The Project Gutenberg EBook of Gotzen-Dammerung, by Friedrich Wilhelm Nietzsche

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Title: Gotzen-Dammerung

Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche

Release Date: January, 2005  [EBook #7203]
[This file was first posted on March 26, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, GOTZEN-DAMMERUNG ***




This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
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Friedrich Nietzsche

Gtzen-Dmmerung




Inhaltsverzeichnis

    Vorwort
    Sprche und Pfeile
    Das Problem des Sokrates
    Die "Vernunft" in der Philosophie
    Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde
    Moral als Widernatur
    Die vier grossen Irrthmer
    Die "Verbesserer" der Menschheit
    Was den Deutschen abgeht
    Streifzge eines Unzeitgemssen
    Was ich den Alten verdanke
    Der Hammer redet




Gtzen-Dmmerung

oder

Wie man mit dem Hammer philosophirt.




Vorwort.

Inmitten einer dstern und ber die Maassen verantwortlichen
Sache seine Heiterkeit aufrecht erhalten ist nichts Kleines von -
Kunststck: und doch, was wre nthiger als Heiterkeit? Kein Ding
gerth, an dem nicht der bermuth seinen Theil hat. Das Zuviel von
Kraft erst ist der Beweis der Kraft. - Eine Umwerthung aller Werthe,
dies Fragezeichen so schwarz, so ungeheuer, dass es Schatten auf Den
wirft, der es setzt - ein solches Schicksal von Aufgabe zwingt jeden
Augenblick, in die Sonne zu laufen, einen schweren, allzuschwer
gewordnen Ernst von sich zu schtteln. Jedes Mittel ist dazu recht,
jeder "Fall" ein Glcksfall. Vor Allem der Krieg. Der Krieg war immer
die grosse Klugheit aller zu innerlich, zu tief gewordnen Geister;
selbst in der Verwundung liegt noch Heilkraft. Ein Spruch, dessen
Herkunft ich der gelehrten Neugierde vorenthalte, war seit langem mein
Wahlspruch:

increscunt animi, virescit volnere virtus.

Eine andere Genesung, unter Umstnden mir noch erwnschter, ist Gtzen
aushorchen... Es giebt mehr Gtzen als Realitten in der Welt: das ist
mein "bser Blick" fr diese Welt, das ist auch mein "bses Ohr"...
Hier einmal mit dem Hammer Fragen stellen und, vielleicht, als Antwort
jenen berhmten hohlen Ton hren, der von geblhten Eingeweiden redet
- welches Entzcken fr Einen, der Ohren noch hinter den Ohren hat, -
fr mich alten Psychologen und Rattenfnger, vor dem gerade Das, was
still bleiben mchte, laut werden muss...

Auch diese Schrift - der Titel verrth es - ist vor Allem eine
Erholung, ein Sonnenfleck, ein Seitensprung in den Mssiggang eines
Psychologen. Vielleicht auch ein neuer Krieg? Und werden neue Gtzen
ausgehorcht?... Diese kleine Schrift ist eine grosse Kriegserklrung;
und was das Aushorchen von Gtzen anbetrifft, so sind es dies Mal
keine Zeitgtzen, sondern ewige Gtzen, an die hier mit dem Hammer wie
mit einer Stimmgabel gerhrt wird, - es giebt berhaupt keine lteren,
keine berzeugteren, keine aufgeblaseneren Gtzen... Auch keine
hohleren... Das hindert nicht, dass sie die geglaubtesten sind; auch
sagt man, zumal im vornehmsten Falle, durchaus nicht Gtze...

                                        Turin, am 30. September 1888,
                                  am Tage, da das Buch der Umwerthung
                                            aller Werthe zu Ende kam.

                                                 FRIEDRICH NIETZSCHE.



Sprche und Pfeile.

1.

Mssiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wre Psychologie ein -
Laster?


2.

Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er
eigentlich weiss...


3.

Um allein zu leben, muss man ein Thier oder ein Gott sein -
sagt Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muss Beides sein -
Philosoph...


4.

"Alle Wahrheit ist einfach." - Ist das nicht zwiefach eine Lge? -


5.

Ich will, ein fr alle Mal, Vieles nicht wissen. - Die Weisheit zieht
auch der Erkenntniss Grenzen.


6.

Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner Unnatur,
von seiner Geistigkeit...


7.

Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein
Fehlgriff des Menschen? -


8.

Aus der Kriegsschule des Lebens. - Was mich nicht umbringt, macht mich
strker.


9.

Hilf dir selber: dann hilft dir noch Jedermann. Princip der
Nchstenliebe.


10.

Dass man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! dass man
sie nicht hinterdrein im Stiche lsst! - Der Gewissensbiss ist
unanstndig.


11.

Kann ein Esel tragisch sein? - Dass man unter einer Last zu Grunde
geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann?... Der Fall des
Philosophen.


12.

Hat man sein warum? des Lebens, so vertrgt man sich fast mit jedem
wie? - Der Mensch strebt nicht nach Glck; nur der Englnder thut das.


13.

Der Mann hat das Weib geschaffen - woraus doch? Aus einer Rippe seines
Gottes, - seines "Ideals"...


14.

Was? du suchst? du mchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du
suchst Anhnger? - Suche Nullen.


15.

Posthume Menschen - ich zum Beispiel - werden schlechter verstanden
als zeitgemsse, aber besser gehrt. Strenger: wir werden nie
verstanden - und daher unsre Autoritt...


16.

Unter Frauen. - "Die Wahrheit? Oh Sie kennen die Wahrheit nicht! Ist
sie nicht ein Attentat auf alle unsre pudeurs?" -


17.

Das ist ein Knstler, wie ich Knstler liebe, bescheiden in seinen
Bedrfnissen: er will eigentlich nur Zweierlei, sein Brod und seine
Kunst, - panem et Circen...


18.

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt
wenigstens einen Sinn noch hinein: das heisst, er glaubt, dass ein
Wille bereits darin sei (Princip des "Glaubens").


19.

Wie? ihr whltet die Tugend und den gehobenen Busen und seht zugleich
scheel nach den Vortheilen der Unbedenklichen? - Aber mit der Tugend
verzichtet man auf "Vortheile"... (einem Antisemiten an die Hausthr.)


20.

Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Snde
begeht: zum Versuch, im Vorbergehn, sich umblickend, ob es Jemand
bemerkt und dass es Jemand bemerkt...


21.

Sich in lauter Lagen begeben, wo man keine Scheintugenden haben darf,
wo man vielmehr, wie der Seiltnzer auf seinem Seile, entweder strzt
oder steht - oder davon kommt...


22.

"Bse Menschen haben keine Lieder." - Wie kommt es, dass die Russen
Lieder haben?


23.

"Deutscher Geist": seit achtzehn Jahren eine contradictio in adjecto.


24.

Damit, dass man nach den Anfngen sucht, wird man Krebs. Der
Historiker sieht rckwrts; endlich glaubt er auch rckwrts.


25.

Zufriedenheit schtzt selbst vor Erkltung. Hat je sich ein Weib, das
sich gut bekleidet wusste, erkltet? - Ich setze den Fall, das es kaum
bekleidet war.


26.

Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der
Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.


27.

Man hlt das Weib fr tief - warum? weil man nie bei ihm auf den Grund
kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach.


28.

Wenn das Weib mnnliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und
wenn es keine mnnlichen Tugenden hat, so luft es selbst davon.


29.

"Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beissen? welche guten Zhne
hatte es? - Und heute? woran fehlt es?" - Frage eines Zahnarztes.


30.

Man begeht selten eine bereilung allein. In der ersten bereilung
thut man immer zu viel. Eben darum begeht man gewhnlich noch eine
zweite - und nunmehr thut man zu wenig...


31.

Der getretene Wurm krmmt sich. So ist es klug. Er verringert damit
die Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten zu werden. In der Sprache
der Moral: Demuth. -


32.

Es giebt einen Hass auf Lge und Verstellung aus einem reizbaren
Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Hass aus Feigheit, insofern
die Lge, durch ein gttliches Gebot, verboten ist. Zu feige, um zu
lgen...


33.

Wie wenig gehrt zum Glcke! Der Ton eines Dudelsacks. - Ohne Musik
wre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott
liedersingend.


34.

On ne peut penser et crire qu'assis (G. Flaubert). - Damit habe
ich dich, Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade die Snde wider den
heiligen Geist. Nur die ergangenen Gedanken haben Werth.


35.

Es giebt Flle, wo wir wie Pferde sind, wir Psychologen, und in
Unruhe gerathen: wir sehen unsren eignen Schatten vor uns auf und
niederschwanken. Der Psychologe muss von sich absehn, um berhaupt zu
sehn.


36.

Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? - Eben so wenig, als
die Anarchisten den Frsten. Erst seitdem diese angeschossen werden,
sitzen sie wieder fest auf ihrem Thron. Moral: man muss die Moral
anschiessen.


37.

Du lufst voran? - Thust du das als Hirt? oder als Ausnahme? Ein
dritter Fall wre der Entlaufene... Erste Gewissensfrage.


38.

Bist du echt? oder nur ein Schauspieler? Ein Vertreter? oder das
Vertretene selbst? - Zuletzt bist du gar bloss ein nachgemachter
Schauspieler... Zweite Gewissensfrage.


39.

Der Enttuschte spricht. - Ich suchte nach grossen Menschen, ich fand
immer nur die Affen ihres Ideals.


40.

Bist du Einer, der zusieht? oder der Hand anlegt? - oder der wegsieht,
bei Seite geht?... Dritte Gewissensfrage.


41.

Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder fr dich gehn?... Man muss
wissen, was man will und dass man will. Vierte Gewissensfrage.


42.

Das waren Stufen fr mich ich bin ber sie hinaufgestiegen, - dazu
musste ich ber sie hinweg. Aber sie meinten, ich wollte mich auf
ihnen zur Ruhe setzen...


43.

Was liegt daran, das ich Recht behalte! Ich habe zu viel Recht. - Und
wer heute am besten lacht, lacht auch zuletzt.


44.

Formel meines Glcks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie ein Ziel...



Das Problem des Sokrates.

1.

ber das Leben haben zu allen Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt:
es taugt nichts... Immer und berall hat man aus ihrem Munde denselben
Klang gehrt, - einen Klang voll Zweifel, voll Schwermuth, voll
Mdigkeit am Leben, voll Widerstand gegen das Leben. Selbst Sokrates
sagte, als er starb: "leben - das heisst lange krank sein: ich bin
dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig." Selbst Sokrates hatte es
satt. - Was beweist das? Worauf weist das? - Ehemals htte man gesagt
(- oh man hat es gesagt und laut genug und unsre Pessimisten voran!):
"Hier muss jedenfalls Etwas wahr sein! Der consensus sapientium
beweist die Wahrheit." - Werden wir heute noch so reden? Drfen wir
das? "Hier muss jedenfalls Etwas krank sein" - geben wir zur Antwort:
diese Weisesten aller Zeiten, man sollte sie sich erst aus der Nhe
ansehn! Waren sie vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest?
spt? wackelig? dcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden
als Rabe, den ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...


2.

Mir selbst ist diese Unehrerbietigkeit, dass die grossen Weisen
Niedergangs-Typen sind, zuerst gerade in einem Falle aufgegangen, wo
ihr am strksten das gelehrte und ungelehrte Vorurtheil entgegensteht:
ich erkannte Sokrates und Plato als Verfalls-Symptome, als Werkzeuge
der griechischen Auflsung, als pseudogriechisch, als antigriechisch
("Geburt der Tragdie" 1872), jener consensus sapientium - das begriff
ich immer besser - beweist am wenigsten, dass sie Recht mit dem
hatten, worber sie bereinstimmten: er beweist vielmehr, dass sie
selbst, diese Weisesten, irgend worin physiologisch bereinstimmten,
um auf gleiche Weise negativ zum Leben zu stehn, - stehn zu mssen.
Urtheile, Werthurtheile ber das Leben, fr oder wider, knnen zuletzt
niemals wahr sein: sie haben nur Werth als Symptome, sie kommen nur
als Symptome in Betracht, - an sich sind solche Urtheile Dummheiten.
Man muss durchaus seine Finger darnach ausstrecken und den Versuch
machen, diese erstaunliche finesse zu fassen, dass der Werth des
Lebens nicht abgeschtzt werden kann. Von einem Lebenden nicht, weil
ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist und nicht Richter;
von einem Todten nicht, aus einem andren Grunde. - Von Seiten eines
Philosophen im Werth des Lebens ein Problem sehn bleibt dergestalt
sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit, eine
Unweisheit. - Wie? und alle diese grossen Weisen - sie wren nicht nur
dcadents, sie wren nicht einmal weise gewesen? - Aber ich komme auf
das Problem des Sokrates zurck.


3.

Sokrates gehrte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates
war Pbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hsslich er war.
Aber Hsslichkeit, an sich ein Einwand, ist unter Griechen beinahe
eine Widerlegung. War Sokrates berhaupt ein Grieche? Die Hsslichkeit
ist hufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung
gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende
Entwicklung.

Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische
Verbrecher hsslich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo.
Aber der Verbrecher ist ein dcadent. War Sokrates ein typischer
Verbrecher? - Zum Mindesten widersprche dem jenes berhmte
Physiognomen-Urtheil nicht, das den Freunden des Sokrates so anstssig
klang. Ein Auslnder, der sich auf Gesichter verstand, sagte, als er
durch Athen kam, dem Sokrates in's Gesicht, er sei ein monstrum, -
er berge alle schlimmen Laster und Begierden in sich. Und Sokrates
antwortete bloss: "Sie kennen mich, mein Herr!" -


4.

Auf dcadence bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandne
Wstheit und Anarchie in den Instinkten: eben dahin deutet auch die
Superftation des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die ihn
auszeichnet. Vergessen wir auch jene Gehrs-Hallucinationen nicht,
die, als "Dmonion des Sokrates", in's Religise interpretirt worden
sind. Alles ist bertrieben, buffo, Karikatur an ihm, Alles ist
zugleich versteckt, hintergedanklich, unterirdisch. - Ich suche zu
begreifen, aus welcher Idiosynkrasie jene sokratische Gleichsetzung
von Vernunft = Tugend = Glck stammt: jene bizarrste Gleichsetzung,
die es giebt und die in Sonderheit alle Instinkte des lteren Hellenen
gegen sich hat.


5.

Mit Sokrates schlgt der griechische Geschmack zu Gunsten der
Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor Allem wird damit
ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pbel kommt mit der Dialektik
obenauf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die
dialektischen Manieren ab: sie galten als schlechte Manieren, sie
stellten bloss. Man warnte die Jugend vor ihnen. Auch misstraute man
allein solchen Prsentiren seiner Grnde. Honnette Dinge tragen,
wie honnette Menschen, ihre Grnde nicht so in der Hand. Es ist
unanstndig, alle fnf Finger zeigen. Was sich erst beweisen lassen
muss, ist wenig werth. berall, wo noch die Autoritt zur guten
Sitte gehrt, wo man nicht "begrndet", sondern befiehlt, ist der
Dialektiker eine Art Hanswurst: man lacht ber ihn, man nimmt ihn
nicht ernst. - Sokrates war der Hanswurst, der sich ernst nehmen
machte: was geschah da eigentlich? -


6.

Man whlt die Dialektik nur, wenn man kein andres Mittel hat. Man
weiss, dass man Misstrauen mit ihr erregt, dass sie wenig berredet.
Nichts ist leichter wegzuwischen als ein Dialektiker-Effekt: die
Erfahrung jeder Versammlung, wo geredet wird, beweist das. Sie kann
nur Nothwehr sein, in den Hnden Solcher, die keine andren Waffen mehr
haben. Man muss sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man keinen
Gebrauch von ihr. Die Juden waren deshalb Dialektiker; Reinecke Fuchs
war es: wie? und Sokrates war es auch? -


7.

- Ist die Ironie des Sokrates ein Ausdruck von Revolte? von
Pbel-Ressentiment? geniesst er als Unterdrckter seine eigne
Ferocitt in den Messerstichen des Syllogismus? Rcht er sich an
den Vornehmen, die er fascinirt? - Man hat, als Dialektiker, ein
schonungsloses Werkzeug in der Hand; man kann mit ihm den Tyrannen
machen; man stellt bloss, indem man siegt. Der Dialektiker berlsst
seinem Gegner den Nachweis, kein Idiot zu sein: er macht wthend, er
macht zugleich hlflos. Der Dialektiker depotenzirt den Intellekt
seines Gegners. - Wie? ist Dialektik nur eine Form der Rache bei
Sokrates?


8.

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates abstossen konnte: es
bleibt um so mehr zu erklren, dass er fascinirte. - Dass er eine
neue Art Agon entdeckte, dass er der erste Fechtmeister davon fr die
vornehmen Kreise Athen's war, ist das Eine. Er fascinirte, indem er an
den agonalen Trieb der Hellenen rhrte, - er brachte eine Variante in
den Ringkampf zwischen jungen Mnnern und Jnglingen. Sokrates war
auch ein grosser Erotiker.


9.

Aber Sokrates errieth noch mehr. Er sah hinter seine vornehmen
Athener; er begriff, dass sein Fall, seine Idiosynkrasie von Fall
bereits kein Ausnahmefall war. Die gleiche Art von Degenerescenz
bereitete sich berall im Stillen vor: das alte Athen gieng zu Ende. -
Und Sokrates verstand, dass alle Welt ihn nthig hatte, - sein Mittel,
seine Kur, seinen Personal-Kunstgriff der Selbst-Erhaltung... berall
waren die Instinkte in Anarchie; berall war man fnf Schritt weit vom
Excess: das monstrum in animo war die allgemeine Gefahr. "Die Triebe
wollen den Tyrannen machen; man muss einen Gegentyrannen erfinden, der
strker ist"... Als jener Physiognomiker dem Sokrates enthllt hatte,
wer er war, eine Hhle aller schlimmen Begierden, liess der grosse
Ironiker noch ein Wort verlauten, das den Schlssel zu ihm giebt.
"Dies ist wahr, sagte er, aber ich wurde ber alle Herr." Wie wurde
Sokrates ber sich Herr? - Sein Fall war im Grunde nur der extreme
Fall, nur der in die Augen springendste von dem, was damals die
allgemeine Noth zu werden anfieng: dass Niemand mehr ber sich Herr
war, dass die Instinkte sich gegen einander wendeten. Er fascinirte
als dieser extreme Fall - seine furchteinflssende Hsslichkeit sprach
ihn fr jedes Auge aus: er fascinirte, wie sich von selbst versteht,
noch strker als Antwort, als Lsung, als Anschein der Kur dieses
Falls. -


10.

Wenn man nthig hat, aus der Vernunft einen Tyrannen zu machen, wie
Sokrates es that, so muss die Gefahr nicht klein sein, dass etwas
Andres den Tyrannen macht. Die Vernnftigkeit wurde damals errathen
als Retterin, es stand weder Sokrates, noch seinen "Kranken" frei,
vernnftig zu sein, - es war de rigueur, es war ihr letztes Mittel.
Der Fanatismus, mit dem sich das ganze griechische Nachdenken
auf die Vernnftigkeit wirft, verrth eine Nothlage: man war in
Gefahr, man hatte nur Eine Wahl: entweder zu Grunde zu gehn oder
- absurd-vernnftig zu sein... Der Moralismus der griechischen
Philosophen von Plato ab ist pathologisch bedingt; ebenso ihre
Schtzung der Dialektik. Vernunft = Tugend = Glck heisst bloss: man
muss es dem Sokrates nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein
Tageslicht in Permanenz herstellen - das Tageslicht der Vernunft. Man
muss klug, klar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die
Instinkte, an's Unbewusste fhrt hinab...


11.

Ich habe zu verstehn gegeben, womit Sokrates fascinirte: er schien
ein Arzt, ein Heiland zu sein. Ist es nthig, noch den Irrthum
aufzuzeigen, der in seinem Glauben an die "Vernnftigkeit um jeden
Preis" lag? - Es ist ein Selbstbetrug seitens der Philosophen und
Moralisten, damit schon aus der dcadence herauszutreten, dass sie
gegen dieselbe Krieg machen. Das Heraustreten steht ausserhalb ihrer
Kraft: was sie als Mittel, als Rettung whlen, ist selbst nur wieder
ein Ausdruck der dcadence - sie verndern deren Ausdruck, sie
schaffen sie selbst nicht weg. Sokrates war ein Missverstndniss;
die ganze Besserungs-Moral, auch die christliche, war ein
Missverstndniss... Das grellste Tageslicht, die Vernnftigkeit um
jeden Preis, das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt,
im Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine
andre Krankheit - und durchaus kein Rckweg zur "Tugend", zur
"Gesundheit", zum Glck... Die Instinkte bekmpfen mssen - das ist
die Formel fr dcadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glck
gleich Instinkt. -


12.

- Hat er das selbst noch begriffen, dieser Klgste aller
Selbstberlister? Sagte er sich das zuletzt, in der Weisheit seines
Muthes zum Tode?... Sokrates wollte sterben: - nicht Athen, er gab
sich den Giftbecher, er zwang Athen zum Giftbecher... Sokrates ist
kein Arzt sprach er leise zu sich: "der Tod allein ist hier Arzt...
Sokrates selbst war nur lange krank..."



Die "Vernunft" in der Philosophie.

1.

Sie fragen mich, was Alles Idiosynkrasie bei den Philosophen ist?...
Zum Beispiel ihr Mangel an historischem Sinn, ihr Hass gegen die
Vorstellung selbst des Werdens, ihr gypticismus. Sie glauben
einer Sache eine Ehre anzuthun, wenn sie dieselbe enthistorisiren,
sub specie aetemi, - wenn sie aus ihr eine Mumie machen. Alles,
was Philosophen seit Jahrtausenden gehandhabt haben, waren
Begriffs-Mumien; es kam nichts Wirkliches lebendig aus ihren Hnden.
Sie tdten, sie stopfen aus, diese Herren Begriffs-Gtzendiener, wenn
sie anbeten, - sie werden Allem lebensgefhrlich, wenn sie anbeten.
Der Tod, der Wandel, das Alter ebensogut als Zeugung und Wachsthum
sind fr sie Einwnde, - Widerlegungen sogar. Was ist, wird nicht; was
wird ist nicht... Nun glauben sie Alle, mit Verzweiflung sogar, an's
Seiende. Da sie aber dessen nicht habhaft werden, suchen sie nach
Grnden, weshalb man's ihnen vorenthlt. "Es muss ein Schein, eine
Betrgerei dabei sein, dass wir das Seiende nicht wahrnehmen: wo
steckt der Betrger?" - "Wir haben ihn, schreien sie glckselig, die
Sinnlichkeit ist's! Diese Sinne, die auch sonst so unmoralisch sind,
sie betrgen uns ber die wahre Welt. Moral: loskommen von dem
Sinnentrug, vom Werden, von der Historie, von der Lge, - Historie ist
nichts als Glaube an die Sinne, Glaube an die Lge. Moral: Neinsagen
zu Allem, was den Sinnen Glauben schenkt, zum ganzen Rest der
Menschheit: das ist Alles `Volk`. Philosoph sein, Mumie sein, den
Monotono-Theismus durch eine Todtengrber-Mimik darstellen! - Und
weg vor Allem mit dem Leibe, dieser erbarmungswrdigen ide fixe der
Sinne! behaftet mit allen Fehlern der Logik, die es giebt, widerlegt,
unmglich sogar, ob er schon frech genug ist, sich als wirklich zu
gebrden!"...


2.

Ich nehme, mit hoher Ehrerbietung, den Namen Heraklit's bei Seite.
Wenn das andre Philosophen-Volk das Zeugniss der Sinne verwarf, weil
dieselben Vielheit und Vernderung zeigten, verwarf er deren Zeugniss,
weil sie die Dinge zeigten, als ob sie Dauer und Einheit htten. Auch
Heraklit that den Sinnen Unrecht. Dieselben lgen weder in der Art,
wie die Eleaten es glauben, noch wie er es glaubte, - sie lgen
berhaupt nicht. Was wir aus ihrem Zeugniss machen, das legt erst
die Lge hinein, zum Beispiel die Lge der Einheit, die Lge der
Dinglichkeit, der Substanz, der Dauer... Die "Vernunft" ist die
Ursache, dass wir das Zeugniss der Sinne flschen. Sofern die Sinne
das Werden, das Vergehn, den Wechsel zeigen, lgen sie nicht... Aber
damit wird Heraklit ewig Recht behalten, dass das Sein eine leere
Fiktion ist. Die "scheinbare" Welt ist die einzige: die wahre Welt ist
nur hinzugelogen...


