vorenthalten.
Es war ja auch fr die Menschen im belagerten und verzweifelt sich
verteidigenden Warschau eine erschtternde Wendung.  Als Ernst
Berliner und ich in den Luftschutzkeller kamen und niemand etwas
gehrt hatte, haben wir zunchst auch nichts gesagt, aber am nchsten
Tag ging das dann im Laufe von den blichen Unterhaltungen ber die
Lage doch nicht mehr.  Warum hatte das Warschauer Radio nichts
gesagt?  Auer unseren engeren Bekannten glaubte man uns nicht recht,
nur Frau Zandberg schien anzunehmen, da ich nicht Unsinn rede.  Aber
als die nchsten Nachrichtensendungen des Warschauer Radios immer
noch nichts sagten, da sah sie mich auch vorwurfsvoll an, und Helena
sagte, wenn wir Sie nicht schtzten und sie nicht ganz sympathisch
fnden, mte ich eigentlich jetzt dafr sorgen, da Sie an die Wand
gestellt und erschossen werden.  Dann am 19.September kam doch die
Nachricht, und die Betretenheit schlug breite Wellen.  Nichts ber
Hilfe hatte man vom Westen gehrt, jetzt wurde der Rest Polens von
den Russen verschlungen, Warschau und sein Kampf blieben einsam und
allein.  Die Not wuchs ins Ungeheuerliche, Straenrnder und Pltze
fllten sich weiter mit Grbern, es brannte berall, Huser strzten
ein, in der Versorgung mit Strom gab es Strungen.  Die Chronik
verzeichnet schon fr den 16. September Anstrengungen des
Diplomatischen Korps, auf ein Abkommen mit den Deutschen fr eine
Evakuierung der Auslnder hinzuarbeiten, und verzeichnet die
Evakuierung am 21. September von 178 Mitgliedern des Diplomatischen
Korps und 1200 anderen Auslndern (4).

Im noch immer intensiver werdenden Artilleriefeuer und bei
Fliegerangriffen verbrachten wir dann den Vershnungstag, wieder auch
mit Gebet bei Steinitz, oft unterbrochen, wenn man doch in den Keller
mute, und an diesem 23. September deutete die Intensitt des Feuers
darauf hin, da die Deutschen den Angriff auf die Stadt vorbereiteten.
Lrm, Feuer, Rauch, Schwefelgeruch, der gelbrote Himmel lieen
einem kaum Atem daran zu denken, was uns passieren wird, wenn die
Deutschen einrcken sollten.  Die Elektrizittsversorgung brach am 24.
September vollkommen zusammen und damit auch die Radiosendungen, die
Wasserversorgung versagte weitgehend, Feuer konnte kaum noch gelscht
werden.  Fr den 25. verzeichnet die Chronik Luftangriffe von 7 Uhr
morgens bis abends.  Ich erinnere mich, das waren Stuka (Sturzkampf)
Flieger, eine unbeschreibliche Tortur, und es gab zu jeder Zeit des
Tages etwa 200 gleichzeitige Brnde in der Stadt.

Am 26. September beschlo die militrische Fhrung und der
Verteidigungsrat mit den Deutschen ber Kapitulation zu verhandeln.
Am 27.September, um 14 Uhr, trat ein Waffenstillstand ein, die
deutschen Truppen waren jetzt unter dem Kommando des Generals v.
Blaskowitz, der die wenigen von polnischer Seite gestellten
Bedingungen annahm.  Dann gab es Verhandlungen, zu denen auer den
Bevollmchtigten des polnischen Militrs auch der Brgermeister
Starzynski zusammen mit technischen Beamten der Stadtverwaltung
kommen mute, die fr Gesundheit, Elektrizitts und Wasserversorgung
verantwortlich waren.  Die Deutschen verlangten die Stellung von
zwlf Geiseln aus allen Teilen der Bevlkerung, unter ihnen war auch
Schmuel Zygielboim von der jdischen Arbeiterorganisation "Bund",
dessen Name ich vorher noch nicht gehrt hatte (5).


Unter deutscher Besetzung

Der erste Eindruck war, da die Deutschen sich mit einiger Vorsicht
an die Aufgabe des Einmarsches und der Besetzung der Stadt
herantasteten.  Es war ja wohl auch keine alltgliche Operation, eine
Millionenstadt, die sich militrisch verteidigt hatte, ihre
technischen Einrichtungen weitgehend zerstrt, zu besetzen und dafr
ein Abkommen mit Militr und Stadtverwaltung zu verhandeln.  Der
Einmarsch deutscher Truppen war erst fr die nchsten Tage angesagt,
aber aus der Stadt wurde uns berichtet, da an einigen Punkten
Soldaten in polnischer Uniform erschienen, die Deutsche waren.  Noch
am 30.September schien es unklar, ob der Einmarsch stattgefunden
hatte oder wie weit er gekommen war (6).

In unserem Haus Sulkowicza 8 habe ich damals keine deutschen Truppen
erlebt, wie ein Wunder blieben wir verschont, aber aus naher
Nachbarschaft gab es bald schreckenerregende Berichte.  Es war nun
nicht so, da deutsche Einheiten und schon gar nicht Militr kamen
und blindlings Juden ermordeten, aber es zeigte sich sofort, da
Juden weitgehend vogelfrei waren, jeder Willkr ausgesetzt und eben
in stndiger persnlicher Gefahr, auch Gefahr ihres Lebens.  Meine
erste Assoziation war, Leben unter dieser deutschen Okkupation in
Warschau, das war wie "die ganze Zeit Reichskristallnacht".

Soldaten waren zunchst gleich auf Missionen geschickt,
Wohnungseinrichtungen zu requirieren, die von der Besatzungsmacht
gebraucht wurden.  Das war wohl nicht ungewhnlich, wenn fremdes
Militr einrckte.  Aber hier wurden sie in jdische Wohnungen
geschickt.  In der Nachbarschaft kam eine Truppe, lie sich
besttigen, da die Bewohner Juden sind und begannen, alle Betten
wegzutragen.  Die alte Gromutter war krank, sie wurden gebeten,
wenigstens das eine Bett ihr zu lassen, der befehlende Leutnant
wollte das auch tun, da trat einer seiner Leute hervor und fragte ihn,
"sind das nun Juden, oder nicht?".  Das Bett wurde auch mitgenommen.

Das war so einer der Berichte, die einem vermeintlich Anhaltspunkte
geben konnten, wie es bei den Deutschen damals aussah.  Die Frage
danach hatte ja einen wesentlich weiteren Rahmen, als wie sie es mit
dem Antisemitismus hielten: Es hatte immer wieder Anzeichen und
Berichte gegeben ber hohe militrische Opposition gegen die
nationalsozialistische Regierung, die dann im Widerspruch gegen die
mehr abenteuerlichen Plne Hitlers zum Vorschein kam.  Darber hatte
man vor dem Einmarsch in sterreich und der Tschechoslowakei gehrt,
es gab die Rcktritte v. Fritzschs und v. Becks, und nun hatte man
whrend der Belagerung gehrt, da der frhere Oberbefehlshaber
Generaloberst v. Fritzsch aus seinem 1938 erzwungenen Ruhestand heraus
mit den deutschen Truppen vor Warschau gekmpft habe.  Hie das, da
er dann von Warschau zurckkommen und die Wehrmacht dann Hitler zum
Rcktritt zwingen wrde, um einen Friedensschlu mit England und
Frankreich zu erreichen?

Das war so eine der flchtigen Spekulationen ber ein mgliches
rechtzeitiges Ende der Katastrophe, in die Hitler die Welt gestrzt
hatte.  In unserer deutschjdischen Enklave dort in Warschau hatten
wir von den Meldungen oder Gerchten ber Fritzsches Anwesenheit
auerhalb Warschaus Notiz genommen (7).  Noch zwei weitere Episoden
aus den ersten Tagen der Okkupation fallen mir ein zu unserer sehr
intensiven Frage, wie es bei den Deutschen damals aussah.  Der alte
Dr. Koenigsfeld kam von einem ersten Erkundungsgang in die Stadt
zurck.  Vor dem nahen Eingang zum Schlo Lazienki hatten zwei
Schilderhuser gestanden, jetzt mit zwei deutschen Soldaten besetzt,
auf der Belwederskastrae fuhren gerade Lastautos vorbei, voll
besetzt mit schwarzuniformierten SS Leuten, die ersten, die er in
Warschau sah, und so ging es anscheinend auch den beiden Soldaten; er
hrte, wie der eine zum anderen rief "na, die haben uns hier grade
noch gefehlt".  Der alte Dr. Knigsfeld freute sich diebisch, das zu
hren.  Also so etwas gab es doch noch.

Dann war da noch Gustav T. aus Karlsruhe, der in eine der alten
deutschjdischen Familien nach Kattowitz geheiratet hatte und auch
in Warschau gestrandet war.  An einer Straenecke hatte ein Auto mit
deutschen Offizieren gehalten und die dort wartenden Passanten
gefragt, ob jemand deutsch spricht.  Neben ihm Stehende hatten auf
ihn gewiesen, und er sollte ins Auto zusteigen, wurde gleich gefragt,
wie er mit seinem Badenser Akzent hier nach Warschau verschlagen
wurde.  So wie er uns das erzhlt hat, betonte er, ich mu Ihnen
gleich sagen, ich bin Jude, vielleicht hatten sie es ohnehin gesehen,
jedenfalls sagte der Hchstrangige sofort, aber das macht uns gar
nichts, das wird jetzt sowieso alles anders, da knnen Sie versichert
sein.  Das gab es also auch.  Aber ausgemacht fr den weiteren
Verlauf der Dinge hat es eben nichts.

Auer unserem besonderen Problem, wie sich die Okkupation fr die
Juden gestalten wird, gab es ja aber noch die allgemeine Not der
Stadt, wie sie langsam nach der Belagerung wieder zum Leben finden
knnte.  Die ersten Tage, mit Wasser und Strom noch unterbrochen,
waren schwierig, da es nicht mehr scho, brannte, der Himmel langsam
nicht mehr gelb und schweflig war, half, aber man mute weit laufen,
um sich nach Wasser anzustellen.  Es war nach dem heien September
frh herbstlich khl geworden, die modernsten Huser, wo es nicht mal
mehr Herde fr ein Kchenfeuer gab, sondern alles auf Strom
eingestellt war, hatten es am Schlimmsten, in Hfen, Gartenpltzen
und Straen stellten die Bewohner kleine Roste auf, um sich eine
Suppe zu kochen; den Anblick werde ich nicht vergessen.  Der
ffentliche Verkehr spielte sich ausschlielich mit Leiterwagen ab,
groe und kleinere, man konnte Pltze bekommen, aber eigentlich lief
man nur, weite Wege in die Stadt und dort und wieder zurck, viele
waren auf den Beinen, es kamen nach der Belagerung neue Schbe von
Flchtlingen aus der Provinz in groen Mengen, es kamen aber auch
langsam mehr Lebensmittel.  Das schien leichter zu bekommen als
manches andere.

Statt der Geschfte gab es zunchst an den Straen nur Hndler, die
von Bnken oder in Stnden verkauften, was grade noch zu bekommen
gewesen war aus den Trmmern und nach Plnderungen in den
allerletzten Tagen der Belagerung.  Die Zerstrung in der Stadt war
gro und bedrckend, nach meinem Eindruck war es etwa ein Drittel
aller Gebude, die durch Bomben oder Brandschden zerstrt waren,
und da waren die vielen Grber auf den Straen.  Ich ging auch bald
in die Stadt, ich hatte ja nur Sommerkleidung mitgenommen, es dauerte
eine Weile, bis ich etwas finden konnte, Geschfte richteten sich
langsam wieder ein, sogar einen Wintermantel konnte ich auftreiben.

Ein wichtiger Besuch war zu dem Rechtsanwaltsfreund aus Kattowitz
Marek Reichmann, der schon eine ganze Reihe Verbindungen aufgenommen
hatte, die mit dem brennendsten Thema, wie man aus Warschau wegkommen
knnte, zu tun hatten.  Auf dem Weg nicht so weit von unserer Wohnung
hatte ich die Schwedische Botschaft entdeckt, und da da jemand drin
war (8).  Am nchsten Tag warf ich einen Brief ein, adressiert an
Ragnar Nilson, Chef der immer noch zum Restbesitz meiner nach London
ausgewanderten Dahlemer Verwandten gehrenden AB Ferrolegeringar
Stockholm, den ich in Dahlem fters getroffen hatte.  Ich bat ihn,
nach London mit meiner Adresse mitzuteilen, da ich in Warschau die
Belagerung berlebt habe.  Ich hoffte, so auch vielleicht etwas ber
meine Eltern und Schwestern zu hren.

Es gab unterdessen auch Verbindungen mit Kattowitz, und ich habe da
schon gehrt, da meine Eltern gar nicht dort geblieben waren.  Als
ich mich am Bahnhof am 31.August nachts von meinem Schwager
verabschiedete, fuhr er nicht sofort zu Lotte nach Lemberg, sondern
bernachtete noch bei sich zu Hause.  Als die deutschen Bomber am
frhen Morgen gekommen waren, fuhr er erst zu meinen Eltern, und da
entschlossen sie sich, doch mit ihm die Autofahrt nach Lemberg zu
riskieren.  Von Lemberg, nun unter russischer Besetzung, hatten wir
zunchst in Warschau noch keine Nachrichten.  Mittlerweile war
verschiedentliche Bewegung in die Frage des Wegkommens von Warschau
gekommen.  Erstens gab es schon Traffik ber die "grne Grenze" von
und nach dem russisch besetzten Teil Polens, eben auch Lemberg, wo
ich Lotte und ihre Familie und vielleicht auch meine Eltern glaubte
(9).  In Kattowitz waren eines Tages alle jngeren jdischen Mnner
verhaftet und nach Osten abtransportiert worden (10), nmlich an die
Grenze der russischen Besetzungszone, dort wurden sie herausgelassen
und befohlen ber die Grenze zu rennen.  Es wurde auch nach ihnen
geschossen dabei, einige, so auch mein Freund Ludel Berliner kamen in
Lemberg an, andere zgerten, verbargen sich und tauchten dann bei uns
in Warschau auf, konnten alles erzhlen.

Fr ein Wegkommen setzte ich aber Hoffnungen auf doch noch einen Weg
nach dem Westen, denn es gab auch die Italienische Botschaft, die
offen war und Transitvisa erteilte.  Von anderen Konsulaten, zum Teil
wohl auch Honorarkonsulen, tauchten unterde Psse auf, die man
kaufen konnte, und einige Bekannte hatten schon beinahe alles
zusammen um abzureisen.  Es war eine Verordnung ergangen, die auch
Ausreisegenehmigungen fr Juden vorsah, hnlich wie ja auch in
Deutschland auch nach der Kristallnacht und noch nach Kriegsausbruch
Ausreise von Juden zunchst mglich war.  Meine Freunde Krieger, die
wieder in ihre Wohnung gezogen waren, hatten sich auch bald
irgendwelche Visa beschafft, auf die hin man dann ein italienisches
Transitvisum und durch das polnische Reisebro "Orbis" auch eine
Ausreisegenehmigung der deutschen Besatzungsbehrde erhielt.  Sie
reisten ab, wohl schon gegen Ende Oktober, und Ernst Berliner und ich
zogen in die untere Wohnung in unserem Hause, von wo die Familie
Steinitz auch schon ins Ausland abgereist war.

Eines Abends wurde ich in Sulkowicka 8 mit sehr ernster Miene
empfangen.  Am Nachmittag war meine Tante Jenny Grnfeld da, nach
einem Fumarsch ber die russischdeutsche Zonengrenze von Lemberg
her in Warschau angekommen.  Sie wollte mir berichten, da meine
Eltern mit ihr und meinem Schwager am Morgen des 1.September auch
nach Lemberg geflohen und dort angekommen waren, am 17.September
Lotte und Familie weiter gefahren sind, in der Hoffnung nach Rumnien
zu entkommen.  Meine Eltern blieben mit ihr in Lemberg, mein Vater
kam in ein Krankenhaus mit einer Lungenentzndung und starb dort am
20.September.

Tante Jenny war mit meiner Mutter allein zurckgeblieben, aber wollte
zurck nach Beuthen gehen, meine Mutter wollte in Lemberg bleiben,
lie mir aber sagen, ich sollte auf keinen Fall dorthin kommen,
sondern versuchen, nach dem Westen auszureisen.  Da Tante Jenny auf
mich gar nicht mehr warten wollte, wurde mir das alles von dem
Ehepaar Dr. Knigsfeld schonend beigebracht.  Ich war wie erschlagen,
das war ein trauriges Ende fr meinen Vater, Ende eines einst so
stolzen Lebens.  Und die Situation meiner Mutter dort in Lemberg, es
war kaum auszudenken, mein Vater starb an dem Tag, als Lemberg schon
von deutschen Truppen angegriffen, sich ihnen ergeben hatte, sie
zogen aber nicht ein, sondern bergaben die Stadt den Russen.  Am Tag
ihres Einzugs wurde mein Vater begraben.  Das spiegelt so die ganze
Verwicklung dieser ersten Kriegswochen wider.  Heute, wo man ber das
Schicksal der unter deutscher Hoheit verbliebenen Juden, Auschwitz
und Theresienstadt wei, mu man es eigentlich noch als ein gndiges
Schicksal empfinden, aber das war damals nicht so, es war eine
bittere Nachricht, inmitten all des Unglcks um mich herum in
Warschau (11).

Ende Oktober muten sich alle jdischen Einwohner Warschaus
registrieren(12), der Aufruf ging an alle Juden, also nicht wie
deutsche Rassegesetze.  Es lieen sich noch manche schnell taufen, um
zu vermeiden, sich durch Nichtregistrierung strafbar zu machen.  Ich
tat das nicht, wir registrierten uns.  Der Aufruf schuf groe
Verngstigung, war das nun die Einleitung zu strengeren Manahmen
gegen die Juden?  Es hatte ja immerfort Grausamkeiten und Schikanen
gegeben.  Auf der Strae konnte man von unterschiedlich Uniformierten
angehalten und, wenn man Jude war, um Pelz, Mantel oder Geld gebracht
werden.  Juden wurden zur Zwangsarbeit in den Ruinen requiriert, man
sah dort in zunehmender Klte die bejammernswerten Gestalten von
brtigen Kaftanjuden, auf zusammenstrzenden Ruinenmauern oder
gersten bei der ungewohnten und ungelernten Zwangsarbeit.  Was fr
ein Elend.  Mit der polnischen Bevlkerung teilte man die Furcht vor
Vergeltungsmanahmen des deutschen Militrs: wenn einem Deutschen
etwas zustie, wurden 100 Leute als Geiseln zusammen gelesen und
erschossen; es konnte jeden treffen, der grade vorberging.

Fr die polnische Bevlkerung wurden die katholischen Feiertage
Allerheiligen/Allerseelen am 1.und 2.November eine eindrucksvolle
Kundgebung stillen Widerstands.  Ich kannte diese katholischen
Totengedenktage von Oberschlesien, wo man auf den Friedhfen Kerzen
auf meist blumen oder tannengeschmckten Grbern sah.  Nun hier in
Warschau brannten sie auch auf den vielen Grbern, die auf Straen
und Pltzen whrend der Belagerung entstanden waren, es war bewegend
zu sehen.  Es konnten ja kaum nur Angehrige von Umgekommenen sein,
die das ganze Lichtermeer bereitet hatten, man schlo, da dies
organisiert war, als Demonstration eines Untergrundwiderstands.
Weiteres wurde dann von den Deutschen fr den 11. November befrchtet,
Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges und Jahrestag der Grndung der
Polnischen Republik 1918. Es entstand erhebliche Nervositt und
Spannung, man erwartete eine Verhaftungswelle, und wie viele andere
zog ich es vor, diesen Tag nicht in der Wohnung, wo ich registriert
war, zu verbringen.  Ich fand Unterkunft bei Dzidzia Kapellner, einer
Verwandten der Krieger Familie.

Fr die Juden war unterde weitere Panik und Verzweiflung
ausgebrochen, da bekannt gemacht wurde, da in Krze fr alle die
sofortige Umsiedlung in die Gegend des alten Warschauer Ghettos
angeordnet wird.  Das konnte dann nur der Anfang zu wesentlich
Schlimmerem sein.  Man wute schon, da es bisher in Warschau noch
eher besser zugegangen war als zum Beispiel in Lodz und vielen
kleineren Orten.  Aus Lodz waren viele Flchtlinge weiter nach
Warschau gekommen.  In unserer Enklave hatten wir Besuch von Bruno
Altmann, dem Prsidenten der Jdischen Gemeinde Kattowitz, der
zunchst nach Lodz entkommen war und nun in Warschau ankam.  Der
Schreck und Kelch mit dem Umzug ins Ghetto ging zunchst vorber, der
Plan wurde verschoben (13).

Wie man wei, wurde die Umsiedlung ins Ghetto dann aber doch im
Herbst 1940 begonnen.  Zu dieser Zeit war ich schon aus Warschau
entkommen.  Bemhungen um eine Ausreisemglichkeit hatten bei mir
ganz absolute Prioritt, nur so konnte ich es doch noch schaffen.
Kein Risiko konnte mich abhalten, dafr immer wieder in die Stadt zu
wandern.

Es wurde auch hchste Zeit.  Man konnte mit seinem polnischen Pa
abreisen, die deutsche Ausreisegenehmigung beschaffte das alte
polnische Reisebro Orbis als separate Bescheinigung, man brauchte
gar keine deutschen Amtsstellen zu sehen.  Die Schwierigkeit war ein
Visum zu bekommen, auf das die Italiener dann ein Transitvisum
erteilen konnten.  Gut hatten es Bekannte wie Ernst Berliner mit
seinem amerikanischen Stipendium und Visum, ausnahmsweise hatten die
Italiener einmal ein echtes Visum zur Weiterreise von Italien vor
sich.  Die beiden Tchter der Dr. Koenigsfelds waren schon vor dem
Krieg nach Brasilien ausgewandert, die Eltern erwarteten also auch
echte Auswanderungsvisen.  Fr Andere mute versucht werden, Visas zu
kaufen.  Es muten immer wieder neue Kombinationen gefunden werden,
die fr ein italienisches Transitvisum gut waren.  So bereitwillig
anscheinend die Italienische Botschaft war, es mute ja dann auch in
Italien klappen.

Das erste Pech dabei hatten schon die Zygmunt Kriegers gehabt.  Die
italienischen Grenzbehrden hatten schon etwas Nachteiliges ber die
spezifische Kombination bemerkt, die Kriegers wurden trotz
Transitvisum nicht hereingelassen und kamen in ein deutsches
Transitlager.  In dieser Notlage konnten ihre Geschftsfreunde aber
sehr schnell damals ein Visum nach der Schweiz fr sie bekommen, von
wo aus sie dann Auswanderung nach Brasilien arrangieren konnten.  Das
waren eben die Risiken mit diesen "Kombinationen", denen ich auch ins
Auge sehen mute.  Was immer man hatte, konnte sich als schon
"abgenutzt" herausstellen, wenn man an der italienischen Grenze ankam,
und dann war man in groer Gefahr.  Der Weg hinaus fhrte von
Warschau mit schon verkehrendem Schnellzug nach Wien und dann nach
Triest ber die Grenze bei Tarvisio.

Es gab schon auch eine "Grne Grenze" nicht nur nach Ruland, sondern
auch nach Sden, Slowakei und Ungarn.  Das war die Route besonders
fr Polen, die sich der in Frankreich entstehenden polnischen Armee
anschlieen wollten, aber man konnte auch fr private
Fluchtmglichkeiten sorgen.  Gesundheitlich kam das fr mich aber gar
nicht in Frage, nach schweren Asthmaanfllen in den letzten Tagen der
Belagerung war ich noch immer in schlechtem Zustand, wir waren ja
alle ziemlich verhungert gewesen, ich konnte an eine Flucht zu Fu
ber die Karpathen nicht denken.

Ragnar Nilson hatte mich unterde mit dem seit einiger Zeit in Zrich
erffneten Bro der Ferrolegeringar in Verbindung gebracht, wo mir Dr.
Hans Krakenberger und Hans Grelling von Berlin her noch gut bekannt
waren.  Sie gaben mir die Warschauer Adresse von Frau Janina Nejfeld,
falls man sich wegen Ausreisemglichkeiten gegenseitig helfen knnte.
Sie war Witwe des frheren Vertreters des Konzerns in Polen und
hatte selbst die Vertretung noch weitergefhrt.  Sie war jetzt aus
Lodz nach Warschau gekommen und hatte mit Zrich Kontakt aufgenommen.
Wir hatten beide das Gefhl, da man bei Ankunft in Italien auf
erste Hilfe von diesem Bro in Zrich hoffen konnte.

Visas waren schon schwer zu beschaffen.  Die nchste "Kombination",
die Marek Reichmann fand, dann auch selbst benutzte und mir anbot,
war einfach eine Bescheinigung in den Pa geklebt, da fr den
Inhaber bei Ankunft in Triest ein Zertifikat zur Einreise nach
Palstina bereit liegt.  Die Italienische Botschaft war bereit, auch
darauf ein Transitvisum zu geben.  Es kostete ebenso viel wie ein
"besseres" "richtiges" Visum; das ganze wurde fr eine Gruppe
arrangiert, wobei die Hlfte, ich eingeschlossen, zahlt, und die
andere Hlfte nicht, nmlich alles verdiente zionistische Funktionre
mit Familien, und zwar, etwas zu meinem Leidwesen, Revisionisten.  So
jedenfalls wurde mir das erklrt.  Ich lernte zwei der Revisionisten
auch kennen (14).  Alles ging auch durch "Orbis", wo ich auer in
Marek Reichmanns Wohnung ein beinahe tglicher Besucher wurde.

Vom 1.Dezember an (15) wurde fr Juden das Tragen eines wei߭blauen
Davidsternabzeichens verordnet.  Es war also kein "Gelber Fleck" wie
in den Deutschland einverleibten westlichen Gebieten.  Was es auch
war, das Leben wurde gefhrlicher, nicht zuletzt das Risiko von der
Strae weg zu Zwangsarbeit requiriert zu werden.  Man berlegte sich
jeden Morgen, was das grere Risiko war, mit oder ohne den
Davidstern auszugehen.  Wochentags in die Stadt ging ich meist ohne
das Abzeichen, fr sonntgliche Besuche von Freunden in den Vororten
dachte ich, man kann sich den Luxus des Davidsterns erlauben, denn es
wurde ja kaum gearbeitet.  Das Risiko ihn nicht tragend ertappt zu
werden war wochentags geringer als das Tragen des Sterns, wenn man
ertappt wurde, konnte es aber total sein.  Daran hatte man sich eben
gewhnen mssen, nach dem Risiko von Artilleriefeuer und Bomben
whrend der Belagerung war jetzt das Risiko der Konfrontation mit SS
und Gestapo oder ihren geringeren Helfern getreten.

Ich mute Gott danken, mit welchem Glck ich in der Okkupationszeit
meine Anonymitt behalten konnte und davonkam.  Die einzige Begegnung
mit einem SSMann in Warschau verlief auch harmlos.  In der Wohnung
von Marek Reichmann, der selbst schon abgereist war, erschien ein
junger, anscheinend oberschlesischer SSMann, gestikulierte wild und
machte Anstze zu schreien, wollte prfen, wer da ist.  Er war
offenkundig ein Anfnger, noch nicht lange bei der SS, das Schreien
kam ihm nicht natrlich.  Eine andere Besucherin Frau B., gefragt ob
sie jdisch ist, sagte nein, aber setzte dann hinzu, sie sei getauft,
seit dem 24.Oktober (also eben vor dem Registrierungsstichtag 29.
Oktober).  Ich sah sie fassungslos an, dann mute ich lcheln, auf
dem Gesicht des SS Manns war auch ein breites Grinsen.  Er zog sich
bald zurck, er hatte wohl gemerkt, da er sich hatte ertappen lassen,
da er doch ein Mensch war.

Noch war die Gefahr fr mich nicht vorber, meine Abreise verzgerte
sich.  Fr Benutzung eines Schnellzuges brauchte man eine Genehmigung,
und Juden waren Schnellzge neuerdings verboten.  Orbis hatte noch
keine Lsung fr mich.  Eine kleine Verbesserung in den Verhltnissen
war noch gewesen, da der Postverkehr von und zwischen dem besetzten
Warschau und Orten in Deutschland aber auch dem neutralen Ausland
schon gut funktionierte.  So hatte ich Kontakt nicht nur mit Zrich,
sondern auch der noch in Berlin lebenden Familie, Gromutter und
Onkel Walter Oettinger, von der Grnfeld Familie die Epsteins und
Hans Hirschel.

Kontakt hatten wir von unserer Enklave auch weiter mit Erika
Schlesinger in Beuthen, wo Tante Jenny unterde zurckgekehrt war, und
durch das Hausmdchen von Knigsfelds mit den vielen traurigen
Vorgngen in Kattowitz.  Ich war sehr gerhrt, als durch sie der
Krschnermeister Klimanek, zur katholischen deutschen Gruppe gehrend,
bei dem wir jeden Sommer unsere Pelze aufbewahrten, mir den Pelz
meines Vaters nach Warschau schickte.  Ich bekam auch einige
Kondolationen zum Tode meines Vaters, so eine besonders bewegende von
dem deutschen Baumeister Kutchera, Nachfolger meines Vaters in
verschiedenen Berufsverbnden.

Die Verwandten in Berlin rieten, ich soll doch versuchen, zu ihnen zu
kommen.  In diesen ersten Kriegsmonaten hatte man wohl noch keine
richtige Vorstellung dort, was das Schicksal der in Deutschland
zurckgebliebenen Juden sein wrde.  Als ich meine Papiere mit
DZugbillet nach Triest bei Orbis endlich abholen konnte, um mit dem
nchsten DZug am 10. Januar 1940 abzufahren, wurde ich gefragt, ob
ich bereit bin, mit einer alten polnischen Dame und ihrem Enkelsohn
zusammen zu fahren, da sie gar kein Deutsch sprechen.  Es war eine
Frau Aleksandrowicz, Mutter des amtierenden polnischen Konsuls in
Triest, und dessen kleiner Sohn.  Ich war verwundert, vielleicht war
es ganz natrlich, da man bei Orbis auf diese Idee kam, aber in
Wirklichkeit, dachte ich, war meine Passage unter einem greren
Risiko als die der alten Dame.  Ich sagte aber doch zu.

