Project Gutenberg's Also Sprach Zarathustra, by Friedrich Wilhelm Nietzsche

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Title: Also Sprach Zarathustra

Author: Friedrich Wilhelm Nietzsche

Posting Date: August 5, 2011 [EBook #7205]
Release Date: January, 2005
[This file was first posted on March 26, 2003]
[Last updated: December 21, 2014]

Language: German

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Friedrich Nietzsche

Also sprach Zarathustra

Ein Buch fr Alle und Keinen




Inhaltsverzeichnis

  Erster Theil
      Zarathustra's Vorrede
    Die Reden Zarathustra's
      Von den drei Verwandlungen
      Von den Lehrsthlen der Tugend
      Von den Hinterweltlern
      Von den Verchtern des Leibes
      Von den Freuden- und Leidenschaften
      Vom bleichen Verbrecher
      Vom Lesen und Schreiben
      Vom Baum am Berge
      Von den Predigern des Todes
      Vom Krieg und Kriegsvolke
      Vom neuen Gtzen
      Von den Fliegen des Marktes
      Von der Keuschheit
      Vom Freunde
      Von tausend und Einem Ziele
      Von der Nchstenliebe
      Vom Wege des Schaffenden
      Von alten und jungen Weiblein
      Vom Biss der Natter
      Von Kind und Ehe
      Vom freien Tode
      Von der schenkenden Tugend
  Zweiter Theil
      Das Kind mit dem Spiegel
      Auf den glckseligen Inseln
      Von den Mitleidigen
      Von den Priestern
      Von den Tugendhaften
      Vom Gesindel
      Von den Taranteln
      Von den berhmten Weisen
      Das Nachtlied
      Das Tanzlied
      Das Grablied
      Von der Selbst-berwindung
      Von den Erhabenen
      Vom Lande der Bildung
      Von der unbefleckten Erkenntniss
      Von den Gelehrten
      Von den Dichtern
      Von grossen Ereignissen
      Der Wahrsager
      Von der Erlsing
      Von der Menschen-Klugheit
      Die stillste Stunde
  Dritter Theil
      Der Wanderer
      Vom Gesicht und Rthsel
      Von der Seligkeit wider Willen
      Vor Sonnen-Aufgang
      Von der verkleinernden Tugend
      Auf dem lberge
      Vom Vorbergehen
      Von den Abtrnnigen
      Die Heimkehr
      Von den drei Bsen
      Vom Geist der Schwere
      Von alten und neuen Tafeln
      Der Genesende
      Von der grossen Sehnsucht
      Das andere Tanzlied
      Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
  Vierter und letzter Theil
     Das Honig-Opfer
     Der Nothschrei
     Gesprch mit den Knigen
     Der Blutegel
     Der Zauberer
     Ausser Dienst
     Der hsslichste Mensch
     Der freiwillige Bettler
     Der Schatten
     Mittags
     Die Begrssung
     Das Abendmahl
     Vom hheren Menschen
     Das Lied der Schwermuth
     Von der Wissenschaft
     Unter Tchtern der Wste
     Die Erweckung
     Das Eselsfest
     Das Nachtwandler-Lied
     Das Zeichen




Erster Theil

Zarathustra's Vorrede.

1.

Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und
den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines
Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht mde.
Endlich aber verwandelte sich sein Herz, - und eines Morgens stand
er mit der Morgenrthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr
also:

"Du grosses Gestirn! Was wre dein Glck, wenn du nicht Die httest,
welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Hhle: du wrdest deines
Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler
und meine Schlange.

Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen berfluss
ab und segneten dich dafr.

Siehe! Ich bin meiner Weisheit berdrssig, wie die Biene, die
des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hnde, die sich
ausstrecken.

Ich mchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den
Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres
Reichthums froh geworden sind.

Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn
du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du
berreiches Gestirn!

Ich muss, gleich dir, _untergehen_, wie die Menschen es nennen, zu
denen ich hinab will.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein
allzugrosses Glck sehen kann!

Segne den Becher, welcher berfliessen will, dass das Wasser golden aus
ihm fliesse und berallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will
wieder Mensch werden."

- Also begann Zarathustra's Untergang.


2.

Zarathustra stieg allein das Gebirge abwrts und Niemand begegnete
ihm. Als er aber in die Wlder kam, stand auf einmal ein Greis vor
ihm, der seine heilige Htte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu
suchen. Und also sprach der Greis zu Zarathustra:

Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchem Jahre gieng er hier
vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals
trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die
Thler tragen? Frchtest du nicht des Brandstifters Strafen?

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde
birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tnzer?

Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter
ist Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?

Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich.
Wehe, du willst an's Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder
selber schleppen?

Zarathustra antwortete: "Ich liebe die Menschen."

Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einde?
War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?

Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir
eine zu unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen wrde mich umbringen.

Zarathustra antwortete: "Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den
Menschen ein Geschenk."

Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und
trage es mit ihnen - das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur
wohlthut!

Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und
lass sie noch darum betteln!

"Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich
nicht arm genug."

Der Heilige lachte ber Zarathustra und sprach also: So sieh zu, dass
sie deine Schtze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die Einsiedler
und glauben nicht, dass wir kommen, um zu schenken.

Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn
sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hren, lange bevor die
Sonne aufsteht, so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?

Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu
den Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, - ein Br unter
Bren, ein Vogel unter Vgeln?

"Und was macht der Heilige im Walde?" fragte Zarathustra.

Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich
Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.

Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein
Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?

Als Zarathustra diese Worte gehrt hatte, grsste er den Heiligen und
sprach: "Was htte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon,
dass ich euch Nichts nehme!" - Und so trennten sie sich von einander,
der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.

Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen:
"Sollte es denn mglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde
noch Nichts davon gehrt, dass _Gott todt_ ist!" -


3.

Als Zarathustra in die Nchste Stadt kam, die an den Wldern liegt,
fand er daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es
war verheissen worden, das man einen Seiltnzer sehen solle. Und
Zarathustra sprach also zum Volke:

Ich lehre euch den bermenschen. Der Mensch ist Etwas, das berwunden
werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu berwinden?

"Alle Wesen bisher schufen etwas ber sich hinaus: und ihr wollt die
Ebbe dieser groen Flut sein und lieber noch zum Tiere zurckgehen, als
den Menschen zu berwinden?"

Was ist der Affe fr den Menschen? Ein Gelchter oder eine
schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch fr den bermenschen
sein: ein Gelchter oder eine schmerzliche Scham.

Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in
euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch
mehr Affe, als irgend ein Affe.

Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt
und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu
Gespenstern oder Pflanzen werden?

Seht, ich lehre euch den bermenschen!

Der bermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der bermensch
_sei_ der Sinn der Erde!

Ich beschwre euch, meine Brder, _bleibt der Erde treu_ und glaubt
Denen nicht, welche euch von berirdischen Hoffnungen reden!
Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.

Verchter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren
die Erde mde ist: so mgen sie dahinfahren!

Einst war der Frevel an Gott der grsste Frevel, aber Gott starb, und
damit auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das
Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen hher zu achten,
als der Sinn der Erde!

Einst blickte die Seele verchtlich auf den Leib: und damals war diese
Verachtung das Hchste: - sie wollte ihn mager, grsslich, verhungert.
So dachte sie ihm und der Erde zu entschlpfen.

Oh diese Seele war selbst noch mager, grsslich und verhungert: und
Grausamkeit war die Wollust dieser Seele!

Aber auch ihr noch, meine Brder, sprecht mir: was kndet euer Leib
von eurer Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein
erbrmliches Behagen?

Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein
Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu knnen, ohne unrein
zu werden.

Seht, ich lehre euch den bermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann
eure grosse Verachtung untergehn.

Was ist das Grsste, das ihr erleben knnt? Das ist die Stunde der
grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glck zum Ekel
wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend.

Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Glcke! Es ist Armuth
und Schmutz, und ein erbrmliches Behagen. Aber mein Glck sollte das
Dasein selber rechtfertigen!"

Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie
nach Wissen wie der Lwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und
Schmutz und ein erbrmliches Behagen!"

Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie
mich nicht rasen gemacht. Wie mde bin ich meines Guten und meines
Bsen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbrmliches Behagen!"

Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe
nicht, dass ich Gluth und Kohle wre. Aber der Gerechte ist Gluth und
Kohle!"

Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht
Mitleid das Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt?
Aber mein Mitleiden ist keine Kreuzigung."

Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon
so schreien gehrt hatte!

Nicht eure Snde - eure Gengsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz
selbst in eurer Snde schreit gen Himmel!

Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der
Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden msstet?

Seht, ich lehre euch den bermenschen: der ist dieser Blitz, der ist
dieser Wahnsinn! -

Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: "Wir
hrten nun genug von dem Seiltnzer; nun lasst uns ihn auch sehen!"
Und alles Volk lachte ber Zarathustra. Der Seiltnzer aber, welcher
glaubte, dass das Wort ihm glte, machte sich an sein Werk.


4.

Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er
also:

Der Mensch ist ein Seil, geknpft zwischen Thier und bermensch, - ein
Seil ber einem Abgrunde.

Ein gefhrliches Hinber, ein gefhrliches Auf-dem-Wege, ein
gefhrliches Zurckblicken, ein gefhrliches Schaudern und
Stehenbleiben.

Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brcke und kein
Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein
_bergang_ und ein _Untergang_ ist.

Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als
Untergehende, denn es sind die Hinbergehenden.

Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden
sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.

Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund
suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde
opfern, dass die Erde einst der bermenschen werde.

Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen
will, damit einst der bermensch lebe. Und so will er seinen
Untergang.

Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem bermenschen
das Haus baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so
will er seinen Untergang.

Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum
Untergang und ein Pfeil der Sehnsucht.

Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist fr sich
zurckbehlt, sondern ganz der Geist seiner Tugend sein will: so
schreitet er als Geist ber die Brcke.

Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein
Verhngniss macht: so will er um seiner Tugend willen noch leben und
nicht mehr leben.

Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend
ist mehr Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das
Verhngniss hngt.

Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben
will und nicht zurckgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht
bewahren.

Ich liebe Den, welcher sich schmt, wenn der Wrfel zu seinem Glcke
fllt und der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? - denn er
will zu Grunde gehen.

Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft
und immer noch mehr hlt, als er verspricht: denn er will seinen
Untergang.

Ich liebe Den, welcher die Zuknftigen rechtfertigt und die
Vergangenen erlst: denn er will an den Gegenwrtigen zu Grunde gehen.

Ich liebe Den, welcher seinen Gott zchtigt, weil er seinen Gott
liebt: denn er muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.

Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der
an einem kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne
ber die Brcke.

Ich liebe Den, dessen Seele bervoll ist, so dass er sich selber
vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein
Untergang.

Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein
Kopf nur das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum
Untergang.

Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus
der dunklen Wolke, die ber den Menschen hngt: sie verkndigen, dass
der Blitz kommt, und gehn als Verkndiger zu Grunde.

Seht, ich bin ein Verkndiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus
der Wolke: dieser Blitz aber heisst bermensch. -


5.

Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk
an und schwieg. "Da stehen sie", sprach er zu seinem Herzen, "da
lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund fr diese
Ohren.

Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den
Augen hren. Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder
glauben sie nur dem Stammelnden?

Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was
sie stolz macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den
Ziegenhirten.

Drum hren sie ungern von sich das Wort `Verachtung`. So will ich denn
zu ihrem Stolze reden.

So will ich ihnen vom Verchtlichsten sprechen: das aber ist
_der_letzte_Mensch_."

Und also sprach Zarathustra zum Volke:

Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an
der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner hchsten Hoffnung pflanze.

Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm
und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen knnen.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner
Sehnsucht ber den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens
verlernt hat, zu schwirren!

Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden
Stern gebren zu knnen. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebren wird.
Wehe! Es kommt die Weit des verchtlichsten Menschen, der sich selber
nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch _den_letzten_Menschen_.

"Was ist Liebe? Was ist Schpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern" -
so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hpft der letzte Mensch,
der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der
Erdfloh; der letzte Mensch lebt am lngsten.

"Wir haben das Glck erfunden" - sagen die letzten Menschen und
blinzeln.

Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man
braucht Wrme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn
man braucht Wrme.

Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sndhaft: man geht achtsam
einher. Ein Thor, der noch ber Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Trume. Und viel Gift
zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt
dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer
will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich:
wer anders fhlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.

"Ehemals war alle Welt irre" - sagen die Feinsten und blinzeln.

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende
zu spotten. Man zankt sich noch, aber man vershnt sich bald - sonst
verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lstchen fr den Tag und sein Lstchen fr die Nacht:
aber man ehrt die Gesundheit.

"Wir haben das Glck erfunden" - sagen die letzten Menschen und
blinzeln -

Und hier endete die erste Rede Zarathustra's, welche man auch "die
Vorrede" heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und
die Lust der Menge. "Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra,
- so riefen sie - mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken
wir dir den bermenschen!" Und alles Volk jubelte und schnalzte mit
der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen:

Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund fr diese Ohren.

Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bche und
Bume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.

Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber
sie meinen, ich sei kalt und ein Sptter in furchtbaren Spssen.

Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen
sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.


6.

Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr
machte. Inzwischen nmlich hatte der Seiltnzer sein Werk begonnen:
er war aus einer kleiner Thr hinausgetreten und gieng ber das Seil,
welches zwischen zwei Thrmen gespannt war, also, dass es ber dem
Markte und dem Volke hieng. Als er eben in der Mitte seines Weges war,
ffnete sich die kleine Thr noch einmal, und ein bunter Gesell, einem
Possenreisser gleich, sprang heraus und gieng mit schnellen Schritten
dem Ersten nach. "Vorwrts, Lahmfuss, rief seine frchterliche Stimme,
vorwrts Faulthier, Schleichhndler, Bleichgesicht! Dass ich dich
nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thrmen?
In den Thurm gehrst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern,
als du bist, sperrst du die freie Bahn!" - Und mit jedem Worte kam er
ihm nher und nher: als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm
war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes
Auge starr machte: - er stiess ein Geschrei aus wie ein Teufel und
sprang ber Den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so
seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er
warf seine Stange weg und schoss schneller als diese, wie ein Wirbel
von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich
dem Meere, wenn der Sturm hineinfhrt: Alles floh aus einander und
bereinander, und am meisten dort, wo der Krper niederschlagen
musste.

Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Krper
hin, bel zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer
Weile kam dem Zerschmetterten das Bewusstsein zurck, und er sah
Zarathustra neben sich knieen. "Was machst du da? sagte er endlich,
ich wusste es lange, dass mir der Teufel ein Bein stellen werde. Nun
schleppt er mich zur Hlle: willst du's ihm wehren?"

"Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles
nicht, wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hlle.
Deine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: frchte nun
Nichts mehr!"

Der Mann blickte misstrauisch auf. "Wenn du die Wahrheit sprichst,
sagte er dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere.
Ich bin nicht viel mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat,
durch Schlge und schmale Bissen."

"Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf
gemacht, daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf
zu Grunde: dafr will ich dich mit meinen Hnden begraben."

Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht
mehr; aber er bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra's
zum Danke suche. -


7.

Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da
verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrecken werden
mde. Zarathustra aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in
Gedanken versunken: so vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es
Nacht, und ein kalter Wind blies ber den Einsamen. Da erhob sich
Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:

Wahrlich, einen schnen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen
Menschen fieng er, wohl aber einen Leichnam.

Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein
Possenreisser kann ihm zum Verhngniss werden.

Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der
bermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.

Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren
Sinnen. Eine Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und
einem Leichnam.

Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra's. Komm, du
kalter und steifer Gefhrte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit
meinen Hnden begrabe.


8.

Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den
Leichnam auf seinem Rcken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht
war er hundert Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran
und flsterte ihm in's Ohr - und siehe! Der, welcher redete, war der
Possenreisser vom Thurme. "Geh weg von dieser Stadt, oh Zarathustra,
sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es hassen dich die Guten und
Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und Verchter; es hassen
dich die Glubigen des rechten Glaubens, und sie nennen dich die
Gefahr der Menge. Dein Glck war es, dass man ber dich lachte: und
wahrlich, du redetest gleich einem Possenreisser. Dein Glck war
es, dass du dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so
erniedrigtest, hast du dich selber fr heute errettet. Geh aber fort
aus dieser Stadt - oder morgen springe ich ber dich hinweg, ein
Lebendiger ber einen Todten." Und als er diess gesagt hatte,
verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen
Gassen.

Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengrber: sie leuchteten
ihm mit der Fackel in's Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten
sehr ber ihn. "Zarathustra trgt den todten Hund davon: brav, dass
Zarathustra zum Todtengrber wurde! Denn unsere Hnde sind zu reinlich
fr diesen Braten. Will Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen
stehlen? Nun wohlan! Und gut Glck zur Mahlzeit! Wenn nur nicht der
Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! - er stiehlt die Beide,
er frisst sie Beide!" Und sie lachten mit einander und steckten die
Kpfe zusammen.

Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei
Stunden gegangen war, an Wldern und Smpfen vorbei, da hatte er zu
viel das hungrige Geheul der Wlfe gehrt, und ihm selber kam der
Hunger. So blieb er an einem einsamen Hause stehn, in dem ein Licht
brannte.

Der Hunger berfllt mich, sagte Zarathustra, wie ein Ruber. In
Wldern und Smpfen berfllt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.

Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der
Mahlzeit, und heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?

Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann
erschien; er trug das Licht und fragte: "Wer kommt zu mir und zu
meinem schlimmen Schlafe?"

"Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen
und zu trinken, ich vergass es am Tage. Der, welcher den Hungrigen
speiset, erquickt seine eigene Seele: so spricht die Weisheit."

Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurck und bot Zarathustra Brod
und Wein. "Eine bse Gegend ist's fr Hungernde, sagte er; darum wohne
ich hier. Thier und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heisse
auch deinen Gefhrten essen und trinken, er ist mder als du."
Zarathustra antwortete: "Todt ist mein Gefhrte, ich werde ihn
schwerlich dazu berreden." "Das geht mich Nichts an, sagte der Alte
mrrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was ich ihm
biete. Esst und gehabt euch wohl!" -

Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege
und dem Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgnger und
liebte es, allem Schlafenden in's Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen
graute, fand sich Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg
zeigte sich ihm mehr. Da legte er den Todten in einen hohlen Baum sich
zu Hupten - denn er wollte ihn vor den Wlfen schtzen - und sich
selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald schlief er ein, mden
Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.


9.

Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenrthe gieng ber
sein Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge
sich auf: verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille,
verwundert sah er in sich hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein
Seefahrer, der mit Einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah
eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen:

Ein Licht gieng mir auf: Gefhrten brauche ich und lebendige, - nicht
todte Gefhrten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.

Sondern lebendige Gefhrten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich
selber folgen wollen - und dorthin, wo ich will.

Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu
Gefhrten! Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden!

Viele wegzulocken von der Heerde - dazu kam ich. Zrnen soll mir Volk
und Heerde: Ruber will Zarathustra den Hirten heissen.

Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten
sage ich: aber sie nennen sich die Glubigen des rechten Glaubens.

Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der
zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das
aber ist der Schaffende.

Siehe die Glubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der
zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das
aber ist der Schaffende.

Gefhrten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht
Heerden und Glubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die,
welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben.

Gefhrten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei
ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er
hren aus und ist rgerlich.

Gefhrten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen
wissen. Vernichter wird man sie heissen und Verchter des Guten und
Bsen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden.

Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht
Zarathustra: was hat er mit Heerden und Hirten und Leichnamen zu
schaffen!

Und du, mein erster Gefhrte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in
deinem hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wlfen.

Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenrthe und
Morgenrthe kam mir eine neue Wahrheit.

Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengrber. Nicht reden einmal will
ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.

Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich
zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen
des bermenschen.

Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und
wer noch Ohren hat fr Unerhrtes, dem will ich sein Herz schwer
machen mit meinem Glcke.

Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; ber die Zgernden
und Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr
Untergang!


10.

Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im
Mittag stand: da blickte er fragend in die Hhe - denn er hrte ber
sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten
Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer
Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen
Hals geringelt.

"Es sind meine Thiere!" sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.

"Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klgste Thier unter der
Sonne - sie sind ausgezogen auf Kundschaft.

Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich
noch?

Gefhrlicher fand ich's unter Menschen als unter Thieren, gefhrlicher
Wege geht Zarathustra. Mgen mich meine Thiere fhren!"

Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen
im Walde, seufzte und sprach also zu seinem Herzen:

Mchte ich klger sein! Mchte ich klug von Grund aus sein, gleich
meiner Schlange!

Aber Unmgliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er
immer mit meiner Klugheit gehe!

Und wenn mich einst meine Klugheit verlsst: - ach, sie liebt es,
davonzufliegen! - mge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit
fliegen!

- Also begann Zarathustra's Untergang.



Die Reden Zarathustra's

Von den drei Verwandlungen

Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum
Kamele wird, und zum Lwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der
Lwe.

Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem
Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine
Strke.

Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem
Kameele gleich, und will gut beladen sein.

Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass
ich es auf mich nehme und meiner Strke froh werde.

Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun?
Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg
feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?

Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nhren und
um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?

Oder ist es das: krank sein und die Trster heimschicken und mit
Tauben Freundschaft schliessen, die niemals hren, was du willst?

Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser
der Wahrheit ist, und kalte Frsche und heisse Krten nicht von sich
weisen?

Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die
Hand reichen, wenn es uns frchten machen will?

Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele
gleich, das beladen in die Wste eilt, also eilt er in seine Wste.

Aber in der einsamsten Wste geschieht die zweite Verwandlung: zum
Lwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr
sein in seiner eignen Wste.

Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und
seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.

Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott
heissen mag? "Du-sollst" heisst der grosse Drache. Aber der Geist des
Lwen sagt "Ich will".

"Du-sollst" liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und
auf jeder Schuppe glnzt golden "Du-sollst!"

Tausendjhrige Werthe glnzen an diesen Schuppen, und also spricht der
mchtigste aller Drachen "aller Werth der Dinge - der glnzt an mir."

"Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth - das
bin ich. Wahrlich, es soll kein `Ich will` mehr geben!" Also spricht
der Drache.

Meine Brder, wozu bedarf es des Lwen im Geiste? Was gengt nicht das
lastbare Thier, das entsagt und ehrfrchtig ist?

Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Lwe noch nicht: aber
Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des
Lwen.

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht:
dazu, meine Brder bedarf es des Lwen.

Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das furchtbarste Nehmen
fr einen tragsamen und ehrfrchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist
es ihm und eines raubenden Thieres Sache.

Als sein Heiligstes liebte er einst das "Du-sollst": nun muss er Wahn
und Willkr auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit
raube von seiner Liebe: des Lwen bedarf es zu diesem Raube.

Aber sagt, meine Brder, was vermag noch das Kind, das auch der Lwe
nicht vermochte? Was muss der raubende Lwe auch noch zum Kinde
werden?

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein
aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.

Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brder, bedarf es eines heiligen
Ja-sagens: _seinen_ Willen will nun der Geist, _seine_ Welt gewinnt
sich der Weltverlorene.

Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum
Kameele ward, und zum Lwen das Kameel, und der Lwe zuletzt zum
Kinde. --

Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche
genannt wird: die bunte Kuh.



Von den Lehrsthlen der Tugend

Man rhmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der
Tugend zu reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafr, und
alle Jnglinge sssen vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra,
und mit allen Jnglingen sass er vor seinem Lehrstuhle. Und also
sprach der Weise:

Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem
Wege gehn, die schlecht schlafen und Nachts wachen!

Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich
leise durch die Nacht. Schamlos aber ist der Wchter der Nacht,
schamlos trgt er sein Horn.

Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag
darauf hin zu wachen.

Zehn Mal musst du des Tages dich selber berwinden: das macht eine
gute Mdigkeit und ist Mohn der Seele.

Zehn Mal musst du dich wieder dir selber vershnen; denn berwindung
ist Bitterniss, und schlecht schlft der Unvershnte.

Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des
Nachts nach Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.

Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst strt dich der
Magen in der Nacht, dieser Vater der Trbsal.

Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu
schlafen. Werde ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?

Werde ich mich gelsten lassen meines Nchsten Magd? Das Alles
vertrge sich schlecht mit gutem Schlafe.

Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins
verstehn: selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.

Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und
ber dich, du Unglckseliger!

Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und
Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des
Nachts um.

Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So
will es der gute Schlaf. Was kann ich dafr, dass die Macht gerne auf
krummen Beinen Wandelt?

Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die
grnste Aue fhrt: so vertrgt es sich mit dem gutem Schlafe.

Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schtze: das entzndet die
Milz. Aber schlecht schlft es sich ohne einen guten Namen und einen
kleinen Schatz.

Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine bse: doch muss
sie gehn und kommen zur rechten Zeit. So vertrgt es sich mit gutem
Schlafe.

Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie frdern den Schlaf.
Selig sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.

Also luft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hte
ich mich wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der
Schlaf, der der Herr der Tugenden ist!

Sondern ich denke, was ich des Tages gethan und gedacht. Wiederkuend
frage ich mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine
zehn berwindungen?

Und welches waren die zehn Vershnungen und die zehn Wahrheiten und
die zehn Gelchter, mit denen sich mein Herz gtlich that?

Solcherlei erwgend und gewiegt von vierzig Gedanken, berfllt mich
auf einmal der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.

Der Schlaf klopft mir auf meine Auge: da wird es schwer. Der Schlaf
berhrt mir den Mund: da bleibt er offen.

Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und
stiehlt mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.

Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. -

Als Zarathustra den Weisen also sprechen hrte, lachte er bei sich im
Herzen: denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er
zu seinem Herzen:

Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich
glaube, dass er sich wohl auf das Schlafen versteht.

Glcklich schon, wer in der Nhe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf
steckt an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.

Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens
sassen die Jnglinge vor dem Prediger der Tugend.

Seine Weisheit heisst: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, htte
das Leben keinen Sinn und msste ich Unsinn whlen, so wre auch mir
diess der whlenswrdigste Unsinn.

Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor Allem suchte, wenn man
Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige
Tugenden dazu!

Allen diesen gelobten Weisen der Lehrsthle war Weisheit der Schlaf
ohne Trume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.

Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend,
und nicht immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr
lange stehen sie noch: da liegen sie schon.

Selig sind diese Schlfrigen: denn sie sollen bald einnicken. -

Also sprach Zarathustra.



Von den Hinterweltlern

Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich
allen Hinterweltlern. Eines leidenden und zerqulten Gottes Werk
schien mir da die Welt.

Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch
vor den Augen eines gttlich Unzufriednen.

Gut und bse und Lust und Leid und Ich und Du - farbiger Rauch dnkte
mich's vor schpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schpfer von sich,
- da schuf er die Welt.

Trunkne Lust ist's dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich
zu verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dnkte mich einst
die Welt.

Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild
und unvollkommnes Abbild - eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen
Schpfer: - also dnkte mich einst die Welt.

Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich
allen Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?

Ach, ihr Brder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und
-Wahnsinn, gleich allen Gttern!

Mensch war er, und nur ein armes Stck Mensch und Ich: aus der eigenen
Asche und Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam
es mir von Jenseits!

Was geschah, meine Brder? Ich berwand mich, den Leidenden, ich trug
meine eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und
siehe! Da _wich_ das Gespenst von mir!

Leiden wre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu
glauben: Leiden wre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu
den Hinterweltlern.

Leiden war's und Unvermgen - das schuf alle Hinterwelten; und jener
kurze Wahnsinn des Glcks, den nur der Leidendste erfhrt.

Mdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem
Todessprunge, eine arme unwissende Mdigkeit, die nicht einmal mehr
wollen will: die schuf alle Gtter und Hinterwelten.

Glaubt es mir, meine Brder! Der Leib war's, der am Leibe
verzweifelte, - der tastete mit den Fingern des bethrten Geistes an
die letzten Wnde.

Glaubt es mir, meine Brder! Der Leib war's, der an der Erde
verzweifelte, - der hrte den Bauch des Seins zu sich reden.

Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wnde, und nicht nur
mit dem Kopfe, - hinber zu "jener Welt".

Aber "jene Welt" ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte
unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des
Seins redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.

Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu
bringen. Sagt mir, ihr Brder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge
noch am besten bewiesen?

Ja, diess Ich und des Ich's Widerspruch und Wirrsal redet noch am
redlichsten von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende
Ich, welches das Maass und der Werth der Dinge ist.

Und diess redlichste Sein, das Ich - das redet vom Leibe, und es will
noch den Leib, selbst wenn es dichtet und schwrmt und mit zerbrochnen
Flgeln flattert.

Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so
mehr findet es Worte und Ehren fr Leib und Erde.

Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen:
- nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken,
sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn
schafft!

Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den
blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von
ihm bei Seite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!

Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und
erfanden das Himmlische und die erlsenden Blutstropfen: aber auch
noch diese sssen und dstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!

Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu
weit. Da seufzten sie: "Oh dass es doch himmlische Wege gbe, sich in
ein andres Sein und Glck zu schleichen!" - da erfanden sie sich ihre
Schliche und blutigen Trnklein!

Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrckt whnten sie sich, diese
Undankbaren. Doch wem dankten sie ihrer Entrckung Krampf und Wonne?
Ihrem Leibe und dieser Erde.

Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zrnt nicht ihren
Arten des Trostes und Undanks. Mgen sie Genesende werden und
berwindende und einen hheren Leib sich schaffen!

Nicht auch zrnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zrtlich nach
seinem Wahne blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes
schleicht: aber Krankheit und kranker Leib bleiben mir auch seine
Thrnen noch.

Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und
gottschtig sind; wthend hassen sie den Erkennenden und jene jngste
der Tugenden, welche heisst: Redlichkeit.

Rckwrts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn
und Glaube ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gotthnlichkeit,
und Zweifel Snde.

Allzugut kenne ich diese Gotthnlichen: sie wollen, dass an sie
geglaubt werde, und Zweifel Snde sei. Allzugut weiss ich auch, woran
sie selber am besten glauben.

Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlsende Blutstropfen: sondern an
den Leib glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen
ihr Ding an sich.

Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne mchten sie aus
der Haut fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und
predigen selber Hinterwelten.

Hrt mir lieber, meine Brder, auf die Stimme des gesunden Leibes:
eine redlichere und reinere Simme ist diess.

Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und
rechtwinklige: und er redet vom Sinn der Erde.

Also sprach Zarathustra.



Von den Verchtern des Leibes

Den Verchtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und
umlehren sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen
- und also stumm werden.

"Leib bin ich und Seele" - so redet das Kind. Und warum sollte man
nicht wie die Kinder reden?

Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und
Nichts ausserdem; und Seele ist nur ein Wort fr ein Etwas am Leibe.

Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein
Krieg und ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.

Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder,
die du "Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen
Vernunft.

"Ich" sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grssere ist,
woran du nicht glauben willst, - dein Leib und seine grosse Vernunft:
die sagt nicht Ich, aber thut Ich.

Was der Sinn fhlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich
sein Ende. Aber Sinn und Geist mchten dich berreden, sie seien aller
Dinge Ende: so eitel sind sie.

Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das
Selbst. Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch
mit den Ohren des Geistes.

Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert,
zerstrt. Es herrscht und ist auch des Ich's Beherrscher.

Hinter deinen Gedanken und Gefhlen, mein Bruder, steht ein mchtiger
Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heisst Selbst. In deinem Leibe
wohnt er, dein Leib ist er.

Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.
Und wer weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nthig
hat?

Dein Selbst lacht ber dein Ich und seine stolzen Sprnge. "Was sind
mir diese Sprnge und Flge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg
zu meinem Zwecke. Ich bin das Gngelband des Ich's und der Einblser
seiner Begriffe."

Das Selbst sagt zum Ich: "hier fhle Schmerz!" Und da leidet es und
denkt nach, wie es nicht mehr leide - und dazu eben _soll_ es denken.

Das Selbst sagt zum Ich: "hier fhle Lust!" Da freut es sich und denkt
nach, wie es noch oft sich freue - und dazu eben _soll_ es denken.

Den Verchtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Dass sie verachten,
das macht ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Werth
und Willen schuf?

Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich
Lust und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand
seines Willens.

Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verchter des Leibes, dient
ihr eurem Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und
kehrt sich vom Leben ab.

Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten wilI: - ber sich hinaus
zu schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.

Aber zu spt ward es ihm jetzt dafr: - so will euer Selbst untergehn,
ihr Verchter des Leibes.

Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verchtern des
Leibes! Denn nicht mehr vermgt ihr ber euch hinaus zu schaffen.

Und darum zrnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewusster Neid
ist im scheelen Blick eurer Verachtung.

Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verchter des Leibes! Ihr seid mir keine
Brcken zum bermenschen! -

Also sprach Zarathustra.



Von den Freuden- und Leidenschaften

Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
hast du sie mit Niemandem gemeinsam.

Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie
am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.

Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist
Volk und Heerde geworden mit deiner Tugend!

Besser thtest du, zu sagen: "unaussprechbar ist und namenlos, was
meiner Seele Qual und Ssse macht und auch noch der Hunger meiner
Eingeweide ist."

Deine Tugend sei zu hoch fr die Vertraulichkeit der Namen: und musst
du von ihr reden, so schme dich nicht, von ihr zu stammeln.

So sprich und stammle: "Das ist _mein_ Gutes, das liebe ich, so
gefllt es mir ganz, so allein will ich das Gute.

Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als
eine Menschen-Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir fr
ber-Erden und Paradiese.

Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin
und am wenigsten die Vernunft Aller.

Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
ich ihn, - nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern."

So sollst du stammeln und deine Tugend loben.

Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie bse. Aber jetzt hast
du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.

Du legtest dein hchstes Ziel diesen Leidenschaften an's Herz: da
wurden sie deine Tugenden und Freudenschaften.

Und ob du aus dem Geschlechte der Jhzornigen wrest oder aus dem der
Wollstigen oder der Glaubens-Wthigen oder der Rachschtigen:

Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
Teufel zu Engeln.

Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende
verwandelten sie sich zu Vgeln und lieblichen Sngerinnen.

Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trbsal
melktest du, - nun trinkst du die ssse Milch ihres Euters.

Und nichts Bses wchst mehr frderhin aus dir, es sei denn das Bse,
das aus dem Kampfe deiner Tugenden wchst.

Mein Bruder, wenn du Glck hast, so hast du Eine Tugend und nicht
mehr: so gehst du leichter ber die Brcke.

Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos;
und Mancher gieng in die Wste und tdtete sich, weil er mde war,
Schlacht und Schlachtfeld von Tugenden zu sein.

Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht bse? Aber nothwendig ist diess
Bse, nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung
unter deinen Tugenden.

Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Hchsten: sie
will deinen ganzen Geist, dass er _ihr_ Herold sei, sie will deine
ganze Kraft in Zorn, Hass und Liebe.

Eiferschtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding
ist Eifersucht. Auch Tugenden knnen an der Eifersucht zu Grunde gehn.

Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem
Scorpione, gegen sich selber den vergifteten Stachel.

Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden
und erstechen?

Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss: und darum sollst du
deine Tugenden lieben, - denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn. -

Also sprach Zarathustra.



Vom bleichen Verbrecher

Ihr wollt nicht tdten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht
genickt hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge
redet die grosse Verachtung.

"Mein Ich ist Etwas, das berwunden werden soll: mein Ich ist mir die
grosse Verachtung des Menschen": so redet es aus diesem Auge.

Dass er sich selber richtete, war sein hchster Augenblick: lasst den
Erhabenen nicht wieder zurck in sein Niederes!

Es giebt keine Erlsung fr Den, der so an sich selber leidet, es sei
denn der schnelle Tod.

Euer Tdten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und
indem ihr tdtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!

Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem vershnt, den ihr tdtet.
Eure Traurigkeit sei Liebe zum bermenschen: so rechtfertigt ihr euer
Noch-Leben!

"Feind" sollt ihr sagen, aber nicht "Bsewicht"; "Kranker" sollt
ihr sagen, aber nicht "Schuft"; "Thor" sollt ihr sagen, aber nicht
"Snder".

Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles
schon in Gedanken gethan hast: so wrde Jedermann schreien: "Weg mit
diesem Unflath und Giftwurm!"

Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes
das Bild der That. Das Rad des Grundes rollt nicht zwischen ihnen.

Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwchsig war er
seiner That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie
gethan war.

Immer sah er sich nun als Einer That Thter. Wahnsinn heisse ich
diess: die Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.

Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er fhrte, bannte seine
arme Vernunft - den Wahnsinn _nach_ der That heisse ich diess.

Hrt, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist
vor der That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!

So spricht der rothe Richter: "was mordete doch dieser Verbrecher? Er
wollte rauben." Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht
Raub: er drstete nach dem Glck des Messers!

Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und berredete
ihn. "Was liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum Mindesten
einen Raub dabei machen? Eine Rache nehmen?"

Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf
ihm, - da raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines
Wahnsinns schmen.

Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist
seine arme Vernunft so steif, so gelhmt, so schwer.

Wenn er nur den Kopf schtteln knnte, so wrde seine Last
herabrollen: aber wer schttelt diesen Kopf?

Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den
Geist in die Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.

Was ist dieser Mensch? Ein Knuel wilder Schlangen, welche selten bei
einander Ruhe haben, - da gehn sie fr sich fort und suchen Beute in
der Welt.

Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich
diese arme Seele, - sie deutete es als mrderische Lust und Gier nach
dem Glck des Messers.

Wer jetzt krank wird, den berfllt das Bse, das jetzt bse ist: wehe
will er thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und
ein andres Bses und Gutes.

Einst war der Zweifel bse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der
Kranke zum Ketzer und zur Hexe: als Ketzer und Hexe litt er und wollte
leiden machen.

Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr
mir. Aber was liegt mir an euren Guten!

Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Bses.
Wollte ich doch, sie htten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
giengen, gleich diesem bleichen Verbrecher!

Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder
Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in
einem erbrmlichen Behagen.

Ich bin ein Gelnder am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure
Krcke aber bin ich nicht. -

Also sprach Zarathustra.



Vom Lesen und Schreiben

Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute
schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist
ist.

Es ist nicht leicht mglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die
lesenden Mssiggnger.

Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr fr den Leser. Noch ein
Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken.

Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein
das Schreiben, sondern auch das Denken.

Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er
gar noch Pbel.

Wer in Blut und Sprchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern
auswendig gelernt werden.

Im Gebirge ist der nchste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst
du lange Beine haben. Sprche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen
gesprochen wird, Grosse und Hochwchsige.

Die Luft dnn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer
frhlichen Bosheit: so passt es gut zu einander.

Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die
Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will
lachen.

Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe,
diese Schwrze und Schwere, ber die ich lache, - gerade das ist eure
Gewitterwolke.

Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe
hinab, weil ich erhoben bin.

Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?

Wer auf den hchsten Bergen steigt, der lacht ber alle Trauer-Spiele
und Trauer-Ernste.

Muthig, unbekmmert, spttisch, gewaltthtig - so will uns die
Weisheit: sie ist ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.

Ihr sagt mir: "das Leben ist schwer zu tragen." Aber wozu httet ihr
Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?

Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so
zrtlich! Wir sind allesammt hbsche lastbare Esel und Eselinnen.

Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein
Tropfen Thau auf dem Leibe liegt?

Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an's Leben, sondern
weil wir an's Lieben gewhnt sind.

Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas
Vernunft im Wahnsinn.

Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und
Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom
Glcke zu wissen.

Diese leichten thrichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu
sehen - das verfhrt Zarathustra zu Thrnen und Liedern.

Ich wrde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstnde.

Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, grndlich, tief,
feierlich: es war der Geist der Schwere, - durch ihn fallen alle
Dinge.

Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tdtet man. Auf, lasst uns den
Geist der Schwere tdten!

Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe
fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von
der Stelle zu kommen.

Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir,
jetzt tanzt ein Gott durch mich.

Also sprach Zarathustra.



Vom Baum am Berge

Zarathustra's Auge hatte gesehn, dass ein Jngling ihm auswich. Und
als er eines Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt
umschliessen, die genannt wird "die bunte Kuh": siehe, da fand er im
Gehen diesen Jngling, wie er an einen Baum gelehnt sass und mden
Blickes in das Thal schaute. Zarathustra fasste den Baum an, bei
welchem der Jngling sass, und sprach also:

Wenn ich diesen Baum da mit meinen Hnden schtteln wollte, ich wrde
es nicht vermgen.

Aber der Wind, den wir nicht sehen, der qult und biegt ihn, wohin er
will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Hnden gebogen und
geqult.

Da erhob sich der Jngling bestrzt und sagte: "ich hre Zarathustra
und eben dachte ich an ihn." Zarathustra entgegnete:

"Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit
dem Baume.

Je mehr er hinauf in die Hhe und Helle will, um so strker streben
seine Wurzeln erdwrts, abwrts, in's Dunkle, Tiefe, - in's Bse."

"Ja in's Bse! rief der Jngling. Wie ist es mglich, dass du meine
Seele entdecktest?"

Zarathustra lchelte und sprach: "Manche Seele wird man nie entdecken,
es sei denn, dass man sie zuerst erfindet." "Ja in's Bse! rief der
Jngling nochmals.

Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht
mehr, seitdem ich in die Hhe will, und Niemand traut mir mehr, - wie
geschieht diess doch?

Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich
berspringe oft die Stufen, wenn ich steige, - das verzeiht mir keine
Stufe.

Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir,
der Frost der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der
Hhe?

Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je hher
ich steige, um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch
in der Hhe?

Wie schme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich
meines heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie mde bin
ich in der Hhe!"

Hier schwieg der Jngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an
dem sie standen, und sprach also:

Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg ber
Mensch und Thier.

Und wenn er reden wollte, er wrde Niemanden haben, der ihn verstnde:
so hoch wuchs er.

Nun wartet er und wartet, - worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze
der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?

Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jngling mit heftigen
Gebrden: "Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem
Untergange verlangte ich, als ich in die Hhe wollte, und du bist der
Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns
erschienen bist? Der _Neid_ auf dich ist's, der mich zerstrt hat!" -
So sprach der Jngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte
seinen Arm um ihn und fhrte ihn mit sich fort.

Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra
also an zu sprechen:

Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir
dein Auge alle deine Gefahr.

Noch bist du nicht frei, du _suchst_ noch nach Freiheit. bernchtig
machte dich dein Suchen und berwach.

In die freie Hhe willst du, nach Sternen drstet deine Seele. Aber
auch deine schlimmen Triebe drsten nach Freiheit.

Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in
ihrem Keller, wenn dein Geist alle Gefngnisse zu lsen trachtet.

Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug
wird solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.

Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefngniss und
Moder ist noch in ihm zurck: rein muss noch sein Auge werden.

Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung
beschwre ich dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!

Edel fhlst du dich noch, und edel fhlen dich auch die Andern noch,
die dir gram sind und bse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler
im Wege steht.

Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen
Guten nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.

Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der
Gute, und dass Altes erhalten bleibe.

Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde,
sondern ein Frecher, ein Hhnender, ein Vernichter.

Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre hchste Hoffnung. Und nun
verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.

Nun lebten sie frech in kurzen Lsten, und ber den Tag hin warfen sie
kaum noch Ziele.

"Geist ist auch Wollust" - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste
die Flgel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.

Einst dachten sie Helden zu werden: Lstlinge sind es jetzt. Ein Gram
und ein Grauen ist ihnen der Held.

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwre ich dich: wirf den Helden
in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine hchste Hoffnung! -

Also sprach Zarathustra.



Von den Predigern des Todes

Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen
Abkehr gepredigt werden muss vom Leben.

Voll ist die Erde von berflssigen, verdorben ist das Leben durch die
Viel-zu-Vielen. Mge man sie mit dem "ewigen Leben" aus diesem Leben
weglocken!

"Gelbe": so nennt man die Prediger des Todes, oder "Schwarze". Aber
ich will sie euch noch in andern Farben zeigen.

Da sind die Frchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen
und keine Wahl haben, es sei denn Lste oder Selbstzerfleischung. Und
auch ihre Lste sind noch Selbstzerfleischung.

Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Frchterlichen:
mgen sie Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!

Da sind die Schwindschtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so
fangen sie schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der
Mdigkeit und Entsagung.

Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Willen gut heissen!
Hten wir uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Srge zu
versehren!

Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und
gleich sagen sie "das Leben ist widerlegt!"

Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht
sieht am Dasein.

Eingehllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zuflle,
welche den Tod bringen: so warten sie und beissen die Zhne auf
einander.

Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei
dabei: sie hngen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch
an einem Strohhalm hngen.

Ihre Weisheit lautet: "ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind
wir Thoren! Und das eben ist das Thrichtste am Leben!" -

"Das Leben ist nur Leiden" - so sagen Andre und lgen nicht: so sorgt
doch, dass _ihr_ aufhrt! So sorgt doch, dass das Leben aufhrt,
welches nur Leiden ist!

Und also laute die Lehre eurer Tugend "du sollst dich selber tdten!
Du sollst dich selber davonstehlen!" -

"Wollust ist Snde, - so sagen die Einen, welche den Tod predigen -
lasst uns bei Seite gehn und keine Kinder zeugen!"

"Gebren ist mhsam, - sagen dich Andern - wozu noch gebren? Man
gebiert nur Unglckliche!" Und auch sie sind Prediger des Todes.

"Mitleid thut noth - so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe!
Nehmt hin, was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!"

Wren sie Mitleidige von Grund aus, so wrden sie ihren Nchsten das
Leben verleiden. Bse sein - das wre ihre rechte Gte.

Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie
Andre mit ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! -

Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr
nicht sehr mde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif fr die Predigt
des Todes?

Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue,
Fremde, - ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille,
sich selber zu vergessen.

Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, wrdet ihr weniger euch dem
Augenblicke hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in
euch - und selbst zur Faulheit nicht!

berall ertnt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde
ist voll von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.

Oder "das ewige Leben": das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell
dahinfahren!

Also sprach Zarathustra.



Vom Krieg und Kriegsvolke

Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von
Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch
die Wahrheit sagen!

Meine Brder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war
Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn
euch die Wahrheit sagen!

Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross
genug, um Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug,
euch ihrer nicht zu schmen!

Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein knnt, so seid mir
wenigstens deren Kriegsmnner. Das sind die Gefhrten und Vorlufer
solcher Heiligkeit.

Ich sehe viel Soldaten: mchte ich viel Kriegsmnner sehn! "Ein-form"
nennt man's, was sie tragen: mge es nicht Ein-form sein, was sie
damit verstecken!

Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht -
nach _eurem_ Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass auf
den ersten Blick.

Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr fhren und
fr eure Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure
Redlichkeit darber noch Triumph rufen!

Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den
kurzen Frieden mehr, als den langen.

Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich
nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer
Friede sei ein Sieg!

Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat:
sonst schwtzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!

Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage
euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.

Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die
Nchstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete
bisher die Verunglckten.

Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mdchen
reden: "gut sein ist, was hbsch zugleich und rhrend ist."

Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist cht, und ich liebe die
Scham eurer Herzlichkeit. Ihr schmt euch eurer Fluth, und Andre
schmen sich ihrer Ebbe.

Ihr seid hsslich? Nun wohlan, meine Brder! So nehmt das Erhabne um
euch, den Mantel des Hsslichen!

Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie bermthig, und in eurer
Erhabenheit ist Bosheit. Ich kenne euch.

In der Bosheit begegnet sich der bermthige mit dem Schwchlinge.
Aber sie missverstehen einander. Ich kenne euch.

Ihr drft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten. Ihr msst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge
eures Feindes auch eure Erfolge.

Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei
Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!

Einem guten Kriegsmanne klingt "du sollst" angenehmer, als "ich will".
Und Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen
lassen.

Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer hchsten Hoffnung: und eure
hchste Hoffnung sei der hchste Gedanke des Lebens!

Euren hchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen -
und er lautet: der Mensch ist Etwas, das berwunden werden soll.

So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am
Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!

Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brder im
Kriege! -

Also sprach Zarathustra.



Vom neuen Gtzen

Irgendwo giebt es noch Vlker und Heerden, doch nicht bei uns, meine
Brder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt
sage ich euch mein Wort vom Tode der Vlker.

Staat heisst das klteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lgt es auch;
und diese Lge kriecht aus seinem Munde: "Ich, der Staat, bin das
Volk."

Lge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Vlker und hngten
einen Glauben und eine Liebe ber sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf fr Viele und heissen sie
Staat: sie hngen ein Schwert und hundert Begierden ber sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn
als bsen Blick und Snde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten
und Bsen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es
sich in Sitten und Rechten.

Aber der Staat lgt in allen Zungen des Guten und Bsen; und was er
auch redet, er lgt - und was er auch hat, gestohlen hat er's.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zhnen beisst er, der
Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bsen: dieses Zeichen gebe ich euch
als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses
Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: fr die berflssigen ward der Staat
erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er
sie schlingt und kaut und wiederkut!

"Auf der Erde ist nichts Grsseres als ich: der ordnende Finger bin
ich Gottes" - also brllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und
Kurzgeugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine dsteren Lgen!
Ach, er errth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch euch errth er, ihr Besieger des alten Gottes! Mde wurdet
ihr im Kampfe, und nun dient eure Mdigkeit noch dem neuen Gtzen!

Helden und Ehrenhafte mchte er um sich aufstellen, der neue Gtze!
Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte
Unthier!

Alles will er _euch_ geben, wenn _ihr_ ihn anbetet, der neue Gtze:
also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen
Augen.

Kdern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Hllenkunststck
ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz gttlicher
Ehren!

Ja, ein Sterben fr Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben
preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat,
wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der
langsame Selbstmord Aller - "das Leben" heisst.

Seht mir doch diese berflssigen! Sie stehlen sich die Werke der
Erfinder und die Schtze der Weisen: Bildung nennen sie ihren
Diebstahl - und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese berflssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen
ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und knnen
sich nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese berflssigen! Reichthmer erwerben sie und werden
rmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht,
viel Geld, - diese Unvermgenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern ber einander
hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, - als ob das
Glck auf dem Throne ssse! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron - und
oft auch der Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und berheisse.
bel riecht mir ihr Gtze, das kalte Unthier: bel riechen sie mir
alle zusammen, diese Gtzendiener.

Meine Brder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Muler und
Begierden! Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
Gtzendienerei der berflssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem
Dampfe dieser Menschenopfer!

Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch
viele Sitze fr Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere
weht.

Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig
besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhrt, da beginnt erst der Mensch, der nicht
berflssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige
und unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat _aufhrt_, - so seht mir doch hin, meine Brder!
Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brcken des bermenschen? -

Also sprach Zarathustra.



Von den Fliegen des Marktes

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betubt vom
Lrme der grossen Mnner und zerstochen von den Stacheln der kleinen.

Wrdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem
Baume, den du liebst, dem breitstigen: still und aufhorchend hngt er
ber dem Meere.

Wo die Einsamkeit aufhrt, da beginnt der Markt; und wo der Markt
beginnt, da beginnt auch der Lrm der grossen Schauspieler und das
Geschwirr der giftigen Fliegen.

In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie
erst auffhrt: grosse Mnner heisst das Volk diese Auffhrer.

Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber
Sinne hat es fr alle Auffhrer und Schauspieler grosser Sachen.

Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt: - unsichtbar
dreht sie sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der
Ruhm: so ist es der Welt Lauf.

Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt
immer an Das, womit er am strksten glauben macht, - glauben an _sich_
macht!

Morgen hat er einen neuen Glauben und bermorgen einen neueren. Rasche
Sinne hat er, gleich dem Volke, und vernderliche Witterungen.

Umwerfen - das heisst ihm: beweisen. Toll machen - das heisst ihm:
berzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Grnde bester.

Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlpft, nennt er Lge und
Nichts. Wahrlich, er glaubt nur an Gtter, die grossen Lrm in der
Welt machen!

Voll von feierlichen Possenreissern ist der Markt - und das Volk rhmt
sich seiner grossen Mnner! das sind ihm die Herrn der Stunde.

Aber die Stunde drngt sie: so drngen sie dich. Und auch von dir
wollen sie Ja oder Nein. Wehe, du willst zwischen Fr und Wider deinen
Stuhl setzen?

Dieser Unbedingten und Drngenden halber sei ohne Eifersucht, du
Liebhaber der Wahrheit! Niemals noch hngte sich die Wahrheit an den
Arm eines Unbedingten.

Dieser Pltzlichen halber gehe zurck in deine Sicherheit: nur auf dem
Markt wird man mit Ja? oder Nein? berfallen.

Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange mssen sie warten,
bis sie wissen, _was_ in ihre Tiefe fiel.

Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom
Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen
Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!

Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbrmlichen zu
nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie Nichts
als Rache.

Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzhlbar sind sie, und es ist
nicht dein Loos, Fliegenwedel zu sein.

Unzhlbar sind diese Kleinen und Erbrmlichen; und manchem stolzen
Baue gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.

Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen.
Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.

Ermdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich
dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zrnen.

Blut mchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre
blutlosen Seelen - und sie stechen daher in aller Unschuld.

Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du
dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm ber die Hand.

Zu stolz bist du mir dafr, diese Naschhaften zu tdten. Hte dich
aber, dass es nicht dein Verhngniss werde, all ihr giftiges Unrecht
zu tragen!

Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben.
Sie wollen die Nhe deiner Haut und deines Blutes.

Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir
wie vor einem Gotte oder Teufel. Was macht es! Schmeichler sind es und
Winsler und nicht mehr.

Auch geben sie sich dir oft als Liebenswrdige. Aber das war immer die
Klugheit der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!

Sie denken viel ber dich mit ihrer engen Seele, - bedenklich bist du
ihnen stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.

Sie bestrafen dich fr alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von
Grund aus nur - deine Fehlgriffe.

Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: "unschuldig sind
sie an ihrem kleinen Dasein." Aber ihre enge Seele denkt: "Schuld ist
alles grosse Dasein."

Auch wenn du ihnen milde bist, fhlen sie sich noch von dir verachtet;
und sie geben dir deine Wohlthat zurck mit versteckten Wehthaten.

Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken,
wenn du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.

Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entznden wir an ihm
auch. Also hte dich vor den Kleinen!

Vor dir fhlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glht
gegen dich in unsichtbarer Rache.

Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen
tratest, und wie ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem
erlschenden Feuer?

Ja, mein Freund, das bse Gewissen bist du deinen Nchsten: denn sie
sind deiner unwerth. Also hassen sie dich und mchten gerne an deinem
Blute saugen.

Deine Nchsten werden immer giftige Fliegen sein; Das, was gross
an dir ist, - das selber muss sie giftiger machen und immer
fliegenhafter.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe,
starke Luft weht. Nicht ist es dein Loos, Fliegenwedel zu sein. -

Also sprach Zarathustra.



Von der Keuschheit

Ich liebe den Wald. In den Stdten ist schlecht zu leben: da giebt es
zu Viele der Brnstigen.

Ist es nicht besser, in die Hnde eines Mrders zu gerathen, als in
die Trume eines brnstigen Weibes?

Und seht mir doch diese Mnner an: ihr Auge sagt es - sie wissen
nichts Besseres auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.

Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar
noch Geist hat!

Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wret! Aber zum Thiere
gehrt die Unschuld.

Rathe ich euch, eure Sinne zu tdten? Ich rathe euch zur Unschuld der
Sinne.

Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine
Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster.

Diese enthalten sich wohl: aber die Hndin Sinnlichkeit blickt mit
Neid aus Allem, was sie thun.

Noch in die Hhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein
folgt ihnen diess Gethier und sein Unfrieden.

Und wie artig weiss die Hndin Sinnlichkeit um ein Stck Geist zu
betteln, wenn ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!

Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin
misstrauisch gegen eure Hndin.

Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lstern nach Leidenden. Hat
sich nicht nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?

Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren
Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Sue.

Wem die Keuschheit schwer fllt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie
nicht der Weg zur Hlle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der
Seele.

Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.

Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist,
steigt der Erkennende ungern in ihr Wasser.

Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen,
sie lachen lieber und reichlicher als ihr.

Sie lachen auch ber die Keuschheit und fragen: "was ist Keuschheit!

Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und
nicht wir zur ihr.

Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns, - mag
er bleiben, wie lange er will!"

Also sprach Zarathustra.



Vom Freunde

"Einer ist immer zu viel um mich" - also denkt der Einsiedler. "Immer
Einmal Eins - das giebt auf die Dauer Zwei!"

Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gesprche: wie wre es
auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gbe?

Immer ist fr den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der
Kork, der verhindert, dass das Gesprch der Zweie in die Tiefe sinkt.

Ach, es giebt zu viele Tiefen fr alle Einsiedler. Darum sehnen sie
sich so nach einem Freunde und nach seiner Hhe.

Unser Glaube an Andre verrth, worin wir gerne an uns selber glauben
mchten. Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verrther.

Und oft will man mit der Liebe nur den Neid berspringen. Und oft
greift man an und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man
angreifbar ist.

"Sei wenigstens mein Feind!" - so spricht die wahre Ehrfurcht, die
nicht um Freundschaft zu bitten wagt.

Will man einen Freund haben, so muss man auch fr ihn Krieg fhren
wollen: und um Krieg zu fhren, muss man Feind sein _knnen_.

Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen
Freund dicht herantreten, ohne zu ihm berzutreten?

In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am
nchsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.

Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines
Freundes Ehre sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber er
wnscht dich darum zum Teufel!

Wer aus sich kein Hehl macht, emprt: so sehr habt ihr Grund, die
Nacktheit zu frchten! Ja, wenn ihr Gtter wret, da drftet ihr euch
eurer Kleider schmen!

Du kannst dich fr deinen Freund nicht schn genug putzen: denn du
sollst ihm ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem bermenschen sein.

Sahst du deinen Freund schon schlafen, - damit du erfahrest, wie er
aussieht? Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein
eignes Gesicht, auf einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.

Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass
dein Freund so aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das
berwunden werden muss.

Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht
Alles musst du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein
Freund im Wachen thut.

Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund
Mitleiden wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und
den Blick der Ewigkeit.

Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an
ihm sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und
Ssse haben.

Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde?
Mancher kann seine eignen Ketten nicht lsen und doch ist er dem
Freunde ein Erlser.

Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein
Tyrann? So kannst du nicht Freunde haben.

Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb
ist das Weib noch nicht der Freundschaft fhig: es kennt nur die
Liebe.

In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles,
was es nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist
immer noch berfall und Blitz und Nacht neben dem Lichte.

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fhig: Katzen sind immer noch
die Weiber, und Vgel. Oder, besten Falles, Khe.

Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fhig. Aber sagt mir, ihr
Mnner, wer von euch ist denn fhig der Freundschaft?

Oh ber eure Armuth, ihr Mnner, und euren Geiz der Seele! Wie viel
ihr dem Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will
auch nicht rmer damit geworden sein.

Es giebt Kameradschaft: mge es Freundschaft geben!

Also sprach Zarathustra.



Von tausend und Einem Ziele

VieIe Lnder sah Zarathustra und viele Vlker: so entdeckte er vieler
Vlker Gutes und Bses. Keine grssere Macht fand Zarathustra auf
Erden, als Gut und Bse.

Leben knnte kein Volk, das nicht erst schtzte; will es sich aber
erhalten, so darf es nicht schtzen, wie der Nachbar schtzt.

Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und
Schmach: also fand ich's. Vieles fand ich hier bse genannt und dort
mit purpurnen Ehren geputzt.

Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine
Seele ob des Nachbarn Wahn und Bosheit.

Eine Tafel der Gter hngt ber jedem Volke. Siehe, es ist seiner
berwindungen Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur
Macht.

Lblich ist, was ihm schwer gilt; was unerlsslich und schwer,
heisst gut, und was aus der hchsten Noth noch befreit, das Seltene,
Schwerste, - das preist es heilig.

Was da macht, dass es herrscht und siegt und glnzt, seinem Nachbarn
zu Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende,
der Sinn aller Dinge.

Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und
Land und Himmel und Nachbar: so errthst du wohl das Gesetz seiner
berwindungen und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung
steigt.

"Immer sollst du der Erste sein und den Andern vorragen: Niemanden
soll deine eiferschtige Seele lieben, es sei denn den Freund" - diess
machte einem Griechen die Seele zittern: dabei gieng er seinen Pfad
der Grsse.

"Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren" - so dnkte es
jenem Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt - der
Name, welcher mir zugleich lieb und schwer ist.

"Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen
zu Willen sein": diese Tafel der berwindung hngte ein andres Volk
ber sich auf und wurde mchtig und ewig damit.

"Treue ben und um der Treue Willen Ehre und Blut auch an bse und
fhrliche Sachen setzen": also sich lehrend bezwang sich ein anderes
Volk, und also sich bezwingend wurde es schwanger und schwer von
grossen Hoffnungen.

Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Bses. Wahrlich,
sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als
Stimme vom Himmel.

Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, - er
schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich
"Mensch", das ist: der Schtzende.

Schtzen ist Schaffen: hrt es, ihr Schaffenden! Schtzen selber ist
aller geschtzten Dinge Schatz und Kleinod.

Durch das Schtzen erst giebt es Werth: und ohne das Schtzen wre die
Nuss des Daseins hohl. Hrt es, ihr Schaffenden!

Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet,
wer ein Schpfer sein muss.

Schaffende waren erst Vlker und spt erst Einzelne; wahrlich, der
Einzelne selber ist noch die jngste Schpfung.

Vlker hngten sich einst eine Tafel des Guten ber sich. Liebe, die
herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen
solche Tafeln.

lter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange
das gute Gewissen Heerde heisst, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.

Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen
Vieler will: das ist nicht der Heerde Ursprung, sondern ihr Untergang.

Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Bse.
Feuer der Liebe glht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.

Viele Lnder sah Zarathustra und viele Vlker: keine grssere Macht
fand Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: "gut" und
"bse" ist ihr Name.

Wahrlich, ein Ungethm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt,
wer bezwingt es mir, ihr Brder? Sagt, wer wirft diesem Thier die
Fessel ber die tausend Nacken?

Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Vlker gab es. Nur die
Fessel der tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das Eine Ziel. Noch hat
die Menschheit kein Ziel.

Aber sagt mir doch, meine Brder: wenn der Menschheit das Ziel noch
fehlt, fehlt da nicht auch - sie selber noch? -

Also sprach Zarathustra.



Von der Nchstenliebe

Ihr drngt euch um den Nchsten und habt schne Worte dafr. Aber ich
sage euch: eure Nchstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.

Ihr flchtet zum Nchsten vor euch selber und mchtet euch daraus eine
Tugend machen: aber ich durchschaue euer "Selbstloses".

Das Du ist lter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch
nicht das Ich: so drngt sich der Mensch hin zum Nchsten.

Rathe ich euch zur Nchstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur
Nchsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!

Hher als die Liebe zum Nchsten ist die Liebe zum Fernsten und
Knftigen; hher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu
Sachen und Gespenstern.

Diess Gespenst, das vor dir herluft, mein Bruder, ist schner als
du; warum giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du
frchtest dich und lufst zu deinem Nchsten.

Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug:
nun wollt ihr den Nchsten zur Liebe verfhren und euch mit seinem
Irrthum vergolden.

Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nchsten und deren
Nachbarn; so msstet ihr aus euch selber euren Freund und sein
berwallendes Herz schaffen.

Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt;
und wenn ihr ihn verfhrt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr
selber gut von euch.

Nicht nur Der lgt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst
recht Der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von
euch im Verkehre und belgt mit euch den Nachbar.

Also spricht der Narr: "der Umgang mit Menschen verdirbt den
Charakter, sonderlich wenn man keinen hat."

Der Eine geht zum Nchsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er
sich verlieren mchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch
aus der Einsamkeit ein Gefngniss.

Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nchsten bezahlen; und
schon wenn ihr zu fnfen mit einander seid, muss immer ein sechster
sterben.

Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei,
und auch die Zuschauer gebrdeten sich oft gleich Schauspielern.

Nicht den Nchsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei
euch das Fest der Erde und ein Vorgefhl des bermenschen.

Ich lehre euch den Freund und sein bervolles Herz. Aber man muss
verstehn, ein Schwamm zu sein, wenn man von bervollen Herzen geliebt
sein will.

Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale
des Guten, - den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu
verschenken hat.

Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in
Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das Bse, als das
Werden der Zwecke aus dem Zufalle.

Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in
deinem Freunde sollst du den bermenschen als deine Ursache lieben.

Meine Brder, zur Nchstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch
zur Fernsten-Liebe.

Also sprach Zarathustra.



Vom Wege des Schaffenden

Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg
zu dir selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und hre mich.

"Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist
Schuld": also spricht die Heerde. Und du gehrtest lange zur Heerde.

Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tnen. Und wenn du sagen
wirst "ich habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch", so wird es eine
Klage und ein Schmerz sein.

Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses
Gewissens letzter Schimmer glht noch auf deiner Trbsal.

Aber du willst den Weg deiner Trbsal gehen, welches ist der Weg zu
dir selber? So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!

Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein
aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um
dich sich drehen?

Ach, es giebt so viel Lsternheit nach Hhe! Es giebt so viel
Krmpfe der Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lsternen und
Ehrgeizigen bist!

Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein
Blasebalg: sie blasen auf und machen leerer.

Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hren und
nicht, dass du einem Joche entronnen bist.

Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen _durfte_? Es giebt
Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit
wegwarf.

Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
knden: frei _wozu_?

Kannst du dir selber dein Bses und dein Gutes geben und deinen Willen
ber dich aufhngen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein
und Rcher deines Gesetzes?

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rcher des eignen
Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den den Raum und in
den eisigen Athem des Alleinseins.

Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du
deinen Muth ganz und deine Hoffnungen.

Aber einst wird dich die Einsamkeit mde machen, einst wird dein Stolz
sich krmmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst "ich bin
allein!"

Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges
allzunahe; dein Erhabnes selbst wird dich frchten machen wie ein
Gespenst. Schreien wirst du einst: "Alles ist falsch!"

Es giebt Gefhle, die den Einsamen tdten wollen; gelingt es ihnen
nicht, nun, so mssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mrder
zu sein?

Kennst du, mein Bruder, schon das Wort "Verachtung"? Und die Qual
deiner Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?

Du zwingst Viele, ber dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an.
Du kamst ihnen nahe und giengst doch vorber: das verzeihen sie dir
niemals.

Du gehst ber sie hinaus: aber je hher du steigst, um so kleiner
sieht dich das Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende
gehasst.

"Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein! - musst du sprechen - ich
erwhle mir eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil."

Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein
Bruder, wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb
nicht weniger leuchten!

Und hte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die,
welche sich ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.

Hte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig,
was nicht einfltig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der
Scheiterhaufen.

Und hte dich auch vor den Anfllen deiner Liebe! Zu schnell streckt
der Einsame Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.

Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die
Tatze: und ich will, dass deine Tatze auch Krallen habe.

Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir
selber sein; du selber lauerst dir auf in Hhlen und Wldern.

Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein
Weg vorbei und an deinen sieben Teufeln!

Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und
Zweifler und Unheiliger und Bsewicht.

Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest
du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!

Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir
schaffen aus deinen sieben Teufeln!

Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und
desshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.

Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von
Liebe, der nicht gerade verachten musste, was er liebte!

Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen,
mein Bruder; und spt erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

Mit meinen Thrnen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe
Den, der ber sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde
geht. -

Also sprach Zarathustra.



Von alten und jungen Weiblein

"Was schleichst du so scheu durch die Dmmerung, Zarathustra? Und was
birgst du behutsam unter deinem Mantel?

Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren
wurde? Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund
der Bsen?" -

Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir
geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist's, die ich trage.

Aber sie ist ungebrdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht
den Mund halte, so schreit sie berlaut.

Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne
sinkt, begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner
Seele:

"Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns
ber das Weib."

Und ich entgegnete ihr: "ber das Weib soll man nur zu Mnnern reden."

"Rede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es
gleich wieder zu vergessen."

Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:

Alles am Weibe ist ein Rthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lsung:
sie heisst Schwangerschaft.

Der Mann ist fr das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind.
Aber was ist das Weib fr den Mann?

Zweierlei will der chte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das
Weib, als das gefhrlichste Spielzeug.

Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des
Kriegers: alles Andre ist Thorheit.

Allzussse Frchte - die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib;
bitter ist auch noch das ssseste Weib.

Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist
kindlicher als das Weib.

Im chten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr
Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne!

Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich,
bestrahlt von den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.

Der Strahl eines Sternes glnze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse:
"mge ich den bermenschen gebren!"

In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den
losgehn, der euch Furcht einflsst!

In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf
Ehre. Aber diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt
werdet, und nie die Zweiten zu sein.

Der Mann frchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes
Opfer, und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.

Der Mann frchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist
im Grunde der Seele nur bse, das Weib aber ist dort schlecht.

Wen hasst das Weib am meisten? - Also sprach das Eisen zum Magneten:
"ich hasse dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug
bist, an dich zu ziehen."

Das Glck des Mannes heisst: ich will. Das Glck des Weibes heisst: er
will.

"Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!" - also denkt ein jedes
Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.

Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner
Oberflche. Oberflche ist des Weibes Gemth, eine bewegliche
strmische Haut auf einem seichten Gewsser.

Des Mannes Gemth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen
Hhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. -

Da entgegnete mir das alte Weiblein: "Vieles Artige sagte Zarathustra
und sonderlich fr Die, welche jung genug dazu sind.

Seltsam ist's, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er
ber sie Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding
unmglich ist?

Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug
fr sie!

Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie berlaut,
diese kleine Wahrheit."

"Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!" sagte ich. Und also sprach
das alte Weiblein:

"Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" -

Also sprach Zarathustra.



Vom Biss der Natter

Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da
es heiss war, und hatte seine Arme ber das Gesicht gelegt. Da kam
eine Natter und biss ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz
aufschrie. Als er den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die
Schlange an: da erkannte sie die Augen Zarathustra's, wand sich
ungeschickt und wollte davon. "Nicht doch, sprach Zarathustra; noch
nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich zur Zeit, mein Weg
ist noch lang." "Dein Weg ist noch kurz, sagte die Natter traurig;
mein Gift tdtet." Zarathustra lchelte. "Wann starb wohl je ein
Drache am Gift einer Schlange? - sagte er. Aber nimm dein Gift zurck!
Du bist nicht reich genug, es mir zu schenken." Da fiel ihm die Natter
von Neuem um den Hals und leckte ihm seine Wunde.

Als Zarathustra diess einmal seinen Jngern erzhlte, fragten
sie: "Und was, oh Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?"
Zarathustra antwortete darauf also:

Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine
Geschichte ist unmoralisch. -

So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Bses mit Gutem:
denn das wrde beschmen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes
angethan hat.

Und lieber zrnt noch, als dass ihr beschmt! Und wenn euch geflucht
wird, so gefllt es mir nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein
Wenig mitfluchen!

Und geschah euch ein grosses Unrecht, so thut mir geschwind fnf
kleine dazu! Grsslich ist Der anzusehn, den allein das Unrecht
drckt.

Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der
soll das Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!

Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache. Und wenn die
Strafe nicht auch ein Recht und eine Ehre ist fr den bertretenden,
so mag ich auch euer Strafen nicht.

Vornehmer ist's, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten,
sonderlich wenn man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.

Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter
blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.

Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden
Augen ist?

So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern
auch alle Schuld trgt!

So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht,
ausgenommen den Richtenden!

Wollt ihr auch diess noch hren? An Dem, der von Grund aus gerecht
sein will, wird auch noch die Lge zur Menschen-Freundlichkeit.

Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das
Seine geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine.

Endlich, meine Brder, htet euch Unrecht zu thun allen Einsiedlern!
Wie knnte ein Einsiedler vergessen! Wie knnte er vergelten!

Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein
hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder
hinausbringen?

Htet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Thatet ihr's aber, nun, so
tdtet ihn auch noch!

Also sprach Zarathustra.



Von Kind und Ehe

Ich habe eine Frage fr dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei
werfe ich diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie
sei.

Du bist jung und wnschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist
du ein Mensch, der ein Kind sich wnschen _darf_?

Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne,
der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich.

Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder
Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde
sehne. Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner
Befreiung.

ber dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut
sein, rechtwinklig an Leib und Seele.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir
der Garten der Ehe!

Einen hheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus
sich rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.

Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das
mehr ist, als die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als
vor den Wollenden eines solchen Willens.

Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die
Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese berflssigen, - ach, wie nenne ich
das?

Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele
zu Zweien! Ach diess erbrmliche Behagen zu Zweien!

Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel
geschlossen.

Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der berflssigen! Nein, ich mag
sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!

Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er
nicht zusammenfgte!

Lacht mir nicht ber solche Ehen! Welches Kind htte nicht Grund, ber
seine Eltern zu weinen?

Wrdig schien mir dieser Mann und reif fr den Sinn der Erde: aber als
ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus fr Unsinnige.

Ja, ich wollte, dass die Erde in Krmpfen bebte, wenn sich ein
Heiliger und eine Gans mit einander paaren.

Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er
sich eine kleine geputzte Lge. Seine Ehe nennt er's.

Jener war sprde im Verkehre und whlte whlerisch. Aber mit Einem
Male verdarb er fr alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt
er's.

Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem
Male wurde er die Magd eines Weibes, und nun thte es Noth, dass er
darber noch zum Engel werde.

Sorgsam fand ich jetzt alle Kufer, und Alle haben listige Augen. Aber
seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.

Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht
vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.

Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, mchte sie
doch Mitleiden sein mit leidenden und verhllten Gttern! Aber zumeist
errathen zwei Thiere einander.

Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzcktes Gleichniss und
eine schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu hheren
Wegen leuchten soll.

ber euch hinaus sollt ihr einst lieben! So _lernt_ erst lieben! Und
darum musstet ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.

Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht
zum bermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!

Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum bermenschen: sprich,
mein Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?

Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe. -

Also sprach Zarathustra.


Vom freien Tode

Viele sterben zu spt, und Einige sterben zu frh. Noch klingt fremd
die Lehre: "stirb zur rechten Zeit!"

Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.

Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten
Zeit sterben? Mchte er doch nie geboren sein! - Also rathe ich den
berflssigen.

Aber auch die berflssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und
auch die hohlste Nuss will noch geknackt sein.

Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch
erlernten die Menschen nicht, wie man die schnsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel
und ein Gelbniss wird.

Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden
und Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein
solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwre weihte!

Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu
sterben und eine grosse Seele zu verschwenden.

Aber dem Kmpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender
Tod, der heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil _ich_
will.

Und wann werde ich wollen? - Wer ein Ziel hat und einen Erben, der
will den Tod zur rechten Zeit fr Ziel und Erben.

Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine drren Krnze mehr
im Heiligthum des Lebens aufhngen.

Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren
Faden in die Lnge und gehen dabei selber immer rckwrts.

Mancher wird auch fr seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser
Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.

Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre
verabschieden und die schwere Kunst ben, zur rechten Zeit zu - gehn.

Man muss aufhren, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt:
das wissen Die, welche lange geliebt werden wollen.

Saure pfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den
letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb
und runzelig.

Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind
greis in der Jugend: aber spt jung erhlt lang jung.

Manchem missrth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an's Herz. So
mge er zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.

Mancher wird nie sss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die
ihn an seinem Aste festhlt.

Viel zu Viele leben und viel zu lange hngen sie an ihren sten.
Mchte ein Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume
schttelt!

Mchten Prediger kommen des _schnellen_ Todes! Das wren mir die
rechten Strme und Schttler an Lebensbumen Aber ich hre nur den
langsamen Tod predigen und Geduld mit allem "Irdischen".

Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das
zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lstermuler!

Wahrlich, zu frh starb jener Hebrer, den die Prediger des langsamen
Todes ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhngniss, dass er zu
frh starb.

Noch kannte er nur Thrnen und die Schwermuth des Hebrers, sammt dem
Hasse der Guten und Gerechten, - der Hebrer Jesus: da berfiel ihn
die Sehnsucht zum Tode.

Wre er doch in der Wste geblieben und ferne von den Guten und
Gerechten! Vielleicht htte er leben gelernt und die Erde lieben
gelernt - und das Lachen dazu!

Glaubt es mir, meine Brder! Er starb zu frh; er selber htte seine
Lehre widerrufen, wre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war
er zum Widerrufen!

Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jngling und unreif hasst
er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemth und
Geistesflgel.

Aber im Manne ist mehr Kind als im Jnglinge, und weniger Schwermuth:
besser versteht er sich auf Tod und Leben.

Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht
Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.

Dass euer Sterben keine Lsterung sei auf Mensch und Erde, meine
Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.

In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glhn, gleich
einem Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht
gerathen.

Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die
Erde mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der
Ruhe habe, die mich gebar.

Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid
ihr Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.

Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball
werfen! Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!

Also sprach Zarathustra.



Von der schenkenden Tugend

1.

Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein
Herz zugethan war und deren Name lautet: "die bunte Kuh" - folgten ihm
Viele, die sich seine Jnger nannten und gaben ihm das Geleit. Also
kamen sie an einen Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er
nunmehr allein gehen wolle; denn er war ein Freund des Alleingehens.
Seine Jnger aber reichten ihm zum Abschiede einen Stab, an dessen
goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte. Zarathustra
freute sich des Stabes und sttzte sich darauf; dann sprach er also zu
seinen Jngern.

Sagt mir doch: wie kam Gold zum hchsten Werthe? Darum, dass es
ungemein ist und unntzlich und leuchtend und mild im Glanze; es
schenkt sich immer.

Nur als Abbild der hchsten Tugend kam Gold zum hchsten Werthe.
Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst
Friede zwischen Mond und Sonne.

Ungemein ist die hchste Tugend und unntzlich, leuchtend ist sie und
mild im Glanze: eine schenkende Tugend ist die hchste Tugend.

Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jnger: ihr trachtet, gleich
mir, nach der schenkenden Tugend. Was httet ihr mit Katzen und Wlfen
gemeinsam?

Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und
darum habt ihr den Durst, alle Reichthmer in euren Seele zu hufen.

Unersttlich trachtet eure Seele nach Schtzen und Kleinodien, weil
eure Tugend unersttlich ist im Verschenken-Wollen.

Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne
zurckstrmen sollen als die Gaben eurer Liebe.

Wahrlich, zum Ruber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe
werden; aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.

Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde,
die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke
Selbstsucht.

Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glnzende; mit der Gier
des Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht
sie um den Tisch der Schenkenden.

Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von
siechem Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.

Sagt mir, meine Brder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes?
Ist es nicht _Entartung_? - Und auf Entartung rathen wir immer, wo die
schenkende Seele fehlt.

Aufwrts geht unser Weg, von der Art hinber zur ber-Art. Aber ein
Grauen ist uns der entartende Sinn, welcher spricht: "Alles fr mich."

Aufwrts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes,
einer Erhhung Gleichniss. Solcher Erhhungen Gleichnisse sind die
Namen der Tugenden.

Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein
Kmpfender. Und der Geist - was ist er ihm? Seiner Kmpfe und Siege
Herold, Genoss und Wiederhall.

Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Bse: sie sprechen nicht aus,
sie winken nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!

Achtet mir, meine Brder, auf jede Stunde, wo euer Geist in
Gleichnissen reden will: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Erhht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzckt er
den Geist, dass er Schpfer wird und Schtzer und Liebender und aller
Dinge Wohlthter.

Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und
eine Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wenn ihr erhaben seid ber Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen
befehlen will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer
Tugend.

Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den
Weichlichen euch nicht weit genug betten knnt: da ist der Ursprung
eurer Tugend.

Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.

Wahrlich, ein neues Gutes und Bses ist sie! Wahrlich, ein neues
tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!

Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und
um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange
der Erkenntniss.


2.

Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine
Jnger. Dann fuhr er also fort zu reden: - und seine Stimme hatte sich
verwandelt.

Bleibt mir der Erde treu, meine Brder, mit der Macht eurer Tugend!
Eure schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde!
Also bitte und beschwre ich euch.

Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flgeln gegen
ewige Wnde schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!

Fhrt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurck - ja,
zurck zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen
Menschen-Sinn!

Hundertfltig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend.
Ach, in unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff:
Leib und Wille ist er da geworden.

Hundertfltig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend.
Ja, ein Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an
uns Leib geworden!

Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an
uns aus. Gefhrlich ist es, Erbe zu sein.

Noch kmpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und ber
der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.

Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brder:
und aller Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr
Kmpfende sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!

Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhht er sich;
dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhhten wird die Seele
frhlich.

Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei
seine beste Hlfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil
macht.

Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschpft und
unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.

Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit
heimlichem Flgelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.

Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk
sein: aus euch, die ihr euch selber auswhltet, soll ein auserwhltes
Volk erwachsen: - und aus ihm der bermensch.

Wahrlich, eine Sttte der Genesung soll noch die Erde werden! Und
schon liegt ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, - und eine
neue Hoffnung!


3.

Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der
nicht sein letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd
in seiner Hand. Endlich sprach er also: - und seine Stimme hatte sich
verwandelt.

Allein gehe ich nun, meine Jnger! Auch ihr geht nun davon und allein!
So will ich es.

Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
Zarathustra! Und besser noch: schmt euch seiner! Vielleicht betrog er
euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern
auch seine Freunde hassen knnen.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schler
bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfllt?
Htet euch, dass euch nicht eine Bildsule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!
Ihr seid meine Glubigen: aber was liegt an allen Glubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
Glubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.

Wahrlich, mit andern Augen, meine Brder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.

Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer
Hoffnung: dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den
grossen Mittag mit euch feiere.

Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn
steht zwischen Thier und bermensch und seinen Weg zum Abende als
seine hchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen
Morgen.

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein
Hinbergehender sei; und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im
Mittage stehn.

"Todt sind alle Gtter: nun wollen wir, dass der bermensch lebe." -
diess sei einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -

Also sprach Zarathustra.




Zweiter Theil

"- und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch
wiederkehren.

Wahrlich, mit andern _Augen_, meine Brder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben".

Zarathustra, von der schenkenden Tugend



Das Kind mit dem Spiegel

Hierauf gieng Zarathustra wieder zurck in das Gebirge und in die
Einsamkeit seiner Hhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich
einem Semann, der seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber
wurde voll von Ungeduld und Begierde nach Denen, welche er liebte:
denn er hatte ihnen noch Viel zu geben. Diess nmlich ist das
Schwerste, aus Liebe die offne Hand schliessen und als Schenkender die
Scham bewahren.

Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber
wuchs und machte ihm Schmerzen durch ihre Flle.

Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenrthe auf, besann
sich lange auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:

Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat
nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?

"Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!"

Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz
war erschttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels
Fratze und Hohnlachen.

Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine
_Lehre_ ist in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen!

Meine Feinde sind mchtig worden und haben meiner Lehre Bildniss
entstellt, also, dass meine Liebsten sich der Gaben schmen mssen,
die ich ihnen gab.

Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine
Verlornen zu suchen! -

Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein
Gengstigter, der nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und
Snger, welchen der Geist anfllt. Verwundert sahen sein Adler und
seine Schlange auf ihn hin: denn gleich dem Morgenrothe lag ein
kommendes Glck auf seinem Antlitze.

Was geschah mir doch, meine Thiere? - sagte Zarathustra. Bin ich nicht
verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?

Thricht ist mein Glck und Thrichtes wird es reden: zu jung noch ist
es - so habt Geduld mit ihm!

Verwundet bin ich von meinem Glcke: alle Leidenden sollen mir Arzte
sein!

Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden!
Zarathustra darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste
thun!

Meine ungeduldige Liebe fliesst ber in Strmen, abwrts, nach Aufgang
und Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes
rauscht meine Seele in die Thler.

Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehrte
ich der Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.

Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen
Felsen: hinab will ich meine Rede strzen in die Thler.

Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames strzen! Wie sollte ein
Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!

Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber
mein Strom der Liebe reisst ihn mit sich hinab - zum Meere!

Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; mde wurde ich, gleich
allen Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf
abgelaufnen Sohlen wandeln.

Zu langsam luft mir alles Reden: - in deinen Wagen springe ich,
Sturm! Und auch dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!

Wie ein Schrei und ein jauchzen will ich ber weite Meere hinfahren,
bis ich die glckseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen: -

Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur
reden darf! Auch meine Feinde gehren zu meiner Seligkeit.

Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein
Speer immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter
Diener: -

Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es
meinen Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf!

Zu gross war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelchtern der Blitze
will ich Hagelschauer in die Tiefe werfen.

Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm
ber die Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.

Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glck und meine Freiheit!
Aber meine Feinde sollen glauben, _der_Bse_ rase ber ihren Huptern.

Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden
Weisheit; und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden.

Ach, dass ich's verstnde, euch mit Hirtenflten zurck zu locken!
Ach, dass meine Lwin Weisheit zrtlich brllen lernte! Und Vieles
lernten wir schon mit einander!

Meine wilde Weisheit wurde trchtig auf einsamen Bergen; auf rauhen
Steinen gebar sie ihr Junges, Jngstes.

Nun luft sie nrrisch durch die harte Wste und sucht und sucht nach
sanftem Rasen - meine alte wilde Weisheit!

Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! - auf eure Liebe mchte
sie ihr Liebstes betten!

Also sprach Zarathustra.



Auf den glckseligen Inseln

Die Feigen fallen von den Bumen, sie sind gut und sss; und indem
sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen
Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun
trinkt ihren Saft und ihr ssses Fleisch! Herbst ist es umher und
reiner Himmel und Nachmittag.

Seht, welche Flle ist um uns! Und aus dem berflusse heraus ist es
schn hinaus zu blicken auf ferne Meere.

Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber
lehrte ich euch sagen: bermensch.

Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht
weiter reiche, als euer schaffender Wille.

Knntet ihr einen Gott _schaffen_? - So schweigt mir doch von allen
Gttern! Wohl aber knntet ihr den bermenschen schaffen.

Nicht ihr vielleicht selber, meine Brder! Aber zu Vtern und
Vorfahren knntet ihr euch umschaffen des bermenschen: und Diess sei
euer bestes Schaffen! -

Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen
begrenzt sei in der Denkbarkeit.

Knntet ihr einen Gott _denken_? - Aber diess bedeute euch Wille
zur Wahrheit, dass Alles verwandelt werde in Menschen - Denkbares,
Menschen - Sichtbares, Menschen - Fhlbares! Eure eignen Sinne sollt
ihr zu Ende denken!

Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden:
eure Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber
werden! Und wahrlich, zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!

Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr
Erkennenden? Weder in's Unbegreifliche drftet ihr eingeboren sein,
noch in's Unvernnftige.

Aber dass ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: _wenn_ es
Gtter gbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! _Also_ giebt es
keine Gtter.

Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich. -

Gott ist eine Muthmaassung: aber wer trnke alle Qual dieser
Muthmaassung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube
genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?

Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und Alles, was
steht, drehend. Wie? Die Zeit wre hinweg, und alles Vergngliche nur
Lge?

Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und
noch dem Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse
ich's, Solches zu muthmaassen.

Bse heisse ich's und menschenfeindlich: all diess Lehren vom Einen
und Vollen und Unbewegten und Satten und Unvergnglichen!

Alles Unvergngliche - das ist nur ein Gleichniss! Und die Dichter
lgen zuviel. -

Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob
sollen sie sein und eine Rechtfertigung aller Vergnglichkeit!

Schaffen - das ist die grosse Erlsung vom Leiden, und des Lebens
Leichtwerden. Aber dass der Schaffende sei, dazu selber thut Leid noth
und viel Verwandelung.

Ja, viel bitteres Sterben muss in eurem Leben sein, ihr Schaffenden!
Also seid ihr Frsprecher und Rechtfertiger aller Vergnglichkeit.

Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu
muss er auch die Gebrerin sein wollen und der Schmerz der Gebrerin.

Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert
Wiegen und Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne
die herzbrechenden letzten Stunden.

Aber so will's mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, dass
ich's euch redlicher sage: solches Schicksal gerade - will mein Wille.

Alles Fhlende leidet an mir und ist in Gefngnissen: aber mein Wollen
kommt mir stets als mein Befreier und Freudebringer.

Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit - so
lehrt sie euch Zarathustra.

Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schtzen und Nicht-mehr-schaffen!
ach, dass diese grosse Mdigkeit mir stets ferne bleibe!

Auch im Erkennen fhle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust;
und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil
Wille zur Zeugung in ihr ist.