3.

- Und was fr feine Werkzeuge der Beobachtung haben wir an unsren
Sinnen! Diese Nase zum Beispiel, von der noch kein Philosoph mit
Verehrung und Dankbarkeit gesprochen hat, ist sogar einstweilen das
delikateste Instrument, das uns zu Gebote steht: es vermag noch
Minimaldifferenzen der Bewegung zu constatiren, die selbst das
Spektroskop nicht constatirt. Wir besitzen heute genau so weit
Wissenschaft, als wir uns entschlossen haben, das Zeugniss der Sinne
anzunehmen, - als wir sie noch schrfen, bewaffnen, zu Ende denken
lernten. Der Rest ist Missgeburt und Noch-nicht-Wissenschaft: will
sagen Metaphysik, Theologie, Psychologie, Erkenntnisstheorie. Oder
Formal-Wissenschaft, Zeichenlehre: wie die Logik und jene angewandte
Logik, die Mathematik. In ihnen kommt die Wirklichkeit gar nicht vor,
nicht einmal als Problem; ebensowenig als die Frage, welchen Werth
berhaupt eine solche Zeichen-Convention, wie die Logik ist, hat. -


4.

Die andre Idiosynkrasie der Philosophen ist nicht weniger gefhrlich:
sie besteht darin, das Letzte und das Erste zu verwechseln. Sie setzen
Das, was am Ende kommt - leider! denn es sollte gar nicht kommen! -
die "hchsten Begriffe", das heisst die allgemeinsten, die leersten
Begriffe, den letzten Rauch der verdunstenden Realitt an den Anfang
als Anfang. Es ist dies wieder nur der Ausdruck ihrer Art zu verehren:
das Hhere darf nicht aus dem Niederen wachsen, darf berhaupt nicht
gewachsen sein... Moral: Alles, was ersten Ranges ist, muss causa
sui sein. Die Herkunft aus etwas Anderem gilt als Einwand, als
Werth-Anzweifelung. Alle obersten Werthe sind ersten Ranges, alle
hchsten Begriffe, das Seiende, das Unbedingte, das Gute, das Wahre,
das Vollkommne - das Alles kann nicht geworden sein, muss folglich
causa sui sein. Das Alles aber kann auch nicht einander ungleich, kann
nicht mit sich im Widerspruch sein... Damit haben sie ihren stupenden
Begriff "Gott"... Das Letzte, Dnnste, Leerste wird als Erstes
gesetzt, als Ursache an sich, als ens realissimum... Dass die
Menschheit die Gehirnleiden kranker Spinneweber hat ernst nehmen
mssen! - Und sie hat theuer dafr gezahlt!...


5.

- Stellen wir endlich dagegen, auf welche verschiedne Art wir (-
ich sage hflicher Weise wir... ) das Problem des Irrthums und der
Scheinbarkeit in's Auge fassen. Ehemals nahm man die Vernderung,
den Wechsel, das Werden berhaupt als Beweis fr Scheinbarkeit, als
Zeichen dafr, dass Etwas da sein msse, das uns irre fhre. Heute
umgekehrt sehen wir, genau so weit als das Vernunft-Vorurtheil uns
zwingt, Einheit, Identitt, Dauer, Substanz, Ursache, Dinglichkeit,
Sein anzusetzen, uns gewissermaassen verstrickt in den Irrthum,
necessitirt zum Irrthum; so sicher wir auf Grund einer strengen
Nachrechnung bei uns darber sind, dass hier der Irrthum ist. Es steht
damit nicht anders als mit den Bewegungen des grossen Gestirns: bei
ihnen hat der Irrthum unser Auge, hier hat er unsre Sprache zum
bestndigen Anwalt. Die Sprache gehrt ihrer Entstehung nach in die
Zeit der rudimentrsten Form von Psychologie: wir kommen in ein
grobes Fetischwesen hinein, wenn wir uns die Grundvoraussetzungen der
Sprach-Metaphysik, auf deutsch: der Vernunft, zum Bewusstsein bringen.
Das sieht berall Thter und Thun: das glaubt an Willen als Ursache
berhaupt; das glaubt an's "Ich", an's Ich als Sein, an's Ich als
Substanz und projicirt den Glauben an die Ich-Substanz auf alle Dinge
- es schafft erst damit den Begriff "Ding"... Das Sein wird berall
als Ursache hineingedacht, untergeschoben; aus der Conception "Ich"
folgt erst, als abgeleitet, der Begriff "Sein"... Am Anfang steht das
grosse Verhngniss von Irrthum, dass der Wille Etwas ist, das wirkt,
- dass Wille ein Vermgen ist... Heute wissen wir, dass er bloss ein
Wort ist... Sehr viel spter, in einer tausendfach aufgeklrteren Welt
kam die Sicherheit, die subjektive Gewissheit in der Handhabung der
Vemunft-Kategorien den Philosophen mit berraschung zum Bewusstsein:
sie schlossen, dass dieselben nicht aus der Empirie stammen knnten,
- die ganze Empirie stehe ja zu ihnen in Widerspruch. Woher also
stammen sie? - Und in Indien wie in Griechenland hat man den gleichen
Fehlgriff gemacht: "wir mssen schon einmal in einer hheren Welt
heimisch gewesen sein (- statt in einer sehr viel niederen: was die
Wahrheit gewesen wre!), wir mssen gttlich gewesen sein, denn wir
haben die Vernunft!"... In der That, Nichts hat bisher eine naivere
berredungskraft gehabt als der Irrthum vom Sein, wie er zum Beispiel
von den Eleaten formulirt wurde: er hat ja jedes Wort fr sich,
jeden Satz fr sich, den wir sprechen! - Auch die Gegner der Eleaten
unterlagen noch der Verfhrung ihres Seins-Begriffs: Demokrit unter
Anderen, als er sein Atom erfand... Die "Vernunft" in der Sprache: oh
was fr eine alte betrgerische Weibsperson! Ich frchte, wir werden
Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben...


6.

Man wird mir dankbar sein, wenn ich eine so wesentliche, so neue
Einsicht in vier Thesen zusammendrnge: ich erleichtere damit das
Verstehen, ich fordere damit den Widerspruch heraus.

Erster Satz. Die Grnde, darauf hin "diese" Welt als scheinbar
bezeichnet worden ist, begrnden vielmehr deren Realitt, - eine andre
Art Realitt ist absolut unnachweisbar.

Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem "wahren Sein" der Dinge
gegeben hat, sind die Kennzeichen des Nicht Seins, des Nichts, -
man hat die "wahre Welt" aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt
aufgebaut: eine scheinbare Welt in der That, insofern sie bloss eine
moralisch-optische Tuschung ist.

Dritter Satz. Von einer "andren" Welt als dieser zu fabeln hat gar
keinen Sinn, vorausgesetzt, dass nicht ein Instinkt der Verleumdung,
Verkleinerung, Verdchtigung des Lebens in uns mchtig ist: im
letzteren Falle rchen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines
"anderen", eines "besseren" Lebens.

Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine "wahre" und eine "scheinbare",
sei es in der Art des Christenthums, sei es in der Art Kant's (eines
hinterlistigen Christen zu guterletzt) ist nur eine Suggestion der
dcadence, - ein Symptom niedergehenden Lebens... Dass der Knstler
den Schein hher schtzt als die Realitt, ist kein Einwand gegen
diesen Satz. Denn "der Schein" bedeutet hier die Realitt noch einmal,
nur in einer Auswahl, Verstrkung, Correctur... Der tragische Knstler
ist kein Pessimist, - er sagt gerade Ja zu allem Fragwrdigen und
Furchtbaren selbst, er ist dionysisch...



Wie die "wahre Welt" endlich zur Fabel wurde.

Geschichte eines Irrthums.

1. Die wahre Welt erreichbar fr den Weisen, den Frommen, den
Tugendhaften, - er lebt in ihr, er ist sie.

(lteste Form der Idee, relativ klug, simpel, berzeugend.
Umschreibung des Satzes "ich, Plato, bin die Wahrheit".)

2. Die wahre Welt, unerreichbar fr jetzt, aber versprochen fr den
Weisen, den Frommen, den Tugendhaften ("fr den Snder, der Busse
thut").

(Fortschritt der Idee: sie wird feiner, verfnglicher, unfasslicher, -
sie wird Weib, sie wird christlich... )

3. Die wahre Welt, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar, aber
schon als gedacht ein Trost, eine Verpflichtung, ein Imperativ.

(Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch; die
Idee sublim geworden, bleich, nordisch, knigsbergisch.)

4. Die wahre Welt - unerreichbar? jedenfalls unerreicht. Und als
unerreicht auch unbekannt. Folglich auch nicht trstend, erlsend,
verpflichtend: wozu knnte uns etwas Unbekanntes verpflichten?...

(Grauer Morgen. Erstes Ghnen der Vernunft. Hahnenschrei des
Positivismus.)

5. Die "wahre Welt" - eine Idee, die zu Nichts mehr ntz ist, nicht
einmal mehr verpflichtend, - eine unntz, eine berflssig gewordene
Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!

(Heller Tag; Frhstck; Rckkehr des bon sens und der Heiterkeit;
Schamrthe Plato's; Teufelslrm aller freien Geister.)

6. Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb brig? die
scheinbare vielleicht?... Aber nein! mit der wahren Welt haben wir
auch die scheinbare abgeschafft!

(Mittag; Augenblick des krzesten Schattens; Ende des lngsten
Irrthums; Hhepunkt der Menschheit; INCIPIT ZARATHUSTRA.)



Moral als Widernatur.

1.

Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloss verhngnissvoll sind, wo
sie mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer hinunterziehen - und eine
sptere, sehr viel sptere, wo sie sich mit dem Geist verheirathen,
sich "vergeistigen". Ehemals machte man, wegen der Dummheit in der
Passion, der Passion selbst den Krieg: man verschwor sich zu deren
Vernichtung, - alle alten Moral-Unthiere sind einmthig darber "il
faut tuer les passions." Die berhmteste Formel dafr steht im neuen
Testament, in jener Bergpredigt, wo, anbei gesagt, die Dinge durchaus
nicht aus der Hhe betrachtet werden. Es wird daselbst zum Beispiel
mit Nutzanwendung auf die Geschlechtlichkeit gesagt "wenn dich dein
Auge rgert, so reisse es aus": zum Glck handelt kein Christ nach
dieser Vorschrift. Die Leidenschaften und Begierden vernichten,
bloss um ihrer Dummheit und den unangenehmen Folgen ihrer Dummheit
vorzubeugen, erscheint uns heute selbst bloss als eine akute Form der
Dummheit. Wir bewundern die Zahnrzte nicht mehr, welche die Zhne
ausreissen, damit sie nicht mehr weh thun... Mit einiger Billigkeit
werde andrerseits zugestanden, dass auf dem Boden, aus dem das
Christenthum gewachsen ist, der Begriff "Vergeistigung der Passion"
gar nicht concipirt werden konnte. Die erste Kirche kmpfte ja, wie
bekannt, gegen die "Intelligenten" zu Gunsten der "Armen des Geistes":
wie drfte man von ihr einen intelligenten Krieg gegen die Passion
erwarten? - Die Kirche bekmpft die Leidenschaft mit Ausschneidung in
jedem Sinne: ihre Praktik, ihre "Kur" ist der Castratismus. Sie fragt
nie: "wie vergeistigt, verschnt, vergttlicht man eine Begierde?" -
sie hat zu allen Zeiten den Nachdruck der Disciplin auf die Ausrottung
(der Sinnlichkeit, des Stolzes, der Herrschsucht, der Habsucht, der
Rachsucht) gelegt. - Aber die Leidenschaften an der Wurzel angreifen
heisst das Leben an der Wurzel angreifen: die Praxis der Kirche ist
lebensfeindlich...


2.

Dasselbe Mittel, Verschneidung, Ausrottung, wird instinktiv im Kampfe
mit einer Begierde von Denen gewhlt, welche zu willensschwach,
zu degenerirt sind, um sich ein Maass in ihr auflegen zu knnen:
von jenen Naturen, die la Trappe nthig haben, im Gleidiniss
gesprochen (und ohne Gleichniss -), irgend eine endgltige
Feindschafts-Erklrung, eine Kluft zwischen sich und einer Passion.
Die radikalen Mittel sind nur den Degenerirten unentbehrlich; die
Schwche des Willens, bestinunter geredet, die Unfhigkeit, auf
einen Reiz nicht zu reagiren, ist selbst bloss eine andre Form der
Degenerescenz. Die radikale Feindschaft, die Todfeindschaft gegen
die Sinnlichkeit bleibt ein nachdenkliches Symptom: man ist damit zu
Vermuthungen ber den Gesammt-Zustand eines dergestalt Excessiven
berechtigt. - Jene Feindschaft, jener Hass kommt brigens erst auf
seine Spitze, wenn solche Naturen selbst zur Radikal-Kur, zur Absage
von ihrem "Teufel" nicht mehr Festigkeit genug haben. Man berschaue
die ganze Geschichte der Priester und Philosophen, der Knstler
hinzugenommen: das Giftigste gegen die Sinne ist nicht von den
Impotenten gesagt, auch nicht von den Asketen, sondern von den
unmglichen Asketen, von Solchen, die es nthig gehabt htten, Asketen
zu sein...


3.

Die Vergeistigung der Sinnlichkeit heisst Liebe: sie ist ein
grosser Triumph ber das Christenthum. Ein andrer Triumph ist unsre
Vergeistigung der Feindschaft. Sie besteht darin, dass man tief den
Werth begreift, den es hat, Feinde zu haben: kurz, dass man umgekehrt
thut und schliesst als man ehedem that und schloss. Die Kirche wollte
zu allen Zeiten die Vernichtung ihrer Feinde: wir, wir Immoralisten
und Antichristen, sehen unsern Vortheil darin, dass die Kirche
besteht... Auch im Politischen ist die Feindschaft jetzt geistiger
geworden, - viel klger, viel nachdenklicher, viel schonender. Fast
jede Partei begreift ihr Selbsterhaltungs-Interesse darin, dass die
Gegenpartei nicht von Krften kommt; dasselbe gilt von der grossen
Politik. Eine neue Schpfung zumal, etwa das neue Reich, hat Feinde
nthiger als Freunde: im Gegensatz erst fhlt es sich nothwendig,
im Gegensatz wird es erst nothwendig... Nicht anders verhalten wir
uns gegen den "inneren Feind": auch da haben wir die Feindschaft
vergeistigt, auch da haben wir ihren Werth begriffen. Man ist nur
fruchtbar um den Preis, an Gegenstzen reich zu sein; man bleibt nur
jung unter der Voraussetzung, dass die Seele nicht sich streckt, nicht
nach Frieden begehrt... Nichts ist uns fremder geworden als jene
Wnschbarkeit von Ehedem, die vom "Frieden der Seele", die christliche
Wnschbarkeit; Nichts macht uns weniger Neid als die Moral-Kuh und
das fette Glck des guten Gewissens. Man hat auf das grosse Leben
verzichtet, wenn man auf den Krieg verzichtet... In vielen Fllen
freilich ist der "Frieden der Seele" bloss ein Missverstndniss, -
etwas Anderes, das sich nur nicht ehrlicher zu benennen weiss. Ohne
Umschweif und Vorurtheil ein paar Flle. "Frieden der Seele" kann
zum Beispiel die sanfte Ausstrahlung einer reichen Animalitt in's
Moralische (oder Religise) sein. Oder der Anfang der Mdigkeit,
der erste Schatten, den der Abend, jede Art Abend wirft. Oder ein
Zeichen davon, dass die Luft feucht ist, dass Sdwinde herankommen.
Oder die Dankbarkeit wider Wissen fr eine glckliche Verdauung
("Menschenliebe" mitunter genannt). Oder das Stille-werden des
Genesenden, dem alle Dinge neu schmecken und der wartet... Oder
der Zustand, der einer starken Befriedigung unsrer herrschenden
Leidenschaft folgt, das Wohlgefhl einer seltnen Sattheit. Oder die
Altersschwche unsres Willens, unsrer Begehrungen, unsrer Laster. Oder
die Faulheit, von der Eitelkeit berredet, sich moralisch aufzuputzen.
Oder der Eintritt einer Gewissheit, selbst furchtbaren Gewissheit,
nach einer langen Spannung und Marterung durch die Ungewissheit. Oder
der Ausdruck der Reife und Meisterschaft mitten im Thun, Schaffen,
Wirken, Wollen, das ruhige Athmen, die erreichte "Freiheit des
Willens"... Gtzen-Dmmerung: wer weiss? vielleicht auch nur eine Art
"Frieden der Seele"...


4.

- Ich bringe ein Princip in Formel. Jeder Naturalismus in der Moral,
das heisst jede gesunde Moral ist von einem Instinkte des Lebens
beherrscht, - irgend ein Gebot des Lebens wird mit einem bestimmten
Kanon von "Soll" und "Soll nicht" erfllt, irgend eine Hemmung und
Feindseligkeit auf dem Wege des Lebens wird damit bei Seite geschafft.
Die widernatrliche Moral, das heisst fast jede Moral, die bisher
gelehrt, verehrt und gepredigt worden ist, wendet sich umgekehrt
gerade gegen die Instinkte des Lebens, - sie ist eine bald heimliche,
bald laute und freche Verurtheilung dieser Instinkte. Indem sie sagt
"Gott sieht das Herz an", sagt sie Nein zu den untersten und obersten
Begehrungen des Lebens und nimmt Gott als Feind des Lebens... Der
Heilige, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, ist der ideale Castrat...
Das Leben ist zu Ende, wo das "Reich Gottes" anfngt...


5.

Gesetzt, dass man das Frevelhafte einer solchen Auflehnung gegen
das Leben begriffen hat, wie sie in der christlichen Moral beinahe
sakrosankt geworden ist, so hat man damit, zum Glck, auch Etwas
Andres begriffen: das Nutzlose, Scheinbare, Absurde, Lgnerische einer
solchen Auflehnung. Eine Verurtheilung des Lebens von Seiten des
Lebenden bleibt zuletzt doch nur das Symptom einer bestimmten Art von
Leben: die Frage, ob mit Recht, ob mit Unrecht, ist gar nicht damit
aufgeworfen. Man msste eine Stellung ausserhalb des Lebens haben, und
andrerseits es so gut kennen, wie Einer, wie Viele, wie Alle, die es
gelebt haben, um das Problem vom Werth des Lebens berhaupt anrhren
zu drfen: Grnde genug, um zu begreifen, dass das Problem ein fr
uns unzugngliches Problem ist. Wenn wir von Werthen reden, reden wir
unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst
zwingt uns Werthe anzusetzen, das Leben selbst werthet durch uns, wenn
wir Werthe ansetzen... Daraus folgt, dass auch jene Widernatur von
Moral, welche Gott als Gegenbegriff und Verurtheilung des Lebens
fasst, nur ein Werthurtheil des Lebens ist - welches Lebens? Welcher
Art von Leben? - Aber ich gab schon die Antwort: des niedergehenden,
des geschwchten, des mden, des verurtheilten Lebens. Moral, wie sie
bisher verstanden worden ist - wie sie zuletzt noch von Schopenhauer
formulirt wurde als "Verneinung des Willens zum Leben" - ist der
dcadence-Instinkt selbst, der aus sich einen Imperativ macht: sie
sagt: "geh zu Grunde" sie ist das Urtheil Verurtheilter...


6.

Erwgen wir endlich noch, welche Naivett es berhaupt ist, zu sagen
"so und so sollte der Mensch sein!" Die Wirklichkeit zeigt uns
einen entzckenden Reichthum der Typen, die ppigkeit eines
verschwenderischen Formenspiels und -Wechsels: und irgend ein
armseliger Eckensteher von Moralist sagt dazu: "nein! der Mensch
sollte anders sein"?... Er weiss es sogar, wie er sein sollte, dieser
Schlucker und Mucker, er malt sich an die Wand und sagt dazu "ecce
homo!"... Aber selbst wenn der Moralist sich bloss an den Einzelnen
wendet und zu ihm sagt: "so und so solltest du sein!" hrt er nicht
auf, sich lcherlich zu machen. Der Einzelne ist ein Stck fatum, von
Vorne und von Hinten, ein Gesetz mehr, eine Nothwendigkeit mehr fr
Alles, was kommt und sein wird. Zu ihm sagen "ndere dich" heisst
verlangen, dass Alles sich ndert, sogar rckwrts noch... Und
wirklich, es gab consequente Moralisten, sie wollten den Menschen
anders, nmlich tugendhaft, sie wollten ihn nach ihrem Bilde, nmlich
als Mucker: dazu verneinten sie die Welt! Keine kleine Tollheit!
Keine bescheidne Art der Unbescheidenheit!... Die Moral, insofern sie
verurtheilt, an sich, nicht aus Hinsichten, Rcksichten, Absichten des
Lebens, ist ein spezifischer Irrthum, mit dem man kein Mitleiden haben
soll, eine Degenerirten-Idiosynkrasie, die unsglich viel Schaden
gestiftet hat!... Wir Anderen, wir Immoralisten, haben umgekehrt unser
Herz weit gemacht fr alle Art Verstehn, Begreifen, Gutheissen. Wir
verneinen nicht leicht, wir suchen unsre Ehre darin, Bejahende zu
sein. Immer mehr ist uns das Auge fr jene konomie aufgegangen,
welche alles Das noch braucht und auszuntzen weiss, was der heilige
Aberwitz des Priesters, der kranken Vernunft im Priester verwirft, fr
jene konomie im Gesetz des Lebens, die selbst aus der widerlichen
species des Muckers, des Priesters, des Tugendhaften ihren Vortheil
zieht, - welchen Vortheil? - Aber wir selbst, wir Immoralisten sind
hier die Antwort... -



Die vier grossen Irrthmer.

1.

Irrthum der Verwechslung von Ursache und Folge. - Es giebt keinen
gefhrlicheren Irrthum als die Folge mit der Ursache zu verwechseln:
ich heisse ihn die eigentliche Verderbniss der Vernunft. Trotzdem
gehrt dieser Irrthum zu den ltesten und jngsten Gewohnheiten der
Menschheit: er ist selbst unter uns geheiligt, er trgt den Namen
"Religion", "Moral". Jeder Satz, den die Religion und die Moral
formulirt, enthlt ihn; Priester und Moral-Gesetzgeber sind die
Urheber jener Verderbniss der Vernunft. - Ich nehme ein Beispiel:
Jedermann kennt das Buch des berhmten Cornaro, in dem er seine
schmale Dit als Recept zu einem langen und glcklichen Leben - auch
tugendhaften - anrth. Wenige Bcher sind so viel gelesen worden, noch
jetzt wird es in England jhrlich in vielen Tausenden von Exemplaren
gedruckt. Ich zweifle nicht daran, dass kaum ein Buch (die Bibel, wie
billig, ausgenommen) so viel Unheil gestiftet, so viele Leben verkrzt
hat wie dies so wohlgemeinte Curiosum. Grund dafr: die Verwechslung
der Folge mit der Ursache. Der biedere Italiner sah in seiner Dit
die Ursache seines langen Lebens: whrend die Vorbedingung zum langen
Leben, die ausserordentliche Langsamkeit des Stoffwechsels, der
geringe Verbrauch, die Ursache seiner schmalen Dit war. Es stand
ihm nicht frei, wenig oder viel zu essen, seine Frugalitt war nicht
ein "freier Wille": er wurde krank, wenn er mehr ass. Wer aber kein
Karpfen ist, thut nicht nur gut, sondern hat es nthig, ordentlich
zu essen. Ein Gelehrter unsrer Tage, mit seinem rapiden Verbrauch an
Nervenkraft, wrde sich mit dem rgime Cornaro's zu Grunde richten.
Crede experto. -


2.