In der Sulkiewicza 8 gab es einen bewegten Abschied.  Bei den
freundschaftlichen Gefhlen, die sich entwickelt hatten, wurde es so
schwer, sie alle dort ihrem so ungewissen, aber doch so bedrohend
schwer aussehende Schicksal zurckzulassen.  Ich hatte schon lange
versucht, besonders den Familien Baender und Hurtig zur Ausreise
zuzureden, sie htten die Mittel in Warschau gehabt aber hatten Sorge
fr das Leben im Ausland.  Ich meinte, es ist noch niemand verhungert,
und was einen in Warschau erwartete, sah grimm aus.  Ich nahm
Abschied.

Es war ein sehr kalter Winter geworden, 1939/40, so war es ja in ganz
Europa.  Der Zug sollte gegen 10 Uhr abends gehen, ich traf jemanden
von Orbis auf dem Perron, der mich mit Frau Aleksandrowicz bekannt
machte.  Wegen des Wetters versptete sich die Abfahrt des Zuges um
einige Stunden, wir muten bei minus 26 Grad auf dem berfllten
Bahnsteig warten.  So fing die Fahrt schon mit einer schweren Probe
an, dann ging es ganz glatt, vor Kattowitz verschwand mein Gesicht
unter meinem Mantel und blieb.  Man mute annehmen, da wir den
Anschlu an den Zug, der unsere Wagen durchgehend nach Wien plombiert
und ohne Grenzkontrolle durch das "Protektorat" (die besetzte
Tschechoslowakei) bringen sollte, schon lngst versumt hatten, die
Versptung war des kalten Wetters wegen nur noch grer geworden.
Mir ahnte nichts Gutes, selbst nachdem ich Kattowitz ohne
Zwischenfall passiert hatte.

So war es auch; wir hatten keinen durchgehenden Zug nach Wien, muten
einen Zug im "Protektorat" nehmen und eine unvorhergesehene
Grenzkontrolle zwischen dem "Protektorat" und sterreich in Breclav
(Lundenburg) passieren.  Sie wurde fr mich sehr unangenehm.  Mnner
und Frauen wurden getrennt, Frau Aleskandrowicz konnte mit ihrem
Enkelsohn gehen, mich grillten drei SSLeute.  Ich dachte zeitweise
nicht, da ich davon komme, einer schien ein fanatischer und grober
Judenhasser, die beiden anderen mehr zivilisiert, zum Schlu fanden
sie wohl, sie sollten meine Ausreisegenehmigung aus Warschau
honorieren.  Die Aleksandrowiczs warteten schon besorgt auf mich, wir
fuhren nach Wien weiter, muten den Bahnhof wechseln.  Das waren wohl
auch die Dinge, wegen der man mich gebeten hatte, sie unter meine
Obhut zu nehmen.  Wir aen Abendbrot am Sdbahnhof und fuhren dann
nach Triest weiter.  An der deutschen Grenzkontrolle nach Italien
erschienen nochmals SS Leute, stolzten provokativ umher, schrien,
aber es war wohl mehr ein Einschchterungsmanver, wir kamen ohne
Schwierigkeiten durch, dann auch an der italienischen Kontrolle,
meine "Kombination" schien also noch zu halten.

Als der Zug weiter fuhr in Richtung Udine berkam mich ein groes,
unvergeliches Gefhl der Erleichterung.  Es war kaum vorstellbar,
nun schien ich gerettet vor Nazis und Gestapo, was fr eine Wendung.
Sicher, die Zukunft war ungewi, noch mit vielen undurchsichtigen
Wolken verhllt, aber das war eine Erlsung, wie man sie selten
empfinden konnte.  Frau Aleksandrowicz bemerkte das gleich, wie ich
fhlte und nahm Anteil.  Die Fahrt hinein nach Triest hoch ber den
unwirtlichen, windgefegten Karst nahm sich auch wie eine
schicksalsvolle Reise aus, beim Abschied bat sie, ich mchte doch
ihren Sohn bald im polnischen Konsulat besuchen.



Kapitel 9

Kriegsflchtling

In Transit in Italien

Es war mein erster Besuch in Italien.  In Triest war es auch kalt und
unfreundlich, mich reizte der bunte, geschichtliche Hintergrund, man
sprte die Nachbarschaft Jugoslawiens und manches von der
sterreichischen Vergangenheit.  Es gab viele Flchtlinge und andere
Reisende.  Von meinen KattowitzWarschauer Freunden war die Familie
Steinitz noch dort, auf Emigration wartend.  Er war ein groer
Lehrmeister, wie man als Flchtling so sparsam wie mglich leben
mute.  Ich nahm gleich Kontakt mit Zrich auf, die Nachricht, da
ich aus Warschau entkommen war, wurde schnell in der Familie
verbreitet, Lotte und Familie waren in Bukarest, standen in Kontakt
mit meiner Mutter in Lemberg.  Jetzt konnte ich wenigstens in
Korrespondenz mit ihnen sein.  Von Marianne hrte ich aus England und
auch von der Dahlemer Familie, Tante Grete, Herbert mit Frau Ery und
der jngere Bruder Ernst.  Er hatte arrangiert, da Lotte und Familie
in Bukarest bei den Eltern des gemeinsamen Freundes Ralph Kleeman
wohnen konnten.

Beim polnischen Konsul Aleksandrowicz wurde ich freundlich, aber
etwas zurckhaltend empfangen.  Ich vermutete, da er ber mich
rtselte, als ich meine Personalien und Lage erklrte.  Mit meinen
Papieren sollte ich so schnell wie mglich Italien verlassen, und
Frankreich schien am nchsten.  Ich erkundete mich beim Konsul, ob er
mir dabei helfen knnte, ich wrde mich dann fr die polnische Armee
stellen.  Er winkte gleich ab, ich war ja Kategorie "C" wegen
Kurzsichtigkeit, die polnische Armee in Frankreich war noch sehr
klein und konnte nur gut trainierte Leute mit vorherigem Armeedienst
brauchen.

Der nchste Besuch war beim Bro der Jewish Agency.  Laut meinen
Papieren lag dort fr mich ein Zertifikat fr Einwanderung nach
Palstina, was ich ja natrlich gar nicht geltend machen wollte, aber
ich sah den Leiter des Bros Dr. Goldin, um mich ber Mglichkeiten
zu erkunden, wie man nach Palstina kommen kann.  Ich fand auch, da
ich die Bescheinigung in meinem Pa ber ein Zertifikat erwhnen
mute.  Es war mir nicht klar, ob er ber diese "Kombination" aus
Warschau zu fliehen, zum ersten Mal hrte, jedenfalls zeigte er sich
emprt und sagte mir, ich htte in Warschau bleiben sollen.  So
provoziert, teilte ich noch mit, da auch andere, darunter sehr
aktive Zionisten, und zwar Revisionisten mit solchen Papieren
ankommen, da sagte er, die sollen dort bleiben.  Ich traute meinen
Ohren nicht, wei er, was er da sagt, fragte ich.  Ich begann zu
verstehen, da es in Zionistischen mtern nur strikt politische
Kategorien gab, die hatten mit charitativem Denken oder Gefhlen
nichts zu tun.

Seit der Nachricht vom Tod meines Vaters hatte ich an keinem
Gottesdienst mehr teilgenommen, in Triest nun ging ich Freitag abends
in die Synagoge, um das Kaddisch Gebet zu sagen, und das habe ich
dann versucht, bis zum Ende des Trauerjahrs aufrecht zu erhalten, wo
immer ich nahe einer Synagoge war.  Es hie Bekanntschaft mit ganz
verschiedenen Gemeinden und Gottesdienstformen, eine traurige, aber
auch anregende und wichtige Erfahrung gerade in dieser Zeit der
Verfolgung.  Ich blieb nicht lange in Triest, fand, da Marek
Reichmann und Familie sich in San Remo aufhielten, und beschlo, dort
herauszufinden, wie man nach Frankreich gelangen kann.  Anscheinend
gab es dafr Wege ber die Grne oder auch die Blaue Grenze, nmlich
mit einer Motorbootfahrt, aber sehr riskant.  Ich machte Halt in
Mailand, wo Ernst Berliner war, auch Danek Zins aus Kattowitz,
Pianist und Begleiter des Tenors Jan Kiepuras, und Frau B. mit
Tochter, und traf einen polnischen Diplomaten, frher
Handelsdelegierter in Hongkong, der erklrte, warum Leute wie er
jetzt in der Emigration soviel Kontakt mit jdischen Landsleuten
suchten.  Die Juden, fand er, haben einen so ausgeprgten Sinn fr
Kommunikation, und das ist, was wir jetzt als Emigranten alle
brauchen.  Es war auffllig, wie eng sich der Kontakt in der
Emigration, wo immer man hinkam, gestaltete.  In Mailand lernte ich
auch einen lteren Mitemigranten, Anwalt aus Lemberg, auch Danzig, Dr.
Parnes kennen, den ich spter in Rom wiedertraf.  Er wurde dann fr
mein rechtzeitiges Wegkommen von Italien entscheidend.

Der kalte Winter 1939/40 hielt noch immer an, Mailand war tief im
Schnee.  Erst auf der Fahrt nach Genua sdlich der Bergkette nderte
es sich etwas, und da war auch das Erlebnis der MittelmeerVegetation
mit Pinien anstatt der gewohnten Bume.

In San Remo fand ich eine billige Pension.  Die Unbilden von
Belagerung, Okkupation, Reise und andauernder Ungewiheit machten
sich bemerkbar, ich wurde sehr krank, an die Motorbootfahrt nach
Frankreich war ohnehin nicht zu denken.  Mein Vetter Herbert in
London wollte mir Einwanderung nach Bolivien ermglichen.  Nach dem
Tod meines Onkels Paul Grnfeld und der Auswanderung der Familie mit
einigen Mitarbeitern nach London wurde dort eine neue Firma gegrndet,
die schwedischen Werke und Chromerzgruben in Trkei und Cypern
gehrten weiter dazu.  Lotte und Familie konnten am 21.Mrz von
Bukarest nach Cypern abreisen, wo ihr Mann durch Herbert eine
Stellung als Chemiker erhielt.  Bei einer neuentstandenen Verbindung
in Bolivien fr Einkauf von Erzen wollte Herbert mich unterbringen.
Ich wartete sehr, da das zustandekommt.

Ernst Berliner fuhr von Genua nach den USA ab, und dann auch Dr.
Koenigsfelds, direkt aus Warschau nach Genua kommend, auf dem Weg
nach Brasilien.  Die Abschiede waren immer bewegend, man hoffte, auch
einmal so weit zu sein, aber der Bolivienplan fr mich schien nicht
gut zu gehen.

Statt dessen bekam ich von der Fremdenpolizei in San Remo Ende Mrz
einen Ausweisungsbefehl, die Zeit fr ein Transitvisum sei abgelaufen.
Ich sollte mich sofort bei der italienischen Grenzpolizei in
Tarvisio melden, um ber die Grenze, ber die ich hereingekomen war,
wieder zurckgestellt zu werden.  Anstatt der vorlufigen, nun nicht
verlngerten Aufenthaltsgenehmigung der Fremdenpolizei, wurde das von
nun an mein einziger gltiger polizeilicher Ausweis, den ich in
Italien vorzeigen konnte.  Kaum von schwerer Erkrankung etwas erholt,
befand ich mich also erneut in Alarmzustand.

Inzwischen war Marek Reichmann nach Rom gefahren, um dort an seiner
weiteren Auswanderung zu arbeiten, ich mute jedenfalls aus San Remo
verschwinden und beschlo, nach Rom zu gehen.  Die Geschwister
Grelling hatten einen Teil ihrer Jugend in Florenz verbracht, ihr
Vater hatte Deutschland im 1.Weltkrieg als Gegner des Kriegs
verlassen, seinerzeit eine "cause celebre".  Die Tochter Annemarie
kannte ich von Dahlem her, sie hatte unterde den jungen Verleger
Gentile geheiratet, Sohn des bekannten italienischen Philosophen,
Senators und zeitweiligen Kultusministers Mussolinis, Dr. Giovanni
Gentile.  Ich hatte Annemarie's Adresse in Florenz (Fiesole) von Hans
Grelling aus Zrich erhalten, hatte ihr schon geschrieben und gehrt,
da ich jederzeit zu einem Besuch willkommen sei.

So meldete ich mich an, um auf der Reise nach Rom kurz in Florenz
halt zu machen.  Dieser Tag in Florenz war ein Lichtblick in meinem
oft so bedrckenden und angespannten Flchtlingsaufenthalt in Italien.
Frh schaute ich mich um in den groen Kunstschtzen in Florenz und
geno das Stadtbild, machte einen Besuch im Verlag Olschki, worum
mich Warschauer Leidensgenossen gebeten hatten.  Die
freundschaftliche Aufnahme zum Mittagessen in der alten Villa in
Fiesole bei Annemarie und ihrem Verlegergatten war so wohltuend, man
sa im Freien in der Frhlingssonne, es wurde viel Interessantes
erzhlt.  Der kleine Sohn Giovanni spielte herum und machte die
Verzauberung vollkommen durch sein Lcheln, wenn auch soviel
Trauriges zu erzhlen war.  Ich sollte mich gleich am nchsten Tag
bei Dr. Gentile (1) in Rom melden, fuhr ber Nacht hin.

Er war nun Prsident der Italienischen Akademie der Wissenschaften,
ein imposantes Gebude und Bro.  Auch hier war der Empfang wieder
beraus freundlich.  Er erkundigte sich nach "Tante Grete", wie er
sie wohl in der Sprache seiner Schwiegertochter Annemarie nannte.  Er
verfate eine Eingabe an ein Ministerium und beruhigte mich.  Wenn
ich in Schwierigkeiten mit der Polizei komme, sollte ich ihn sofort
anrufen.  Es kam nicht dazu, aber ich konnte auch nicht sicher sein,
wie es ausgegangen wre, ob noch Zeit geblieben wre fr einen Anruf.
Das Damoklesschwert war noch nicht wirklich fort in meinen Gedanken,
und die Wochen in Rom blieben davon beschwert.  Es war nicht so
einfach, sich ein Bild von der politischen Stimmung in Italien zu
machen.  Der 9.April, an dem ich in Rom ankam, brachte auch die
Nachricht vom Angriff Hitlers auf Dnemark und Norwegen, also das
Ende des angespannten Zwischenstadiums, in dem der Krieg seit dem
Zusammenbruch Polens geblieben war.  Das trug natrlich dazu bei, das
Gefhl eigener Bedrohtheit zu steigern.  Man kam nicht heraus aus dem
Staunen ber die Pracht von Rom, und doch hatte man dafr zunchst
nur einige flchtige Blicke, man war unter lauter Flchtlingen, die
Suche nach Reisezielen und Visen verdrngte alles.  Man traf nicht
nur jdische oder polnische Flchtlinge.  So teilte ich in Rom einen
Tisch in der Pension mit einem jungen lettischen Historiker und
Journalisten, es war interessant und neu.  In Triest war es ein alter
griechischer Politiker gewesen, der zu Steinitz und mir sagte, wir
htten doch in Polen bleiben und gegen Hitler kmpfen sollen, wie das
eben die Griechen seit Jahrhunderten fr ihre nationale Sache tun
muten.

Ein Merkmal des Flchtlingsdaseins wurde eine immer grer werdende
Korrespondenz.  So lange man noch im neutralen Ausland war, wie
damals noch Italien, gab es Kontakt mit zu Hause, der nahen Schweiz,
ebenso wie England, Frankreich und USA. Man hatte viele Bitten,
Nachrichten zu bermitteln, auch an die in Warschau, Oberschlesien
oder Berlin/Breslau Zurckgebliebenen.

Mein Vetter Herbert konnte den Bolivienplan fr mich nicht
weiterverfolgen, aber durch meine Bekanntschaft mit Dr. Parnes fand
ich unerwartet die Mglichkeit, ein Visum nach der Trkei zu bekommen.
Sie wurde zusehends ein Zufluchtshafen fr die polnischen
Flchtlinge, meistens nur auf Transitbasis.  Ich bekam ein
Einreisevisum.  Herbert bot sofort an, da die Firma der trkischen
Chromgruben, Trk Maden, sich um mich kmmern wrde, aber
Arbeitsgenehmigung fr eine Anstellung bei ihnen knnten sie nicht
bekommen.  Lotte und Familie waren bei kurzer Durchreise nach Cypern
schon in Istanbul betreut worden, hatten mir davon geschrieben.  In
Dahlem hatte ich einst die Tnzerin Palukka kennengelernt, ihr Vater
war der Chef der Trk Maden in Istanbul, ich wute auch, da eine
Reihe deutscher, darunter viele jdische Emigranten als Professoren
von der trkischen Regierung nach der Trkei gerufen worden waren.
Es gab also Bezugspunkte.  In Rom traf ich auch wieder Frau Nejfeld
und sie bekam auch ein trkisches Visum.  Whrend des Wartens auf die
Visaausfertigung und Buchung einer Schiffspassage
NeapelPirusIzmirIstanbul hatte ich doch noch mir viel von Rom,
auch seinen Museen und Kirchen in etwas grerer Ruhe ansehen knnen.
Neapel ging an mir schnell vorber, dafr war aber die Schiffsreise
schn, wenn auch ins so ziemlich Ungewisse, und schn war auch der
erste Blick auf Istanbul.


In der Trkei

Alfred Palukka hatte im Park Hotel fr mich gebucht.  Ein lterer
Herr, viele Jahre mit der Firma meines Onkels Paul in der Trkei
verbunden, er war albanischer Herkunft, sehr ruhig und weise, gab mir
freundliche Einfhrung ins Leben in der Trkei, im Nahen Osten
berhaupt, und nun mute ich mich umsehen.

Zu den deutschen Emigrantenprofessoren an der Universitt Istanbul
gehrte der Breslauer Mediziner, Internist, Dr. Frank.  Er war ein
jngerer Vereinsbruder meines Onkels Walter Oettinger.  Meine
Gromutter schrieb sofort von Berlin, ich mu mich bei Franks melden,
mit denen die Familie in Breslau gut bekannt war.  Dann stellte sich
auch heraus, da Frau Frank aus Kattowitz kam, Mitschlerin meiner
Kusine Margot Epstein, die mir auch darber schrieb.  Sie hatten
zusammen viel Tennis auf unserem Tennisplatz gespielt.  Franks hatten
eine Tochter Sabine, die in Istanbul Orientalistik studierte, und
einen jngeren Sohn.  Ich wurde sehr freundschaftlich aufgenommen und
bin der Familie immer wirklich dankbar dafr gewesen.

Durch sie lernte ich auch viele andere Mitglieder der deutschen
akademischen Emigration in Istanbul kennen; das wurde einer der recht
verschiedenen Kreise, die ich dort hatte.  Fr meine Suche nach einer
beruflichen Lsung hatte Dr. Frank mich an einen aus rassischen
Grnden abgesetzten Direktor der Deutschen Bank in Istanbul empfohlen,
der nach seinem Auscheiden eine Handelsfirma gegrndet hatte.

Es ergab sich aber ein anderer Plan.  Frau Nejfeld brachte mich mit
ihrem Lodzer Landsmann Podczaski zusammen, ein mit einer Trkin
verheirateter Pole, deren Bruder Tekim durch Podczaski zu einer
Zusammenarbeit mit der polnischen staatlichen Exportgesellschaft fr
Agrarprodukte "Dal" gekommen war.  Es gab eine Tochterfirma "Turkdal"
in der Trkei, fr die neue Geschftsttigkeit gesucht wurde.  Ich
hoffte, fr Auenhandelsgeschfte Verbindungen durch Ferrolegeringar
in Stockholm und Zrich anzuknpfen, das Trkdal interessierte, und
wir kamen zu einer Vereinbarung.  Sie sollten alle Kosten tragen, ich
selbst war auf Gewinnbeteiligung angewiesen, also es hing fr mich
alles davon ab, da auch Geschfte zustande kommen.  Ich begann
gleich aus ihrem Bro eine lebhafte Korrespondenz, der trkische
Partner Tekim brachte viele mgliche Kunden.

Bald zog ich aus dem Parkhotel, in dem Herr Palukka mich glaubte
zunchst unterbringen zu mssen, in die Pension Hella, die er mir
empfohlen hatte.  Sie gehrte Herrn Errol, der ursprnglich Grnfeld
hie, aus Ungarn.  Es war eine interessant gemischte kleine
Gesellschaft dort.  Dr. Weiss aus Wien, ein Chemiker, gehrte zu den
jdischen Emigranten an der Universitt, dann waren verschiedene
Englnder da, ein lterer war in Istanbul als Sachverstndiger fr
Marinetransport stationiert, ein junger Mann von der japanischen
Botschaft und das Ehepaar Daniec, aus Polen geflohen, er war dort
einer der Direktoren von Dal gewesen und jetzt in Istanbul
verantwortlich fr Trkdal.  Mit ihm hatte ich auch die
Vereinbarungen mit Turkdal abgeschlossen, und es ergab sich eine gute
und freundschaftliche Zusammenarbeit.  Er schien mir ein besonders
guter Prototyp der neuen Wirtschaftselite, die sich im Polen der
Zwischenkriegszeit unter den Zeichen des Etatismus gebildet hatte.
Dal war eine unabhngige staatliche Wirtschaftsgesellschaft.
Ausbildung und geschftlichem Denken nach schienen Dals Leute aber
ganz wie nach privatwirtschaftlichen Kategorien zu arbeiten und
hatten in und fr Polen gute Erfolge erzielt, zum Beispiel im Aufbau
eines groen Exports polnischer prozessierter Schinken u.a. nach
England.

Es war nur ein Zufall, da ich in dieser Pension nun auch mit dem
Ehepaar Daniec zusammen war.  Zur Gesellschaft beim Mittagessen
gehrte auch noch ein jugoslawischer Journalist, politisch gut
informiert, schien manchmal ins Revolutionre zu tendieren, so alles
zusammen, es war eine lebhafte Tafelrunde mit oft ganz offener
Diskussion ber die Kriegsereignisse, die sich unterde dramatisch
entwickelt hatten.  Schon zwei Tage nach meiner Ankunft in der Trkei
kamen die Meldungen ber Hitlers Angriff an der Westfront, Einmarsch
in Holland und Belgien, in London bernahm sofort Winston Churchill
die Regierung.  Der deutsche, uns atemlos haltende Vormarsch in
Frankreich bedeutete den Zusammenbruch einer Welt und lie einen
sprachlos.  Es waren Wochen der Agonie Europas, die man miterlebte,
wie man es und wie es die Geschichte nie gekannt hatte.  Rotterdam
war Warschau gefolgt mit groen Verwstungen durch erbarmungslosen
deutschen Angriff.

Mit meiner Mutter in Lemberg hatte ich von Istanbul gute
Postverbindung, mit den regelmigen Schiffen aus Odessa kamen auch
fters Ausreisende von dort, die einem ber die Verhltnisse
berichteten.  Fr Mutter wurde durch Stella Braham und ihren Mann ein
Einreisevisum nach England besorgt, es machte einen hoffnungsvoll,
da sie eines Tages auch mit einem dieser russischen Schiffe in
Istanbul ankommen knnte.  Bei dieser Aktion fr ein englisches Visum
hatte Herbert geholfen und auch Marianne.  Sie hatte sich aber im
April entschlossen, eine Stellung auf Guernsey in den Channel Islands
anzunehmen und war dorthin abgereist, grade als ich dabei war, von
Italien nach der Trkei zu gehen.  Sie hatte keine richtige
Arbeitsgenehmigung in England selbst bekommen, lebte von temporren
Jobs, die sich ergaben.  Fr landwirtschaftlichen Betrieb zog
Guernsey sie an, so schrieb sie.

Als Erleichterung und jedenfalls Versprechen fr fortgesetzten
Widerstand gegen Hitler empfand man die erfolgreiche Evakuation der
britischen Truppen von Dunkerque, auch General de Gaulle entkam nach
England.  Sein Name war mir gut bekannt, schon durch Schwarzschilds
Tagebuch, durch seinen vergeblichen Kampf um strkere Tankausrstung
der franzsischen Armee.  Noch in Warschau hatte man gesagt, wenn
doch nur die polnische Armee seinen Ansichten in den spteren 30er
Jahren mehr Beachtung geschenkt htte.  Die Lage nach der Evakuation
von Dunkerque machte mir schwere Sorgen ber Mariannes Schicksal.
Hatte sie sich evakuieren knnen, hatte sie die richtige Entscheidung
dafr getroffen?  Sollte man telegraphieren, mit Zensur im Kriege?
"Nihil nocere" hatte mir einmal ein Arzt als seine wichtigste Maxime
genannt.  Es ist eben nicht immer richtig.  Ich habe nicht
telegraphiert, ich wei nicht, ob es sie erreicht und auch noch htte
helfen knnen.  Sie ging einem tragischen Schicksal entgegen.

Die nationalsozialistische Propaganda ber bevorstehende Invasion in
England stiftete Verwirrung und Unsicherheit.  Aus Berlin schrieb
Margot Epstein mit groer Besorgnis ber die Verwandten, die es
geschafft hatten, nach England auszuwandern.  Diese Gedanken teilte
ich nicht, der Kampfwille und die Zuversicht, die von Churchill
ausgingen, waren sehr berzeugend, die Trken blieben auch bei ihrer
ganz eindeutigen proenglischen Haltung.  Man sagte ihnen nach, da
sie eine gute Armee hatten, jedenfalls bedeutende Truppenstrke.
Nachdem Italien im Juni auch in den Krieg eingetreten war, schien
eine Ausdehnung auf das Mittelmeer zu drohen.  Ich fand vieles an der
trkischen Machtstruktur damals eindrucksvoll.  Die modernistische
und laizistische Bewegung Kemal Atatrks versuchte Land und
Gesellschaft an westliche Ideen und Formen anzugleichen.  Verglichen
mit anderen "Parteidiktaturen", die im 20.Jahrhundert erwachsen waren,
schien mir diese 1940 zivilisiert und mit einer grundstzlichen
Ausrichtung, die zu der stillen Allianz mit den Westmchten durchaus
pate.  Eine Richtlinie war gewi auch das alte Gefhl der Bedrohung
durch Ruland, das immer dominiernd zu sein schien.

Ich hatte angefangen, etwas Trkisch zu lernen, so konnte ich auch
verstehen, woher der Drang nach einem trkischen Geschichtsbewutsein,
unabhngig von arabischislamischer Kultur genommen wurde.  Es war
ja alles auf lateinische Schrift umgestellt, in Postmtern konnte man
noch manchmal sehen, wie ltere Beamte sich unter dem Schaltertisch
noch Notizen oder Kalkulationen in arabischer Schrift machten,
eigentlich war es verboten.  Die Verwaltung beruhte auf ltester
Tradition, manches noch von Byzanz herkommend, sagte man.  Es gab
einen Bazar, aber Handel und Wirtschaft waren doch stark in den
Hnden von Minderheiten, Griechen und Armeniern und nicht zuletzt den
Juden, den lnger eingesessenen sephardischen und auch spter einigen
aus Ruland zugewanderten.  In trkischen Familien war es mehr blich,
seine Karriere im Militr oder der Verwaltung zu suchen.  So ergab
sich fr die neue modernistische Jungtrkenpartei ein Aufgabenraum,
trkische Wirtschaftsentwicklung vom Staat her zu stimulieren, also
eine hnliche Ausgangposition fr Etatismus, wie ich sie von Polen
her kannte.

Von polnischem Etatismus und neuer wirtschaftliche Intelligenz bekam
ich in Istanbul noch einiges mehr zu sehen, mein Freund Daniec blieb
nicht der einzige, Istanbul war ja ein lebhafter Durchreisepunkt fr
die verschiedensten polnischen Flchtlinge geworden.  Der Prsident
von Dal in Polen war der Senator Roman Przedpelski gewesen, er wurde
oft erwhnt, war auch aus Polen entkommen, noch im Balkan, sollte
auch auf der Weiterreise durch Istanbul kommen.  Dieser Name war mir
sehr bekannt, denn sein Bruder war in Oberschlesien als Verwalter des
grten Bergbau und Httenkonzerns vom Staat eingesetzt worden (2).
Als Zeichen fr die erfolgreiche Profilierung solcher neuen
polnischen Wirtschaftselite schien mir auch bemerkenswert, da im
Verlaufe des Krieges und danach eine Reihe polnischer Berg und
Httenfachleute in westlichen Lndern groe Anerkennung fanden.

Meine Eindrcke und Kenntnisse der wirtschaftlichen Entwicklung in
der Trkei waren in der nur kurzen Zeit meines Aufenthalts nicht sehr
eingehend, aber da ich mich interessierte und durch meine
geschftlichen Anstrengungen bekam ich doch Einiges zu hren.

Es gab die beiden zur Wirtschaftsfrderung gegrndeten neuen
staatlichen Banken, die Etibank, hauptschlich fr Bergbau, die
Sumerbank fr Verwaltung und Entwicklung von Industrie.  Die Etibank
hatte seit Kriegsausbruch das Monopol fr Chromerzexport, damals
sollte keines nach Deutschland gehen.  Schon die Namen der beiden
Banken fand ich interessant, bei Etibank kam er von den alten
Hethitern, Sumerbank von den Sumerern.  Mit dem Streben nach einem
neuen, skularisierten, von jeder arabischen Akulturierung
unabhngigen trkischen Nationalbewutsein wollte man also weit
zurck in die Vergangenheit reichen.  Die archologische Suche nach
den Hethitern erregte damals viel Aufmerksamkeit, es wurde viel ber
Bogazhkoi gesprochen, ich hatte auch unter den deutschen
Emigrantenakademikern in Istanbul den jungen, aber schon damals
anerkannten Hethitologen Dr. Gterbok kennengelernt.