Hinweg von Gott und Gttem lockte mich dieser Wille; was wre denn zu
schaffen, wenn Gtter - da wren!

Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrnstiger
Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.

Ach, ihr Menschen, im Steine schlft mir ein Bild, das Bild meiner
Bilder! Ach, dass es im hrtesten, hsslichsten Steine schlafen muss!

Nun wthet mein Hammer grausam gegen sein Gefngniss. Vom Steine
stuben Stcke: was schiert mich das?

Vollenden will ich's: denn ein Schatten kam zu mir - aller Dinge
Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!

Des bermenschen Schnheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brder!
Was gehen mich noch - die Gtter an! -

Also sprach Zarathustra.



Von den Mitleidigen

Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: "seht nur
Zarathustra! Wandelt er nicht unter uns wie unter Thieren?"

Aber so ist es besser geredet: "der Erkennende wandelt unter Menschen
_als_ unter Thieren."

Der Mensch selber aber heisst dem Erkennenden: das Thier, das rothe
Backen hat.

Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schmen
mssen?

Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham - das
ist die Geschichte des Menschen!

Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu beschmen: Scham gebeut er
sich vor allem Leidenden.

Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem
Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.

Muss ich mitleidig sein, so will ich's doch nicht heissen; und wenn
ich's bin, dann gern aus der Ferne.

Gerne verhlle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch
erkannt bin: und also heisse ich euch thun, meine Freunde!

Mge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, ber den Weg
fhren, und Solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein
sein _darf_!

Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres
schien ich mir stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen.

Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das
allein, meine Brder, ist unsre Erbsnde!

Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern
wehe zu thun und Wehes auszudenken.

Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische
ich mir auch noch die Seele ab.

Denn dass ich den Leidenden leidend sah, dessen schmte ich mich um
seiner Scham willen; und als ich ihm half, da vergieng ich mich hart
an seinem Stolze.

Grosse Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachschtig;
und wenn die kleine Wohlthat nicht vergessen wird, so wird noch ein
Nage-Wurm daraus.

"Seid sprde im Annehmen! Zeichnet aus damit, dass ihr annehmt!" -
also rathe ich Denen, die Nichts zu verschenken haben.

Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den
Freunden. Fremde aber und Arme mgen sich die Frucht selber von meinem
Baume pflcken: so beschmt es weniger.

Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man rgert sich
ihnen zu geben und, rgert sich ihnen nicht zu geben.

Und insgleichen die Snder und bsen Gewissen! Glaubt mir, meine
Freunde: Gewissensbisse erziehn zum Beissen.

Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch
bs gethan, als klein gedacht!

Zwar ihr sagt: "die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche
grosse bse That." Aber hier sollte man nicht sparen wollen.

Wie ein Geschwr ist die bse That: sie juckt und kratzt und bricht
heraus, - sie redet ehrlich.

"Siehe, ich bin Krankheit" - so redet die bse That; das ist ihre
Ehrlichkeit.

Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt
sich und will nirgendswo sein - bis der ganze Leib morsch und welk ist
vor kleinen Pilzen.

Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich diess Wort in's Ohr:
"besser noch, du ziehest deinen Teufel gross! Auch fr dich giebt es
noch einen Weg der Grsse!" -

Ach, meine Brder! Man weiss von Jedermann Etwas zu viel! Und Mancher
wird uns durchsichtig, aber desshalb knnen wir noch lange nicht durch
ihn hindurch.

Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.

Und nicht gegen Den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten,
sondern gegen Den, welcher uns gar Nichts angeht.

Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine
Ruhesttte, doch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du
ihm am besten ntzen.

Und thut dir ein Freund bles, so sprich: "ich vergebe dir, was du
mir thatest; dass du es aber _dir_ thatest, - wie knnte ich das
vergeben!"

Also redet alle grosse Liebe: die berwindet auch noch Vergebung und
Mitleiden.

Man soll sein Herz festhalten; denn lsst man es gehn, wie bald geht
Einem da der Kopf durch!

Ach, wo in der Welt geschahen grssere Thorheiten, als bei den
Mitleidigen? Und was in der Welt stiftete mehr Leid, als die
Thorheiten der Mitleidigen?

Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Hhe haben, welche ber
ihrem Mitleiden ist!

Also sprach der Teufel einst zu mir: "auch Gott hat seine Hlle: das
ist seine Liebe zu den Menschen."

Und jngst hrte ich ihn diess Wort sagen: "Gott ist todt; an seinem
Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben." -

So seid mir gewarnt vordem Mitleiden: _daher_ kommt noch den Menschen
eine schwere Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!

Merket aber auch diess Wort: alle grosse Liebe ist noch ber all ihrem
Mitleiden: denn sie will das Geliebte noch - schaffen!

"Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nchsten gleich
mir" - so geht die Rede allen Schaffenden.

Alle Schaffenden aber sind hart. -

Also sprach Zarathustra.



Von den Priestern

Und einstmals gab Zarathustra seinen Jngern ein Zeichen und sprach
diese Worte zu ihnen:

"Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir
still an ihnen vorber und mit schlafendem Schwerte!

Auch unter ihnen sind Helden; Viele von ihnen litten zuviel -: so
wollen sie Andre leiden machen.

Bse Feinde sind sie: Nichts ist rachschtiger als ihre Demuth. Und
leicht besudelt sich Der, welcher sie angreift.

Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch
noch in dem ihren geehrt wissen." -

Und als sie vorber gegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an;
und nicht lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also
an zu reden:

Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den
Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen
bin.

Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und
Abgezeichnete. Der, welchen sie Erlser nennen, schlug sie in
Banden: -

In Banden falscher Werthe und Wahn-Worte! Ach dass Einer sie noch von
ihrem Erlser erlste!

Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie
herumriss; aber siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!

Falsche Werthe und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer fr
Sterbliche, - lange schlft und wartet in ihnen das Verhngniss.

Aber endlich kommt es und wacht und frisst und schlingt, was auf ihm
sich Htten baute.

Oh seht mir doch diese Htten an, die sich diese Priester bauten!
Kirchen heissen sie ihre sssduftenden Hhlen.

Oh ber diess verflschte Licht, diese versumpfte Luft! Hier, wo die
Seele zu ihrer Hhe hinauf - nicht fliegen darf!

Sondern also gebietet ihr Glaube: "auf den Knien die Treppe hinan, ihr
Snder!"

Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten
Augen ihrer Scham und Andacht!

Wer schuf sich solche Hhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche,
die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schmten?

Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt,
und hinab auf Gras und rothen Mohn an zerbrochnen Mauern, - will ich
den Sttten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.

Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe that: und wahrlich,
es war viel Helden-Art in ihrer Anbetung!

Und nicht anders wussten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den
Menschen an's Kreuz schlugen!

Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren
Leichnam aus; auch aus ihren Reden rieche ich noch die ble Wrze von
Todtenkammern.

Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen
heraus die Unke ihr Lied mit sssem Tiefsinne singt.

Bessere Lieder mssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlser
glauben lerne: erlster mssten mir seine jnger aussehen!

Nackt mchte ich sie sehn: denn allein die Schnheit sollte Busse
predigen. Aber wen berredet wohl diese vermummte Trbsal!

Wahrlich, ihre Erlser selber kamen nicht aus der Freiheit und der
Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf
den Teppichen der Erkenntniss!

Aus Lcken bestand der Geist dieser Erlser; aber in jede Lcke hatten
sie ihren Wahn gestellt, ihren Lckenbsser, den sie Gott nannten.

In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen
und berschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine grosse
Thorheit.

Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Heerde ber ihren Steg: wie
als ob es zur Zukunft nur Einen Steg gbe! Wahrlich, auch diese Hirten
gehrten noch zu den Schafen!

Kleine Geister und umfngliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine
Brder, was fr kleine Lnder waren bisher auch die umfnglichsten
Seelen!

Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre
Thorheit lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.

Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die
reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.

Und wenn Einer durch's Feuer geht fr seine Lehre, - was beweist
diess! Mehr ist's wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre
kommt!

Schwles Herz und kalter Kopf: wo diess zusammentrifft, da entsteht
der Brausewind, der "Erlser".

Grssere gab es wahrlich und Hher-Geborene, als Die, welche das Volk
Erlser nennt, diese hinreissenden Brausewinde!

Und noch von Grsseren, als alle Erlser waren, msst ihr, meine
Brder, erlst werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!

Niemals noch gab es einen bermenschen. Nackt sah ich Beide, den
grssten und den kleinsten Menschen: -

Allzuhnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Grssten fand
ich - allzumenschlich!

Also sprach Zarathustra.



Von den Tugendhaften

Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und
schlafenden Sinnen reden.

Aber der Schnheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die
aufgewecktesten Seelen.

Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schnheit
heiliges Lachen und Beben.

ber euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schnheit. Und also kam
ihre Stimme zu mir: "sie wollen noch - bezahlt sein!"

Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn fr Tugend
und Himmel fr Erden und Ewiges fr euer Heute haben?

Und nun zrnt ihr mir, dass ich lehre, es giebt keinen Lohn- und
Zahlmeister? Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, dass Tugend ihr
eigener Lohn ist.

Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und
Strafe hineingelogen - und nun auch noch in den Grund eurer Seelen,
ihr Tugendhaften!

Aber dem Rssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen
aufreissen; Pflugschar will ich euch heissen.

Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an's Licht; und wenn ihr
aufgewhlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lge von
eurer Wahrheit ausgeschieden sein.

Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid _zu_reinlich_ fr den Schmutz
der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.

Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hrte man,
dass eine Mutter bezahlt sein wollte fr ihre Liebe?

Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in
euch: sich selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder
Ring.

Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend:
immer ist sein Licht noch unterwegs und wandert - und wann wird es
nicht mehr unterwegs sein?

Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk
gethan ist. Mag es nun vergessen und todt sein: sein Strahl von Licht
lebt noch und wandert.

Dass eure Tugend euer Selbst sei und nicht ein Fremdes, eine Haut,
eine Bemntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr
Tugendhaften! -

Aber wohl giebt es Solche, denen Tugend der Krampf unter einer
Peitsche heisst: und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehrt!

Und Andre giebt es, die heissen Tugend das Faulwerden ihrer Laster;
und wenn ihr Hass und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken,
wird ihre "Gerechtigkeit" munter und reibt sich die verschlafenen
Augen.

Und Andre giebt es, die werden abwrts gezogen: ihre Teufel ziehn sie.
Aber je mehr sie sinken, um so glhender leuchtet ihr Auge und die
Begierde nach ihrem Gotte.

Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: was
ich _nicht_ bin, das, das ist mir Gott und Tugend!

Und Andre giebt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich
Wgen, die Steine abwrts fahren: die reden viel von Wrde und Tugend,
- ihren Hemmschuh heissen sie Tugend!

Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen
wurden; sie machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak - Tugend
heisse.

Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde,
werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei
noch schnurren!

Und Andre sind stolz ber ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen
um ihrerwillen Frevel an allen Dingen: also dass die Welt in ihrer
Ungerechtigkeit ertrnkt wird.

Ach, wie bel ihnen das Wort "Tugend" aus dem Munde luft! Und wenn
sie sagen: "ich bin gerecht," so klingt es immer gleich wie: "ich bin
gercht!"

Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und
sie erheben sich nur, um Andre zu erniedrigen.

Und wiederum giebt es Solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden
also heraus aus dem Schilfrohr: "Tugend - das ist still im Sumpfe
sitzen.

Wir beissen Niemanden und gehen Dem aus dem Wege, der beissen will;
und in Allem haben wir die Meinung, die man uns giebt."

Und wiederum giebt es Solche, die lieben Gebrden und denken: Tugend
ist eine Art Gebrde.

Ihre Kniee beten immer an, und ihre Hnde sind Lobpreisungen der
Tugend, aber ihr Herz weiss Nichts davon.

Und wiederum giebt es Solche, die halten es fr Tugend, zu sagen:
"Tugend ist nothwendig"; aber sie glauben im Grunde nur daran, dass
Polizei nothwendig ist.

Und Mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es
Tugend, dass er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heisst er seinen
bsen Blick Tugend.

Und Einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heissen es Tugend;
und Andre wollen umgeworfen sein - und heissen es auch Tugend.

Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend;
und zum Mindesten will ein jeder Kenner sein ber "gut" und "bse".

Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lgnern und Narren zu
sagen: "was wisst _ihr_ von Tugend! Was _knntet_ ihr von Tugend
wissen!" -

Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte mde wrdet, welche
ihr von den Narren und Lgnern gelernt habt:

Mde wrdet der Worte "Lohn," "Vergeltung," "Strafe," "Rache in der
Gerechtigkeit" -

Mde wrdet zu sagen: "dass eine Handlung gut ist, das macht, sie ist
selbstlos."

Ach, meine Freunde! Dass _euer_ Selbst in der Handlung sei, wie die
Mutter im Kinde ist: das sei mir _euer_ Wort von Tugend!

Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste
Spielwerke; und nun zrnt ihr mir, wie Kinder zrnen.

Sie spielten am Meere, - da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk
in die Tiefe: nun weinen sie.

Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte
Muscheln vor sie hin ausschtten!

So werden sie getrstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine
Freunde, eure Trstungen haben - und neue bunte Muscheln! -

Also sprach Zarathustra.



Vom Gesindel

Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da
sind alle Brunnen vergiftet.

Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Muler
nicht sehn und den Durst der Unreinen.

Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glnzt mir ihr widriges
Lcheln herauf aus dem Brunnen.

Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lsternheit; und als
sie ihre schmutzigen Trume Lust nannten, vergifteten sie auch noch
die Worte.

Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen an's Feuer
legen; der Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel an's Feuer
tritt.

Ssslich und bermrbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfllig und
wipfeldrr macht ihr Blick den Fruchtbaum.

Und Mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel
ab: er wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel
theilen.

Und Mancher, der in die Wste gieng und mit Raubthieren Durst litt,
wollte nur nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne
sitzen.

Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag
allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen
setzen und also seinen Schlund stopfen.

Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten wrgte, zu
wissen, dass das Leben selber Feindschaft nthig hat und Sterben und
Marterkreuze: -

Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat
das Leben auch das Gesindel _nthig_?

Sind vergiftete Brunnen nthig und stinkende Feuer und beschmutzte
Trume und Maden im Lebensbrode?

Nicht mein Hass, sondern mein Ekel frass mir hungrig am Leben! Ach,
des Geistes wurde ich oft mde, als ich auch das Gesindel geistreich
fand!

Und den Herrschenden wandt'ich den Rcken, als ich sah, was sie jetzt
Herrschen nennen: schachern und markten um Macht - mit dem Gesindel!

Unter Vlkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: dass
mir ihres Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.

Und die Nase mir haltend, gieng ich unmuthig durch alles Gestern
und Heute: wahrlich, bel riecht alles Gestern und Heute nach dem
schreibenden Gesindel!

Einem Krppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte
ich lange, dass ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel
lebte.

Mhsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust
waren sein Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.

Was geschah mir doch? Wie erlste ich mich vom Ekel? Wer verjngte
mein Auge? Wie erflog ich die Hhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen
sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flgel und quellenahnende Krfte?
Wahrlich, in's Hchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust
wiederfnde!

Oh, ich fand ihn, meine Brder! Hier im Hchsten quillt mir der Born
der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!

Fast zu heftig strmst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
Becher wieder, dadurch dass du ihn fllen willst!

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig
strmt dir noch mein Herz entgegen: -

Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,
schwermthige, berselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner
Khle!

Vorbei die zgernde Trbsal meines Frhlings! Vorber die Bosheit
meiner Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!

Ein Sommer im Hchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh
kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn diess
ist _unsre_ Hhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier
allen Unreinen und ihrem Durste. Werft nur eure reinen Augen in den
Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trbe werden!
Entgegenlachen soll er euch mit _seiner_ Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen
Speise bringen in ihren Schnbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen drften! Feuer
wrden sie zu fressen whnen und sich die Muler verbrennen!

Wahrlich, keine Heimsttten halten wir hier bereit fr Unsaubere!
Eishhle wrde ihren Leibern unser Glck heissen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir ber ihnen leben, Nachbarn den Adlern,
Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit
meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und
solchen Rath rth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:
htet euch _gegen_ den Wind zu speien!

Also sprach Zarathustra.



Von den Taranteln

Siehe, das ist der Tarantel Hhle! Willst du sie selber sehn? Hier
hngt ihr Netz: rhre daran, dass es erzittert.

Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem
Rcken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiss auch, was in deiner
Seele sitzt.

Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beissest, da wchst schwarzer
Schorf; mit Rache macht dein Gift die Seele drehend!

Also rede ich zu euch im Gleichniss, die ihr die Seelen drehend macht,
ihr Prediger der _Gleichheit_! Taranteln seid ihr mir und versteckte
Rachschtige!

Aber ich will eure Verstecke schon an's Licht bringen: darum lache ich
euch in's Antlitz mein Gelchter der Hhe.

Darum reisse ich an eurem Netze, dass eure Wuth euch aus eurer
Lgen-Hhle locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort
"Gerechtigkeit."

Denn dass der Mensch erlst werde von der Rache: das ist mir die
Brcke zur hchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.

Aber anders wollen es freilich die Taranteln. "Das gerade heisse uns
Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer
Rache" - also reden sie mit einander.

"Rache wollen wir ben und Beschimpfung an Allen, die uns nicht gleich
sind" - so geloben sich die Tarantel-Herzen.

"Und `Wille zur Gleichheit` - das selber soll frderhin der Name
fr Tugend werden; und gegen Alles, was Macht hat, wollen wir unser
Geschrei erheben!"

Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht
schreit also aus euch nach "Gleichheit": eure heimlichsten
Tyrannen-Gelste vermummen sich also in Tugend-Worte!

Vergrmter Dnkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Vter Dnkel und
Neid: aus euch bricht's als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.

Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich
den Sohn als des Vaters entblsstes Geheimniss.

Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie
begeistert, - sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden,
ist's nicht der Geist, sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.

Ihre Eifersucht fhrt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das
Merkmal ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Mdigkeit
sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss.

Aus jeder ihrer Klagen tnt Rache, in jedem ihrer Lobsprche ist ein
Wehethun; und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.

Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen
der Trieb, zu strafen, mchtig ist!

Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt
der Henker und der Sprhund.

Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden!
Wahrlich, ihren Seelen fehlt es nicht nur an Honig.

Und wenn sie sich selber "die Guten und Gerechten" nennen, so vergesst
nicht, dass ihnen zum Phariser Nichts fehlt als - Macht!

Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.

Es giebt Solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind
sie Prediger der Gleichheit und Taranteln.

Dass sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Hhle
sitzen, diese Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie
wollen damit wehethun.

Solchen wollen sie damit wehethun, die jetzt die Macht haben: denn bei
diesen ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.

Wre es anders, so wrden die Taranteln anders lehren: und gerade sie
waren ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.

Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und
verwechselt sein. Denn so redet _mir_ die Gerechtigkeit: "die Menschen
sind nicht gleich."

Und sie sollen es auch nicht werden! Was wre denn meine Liebe zum
bermenschen, wenn ich anders sprche?

Auf tausend Brcken und Stegen sollen sie sich drngen zur Zukunft,
und immer mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein:
so lsst mich meine grosse Liebe reden!

Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren
Feindschaften, und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch
gegeneinander den hchsten Kampf kmpfen!

Gut und Bse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen
der Werthe: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass
das Leben sich immer wieder selber berwinden muss!

In die Hhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben
selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen
Schnheiten, - _darum_ braucht es Hhe!

Und weil es Hhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen
und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich berwinden.

Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Hhle ist,
heben sich eines alten Tempels Trmmer aufwrts, - seht mir doch mit
erleuchteten Augen hin!

Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach Oben thrmte, um
das Geheimniss alles Lebens wusste er gleich dem Weisesten!

Dass Kampf und Ungleiches auch noch in der Schnheit sei und Krieg um
Macht und bermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichniss.

Wie sich gttlich hier Gewlbe und Bogen brechen, im Ringkampfe:
wie mit Licht und Schatten sie wider einander streben, die
gttlich-Strebenden -

Also sicher und schn lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde!
Gttlich wollen wir _wider_ einander streben! -

Wehe! Da biss mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Gttlich
sicher und schn biss sie mich in den Finger!

"Strafe muss sein und Gerechtigkeit - so denkt sie: nicht umsonst soll
er hier der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!"

Ja, sie hat sich gercht! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch
meine Seele drehend machen!

Dass ich mich aber _nicht_ drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier
an diese Sule! Lieber noch Sulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel
der Rachsucht!

Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein
Tnzer ist, nimmermehr doch ein Tarantel-Tnzer! -

Also sprach Zarathustra.



Von den berhmten Weisen

Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berhmten
Weisen alle! - und _nicht_ der Wahrheit! Und gerade darum zollte man
euch Ehrfurcht.

Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg
war zum Volke. So lsst der Herr seine Sclaven gewhren und ergtzt
sich noch an ihrem bermuthe.

Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der
freie Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wldern
Hausende.

Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe - das hiess immer dem Volke "Sinn
fr das Rechte": gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten
Hunde.

"Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den
Suchenden!" - also scholl es von jeher.

Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das
hiesset ihr "Wille zur Wahrheit," ihr berhmten Weisen!

Und euer Herz sprach immer zu sich: "vom Volke kam ich: von dort her
kam mir auch Gottes Stimme."

Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes
Frsprecher.

Und mancher Mchtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor
seine Rosse noch - ein Eselein, einen berhmten Weisen.

Und nun wollte ich, ihr berhmten Weisen, ihr wrfet endlich das Fell
des Lwen ganz von euch!

Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des
Forschenden, Suchenden, Erobernden!

Ach, dass ich an eure "Wahrhaftigkeit" glauben lerne, dazu msstet ihr
mir erst euren verehrenden Willen zerbrechen.

Wahrhaftig - so heisse ich Den, der in gtterlose Wsten geht und sein
verehrendes Herz zerbrochen hat.

Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig
nach den quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bumen
ruht.

Aber sein Durst berredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu
werden: denn wo Oasen sind, da sind auch Gtzenbilder.

Hungernd, gewaltthtig, einsam, gottlos: so will sich selber der
Lwen-Wille.

Frei von dem Glck der Knechte, erlst von Gttern und Anbetungen,
furchtlos und frchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des
Wahrhaftigen.

In der Wste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister,
als der Wste Herren; aber in den Stdten wohnen die gutgeftterten,
berhmten Weisen, - die Zugthiere.

Immer nmlich ziehen sie, als Esel - des _Volkes_ Karren!

Nicht dass ich ihnen darob zrne: aber Dienende bleiben sie mir und
Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glnzen.

Und oft waren sie gute Diener und preiswrdige. Denn so spricht die
Tugend: musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am
besten ntzt!

"Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du
sein Diener bist: so wchsest du selber mit seinem Geiste und seiner
Tugend!"

Und wahrlich, ihr berhmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber
wuchset mit des Volkes Geist und Tugend - und das Volk durch euch! Zu
euren Ehren sage ich das!

Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blden
Augen, - Volk, das nicht weiss, was _Geist_ ist!

Geist ist das Leben, das selber in's Leben schneidet: an der eignen
Qual mehrt es sich das eigne Wissen, - wusstet ihr das schon?

Und des Geistes Glck ist diess: gesalbt zu sein und durch Thrnen
geweiht zum Opferthier, - wusstet ihr das schon?

Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch
von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute, - wusstet ihr das
schon?

Und mit Bergen soll der Erkennende _bauen_ lernen! Wenig ist es, dass
der Geist Berge versetzt, - wusstet ihr das schon?

Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der
er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!

Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger wrdet
ihr des Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!

Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee
werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die
Entzckungen seiner Klte nicht.

In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der
Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus fr schlechte
Dichter.

Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glck im Schrecken des
Geistes nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht ber Abgrnden
lagern.

Ihr seid mir Laue: aber kalt strmt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt
sind die innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Hnden und
Handelnden.

Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rcken, ihr
berhmten Weisen! - euch treibt kein starker Wind und Wille.

Saht ihr nie ein Segel ber das Meer gehn, gerndet und geblht und
zitternd vor dem Ungestm des Windes?

Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestm des Geistes, geht meine
Weisheit ber das Meer - meine wilde Weisheit!

Aber ihr Diener des Volkes, ihr berhmten Weisen, - wie _knntet_ ihr
mit mir gehn! -

Also sprach Zarathustra.



Das Nachtlied

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden.

Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine
Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der
Liebe.

Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wre! Aber diess ist meine
Einsamkeit, dass ich von Licht umgrtet bin.

Ach, dass ich dunkel wre und nchtig! Wie wollte ich an den Brsten
des Lichts saugen!

Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwrmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.

Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
zurck, die aus mir brechen.

Ich kenne das Glck des Nehmenden nicht; und oft trumte mir davon,
dass Stehlen noch seliger sein msse, als Nehmen.

Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
Nchte der Sehnsucht.

Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sttigung!

Sie nehmen von mir: aber rhre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
zwischen Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
berbrcken.

Ein Hunger wchst aus meiner Schnheit: wehethun mchte ich Denen,
welchen ich leuchte, berauben mchte ich meine Beschenkten: - also
hungere ich nach Bosheit.

Die Hand zurckziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
dem Wasserflle gleich zgernd, der noch im Sturze zgert: - also
hungere ich nach Bosheit.

Solche Rache sinnt meine Flle aus; solche Tcke quillt aus meiner
Einsamkeit.

Mein Glck im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
selber mde an ihrem berflusse!

Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere;
wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
Austheilen.

Mein Auge quillt nicht mehr ber vor der Scham der Bittenden; meine
Hand wurde zu hart fr das Zittern gefllter Hnde.

Wohin kam die Thrne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!

Viel Sonnen kreisen im den Rume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
mit ihrem Lichte, - mir schweigen sie.

Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes,
erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.

Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen, -
also wandelt jede Sonne.

Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr
Wandeln. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Klte.

Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nchtigen, die ihr Wrme
schafft aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus
des Lichtes Eutern!

Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!

Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nchtigem!
Und Einsamkeit!

Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach
Rede verlangt mich.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.

Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden. -

Also sang Zarathustra.



Das Tanzlied

Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jngern durch den Wald; und
als er nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grne
Wiese, die von Bumen und Gebsch still umstanden war: auf der tanzten
Mdchen mit einander. Sobald die Mdchen Zarathustra erkannten,
liessen sie vom Tanze ab; Zarathustra aber trat mit freundlicher
Gebrde zu ihnen und sprach diese Worte:

"Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mdchen! Kein Spielverderber
kam zu euch mit bsem Blick, kein Mdchen-Feind.

Gottes Frsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der
Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, gttlichen Tnzen feind sein?
Oder Mdchen-Fssen mit schnen Kncheln?

Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bume: doch wer sich vor
meinem Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhnge unter meinen
Cypressen.

Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mdchen der liebste
ist: neben dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.

Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er
wohl zu viel nach Schmetterlingen?

Zrnt mir nicht, ihr schnen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein
Wenig zchtige! Schreien wird er wohl und weinen, - aber zum Lachen
ist er noch im Weinen!

Und mit Thrnen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich
selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:

Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen
allerhchsten grossmchtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er `der
Herr der Welt` sei." -

Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die
Mdchen zusammen tanzten.

In dein Auge schaute ich jngst, oh Leben! Und in's Unergrndliche
schien ich mir da zu sinken.

Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spttisch lachtest du,
als ich dich unergrndlich nannte.

"So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was _sie_ nicht
ergrnden, ist unergrndlich.

Aber vernderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein
tugendhaftes:

Ob ich schon euch Mnnern `die Tiefe` heisse oder `die Treue`, `die
Ewige`, `die Geheimnissvolle.` -

Doch ihr Mnner beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden - ach, ihr
Tugendhaften!"

Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und
ihrem Lachen, wenn sie bs von sich selber spricht.

Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte
sie mir zornig: "Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein
_lobst_ du das Leben!"

Fast htte ich da bs geantwortet und der Zornigen die Wahrheit
gesagt; und man kann nicht bser antworten, als wenn man seiner
Weisheit "die Wahrheit sagt."

So nmlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur
das Leben - und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!

Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie
erinnert mich gar sehr an das Leben!

Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrthchen: was
kann ich dafr, dass die Beiden sich so hnlich sehen?

Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die Weisheit?
- da sagte ich eifrig: "Ach ja! die Weisheit!

Man drstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man
hascht durch Netze.

Ist sie schn? Was weiss ich! Aber die ltesten Karpfen werden noch
mit ihr gekdert.

Vernderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe
beissen und den Kamm wider ihres Haares Strich fhren.

Vielleicht ist sie bse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer;
aber wenn sie von sich selber schlecht spricht, da gerade verfhrt sie
am meisten."

Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die
Augen zu. "Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?

Und wenn du Recht httest, - sagt man _das_ mir so in's Gesicht! Aber
nun sprich doch auch von deiner Weisheit!"

Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und
in's Unergrndliche schien ich mir wieder zu sinken. -

Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mdchen
fortgegangen waren, wurde er traurig.

"Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist
feucht, von den Wldern her kommt Khle.

Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst
noch, Zarathustra?

Warum? Wofr? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu
leben? -

Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt
mir meine Traurigkeit!

Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!"

Also sprach Zarathustra.



Das Grablied

"Dort ist die Grberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Grber
meiner Jugend. Dahin will ich einen immergrnen Kranz des Lebens
tragen."

Also im Herzen beschliessend fuhr ich ber das Meer. -

Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der
Liebe alle, ihr gttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell!
Ich gedenke eurer heute wie meiner Todten.

Von euch her, meinen liebsten Todten, kommt mir ein ssser Geruch, ein
herz- und thrnenlsender. Wahrlich, er erschttert und lst das Herz
dem einsam Schiffenden.

Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende - ich der
Einsamste! Denn ich _hatte_ euch doch, und ihr habt mich noch: sagt,
wem fielen, wie mir, solche Rosenpfel vom Baume?

Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, blhend zu eurem
Gedchtnisse von bunten wildwachsenen Tugenden, oh ihr Geliebtesten!

Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden
Wunder; und nicht schchternen Vgeln gleich kamt ihr zu mir und
meiner Begierde - nein, als Trauende zu dem Trauenden!

Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu zrtlichen Ewigkeiten: muss
ich nun euch nach eurer Untreue heissen, ihr gttlichen Blicke und
Augenblicke: keinen andern Namen lernte ich noch.

Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Flchtlinge. Doch floht ihr
mich nicht, noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer
Untreue.

_Mich_ zu tdten, erwrgte man euch, ihr Singvgel meiner Hoffnungen!
Ja, nach euch, ihr Liebsten, schoss immer die Bosheit Pfeile - mein
Herz zu treffen!

Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und
mein Besessen-sein: _darum_ musstet ihr jung sterben und allzu frhe!

Nach dem Verwundbarsten, das ich besass, schoss man den Pfeil: das
waret ihr, denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem
Lcheln, das an einem Blick erstirbt!

Aber diess Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles
Menschen-Morden gegen Das, was ihr mir thatet!

Bseres thatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist;
Unwiederbringliches nahmt ihr mir: - also rede ich zu euch, meine
Feinde!

Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine
Gespielen nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Gedchtnisse lege
ich diesen Kranz und diesen Fluch nieder.

Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges
kurz, wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken
gttlicher Augen kam es mir nur, - als Augenblick!

Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: "gttlich sollen
mir alle Wesen sein."

Da berfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun
jene gute Stunde!

"Alle Tage sollen mir heilig sein" - so redete einst die Weisheit
meiner Jugend: wahrlich, einer frhlichen Weisheit Rede!

Aber da stahlt ihr Feinde mir meine Nchte und verkauftet sie zu
schlafloser Qual: ach, wohin floh nun jene frhliche Weisheit?

Einst begehrte ich nach glcklichen Vogelzeichen: da fhrtet ihr mir
ein Eulen-Unthier ber den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine
zrtliche Begierde?

Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine
Nahen und Nchsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes
Gelbniss?

Als Blinder gieng ich einst selige Wege: da warft ihr Unflath auf den
Weg des Blinden: und nun ekelte ihn des alten Blinden-Fusssteigs.

Und als ich mein Schwerstes that und meiner berwindungen Sieg
feierte: da machtet ihr Die, welche mich liebten, schrein, ich thue
ihnen am wehesten.

Wahrlich, das war immer euer Thun: ihr verglltet mir meinen besten
Honig und den Fleiss meiner besten Bienen.

Meiner Mildthtigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu;
um mein Mitleiden drngtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So
verwundetet ihr meine Tugend in ihrem Glauben.

Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure
"Frmmigkeit" ihre fetteren Gaben dazu: also dass im Dampfe eures
Fettes noch mein Heiligstes erstickte.

Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: ber alle Himmel
weg wollte ich tanzen. Da berredetet ihr meinen liebsten Snger.

Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an; ach, er tutete mir,
wie ein dsteres Horn, zu Ohren!

Mrderischer Snger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand
ich bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tnen meine
Verzckung!

Nur im Tanze weiss ich der hchsten Dinge Gleichniss zu reden: - und
nun blieb mir mein hchstes Gleichniss ungeredet in einen Gliedern!

Ungeredet und unerlst blieb mir die hchste Hoffnung! Und es starben
mir alle Gesichte und Trstungen meiner Jugend!

Wie ertrug ich's nur? Wie verwand und berwand ich solche Wunden? Wie
erstand meine Seele wieder aus diesen Grbern?

Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein
Felsensprengendes: das heisst _mein_Wille_. Schweigsam schreitet es
und unverndert durch die Jahre.

Seinen Gang will er gehn auf meinen Fssen, mein alter Wille;
herzenshart ist ihm der Sinn und unverwundbar.

Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da
und bist dir gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch
alle Grber!

In dir lebt auch noch das Unerlste meiner Jugend; und als Leben und
Jugend sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Trmmern.

Ja, noch bist du mir aller Grber Zertrmmerer: Heil dir, mein Wille!
Und nur wo Grber sind, giebt es Auferstehungen. -

Also sang Zarathustra. -



Von der Selbst-berwindung

"Wille zur Wahrheit" heisst ihr's, ihr Weisesten, was euch treibt und
brnstig macht?

Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heisse _ich_ euren Willen!

Alles Seiende wollt ihr erst denkbar _machen_: denn ihr zweifelt mit
gutem Misstrauen, ob es schon denkbar ist.

Aber es soll sich euch fgen und biegen! So will's euer Wille.
Glatt soll es werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und
Widerbild.

Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und
auch wenn ihr vom Guten und Bsen redet und von den Werthschtzungen.
Schaffen wollt ihr noch die Welt, vor der ihr knien knnt: so ist es
eure letzte Hoffnung und Trunkenheit.

Die Unweisen freilich, das Volk, - die sind gleich dem Flusse, auf
dem ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und
vermummt die Werthschtzungen.

Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens;
einen alten Willen zur Macht verrth mir, was vom Volke als gut und
bse geglaubt wird.

Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gste in diesen Nachen setzten
und ihnen Prunk und stolze Namen gaben, - ihr und euer herrschender
Wille!

Weiter trgt nun der Fluss euren Nachen: er _muss_ ihn tragen.
Wenig thut's, ob die gebrochene Welle schumt und zornig dem Kiele
widerspricht!

Nicht der Fluss ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bsen,
ihr Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht, - der
unerschpfte zeugende Lebens-Wille.

Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bsen: dazu will ich
euch noch mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.

Dem Lebendigen gieng ich nach, ich gieng die grssten und die
kleinsten Wege, dass ich seine Art erkenne.

Mit hundertfachem Spiegel fieng ich noch seinen Blick auf, wenn ihm
der Mund geschlossen war: dass sein Auge mir rede. Und sein Auge
redete mir.

Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hrte ich auch die Rede vom
Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.

Und diess ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber
gehorchen kann. So ist es des Lebendigen Art.

Diess aber ist das Dritte, was ich hrte: dass Befehlen schwerer ist,
als Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller
Gehorchenden trgt, und dass leicht ihn diese Last zerdrckt: -

Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets,
wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.

Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein
Befehlen bssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rcher und
Opfer werden.

Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was berredet das
Lebendige, dass es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam
bt?

Hrt mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prft es ernstlich, ob ich dem
Leben selber in's Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!

Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im
Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.

Dass dem Strkeren diene das Schwchere, dazu berredet es sein Wille,
der ber noch Schwcheres Herr sein will: dieser Lust allein mag es
nicht entrathen.

Und wie das Kleinere sich dem Grsseren hingiebt, dass es Lust und
Macht am Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grsste noch hin und
setzt um der Macht willen - das Leben dran.

Das ist die Hingebung des Grssten, dass es Wagniss ist und Gefahr und
um den Tod ein Wrfelspielen.

Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille,
Herr zu sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwchere in
die Burg und bis in's Herz dem Mchtigeren - und stiehlt da Macht.

Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es,
ich bin das, was sich immer selber berwinden muss.

"Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke,
zum Hheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein
Geheimniss.

Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und
wahrlich, wo es Untergang giebt und Bltterfallen, siehe, da opfert
sich Leben - um Macht!

Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke
Widerspruch: ach, wer meinen Willen errth, errth wohl auch, auf
welchen _krummen_ Wegen er gehen muss!

Was ich auch schaffe und wie ich's auch liebe, - bald muss ich Gegner
ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille.

Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines
Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Fssen
deines Willens zur Wahrheit!

Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom
`Willen zum Dasein`: diesen Willen - giebt es nicht!

Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist,
wie knnte das noch zum Dasein wollen!

Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben,
sondern - so lehre ich's dich - Wille zur Macht!

Vieles ist dem Lebenden hher geschtzt, als Leben selber; doch aus
dem Schtzen selber heraus redet - der Wille zur Macht!" -

Also lehrte mich einst das Leben: und daraus lse ich euch, ihr
Weisesten, noch das Rthsel eures Herzens.

Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Bses, das unvergnglich wre - das
giebt es nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder berwinden.

Mit euren Werthen und Worten von Gut und Bse bt ihr Gewalt, ihr
Werthschtzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele
Glnzen, Zittern und berwallen.

Aber eine strkere Gewalt wchst aus euren Werthen und eine neue
berwindung: an der zerbricht Ei und Eierschale.

Und wer ein Schpfer sein muss im Guten und Bsen: wahrlich, der muss
ein Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehrt das hchste Bse zur hchsten Gte: diese aber ist die
schpferische. -

Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist.
Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden
giftig.

Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen -
kann! Manches Haus giebt es noch zu bauen!

Also sprach Zarathustra.



Von den Erhabenen

Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er
scherzhafte Ungeheuer birgt!

Unerschtterlich ist meine Tiefe: aber sie glnzt von schwimmenden
Rthseln und Gelchtern.

Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Bsser des
Geistes: oh wie lachte meine Seele ob seiner Hsslichkeit!

Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn:
also stand er da, der Erhabene, und schweigsam:

Behngt mit hsslichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an
zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hiengen an ihm - aber noch sah
ich keine Rose.

Noch lernte er das Lachen nicht und die Schnheit. Finster kam dieser
Jger zurck aus dem Walde der Erkenntniss.

Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Thieren: aber aus seinem Ernste
blickt auch noch ein wildes Thier - ein unberwundenes!

Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag
diese gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen
Zurckgezognen.

Und ihr sagt mir, Freunde, dass nicht zu streiten sei ber Geschmack
und Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!

Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Wagschale und Wgender; und
wehe allem Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Wagschale und
Wgende leben wollte!

Wenn er seiner Erhabenheit mde wrde, dieser Erhabene: dann erst
wrde seine Schnheit anheben, - und dann erst will ich ihn schmecken
und schmackhaft finden.

Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er ber seinen
eignen Schatten springen - und, wahrlich! hinein in _seine_ Sonne.

Allzulange sass er im Schatten, die Wangen bleichten dem Bsser des
Geistes; fast verhungerte er an seinen Erwartungen.

Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem
Munde. Zwar ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die
Sonne gelegt.

Dem Stiere gleich sollte er thun; und sein Glck sollte nach Erde
riechen und nicht nach Verachtung der Erde.

Als weissen Stier mchte ich ihn sehn, wie er schnaubend und brllend
der Pflugschar vorangeht: und sein Gebrll sollte noch alles Irdische
preisen!

Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm.
Verschattet ist noch der Sinn seines Auges.

Seine That selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt
den Handelnden. Noch hat er seine That nicht berwunden.

Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch
noch das Auge des Engels sehn.

Auch seinen Helden-Willen muss er noch verlernen: ein Gehobener soll
er mir sein und nicht nur ein Erhabener: - der ther selber sollte ihn
heben, den Willenlosen!

Er bezwang Unthiere, er lste Rthsel: aber erlsen sollte er auch
noch seine Unthiere und Rthsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie
noch verwandeln.

Noch hat seine Erkenntniss nicht lcheln gelernt und ohne Eifersucht
sein; noch ist seine strmende Leidenschaft nicht stille geworden in
der Schnheit.

Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und
untertauchen, sondern in der Schnheit! Die Anmuth gehrt zur
Grossmuth des Grossgesinnten.

Den Arm ber das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte
er auch noch sein Ausruhen berwinden.

Aber gerade dem Helden ist das _Schne_ aller Dinge Schwerstes.
Unerringbar ist das Schne allem heftigen Willen.

Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist
hier das Meiste.

Mit lssigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das
Schwerste euch Allen, ihr Erhabenen!

Wenn die Macht gndig wird und herabkommt in's Sichtbare: Schnheit
heisse ich solches Herabkommen.

Und von Niemandem will ich so als von dir gerade Schnheit, du
Gewaltiger: deine Gte sei deine letzte Selbst- berwltigung.

Alles Bse traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.

Wahrlich, ich lachte oft der Schwchlinge, welche sich gut glauben,
weil sie lahme Tatzen haben!

Der Sule Tugend sollst du nachstreben: schner wird sie immer und
zarter, aber inwendig hrter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.

Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schn sein und deiner eignen
Schnheit den Spiegel vorhalten.

Dann wird deine Seele vor gttlichen Begierden schaudern; und Anbetung
wird noch in deiner Eitelkeit sein!

Diess nmlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held
verlassen hat, naht ihr, im Traume, - der ber-Held.

Also sprach Zarathustra.



Vom Lande der Bildung

Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen berfiel mich.

Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger
Zeitgenosse.

Da floh ich rckwrts, heimwrts - und immer eilender: so kam ich zu
euch, ihr Gegenwrtigen, und in's Land der Bildung.

Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit fr euch, und gute Begierde:
wahrlich, mit Sehnsucht im Herzen kam ich.

Aber wie geschah mir? So angst mir auch war, - ich musste lachen! Nie
sah mein Auge etwas so Buntgesprenkeltes!

Ich lachte und lachte, whrend der Fuss mir noch zitterte und das Herz
dazu: "hier ist ja die Heimat aller Farbentpfe!" - sagte ich.

Mit fnfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so sasset ihr da zu
meinem Staunen, ihr Gegenwrtigen!

Und mit fnfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten
und nachredeten!

Wahrlich, ihr knntet gar keine bessere Maske tragen, ihr
Gegenwrtigen, als euer eignes Gesicht ist! Wer knnte euch -
_erkennen_!

Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese
Zeichen berpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut
versteckt vor allen Zeichendeutern!

Und wenn man auch Nierenprfer ist: wer glaubt wohl noch, dass ihr
Nieren habt! Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten
Zetteln.

Alle Zeiten und Vlker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten
und Glauben reden bunt aus euren Gebrden.

Wer von euch Schleier und berwrfe und Farben und Gebrden abzge:
gerade genug wrde er brig behalten, um die Vgel damit zu
erschrecken.

Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt
sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe
zuwinkte.

Lieber wollte ich doch noch Tagelhner sein in der Unterwelt und bei
den Schatten des Ehemals! - feister und voller als ihr sind ja noch
die Unterweltlichen!

Diess, ja diess ist Bitterniss meinen Gedrmen, dass ich euch weder
nackt, noch bekleidet aushalte, ihr Gegenwrtigen!

Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vgeln Schauder
machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure
"Wirklichkeit".

Denn so sprecht ihr: "Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und
Aberglauben": also brstet ihr euch - ach, auch noch ohne Brste!