Die allgemeinste Formel, die jeder Religion und Moral zu Grunde liegt,
heisst: "Thue das und das, lass das und das - so wirst du glcklich!
Im andern Falle..." Jede Moral, jede Religion ist dieser Imperativ,
- ich nenne ihn die grosse Erbsnde der Vernunft, die unsterbliche
Unvernunft. In meinem Munde verwandelt sich jene Formel in ihre
Umkehrung - erstes Beispiel meiner "Umwerthung aller Werthe": ein
wohlgerathener Mensch, ein "Glcklicher", muss gewisse Handlungen
thun und scheut sich instinktiv vor anderen Handlungen, er trgt die
Ordnung, die er physiologisch darstellt, in seine Beziehungen zu
Menschen und Dingen hinein. In Formel: seine Tugend ist die Folge
seines Glcks... Langes Leben, eine reiche Nachkommenschaft ist nicht
der Lohn der Tugend, die Tugend ist vielmehr selbst jene Verlangsamung
des Stoffwechsels, die, unter Anderem, auch ein langes Leben, eine
reiche Nachkommenschaft, kurz den Cornarismus im Gefolge hat. - Die
Kirche und die Moral sagen: "ein Geschlecht, ein Volk wird durch
Laster und Luxus zu Grunde gerichtet." Meine wiederhergestellte
Vernunft sagt: wenn ein Volk zu Grunde geht, physiologisch degenerirt,
so folgen daraus Laster und Luxus (das heisst das Bedrfniss nach
immer strkeren und hufigeren Reizen, wie sie jede erschpfte Natur
kennt). Dieser junge Mann wird frhzeitig blass und welk. Seine
Freunde sagen: daran ist die und die Krankheit schuld. Ich sage: dass
er krank wurde, dass er der Krankheit nicht widerstand, war bereits
die Folge eines verarmten Lebens, einer hereditren Erschpfung. Der
Zeitungsleser sagt: diese Partei richtet sich mit einem solchen Fehler
zu Grunde. Meine hhere Politik sagt: eine Partei, die solche Fehler
macht, ist am Ende - sie hat ihre Instinkt-Sicherheit nicht mehr.
Jeder Fehler in jedem Sinne ist die Folge von Instinkt-Entartung, von
Disgregation des Willens: man definirt beinahe damit das Schlechte.
Alles Gute ist Instinkt - und, folglich, leicht, nothwendig, frei. Die
Mhsal ist ein Einwand, der Gott ist typisch vom Helden unterschieden
(in meiner Sprache: die leichten Fsse das erste Attribut der
Gttlichkeit).


3.

Irrthum einer falschen Urschlichkeit. - Man hat zu allen Zeiten
geglaubt, zu wissen, was eine Ursache ist: aber woher nahmen wir unser
Wissen, genauer, unsern Glauben, hier zu wissen? Aus dem Bereich
der berhmten "inneren Thatsachen", von denen bisher keine sich als
thatschlich erwiesen hat. Wir glaubten uns selbst im Akt des Willens
urschlich; wir meinten da wenigstens die Urschlichkeit auf der
That zu ertappen. Man zweifelte insgleichen nicht daran, dass alle
antecedentia einer Handlung, ihre Ursachen, im Bewusstsein zu suchen
seien und darin sich wiederfnden, wenn man sie suche - als "Motive":
man wre ja sonst zu ihr nicht frei, fr sie nicht verantwortlich
gewesen. Endlich, wer htte bestritten, dass ein Gedanke verursacht
wird? dass das Ich den Gedanken verursacht?... Von diesen drei
"inneren Thatsachen", mit denen sich die Urschlichkeit zu verbrgen
schien, ist die erste und berzeugendste die vom Willen als Ursache;
die Conception eines Bewusstseins ("Geistes") als Ursache und spter
noch die des Ich (des "Subjekts") als Ursache sind bloss nachgeboren,
nachdem vom Willen die Urschlichkeit als gegeben feststand, als
Empirie... Inzwischen haben wir uns besser besonnen. Wir glauben heute
kein Wort mehr von dem Allen. Die "innere Welt" ist voller Trugbilder
und Irrlichter: der Wille ist eins von ihnen. Der Wille bewegt nichts
mehr, erklrt folglich auch nichts mehr - er begleitet bloss Vorgnge,
er kann auch fehlen. Das sogenannte "Motiv": ein andrer Irrthum. Bloss
ein Oberflchenphnomen des Bewusstseins, ein Nebenher der That,
das eher noch die antecedentia einer That verdeckt, als dass es sie
darstellt. Und gar das Ich! Das ist zur Fabel geworden, zur Fiktion,
zum Wortspiel: das hat ganz und gar aufgehrt, zu denken, zu fhlen
und zu wollen!... Was folgt daraus? Es giebt gar keine geistigen
Ursachen! Die ganze angebliche Empirie dafr gieng zum Teufel! Das
folgt daraus! - Und wir hatten einen artigen Missbrauch mit jener
"Empirie" getrieben, wir hatten die Welt daraufhin geschaffen als
eine Ursachen-Welt, als eine Willens-Welt, als eine Geister-Welt. Die
lteste und lngste Psychologie war hier am Werk, sie hat gar nichts
Anderes gethan: alles Geschehen war ihr ein Thun, alles Thun Folge
eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit von Thtern, ein
Thter (ein "Subjekt") schob sich allem Geschehen unter. Der Mensch
hat seine drei "inneren Thatsachen", Das, woran er am festesten
glaubte, den Willen, den Geist, das Ich, aus sich herausprojicirt, -
er nahm erst den Begriff Sein aus dem Begriff Ich heraus, er hat die
"Dinge" als seiend gesetzt nach seinem Bilde, nach seinem Begriff des
Ichs als Ursache. Was Wunder, dass er spter in den Dingen immer nur
wiederfand, was er in sie gesteckt hatte?- Das Ding selbst, nochmals
gesagt, der Begriff Ding, ein Reflex bloss vom Glauben an's Ich als
Ursache... Und selbst noch Ihr Atom, meine Herren Mechanisten und
Physiker, wie viel Irrthum, wie viel rudimentre Psychologie ist noch
in Ihrem Atom rckstndig! - Gar nicht zu reden vom "Ding an sich",
vom horrendum pudendum der Metaphysiker! Der Irrthum vom Geist als
Ursache mit der Realitt verwechselt! Und zum Maass der Realitt
gemacht! Und Gott genannt! -


4.

Irrthum der imaginren Ursachen. - Vom Traume auszugehn: einer
bestimmten Empfindung, zum Beispiel in Folge eines fernen
Kanonenschusses, wird nachtrglich eine Ursache untergeschoben (oft
ein ganzer kleiner Roman, in dem gerade der Trumende die Hauptperson
ist). Die Empfindung dauert inzwischen fort, in einer Art von
Resonanz: sie wartet gleichsam, bis der Ursachentrieb ihr erlaubt, in
den Vordergrund zu treten, - nunmehr nicht mehr als Zufall, sondern
als "Sinn". Der Kanonenschuss tritt in einer causalen Weise auf, in
einer anscheinenden Umkehrung der Zeit. Das Sptere, die Motivirung,
wird zuerst erlebt, oft mit hundert Einzelnheiten, die wie im Blitz
vorbergehn, der Schuss folgt... Was ist geschehen? Die Vorstellungen,
welche ein gewisses Befinden erzeugte, wurden als Ursache desselben
missverstanden. - Thatschlich machen wir es im Wachen ebenso.
Unsre meisten Allgemeingefhle - jede Art Hemmung, Druck, Spannung,
Explosion im Spiel und Gegenspiel der Organe, wie in Sonderheit der
Zustand des nervus sympathicus - erregen unsern Ursachentrieb: wir
wollen einen Grund haben, uns so und so zu befinden, - uns schlecht zu
befinden oder gut zu befinden. Es gengt uns niemals, einfach bloss
die Thatsache, dass wir uns so und so befinden, festzustellen: wir
lassen diese Thatsache erst zu, - werden ihrer bewusst -, wenn wir ihr
eine Art Motivirung gegeben haben. - Die Erinnerung, die in solchem
Falle, ohne unser Wissen, in Thtigkeit tritt, fhrt frhere Zustnde
gleicher Art und die damit verwachsenen Causal-Interpretationen
herauf, - nicht deren Urschlichkeit. Der Glaube freilich, dass die
Vorstellungen, die begleitenden Bewusstseins-Vorgnge die Ursachen
gewesen seien, wird durch die Erinnerung auch mit heraufgebracht. So
entsteht eine Gewhnung an eine bestimmte Ursachen-Interpretation,
die in Wahrheit eine Erforschung der Ursache hemmt und selbst
ausschliesst.


5.

Psychologische Erklrung dazu. - Etwas Unbekanntes auf etwas Bekanntes
zurckfhren, erleichtert, beruhigt, befriedigt, giebt ausserdem ein
Gefhl von Macht. Mit dem Unbekannten ist die Gefahr, die Unruhe,
die Sorge gegeben, - der erste Instinkt geht dahin, diese peinlichen
Zustnde wegzuschaffen. Erster Grundsatz: irgend eine Erklrung ist
besser als keine. Weil es sich im Grunde nur um ein Loswerdenwollen
drckender Vorstellungen handelt, nimmt man es nicht gerade streng mit
den Mitteln, sie loszuwerden: die erste Vorstellung, mit der sich das
Unbekannte als bekannt erklrt, thut so wohl, dass man sie "fr wahr
hlt". Beweis der Lust ("der Kraft") als Criterium der Wahrheit. - Der
Ursachen-Trieb ist also bedingt und erregt durch das Furchtgefhl.
Das "Warum?" soll, wenn irgend mglich, nicht sowohl die Ursache um
ihrer selber willen geben, als vielmehr eine Art von Ursache - eine
beruhigende, befreiende, erleichternde Ursache. Dass etwas schon
Bekanntes, Erlebtes, in die Erinnerung Eingeschriebenes als Ursache
angesetzt wird, ist die erste Folge dieses Bedrfnisses. Das Neue, das
Unerlebte, das Fremde wird als Ursache ausgeschlossen. - Es wird also
nicht nur eine Art von Erklrungen als Ursache gesucht, sondern eine
ausgesuchte und bevorzugte Art von Erklrungen, die, bei denen am
schnellsten, am hufigsten das Gefhl des Fremden, Neuen, Unerlebten
weggeschafft worden ist, - die gewhnlichsten Erklrungen. - Folge:
eine Art von Ursachen-Setzung berwiegt immer mehr, concentrirt sich
zum System und tritt endlich dominirend hervor, das heisst andere
Ursachen und Erklrungen einfach ausschliessend. - Der Banquier denkt
sofort an's "Geschft", der Christ an die "Snde", das Mdchen an
seine Liebe.


6.

Der ganze Bereich der Moral und Religion gehrt unter diesen
Begriff der imaginren Ursachen. - "Erklrung" der unangenehmen
Allgemeingefhle. Dieselben sind bedingt durch Wesen, die uns
feind sind (bse Geister: berhmtester Fall - Missverstndniss der
Hysterischen als Hexen). Dieselben sind bedingt durch Handlungen, die
nicht zu billigen sind (das Gefhl der "Snde", der "Sndhaftigkeit"
einem physiologischen Missbehagen untergeschoben - man findet immer
Grnde, mit sich unzufrieden zu sein). Dieselben sind bedingt als
Strafen, als eine Abzahlung fr Etwas, das wir nicht htten thun, das
wir nicht htten sein sollen (in impudenter Form von Schopenhauer zu
einem Satze verallgemeinert, in dem die Moral als Das erscheint, was
sie ist, als eigentliche Giftmischerin und Verleumderin des Lebens:
"jeder grosse Schmerz, sei er leiblich, sei er geistig, sagt aus, was
wir verdienen; denn er knnte nicht an uns kommen, wenn wir ihn nicht
verdienten." Welt als Wille und Vorstellung, 2, 666). Dieselben sind
bedingt als Folgen unbedachter, schlimm auslaufender Handlungen (die
Affekte, die Sinne als Ursache, als "schuld" angesetzt; physiologische
Nothstnde mit Hlfe anderer Nothstnde als "verdient" ausgelegt). -
"Erklrung" der angenehmen Allgemeingefhle. Dieselben sind bedingt
durch Gottvertrauen. Dieselben sind bedingt durch das Bewusstsein
guter Handlungen (das sogenannte "gute Gewissen", ein physiologischer
Zustand, der mitunter einer glcklichen Verdauung zum Verwechseln
hnlich sieht). Dieselben sind bedingt durch den glcklichen Ausgang
von Unternehmungen (- naiver Fehlschluss: der glckliche Ausgang einer
Unternehmung schafft einem Hypochonder oder: einem Pascal durchaus
keine angenehmen Allgemeingefhle). Dieselben sind bedingt durch
Glaube, Liebe, Hoffnung - die christlichen Tugenden. - In Wahrheit
sind alle diese vermeintlichen Erklrungen Folgezustnde und gleichsam
bersetzungen von Lust oder Unlust-Gefhlen in einen falschen Dialekt:
man ist im Zustande zu hoffen, weil das physiologische Grundgefhl
wieder stark und reich ist; man vertraut Gott, weil das Gefhl der
Flle und Strke Einem Ruhe giebt. - Die Moral und Religion gehrt
ganz und gar unter die Psychologie des Irrthums: in jedem einzelnen
Falle wird Ursache und Wirkung verwechselt; oder die Wahrheit mit der
Wirkung des als wahr Geglaubten verwechselt; oder ein Zustand des
Bewusstseins mit der Urschlichkeit dieses Zustands verwechselt.


7.

Irrthum vom freien Willen. - Wir haben heute kein Mitleid mehr mit
dem Begriff "freier Wille": wir wissen nur zu gut, was er ist -
das anrchigste Theologen-Kunststck, das es giebt, zum Zweck, die
Menschheit in ihrem Sinne "verantwortlich" zu machen, das heisst sie
von sich abhngig zu machen... Ich gebe hier nur die Psychologie alles
Verantwortlichmachens. - berall, wo Verantwortlichkeiten gesucht
werden, pflegt es der Instinkt des Strafen- und Richten-Wollens zu
sein, der da sucht. Man hat das Werden seiner Unschuld entkleidet,
wenn irgend ein So-und-so Sein auf Wille, auf Absichten, auf Akte
der Verantwortlichkeit zurckgefhrt wird: die Lehre vom Willen
ist wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe, das heisst des
Schuldig-finden-wollens. Die ganze alte Psychologie, die
Willens-Psychiologie hat ihre Voraussetzung darin, dass deren Urheber,
die Priester an der Spitze alter Gemeinwesen, sich ein Recht schaffen
wollten, Strafen zu verhngen - oder Gott dazu ein Recht schaffen
wollten... Die Menschen wurden "frei" gedacht, um gerichtet, um
gestraft werden zu knnen, - um schuldig werden zu knnen: folglich
musste jede Handlung als gewollt, der Ursprung jeder Handlung im
Bewusstsein liegend gedacht werden (- womit die grundstzlichste
Falschmnzerei in psychologicis zum Princip der Psychologie selbst
gemacht war... ) Heute, wo wir in die umgekehrte Bewegung eingetreten
sind, wo wir Immoralisten zumal mit aller Kraft den Schuldbegriff und
den Strafbegriff aus der Welt wieder herauszunehmen und Psychologie,
Geschichte, Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und Sanktionen
von ihnen zu reinigen suchen, giebt es in unsern Augen keine
radikalere Gegnerschaft als die der Theologen, welche fortfahren, mit
dem Begriff der "sittlichen Weltordnung" die Unschuld des Werdens
durch "Strafe" und "Schuld" zu durchseuchen. Das Christenthum ist eine
Metaphysik des Henkers...


8.

Was kann allein unsre Lehre sein? - Dass Niemand dem Menschen seine
Eigenschaften giebt, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine
Eltern und Vorfahren, noch er selbst (- der Unsinn der hier zuletzt
abgelehnten Vorstellung ist als "intelligible Freiheit" von Kant,
vielleicht auch schon von Plato gelehrt worden). Niemand ist dafr
verantwortlich, dass er berhaupt da ist, dass er so und so beschaffen
ist, dass er unter diesen Umstnden, in dieser Umgebung ist. Die
Fatalitt seines Wesens ist nicht herauszulsen aus der Fatalitt
alles dessen, was war und was sein wird. Er ist nicht die Folge einer
eignen Absicht, eines Willens, eines Zwecks, mit ihm wird nicht der
Versuch gemacht, ein "Ideal von Mensch" oder ein "Ideal von Glck"
oder ein "Ideal von Moralitt" zu erreichen, - es ist absurd, sein
Wesen in irgend einen Zweck hin abwlzen zu wollen. Wir haben den
Begriff "Zweck" erfunden: in der Realitt fehlt der Zweck... Man ist
nothwendig, man ist ein Stck Verhngniss, man gehrt zum Ganzen, man
ist im Ganzen, - es giebt Nichts, was unser Sein richten, messen,
vergleichen, verurtheilen knnte, denn das hiesse das Ganze richten,
messen, vergleichen, verurtheilen... Aber es giebt Nichts ausser dem
Ganzen! - Dass Niemand mehr verantwortlich gemacht wird, dass die Art
des Seins nicht auf eine causa prima zurckgefhrt werden darf, dass
die Welt weder als Sensorium, noch als "Geist" eine Einheit ist, dies
erst ist die grosse Befreiung, - damit erst ist die Unschuld des
Werdens wieder hergestellt... Der Begriff "Gott" war bisher der
grsste Einwand gegen das Dasein... Wir leugnen Gott, wir leugnen die
Verantwortlichkeit in Gott: damit erst erlsen wir die Welt. -



Die "Verbesserer" der Menschheit.

1.

Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich jenseits von Gut
und Bse zu stellen, - die Illusion des moralischen Urtheils unter
sich zu haben. Diese Forderung folgt aus einer Einsicht, die von mir
zum ersten Male formulirt worden ist: dass es gar keine moralischen
Thatsachen giebt. Das moralische Urtheil hat Das mit dem religisen
gemein, dass es an Realitten glaubt, die keine sind. Moral ist
nur eine Ausdeutung gewisser Phnomene, bestimmter geredet, eine
Missdeutung. Das moralische Urtheil gehrt, wie das religise, einer
Stufe der Unwissenheit zu, auf der selbst der Begriff des Realen,
die Unterscheidung des Realen und Imaginren noch fehlt: so dass
"Wahrheit" auf solcher Stufe lauter Dinge bezeichnet, die wir heute
"Einbildungen" nennen. Das moralische Urtheil ist insofern nie
wrtlich zu nehmen: als solches enthlt es immer nur Widersinn. Aber
es bleibt als Semiotik unschtzbar: es offenbart, fr den Wissenden
wenigstens, die werthvollsten Realitten von Culturen und
Innerlichkeiten, die nicht genug wussten, um sich selbst zu
"verstehn". Moral ist bloss Zeichenrede, bloss Symptomatologie: man
muss bereits wissen, worum es sich handelt, um von ihr Nutzen zu
ziehen.


2.

Ein erstes Beispiel und ganz vorlufig. Zu allen Zeiten hat man die
Menschen "verbessern" wollen: dies vor Allem hiess Moral. Aber unter
dem gleichen Wort ist das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt.
Sowohl die Zhmung der Bestie Mensch als die Zchtung einer bestimmten
Gattung Mensch ist "Besserung" genannt worden: erst diese zoologischen
termini drcken Realitten aus - Realitten freilich, von denen der
typische "Verbesserer", der Priester, Nichts weiss - Nichts wissen
will... Die Zhmung eines Thieres seine "Besserung" nennen ist
in unsren Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien
geschieht, zweifelt daran, dass die Bestie daselbst "verbessert" wird.
Sie wird geschwcht, sie wird weniger schdlich gemacht, sie wird
durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden,
durch Hunger zur krankhaften Bestie. - Nicht anders steht es mit dem
gezhmten Menschen, den der Priester "verbessert" hat. Im frhen
Mittelalter, wo in der That die Kirche vor Allem eine Menagerie war,
machte man allerwrts auf die schnsten Exemplare der "blonden Bestie"
Jagd, - man "verbesserte" zum Beispiel die vornehmen Germanen.
Aber wie sah hinterdrein ein solcher "verbesserter", in's Kloster
verfhrter Germane aus? Wie eine Caricatur des Menschen, wie eine
Missgeburt: er war zum "Snder" geworden, er stak im Kfig, man hatte
ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt... Da lag er
nun, krank, kmmerlich, gegen sich selbst bswillig; voller Hass gegen
die Antriebe zum Leben, voller Verdacht gegen Alles, was noch stark
und glcklich war. Kurz, ein "Christ"... Physiologisch geredet: im
Kampf mit der Bestie kann Krank machen das einzige Mittel sein, sie
schwach zu machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen,
sie schwchte ihn, - aber sie nahm in Anspruch, ihn "verbessert" zu
haben...


3.

Nehmen wir den andern Fall der sogenannten Moral, den Fall der
Zchtung einer bestimmten Rasse und Art. Das grossartigste Beispiel
dafr giebt die indische Moral, als "Gesetz des Manu" zur Religion
sanktionirt. Hier ist die Aufgabe gestellt, nicht weniger als vier
Rassen auf einmal zu zchten: eine priesterliche, eine kriegerische,
eine hndler- und ackerbauerische, endlich eine Dienstboten-Rasse, die
Sudras. Ersichtlich sind wir hier nicht mehr unter Thierbndigern:
eine hundert Mal mildere und vernnftigere Art Mensch ist die
Voraussetzung, um auch nur den Plan einer solchen Zchtung zu
concipiren. Man athmet auf, aus der christlichen Kranken- und
Kerkerluft in diese gesndere, hhere, weitere Welt einzutreten. Wie
armselig ist das "neue Testament" gegen Manu, wie schlecht riecht
es! - Aber auch diese Organisation hatte nthig, furchtbar zu
sein, - nicht dies Mal im Kampf mit der Bestie, sondern mit ihrem
Gegensatz-Begriff, dem Nicht-Zucht-Menschen, dem Mischmasch-Menschen,
dem Tschandala. Und wieder hatte sie kein andres Mittel, ihn
ungefhrlich, ihn schwach zu machen, als ihn krank zu machen, - es war
der Kampf mit der "grossen Zahl". Vielleicht giebt es nichts unserm
Gefhle Widersprechenderes als diese Schutzmaassregeln der indischen
Moral. Das dritte Edikt zum Beispiel (Avadana-Sastra 1), das "von
den unreinen Gemsen", ordnet an, dass die einzige Nahrung, die
den Tschandala erlaubt ist, Knoblauch und Zwiebeln sein sollen, in
Anbetracht, dass die heilige Schrift verbietet, ihnen Korn oder
Frchte, die Krner tragen, oder Wasser oder Feuer zu geben. Dasselbe
Edikt setzt fest, dass das Wasser, welches sie nthig haben, weder
aus den Flssen, noch aus den Quellen, noch aus den Teichen genommen
werden drfe, sondern nur aus den Zugngen zu Smpfen und aus Lchern,
welche durch die Fusstapfen der Thiere entstanden sind. Insgleichen
wird ihnen verboten, ihre Wsche zu waschen und sich selbst zu
waschen, da das Wasser, das ihnen aus Gnade zugestanden wird, nur
benutzt werden darf, den Durst zu lschen. Endlich ein Verbot an
die Sudra-Frauen, den Tschandala-Frauen bei der Geburt beizustehen,
insgleichen noch eins fr die letzteren, einander dabei beizustehen...
- Der Erfolg einer solchen Sanitts-Polizei blieb nicht aus:
mrderische Seuchen, scheussliche Geschlechtskrankheiten und darauf
hin wieder "das Gesetz des Messers", die Beschneidung fr die
mnnlichen, die Abtragung der kleinen Schamlippen fr die weiblichen
Kinder anordnend. - Manu selbst sagt: "die Tschandala sind die Frucht
von Ehebruch, Incest und Verbrechen (- dies die nothwendige Consequenz
des Begriffs Zchtung). Sie sollen zu Kleidern nur die Lumpen von
Leichnamen haben, zum Geschirr zerbrochne Tpfe, zum Schmuck altes
Eisen, zum Gottesdienst nur die bsen Geister; sie sollen ohne Ruhe
von einem Ort zum andern schweifen. Es ist ihnen verboten, von links
nach rechts zu schreiben und sich der rechten Hand zum Schreiben zu
bedienen: der Gebrauch der rechten Hand und des von Links nach Rechts
ist bloss den Tugendhaften vorbehalten, den Leuten von Rasse." -


4.