Eine fr mich nhere Bekanntschaft wurde aber der Nationalkonom Dr.
Kessler, aus Leipzig aus politischen Grnden emigriert, der
Vorsitzender des Verbands Republikanischer Hochschullehrer zu Zeiten
der Weimarer Republik gewesen war.  Er war auch einmal in Kattowitz
zu einem Vortrag im Deutschen Kulturbund, wo ich ihn gehrt hatte.
Franks riefen an, um mich einzufhren.  Sabine Frank nahm regelmig
teil an Abenden bei ihm, wo oft Schauspiele deutscher Klassiker mit
verteilten Rollen gelesen wurden, und ich ging mit ihr.  Er
beeindruckte mich sehr, das Bild eines deutschen Wissenschaftlers,
von gediegener Sachlichkeit, mit einem weiten Blick, nicht nur auf
seinem Fachgebiet, sondern alles kulturelle und auch religise
einbeziehend, man konnte ihm nur mit groer Hochschtzung und im
Laufe der Monate auch Zuneigung begegnen.  Sein Vater war
protestantischer Geistlicher gewesen, Generalsuperintendent der
Kurmark, und er schrieb, unter anderem, gerade an einer Biographie
seines Vaters.  Er selbst war ursprnglich erst Althistoriker
geworden und dann zur Nationalkonomie gekommen, fr die er den
Lehrstuhl in Leipzig hatte.  Dort war er bald nach Hitlers
Machtbernahme verhaftet worden.  Fr mein Verstndnis des trkischen
Wirtschaftslebens, aber auch des Kriegsgeschehens, war diese
Bekanntschaft sehr interessant, ich habe ihn oft gesehen.  Er nahm
mich auch mit in sein Institut an der Universitt, und ich lernte die
trkischen Assistenten kennen, die er dort in
Wirtschaftswissenschaften ausbildete.  Von einigen anderen
Wirtschaftsexperten unter den deutschen Emigranten, die nicht an der
Universitt, sondern in Regierungsmtern arbeiteten, lernte ich auch
den Agrarexperten Dr. Wilfrid Baade kennen (auch seine Frau, die aus
der Leinenfabrikantenfamilie F.V. Grnfeld aus Landeshut stammte), und
sah auch wieder Dr. Hans Wilbrandt, der bei unserer
mitteleuropischen Studententagung 1931 in Preburg gesprochen hatte.

Die Sommermonate 1940 der "Battle of Britain" waren fr die Englnder
grausam und verzweifelt, aber doch erfolgreich verlaufen, und das
Gefhl unmittelbarer weiterer Bedrohung hatte sich gewendet.  Wie
aber sollte es weitergehen, woher sollte eine wirkliche Wende kommen?
Es war immer noch schwer, wirklich Zuversicht zu gewinnen.  Da
erinnere ich mich an meine Unterhaltungen mit Lotek Potok aus Bendzin,
der einer der vielen polnischen Flchtlingspassanten auf dem Weg vom
Balkan nach dem Westen oder nach Palstina war.  Er war ein sehr
erfolgreicher Industrieller in der weiterverarbeitenden
Stahlindustrie gewesen, einer der Partner in dem Syndikat, das
gewalzte verzinkte Bleche nach dem Verfahren des polnischen
IngenieurErfinders Sendzimir herstellte und diesem damit zu seinem
groen Erfolg verhalf.  Potok fand die Lage ganz einfach.  Die
Amerikaner hatten schon angefangen, England industriell massiv zu
untersttzen.  Sehen Sie, sagte er, wenn sie die Stahlproduktion der
Welt zusammenrechnen, auch wenn der ganze Kontinent Europa jetzt in
deutscher Hand ist, das bergewicht bleibt schwer gegen die Deutschen,
und man kann sich darauf verlassen, sie mssen den Krieg verlieren.
Es war das Zuversichtlichste, was ich in jenen Tagen hrte, hatte er
Recht?  War das der allein wichtige Schlssel?  Immerhin, ich habe
diese Unterhaltung mit ihm in Istanbul nie vergessen.

Aber mit Stahl allein Hitler aus Europa zu vertreiben, da fehlte wohl
doch etwas.  Wieder, wie Mitte der dreiiger Jahre, mute einem dabei
auch Ruland einfallen.  War das nun doch der fehlende Faktor, auf
den man noch hoffen mute?  Es interessierte mich immer sehr, Leute
zu treffen, die noch immer vereinzelt aus Lemberg mit den russischen
Schiffen ankamen, die vom Schwarzen Meer her durch den Bosporus ihren
Weg zum Hafen Istanbul nahmen, mit lauten Klngen der Internationalen.
Es gibt manchmal so Reaktionen, die man nur als ganz emotionell und
primitiv bezeichnen kann, so ging es mir einmal.  Jemand beschreibt,
wie die russische Polizei auftritt.  Man sitzt in einem Kaffee, in
Lemberg, sie kommen herein fr eine Kontrolle, jeder mit zwei
Schuwaffen, eine nach rechts, die andere nach links vom Gang her
gerichtet.  Ich habe mir das vorgestellt, ich hatte von so einer
Szene noch nie gehrt, die zwei Pistolen, oder was es war, fr jeden,
das war mir zuviel.  Ich wute wieder, das ist nicht fr uns, es
bleibt ganz fremd.

ber meine Mutter hatte ich am 15. Juli aus Lemberg eine, wie ich es
damals empfand, Schreckensnachricht bekommen.  Sie war "nach Ruland
abgereist", und, wie sich bei Nachfrage herausstellte, sie war ins
Innere Ruland zunchst mit unbekanntem Ziel deportiert worden.  Die
Briefe, in denen sie die Reise in Viehwagen mit allen Entbehrungen
schilderte, waren herzzerbrechend, aber es waren gar nicht die
Grausamkeiten und Demtigungen erwhnt, ber die man von
Deportationen in Viehwagen durch Hitlerdeutschland spter hren
sollte.  Ich telegraphierte gleich an Brahams nach London und die
Britische Botschaft in Moskau, wo ja ein englisches Visum fr meine
Mutter angekommen war.  Dr. Frank empfahl mich an einen prominenten
Patienten, der seit einiger Zeit in Istanbul stationiert war.  Sir
Dennison Ross war einer der fhrenden englischen Orientspezialisten,
ein lterer, sehr freundlicher Mann, halb Gelehrter, halb eben ein
prominenter Regierungsmann.  Er bot sofort an, einen Freund in der
Moskauer Botschaft zu alarmieren.  Ich blieb in schrecklichster
Ungewissheit, bis am 1.August Nachricht kam, da meine Mutter in der
Sowjetrepublik Mariskaja angekommen war, anscheinend interniert in
einem Barackenlager im Wald.

Das Gute war, die Eltern und zwei Schwestern von Zygmunt Weingrn
waren im selben Transport und sie blieben zusammen.  Der Winter in
dieser entlegenen Gegend wurde hart.  Nach dem Krieg erfuhr ich, da
man meiner Mutter Aufnahme in ein russisches Altersheim angeboten
hatte, aber sie dachte nur daran, uns Kinder so schnell wie mglich
wiederzusehen.  Vielleicht htte sie eine bessere Chance gehabt, den
Krieg dort in einem Altersheim zu berleben.

Es wurde noch viel versucht, Mutters Ausreise aus Ruland zu
erreichen.  Die Russen verweigerten damals Gebrauch der alten
polnischen Psse, wie meine Mutter ja einen hatte, fr die Ausreise.
Die Britische Botschaft konnte kein "Laissez Passer" ausstellen.
Schlielich konnte ich durch den befreundeten Kattowitzer Zahnarzt Dr.
Fritz Reichmann aus Lissabon einen mittelamerikanischen Pa fr
Mutter besorgen.  Mit dem englischen Visum, oder fr Trkei und
Cypern, um die wir uns bemhten, hoffte man, darauf russische
Ausreiseerlaubnis zu bekommen.  Frau und zwei Kinder Dr. Reichmanns
waren in Lemberg immer sehr hilfreich zu meiner Mutter, ich hielt
auch weiter von Istanbul aus durch sie Verbindung mit Mutter im
fernen Marijskaja aufrecht.

Unterde hatte sich die Kriegssituation im Balkan und am Mittelmeer
sehr zugespitzt.  Schon im Juni war Rumnien gezwungen worden,
Bessarabien an Ruland abzutreten, im August/September andere Gebiete
an Ungarn und Bulgarien, und es war in Rumnien eine Nazifreundliche
Diktatur entstanden, der Knig Karol geflohen, antisemitische
Richtungen hatten die Oberhand.  Im Oktober besetzten die Deutschen
Rumnien, und es verbreitete sich Besorgnis in der Trkei, da
deutsche Truppen auch Bulgarien besetzen und so an der trkischen
Grenze erscheinen wrden.  Man gab sich zuversichtlich in der Trkei,
da die Deutschen dort nicht einfallen wrden, weil die trkische
Armee auf ihrem Gebiet erfolgreich Widerstand leisten knnte, aber
als Flchtling vor Hitler wurde ich, wie viele hnlich placierte,
doch sehr unruhig.  Es kamen viele weitere polnische
Flchtlingsfamilien aus Bukarest auf der Durchreise nach Istanbul,
viele gingen nach Palstina, andere konnten sich z.B. brasilianische
Visen beschaffen.  Das tat ich denn auch und dazu noch von der
englischen Botschaft ein dazugehriges Transitvisum fr Palstina.

Italien griff Ende Oktober Griechenland an.  Die Trkei war
weitgehend abgeschnitten, jedenfalls fr unsereinen.  Syrien, damals
noch von der mit Hitler zusammenarbeitenden franzsischen Regierung
von Vichy kontrolliert, kam als Durchgangsland auch nicht in Frage.
Der einzige Weg fr Ausreise fhrte ber den Hafen Mersin im Sden
der Trkei mit Schiff nach Haifa, und alle, die nicht Hitler oder
anderen Axismchten in die Hand fallen wollten, muten ihn nehmen.

Man traf sich oft mit anderen polnischen Flchtlingen.  Als
Neuankmmling stellte sich eines Tages Jozef Winiewicz vor, der
Chefredakteur des Dziennik Poznanski in Posen gewesen war, und setzte
gleich noch hinzu, er sei ein Endek, also zur nationalistischen
Rechtspartei der Dmowski Richtung gehrend.  Ich wunderte mich
eigentlich, wieso er das so betonen mute.  Man sah ihn dann nicht
oft, aber eines Tages sah ich Daniec mit ihm durch den ganzen Raum
schnurstracks auf mich zukommen, und Daniec sagt mir, Winiewicz will
mich etwas fragen.  Er wollte wissen, wie ich mir fr nach dem Krieg
die Grenze zwischen Polen und Deutschland vorstelle.  Offenbar wute
er, wer ich war, woher ich kam.  Wie Daniec gesagt hatte, ich trug ja
meinen "preuischen Akzent" wie eine Fahne umher.  Ich war ganz
unvorbereitet auf diese Frage.  Es war schon richtig, die Battle of
Britain hatte Hitler schon so gut wie verloren und alle, die seine
Niederlage herbeiwnschten, sollten sich Gedanken ber die Gestaltung
der Nachkriegszeit machen und dabei auch ber knftige
deutschpolnische Grenzen.

Wie es in Europa damals im Sptherbst 1940 aussah, schien mir die
Frage frh, und ich mute sehr schnell denken.  Mit voller
berzeugung habe ich dann geantwortet, ich fnde die 1939
Vorkriegsgrenzen sollten wiederhergestellt werden.  Sie waren doch
gar nicht so schlecht gewesen, meinte ich.  Daniec schien meine
Antwort ganz gut und natrlich fr mich zu finden, aber Winiewicz
erklrte nach einer Pause sehr entschieden und aggressiv, die Grenze
msse weit nach Westen bis ganz an die Oder verschoben werden.  Ich
gab zu bedenken, da dort doch gar nicht polnisch gesprochen wird.
Nach ihm war das belanglos, es seien alte slawische Gebiete und sie
mten zu Polen kommen.  Daniec klopfte mir beruhigend auf die
Schulter und wir trennten uns (3).  Whrend der grten Nervositt
ber deutschen Einmarsch in Bulgarien im November 1940 war ich nicht
nach Mersin abgefahren, um zunchst einmal nach Palstina
weiterzukommen, was viele gemacht haben.  Es stellte sich heraus, die
Flucht wre auch nicht ntig gewesen.  Bulgarien wurde zwar im Mrz
1941 doch von deutschen Truppen besetzt, aber Hitler hat die Trkei
nie angegriffen, und alle, die in Istambul blieben, sollten es gut
berleben.

Im September war Sir Dennison Ross gestorben, der sich fr die
Ausreise meiner Mutter aus Ruland miteingesetzt hatte; ich nahm teil
am Trauergottesdienst in der Englischen Botschaft.  Nun am 14.
Dezember starb Alfed Palukka nach monatelangem Leiden, ich hatte ihn
immer seltener sehen knnen.  Bei der katholischen Beerdigung sah man
auch viele Deutsche.  Zu Weihnachten lud Dr. Kessler seine jungen
Freunde ein, sein Sohn lebte auch bei ihm, es war ein kleiner Kreis,
es waren auch mit mir einige andere jdische Flchtlinge da.  Es war
etwas Tragisches dabei, wie er sein Weihnachtsfest verbringen mute,
denn seine Frau war in Deutschland, in Bethel beim Pastor
Bodelschwing.

Es gab anscheinend nicht nur den Herrn Winiewicz, der sich mit den
Problemen der Nachkriegszeit beschftigte.  In der englischen
Botschaft sollte jemand auf Dr. Kessler als einen mglichen deutschen
Reichsprsidenten hingewiesen haben, wenn Hitler abgesetzt wird.
Vielleicht war Kessler durchaus geschmeichelt, als wir darber
sprachen, aber er wollte nichts davon wissen, er knnte es sich gar
nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zurckzukehren und einigen
Leipziger Kollegen zu begegnen, die ihn nicht einmal im Gefngnis
besucht hatten.

Die Entscheidung, ob und wann ich weiterreisen sollte, wurde mir am
31. Dezember abgenommen.  Die Trkische Polizei verlngerte meine
Aufenthaltsgenehmigung nicht, und ich mute sofort nach Mersin
abreisen.  Die Bahnfahrt ging durch Anatolien und dann die aufregende
Gebirgsszenerie des Taurus, ein groartiges Naturschauspiel.  An der
Mittelmeerkste in Mersin war man schon wieder in einer anderen Welt
nahe Syrien, auch bei der Bevlkerung merkte man das.  Das Hotel
hatte damals viele fremde Transitgste verschiedener Nationen und
Herkunft, die den Weg rund um das Vichy Syrien machen wollten.

Man traf viele Bekannte, die kamen und gingen, ich versumte die
nchsten Schiffe und war nicht der einzige.  Nachdem meine Mutter nun
im Innern Rulands war, schien ihre baldige Ausreise noch schwieriger.
Man wute damals nicht, da nach schon sechs Monaten sich Rulands
Stellung im Krieg und damit auch die Bedingungen der dorthin
verschlagenen polnischen Flchtlinge entscheidend ndern wrden.

Damals, Januar 1941, sah ich Erlangung eines trkischen Transitvisums
fr sie zur Weiterreise nach Cypern als eine der wenigen Chancen fr
sie, wieder mit ihren Kindern zusammenzukommen.  Ich wre gern mit
dem Anwalt Halil Bey in Istanbul in engem Kontakt geblieben.  So
versuchte ich, wie ein Freund das nannte, mich noch in Mersin etwas
am Rand der Trkei festzuhalten.  Es war ja auch noch Vorsorge zu
treffen fr Finanzierung der Weiterreise.  Viele polnische
Kriegsflchtlinge wurden damals von der Exilregierung in London
untersttzt, doch dazu gehrte ich nicht.  Die Polizei drngte, wenn
immer ein Schiff abgehen sollte, und schlielich mute ich auch eines
besteigen.  "Vous vous devez dbrouiller" sagte der Beamte, und das
war es dann.  Es war ein kleiner gyptischer Frachter mit
Passagierverkehr.  Die Hauptfracht schienen Schafe zu sein, in einem
groen offenen "Hold", aus dem ein penetranter Geruch strmte, der
den abenteuerlichen Charakter unserer Reise noch verstrkte.  Darum
herum saen hunderte von einfachen Passagieren, die man um ihr Los
nicht beneiden konnte.

Etwas weg davon waren Kajten, ich bekam einen Platz dort, mit
anderen polnischen Flchtlingen.  Im Hotel hatte ich Jerzy Nowak aus
Kattowitz kennengelernt, er gehrte zu einer Gruppe, seine Schwester
war mit Lotte in der Schule bekannt, er wute, wer ich war, zeigte
sich hilfreich.  Zu den Passagieren gehrten der Senator Roman
Przedpelski und Sohn, er hatte von meiner Assoziation mit TrkDal und
meiner Anwesenheit in Mersin bei der Durchfahrt in Istanbul gehrt
und begrte mich schon im Hotel in Mersin dem entsprechend.  Er
erwhnte wieder, wie es schon Podczaski und Daniec in Istanbul getan
hatten, da ich in Palstina mich immer an den dortigen langjhrigen
Vertreter von Dal, Hermann Safir, auch aus Polen stammend, um Rat
wenden kann.  Das Schiff fuhr verdunkelt, das stliche Mittelmeer war
Kriegsgebiet.  Der Seegang war betrchtlich, meine Anflligkeit fr
Seekrankheit omins.  Nach dem Abendbrot suchte der Ingenieur K., wir
hatten uns fters im Hotel gesprochen, einen Vierten fr eine
Bridgepartie, ich war bereit.  Die beiden anderen Partner, die K.
gefunden hatte, waren Roman Maier, den ich auch schon im Hotel in
Mersin kennengelernt hatte, Chefredakteur der Sanacja
Regierungszeitung in Kattowitz: "Polska Zachodnia", der andere war
Josef Winiewicz, und den kannte ich ja auch schon.  Ich konnte nicht
lange mitspielen, der Seegang wurde immer heftiger, einige verlieen
schon den Raum, Bridge verpflichtet ja zu mehr, aber ich mute mich
dann auch entschuldigen und in die Kajte fliehen.  Mit Mhe schaffte
ich es am nchsten Morgen noch zum Frhstck, dann kamen wir in Haifa
an.  Die Polen hatten alle kaum Schwierigkeiten, Senator Przedpelski
wurde von Hermann Safir abgeholt und stellte mich ihm vor, er sagte,
ich solle ihn spter in Tel Aviv anrufen, falls ich bei der Landung
Schwierigkeiten habe.  Bei mir verlief die Pakontrolle gar nicht
glatt.  Der fr die britische Mandatsverwaltung amtierende Inspektor
Tabori, wie man mir nachher sagte, ein ungarischer Jude, sehr bekannt
in Palstina, wollte alles ber mich wissen.  Er prfte auch die
ganze Korrespondenz, die ich mit mir fhrte, also mit meinen
Verwandten in London, auch der Mutter in Ruland, es war ja dort sehr
Verschiedenes.  Er mute mich wohl nicht nur vom Standpunkt der
Mandatseinwanderungsbestimmungen prfen, das war ja auch mein
bergang in Kriegszeiten vom neutralen Ausland in Englisch
verwaltetes Gebiet.  Vielleicht war es Tabori gar nicht so vollkommen
fremd, ein polnischer Pa, aber jemand offensichtlich, auch in seiner
ganzen Korrespondenz deutschsprachig, und jdisch, kam nicht mit
einem Zertifikat, sondern Transitvisum nach Brasilien, er wollte wohl
seiner Sache ganz sicher gehen.  Dabei war er sehr freundlich, aber
Landegenehmigung gab er mir nur gegen Zahlung eines Deposits von
Sechzig Pfund.

Ich konnte auf den Quai gehen, jedenfalls um zu telefonieren.  Das
Geld fr das Deposit hatte ich nicht, ich war zuversichtlich, Herbert
wrde mich da auslsen, aber anscheinend hatte ich nur drei Stunden,
dann sollte das Schiff nach Alexandria weiterfahren.  Es kam schon
ein Matrose, der mein Gepck wieder an Bord nehmen wollte.  Man hatte
viel gehrt ber Flchtlinge, die monatelang auf dem Mittelmeer
herumkreuzten, von manchen hatte man nie wieder gehrt.  Ich hatte ja
schon manches mitgemacht, aber geriet in ziemliche Panik.  Sobald ich
annehmen konnte, da Hermann Safir und die Przedpelskis schon in Tel
Aviv angekommen sind, rief ich dort an und erklrte meine Lage, hrte,
wie er mit Przedpelski sprach, und dann sagte er zu, das Deposit fr
mich vorzuschieen und sofort alles Ntige zu veranlassen.  Das
Schiff wurde schon zur Abreise gerstet, ich aufgefordert, wieder an
Bord zu gehen, da kam zur Zeit noch die Besttigung, da mein Deposit
bezahlt worden war.  Ich konnte an Land bleiben (4).


Aufenthalt in Palstina

Jetzt war ich also in Palstina, eine sehr wichtige, neue Begegnung.
Einmal das Land altzeitlicher jdischer Vergangenheit, sehnschtiges
Ziel zionistischer Hoffnungen auf jdische nationale Existenz, ein
Thema, dem ich neuerdings mit viel Sympathie, aber als wirkliche
persnliche Identifikation doch mit angeborenen Hemmnissen und
Vorbehalten bisher begegnet war.  Ich wollte es nun wirklich ganz
unvoreingenommen und mit soviel Idealismus wie mglich erleben.  Der
andere Aspekt, und vom Standpunkt meines Erlebens des Krieges ebenso
wichtig, ich war jetzt auf englischem Gebiet, auf der Seite, von wo
der Kampf gegen Hitler gefhrt wurde, die Seite der Alliierten, die
die Hoffnung aller Gegner des Nationalsozialismus wurde.

Meine Kontakte sollten sehr mannigfach sein, und da war die Frage, ob
ich werde bleiben wollen, und ob berhaupt bleiben knnen.
Aussichten fr Weiterreise nach Brasilien waren ganz undeutlich, im
Gegensatz zu Bolivien hatte Herbert schon geschrieben, da er in
Brasilien keine passenden Verbindungen htte und mir dorthin nicht
helfen kann.  Man hatte mir fr die Nacht ein Hotel am Hafen in Haifa
genannt, es gehrte Arabern.  Die arabische Umgebung im Hafengebiet
und Hotel war natrlich recht fremd.  Ich wute von einigen alten und
neueren Bekannten in Palstina, aber von wenigen in Haifa.  Ich sah
den FWFer Grnpeter, auch aus Oberschlesien, der bei einer Bank
arbeitete, mir erste Informationen und auch die Adressen von
Bekannten gab, und beschlo, nach Jerusalem zu fahren.

Es war nicht leicht, dort Unterkunft zu finden, und ich wei nicht,
wer mich ins Hotel Zion brachte.  Es wurde von einem vollbrtigen
Besitzer streng orthodox gefhrt, so streng, das war wieder soviel
fremder als alle die guten Bekannten und Freunde, die ich in
Jerusalem wiedertraf.  Das Klima schien mir gar nicht zu bekommen,
ich hatte das strkste Asthma und andere allergische Krmpfe,
Freitagabend ging das Licht aus, und man konnte es auch nicht mehr
anznden im Hotel.  Die Wirtsfamilie nahm auch gar keine Notiz davon,
da es einem schlecht ging, etwelcher Enthusiasmus ber die neue
Umgebung wurde bald gedmpft.

Es war anders mit den vielen Freunden und Bekannten, die ich
wiedertraf.  Da war Erich Markus aus Gleiwitz, Musikenthusiast; als
Zahnarzt hatte er wohl Telefon, das war dort gar nicht so
selbstverstndlich damals.  Otto Lilien selbst war bei der Royal
Airforce in Kairo, aber Lore Lilien war da, auch der einstige
Schulkamerad und FWV Bundesbruder Hans Roman.  Ganz groe Hilfe in
meinen Krankheitsproblemen wurde der FWVer Max Altmann, einstiger
Mitarbeiter und Nachfolger von Kurt Lange in der Krankenkasse der
Studentenhilfe der Universitt Berlin, jetzt Assistenzarzt am
Hadassahhospital bei seinem Onkel, dem Laryngologen Dr. Lachmann aus
Berlin.  Bald traf ich auch Franz Goldstein, von seinem ersten Exil
Prag noch rechtzeitig nach Jerusalem gelangt, mit seiner groen
Bibliothek, und als Musik und Filmkritiker bei der Palstine Post
ttig.

Mein Asthma nahm aber in wenigen Tagen solche Formen an, da Max
Altmann mich ins Hadassahhospital in die 2. Medizinische Abteilung
bei Dr. Rachmilewitz einlieferte, der sich fr mich als wunderbarer
Arzt erwies.  Ich teilte das Krankenzimmer mit einem jungen
Kibbutznik.  Mit seiner guten Stimme hatte sein Kibbutz ihn zur
Ausbildung nach Jerusalem geschickt.  Er schien ein einfacher Mensch,
aber sehr geweckt, gut gebildet, mit groem Enthusiasmus fr die
Ideen des Kibbutz und das neue jdische Palstina.  Meine Aussprache
der ersten hebrischen Worte fand er zwischen bedauernswert und
belustigend.  Ich sollte am Wort "bachur" versuchen, mich von meinem
hochdeutschen Akzent dabei zu befreien.  Es schien hoffnungslos.
"Jecke potz" sagte er verzweifelt, ich mute an Daniec's Ausspruch
ber meine preuische Akzentfahne denken, anscheinend blieb man
Fremder berall.  Verstehen lernte ich gut in den wenigen Tagen dort,
wie auch in einem bewut nichtreligisen Kibbutz jdische biblische
berlieferung ganz wie gegenwrtig als Folklore, wie
Sagenberlieferung oder Mrchen weitergelebt, ja erlebt wird, und es
wurde eine meiner wichtigsten Erfahrungen in Palstina.

Mein Aufenthalt war diesmal recht kurz, ich konnte bald entlassen
werden und zog in die Pension Shalwa, von polnischjdischen
Einwanderen aus Sosnowitz gefhrt.  Die Gste waren mehr im gewohnten
Stil, auch deutschjdische, auch von der Universitt.  Nun hatte ich
einige Wochen vor mir, in denen ich am Leben in Jerusalem teilnehmen
konnte.  Franz Goldstein war wieder ein interessanter Kontakt (5).
Seine Bibliothek war gut installiert, ganz anheimelnd fr Besucher,
oft kam zum Beispiel Else LaskerSchler, schon sehr alt, mit viel
Zauber und Humor.

Eines Tages wollte sie eine Art Sance vorbereiten, so viele wie
mglich sollten zusammensitzen und durch ganz starke Konzentration
ein Ereignis herbeiwnschen, das den Fall des Hitlerregimes nach sich
zieht.  Sie war sicher, durch starke Konzentration knnte man das
erreichen.  Ihre Idee war, man mu sich ganz auf die Person Hitlers
konzentrieren und wnschen, da er eine ganz groe Dummheit begeht,
zum Beispiel in einem Argument mit einem seiner Generle diesen
ohrfeigt.  Bin ich nicht auch der Ansicht, fragte sie mich, da
Hitler dann gestrzt werden wrde?  Das habe ich schon besttigt,
aber taktvolle Zweifel angemeldet, da man so etwas tatschlich
herbeiwnschen kann.  Mit einem so wundersamen Menschen wie ihr mute
man ja behutsam umgehen.  Das Thema wurde auch allgemein akzeptiert,
die Session fand spter auch statt, aber ich mute mich entschuldigen.

Heute wei ich nicht einmal mehr, nach aller Literatur, die es ber
die Reaktionen und Nichtreaktionen der Generle in der Hitlerzeit
gibt, ob solch eine Entgleisung Hitlers damals wirklich zu seinem
Sturz gefhrt htte.

In seinen Anschauungen hatte sich Franz Goldstein, er schrieb immer
noch als "Frango", immer besonders mit Max Brod und Arnold Zweig
verbunden gefhlt und war in Kontakt mit beiden geblieben.  Max Brod
blieb eine Sule zionistischer Gesinnung, aber Arnold Zweig war, so
erzhlte Frango, von viel strkeren Zweifeln und Entfremdung befallen.
Frango war es hnlich ergangen, seit er von Prag nach Palstina
weiterreisen mute.  Er hatte in Jerusalem durchaus Anklang und
Anschlu gefunden, materiell aber war es noch problematisch, aber da
war er nicht allein.

Auer fr die Palstine Post schrieb er dann auch fr die Zeitschrift
"Orient" (6), die von Arnold Zweig und Wolfgang Yourgrau
herausgegeben wurde und sich stark fr jdischarabische
Verstndigung einsetzte.  Darin gehrte sie zu der vom Rektor der
Universitt Dr. Magnes gefhrten Bewegung, der auch Martin Buber
nahestand.  Dessen Rolle im damaligen jdischen Palstina schien mir
bezeichnend fr die Schwierigkeiten, einige Zge deutschjdischer
Tradition in den Strom der Entwicklung zionistischen Denkens
einzufgen.  Das betraf nicht nur solch geistige Prominenz, auch alte
oberschlesische Zionistenfhrer, die ich traf, fhlten sich deutlich
ausgelassen, als ob sie nicht Jahrzehnte lang fr den Zionismus
gearbeitet htten.  Es gab nur wenige, die damals ihren Begabungen
und frherem Wirkungskreis entsprechende Stellungen einnahmen, z.B.in
der Verwaltung Fritz Naphtali und im Bildungswesen Ernst Simon.
Durch Lore Lilien lernte ich im jdischen Bezalel Museum in Jerusalem
Jakob Steinhardt kennen, einen alten Freund des Malers E.M. Lilien,
und eine andere interessante Begegnung arrangierte sie fr mich mit
der Witwe Eliezer ben Jehudas, Pioniers der neuen Hebrischen Sprache,
nach dem prominente Straen in allen Stdten benannt waren.  Die
eindrucksvolle alte Dame kam wie ihr Mann aus Ruland, sprach
flieendes Deutsch, verwaltete sehr aktiv die Herausgabe des
Hebrischen Lexikons und anderer Werke.  In der lebhaften
Unterhaltung stellte ich auch Fragen ber weitere Entwicklungen, denn
ich wute, da ein Sohn in Tel Aviv fr die bernahme lateinischer
Schrift fr das Neue Hebrisch eintrat, ein paralleles Thema war mir
ja vom Aufenthalt in der Trkei her gelufig.  Es schien mir nicht,
da sich die Frau Elieser ben Jehudas mit den Bestrebungen des Sohnes
identifizierte.  Sie erwhnte aber ein anderes Thema, Reform der
hebrischen Grammatik, das htte ihrem Mann sehr am Herzen gelegen,
aber, sagte sie, wie mir schien etwas kryptisch, jetzt whrend des
Krieges kann dafr ohnehin nichts getan werden.  Wieso, fragte ich.
Ihr Mann hatte immer gesagt, daran wrde er nur mit Hilfe eines
bestimmten deutschen Philologen arbeiten knnen, und den knnte man
ja jetzt whrend des Krieges eben nicht hinzuziehen.  Ich war
erstaunt, es schlug da ein Cord an, der mir ja von meiner
Beschftigung mit der Literatur deutscher Alttestamentler ber
israelitische Geschichte und Religion so vertraut war, aus der ich ja
eigentlich glaube, mein bestes Verstndnis fr diese mir so wichtigen
Themen gewonnen zu haben.  So fhlte ich mich unerwartet recht zu
Hause bei dieser Unterhaltung.