Ja, wie solltet ihr glauben _knnen_, ihr Buntgesprenkelten! - die ihr
Gemlde seid von Allem, was je geglaubt wurde!

Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller
Gedanken Gliederbrechen. _Unglaubwrdige_: also heisse _ich_ euch, ihr
Wirklichen!

Alle Zeiten schwtzen wider einander in euren Geistern; und aller
Zeiten Trume und Geschwtz waren wirklicher noch als euer Wachsein
ist!

Unfruchtbare seid ihr: _darum_ fehlt es euch an Glauben. Aber
wer schaffen musste, der hatte auch immer seine Wahr-Trume und
Stern-Zeichen - und glaubte an Glauben! -

Halboffne Thore seid ihr, an denen Todtengrber warten. Und das ist
_eure_ Wirklichkeit: "Alles ist werth, dass es zu Grunde geht."

Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen!
Und Mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.

Und er sprach: "es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich
Etwas entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden!

Wundersam ist die Armuth meiner Rippen!" also sprach schon mancher
Gegenwrtige.

Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenwrtigen! Und sonderlich, wenn
ihr euch ber euch selber wundert!

Und wehe mir, wenn ich nicht lachen knnte ber eure Verwunderung, und
alles Widrige aus euren Npfen hinunter trinken msste!

So aber will ich's mit euch leichter nehmen, da ich _Schweres_ zu
tragen habe; und was thut's mir, wenn sich Kfer und Flgelwrmer noch
auf mein Bndel setzen!

Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch,
ihr Gegenwrtigen, soll mir die grosse Mdigkeit kommen. - Ach, wohin
soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen
schaue ich aus nach Vater- und Mutterlndern.

Aber Heimat fand ich nirgends: unstt bin ich in allen Stdten und ein
Aufbruch an allen Thoren.

Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwrtigen, zu denen mich jngst
das Herz trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterlndern.

So liebe ich allein noch meiner _Kinder_Land_, das unentdeckte, im
fernsten Meere: nach ihm heisse ich meine Segel suchen und suchen.

An meinen Kindern will ich es gut machen, dass ich meiner Vter Kind
bin: und an aller Zukunft - _diese_ Gegenwart!

Also sprach Zarathustra.



Von der unbefleckten Erkenntniss

Als gestern der Mond aufgieng, whnte ich, dass er eine Sonne gebren
wolle: so breit und trchtig lag er am Horizonte.

Aber ein Lgner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch
will ich an den Mann im Monde glauben als an das Weib.

Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser schchterne Nachtschwrmer.
Wahrlich, mit schlechtem Gewissen wandelt er ber die Dcher.

Denn er ist lstern und eiferschtig, der Mnch im Monde, lstern nach
der Erde und nach allen Freuden der Liebenden.

Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den Dchern! Widerlich sind
mir Alle, die um halbverschlossne Fenster schleichen!

Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen: - aber ich
mag alle leisetretenden Mannsfsse nicht, an denen auch nicht ein
Sporen klirrt.

Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich ber den
Boden weg. Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich. -

Dieses Gleichniss gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den
"Rein-Erkennenden!" Euch heisse _ich_ - Lsterne!

Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl! -
aber Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen, - dem Monde
gleicht ihr!

Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist berredet, aber nicht
eure Eingeweide: _die_ aber sind das Strkste an euch!

Und nun schmt sich euer Geist, dass er euren Eingeweiden zu willen
ist und geht vor seiner eignen Scham Schleich- und Lgenwege.

"Das wre mir das Hchste - also redet euer verlogner Geist zu sich -
auf das Leben ohne Begierde zu schaun und nicht gleich dem Hunde mit
hngender Zunge:

Glcklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und
Gier der Selbstsucht - kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit
trunkenen Mondesaugen!"

"Das wre mir das Liebste, - also verfhrt sich selber der Verfhrte
- die Erde zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge
allein ihre Schnheit zu betasten.

Und das heisse mir aller Dinge _unbefleckte_ Erkenntniss, dass ich von
den Dingen Nichts will: ausser dass ich vor ihnen da liegen darf wie
ein Spiegel mit hundert Augen." -

Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr Lsternen! Euch fehlt die Unschuld
in der Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!

Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die
Erde!

Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer ber sich
hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen.

Wo ist Schnheit? Wo ich mit allem Willen _wollen_muss_; wo ich lieben
und untergehn will, dass ein Bild nicht nur Bild bleibe.

Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe:
das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!

Aber nun will euer entmanntes Schielen "Beschaulichkeit" heissen! Und
was mit feigen Augen sich tasten lsst, soll "schn" getauft werden!
oh, ihr Beschmutzer edler Namen!

Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden,
dass ihr nie gebren werdet: und wenn ihr auch breit und trchtig am
Horizonte liegt!

Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen
glauben, dass euch das Herz bergehe, ihr Lgenbolde?

Aber in _eine_ Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne
nehme ich auf, was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch fllt.

Immer noch kann ich mit ihnen - Heuchlern die Wahrheit sagen! ja,
meine Grten, Muscheln und Stachelbltter sollen - Heuchlern die Nasen
kitzeln!

Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure lsternen
Gedanken, eure Lgen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!

Wagt es doch erst, euch selber zu glauben - euch und euren
Eingeweiden! Wer sich selber nicht glaubt, lgt immer.

Eines Gottes Larve hngtet ihr um vor euch selber, ihr "Reinen": in
eines Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.

Wahrlich, ihr tuscht, ihr "Beschaulichen"! Auch Zarathustra
war einst der Narr eurer gttlichen Hute; nicht errieth er das
Schlangengeringel, mit denen sie gestopft waren.

Eines Gottes Seele whnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen,
ihr Rein-Erkennenden! Keine bessere Kunst whnte ich einst als eure
Knste!

Schlangen-Unflath und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und
dass einer Eidechse List lstern hier herumschlich.

Aber ich kam euch _nah_: da kam mir der Tag - und nun kommt er euch, -
zu Ende gieng des Mondes Liebschaft!

Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da - vor der Morgenrthe!

Denn schon kommt sie, die Glhende, - _ihre_ Liebe zur Erde kommt!
Unschuld und Schpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!

Seht doch hin, wie sie ungeduldig ber das Meer kommt! Fhlt ihr den
Durst und den heissen Athem ihrer Liebe nicht?

Am Meere will sie saugen und seine Tiefe zu sich in die Hhe trinken:
da hebt sich die Begierde des Meeres mit tausend Brsten.

Geksst und gesaugt _will_ es sein vom Durste der Sonne; Luft _will_
es werden und Hhe und Fusspfad des Lichts und selber Licht!

Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.

Und diess heisst _mir_ Erkenntniss: alles Tiefe soll hinauf - zu
meiner Hhe!

Also sprach Zarathustra.



Von den Gelehrten

Als ich im Schlafe lag, da frass ein Schaf am Epheukranze meines
Hauptes, - frass und sprach dazu: "Zarathustra ist kein Gelehrter
mehr."

Sprach's und gieng stotzig davon und stolz. Ein Kind erzhlte mir's.

Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer,
unter Disteln und rothen Mohnblumen.

Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und rothen
Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.

Aber den Schafen bin ich's nicht mehr: so will es mein Loos - gesegnet
sei es!

Denn diess ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der
Gelehrten: und die Thr habe ich noch hinter mir zugeworfen.

Zu lange sass meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich
ihnen, bin ich auf das Erkennen abgerichtet wie auf das Nsseknacken.

Freiheit liebe ich und die Luft ber frischer Erde; lieber noch will
ich auf Ochsenhuten schlafen, als auf ihren Wrden und Achtbarkeiten.

Ich bin zu heiss und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir
den Athem nehmen. Da muss ich in's Freie und weg aus allen verstaubten
Stuben.

Aber sie sitzen khl in khlem Schatten: sie wollen in Allem nur
Zuschauer sein und hten sich dort zu sitzen, wo die Sonne auf die
Stufen brennt.

Gleich Solchen, die auf der Strasse stehn und die Leute angaffen,
welche vorbergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die
Andre gedacht haben.

Greift man sie mit Hnden, so stuben sie um sich gleich Mehlscken,
und unfreiwillig. aber wer erriethe wohl, dass ihr Staub vom Korne
stammt und von der gelben Wonne der Sommerfelder?

Geben sie sich weise, so frstelt mich ihrer kleinen Sprche und
Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem
Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hrte auch schon den Frosch aus ihr
quaken!

Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will _meine_ Einfalt
bei ihrer Vielfalt! Alles Fdeln und Knpfen und Weben verstehn ihre
Finger: also wirken sie die Strmpfe des Geistes!

Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann
zeigen sie ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lrm
dabei.

Gleich Mhlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine
Fruchtkrner zu! - sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weissen
Staub daraus zu machen.

Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum
Besten. Erfinderisch in kleinen Schlauheiten warten sie auf Solche,
deren Wissen auf lahmen Fssen geht, - gleich Spinnen warten sie.

Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie
glserne Handschuhe dabei an ihre Finger.

Auch mit falschen Wrfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand
ich sie spielen, dass sie dabei schwitzten.

Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider
den Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Wrfel.

Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich ber ihnen. Darber wurden
sie mir gram.

Sie wollen Nichts davon hren, dass Einer ber ihren Kpfen wandelt;
und so legten sie Holz und Erde und Unrath zwischen mich und ihre
Kpfe.

Also dmpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten
wurde ich bisher von den Gelehrtesten gehrt.

Aller Menschen Fehl und Schwche legten sie zwischen sich und mich: -
"Fehlboden" heissen sie das in ihren Husern.

Aber trotzdem wandele ich mit meinen Gedanken _ber_ ihren Kpfen; und
selbst, wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, wrde ich
noch ber ihnen sein und ihren Kpfen.

Denn die Menschen sind _nicht_ gleich: so spricht die Gerechtigkeit.
Und was ich will, drften _sie_ nicht wollen!

Also sprach Zarathustra.



Von den Dichtern

"Seit ich den Leib besser kenne, - sagte Zarathustra zu einem seiner
Jnger - ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das
`Unvergngliche` - das ist auch nur ein Gleichniss."

"So hrte ich dich schon einmal sagen, antwortete der Jnger; und
damals fgtest du hinzu: `aber die Dichter lgen zuviel.` Warum
sagtest du doch, dass die Dichter zuviel lgen?"

"Warum? sagte Zarathustra. Du fragst warum? Ich gehre nicht zu Denen,
welche man nach ihrem Warum fragen darf.

Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die
Grnde meiner Meinungen erlebte.

Msste ich nicht ein Fass sein von Gedchtniss, wenn ich auch meine
Grnde bei mir haben wollte?

Schon zuviel ist mir's, meine Meinungen selber zu behalten; und
mancher Vogel fliegt davon.

Und mitunter finde ich auch ein zugezogenes Thier in meinem
Taubenschlage, das mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand
darauf lege.

Doch was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lgen? -
Aber auch Zarathustra ist ein Dichter.

Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du
das?"

Der Jnger antwortete: "ich glaube an Zarathustra." Aber Zarathustra
schttelte den Kopf und lchelte.

Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an
mich.

Aber gesetzt, dass jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lgen
zuviel: so hat er Recht, - _wir_ lgen zuviel.

Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so mssen wir
schon lgen.

Und wer von uns Dichtern htte nicht seinen Wein verflscht?
Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches
Unbeschreibliche ward da gethan.

Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig
Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind!

Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die
alten Weibchen Abends erzhlen. Das heissen wir selber an uns das
Ewig-Weibliche.

Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gbe, der
sich Denen _verschtte_, welche Etwas lernen: so glauben wir an das
Volk und seine "Weisheit".

Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen
Gehngen liegend die Ohren spitze, Etwas von den Dingen erfahre, die
zwischen Himmel und Erde sind.

Und kommen ihnen zrtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die
Natur selber sei in sie verliebt:

Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hinein zu sagen und
verliebte Schmeichelreden: dessen brsten und blhen sie sich vor
allen Sterblichen!

Ach, es giebt so viel Dinge zwischen Himmel und Erden, von denen sich
nur die Dichter Etwas haben trumen lassen!

Und zumal _ber_ dem Himmel: denn alle Gtter sind Dichter-Gleichniss,
Dichter-Erschleichniss!

Wahrlich, immer zieht es uns hinan - nmlich zum Reich der Wolken: auf
diese setzen wir unsre bunten Blge und heissen sie dann Gtter und
bermenschen: -

Sind sie doch gerade leicht genug fr diese Sthle! - alle diese
Gtter und bermenschen.

Ach, wie bin ich all des Unzulnglichen mde, das durchaus Ereigniss
sein soll! Ach, wie bin ich der Dichter mde!

Als Zarathustra so sprach, zrnte ihm sein Jnger, aber er schwieg.
Und auch Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen
gekehrt, gleich als ob es in weite Fernen she. Endlich seufzte er und
holte Athem.

Ich bin von Heute und Ehedem, sagte er dann; aber Etwas ist in mir,
das ist von Morgen und bermorgen und Einstmals.

Ich wurde der Dichter mde, der alten und der neuen: Oberflchliche
sind sie mir Alle und seichte Meere.

Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gefhl nicht bis
zu den Grnden.

Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken
gewesen.

Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was
wussten sie bisher von der Inbrunst der Tne! -

Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trben Alle ihr Gewsser,
dass es tief scheine.

Und gerne geben sie sich damit als Vershner: aber Mittler und Mischer
bleiben sie mir und Halb-und-Halbe und Unreinliche! -

Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wollte gute Fische
fangen; aber immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.

So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber mgen wohl
aus dem Meere stammen.

Gewiss, man findet Perlen in ihnen: um so hnlicher sind sie selber
harten Schalthieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen
gesalzenen Schleim.

Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer
der Pfau der Pfauen?

Noch vor dem hsslichsten aller Bffel rollt es seinen Schweif hin,
nimmer wird es seines Spitzenfchers von Silber und Seide mde.

Trutzig blickt der Bffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, nher
noch dem Dickicht, am nchsten aber dem Sumpfe.

Was ist ihm Schnheit und Meer und Pfauen-Zierath! Dieses Gleichniss
sage ich den Dichtern.

Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von
Eitelkeit!

Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten's auch Bffel sein! -

Aber dieses Geistes wurde ich mde: und ich sehe kommen, dass er
seiner selber mde wird.

Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick
gerichtet.

Bsser des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen.

Also sprach Zarathustra.



Von grossen Ereignissen

Es giebt eine Insel im Meere - unweit den glckseligen Inseln
Zarathustra's - auf welcher bestndig ein Feuerberg raucht; von der
sagt das Volk, und sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem
Volke, dass sie wie ein Felsblock vor das Thor der Unterwelt gestellt
sei: durch den Feuerberg selber aber fhre der schmale Weg abwrts,
der zu diesem Thore der Unterwelt geleite.

Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glckseligen Inseln weilte,
geschah es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher
der rauchende Berg steht; und seine Mannschaft gieng an's Land, um
Kaninchen zu schiessen. Gegen die Stunde des Mittags aber, da der
Capitn und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie pltzlich
durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte
deutlich: "es ist Zeit! Es ist die hchste Zeit!" Wie die Gestalt
ihnen aber am nchsten war - sie flog aber schnell gleich einem
Schatten vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag - da erkannten
sie mit grsster Bestrzung, dass es Zarathustra sei; denn sie hatten
ihn Alle schon gesehn, ausgenommen der Capitn selber, und sie liebten
ihn, wie das Volk liebt: also dass zu gleichen Theilen Liebe und Scheu
beisammen sind.

"Seht mir an! sagte der alte Steuermann, da fhrt Zarathustra zur
Hlle!" -

Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten,
lief das Gercht umher, dass Zarathustra verschwunden sei; und als
man seine Freunde fragte, erzhlten sie, er sei bei Nacht zu Schiff
gegangen, ohne zu sagen, wohin er reisen wolle.

Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe
die Geschichte der Schiffsleute hinzu - und nun sagte alles Volk,
dass der Teufel Zarathustra geholt habe. Seine jnger lachten zwar
ob dieses Geredes; und einer von ihnen sagte sogar: "eher glaube ich
noch, dass Zarathustra sich den Teufel geholt hat." Aber im Grunde der
Seele waren sie Alle voll Besorgniss und Sehnsucht: so war ihre Freude
gross, als am fnften Tage Zarathustra unter ihnen erschien.

Und diess ist die Erzhlung von Zarathustra's Gesprch mit dem
Feuerhunde.

Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten.
Eine dieser Krankheiten heisst zum Beispiel: "Mensch."

Und eine andere dieser Krankheiten heisst "Feuerhund": ber _den_
haben sich die Menschen Viel vorgelogen und vorlgen lassen.

Diess Geheimniss zu ergrnden gieng ich ber das Meer: und ich habe
die Wahrheit nackt gesehn, wahrlich! barfuss bis zum Halse.

Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiss ich nun; und insgleichen
mit all den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur
alte Weibchen frchten.

Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe! rief ich, und bekenne,
wie tief diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?

Du trinkst reichlich am Meere: das verrth deine versalzte
Beredsamkeit! Frwahr, fr einen Hund der Tiefe nimmst du deine
Nahrung zu sehr von der Oberflche!

Hchstens fr den Bauchredner der Erde halt' ich dich: und immer, wenn
ich Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hrte, fand ich sie gleich dir:
gesalzen, lgnerisch und flach.

Ihr versteht zu brllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die
besten Grossmuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiss zu
sieden.

Wo ihr seid, da muss stets Schlamm in der Nhe sein, und viel
Schwammichtes, Hhlichtes, Eingezwngtes: das will in die Freiheit.

"Freiheit" brllt ihr Alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben
an "grosse Ereignisse," sobald viel Gebrll und Rauch um sie herum
ist.

Und glaube mir nur, Freund Hllenlrm! Die grssten Ereignisse - das
sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.

Nicht um die Erfinder von neuem Lrme: um die Erfinder von neuen
Werthen dreht sich die Welt; _unhrbar_ dreht sie sich.

Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lrm und
Rauch sich verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde,
und eine Bildsule im Schlamme liegt!

Und diess Wort sage ich noch den Umstrzern von Bildsulen. Das ist
wohl die grsste Thorheit, Salz in's Meer und Bildsulen in den
Schlamm zu werfen.

Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsule: aber das ist gerade
ihr Gesetz, dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende
Schnheit wchst!

Mit gttlicheren Zgen steht sie nun auf und leidendverfhrerisch; und
wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstrztet, ihr
Umstrzer!

Diesen Rath aber rathe ich Knigen und Kirchen und Allem, was alters-
und tugendschwach ist - lasst euch nur umstrzen! Dass ihr wieder zum
Leben kommt, und zu euch - die Tugend! -

Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mrrisch und
fragte: "Kirche? Was ist denn das?"

Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die
verlogenste. Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art
wohl am besten schon!

Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er
gern mit Rauch und Gebrlle, - dass er glauben mache, gleich dir, er
rede aus dem Bauch der Dinge.

Denn er will durchaus das wichtigste Thier auf Erden sein, der Staat;
und man glaubt's ihm auch. -

Als ich das gesagt hatte, gebrdete sich der Feuerhund wie unsinnig
vor Neid. "Wie? schrie er, das wichtigste Thier auf Erden? Und man
glaubt's ihm auch?" Und so viel Dampf und grssliche Stimmen kamen
ihm aus dem Schlunde, dass ich meinte, er werde vor Arger und Neid
ersticken.

Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen liess nach; sobald er aber
stille war, sagte ich lachend:

"Du rgerst dich, Feuerhund: also habe ich ber dich Recht!

Und dass ich auch noch Recht behalte, so hre von einem andern
Feuerhunde: der spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.

Gold haucht sein Athem und goldigen Regen: so will's das Herz ihm. Was
ist ihm Asche und Rauch und heisser Schleim noch!

Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewlke; abgnstig ist er
deinem Gurgeln und Speien und Grimmen der Ein- geweide!

Das Gold aber und das Lachen - das nimmt er aus dem Herzen der Erde:
denn dass du's nur weisst, - das Herz der Erde ist von Gold."

Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er's nicht mehr aus, mir
zuzuhren. Beschmt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine
kleinlaute Weise Wau! Wau! und kroch hinab in seine Hhle. -

Also erzhlte Zarathustra. Seine Jnger aber hrten ihm kaum zu: so
gross war ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und
dem fliegenden Manne zu erzhlen.

"Was soll ich davon denken! sagte Zarathustra. Bin ich denn ein
Gespenst?

Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hrtet wohl schon Einiges
vom Wanderer und seinem Schatten?

Sicher aber ist das: ich muss ihn krzer halten, - er verdirbt mir
sonst noch den Ruf."

Und nochmals schttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. "Was
soll ich davon denken!" sagte er nochmals.

"Warum schrie denn das Gespenst: es ist Zeit! Es ist die hchste Zeit!

_Wozu_ ist es denn - hchste Zeit?" -

Also sprach Zarathustra.



Der Wahrsager

"- und ich sahe eine grosse Traurigkeit ber die Menschen kommen. Die
Besten wurden ihrer Werke mde.

Eine Lehre ergieng, ein Glauben lief neben ihr: `Alles ist leer, Alles
ist gleich, Alles war!`

Und von allen Hgeln klang es wieder: `Alles ist leer, Alles ist
gleich, Alles war!`

Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Frchte uns faul und
braun? Was fiel vom bsen Monde bei der letzten Nacht hernieder?

Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, bser Blick
sengte unsre Felder und Herzen gelb.

Trocken wurden wir Alle; und fllt Feuer auf uns, so stuben wir der
Asche gleich: - ja das Feuer selber machten wir mde.

Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurck. Aller Grund
will reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!

`Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken knnte`: so klingt
unsre Klage - hinweg ber flache Smpfe.

Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu mde; nun wachen wir noch
und leben fort - in Grabkammern!" -

Also hrte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung
gieng ihm zu Herzen und verwandelte ihn. Traurig gieng er umher und
mde; und er wurde Denen gleich, von welchen der Wahrsager geredet
hatte.

Wahrlich, so sagte er zu seinen Jngern, es ist um ein Kleines, so
kommt diese lange Dmmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinber
retten!

Dass es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll
es ja Licht sein und noch fernsten Nchten!

Dergestalt im Herzen bekmmert gieng Zarathustra umher; und drei Tage
lang nahm er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und
verlor die Rede. Endlich geschah es, dass er in einen tiefen Schlaf
verfiel. Seine jnger aber sassen um ihn in langen Nachtwachen und
warteten mit Sorge, ob er wach werde und wieder rede und genesen sei
von seiner Trbsal.

Diess aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte;
seine Stimme aber kam zu seinen Jngern wie aus weiter Ferne.

Hrt mir doch den Traum, den ich trumte, ihr Freunde, und helft mir
seinen Sinn rathen!

Ein Rthsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen
in ihm und eingefangen und fliegt noch nicht ber ihn hin mit freien
Flgeln.

Allem Leben hatte ich abgesagt, so trumte mir. Zum Nacht- und
Grabwchter war ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.

Droben htete ich seine Srge: voll standen die dumpfen Gewlbe von
solchen Siegeszeichen. Aus glsernen Srgen blickte mich berwundenes
Leben an.

Den Geruch verstaubter Ewigkeiten athmete ich: schwl und verstaubt
lag meine Seele. Und wer htte dort auch seine Seele lften knnen!

Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben
ihr; und, zudritt, rchelnde Todesstille, die schlimmste meiner
Freundinnen.

Schlssel fhrte ich, die rostigsten aller Schlssel; und ich verstand
es, damit das knarrendste aller Thore zu ffnen.

Einem bitterbsen Gekrchze gleich lief der Ton durch die langen
Gnge, wenn sich des Thores Flgel hoben: unhold schrie dieser Vogel,
ungern wollte er geweckt sein.

Aber furchtbarer noch und herzzuschnrender war es, wenn es wieder
schwieg und rings stille ward, und ich allein sass in diesem
tckischen Schweigen.

So gieng mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was weiss
ich davon! Aber endlich geschah das, was mich weckte.

Dreimal schlugen Schlge an's Thor, gleich Donnern, es hallten und
heulten die Gewlbe dreimal wieder: da gieng ich zum Thore.

Alpa! rief ich, wer trgt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer trgt
seine Asche zu Berge?

Und ich drckte den Schlssel und hob am Thore und mhte mich. Aber
noch keinen Fingerbreit stand es offen:

Da riss ein brausender Wind seine Flgel auseinander: pfeifend,
schrillend und schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:

Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie
tausendfltiges Gelchter aus.

Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und
kindergrossen Schmetterlingen lachte und hhnte und brauste es wider
mich.

Grsslich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor
Grausen, wie nie ich schrie.

Aber der eigne Schrei weckte mich auf: - und ich kam zu mir. -

Also erzhlte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er
wusste noch nicht die Deutung seines Traumes. Aber der jnger,
den er am meisten lieb hatte, erhob sich schnell, fasste die Hand
Zarathustra's und sprach:

"Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, oh Zarathustra!

Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen
des Todes die Thore aufreisst?

Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen
des Lebens?

Wahrlich, gleich tausendfltigem Kindsgelchter kommt Zarathustra in
alle Todtenkammern, lachend ber diese Nacht- und Grabwchter, und wer
sonst mit dstern Schlsseln rasselt.

Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelchter; Ohnmacht und
Wachwerden wird deine Macht ber sie beweisen.

Und auch, wenn die lange Dmmerung kommt und die Todesmdigkeit, wirst
du an unserm Himmel, nicht untergehn, du Frsprecher des Lebens!

Neue Sterne liessest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten;
wahrlich, das Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt ber
uns.

Nun wird immer Kindes-Lachen aus Srgen quellen; nun wird immer
siegreich ein starker Wind kommen aller Todesmdigkeit: dessen bist du
uns selber Brge und Wahrsager!

Wahrlich, _sie_selber_trumtest_du_, deine Feinde: das war dein
schwerster Traum!

Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie
selber von sich aufwachen - und zu dir kommen!" -

So sprach der jnger; und alle Anderen drngten sich nun um
Zarathustra und ergriffen ihn bei den Hnden und wollten ihn bereden,
dass er vom Bette und von der Traurigkeit lasse und zu ihnen
zurckkehre. Zarathustra aber sass aufgerichtet auf seinem Lager, und
mit fremdem Blicke. Gleichwie Einer, der aus langer Fremde heimkehrt,
sah er auf seine Jnger und prfte ihre Gesichter; und noch erkannte
er sie nicht. Als sie aber ihn hoben und auf die Fsse stellten,
siehe, da verwandelte sich mit Einem Male sein Auge; er begriff Alles,
was geschehen war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:

"Wohlan! Diess nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafr, meine jnger,
dass wir eine gute Mahlzeit machen, und in Krze! Also gedenke ich
Busse zu thun fr schlimme Trume!

Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und
wahrlich, ich will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken
kann!"

Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jnger, welcher
den Traumdeuter abgegeben hatte, lange in's Gesicht und schttelte
dabei den Kopf. -



Von der Erlsung

Als Zarathustra eines Tags ber die grosse Brcke gieng, umringten ihn
die Krppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:

"Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben
an deine Lehre: aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es
noch Eines - du musst erst noch uns Krppel berreden! Hier hast du
nun eine schne Auswahl und wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als
Einem Schopfe! Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen; und
Dem, der zuviel hinter sich hat, knntest du wohl auch ein Wenig
abnehmen: - das, meine ich, wre die rechte Art, die Krppel an
Zarathustra glauben zu machen!"

Zarathustra aber erwiderte Dem, der da redete, also: "Wenn man dem
Bucklichten seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist - also
lehrt das Volk. Und wenn man dem Blinden seine Augen giebt, so sieht
er zuviel schlimme Dinge auf Erden: also dass er Den verflucht, der
ihn heilte. Der aber, welcher den Lahmen laufen macht, der thut ihm
den grssten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so gehn seine
Laster mit ihm durch - also lehrt das Volk ber Krppel. Und warum
sollte Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von
Zarathustra lernt?

Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, dass ich
sehe: `Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem Dritten das
Bein, und Andre giebt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder
den Kopf.`

Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass
ich nicht von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen
mchte: nmlich Menschen, denen es an Allem fehlt, ausser dass sie
Eins zuviel haben - Menschen, welche Nichts weiter sind als ein
grosses Auge, oder ein grosses Maul oder ein grosser Bauch oder irgend
etwas Grosses, - umgekehrte Krppel heisse ich Solche.

Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male ber diese
Brcke gieng: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder
hin, und sagte endlich: `das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gross wie ein
Mensch!` Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte
sich noch Etwas, das zum Erbarmen klein und rmlich und schmchtig
war. Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr sass auf einem kleinen dnnen
Stiele, - der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge
nahm, konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen;
auch, dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte
mir aber, das grosse Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein grosser
Mensch, ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von
grossen Menschen redete - und behielt meinen Glauben bei, dass es ein
umgekehrter Krppel sei, der an Allem zu wenig und an Einem zu viel
habe."

Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu Denen,
welchen er Mundstck und Frsprecher war, wandte er sich mit tiefem
Unmuthe zu seinen Jngern und sagte:

"Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den
Bruchstcken und Gliedmaassen von Menschen!

Diess ist meinem Auge das Frchterliche, dass ich den Menschen
zertrmmert finde und zerstreuet wie ber ein Schlacht- und
Schlchterfeld hin.

Und flchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das
Gleiche: Bruchstcke und Gliedmaassen und grause Zuflle - aber keine
Menschen!

Das jetzt und das Ehemals auf Erden - ach! meine Freunde - das, ist
_mein_ Unertrglichstes; und ich wsste nicht zu leben, wenn ich nicht
noch ein Seher wre, dessen, was kommen muss.

Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und
eine Brcke zur Zukunft - und ach, auch noch gleichsam ein Krppel an
dieser Brcke: das Alles ist Zarathustra.

Und auch ihr fragtet euch oft: `wer ist uns Zarathustra? Wie soll er
uns heissen?` Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.

Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfller? Ein Erobernder? Oder
ein Erbender? Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein
Genesener?

Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein
Bndiger? Ein Guter? Oder ein Bser?

Ich wandle unter Menschen als den Bruchstcken der Zukunft: jener
Zukunft, die ich schaue.

Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentragen was Bruchstck ist und Rthsel und grauser Zufall.

Und wie ertrge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
Dichter und Rthselrather und der Erlser des Zufalls wre!

Die Vergangnen zu erlsen und alles `Es war` umzuschauen in ein `So
wollte ich es!` - das hiesse mir erst Erlsung!

Wille - so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich
euch, meine Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist
noch ein Gefangener.

Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in
Ketten schlgt?

`Es war`: also heisst des Willens Zhneknirschen und einsamste
Trbsal. Ohnmchtig gegen Das, was gethan ist - ist er allem
Vergangenen ein bser Zuschauer.

Nicht zurck kann der Wille wollen; dass er die Zeit nicht brechen
kann und der Zeit Begierde, - das ist des Willens einsamste Trbsal.

Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, dass es los seiner
Trbsal werde und seines Kerkers spotte?

Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Nrrisch erlst sich auch der
gefangene Wille.

Dass die Zeit nicht zurckluft, das ist sein Ingrimm; `Das, was war`
- so heisst der Stein, den er nicht wlzen kann.

Und so wlzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und bt Rache an dem,
was nicht gleich ihm Grimm und Unmuth fhlt.

Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethter: und an Allem, was
leiden kann, nimmt er Rache dafr, dass er nicht zurck kann.

Diess, ja diess allein ist _Rache_ selber: des Willens Widerwille
gegen die Zeit und ihr `Es war.`

Wahrlich, eine grosse Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche
wurde es allem Menschlichen, dass diese Narrheit Geist lernte!

Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes
Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.

`Strafe` nmlich, so heisst sich die Rache selber: mit einem Lgenwort
heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.

Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob dass es nicht zurck
wollen kann, - also sollte Wollen selber und alles Leben - Strafe
sein!

Und nun wlzte sich Wolke auf Wolke ber den Geist: bis endlich der
Wahnsinn predigte: `Alles vergeht, darum ist Alles werth zu vergehn!`

`Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, dass sie
ihre Kinder fressen muss`: also predigte der Wahnsinn.

`Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. Oh wo ist die
Erlsung vom Fluss der Dinge und der Strafe Dasein`? Also predigte der
Wahnsinn.

`Kann es Erlsung geben, wenn es ein ewiges Recht giebt? Ach,
unwlzbar ist der Stein "Es war": ewig mssen auch alle Strafen sein!`
Also predigte der Wahnsinn.

`Keine That kann vernichtet werden: wie knnte sie durch die Strafe
ungethan werden! Diess, diess ist das Ewige an der Strafe "Dasein",
dass das Dasein auch ewig wieder That und Schuld sein muss!

Es sei denn, dass der Wille endlich sich selber erlste und Wollen zu
Nicht-Wollen wrde -`: doch ihr kennt, meine Brder, diess Fabellied
des Wahnsinns!

Weg fhrte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: `der
Wille ist ein Schaffender.`

Alles `Es war` ist ein Bruchstck, ein Rthsel, ein grauser Zufall -
bis der schaffende Wille dazu sagt: `aber so wollte ich es!`

Bis der schaffende Wille dazu sagt: `Aber so will ich es! So werde
ich's wollen!`

Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist der Wille schon
abgeschirrt von seiner eignen Thorheit?

Wurde der Wille sich selber schon Erlser und Freudebringer? Verlernte
er den Geist der Rache und alles Zhneknirschen?

Und wer lehrte ihn Vershnung mit der Zeit, und Hheres als alle
Vershnung ist?

Hheres als alle Vershnung muss der Wille wollen, welcher der Wille
zur Macht ist -: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch
das Zurckwollen?"

- Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, dass Zarathustra
pltzlich innehielt und ganz einem Solchen gleich sah, der auf das
usserste erschrickt. Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine
Jnger; sein Auge durchbohrte wie mit Pfeilen ihre Gedanken und
Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte er schon wieder
und sagte begtigt:

"Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
Sonderlich fr einen Geschwtzigen." -

Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gesprche
zugehrt und sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra
lachen hrte, blickte er neugierig auf und sagte langsam:

"Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen Jngern?"

Zarathustra antwortete: "Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten
darf man schon bucklicht reden!"

"Gut, sagte der Bucklichte; und mit Schlern darf man schon aus der
Schule schwtzen.

Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schlern - als zu sich
selber?" -



Von der Menschen-Klugheit

Nicht die Hhe: der Abhang ist das Furchtbare!

Der Abhang, wo der Blick _hinunter_ strzt und die Hand _hinauf_
greift. Da schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.

Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?

Das, Das ist _mein_ Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die
Hhe strzt, und dass meine Hand sich halten und sttzen mchte - an
der Tiefe!

An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an
den Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin
will mein andrer Wille.

Und _dazu_ lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie
nicht kennte: dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz
verliere.

Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsterniss und Trstung ist oft
um mich gebreitet.

Ich sitze am Thorwege fr jeden Schelm und frage: wer will mich
betrgen?

Das ist meine erste Menschen-Klugheit, dass ich mich betrgen lasse,
um nicht auf der Hut zu sein vor Betrgern.

Ach, wenn ich auf der Hut wre vor dem Menschen: wie knnte meinem
Balle der Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und
hinweg!

Diese Vorsehung ist ber meinem Schicksal, dass ich ohne Vorsicht sein
muss.

Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muss lernen, aus
allen Glsern zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will,
muss verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.

Und also sprach ich oft mir zum Troste: "Wohlan! Wohlauf! Altes Herz!
Ein Unglck missrieth dir: geniesse diess als dein - Glck!"

Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die _Eitlen_
mehr als die Stolzen.

Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber
Stolz verletzt wird, da wchst wohl etwas Besseres noch, als Stolz
ist.

Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt
werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.

Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass
ihnen gern zugeschaut werde, - all ihr Geist ist bei diesem Willen.

Sie fhren sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nhe liebe ich's, dem
Leben zuzuschaun, - es heilt von der Schwermuth.

Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth
und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.

Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit!
Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.

Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er nhrt sich an euren
Blicken, er frisst das Lob aus euren Hnden.

Euren Lgen glaubt er noch, wenn ihr gut ber ihn lgt: denn im
Tiefsten seufzt sein Herz: "was bin _ich_!"

Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiss:
nun, der Eitle weiss nicht um seine Bescheidenheit! -

Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, dass ich mir den Anblick
der Bsen nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.

Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche heisse Sonne ausbrtet:
Tiger und Palmen und Klapperschlangen.

Auch unter Menschen giebt es schne Brut heisser Sonne und viel
Wunderwrdiges an den Bsen.

Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand
ich auch der Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.

Und oft fragte ich mit Kopfschtteln: Warum noch klappern, ihr
Klapperschlangen?

Wahrlich, es giebt auch fr das Bse noch eine Zukunft! Und der
heisseste Sden ist noch nicht entdeckt fr den Menschen.

Wie Manches heisst jetzt schon rgste Bosheit, was doch nur zwlf
Schuhe breit und drei Monate lang ist! Einst aber werden grssere
Drachen zur Welt kommen.

Denn dass dem bermenschen sein Drache nicht fehle, der ber-Drache,
der seiner wrdig ist: dazu muss viel heisse Sonne noch auf feuchten
Urwald glhen!

Aus euren Wildkatzen mssen erst Tiger geworden sein und aus euren
Giftkrten Krokodile: denn der gute Jger soll eine gute Jagd haben!

Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist Viel zum Lachen und
zumal eure Furcht vor dem, was bisher "Teufel" hiess!

So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der
bermensch _furchtbar_ sein wrde in seiner Gte!

Und ihr Weisen und Wissenden, ihr wrdet vor dem Sonnenbrande der
Weisheit flchten, in dem der bermensch mit Lust seine Nacktheit
badet!

Ihr hchsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel
an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr wrdet meinen
bermenschen - Teufel heissen!

Ach, ich ward dieser Hchsten und Besten mde: aus ihrer "Hhe"
verlangte mich hinauf, hinaus, hinweg zu dem bermenschen!

Ein Grausen berfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da
wuchsen mir die Flgel, fortzuschweben in ferne Zuknfte.

In fernere Zuknfte, in sdlichere Sden, als je ein Bildner trumte:
dorthin, wo Gtter sich aller Kleider schmen!

Aber verkleidet will ich _euch_ sehn, ihr Nchsten und Mitmenschen,
und gut geputzt, und eitel, und wrdig, als "die Guten und
Gerechten," -

Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen, - dass ich euch und
mich _verkenne_: das ist nmlich meine letzte Menschen-Klugheit.

Also sprach Zarathustra.



Die stillste Stunde

"Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verstrt,
fortgetrieben, unwillig-folgsam, bereit zu gehen - ach, von _euch_
fortzugehen!

Ja, noch Ein Mal muss Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig
geht diessmal der Br zurck in seine Hhle!

Was geschah mir? Wer gebeut diess? - Ach, meine zornige Herrin will es
so, sie sprach zu mir: nannte ich je euch schon ihren Namen?

Gestern gen Abend sprach zu mir _meine_stillste_Stunde_: das ist der
Name meiner furchtbaren Herrin.

Und so geschah's, - denn Alles muss ich euch sagen, dass euer Herz
sich nicht verhrte gegen den pltzlich Scheidenden!

Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? -

Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden
weicht und der Traum beginnt.

Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde,
wich mir der Boden: der Traum begann.

Der Zeiger rckte, die Uhr meines Lebens holte Athem - nie hrte ich
solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.

Dann sprach es ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra?` -

Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flstern, und das Blut wich
aus meinem Gesichte: aber ich schwieg.

Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra,
aber du redest es nicht!` -

Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: `Ja, ich weiss es,
aber ich will es nicht reden!`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Du _willst_ nicht,
Zarathustra? Ist diess auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen
Trotz!` -

Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: `Ach, ich wollte
schon, aber wie kann ich es! Erlass mir diess nur! Es ist ber meine
Kraft!`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an dir,
Zarathustra! Sprich dein Wort und zerbrich!` -

Und ich antwortete: `Ach, ist es _mein_ Wort? Wer bin ich? Ich warte
des Wrdigeren; ich bin nicht werth, an ihm auch nur zu zerbrechen.`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an dir? Du bist mir
noch nicht demthig genug. Die Demuth hat das hrteste Fell.` -

Und ich antwortete: `Was trug nicht schon das Fell meiner Demuth! Am
Fusse wohne ich meiner Hhe: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte
es mir noch. Aber gut kenne ich meine Thler.`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Oh Zarathustra, wer Berge zu
versetzen hat, der versetzt auch Thler und Niederungen.` -

Und ich antwortete: `Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich
redete, erreichte die Menschen nicht. Ich gieng wohl zu den Menschen,
aber noch langte ich nicht bei ihnen an.`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was weisst du _davon_! Der
Thau fllt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.` -

Und ich antwortete: `sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg
fand und gieng; und in Wahrheit zitterten damals meine Fsse.`

Und so sprachen sie zu mir: `du verlerntest den Weg, nun verlernst du
auch das Gehen!`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an ihrem Spotte! Du
bist Einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!

Weisst du nicht, _wer_ Allen am nthigsten thut? Der Grosses befiehlt.

Grosses vollfhren ist schwer: aber das Schwerere ist, Grosses
befehlen.

Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht
herrschen.` -

Und ich antwortete: `Mir fehlt des Lwen Stimme zu allem Befehlen.`

Da sprach es wieder wie ein Flstern zu mir: `Die stillsten Worte sind
es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfssen kommen,
lenken die Welt.

Oh Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen
muss: so wirst du befehlen und befehlend vorangehen.` -

Und ich antwortete: `Ich schme mich.`

Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Du musst noch Kind werden und
ohne Scham.

Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spt bist du jung geworden:
aber wer zum Kinde werden will, muss auch noch seine Jugend
berwinden.` -

Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was
ich zuerst sagte: `Ich will nicht.`

Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die
Eingeweide zerriss und das Herz aufschlitzte!

Und es sprach zum letzten Male zu mir: `Oh Zarathustra, deine Frchte
sind reif, aber du bist nicht reif fr deine Frchte!

So musst du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mrbe
werden.` -

Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit
einer zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss
mir von den Gliedern.

- Nun hrtet ihr Alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurck muss.
Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.

Aber auch diess hrtet ihr von mir, _wer_ immer noch aller Menschen
Verschwiegenster ist - und es sein will!

Ach meine Freunde! Ich htte euch noch Etwas zu sagen, ich htte euch
noch Etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?" -

Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, berfiel ihn die
Gewalt des Schmerzes und die Nhe des Abschieds von seinen Freunden,
also dass er laut weinte; und Niemand wusste ihn zu trsten. Des
Nachts aber gieng er allein fort und verliess seine Freunde.




Dritter Theil

"Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe
hinab, weil ich erhoben bin.

Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?

Wer auf den hchsten Bergen steigt, der lacht ber alle Trauer-Spiele
und Trauer-Ernste."

Zarathustra, vom Lesen und Schreiben.



Der Wanderer

Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg ber den Rcken
der Insel, dass er mit dem frhen Morgen an das andre Gestade kme:
denn dort wollte er zu Schiff steigen. Es gab nmlich allda eine gute
Rhede, an der auch fremde Schiffe gern vor Anker giengen; die nahmen
Manchen mit sich, der von den glckseligen Inseln ber das Meer
wollte. Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg, gedachte er
unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele
Berge und Rcken und Gipfel er schon gestiegen sei.

Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen,
ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still
sitzen.

Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebniss komme, - ein
Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur
noch sich selber.

Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zuflle begegnen durften; und
was _knnte_ jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen
wre!

Es kehrt nur zurck, es kommt mir endlich heim - mein eigen Selbst,
und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge
und Zuflle.

Und noch Eins weiss ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und
vor dem, was mir am lngsten aufgespart war. Ach, meinen hrtesten Weg
muss ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!

Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der
Stunde, die zu ihm redet: "Jetzo erst gehst du deinen Weg der Grsse!
Gipfel und Abgrund - das ist jetzt in Eins beschlossen!

Du gehst deinen Weg der Grsse: nun ist deine letzte Zuflucht worden,
was bisher deine letzte Gefahr hiess!

Du gehst deinen Weg der Grsse: das muss nun dein bester Muth sein,
dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!