Diese Verfgungen sind lehrreich genug: in ihnen haben wir einmal die
arische Humanitt, ganz rein, ganz ursprnglich, - wir lernen, dass
der Begriff "reines Blut" der Gegensatz eines harmlosen Begriffs
ist. Andrerseits wird klar, in welchem Volk sich der Hass, der
Tschandala-Hass gegen diese "Humanitt" verewigt hat, wo er Religion,
wo er Genie geworden ist...Unter diesem Gesichtspunkte sind die
Evangelien eine Urkunde ersten Ranges; noch mehr das Buch Henoch.
- Das Christenthum, aus jdischer Wurzel und nur verstndlich als
Gewchs dieses Bodens, stellt die Gegenbewegung gegen jede Moral der
Zchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: - es ist die antiarische
Religion par excellence: das Christenthum die Umwerthung aller
arischen Werthe, der Sieg der Tschandala Werthe, das Evangelium
den Armen, den Niedrigen gepredigt, der Gesammt-Aufstand alles
Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen, Schlechtweggekommenen gegen
die "Rasse", - die unsterbliche Tschandala-Rache als Religion der
Liebe...


5.

Die Moral der Zchtung und die Moral der Zhmung sind in den Mitteln,
sich durchzusetzen, vollkommen einander wrdig: wir drfen als
obersten Satz hinstellen, dass, um Moral zu machen, man den
unbedingten Willen zum Gegentheil haben muss. Dies ist das grosse,
das unheimliche Problem, dem ich am lngsten nachgegangen bin: die
Psychologie der "Verbesserer" der Menschheit. Eine kleine und im
Grunde bescheidne Thatsache, die der sogenannten pia fraus, gab mir
den ersten Zugang zu diesem Problem: die pia fraus, das Erbgut aller
Philosophen und Priester, die die Menschheit "verbesserten". Weder
Manu, noch Plato, noch Confucius, noch die jdischen und christlichen
Lehrer haben je an ihrem Recht zur Lge gezweifelt. Sie haben an ganz
andren Rechten nicht gezweifelt... In Formel ausgedrckt drfte man
sagen: alle Mittel, wodurch bisher die Menschheit moralisch gemacht
werden sollte, waren von Grund aus unmoralisch. -



Was den Deutschen abgeht.

1.

Unter Deutschen ist es heute nicht genug, Geist zu haben: man muss ihn
noch sich nehmen, sich Geist herausnehmen...

Vielleicht kenne ich die Deutschen, vielleicht darf ich selbst ihnen
ein paar Wahrheiten sagen. Das neue Deutschland stellt ein grosses
Quantum vererbter und angeschulter Tchtigkeit dar, so dass es den
aufgehuften Schatz von Kraft eine Zeit lang selbst verschwenderisch
ausgeben darf. Es ist nicht eine hohe Cultur, die mit ihm Herr
geworden, noch weniger ein delikater Geschmack, eine vornehme
"Schnheit" der Instinkte; aber mnnlichere Tugenden, als sonst ein
Land Europa's aufweisen kann. Viel guther Muth und Achtung vor sich
selber, viel Sicherheit im Verkehr, in der Gegenseitigkeit der
Pflichten, viel Arbeitsamkeit, viel Ausdauer - und eine angeerbte
Mssigung, welche eher des Stachels als des Hemmschuhs bedarf. Ich
fge hinzu, dass hier noch gehorcht wird, ohne dass das Gehorchen
demthigt... Und Niemand verachtet seinen Gegner...

Man sieht, es ist mein Wunsch, den Deutschen gerecht zu sein: ich
mchte mir darin nicht untreu werden, - ich muss ihnen also auch
meinen Einwand machen. Es zahlt sich theuer, zur Macht zu kommen: die
Macht verdummt... Die Deutschen - man hiess sie einst das Volk der
Denker: denken sie heute berhaupt noch? - Die Deutschen langweilen
sich jetzt am Geiste, die Deutschen misstrauen jetzt dem Geiste,
die Politik verschlingt allen Ernst fr wirklich geistige Dinge -
"Deutschland, Deutschland ber Alles", ich frchte, das war das Ende
der deutschen Philosophie... "Giebt es deutsche Philosophen? giebt
es deutsche Dichter? giebt es gute deutsche Bcher?" fragt man mich
im Ausland. Ich errthe, aber mit der Tapferkeit, die mir auch in
verzweifelten Fllen zu eigen ist, antworte ich: "Ja, Bismarck!" -
Drfte ich auch nur eingestehn, welche Bcher man heute liest?...
Vermaledeiter Instinkt der Mittelmssigkeit! -


2.

- Was der deutsche Geist sein knnte, wer htte nicht schon darber
seine schwermthigen Gedanken gehabt! Aber dies Volk hat sich
willkrlich verdummt, seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind
die zwei grossen europischen Narcotica, Alkohol und Christenthum,
lasterhafter gemissbraucht worden. Neuerdings kam sogar noch
ein drittes hinzu, mit dem allein schon aller feinen und khnen
Beweglichkeit des Geistes der Garaus gemacht werden kann, die
Musik, unsre verstopfte verstopfende deutsche Musik. - Wie viel
verdriessliche Schwere, Lahmheit, Feuchtigkeit, Schlafrock, wie viel
Bier ist in der deutschen Intelligenz! Wie ist es eigentlich mglich,
dass junge Mnner, die den geistigsten Zielen ihr Dasein weihn, nicht
den ersten Instinkt der Geistigkeit, den Selbsterhaltungs-Instinkt des
Geistes in sich fhlen - und Bier trinken?... Der Alkoholismus der
gelehrten Jugend ist vielleicht noch kein Fragezeichen in Absicht
ihrer Gelehrsamkeit - man kann ohne Geist sogar ein grosser Gelehrter
sein -, aber in jedem andren Betracht bleibt er ein Problem. - Wo
fnde man sie nicht, die sanfte Entartung, die das Bier im Geiste
hervorbringt! Ich habe einmal in einem beinahe berhmt gewordnen Fall
den Finger auf eine solche Entartung gelegt - die Entartung unsres
ersten deutschen Freigeistes, des klugen David Strauss, zum Verfasser
eines Bierbank-Evangeliums und "neuen Glaubens"... Nicht umsonst hatte
er der "holden Braunen" sein Gelbniss in Versen gemacht - Treue bis
zum Tod...


3.

- Ich sprach vom deutschen Geiste: dass er grber wird, dass er sich
verflacht. Ist das genug? - Im Grunde ist es etwas ganz Anderes, das
mich erschreckt: wie es immer mehr mit dem deutschen Ernste, der
deutschen Tiefe, der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen
abwrts geht. Das Pathos hat sich verndert, nicht bloss die
Intellektualitt. - Ich berhre hier und da deutsche Universitten:
was fr eine Luft herrscht unter deren Gelehrten, welche de,
welche gengsam und lau gewordne Geistigkeit! Es wre ein tiefes
Missverstndniss, wenn man mir hier die deutsche Wissenschaft
einwenden wollte - und ausserdem ein Beweis dafr, dass man nicht
ein Wort von mir gelesen hat. Ich bin seit siebzehn Jahren nicht
mde geworden, den entgeistigenden Einfluss unsres jetzigen
Wissenschafts-Betriebs an's Licht zu stellen. Das harte Helotenthum,
zu dem der ungeheure Umfang der Wissenschaften heute jeden Einzelnen
verurtheilt, ist ein Hauptgrund dafr, dass voller, reicher, tiefer
angelegte Naturen keine ihnen gemsse Erziehung und Erzieher mehr
vorfinden. Unsre Cultur leidet an Nichts mehr, als an dem berfluss
anmaasslicher Eckensteher und Bruchstck-Humanitten; unsre
Universitten sind, wider Willen, die eigentlichen Treibhuser fr
diese Art Instinkt-Verkmmerung des Geistes. Und ganz Europa hat
bereits einen Begriff davon - die grosse Politik tuscht Niemanden...
Deutschland gilt immer mehr als Europa's Flachland. - Ich suche noch
nach einem Deutschen, mit dem ich auf meine Weise ernst sein knnte,
- um wie viel mehr nach einem, mit dem ich heiter sein drfte!
Gtzen-Dmmerung: ah wer begriffe es heute, von was fr einem Ernste
sich hier ein Einsiedler erholt! - Die Heiterkeit ist an uns das
Unverstndlichste...


4.

Man mache einen berschlag: es liegt nicht nur auf der Hand, dass die
deutsche Cultur niedergeht, es fehlt auch nicht am zureichenden Grund
dafr. Niemand kann zuletzt mehr ausgeben als er hat - das gilt
von Einzelnen, das gilt von Vlkern. Giebt man sich fr Macht, fr
grosse Politik, fr Wirthschaft, Weltverkehr, Parlamentarismus,
Militr-Interessen aus, - giebt man das Quantum Verstand, Ernst,
Wille, Selbstberwindung, das man ist, nach dieser Seite weg, so fehlt
es auf der andern Seite. Die Cultur und der Staat - man betrge sich
hierber nicht - sind Antagonisten: "Cultur-Staat" ist bloss eine
moderne Idee. Das Eine lebt vom Andern, das Eine gedeiht auf
Unkosten des Anderen. Alle grossen Zeiten der Cultur sind politische
Niedergangs-Zeiten: was gross ist im Sinn der Cultur war unpolitisch,
selbst antipolitisch. - Goethen gieng das Herz auf bei dem Phnomen
Napoleon, - es gieng ihm zu beiden "Freiheits-Kriegen"... In demselben
Augenblick, wo Deutschland als Grossmacht heraufkommt, gewinnt
Frankreich als Culturmacht eine vernderte Wichtigkeit. Schon heute
ist viel neuer Ernst, viel neue Leidenschaft des Geistes nach Paris
bergesiedelt; die Frage des Pessimismus zum Beispiel, die Frage
Wagner, fast alle psychologischen und artistischen Fragen werden dort
unvergleichlich feiner und grndlicher erwogen als in Deutschland,
- die Deutschen sind selbst unfhig zu dieser Art Ernst. - In der
Geschichte der europischen Cultur bedeutet die Heraufkunft des
"Reichs" vor allem Eins: eine Verlegung des Schwergewichts. Man weiss
es berall bereits: in der Hauptsache - und das bleibt die Cultur -
kommen die Deutschen nicht mehr in Betracht. Man fragt: habt ihr auch
nur Einen fr Europa mitzhlenden Geist aufzuweisen? wie euer Goethe,
euer Hegel, euer Heinrich Heine, euer Schopenhauer mitzhlte? - Dass
es nicht einen einzigen deutschen Philosophen mehr giebt, darber ist
des Erstaunens kein Ende. -


5.

Dem ganzen hheren Erziehungswesen in Deutschland ist die Hauptsache
abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel zum Zweck. Dass Erziehung,
Bildung selbst Zweck ist - und nicht das "Reich" -, dass es zu
diesem Zweck der Erzieherbedarf - und nicht der Gymnasiallehrer und
Universitts-Gelehrten - man vergass das... Erzieher thun noth, die
selbst erzogen sind, berlegene, vornehme Geister, in jedem Augenblick
bewiesen, durch Wort und Schweigen bewiesen, reife, sss gewordene
Culturen, - nicht die gelehrten Rpel, welche Gymnasium und
Universitt der Jugend heute als "hhere Ammen" entgegenbringt. Die
Erzieherfehlen, die Ausnahmen der Ausnahmen abgerechnet, die erste
Vorbedingung der Erziehung: daher der Niedergang der deutschen Cultur.
- Eine jener allerseltensten Ausnahmen ist mein verehrungswrdiger
Freund Jakob Burckhardt in Basel: ihm zuerst verdankt Basel seinen
Vorrang von Humanitt. - Was die "hheren Schulen" Deutschlands
thatschlich erreichen, das ist eine brutale Abrichtung, um, mit
mglichst geringem Zeitverlust, eine Unzahl junger Mnner fr den
Staatsdienst nutzbar, ausnutzbar zu machen. "Hhere Erziehung" und
Unzahl - das widerspricht sich von vornherein. Jede hhere Erziehung
gehrt nur der Ausnahme: man muss privilegirt sein, um ein Recht auf
ein so hohes Privilegium zu haben. Alle grossen, alle schnen Dinge
knnen nie Gemeingut sein: pulchrum est paucorum hominum. - Was
bedingt den Niedergang der deutschen Cultur? Dass "hhere Erziehung"
kein Vorrecht mehr ist - der Demokratismus der "allgemeinen", der
gemein gewordnen "Bildung"... Nicht zu vergessen, dass militrische
Privilegien den Zu-Viel-Besuch der hheren Schulen, das heisst ihren
Untergang, frmlich erzwingen. - Es steht Niemandem mehr frei, im
jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu
geben: unsre "hheren" Schulen sind allesammt auf die zweideutigste
Mittelmssigkeit eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplnen, mit
Lehrzielen. Und berall herrscht eine unanstndige Hast, wie als ob
Etwas versumt wre, wenn der junge Mann Mit 23 Jahren noch nicht
"fertig" ist, noch nicht Antwort weiss auf die "Hauptfrage": welchen
Beruf? - Eine hhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht
"Berufe", genau deshalb, weil sie sich berufen weiss... Sie hat Zeit,
sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran, "fertig" zu werden,
- mit dreissig Jahren ist man, im Sinne hoher Cultur, ein Anfnger,
ein Kind. - Unsre berfllten Gymnasien, unsre berhuften, stupid
gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustnde in
Schutz zu nehmen, wie es jngst die Professoren von Heidelberg gethan
haben, dazu hat man vielleicht Ursachen, - Grnde dafr giebt es
nicht.


6.

- Ich stelle, um nicht aus meiner Art zu fallen, die ja-sagend ist und
mit Widerspruch und Kritik nur mittelbar, nur unfreiwillig zu thun
hat, sofort die drei Aufgaben hin, derentwegen man Erzieher braucht.
Man hat sehen zu lernen, man hat denken zu lernen, man hat sprechen
und schreiben zu lernen: das Ziel in allen Dreien ist eine vornehme
Cultur. - Sehen lernen - dem Auge die Ruhe, die Geduld, das
An-sich-herankommen-lassen angewhnen; das Urtheil hinausschieben,
den Einzelfall von allen Seiten umgehn und umfassen lernen. Das ist
die erste Vorschulung zur Geistigkeit: auf einen Reiz nicht sofort
reagiren, sondern die hemmenden, die abschliessenden Instinkte in die
Hand bekommen. Sehen lernen, so wie ich es verstehe, ist beinahe Das,
was die unphilosophische Sprechweise den starken Willen nennt: das
Wesentliche daran ist gerade, nicht "wollen", die Entscheidung
aussetzen knnen. Alle Ungeistigkeit, alle Gemeinheit beruht auf dem
Unvermgen, einem Reize Widerstand zu leisten - man muss reagiren, man
folgt jedem Impulse. In vielen Fllen ist ein solches Mssen bereits
Krankhaftigkeit, Niedergang, Symptom der Erschpfung, - fast Alles,
was die unphilosophische Rohheit mit dem Namen "Laster" bezeichnet,
ist bloss jenes physiologische Unvermgen, nicht zu reagiren. -
Eine Nutzanwendung vom Sehen-gelernt-haben: man wird als Lernender
berhaupt langsam, misstrauisch, widerstrebend geworden sein. Man wird
Fremdes, Neues jeder Art zunchst mit feindseliger Ruhe herankommen
lassen, - man wird seine Hand davor zurckziehn. Das Offenstehn
mit allen Thren, das unterthnige Auf-dem-Bauch-Liegen vor jeder
kleinen Thatsache, das allzeit sprungbereite Sich-hinein-Setzen,
Sich-hinein-Strzen in Andere und Anderes, kurz die berhmte
moderne "Objektivitt" ist schlechter Geschmack, ist unvornehm par
excellence. -


7.

Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon.
Selbst auf den Universitten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten
der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk,
auszusterben. Man lese deutsche Bcher: nicht mehr die entfernteste
Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans,
eines Willens zur Meisterschaft bedarf, - dass Denken gelernt sein
will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen... Wer kennt
unter Deutschen jenen feinen Schauder aus Erfahrung noch, den die
leichten Fsse im Geistigen in alle Muskeln berstrmen! - Die steife
Tlpelei der geistigen Gebrde, die plumpe Hand beim Fassen - das ist
in dem Grade deutsch, dass man es im Auslande mit dem deutschen Wesen
berhaupt verwechselt. Der Deutsche hat keine Finger fr nuances...
Dass die Deutschen ihre Philosophen auch nur ausgehalten haben, vor
Allen jenen verwachsensten Begriffs-Krppel, den es je gegeben hat,
den grossen Kant, giebt keinen kleinen Begriff von der deutschen
Anmuth. - Man kann nmlich das Tanzen in jeder Form nicht von der
vornehmen Erziehung abrechnen, Tanzen knnen mit den Fssen, mit den
Begriffen, mit den Worten; habe ich noch zu sagen, dass man es auch
mit der Feder knnen muss, - dass man schreiben lernen muss? - Aber
an dieser Stelle wrde ich deutschen Lesern vollkommen zum Rthsel
werden...



Streifzge eines Unzeitgemssen.

1.

Meine Unmglichen. - Seneca: oder der Toreador der Tugend. - Rousseau:
oder die Rckkehr zur Natur in impuris naturalibus. - Schiller: oder
der Moral-Trompeter von Sckingen. - Dante: oder die Hyne, die in
Grbern dichtet. - Kant: oder cant als intelligibler Charakter.
-Victor Hugo: oder der Pharus am Meere des Unsinns. - Liszt: oder die
Schule der Gelufigkeit - nach Weibern. - George Sand: oder lactea
ubertas, auf deutsch: die Milchkuh mit "schnem Stil". - Michelet:
oder die Begeisterung, die den Rock auszieht...Carlyle: oder
Pessimismus als zurckgetretenes Mittagessen. - John Stuart Mill: oder
die beleidigende Klarheit. - Les frres de Goncourt: oder die beiden
Ajaxe im Kampf mit Homer. Musik von Offenbach. - Zola: oder die Freude
zu stinken. -


2.

Renan. - Theologie, oder die Verderbniss der Vernunft durch die
"Erbsnde" (das Christenthum). Zeugniss Renan, der, sobald er
einmal ein Ja oder Nein allgemeinerer Art risquirt, mit peinlicher
Regelmssigkeit daneben greift. Er mchte zum Beispiel la science und
la noblesse in Eins verknpfen: aber la science gehrt zur Demokratie,
das greift sich doch mit Hnden. Er wnscht, mit keinem kleinen
Ehrgeize, einen Aristokratismus des Geistes darzustellen: aber
zugleich liegt er vor dessen Gegenlehre, dem vangile des humbles auf
den Knien und nicht nur auf den Knien... Was hilft alle Freigeisterei,
Modernitt, Sptterei und Wendehals-Geschmeidigkeit, wenn man mit
seinen Eingeweiden Christ, Katholik und sogar Priester geblieben ist!
Renan hat seine Erfindsamkeit, ganz wie ein Jesuit und Beichtvater,
in der Verfhrung; seiner Geistigkeit fehlt das breite
Pfaffen-Geschmunzel nicht, - er wird, wie alle Priester, gefhrlich
erst, wenn er liebt. Niemand kommt ihm darin gleich, auf eine
lebensgefhrliche Weise anzubeten... Dieser Geist Renan's, ein
Geist, der entnervt, ist ein Verhngniss mehr fr das arme, kranke,
willenskranke Frankreich. -


3.

Sainte-Beuve. - Nichts von Mann; voll eines kleinen Ingrimms gegen
alle Mannsgeister. Schweift umher, fein, neugierig, gelangweilt,
aushorcherisch, - eine Weibsperson im Grunde, mit einer
Weibs-Rachsucht und Weibs-Sinnlichkeit. Als Psycholog ein Genie der
mdisance; unerschpflich reich an Mitteln dazu; Niemand versteht
besser, mit einem Lob Gift zu mischen. Plebejisch in den untersten
Instinkten und mit dem ressentiment Rousseau's verwandt: folglich
Romantiker - denn unter allem romantisme grunzt und giert der Instinkt
Rousseau's nach Rache. Revolutionr, aber durch die Furcht leidlich
noch im Zaum gehalten. Ohne Freiheit vor Allem, was Strke hat
(ffentliche Meinung, Akademie, Hof, selbst Port Royal). Erbittert
gegen alles Grosse an Mensch und Ding, gegen Alles, was an sich
glaubt. Dichter und Halbweib genug, um das Grosse noch als Macht zu
fhlen; gekrmmt bestndig, wie jener berhmte Wurm, weil er sich
bestndig getreten fhlt. Als Kritiker ohne Maassstab, Halt und
Rckgrat, mit der Zunge des kosmopolitischen libertin fr Vielerlei,
aber ohne den Muth selbst zum Eingestndniss der libertinage. Als
Historiker ohne Philosophie, ohne die Macht des philosophischen
Blicks, - deshalb die Aufgabe des Richtens in allen Hauptsachen
ablehnend, die "Objektivitt" als Maske vorhaltend. Anders verhlt er
sich zu allen Dingen, wo ein feiner, vernutzter Geschmack die hchste
Instanz ist: da hat er wirklich den Muth zu sich, die Lust an sich, -
da ist er Meister. - Nach einigen Seiten eine Vorform Baudelaire's. -


4.

Die imitatio Christi gehrt zu den Bchern, die ich nicht ohne einen
physiologischen Widerstand in den Hnden halte: sie haucht einen
parfum des Ewig-Weiblichen aus, zu dem man bereits Franzose sein muss
- oder Wagnerianer... Dieser Heilige hat eine Art von der Liebe zu
reden, dass sogar die Pariserinnen neugierig werden. - Man sagt mir,
dass jener klgste Jesuit, A. Comte, der seine Franzosen auf dem
Umweg der Wissenschaft nach Rom fhren wollte, sich an diesem Buche
inspirirt habe. Ich glaube es: "die Religion des Herzens"...


5.

G. Eliot. - Sie sind den christlichen Gott los und glauben nun um,
so mehr die christliche Moral festhalten zu mssen: das ist eine
englische Folgerichtigkeit, wir wollen sie den Moral Weiblein 
la Eliot nicht verbeln. In England muss man sich fr jede kleine
Emancipation von der Theologie in furchteinflssender Weise als
Moral-Fanatiker wieder zu Ehren bringen. Das ist dort die Busse, die
man zahlt. - Fr uns Andre steht es anders. Wenn man den christlichen
Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen
Moral unter den Fssen weg. Diese versteht sich schlechterdings nicht
von selbst: man muss diesen Punkt, den englischen Flachkpfen zum
Trotz, immer wieder an's Licht stellen. Das Christenthum ist ein
System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man
aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht
man damit auch das Ganze: man hat nichts Nothwendiges mehr zwischen
den Fingern. Das Christenthum setzt voraus, dass der Mensch nicht
wisse, nicht wissen knne, was fr ihn gut, was bse ist: er glaubt an
Gott, der allein es weiss. Die christliche Moral ist ein Befehl; ihr
Ursprung ist transscendent; sie ist jenseits aller Kritik, alles
Rechts auf Kritik; sie hat nur Wahrheit, falls Gott die Wahrheit ist,
- sie steht und fllt mit dem Glauben an Gott. - Wenn thatschlich die
Englnder glauben, sie wssten von sich aus, "intuitiv", was gut und
bse ist, wenn sie folglich vermeinen, das Christenthum als Garantie
der Moral nicht mehr nthig zu haben, so ist dies selbst bloss die
Folge der Herrschaft des christlichen Werthurtheils und ein Ausdruck
von der Strke und Tiefe dieser Herrschaft: so dass der Ursprung der
englischen Moral vergessen worden ist, so dass das Sehr-Bedingte ihres
Rechts auf Dasein nicht mehr empfunden wird. Fr den Englnder ist die
Moral noch kein Problem...


6.