Eine, wie mir schien, wichtige Perspektive fr Palstina wurde mir
nahegebracht, als ich mich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemhte.
Einer meiner Bekannten aus dem Demokratischen Studentenbund Berlin
war in Jerusalem erfolgreich geworden in einer der deutschjdischen
Privatbanken.  Deren Anwalt arrangierte fr mich einen Besuch im
Immigrationsdepartment der Britischen Mandatsverwaltung, wo ich von
einem Mitglied der arabischen Familie Nashashibi empfangen wurde.  Im
Gegensatz zu dem Gromufti aus der Familie Husseini, der scharf gegen
England Stellung nahm, waren Mitglieder der arabischen Familie
Nashashibi auf Seite der Alliierten und, so meinte man, vielleicht
eher zu einem Zusammenleben mit den Juden in Palstina bereit.  Die
Unterhaltung spielte sich in vollendeter Hflichkeit ab, und ich habe
mich oft an die Haltung dieses damals noch jngeren Mannes erinnert.
Sie vermittelte mir den Eindruck der starken, alteingesessenen
Stellung der arabischen Palstinenser, aber, so dachte ich, auch eine
mgliche Hoffnung, da bei gegenseitigem Respekt es eine Mglichkeit
fr ein Zusammenleben geben knnte.  Ich erhielt eine mehrmonatige
Aufenthaltsverlngerung fr mein Transitvisum.

In diesen Wochen konnte ich auch die Altstadt, Klagemauer und andere
berhmte Sttten in Jerusalem besuchen, die Hebrische Universitt
und die Bibliothek.  Aber meine Zeit dafr lief bald ab.  Von der
Pension Shalwa war ich grade in eine Wohnung im gleichen Haus
umquartiert worden, und die Frau Justizrat aus Kln war, wie sich
herausstellte, die Schwester des Dirigenten Otto Klemperers, es waren
all die alten Mbel da.  Mein Asthma nahm wieder bedrohliche Formen
an, Max Altmann nahm mich wieder in die Hadassah, diesmal in die 1.
Medizinische Klinik, wo mich ein deutscher Professor behandelte.  Ich
wurde dort vier Wochen gehalten, qulend und mit nachhaltigem Schaden,
trotz des Vorgangs der frheren erfolgreichen Behandlung.  Zum
Schlu entschied der Professor, man mte einfach einen Tag whlen,
wo es mir einigermaen ging, und dann sollte ich schnell packen und
nach Tel Aviv bersiedeln in der Hoffnung, da es mir dort besser
gehen wird.  Ich hatte durch Beobachtungen festgestellt, da ich,
wenn dem in Jerusalem besonders heftigen Chamsinwind zugekehrt, mehr
litt als abgekehrt vom Wind.  Es besttigte sich auch, da es mir
dann in Tel Aviv weit besser, wenn auch nie wirklich gut ging.

Im Hotel Hayarkon an der BenYehudaStrae in Tel Aviv war erster
neuer Eindruck die vielen Leute von der jdischen "Brgerwehr"Truppe
der Haganah, die dort ein und ausgingen.  Diese jdische
Selbstverteidigungsbewegung war gegenber den schon so lange
anhaltenden Angriffen arabischer bewaffneter Gegner des Zionismus
entstanden.  Die jdische Arbeiterbewegung schien ihre Hauptsttze zu
sein.  Meine Erinnerung aus diesen Tagen in Tel Aviv bleibt an
vernnftige und entschlossene Leute, oft schon gesetzteren Alters,
man fhlte die groe Zuverlssigkeit ihres Einsatzes.  Unterde war
der Krieg dem stlichen Mittelmeer immer nher gerckt.  Die
Deutschen waren nach einem ProachseStaatsstreich in Jugoslawien
eingefallen, machten die anfnglichen Rckschlge der Italiener in
Griechenland und Nordafrika wieder gut.  Tel Aviv war schon von
deutschen Luftangriffen bedroht, und Anfang Mai gab es in Irak einen
pro Hitler Putsch gegen die Englnder durch Raschid Ali, vom
Jerusalemer Mufti Husseini untersttzt, man war wieder im Feld
uerster Spannungen.  Der Putsch im Irak wurde von den Englndern
bald unterdrckt, aber im Mittelmeer spitzte die deutsche Invasion
Kretas die Lage weiter zu.

In Tel Aviv hatte ich Verwandte wiedergefunden.  Meine Tante Edith
Samuelssohn aus Knigsberg, Arztwitwe, selber einst schriftstellernd
und Mitglied des Deutschen Penclubs dort gewesen, war eine
Lieblingskousine meiner Mutter.  Ihre Tochter Eva war diejenige, die
sich fr den Zionismus begeistert und bei Paltreu, der in Deutschland
entstandenen Treuhandgesellschaft fr Auswanderer nach Palstina,
gearbeitet hatte.  So kam dann auch ihre Mutter, recht
unwahrscheinliche Kandidatin dafr von ihrem bisherigen Leben her,
nach Palstina, und auch Schwester Lilly, Goldschmiedin, mit zweitem
Vornamen Margarethe, die mit einem Arzt verheiratet war.  Ich lernte
in ihrem Haus viele ihrer meist Knigsberger Freunde kennen und hatte
oft guten Rat und Zuspruch.  Tante Ediths Bruder war Paul Riesenfeld
aus Breslau, ein Musikkritiker und lehrer, etwas exzentrisch, der
nun fr eine in deutscher Sprache erscheinende kleine
Emigrantenzeitung in Tel Aviv schrieb.

Zu meinen bereicherndsten neuen Bekanntschaften in Tel Aviv gehrte
Conrad Kaiser, der entfernt verwandt war.  Als Lotte spter auch nach
Tel Aviv kam, wohnte sie mit Nina bei Kaisers, und ich nahm am
Mittagstisch teil.  Er war ein alter Zionist, KIVer, aber auch mit
erfolgreicher Karriere im preuischen Staatsdienst, zuletzt
Regierungsdirektor im Berliner Polizeiprsidium, mit weitem Horizont
und Interessen, besonders Geschichte, hatte eine ausgewhlte, groe
Bibliothek.  In seinen Ansichten war er ein Beispiel konsequenter
zionistischer Einstellung und Reaktionen auf alles was vorkam, und er
versuchte mir, das jeweils ganz klar zu machen.  Ich glaube, es war
ein Raubmord in Tel Aviv ber den die Zeitungen berichteten.  Er
brach in Jubel aus, das war es, nun gab es auch jdische Verbrecher,
die Juden waren auf dem Weg, ein normales Volk zu werden (7), das war
die Essenz des Zionismus.  Er konnte sehen, wie diese Interpretation
mich berraschte und mir gegen den Strich ging, aber er lie nicht
locker.  Eine starke Bewunderung, die ich teilte, verband ihn mit dem
Werk Jakob Burkhardts, aber was fr ein schrecklicher Antisemit er
gewesen sei.  Da war alle Literatur in seiner Bibliothek, auch
Burkhardts Briefwechsel mit seinem Freund Prehn, es war wirklich so.
Ein gemeinsames Interesse mit Conrad Kaiser war die Betrachtung
jdischer Ursprnge und Geschichte im Lichte der Erkenntnisse der
alttestamentlichen Bibelkritik, auch hier war seine Bibliothek reich
versehen.

Einige der alten Freunde Conrad Kaisers lernte ich auch kennen und
besuchte auch Dr. Badt, den frheren Ministerialdirektor beim
preuischen Ministerprsidenten Otto Braun.  Er war selbst
Sozialdemokrat aber auch immer alter Zionist gewesen stark
angegriffen von der Rechten.  Seine Schwester Bertha BadtStrauss,
Schriftstellerin, hatte ich oft in Dahlem gesehen, eine Schulfreundin
meiner Tante Grete, so auch eine Jugendbekanntschaft des Dr. Badt,
und er sprach von ihr.  Ich hatte wieder denselben Eindruck; Badt,
trotz groer Erfahrung in Politik und Verwaltung und alter Zionist,
wurde wie mancher andere deutschjdische Einwanderer damals
auerhalb des zionistischen Establishment gehalten.

Als wie eine persnliche Ermahnung blieb am strksten in Erinnerung
von allen deutschjdischen Begegnungen mein FWV Bundesbruder Max
Pinn.  Er hatte sich in Berlin dem Kreis um Robert Weltsch
angeschlossen, war berzeugter Zionist geworden, arbeitete bei
Paltreu und war erst im letzten Moment nach Palstina gekommen,
studierte nun nochmals fr sein juristisches Examen dort.  Wir hatten
einige lange abendliche Spaziergnge in lebhafter
Meinungsverschiedenheit.  Ich mute mich an meine Spaziergnge in
Mnchen mit Walther Seuffert erinnern, aber diesmal ging es um ein
anderes Thema.  Ich hatte groe Schwierigkeiten nicht nur fr mich
selbst, sondern auch vom Standpunkt des deutschjdischen
Assimilanten, und das waren wir ja beide gewesen, eine positive
Bilanz ber das, was ich dort sah, zu ziehen.  Zuviel schien mir
verloren zu gehen, nicht bei der zionistischen Zielsetzung an sich,
sondern wie ich es empfand, da sich die Dinge im Lande tatschlich
entwickelten.  Sein Enthusiasmus war so gro, da er all das bei
Seite schob.  Das ist die geschichtliche Entwicklung, sagte er, was
Du dabei empfindest, ist ohne Belang, wenn die Zeit ber in der
Diaspora entwickeltes Gedankengut hinweggeht, dann mu es halt sein,
das wichtige ist, da es ein jdisches Palstina geben wird.  Strenge
Ermahnungen, er war ein Mensch geneigt zu einer Art eiserner
Disziplin, eigentlich sehr preuisch in seinem Charakter (8).  Wir
haben uns nicht geeinigt, ich fand, entscheidend mu sein, wie so ein
neues Judentum aussehen, sich gestalten kann.  Vor dieser groen
Frage war ich so skeptisch, ja vielleicht kann man sagen, entfremdet
geworden.  Das war noch ganz unabhngig von dem groen Problem des
Verhltnisses zionistischer territorialer Ziele zu der arabischen
Umwelt.

Ich hatte natrlich auch lebhafte Kontakte mit polnischjdischen
Kreisen.  Abgesehen von vielen Kattowitzer Bekannten, zum Teil schon
in kurzer Zeit als Neuankmmlinge erfolgreich, so in der jungen
Diamantenindustrie, aber auch viele, die sich sehr qulten, sah ich
beinahe tglich einen Kreis, zu dem der mir von vielen
Vorkriegsartikeln bekannte Krakauer Nationalkonom Dr. Ludwik Berger
gehrte.  Ich hatte da schon einige gemeinsame Anschauungen ber
polnische wirtschaftliche Probleme gefunden, und auch jetzt
verstanden wir uns gut ber nun aktuelle Fragen.  Zu dem Kreis, den
ich fast tglich in einem Caffee am Dyzengoff Platz traf, ich war
unterde aus dem Hotel in ein mbliertes Zimmer in dieser Gegend
gezogen, gehrte auch Zygmunt Hochwald, Herausgeber der Krakauer
jdischen Tageszeitung "Nowy Dziennik", eine der repsentativsten der
groen jdischen Minderheit in Polen.  Sie war prozionistisch,
skular, fr brgerliche, assimilierte polnische Juden mit jdischem
politischen Bewutsein.  Es waren mehrere Journalisten da, und das
heit ja oft, da die Stimmung aufsssig ist, so gab es auch manche
Kritik an jdischer Entwicklung und Politik in Palstina.  Die
offizielle Spitze der jdischen Prsenz in Palstina war die Jewish
Agency, Sochnuth im jdischen Sprachgebrauch dort.  Weitzmann war ja
im Ausland, der Statthalter war Ben Gurion.  Einige prominente
Vertreter der polnischen Juden gehrten zur Spitze.  Meine
Stammtischfreunde am Dyzengoff Platz schienen einen ganz guten
"Draht" dorthin zu haben.  Eines Tages kam jemand zurck aus
Jerusalem und sagte, wenn man da in die Sochnuth kommt, die sprechen
schon so, als ob sie morgen die Regierung des Landes sein werden.
Ich war bestrzt.  Das hatte nie zu meinem Blickfeld gehrt.

Die Balfour Deklaration hatte eine "Heimsttte" fr das jdische Volk
in Palstina proklamiert, es war daraus schon eine starke jdische
Siedlung entstanden, der Jischuw genannt.  Juden konnten auf vieles
dabei stolz sein und weitere gute Hoffnung haben, aber die Idee eines
jdischen Staates anstelle eines Schutzes wie des von England
ausgebten Mandates, das schien mir ein verwegener Gedanke mit all
den alteingesessenen Arabern herum.  Man war im ganz arabischen Jaffa
gewesen, im Bus von Jerusalem nach Tel Aviv durch ganz arabische
Gegenden gefahren, sollte, ja konnte es da einen jdischen Staat
geben, war das sinngem, im wirklichen Interesse der Zukunft des
Jischuws?  Man schien auch etwas skeptisch an dem Caffeehaustisch, ob
solche Stimmung in der Sochnuth zeitgem oder wirklichkeitsfremd ist,
aber meine Reaktion war viel strker, fr mich ging schon die
Konzeption eines jdischen Staats als Staat in Palstina zu weit.
Ereignisse seitdem haben meine damalige Reaktion ja weitgehend
berholt.  Ich frage mich heute, war das mein Wirklichkeitsempfinden
nach mehrmonatigem Aufenthalt in Palstina, oder ist da ein
Ideologieverdacht: die Idee einer Zionistischen Heimsttte schon,
aber die eines jdischen Staates konnte meine assimilierte
Grundhaltung schwer vertragen.  Von dem eigentlichen Holocaust mit
Millionen jdischen Lebens vernichtet, wute man damals im frhen
Sommer 1941 noch nicht.  Es ging alles darum, da Hitler besiegt wird
und das Hitlerregime von der politischen Szene Europas verschwindet.

Die Frage der Gestaltung der Nachkriegswelt in Europa beschftigte
mich immer mehr.  Die Unterhaltung mit Winiewicz war da ein Stachel.
Mit solchen polnischen Zielsetzungen schien es mir schwer, sich ein
friedliches neues Europa vorzustellen.  Ich versuchte fr solch ein
Europa eine Konzeption zu entwerfen und das sozusagen als
ausfhrliche Antwort in die Form eines Memorandums an die polnische
Exilsregierung in London zu bringen.  Ein wesentlicher Gedanke war,
die Formulierung von Kriegszielen der Alliierten drfe sich nicht im
luftleeren Raum bewegen, eine Schlsselfrage mute sein, wie man sich
die Entwicklung in einem besiegten und von den Nazis befreiten
Deutschland vorstellen kann.  Das Postulat einer zunchst
vollstndigen Entwaffnung Deutschlands nach diesem 2.Weltkrieg schien
unabweisbar, politisch sah ich die Antwort damals im Sommer 1941 in
der sofortigen Grndung einer Europischen Union mit Einschlu
Englands.  Nach Wiederherstellung Frankreichs mten auch die mittel
und osteuropischen Nachbarn Deutschlands so gestrkt werden, da sie
eine wichtige Sttze fr eine Europische Union wren.  Deutschland,
zunchst unvermeidlich ganz entmachtet, knnte dann in eine solche
Union hineinwachsen.  Fr WiederIdentifikation und gute Nachbarschaft
wre das der hoffnungsvollste Weg. Darauf, da dies dann auch gelingt,
mu man aber bedacht sein, da drastische Grenzrevisionen auf Kosten
Deutschlands da nichts Gutes fr die Zukunft bringen wrden.

Meine Hoffnung war, da entgegen den Ansichten von Jozef Winiewicz,
auf polnischer Seite die Konzeption eines starken Polens in einer
Europischen Union, aber letzten Endes eben unausweichlich als guter
Nachbar eines reformierten, demokratischen Deutschlands Anklang
finden knnte.  Ich sprach hufig mit Ludwik Berger ber mein Thema,
er verstand das gut.  Auerhalb des Zirkels, in dem wir uns trafen,
hatte er auch Verbindungen zu Kreisen der Londoner Exilsregierung.
Mein Entwurf fr ein Memorandum wurde ganz umfangreich, ich gab es
ihm zu lesen, aber er kam zurck und fand, es sei fr die damalige
Lage viel "zu liberal" und wrde seine Wirkung verfehlen.  Ich hatte
es auf deutsch geschrieben, weder mein Polnisch noch damals mein
Englisch waren gut genug, ohne diesen Umweg auszukommen, ich htte es
noch bersetzen lassen mssen.

Die "damalige Lage" hatte sich in diesen Wochen ganz entscheidend
gendert, schwerwiegendst durch den Einfall Hitlers in die
Sowietunion am 22.Juni 1941. Es war eine berraschung, eine, meiner
Ansicht nach, nicht rational erklrliche Entscheidung Hitlers.  Auch
dabei machten also seine Generle mit.  Da hatten Hitlers Gegener
gewartet, da Ruland und die Alliierten sich doch noch
zusammenfinden, jetzt sorgte Hitler selbst dafr.  Die Chancen, da
der Krieg gegen Hitler nicht nur in ein stalemate verwandelt, da er
auch gewonnen werden knnte, schienen nun weit besser.  Die ersten
Nachrichten von der russischen Front waren allerdings bengstigend,
es war furchtbar von dem neuen riesigen Blutvergieen zu hren, das
Hitler da angefangen hatte.  Nher, im Mittelmeerraum, hatten die
Deutschen aber vorher nicht nur Kreta erobert, auch in Nordafrika
waren sie unter Rommel bis an die gyptische Grenze vorgestoen und
stellten eine akute Bedrohung dar.  Auf Cypern fhlten sich nach dem
Fall Kretas alle bedroht, die Grund hatten, vor Hitler zu fliehen,
und die britische Regierung veranlate ihre Evakuation, mit ihnen
auch die Familie Weingrn.  Es handelte sich aber um eine sehr viel
umfangreichere Aktion fr polnische Flchtlinge, denn die britische
Regierung hatte frher 500 polnische Flchtlinge aus Rumnien nach
Cypern evakuiert, wobei es sich um die im Falle einer deutschen
Besetzung Rumniens politisch am meisten bedrohten Personen handeln
sollte.  Die polnische Exilregierung in London war unter General
Sikorski als breite Koalition aller der Parteien von den
Nationaldemokraten bis zu den Sozialisten entstanden, die sich in
Opposition gegen die Sanacjagruppierung um Pilsudski gehalten hatten.
Deren Anhnger wurden von der Exilregierung so gut wie
ausgeschlossen.  Dafr wurden sie vornehmlich bercksichtigt, als die
Liste fr die Evakuation von 500 Flchtlingen nach Cypern aufgestellt
wurde.  Die eigenen Anhnger wollten die Parteien der Exilsregierung
lieber in wichtigere Zentren bringen.  Lotte und ihre Familie wurden
nun bei ihrer Evakuation von Cypern dieser polnischen Cyperngruppe
angeschlossen.  Fr mich wurde es eine sehr bewegende Vernderung,
da ich jetzt Lotte und ihre Familie wiedersehen sollte.  Die erste
Station der Evakuierung sollte Palstina sein.  Zygmunt Weingrn
wurde bei Landung gleich zur polnischen Armee eingezogen, er hatte
einst seinen Armeedienst gemacht.  Er war nicht der einzige, die
Gruppe war also kleiner geworden, es hie bald, die Englnder wrden
sie nach Nordrhodesien weiterevakuieren, um die Zahl der polnischen
Flchtlinge in Palstina nicht weiter anschwellen zu lassen.

Unerwartet stellte sich fr mich nun dieselbe Frage.  Ich hatte
beantragt, auf die Liste der polnischen Kriegsflchtlinge gesetzt zu
werden, die vorlufig in Palstina bleiben konnten und als
Flchtlinge betreut wurden.  In Istanbul hatte ich nur im polnischen
Konsulat einen neuen Pa bekommen und mich dabei auch zum Militr
nochmals stellen mssen, wurde aber nicht genommen; es war nun wieder
so.  Dann kam Bescheid, fr Kriegsflchtlingsstatus knnten sie mich
in Palstina nicht annehmen, aber mich als "War Evacuee" auf die
Listen fr den Transport der Britischen Regierung nach Nordrhodesien
setzen.  Das war eine frappierende Entwicklung, da Lotte und ihre
Tochter auch dorthin gehen sollten.  Ich entschlo mich dazu.  Die
Weiterreise nach Nordrhodesien schien gar nicht so populr bei
manchen Mitgliedern der Cyperngruppe zu sein.  Einige der zum Militr
eingezogenen Mnner hofften, ihre Familien knnten ihnen nher in
Palstina bleiben, auch andere zogen das vor, es wurde nur in
Ausnahmefllen erlaubt.

Immerhin ergaben sich verschiedene freie Pltze in der Gruppe, unter
den neu in Palstina hinzukommenden waren auch einige andere jdische
Flchtlinge aus Polen.  Alter und sehr gern wiedergesehener Bekannter
aus Kattowitz war der Tierarzt Dr. Ignacy Mann, er hatte unterde
eine rumnische Architektin geheiratet, und dann war dort das mir aus
Kattowitz bekannte polnischjdische Arztehepaar Berman.  Lotte, die
von Cypern her schon viele Bekannte in der Gruppe hatte, versumte
aber die Abreise der ersten Teilgruppe, Zyga wollte sehr, da sie in
Palstina bleibt.  Vor der Abreise der weiteren Gruppe wurde sie
krank, ich stieg allein in den Zug, ohne sie.  Es war ein
schmerzlicher Abschied gewesen.

Der Transportleiter war Ing. K., Bekannter von Mersin und der
Bridgepartie auf der Schiffsreise, und es war gut, da Dr. Manns da
waren.  Einige Tage vorher war ich noch nach Jerusalem gefahren, um
von Freunden Abschied zu nehmen.  Franz Goldstein benutzte immer noch
die Schreibmaschine, die ich ihm 1937 bei seinem Weggang von
Kattowitz gegeben hatte.  Nun borgte ich sie, um mir einige meiner
Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz abzuschreiben.  Ich dachte,
da ich jetzt auch ein Flchtling war und weit weg ging, knnte ich
nicht jetzt die Maschine wiederhaben.  Er hatte eine Redaktion in
Jerusalem, ich dachte an mein Manuskript, an dem ich weiter arbeiten
wollte.  Er war sehr bestrzt, es ist doch sein Brot, sagte er, ohne
diese Maschine wre er vollkommen gelhmt.  Ich habe sie dort
gelassen.

Eine Bekannte in einer Pension etwas auerhalb Jerusalems sagte mir,
es wre ein Verwandter von mir da, Dr. Erich Sachs, von der Berliner
Konzertdirektion Wolf & Sachs, wir hatten uns nie kennengelernt.  Der
Weg zur Pension fhrte durch das Quartier Mea Shearim der
Ultraorthodoxen Juden, noch heute oft erwhnt und umstritten, und so
lernte ich noch einen weiteren Aspekt des jdischen Palstinas kennen.
Besucht hatte ich auch von Tel Aviv aus verschiedene
genossenschaftliche Siedlungen, Moshaws, deutschjdische
Hhnerfarmen, aber zu einem Kibbutz brachte ich es damals nicht.  Vor
der Abreise hatte man natrlich versucht, etwas ber Nordrhodesien zu
erfahren.  Geographische Nachschlagewerke muten her, etwas
Geschichte, aber Augenzeugen fanden wir nicht, es wurde doch
weitgehend eine Reise ins Unbekannte.


Reise nach Nordrhodesien

Die Eisenbahnfahrt in Palstina ging vorber an einigen Siedlungen,
noch mit viel Grn, dann Wste, bei El Kantara kamen wir an den
Suezkanal und Grenzkontrolle nach gypten, britische
Militrverwaltung.  Meine Korrespondenz und andere Papiere wurden
wieder eingehend geprft, man nahm einige meiner Artikel aus der
Wirtschaftskorrespondenz fr Polen und den Entwurf fr das Memorandum
an die polnische Exilregierung weg, versprach, ich wrde es spter
wiederbekommen.  Ich war perplex, wie hatte man ausgesucht, welche
meiner Artikel zu weiterer Prfung mitzunehmen und welche mir zu
belassen?  Aber es gab genug, was einen zunchst jetzt beschftigte.
Der neue Zug, der uns nach Cairo bringen sollte, hielt auf einem
Bahnhof, als Alarm wegen eines deutschen Luftangriffs ertnte.
Schneller konnte es einem nicht klargemacht werden, da man in
Kriegsgebiet war.  Es wurden ngstliche Minuten, umso mehr, als das
Gercht aufkam, der Zug, der neben unserem stand, sei ein
Munitionszug.

In Kairo kamen wir zunchst in ein Lager, ein Teil des Transports
reiste weiter, aber das nchste Schiff mit Platz fr unsere
Restgruppe ging erst in einigen Wochen.  Wir wurden ins Hotel
Lunapark, gut gelegen in der Stadt, einquartiert.  Natrlich bekam
ich kein Einzelzimmer, ich mute es teilen, mein Zimmergenosse war
der Senator Rudolf Kornke, prominent in Oberschlesien als
Vorsitzender des Verbands der polnischen Aufstndischen.  Als wenn
sich das jemand ausgedacht htte.  Um mich klar zu identifizieren,
habe ich gleich gesagt, wer ich bin, nmlich der Sohn meines Vaters,
dessen Namen er ja gut kannte.  Er war ein sehr ruhiger Mann nicht
vieler Worte, aber mit sehr bestimmten Ansichten.  Bei einer
Unterhaltung ber die Kriegslage, die Nachrichten von der russischen
Front waren weiter schlecht, fragte ich, htte der Eintritt Rulands
in den Krieg auf Seiten der Alliierten nicht die Aussichten auf eine
Niederlage Hitlers entscheidend verbessert?  Es entsprach der
allgemeinen Stimmung.  Nein, sagte Kornke, ohne den Eintritt der USA
in den Krieg kann Hitler nie besiegt werden.  Aber, meinte ich,
Roosevelt hat ja schon die vollste industrielle Untersttzung fr die
gegen Hitler vereinigten Kriegspartner organisiert.  Nein, sagte
Kornke, das gengt nicht, nur Einsatz amerikanischer Truppen in
Europa kann die Situation wenden.  Es schien die nchternste Analyse,
die ich bis dahin gehrt hatte.  Die Japaner haben ja dann dafr
gesorgt, da es dazu kam.  Als sie in Pearl Harbour angriffen, mute
ich an den Senator Kornke denken.

Unseres war ein Turmzimmer, direkt unter dem Dach.  Es gab damals
auch in Kairo deutsche Luftangriffe.  Bei einem Alarm, und es wurde
ziemlich hei, wollte ich ins Vestibl des Hotels gehen, wo in Mangel
eines Luftschutzkellers sich die Bewohner versammeln sollten.  Kornke
bestand darauf, oben zu bleiben.  Sind Sie wahnsinnig, sagte er, dort
unten fllt das ganze Haus auf Sie, wenn wir getroffen werden, hier
oben ist es vielleicht halb so schlimm.  Er klang sehr berzeugend,
ich blieb mit ihm oben, ungemtlich wie es wurde.

Tagsber sahen wir uns kaum, er hatte seine Kreise und Freunde, und
ich hatte meine gefunden.  Mit den Manns und anderen meistens
jdischen Evacuees machte ich Ausflge zu den Pyramiden, auch den
Ausgrabungen in Sakara, die Museen waren leider wegen des Krieges
geschlossen oder sogar evakuiert.  Man besuchte Moscheen in der Stadt,
aber ich hatte auch noch meine eigenen, deutschjdischen Kontakte.
Otto Lilien war im Stab der Royal Air Force als Experte fr Aerial
Photography.  Er nahm mich in den jdischen Servicemen Club mit, ins
Haus des FWV Bundesbruder Dr. Hermann Engel, als bekannter
Orthopdischer Chirurg aus Berlin nach Kairo emigriert und dort sehr
anerkannt, so war der Internist Dr. Rosenberg, den ich durch meinen
Onkel Walter Oettinger in Berlin kannte.  Ich ging in Synagogen, wie
ich es auch in Istanbul und Palstina getan hatte, der sephardische
Gottesdienst war schon vertraut geworden.  Assimilation gab es, viele
gute Brger kamen mit Fez als Kopfbedeckung in die Synagoge.  Man
merkte sie aber auch sonst, es gab da reiche und vornehme
Kaufmannsfamilien, deren Hupter den Paschatitel trugen und gute
Beziehungen zum Knigshof hatten.