Du gehst deinen Weg der Grsse; hier soll dir Keiner nachschleichen!
Dein Fuss selber lschte hinter dir den Weg aus, und ber ihm steht
geschrieben: Unmglichkeit.

Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, noch
auf deinen eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufwrts
steigen?

Auf deinen eigenen Kopf und hinweg ber dein eigenes Herz! Jetzt muss
das Mildeste an dir noch zum Hrtesten werden.

Wer sich stets viel geschont hat, der krnkelt zuletzt an seiner
vielen Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht,
wo Butter und Honig - fliesst!

Von sich _absehn_ lernen ist nthig, um _Viel_ zu sehn: - diese Hrte
thut jedem Berge-Steigenden Noth.

Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der
von allen Dingen mehr als ihre vorderen Grnde sehn!

Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und
Hintergrund: so musst du schon ber dich selber steigen, - hinan,
hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!

Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst
hiesse mir mein _Gipfel_, das blieb mir noch zurck als mein _letzter_
Gipfel! -"

Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprchlein sein
Herz trstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und
als er auf die Hhe des Bergrckens kam, siehe, da lag das andere Meer
vor ihm ausgebreitet: und er stand still und schwieg lange. Die Nacht
aber war kalt in dieser Hhe und klar und hellgestirnt.

Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin
bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.

Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere
nchtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich
nun _hinab_ steigen!

Vor meinem hchsten Berge stehe ich und vor meiner lngsten Wanderung:
darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:

- tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in
seine schwrzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin
bereit.

Woher kommen die hchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
dass sie aus dem Meere kommen.

Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wnde ihrer
Gipfel. Aus dem Tiefsten muss das Hchste zu seiner Hhe kommen. -

Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war;
als er aber in die Nhe des Meeres kam und zuletzt allein unter den
Klippen stand, da war er unterwegs mde geworden und sehnschtiger als
noch zuvor.

Es schlft jetzt Alles noch, sprach er; auch das Meer schlft.
Schlaftrunken und fremd blickt sein Auge nach mir.

Aber es athmet warm, das fhle ich. Und ich fhle auch, dass es
trumt. Es windet sieh trumend auf harten Kissen.

Horch! Horch! Wie es sthnt von bsen Erinnerungen! Oder bsen
Erwartungen?

Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber
noch gram um deinetwillen.

Ach, dass meine Hand nicht Strke genug hat! Gerne, wahrlich, mchte
ich dich von bsen Trumen erlsen! -

Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und
Bitterkeit ber sich selber. "Wie! Zarathustra! sagte er, willst du
noch dem Meere Trost singen?

Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-berseliger! Aber
so warst du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.

Jedes Ungethm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Athems,
ein Wenig weiches Gezottel an der Tatze -: und gleich warst du bereit,
es zu lieben und zu locken.

Die _Liebe_ ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem,
wenn es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine
Bescheidenheit in der Liebe!" -

Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber
gedachte er seiner verlassenen Freunde -, und wie als ob er sich mit
seinen Gedanken an ihnen vergangen habe, zrnte er sich ob seiner
Gedanken. Und alsbald geschah es, dass der Lachende weinte: - vor Zorn
und Sehnsucht weinte Zarathustra bitterlich.



Vom Gesicht und Rthsel

1.

Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem
Schiffe sei, - denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen,
der von den glckseligen Inseln kam - da entstand eine grosse
Neugierde und Erwartung. Aber Zarathustra schwieg zwei Tage und war
kalt und taub vor Traurigkeit, also, dass er weder auf Blicke noch
auf Fragen antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages that er
seine Ohren wieder auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel
Seltsames und Gefhrliches auf diesem Schiffe anzuhren, welches
weither kam und noch weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund
aller Solchen, die weite Reisen thun und nicht ohne Gefahr leben
mgen. Und siehe! zuletzt wurde ihm im Zuhren die eigne Zunge gelst,
und das Eis seines Herzens brach: - da begann er also zu reden:

Euch, den khnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -

euch, den Rthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
Flten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:

- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo
ihr _errathen_ knnt, da hasst ihr es, zu _erschliessen_ -

euch allein erzhle ich das Rthsel, das ich _sah_, - das Gesicht des
Einsamsten. -

Dster gierig ich jngst durch leichenfarbne Dmmerung, - dster
und hart, mit gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir
untergegangen.

Ein Pfad, der trotzig durch Gerll stieg, ein boshafter, einsamer, dem
nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter
dem Trotz meines Fusses.

Stumm ber hhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein
zertretend, der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwrts.

Aufwrts: - dem Geiste zum Trotz, der ihn abwrts zog, abgrundwrts
zog, dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.

Aufwrts: - obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm;
lhmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn
trufelnd.

"Oh Zarathustra, raunte er hhnisch Silb' um Silbe, du Stein der
Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss -
fallen!

Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du
Stern-Zertrmmerer! Dich selber warfst du so hoch, - aber jeder
geworfene Stein - muss fallen!

Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra,
weit warfst du ja den Stein, - aber auf _dich_ wird er zurckfallen!"

Drauf schwieg der Zwerg; und das whrte lange. Sein Schweigen aber
drckte mich; und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer
als zu Einem!

Ich stieg, ich stieg, ich trumte, ich dachte, - aber Alles drckte
mich. Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter mde macht,
und den wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. -

Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir
jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und
sprechen: "Zwerg! Du! Oder ich!" -

Muth nmlich ist der beste Todtschlger, - Muth, welcher _angreift_:
denn in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.

Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit berwand er jedes
Thier. Mit klingendem Spiele berwand er noch jeden Schmerz;
Menschen-Schmerz aber ist der tiefste Schmerz.

Der Muth schlgt auch den Schwindel todt an Abgrnden: und wo stnde
der Mensch nicht an Abgrnden! Ist Sehen nicht selber - Abgrnde
sehen?

Muth ist der beste Todtschlger: der Muth schlgt auch das Mitleiden
todt. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in
das Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden.

Muth aber ist der beste Todtschlger, Muth, der angreift: der schlgt
noch den Tod todt, denn er spricht: "War _das_ das Leben? Wohlan! Noch
Ein Mal!"

In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der
hre. -


2.

"Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Strkere von
uns Beiden -: du kennst meinen abgrndlichen Gedanken nicht! _Den_ -
knntest du nicht tragen!" -

Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von
der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor
mich hin. Es war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten.

"Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei
Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu
Ende.

Diese lange Gasse zurck: die whrt eine Ewigkeit. Und jene lange
Gasse hinaus - das ist eine andre Ewigkeit.

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
Kopf: - und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.
Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: `Augenblick`.

Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und immer weiter und
immer ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig
widersprechen?" -

"Alles Gerade lgt, murmelte verchtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist
krumm, die Zeit selber ist ein Kreis."

"Du Geist der Schwere! sprach ich zrnend, mache dir es nicht zu
leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss, - und ich
trug dich _hoch_!

Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege
Augenblick luft eine lange ewige Gasse _rckwrts_ hinter uns liegt
eine Ewigkeit.

Muss nicht, was laufen _kann_ von allen Dingen, schon einmal diese
Gasse gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn _kann_ von allen Dingen,
schon einmal geschehn, gethan, vorbergelaufen sein?

Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hltst du Zwerg von diesem
Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon - dagewesen sein?

Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
Augenblick _alle_ kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_ - - sich
selber noch?

Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
_hinaus_ - _muss_ es einmal noch laufen! -

Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammen flsternd, von
ewigen Dingen flsternd - mssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?

- und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor
uns, in dieser langen schaurigen Gasse - mssen wir nicht ewig
wiederkommen? -"

Also redete ich, und immer leiser: denn ich frchtete mich vor meinen
eignen Gedanken und Hintergedanken. Da, pltzlich, hrte ich einen
Hund nahe _heulen_.

Hrte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurck. Ja!
Als ich Kind war, in fernster Kindheit:

- da hrte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gestrubt, den
Kopf nach Oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an
Gespenster glauben:

- also dass es mich erbarmte. Eben nmlich gieng der volle Mond,
todtschweigsam, ber das Haus, eben stand er still, eine runde Gluth,
- still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigenthume: -

darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und
Gespenster. Und als ich wieder so heulen hrte, da erbarmte es mich
abermals.

Wohin war jetzt Zwerg? und Thorweg? Und Spinne? Und alles Flstern?
Trumte ich denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich
mit Einem Male, allein, de, im desten Mondscheine.

Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gestrubt,
winselnd, - jetzt sah er mich kommen - da heulte er wieder, da
_schrie_ er: - hrte ich je einen Hund so Hlfe schrein?

Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen
Hirten sah ich, sich windend, wrgend, zuckend, verzerrten Antlitzes,
dem eine schwarze schwere Schlange aus dem Munde hieng.

Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er
hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund - da
biss sie sich fest.

Meine Hand riss die Schlange und riss: - umsonst! sie riss die
Schlange nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: "Beiss zu!
Beiss zu!

Den Kopf ab! Beiss zu!" - so schrie es aus mir, mein Grauen, mein
Hass, mein Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie
mit Einem Schrei aus mir. -

Ihr Khnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit
listigen Segeln sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr
Rthsel-Frohen!

So rathet mir doch das Rthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
doch das Gesicht des Einsamsten!

Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn: - _was_ sah ich damals im
Gleichnisse? Und _wer_ ist, der einst noch kommen muss?

_Wer_ ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? _Wer_
ist der Mensch, dem also alles Schwerste, Schwrzeste in den Schlund
kriechen wird?

- Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange -: und sprang empor. -

Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, - ein Verwandelter, ein
Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein
Mensch, wie _er_ lachte!

Oh meine Brder, ich hrte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war,
- - und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille
wird.

Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frisst an mir: oh wie ertrage ich
noch zu leben! Und wie ertrge ich's, jetzt zu sterben! -

Also sprach Zarathustra.



Von der Seligkeit wider Willen

Mit solchen Rthseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra ber
das Meer. Als er aber vier Tagereisen fern war von den glckseligen
Inseln und von seinen Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz
berwunden -: siegreich und mit festen Fssen stand er wieder auf
seinem Schicksal. Und damals redete Zarathustra also zu seinem
frohlockenden Gewissen:

"Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und
freiem Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.

Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des
Nachmittags auch zum anderen Male: - zur Stunde, da alles Licht
stiller wird.

Denn was von Glck noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das
sucht sich nun zur Herberge noch eine lichte Seele: _vor_Glck_ ist
alles Licht jetzt stiller worden.

Oh Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch _mein_ Glck zu
Thale, dass es sich eine Herberge suche: da fand es diese offnen
gastfreundlichen Seelen.

Oh Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, dass ich Eins
htte: diese lebendige Pflanzung meiner Gedanken und diess Morgenlicht
meiner hchsten Hoffnung!

Gefhrten suchte einst der Schaffende und Kinder _seiner_ Hoffnung:
und siehe, es fand sich, dass er sie nicht finden knne, es sei denn,
er schaffe sie selber erst.

Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von
ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst
vollenden.

Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse
Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen:
so fand ich's.

Noch grnen mir meine Kinder in ihrem ersten Frhlinge, nahe bei
einander stehend und gemeinsam von Winden geschttelt, die Bume
meines Gartens und besten Erdreichs.

Und wahrlich! Wo solche Bume bei einander stehn, da _sind_
glckselige Inseln!

Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden fr sich allein
stellen: dass er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.

Knorrig und gekrmmt und mit biegsamer Hrte soll er mir dann am Meere
dastehn, ein lebendiger Leuchtthurm unbesiegbaren Lebens.

Dort, wo die Strme hinab in's Meer strzen, und des Gebirgs Rssel
Wasser trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen
haben, zu _seiner_ Prfung und Erkenntniss.

Erkannt und geprft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und
Abkunft ist, - ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch
wenn er redet, und nachgebend also, dass er im Geben _nimmt_: -

- dass er einst mein Gefhrte werde und ein Mitschaffender und
Mitfeiernder Zarathustra's -: ein Solcher, der mir meinen Willen auf
meine Tafeln schreibt: zu aller Dinge vollerer Vollendung.

Und um seinetwillen und seines Gleichen muss ich selber _mich_
vollenden: darum weiche ich jetzt meinem Glcke aus und biete mich
allem Unglcke an - zu _meiner_ letzten Prfung und Erkenntniss.

Und wahrlich, Zeit war's, dass ich gierig; und des Wanderers Schatten
und die lngste Weile und die stillste Stunde - alle redeten mir zu:
`es ist hchste Zeit!`

Der Wind blies mir durch's Schlsselloch und sagte `Komm!` Die Thr
sprang mir listig auf und sagte `Geh!`

Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren
legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner
Kinder Beute wrde und mich an sie verlre.

Begehren - das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch,
meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts
Begehren sein.

Aber brtend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte
kochte Zarathustra, - da flogen Schatten und Zweifel ber mich weg.

Nach Frost und Winter gelstete mich schon: `oh dass Frost und Winter
mich wieder knacken und knirschen machten!` seufzte ich: - da stiegen
eisige Nebel aus mir auf.

Meine Vergangenheit brach ihm Grber, manch lebendig begrabner
Schmerz wachte auf -: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in
Leichen-Gewnder.

Also rief mir Alles in Zeichen zu: `es ist Zeit!` - Aber ich - hrte
nicht: bis endlich mein Abgrund sich rhrte und mein Gedanke mich
biss.

Ach, abgrndlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde ich
die Strke, dich graben zu hren und nicht mehr zu zittern?

Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben hre!
Dein Schweigen noch will mich wrgen, du abgrndlich Schweigender!

Noch wagte ich niemals, dich _herauf_ zu rufen: genug schon, dass
ich dich mit mir - trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten
Lwen-bermuthe und -Muthwillen.

Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst
soll ich noch die Strke finden und die Lwen-Stimme, die dich herauf
ruft!

Wenn ich mich dessen erst berwunden habe, dann will ich mich auch
des Grsseren noch berwinden; und ein _Sieg_ soll meiner Vollendung
Siegel sein! -

Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall
schmeichelt mir, der glattzngige; vorwrts und rckwrts schaue ich
-, noch schaue ich kein Ende.

Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht, - oder kommt sie
wohl mir eben? Wahrlich, mit tckischer Schnheit schaut mich rings
Meer und Leben an!

Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glck vor Abend! Oh Hafen auf hoher
See! Oh Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!

Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tckische Schnheit! Dem
Liebenden gleiche ich, der allzusammtenem Lcheln misstraut.

Wie er die Geliebteste vor sich her stsst, zrtlich noch in seiner
Hrte, der Eiferschtige -, also stosse ich diese selige Stunde vor
mir her.

Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider
Willen! Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier: - zur
Unzeit kamst du!

Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort - bei
meinen Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit _meinem_
Glcke!

Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin - mein Glck! -"

Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglck die ganze
Nacht: aber er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und
das Glck selber kam ihm immer nher und nher. Gegen Morgen aber
lachte Zarathustra zu seinem Herzen und sagte spttisch: "das Glck
luft mir nach. Das kommt davon, dass ich nicht den Weibern nachlaufe.
Das Glck aber ist ein Weib."



Vor Sonnen-Aufgang

Oh Himmel ber mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend
schaudere ich vor gttlichen Begierden.

In deine Hhe mich zu werfen - das ist _meine_ Tiefe! In deine
Reinheit mich zu bergen - das ist _meine_ Unschuld!

Den Gott verhllt seine Schnheit: so verbirgst du deine Sterne. Du
redest nicht: _so_ kndest du mir deine Weisheit.

Stumm ber brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe
und deine Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.

Dass du schn zu mir kamst, verhllt in deine Schnheit, dass du stumm
zu mir sprichst, offenbar in deiner Weisheit:

Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! _Vor_ der
Sonne kamst du zu mir, dem Einsamsten.

Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund
gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.

Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen -: wir
schweigen uns an, wir lcheln uns unser Wissen zu.

Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die
Schwester-Seele zu meiner Einsicht?

Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten wir ber uns zu uns
selber aufsteigen und wolkenlos lcheln: -

- wolkenlos hinab lcheln aus lichten Augen und aus meilenweiter
Ferne, wenn unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.

Und wanderte ich allein: _wes_ hungerte meine Seele in Nchten und
Irr-Pfaden? Und stieg ich Berge, _wen_ suchte ich je, wenn nicht dich,
auf Bergen?

Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein
Behelf des Unbeholfenen: - _fliegen_ allein will mein ganzer Wille, in
_dich_ hinein fliegen!

Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich
befleckt? Und meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich
befleckte!

Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen:
sie nehmen dir und mir, was uns gemein ist, - das ungeheure
unbegrenzte Ja- und Amen-sagen.

Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken:
diesen Halb- und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund
aus fluchen.

Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen,
lieber ohne Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit
Zieh-Wolken befleckt sehn!

Und oft gelstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrhten
festzuheften, dass ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die
Pauke schlge: -

- ein zorniger Paukenschlger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben,
du Himmel ber mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - weil sie
dir _mein_ Ja! und Amen! rauben.

Denn lieber noch will ich Lrm und Donner und Wetter-Flche, als diese
bedchtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse
ich am besten alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde,
zgernde Zieh-Wolken.

Und "wer nicht segnen kann, der soll fluchen _lernen_!" - diese helle
Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in
schwarzen Nchten an meinem Himmel.

Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist,
du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - in alle Abgrnde trage ich da
noch mein segnendes Ja-sagen.

Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-sagenden: und dazu rang ich
lange und war ein Ringer, dass ich einst die Hnde frei bekme zum
Segnen.

Das aber ist mein Segnen: ber jedwedem Ding als sein eigener Himmel
stehn, als sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit:
und selig ist, wer also segnet!

Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von
Gut und Bse; Gut und Bse selber aber sind nur Zwischenschatten und
feuchte Trbsale und Zieh-Wolken.

Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lstern, wenn ich lehre: "ber
allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel
Ohngefhr, der Himmel bermuth."

"Von Ohngefhr" - das ist der lteste Adel der Welt, den gab ich allen
Dingen zurck, ich erlste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.

Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner
Glocke ber alle Dinge, als ich lehrte, dass ber ihnen und durch sie
kein "ewiger Wille" - will.

Diesen bermuth und diese Narrheit stellte ich an die Stelle
jenes Willens, als ich lehrte: "bei Allem ist Eins unmglich -
Vernnftigkeit!"

Ein _Wenig_ Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern
zu Stern, - dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der
Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt!

Ein Wenig Weisheit ist schon mglich; aber diese selige Sicherheit
fand ich an allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Fssen des
Zufalls - _tanzen_.

Oh Himmel ber mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit,
dass es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt: -

- dass du mir ein Tanzboden bist fr gttliche Zuflle, dass du mir
ein Gttertisch bist fr gttliche Wrfel und Wrfelspieler! -

Doch du errthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lsterte ich, indem
ich dich segnen wollte?

Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich errthen machte? -
Heissest du mich gehn und schweigen, weil nun - der _Tag_ kommt?

Die Welt ist tief -: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht
Alles darf vor dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden
wir nun!

Oh Himmel ber mir, du Schamhafter! Glhender! Oh du mein Glck vor
Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun! -

Also sprach Zarathustra.



Von der verkleinernden Tugend

1.

Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, gieng er nicht
stracks auf sein Gebirge und seine Hhle los, sondern that viele Wege
und Fragen und erkundete diess und das, also, dass er von sich selber
im Scherze sagte: "siehe einen Fluss, der in vielen Windungen zurck
zur Quelle fliesst!" Denn er wollte in Erfahrung bringen, was sich
inzwischen _mit_dem_Menschen_ zugetragen habe: ob er grsser oder
kleiner geworden sei. Und ein Mal sah er eine Reihe neuer Huser; da
wunderte er sich und sagte:

"Was bedeuten diese Huser? Wahrlich, keine grosse Seele stellte sie
hin, sich zum Gleichnisse!

Nahm wohl ein bldes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Dass doch ein
anderes Kind sie wieder in seine Schachtel thte!

Und diese Stuben und Kammern: knnen _Mnner_ da aus- und eingehen?
Gemacht dnken sie mich fr Seiden-Puppen; oder fr Naschkatzen, die
auch wohl an sich naschen lassen."

Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrbt:
"Es ist _Alles_ kleiner geworden!

berall sehe ich niedrigere Thore: wer _meiner_ Art ist, geht da wohl
noch hindurch, aber - er muss sich bcken!

Oh wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr
bcken muss - nicht mehr bcken muss vor den Kleinen!" - Und
Zarathustra seufzte und blickte in die Ferne. -

Desselbigen Tages aber redete er seine Rede ber die verkleinernde
Tugend.


2.

Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben
mir es nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.

Sie beissen nach mir, weil ich zu ihnen sage: fr kleine Leute sind
kleine Tugenden nthig - und weil es mir hart eingeht, dass kleine
Leute _nthig_ sind!

Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehfte, nach dem auch die
Hennen beissen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.

Ich bin hflich gegen sie wie gegen alles kleine rgerniss; gegen das
Kleine stachlicht zu sein dnkt mich eine Weisheit fr Igel.

Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends um's Feuer sitzen, - sie reden
von mir, aber Niemand denkt - an mich!

Diess ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lrm um mich breitet
einen Mantel ber meine Gedanken.

Sie lrmen unter einander: "was will uns diese dstere Wolke? sehen
wir zu, dass sie uns nicht eine Seuche bringe!"

Und jngst riss ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: "nehmt
die Kinder weg! schrie es; solche Augen versengen Kinder-Seelen."

Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen
starke Winde, - sie errathen Nichts vom Brausen meines Glckes!

"Wir haben noch keine Zeit fr Zarathustra" - so wenden sie ein; aber
was liegt an einer Zeit, die fr Zarathustra "keine Zeit hat"?

Und wenn sie gar mich rhmen: wie knnte ich wohl auf _ihrem_ Ruhme
einschlafen? Ein Stachel-Grtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch,
wenn ich es von mir thue.

Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gbe
er zurck, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!

Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefllt! Wahrlich,
nach solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.

Zur kleinen Tugend mchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des
kleinen Glcks mchten sie meinen Fuss berreden.

Ich gehe durch diess Volk und halte die Augen offen: sie sind
_kleiner_ geworden und werden immer kleiner: - das aber macht ihre
Lehre von Glck und Tugend.

Sie sind nmlich auch in der Tugend bescheiden - denn sie wollen
Behagen. Mit Behagen aber vertrgt sich nur die bescheidene Tugend.

Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwrts-Schreiten:
das heisse ich ihr _Humpeln_ -. Damit werden sie jedem zum Anstosse,
der Eile hat.

Und Mancher von ihnen geht vorwrts und blickt dabei zurck, mit
versteiftem Nacken: dem renne ich gern wider den Leib.

Fuss und Augen sollen nicht lgen, noch sich einander Lgen strafen.
Aber es ist viel Lgnerei bei den kleinen Leuten.

Einige von ihnen wollen, aber die Meisten werden nur gewollt. Einige
von ihnen sind cht, aber die Meisten sind schlechte Schauspieler.

Es giebt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler
wider Willen -, die chten sind immer selten, sonderlich die chten
Schauspieler.

Des Mannes ist hier wenig: darum vermnnlichen sich ihre Weiber. Denn
nur wer Mannes genug ist, wird im Weibe _das_Weib_ - erlsen.

Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch
Die, welche befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen.

"Ich diene, du dienst, wir dienen" - so betet hier auch die Heuchelei
der Herrschenden, - und wehe, wenn der erste Herr _nur_ der erste
Diener ist!

Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier;
und gut errieth ich all ihr Fliegen-Glck und ihr Summen um besonnte
Fensterscheiben.

Soviel Gte, soviel Schwche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und
Mitleiden, soviel Schwche.

Rund, rechtlich und gtig sind sie mit einander, wie Sandkrnchen
rund, rechtlich und gtig mit Sandkrnchen sind.

Bescheiden ein kleines Glck umarmen - das heissen sie "Ergebung"! und
dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glcke
aus.

Sie wollen im Grunde einfltiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand
wehe thue. So kommen sie jedermann zuvor und thun ihm wohl.

Diess aber ist _Feigheit_: ob es schon "Tugend" heisst. -

Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: _ich_ hre darin
nur ihre Heiserkeit, - jeder Windzug nmlich macht sie heiser.

Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die
Fuste, ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fuste zu verkriechen.

Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten
sie den Wolf zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem
Hausthiere.

"Wir setzten unsern Stuhl in die _Mitte_ - das sagt mir ihr Schmunzeln
- und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergngten
Suen."

Diess aber ist - _Mittelmssigkeit_: ob es schon Mssigkeit heisst. -


3.

Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie
wissen weder zu nehmen noch zu behalten.

Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lste und Laster zu lstern;
und wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!

Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu
witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klglinge
htten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt!

Und wenn ich rufe: "Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne
winseln und Hnde falten und anbeten mchten": so rufen sie:
"Zarathustra ist gottlos".

Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung -; aber gerade ihnen
liebe ich's, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich _bin_ Zarathustra, der
Gottlose!

Diese Lehrer der Ergebung! berall hin, wo es klein und krank und
grindig ist, kriechen sie, gleich Lusen; und nur mein Ekel hindert
mich, sie zu knacken.

Wohlan! Diess ist meine Predigt fr _ihre_ Ohren: ich bin Zarathustra,
der Gottlose, der da spricht "wer ist gottloser denn ich, dass ich
mich seiner Unterweisung freue?"

Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und
alle Die sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und
alle Ergebung von sich abthun.

Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in
_meinem_ Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn
willkommen, als _meine_ Speise.

Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch
sprach zu ihm mein _Wille_, - da lag er schon bittend auf den Knieen -

- bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und
schmeichlerisch zuredend: "sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund
zu Freunde kommt!" -

Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Und so will ich es
hinaus in alle Winde rufen:

Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr brckelt ab, ihr
Behaglichen! Ihr geht mir noch zu Grunde -

- an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen
Unterlassen, an eurer vielen kleinen Ergebung!

Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass
ein Baum _gross_ werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln
schlagen!

Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch
euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft
Blute lebt.

Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften;
aber noch unter Schelmen spricht die _Ehre_: "man soll nur stehlen, wo
man nicht rauben kann."

"Es giebt sich" - das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage
euch, ihr Behaglichen: _es_nimmt_sich_ und wird immer mehr noch von
euch nehmen!

Ach, dass ihr alles _halbe_ Wollen von euch abthtet und entschlossen
wrdet zur Trgheit wie zur That!

Ach, dass ihr mein Wort verstndet: "thut immerhin, was ihr wollt, -
aber seid erst Solche, die _wollen_knnen_!"

"Liebt immerhin euren Nchsten gleich euch, - aber seid mir erst
solche, die _sich_selber_lieben_ -

- mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!"
Also spricht Zarathustra, der Gottlose. -

Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Es ist hier noch eine
Stunde zu frh fr mich.

Mein eigner Vorlufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner
Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.

Aber _ihre_ Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stndlich
werden sie kleiner, rmer, unfruchtbarer, - armes Kraut! armes
Erdreich!

Und _bald_ sollen sie mir dastehn wie drres Gras und Steppe, und
wahrlich! ihrer selber mde - und mehr, als nach Wasser, nach _Feuer_
lechzend!

Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag! - Laufende
Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verknder mit
Flammen-Zungen: -

- verknden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist
nahe, der grosse Mittag!

Also sprach Zarathustra.



Auf dem lberge

Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind
meine Hnde von seiner Freundschaft Hndedruck.

Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein
sitzen. Gerne laufe ich ihm davon; und, luft man _gut_, so entluft
man ihm!

Mit warmen Fssen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind
stille steht, - zum Sonnen-Winkel meines lbergs.

Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, dass er zu
Hause mir die Fliegen wegfngt und vielen kleinen Lrm stille macht.

Er leidet es nmlich nicht, wenn eine Mcke singen will, oder gar
zwei; noch die Gasse macht er einsam, dass der Mondschein drin Nachts
sich frchtet.

Ein harter Gast ist er, - aber ich ehre ihn, und nicht bete ich,
gleich den Zrtlingen, zum dickbuchichten Feuer-Gtzen.

Lieber noch ein Wenig zhneklappern als Gtzen anbeten! - so will's
meine Art. Und sonderlich bin ich allen brnstigen dampfenden
dumpfigen Feuer-Gtzen gram.

Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte
ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause
sitzt.

Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett _krieche_ -: da
lacht und muthwillt noch mein verkrochenes Glck; es lacht noch mein
Lgen-Traum.

Ich - ein Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mchtigen; und
log ich je, so log ich aus Liebe. Desshalb bin ich froh auch im
Winter-Bette.

Ein geringes Bett wrmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin
eiferschtig auf meine Armuth. Und im Winter ist sie mir am treuesten.

Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit
einem kalten Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.

Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: dass er mir endlich
den Himmel herauslasse aus aschgrauer Dmmerung.

Sonderlich boshaft bin ich nmlich des Morgens: zur frhen Stunde,
da der Eimer am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen
wiehern: -

Ungeduldig warte ich da, dass mir endlich der lichte Himmel aufgehe,
der schneebrtige Winter-Himmel, der Greis und Weisskopf, -

- der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne
verschweigt!

Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er's
von mir? Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?

Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfltig, - alle guten
muthwilligen Dinge springen vor Lust in's Dasein: wie sollten sie das
immer nur - Ein Mal thun!

Ein gutes muthwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich
dem Winter-Himmel blicken aus lichtem rundugichten Antlitze: -

- gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen
Sonnen-Willen: wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Muthwillen
lernte ich _gut_!

Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, dass mein Schweigen lernte,
sich nicht durch Schweigen zu verrathen.

Mit Worten und Wrfeln klappernd berliste ich mir die feierlichen
Warter: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck
entschlpfen.

Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe, - dazu
erfand ich mir das lange lichte Schweigen.

So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trbte
sein Wasser, dass Niemand ihm hindurch und hinunter sehe.

Aber zu ihm gerade kamen die klgeren Misstrauer und Nussknacker: ihm
gerade fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!

Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen - das sind mir
die klgsten Schweiger: denen so _tief_ ihr Grund ist, dass auch das
hellste Wasser ihn nicht - verrth. -

Du schneebrtiger schweigender Winter-Himmel, du rundugichter
Weisskopf ber mir! Oh du himmlisches Gleichniss meiner Seele und
ihres Muthwillens!

Und _muss_ ich mich nicht verbergen, gleich Einem, der Gold
verschluckt hat, - dass man mir nicht die Seele aufschlitze?

_Muss_ ich nicht Stelzen tragen, dass sie meine langen Beine
_bersehen_, - alle diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?

Diese rucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrnten,
vergrmelten Seelen - wie _knnte_ ihr Neid mein Glck ertragen!

So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln - und
_nicht_, dass mein Berg noch alle Sonnengrtel um sich schlingt!

Sie hren nur meine Winter-Strme pfeifen: und _nicht_, dass ich
auch ber warme Meere fahre, gleich sehnschtigen, schweren, heissen
Sdwinden.

Sie erbarmen sich noch meiner Unflle und Zuflle: - aber _mein_ Wort
heisst: "lasst den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein
Kindlein!"

Wie _knnten_ sie mein Glck ertragen, wenn ich nicht Unflle und
Winter-Nthe und Eisbren-Mtzen und Schneehimmel-Hllen um mein Glck
legte!

- wenn ich mich nicht selbst ihres _Mitleids_ erbarmte - des Mitleids
dieser Neidbolde und Leidholde!

- wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte und mich
geduldsam in ihr Mitleid wickeln _liesse_!

Diess ist der weise Muthwille und Wohlwille meiner Seele, dass sie
ihren Winter und ihre Froststrme _nicht_verbirgt_; sie verbirgt auch
ihre Frostbeulen nicht.

Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit
die Flucht _vor_ den Kranken.

Mgen sie mich klappern und seufzen _hren_ vor Winterklte, alle
diese armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und
Geklapper flchte ich noch vor ihren geheizten Stuben.

Mgen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: "am
Eis der Erkenntniss _erfriert_ er uns noch!" - so klagen sie.

Inzwischen laufe ich mit warmen Fssen kreuz und quer auf meinem
lberge: im Sonnen-Winkel meines lberges singe und spotte ich alles
Mitleids. -

Also sang Zarathustra.



Vom Vorbergehen

Also, durch viel Volk und vielerlei Stdte langsam hindurchschreitend,
gierig Zarathustra auf Umwegen zurck zu seinem Gebirge und seiner
Hhle. Und siehe, dabei kam er unversehens auch an das Stadtthor
der _grossen_Stadt_: hier aber sprang ein schumender Narr mit
ausgebreiteten Hnden auf ihn zu und trat ihm in den Weg. Diess aber
war der selbige Narr, welchen das Volk "den Affen Zarathustra's"
hiess: denn er hatte ihm Etwas vom Satz und Fall der Rede abgemerkt
und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber
redete also zu Zarathustra:

"Oh Zarathustra, hier ist die grosse Stadt: hier hast du Nichts zu
suchen und Alles zu verlieren.

Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit
deinem Fusse! Speie lieber auf das Stadtthor und - kehre um!

Hier ist die Hlle fr Einsiedler-Gedanken: hier werden grosse
Gedanken lebendig gesotten und klein gekocht.

Hier verwesen alle grossen Gefhle: hier drfen nur klapperdrre
Gefhlchen klappern!

Riechst du nicht schon die Schlachthuser und Garkchen des Geistes?
Dampft nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?

Siehst du nicht die Seelen hngen wie schlaffe schmutzige Lumpen? -
Und sie machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!

Hrst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges
Wort-Splicht bricht er heraus! - Und sie machen noch Zeitungen aus
diesem Wort-Splicht.

Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und
wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit
ihrem Golde.

Sie sind kalt und suchen sich Wrme bei gebrannten Wassern; sie sind
erhitzt und suchen Khle bei gefrorenen Geistern; sie sind Alle siech
und schtig an ffentlichen Meinungen.

Alle Lste und Laster sind hier zu Hause; aber es giebt hier auch
Tugendhafte, es giebt viel anstellige angestellte Tugend: -

Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und
Warte-Fleische, gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften
steisslosen Tchtern.

Es giebt hier auch viel Frmmigkeit und viel glubige
Speichel-Leckerei, Schmeichel-Bckerei vor dem Gott der Heerschaaren.

`Von Oben` her trufelt ja der Stern und der gndige Speichel; nach
Oben hin sehnt sich jeder sternenlose Busen.

Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondklber: zu Allem
aber, was vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige
Bettel-Tugend.

`Ich diene, du dienst, wir dienen` - so betet alle anstellige Tugend
hinauf zum Frsten: dass der verdiente Stern sich endlich an den
schmalen Busen hefte!

Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch
der Frst noch um das Aller-Irdischste -: das aber ist das Gold der
Krmer.

Der Gott der Heerschaaren ist kein Gott der Goldbarren; der Frst
denkt, aber der Krmer - lenkt!

Bei Allem, was licht und stark und gut in dir ist, oh Zarathustra!
Speie auf diese Stadt der Krmer und kehre um!

Hier fliesst alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle
Adern: speie auf die grosse Stadt, welche der grosse Abraum ist, wo
aller Abschaum zusammenschumt!

Speie auf die Stadt der eingedrckten Seelen und schmalen Brste, der
spitzen Augen, der klebrigen Finger -

- auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschmten, der Schreib- und
Schreihlse, der berheizten Ehrgeizigen: -

- wo alles Anbrchige, Anrchige, Lsterne, Dsterne, bermrbe,
Geschwrige, Verschwrerische zusammenschwrt: -

- speie auf die grosse Stadt und kehre um!" - -

Hier aber unterbrach Zarathustra den schumenden Narren und hielt ihm
den Mund zu.

"Hre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner
Rede und deiner Art!

Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und
zur Krte werden musstest?

Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut
durch die Adern, dass du also quaken und lstern lerntest?

Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflgtest die Erde? Ist das
Meer nicht voll von grnen Eilanden?

Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, - warum
warntest du dich nicht selber?

Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel
auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! -

Man heisst dich meinen Affen, du schumender Narr: aber ich heisse
dich mein Grunze-Schwein, - durch Grunzen verdirbst du mir noch mein
Lob der Narrheit.

Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir
genug _geschmeichelt_ hat: - darum setztest du dich hin zu diesem
Unrathe, dass du Grund httest viel zu grunzen, -

- dass du Grund httest zu vieler _Rache_! Rache nmlich, du eitler
Narr, ist all dein Schumen, ich errieth dich wohl!

Aber dein Narren-Wort thut _mir_ Schaden, selbst, wo du Recht hast!
Und wenn Zarathustra's Wort sogar hundert Mal Recht _htte_: du
wrdest mit meinem Wort immer - Unrecht _thun_!"

Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte
und schwieg lange. Endlich redete er also:

Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier
und dort ist Nichts zu bessern, Nichts zu bsern.

Wehe dieser grossen Stadt! - Und ich wollte, ich she schon die
Feuersule, in der sie verbrannt wird!

Denn solche Feuersulen mssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch
diess hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. -

Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht
mehr lieben kann, da soll man - _vorbergehn_! -

Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt
vorber.



Von den Abtrnnigen

1.

Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jngst auf dieser Wiese
grn und bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von
hier in meine Bienenkrbe!

Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden, - und nicht alt
einmal! nur mde, gemein, bequem: - sie heissen es "Wir sind wieder
fromm geworden."

Noch jngst sah ich sie in der Frhe auf tapferen Fssen hinauslaufen:
aber ihre Fsse der Erkenntniss wurden mde, und nun verleumden sie
auch noch ihre Morgen-Tapferkeit!

Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tnzer, ihm
winkte das Lachen in meiner Weisheit: - da besann er sich. Eben sah
ich ihn krumm - zum Kreuze kriechen.

Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mcken und jungen
Dichtern. Ein Wenig lter, ein Wenig klter: und schon sind sie
Dunkler und Munkler und Ofenhocker.

Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit
verschlang gleich einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl
sehnschtig-lange _umsonst_ nach mir und meinen Trompeten- und
Herolds-Rufen?

- Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und
bermuth hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest
aber ist _feige_.

Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der berfluss,
die Viel-zu-Vielen - diese alle sind feige! -

Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art ber
den Weg laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und
Possenreisser sein mssen.

Seine zweiten Gesellen aber - die werden sich seine _Glubigen_
heissen: ein lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel
unbrtige Verehrung.

An diese Glubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art
unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht
glauben, wer die flchtig-feige Menschenart kennt!

_Knnten_ sie anders, so wrden sie auch anders _wollen_. Halb- und
Halbe verderben alles Ganze. Dass Bltter welk werden, - was ist da zu
klagen!

Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber
noch blase mit raschelnden Winden unter sie, -

- blase unter diese Bltter, oh Zarathustra: dass alles _Welke_
schneller noch von dir davonlaufen! -


2.

"Wir sind wieder fromm geworden" - so bekennen diese Abtrnnigen; und
Manche von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.

Denen sehe ich in's Auge, - denen sage ich es in's Gesicht und in die
Rthe ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder _beten_!

Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht fr Alle, aber fr dich und
mich und wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Fr _dich_ ist es eine
Schmach, zu beten!

Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hnde-falten
und Hnde-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben mchte: - dieser
feige Teufel redet dir zu "es _giebt_ einen Gott!"

_Damit_ aber gehrst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe
lsst; nun musst du tglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst
stecken!

Und wahrlich, du whltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die
Nachtvgel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend-
und Feierstunde, wo es nicht - "feiert."

Ich hre und rieche es: es kam ihre Stunde fr Jagd und Umzug, nicht
zwar fr eine wilde Jagd, sondern fr eine zahme lahme schnffelnde
Leisetreter- und Leisebeter-Jagd, -

- fr eine Jagd auf seelenvolle Duckmuser: alle Herzens- Mausefallen
sind jetzt wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da
kommt ein Nachtfalterchen herausgestrzt.

Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn
berall rieche ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kmmerlein
giebt, da giebt es neue Bet-Brder drin und den Dunst von Bet-Brdern.

Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder
werden wie die Kindlein und "lieber Gott" sagen! - an Mund und Magen
verdorben durch die frommen Zuckerbcker.

Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu,
welche den Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: "unter
Kreuzen ist gut spinnen!"

Oder sie sitzen Tags ber mit Angelruthen an Smpfen und glauben sich
_tief_ damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den
heisse ich noch nicht einmal oberflchlich!

Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem
Lieder-Dichter, der sich gern jungen Weibchen in's Herz harfnen
mchte: - denn er wurde der alten Weibchen mde und ihres Lobpreisens.

Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in
dunklen Zimmern wartet, dass ihm die Geister kommen - und der Geist
ganz davonluft!

Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer
zu, der trben Winden die Trbsal der Tne ablernte; nun pfeift er
nach dem Winde und predigt in trben Tnen Trbsal.

Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwchter geworden: die verstehen
jetzt in Hrner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen
aufzuwecken, die lange schon eingeschlafen sind.

Fnf Worte von alten Sachen hrte ich gestern Nachts an der
Garten-Mauer: die kamen von solchen alten betrbten trocknen
Nachtwchtern.

"Fr einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Vter
thun diess besser!" -

"Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder" - also
antwortete der andere Nachtwchter.

"_Hat_ er denn Kinder? Niemand kann's beweisen, wenn er's selber nicht
beweist! Ich wollte lngst, er bewiese es einmal grndlich."

"Beweisen? Als ob _Der_ je Etwas bewiesen htte! Beweisen fllt ihm
schwer; er hlt grosse Stcke darauf, dass man ihm glaubt."

"Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die
Art alter Leute! So geht's uns auch!" -

- Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwchter und
Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrbt in ihre Hrner: so
geschah's gestern Nachts an der Garten-Mauer.

Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste
nicht, wohin? und sank in's Zwerchfell.

Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke,
wenn ich Esel betrunken sehe und Nachtwchter also an Gott zweifeln
hre.

Ist es denn nicht _lange_ vorbei auch fr alle solche Zweifel? Wer
darf noch solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!

Mit den alten Gttern gieng es ja lange schon zu Ende: - und wahrlich,
ein gutes frhliches Gtter-Ende hatten sie!

Sie "dmmerten" sich nicht zu Tode, - das lgt man wohl! Vielmehr: sie
haben sich selber einmal zu Tode - _gelacht_!

Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausgieng,
- das Wort: "Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben
mir!" -

- ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eiferschtiger vergass sich also:

Und alle Gtter lachten damals und wackelten auf ihren Sthlen und
riefen: "Ist das nicht eben Gttlichkeit, dass es Gtter, aber keinen
Gott giebt?"

Wer Ohren hat, der hre. -

Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche
zubenannt ist die bunte Kuh. Von hier nmlich hatte er nur noch zwei
Tage zu gehen, dass er wieder in seine Hhle kme und zu seinen
Thieren; seine Seele aber frohlockte bestndig ob der Nhe seiner
Heimkehr. -



Die Heimkehr

Oh Einsamkeit! Du meine _Heimat_ Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild
in wilder Fremde, als dass ich nicht mit Thrnen zu dir heimkehrte!

Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mtter drohn, nein lchle mir
zu, wie Mtter lcheln, nun sprich nur: "Und wer war das, der wie ein
Sturmwind einst von mir davonstrmte? -

- der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da
verlernte ich das Schweigen! _Das_ - lerntest du nun wohl?

Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen
_verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!

Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_ -
lerntest du nun! Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein
wirst:

-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem
wollen sie _geschont_ sein!

Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles
hinausreden und alle Grnde ausschtten, Nichts schmt sich hier
versteckter, verstockter Gefhle.

Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir:
denn sie wollen auf deinem Rcken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest
du hier zu jeder Wahrheit.

Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und
wahrlich, wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen Dingen -
gerade redet!

Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh
Zarathustra? Als damals dein Vogel ber dir schrie, als du im Walde
standest, unschlssig, wohin? unkundig, einem Leichnam nahe: -

- als du sprachst: mgen mich meine Thiere fhren! Gefhrlicher fand
ich's unter Menschen, als unter Thieren: - _Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest,
unter leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter
Durstigen schenkend und ausschenkend:

- bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nchtlich
klagtest `ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger
als Nehmen?` - _Das_ war Verlassenheit!

Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und
dich von dir selber forttrieb, als sie mit bsem Flstern sprach:
`Sprich und zerbrich!` -

- als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen
demthigen Muth entmuthigte: _Das_ war Verlassenheit!" -

Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zrtlich
redet deine Stimme zu mir!

Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen
mit einander durch offne Thren.

Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier
auf leichteren Fssen. Im Dunklen nmlich trgt man schwerer an der
Zeit, als im Lichte.

Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein
will hier Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.

Da unten aber - da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und
Vorbergehn die beste Weisheit: _Das_ - lernte ich nun!

Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der msste Alles
angreifen. Aber dazu habe ich zu reinliche Hnde.

Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange
unter ihrem Lrm und blem Athem lebte!

Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerche um mich! Oh wie aus tiefer
Brust diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige
Stille!

Aber da unten - da redet Alles, da wird Alles berhrt. Man mag seine
Weisheit mit Glocken einluten: die Krmer auf dem Markte werden sie
mit Pfennigen berklingeln!

Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fllt
in's Wasser, Nichts fllt mehr in tiefe Brunnen.

Alles bei ihnen redet, Nichts gerth mehr und kommt zu Ende. Alles
gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier
brten?

Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu
hart war fr die Zeit selber und ihren Zahn: heute hngt es zerschabt
und zernagt aus den Mulern der Heutigen.

Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst
Geheimniss hiess und Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehrt es den
Gassen-Trompetern und andern Schmetterlingen.

Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lrm auf dunklen Gassen! Nun
liegst du wieder hinter mir: - meine grsste Gefahr liegt hinter mir!

Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grsste Gefahr; und alles
Menschenwesen will geschont und gelitten sein.

Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und
reich an kleinen Lgen des Mitleidens: - also lebte ich immer unter
Menschen.

Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, _mich_ zu verkennen, dass ich
_sie_ ertrge, und gern mir zuredend "du Narr, du kennst die Menschen
nicht!"

Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel
Vordergrund ist an allen Menschen, - was sollen da weitsichtige,
weit-schtige Augen!

Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als
mich: gewohnt zur Hrte gegen mich und oft noch an mir selber mich
rchend fr diese Schonung.

Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehhlt, dem Steine gleich, von
vielen Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch
zu: "unschuldig ist alles Kleine an seiner Kleinheit!"

Sonderlich Die, welche sich "die Guten" heissen, fand ich als die
giftigsten Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lgen in aller
Unschuld; wie _vermchten_ sie, gegen mich - gerecht zu sein!

Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lgen. Mitleid macht
dumpfe Luft allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nmlich ist
unergrndlich.

Mich selber verbergen und meinen Reichthum - _das_ lernte ich da
unten: denn jeden fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines
Mitleidens, dass ich bei jedem wusste,

- dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes _genug_ und was
ihm schon Geistes _zuviel_ war!

Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif, - so lernte
ich Worte verschlucken. Ihre Todtengrber: ich hiess sie Forscher und
Prfer, - so lernte ich Worte vertauschen.

Die Todtengrber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn
schlimme Dnste. Man soll den Morast nicht aufrhren. Man soll auf
Bergen leben.

Mit seligen Nstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlst ist
endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!

Von scharfen Lften gekitzelt, wie von schumenden Weinen, _niest_
meine Seele, - niest und jubelt sich zu: Gesundheit!

Also sprach Zarathustra.



Von den drei Bsen

1.

Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge,
- jenseits der Welt, hielt eine Wage und _wog_ die Welt.

Oh dass zu frh mir die Morgenrthe kam: die glhte mich
wach, die Eiferschtige! Eiferschtig ist sie immer auf meine
Morgentraum-Gluthen.

Messbar fr Den, der Zeit hat, wgbar fr einen guten Wger,
erfliegbar fr starke Fittige, errathbar fr gttliche Nsseknacker:
also fand mein Traum die Welt: -

Mein Traum, ein khner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich
Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er
doch zum Welt-Wgen heute Geduld und Weile!

Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache
Tags-Weisheit, welche ber alle "unendliche Welten" spottet? Denn sie
spricht: "wo Kraft ist, wird auch die _Zahl_ Meisterin: die hat mehr
Kraft."

Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht
neugierig, nicht altgierig, nicht frchtend, nicht bittend: -

- als ob ein voller Apfel sich meiner Hand bte, ein reifer Goldapfel,
mit khl-sanfter sammtener Haut: - so bot sich mir die Welt: -

- als ob ein Baum mir winke, ein breitstiger, starkwilliger, gekrmmt
zur Lehne und noch zum Fussbrett fr den Wegmden: so stand die Welt
auf meinem Vorgebirge: -

- als ob zierliche Hnde mir einen Schrein entgegentrgen, - einen
Schrein offen fr das Entzcken schamhafter verehrender Augen: also
bot sich mir heute die Welt entgegen: -

- nicht Rthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht
Lsung genug, um Menschen-Weisheit einzuschlfern: - ein menschlich
gutes Ding war mir heut die Welt, der man so Bses nachredet!

Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frhe heut
die Welt wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser
Traum und Herzenstrster!

Und dass ich's ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und
ablerne: will ich jetzt die drei bsesten Dinge auf die Wage thun und
menschlich gut abwgen. -

Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der
Welt die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.

Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten
verflucht und am schlimmsten beleu- und belgenmundet, - diese Drei
will ich menschlich gut abwgen.

Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: _das_ wlzt sich zu
mir heran, zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertkpfige
Hunds-Ungethm, das ich liebe.

Wohlauf! Hier will ich die Wage halten ber gewlztem Meere: und auch
einen Zeugen whle ich, dass er zusehe, - dich, du Einsiedler-Baum,
dich starkduftigen, breitgewlbten, den ich liebe! -

Auf welcher Brcke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange
zwingt das Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Hchste
noch - hinaufwachsen? -

Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich
hinein, drei schwere Antworten trgt die andre Wagschale.


2.

Wollust: allen busshemdigen Leib-Verchtern ihr Stachel und Pfahl,
und als "Welt" verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie hhnt und
narrt alle Wirr- und Irr-Lehrer.

Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird;
allem wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst-
und Brodel-Ofen.

Wollust: fr die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glck
der Erde, aller Zukunft Dankes-berschwang an das Jetzt.

Wollust: nur dem Welken ein ssslich Gift, fr die Lwen-Willigen aber
die grosse Herzstrkung, und der ehrfrchtig geschonte Wein der Weine.

Wollust: das grosse Gleichniss-Glck fr hheres Glck und hchste
Hoffnung. Vielem nmlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe, -

- Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib: - und wer begriff
es ganz, _wie_fremd_ sich Mann und Weib sind!

Wollust: - doch ich will Zune um meine Gedanken haben und auch noch
um meine Worte: dass mir nicht in meine Grten die Schweine und
Schwrmer brechen! -

Herrschsucht: die Glh-Geissel der hrtesten Herzensharten; die grause
Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die dstre Flamme
lebendiger Scheiterhaufen.

Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Vlkern
aufgesetzt wird; die Verhhnerin aller ungewissen Tugend; die auf
jedem Rosse und jedem Stolze reitet.

Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Hhlichte bricht und
aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin bertnchter
Grber; das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.

Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und frhnt
und niedriger wird als Schlange und Schwein: - bis endlich die grosse
Verachtung aus ihm aufschreie -,

Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche
Stdten und Reichen in's Antlitz predigt "hinweg mit dir!" - bis es
aus ihnen selber aufschreie "hinweg mit _mir_!"

Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf
zu selbstgenugsamen Hhen steigt, glhend gleich einer Liebe, welche
purpurne Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.

Herrschsucht: doch wer hiesse es _Sucht_, wenn das Hohe hinab nach
Macht gelstet! Wahrlich, nichts Sieches und Schtiges ist an solchem
Gelsten und Niedersteigen!

Dass die einsame Hhe sich nicht ewig vereinsame und selbst
begnge; dass der Berg zu Thale komme und die Winde der Hhe zu den
Niederungen: -

Oh wer fnde den rechten Tauf- und Tugendnamen fr solche Sehnsucht!
"Schenkende Tugend" - so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.

Und damals geschah es auch, - und wahrlich, es geschah zum ersten
Male! - dass sein Wort die _Selbstsucht_ selig pries, die heile,
gesunde Selbstsucht, die aus mchtiger Seele quillt: -

- aus mchtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehrt, der schne,
sieghafte, erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:

- der geschmeidige berredende Leib, der Tnzer, dessen Gleichniss
und Auszug die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen
Selbst-Lust heisst sich selber: "Tugend."

Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust
wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glcks bannt sie von sich
alles Verchtliche.

Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht - das ist
feige! Verchtlich dnkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klgliche
und wer auch die kleinsten Vortheile aufliest.

Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn, wahrlich, es giebt
auch Weisheit, die im Dunklen blht, eine Nachtschatten-Weisheit: als
welche immer seufzt: "Alles ist eitel!"

Das scheue Misstrauen gilt ihr gering, und Jeder, wer Schwre statt
Blicke und Hnde will: auch alle allzu misstrauische Weisheit, - denn
solche ist feiger Seelen Art.

Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefllige, der Hndische, der
gleich auf dem Rcken liegt, der Demthige; und auch Weisheit giebt
es, die demthig und hndisch und fromm und schnellgefllig ist.

Verhasst ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will,
wer giftigen Speichel und bse Blicke hinunterschluckt, der
All-zu-Geduldige, Alles-Dulder, Allgengsame: das nmlich ist die
knechtische Art.

Ob Einer vor Gttern und gttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor
Menschen und blden Menschen-Meinungen: _alle_ Knechts-Art speit sie
an, diese selige Selbstsucht!

Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch
ist, unfreie Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche
nachgebende Art, welche mit breiten feigen Lippen ksst.

Und After-Weisheit: so heisst sie Alles, was Knechte und Greise
und Mde witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige,
berwitzige Priester-Narrheit!

Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmden und wessen Seele
von Weibs- und Knechtsart ist, - oh wie hat ihr Spiel von jeher der
Selbstsucht bel mitgespielt!

Und Das gerade sollte Tugend sein und Tugend heissen, _dass_ man der
Selbstsucht bel mitspiele! Und "selbstlos" - so wnschten sich selber
mit gutem Grunde alle diese weltmden Feiglinge und Kreuzspinnen!

Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert,
_der_grosse_Mittag_: da soll Vieles offenbar werden!

Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig,
wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: "Siehe, er
kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!"

Also sprach Zarathustra.



Vom Geist der Schwere

1.

Mein Mundwerk - ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich fr die
Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen
und Feder-Fchsen.

Meine Hand - ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wnden, und
was noch Platz hat fr Narren-Zierath, Narren-Schmierath!

Mein Fuss - ist ein Pferdefuss; damit trapple und trabe ich ber Stock
und Stein, kreuz- und querfeld-ein und bin des Teufels vor Lust bei
allem schnellen Laufen.

Mein Magen - ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten
Lammfleisch. Gewisslich aber ist er eines Vogels Magen.

Von unschuldigen Dingen genhrt und von Wenigem, bereit und ungeduldig
zu fliegen, davonzufliegen - das ist nun meine Art: wie sollte nicht
Etwas daran von Vogel-Art sein!

Und zumal, dass ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist
Vogel-Art: und wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! Oh wohin flog
und verflog sich nicht schon meine Feindschaft!

Davon knnte ich schon ein Lied singen - - und _will_ es singen: ob
ich gleich allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren
singen muss.

Andre Snger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre
Kehle weide, ihre Hand gesprchig, ihr Auge ausdrcklich, ihr Herz
wach: - Denen gleiche ich nicht. -


2.

Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine
verrckt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die
Erde wird er neu taufen - als "die Leichte."

Der Vogel Strauss luft schneller als das schnellste Pferd, aber auch
er steckt noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der
noch nicht fliegen kann.

Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so _will_ es der Geist der
Schwere! Wer aber leicht werden will und ein Vogel, der muss sich
selber lieben: - also lehre _ich_.

Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Schtigen: denn bei denen
stinkt auch die Eigenliebe!

Man muss sich selber lieben lernen - also lehre ich - mit einer heilen
und gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht
umherschweife.

Solches Umherschweifen tauft sich "Nchstenliebe": mit diesem Worte
ist bisher am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von
Solchen, die aller Welt schwer fielen.

Und wahrlich, das ist kein Gebot fr Heute und Morgen, sich lieben
_lernen_. Vielmehr ist von allen Knsten diese die feinste, listigste,
letzte und geduldsamste.

Fr seinen Eigener ist nmlich alles Eigene gut versteckt; und von
allen Schatzgruben wird die eigne am sptesten ausgegraben, - also
schafft es der Geist der Schwere.

Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit:
"gut" und "bse" - so heisst sich diese Mitgift. Um derentwillen
vergiebt man uns, dass wir leben.

Und dazu lsst man die Kindlein zu sich kommen, dass man ihnen bei
Zeiten wehre, sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der
Schwere.

Und wir - wir schleppen treulich, was man uns mitgiebt, auf harten
Schultern und ber rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns:
"Ja, das Leben ist schwer zu tragen!"

Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt
zu vieles Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er
nieder und lsst sich gut aufladen.

Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu
viele _fremde_ schwere Worte und Werthe ldt er auf sich, - nun dnkt
das Leben ihm eine Wste!

Und wahrlich! Auch manches _Eigene_ ist schwer zu tragen! Und viel
Inwendiges am Menschen ist der Auster gleich, nmlich ekel und
schlpfrig und schwer erfasslich -,

- also dass eine edle Schale mit edler Zierath frbitten muss. Aber
auch diese Kunst muss man lernen: Schale _haben_ und schnen Schein
und kluge Blindheit!

Abermals trgt ber Manches am Menschen, dass manche Schale gering und
traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Gte und Kraft wird
nie errathen; die kstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!

Die Frauen wissen das, die kstlichsten: ein Wenig fetter, ein Wenig
magerer - oh wie viel Schicksal liegt in so Wenigem!

Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten;
oft lgt der Geist ber die Seele. Also schafft es der Geist der
Schwere.

Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist _mein_
Gutes und Bses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht,
welcher spricht "Allen gut, Allen bs."

Wahrlich, ich mag auch Solche nicht, denen jegliches Ding gut und
diese Welt gar die beste heisst. Solche nenne ich die Allgengsamen.

Allgengsamkeit, die Alles zu schmecken weiss: das ist nicht der beste
Geschmack! Ich ehre die widerspnstigen whlerischen Zungen und Mgen,
welche "Ich" und "Ja" und "Nein" sagen lernten.

Alles aber kauen und verdauen - das ist eine rechte Schweine-Art!
Immer I-a sagen - das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes
ist! -

Das tiefe Gelb und das heisse Roth: so will es _mein_ Geschmack, -
der mischt Blut zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tncht, der
verrth mir eine weissgetnchte Seele.

In Mumien verliebt die Einen, die Andern in Gespenster; und Beide
gleich feind allem Fleisch und Blute - oh wie gehen Beide mir wider
den Geschmack! Denn ich liebe Blut.

Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo Jedermann spuckt und
speit: das ist nun _mein_ Geschmack, - lieber noch lebte ich unter
Dieben und Meineidigen. Niemand trgt Gold im Munde.

Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste
Thier von Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte
nicht lieben und doch von Liebe leben.

Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: bse Thiere zu
werden oder bse Thierbndiger: bei Solchen wrde ich mir keine Htten
bauen.

Unselig heisse ich auch Die, welche immer _warten_ mssen, - die gehen
mir wider den Geschmack: alle die Zllner und Krmer und Knige und
andren Lnder- und Ladenhter.

Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus,

- aber nur das Warten auf _mich_. Und ber Allem lernte ich stehn und
gehn und laufen und springen und klettern und tanzen.

Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss
erst stehn und gehn und laufen und klettern und tanzen lernen: - man
erfliegt das Fliegen nicht!

Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen
Beinen klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntniss
sitzen dnkte mich keine geringe Seligkeit, -

- gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht
zwar, aber doch ein grosser Trost fr verschlagene Schiffer und
Schiffbrchige! -

Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf
Einer Leiter stieg ich zur Hhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.

Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen, - das gieng mir immer
wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.

Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: - und wahrlich, auch
antworten muss man _lernen_ auf solches Fragen! Das aber - ist mein
Geschmack:

- kein guter, kein schlechter, aber _mein_ Geschmack, dessen ich weder
Scham noch Hehl mehr habe.

"Das - ist nun _mein_ Weg, - wo ist der eure?" so antwortete ich
Denen, welche mich "nach dem Wege" fragten. _Den_ Weg nmlich - den
giebt es nicht!

Also sprach Zarathustra.



Von alten und neuen Tafeln

1.

Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch
neue halb beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?

- die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will
ich zu den Menschen gehn.

Dess warte ich nun: denn erst mssen mir die Zeichen kommen,
dass es _meine_ Stunde sei, - nmlich der lachende Lwe mit dem
Taubenschwarme.

Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand
erzhlt mir Neues: so erzhle ich mir mich selber. -


2.

Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten
Dnkel: Alle dnkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut
und bse sei.

Eine alte mde Sache dnkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer
gut schlafen wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von "Gut" und
"Bse".

Diese Schlferei strte ich auf, als ich lehrte: was gut und bse ist,
_das_weiss_noch_Niemand_: - es sei denn der Schaffende!

- Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde
ihren Sinn giebt und ihre Zukunft: Dieser erst _schafft_ es, _dass_
Etwas gut und bse ist.

Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Sthle umwerfen, und wo nur jener
alte Dnkel gesessen hatte; ich hiess sie lachen ber ihre grossen
Tugend-Meister und Heiligen und Dichter und Welt-Erlser.

ber ihre dsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als
schwarze Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen
hatte.

An ihre grosse Grberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und
Geiern - und ich lachte ber all ihr Einst und seine mrbe verfallende
Herrlichkeit.

Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter
ber all ihr Grosses und Kleines -, dass ihr Bestes so gar klein ist!
Dass ihr Bsestes so gar klein ist! - also lachte ich.

Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf
Bergen geboren ist, eine wilde Weisheit wahrlich! - meine grosse
flgelbrausende Sehnsucht.

Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im
Lachen: da flog ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes
Entzcken:

- hinaus in ferne Zuknfte, die kein Traum noch sah, in heissere
Sden, als je sich Bildner trumten: dorthin, wo Gtter tanzend sich
aller Kleider schmen: -

- dass ich nmlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und
stammle: und wahrlich, ich schme mich, dass ich noch Dichter sein
muss! -

Wo alles Werden mich Gtter-Tanz und Gtter-Muthwillen dnkte, und die
Welt los- und ausgelassen und zu sich selber zurckfliehend: -

- als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Gtter, als das
selige Sich-Widersprechen, Sich-Wieder-hren, Sich-Wieder-Zugehren
vieler Gtter: -

Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dnkte, wo die
Nothwendigkeit die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der
Freiheit spielte: -

Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der
Schwere und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und
Zweck und Wille und Gut und Bse: -

Denn muss nicht dasein, _ber_ das getanzt, hinweggetanzt werde?
Mssen nicht um der Leichten, Leichtesten willen - Maulwrfe und
schwere Zwerge dasein? - -


3.

Dort war's auch, wo ich das Wort "bermensch" vom Wege auflas, und
dass der Mensch Etwas sei, das berwunden werden msse,

- dass der Mensch eine Brcke sei und kein Zweck: sich selig preisend
ob seines Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenrthen:

- das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich ber den
Menschen aufhngte, gleich purpurnen zweiten Abendrthen.

Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nchten; und
ber Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein
buntes Gezelt.

Ich lehrte sie all _mein_ Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und
zusammen zu tragen, was Bruchstck ist am Menschen und Rthsel und
grauser Zufall, -

- als Dichter, Rthselrather und Erlser des Zufalls lehrte ich sie an
der Zukunft schaffen, und Alles, das _war_ -, schaffend zu erlsen.

Das Vergangne am Menschen zu erlsen und alles "Es war" umzuschauen,
bis der Wille spricht: "Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen
-"

- Diess hiess ich ihnen Erlsung, Diess allein lehrte ich sie Erlsung
heissen. - -

Nun warte ich _meiner_ Erlsung -, dass ich zum letzten Male zu ihnen
gehe.

Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: _unter_ ihnen will ich
untergehen, sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!

Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die berreiche: Gold
schttet sie da in's Meer aus unerschpflichem Reichthume, -

- also, dass der rmste Fischer noch mit _goldenem_ Ruder rudert!
Diess nmlich sah ich einst und wurde der Thrnen nicht satt im
Zuschauen. - -

Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier
und wartet, alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue Tafeln, -
halbbeschriebene.


4.

Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brder, die sie
mit mir zu Thale und in fleischerne Herzen tragen? -

Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen
Nchsten nicht! Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss.

Es giebt vielerlei Weg und Weise der berwindung.- da siehe _du_ zu!
Aber nur ein Possenreisser denkt: "der Mensch kann auch _bersprungen_
werden."

berwinde dich selber noch in deinem Nchsten: und ein Recht, das du
dir rauben kannst, sollst du dir nicht geben lassen!

Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine
Vergeltung.

Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher _kann_
sich befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!


5.

Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts _umsonst_ haben,
am wenigsten das Leben.

Wer vom Pbel ist, der will umsonst leben; wir Anderen aber, denen
das Leben sich gab, - wir sinnen immer darber, _was_ wir am besten
_dagegen_ geben!

Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: "was _uns_
das Leben verspricht, das wollen _wir_ - dem Leben halten!"

Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt. Und
- man soll nicht geniessen _wollen_!

Genuss und Unschuld nmlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide
wollen nicht gesucht sein. Man soll sie _haben_ -, aber man soll eher
noch nach Schuld und Schmerzen _suchen_! -


6.

Oh meine Brder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun
aber sind wir Erstlinge.

Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle
zu Ehren alter Gtzenbilder.

Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist
zart, unser Fell ist nur ein Lamm-Fell: - wie sollten wir nicht alte
Gtzenpriester reizen!

_In_uns_selber_ wohnt er noch, der alte Gtzenpriester, der unser
Bestes sich zum Schmause brt. Ach, meine Brder, wie sollten
Erstlinge nicht Opfer sein!

Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht
bewahren wollen. Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe:
denn sie gehn hinber. -


7.

Wahr sein - das _knnen_ Wenige! Und wer es kann, der will es noch
nicht! Am wenigsten aber knnen es die Guten.

Oh diese Guten! - Gute Menschen reden nie die Wahrheit; fr den Geist
ist solchermaassen gut sein eine Krankheit.

Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach,
ihr Grund gehorcht; wer aber gehorcht, der hrt sich selber nicht!

Alles, was den Guten bse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine
Wahrheit geboren werde: oh meine Brder, seid ihr auch bse genug zu
_dieser_ Wahrheit?

Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der
berdruss, das Schneiden in's Lebendige - wie selten kommt _das_
zusammen! Aus solchem Samen aber wird Wahrheit gezeugt!

_Neben_ dem bsen Gewissen wuchs bisher alles _Wissen_! Zerbrecht,
zerbrecht mir, ihr Erkennenden, die alten Tafeln!


8.

Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Gelnder ber den Fluss
springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: "Alles
ist im Fluss."

Sondern selber die Tlpel widersprechen ihm. "Wie? sagen die Tlpel,
Alles wre im Flusse? Balken und Gelnder sind doch _ber_ dem
Flusse!"

"_ber_ dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die
Brcken, Begriffe, alles `Gut` und `Bse`: das ist Alles fest!" -

Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbndiger: dann lernen
auch die Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tlpel
sprechen dann: "Sollte nicht Alles - _stille_stehn_?"

"Im Grunde steht Alles stille" -, das ist eine rechte Winter-Lehre,
ein gut Ding fr unfruchtbare Zeit, ein guter Trost fr Winterschlfer
und Ofenhocker.

"Im Grund steht Alles still" -: _dagegen_ aber predigt der Thauwind!

Der Thauwind, ein Stier, der kein pflgender Stier ist, - ein
wthender Stier, ein Zerstrer, der mit zornigen Hrnern Eis bricht!
Eis aber - - _bricht_Stege_!

Oh meine Brder, ist _jetzt_ nicht Alles _im_Flusse_? Sind nicht alle
Gelnder und Stege in's Wasser gefallen? Wer _hielte_ sich noch an
"Gut" und "Bse"?

"Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!" - Also predigt mir, oh meine
Brder, durch alle Gassen!


9.

Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Bse. Um Wahrsager und
Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.

Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man
"Alles ist Schicksal: du sollst, denn du musst!"

Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und
_darum_ glaubte man "Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!"

Oh meine Brder, ber Sterne und Zukunft ist bisher nur gewhnt, nicht
gewusst worden: und _darum_ ist ber Gut und Bse bisher nur gewhnt,
nicht gewusst worden!


10.

"Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!" - solche Worte
hiess man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Kpfe und zog
die Schuhe aus.

Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Ruber und Todtschlger in
der Welt, als es solche heilige Worte waren?

Ist in allem Leben selber nicht - Rauben und Todtschlagen? Und dass
solche Worte heilig hiessen, wurde damit die _Wahrheit_ selber nicht -
todtgeschlagen?

Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben
widersprach und widerrieth? - Oh meine Brder, zerbrecht, zerbrecht
mir die alten tafeln!


11.

Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist
preisgegeben, -

- der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes
preisgegeben, das kommt und Alles, was war, zu seiner Brcke umdeutet!

Ein grosser Gewalt-Herr knnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit
seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwnge und zwngte: bis es
ihm Brcke wrde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.

Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden: - wer vom
Pbel ist, dessen Gedenken geht zurck bis zum Grossvater, - mit dem
Grossvater aber hrt die Zeit auf.

Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es knnte einmal kommen,
dass der Pbel Herr wrde und in seichten Gewssern alle Zeit
ertrnke.

Darum, oh meine Brder, bedarf es eines _neuen_Adels_, der allem Pbel
und allem Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu
das Wort schreibt "edel".

Vieler Edlen nmlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe!
Oder, wie ich einst im Gleichniss sprach: "Das eben ist Gttlichkeit,
dass es Gtter, aber keinen Gott giebt!"


12.

Oh meine Brder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr
sollt mir Zeuger und Zchter werden und Semnner der Zukunft, -

- wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen knntet gleich den
Krmern und mit Krmer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen
Preis hat.

Nicht, woher ihr kommt, mache euch frderhin eure Ehre, sondern wohin
ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der ber euch selber hinaus will,
- das mache eure neue Ehre!

Wahrlich nicht, dass ihr einem Frsten gedient habt - was liegt noch
an Frsten! - oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester
stnde!

Nicht, dass euer Geschlecht an Hfen hfisch wurde, und ihr lerntet,
bunt, einem Flamingo hnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.

- Denn Stehen-_knnen_ ist ein Verdienst bei Hflingen; und
alle Hflinge glauben, zur Seligkeit nach dem Tode gehre -
Sitzen-_drfen_! -

Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in
gelobte Lnder fhrte, die _ich_ nicht lobe: denn wo der schlimmste
aller Bume wuchs, das Kreuz, - an dem Lande ist Nichts zu loben! -

- und wahrlich, wohin dieser "heilige Geist" auch seine Ritter fhrte,
immer liefen bei solchen Zgen - Ziegen und Gnse und Kreuz- und
Querkpfe _voran_! -

Oh meine Brder, nicht zurck soll euer Adel schauen, sondern
_hinaus_! Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und
Urvterlndern!

Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel,
- das unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure Segel
suchen und suchen!

An euren Kindern sollt ihr _gutmachen_, dass ihr eurer Vter Kinder
seid: alles Vergangene sollt ihr _so_ erlsen! Diese neue Tafel stelle
ich ber euch!


13.

"Wozu leben? Alles ist eitel! Leben - das ist Stroh dreschen; Leben -
das ist sich verbrennen und doch nicht warm werden." -

Solch alterthmliches Geschwtz gilt immer noch als "Weisheit"; dass
es aber alt ist und dumpfig riecht, _darum_ wird es besser geehrt.
Auch der Moder adelt. -

Kinder durften so reden: die _scheuen_ das Feuer, weil es sie brannte!
Es ist viel Kinderei in den alten Bchern der Weisheit.

Und wer immer "Stroh drischt", wie sollte der auf das Dreschen lstern
drfen! Solchem Narren msste man doch das Maul verbinden!

Solche setzen sich zu Tisch und bringen Nichts mit, selbst den guten
Hunger nicht: - und nun lstern sie "Alles ist eitel!"

Aber gut essen und trinken, oh meine Brder, ist wahrlich keine eitle
Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!


14.

"Dem Reinen ist Alles rein" - so spricht das Volk. Ich aber sage euch:
den Schweinen wird Alles Schwein!

Darum predigen die Schwrmer und Kopfhnger, denen auch das Herz
niederhngt: "die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer."

Denn diese Alle sind unsuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene,
welche nicht Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt
_von_hinten_, - die Hinterweltler!

_Denen_ sage ich in's Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt:
die Welt gleicht darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat, -
_so_Viel_ ist wahr!

Es giebt in der Welt viel Koth: _so_Viel_ ist wahr! Aber darum ist die
Welt selber noch kein kothiges Ungeheuer!

Es ist Weisheit darin, dass Vieles in der Welt bel riecht: der Ekel
selber schafft Flgel und quellenahnende Krfte!

An dem Besten ist noch Etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch Etwas,
das berwunden werden muss! -

Oh meine Brder, es ist viel Weisheit darin, dass viel Koth in der
Welt ist! -


15.

Solche Sprche hrte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden;
und wahrlich, ohne Arg und Falsch, - ob es Schon nichts Falscheres in
der Welt giebt, noch rgeres.

"Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen
Finger auf!"

"Lass, wer da wolle, die Leute wrgen und stechen und schneiden und
schaben: hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie
noch der Welt absagen."

"Und deine eigne Vernunft - die sollst du selber grgeln und wrgen;
denn es ist eine Vernunft von dieser Welt, - darob lernst du selber
der Welt absagen." -

- Zerbrecht, zerbrecht mir, oh meine Brder, diese alten Tafeln der
Frommen! Zersprecht mir die Sprche der Welt-Verleumder!


16.

"Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren" - das flstert
man heute sich zu auf allen dunklen Gassen.

"Weisheit macht mde, es lohnt sich - Nichts; du sollst nicht
begehren!" - diese neue Tafel fand ich hngen selbst auf offnen
Mrkten.

Zerbrecht mir, oh meine Brder, zerbrecht mir auch diese _neue_
Tafel! Die Welt-Mden hngten sie hin und die Prediger des Todes,
und auch die Stockmeister: denn seht, es ist auch eine Predigt zur
Knechtschaft! -

Dass sie schlecht lernten und das Beste nicht, und Alles zu frh und
Alles zu geschwind: dass sie schlecht _assen_, daher kam ihnen jener
verdorbene Magen, -

- ein verdorbener Magen ist nmlich ihr Geist: _der_ rth zum Tode!
Denn wahrlich, meine Brder, der Geist _ist_ ein Magen!

Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen
redet, der Vater der Trbsal, dem sind alle Quellen vergiftet.

Erkennen: das ist _Lust_ dem Lwen-willigen! Aber wer mde wurde, der
wird selber nur "gewollt", mit dem spielen alle Wellen.

Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf
ihren Wegen. Und zuletzt fragt noch ihre Mdigkeit: "wozu giengen wir
jemals Wege! Es ist Alles gleich!"

_Denen_ klingt es lieblich zu Ohren, dass gepredigt wird: "Es verlohnt
sich Nichts! Ihr sollt nicht wollen!" Diess aber ist eine Predigt zur
Knechtschaft.

Oh meine Brder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen
Weg-Mden; viele Nasen wird er noch niesen machen!

Auch durch Mauern blst mein freier Athem, und hinein in Gefngnisse
und eingefangne Geister!

Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und _nur_ zum
Schaffen sollt ihr lernen!

Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir _lernen_, das Gut-Lernen! -
Wer Ohren hat, der hre!


17.

Da steht der Nachen, - dort hinber geht es vielleicht in's grosse
Nichts. - Aber wer will in diess "Vielleicht" einsteigen?

Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr
dann _Welt-Mde_ sein!

Weltmde! Und noch nicht einmal Erd-Entrckte wurdet ihr! Lstern
fand ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne
Erd-Mdigkeit!

Nicht umsonst hngt euch die Lippe herab: - ein kleiner Erden-Wunsch
sitzt noch darauf! Und im Auge - schwimmt da nicht ein Wlkchen
unvergessner Erden-Lust?

Es giebt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen ntzlich, die
andern angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.

Und mancherlei so gut Erfundenes giebt es da, dass es ist wie des
Weibes Busen: ntzlich zugleich und angenehm.

Ihr Welt-Mden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruthen
streichen! Mit Ruthenstreichen soll man euch wieder muntre Beine
machen.

Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde mde
ist, so seid ihr schlaue Faulthiere oder naschhafte verkrochene
Lust-Katzen. Und wollt ihr nicht wieder lustig _laufen_, so sollt ihr
- dahinfahren!

An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es
Zarathustra: - so sollt ihr dahinfahren!

Aber es gehrt mehr _Muth_ dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen
Vers: das wissen alle rzte und Dichter. -


18.

Oh meine Brder, es giebt Tafeln, welche die Ermdung, und Tafeln,
welche die Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so
wollen sie doch ungleich gehrt sein. -

Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch
von seinem Ziele, aber vor Mdigkeit hat er sich trotzig hier in den
Staub gelegt: dieser Tapfere!

Vor Mdigkeit ghnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an:
keinen Schritt will er noch weiter thun, - dieser Tapfere!

Nun glht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem
Schweisse: aber er liegt da in seinem Trotze und will lieber
verschmachten: -

- eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr
werdet ihn noch an den Haaren in seinen Himmel ziehen mssen, - diesen
Helden!

Besser noch, ihr lasst ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, dass der
Schlaf ihm komme, der Trster, mit khlendem Rausche-Regen:

Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle
Mdigkeit widerruft und was Mdigkeit aus ihm lehrte!

Nur, meine Brder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen
Schleicher, und all das schwrmende Geschmeiss: -

- all das schwrmende Geschmeiss der "Gebildeten", das sich am
Schweisse jedes Helden - gtlich thut! -


19.

Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere
steigen mit mir auf immer hhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus
immer heiligeren Bergen. -

Wohin ihr aber auch mit mir steigen mgt, oh meine Brder: seht zu,
dass nicht ein _Schmarotzer_ mit euch steige!

Schmarotzer: das ist ein Gewrm, ein kriechendes, geschmiegtes, das
fett werden will an euren kranken wunden Winkeln.

Und _das_ ist seine Kunst, dass er steigende Seelen errth, wo sie
mde sind: in euren Gram und Unmuth, in eure zarte Scham baut er sein
ekles Nest.

Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist, - dahinein baut er sein
ekles Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Grosse kleine wunde Winkel
hat.

Was ist die hchste Art alles Seienden und was die geringste? Der
Schmarotzer ist die geringste Art; wer aber hchster Art ist, der
ernhrt die meisten Schmarotzer.

Die Seele nmlich, welche die lngste Leiter hat und am tiefsten
hinunter kann: wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer
sitzen? -

- die umfnglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und
irren und schweifen kann; die nothwendigste, welche sich aus Lust in
den Zufall strzt: -

- die seiende Seele, welche in's Werden taucht; die habende, welche
in's Wollen und Verlangen _will_: -

- die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise
einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am sssesten
zuredet: -

- die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strmen
und Wiederstrmen und Ebbe und Fluth haben: - oh wie sollte
_die_hchste_Seele_ nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?


20.

Oh meine Brder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fllt, das
soll man auch noch stossen!

Das Alles von Heute - das fllt, das verfllt: wer wollte es halten!
Aber ich - ich _will_ es noch stossen!

Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? - Diese
Menschen von heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!

Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brder! Ein Beispiel!
_Thut_ nach meinem Beispiele!

Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir - schneller fallen! -


21.

Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein, - man
muss auch wissen Hau-schau-_Wen_!

Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hlt und
vorbergeht: _damit_ er sich dem wrdigeren Feinde aufspare!

Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten: ihr msst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon
Ein Mal.

Dem wrdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen:
darum msst ihr an Vielem vorbergehn, -

- sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lrmt von Volk
und Vlkern.

Haltet euer Auge rein von ihrem Fr und Wider! Da giebt es viel Recht,
viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.

Dreinschaun, dreinhaun - das ist da Eins: darum geht weg in die Wlder
und legt euer Schwert schlafen!

Geht _eure_ Wege! Und lasst Volk und Vlker die ihren gehn! - dunkle
Wege wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!

Mag da der Krmer herrschen, wo Alles, was noch glnzt - Krmer-Gold
ist! Es ist die Zeit der Knige nicht mehr: was sich heute Volk
heisst, verdient keine Knige.

Seht doch, wie diese Vlker jetzt selber den Krmern gleich thun: sie
lesen sich die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!

Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab, - das heissen
sie "gute Nachbarschaft." Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich
sagte: "ich will ber Vlker - _Herr_ sein!"

Denn, meine Brder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch
herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da - _fehlt_ es am Besten.


22.

Wenn _Die_ - Brod umsonst htten, wehe! Wonach wrden _Die_ schrein!
Ihr Unterhalt - das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es
schwer haben!

Raubthiere sind es.- in ihrem "Arbeiten" - da ist auch noch Rauben, in
ihrem "Verdienen" - da ist auch noch berlisten! Darum sollen sie es
schwer haben!

Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klgere,
_menschen-hnlichere_: der Mensch nmlich ist das beste Raubthier.

Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht,
von allen Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.

Nur noch die Vgel sind ber ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen
lernte, wehe! _wohinauf_ - wrde seine Raublust fliegen!


23.

So will ich Mann und Weib: kriegstchtig den Einen, gebrtchtig das
Andre, beide aber tanztchtig mit Kopf und Beinen.

Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und
falsch heisse uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelchter gab!


24.

Euer Eheschliessen: seht zu, dass es nicht ein schlechtes _Schliessen_
sei! Ihr schlosset zu schnell: so _folgt_ daraus - Ehebrechen!

Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelgen! - So sprach mir
ein Weib: "wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe - mich!"

Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachschtigen: sie
lassen es aller Welt entgelten, dass sie nicht mehr einzeln laufen.

Desswillen will ich, dass Redliche zu einander reden: "wir lieben
uns: lasst uns _zusehn_, dass wir uns lieb behalten! Oder soll unser
Versprechen ein Versehen sein?"

- "Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, dass wir zusehn, ob wir zur
grossen Ehe taugen! Es ist ein grosses Ding, immer zu Zwein sein!"

Also rathe ich allen Redlichen; und was wre denn meine Liebe zum
bermenschen und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und
redete!

Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern _hinauf_ - dazu, oh meine
Brder, helfe euch der Garten der Ehe!


25.

Wer ber alte Ursprnge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach
Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Ursprngen. -

Oh meine Brder, es ist nicht ber lange, da werden _neue_Vlker_
entspringen und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.

Das Erdbeben nmlich - das verschttet viel Brunnen, das schafft viel
Verschmachten: das hebt auch innre Krfte und Heimlichkeiten an's
Licht.

Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Vlker
brechen neue Quellen aus.

Und wer da ruft: "Siehe hier ein Brunnen fr viele Durstige, Ein Herz
fr viele Sehnschtige, Ein Wille fr viele Werkzeuge": - um den
sammelt sich ein _Volk_, das ist: viel Versuchende.

Wer befehlen kann, wer gehorchen muss - Das wird da versucht! Ach,
mit welch langem Suchen und Rathen und Missrathen und Lernen und
Neu-Versuchen!

Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich's, - ein
langes Suchen: sie sucht aber den Befehlenden! -

- ein Versuch, oh meine Brder! Und _kein_ "Vertrag"! Zerbrecht,
zerbrecht mir solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!


26.

Oh meine Brder! Bei Welchen liegt doch die grsste Gefahr aller
Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? -

- als bei Denen, die sprechen und im Herzen fhlen: "wir wissen schon,
was gut ist und gerecht, wir haben es auch; wehe Denen, die hier noch
suchen!" -

Und was fr Schaden auch die Bsen thun mgen: der Schaden der Guten
ist der schdlichste Schaden!

Und was fr Schaden auch die Welt-Verleumder thun mgen: der Schaden
der Guten ist der schdlichste Schaden.

Oh meine Brder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in's Herz,
der da sprach: "es sind die Phariser." Aber man verstand ihn nicht.

Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist
ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist
unergrndlich klug.

Das aber ist die Wahrheit: die Guten _mssen_ Phariser sein, - sie
haben keine Wahl!

Die Guten _mssen_ Den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend
erfindet! Das _ist_ die Wahrheit!

Der Zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich
der Guten und Gerechten: das war, der da fragte: "wen hassen sie am
meisten?"

Den _Schaffenden_ hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und
alte Werthe, den Brecher - den heissen sie Verbrecher.

Die Guten nmlich - die _knnen_ nicht schaffen: die sind immer der
Anfang vom Ende:-

- sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
opfern _sich_ die Zukunft, - sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende. -


27.

Oh meine Brder, verstandet ihr auch diess Wort? Und was ich einst
sagte vom "letzten Menschen"? - -

Bei Welchen liegt die grsste Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es
nicht bei den Guten und Gerechten?

Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten! - Oh meine Brder,
verstandet ihr auch diess Wort?


28.

Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?

Oh meine Brder, als ich euch die Guten zerbrechen hiess und die
Tafeln der Guten: da erst schiffte ich den Menschen ein auf seine hohe
See.

Und nun erst kommt ihm der grosse Schrecken, das grosse Um-sich-sehn,
die grosse Krankheit, der grosse Ekel, die grosse See-Krankheit.

Falsche Ksten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in
Lgen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund
hinein verlogen und verbogen durch die Guten.

Aber wer das Land "Mensch" entdeckte, entdeckte auch das Land
"Menschen-Zukunft". Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere,
geduldsame!

Aufrecht geht mir bei Zeiten, oh meine Brder, lernt aufrecht gehn!
Das Meer strmt: Viele wollen an euch sich wieder aufrichten.

Das Meer strmt: Alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten
Seemanns-Herzen!

Was Vaterland! _Dorthin_ will unser Steuer, wo unser _Kinder-Land_
ist! Dorthinaus, strmischer als das Meer, strmt unsre grosse
Sehnsucht! -


29.

"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Kchen-Kohle; sind
wir denn nicht Nah-Verwandte?" -

Warum so weich? Oh meine Brder, also frage _ich_ euch: seid ihr denn
nicht - meine Brder?

Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel
Leugnung, Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem
Blicke?

Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie knntet ihr
mit mir - siegen?

Und wenn eure Hrte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will:
wie knntet ihr einst mit mir - schaffen?

Die Schaffenden nmlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dnken,
eure Hand auf Jahrtausende zu drcken wie auf Wachs, -

- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf
Erz, - hrter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das
Edelste.

Diese neue Tafel, oh meine Brder, stelle ich ber euch: werdet
hart! -


30.

Oh du mein Wille! Du Wende aller Noth du _meine_ Nothwendigkeit!
Bewahre mich vor allen kleinen Siegen!

Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal heisse! Du-In-mir!
ber-mir! Bewahre und spare mich auf zu Einem grossen Schicksale!

Und deine letzte Grsse, mein Wille, spare dir fr dein Letztes auf, -
dass du unerbittlich bist _in_ deinem Siege! Ach, wer unterlag nicht
seinem Siege!

Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen Dmmerung! Ach,
wessen Fuss taumelte nicht und verlernte im Siege - stehen! -

- Dass ich einst bereit und reif sei im grossen Mittage: bereit und
reif gleich glhendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem
Milch-Euter: -

- bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen
brnstig nach seinem Pfeile, ein Pfeil brnstig nach seinem Sterne: -

- ein Stern bereit und reif in seinem Mittage, glhend, durchbohrt,
selig vor vernichtenden Sonnen-Pfeilen: -

- eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum
Vernichten bereit im Siegen!

Oh Wille, Wende aller Noth, du _meine_ Nothwendigkeit! Spare mich auf
zu Einem grossen Siege! - -

Also sprach Zarathustra.



Der Genesende

1.

Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rckkehr zur Hhle, sprang
Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit
furchtbarer Stimme und gebrdete sich, als ob noch Einer auf dem Lager
lge, der nicht davon aufstehn wolle; und also tnte Zarathustra's
Stimme, dass seine Thiere erschreckt hinzukamen, und dass aus allen
Hhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustra's Hhle benachbart waren,
alles Gethier davon huschte, - fliegend, flatternd, kriechend,
springend, wie ihm nur die Art von Fuss und Flgel gegeben war.
Zarathustra aber redete diese Worte:

Herauf, abgrndlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
schon wach krhen!

Knpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hren!
Auf! Auf! Hier ist Donners genug, dass auch Grber horchen lernen!

Und wische den Schlaf und alles Blde, Blinde aus deinen Augen! Hre
mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch fr
Blindgeborne.

Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das
_meine_ Art, Urgrossmtter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie heisse
- weiterschlafen!

Du regst dich, dehnst dich, rchelst? Auf! Auf! Nicht rcheln - reden
sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!

Ich, Zarathustra, der Frsprecher des Lebens, der Frsprecher
des Leidens, der Frsprecher des Kreises - dich rufe ich, meinen
abgrndlichsten Gedanken!

Heil mir! Du kommst - ich hre dich! Mein Abgrund _redet_, meine
letzte Tiefe habe ich an's Licht gestlpt!

Heil mir! Heran! Gieb die Hand - - ha! lass! Haha! - - Ekel, Ekel,
Ekel - - - wehe mir!


2.

Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da strzte er
nieder gleich einem Todten und blieb lange wie ein Todter. Als er aber
wieder zu sich kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und
wollte lange nicht essen noch trinken. Solches Wesen dauerte an ihm
sieben Tage; seine Thiere verliessen ihn aber nicht bei Tag und Nacht,
es sei denn, dass der Adler ausflog, Speise zu holen. Und was er
holte und zusammenraubte, das legte er auf Zarathustra's Lager: also
dass Zarathustra endlich unter gelben und rothen Beeren, Trauben,
Rosenpfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen lag. Zu
seinen Fssen aber waren zwei Lmmer gebreitet, welche der Adler mit
Mhe ihren Hirten abgeraubt hatte.

Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager
auf, nahm einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen
Geruch lieblich. Da glaubten seine Thiere, die Zeit sei gekommen, mit
ihm zu reden.

"Oh Zarathustra, sagten sie, nun liegst du schon sieben Tage so, mit
schweren Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine Fsse
stellen?

Tritt hinaus aus deiner Hhle: die Welt wartet dein wie ein Garten.
Der Wind spielt mit schweren Wohlgerchen, die zu dir wollen; und alle
Bche mchten dir nachlaufen.

Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein
bliebst, - tritt hinaus aus deiner Hhle! Alle Dinge wollen deine
rzte sein!

Kam wohl eine neue Erkenntniss zu dir, eine saure, schwere? Gleich
angesuertem Teige lagst du, deine Seele gieng auf und schwoll ber
alle ihre Rnder. -"

- Oh meine Thiere, antwortete Zarathustra, schwtzt also weiter
und lasst mich zuhren! Es erquickt mich so, dass ihr schwtzt: wo
geschwtzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.

Wie lieblich ist es, dass Worte und Tne da sind: sind nicht Worte und
Tne Regenbogen und Schein-Brcken zwischen Ewig-Geschiedenem?

Zu jeder Seele gehrt eine andre Welt; fr jede Seele ist jede andre
Seele eine Hinterwelt.

Zwischen dem hnlichsten gerade lgt der Schein am schnsten; denn die
kleinste Kluft ist am schwersten zu berbrcken.

Fr mich - wie gbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber
das vergessen wir bei allen Tnen; wie lieblich ist es, dass wir
vergessen!

Sind nicht den Dingen Namen und Tne geschenkt, dass der Mensch sich
an den Dingen erquicke? Es ist eine schne Narrethei, das Sprechen:
damit tanzt der Mensch ber alle Dinge.

Wie lieblich ist alles Reden und alle Lge der Tne! Mit Tnen tanzt
unsre Liebe auf bunten Regenbgen. -

- "Oh Zarathustra, sagten darauf die Thiere, Solchen, die denken wie
wir, tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und
lacht und flieht - und kommt zurck.

Alles geht, Alles kommt zurck; ewig rollt das Rad des Seins. Alles
stirbt, Alles blht wieder auf, ewig luft das Jahr des Seins.

Alles bricht, Alles wird neu gefgt; ewig baut sich das gleiche Haus
des Seins. Alles scheidet, Alles grsst sich wieder; ewig bleibt sich
treu der Ring des Seins.

In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort.
Die Mitte ist berall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit." -

- Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln! antwortete Zarathustra und
lchelte wieder, wie gut wisst ihr, was sich in sieben Tagen erfllen
musste: -

- und wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und mich wrgte! Aber
ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.

Und ihr, - ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege
ich da, mde noch von diesem Beissen und Wegspein, krank noch von der
eigenen Erlsung.

Und ihr schautet dem Allen zu? Oh meine Thiere, seid auch ihr grausam?
Habt ihr meinem grossen Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen thun?
Der Mensch nmlich ist das grausamste Thier.

Bei Trauerspielen, Stierkmpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am
wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hlle erfand, siehe,
da war das sein Himmel auf Erden.

Wenn der grosse Mensch schreit -: flugs luft der kleine hinzu; und
die Zunge hngt ihm aus dem Halse vor Lsternheit. Er aber heisst es
sein "Mitleiden."

Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter - wie eifrig klagt er das
Leben in Worten an! Hrt hin, aber berhrt mir die Lust nicht, die in
allem Anklagen ist!

Solche Anklger des Lebens: die berwindet das Leben mit einem
Augenblinzeln. "Du liebst mich? sagt die Freche; warte noch ein Wenig,
noch habe ich fr dich nicht Zeit."

Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Thier; und bei Allem,
was sich "Snder" und "Kreuztrger" und "Bsser" heisst, berhrt mir
die Wollust nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!

Und ich selber - will ich damit des Menschen Anklger sein? Ach, meine
Thiere, Das allein lernte ich bisher, dass dem Menschen sein Bsestes
nthig ist zu seinem Besten, -

- dass alles Bseste seine beste _Kraft_ ist und der hrteste Stein
dem hchsten Schaffenden; und dass der Mensch besser _und_ bser
werden muss: -

Nicht an _diess_ Marterholz war ich geheftet, dass ich weiss: der
Mensch ist bse, - sondern ich schrie, wie noch Niemand geschrien hat:

"Ach dass sein Bsestes so gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar
klein ist!"

Der grosse berdruss am Menschen - _der_ wrgte mich und war mir in
den Schlund gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: "Alles ist
gleich, es lohnt sich Nichts, Wissen wrgt."

Eine lange Dmmerung hinkte vor mir her, eine todesmde, todestrunkene
Traurigkeit, welche mit ghnendem Munde redete.

"Ewig kehrt er wieder, der Mensch, dess du mde bist, der kleine
Mensch" - so ghnte meine Traurigkeit und schleppte den Fuss und
konnte nicht einschlafen.

Zur Hhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein,
alles Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche
Vergangenheit.

Mein Seufzen sass auf allen Menschen-Grbern und konnte nicht mehr
aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und wrgte und nagte und
klagte bei Tag und Nacht:

- "ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig
wieder!" -

Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grssten Menschen und den
kleinsten Menschen: allzuhnlich einander, - allzumenschlich auch den
Grssten noch!

Allzuklein der Grsste! - Das war mein berdruss am Menschen! Und
ewige Wiederkunft auch des Kleinsten! - Das war mein berdruss an
allem Dasein!

Ach, Ekel! Ekel! Ekel! - - Also sprach Zarathustra und seufzte und
schauderte; denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da liessen ihn
aber seine Thiere nicht weiter reden.

"Sprich nicht weiter, du Genesender! - so antworteten ihm seine
Thiere, sondern geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem
Garten.

Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschwrmen! Sonderlich
aber zu den Singe-Vgeln: dass du ihnen das _Singen_ ablernst!

Singen nmlich ist fr Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch
der Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende."

- "Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch! -
antwortete Zarathustra und lchelte ber seine Thiere. Wie gut ihr
wisst, welchen Trost ich mir selber in sieben Tagen erfand!

Dass ich wieder singen msse, - _den_ Trost erfand ich mir und _diese_
Genesung: wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?"

- "Sprich nicht weiter, antworteten ihm abermals seine Thiere; lieber
noch, du Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue
Leier!

Denn siehe doch, oh Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es
neuer Leiern.

Singe und brause ber, oh Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine
Seele: dass du dein grosses Schicksal tragest, das noch keines
Menschen Schicksal war!

Denn deine Thiere wissen es wohl, oh Zarathustra, wer du bist und
werden musst: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft -, das
ist nun _dein_ Schicksal!

Dass du als der Erste diese Lehre lehren musst, - wie sollte diess
grosse Schicksal nicht auch deine grsste Gefahr und Krankheit sein!

Siehe, wir wissen, was du lehrst: dass alle Dinge ewig wiederkehren
und wir selber mit, und dass wir schon ewige Male dagewesen sind, und
alle Dinge mit uns.

Du lehrst, dass es ein grosses Jahr des Werdens giebt, ein Ungeheuer
von grossem Jahre: das muss sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder
von Neuem umdrehn, damit es von Neuem ablaufe und auslaufe: -

- so dass alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Grssten und
auch im Kleinsten, - so dass wir selber in jedem grossen Jahre uns
selber gleich sind, im Grssten und auch im Kleinsten.

Und wenn du jetzt sterben wolltest, oh Zarathustra: siehe, wir wissen
auch, wie du da zu dir sprechen wrdest: - aber deine Thiere bitten
dich, dass du noch nicht sterbest!

Du wrdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufathmend vor
Seligkeit: denn eine grosse Schwere und Schwle wre von dir genommen,
du Geduldigster! -

`Nun sterbe und schwinde ich, wrdest du sprechen, und im Nu bin ich
ein Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.

Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen
bin, - der wird mich wieder schaffen! Ich selber gehre zu den
Ursachen der ewigen Wiederkunft.

Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler,
mit dieser Schlange - _nicht_ zu einem neuen Leben oder besseren Leben
oder hnlichen Leben:

- ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im
Grssten und auch im Kleinsten, dass ich wieder aller Dinge ewige
Wiederkunft lehre, -

- dass ich wieder das Wort spreche vom grossen Erden- und
Menschen-Mittage, dass -ich wieder den Menschen den bermenschen
knde.

Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein
ewiges Loos -, als Verkndiger gehe ich zu Grunde!

Die Stunde kam nun, dass der Untergehende sich selber segnet. Also
_endet_ Zarathustra's Untergang.`" - -

Als die Thiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und
warteten, dass Zarathustra Etwas zu ihnen sagen werde: aber
Zarathustra hrte nicht, dass sie schwiegen. Vielmehr lag er still,
mit geschlossenen Augen, einem Schlafenden hnlich, ob er schon nicht
schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner Seele. Die Schlange
aber und der Adler, als sie ihn solchermaassen schweigsam fanden,
ehrten die grosse Stille um ihn und machten sich behutsam davon.



Von der grossen Sehnsucht

Oh meine Seele, ich lehrte dich "Heute" sagen wie "Einst" und
"Ehemals" und ber alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinweg
tanzen.

Oh meine Seele, ich erlste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub,
Spinnen und Zwielicht von dir ab.

Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von
dir ab und berredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.

Mit dem Sturme, welcher "Geist" heisst, blies ich ber deine wogende
See; alle Wolken blies ich davon, ich erwrgte selbst die Wrgerin,
die "Snde" heisst.

Oh meine Seele, ich gab dir das Recht, Nein zu sagen wie der Sturm und
Ja zu sagen wie offner Himmel Ja sagt: still wie Licht stehst du und
gehst du nun durch verneinende Strme.

Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurck ber Erschaffnes und
Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des
Zuknftigen?

Oh meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein
Wurmfrass kommt, das grosse, das liebende Verachten, welches am
meisten liebt, wo es am meisten verachtet.

Oh meine Seele, ich lehrte dich so berreden, dass du zu dir die
Grnde selber berredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu
seiner Hhe berredet.

Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und
Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen "Wende der Noth" und
"Schicksal".

Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hiess
dich "Schicksal" und "Umfang der Umfnge" und "Nabelschnur der Zeit"
und "azurne Glocke".

Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken,
alle neuen Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der
Weisheit.

Oh meine Seele, jede Sonne goss ich auf dich und jede Nacht und
jedes Schweigen und jede Sehnsucht: - da wuchsest du mir auf wie ein
Weinstock.

Oh meine Seele, berreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock
mit schwellenden Eutern und gedrngten braunen Gold-Weintrauben: -

- gedrngt und gedrckt von deinem Glcke, wartend vor berflusse und
schamhaft noch ob deines Wartens.

Oh meine Seele, es giebt nun nirgends eine Seele, die liebender wre
und umfangender und umfnglicher! Wo wre Zukunft und Vergangnes nher
beisammen als bei dir?

Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hnde sind an
dich leer geworden: - und nun! Nun sagst du mir lchelnd und voll
Schwermuth: "Wer von uns hat zu danken? -

- hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken
nicht eine Nothdurft? Ist Nehmen nicht - Erbarmen?" -

Oh meine Seele, ich verstehe das Lcheln deiner Schwermuth: dein
ber-Reichthum selber streckt nun sehnende Hnde aus!

Deine Flle blickt ber brausende Meere hin und sucht und wartet; die
Sehnsucht der ber-Flle blickt aus deinem lchelnden Augen-Himmel!

Und wahrlich, oh meine Seele! Wer she dein Lcheln und schmelze nicht
vor Thrnen? Die Engel selber schmelzen vor Thrnen ob der ber-Gte
deines Lchelns.

Deine Gte und ber-Gte ist es, die nicht klagen und weinen will: und
doch sehnt sich, oh meine Seele, dein Lcheln nach Thrnen und dein
zitternder Mund nach Schluchzen.

"Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein
Anklagen?" Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine
Seele, lieber lcheln, als dein Leid ausschtten.

- in strzende Thrnen ausschtten all dein Leid ber deine Flle und
ber all die Drngniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!

Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne
Schwermuth, so wirst du _singen_ mssen, oh meine Seele! - Siehe, ich
lchle selber, der ich dir solches vorhersage:

- singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, dass
sie deiner Sehnsucht zuhorchen, -

- bis ber stille sehnschtige Meere der Nachen schwebt, das gldene
Wunder, um dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge
hpfen: -

- auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte
wunderliche Fsse hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen
kann, -

- hin zu dem gldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem
Herrn: das aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser
wartet, -

- dein grosser Lser, oh meine Seele, der Namenlose - - dem zuknftige
Gesnge erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach
zuknftigen Gesngen, -

- schon glhst du und trumst, schon trinkst du durstig an allen
tiefen klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der
Seligkeit zuknftiger Gesnge! - -

Oh meine Seele, nun gab ich dir Alles und auch mein
Letztes, und alle meine Hnde sind an dich leer geworden: -
_dass_ich_dich_singen_hiess_, siehe, das war mein Letztes!

Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: _wer_ von uns hat
jetzt - zu danken? - Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine
Seele! Und mich lass danken! -

Also sprach Zarathustra.



Das andere Tanzlied

1.

"In dein Auge schaute ich jngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem
Nacht-Auge blinken, - mein Herz stand still vor dieser Wollust:

- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mchtigen Gewssern, einen
sinkenden, trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!

Nach meinem Fusse, dem tanzwthigen, warfst du einen Blick, einen
lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:

Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Hnden - da
schaukelte schon mein Fuss vor Tanz-Wuth. -

Meine Fersen bumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen:
trgt doch der Tnzer sein Ohr - in seinen Zehen!

Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurck vor meinem Sprunge; und
gegen mich zngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!

Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon,
halbgewandt, das Auge voll Verlangen.

Mit krummen Blicken - lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen
lernt mein Fuss - Tcken!

Ich frchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich,
dein Suchen stockt mich: - ich leide, aber was litt ich um dich nicht
gerne!

Deren Klte zndet, deren Hass verfhrt, deren Flucht bindet, deren
Spott - rhrt:

- wer hasste dich nicht, dich grosse Binderin, Umwinderin,
Versucherin, Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich
unschuldige, ungeduldige, windseilige, kindsugige Snderin!

Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst
du mich wieder, du ssser Wildfang und Undank!

Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du?
Gieb mir die Hand! Oder einen Finger nur!

Hier sind Hhlen und Dickichte: wir werden uns verirren! - Halt! Steh
still! Siehst du nicht Eulen und Fledermuse schwirren?

Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich ffen? Wo sind wir? Von den
Hunden lerntest du diess Heulen und Klffen.

Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zhnlein, deine bsen Augen
springen gegen mich aus lockichtem Mhnlein!

Das ist ein Tanz ber Stock und Stein: ich bin der Jger, - willst du
mein Hund oder meine Gemse sein?

Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf!
Und hinber! - Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!

Oh sieh mich liegen, du bermuth, und um Gnade flehn! Gerne mchte ich
mit dir - lieblichere Pfade gehn!

- der Liebe Pfade durch stille bunte Bsche! Oder dort den See
entlang: da schwimmen und tanzen Goldfische!

Du bist jetzt mde? Da drben sind Schafe und Abendrthen: ist es
nicht schn, zu schlafen, wenn Schfer flten?

Du bist so arg mde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und
hast du Durst, - ich htte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht
trinken! -

- Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo
bist du hin? Aber im Gesicht fhle ich von deiner Hand zwei Tupfen und
rothe Klexe!

Ich bin es wahrlich mde, immer dein schafichter Schfer zu sein! Du
Hexe, habe ich dir bisher gesungen, nun sollst _du_ mir - schrein!

Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich
vergass doch die Peitsche nicht? - Nein!" -


2.

Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen
Ohren zu:

"Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so frchterlich mit deiner
Peitsche! Du weisst es ja: Lrm mordet Gedanken, - und eben kommen mir
so zrtliche Gedanken.

Wir sind Beide zwei rechte Thunichtgute und Thunichtbse. Jenseits von
Gut und Bse fanden wir unser Eiland und unsre grne Wiese - wir Zwei
allein! Darum mssen wir schon einander gut sein!

Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus -, muss man sich denn gram
sein, wenn man sich nicht von Grund aus liebt?

Und dass ich dir gut bin und oft zu gut, Das weisst du: und der Grund
ist, dass ich auf deine Weisheit eiferschtig bin. Ah, diese tolle
alte Nrrin von Weisheit!

Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell
auch meine Liebe noch davon." -

Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und
sagte leise: "Oh Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!

Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst
daran, dass du mich bald verlassen willst.

Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis
zu deiner Hhle hinauf: -

- hrst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du
zwischen Eins und Zwlf daran -

- du denkst daran, oh Zarathustra, ich weiss es, dass du mich bald
verlassen willst!" -

"Ja, antwortete ich zgernd, aber du weisst es auch -" Und ich sagte
ihr Etwas in's Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben
thrichten Haar-Zotteln.

Du _weisst_ Das, oh Zarathustra? Das weiss Niemand. - -

Und wir sahen uns an und blickten auf die grne Wiese, ber welche
eben der khle Abend lief, und weinten mit einander. - Damals aber war
mir das Leben lieber, als je alle meine Weisheit. -

Also sprach Zarathustra.


3.

        Eins!
    Oh Mensch! Gieb Acht!
        Zwei!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
        Drei!
    "Ich schlief, ich schlief -,"
        Vier!
    "Auf tiefen Traum bin ich erwacht:-"
        Fnf!
    "Die Welt ist tief,"
        Sechs!
    "Und tiefer als der Tag gedacht."
        Sieben!
    "Tief ist ihr Weh -,"
        Acht!
    "Lust - tiefer noch als Herzeleid:"
        Neun!
    "Weh spricht: Vergeh!"
        Zehn!
    "Doch alle Lust will Ewigkeit -,"
        Elf!
    "- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
        Zwlf!



Die sieben Siegel

(Oder: das Ja- und Amen-Lied)

1.

Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der
auf hohem Joche zwischen zwei Meeren wandelt, -

zwischen Vergangenem und Zuknftigem als schwere Wolke wandelt, -
schwlen Niederungen feind und Allem, was mde ist und nicht sterben,
noch leben kann.-

zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlsenden Lichtstrahle,
schwanger von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen
Blitzstrahlen: -

- selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als
schweres Wetter am Berge hngen, wer einst das Licht der Zukunft
znden soll! -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!


2.

Wenn mein Zorn je Grber brach, Grenzsteine rckte und alte Tafeln
zerbrochen in steile Tiefen rollte:

Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam
den Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:

Wenn ich je frohlockend sass, wo alte Gtter begraben liegen,
weltsegnend, weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder: -

- denn selbst Kirchen und Gottes-Grber liebe ich, wenn der Himmel
erst reinen Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze
ich gleich Gras und rothem Mohne auf zerbrochnen Kirchen -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!


3.

Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schpferischen Hauche und von jener
himmlischen Noth, die noch Zuflle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:

Wenn ich je mit dem Lachen des schpferischen Blitzes lachte, dem der
lange Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt:

Wenn ich je am Gttertisch der Erde mit Gttern Wrfel spielte, dass
die Erde bebte und brach und Feuerflsse heraufschnob: -

- denn ein Gttertisch ist die Erde, und zitternd von schpferischen
neuen Worten und Gtter-Wrfen: -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!


4.

Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schumenden Wrz- und
Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:

Wenn meine Hand je Fernstes zum Nchsten goss und Feuer zu Geist und
Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gtigsten:

Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlsenden Salze, welches
macht, dass alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: -

- denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bsem bindet; und auch das
Bseste ist zum Wrzen wrdig und zum letzten berschumen: -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!


5.

Wenn ich dem Meere hold bin und Allem, was Meeres-Art ist, und am
holdesten noch, wenn es mir zornig widerspricht:

Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel
treibt, wenn eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:

Wenn je mein Frohlocken rief: "die Kste schwand, - nun fiel mir die
letzte Kette ab -

- das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glnzt mir Raum und
Zeit, wohlan! wohlauf! altes Herz!" -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!


6.

Wenn meine Tugend eines Tnzers Tugend ist, und ich oft mit beiden
Fssen in gold-smaragdenes Entzcken sprang:

Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter
Rosenhngen und Lilien-Hecken:

- im Lachen nmlich ist alles Bse bei einander, aber heilig- und
losgesprochen durch seine eigne Seligkeit: -

Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib
Tnzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O! -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!


7.

Wenn ich je stille Himmel ber mir ausspannte und mit eignen Flgeln
in eigne Himmel flog:

Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit
Vogel-Weisheit kam: -

- so aber spricht Vogel-Weisheit: "Siehe, es giebt kein Oben, kein
Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurck, du Leichter! Singe! sprich
nicht mehr!

- sind alle Worte nicht fr die Schweren gemacht? Lgen dem Leichten
nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!" -

Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!

Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!




Vierter und letzter Theil

Ach, wo in der Welt geschahen grssere Thorheiten, als bei den
Mitleidigen? Und was in der Weit stiftete mehr Leid, als die
Thorheiten der Mitleidigen?

Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Hhe haben, welche ber
ihrem Mitleiden ist!

Also sprach der Teufel einst zu mir: "auch Gott hat seine Hlle: das
ist seine Liebe zu den Menschen."

Und jngst hrte ich ihn diess Wort sagen: "Gott ist todt; an seinem
Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben."

Zarathustra, Von den Mitleidigen



Das Honig-Opfer

- Und wieder liefen Monde und Jahre ber Zarathustra's Seele, und er
achtete dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss. Eines Tages, als
er auf einem Steine vor seiner Hhle sass und still hinausschaute, -
man schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg ber gewundene
Abgrnde - da giengen seine Thiere nachdenklich um ihn herum und
stellten sich endlich vor ihn hin.

"Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deinem Glcke?"
- "Was liegt am Glcke! antwortete er, ich trachte lange nicht mehr
nach Glcke, ich trachte nach meinem Werke." - "Oh Zarathustra,
redeten die Thiere abermals, Das sagst du als Einer, der des Guten
bergenug hat. Liegst du nicht in einem himmelblauen See von Glck?"
- "Ihr Schalks-Narren, antwortete Zarathustra und lchelte, wie gut
whltet ihr das Gleichniss! Aber ihr wisst auch, dass mein Glck
schwer ist und nicht wie eine flssige Wasserwelle: es drngt mich und
will nicht von mir und thut gleich geschmolzenem Peche." -

Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten
sich dann abermals vor ihn hin. "Oh Zarathustra, sagten sie, _daher_
also kommt es, dass du selber immer gelber und dunkler wirst, obschon
dein Haar weiss und flchsern aussehen will? Siehe doch, du sitzest in
deinem Peche!" - "Was sagt ihr da, meine Thiere, sagte Zarathustra und
lachte dazu, wahrlich, ich lsterte als ich von Peche sprach. Wie mir
geschieht, so geht es allen Frchten, die reif werden. Es ist der
_Honig_ in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele
stiller macht." - "So wird es sein, oh Zarathustra, antworteten die
Thiere und drngten sich an ihn; willst du aber nicht heute auf einen
hohen Berg steigen? Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von
der Welt als jemals." - "Ja, meine Thiere, antwortete er, ihr rathet
trefflich und mir nach dem Herzen: ich will heute auf einen hohen
Berg steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur Hand sei, gelber,
weisser, guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich will
droben das Honig-Opfer bringen." -

Als Zarathustra aber oben auf der Hhe war, sandte er die Thiere heim,
die ihn geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei: - da
lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:

Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war's nur
meiner Rede und, wahrlich, eine ntzliche Thorheit! Hier oben
darf ich schon freier reden, als vor Einsiedler-Hhlen und
Einsiedler-Hausthieren.

Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender
mit tausend Hnden: wie drfte ich Das noch - Opfern heissen!

Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Kder und
sssem Seime und Schleime, nach dem auch Brummbren und wunderliche
mrrische bse Vgel die Zunge lecken:

- nach dem besten Kder, wie er Jgern und Fischfngern noththut. Denn
wenn die Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jger
Lustgarten, so dnkt sie mich noch mehr und lieber ein abgrndliches
reiches Meer,

- ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Gtter
gelsten mchte, dass sie an ihm zu Fischern wrden und zu
Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, grossem und
kleinem!

Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer: - nach _dem_ werfe
ich nun meine goldene Angelruthe aus und spreche: thue dich auf, du
Menschen-Abgrund!

Thue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu!
Mit meinem besten Kder kdere ich mir heute die wunderlichsten
Menschen-Fische!

- mein Glck selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen,
zwischen Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glcke
viele Menschen-Fische zerrn und zappeln lernen.

Bis sie, anbeissend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf mssen
in _meine_ Hhe, die buntesten Abgrund-Grndlinge zu dem boshaftigsten
aller Menschen- Fischfnger.

_Der_ nmlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend,
hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Zchter und Zuchtmeister, der
sich nicht umsonst einstmals zusprach: "Werde, der du bist!"

Also mgen nunmehr die Menschen zu mir _hinauf_ kommen: denn noch
warte ich der Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch
gehe ich selber nicht unter, wie ich muss, unter Menschen.

Dazu warte ich hier, listig und spttisch auf hohen Bergen, kein
Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmehr Einer, der auch die Geduld
verlernt hat, - weil er nicht mehr "duldet."

Mein Schicksal nmlich lsst mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder
sitzt es hinter einem grossen Steine im Schatten und fngt Fliegen?

Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass
es mich nicht hetzt und drngt und mir Zeit zu Possen lsst und
Bosheiten: also dass ich heute zu einem Fischfange auf diesen hohen
Berg stieg.

Fieng wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch
eine Thorheit ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch
Diess, als dass ich da unten feierlich wrde vor Warten und grn und
gelb -

- ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm
aus Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thler hinabruft: "Hrt, oder
ich peitsche euch mit der Geissel Gottes!"

Nicht dass ich solchen Zrnern darob gram wrde: zum Lachen sind
sie mir gut genung! Ungeduldig mssen sie schon sein, diese grossen
Lrmtrommeln, welche heute oder niemals zu Worte kommen!

Ich aber und mein Schicksal - wir reden nicht zum Heute, wir reden
auch nicht zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und
berzeit. Denn einst muss er doch kommen und darf nicht vorbergehn.

Wer muss einst kommen und darf nicht vorbergehn? Unser grosser Hazar,
das ist unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von
tausend Jahren - -

Wie ferne mag solches "Ferne" sein? was geht's mich an! Aber darum
steht es mir doch nicht minder fest -, mit beiden Fssen stehe ich
sicher auf diesem Grunde,

- auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem hchsten
hrtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide,
fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?

Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf
hinab dein glitzerndes Spott-Gelchter! Kdere mit deinem Glitzern mir
die schnsten Menschen-Fische!

Und was in allen Meeren _mir_ zugehrt, mein An-und-fr-mich in allen
Dingen - _Das_ fische mir heraus, _Das_ fhre zu mir herauf: dess
warte ich, der boshaftigste aller Fischfnger.

Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Kder meines Glcks!
Trufle deinen sssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine
Angel, in den Bauch aller schwarzen Trbsal!

Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch
dmmernde Menschen-Zuknfte! Und ber mir - welch rosenrothe Stille!
Welch entwlktes Schweigen!



Der Nothschrei

Des nchsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der
Hhle, whrend die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass
sie neue Nahrung heimbrchten, - auch neuen Honig: denn Zarathustra
hatte den alten Honig bis auf das letzte Korn verthan und
verschwendet. Als er aber dermaassen dasass, mit einem Stecken in
der Hand, und den Schatten seiner Gestalt auf der Erde abzeichnete,
nachdenkend und, wahrlich! nicht ber sich und seinen Schatten - da
erschrak er mit Einem Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben
seinem Schatten noch einen andern Schatten. Und wie er schnell um sich
blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der
selbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getrnkt hatte,
der Verkndiger der grossen Mdigkeit, welcher lehrte: "Alles ist
gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen wrgt." Aber
sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra
in die Augen blickte, wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel
schlimme Verkndigungen und aschgraue Blitze liefen ber diess
Gesicht.

Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustra's Seele
zutrug, wischte mit der Hand ber sein Antlitz hin, wie als ob er
dasselbe wegwischen wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als
Beide dergestalt sich schweigend gefasst und gekrftigt hatten, gaben
sie sich die Hnde, zum Zeichen, dass sie sich wiedererkennen wollten.

"Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen
Mdigkeit, du sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und
Gastfreund gewesen sein. Iss und trink auch heute bei mir und vergieb
es, dass ein vergngter alter Mann mit dir zu Tische sitzt!" - "Ein
vergngter alter Mann? antwortete der Wahrsager, den Kopf schttelnd:
wer du aber auch bist oder sein willst, oh Zarathustra, du bist es
zum Lngsten hier Oben gewesen, - dein Nachen soll ber Kurzem nicht
mehr im Trocknen sitzen!" - "Sitze ich denn im Trocknen?" fragte
Zarathustra lachend. - "Die Wellen um deinen Berg, antwortete der
Wahrsager, steigen und steigen, die Wellen grosser Noth und Trbsal:
die werden bald auch deinen Nachen heben und dich davontragen." -
Zarathustra schwieg hierauf und wunderte sich. - "Hrst du noch
Nichts? fuhr der Wahrsager fort: rauscht und braust es nicht herauf
aus der Tiefe?" - Zarathustra schwieg abermals und horchte: da hrte
er einen langen, langen Schrei, welchen die Abgrnde sich zuwarfen und
weitergaben, denn keiner wollte ihn behalten: so bse klang er.

"Du schlimmer Verkndiger, sprach endlich Zarathustra, das ist ein
Nothschrei und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem
schwarzen Meere kommen. Aber was geht mich Menschen-Noth an! Meine
letzte Snde, die mir aufgespart blieb, - weisst du wohl, wie sie
heisst?"

- "Mitleiden! antwortete der Wahrsager aus einem berstrmenden Herzen
und hob beide Hnde empor - oh Zarathustra, ich komme, dass ich dich
zu deiner letzten Snde verfhre!" -

Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei
abermals, und lnger und ngstlicher als vorher, auch schon viel
nher. "Hrst du? Hrst du, oh Zarathustra? rief der Wahrsager, dir
gilt der Schrei, dich ruft er: komm, komm, komm, es ist Zeit, es ist
hchste Zeit!" -

Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschttert; endlich fragte
er, wie Einer, der bei sich selber zgert: "Und wer ist das, der dort
mich ruft?"

"Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst
du dich? _Der_hhere_Mensch_ ist es, der nach dir schreit!"

"Der hhere Mensch? schrie Zarathustra von Grausen erfasst: was will
_der_? Was will _der_? Der hhere Mensch! Was will der hier?" - und
seine Haut bedeckte sich mit Schweiss.

Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustra's,
sondern horchte und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange
Zeit dort stille blieb, wandte er seinen Blick zurck und sahe
Zarathustra stehn und zittern.

"Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da
wie Einer, den sein Glck drehend macht: du wirst tanzen mssen, dass
du mir nicht umfllst!

Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprnge
springen: Niemand soll mir doch sagen drfen: `Siehe, hier tanzt der
letzte frohe Mensch!`

Umsonst kme Einer auf diese Hhe, der den hier suchte: Hhlen fnde
er wohl und Hinter-Hhlen, Verstecke fr Versteckte, aber nicht
Glcks-Schachte und Schatzkammern und neue Glcks-Goldadern.

Glck - wie fnde man wohl das Glck bei solchen Vergrabenen und
Einsiedlern! Muss ich das letzte Glck noch auf glckseligen Inseln
suchen und ferne zwischen vergessenen Meeren?

Aber Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, es hilft kein Suchen, es
giebt auch keine glckseligen Inseln mehr!" - -

Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde
Zarathustra wieder hell und sicher, gleich Einem, der aus einem tiefen
Schlunde an's Licht kommt. "Nein! Nein! Drei Mal Nein! rief er mit
starker Stimme und strich sich den Bart - _Das_ weiss ich besser!
Es giebt noch glckselige Inseln! Stille _davon_, du seufzender
Trauersack!

Hre _davon_ auf zu pltschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich
denn nicht schon da, nass von deiner Trbsal und begossen wie ein
Hund?

Nun schttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken
werde: dess darfst du nicht Wunder haben! Dnke ich dir unhflich?
Aber hier ist _mein_ Hof.

Was aber deinen hheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs
in jenen Wldern: _daher_ kam sein Schrei. Vielleicht bedrngt ihn da
ein bses Thier.

Er ist in _meinem_ Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden
kommen! Und wahrlich, es giebt viele bse Thiere bei mir." -

Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der
Wahrsager: "Oh Zarathustra, du bist ein Schelm!

Ich weiss es schon: du willst mich los sein! Lieber noch lufst du in
die Wlder und stellst bsen Thieren nach!

Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben, in
deiner eignen Hhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein
Klotz - und auf dich warten!"

"So sei's! rief Zarathustra zurck im Fortgehn: und was mein ist in
meiner Hhle, gehrt auch dir, meinem Gastfreunde!

Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf,
du Brummbr, und verssse deine Seele! Am Abende nmlich wollen wir
Beide guter Dinge sein,

- guter Dinge und froh darob, dass dieser Tag zu Ende gieng! Und du
selber sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbr tanzen.

Du glaubst nicht daran? Du schttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter
Br! Aber auch ich - bin ein Wahrsager."

Also sprach Zarathustra.



Gesprch mit den Knigen

1.

Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wldern
unterwegs, da sahe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade
auf dem Wege, den er hinabwollte, kamen zwei Knige gegangen, mit
Kronen und Purpurgrteln geschmckt und bunt wie Flamingo-Vgel: die
trieben einen beladenen Esel vor sich her. "Was wollen diese Knige
in meinem Reiche?" sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und
versteckte Sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die Knige bis
zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu sich allein
redet: "Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei Knige
sehe ich - und nur Einen Esel!"

Da machten die beiden Knige Halt, lchelten, sahen nach der Stelle
hin, woher die Stimme kam, und sahen sich nachher selber in's Gesicht.
"Solcherlei denkt man wohl auch unter uns, sagte der Knig zur
Rechten, aber man spricht es nicht aus."

Der Knig zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: "Das
mag wohl ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter
Felsen und Bumen lebte. Gar keine Gesellschaft nmlich verdirbt auch
die guten Sitten."

"Die guten Sitten? entgegnete unwillig und bitter der andre Knig: wem
laufen wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den `guten Sitten`? Unsrer
`guten Gesellschaft`?

Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm
vergoldeten falschen berschminkten Pbel leben, - ob er sich schon
`gute Gesellschaft` heisst,

- ob er sich schon `Adel` heisst. Aber da ist Alles falsch und faul,
voran das Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren
Heil-Knstlern.

Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob,
listig, hartnckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.

Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber
es ist das Reich des Pbels, - ich lasse mir Nichts mehr vormachen.
Pbel aber, das heisst: Mischmasch.

Pbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und
Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noh.

Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr
zu verehren: _dem_ gerade laufen wir davon. Es sind sssliche
zudringliche Hunde, sie vergolden Palmenbltter.

Dieser Ekel wrgt mich, dass wir Knige selber falsch wurden,
berhngt und verkleidet durch alten vergilbten Grossvter-Prunk,
Schaumnzen fr die Dmmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles
mit der Macht Schacher treibt!

Wir _sind_ nicht die Ersten - und mssen es doch _bedeuten_: dieser
Betrgerei sind wir endlich satt und ekel geworden.

Dem Gesindel giengen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihlsen und
Schreib-Schmeissfliegen, dem Krmer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem
blen Athem -: pfui, unter dem Gesindel leben,

- pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel!
Ekel! Was liegt noch an uns Knigen!" -

"Deine alte Krankheit fllt dich an, sagte hier der Knig zur Linken,
der Ekel fllt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es
hrt uns Einer zu."

Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen
aufgesperrt hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Knige zu
und begann:

"Der Euch zuhrt, der Euch gerne zuhrt, ihr Knige, der heisst
Zarathustra.

Ich bin Zarathustra, der einst sprach: `Was liegt noch an Knigen!`
Vergebt mir, ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: `Was liegt
an uns Knigen!`

Hier aber ist _mein_ Reich und meine Herrschaft: was mgt Ihr wohl
in meinem Reiche suchen? Vielleicht aber _fandet_ Ihr unterwegs, was
_ich_ suche: nmlich den hheren Menschen."

Als Diess die Knige hrten, schlugen sie sich an die Brust und
sprachen mit Einem Munde: "Wir sind erkannt!

Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste
Finsterniss. Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind
unterwegs, dass wir den hheren Menschen fnden -

- den Menschen, der hher ist als wir: ob wir gleich Knige sind. Ihm
fhren wir diesen Esel zu. Der hchste Mensch nmlich soll auf Erden
auch der hchste Herr sein.

Es giebt kein hrteres Unglck in allem Menschen-Schicksale, als wenn
die Mchtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird
Alles falsch und schief und ungeheuer.

Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da
steigt und steigt der Pbel im Preise, und endlich spricht gar die
Pbel-Tugend: `siehe, ich allein bin Tugend!` -

Was hrte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei
Knigen! Ich bin entzckt, und, wahrlich, schon gelstet's mich, einen
Reim darauf zu machen: -

- mag es auch ein Reim werden, der nicht fr Jedermanns Ohren taugt.
Ich verlernte seit langem schon die Rcksicht auf lange Ohren. Wohlan!
Wohlauf!

(Hier aber geschah es, dass auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber
deutlich und mit bsem Willen I-A.)

    Einstmals - ich glaub', im Jahr des Heiles Eins -
    Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
    `Weh, nun geht's schief!
    Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
    Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,
    Rom's Caesar sank zum Vieh, Gott selbst - ward Jude!`"


2.

An diesen Reimen Zarathustra's weideten sich die Knige; der Knig zur
Rechten aber sprach: "oh Zarathustra, wie gut thaten wir, dass wir
auszogen, dich zu sehn!

Deine Feinde nmlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da
blicktest du mit der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass
wir uns vor dir frchteten.

Aber was half's! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit
deinen Sprchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er
aussieht!

Wir mssen ihn _hren_, ihn, der lehrt `ihr sollt den Frieden lieben
als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den
langen!`

Niemand sprach je so kriegerische Worte: `Was ist gut? Tapfer sein ist
gut. Der gute Krieg ist's, der jede Sache heiligt.`

Oh Zarathustra, unsrer Vter Blut rhrte sich bei solchen Worten in
unserm Leibe: das war wie die Rede des Frhlings zu alten Weinfssern.

Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten
Schlangen, da wurden unsre Vter dem Leben gut; alles Friedens Sonne
dnkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.

Wie sie seufzten, unsre Vter, wenn sie an der Wand blitzblanke
ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich drsteten sie nach Krieg.
Ein Schwert nmlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde." - -

- Als die Knige dergestalt mit Eifer von dem Glck ihrer Vter
redeten und schwtzten, berkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres
Eifers zu spotten: denn ersichtlich waren es sehr friedfertige Knige,
welche er vor sich sah, solche mit alten und feinen Gesichtern. Aber
er bezwang sich. "Wohlan! sprach er, dorthin fhrt der Weg, da liegt
die Hhle Zarathustra's; und dieser Tag soll einen langen Abend haben!
Jetzt aber ruft mich eilig ein Nothschrei fort von Euch.

Es ehrt meine Hhle, wenn Knige in ihr sitzen und warten wollen:
aber, freilich, Ihr werdet lange warten mssen!

Je nun! Was thut's! Wo lernt man heute besser warten als an Hfen? Und
der Knige ganze Tugend, die ihnen brig blieb, - heisst sie heute
nicht: Warten-_knnen_?"

Also sprach Zarathustra.



Der Blutegel

Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wlder und
vorbei an moorigen Grnden; wie es aber Jedem ergeht, der ber schwere
Dinge nachdenkt, so trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und
siehe, da sprtzten ihm mit Einem Male ein Weheschrei und zwei Flche
und zwanzig schlimme Schimpfworte in's Gesicht: also dass er in seinem
Schrecken den Stock erhob und auch auf den Getretenen noch zuschlug.
Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein Herz lachte ber
die Thorheit, die er eben gethan hatte.

"Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und
gesetzt hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.

Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen trumt, unversehens auf
einsamer Strasse einen schlafenden Hund anstsst, einen Hund, der in
der Sonne liegt:

- wie da Beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei
zu Tod Erschrockenen: also ergieng es uns.

Und doch! Und doch - wie wenig hat gefehlt, dass sie einander
liebkosten, dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide -
Einsame!"

- "Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene,
du trittst mir auch mit deinem Gleichniss zu nahe, und nicht nur mit
deinem Fusse!

Siehe doch, bin ich denn ein Hund?" - und dabei erhob sich der
Sitzende und zog seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nmlich
hatte er ausgestreckt am Boden gelegen, verborgen und unkenntlich
gleich Solchen, die einem Sumpf-Wilde auflauern.

"Aber was treibst du doch!" rief Zarathustra erschreckt, denn er
sahe, dass ber den nackten Arm weg viel Blut floss, - was ist dir
zugestossen? Biss dich, du Unseliger, ein schlimmes Thier?

Der Blutende lachte, immer noch erzrnt. "Was geht's dich an! sagte er
und wollte weitergehn. Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag
mich fragen, wer da will: einem Tlpel aber werde ich schwerlich
antworten."

"Du irrst, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, du irrst:
hier bist du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll
mir Keiner zu Schaden kommen.

Nenne mich aber immerhin, wie du willst, - ich bin, der ich sein muss.
Ich selber heisse mich Zarathustra.

Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustra's Hhle: die ist nicht
fern, - willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?

Es gieng dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biss dich
das Thier, und dann - trat dich der Mensch!" - -

Als aber der Getretene den Namen Zarathustra's hrte, verwandelte er
sich. "Was geschieht mir doch! rief er aus, _wer_ kmmert mich denn
noch in diesem Leben, als dieser Eine Mensch, nmlich Zarathustra, und
jenes Eine Thier, das vom Blute lebt, der Blutegel?

Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer,
und schon war mein ausgehngter Arm zehn Mal angebissen, da beisst
noch ein schnerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!