George Sand. - Ich las die ersten lettres d'un voyageur: wie Alles,
was von Rousseau stammt, falsch, gemacht, Blasebalg, bertrieben.
Ich halte diesen bunten Tapeten-Stil nicht aus; ebensowenig als die
Pbel-Ambition nach genersen Gefhlen. Das Schlimmste freilich bleibt
die Weibskoketterie mit Mnnlichkeiten, mit Manieren ungezogener
Jungen. - Wie kalt muss sie bei alledem gewesen sein, diese
unausstehliche Knstlerin! Sie zog sich auf wie eine Uhr - und
schrieb... Kalt, wie Hugo wie Balzac, wie alle Romantiker, sobald sie
dichteten! Und wie selbstgefllig sie dabei dagelegen haben mag, diese
fruchtbare Schreibe-Kuh, die etwas Deutsches im schlimmen Sinne an
sich hatte, gleich Rousseau selbst, ihrem Meister, und jedenfalls erst
beim Niedergang des franzsischen Geschmacks mglich war! - Aber Renan
verehrt sie...


7.

Moral fr Psychologen. - Keine Colportage-Psychologie treiben! Nie
beobachten, um zu beobachten! Das giebt eine falsche Optik, ein
Schielen, etwas Erzwungenes und bertreibendes. Erleben als
Erleben-Wollen - das gerth nicht. Man darf nicht im Erlebniss nach
sich hinblicken, jeder Blick wird da zum "bsen Blick". Ein geborner
Psycholog htet sich aus Instinkt, zu sehn, um zu sehn; dasselbe gilt
vom gebornen Maler. Er arbeitet nie "nach der Natur", - er berlsst
seinem Instinkte, seiner camera obscura das Durchsieben und Ausdrcken
des "Falls", der "Natur", des "Erlebten"... Das Allgemeine erst kommt
ihm zum Bewusstsein, der Schluss, das Ergebniss: er kennt jenes
willkrliche Abstrahiren vom einzelnen Falle nicht. - Was wird daraus,
wenn man es anders macht? Zum Beispiel nach Art der Pariser romanciers
gross und klein Colportage-Psychologie treibt? Das lauert gleichsam
der Wirklichkeit auf, das bringt jeden Abend eine Handvoll
Curiositten mit nach Hause... Aber man sehe nur, was zuletzt
herauskommt - ein Haufen von Klecksen, ein Mosaik besten Falls, in
jedem Falle etwas Zusammen-Addirtes, Unruhiges, Farbenschreiendes. Das
Schlimmste darin erreichen die Goncourt: sie setzen nicht drei Stze
zusammen, die nicht dem Auge, dem Psychologen-Auge einfach weh thun. -
Die Natur, knstlerisch abgeschtzt, ist kein Modell. Sie bertreibt,
sie verzerrt, sie lsst Lcken. Die Natur ist der Zufall. Das Studium
"nach der Natur" scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verrth
Unterwerfung, Schwche, Fatalismus, - dies Im-Staube-Liegen vor petits
faits ist eines ganzen Knstlers unwrdig. Sehen, was ist - das gehrt
einer andern Gattung von Geistern. zu, den antiartistischen, den
Thatschlichen. Man muss wissen, wer man ist...


8.

Zur Psychologie des Knstlers. - Damit es Kunst giebt, damit es irgend
ein sthetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiologische
Vorbedingung unumgnglich: der Rausch. Der Rausch muss erst die
Erregbarkeit der ganzen Maschine gesteigert haben: eher kommt es zu
keiner Kunst. Alle noch so verschieden bedingten Arten des Rausches
haben dazu die Kraft: vor Allem der Rausch der Geschlechtserregung,
diese lteste und ursprnglichste Form des Rausches. Insgleichen der
Rausch, der im Gefolge aller grossen Begierden, aller starken Affekte
kommt; der Rausch des Festes, des Wettkampfs, des Bravourstcks,
des Siegs, aller extremen Bewegung; der Rausch der Grausamkeit; der
Rausch in der Zerstrung; der Rausch unter gewissen meteorologischen
Einflssen, zum Beispiel der Frhlingsrausch; oder unter dem Einfluss
der Narcotica; endlich der Rausch des Willens, der Rausch eines
berhuften und geschwellten Willens. - Das Wesentliche am Rausch ist
das Gefhl der Kraftsteigerung und Flle. Aus diesem Gefhle giebt man
an die Dinge ab, man zwingt sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt
sie, - man heisst diesen Vorgang Idealisiren. Machen wir uns hier von
einem Vorurtheil los: das Idealisiren besteht nicht, wie gemeinhin
geglaubt wird, in einem Abziehn oder Abrechnen des Kleinen, des
Nebenschlichen. Ein ungeheures Heraustreibender Hauptzge ist
vielmehr das Entscheidende, so dass die andern darber verschwinden.


9.

Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Flle: was
man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrngt, stark,
berladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die
Dinge, bis sie seine Macht wiederspiegeln, - bis sie Reflexe seiner
Vollkommenheit sind. Dies Verwandeln mssen in's Vollkommne ist -
Kunst. Alles selbst, was er nicht ist, wird trotzdem ihm zur Lust an
sich; in der Kunst geniesst sich der Mensch als Vollkommenheit. - Es
wre erlaubt, sich einen gegenstzlichen Zustand auszudenken, ein
spezifisches Antiknstlerthum des Instinks, - eine Art zu sein, welche
alle Dinge verarmte, verdnnte, schwindschtig machte. Und in der
That, die Geschichte ist reich an solchen Anti-Artisten, an solchen
Ausgehungerten des Lebens: welche mit Nothwendigkeit die Dinge noch an
sich nehmen, sie auszehren, sie magerer machen mssen. Dies ist zum
Beispiel der Fall des echten Christen, Pascal's zum Beispiel: ein
Christ, der zugleich Knstler wre, kommt nicht vor... Man sei nicht
kindlich und wende mir Raffael ein oder irgend welche homopathische
Christen des neunzehnten Jahrhunderts: Raffael sagte Ja, Raffael
machte Ja, folglich war Raffael kein Christ...


10.

Was bedeutet der von mir in die sthetik eingefhrte Gegensatz-Begriff
apollinisch und dionysisch, beide als Arten des Rausches begriffen? -
Der apollinische Rausch hlt vor Allem das Auge erregt, so dass es die
Kraft der Vision bekommt. Der Maler, der Plastiker, der Epiker sind
Visionre par excellence. Im dionysischen Zustande ist dagegen das
gesammte Affekt-System erregt und gesteigert: so dass es alle seine
Mittel des Ausdrucks mit einem Male entladet und die Kraft des
Darstellens, Nachbildens, Transfigurirens, Verwandelns, alle Art Mimik
und Schauspielerei zugleich heraustreibt. Das Wesentliche bleibt die
Leichtigkeit der Metamorphose, die Unfhigkeit, nicht zu reagiren (-
hnlich wie bei gewissen Hysterischen, die auch auf jeden Wink hin in
je de Rolle eintreten). Es ist dem dionysischen Menschen unmglich,
irgend eine Suggestion nicht zu verstehn, er bersieht kein Zeichen
des Affekts, er hat den hchsten Grad des verstehenden und errathenden
Instinkts, wie er den hchsten Grad von Mittheilungs-Kunst besitzt.
Er geht in jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich
bestndig. - Musik, wie wir sie heute verstehn, ist gleichfalls eine
Gesammt-Erregung und -Entladung der Affekte, aber dennoch nur das
berbleibsel von einer viel volleren Ausdrucks-Welt des Affekts,
ein blosses residuum des dionysischen Histrionismus. Man hat, zur
Ermglichung der Musik als Sonderkunst, eine Anzahl Sinne, vor Allem
den Muskelsinn still gestellt (relativ wenigstens: denn in einem
gewissen Grade redet noch aller Rhythmus zu unsern Muskeln): so dass
der Mensch nicht mehr Alles, was er fhlt, sofort leibhaft nachahmt
und darstellt. Trotzdem ist Das der eigentlich dionysische
Normalzustand, jedenfalls der Urzustand; die Musik ist die langsam
erreichte Spezifikation desselben auf Unkosten der nchstverwandten
Vermgen.


11.

Der Schauspieler, der Mime, der Tnzer, der Musiker, der Lyriker sind
in ihren Instinkten grundverwandt und an sich Eins, aber allmhlich
spezialisirt und von einander abgetrennt - bis selbst zum Widerspruch.
Der Lyriker blieb am lngsten mit dem Musiker geeint; der Schauspieler
mit dem Tnzer. - Der Architekt stellt weder einen dionysischen, noch
einen apollinischen Zustand dar: hier ist es der grosse Willensakt,
der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des grossen Willens, der zur
Kunst verlangt. Die mchtigsten Menschen haben immer die Architekten
inspirirt; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im
Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg ber die Schwere, der Wille zur
Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in
Formen, bald berredend, selbst schmeichelnd, bald bloss befehlend.
Das hchste Gefhl von Macht und Sicherheit kommt in dem zum Ausdruck,
was grossen Stil hat. Die Macht, die keinen Beweis mehr nthig hat;
die es verschmht, zu gefallen; die schwer antwortet; die keinen
Zeugen um sich fhlt; die ohne Bewusstsein davon lebt, dass es
Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht, fatalistisch, ein
Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von sich. -


12.

Ich las das Leben Thomas Carlyle's, diese farce wider Wissen und
Willen, diese heroisch-moralische Interpretation dyspeptischer
Zustnde. - Carlyle, ein Mann der starken Worte und Attitden, ein
Rhetor aus Noth, den bestndig das Verlangen nach einem starken
Glauben agairt und das Gefhl der Unfhigkeit dazu (- darin ein
typischer Romantiker!). Das Verlangen nach einem starken Glauben ist
nicht der Beweis eines starken Glaubens, vielmehr das Gegentheil. Hat
man ihn, so darf man sich den schnen Luxus der Skepsis gestatten: man
ist sicher genug, fest genug, gebunden genug dazu. Carlyle betubt
Etwas in sich durch das fortissimo seiner Verehrung fr Menschen
starken Glaubens und durch seine Wuth gegen die weniger Einfltigen:
er bedarf des Lrms. Eine bestndige leidenschaftliche Unredlichkeit
gegen sich - das ist sein proprium, damit ist und bleibt er
interessant. - Freilich, in England wird er gerade wegen seiner
Redlichkeit bewundert... Nun, das ist englisch; und in Anbetracht,
dass die Englnder das Volk des vollkommnen cant sind, sogar billig,
und nicht nur, begreiflich. Im Grunde ist Carlyle ein englischer
Atheist, der seine Ehre darin sucht, es nicht zu sein.


13.

Emerson. - Viel aufgeklrter, schweifender, vielfacher, raffinirter
als Carlyle, vor Allem glcklicher... Ein Solcher, der sich instinktiv
bloss von Ambrosia nhrt, der das Unverdauliche in den Dingen
zurcklsst. Gegen Carlyle gehalten ein Mann des Geschmacks. -
Carlyle, der ihn sehr liebte, sagte trotzdem von ihm: "er giebt uns
nicht genug zu beissen": was mit Recht gesagt sein mag, aber nicht
zu Ungunsten Emerson's. - Emerson hat jene gtige und geistreiche
Heiterkeit, welche allen Ernst entmuthigt; er weiss es schlechterdings
nicht, wie alt er schon ist und wie jung er noch sein wird, - er
knnte von sich mit einem Wort Lope de Vega's sagen: "yo me sucedo
a mi mismo". Sein Geist findet immer Grnde, zufrieden und selbst
dankbar zu sein; und bisweilen streift er die heitere Transscendenz
jenes Biedermanns, der von einem verliebten Stelldichein tamquam re
bene gesta zurckkam. "Ut desint vires, sprach er dankbar, tamen est
laudanda voluptas." -


14.

Anti-Darwin. - Was den berhmten Kampf um's Leben betrifft, so scheint
er mir einstweilen mehr behauptet als bewiesen. Er kommt vor, aber als
Ausnahme; der Gesammt-Aspekt des Lebens ist nicht die Nothlage, die
Hungerlage, vielmehr der Reichthum, die ppigkeit, selbst die absurde
Verschwendung, - wo gekmpft wird, kmpft man um Macht... Man soll
nicht Malthus mit der Natur verwechseln. - Gesetzt aber, es giebt
diesen Kampf - und in der That, er kommt vor -, so luft er leider
umgekehrt aus als die Schule Darwin's wnscht, als man vielleicht
mit ihr wnschen drfte: nmlich zu Ungunsten der Starken, der
Bevorrechtigten, der glcklichen Ausnahmen. Die Gattungen wachsen
nicht in der Vollkommenheit: die Schwachen werden immer wieder ber
die Starken Herr, - das macht, sie sind die grosse Zahl, sie sind auch
klger... Darwin hat den Geist vergessen (- das ist englisch!), die
Schwachen haben mehr Geist... Man muss Geist nthig haben, um Geist zu
bekommen, - man verliert ihn, wenn man ihn nicht mehr nthig hat. Wer
die Strke hat, entschlgt sich des Geistes (- "lass fahren dahin!
denkt man heute in Deutschland - das Reich muss uns doch bleiben"...).
Ich verstehe unter Geist, wie man sieht, die Vorsicht, die Geduld, die
List, die Verstellung, die grosse Selbstbeherrschung und Alles, was
mimicry ist (zu letzterem gehrt ein grosser Theil der sogenannten
Tugend).


15.

Psychologen-Casuistik. - Das ist ein Menschenkenner: wozu studirt
er eigentlich die Menschen? Er will kleine Vortheile ber sie
erschnappen, oder auch grosse, - er ist ein Politikus!... Jener da
ist auch ein Menschenkenner: und ihr sagt, der wolle Nichts damit
fr sich, das sei ein grosser "Unpersnlicher". Seht schrfer zu!
Vielleicht will er sogar noch einen schlimmeren Vortheil: sich den
Menschen berlegen fhlen, auf sie herabsehn drfen, sich nicht
mehr mit ihnen verwechseln. Dieser "Unpersnliche" ist ein
Menschen-Verchter: und jener Erstere ist die humanere Species, was
auch der Augenschein sagen mag. Er stellt sich wenigstens gleich, er
stellt sich hinein...


16.

Der psychologische Takt der Deutschen scheint mir durch eine ganze
Reihe von Fllen in Frage gestellt, deren Verzeichniss vorzulegen mich
meine Bescheidenheit hindert. In Einem Falle wird es mir nicht an
einem grossen Anlasse fehlen, meine These zu begrnden: ich trage
es den Deutschen nach, sich ber Kant und seine "Philosophie der
Hinterthren", wie ich sie nenne, vergriffen zu haben, - das war nicht
der Typus der intellektuellen Rechtschaffenheit. - Das Andre, was ich
nicht hren mag, ist ein berchtigtes "und": die Deutschen sagen,
"Goethe und Schiller", - ich frchte, sie sagen "Schiller und
Goethe"... Kennt man noch nicht diesen Schiller? - Es giebt noch
schlimmere "und"; ich habe mit meinen eigenen Ohren, allerdings nur
unter Universitts-Professoren, gehrt "Schopenhauer und Hartmann"


17.

Die geistigsten Menschen, vorausgesetzt, dass sie die muthigsten sind,
erleben auch bei weitem die schmerzhaftesten Tragdien: aber eben
deshalb ehren sie das Leben, weil es ihnen seine grsste Gegnerschaft
entgegenstellt.


18.

Zum "intellektuellen Gewissen". - Nichts scheint mir heute seltner als
die echte Heuchelei. Mein Verdacht ist gross, dass diesem Gewchs die
sanfte Luft unsrer Cultur nicht zutrglich ist. Die Heuchelei gehrt
in die Zeitalter des starken Glaubens: wo man selbst nicht bei der
Nthigung, einen andern Glauben zur Schau zu tragen, von dem Glauben
losliess, den man hatte. Heute lsst man ihn los; oder, was noch
gewhnlicher, man legt sich noch einen zweiten Glauben zu, - ehrlich
bleibt man in jedem Falle. Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel
grssere Anzahl von berzeugungen mglich als ehemals: mglich, das
heisst erlaubt, das heisst unschdlich. Daraus entsteht die Toleranz
gegen sich selbst. - Die Toleranz gegen sich selbst gestattet mehrere
berzeugungen: diese selbst leben vertrglich beisammen, - sie hten
sich, wie alle Welt heute, sich zu compromittiren. Womit compromittirt
man sich heute? Wenn man Consequenz hat. Wenn man in gerader Linie
geht. Wenn man weniger als fnfdeutig ist. Wenn man echt ist... Meine
Furcht ist gross, dass der moderne Mensch fr einige Laster einfach
zu bequem ist: so dass diese geradezu aussterben. Alles Bse, das vom
starken Willen bedingt ist - und vielleicht giebt es nichts Bses ohne
Willensstrke - entartet, in unsrer lauen Luft, zur Tugend... Die
wenigen Heuchler, die ich kennen lernte, machten die Heuchelei nach:
sie waren, wie heutzutage fast jeder zehnte Mensch, Schauspieler. -


19.

Schn und hsslich. - Nichts ist bedingter, sagen wir beschrnkter,
als unser Gefhl des Schnen. Wer es losgelst von der Lust des
Menschen am Menschen denken wollte, verlre sofort Grund und Boden
unter den Fssen. Das "Schne an sich" ist bloss ein Wort, nicht
einmal ein Begriff. Im Schnen setzt sich der Mensch als Maass der
Vollkommenheit; in. ausgesuchten Fllen betet er sich darin an. Eine
Gattung kann gar nicht anders als dergestalt zu sich allein ja sagen.
Ihr unterster Instinkt, der der Selbsterhaltung und Selbsterweiterung,
strahlt noch in solchen Sublimitten aus. Der Mensch glaubt die Welt
selbst mit Schnheit berhuft, - er vergisst sich als deren Ursache.
Er allein hat sie mit Schnheit beschenkt, ach! nur mit einer sehr
menschlich-allzumenschlichen Schnheit.... Im Grunde spiegelt sich
der Mensch in den Dingen, er hlt Alles fr schn, was ihm sein Bild
zurckwirft: das Urtheil "schn" ist seine Gattungs-Eitelkeit....
Dem Skeptiker nmlich darf ein kleiner Argwohn die Frage in's Ohr
flstern: ist wirklich damit die Welt verschnt, dass gerade der
Mensch sie fr schn nimmt? Er hat sie vermenschlicht: das ist Alles.
Aber Nichts, gar Nichts verbrgt uns, dass gerade der Mensch das
Modell des Schnen abgbe. Wer weiss, wie er sich in den Augen eines
hheren Geschmacksrichters ausnimmt? Vielleicht gewagt? vielleicht
selbst erheiternd? vielleicht ein wenig arbitrr?... "Oh Dionysos,
Gttlicher, warum ziehst du mich an den Ohren?" fragte Ariadne
einmal bei einem jener berhmten Zwiegesprche auf Naxos ihren
philosophischen Liebhaber. "Ich finde eine Art Humor in deinen Ohren,
Ariadne: warum sind sie nicht noch lnger?"


20.

Nichts ist schn, nur der Mensch ist schn: auf dieser Naivett ruht
alle sthetik, sie ist deren erste Wahrheit. Fgen wir sofort noch
deren zweite hinzu: Nichts ist hsslich als der entartende Mensch,
- damit ist das Reich des sthetischen Urtheils umgrenzt. -
Physiologisch nachgerechnet, schwcht und betrbt alles Hssliche
den Menschen. Es erinnert ihn an Verfall, Gefahr, Ohnmacht; er bsst
thatschlich dabei Kraft ein. Man kann die Wirkung des Hsslichen mit
dem Dynamometer messen. Wo der Mensch berhaupt niedergedrckt wird,
da wittert er die Nhe von etwas "Hsslichem". Sein Gefhl der Macht,
sein Wille zur Macht, sein Muth, sein Stolz - das fllt mit dem
Hsslichen, das steigt mit dem Schnen... Im einen wie im andern Falle
machen wir einen Schluss: die Prmissen dazu sind in ungeheurer Flle
im Instinkte aufgehuft. Das Hssliche wird verstanden als ein Wink
und Symptom der Degenerescenz: was im Entferntesten an Degenerescenz
erinnert, das wirkt in uns das Urtheil "hsslich". Jedes Anzeichen
von Erschpfung, von Schwere, von Alter, von Mdigkeit, jede Art
Unfreiheit, als Krampf, als Lhmung, vor Allem der Geruch, die Farbe,
die Form der Auflsung, der Verwesung, und sei es auch in der letzten
Verdnnung zum Symbol - das Alles ruft die gleiche Reaktion hervor,
das Werthurtheil "hsslich". Ein Hass springt da hervor: wen hasst da
der Mensch? Aber es ist kein Zweifel: den Niedergang seines Typus. Er
hasst da aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass
ist Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick, - es ist der tiefste Hass,
den es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst tief...


21.

Schopenhauer. Schopenhauer, der letzte Deutsche, der in Betracht kommt
(der ein europisches Ereigniss gleich Goethe, gleich Hegel, gleich
Heinrich Heine ist, und nicht bloss ein lokales, ein "nationales"),
ist fr einen Psychologen ein Fall ersten Ranges: nmlich als bsartig
genialer Versuch, zu Gunsten einer nihilistischen Gesammt-Abwerthung
des Lebens gerade die Gegen-Instanzen, die grossen Selbstbejahungen
des "Willens zum Leben", die Exuberanz-Formen des Lebens in's Feld zu
fhren. Er hat, der Reihe nach, die Kunst, den Heroismus, das Genie,
die Schnheit, das grosse Mitgefhl, die Erkenntniss, den Willen zur
Wahrheit, die Tragdie als Folgeerscheinungen der "Verneinung" oder
der Verneinungs-Bedrftigkeit des "Willens" interpretirt - die grsste
psychologische Falschmnzerei, die es, das Christenthum abgerechnet,
in der Geschichte giebt. Genauer zugesehn ist er darin bloss der Erbe
der christlichen Interpretation: nur dass er auch das vom Christenthum
Abgelehnte, die grossen Cultur-Thatsachen der Menschheit noch in einem
christlichen, das heisst nihilistischen Sinne gut zu heissen wusste
(- nmlich als Wege zur "Erlsung", als Vorformen der "Erlsung", als
Stimulantia des Bedrfnisses nach "Erlsung"... )


22.

Ich nehme einen einzelnen Fall. Schopenhauer spricht von der Schnheit
mit einer schwermthigen Gluth, - warum letzten Grundes? Weil er in
ihr eine Brcke sieht, auf der man weiter gelangt, oder Durst bekommt,
weiter zu gelangen... Sie ist ihm die Erlsung vom "Willen" auf
Augenblicke - sie lockt zur Erlsung fr immer... Insbesondere
preist er sie als Erlserin vom "Brennpunkte des Willens", von der
Geschlechtlichkeit, - in der Schnheit sieht er den Zeugetrieb
verneint... Wunderlicher Heiliger! Irgend Jemand widerspricht dir, ich
frchte, es ist die Natur. Wozu giebt es berhaupt Schnheit in Ton,
Farbe, Duft, rhythmischer Bewegung in der Natur? Was treibt die
Schnheit heraus?- Glcklicherweise widerspricht ihm auch ein
Philosoph. Keine geringere Autoritt als die des gttlichen Plato (-
so nennt ihn Schopenhauer selbst) hlt einen andern Satz aufrecht:
dass alle Schnheit zur Zeugung reize, - dass dies gerade das proprium
ihrer Wirkung sei, vom Sinnlichsten bis hinauf in's Geistigste...


23.

Plato geht weiter. Er sagt mit einer Unschuld, zu der man Grieche sein
muss und nicht "Christ", dass es gar keine platonische Philosophie
geben wrde, wenn es nicht so schne Jnglinge in Athen gbe: deren
Anblick sei es erst, was die Seele des Philosophen in einen erotischen
Taumel versetze und ihr keine Ruhe lasse, bis sie den Samen aller
hohen Dinge in ein so schnes Erdreich hinabgesenkt habe. Auch ein
wunderlicher Heiliger! - man traut seinen Ohren nicht, gesetzt
selbst, dass man Plato traut. Zum Mindesten errth man, dass in Athen
anders philosophirt wurde, vor Allem ffentlich. Nichts ist weniger
griechisch als die Begriffs-Spinneweberei eines Einsiedlers, amor
intellectualis dei nach Art des Spinoza. Philosophie nach Art des
Plato wre eher als ein erotischer Wettbewerb zu definiren, als eine
Fortbildung und Verinnerlichung der alten agonalen Gymnastik und
deren Voraussetzungen... Was wuchs zuletzt aus dieser philosophischen
Erotik Plato's heraus? Eine neue Kunstform des griechischen Agon,
die Dialektik. - Ich erinnere noch, gegen Schopenhauer und zu Ehren
Plato's, daran, dass auch die ganze hhere Cultur und Litteratur des
klassischen Frankreichs auf dem Boden des geschlechtlichen Interesses
aufgewachsen ist. Man darf berall bei ihr die Galanterie, die Sinne,
den Geschlechts-Wettbewerb, das "Weib" suchen, - man wird nie umsonst
suchen...