Dann sah ich Dr. Hans Nissel, verwandt mit Familie Landshut in
Jerusalem, Verwandschaft unserer Sachs Familie.  Er war
deutschjdischer Emigrant, Elektroingenieur, arbeitete in einer
dieser jdischen Firmen und wohnte mit seiner Familie im schnen
Gartenvorort Madi.  Es waren viele Englnder da, zum ersten Mal kam
ich mit ihm auf einen Bowlinggreen.  Er war auch ein passionierter
Cellospieler, ich sah so auch Leben in Kairo von angenehmster Seite.
Aber der Krieg war furchtbar nahe, die Nazis machten nicht nur
Luftangriffe, sie waren vor der Tr, und der Knig, der es mit den
Englndern hielt, im Lande stark umstritten.

Die Britische Armee und ihre Verwaltung war berall sichtbar.  Es war
ein eindrucksvoller Apparat, der da zur Verteidigung gyptens und des
Mittleren Ostens aufgebaut wurde.  Die polnische Armee, die im
mittleren Osten gebildet wurde, war auch dabei, mein Schwager
Weingrn war damals bei Tobruk stationiert, ich habe ihn whrend
unseres Aufenthalts in Kairo nicht sehen knnen.  Es kamen dann die
Tage, wo wir stndlich auf den Befehl zur Weiterreise warteten.  Es
sollte ein nchtlicher Konvoy zur Hafenstadt Suez sein, sobald ein
Schiff zur Abfahrt bereit ist, und es durfte dann niemandem gesagt
werden, wann wir abfahren.  Es konnte also gar keine Abschiede geben.
Indem man selbst Abschied von Kairo nahm, wurde man nachdenklich.
Jetzt hatte ich seit Kriegsbeginn vom altbekannten mitteleuropischen
Gebiet weg soviele alte Kultursttten, Rom, Istanbul, Jerusalem und
Kairo gesehen, und nun ging es wirklich weit weg, ins Innere Afrikas,
wie mir schien.  Aber auch der Besuch in Kairo war ganz unter dem
Zeichen des Krieges, die Sorge, wie er weiter geht, und um all die
Lieben, die weiter in groer Not oder Bedrohung waren, die Mutter in
Ruland.  Von Marianne hatte man nur Rotkreuznachricht, sie war unter
Naziokkupation in Guernsey gekommen, und soviel Familie doch noch in
Deutschland, Beuthen, Breslau und Berlin zurckgeblieben.  Man fuhr
schweren Herzens in die unbekannte neue Welt.

Der Konvoy fuhr mit viel Vorsicht durch die Wstennacht, in Suez
erwartete uns die "New Amsterdam", grtes, neugebautes hollndisches
Passagierschiff gewesen, jetzt von den Alliierten als wichtiges
Truppentransportschiff benutzt.  Unsere polnische Evacuee Gruppe war
zusammen untergebracht, aber in den allgemeinen Rumen traf man sich
mit vielen Soldaten, die das Gros der Passagiere waren.  Die meisten
waren Urlauber, viele auch aus Sdafrika.  Das wurde also gleich ein
Hauch der neuen Welt, in die wir reisten.  Gleich auf den Anfang der
Reise fiel das jdische Neujahrsfest.  Einige in unserer Gruppe
legten Wert darauf, ich tat es auch, und so war es auch bei einigen
der Soldaten und Offiziere aus England und Sdafrika, es gab einen
gut besuchten Gottesdienst.  Natrlich gab es dann auch viele
Unterhaltungen ber Leben in Sdafrika, wie war es im Vergleich dazu
in Nordrhodesien, wollten wir wissen.  Es war aber niemand da, der
wirklich dort gewesen war.

Auch die Schiffsreise stand ganz unter Vorsicht vor dem Feind, nicht
nur das Rote Meer, auch der Ozean bis nach Sden hinunter galt als
bedrohtes Gewsser.  Wir erfuhren, da das Schiff uns nach Durban
bringen und wir von dort ohne Aufenthalt mit dem Zug nach
Nordrhodesien fahren wrden.  Die Reise nach Durban dauerte wohl
etwas ber zehn Tage, das kann ich noch gut schtzen, denn der letzte
Tag der Reise war der Vershnungstag, es gab wieder Gottesdienst und
ich fastete, aber a noch das letzte frhe Abendbrot, bevor wir in
Durban landeten.

In Afrika gelandet

Eine nchtliche Zugfahrt sollte unsere Gruppe zunchst von Durban
nach Johannesburg fhren.  Dort hatten wir einige Stunden Aufenthalt.
Ich wute, dorthin waren die Verwandten Mia Weissenberg und Kurt
Koenigsfeld emigriert und die Freunde Hans Kunz mit Frau Margot,
deren Eltern und ihr Bruder Ernst Koenigsfeld (EK).  Ich hatte die
Adresse von Kunz, alle kamen schnell auf den Bahnhof, mich zu sehen,
ich war ja von soviel nher ihrer Heimat frisch angekommen.  Sie
wollten viel von mir hren, aber es war auch schon Monate her, da
ich von Kurts Schwester Erika Schlesinger aus Beuthen vor meiner
Abreise aus der Trkei noch gehrt und Kurt nach Pretoria darber
geschrieben hatte.  Es wurde ein sehr bewegtes Wiedersehen, dann ging
der Zug mit unserer polnischen Evacuee Gruppe weiter nach Bulawayo im
damaligen Sdrhodesien.  Ich bekam noch die Adresse von Franz
Schalscha, ursprnglich aus Kattowitz, der zu den dort eingewanderten
deutschen Emigranten gehrte.  Wir muten dort den Zug wechseln, mit
mehreren Stunden Aufenthalt konnte ich mich bei den Schalschas melden,
wurde sehr herzlich begrt und hatte nun einen freundschaftlichen
Kontakt in Bulawayo, der Stadt, die fr das ganze damalige
Nordrhodesien die nchste "Metropole" war, zu der Eisenbahnverbindung
bestand.  Die ging ber die Viktoria Falls, erste vorberfahrende
Begegnung mit diesem groen Naturschauspiel, und dann Livingstone,
unser erster Halt in Nordrhodesien.  Auf dem Bahnhof erste Neugier,
man trifft einen Transportunternehmer, der Taxis hat, Furmanovsky,
Jude, das gibt es also auch.

Einige von unserem Transport waren dort platziert worden und stiegen
aus.  Ein Teil unserer "Cypern Gruppe" war ja schon vorher angekommen,
auf verschiedene Orte in Nordrhodesien verteilt worden, meist nicht
in Lagern, sondern in Hotels, und unsere Gruppe wurde auf diese Orte
nun auch verteilt.  Ich aber kam zu einer kleinen Gruppe, etwa zwlf,
die auf einer Farm 15 Meilen von dem Ort Monze wohnen sollten.  Auf
der Reise hatte uns von der nordrhodesischen Regierung aus Major
McKee, ein Geschftsmann aus der Hauptstadt Lusaka begleitet, der dem
Parlament (Legislative Council) angehrte und uns nicht nur empfangen,
sondern auch beraten wollte.  Es hie, natrlich wird arbeiten
knnen, wer eine Stellung finden kann.  Ich verwies weniger auf
meinen nationalkonomischen Doktor, als mein Diplom Kaufmanns Grad,
mit Betonung auf Buchhaltungskenntnisse; er meinte, wenn das so etwas
wie ein Chartered Accountant wre, dann wrde ich bestimmt gleich
eine Stellung finden.  Nordrhodesien war eine britische Kronkolonie,
deren Verwaltung und Beamte dem Colonial Office in London
unterstanden.  Im Norden hatte sich bedeutender Kupferbergbau
entwickelt, der die Kolonie kriegswichtig machte.  Neben Kupfer, Zink
und Blei fielen auch Kobalt und Vanadium an.

Der Farmer H.L. Savory erwartete uns an der Station Monze, wo auch
eine grere Gruppe ausstieg, die dort im Hotel untergebracht wurde.
Die Farm der Familie Savory war schon alt und fr nordrhodesische
Begriffe ehrwrdig, ursprnglich vom Vater Savory angelegt, einstigem
Landvermesser der ersten englischen Kolonialregierung Nordrhodesiens.
Man hatte fr uns sogenannte Rondavels (9) errichtet, ich bewohnte
eins allein.  Im alten Farmhaus hatte unsere Gruppe ihr Ezimmer und
Aufenthaltsrume mit sehr schnem Garten, eine lange Allee mit
riesengroen alten Bumen fhrte vom Farmhaus des jetzigen
Farmerehepaars Savory zu unserem kleinen Evacuee Compound.  Von
meinen Freunden und Bekannten in unserer Reisegesellschaft hatte ich
mich in Monze verabschieden mssen, von der kleinen Gruppe auf der
Farm Savory kannte ich niemanden, es waren zum Teil etwas schwierige
Leute, aber ich kam gut aus.  Die Farm war fr unsere Begriffe
riesengro, hatte einen Viehbestand von etwa 2000 und groen
Maisanbau.  Die Schwarzen wohnten mit ihren Familien in Drfern um
die Farm, zu der sie zur Arbeit kamen.

Natrlich war bei der Ankunft in Afrika diese Frage, wie es mit den
Schwarzen stand, ein Hauptgegenstand meines Interesses.  Ich
erinnerte mich an ein Buch, wohl etwa 1931 verfat, des damals
sozialdemokratischen Geographen Walter Pahl, der die Frage der
Schwarzen in Afrika als ein kritisches Problem der nahen Zukunft
beschrieben hatte.  Ich selbst hatte ja einmal diesen Seminarvortrag
ber die Zukunft des Britischen Empires halten mssen, aber da
schienen etwaige Probleme auf den zentrifugalen Tendenzen in einigen
weien Dominien und Indien, und nicht so stark auf der Frage der
Schwarzen in afrikanischen Kolonien zu liegen.  Pahl hat das wenig
spter mit Blick auf Sdafrika anders dargestellt.  Es war eine ganz
neue Begegnung fr mich, nun inmitten dieser Fragestellung zu leben,
und da waren rein menschlich nun auch die ersten Kontakte mit
Schwarzen, zunchst einfach zu den Bediensteten, die fr unsere
Gruppe in dem kleinen Evacuee Compound beschftigt wurden, oder dann
auch die Hausangestellten des Ehepaars Savory oder Arbeiter auf der
Farm.

Die sechs Monate dort waren eine gute Einfhrung ins Leben in Afrika
(10), seine Reize als Gegensatz zum Leben in Europa, viele seiner
Probleme, Leben mit englischen Menschen in den Kolonien.  Mein
Englisch verbesserte sich entscheidend, ich hatte soviel Zeit dafr
und viel Verstndnis und Hilfe von den Savorys.  Mit einigen aus
unserer Gruppe, die auch etwas Englisch konnten, hielten wir engen
Kontakt mit der Farmer Familie, spielten auch Bridge dort oder
sollten sie zum "Sundowner" besuchen.  Das waren die abendlichen
"Drinks" bei Sonnenuntergang, eine typisch koloniale Sitte, wurde mir
gesagt, man mute um die Zeit seine Chininpillen nehmen, und dazu
mute man natrlich etwas trinken.  Die Pillen mute ich auch nehmen,
aber bekam trotzdem bald meine erste Malaria.

Als Tageszeitung brachte die Post das "Bulawayo Chronicle" mit kurzer
Versptung, auch gab es die "Sunday Times" aus Johannesburg, aber fr
wirkliche tgliche Nachrichten versorgte uns die BBC. Man konnte sich,
wie es die Savorys taten, Bcher aus den guten Bestnden der
ffentlichen Bibliothek in Bulawayo kommen lassen.  In diesen sechs
Monaten wurde ich in meinem Rondavel, es hatte eine typische hohe
Decke, die auch das Dach war, aus Gras, ein unermdlicher Leser,
natrlich nur englischer Bcher, viel Anthropologie, das war ja ein
sehr aktuelles Interesse in der neuen Umgebung, aber auch alle
politischen Fragen, die mit Afrika oder dem Kriegsgeschehen und
seiner Vorgeschichte zu tun hatten.

Es war ein groes Programm, aber bald nahm ich auch wieder mein
Memorandum ber das erhoffte Nachkriegseuropa zur Hand.  Ich wei
nicht mehr, wieviel mir davon nach der Grenzkontrolle am Suezkanal
noch brig geblieben war, ich bekam meine Papiere von dort nie zurck,
ich machte wohl eine ziemlich neue Fassung jetzt, konnte eine
Schreibmaschine der Savorys dazu benutzen.  Ich konnte es doch
vorlufig erst in Deutsch schreiben, ein frherer polnischer Richter
jdischer Herkunft hatte zugesagt, es mir ins Polnische zu bersetzen,
es kam aber nie dazu.

Im April 1942 fing ich dann an, in der Wirtschaft des "Copperbelt" zu
arbeiten, und da gab es neue Prioritten.  Auch wurde dann klarer,
da mein Bild einer Europischen Union mit Ruland ruhig hinter
seinen alten Grenzen sitzend, kaum den Realitten entsprechen wrde.
Ich hatte es so erhofft, als beste Sicherheit nach dem Kriege fr
alle, ich hatte beiseite geschoben, da am 17. September 1939 ich ja
so spontan und panisch auf den russischen Einmarsch in Ostpolen mit
der Vermutung reagiert hatte, sie wrden erst am Rhein Halt machen.

Durch die polnische Vertretung in Lusaka erhielt man auch regelmig
die in London erscheinende Exilpresse und Literatur.  Als wir in
Nordrhodesien ankamen, gab es dort eine Welle von Sympathie fr die
Russen, die unter den heftigen Angriffen Hitlers verzweifelt kmpften,
und man konnte sich dem gar nicht verschlieen.  Fr mich kam noch
das Gefhl dazu, da meine Mutter nun in deren Obhut war, durch die
Deportation vor den Nazis gerettet.  Die Freunde, die in Lemberg
blieben, waren den Nazis in die Hnde gefallen, die ja in von den
Russen eroberten Gebieten sofort mit systematischen Massenmorden
begannen.

Die Lage der polnischen Flchtlinge in Ruland dagegen hatte sich
langsam verbessert.  Die Sowjetregierung erkannte die polnische
Exilregierung in London an, es wurden Vereinbarungen ber Bildung
einer polnischen Armee in Ruland aus dort befindlichen Flchtlingen
getroffen, dann aber Plne fr deren Evakuation ber Persien in den
Westen gemacht.  Meine Mutter konnte zusammen mit den alten Weingrns
und Tchtern Andzia und Irene aus der Internierung in Marijskaja auf
langem Weg zunchst in die provisorische Hauptstadt Rulands in
Kuybishew auf der Wolga fahren, wo auch die englische und polnische
Botschaft waren.  Meine Mutter erhielt dort im Oktober 1941 einen
neuen Pa und ihr englisches Visum, dann fuhren sie weiter nach
Uzbekistan, von wo manche polnischen Flchtlinge dann ber die Grenze
nach Persien gehen konnten.  Besonders diejenigen, die Angehrige in
der polnischen Armee hatten, bekamen dazu die Erlaubnis.  Obwohl mein
Schwager in der polnischen Armee in Egypten diente und meine Mutter
ein Visum nach England hatte, wurde sie in keinem der polnischen
Transporte mitgenommen.  Auch vorsorgliche Bitten um Hilfe bei der
polnischen Regierung in London hatten nicht geholfen.

Der Vater Weingrn war unterwegs in Taschkent gestorben.  Als meiner
Mutter die Ausreise verweigert wurde, blieben die alte Frau Weingrn
und Tochter Andzia mit ihr zusammen in Uzbekistan in der Stadt
Kermine zwischen Bokhara und Samarkand.  Fr viele ein Land
mrchenhafter Erzhlungen, aber sie haben dort sicher in groem Elend
leben mssen.  Meine Mutter ist dort am 30.November 1942, wie man mir
spter sagte, an Typhus gestorben.  Der Taschenkalender, den sie seit
1939 fhrte, hat sich erhalten, da steht noch unter den Adressen
"Mein geliebter Walter c/o Savory Monze Northern Rhodesia", also da
ich in Nordrhodesien gelandet war, hat sie noch erfahren, hoffentlich
auch noch Briefe von mir gehabt.  ber ihren Tod hrte ich erst im
April 1943 von Lotte aus Tel Aviv, es war eine tragische Botschaft,
sehr groes Leid.

Damals war ich schon ein Jahr lang weg von der Farm bei Monze und
arbeitete im Copperbelt.  Als es in meinen ersten Monaten auf der
Farm diese Welle der Sympathie fr das mitkmpfende Ruland gegeben
hatte, wurde zu Spenden aufgefordert durch eine Gesellschaft der
Freunde Rulands, und ich gab eine kleine Spende, die Savorys fanden
das richtig, sie hatten es auch getan.  Wie das aber schon mehrmals
gewesen war, dann gab es wieder Nachrichten ber die abstoenden Zge
des dortigen Regimes, es kam eine, die bei mir wieder eine
entschiedene Abwendung brachte.  Zwei Fhrer des
jdischsozialistischen "Bund" aus Polen, Alter und Ehrlich, die auch
als Flchtlinge in Ruland waren, wurden nach einem Proze erschossen.
Ich hatte die Nachricht in der polnischen Exilpresse gelesen.
Diese Sowjets waren immer wieder die alten.  Wer fr Ansichten stand,
die nicht 100% Konform waren, mute umgebracht werden.  Man konnte
sich nur abwenden, was fr eine Tragik.  Es hie nichts Gutes fr die
Zukunft.

Mein Vetter Herbert hatte Verbindungen zu den zwei groen
Bergbaukonzernen, die in Nordrhodesien Gruben besaen, da sie ja auch
Kobalt bzw.  Vanadium produzierten.  Es gab keine Vakanz bei
AngloAmerican, aber durch Ronald Prain bekam ich eine Stellung bei
Mufulira Copper Mines, ging April 1942 dorthin, fing an im Magazin zu
arbeiten.  Der Chefarzt aber fand, da mein Rntgenbild
Silikosisverdacht (Steinstaublunge) zeigte.  Es war gegen die Politik
der Grubengesellschaften, Silikosisverdchtige anzustellen.  Ich fand
eine andere Stellung im Copperbelt bei Northern Caterers, die alle
Hotels und Bckereien dort betrieben.  Abgesehen von einigen
dienstlichen Zwischenaufenthalten in Kitwe und Luanshya blieb ich in
Mufulira, mit wechselnden Stellungen allerdings, bis Anfang 1947.
Dort habe ich dann also auch den weiteren Verlauf der Kriegsjahre
miterlebt.

Es waren dieselben Zeitungen wie in Monze, ich wurde auch Abonnent
der "Time".  Radioempfang war gut, man blieb doch ganz gut informiert,
auer der polnischen Exilpresse sah ich manchmal das deutsche
Emigrantenblatt "Aufbau" aus New York.  Ich teilte alle diese
Erlebnisse mit den etwa 2000 Europern (10) in Mufulira.  Die
Mehrheit waren die Englischstmmigen, darunter manche Bergleute aus
Yorkshire oder Wales, viele Beamten der Grube, auch Sdafrikaner,
englische oder Buren, auch einige jngere ostjdische Einwanderer und
sephardische Juden aus Rhodos und drei andere von den polnischen
Evakuees, zwei Juristen und ein Bankdirektor; wir hielten engen
Kontakt.

Von den nicht zur Grube, sondern wie ich zur kommerziellen Township
gehrigen, wurden zu engsten Freunden die Familien Mohrer und
Messerer aus Frankfurt und zwei Familien Illion aus Libau.  Es gab
eine sehr ungezwungene Gesellschaft, viel angeregte Unterhaltung und
auch Meinungsverschiedenheiten.  Zu den jdischen Feiertagen gab es
kleine Gottesdienste, erst im Hause Mohrer, schlielich wurde eine
jdische Gemeinde gegrndet und sogar eine schne, nicht zu groe
Synagoge gebaut.  Es waren doch etwa 100 Mitglieder.  Die
Begeisterung besonders des jungen Messerers war inspirierend.
Schlielich war ich auch im Vorstand, als Kassierer.  Der Verlauf des
Krieges gab mehr Zuversicht, da er mit einem Sieg der Alliierten
ber Hitlers Axismchte enden wrde.  Es gab immer noch viel
Ungewiheit, so im Fernen Osten und den UBootkrieg, aber in
Nordafrika und an der Ostfront hatte es doch deutliche Fortschritte
gegeben.  Zwei groe Felder von Sorgen zeichneten sich ab.  Das eine
war das Schicksal der jdischen Bevlkerung, die in Hitlers Hand
gefallen war.  Man wute ber die Vorgnge in den Anfngen der
Besetzung Polens, hatte immer wieder von dort gehrt.  Mit dem
Eindringen der Deutschen in Ruland waren noch schrecklichere
Nachrichten ber systematische Ausrottung der dortigen jdischen
Bevlkerung gekommen.  Eines Tages kam die Nachricht, da aus dem
polnischen Untergrund Berichte nach London gekommen waren ber den
Beginn von systematischen Vernichtungsaktionen auch im besetzten
Polen.  Die Meldung kam in sehr eindringlicher Form, nmlich da der
Abgeordnete im polnischen Exilparlament in London, Schmuel Zygielboim,
sich aus dem Fenster gestrzt und das Leben genommen hatte, aus
Protest dagegen, da es keine wirkliche Reaktion auf diese
Todesberichte aus Polen gegeben hatte.  Sein Selbstmord wurde
verschiedentlich von der Presse berichtet, aber die polnische
Exilpresse gab ihm natrlich das weiteste Profil.  Sein Name als
Fhrer des jdischen "Bund" war mir ja von der Besetzung Warschaus
her vertraut.  Er hatte zu den zwlf Geiseln gehrt, die fr die Zeit
der bernahme den Deutschen vom polnischen Verteidigungskomitee
hatten gestellt werden mssen.  Er war dann entkommen und nach
Aufenthalten in Brssel und New York 1941 nach London gelangt.  Es war
eine erschtternde Nachricht zu einer Zeit, als das Vernichtungslager
Auschwitz mit seinen Cyclon B Anlagen noch nicht bekannt war.  Lager
wie Treblinka wurden aber schon erwhnt.  Man hrte auch von
Deportationen aus Holland und Frankreich und es gab so viele, um die
man sich persnlich Sorgen machte, eben auch die Schwester Marianne.
Es schien nichts zu geben, was von alliierter Seite getan werden
konnte, auch nicht nach dem groen Signal, das Schmuel Zygielbojm als
Protest des jdischen Volkes gesetzt hatte.

Das andere Problem, auf das man zunehmend aufmerksam wurde, waren die
sich abzeichnenden Interessengegenstze zwischen den Anhngern
Rulands und seines kommunistischen Regimes und den anderen Gegnern
Hitlers.  Da war nicht nur die wachsende Antipodie Rulands gegenber
der polnischen Exilregierung in London, mit der sie schon April 1943
die Beziehungen abbrachen und dann zur Bildung einer eigenen
polnischen, kommunistisch gefhrten Exilregierung in Ruland
schritten.  Es war auch die Entwicklung in Jugoslawien, die einen
beunruhigte.  Die von Moskau untersttzten Antihitlerguerillas Titos
machten bald bessere Fortschritte als die den alten jugoslawischen
Regimes treuen Guerillas Michajlowiczs, gegen die auch zu kmpfen den
Gruppen Titos gar nichts ausmachte, im Gegenteil, dieser Kampf schien
genauso ihr Ziel zu sein wie der Kampf gegen Hitler.  Das war auch
wieder bengstigend.  Auf alliierter Seite war die Entschlossenheit
zur siegreichen Beendigung des Krieges absolut vorherrschend, daher
hat auch die englische Regierung Churchills dann Tito aktiv
untersttzt, weil es die besseren Chancen fr baldige Beendigung des
Krieges zu bieten schien.  Mit den polnischen Evacuee Freunden in
Mufulira teilte ich stark die Besorgnisse, die man fr die knftige
Gestaltung der Dinge in Polen deswegen haben mute.

In diesen Jahren waren fr mich die Sylvesterabende immer ein Anla
fr wehmtige Erinnerungen an das zu Hause, die Eltern, und alles,
was so vollkommen untergegangen zu sein schien.  Es gab immer Feiern
im Freundeskreis, einmal, wohl 1943/44 war es bei den jungen Illions
gewesen.  Danach hatte ich eine so besonders starke Erinnerung an
diese Abende einst zu Hause, und ich sah vor mir auch das Bild des Dr.
Hans Lukaschek, der ja einige Male Gast bei uns zu Hause an
Sylvesterabenden gewesen war.  Es war beinahe wie eine Vision, und
ich erinnerte mich an die sptere Begegnung in Breslau, als ihm die
Trnen ber die Backen liefen wegen der Verhltnisse in Deutschland
unter Hitler.  Wo war das alles, gab es solche Leute noch in
Deutschland, fragte ich mich dann gerade in dieser Sylvesternacht im
fernen Mufulira.

Das nchste Jahr 1944/45, die Illions waren von Mufulira weggezogen,
beging ich den Sylvesterabend bei mir zu Haus mit den zwei Polen
Notar P. und Bankdirektor D. als meinen Gsten.  Mein Hausgehilfe und
Koch Moffat hatte eine schne Ente bereitet, wir tranken
sdafrikanischen Rotwein, es war ein nachdenklicher und sorgenvoller
Abend.  Eine Radiorede des neuen Premiers der polnischen
Exilregierung in London Mikolajczyk wurde von der BBC bertragen.
Die Russen hatten im Juli 1944 das Moskauer polnische Komitee als
polnische Regierung anerkannt; als die mit der Londoner Regierung
zusammenarbeitende polnische Untergrundarmee und die Bevlkerung eine
Aufstand in Warschau gegen die Deutstschen machten, verweigerte die
nahestehende russische Armee jede Untersttzung und erlaubte den
Deutschen diesen Aufstand blutig zu liquidieren.  Trotz
Luftuntersttzung von den westlichen Alliierten kam es dazu.  Grund
fr uns an diesem Tag zu dsteren Erwartungen.  Fr mich waren das
nicht nur Gedanken an Polen und meine oberschlesische Heimat, ich
fhlte, wenn die Alliierten sich nicht stark machen, eine wirkliche
Unabhngigkeit Polens zu schtzen, dann ist das ein schlechtes Omen
fr das zuknftige Bild Europas.  Da war ich von den Ideen meines
Memorandums noch nicht weggekommen.  Ich habe damals wegen meiner
starken Gefhle fr die Interessen der Polen gegenber russischen
Vormachttendenzen viele Argumente mit meinen jdischen Freunden und
Anfeindungen von Fernerstehenden gehabt.  Es war da ganz allgemein,
einfach wegen vermeintlichem besonders groem Antisemitismus der
Polen, ein starkes Vorurteil zugunsten der Sowjetunion bemerkbar.

Unter den ostjdischen Minenarbeitern gab es einige, die stark
kommunistisch eingestellt schienen, es gab aber auch
revisionistischzionistische, alle etwas rabiater Disposition.  Von
den Linksstehenden wurde mir ausgerichtet, wenn mein Freund P. nicht
mit seinen besorgten polnischen, d.h. antirussischen Ansichten
zurckhlt, dann knnte ihm eines Tages untergrund etwas passieren.
Das mchte ich ihm doch bitte sagen, es sei ernst gemeint.  Ich war
konsterniert, so eine Drohung von Leuten, die der Gesellschaft der
Freunde Rulands nahestanden.  Sie hatte einmal eine Versammlung
gehalten mit Rednern aus Sdafrika, zufllig saen sie im Hotel am
Nebentisch, daher habe ich mir die Namen so gemerkt, es waren die
Advokaten Abraham Fischer und Zwarenstein.  Man hat die Namen dann
oft in Sdafrika gehrt.

Die Yaltakonferenz einige Wochen nach unserem Sylversterabend gab den
Russen weitgehende Handlungsfreiheit gegenber der Londoner
Exilregierung Polens.  Es gab zwar Versprechen demokratischer
Verfassungen, man konnte hoffen gegen alle Anzeichen, aber im Grunde
genommen zeichnete sich eben ab, wozu es dann kam, die Zweiteilung
Europas.  Der Putsch gegen Hitler am 20.Juli 1944 war gescheitert,
der Putsch, den die deutsche Heeresleitung allersptestens nach
Stalingrad htte machen sollen, hatte nie stattgefunden.  Die
Alliierten hatten die bedingungslose Kapitulation Deutschlands schon
1943 als Ziel formuliert.  Es wurde klar, die Russen wrden vorrcken
bis zu Linien, die man vereinbart hatte, und was hinter ihren Linien
sich politisch gestalten wrde, darber sollte man keine Illusionen
haben.

Ein anderes Thema heftiger Diskussion mit den jdischen Freunden war
die Entwicklung in Palstina.  Fr mich war die Verfolgung
zionistischer Ziele ohne Rcksicht auf bestehende arabische
Interessen nicht vorstellbar.  Eine alte Dame wies mich zurecht, sie
war nicht nur eifrige Zionistin sondern auch sozialistisch
eingestellt gewesen.  Sie sagte, die Interessen der Araber, das wren
doch nur feudalistische Interessen, sehen Sie sich doch ihre
Gesellschaftsordnung und Rckstndigkeit an, Palstina kann doch nur
gewinnen durch einen zionistischen Staat.  Gewi, ich dachte an
manches, was ich gesehen, und Rckstndigkeit war schon da, aber
schon 15 Jahre vorher hatte ich Hans Kohns Buch "Nationalismus im
Vorderen Orient" gelesen, das hatte ein ganz anderes Bild der
nationalistischen Bewegung der Araber gegeben.

Im Argument ber Polen und die Sowjetunion hat sich seitdem das Blatt
sehr gewendet.  Manche meiner Freunde von damals habe ich
wiedergetroffen, sie haben mir unterde Recht gegeben.  Nicht ganz so
ist es mit dem Argument ber zionistsiche Ziele, unterde also den
Staat Israel.  Dabei hatte ich damals auch nach dem Weggang von
Palstina keineswegs meine Sympathie aufgegeben, war auch dem
Zionistischen Verein in Mufulira beigetreten, sogar sein Sekretr
geworden, lernte einige der sdafrikanischen aktiven Zionisten kennen,
aber auf meine grundlegenden Vorbehalte bin ich immer wieder
zurckgekommen.