24.

L'art pour l'art. - Der Kampf gegen den Zweck in der Kunst ist immer
der Kampf gegen die moralisirende Tendenz in der Kunst, gegen ihre
Unterordnung unter die Moral. L'art pour l'art heisst: "der Teufel
hole die Moral!" - Aber selbst noch diese Feindschaft verrth die
bergewalt des Vorurtheils. Wenn man den Zweck des Moralpredigens und
Menschen-Verbesserns von der Kunst ausgeschlossen hat, so folgt daraus
noch lange nicht, dass die Kunst berhaupt zwecklos, ziellos, sinnlos,
kurz l'art pour l'art - ein Wurm, der sich in den Schwanz beisst -
ist. "Lieber gar keinen Zweck als einen moralischen Zweck!" - so redet
die blosse Leidenschaft. Ein Psycholog fragt dagegen: was thut alle
Kunst? lobt sie nicht? verherrlicht sie nicht? whlt sie nicht aus?
zieht sie nicht hervor? Mit dem Allen strkt oder schwcht sie gewisse
Werthschtzungen... Ist dies nur ein Nebenbei? ein Zufall? Etwas, bei
dem der Instinkt des Knstlers gar nicht betheiligt wre? Oder aber:
ist es nicht die Voraussetzung dazu, dass der Knstler kann...? Geht
dessen unterster Instinkt auf die Kunst oder nicht vielmehr auf den
Sinn der Kunst, das Leben? auf eine Wnschbarkeit von Leben?- Die
Kunst ist das grosse Stimulans zum Leben: wie knnte man sie als
zwecklos, als ziellos, als l'art pour l'art verstehn? - Eine Frage
bleibt zurck: die Kunst bringt auch vieles Hssliche, Harte,
Fragwrdige des Lebens zur Erscheinung, - scheint sie nicht damit vom
Leben zu entleiden? - Und in der That, es gab Philosophen, die ihr
diesen Sinn liehn: "loskommen vom Willen" lehrte Schopenhauer als
Gesammt-Absicht der Kunst, "zur Resignation stimmen" verehrte er als
die grosse Ntzlichkeit der Tragdie. - Aber dies - ich gab es schon
zu verstehn - ist Pessimisten-Optik und "bser Blick" -: man muss an
die Knstler selbst appelliren. Was theilt der tragische Knstler
von sich mit? Ist es nicht gerade der Zustand ohne Furcht vor dem
Furchtbaren und Fragwrdigen, das er zeigt? - Dieser Zustand selbst
ist eine hohe Wnschbarkeit; wer ihn kennt, ehrt ihn mit den hchsten
Ehren. Er theilt ihn mit, er muss ihn mittheilen, vorausgesetzt, dass
er ein Knstler ist, ein Genie der Mittheilung. Die Tapferkeit und
Freiheit des Gefhls vor einem mchtigen Feinde, vor einem erhabenen
Ungemach, vor einem Problem, das Grauen erweckt - dieser siegreiche
Zustand ist es, den der tragische Knstler auswhlt, den er
verherrlicht. Vor der Tragdie feiert das Kriegerische in unserer
Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, wer Leid aufsucht, der
heroische Mensch preist mit der Tragdie sein Dasein, - ihm allein
kredenzt der Tragiker den Trunk dieser sssesten Grausamkeit. -


25.

Mit Menschen frlieb nehmen, mit seinem Herzen offen Haus halten, das
ist liberal, das ist aber bloss liberal. Man erkennt die Herzen, die
der vornehmen Gastfreundschaft fhig sind, an den vielen verhngten
Fenstern und geschlossenen Lden: ihre besten Rume halten sie leer.
Warum doch? - Weil sie Gste erwarten, mit denen man nicht "frlieb
nimmt"


26.

Wir schtzen uns nicht genug mehr, wenn wir uns mittheilen. Unsre
eigentlichen Erlebnisse sind ganz und gar nicht geschwtzig. Sie
knnten sich selbst nicht mittheilen, wenn sie wollten. Das macht, es
fehlt ihnen das Wort. Wofr wir Worte haben, darber sind wir auch
schon hinaus. In allem Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache,
scheint es, ist nur fr Durchschnittliches, Mittleres, Mittheilsames
erfunden. Mit der Sprache vulgarisirt sich bereits der Sprechende. -
Aus einer Moral fr Taubstumme und andere Philosophen.


27.

"Dies Bildniss ist bezaubernd schn!"... Das Litteratur-Weib,
unbefriedigt, aufgeregt, de in Herz und Eingeweide, mit schmerzhafter
Neugierde jederzeit auf den Imperativ hinhorchend, der aus den
Tiefen seiner Organisation "aut liberi aut libri" flstert: das
Litteratur-Weib, gebildet genug, die Stimme der Natur zu verstehn,
selbst wenn sie Latein redet und andrerseits eitel und Gans genug, um
im Geheimen auch noch franzsisch mit sich zu sprechen "je me verrai,
je me lirai, je m'extasierai et je dirai: Possible, que j'aie eu tant
d'esprit?"


28.

Die "Unpersnlichen" kommen zu Wort. - "Nichts fllt uns leichter, als
weise, geduldig, berlegen zu sein. Wir triefen vom l der Nachsicht
und des Mitgefhls, wir sind auf eine absurde Weise gerecht, wir
verzeihen Alles. Eben darum sollten wir uns etwas strenger halten;
eben darum sollten wir uns, von Zeit zu Zeit, einen kleinen Affekt,
ein kleines Laster von Affect zchten. Es mag uns sauer angehn;
und unter uns lachen wir vielleicht ber den Aspekt, den wir damit
geben. Aber was hilft es! Wir haben keine andre Art mehr brig von
Selbstberwindung: dies ist unsre Asketik, unser Bsserthum"...
Persnlich werden - die Tugend des "Unpersnlichen"...


29.

Aus einer Doctor-Promotion. - "Was ist die Aufgabe alles hheren
Schulwesens?" - Aus dem Menschen eine Maschine zu machen. - "Was ist
das Mittel dazu?" - Er muss lernen, sich langweilen. - "Wie erreicht
man das?" - Durch den Begriff der Pflicht. - "Wer ist sein Vorbild
dafr?" - Der Philolog: der lehrt ochsen. - "Wer ist der vollkommene
Mensch?" - Der Staats-Beamte. - "Welche Philosophie giebt die hchste
Formel fr den Staats-Beamten?" - Die Kant's: der Staats-Beamte
als Ding an sich zum Richter gesetzt ber den Staats-Beamten als
Erscheinung. -


30.

Das Recht auf Dummheit. - Der ermdete und langsam athmende Arbeiter,
der gutmthig blickt, der die Dinge gehen lsst, wie sie gehn: diese
typische Figur, der man jetzt, im Zeitalter der Arbeit (und des
"Reichs"! -) in allen Klassen der Gesellschaft begegnet, nimmt heute
gerade die Kunst fr sich in Anspruch, eingerechnet das Buch, vor
Allem das Journal, - um wie viel mehr die schne Natur, Italien... Der
Mensch des Abends, mit den "entschlafenen wilden Trieben", von denen
Faust redet, bedarf der Sommerfrische, des Seebads, der Gletscher,
Bayreuth's... In solchen Zeitaltern hat die Kunst ein Recht auf reine
Thorheit, - als eine Art Ferien fr Geist, Witz und Gemth. Das
verstand Wagner. Die reine Thorheit stellt wieder her...


31.

Noch ein Problem der Dit. - Die Mittel, mit denen Julius Csar sich
gegen Krnklichkeiten und Kopfschmerz vertheidigte: ungeheure Mrsche,
einfachste Lebensweise, ununterbrochner Aufenthalt im Freien,
bestndige Strapazen - das sind, in's Grosse gerechnet, die
Erhaltungs- und Schutz-Maassregeln berhaupt gegen die extreme
Verletzlichkeit jener subtilen und unter hchstem Druck arbeitenden
Maschine, welche Genie heisst. -


32.

Der Immoralist redet. - Einem Philosophen geht Nichts mehr wider
den Geschmack als der Mensch, sofern er wnscht... Sieht er den
Menschen nur in seinem Thun, sieht er dieses tapferste, listigste,
ausdauerndste Thier verirrt selbst in labyrinthische Nothlagen, wie
bewunderungswrdig erscheint ihm der Mensch! Er spricht ihm noch
zu... Aber der Philosoph verachtet den wnschenden Menschen, auch den
"wnschbaren" Menschen - und berhaupt alle Wnschbarkeiten, alle
Ideale des Menschen. Wenn ein Philosoph Nihilist sein knnte, so wrde
er es sein, weil er das Nichts hinter allen Idealen des Menschen
findet. Oder noch nicht einmal das Nichts, - sondern nur das
Nichtswrdige, das Absurde, das Kranke, das Feige, das Mde, alle Art
Hefen aus dem ausgetrunkenen Becher seines Lebens... Der Mensch, der
als Realitt so verehrungswrdig ist, wie kommt es, dass er keine
Achtung verdient, sofern er wnscht? Muss er es bssen, so tchtig als
Realitt zu sein? Muss er sein Thun, die Kopf- und Willensanspannung
in allem Thun, mit einem Gliederstrecken im Imaginren und Absurden
ausgleichen? - Die Geschichte seiner Wnschbarkeiten war bisher die
partie honteuse des Menschen: man soll sich hten, zu lange in ihr zu
lesen. Was den Menschen rechtfertigt, ist seine Realitt, - sie wird
ihn ewig rechtfertigen. Um wie viel mehr werth ist der wirkliche
Mensch, verglichen mit irgend einem bloss gewnschten, ertrumten,
erstunkenen und erlogenen Menschen? mit irgend einem idealen
Menschen?... Und nur der ideale Mensch geht dem Philosophen wider den
Geschmack.


33.

Naturwerth des Egoismus. - Die Selbstsucht ist so viel werth, als Der
physiologisch werth ist, der sie hat: sie kann sehr viel werth sein,
sie kann nichtswrdig und verchtlich sein. Jeder Einzelne darf darauf
hin angesehen werden, ob er die aufsteigende oder die absteigende
Linie des Lebens darstellt. Mit einer Entscheidung darber hat man
auch einen Kanon dafr, was seine Selbstsucht werth ist. Stellt
er das Aufsteigen der Linie dar, so ist in der That sein Werth
ausserordentlich, - und um des Gesammt-Lebens willen, das mit ihm
einen Schritt weiter thut, darf die Sorge um Erhaltung, um Schaffung
seines optimum von Bedingungen selbst extrem sein. Der Einzelne, das
"Individuum", wie Volk und Philosoph das bisher verstand, ist ja ein
Irrthum: er ist nichts fr sich, kein Atom, kein "Ring der Kette",
nichts bloss Vererbtes von Ehedem, - er ist die ganze Eine Linie
Mensch bis zu ihm hin selber noch... Stellt er die absteigende
Entwicklung, den Verfall, die chronische Entartung, Erkrankung dar (-
Krankheiten sind, in's Grosse gerechnet, bereits Folgeerscheinungen
des Verfalls, nicht dessen Ursachen), so kommt ihm wenig Werth zu, und
die erste Billigkeit will, dass er den Wohlgerathenen so wenig als
mglich wegnimmt. Er ist bloss noch deren Parasit...


34.

Christ und Anarchist. - Wenn der Anarchist, als Mundstck
niedergehender Schichten der Gesellschaft, mit einer schnen
Entrstung "Recht", "Gerechtigkeit", "gleiche Rechte" verlangt, so
steht er damit nur unter dem Drucke seiner Unkultur, welche nicht zu
begreifen weiss, warum er eigentlich leidet, - woran er arm ist, an
Leben... Ein Ursachen-Trieb ist in ihm mchtig: Jemand muss schuld
daran sein, dass er sich schlecht befindet... Auch thut ihm die
"schne Entrstung" selber schon wohl, es ist ein Vergngen fr alle
armen Teufel, zu schimpfen, - es giebt einen kleinen Rausch von Macht.
Schon die Klage, das Sich-Beklagen, kann dem Leben einen Reiz geben,
um dessentwillen man es aushlt: eine feinere Dosis Rache ist in jeder
Klage, man wirft sein Schlechtbefinden, unter Umstnden selbst seine
Schlechtigkeit Denen, die anders sind, wie ein Unrecht, wie ein
unerlaubtes Vorrecht vor. "Bin ich eine canaille, so solltest du
es auch sein": auf diese Logik hin macht man Revolution. - Das
Sich-Beklagen taugt in keinem Falle etwas: es stammt aus der Schwche.
Ob man sein Schlecht-Befinden Andern oder sich selber zu misst -.
Ersteres thut der Socialist, Letzteres zum Beispiel der Christ -,
macht keinen eigentlichen Unterschied. Das Gemeinsame, sagen wir auch
das Unwrdige daran ist, dass jemand schuld daran sein soll, dass man
leidet - kurz, dass der Leidende sich gegen sein Leiden den Honig
der Rache verordnet. Die Objekte dieses Rach-Bedrfnisses als eines
Lust-Bedrfnisses sind Gelegenheits-Ursachen: der Leidende findet
berall Ursachen, seine kleine Rache zu khlen, - ist er Christ,
nochmals gesagt, so findet er sie in sich... Der Christ und der
Anarchist - Beide sind dcadents. - Aber auch wenn der Christ die
"Welt" verurtheilt, verleumdet, beschmutzt, so thut er es aus
dem gleichen Instinkte, aus dem der socialistische Arbeiter die
Gesellschaft verurtheilt, verleumdet, beschmutzt: das "jngste
Gericht" selbst ist noch der ssse Trost der Rache - die Revolution,
wie sie auch der socialistische Arbeiter erwartet, nur etwas ferner
gedacht... Das "Jenseits" selbst - wozu ein Jenseits, wenn es nicht
ein Mittel wre, das Diesseits zu beschmutzen?...


35.

Kritik der Dcadence-Moral. Eine "altruistische" Moral, eine Moral,
bei der die Selbstsucht verkmmert -, bleibt unter allen Umstnden ein
schlechtes Anzeichen. Dies gilt vom Einzelnen, dies gilt namentlich
von Vlkern. Es fehlt am Besten, wenn es an der Selbstsucht zu fehlen
beginnt. Instinktiv das Sich-Schdliche whlen, Gelockt-werden durch
"uninteressirte" Motive giebt beinahe die Formel ab fr dcadence.
"Nicht seinen Nutzen suchen" - das ist bloss das moralische
Feigenblatt fr eine ganz andere, nmlich physiologische
Thatschlichkeit: "ich weiss meinen Nutzen nicht mehr zu finden"
Disgregation der Instinkte! - Es ist zu Ende mit ihm, wenn der Mensch
altruistisch wird. - Statt naiv zu sagen, "ich bin nichts mehr werth",
sagt die Moral Lge im Munde des dcadent: "Nichts ist etwas werth, -
das Leben ist nichts werth"... Ein solches Urtheil bleibt zuletzt eine
grosse Gefahr, es wirkt ansteckend, - auf dem ganzen morbiden Boden
der Gesellschaft wuchert es bald zu tropischer Begriffs-Vegetation
empor, bald als Religion (Christenthum), bald als Philosophie
(Schopenhauerei). Unter Umstnden vergiftet eine solche aus Fulniss
gewachsene Giftbaum-Vegetation mit ihrem Dunste weithin, auf
Jahrtausende hin das Leben...


36.

Moral fr rzte. - Der Kranke ist ein Parasit der Gesellschaft. In
einem gewissen Zustande ist es unanstndig, noch lnger zu leben. Das
Fortvegetiren in feiger Abhngigkeit von rzten und Praktiken, nachdem
der Sinn vom Leben, das Recht zum Leben verloren gegangen ist, sollte
bei der Gesellschaft eine tiefe Verachtung nach sich ziehn. Die rzte
wiederum htten die Vermittler dieser Verachtung zu sein, - nicht
Recepte, sondern jeden Tag eine neue Dosis Ekel vor ihrem Patienten...
Eine neue Verantwortlichkeit schaffen, die des Arztes, fr alle Flle,
wo das hchste Interesse des Lebens, des aufsteigenden Lebens, das
rcksichtsloseste Nieder- und Beiseite-Drngen des entartenden Lebens
verlangt - zum Beispiel fr das Recht auf Zeugung, fr das Recht,
geboren zu werden, fr das Recht, zu leben... Auf eine stolze Art
sterben, wenn es nicht mehr mglich ist, auf eine stolze Art zu leben.
Der Tod, aus freien Stcken gewhlt, der Tod zur rechten Zeit, mit
Helle und Freudigkeit, inmitten von Kindern und Zeugen vollzogen: so
dass ein wirkliches Abschiednehmen noch mglich ist, wo Der noch da
ist, der sich verabschiedet, insgleichen ein wirkliches Abschtzen
des Erreichten und Gewollten, eine Summirung des Lebens - Alles im
Gegensatz zu der erbrmlichen und schauderhaften Komdie, die das
Christenthum mit der Sterbestunde getrieben hat. Man soll es dem
Christenthume nie vergessen, dass es die Schwche des Sterbenden
zu Gewissens-Nothzucht, dass es die Art des Todes selbst zu
Werth-Urtheilen ber Mensch und Vergangenheit gemissbraucht hat! -
Hier gilt es, allen Feigheiten des Vorurtheils zum Trotz, vor Allem
die richtige, das heisst physiologische Wrdigung des sogenannten
natrlichen Todes herzustellen: der zuletzt auch nur ein
"unnatrlicher", ein Selbstmord ist. Man geht nie durch jemand Anderes
zu Grunde, als durch sich selbst. Nur ist es der Tod unter den
verchtlichsten Bedingungen, ein unfreier Tod, ein Tod zur unrechten
Zeit, ein Feiglings Tod. Man sollte, aus Liebe zum Leben -, den Tod
anders wollen, frei, bewusst, ohne Zufall, ohne berfall... Endlich
ein Rath fr die Herrn Pessimisten und andere dcadents. Wir haben es
nicht in der Hand, zu verhindern, geboren zu werden: aber wir knnen
diesen Fehler - denn bisweilen ist es ein Fehler - wieder gut machen.
Wenn man sich abschafft, thut man die achtungswrdigste Sache, die es
giebt: man verdient beinahe damit, zu leben... Die Gesellschaft, was
sage ich! Das Leben selber hat mehr Vortheil davon, als durch irgend
welches "Leben" in Entsagung, Bleichsucht und andrer Tugend -, man hat
die Andern von seinem Anblick befreit, man hat das Leben von einem
Einwand befreit... Der Pessimismus, pur, vert, beweist sich erst durch
die Selbst-Widerlegung der Herrn Pessimisten: man muss einen Schritt
weiter gehn in seiner Logik, nicht bloss mit "Wille und Vorstellung",
wie Schopenhauer es that, das Leben verneinen -, man muss
Schopenhauern zuerst verneinen... Der Pessimismus, anbei gesagt, so
ansteckend er ist, vermehrt trotzdem nicht die Krankhaftigkeit einer
Zeit, eines Geschlechts im Ganzen: er ist deren Ausdruck. Man verfllt
ihm, wie man der Cholera verfllt: man muss morbid genug dazu schon
angelegt sein. Der Pessimismus selbst macht keinen einzigen dcadent
mehr; ich erinnere an das Ergebniss der Statistik, dass die Jahre, in
denen die Cholera wthet, sich in der Gesammt-Ziffer der Sterbeflle
nicht von andern Jahrgngen unterscheiden.


37.

Ob wir moralischer geworden sind. - Gegen meinen Begriff "jenseits von
Gut und Bse" hat sich, wie zu erwarten stand, die ganze Ferocitt der
moralischen Verdummung, die bekanntlich in Deutschland als die Moral
selber gilt -, in's Zeug geworfen: ich htte artige Geschichten davon
zu erzhlen. Vor Allem gab man mir die "unleugbare berlegenheit"
unsrer Zeit im sittlichen Urtheil zu berdenken, unsern wirklich hier
gemachten Fortschritt: ein Cesare Borgia sei, im Vergleich mit uns,
durchaus nicht als ein "hherer Mensch", als eine Art bermensch, wie
ich es thue, aufzustellen... Ein Schweizer Redakteur, vom "Bund",
gieng so weit, nicht ohne seine Achtung vor dem Muth zu solchem
Wagniss auszudrcken, den Sinn meines Werks dahin zu "verstehn",
dass ich mit demselben die Abschaffung aller anstndigen Gefhle
beantragte. Sehr verbunden! - Ich erlaube mir, als Antwort, die Frage
aufzuwerfen, ob wir wirklich moralischer geworden sind. Dass alle Welt
das glaubt, ist bereits ein Einwand dagegen... Wir modernen Menschen,
sehr zart, sehr verletzlich und hundert Rcksichten gebend und
nehmend, bilden uns in der That ein, diese zrtliche Menschlichkeit,
die wir darstellen, diese erreichte Einmthigkeit in der Schonung, in
der Hlfsbereitschaft, im gegenseitigen Vertrauen sei ein positiver
Fortschritt, damit seien wir weit ber die Menschen der Renaissance
hinaus. Aber so denkt jede Zeit, so muss sie denken. Gewiss ist, dass
wir uns nicht in Renaissance-Zustnde hineinstellen drften, nicht
einmal hineindenken: unsre Nerven hielten jene Wirklichkeit nicht aus,
nicht zu reden von unsern Muskeln. Mit diesem Unvermgen ist aber
kein Fortschritt bewiesen, sondern nur eine andre, eine sptere
Beschaffenheit, eine schwchere, zrtlichere, verletzlichere, aus der
sich nothwendig eine rcksichtenreiche Moral erzeugt. Denken wir unsre
Zartheit und Sptheit, unsre physiologische Alterung weg, so verlre
auch unsre Moral der "Vermenschlichung" sofort ihren Werth - an sich
hat keine Moral Werth -: sie wrde uns selbst Geringschtzung machen.
Zweifeln wir andrerseits nicht daran, dass wir Modernen mit unsrer
dick wattirten Humanitt, die durchaus an keinen Stein sich stossen
Will, den Zeitgenossen Cesare Borgia's eine Komdie zum Todtlachen
abgeben wrden. In der That, wir sind ber die Maassen unfreiwillig
spasshaft, mit unsren modernen "Tugenden"... Die Abnahme der
feindseligen und misstrauenweckenden Instinkte - und das wre ja unser
"Fortschritt" - stellt nur eine der Folgen in der allgemeinen Abnahme
der Vitalitt dar: es kostet hundert Mal mehr Mhe, mehr Vorsicht,
ein so bedingtes, so sptes Dasein durchzusetzen. Da hilft man sich
gegenseitig, da ist Jeder bis zu einem gewissen Grade Kranker und
Jeder Krankenwrter. Das heisst dann "Tugend" -: unter Menschen,
die das Leben noch anders kannten, voller, verschwenderischer,
berstrmender, htte man's anders genannt, "Feigheit" vielleicht,
"Erbrmlichkeit", "Altweiber-Moral"... Unsre Milderung der Sitten -
das ist mein Satz, das ist, wenn man will, meine Neuerung - ist eine
Folge des Niedergangs; die Hrte und Schrecklichkeit der Sitte kann
umgekehrt eine Folge des berschusses von Leben sein: dann nmlich
darf auch Viel gewagt, Viel herausgefordert, Viel auch vergeudet
werden. Was Wrze ehedem des Lebens war, fr uns wre es Gift...
Indifferent zu sein - auch das ist eine Form der Strke - dazu sind
wir gleichfalls zu alt, zu spt: unsre Mitgefhls-Moral, vor der
ich als der Erste gewarnt habe, Das, was man l'impressionisme
morale nennen knnte, ist ein Ausdruck mehr der physiologischen
berreizbarkeit, die Allem, was dcadent ist, eignet. Jene Bewegung,
die mit der Mitleids-Moral Schopenhauer's versucht hat, sich
wissenschaftlich vorzufhren - ein sehr unglcklicher Versuch! - ist
die eigentliche dcadence-Bewegung in der Moral, sie ist als solche
tief verwandt mit der christlichen Moral. Die starken Zeiten, die
vornehmen Culturen sehen im Mitleiden, in der "Nchstenliebe", im
Mangel an Selbst und Selbstgefhl etwas Verchtliches. - Die Zeiten
sind zu messen nach ihren positiven Krften - und dabei ergiebt sich
jene so verschwenderische und verhngnissreiche Zeit der Renaissance
als die letzte grosse Zeit, und wir, wir Modernen mit unsrer
ngstlichen Selbst-Frsorge und Nchstenliebe, mit unsren Tugenden
der Arbeit, der Anspruchslosigkeit, der Rechtlichkeit, der
Wissenschaftlichkeit - sammelnd, konomisch, machinal - als eine
schwache Zeit... Unsre Tugenden sind bedingt, sind herausgefordert
durch unsre Schwche... Die "Gleichheit", eine gewisse thatschliche
Anhnlichung, die sich in der Theorie von "gleichen Rechten" nur zum
Ausdruck bringt, gehrt wesentlich zum Niedergang: die Kluft zwischen
Mensch und Mensch, Stand und Stand, die Vielheit der Typen, der Wille,
selbst zu sein, sich abzuheben, Das, was ich Pathos der Distanz nenne,
ist jeder starken Zeit zu eigen. Die Spannkraft, die Spannweite
zwischen den Extremen wird heute immer kleiner, - die Extreme selbst
verwischen sich endlich bis zur hnlichkeit... Alle unsre politischen
Theorien und Staats-Verfassungen, das "deutsche Reich" durchaus nicht
ausgenommen, sind Folgerungen, Folge-Nothwendigkeiten des Niedergangs;
die unbewusste Wirkung der dcadence ist bis in die Ideale einzelner
Wissenschaften hinein Herr geworden. Mein Einwand gegen die ganze
Sociologie in England und Frankreich bleibt, dass sie nur die
Verfalls-Gebilde der Societt aus Erfahrung kennt und vollkommen
unschuldig die eigenen Verfalls-Instinkte als Norm des sociologischen
Werthurteils nimmt. Das niedergehende Leben, die Abnahme aller
organisirenden, das heisst trennenden, Klfte aufreissenden, unter-
und berordnenden Kraft formulirt sich in der Sociologie von heute
zum Ideal... Unsre Socialisten sind dcadents, aber auch Herr Herbert
Spencer ist ein dcadent, - er sieht im Sieg des Altruismus etwas
Wnschenswerthes!...