Um noch einen kurzen Blick auf meine berufliche Ttigkeit zu werfen,
Northern Caterers hatten mich zunehmend als Vertreter fr abwesende
leitende Leute verwendet, auch in Kitwe im Hauptbro der Gesellschaft.
Dort war wieder der Freund Wasserberger, als Neuankmmlinge das
jngere Ehepaar Banasz, die in Polen nahe uns in Bendzin gelebt
hatten, er war Ingenieur, erfahren in Zinkweiproduktion.  Sie waren
intelligente und anregende Gesellschaft dort.  Ich verlie meine
Firma, denn ich hatte mich dort in Abwesenheit des befreundeten
Schulmanns von seinem Boss aus Bulawayo zurckgesetzt gefhlt, und
fand gleich eine neue Stellung bei den griechischen Unternehmern
Tatalias & Samaras in Mufulira, wo ich die administrative Seite zu
betreuen hatte.  Sie waren Kontraktoren mit Holzwirtschaft, Ziegelei
und hatten ein Fleischgeschft, das aber bald von der greren Firma
Werner & Co. bernommen wurde, die mir bei sich eine hnliche
Stellung anboten, und dort habe ich dann bis Anfang 1947 gearbeitet.

Die Firma hatte die Vertrge fr die Fleischversorgung der groen
Mufulira und LuanshyaMinen.  Ich hatte als Dienstwohnung die Hlfte
eines Zweifamilienhauses, aber noch keine Familie, hatte mir ein Auto
gekauft.  Als nach Kriegsende der Leiter der Firma auf Urlaub nach
England ging, bernahm ich die Vertretung und bekam als Dienstwagen
einen groen Ford Mercury, also ich brauchte mich gar nicht zu
beklagen.  Die Arbeit hat mich auch interessiert.  Diese
Viehwirtschaft hatte schon ihre anregenden Seiten.  Es handelte sich
um groe vertragliche Verpflichtungen.  In diesen halbtropischen
Gebieten konnte Vieh nur in bestimmten krankheitsfreien Zonen
gehalten werden.  Das Vieh fr den Copperbelt mute zum Teil ber
groe Entfernungen z.B. aus Bechuanaland (heute Botswana)
herangebracht werden, dazu ber den Zambesi Flu getrieben und dann
auf dafr gekauften Ranchen vorbergehend gehalten werden.  Der
energische Junior Partner der Firma war Harry Wulfsohn in Livingstone,
ein sehr begabter junger Mensch, mit dem ich gut auskam.  Er war zu
mir ausgesprochen freundschaftlich.  Es war verabredet, da ich als
Nebenbeschftigung weiter die Bcher des Kontraktorgeschfts meiner
griechischen Freunde fhren konnte, es gab sogar noch einen
Bauunternehmer in Mufulira, fr den ich das auch tat, ich habe also
sehr hart dort gearbeitet.  Man fhlte sich auch wohl.

Der VE Day und wie sich Dinge, wo ich in Europa her kam, zu gestalten
schienen, machten eine Rckkehr nach Hause nicht ratsam.  Als
dauernde Lsung aber fand ich Nordrhodesien wohl doch nicht richtig,
weder fr meine beruflichen Ambitionen noch die kulturellen
Interessen.  Ich ging zunchst einmal im September 1945 auf Ferien
nach Johannesburg und fand Atmosphre und Leben dort sehr angenehm.
Unter den Verwandten, die ich auf der Durchreise im Oktober 1941 auf
dem Bahnhof wiedergesehen hatte, war Mia, nun Mary, Weissenberg,
unterde mit Herbert Priebatsch verheirat.  Sie hatten einen Sohn
Norman, Kurt Kingsfield war verheiratet mit Violet.  Was 1941 noch
gemeinsame Besorgnis war um die Familie, die unter Hitlers Gewalt
zurckblieb, nun war es Trauer und unbeschreiblicher Schmerz,
manchmal auch noch Ungewiheit und Warten auf weitere Informationen.
Volles Begreifen, was die Nationalsozialisten mit der jdischen
Bevlkerung getan hatten, die ihnen in die Hnde fiel, kam ja doch
erst nachdem alliierte Truppen diese Gebiete Europas befreit hatten.
Die Geographie dieser Vernichtungsgreuel nahm langsam Gestalt an vor
den Augen der Welt.  Da waren die Berichte ber Lager wie
BergenBelsen, Buchenwald und andere, dann ber Auschwitz und
Birkenthal, so nah bei Kattowitz, und man hrte immer mehr ber die
Vernichtungslager weiter in Polen.

Mary und Kurt waren sicher, die Familie, die sie in Beuthen
zurckgelassen hatten, lebte nicht mehr, waren deportiert worden,
Mary's Eltern und Groeltern, Kurts Schwester Erika und ihre Familie.
Ich hatte von Marianne nichts mehr gehrt, es war jetzt fnf Monate
nach Kriegsende in Europa, sie war wohl nicht mehr am Leben.  Hatte
man noch, gegen alles Wissen, gehofft?  Es gab ja einige wenige
berlebende, die sich hatten verbergen knnen.  Es schrieb dann ihre
Kollegin, Mary Edwards, von ihrem Arbeitsplatz in Guernsay.  Marianne
hatte ihr noch nach ihrer Deportation aus Frankreich 1942 geschrieben,
sie war dann vom Sammellager Drancy im August 1942 nach Auschwitz
deportiert worden.  Solche Tragik des Schicksals, von den englischen
Channel Islands zu dieser Greuelsttte, so nahe ihrem zu Hause, wo
sie geboren war und aufwuchs, und wir alle waren schon lange weg (11).

Von den in Berlin zurckgebliebenen Mitgliedern der Grnfeld Familie
berlebte als einziger Hans Hirschel.  Er hatte eine wundersame
Rettung durch die mutige und aufopfernde Haltung und Ttigkeit von
Maria Grfin von Maltzan, die ihn verbarg und ihm das Leben retten
konnte.  Sie heirateten nach Kriegsende (12).  Ich hatte auch bald
Briefe von Hans Hirschel und nahm Anteil an dem Wunder seiner Rettung.
Von den anderen Mitglieder der Familie waren die lteren Luzie
Hirschel und Felix Benjamin nach Theresienstadt, die vier Kusinen,
Kaiser und Epstein, nach dem Osten deportiert worden, Paul und Mimi
Grnfeld nach Lodz.  Sie kamen alle um.  Walter Oettinger wurde, wie
ich erst nach vielen Jahren feststellen konnte, im August 1942 zum
Ghetto Riga als "Jude" durch die Gestapo Berlin "evakuiert, ein
Todesnachweis...liegt nicht vor".

Mein Vetter Hans Gerber war noch 1939 nach England emigriert, diente
als Arzt in der englischen Armee, nach Indien und Burma gesandt als
Antimalaria und Bilharzia Spezialist.  Er blieb auch spter ein
Fachmann auf diesem Gebiet.  Bald nach dem Krieg arbeitete er fr
UNRA auch in Europa, wute, da sein Bruder Wolfgang im
Konzentrationslager umkam.

In Johannesburg lernte ich 1945 als weitere Verwandte Robert Grnfeld
und Joan kennen, er der jngere Bruder des zum bekannten Bankier in
London gewordenen Vetters Henry Grnfeld aus der Zalenzer Linie der
Familie.  Ich traf weitere Freunde aus der FWV, Fred Rothberg und
Frau Grete geb. Schild, Heinz Kretschmer und andere Breslauer mit
ihren Familien.  Auch durch meine Kontakte in Mufulira machte ich
Bekanntschaften in Johannesburg.  Es war gut, andere Menschen, auch
Zeitungen und Buchhandlungen zu sehen, in einer greren Stadt mal zu
sein, mit Naturschnheit mute Johannesburg ja nicht unbedingt mit
der subtropischen Landschaft Nordrhodesiens konkurrieren.  Auf der
Bahnfahrt zurck entlang durch Bechuanaland machte ich die
interessante Bekanntschaft des Anthropologen Max Gluckmann, der
damals das RhodesLivingstone Institute in Livingstone leitete.
Durch meine anthropologische Lektre noch auf der Farm Savory war ich
auf dessen Arbeiten und Verffentlichungen aufmerksam geworden und
ein Leser geblieben.  Wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung, er
stand sehr links, wie mir schien.  Ihn interessierte, da ich etwas
ber Max Weber wute, er meinte, ich knnte vielleicht am Institut
mitarbeiten, denn das wrde gut passen.

Das htte mich schon interessiert, aber ich dachte doch mehr an eine
Ttigkeit in der Wirtschaft.  Ich fhlte, ich hatte mich da gut
eingearbeitet und hatte Erfolg und Anerkennung gehabt.  Ich fragte
meinen Vetter Herbert, ob er Mglichkeiten in Sdafrika und Rhodesien
fr mich sehe z.B. fr Einkauf von Erzen.  Ich berichtete ihm auch
ber die Plne fr Bau eines Staudammes entweder am Zambesi vor der
Kariba Gorge oder am Kafue Flu in Nordrhodesien, durch den billiger
Strom unter anderem fr die Produktion von Ferrochrome aus
sdrhodesischen Chromerzen bereitgestellt werden sollte.  Fr das
nordrhodesische KafueProjekt trat besonders der Ingenieur Morris ein,
Mitglied des Legislative Councils fr Mufulira, den ich auch besuchte.
Herbert zeigte sich damals sehr interessiert; seine Gruppe sei eine
der ganz wenigen im Britischen Commonwealth mit Erfahrung in
Ferrochrome Produktion.  Morris zeigte sich auch sehr interessiert,
aber die Plne waren noch sehr unbestimmt.  Fr Einkauf von Erzen im
sdlichen Afrika erwhnte Herbert, da er diese viel durch die Firma
Derby & Co. Ltd in London gekauft htte, einer deren Direktoren,
Frederik Rau, kme demnchst nach Salisbury in Sdrhodesien und wrde
mich gern kennenlernen.  Ich traf ihn dort im Mai 1946.

Er erschien mir ganz als der gebrtige Englnder, der er war und den
ich erwartet hatte, aber dann stellte sich heraus, da er einer sehr
frommen jdischen Familie angehrte; der Vater war aus Frth gekommen,
er sprach auch flieend Deutsch.  Fred Rau machte einen starken
Eindruck auf mich und ich konnte sehen, da er das auf viele machte,
geschftlich sowohl wie als Persnlichkeit.  Herberts Firma schien
ein wichtiger Kunde Derbys fr ihre rhodesischen und sdafrikanischen
Erze zu sein, und die Beziehungen sehr freundschaftlich.  Rau hatte
das Geschft von Derby im sdlichen Afrika besonders gepflegt, hatte
viele Monate im Krieg dort mit einem Auftrag des British Ministry of
Supply fr die Beschaffung kriegswichtiger Rohstoffe zugebracht.
Derby dachten daran, jetzt eine Vertretung in Johannesburg
einzurichten, ich war daran natrlich sehr interessiert, er wrde das
erwgen, sagte er, als ich an meinen Posten im Copperbelt zurckflog.
Nur nach wenigen Tagen bekam ich dort ein Telegram von ihm aus
Johannesburg, ob ich dort zu einer weiteren Besprechung sofort
hinkommen knnte.  Ich mute nochmals um kurzen Urlaub bitten und
fuhr mit der Bahn.

Am Bahnhof wurde ich abgeholt von Fred Rau und Oskar Lazar, Inhaber
des Chemischen Laboratoriums McLachlan & Lazar, ein guter Freund
Derbys in Sdafrika, der eine Handelsfirma "Minerals & Plant (Pty.)
Ltd" in Johannesburg gegrndet hatte, um die Vertretung von Derby zu
bernehmen.  Der als geschftsfhrender Partner von Lazar
vorgeschlagene junge Anwalt, den Fred Rau jetzt hatte kennenlernen
sollen, erwies sich als unvertrglich und gab auf.  Fred Rau schlug
vor, da ich in die neue Firma als geschftsfhrender Partner
eintreten soll und diese dann die gemeinsame Vertretung von Derby und
der von Herbert gefhrten Grnfeld Gruppe bernehmen wrde.  Man
besprach die Grundlinien von Vertrgen dafr, nach wenigen Tagen flog
ich zurck auf meinen Posten in Mufulira.  Plan und
Vertragsbedingungen brauchten noch die Zustimmung aller Beteiligten
in London, ich mute Einwanderungsgenehmigung fr Sdafrika
beantragen und sechs Monate Kndigung meines Postens in Mufulira
geben.

Wenn ich auf meinen Lebenslauf bis dahin, zum Jahre 1946,
zurckblickte, hatte ich ja immer wieder eine Menge gutes Glck
gehabt, aber es oft auch bitter ntig, denn so vieles kam mir da
nicht leicht bei.  Auch hier wieder gab es unerwartete
Schwierigkeiten, die Bearbeitung meines Einwanderungsgesuchs zog sich
hin, dann wurde es abgelehnt.  Es gab einen starken
Einwanderungsdrang, technische Berufe hatten bessere Chancen, fr
meine geplante kaufmnnische Ttigkeit war das schon schwerer, aber
mit den Empfehlungen der Beteiligten, der Auslandsvertretung des
sdafrikanischen Bergbaudepartments in London und der Schwedischen
Botschaft in Pretoria hatte man gedacht, mein Antrag wrde eine
sichere Passage haben.  Alle Beteiligten beschlossen erneute
Interventionen in Pretoria.

Unterde war meine Kndigungszeit aber abgelaufen, der Manager, den
ich vertreten hatte, aus Wales zurckgekehrt und ein Nachfolger fr
mich aus Johannesburg geholt worden.  Ich verlie meinen Job und
beschlo aus Mufulira abzureisen, zurckblickend auf eine sehr
bedeutsame, auch etwas eigenartige und zurckgezogene, aber doch auch
wieder anregende und lehrreiche Zeit in meinem Leben.  Ich hatte mir
etwas Geld gespart und beschlo in Ruhe den Ausgang der weiteren
Anstrengungen in Pretoria abzuwarten.  Fr einige Wochen ging ich in
die Hauptstadt Lusaka.  Dort gab es auch interessante Bekanntschaften
unter polnischen Evacuees, die in der Regierung Stellungen hatten,
zum Teil im Audit aber auch in anderen Departments.  Eine Bekannte,
Janka SsskindScheck, hat dann sogar im nordrhodesischen
Regierungsdienst bis in die Jahre nach der 1964er bergabe von der
englischen Kolonialverwaltung an die neue Regierung des unabhngigen
Zambias gearbeitet.

Dann ging ich nach Livingstone, die ursprngliche Hauptstadt am
Zambesi, nahe den Victoriafllen.  Die ganze koloniale Besiedlung
Nordrhodesiens war ja sehr jung, sogar bei den Mastben meiner
Heimat im oberschlesischen Industriegebiet, aber diese kleine
koloniale Stadt Livingstone hatte schon so etwas wie Patina,
verglichen mit den ganz neuen Siedlungen im Copperbelt.  So
erschienen einem auch die jdischen Kaufleute dort mehr
alteingesessen als alte Kumpanen anderer Alteingesessener in Bowling
oder Golfclubs und die Frauen bei durch die Kriegzeiten gegebenen
charitativen Gelegenheiten in Uniformen der St.Johns Brigade.
Besonders in Erinnerung bleibt mir die Familie Kopelowitz.  Sie
fhrten ein gar nicht pompses, aber sehr stilvolles und gastfreies
Haus.  Er prsidierte auch ber die jdische Gemeinde, die Synagoge
war viel benutzt, es gab auch viel Jugend und verschiedene
Bekanntschaften mit deutschen jdischen Emigrantenfamilien.  Auch
polnische Evacuees gab es in Livingstone.  Eines Tages hrte ich, da
unter denen, die durchgereist waren, um nun doch nach Hause in die
Volksrepublik Polen zu gehen, auch der alte Senator Kornke war.
Meine Freunde aus Mufulira sind einige Jahre spter dann auch zu
ihren Familien nach Polen zurckgekehrt.

Als Hhepunkt des Aufenthalts in Livingstone bleibt mir aber der
Besuch der Englischen Knigsfamilie im Juni 1947 in Erinnerung.
Dieser war ausgedehnter fr Sdafrika und Sdrhodesien.  Fr die
damalige Kronkolonie Nordrhodesien war Livingstone der einzige Punkt,
in dem sich so alles fr den Empfang des Knigspaars zusammenzog.  Es
war eine auerordentlich wirksame und malerisch geplante
Veranstaltung.  Alle waren sehr aufgeregt und die Stimmung herzlich.
Auer den blichen Empfngen fr Behrden und Honoratioren unter der
Brgerschaft gab es auch zwei groartig ausgedachte und aufgezogene
Veranstaltungen, die die Begegnung des Knigpaares mit den schwarzen
Eingeborenen darstellten.  Sie waren dem Publikum zugnglich, ich
erinnere mich gut an sie.  Eine besondere Ehrung wurde dem Chief des
Barotse Stammes zuteil.  Er beanspruchte kniglichen Rang, sein Stamm
hatte einst die meisten anderen im nachmaligen Nordrhodesien
tributpflichtig gemacht.  Symbol seiner kniglichen Wrde war eine
zeremonielle Barke, in der er jhrlich auf dem Zambesi von der
Sommer in die Winterhauptstadt seines Stammesreiches fuhr.  Nun
wurde arrangiert, da diese Barke am Ufer des Zambesi bis in die Nhe
der Viktoriaflle transportiert wurde.  Als Beginn ihres
nordrhodesischen Besuchs fuhren der Englische Knig mit Familie und
Begleitern in einem Motorschiff vom sdrhodesischen Ufer des Zambesi
herber zum nordrhodesischen Ufer, in der Mitte des Flusses
begegneten sie der traditionell geruderten kniglichen Barke der
Barotses mit dem Chief und Gefolge, es gab die entsprechenden Salute
und Respektsbezeigung.  Sehr aufgeregt ber diese spektakulre
Veranstaltung, an deren Erfolg er auch, wohl schon im Zusammenhang
mit dem schwierigen Transport der anthropologisch so interessanten
Barke Anteil zu haben schien, war der Dr. Max Gluckmann.  Ich hatte
viel Zeit in seinem RhodesLivingstone Institut zugebracht, wunderte
mich, wie jemand, dem man kommunistische Neigungen nachsagte, sich
emotionell so stark mit der Stammestradition der Barotse verbunden
fhlte, die einst fast ganz Nordrhodesien unterworfen hatten.
Trotzdem fand ich seine professionelle Begeisterung ber diese
Zeremonie sehr sympathisch und nachdenklich machend.  Spter gab es
dann die offizielle Begegnung des Englischen Knigs mit den
Vertretern der gesamten eingeborenen Bevlkerung, wozu die vier
Chieftains der wichtigsten Stammesgruppen ausgewhlt wurden.  Es war
eine Art Indaba auf einer groen Wiese, tausende von Schwarzen waren
da, einer der Chieftains war natrlich der Knig der Barotse.  Drei
von ihnen erschienen in traditionellem Gewand oder in einer
prunkvollen Uniform, aber der Huptling des grten der Stmme, der
Bemba, erschien wie ich mich erinnere, ganz ohne Prunk in einem
grauen Lounge Anzug.  Die Bemba waren mir gut vertraut, stellten
einen groen Teil der Bevlkerung des Copperbelts.

Auf der Empore fr die Begegnung mit dem englischen Knig konnte man
auch den ChiefInduna, also etwa Kanzler, der Barotse sehen.  Man
hatte ihn fters erwhnt in diesen Tagen als vermeintlich den
klgsten Mann in Nordrhodesien berhaupt, dessen Rat oft bei der
Regierung in Lusaka gefragt war.  Ich sah ihn also, ein lterer Mann,
auch in einer schnen Uniform oder Hoftracht.  Viele Jahre spter
sollte mir auffallen, als Nordrhodesien unabhngig und der Staat
Zambia wurde, da war von einem Mann seiner Stellung wenig die Rede
mehr.  Es waren ganz andere Krfte, die dabei in den Vordergrund
traten.

Eines Tages traf ich in Livingstone Frau Savory.  Ich hatte die
Savorys in den ber fnf Jahren, seit ich von der Farm bei Monze
wegzog, nicht mehr gesehen, aber manchmal geschrieben.  Sie lud mich
ein, doch einige Tage bei ihnen auf der Farm zu verbringen, wenn ich
noch auf das Permit von Sdafrika warten mu.  Ich habe das sehr gern
getan.  Es war schn die Menschen und die alte Szene meiner ersten
Monate im Lande wiederzusehen und diese Freundschaftlichkeit der
Savorys wieder zu erfahren.  Es war dann wirklich so, nach schon zwei
Tagen kam das Telegramm von Oskar Lazar, mein Einwanderungsvisum war
bewilligt, ich mute mich bei den liebenswrdigen Gastgebern
entschuldigen, fuhr zurck nach Livingstone und dann bald auch mit
dem Zug nach Johannesburg.  Es war der 17. August 1947. Mein Dasein
als Kriegsflchtling und Evakuee war nun vorber.  Ich war jetzt
eingewandert in Sdafrika, damals ein Dominium im Britischen
Commonwealth.

P.S.: In Johannesburg war man Informationen und Literatur ber die
Welt meiner Vorkriegs und Kriegserlebnisse wieder soviel nher
gekommen, als ich es in Nordrhodesien haben konnte.  Bald nach meiner
Ankunft 1947 sah ich in einer Buchhandlung eine dnne Broschre "A
German of the Resistance".  Das interessierte mich brennend, ich
hatte so wenig darber lesen knnen.  Es hie weiter "The Last
Letters of Count Helmuth James von Moltke".  Ich hatte von ihm und
dem Kreisauer Kreis im Zusammenhang mit dem milungenen Putsch vom 20.
Juli 1944 gehrt, aber nie Einzelheiten erfahren.  Ich sah, da die
Mutter dieses Grafen Moltke englischer Herkunft war, die Tochter des
Chief Justice des Transvaal, Sir James RoseInness.  Die Broschre,
die ich gekauft habe, war in Sdafrika herausgegeben "wegen des
Papiermangels in England, um die Briefe den vielen Freunden des
Grafen Moltke und der Familie RoseInness in Sdafrika zugnglich zu
machen".  Es war ein Nachdruck, von dem "Round Table" herausgegeben.

Die Broschre brachte mit Abdruck einzelner Briefe auch eine Liste
der Hauptteilnehmer des Kreisauer Kreises, der sich um den Grafen
Moltke gebildet hatte.  Ich war sehr bewegt, als ich unter den 16
Namen, die genannt waren, so viele mir bekannt sah, so Carlo
Mierendorf und Paul van Husen, der auch in Kattowitz amtiert hatte,
und persnlich hatte ich drei von ihnen gekannt, es waren Theo
Haubach, Adolf Reichwein und Hans Lukaschek, ich habe ihn fters
erwhnt in meinen Rckblicken.  Es gab mir doch das Gefhl einer noch
immer bestehenden Verbundenheit mit diesen Menschen, fr die man nur
die grte Bewunderung haben konnte, etwas, was einem neue Zuversicht
fr die europische Zukunft geben konnte.




Anmerkungen


Anmerkungen zu "Frhes Panorama und Vorgeschichte"

1) So Thomas G.E. Powell in "Europe, Prehistory..", Encyclopaedia
Britannica 1964, Bd.8 S.852/3.

2) Jazdzewski, Konrad "Urgeschichte Mitteleuropas" Wroclaw 1984 S.
271/486; auch A. Gieysztor u.a.  "History of Poland", Warszawa 1968 S.
31. Als gegenteilige Meinung O. Kleemann "Vorgeschichte Schlesiens" in
"Geschichte Schlesiens", Stuttgart 1961.

3) Darber siehe ausfhrlich O. Pustejowsky "Schlesiens bergang an
die bhmische Krone", Kln 1975.

4) O. Karzel, "Die Reformation in Oberschlesien", Wrzburg 1979, S.224,
allgemein fr Ausbreitung der Reformation im sdlichen Oberschlesien
S.150f.,206f.  Manahmen der Gegenreformation waren aber frh wirksam:
die Kirche in Woschczytz wurde fr den lutherischen Gottesdienst
1628 gesperrt.

5) Fr die frhen Besuche zeugt die "Raffelstdter Zollurkunde".  Ein
frher Reisebericht stammt von dem jdischen Kaufmann aus Spanien
Ibrahim ibn Jaqub (G. Rhode "Kleine Geschichte Polens", S.8 und A.
Gieysztor a.a.O S...  Fr sptere jdische Ansiedlung siehe B.
Bretholz "Geschichte der Juden in Mhren im Mittelalter" I, Brnn
1934.

6) V. Lipscher: "Die Juden im Habsburgerreich des 17.und 18.
Jahrhunderts am Beispiel Bhmens und Mhrens", Dissertation Zrich
1983, S.103 undS.141.

7) H. Teufel: "Zur politischen und sozialen Geschichte der Juden in
Mhren vom Antritt der Habsburger bis zur Schlacht am Weissen Berg
(15261620)", Phil. Dissertation Erlangen 1971, S.74,S.84.

8) S. Dubnow: "Weltgeschichte des Jdischen Volkes", Berlin 1928, Bd.
VI, S.225 und C. d'Elvert: "Zur Geschichte der Juden in Mhren und
sterr.Schlesien", Brnn, 1895, S.123.

9) B Brilling: "Die schlesische Judenschaft im Jahre 1737" im
Jahrbuch der Schlesischen FriedrichsWilhelmUniversitt zu Breslau,
Bd. XVII, Berlin 1972.

10) S. Dubnow a.a.O., Bd. VII, S.286f.



Anmerkungen zu "Die Familie und Kattowitz"


1) Nr.1256 des Staatsbrgerverzeichnis im Amtsblatt der Kniglichen
Breslauschen Regierung vom 16.November 1814, Beilage S.16, sein
Wohnsitz Woschczytz.  Er ist auch verzeichnet im Register der im
Kreis Pless damals wohnenden Juden im Zydowski Instytut Historyczny w
Polsce, Warszawa, als 1782 geboren, seit 1808 verheiratet mit Saara,
und zu seinem Hausstand gehren 4 zwischen 1799 und 1806 geborene
Stiefkinder mit dem Namen "Walder".  Laut berlieferung und anderer
Evidenz war die Ehefrau Sarah geb.  Hollnder, verwitwete Waldau.
Keines der beiden Register hat Rubriken fr den Geburtsort oder Namen
des Vaters.  ber diesen, meinen Ururgrovater haben wir nur die
mndliche Tradition, da er in seinem Alter von Woschcztz als
Schriftkundiger nach Pilica gerufen wurde und dort starb.  Das knnte
zu der Zeit gewesen sein, als Pilica durch die Teilungen Polens an
der Grenze des preuischen und sterreichischem Teilgebiet lag
(Gieysztor "History of Poland", Karte Nr.25).

2) Siehe "Mormonen" Film 579598 Bd.29 Familienregister der Juden von
Sohrau Nr.39. In der 1817 Zuzugseintragung ist sein Geburtsjahr als
1779 verzeichnet, sein Beruf als Lederhandel.

3) Von den Kindern seiner verstorbenen Frau adoptiert er den 1802
geborenen jngsten Stiefsohn Isaak, dessen Sohn Louis spter
Mitgrnder der bekannten Erzhandelsfirma Rawack & Grnfeld wird.

4) Vermutlich eine Tochter des 1768 geborenen, seit 1809 in
Nieborowitz, Kreis Rybnik, ansssigen Gastwirts Samuel Huldschinsky.

5) Handbuch zu dem Atlas von Preuen, Erfurt 1836.

6) Im Zuge der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in
Oberschlesien wird Woschczytz fr 1693 erwhnt(....), und ein
jdischer Toleranzsteuerzahler in 1737 ist auch fr Woschczytz
erwhnt bei Brilling S...

7) M. Freudenthal "Leipziger Messgste"...

8) Nerlich S.51.

9) A. Weltzel, Geschichte der Stadt Sohrau, Sohrau 1897, und die
neuere von G. Nerlich, Dortmund 1972.

10) Weltzel S.65.

11) Weltzel S.431.

12) Nerlich S.46.

13) Das Rittergut Bogutzker Hammer mit Kattowitz und Brynow wurde
1702 an die Plesser Standesherren v. Promnitz verkauft.  Das Inventar
(Urbar), das dafr gemacht wurde, verzeichnet die Namen der
angesiedelten Grtner, darunter Skiba (Hofmann S.30) und erwhnt wird
auch (Majowski 1958, S.25) der "Kretschem, von dem wegen Bierund
Brannweinverlag der Jude jhrlich Mittem zu geben pfleget".  Eine
ausfhrliche und, in vieler Beziehung sich um Abgewogenheit bemhende
Darstellung der Geschichte des Dorfes Kattowitz und der nachfolgenden
Stadtwerdung bringt auch S. Karski in Kattowitz (1985).

Unter den jdischen Toleranzsteuerzahlern 1737 (Brilling S.57) ist
fr Bogutzker Hammer ein Abraham Moses verzeichnet, auch je ein Name
fr die Drfer Bogutschtz und Zalenze, ebenso wie fr Woschczytz.
Das Rittergut mit den Drfern ging 1736 von den v. Promnitz wieder an
die Myslowitzer Standesherren, die polnische Adelsfamilie v.
Mieroszowski ber.

14) Dieser Urgrovater Peretz (oder Perens) Sachs, 1794 geboren, Sohn
des dann 1812 in Maczejkowitz, Kreis Beuthen, ansssigen und
Staatsbrger gewordenen Isaac Sachs, zog 1819 von Hajduck, Kreis
Beuthen, nach Smilowitz, bei Nikolai, Kreis Pless und heiratete dort
die 1799 geborene Tochter Minel des 1812 dort ansssigen Joachim
Ludniowski, der selbst als 1763 geboren ausgewiesen wird.  Das
Ehepaar Peretz Sachs zog 1827 mit 3 Kindern von Smilowitz nach
Zalenze, damals im Kreis Beuthen gelegen.

15) Unter den Verffentlichungen ber ihn siehe Dr. Ernst Koenigsfeld
in "Schlesien" IV, 1984. Von polnischer Seite, wo man sich auch gern
an diesen Englnder unter den Pionieren der oberschlesischen
Stahlindustrie erinnert, die Broschre "John Baildon" von Jerzy
Sikora (KatowickieTow.Spo.Kult.).