38.

Mein Begriff von Freiheit. - Der Werth einer Sache liegt mitunter
nicht in dem, was man mit ihr erreicht, sondern in dem, was man
fr sie bezahlt, - was sie uns kostet. Ich gebe ein Beispiel. Die
liberalen Institutionen hren alsbald auf, liberal zu sein, sobald
sie erreicht sind: es giebt spter keine rgeren und grndlicheren
Schdiger der Freiheit, als liberale Institutionen. Man weiss ja, was
sie zu Wege bringen: sie unterminiren den Willen zur Macht, sie sind
die zur Moral erhobene Nivellirung von Berg und Tal, sie machen
klein, feige und gensslich, - mit ihnen triumphirt jedesmal das
Heerdenthier. Liberalismus: auf deutsch Heerden-Verthierung...
Dieselben Institutionen bringen, so lange sie noch erkmpft werden,
ganz andere Wirkungen hervor; sie frdern dann in der That die
Freiheit auf eine mchtige Weise. Genauer zugesehn, ist es der Krieg,
der diese Wirkungen hervorbringt, der Krieg um liberale Institutionen,
der als Krieg die illiberalen Instinkte dauern lsst. Und der Krieg
erzieht zur Freiheit. Denn was ist Freiheit! Dass man den Willen zur
Selbstverantwortlichkeit hat. Dass man die Distanz, die uns abtrennt,
festhlt. Dass man gegen Mhsal, Hrte, Entbehrung, selbst gegen das
Leben gleichgltiger wird. Dass man bereit ist, seiner Sache Menschen
zu opfern, sich selber nicht abgerechnet. Freiheit bedeutet, dass
die mnnlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte die Herrschaft
haben ber andre Instinkte, zum Beispiel ber die des "Glcks". Der
freigewordne Mensch, um wie viel mehr der freigewordne Geist, tritt
mit Fssen auf die verchtliche Art von Wohlbefinden, von dem Krmer,
Christen, Khe, Weiber, Englnder und andre Demokraten trumen. Der
freie Mensch ist Krieger. - Wonach misst sich die Freiheit, bei
Einzelnen, wie bei Vlkern? Nach dem Widerstand, der berwunden werden
muss, nach der Mhe, die es kostet, oben zu bleiben. Den hchsten
Typus freier Menschen htte man dort zu suchen, wo bestndig der
hchste Widerstand berwunden wird: fnf Schritt weit von der
Tyrannei, dicht an der Schwelle der Gefahr der Knechtschaft. Dies ist
psychologisch wahr, wenn man hier unter den "Tyrannen" unerbittliche
und furchtbare Instinkte begreift, die das Maximum von Autoritt und
Zucht gegen sich herausfordern - schnster Typus Julius Caesar -;
dies ist auch politisch wahr, man mache nur seinen Gang durch die
Geschichte. Die Vlker, die Etwas werth waren, werth wurden, wurden
dies nie unter liberalen Institutionen: die grosse Gefahr machte
Etwas aus ihnen, das Ehrfurcht verdient, die Gefahr, die uns unsre
Hlfsmittel, unsre Tugenden, unsre Wehr und Waffen, unsern Geist erst
kennen lehrt, - die uns zwingt, stark zu sein... Erster Grundsatz:
man muss es nthig haben, stark zu sein: sonst wird man's nie. - Jene
grossen Treibhuser fr starke, fr die strkste Art Mensch, die es
bisher gegeben hat, die aristokratischen Gemeinwesen in der Art von
Rom und Venedig verstanden Freiheit genau in dem Sinne, wie ich das
Wort Freiheit verstehe: als Etwas, das man hat und nicht hat, das man
will, das man erobert...


39.

Kritik der Modernitt. - Unsre Institutionen taugen nichts mehr:
darber ist man einmthig. Aber das liegt nicht an ihnen, sondern an
uns. Nachdem uns alle Instinkte abhanden gekommen sind, aus denen
Institutionen wachsen, kommen uns Institutionen berhaupt abhanden,
weil wir nicht mehr zu ihnen taugen. Demokratismus war jeder Zeit
die Niedergangs-Form der organisirenden Kraft: ich habe schon in
"Menschliches, Allzumenschliches" 1, 318 die moderne Demokratie sammt
ihren Halbheiten, wie "deutsches Reich", als Verfallsform des Staats
gekennzeichnet. Damit es Institutionen giebt, muss es eine Art Wille,
Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen
zur Tradition, zur Autoritt, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte
hinaus, zur Solidaritt von Geschlechter-Ketten vorwrts und rckwrts
in infinitum. Ist dieser Wille da, so grndet sich Etwas wie das
imperium Romanum: oder wie Russland, die einzige Macht, die heute
Dauer im Leibe hat, die warten kann, die Etwas noch versprechen kann,
- Russland der Gegensatz-Begriff zu der erbrmlichen europischen
Kleinstaaterei und Nervositt, die mit der Grndung des deutschen
Reichs in einen kritischen Zustand eingetreten ist... Der ganze Westen
hat jene Instinkte nicht mehr, aus denen Institutionen wachsen, aus
denen Zukunft wchst: seinem "modernen Geiste" geht vielleicht Nichts
so sehr wider den Strich. Man lebt fr heute, man lebt sehr geschwind,
- man lebt sehr unverantwortlich: dies gerade nennt man "Freiheit".
Was aus Institutionen Institutionen macht, wird verachtet, gehasst,
abgelehnt: man glaubt sich in der Gefahr einer neuen Sklaverei, wo das
Wort "Autoritt" auch nur laut wird. So weit geht die dcadence im
Werth-Instinkte unsrer Politiker, unsrer politischen Parteien: sie
ziehn instinktiv vor, was auflst, was das Ende beschleunigt...
Zeugniss die moderne Ehe. Aus der modernen Ehe ist ersichtlich alle
Vernunft abhanden gekommen: das giebt aber keinen Einwand gegen die
Ehe ab, sondern gegen die Modernitt. Die Vernunft der Ehe - sie lag
in der juristischen Alleinverantwortlichkeit des Mannes: damit hatte
die Ehe Schwergewicht, whrend sie heute auf beiden Beinen hinkt. Die
Vernunft der Ehe - sie lag in ihrer principiellen Unlsbarkeit: damit
bekam sie einen Accent, der, dem Zufall von Gefhl, Leidenschaft
und Augenblick gegenber, sich Gehr zu schaffen wusste. Sie lag
insgleichen in der Verantwortlichkeit der Familien fr die Auswahl
der Gatten. Man hat mit der wachsenden Indulgenz zu Gunsten der
Liebes-Heirath geradezu die Grundlage der Ehe, Das, was erst aus ihr
eine Institution macht, eliminirt. Man grndet eine Institution nie
und nimmermehr auf eine Idiosynkrasie, man grndet die Ehe nicht, wie
gesagt, auf die "Liebe", - man grndet sie auf den Geschlechtstrieb,
auf den Eigenthumstrieb (Weib und Kind als Eigenthum), auf den
Herrschafts-Trieb, der sich bestndig das kleinste Gebilde der
Herrschaft, die Familie, organisirt, der Kinder und Erben braucht, um
ein erreichtes Maass von Macht, Einfluss, Reichthum auch physiologisch
festzuhalten, um lange Aufgaben, um Instinkt-Solidaritt zwischen
Jahrhunderten vorzubereiten. Die Ehe als Institution begreift bereits
die Bejahung der grssten, der dauerhaftesten Organisationsform in
sich: wenn die Gesellschaft selbst nicht als Ganzes fr sich gutsagen
kann bis in die fernsten Geschlechter hinaus, so hat die Ehe berhaupt
keinen Sinn. - Die moderne Ehe verlor ihren Sinn, - folglich schafft
man sie ab. -


40.

Die Arbeiter-Frage. - Die Dummheit, im Grunde die Instinkt-Entartung,
welche heute die Ursache aller Dummheiten ist, liegt darin, dass es
eine Arbeiter-Frage giebt. ber gewisse Dinge fragt man nicht: erster
Imperativ des Instinktes. - Ich sehe durchaus nicht ab, was man mit
dem europischen Arbeiter machen will, nachdem man erst eine Frage aus
ihm gemacht hat. Er befindet sich viel zu gut, um nicht Schritt fr
Schritt mehr zu fragen, unbescheidner zu fragen. Er hat zuletzt die
grosse Zahl fr sich. Die Hoffnung ist vollkommen vorber, dass hier
sich eine bescheidene und selbstgengsame Art Mensch, ein Typus
Chinese zum Stande herausbilde: und dies htte Vernunft gehabt, dies
wre geradezu eine Nothwendigkeit gewesen. Was hat man gethan? -
Alles, um auch die Voraussetzung dazu im Keime zu vernichten, - man
hat die Instinkte, vermge deren ein Arbeiter als Stand mglich, sich
selber mglich wird, durch die unverantwortlichste Gedankenlosigkeit
in Grund und Boden zerstrt. Man hat den Arbeiter militrtchtig
gemacht, man hat ihm das Coalitions-Recht, das politische Stimmrecht
gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits
als Nothstand (moralisch ausgedrckt als Unrecht -) empfindet? Aber
was will man? nochmals gefragt. Will man einen Zweck, muss man auch
die Mittel wollen: will man Sklaven, so ist man ein Narr, wenn man sie
zu Herrn erzieht. -


41.

"Freiheit, die ich nicht meine..." In solchen Zeiten, wie heute,
seinen Instinkten berlassen sein, ist ein Verhngniss mehr.
Diese Instinkte widersprechen, stren sich, zerstren sich unter
einander; ich definirte das Moderne bereits als den physiologischen
Selbst-Widerspruch. Die Vernunft der Erziehung wrde wollen, dass
unter einem eisernen Drucke wenigstens Eins dieser Instinkt-Systeme
paralysirt wrde, um einem andren zu erlauben, zu Krften zu kommen,
stark zu werden, Herr zu werden. Heute msste man das Individuum erst
mglich machen, indem man dasselbe beschneidet: mglich, das heisst
ganz... Das Umgekehrte geschieht: der Anspruch auf Unabhngigkeit,
auf freie Entwicklung, auf laisser aller wird gerade von Denen am
hitzigsten gemacht, fr die kein Zgel zu streng wre - dies gilt
in politicis, dies gilt in der Kunst. Aber das ist ein Symptom der
dcadence: unser moderner Begriff "Freiheit" ist ein Beweis von
Instinkt-Entartung mehr. -


42.

Wo Glaube noth thut. - Nichts ist seltner unter Moralisten und
Heiligen als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegentheil,
vielleicht glauben sie es selbst. Wenn nmlich ein Glaube ntzlicher,
wirkungsvoller, berzeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so
wird, aus Instinkt, die Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz
zum Verstndniss grosser Heiliger. Auch bei den Philosophen, einer
andren Art von Heiligen, bringt es das ganze Handwerk mit sich, dass
sie nur gewisse Wahrheiten zulassen: nmlich solche, auf die hin ihr
Handwerk die ffentliche Sanktion hat, - Kantisch geredet, Wahrheiten
der praktischen Vernunft. Sie wissen, was sie beweisen mssen, darin
sind sie praktisch, - sie erkennen sich unter einander daran, dass sie
ber "die Wahrheiten" bereinstimmen. - "Du sollst nicht lgen" - auf
deutsch: hten Sie sich, mein Herr Philosoph, die Wahrheit zu sagen...


43.

Den Conservativen in's Ohr gesagt. - Was man frher nicht wusste, was
man heute weiss, wissen knnte -, eine Rckbildung, eine Umkehr in
irgend welchem Sinn und Grade ist gar nicht mglich. Wir Physiologen
wenigstens wissen das. Aber alle Priester und Moralisten haben
daran geglaubt, - sie wollten die Menschheit auf ein frheres
Maass von Tugend zurckbringen, zurckschrauben. Moral war immer
ein Prokrustes-Bett. Selbst die Politiker haben es darin den
Tugendpredigern nachgemacht: es giebt auch heute noch Parteien, die
als Ziel den Krebsgang aller Dinge trumen. Aber es steht Niemandem
frei, Krebs zu sein. Es hilft nichts: man muss vorwrts, will sagen
Schritt fr Schritt weiter in der dcadence (- dies meine Definition
des modernen "Fortschritts"... ). Man kann diese Entwicklung hemmen
und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, aufsammeln,
vehementer und pltzlicher machen: mehr kann man nicht. -


44.

Mein Begriff vom Genie. - Grosse Mnner sind wie grosse Zeiten
Explosiv-Stoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehuft ist; ihre
Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, dass lange auf
sie hin gesammelt, gehuft, gespart und bewahrt worden ist, - dass
lange keine Explosion stattfand. Ist die Spannung in der Masse zu
gross geworden, so gengt der zuflligste Reiz, das "Genie", die
"That", das grosse Schicksal in die Welt zu rufen. Was liegt dann an
Umgebung, an Zeitalter, an "Zeitgeist", an "ffentlicher Meinung"!
- Man nehme den Fall Napoleon's. Das Frankreich der Revolution, und
noch mehr das der Vorrevolution, wrde aus sich den entgegengesetzten
Typus, als der Napoleon's ist, hervorgebracht haben: es hat ihn auch
hervorgebracht. Und weil Napoleon anders war, Erbe einer strkeren,
lngeren, lteren Civilisation als die, welche in Frankreich in Dampf
und Stcke gieng, wurde er hier Herr, war er allein hier Herr. Die
grossen Menschen sind nothwendig, die Zeit, in der sie erscheinen, ist
zufllig; dass sie fast immer ber dieselbe Herr werden, liegt nur
darin, dass sie strker, dass sie lter sind, dass lnger auf sie hin
gesammelt worden ist. Zwischen einem Genie und seiner Zeit besteht ein
Verhltniss, wie zwischen stark und schwach, auch wie zwischen alt
und jung: die Zeit ist relativ immer viel jnger, dnner, unmndiger,
unsicherer, kindischer. - Dass man hierber in Frankreich heute sehr
anders denkt (in Deutschland auch: aber daran liegt nichts), dass dort
die Theorie vom milieu, eine wahre Neurotiker-Theorie, sakrosankt und
beinahe wissenschaftlich geworden ist und bis unter die Physiologen
Glauben findet, das "riecht nicht gut", das macht Einem traurige
Gedanken. - Man versteht es auch in England nicht anders, doch darber
wird sich kein Mensch betrben. Dem Englnder stehen nur zwei Wege
offen, sich mit dem Genie und "grossen Manne" abzufinden: entweder
demokratisch in der Art Buckle's oder religis in der Art Carlyle's.
- Die Gefahr, die in grossen Menschen und Zeiten liegt, ist ausser
ordentlich; die Erschpfung jeder Art, die Sterilitt folgt ihnen
auf dem Fusse. Der grosse Mensch ist ein Ende; die grosse Zeit, die
Renaissance zum Beispiel, ist ein Ende. Das Genie - in Werk, in That
- ist nothwendig ein Verschwender: dass es sich ausgiebt, ist seine
Grsse... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehngt;
der bergewaltige Druck der ausstrmenden Krfte verbietet ihm jede
solche Obhut und Vorsicht. Man nennt das "Aufopferung"; man rhmt
seinen "Heroismus" darin, seine Gleichgltigkeit gegen das eigne Wohl,
seine Hingebung fr eine Idee, eine grosse Sache, ein Vaterland: Alles
Missverstndnisse... Er strmt aus, er strmt ber, er verbraucht
sich, er schont sich nicht, - mit Fatalitt, verhngnissvoll,
unfreiwillig, wie das Ausbrechen eines Flusses ber seine Ufer
unfreiwillig ist. Aber weil man solchen Explosiven viel verdankt, hat
man ihnen auch viel dagegen geschenkt, zum Beispiel eine Art hherer
Moral... Das ist ja die Art der menschlichen Dankbarkeit: sie
missversteht ihre Wohlthter.-


45.

Der Verbrecher und was ihm verwandt ist. - Der Verbrecher-Typus, das
ist der Typus des starken Menschen unter ungnstigen Bedingungen, ein
krank gemachter starker Mensch. Ihm fehlt die Wildniss, eine gewisse
freiere und gefhrlichere Natur und Daseinsform, in der Alles, was
Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, zu Recht besteht.
Seine Tugenden sind von der Gesellschaft in Bann gethan; seine
lebhaftesten Triebe, die er mitgebracht hat, verwachsen alsbald mit
den niederdrckenden Affekten, mit dem Verdacht, der Furcht, der
Unehre. Aber dies ist beinahe das Recept zur physiologischen
Entartung. Wer Das, was er am besten kann, am liebsten thte, heimlich
thun muss, mit langer Spannung, Vorsicht, Schlauheit, wird anmisch;
und weil er immer nur Gefahr, Verfolgung, Verhngniss von seinen
Instinkten her erntet, verkehrt sich auch sein Gefhl gegen diese
Instinkte - er fhlt sie fatalistisch. Die Gesellschaft ist es,
unsre zahme, mittelmssige, verschnittene Gesellschaft, in der ein
naturwchsiger Mensch, der vom Gebirge her oder aus den Abenteuern
des Meeres kommt, nothwendig zum Verbrecher entartet. Oder beinahe
nothwendig: denn es giebt Flle, wo ein solcher Mensch sich strker
erweist als die Gesellschaft: der Corse Napoleon ist der berhmteste
Fall. Fr das Problem, das hier vorliegt, ist das Zeugniss
Dostoiewsky's von Belang - Dostoiewsky's, des einzigen Psychologen,
anbei gesagt, von dem ich Etwas zu lernen hatte: er gehrt zu den
schnsten Glcksfllen meines Lebens, mehr selbst noch als die
Entdeckung Stendhal's. Dieser tiefe Mensch, der zehn Mal Recht hatte,
die oberflchlichen Deutschen gering zu schtzen, hat die sibirischen
Zuchthusler, in deren Mitte er lange lebte, lauter schwere
Verbrecher, fr die es keinen Rckweg zur Gesellschaft mehr gab,
sehr anders empfunden als er selbst erwartete - ungefhr als aus
dem besten, hrtesten und werthvollsten Holze geschnitzt, das auf
russischer Erde berhaupt wchst. Verallgemeinern wir den Fall des
Verbrechers: denken wir uns Naturen, denen, aus irgend einem Grunde,
die ffentliche Zustimmung fehlt, die wissen, dass sie nicht als
wohlthtig, als ntzlich empfunden werden, - jenes Tschandala-Gefhl,
dass man nicht als gleich gilt, sondern als ausgestossen, unwrdig,
verunreinigend. Alle solche Naturen haben die Farbe des Unterirdischen
auf Gedanken und Handlungen; an ihnen wird Jegliches bleicher als
an Solchen, auf deren Dasein das Tageslicht ruht. Aber fast alle
Existenzformen, die wir heute auszeichnen, haben ehemals unter dieser
halben Grabesluft gelebt: der wissenschaftliche Charakter, der Artist,
das Genie, der freie Geist, der Schauspieler, der Kaufmann, der grosse
Entdecker... So lange der Priester als oberster Typus galt, war jede
werthvolle Art Mensch entwerthet... Die Zeit kommt - ich verspreche
das - wo er als der niedrigste gelten wird, als unser Tschandala, als
die verlogenste, als die unanstndigste Art Mensch... Ich richte die
Aufmerksamkeit darauf, wie noch jetzt, unter dem mildesten Regiment
der Sitte, das je auf Erden, zum Mindesten in Europa, geherrscht
hat, jede Abseitigkeit, jedes lange, allzulange Unterhalb, jede
ungewhnliche, undurchsichtige Daseinsform jenem Typus nahe bringt,
den der Verbrecher vollendet. Alle Neuerer des Geistes haben eine Zeit
das fahle und fatalistische Zeichen des Tschandala auf der Stirn:
nicht, weil sie so empfunden wrden, sondern weil sie selbst die
furchtbare Kluft fhlen, die sie von allem Herkmmlichen und in Ehren
Stehenden trennt. Fast jedes Genie kennt als eine seiner Entwicklungen
die "catilinarische Existenz", ein Hass-, Rache- und Aufstands-Gefhl
gegen Alles, was schon ist, was nicht mehr wird... Catilina - die
Prexistenz-Form jedes Caesar. -


46.

Hier ist die Aussicht frei. - Es kann Hhe der Seele sein, wenn ein
Philosoph schweigt; es kann Liebe sein, wenn er sich widerspricht; es
ist eine Hflichkeit des Erkennenden mglich, welche lgt. Man hat
nicht ohne Feinheit gesagt: il est indigne des grands coeurs de
rpandre le trouble, qu'ils ressentent: nur muss man hinzufgen, dass
vor dem Unwrdigsten sich nicht zu frchten ebenfalls Grsse der Seele
sein kann. Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein Erkennender,
welcher "liebt", opfert vielleicht seine Menschlichkeit; ein Gott,
welcher liebte, ward Jude...


47.