16) Majowski 1958 S.55/6.

17) Hoffmann S.34.

18) Broszat, Martin "Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik" S.90.

19) Broszat S.105. Es ist interessant, da die Betonung auf dem
Erfordernis der Loyalitt gegenber dem preuischen Staat und seiner
Monarchie lag, zu deren Strkung Kenntnis der deutschen Amtssprache
verbreitet werden sollte, aber sie sollte nicht aufgedrngt werden
und "jeder Anschein einer versuchten Verdrngung oder Beeintrchtigung
des polnischen Elements vermieden werden" (Denkschrift des v.
ArnimBoitzenburg, zitiert von M. Broszat).

20) In einer Atmosphre, die sich schon zu der liberalen 1848
Revolution hin entwickelte, hatte der Fhrer der Liberalen im
Preuischen Landtag, Georg v. Vincke, erklrt, nicht nur das
Groherzogtum Posen, auch Teile anderer preuischer Provinzen, so
Oberschlesien mten "als der polnischen Nationalitt zugehrig"
angesehen werden.  S. Broszat, S.108.

21) Broszat, S.116.

22) Fr 1783 verzeichnet Hoffmann 490 Einwohner fr Kattowitz mit
Brynow, 1825 675, 1836 sind es laut Atlas von Preuen, Erfurt, 785
Einwohner.  Fr 1867 sind es schon 4.815 ohne Brynow, das nicht ins
neue Stadtgebiet einbezogen wurde.

23) Hoffmann S.54.

24) Verffentlichungen des Katowickie Towarzystwo
SpolecznoKulturalne und auch dort Krystyna Szaraniec "Znani i
nieznani Katowiczanie".

25) Dr. J. Cohn, Geschichte der Synagogengemeinde Kattowitz, S.1.

26) Hoffmann, S.71. Auch die neue Verffentlichung Kattowitz 1985
behandelt die damaligen Vorgnge ausfhrlich, so Dr. S. Karski S.30/37.

27) S. Wenzel, "Jdische Brger und Kommunale Selbstverwaltung", S.
126/8.

28) Fuchs, Konrad, Wirtschaftshistoriker in Mainz, erwhnt die
Grndung des Unternehmens durch diese 3 "Kattowitzer Finanziers"; in
"Die Bismarckhtte in Oberschlesien..." in der Schriftenreihe
"Tradition" 15/1970 gibt er eine ausfhrliche Darstellung des Werks,
das bald auf Wunsch seines technischen Pioniers Wilhelm Kollmann in
Bismarckhtte umbenannt wurde.

29) Das Baugeschft war sehr erfolgreich und hatte meinen Grovater
zu einem sehr anerkannten und wohlhabenden Mann gemacht.  Aus dem
Jahr 1877 stammen Zeugnisse ber von ihm ausgefhrte Arbeiten in der
oberschlesischen Industrie.  So bescheinigt Wilhelm Kollmann den Um
und Neubau (1869/72) des ganzen Httenwerks der damals W.
Hegenscheidt'schen Baildonhtte unter den schwierigsten Verhltnissen,
whrend die Htte selbst in fortwhrendem Betrieb war,
einschlielich schwieriger Fundament und Zementarbeiten fr die
Maschinen, Dampfhmmer, Kessel und Schornsteine.  Das zweite Zeugnis
von Kollmann bescheinigt die Bauten an der Bismarckhtte 1872/4 (das
ganze Puddel und Walzwerk mit 12 groen Kaminen, das
Verwaltungsgebude und 10 groe Arbeiterwohnhuser).  \XC4hnlich
preisend ist das Zeugnis des Herrn Bernhardi fr Giesche ber
Arbeiten 1874/76 u.a. an den Wilhelm und PauliZinkhtten.  Es
erwhnt besonders eine 302 Fu hohe Esse.  Es gibt dann noch alte
Zeugnisse der Schlesag (einer Zinkhttengesellschaft), der
ThieleWinkler'schen Verwaltung und der Eisenbahnverwaltung
betreffend Arbeiten in Kattowitz, Knigshtte, Beuthen, Gleiwitz und
Neuberun.

30) In einem Bericht ber die Einweihung des neuen Gymnasiums 1900
(aus Kattowitzer Zeitung, abgedruckt im Oberschlesischen Kurier,
Salzgitter) sind beide Brder in diesen Eigenschaften erwhnt, der
Stadtbaurat Max Grnfeld wurde dabei mit einem Orden ausgezeichnet,
da das Gymnasium nach seinen Entwrfen gebaut wurde.  Viele Jahre
spter erwhnt (auch in einem Beitrag in der Kattowitzer Zeitung,
abgedruckt im Oberschlesischen Kurier) der einstmalige Kattowitzer
Stadtrat Louis Dame, auch ein Baumeister, in seinen Erinnerungen an
Kattowitz, die stdtebaulich hervorragende Bebauung der damaligen
August Schneiderstrae (spter und noch heute ulica Mickiewicza): das
stdtische Badehaus, danach die Synagoge (die ebenfalls von meinem
Onkel Max Grnfeld entworfen war) und dann eben das Gymnasium, alle
in einer Reihe, in hnlichem roten Backsteinbau.  Er erinnerte sich
damals an diese Lsung als ein besonderes stdtebauliches
Schmuckstck fr Kattowitz.  Fr eine Abbildung siehe Sammelwerk
Kattowitz, 1985, S.92. 1939 haben die Nationalsozialisten als
Eindringlinge die Reihe gestrt, als eine ihrer ersten Taten
sprengten sie die Synagoge.

31) Maximilian Harden in seinem Buch "Kpfe", S. 141, erwhnt ihn als
Hausarzt des Geheimrat Holstein, der bekannten "Grauen Eminenz" im
Auswrtigen Amt.

32) Als Student in Wrzburg trat er der "Deutschen Burschenschaft"
bei, wie damals manche aus stark assimilierten jdischen Familien.

33) Die Stadt Rackwitz hatte laut Atlas von Preuen 1836 1494
Einwohner, "besuchte Getreidemrkte".  Josef Oettinger war ca.50
Jahre Gemeindevorsteher, grndete 1806 die "Chevra Kadisha", er starb
1862. Ein Sohn, Hermann Noah, als "fromm und wohlttig bekannt",
grndete das Handelshaus H.N. Oettinger & Cie. in Hamburg (Hepner S.
879).

34) Eine Kopie seiner Dissertation (mit Lebenslauf: Geburtsdatum 1808,
hatte das Gymnasium in Posen besucht) zum Thema "Hippokrates, vita,
philosophia et ars medica", in lateinischer Sprache verfat, habe ich
in der Zentralbibliothek Zrich gefunden und kopieren knnen.

35) Ihre Familie gab es in Wollstein, zu ihr gehrte Moritz Schiff
und Frau Sydonie geb. v. Taussig, die Verwandtschaft in Ungarn hatte.

36) Er soll ein sehr erfolgreicher Industrieller geworden sein, der
in jungen Jahren mittellos aus Litauen nach Ostpreuen kam, mit einem
jngeren Bruder, den er studieren lie und der als Beamter und
Wissenschaftler in preuischen Statistischen mtern eine Karriere
machte und den Geheimratstitel erhielt.  Das war dann wohl der
frheste in meiner Familie, aber ich habe keine Details darber
gefunden.

37) Paul Gerber war Hals, Nasen und Ohrenarzt, Professor an der
Universitt Koenigsberg, auch mit Geheimratstitel, verffentlichte
aber auch Gedichte und auch kleine politische Schriften, so eine um
1918 betitelt "Goethe und die franzsische Revolution, ein blaues
Trostbchlein in roter Zeit".  Politisch gehrte er zur
Deutschnationalen Volkspartei, er starb schon jung 1919.

38) Er war Assistenzarzt des bekannten Dr. Flgge und danach, bis er
1914 in den Krieg ging, Oberarzt des Dr. Pfeiffer in Breslau.  Als
Student gehrte er zum "Akademisch Literarischen Verein" in Breslau.



Anmerkungen zu "Kindheit und frhe Jugend"

1) Es gibt dafr Hinweise in der nach dem 2.Weltkrieg sich
profilierenden Literatur ber Anzeichen von Antisemitismus in
Deutschland vor der Hitlerzeit.

2) An Encyclopaedia of World History ed. W. Langer, London 1948, S.936.

3) Verfasser der Geschichte der Stadt Kattowitz (1895), hatte lange
dort gelebt, mein Vater kannte ihn gut.  Wie mir erzhlt wurde,
verlie er mit anderen seine Burschenschaft aus Protest gegen den
Ausschlu jdischer Altburschenschaftler, also ein liberaler Zug,
aber in die Weimarer Nationalversammlung ging er 1919 als
deutschnationaler Abgeordneter.

4) ber die sprachliche Verhltnisse im Regierungsbezirk Oppeln zu
Beginn des 19. Jahrhunderts heit es im "Handbuch zu dem Atlas von
Preuen" (Erfurt, 1836): "Die herrschende Sprache ist die polnische,
um Neisse und Grottkau wird ganz, um Falkenberg und Neustadt viel
deutsch, in den Kolonien Friedrichgrtz, Buddenbrock und Prittwitz
bhmisch, an der sterreichischen Grenze mhrisch gesprochen" (S.l91).
Dann werden die einzelnen Kreise besprochen, so zu Beuthen: "die
Sprache der Bevlkerung ist fast berall polnisch", Lublinitz: "die
polnische Sprache ist fast berall die herrschende", Kreis Neustadt:
"die Sprache ist um Neustadt die deutsche, brigens wird mehr
polnisch gesprochen", Kreis Pless: "In Pless wird deutsch, brigens
polnisch gesprochen", Rybnik: "die Einwohner, welche sich der
polnischen Sprache bedienen..." (S.207).

Exkurs

Die Struktur der polnischsprechenden Bevlkerung hatte sich mit der
Zeit gendert.  Es hatte nicht nur polnische Landbevlkerung gegeben.
Noch im 18. Jahrhundert waren viele Stdte katholisch und polnisch
sprechend.  Durch die schnelle Industrialisierung im 19. Jahrhundert
entstand dann eine starke polnische Industriearbeiterschaft, bei der
nationale polnische Bestrebungen einen ebenso aktiven Anklang fanden
wie bei der buerlichen polnischen Landbevlkerung.  Andererseits gab
es aber auch zunehmende Assimilation (Germanisierung), besonders bei
Intelligenz und wirtschaftlich gehobeneren Schichten.  Das preuische
Schulwesen und die Anziehungskraft des damals hauptschlich von der
deutschsprechenden Bevlkerung vorwrts getriebenen wirtschaftlichen
Fortschritts verfehlten nicht eine gewisse Wirkung.  So finden sich
unter den deutschsprechenden und deutschgesinnten Oberschlesiern
viele mit polnischen Namen.

Andererseits war das Polentum unter oberschlesischer Intelligenz und
Mittelstand nicht im Verhltnis zu seiner Bevlkerungsstrke
vertreten.  Die nationalpolnische Bewegung, in die polnische Krfte

in Posen und Westpreuen auch die oberschlesischen Polen einbeziehen
wollten, fhrte dazu, da bewhrte Krfte z.B. aus der Provinz Posen
sich in Oberschlesien ansiedelten, mitfhrend in der
nationalpolnischen Bewegung wurden und zur Strkung eines polnischen
Mittelstands beitrugen.

5) M. Broszat a.a.O, S.176.

6) do.  S.193.

7) do.  S.199.

8) Ruth Storm "..und wurden nicht gefragt", Augsburg 1972, S.50.

9) Laut A.J.P. Taylor (Encyclopaedia Britannica 1964, Bd.10/S.327) die
einzige wichtige Konzession, die Deutschland in Versailles erreichen
konnte.

10) O. Ulitz a.a.O.S.42.

11) aus "Atlas zusammengestellt von deutschen Autoren" (Moderner
Buchklub, Darmstadt, zitiert im Oberschlesischen Kurier, Salzgitter)

12) G. Rhode, a.a.O. S.477.

13) Ein ausfhrlicher Bericht bei Krzystof Brozek in "Andrzej
Mielecki" (Katowickie Towarzystwo SpolecznoKulturalne, Katowice
1983) erwhnt auch 2 etwas unterschiedliche Erinnerungen.

14) Im seinerzeit vom Polnischen Plebiszitkommissariat auf
franzsisch verffentlichen "Memoire.. sur les Troubles en Haute
Silesie" finden sich viele Zeitungsausschnitte meist deutscher
Zeitungen, aus denen ich Informationen ber die damaligen Vorgnge
entnehmen konnte.

15) M. Broszat a.a.O. S.209.

16) "Memoire", a.a.O. S.25.

17) do.  S.32.

18) do.  S.24.

19) do.  S.9.

20) do.  S.49.

21) Item 5 des Anhangs zu Art.88.

22) G. Webersinn, "Otto Ulitz, ein Leben fr Oberschlesien", Augsburg
1974, S.27.

22) do.  S.28.

23) Ulitz, a.a.O.S.59.



Anmerkungen zu "Kattowitz kommt zu Polen"

1) ber den Metropoliten entwirft ein Bild Hansjakob Stehle in "Die
Zeit" 5. Juli 1985.

2) Dazu siehe Walter Laqueur "Die deutsche Jugendbewegung" Kln 1962.

3) Ulitz a.a.O.S.81.

4) Ein alter Oberschlesier bei uns in der Ziegelei, sein Sohn hatte
am polnischen Aufstand 1921 teilgenommen, besttigte das und
berraschte mich ungemein, wie er das ausdrckte: ja, die Leute
fhlen, es geht nicht gut, und es ist Zeit, das der Herr Williger und
der Herr Baumeister die Sache wieder in die Hand nehmen.  Also
Sehnsucht nach vermeintlich guten alten Zeiten, wo Schwerindustrie
und die durch das Dreiklassenwahlrecht bestellte Stadtverwaltung sich
in die lokale Verantwortung zu teilen schienen.

5) Bericht der "Kattowitzer Zeitung" vom 10.Mrz 1927, abgedruckt im
"Oberschlesischen Kurier" Salzgitter.

6) Broszat,a.a.O.S.225f.

7) ber ihn findet sich ein Beitrag in der Zeitschrift des Jdischen
Historischen Instituts, Warszawa.

8) Desgleichen auch die beiden der Polnischen Sozialistischen Partei
angehrigen Kattowitzer Anwlte Dr. Baj und Dr. Karol Stach, die mit
Dr. Liebermann als Verteidiger auftraten.

9) Die lteste unter diesen Kusinen des Vaters Bertha Wachsmann mit
zwei Tchtern: Erna Weissenberg (deren auch schon erwachsene Kinder
Mia und Ernst) und Martha Brann (mit Tochter Ruth).  Weitere Zalenzer
Kusinen des Vaters waren Minna Koenigsfeld (mit Tochter Erika
Schlesinger und Sohn Kurt), Trude Koenigsberger in Lublinitz(ein Sohn
hie Herbert, verheiratet in Neisse), Johanna Frankenstein und die
unverheiratete Jenny Grnfeld in Kattowitz.  Der lteste Bruder Max
lebte in Berlin, Direktor des Deutschen Eisenhandels, sein Sohn Heinz,
spter als Henry Grunfeld sehr erfolgreich und bekannt in London als
Bankier (Kinder Thomas und Luise) weitere Kinder von Max und Rosa
Grnfeld in Berlin waren Edith Kosterlitz und Sohn Robert.

10) Die lteste Tochter Susi wurde Kinderrztin, spter in New York
(Suzanne Forrest). die zweite Kthe war Bildhauerin, Lotte mehr in
meinem Alter heiratete den Anwalt Helmuth Margoninski, lebten in
Kanada, die jrigste Ruth in Florida.



Anmerkungen zu "Als Student in der Weimarer Republik"


A) Berlin:


a) "Leben und Studium"

1) Dazu O.F. Scheuer "Burschenschaft und Judenfrage S.30f und S.40. Zu
bekannten Burschenschaftern jdischer Abstammung gehrten Heinrich
Heine, Ferdinand Lasalle, Friedrich Stahl.

2) Zu Geschichte und Entwicklung "FWVer Taschenbuch", Berlin 1931,
Schriftleitung Kurt Wilk mit Beitrgen von Alfred Rothberg und Max
Pinn (Mein Dank an R.Grupner, London, fr Beschaffung dieser Quelle).

3) Hans Peter Bleuel, Ernst Klinnert: "Deutsche Studenten auf dem Weg
ins Dritte Reich" S.262.

4) Zu diesen Freunden gehrte auch der Chemiker Fritz Haber.

5) Sie wurde sehr erfolgreich in ihrem Fach in den USA und teilte den
Nobelpreis fr Physik 1963. Zu ihrem Lebenslauf Siehe "Kattowitz"
1985 S.46.


b) "...und politische Bettigung".

6) Unser sozialdemokratisch gesinnter Mathematiklehrer in Kattowitz,
Rath, hatte die ihm bekannte Frau Wegscheider, ohne mein Wissen, auf
meinen Studienbeginn aufmerksam gemacht.

7) Die Studentenschaft der TH Charlottenburg hatte sich innerhalb der
Deutschen Studentenschaft stark gegen jeden Kompromi mit dem
Minister exponiert (siehe Akten der Deutschen Studentenschaft,
Bundesarchiv Koblenz ZSG 129).  Mein Antrag mu an meiner TH also im
Mai ein recht heies Eisen gewesen sein.

8) Heinz Ollendorf in "Student und Hochschule" 20. Juli 1929, I/2.

9) Er war einer der bei der Grndung des DStV beteiligten Veteranen
der Hochschulpolitik, Sohn von Hugo Preuss.

10) Werner Stephan: "Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus
19181933", Gttingen, S.416/7.

11) Theodor Heuss "Erinnerungen 19051933", Tbingen 1963.

12) Heuss, a.a.O. S.386.

13) Stephan a.a.O S...

14) Das vorherige Kabinett Marx hatte den Bau beschlossen, der neue
Finanzminister Hilferding besttigt, da die ntigen Mittel da sind.
Dietrich fand, die Demokraten sollten nicht dabei sein, den dadurch
wirksam gewordenen frheren Kabinettsbeschlu jetzt umzustoen.

15) Hermann Graml, "Europa zwischen den Kriegen", DTV 1974 S.216.

16) Peter Krger "Die Auenpolitik der Republik von Weimar",
Darmstadt 1985.

17) Broszat a.a.O.S.219/31.

18) FredHildenbrandt in "...ich soll dich grssen von Berlin"
(Mnchen l966) bringt eine Erinnerung an die beiden Schwestern(S.
98/9).

19) In seinen Erinnerungen "Wirken in Wirren" (Hamburg 1950) beklagt

sich Hellpach ber mangelnde menschliche Nhe fr ihn in der
demokratischen Reichstagsfraktion, z.B. bei Rckkehr von schweren
Erkrankungen sei er nie entsprechend begrt worden.  Davon wute ich
damals nichts.

20) Der KCer Rudi Samuel, mein Mitkmpfer an der TH Charlottenburg
zeigte sich eines Tages erstaunt ber meine Kenntnisse jdischer
Feiertage, ich sei doch getauft, der KC habe damals gegen mein

Vorstandsamt im DStV gestimmt, weil sie sich nicht von einem
getauften Juden vertreten lassen wollten.  Er wute nicht, warum man
sich nicht besser erkundigt hatte.

21) Die seit dem Juli 1929 erscheinende Zeitschrift des DStV "Student
und Hochschule" war, wie mir bei heutiger Durchsicht scheint viel zu
wenig auf Mitarbeit aus Kreisen und Ortsgruppen im Lande gesttzt und
zu sehr von Berlin aus bestritten.

22) Presseberichte darber im Bundesarchiv Koblenz ZSG 189 und
"Student & Hochschule" I/1.

23) ber diese Bewegung hielt ich mich stndig auf dem Laufenden,
auer durch persnliche Kontakte auch durch ihre Zeitschrift "Nation
und Staat", Wien.

24) Der Leiter war Dr. H. Schairer, der auf seinem Spezialgebiet auch
international anerkannt war und sich spter als aktiver Hitlergegner
erwies.

25) ber den Verlauf der Tagung fand ich viele Zeitungsausschnitte in
den Akten der damals gegnerischen Deutschen Studentenschaft im
Deutschen Bundesarchiv Koblenz ZSG 129.

26) Dr. Theodor Bohner war der Fachreferent der demokratischen
Fraktion im preuischen Landtag fr Kultur und Bildungswesen, also
die Stellung, die Frau Dr. Wegscheider bei den Sozialdemokraten hatte.
Er war ein besonders enger Freund des Demokratischen Studentenbunds
und ich erinnere mich lebhaft an viele erfreuliche Gesprche mit ihm.

27) siehe Vossische Zeitung 15. Januar 1930.

28) W. Stephan a.a.O. S.391.

29) "Student und Hochschule", 1929 Nr.5/6.: "die Ideologie der
heutigen Studenten ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die
Soziologie der Studenten untersucht" begann Zehrer seinen Beitrag.
Weit ber die Hlfte kommen vom durch die Inflation verarmten
Mittelstand, zwischen dem "Kapital" und den "Organisationen der
Masse" zerrieben, die ltere Generation mrbe und resigniert, wachsen
die Shne schon in einer anderen Wirklichkeit auf, daher die
Ideologie der vom Faschismus und Nationalsozialismus Angezogenen.
Der Faschismus aber hat die Mittelklassen bereits 1924 "wieder
ausgeschaltet", der Nationalsozialismus "aber verrannte sich im
Antisemitismus und im Kampf gegen Rom und die Freimaurer".  Viel
wichtiger als gegen Republikfeindlichkeit und Unruhestifter in der
Studentenschaft vorzugehen, wre durch ein neues groes
Wirtschaftsprogramm die Lage der Mittelklasse zu verbessern.  Das
kann nur durch eine "tiefgreifende Aktivierung der heutigen, alten
Mittelparteien" geschehen.  So Zehrer im November/Dezember l929.

30) ber diese sehr enge Verbindung siehe Th. Heuss S.375 f.

31) W. Stephan S.395.

32) Die Versammlung fand in der Hochschule fr Politik statt.

33) Vossische Zeitung 4. Mrz 1930 und W. Stephan S.425.

34) Die politische Mitte versumte eine mgliche Chance, da sie sich
nicht zu einem Kraftzentrum formieren konnte.  Die Konflikte zwischen
Korporationen und Nationalsozialistischer Partei setzten sich auch
spter fort, und verschrften sich noch nach Hitlers Machtergreifung.
Darber Bleuel S220f.

35) So eine Rede Dietrichs, Vossische Zeitung, 8/3/1930.

36) Damals wute ich noch nicht, da er als der Schriftsteller galt,
der unter dem Namen Erich Maria Remarque schrieb.

37) ber diesen siehe Heuss S.392/3, Stephan S.444f.

38) Stephan S.431/2 ber Parteiausschusitzung in Halle 25.Mai 1930.

39) Stephan berichtet, da in der letzten Unterredung des
demokratischen Parteifhrers KochWeser mit dem kranken Streseman im
September 1929, dieser eine Verschmelzung der beiden liberalen
Parteien als derzeit unmglich bezeichnete, aber KochWeser riet, auf
eine Vereinigung der Demokraten mit dem Jungdeutschen Orden
hinzuarbeiten.  Davon wuten wir damals nichts.

40) Stephan S.446. Von den dort genannten "intellektuellen jungen
Menschen", wurden bei uns im Demokratischen Studentenbund Theodor
Eschenburg und Josef Winschuh zu Vortragsabenden eingeladen.

41) Stephan S.434/8.

42) Nach Stephan S.48 hatte Richard Otto Frankfurter noch auf der
Vorstandssitzung vom 25.Juli gefordert, die Partei solle als
"Dietrich Partei" allein in den Wahlkampf gehen.  Frankfurter kannte
ich als Prsidenten der Altherren der FWV, als ich 1929 als
Nachfolger Ollendorfs Auenvertreter der FWV wurde, nahm ich an
Sitzungen des Prsidiums in seinem Hause teil.  Wie aktiv und
anscheinend sehr angesehen er damals auch noch in den Gremien der
Demokratischen Partei war, habe ich dem Buch von W. Stephan mit
Interesse entnommen.  Sein Vertrauen in Dietrich habe ich damals
geteilt.

43) Hermann Proebst wurde nach dem 2. Weltkrieg als Chefredakteur der
"Sddeutschen Zeitung" sehr bekannt und angesehen.

44) Hermann Graml S.214f.

45) Das war auf dem vorjhrigen Kongre, an dem ich noch nicht
teilgenommen hatte, beschlossen worden.  Fhrer der deutschen
Delegation war damals der.  Zentrumsstudent Felix Raddatz gewesen.
Fr viele Informationen ber die FUI bin ich Dr. Jacques Kunstenaar,
Zrich, den ich damals als Leiter der Schweizer Delegation kennen
lernte, zu Dank verpflichtet.

46) In seinem Bericht (Der Student 18/S.6) ber den FUI Kongre
kommentiert Wolfgang Straede dann "..ein von den Deutschen wegen
seines wichtigen Przedenzcharakters ohne weiteres angenommener
Vorschlag".  Fr mich war das ein Erfolg fr was man heute
pluralistische Lsungen nennen knnte, verglichen mit der vorherigen
Haltung der Deutschen Studentenschaft, und ich meinte, da ich denen
dabei beteiligten Exponenten Wolfgang Straede und Dr. Walther Reusch
auf dem Wege zu diesem Schritt geholfen hatte.

47) Ich erinnere mich dabei an Ernst v.  Salomon "Der Fragebogen".

48) Whrend der Genfer FUI Tagung war bei dem blichen Besuch der
deutschen Studentendelegation bei der Deutschen Vertretung beim
Vlkerbund auch das Thema Mitteleuropa erwhnt worden und der Plan,
da wir darber mit den tschechischen Studenten sprechen wrden.

49) Informationen ber Teilnehmerzahl (etwa 100 "Studenten und
jngere Altakademiker") und vertretene Lnder (10) enthlt dann der
Bericht ber die Tagung in "Der Student" 1931 Folge 7 S.10.

50) "Student & Hochschule" Jahrgang 3 Nr.1/2 S.22.

51) Dazu siehe ausfhrlich in Peter Krger a.a.O. schon S.382/3, wo v.
Schubert und Kpke als Gegner solcher Erwgungen erwhnt werden, die
aber andere tatschlich beschftigten.

52) Sozialistische Monatshefte 12/10/1931 S.960 "Die internationale
Diskussion ber den polnischen Korridor".

53) Nicht lange nach unserer Grenzlandtagung Mai 1929 in Dresden
hatte ich Prag zum ersten Mal mit groer Begeisterung gesehen, um der
dortigen befreundeten "Lese- und Redehalle deutscher Studenten" einen
Besuch abzustatten.

54) Fr Berichte siehe vossische Zeitung 2.April 1931, Journal de
Genve 31. Mrz, "Der Student", Folge 7/1931 S.10, "Student &
Hochschule", Mai 1931.

55) Ich wurde gebeten, einen Dr. G. dem Fhrer der Schweizer
Delegation Jaques Kunstenaar vorzustellen, denn G. sei auch Schweizer,
dann stammelte er aber, da er eigentlich aus Vorarlberg sei, aber
das wre doch beinahe dasselbe.  Ich fand das sehr merkwrdig und
besprach es mit Jacques Kunstenaar.  Ein Dr. G. wird spter als
nationalsozialistischer Staatsrechtler bekannt.  Jacques Kunstenaar
war in dieser Zeit schon ein prominentes Mitglied der Spitze der FUI
geworden und wurde dann auf der anschlieenden Ratstagung in Wien
zum nchstjhrigen Prsidenten bestimmt.

56) Die damalige Lage wird knapp zusammengefat von P. Krger a.a.O.S.
531.

57) Die wirtschaftlichen Referate wurden gehalten von dem
tschechischen Dr. Schuster aus Prag und Dr. Kanas aus Pressburg, von
deutscher Seite Dr. Fischer, Berlin und Dr. Hans Wilbrandt als
agrarpolitischer Experte, der auch Mitarbeiter der "Sozialistischen
Monatshefte" war.  Ein deutscher Bericht ("Der Student" 7/10) zitiert
als uerung eines tschechischen Delegierten: "es ist das Problem
eines gemeinsamen Lebensraums, das doch mehr ist als bloe
Nachbarschaft".

58) Die Verffentlichung des Zollunionsplans war anscheinend fr
einen etwas spteren Termin geplant, aber wurde dann wegen
befrchteter Indiskretionen auf diesen Tag vorverlegt (Krger, S.533,
"Der Student" 7/S.4).

59) Vossische Zeitung 2. April 1931: "Die Tagung, die von Vizekanzler
Schober erffnet wurde, zeigte einen erfreulichen Aufschwung der
studentischen Vlkerbundsarbeit und ein Anwachsen der Organisation in
fast allen Lndern".

60) Journal de Genve 31.31.1931 und Der Student Folge 13/14 S.11/12.

61) Siehe P. Krger's Kommentar S.533: "Dies war wirklich der
Sndenfall der deutschen Auenpolitik, eine Herausforderung des
europischen Staatensystems und eine schlecht kalkulierte dazu" und
seine weiteren Informationen ber Opposition im Auswrtigen Amt gegen
diese Plne von Curtius und seinen neuen Staatssekretr v. Blow, und
eine warnende Aufzeichnung von Kpke vom 21.2.1931, "da die
Tschechoslowakei und Frankreich wegen Bedrohung der
tschechoslowakischen Unabhngigkeit die folgenreiche Vernderung der
europischen Machtverhltnisse durch die Zollunion keineswegs
hinnehmen knnten.  Als einzige Mglichkeit, dem Ziel nher zu kommen,
schlug Kpke jenen Weg vor, der in den Unterredungen zwischen Benes
und Schubert im Mai 1928 sich als allein wirklichkeitsnah
herausgestellt hatte, nmlich beide Lnder von vornherein in die
deutschsterreichischen Verhandlungen einzubeziehen..".  Eine
hnlich kritische Betrachtung auch bei Graml a.a.O. S.260/1.



B) Mnchen


1) Ralph Kleemann war mit meinem Vetter Ernst Grnfeld befreundet,
den er in einem frheren Semester getroffen hatte.

2) Ausfhrliche Informationen lieferte mir dafr die Mnchner
Dissertation aus dem Jahr 1949 "Der politische Kampf an den Mnchner
Hochschulen von 1929 bis 1933 im Spiegel der Presse" von Ludwig Franz.

3) Franz S.49.

4) Franz S.49/53.

5) Franz S.74.

6) Franz S.79 berichtet ber diese Verwundung von Nawiaskis
Assistenten.

7) Franz vermutet, weil sie nicht das Fortbestehen der staatlichen
Anerkennung gefhrden wollten.



C) Zwischen Breslau und zu Hause

1) Mit ihm und seiner Freundin Lilo Linke waren wir im Demokratischen
Studentenbund sehr eng verbunden gewesen, von Stephan S.394 als
begabter Journalist und geistig fhrender Jungdemokrat bezeichnet.

2) Leopold Schwarzschild in seinem "Tagebuch" war einer der
ausgesprochendsten Gegner, siehe "Die letzten Jahre vor Hitler",
Auszge aus dem Tagebuch 1929/33 mit Vorwort von Golo Mann.  Der
frhere Staatssekretr Hans Schaeffer nennt als Hauptursache von
Brnings Deflationspolitik die Zwangsvorschriften fr deutsche
Wirtschaftspolitik, die in den Dawesund Youngplanabkommen festgelegt
waren, ohne deren Einhaltung Brning niemals hoffen konnte, die
wirtschaftlich absolut notwendige Stundung weiterer
Reparationszahlungen zu erreichen.  Unter heutigen Historikern gibt
es aber auch den Vorwurf, da Brning die schrecklichen Auswirkungen
seiner Deflationspolitik gar nicht bereute, er sah sie nicht nur als
wirtschaftstheoretisch unvermeidlich an, sondern Verarmung, steigende
Arbeitslosigkeit, ja sogar politische Unruhe in Deutschland schienen
ihm gute Mittel, die Alliierten von der Undurchfhrbarkeit weiterer
Reparationszahlungen zu berzeugen, und dadurch die Revision des
Versailler Vertrages einen Schritt weiterzubringen (s.  Graml.S245/
6).  Ich erinnere mich nicht, da es solchen Verdacht oder Vorwrfe
schon damals gab.  Man findet ihn auch heute nicht z.B. bei Martin
Broszat in seiner Darstellung von Brnings Politik in "Die
Machtergreifung" S.132/4.

3) Die Vorgnge, die schon nach weiteren acht Monaten zur
Machtergreifung Hitlers fhrten, wurden frh eingehend dargestellt
von Karl Dietrich Bracher "Die Auflsung der Weimarer Republik", S.
529f.  Auf den neuesten Stand der Forschung und Meinungsbildung
bringt Martin Broszat "Die Machtergreifung" DTV 1984(1987).  Siehe
auch Kurt Sontheimer "Deutschland zwischen Demokratie und
Antidemokratie", besonders sein Aufsatz ber den "Tatkreis" S.56f.,
ferner Ebbo Demant "Hans Zehrer als politischer Publizist" S.84f.

4) Bracher S.644.

5) Bracher S.645.

6) Sontheimer S.81.

7) Schwarzschild in seinem Artikel im "Tagebuch" vom 31.12.1932 und
in Golo Mann's Vorwort S.28/29.

8) August Rathmann "Ein Arbeiterleben" (Wuppertal 1983) S.182/3.

9) siehe auch Heinrich August Winkler ber diese "Gratwanderung" in
seiner Besprechung von August Rathmanns Buch in die "Zeit".

10) Bracher S.681.

11) dazu Bracher S.699 und Golo Mann bei Schwarzschild S.29 "sie
haben Schwarzschilds Rat, die Regentschaft zu dulden, ja ihr nach
Krften zu helfen und so ihr eine breite Basis zu geben, nicht
beherzigt...".

12) Siehe auch Bracher S.681f., 684/S.699 und ausfhrlich aber
konzise Broszat "Die Machtergreifung" S.156/174.

Dazu auch Bracher S.681f, besonders Anmerkung 148 S.684/S und S.699.

13) Dazu gehrt auch die damalige Rolle des Reichslandbunds,
Hindenburgs Verwundbarkeit in Sachen Osthilfe und Gegnerschaft zu
Plnen fr Bauernsiedlung in Ostelbien spielte, stark hervorgestellt
bei Broszat "Die Machtergreifung" S.162/165. Ich war diesem Projekt
zuerst als Anliegen fortschrittlicher Bauernpolitik begegnet.
(Rnneburgs Vortrag auf Ostkundgebung des DStV, in unserer
Zeitschrift abgedruckt).  Spter hrte man, andere Kreise waren an
den verteidigungspolitischen Aspekten dichterer Besiedlung Ostelbiens
interessiert.

14) Bracher S.619 "Der Mord in Potempa war mehr als ein
symptomatisches Ereignis des latenten Brgerkriegs.  Er mute der
ffentlichkeit endlich die Augen ffnen...".



Anmerkungen zu "Nach dem Ende von Weimar"


1) Eine Schilderung seiner Persnlichkeit fand ich bei Marion Crfin
Dhnhoff: "Menschen, die wissen, worum es geht" im Kapitel "Der
Basler Gelehrte: Verzauberer und Entzauberer zugleich".  Ich erinnere
mich an die Seminarsitzung, in der er die Verfasserin als
Neuankmmling einfhrte, als er von Frankfurt aus politischen Grnden
weggegangen war.

2) Meine Dissertation hatte ich mit einer Darstellung der klassischen
Theorie der internationalen Kapitalbewegungen eingeleitet, basierend
auf Franz Gutmanns Beitrag im Handwrterbuch der Staatswissenschaften,
4.Auflage Ergzgbd.  Laufende Erfahrungen whrend der
Weltwirtschaftskrise, legten viele Vorbehalte betreffs des
Funktionierens dieses Mechanismus nahe, und zwar in Richtung der von
E. Salin vertretenen Auffassungen.  Nach mehr als 50 Jahren finden
heute diese Vorbehalte immer wieder Besttigung durch die Probleme
der Drittweltverschuldung und Rolle von IMF und Weltbank.



Anmerkungen zu "Emigration nach Hause, in Polen"

1) Dazu siehe Beitrag von S. Karski in "Kattowitz, seine Geschichte
und Gegenwart", Dlmen 1985,.S.122,4.

2) Den Vorsitz der deutschen Fraktion hatte er schon 1930 abgegeben.

3) Siehe V. Kauder "Das Deutschtum in PolnischSchlesien", Plauen 1932
S.326/7. Dort erwhnt ist auch ein Rezitationsabend von Edith
Herrnstadt Oettingen, Berlin, einer Cousine meiner Mutter, man sieht
also, da das liberale Element in diesem Kulturprogramm gut vertreten
war.

4) siehe Lucjan Meissner: "Niemieckie Organizacje Antyfaszystowskie w
Polsce 19331939".  Warszawa 1973 S.163f.

5) Meissner a.a.O. S.227f.

6) Meissner S.233.

7) W. Hellpach erinnert sich in "Wirken in Wirren" I S.88 und 90/1 an
die Unterschiede nationaler Einstellung. die er als Jugendlicher
zwischen dem deutschen Landeshut und Trautenau auf der bhmischen
Seite der Sudeten beobachtet hatte.

8) Dr. E. Pant war eng verbunden mit Pater Friedrich Muckermann S.J.,
der auch durch seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten
bekannt wurde.  In Pater Mukkermanns Erinnerungen "im Kampf zwischen
zwei Epochen" ist Dr. Pant eingehend erwhnt (S.503/6) und man findet
auch den starken Vorbehalt gegen liberale Einflsse.

9) Dazu Hans Bernd Cisevius "Bis zum bitteren Ende", Zrich 1946. I S.
207f und S.282.

10) Auswanderung aus Deutschland schien mir schon damals dringend fr
alle Juden.  Wir hatten noch keine Devisenbeschrnkungen dagegen in
Polen und htten ihr das Geld z.B. nach London berweisen knnen, wo
es fr ihr Leben gereicht htte.  Ich traf mich mit ihr allein in
einem Cafe am Zoo, und riet ihr dazu, aber ihre Berater waren dagegen.

11) Dazu gehren der Schulfreund Ludel Berliner, die jngeren Ernst
Berliner und Walter Rosenbusch.  Auch KarlHeinz Lubowski war von den
Rassegesetzen von 1935 betroffen, gab sein juristische Laufbahn auf,
studierte in Basel protestantische Theologie. kam immer wieder nach
Hause, hoffte, nach England auszuwandern, aber fand dann im Krieg
Unterschlupf in einer Stellung im Konsistorium in Knigsberg; auf der
Flucht bei Kriegsende ist er umgekommen.

12) In 1937 lief der 15jhrige Genfer Minderheitenschutzvertrag ab.
Es hatte in DeutschOberschlesien die dortigen Juden in
unvorhergesehener Weise von manchen Bestimmungen Hitler'scher
Rassengesetzgebung vorlufig geschtzt.  Das nderte sich nun.  Auf
der polnischen Seite betraf es auch, wer 1922 fr Deutsche
Staatsbrgerschaft optiert hatte, sie durften nicht mehr in Polen
bleiben.  Dazu gehrte auch Franz Goldstein, er wurde ein deutscher
Emigrant, ging zunchst nach Prag, dann nach Palstina.  Die
Literaturbeilage der Wirtschaftskorrespondenz wurde aufgegeben, und
meine Artikel auch.

13) G. Rhode a.a.O S.,491.

14) Nach einem Jahr war die Synagoge schon in Trmmern, die Familie
zerstreut, der Vater nicht mehr am Leben.



Anmerkungen zu "Der 2. Weltkrieg bricht aus"

1) Meine Absicht ist nicht, hier eine eingehende Schilderung des
September 1939 in Warschau zu geben, fr die groen Zge und einige
Einzelheiten, die meinem Gedchtnis nicht mehr genau gegenwrtig
waren, sttze ich mich auf das Werk "Cywilna Obrona Warszawy we
wrzesniu 1939", Warszawa 1964, im wesentlichen auf die einleitende
Chronik von Wladyslaw Bartoszewski.

2) Ein tragischer Gefhlskonflikt hatte Dr. Hurtigs dorthin gebracht.
Sie waren im August auf Ferien in Frankreich; als Krieg
unvermeidlich schien, kehrten sie zurck.  In Kattowitz angekommen,
fanden sie alle Freunde schon fort, und fuhren noch schnell nach
Warschau, und haben nicht berlebt.

3) siehe Cywilna Obrona S.107.

4) Der Schweizer Exporteur J. und Frau, Geschftsfreund Zygmunt
Kriegers war auf der Rckkehr von einer Uhrenverkaufsreise nach
Russland in Warschau steckengeblieben, und sie wurden auch evakuiert,
ich besuchte sie vorher, wir wurden verhaftet und in heftigem Feuer
auf eine Polizeiwache gefhrt, aber bald freigelassen.

5) Meine Erinnerung war, da auch ein zweiter jdischer Vertreter,
der Bankier Rotwand, unter den Geiseln war, aber ich habe dafr keine
Belege gefunden.

6) Dazu bemerkt Chaim Kaplan in "Buch der Agonie" S.46 fr den 1.
Oktober: "Die Deutschen bewahrten bei ihrem Einmarsch in die
Hauptstadt die Disziplin..", und weiter fr den 3.Oktober, der
deutsche Oberbefehlshaber habe wissen lassen, "da er den Juden keine
Schwierigkeiten zu bereiten wnsche".  Aber das sei nur ein
politischer Schachzug, kommentiert Kaplan weiter, "in der
tagtglichen Wirklichkeit werden die Juden diskriminiert".

7) Wie man wei, ist v.Fritzsch vor der Kapitulation Warschaus
umgekommen, man wei nicht, ob seine Anwesenheit dort wirklich die
Bedeutung hatte, die man ihr meinte zumessen zu knnen.  Eine sptere
Version von deutscher Seite ist, da er dort den Tod gesucht hat.
(siehe u.a. Gisevius a.a.O.Bd.I. S.459).

8) Erst in jngster Zeit habe ich erfahren, da der Schwedische
Botschafter sich damals um Hilfe fr von den Nazis bedrohte
Flchtlinge sehr verdient gemacht hat, auch schon bei der Evakuation
von Auslndern whrend der Belagerung.

9) ber diese "grne Grenze" siehe auch Kaplan a.a.O S.82f. und S.91.

10) Siehe dazu: Walter Laquer / Richard Breitmann "Der Mann, der das
Schweigen brach", wonach der SS Funktionr Adolf Eichmann aus Berlin
im Oktober 1939 nach Kattowitz gekommen war, die Deportation der
Juden in das eigentliche Polen zu beaufsichtigen.  Die Stadt sollte
von Juden gerumt, sie sollte "judenrein" werden.  (S.71).

11) Es gab weiter Kommen und Gehen ber die Zonengrenze, und ich
bekam noch mehrere Nachrichten von meiner Mutter, immer mit dem
absoluten Rat, nicht nach Lemberg zu kommen.  Es gab dort auch
Bedrcktheit, Hunger und Ungewissheit.

12) Kaplan a.a.O S.66.

13) siehe Kaplan S.84/S. Es hie damals, da der Armeekorpshygieniker
Dr. Richter gegen diese massive Bevlkerungsbewegung wegen
Seuchengefahr Einspruch erhoben hatte.

14) Ausreise von neun jdischen Familien nach Palstina ist auch
erwhnt in Kaplans Tagebuch in der Eintragung vom 25.11.1939 (s.90).
Ich wei nicht, ob er von Angehrigen dieser Gruppe spricht.

15) Kaplan S,.92.



Anmerkungen zu "Kriegsflchtling"

1) Er war ein Philosoph im laizistischent Flgel, ursprnglich mir
dem Liberalen Benedetto Croce eng verbunden, wurde dann aber
Mussolinis Kultusminister, nun aber nicht mehr aktiv politisch,
schien er eine ehrenvolle Stellung im italienischen Geistesleben
bezogen zu haben.

2) "Wsplnota Interesw" vorher zum Flickkonzern gehrig.  Der sich
unter staatlicher Zwangsverwaltung weitgehend neu bildende
Verwaltungsstab unter Przedpelski wurde wichtigster Reprsentant des
polnischen Etatismus in Oberschlesien.

3) Winiewicz hatte bereits in Budapest 1940 eine polnische Zeitung
herausgegeben, fr 1941 wird er als Presseattach der Polnischen
Botschaft in der Trkei bezeichnet, von 1942 an "Senior Official,
Polish Ministry of Preparatory Work, Peace Conference".  Ich wute
damals nicht, da er offizielle Funktionen hatte.  Die Frage, die er
mir stellte, kam aber nicht von ungefhr.  Trotz seiner Herkunft von
der uersten polnischen Rechten, ist er aber schon 1945 "Councillor"
und 1946 Charge d'Affairs der polnischen Botschaft in London, also
schon der neuen Volksrepublik Polen, dann ihr Delegierter zur ersten
UNO Tagung, 1947, Botschafter in Washington und schlielich
Auenminister.  War es der Drang nach Eroberung der Westgebiete, der
ihn auf eine, fr seine politische Herkunft, so erstaunliche Laufbahn
gebracht hat?  (Fr seine Biography "World Biography").

4) Als ich spter Roman Przedpelski fragte, was ihn bewog, mir zu
helfen, da er mich doch kaum kannte, erwhnte er meine Korrespondenz
fr die Entwicklung von neuen Geschften fr Trkdal, die er in
Istanbul gesehen hatte.  Ich htte die energischsten Bemhungen dafr
gemacht, also wollte er mir helfen und hielt es fr ein
verantwortbares Risiko.

5) Klaus Tubert "Die Welt des Franz Goldstein" in "Tribne",
Zeitschrift zum Verstndnis des Judentums, Heft 98, 1986, beschreibt
Lebenslauf, Ttigkeit in Kattowitz, spter Jerusalem, und den
Anziehungspunkt, den seine Bibliothek dort bildete.

6) Siehe "Handbuch der Deutschen Exilpresse", herausgegeben von
Liselotte Maas I S.86, II S.436.

7) Ich konnte seine Begeisterung nicht teilen, anscheinend nicht dazu
geboren, ein guter Zionist zu sein.  Zwar kaum im stark
verbrgerlichten deutschen Judentum, aber bei Juden im Osten oder
New York hatte es wohl auch gewaltttiges Verbrechertum gegeben.

8) Max Pinn hat die Verwirklichung seiner Hoffnungen nicht mehr
erlebt, er fiel auf dem Weg nach Jerusalem einem arabischen berfall
zum Opfer.

9) Rondavels sind runde Htten kolonialen Stils, meist gebrannter Ton
oder Ziegelwerk mit Gras oder Strohdach, sie konnten ganz gerumig
und komfortabel sein.

10) Die Einwohnerzahl Nordrhodesiens, des heutigen Zambias, wird fr
1942 auf etwa 1.380.000 geschtzt, wovon nur etwa 15.000 Europer,
auf 288.000 Quadratmeilen.  Die Sdgrenze bildete der groe Zambesi
Flu, die einzige Eisenbahn durchquerte das Land von Sd nach Nord
ber etwa 500 Meilen zur nrdlichen Grenze mit dem damaligen
belgischen Kongo.  Das Klima ist zwischen subtropisch und tropisch,
der "Copperbelt", wo ich spter in Mufulira arbeitete, lag dicht an
der Grenze zum Kongo, mit seinem benachbarten Katanga Bergbaugebiet.

11) Zum Schicksal unter deutscher Okkupation siehe Charles Cruikshank
"The German Occupation of the Channel Islands" S.113 und Artikel im
"Observer" vom 12.Mai 1985 ber die vier Jdinnen, die von dort
deportiert wurden, mit Photographie auch meiner Schwester Marianne
Grnfeld.

12) Hierzu siehe Leonard Gross "The last Jews of Berlin" und die
Erinnerungen von Maria Grfin von Maltzan "Schlage die Trommel und
frchte Dich nicht" (Berlin 1986).



Literaturverzeichnis


"Frhes Panorama und Vorgeschichte"

--Powell, T.G.E. in "Europe, Prehistory" in Encyclopedia Britannica
1964 Bd.8 S.852.

--Jazdzewski, Konrad: "Urgeschichte Mitteleuropas" Wroclaw 1984.

--Kleeman, O.: Beitrag "Vorgeschichte Schlesiens" in "Geschichte
Schlesiens", Stuttgart 1961.

--Rhode, G.: "Kleine Geschichte Polens", Darmstadt 1965.

--"History of Poland", Herausgegeben von A.Gieysztor u.a., Warszawa
1968.

--Pustejowsky, O.: "Schlesiens bergang an die bhmische Krone",
Kln 1975.

--Karzel, O.: "Die Reformation in Oberschlesien", Wrzburg 1975.


--Tuckay, Heinrich: "Oberschlesien im Spannungsfeld zwischen
Deutschland, Polen und BhmenMhren", Kln/Wien 1976.

--B. Bretholz: "Geschichte der Juden in Mhren im Mittelalter" I Verlag
M. Roher, Brnn 1934.

--S. Dubnow: "Weltgeschichte des jdischen Volkes", Berlin 1928 Bde.
V  VII.

--C. d'Elvert: "Zur Geschichte der Juden in Mhren und sterr.
Schlesien", Brnn, Commissionsverlag B. Epstein, 1895.

--Hugo Gold: "Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mhrens"
Tel Aviv 1974.

--H. Gold, Herausgeber: "Die Juden und Judengemeinden Mhrens in
Vergangenheit und Gegenwart", Brnn 1929

--V. Lipscher: "Die Juden im Habsburgerreich des 17. und 18.
Jahrhunderts am Beispiel Bhmens und Mhrens", Dissertation Zrich
1983.

--H. Teufel: "Zur politischen und sozialen Geschichte der Juden in
Mhren vom Antritt der Habsburger bis zur Schlacht am Weissen Berg",
(l5261620), Phil. Dissertation Erlangen 1971.

--B. Brilling: "Die schlesische Judenschaft im Jahre 1737" in Jahrbuch
der Schlesischen FriedrichWilhelmUniversitt zu Breslau" Bd. XVII,
Berlin 1972.


"Die Familie und Kattowitz"

--Church of Jesus Christ of the Latter Day Saints (Mormonen):
Mikrofilme der Genealogischen Abteilung, Salt Lake City USA. Filme Nr.
879 596/8 betreffen jdische Einwohner im Kreis Rybnik.

--Register der jdischen Einwohner des Kreises Pless um 1812 im
Zydowski Instytut Historyczny, Warszawa.

--Bundesarchiv, Koblenz: Mikrofilme betr. jdischer
Personenstandsregister aus Mittel und Ostdeutschland (Findbuch R
39/Anhang).

--Broszat, Martin: "Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik", Mnchen
1963.

--A. Weltzel: "Geschichte der Stadt Sohrau", Sohrau OS 1888.

--G. Nerlich: "Aus der Geschichte der Stadt Sohrau OS", Dortmund 1972.

--Haeden, Maximilian: "Kpfe", Berlin, Erich Riiss Verlag 1910.

--M. Freudenthal: "Leipziger Messgste, Jdische Besucher der
Leipziger Messe 16751764" in Monatsschrift fr Geschichte und
Wissenschaft des Judentums (BreslauBerlin) 45 (1901) S.460/509.

--Rozdzienski, Walenty: Officina Ferraria, 1612 Krakau, engl.
bersetzung, Cambridge, Mass. /London 1972.

--Hoffmann, G.: "Geschichte der Stadt Kattowitz", Kattowitz 1895.

--Cohn, Dr. Jakob: "Geschichte der Synagogengemeinde Kattowitz",
Kattowitz 1900.


--Majowski, A.: "Kattowitz", Salzgitter 1958 und 1965.

--Kattowitz 1985: "Kattowitz, seine Geschichte und Gegenwart" her.  H.
Kostorz und S. Karski, Dlmen 1985.

--Schmitz, R.P. : "Die jdische Gemeinde in Kattowitz" Beitrag in
Kattowitz 1985.


--Wenzel, Stefi: "Jdische Brger und Kommunale Selbstverwaltung in
preuischen Stdten", Berlin 1967.

--Fuchs, Konrad: "Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung
Oberschlesiens von der Reichsgrndung 1871 bis zum Ausbruch des
ersten Weltkriegs 1914" in Jahrbuch der Schlesischen FriedrichWilhelm
Universitt zu Breslau XXI(198O)S.232. Auch von seiner umfangreichen
Forschungsttigkeit ber oberschlesische Wirtschaftsgeschichte: "Die
Bismarckhtte in OS, in Reihe "Tradition" 1970, ferner "Vom
Dirigismus zum Liberalismus", Wiesbaden 1970.

--Katowickie Towarzystwo SpolecznoKulturalne, Katowice: verschiedene
Broschren ber Persnlichkeiten des polnischen politischen und
kulturellen und des wirtschaftlichen Lebens Oberschlesiens im 19. und
20. Jahrhundert.


"Kindheit und Frhe Jugend"

--"An Encyclopaedia of World History", Herausgeber W. Langer, Chicago
1948.

--"Atlas von Preuen", Handbuch zum, Erfurt 1833.

--Ruth Storm: "..und wurden nicht gefragt", Augsburg 1972.

--U.W. Kitzinger/A. Bullock, und A.J.P. Taylor Art.  Germany in Enc. Brit.
1964 Bd. 10 S327.

--Ulitz, Otto: "Oberschlesien, aus seiner Geschichte", Mnster 1971.

--Arnold Zweig: "Glogau und Kattowitz, zwei Jugendstdte".  Beitrag
zur Anthologie "Atlas, zusammengestellt von deutschen Autoren",
Darmstadt 1969 zitiert in "Oberschlesischer Kurier", Salzgitter.

--Mmoire sur les troubles en HauteSilsie(AoutSeptembre 1920)
(Documents reunis par le Comit Plebiscitaire Polonais de
HauteSilsie), aus den Bestnden der Zentralbibliothek, Zrich.

--Webersinn, Gerhard: "Otto Ulitz, ein Leben fr Oberschlesien",
Augsburg 1974.


"Kattowitz kommt zu Polen"

--HansJakob Stehle, Artikel ber Andrzej Szeptycki in "Die Zeit" 5.
Juli 1985.

--"Kattowitzer Zeitung" 10.Mrz 1927, Bericht ber Erffnungssitzung
der neugewhlten Stadtverordnetenversammlung in Kattowitz, abgedruckt
in oberschlesischer Kurier, Salzgitter.

--Zeitschrift des Jdischen Historischen Instituts, Warszawa "Als
Student in der Weimarer Republik".

--Bundesarchiv, Koblenz, Akten der Deutschen Studentenschaft ZSG 129.

--"Das Akademische Deutschland", Sammelwerk (her.  M. Doeberl u.a.)
Berlin 1930.

--"Vossische Zeitung", Berlin.

--"Frankfurter Zeitung", Frankfurt a.M.

--Kunstenaar, J., Zrich: "Sammlung von Dokumenten und
Zeitungsausschnitten ber Aktivitten der Federation Universitaire
Internationale(FUI)".

--"Die Hilfe", Wochenschrift, begrndet von Friedrich Naumann,
herausgegeben von Gertrud Bumer, Berlin.

--"Nation und Staat", Deutsche Zeitschrift fr das europische
Minorittenproblem, Wien und Leipzig.

--"Die Tat", Monatsschrift, Jena.

--"Das Tagebuch", Berlin.

--Schwarzschild, Leopold: "Die letzten Jahre vor Hitler.  Aus dem
Tagebuch 1929 bis 1933", mit Vorwort von Golo Mann, Hamburg 1966.

--"Sozialistische Monatshefte", Berlin.

--"Neue Bltter fr den Sozialismus".

--Rathmann, August: "Ein Arbeiterleben", Wuppertal, 1983.

--"Der Student", her.  Deutsche Studentenschaft.

--"Student und Hochschule", her.  Deutscher Studentenverband.

--Bleuel, Hans Peter: "Deutsche Studenten auf dem Weg ins Dritte
Reich", Gtersloh 1967.

--O.F. Scheurer: "Burschenschaft und Judenfrage", Berlin 1927.

--Franz, Ludwig: "Der politische Kampf an den Mnchner Hochschulen
von 1929 bis 1933" (Dissertation Universitt Mnchen 1949).

--Bracher, Karl Dietrich: "Die Auflsung der Weimarer Republik",
Stuttgart/Dsseldorf 1957/1964.

--Demant, Ebbo: "Hans Zehrer als politischer Publizist", Main 1971.

--Sontheimer, Kurt: "Deutschland zwischen Demokratie und
Antidemokratie", Mnchen 1971.

--Broszat, Martin: "Die Machtergreifung", Mnchen 1987.

--Graml, Hermann: "Europa zwischen den Kriegen", DTV 1974.

--Stephan, Werner: "Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus
19181933", Gttingen.

--Heuss, Theodor: "Erinnerungen 19051933", Tbingen 1963.

--Hellpach.  W.: "Wirken in Wirren", Hamburg.


--Krger, Peter: "Die Auenpolitik der Republik von Weimar",
Darmstadt, 1985.

--Schaeffer, Hans: "Erinnerungen".


"Nach dem Ende von Weimar"

--Dhnhoff, Grfin Marion: "Menschen, die wissen, worum es geht",
Hamburg 1976.



"Emigration nach Hause, in Polen"

--Kauder, Vikror: "Das Deutschtum in PolnischSchlesien", Plauen 1932.

--Meissner, Lucjan: "Niemieckie Organizacjc Antyfaszystowskie w Polsce
19331939", Warszawa 1973.

--Heike, Otto: "Die deutsche Arbeiterbewegung in Polen 18351945",
Dortmund 1969.

--"Der Deutsche in Polen", Wochenzeitung, Herausgeber Eduard Pant,
Katowice Muckermann, Friedrich: "Im Kampf zwischen zwei Epochen",
Mainz.

--do.  "Der deutsche Weg", NZN Verlag Zrich.

--Hellpach, Willy: "Wirken in Wirren", Bd. I (Christian Wegner,
Hamburg).

--Pia Nordblom: "Dr. Eduard Pant, Biographie enes katholischen
Minderheitenpolitikers in der Wojewodschaft Schlesien (bis zum Jahr
1932)", Beitrag zum "Oberschlesischen Jahrbuch 1987", LaumannVerlag,
Dlmen.

--Wirtschaftskorrespondenz fr Polen, Katowice.

--Klaus Tubert: "Die Welt des Franz Goldstein" in "Tribne" Berlin
1986.

--"Das Neue Tagebuch", Herausgeber Leopold Schwarzschild, Paris.

--Gisevius, Bernd: "Bis zum bittern Ende", Zrich 1946.


"Der 2.Weltkrieg bricht aus".

--Bartoszweski, Wladyslaw: Chronik der wichtigsten Ereignisse in
Sammelwerk "Cywilna obrona Warszawy we wrzesniu 1939", Warszawa 1964.

--Bartoszewski, W.: "Das Warschauer Ghetto..", Fischer, Frankfurt
1983.

--Kaplan, Chaim A.: "Buch der Agonie" (Sein Warschauer Tagebuch,
herausgegeben von Abraham Katsh), Inselverlag.

--Kulski, Juljan: "Starzynski", Paris 1968.


"Kriegsflchtling"

--"World Biography", S.5034.

--Klaus Tubert: "Die Welt des Franz Goldstein" in "Tribne", Berlin
1986.

--"Handbuch der Deutschen Exilpresse" (her. Liselotte Maas).

--"Reference Northern Rhodesia in Enc. Brit." und Verffentlichungen
des Statistischen Amts der Regierung von Zambia.

--Charles Cruikshank: "The occupation of the Channel Islands", London
1979.

--"The Observer", London, 12.5. 1985.

--Leonard Gross "The Last Jews of Berlin", New York 1982.

--Maria Grfin v. Maltzan: "Schlage die Trommel und frchte Dich
nicht", Ullstein, Berlin 1986.

--"A German of the Resistance.  The last letters of Count Helmuth
James von Moltke", published in South Africa 1947.


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Walter Grnfeld.





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