Die Schnheit kein Zufall. - Auch die Schnheit einer Rasse oder
Familie, ihre Anmuth und Gte in allen Gebrden wird erarbeitet: sie
ist, gleich dem Genie, das Schlussergebniss der accumulirten Arbeit
von Geschlechtern. Man muss dem guten Geschmacke grosse Opfer gebracht
haben, man muss um seinetwillen Vieles gethan, Vieles gelassen haben
- das siebzehnte Jahrhundert Frankreichs ist bewunderungswrdig in
Beidem -, man muss in ihm ein Princip der Wahl, fr Gesellschaft, Ort,
Kleidung, Geschlechtsbefriedigung gehabt haben, man muss Schnheit dem
Vortheil, der Gewohnheit, der Meinung, der Trgheit vorgezogen haben.
Oberste Richtschnur: man muss sich auch vor sich selber nicht "gehen
lassen". - Die guten Dinge sind ber die Maassen kostspielig: und
immer gilt das Gesetz, dass wer sie hat, ein Andrer ist, als wer
sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist
unvollkommen, ist Anfang... In Athen waren zur Zeit Cicero's, der
darber seine berraschung ausdrckt, die Mnner und Jnglinge bei
weitem den Frauen an Schnheit berlegen: aber welche Arbeit und
Anstrengung im Dienste der Schnheit hatte daselbst das mnnliche
Geschlecht seit Jahrhunderten von sich verlangt! - Man soll sich
nmlich ber die Methodik hier nicht vergreifen: eine blosse Zucht
von Gefhlen und Gedanken ist beinahe Null (- hier liegt das grosse
Missverstndniss der deutschen Bildung, die ganz illusorisch ist):
man muss den Leib zuerst berreden. Die strenge Aufrechterhaltung
bedeutender und gewhlter Gebrden, eine Verbindlichkeit, nur mit
Menschen zu leben, die sich nicht "gehen lassen", gengt vollkommen,
um bedeutend und gewhlt zu werden: in zwei, drei Geschlechtern ist
bereits Alles verinnerlicht. Es ist entscheidend ber das Loos von
Volk und Menschheit, dass man die Cultur an der rechten Stelle beginnt
- nicht an der "Seele" (wie es der verhngnissvolle Aberglaube der
Priester und Halb-Priester war): die rechte Stelle ist der Leib, die
Gebrde, die Dit, die Physiologie, der Rest folgt daraus... Die
Griechen bleiben deshalb das erste Cultur-Ereigniss der Geschichte -
sie wussten, sie thaten, was Noth that; das Christenthum, das den Leib
verachtete, war bisher das grsste Unglck der Menschheit. -


48.

Fortschritt in meinem Sinne. - Auch ich rede von "Rckkehr zur Natur",
obwohl es eigentlich nicht ein Zurckgehn, sondern ein Hinaufkommen
ist - hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und
Natrlichkeit, eine solche, die mit grossen Aufgaben spielt, spielen
darf .. Um es im Gleichniss zu sagen: Napoleon war ein Stck "Rckkehr
zur Natur", so wie ich sie verstehe (zum Beispiel in rebus tacticis,
noch mehr, wie die Militrs wissen, im Strategischen). - Aber Rousseau
- wohin wollte der eigentlich zurck? Rousseau, dieser erste moderne
Mensch, Idealist und canaille in Einer Person; der die moralische
"Wrde" nthig hatte, um seinen eignen Aspekt auszuhalten; krank vor
zgelloser Eitelkeit und zgelloser Selbstverachtung. Auch diese
Missgeburt, welche sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat,
wollte "Rckkehr zur Natur" - wohin, nochmals gefragt, wollte Rousseau
zurck? - Ich hasse Rousseau noch in der Revolution: sie ist der
welthistorische Ausdruck fr diese Doppelheit von Idealist und
canaille. Die blutige farce, mit der sich diese Revolution abspielte,
ihre "Immoralitt", geht mich wenig an: was ich hasse, ist ihre
Rousseau'sche Moralitt - die sogenannten "Wahrheiten" der Revolution,
mit denen sie immer noch wirkt und alles Flache und Mittelmssige zu
sich berredet. Die Lehre von der Gleichheit!... Aber es giebt gar
kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst
gepredigt, whrend sie das Ende der Gerechtigkeit ist... "Den Gleichen
Gleiches, den Ungleichen Ungleiches - das wre die wahre Rede der
Gerechtigkeit: und, was daraus folgt, Ungleiches niemals gleich
machen." - Dass es um jene Lehre von der Gleichheit herum so
schauerlich und blutig zu gieng, hat dieser "modernen Idee" par
excellence eine Art Glorie und Feuerschein gegeben, so dass die
Revolution als Schauspiel auch die edelsten Geister verfhrt hat. Das
ist zuletzt kein Grund, sie mehr zu achten. - Ich sehe nur Einen, der
sie empfand, wie sie empfunden werden muss, mit Ekel - Goethe...


49.

Goethe - kein deutsches Ereigniss, sondern ein europisches: ein
grossartiger Versuch, das achtzehnte Jahrhundert zu berwinden durch
eine Rckkehr zur Natur, durch ein Hinaufkommen zur Natrlichkeit
der Renaissance, eine Art Selbstberwindung von Seiten dieses
Jahrhunderts. - Er trug dessen strkste Instinkte in sich: die
Gefhlsamkeit, die Natur-Idolatrie, das Antihistorische, das
Idealistische, das Unreale und Revolutionre (- letzteres ist nur
eine Form des Unrealen). Er nahm die Historie, die Naturwissenschaft,
die Antike, insgleichen Spinoza zu Hlfe, vor Allem die praktische
Thtigkeit; er umstellte sich mit lauter geschlossenen Horizonten; er
lste sich nicht vom Leben ab, er stellte sich hinein; er war nicht
verzagt und nahm so viel als mglich auf sich, ber sich, in sich.
Was er Wollte, das war Totalitt; er bekmpfte das Auseinander
von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefhl, Wille (- in abschreckendster
Scholastik durch Kant gepredigt, den Antipoden Goethe's), er
disciplinirte sich zur Ganzheit, er schuf sich... Goethe war, inmitten
eines unreal gesinnten Zeitalters, ein berzeugter Realist: er sagte
ja zu Allem, was ihm hierin verwandt war, - er hatte kein grsseres
Erlebniss als jenes ens realissimum, genannt Napoleon. Goethe
concipirte einen starken, hochgebildeten, in aller Leiblichkeiten
geschickten, sich selbst im Zaume habenden, vor sich selber
ehrfrchtigen Menschen, der sich den ganzen Umfang und Reichthum der
Natrlichkeit zu gnnen wagen darf, der stark genug zu dieser Freiheit
ist; den Menschen der Toleranz, nicht aus Schwche, sondern aus
Strke, weil er Das, woran die durchschnittliche Natur zu Grunde gehn
wrde, noch zu seinem Vortheile zu brauchen weiss; den Menschen, fr
den es nichts Verbotenes mehr giebt, es sei denn die Schwche, heisse
sie nun Laster oder Tugend... Ein solcher freigewordner Geist steht
mit einem freudigen und vertrauenden Fatalismus mitten im All, im
Glauben, dass nur das Einzelne verwerflich ist, dass im Ganzen sich
Alles erlst und bejaht - er verneint nicht mehr... Aber ein solcher
Glaube ist der hchste aller mglichen Glauben: ich habe ihn auf den
Namen des Dionysos getauft. -


50.

Man knnte sagen, dass in gewissem Sinne das neunzehnte Jahrhundert
Das alles auch erstrebt hat, was Goethe als Person erstrebte:
eine Universalitt im Verstehn, im Gutheissen, ein
Ansich-heran-kommen-lassen von Jedwedem, einen verwegnen Realismus,
eine Ehrfurcht vor allem Thatschlichen. Wie kommt es, dass
das Gesammt-Ergebniss kein Goethe, sondern ein Chaos ist, ein
nihilistisches Seufzen, ein Nicht-wissen-wo-aus-noch-ein, ein Instinkt
von Ermdung, der in praxi fortwhrend dazu treibt, zum achtzehnten
Jahrhundert zurckzugreifen? (- zum Beispiel als Gefhls-Romantik, als
Altruismus und Hyper-Sentimentalitt, als Femininismus im Geschmack,
als Socialismus in der Politik.) Ist nicht das neunzehnte Jahrhundert,
zumal in seinem Ausgange, bloss ein verstrktes verrohtes achtzehntes
Jahrhundert, das heisst ein dcadence-Jahrhundert? So dass Goethe
nicht bloss fr Deutschland, sondern fr ganz Europa bloss ein
Zwischenfall, ein schnes Umsonst gewesen wre? - Aber man
missversteht grosse Menschen, wenn man sie aus der armseligen
Perspektive eines ffentlichen Nutzens ansieht. Dass man keinen Nutzen
aus ihnen zu ziehn weiss, das gehrt selbst vielleicht zur Grsse...


51.

Goethe ist der letzte Deutsche, vor dem ich Ehrfurcht habe: er htte
drei Dinge empfunden, die ich empfinde, - auch verstehen wir uns ber
das "Kreuz"... Man fragt mich fter, wozu ich eigentlich deutsch
schriebe: nirgendswo wrde ich schlechter gelesen, als im Vaterlande.
Aber wer weiss zuletzt, ob ich auch nur wnsche, heute gelesen zu
werden? - Dinge schaffen, an denen umsonst die Zeit ihre Zhne
versucht; der Form nach, der Substanz nach um eine kleine
Unsterblichkeit bemht sein - ich war noch nie bescheiden genug,
weniger von mir zu verlangen. Der Aphorismus, die Sentenz, in denen
ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der
"Ewigkeit"; mein Ehrgeiz ist, in zehn Stzen zu sagen, was jeder Andre
in einem Buche sagt, - was jeder Andre in einem Buche nicht sagt...

Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
meinen Zarathustra: ich gebe ihr ber kurzem das unabhngigste. -



Was ich den Alten verdanke.

1.

Zum Schluss ein Wort ber jene Welt, zu der ich Zugnge gesucht, zu
der ich vielleicht einen neuen Zugang gefunden habe - die alte Welt.
Mein Geschmack, der der Gegensatz eines duldsamen Geschmacks sein mag,
ist auch hier fern davon, in Bausch und Bogen ja zu sagen: er sagt
berhaupt nicht gern ja, lieber noch Nein, am allerliebsten gar
nichts... Das gilt von ganzen Culturen, das gilt von Bchern, - es
gilt auch von Orten und Landschaften. Im Grunde ist es eine ganz
kleine Anzahl antiker Bcher, die in meinem Leben mitzhlen; die
berhmtesten sind nicht darunter. Mein Sinn fr Stil, fr das Epigramm
als Stil erwachte fast augenblicklich bei der Berhrung mit Sallust.
Ich habe das Erstaunen meines verehrten Lehrers Corssen nicht
vergessen, als er seinem schlechtesten Lateiner die allererste Censur
geben musste -, ich war mit Einem Schlage fertig. Gedrngt, streng,
mit so viel Substanz als mglich auf dem Grunde, eine kalte Bosheit
gegen das "schne Wort", auch das "schne Gefhl" - daran errieth ich
mich. Man wird, bis in meinen Zarathustra hinein, eine sehr ernsthafte
Ambition nach rmischem Stil, nach dem "aere perennius" im Stil bei
mir wiedererkennen. - Nicht anders ergieng es mir bei der ersten
Berhrung mit Horaz. Bis heute habe ich an keinem Dichter dasselbe
artistische Entzcken gehabt, das mir von Anfang an eine Horazische
Ode gab. In gewissen Sprachen ist Das, was hier erreicht ist, nicht
einmal zu wollen. Dies Mosaik von Worten, wo jedes Wort als Klang, als
Ort, als Begriff, nach rechts und links und ber das Ganze hin seine
Kraft ausstrmt, dies minimum in Umfang und Zahl der Zeichen, dies
damit erzielte maximum in der Energie der Zeichen - das Alles ist
rmisch und, wenn man mir glauben will, vornehm par excellence. Der
ganze Rest von Poesie wird dagegen etwas zu Populres, - eine blosse
Gefhls-Geschwtzigkeit...


2.

Den Griechen verdanke ich durchaus keine verwandt starken Eindrcke;
und, um es geradezu herauszusagen, sie knnen uns nicht sein, was die
Rmer sind. Man lernt nicht von den Griechen - ihre Art ist zu fremd,
sie ist auch zu flssig, um imperativisch, um "klassisch" zu wirken.
Wer htte je an einem Griechen schreiben gelernt! Wer htte es je ohne
die Rmer gelernt!... Man wende mir ja nicht Plato ein. Im Verhltniss
zu Plato bin ich ein grndlicher Skeptiker und war stets ausser
Stande, in die Bewunderung des Artisten Plato, die unter Gelehrten
herkmmlich ist, einzustimmen. Zuletzt habe ich hier die
raffinirtesten Geschmacksrichter unter den Alten selbst auf
meiner Seite. Plato wirft, wie mir scheint, alle Formen des Stils
durcheinander, er ist damit ein erster dcadent des Stils: er hat
etwas hnliches auf dem Gewissen, wie die Cyniker, die die satura
Menippea erfanden. Dass der Platonische Dialog, diese entsetzlich
selbstgefllige und kindliche Art Dialektik, als Reiz wirken knne,
dazu muss man nie gute Franzosen gelesen haben, - Fontenelle zum
Beispiel. Plato ist langweilig. - Zuletzt geht mein Misstrauen
bei Plato in die Tiefe: ich finde ihn so abgeirrt von
allen Grundinstinkten der Hellenen, so vermoralisirt, so
prexistent-christlich - er hat bereits den Begriff "gut" als obersten
Begriff -, dass ich von dem ganzen Phnomen Plato eher das harte Wort
"hherer Schwindel" oder, wenn man's lieber hrt, Idealismus - als
irgend ein andres gebrauchen mchte. Man hat theuer dafr bezahlt,
dass dieser Athener bei den gyptern in die Schule gieng (- oder bei
den Juden in Agypten?...) Im grossen Verhngniss des Christenthums
ist Plato jene "Ideal" genannte Zweideutigkeit und Fascination, die
den edleren Naturen des Alterthums es mglich machte, sich selbst
misszuverstehn und die Brcke zu betreten, die zum "Kreuz" fhrte...
Und wie viel Plato ist noch im Begriff "Kirche", in Bau, System,
Praxis der Kirche! - Meine Erholung, meine Vorliebe, meine Kur von
allem Platonismus war zu jeder Zeit Thukydides. Thukydides und,
vielleicht, der principe Machiavell's sind mir selber am meisten
verwandt durch den unbedingten Willen, sich Nichts vorzumachen und
die Vernunft in der Realitt zu sehn, - nicht in der "Vernunft", noch
weniger in der "Moral"... Von der jmmerlichen Schnfrberei der
Griechen in's Ideal, die der "klassisch gebildete" Jngling als Lohn
fr seine Gymnasial-Dressur in's Leben davontrgt, kurirt Nichts
so grndlich als Thukydides. Man muss ihn Zeile fr Zeile umwenden
und seine Hintergedanken so deutlich ablesen wie seine Worte: es
giebt wenige so hintergedankenreiche Denker. In ihm kommt die
Sophisten-Cultur, will sagen die Realisten-Cultur, zu ihrem
vollendeten Ausdruck: diese unschtzbare Bewegung inmitten des eben
allerwrts losbrechenden Moral- und Ideal-Schwindels der sokratischen
Schulen. Die griechische Philosophie als die dcadence des
griechischen Instinkts; Thukydides als die grosse Summe, die letzte
Offenbarung jener starken, strengen, harten Thatschlichkeit, die
dem lteren Hellenen im Instinkte lag. Der Muth vor der Realitt
unterscheidet zuletzt solche Naturen wie Thukydides und Plato: Plato
ist ein Feigling vor der Realitt, - folglich flchtet er in's Ideal;
Thukydides hat sich in der Gewalt, folglich behlt er auch die Dinge
in der Gewalt...


3.

In den Griechen "schne Seelen", "goldene Mitten" und andre
Vollkommenheiten auszuwittern, etwa an ihnen die Ruhe in der Grsse,
die ideale Gesinnung, die hohe Einfalt bewundern - vor dieser "hohen
Einfalt", einer niaiserie allemande zu guterletzt, war ich durch den
Psychologen behtet, den ich in mir trug. Ich sah ihren strksten
Instinkt, den Willen zur Macht, ich sah sie zittern vor der unbndigen
Gewalt dieses Triebs, - ich sah alle ihre Institutionen wachsen
aus Schutzmaassregeln, um sich vor einander gegen ihren inwendigen
Explosivstoff sicher zu stellen. Die ungeheure Spannung im Innern
entlud sich dann in furchtbarer und rcksichtsloser Feindschaft nach
Aussen: die Stadtgemeinden zerfleischten sich unter einander, damit
die Stadtbrger jeder einzelnen vor sich selber Ruhe fnden. Man hatte
es nthig, stark zu sein: die Gefahr war in der Nhe -, sie lauerte
berall. Die prachtvoll geschmeidige Leiblichkeit, der verwegene
Realismus und Immoralismus, der dem Hellenen eignet, ist eine Noth,
nicht eine "Natur" gewesen. Er folgte erst, er war nicht von Anfang an
da. Und mit Festen und Knsten wollte man auch nichts Andres als sich
obenauf fhlen, sich obenauf zeigen: es sind Mittel, sich selber
zu verherrlichen, unter Umstnden vor sich Furcht zu machen... Die
Griechen auf deutsche Manier nach ihren Philosophen beurtheilen, etwa
die Biedermnnerei der sokratischen Schulen zu Aufschlssen darber
benutzen, was im Grunde hellenisch sei!... Die Philosophen sind ja die
dcadents des Griechenthums, die Gegenbewegung gegen den alten, den
vornehmen Geschmack (- gegen den agonalen Instinkt, gegen die Polis,
gegen den Werth der Rasse, gegen die Autoritt des Herkommens).
Die sokratischen Tugenden wurden gepredigt, weil sie den Griechen
abhanden gekommen waren: reizbar, furchtsam, unbestndig, Komdianten
allesammt, hatten sie ein paar Grnde zu viel, sich Moral predigen zu
lassen. Nicht, dass es Etwas geholfen htte: aber grosse Worte und
Attitden stehen dcadents so gut...


4.

Ich war der erste, der, zum Verstndniss des lteren, des noch reichen
und selbst berstrmenden hellenischen Instinkts, jenes wundervolle
Phnomen ernst nahm, das den Namen des Dionysos trgt: es ist einzig
erklrbar aus einem Zuviel von Kraft. Wer den Griechen nachgeht,
wie jener tiefste Kenner ihrer Cultur, der heute lebt, wie Jakob
Burckhardt in Basel, der wusste sofort, dass damit Etwas gethan sei:
Burckhardt fgte seiner "Cultur der Griechen" einen eignen Abschnitt
ber das genannte Phnomen ein. Will man den Gegensatz, so sehe man
die beinahe erheiternde Instinkt-Armuth der deutschen Philologen,
wenn sie in die Nhe des Dionysischen kommen. Der berhmte Lobeck
zumal, der mit der ehrwrdigen Sicherheit eines zwischen Bchern
ausgetrockneten Wurms in diese Welt geheimnissvoller Zustnde
hineinkroch und sich berredete, damit wissenschaftlich zu sein, dass
er bis zum Ekel leichtfertig und kindisch war, - Lobeck hat mit allem
Aufwande von Gelehrsamkeit zu verstehn gegeben, eigentlich habe es mit
allen diesen Curiositten Nichts auf sich. In der That mchten die
Priester den Theilhabern an solchen Orgien einiges nicht Werthlose
mitgetheilt haben, zum Beispiel, dass der Wein zur Lust anrege, dass
der Mensch unter Umstnden von Frchten lebe, dass die Pflanzen im
Frhjahr aufblhn, im Herbst verwelken. Was jenen so befremdlichen
Reichthum an Riten, Symbolen und Mythen orgiastischen Ursprungs
angeht, von dem die antike Welt ganz wrtlich berwuchert ist, so
findet Lobeck an ihm einen Anlass, noch um einen Grad geistreicher zu
werden. "Die Griechen, sagt er Aglaophamus I, 672, hatten sie nichts
Anderes zu thun, so lachten, sprangen, rasten sie umher, oder, da der
Mensch mitunter auch dazu Lust hat, so sassen sie nieder, weinten und
jammerten. Andere kamen dann spter hinzu und suchten doch irgend
einen Grund fr das auffallende Wesen; und so entstanden zur Erklrung
jener Gebruche jene zahllosen Festsagen und Mythen. Auf der andren
Seite glaubte man, jenes possirliche Treiben, welches nun einmal an
den Festtagen stattfand, gehre auch nothwendig zur Festfeier, und
hielt es als einen unentbehrlichen Theil des Gottesdienstes fest." -
Das ist verchtliches Geschwtz, man wird einen Lobeck nicht einen
Augenblick ernst nehmen. Ganz anders berhrt es uns, wenn wir den
Begriff "griechisch" prfen, den Winckelmann und Goethe sich gebildet
haben, und ihn unvertrglich mit jenem Elemente finden, aus dem die
dionysische Kunst wchst, - mit dem Orgiasmus. Ich zweifle in der
That nicht daran, dass Goethe etwas Derartiges grundstzlich aus den
Mglichkeiten der griechischen Seele ausgeschlossen htte. Folglich
verstand Goethe die Griechen nicht. Denn erst in den dionysischen
Mysterien, in der Psychologie des dionysischen Zustands spricht sich
die Grundthatsache des hellenischen Instinkts aus - sein "Wille zum
Leben". Was verbrgte sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das
ewige Leben, die ewige Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der
Vergangenheit verheissen und geweiht; das triumphirende Ja zum Leben
ber Tod und Wandel hinaus; das wahre Leben als das Gesammt-Fortleben
durch die Zeugung, durch die Mysterien der Geschlechtlichkeit. Den
Griechen war deshalb das geschlechtliche Symbol das ehrwrdige Symbol
an sich, der eigentliche Tiefsinn innerhalb der ganzen antiken
Frmmigkeit. Alles Einzelne im Akte der Zeugung, der Schwangerschaft,
der Geburt erweckte die hchsten und feierlichsten Gefhle. In der
Mysterienlehre ist der Schmerz heilig gesprochen: die "Wehen der
Gebrerin" heiligen den Schmerz berhaupt, - alles Werden und Wachsen,
alles Zukunft-Verbrgende bedingt den Schmerz... Damit es die Lust des
Schaffens giebt, damit der Wille zum Leben sich ewig selbst bejaht,
muss es auch ewig die "Qual der Gebrerin" geben... Dies Alles
bedeutet das Wort Dionysos: ich kenne keine hhere Symbolik als diese
griechische Symbolik, die der Dionysien. In ihr ist der tiefste
Instinkt des Lebens, der zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des
Lebens, religis empfunden, - der Weg selbst zum Leben, die Zeugung,
als der heilige Weg... Erst das Christenthum, mit seinem Ressentiment
gegen das Leben auf dem Grunde, hat aus der Geschlechtlichkeit etwas
Unreines gemacht: es warf Koth auf den Anfang, auf die Voraussetzung
unseres Lebens...


5.

Die Psychologie des Orgiasmus als eines berstrmenden Lebens- und
Kraftgefhls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans
wirkt, gab mir den Schlssel zum Begriff des tragischen Gefhls,
das sowohl von Aristoteles als in Sonderheit von unsern Pessimisten
missverstanden worden ist. Die Tragdie ist so fern davon, Etwas fr
den Pessimismus der Hellenen im Sinne Schopenhauer's zu beweisen, dass
sie vielmehr als dessen entscheidende Ablehnung und Gegen-Instanz zu
gelten hat. Das ja sagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten
und hrtesten Problemen; der Wille zum Leben, im Opfer seiner hchsten
Typen der eignen Unerschpflichkeit frohwerdend - das nannte ich
dionysisch, das errieth ich als die Brcke zur Psychologie des
tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,
nicht um sich von einem gefhrlichen Affekt durch dessen vehemente
Entladung zu reinigen - so verstand es Aristoteles -: sondern um, ber
Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst zu
sein, - jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich
schliesst... Und damit berhre ich wieder die Stelle, von der ich
einstmals ausgieng - die "Geburt der Tragdie" war meine erste
Umwerthung aller Werthe: damit stelle ich mich wieder auf den Boden
zurck, aus dem mein Wollen, mein Knnen wchst - ich, der letzte
Jnger des Philosophen Dionysos, - ich, der Lehrer der ewigen
Wiederkunft...



Der Hammer redet.

Also sprach Zarathustra - 3, 90.

"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Kchen-Kohle: sind
wir denn nicht Nah-Verwandte?"

Warum so weich? Oh meine Brder, also frage ich euch: seid ihr denn
nicht - meine Brder?

Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel
Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? so wenig Schicksal in eurem
Blicke?

Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie knntet ihr
einst mit mir - siegen?

Und wenn eure Hrte nicht blitzen und schneiden und zerschneiden will:
wie knntet ihr einst mit mir - schaffen?

Alle Schaffenden nmlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dnken,
eure Hand auf Jahrtausende zu drcken wie auf Wachs, -

- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf
Erz, - hrter als Erz, edler als Erz. Ganz hart allein ist das
Edelste.

Diese neue Tafel, oh meine Brder, stelle ich ber euch: werdet
hart! - -




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