Oh Glck! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf
lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schrpfkopf, der heut lebt,
gelobt sei der grosse Gewissens-Blutegel Zarathustra!" -

Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich ber seine
Worte und ihre feine ehrfrchtige Art. "Wer bist du? fragte er und
reichte ihm die Hand, zwischen uns bleibt Viel aufzuklren und
aufzuheitern: aber schon, dnkt mich, wird es reiner heller Tag."

"Ich bin _der_Gewissenhafte_des_Geistes_, antwortete der Gefragte, und
in Dingen des Geistes nimmt es nicht leicht Einer strenger, enger und
hrter als ich, ausgenommen der, von dem ich's lernte, Zarathustra
selber.

Lieber Nichts wissen, als Vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf
eigne Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdnken! Ich - gehe auf den
Grund:

- was liegt daran, ob er gross oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel
heisst? Eine Hand breit Grund ist mir genung: wenn er nur wirklich
Grund und Boden ist!

- eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten
Wissen-Gewissenschaft giebt es nichts Grosses und nichts Kleines."

"So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra;
und du gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Grnde, du
Gewissenhafter?"

"Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wre ein Ungeheures,
wie drfte ich mich dessen unterfangen!

Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels _Hirn_: -
das ist _meine_ Welt!

Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte
kommt, denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich
`hier bin ich heim.`

Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels,
dass die schlpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlpfe! Hier
ist _mein_ Reich!

- darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre
gleich; und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.

Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und
sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller
Dunstigen, Schwebenden, Schwrmerischen.

Wo meine Redlichkeit aufhrt, bin ich blind und will auch blind sein.
Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nmlich hart,
streng, eng, grausam, unerbittlich.

Dass _du_ einst sprachst, oh Zarathustra: `Geist ist das Leben, das
selber in's Leben schneidet,` das fhrte und verfhrte mich zu deiner
Lehre. Und, wahrlich, mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne
Wissen!"

- "Wie der Augenschein lehrt," fiel Zarathustra ein; denn immer noch
floss das Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten
nmlich zehn Blutegel sich in denselben eingebissen.

"Oh du wunderlicher Gesell, wie Viel lehrt mich dieser Augenschein
da, nmlich du selber! Und nicht Alles drfte ich vielleicht in deine
strengen Ohren giessen!

Wohlan! So scheiden wir hier! Doch mchte ich gerne dich wiederfinden.
Dort hinauf fhrt der Weg zu meiner Hhle: heute Nacht sollst du dort
mein lieber Gast sein!

Gerne mchte ich's auch an deinem Leibe wieder gut machen, dass
Zarathustra dich mit Fssen trat: darber denke ich nach. Jetzt aber
ruft mich ein Nothschrei eilig fort von dir."

Also sprach Zarathustra.



Der Zauberer

1.

Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht
weit unter sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die
Glieder warf wie ein Tobschtiger und endlich buchlings zur Erde
niederstrzte. "Halt! sprach da Zarathustra zu seinem Herzen, Der
dort muss wohl der hhere Mensch sein, von ihm kam jener schlimme
Nothschrei, - ich will sehn, ob da zu helfen ist." Als er aber
hinzulief, an die Stelle, wo der Mensch auf dem Boden lag, fand er
einen zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich
Zarathustra mhte, dass er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine
stelle, es war umsonst. Auch schien der Unglckliche nicht zu merken,
dass jemand um ihn sei; vielmehr sah er sich immer mit rhrenden
Gebrden um, wie ein von aller Welt Verlassener und Vereinsamter.
Zuletzt aber, nach vielem Zittern, Zucken und Sich-zusammen-Krmmen,
begann er also zu jammern:

    Wer wrmt mich, wer liebt mich noch?
    Gebt heisse Hnde!
    Gebt Herzens-Kohlenbecken!
    Hingestreckt, schaudernd,
    Halbtodtem gleich, dem man die Fsse wrmt -
    Geschttelt, ach! von unbekannten Fiebern,
    Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,
    Von dir gejagt, Gedanke!
    Unnennbarer! Verhllter! Entsetzlicher!
    Du Jger hinter Wolken!
    Darniedergeblitzt von dir,
    Du hhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt:
    - so liege ich,
    Biege mich, winde mich, geqult
    Von allen ewigen Martern,
    Getroffen
    Von Dir, grausamster Jger,
    Du unbekannter - Gott!

    Triff tiefer,
    Triff Ein Mal noch!
    Zerstich, zerbrich diess Herz!
    Was soll diess Martern
    Mit zhnestumpfen Pfeilen?
    Was blickst du wieder,
    Der Menschen-Qual nicht mde,
    Mit schadenfrohen Gtter-Blitz-Augen?
    Nicht tdten willst du,
    Nur martern, martern?
    Wozu - _mich_ martern,
    Du schadenfroher unbekannter Gott? -

    Haha! Du schleichst heran?
    Bei solcher Mitternacht
    Was willst du? Sprich!
    Du drngst mich, drckst mich -
    Ha! schon viel zu nahe!
    Weg! Weg!
    Du hrst mich athmen,
    Du behorchst mein Herz,
    Du Eiferschtiger -
    Worauf doch eiferschtig?
    Weg! Weg! Wozu die Leiter?
    Willst _du_hinein_,
    In's Herz,
    Einsteigen, in meine heimlichsten
    Gedanken einsteigen?
    Schamloser! Unbekannter - Dieb!
    Was willst du dir erstehlen,
    Was willst du dir erhorchen,
    Was willst du dir erfoltern,
    Du Folterer!
    Du - Henker-Gott!
    Oder soll ich, dem Hunde gleich,
    Vor dir mich wlzen?
    Hingebend, begeistert-ausser-mir,
    Dir - Liebe zuwedeln?

    Umsonst! Stich weiter,
    Grausamster Stachel! Nein,
    Kein Hund - dein Wild nur bin ich,
    Grausamster Jger!
    Dein stolzester Gefangner,
    Du Ruber hinter Wolken!
    Sprich endlich,
    Was willst du, Wegelagerer, von _mir_?
    Du Blitz-Verhllter! Unbekannter! Sprich,
    Was _willst_ du, unbekannter Gott? - -

    Wie? Lsegeld?
    Was willst du Lsegelds?
    Verlange Viel - das rth mein Stolz!
    Und rede kurz - das rth mein andrer Stolz!
    Haha!

    Mich - willst du? Mich?
    Mich - ganz?

    Haha!
    Und marterst mich, Narr, der du bist,
    Zermarterst meinen Stolz?
    Gieb _Liebe_ mir - wer wrmt mich noch?
    Wer liebt mich noch? - gieb heisse Hnde,
    Gieb Herzens-Kohlenbecken,
    Gieb mir, dem Einsamsten,
    Den Eis, ach! siebenfaches Eis
    Nach Feinden selber,
    Nach Feinden schmachten lehrt,
    Gieb, ja ergieb,
    Grausamster Feind,
    Mir - _dich_! - -

    Davon!
    Da floh er selber,
    Mein letzter einziger Genoss,
    Mein grosser Feind,
    Mein Unbekannter,
    Mein Henker-Gott! -

    - Nein! Komm zurck,
    Mit allen deinen Martern!
    Zum Letzten aller Einsamen
    Oh komm zurck!
    All meine Thrnen-Bche laufen
    Zu dir den Lauf!

    Und meine letzte Herzens-Flamme -
    _Dir_ glht sie auf!
    Oh komm zurck,
    Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes -
                                                        Glck!


2.

- Hier aber konnte sich Zarathustra nicht lnger halten, nahm seinen
Stock und schlug mit allen Krften auf den jammernden los. "Halt ein!
schrie er ihm zu, mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler!
Du Falschmnzer! Du Lgner aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!

Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich
verstehe mich gut darauf, Solchen wie du bist - einzuheizen!"

- "Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage
nicht mehr, oh Zarathustra! Ich trieb's also nur zum Spiele!

Solcherlei gehrt zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die
Probe stellen, als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast
mich gut durchschaut!

Aber auch du - gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist _hart_,
du weiser Zarathustra! Hart schlgst du zu mit deinen `Wahrheiten`,
dein Knttel erzwingt von mir - _diese_ Wahrheit!"

- "Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und
finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was
redest du - von Wahrheit!

Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, _was_ spieltest du vor mir,
du schlimmer Zauberer, an _wen_ sollte ich glauben, als du in solcher
Gestalt jammertest?"

"Den Bsser des Geistes, sagte der alte Mann, _den_ - spielte ich: du
selber erfandest einst diess Wort -

- den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist
wendet, den Verwandelten, der an seinem bsen Wissen und Gewissen
erfriert.

Und gesteh es nur ein: es whrte lange, oh Zarathustra, bis du hinter
meine Kunst und Lge kamst! _Du_glaubtest_ an meine Noth, als du mir
den Kopf mit beiden Hnden hieltest, -

- ich hrte dich jammern `man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig
geliebt!` Dass ich dich soweit betrog, darber frohlockte inwendig
meine Bosheit."

"Du magst Feinere betrogen haben als mich, sagte Zarathustra hart. Ich
bin nicht auf der Hut vor Betrgern, ich _muss_ ohne Vorsicht sein: so
will es mein Loos.

Du aber - _musst_ betrgen: so weit kenne ich dich! Du musst immer
zwei- drei- vier- und fnfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest,
war mir lange nicht wahr und nicht falsch genung!

Du schlimmer Falschmnzer, wie knntest du anders! Deine Krankheit
wrdest du noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.

So schminktest du eben vor mir deine Lge, als du sprachst: `ich
trieb's also _nur_ zum Spiele!` Es war auch _Ernst_ darin, du _bist_
Etwas von einem Bsser des Geistes!

Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen
dich hast du keine Lge und List mehr brig, - du selber bist dir
entzaubert!

Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr
an dir cht, aber dein Mund: nmlich der Ekel, der an deinem Munde
klebt." - -

- "Wer bist du doch! schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen
Stimme, wer darf also zu _mir_ reden, dem Grssten, der heute lebt?"
- und ein grner Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber
gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:

"Oh Zarathustra, ich bin's mde, es ekelt mich meiner Knste, ich bin
nicht _gross_, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl - ich
suchte nach Grsse!

Einen grossen Menschen wollte ich vorstellen und berredete Viele:
aber diese Lge gieng ber meine Kraft. An ihr zerbreche ich.

Oh Zarathustra, Alles ist Lge an mir; aber dass ich zerbreche - diess
mein Zerbrechen ist _cht_!" -

"Es ehrt dich, sprach Zarathustra dster und zur Seite niederblickend,
es ehrt dich, dass du nach Grsse suchtest, aber es verrth dich auch.
Du bist nicht gross.

Du schlimmer alter Zauberer, _das_ ist dein Bestes und Redlichstes,
was ich an dir ehre, dass du deiner mde wurdest und es aussprachst:
`ich bin nicht gross.`

_Darin_ ehre ich dich als einen Bsser des Geistes: und wenn auch nur
fr einen Hauch und Husch, diesen Einen Augenblick warst du - cht.

Aber sprich, was suchst du hier in _meinen_ Wldern und Felsen? Und
wenn du _mir_ dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von
mir? -

- wess versuchtest du _mich_?" -

Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer
schwieg eine Weile, dann sagte er: "Versuchte ich dich? Ich - suche
nur.

Oh Zarathustra, ich suche einen chten, Rechten, Einfachen,
Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefss der
Weisheit, einen Heiligen der Erkenntniss, einen grossen Menschen!

Weisst du es denn nicht, oh Zarathustra? Ich suche Zarathustra."

- Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen Beiden;
Zarathustra aber versank tief hinein in sich selber, also dass er die
Augen schloss. Dann aber, zu seinem Unterredner zurckkehrend, ergriff
er die Hand des Zauberers und sprach, voller Artigkeit und Arglist:

"Wohlan! Dort hinauf fhrt der Weg, da liegt die Hhle Zarathustra's.
In ihr darfst du suchen, wen du finden mchtest.

Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die
sollen dir suchen helfen. Meine Hhle aber ist gross.

Ich selber freilich - ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross
ist, dafr ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des
Pbels.

So Manchen fand ich schon, der streckte und blhte sich, und das
Volk schrie: `Seht da, einen grossen Menschen!` Aber was helfen alle
Blaseblge! Zuletzt fhrt der Wind heraus.

Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fhrt der
Wind heraus. Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heisse ich
eine brave Kurzweil. Hrt das, ihr Knaben!

Diess Heute ist des Pbels: wer _weiss_ da noch, was gross, was klein
ist! Wer suchte da mit Glck nach Grsse! Ein Narr allein: den Narren
glckt's.

Du suchst nach grossen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer _lehrte's_
dich? Ist heute dazu die Zeit? Oh du schlimmer Sucher, was - versuchst
du mich?" - -

Also sprach Zarathustra, getrsteten Herzens, und gierig lachend
seines Wegs frbass.



Ausser Dienst

Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht
hatte, sahe er wiederum Jemanden am Wege sitzen, den er gierig,
nmlich einen schwarzen langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht:
_der_ verdross ihn gewaltig. "Wehe, sprach er zu seinem Herzen, da,
sitzt vermummte Trbsal, das dnkt mich von der Art der Priester: was
wollen _die_ in meinem Reiche?

Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muss mir da wieder ein
anderer Schwarzknstler ber den Weg laufen, -

- irgend ein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wunderthter
von Gottes Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen
mge!

Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wre: immer kommt
er zu spt, dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuss!" -

Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie
er abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorberschlpfe: aber
siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke nmlich hatte ihn schon
der Sitzende erblickt; und nicht unhnlich einem Solchen, dem ein
unvermuthetes Glck zustsst, sprang er auf und gieng auf Zarathustra
los.

"Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten,
einem Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!

Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hrte ich wilde Thiere
heulen; und Der, welcher mir htte Schutz bieten knnen, der ist
selber nicht mehr.

Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und
Einsiedler, der allein in seinem Walde noch Nichts davon gehrt hatte,
was alle Welt heute weiss."

"_Was_ weiss heute alle Welt? fragte Zarathustra. Etwa diess, dass der
alte Gott nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?"

"Du sagst es, antwortete der alte Mann betrbt. Und ich diente diesem
alten Gotte bis zu seiner letzten Stunde.

Nun aber bin ich ausser Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch
keine Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.

Dazu stieg ich in diese Berge, dass ich endlich wieder ein Fest mir
machte, wie es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn
wisse, ich bin der letzte Papst! - ein Fest frommer Erinnerungen und
Gottesdienste.

Nun aber ist er selber todt, der frmmste Mensch, jener Heilige im
Walde, der seinen Gott bestndig mit Singen und Brummen lobte.

Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Htte fand, - wohl aber
zwei Wlfe darin, welche um seinen Tod heulten - denn alle Thiere
liebten ihn. Da lief ich davon.

Kam ich also umsonst in diese Wlder und Berge? Da entschloss sich
mein Herz, dass ich einen Anderen suchte, den Frmmsten aller Derer,
die nicht an Gott glauben -, dass ich Zarathustra suchte!"

Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges Den an, welcher vor
ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und
betrachtete sie lange mit Bewunderung.

"Siehe da, du Ehrwrdiger, sagte er dann, welche schne und lange
Hand! Das ist die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat.
Nun aber hlt sie Den fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.

Ich bin's, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser
als ich, dass ich mich seiner Unterweisung freue?" -

Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die
Gedanken und Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:

"Wer ihn am meisten liebte und besass, der hat ihn nun am meisten auch
verloren -:

- siehe, ich selber bin wohl von uns Beiden jetzt der Gottlosere? Aber
wer knnte daran sich freuen!" -

"Du dientest ihm bis zuletzt, fragte Zarathustra nachdenklich, nach
einem tiefen Schweigen, du weisst, _wie_ er starb? Ist es wahr, was
man spricht, dass ihn das Mitleiden erwrgte,

- dass er es sah, wie _der_Mensch_ am Kreuze hieng, und es nicht
ertrug, dass die Liebe zum Menschen seine Hlle und zuletzt sein Tod
wurde?" - -

Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit
einem schmerzlichen und dsteren Ausdrucke zur Seite.

"Lass ihn fahren, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken,
indem er immer noch dem alten Manne gerade in's Auge blickte.

Lass ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, dass du
diesem Todten nur Gutes nachredest, so weisst du so gut als ich, _wer_
er war; und dass er wunderliche Wege gieng."

"Unter drei Augen gesprochen, sagte erheitert der alte Papst (denn er
war auf Einem Auge blind), in Dingen Gottes bin ich aufgeklrter als
Zarathustra selber - und darf es sein.

Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille gierig allem seinen
Willen nach. Ein guter Diener aber weiss Alles, und Mancherlei auch,
was sein Herr sich selbst verbirgt.

Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem
Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thr
seines Glaubens steht der Ehebruch.

Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von
der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der
Liebende liebt jenseits von Lohn und Vergeltung.

Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und
rachschtig und erbaute sich eine Hlle zum Ergtzen seiner Lieblinge.

Endlich aber wurde er alt und weich und mrbe und mitleidig, einem
Grossvater hnlicher als einem Vater, am hnlichsten aber einer
wackeligen alten Grossmutter.

Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, hrmte sich ob seiner
schwachen Beine, weltmde, willensmde, und erstickte eines Tags an
seinem allzugrossen Mitleiden." - -

"Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du _Das_ mit
Augen angesehn? Es knnte wohl so abgegangen sein: so, _und_ auch
anders. Wenn Gtter sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.

Aber wohlan! So oder so, so und so - er ist dahin! Er gieng meinen
Ohren und Augen wider den Geschmack, Schlimmeres mchte ich ihm nicht
nachsagen.

Ich liebe Alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er - du
weisst es ja, du alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm,
von Priester-Art - er war vieldeutig.

Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezrnt, dieser
Zornschnauber, dass wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er
nicht reinlicher?

Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht
hrten? War Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?

Zu Vieles missrieth ihm, diesem Tpfer, der nicht ausgelernt hatte!
Dass er aber Rache an seinen Tpfen und Geschpfen nahm, dafr
dass sie ihm schlecht geriethen, - das war eine Snde wider den
_guten_Geschmack_.

Es giebt auch in der Frmmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich
`Fort mit einem _solchen_ Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne
Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!`"

- "Was hre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren;
oh Zarathustra, du bist frmmer als du glaubst, mit einem solchen
Unglauben! Irgend ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner
Gottlosigkeit.

Ist es nicht deine Frmmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen
Gott glauben lsst? Und deine bergrosse Redlichkeit wird dich auch
noch jenseits von Gut und Bse wegfuhren!

Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und
Mund, die sind zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet
nicht mit der Hand allein.

In deiner Nhe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich
einen heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird
wohl und wehe dabei.

Lass mich deinen Gast sein, oh Zarathustra, fr eine einzige Nacht!
Nirgends auf Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!" -

"Amen! So soll es sein! sprach Zarathustra mit grosser Verwunderung,
dort hinauf fhrt der Weg, da liegt die Hhle Zarathustra's.

Gerne, frwahr, wrde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwrdiger,
denn ich liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein
Nothschrei weg von dir.

In meinem Bereiche soll mir Niemand zu Schaden kommen; meine Hhle ist
ein guter Hafen. Und am liebsten mchte ich jedweden Traurigen wieder
auf festes Land und feste Beine stellen.

Wer aber nhme dir _deine_ Schwermuth von der Schulter? Dazu bin ich
zu schwach. Lange, wahrlich, mchten wir warten, bis dir Einer deinen
Gott wieder aufweckt.

Dieser alte Gott nmlich lebt nicht mehr: der ist grndlich todt." -

Also sprach Zarathustra.



Der hsslichste Mensch

- Und wieder liefen Zarathustra's Fsse durch Berge und Wlder, und
seine Augen suchten und suchten, aber nirgends war Der zu sehen,
welchen sie sehn wollten, der grosse Nothleidende und Nothschreiende.
Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war
dankbar. "Welche guten Dinge, sprach er, schenkte mir doch dieser Tag,
zum Entgelt, dass er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand
ich!

An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Krnern;
klein soll mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in
die Seele fliessen!" - -

Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, vernderte sich mit Einem
Male die Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier
starrten schwarze und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine
Vogelstimme. Es war nmlich ein Thal, welches alle Thiere mieden,
auch die Raubthiere-, nur dass eine Art hsslicher, dicker, grner
Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu sterben. Darum
nannten diess Thal die Hirten: Schlangen-Tod.

Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war,
als habe er schon ein Mal in diesem Thal gestanden. Und vieles Schwere
legte sich ihm ber den Sinn: also, dass er langsam gieng und immer
langsamer und endlich still stand. Da aber sahe er, als er die Augen
aufthat, Etwas, das am Wege sass, gestaltet wie ein Mensch und kaum
wie ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und mit Einem Schlage
berfiel Zarathustra die grosse Scham darob, dass er so Etwas mit den
Augen angesehn habe: errthend bis hinauf an sein weisses Haar, wandte
er den Blick ab und hob den Fuss, dass er diese schlimme Stelle
verlasse. Da aber wurde die todte de laut: vom Boden auf nmlich
quoll es gurgelnd und rchelnd, wie Wasser Nachts durch verstopfte
Wasser-Rhren gurgelt und rchelt; und zuletzt wurde daraus eine
Menschen-Stimme und Menschen-Rede: - die lautete also.

"Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Rthsel! Sprich, sprich! Was ist
_die_Rache_am_Zeugen_?

Ich locke dich zurck, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein
Stolz sich hier nicht die Beine bricht!

Du dnkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das
Rthsel, du harter Nsseknacker, - das Rthsel, das ich bin! So sprich
doch - wer bin _ich_!"

- Als aber Zarathustra diese Worte gehrt hatte, - was glaubt ihr
wohl, dass sich da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an;
und er sank mit Einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen
Holzschlgern widerstanden hat, - schwer, pltzlich, zum Schrecken
selber fr Die, welche ihn fllen wollten. Aber schon stand er wieder
vom Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.

"Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist
der Mrder Gottes! Lass mich gehn.

Du _ertrugst_ Den nicht, der _dich_ sah, - der dich immer und durch
und durch sah, du hsslichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem
Zeugen!"

Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche
fasste nach einem Zipfel seines Gewandes und begann von Neuem zu
gurgeln und nach Worten zu suchen. "Bleib!" sagte er endlich -

- "bleib! Geh nicht vorber! Ich errieth, welche Axt dich zu Boden
schlug: Heil dir, oh Zarathustra, dass du wieder stehst!

Du erriethest, ich weiss es gut, wie Dem zu Muthe ist, der ihn
tdtete, - dem Mrder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist
nicht umsonst.

Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich
aber nicht an! Ehre also - meine Hsslichkeit!

Sie verfolgen mich: nun bist _du_ meine letzte Zuflucht. _Nicht_ mit
ihrem Hasse, _nicht_ mit ihren Hschern: - oh solcher Verfolgung wrde
ich spotten und stolz und froh sein!

War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut
verfolgt, lernt leicht _folgen_: - ist er doch einmal - hinterher!
Aber ihr _Mitleid_ ist's -

- ihr Mitleid ist's, vor dem ich flchte und dir zuflchte. Oh
Zarathustra, schtze mich, du meine letzte Zuflucht, du Einziger, der
mich errieth:

- du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher _ihn_ tdtete. Bleib!
Und willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam.
_Der_ Weg ist schlecht.

Zrnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich
schon dir rathe? Aber wisse, ich bin's, der hsslichste Mensch,

- der auch die grssten schwersten Fsse hat. Wo _ich_ gieng, ist der
Weg schlecht. Ich trete alle Wege todt und zu Schanden.

Dass du aber an mir vorbergiengst, schweigend; dass du errthetest,
ich sah es wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.

Jedweder Andere htte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden,
mit Blick und Rede. Aber dazu - bin ich nicht Bettler genug, das
erriethest du -

- dazu bin ich zu _reich_, reich an Grossem, an Furchtbarem, am
Hsslichsten, am Unaussprechlichsten! Deine Scham, oh Zarathustra,
_ehrte_ mich!

Mit Noth kam ich heraus aus dem Gedrng der Mitleidigen, - dass ich
den Einzigen fnde, der heute lehrt `Mitleiden ist zudringlich` -
dich, oh Zarathustra!

- sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht
gegen die Scham. Und nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene
Tugend, die zuspringt.

_Das_ aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das
Mitleiden: - die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglck, vor
grosser Hsslichkeit, vor grossem Missrathen.

ber diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund ber die Rcken
wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige
wohlwillige graue Leute.

Wie ein Reiher verachtend ber flache Teiche wegblickt, mit
zurckgelegtem Kopfe: so blicke ich ber das Gewimmel grauer kleiner
Wellen und Willen und Seelen weg.

Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: _so_ gab
man ihnen endlich auch die Macht - nun lehren sie: `gut ist nur, was
kleine Leute gut heissen.`

Und `Wahrheit` heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus
ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und Frsprecher der kleinen
Leute, welcher von sich zeugte `ich - bin die Wahrheit.`

Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm
hoch schwellen - er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte
`ich - bin die Wahrheit.`

Ward einem Unbescheidnen jemals hflicher geantwortet? - Du aber, oh
Zarathustra, giengst an ihm vorber und sprachst: `Nein! Nein! Drei
Mal Nein!`

Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem
Mitleiden - nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.

Du schmst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn
du sprichst `von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht,
ihr Menschen!`

- wenn du lehrst `alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe
ist ber ihrem Mitleiden`: oh Zarathustra, wie gut dnkst du mich
eingelernt auf Wetter-Zeichen!

Du selber aber - warne dich selber auch vor _deinem_ Mitleiden!
Denn Viele sind zu dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde,
Verzweifelnde, Ertrinkende, Frierende -

Ich warne dich auch vor mir. Du erriethest mein bestes, schlimmstes
Rthsel, mich selber und was ich that. Ich kenne die Axt, die dich
fllt.

Aber er - _musste_ sterben: er sah mit Augen, welche _Alles_ sahn, -
er sah des Menschen Tiefen und Grnde, alle seine verhehlte Schmach
und Hsslichkeit.

Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten
Winkel. Dieser Neugierigste, ber-Zudringliche, ber-Mitleidige musste
sterben.

Er sah immer _mich_: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben -
oder selber nicht leben.

Der Gott, der Alles sah, _auch_den_Menschen_ dieser Gott musste
sterben! Der Mensch _ertrgt_ es nicht, dass solch ein Zeuge lebt."

Also, sprach der hsslichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich
und schickte sich an fortzugehn: denn ihn frstelte bis in seine
Eingeweide.

"Du Unaussprechlicher, sagte er, du warntest mich vor deinem Wege.
Zum Danke dafr lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die
Hhle Zarathustra's.

Meine Hhle ist gross und tief und hat viele Winkel; da findet der
Versteckteste sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlpfe
und Schliche fr kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.

Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht
unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu's mir
gleich! So lernst du auch von mir; nur der Thter lernt.

Und rede zuerst und -nchst mit meinen Thieren! Das stolzeste Thier
und das klgste Thier - die mchten uns Beiden wohl die rechten
Rathgeber sein!" - -

Also sprach Zarathustra und gieng seiner Wege, nachdenklicher und
langsamer noch als zuvor: denn er fragte sich Vieles und wusste sich
nicht leicht zu antworten.

"Wie arm ist doch der Mensch! dachte er in seinem Herzen, wie
hsslich, wie rchelnd, wie voll verborgener Scham!

Man sagt mir, dass der Mensch sich selber liebe: ach, wie gross muss
diese Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!

Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete, - ein grosser
Liebender ist er mir und ein grosser Verchter.

Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet htte: auch _Das_ ist
Hhe. Wehe, war _Der_ vielleicht der hhere Mensch, dessen Schrei ich
hrte?

Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber ist Etwas, das
berwunden werden muss." - -



Der freiwillige Bettler

Als Zarathustra den hsslichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn,
und er fhlte sich einsam: es gieng ihm nmlich vieles Kalte und
Einsame durch die Sinne, also, dass darob auch seine Glieder klter
wurden. Indem er aber weiter und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an
grnen Weiden vorbei, aber auch ber wilde steinichte Lager, wo ehedem
wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt hatte.- da wurde ihm
mit Einem Male wieder wrmer und herzlicher zu Sinne.

"Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges
erquickt mich, das muss in meiner Nhe sein.

Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefhrten und Brder
schweifen um mich, ihr warmer Athem rhrt an meine Seele."

Als er aber um sich sphete und nach den Trstern seiner Einsamkeit
suchte: siehe, da waren es Khe, welche auf einer Anhhe bei einander
standen; deren Nhe und Geruch hatten sein Herz erwrmt. Diese Khe
aber schienen mit Eifer einem Redenden zuzuhren und gaben nicht auf
Den Acht, der herankam. Wie aber Zarathustra ganz in ihrer Nhe war,
hrte er deutlich, dass eine Menschen-Stimme aus der Mitte der Khe
heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesammt ihre Kpfe dem
Redenden zugedreht.

Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drngte die Thiere
auseinander, denn er frchtete, dass hier jemandem ein Leids geschehn
sei, welchem schwerlich das Mitleid von Khen abhelfen mochte. Aber
darin hatte er sich getuscht; denn siehe, da sass ein Mensch auf der
Erde und schien den Thieren zuzureden, dass sie keine Scheu vor ihm
haben sollten, ein friedfertiger Mensch und Berg-Prediger, aus dessen
Augen die Gte selber predigte. "Was suchst du hier?" rief Zarathustra
mit Befremden.

"Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du
Strenfried! nmlich das Glck auf Erden.

Dazu aber mchte ich von diesen Khen lernen. Denn, weisst du wohl,
einen halben Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir
Bescheid geben. Warum doch strst du sie?

So wir nicht umkehren und werden wie die Khe, so kommen wir nicht
in das Himmelreich. Wir sollten ihnen nmlich Eins ablernen: das
Wiederkuen.

Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewnne und lernte
das Eine nicht, das Wiederkuen: was hlfe es! Er wrde nicht seine
Trbsal los

- seine grosse Trbsal: die aber heisst heute _Ekel_. Wer hat heute
von Ekel nicht Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe
doch diese Khe an!" -

Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick
Zarathustra zu, - denn bisher hieng er mit Liebe an den Khen -: da
aber verwandelte er sich. "Wer ist das, mit dem ich rede? rief er
erschreckt und sprang vom Boden empor.

Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der
berwinder des grossen Ekels, diess ist das Auge, diess ist der Mund,
diess ist das Herz Zarathustra's selber."

Und indem er also sprach, ksste er Dem, zu welchem er redete, die
Hnde, mit berstrmenden Augen, und gebrdete sich ganz als Einer,
dem ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fllt.
Die Khe aber schauten dem Allen zu und wunderten sich.

"Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra
und wehrte seiner Zrtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht
der freiwillige Bettler, der einst einen grossen Reichthum von sich
warf, -

- der sich seines Reichthums schmte und der Reichen, und zu den
rmsten floh, dass er ihnen seine Flle und sein Herz schenke? Aber
sie nahmen ihn nicht an."

"Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du
weisst es ja. So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen
Khen."

"Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer
ist, recht geben als recht nehmen, und dass gut schenken eine _Kunst_
ist und die letzte listigste Meister-Kunst der Gte."

"Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute
nmlich, wo alles Niedrige aufstndisch ward und scheu und auf seine
Art hoffhrtig: nmlich auf Pbel-Art.

Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, fr den grossen schlimmen
langen langsamen Pbel- und Sklaven-Aufstand: der wchst und wchst!

Nun emprt die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die
berreichen mgen auf der Hut sein!

Wer heute gleich bauchichten Flaschen trpfelt aus allzuschmalen
Hlsen: - solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.

Lsterne Gier, gallichter Neid, vergrmte Rachsucht, Pbel-Stolz: das
sprang mir Alles in's Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen
selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den Khen."

Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend,
whrend er den Khen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich
anschnauften.

"Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser
noch als ich. Was trieb mich doch zu den rmsten, oh Zarathustra? War
es nicht der Ekel vor unsern Reichsten?

- vor den Strflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus
jedem Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem
Gesindel, das gen Himmel stinkt,

- vor diesem vergldeten verflschten Pbel, dessen Vter Langfinger
oder Aasvgel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfhrig,
lstern, vergesslich: - sie haben's nmlich alle nicht weit zur Hure -

Pbel oben, Pbel unten! Was ist heute noch `Arm` und `Reich`! Diesen
Unterschied verlernte ich, - da floh ich davon, weiter, immer weiter,
bis ich zu diesen Khen kam."

Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte
bei seinen Worten: also dass die Khe sich von Neuem wunderten.
Zarathustra aber sah ihm immer mit Lcheln in's Gesicht, als er so
hart redete, und schttelte dazu schweigend den Kopf.

"Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte
brauchst. Fr solche Hrte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.

Auch, wie mich dnkt, dein Magen selber nicht: _dem_ widersteht all
solches Zrnen und Hassen und berschumen. Dein Magen will sanftere
Dinge: du bist kein Fleischer.

Vielmehr dnkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht
malmst du Krner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold
und liebst den Honig."

"Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit
erleichtertem Herzen. Ich liebe den Honig, ich malme auch Krner, denn
ich suchte, was lieblich mundet und reinen Athem macht:

- auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk fr sanfte
Mssiggnger und Tagediebe.

Am weitesten freilich brachten es diese Khe: die erfanden sich das
Wiederkuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller
schweren Gedanken, welche das Herz blhn."

"- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch _meine_ Thiere sehn,
meinen Adler und meine Schlange, - ihres Gleichen giebt es heute nicht
auf Erden.

Siehe, dorthin fhrt der Weg zu meiner Hhle: sei diese Nacht ihr
Gast. Und rede mit meinen Thieren vom Glck der Thiere, -

- bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich
eilig weg von dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen
Waben-Goldhonig: den iss!

Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Khen, du Wunderlicher!
Lieblicher! ob es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine
wrmsten Freunde und Lehrmeister!" -

"- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der
freiwillige Bettler. Du selber bist gut und besser noch als eine Kuh,
oh Zarathustra!"

"Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit
Bosheit, was verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?"

"Fort, fort von mir!" schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock
nach dem zrtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.



Der Schatten

Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra
wieder mit sich allein, da hrte er hinter sich eine neue Stimme: die
rief "Halt! Zarathustra! So warte doch! Ich bin's ja, oh Zarathustra,
ich, dein Schatten!" Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein
pltzlicher Verdruss berkam ihn ob des vielen Zudrangs und Gedrngs
in seinen Bergen. "Wo ist meine Einsamkeit hin? sprach er.

Es wird mir wahrlich zu viel; diess Gebirge wimmelt, mein Reich ist
nicht mehr von _dieser_ Welt, ich brauche neue Berge.

Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir
nachlaufen! ich - laufe ihm davon." -

Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber Der,
welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende
hinter einander her waren, nmlich voran der freiwillige Bettler,
dann Zarathustra und zudritt und -hinterst sein Schatten. Nicht lange
liefen sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung ber seine Thorheit
und schttelte mit Einem Rucke allen Verdruss und berdruss von sich.

"Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lcherlichsten Dinge bei
uns alten Einsiedlern und Heiligen?

Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun hre ich sechs
alte Narren-Beine hinter einander her klappern!

Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten frchten? Auch
dnkt mich zu guterletzt, dass er lngere Beine hat als ich."

Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb
stehen und drehte sich schnell herum - und siehe, fast warf er dabei
seinen Nachfolger und Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm
derselbe auf den Fersen, und so schwach war er auch. Als er ihn
nmlich mit Augen prfte, erschrak er wie vor einem pltzlichen
Gespenste: so dnn, schwrzlich, hohl und berlebt sah dieser
Nachfolger aus.

"Wer bist du? fragte Zarathustra heftig, was treibst du hier? Und
wesshalb heissest du dich meinen Schatten? Du gefllst mir nicht."

"Vergieb mir, antwortete der Schatten, dass ich's bin; und wenn ich
dir nicht gefalle, wohlan, oh Zarathustra! darin lobe ich dich und
deinen guten Geschmack.

Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng:
immer unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir
wahrlich wenig zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht
ewig, und auch nicht Jude bin.

Wie? Muss ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt,
unstt, fortgetrieben? Oh Erde, du wardst mir zu rund!

Auf jeder Oberflche sass ich schon, gleich mdem Staube schlief ich
ein auf Spiegeln und Fensterscheiben: Alles nimmt von mir, Nichts
giebt, ich werde dnn, - fast gleiche ich einem Schatten.

Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am lngsten nach, und,
verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten:
wo du nur gesessen hast, sass ich auch.

Mit dir bin ich in fernsten, kltesten Welten umgegangen, einem
Gespenste gleich, das freiwillig ber Winterdcher und Schnee luft.

Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn
irgend Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote
Furcht hatte.

Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine
und Bilder warf ich um, den gefhrlichsten Wnschen lief ich nach, -
wahrlich, ber jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.

Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werthe und grosse
Namen. Wenn der Teufel sich hutet, fllt da nicht auch sein Name ab?
der ist nmlich auch Haut. Der Teufel selber ist vielleicht - Haut.

`Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt`: so sprach ich mir zu. In die
kltesten Wasser strzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft
stand ich darob nackt als rother Krebs da!

Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die
Guten! Ach, wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besass,
die Unschuld der Guten und ihrer edlen Lgen!

Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat
sie mir vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lgen, und siehe! da erst
traf ich - die Wahrheit.

Zu Viel klrte sich mir auf: nun geht es mich Nichts mehr an. Nichts
lebt mehr, das ich liebe, - wie sollte ich noch mich selber lieben?

`Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben`: so will ich's, so
will's auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe _ich_ noch - Lust?

Habe _ich_ - noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem _mein_ Segel luft?

Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, _wohin_ er fhrt, weiss auch,
welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.

Was blieb mir noch zurck? Ein Herz mde und frech; ein unstter
Wille; Flatter-Flgel; ein zerbrochnes Rckgrat.

Diess Suchen nach _meinem_ Heim: oh Zarathustra, weisst du wohl, diess
Suchen war _meine_ Heimsuchung, es frisst mich auf.

`Wo ist - _mein_ Heim?` Darnach frage und suche und suchte ich, das
fand ich nicht. Oh ewiges berall, oh ewiges Nirgendwo, oh ewiges -
Umsonst!"

Also sprach der Schatten, und Zarathustra's Gesicht verlngerte sich
bei seinen Worten. "Du bist mein Schatten! sagte er endlich, mit
Traurigkeit.

Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du
hast einen schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein
schlimmerer Abend kommt!

Solchen Unstten, wie du, dnkt zuletzt auch ein Gefngniss selig.
Sahst du je, wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig,
sie gemessen ihre neue Sicherheit.

Hte dich, dass dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfngt,
ein harter, strenger Wahn! Dich nmlich verfhrt und versucht nunmehr
Jegliches, das eng und fest ist.

Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust
verscherzen und verschmerzen? Damit - hast du auch den Weg verloren!

Du armer Schweifender, Schwrmender, du mder Schmetterling! willst du
diesen Abend eine Rast und Heimsttte haben? So gehe hinauf zu meiner
Hhle!

Dorthin fhrt der Weg zu meiner Hhle. Und jetzo will ich Schnell
wieder von dir davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.

Ich will allein laufen, dass es wieder hell um mich werde. Dazu muss
ich noch lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei
mir - getanzt!" - -

Also sprach Zarathustra.



Mittags

- Und Zarathustra lief und lief und fand Niemanden mehr und war allein
und fand immer wieder sich und genoss und schlrfte seine Einsamkeit
und dachte an gute Dinge, - stundenlang. Um die Stunde des Mittags
aber, als die Sonne gerade ber Zarathustra's Haupte stand, kam er an
einem alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen
Liebe eines Weinstocks rings umarmt und vor sich selber verborgen war:
von dem hiengen gelbe Trauben in Flle dem Wandernden entgegen. Da
gelstete ihn, einen kleinen Durst zu lschen und sich eine Traube
abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da
gelstete ihn etwas Anderes noch mehr: nmlich sich neben den Baum
niederzulegen, um die Stunde des vollkommnen Mittags, und zu schlafen.

Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der
Stille und Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen
kleinen Durst vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort
Zarathustra's sagt: Eins ist nothwendiger als das Andre. Nur dass
seine Augen offen blieben: - sie wurden nmlich nicht satt, den Baum
und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu preisen. Im Einschlafen
aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:

Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir
doch?

Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getfeltem Meere tanzt, leicht,
federleicht: so - tanzt der Schlaf auf mir,

Kein Auge drckt er mir zu, die Seele lsst er mir wach. Leicht ist
er, wahrlich! federleicht.

Er berredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig
mit schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass
meine Seele sich ausstreckt: -

- wie sie mir lang und mde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr
eines siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange
schon selig zwischen guten und reifen Dingen?

Sie streckt sich lang aus, lang, - lnger! sie liegt stille, meine
wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese.
goldene Traurigkeit drckt sie, sie verzieht den Mund.

- Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: - nun lehnt es
sich an die Erde, der langen Reisen mde und der ungewissen Meere. Ist
die Erde nicht treuer?

Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: - da gengt's,
dass eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner
strkeren Taue bedarf es da.

Wie solch ein mdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich
nun der Erde nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fden
ihr angebunden.

Oh Glck! Oh Glck! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst
im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt
seine Flte blst.

Scheue dich! Heisser Mittag schlft auf den Fluren. Singe. nicht!
Still! Die Welt ist vollkommen.

Singe nicht, du Gras-Geflgel, oh meine Seele! Flstere nicht einmal!
Sieh doch - still! der alte Mittag schlft, er bewegt den Mund: trinkt
er nicht eben einen Tropfen Glcks -

- einen alten braunen Tropfen goldenen Glcks, goldenen Weins? Es
huscht ber ihn hin, sein Glck lacht. So - lacht ein Gott. Still! -

- "Zum Glck, wie wenig gengt schon zum Glcke!" So sprach ich einst,
und dnkte mich klug. Aber es war eine Lsterung: _das_ lernte ich
nun. Kluge Narrn reden besser.

Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse
Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen-Blidk - _Wenig_ macht die
Art des _besten_ Glcks. Still!

- Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht?
Fiel ich nicht - horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

- Was geschieht mir? Still! Es sticht mich - wehe - in's Herz? In's
Herz! Oh zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glcke, nach solchem
Stiche!

- Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des
goldenen runden Reifs - wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach!
Husch!

Still - - (und hier dehnte sich Zarathustra und fhlte, dass er
schlafe.) -

Auf! sprach er zu sich selber, du Schlfer! Du Mittagsschlfer!
Wohlan, wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist's und berzeit, manch gut
Stck Wegs blieb euch noch zurck -

Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit!
Wohlan, wohlauf nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach
solchem Schlaf - dich auswachen?

(Aber da schlief er schon von Neuem ein, und seine Seele sprach gegen
ihn und wehrte sich und legte sich wieder hin) - "Lass mich doch!
Still! Ward nicht die Welt eben vollkommen? Oh des goldnen runden
Balls!" -

"Steh auf, sprach Zarathustra, du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie?
Immer noch sich strecken, ghnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe
Brunnen?

Wer bist du doch! Oh meine Seele!" (und hier erschrak er, denn ein
Sonnenstrahl fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht)

"Oh Himmel ber mir, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, du
schaust mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?

Wann trinkst du diesen Tropfen Thau's, der auf alle Erden-Dinge
niederfiel, - wann trinkst du diese wunderliche Seele -

- wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher
Mittags-Abgrund! wann trinkst du meine Seele in dich zurck?"

Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie
aus einer fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer
noch gerade ber seinem Haupte. Es mchte aber Einer daraus mit Recht
abnehmen, dass Zarathustra damals nicht lange geschlafen habe.



Die Begrssung

Am spten Nachmittage war es erst, dass Zarathustra, nach langem
umsonstigen Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Hhle heimkam.
Als er aber derselben gegenberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von
ihr ferne, da geschah das, was er jetzt am wenigsten erwartete: von
Neuem hrte er den grossen _Nothschrei_. Und, erstaunlich! diess
Mal kam derselbige aus seiner eignen Hhle. Es war aber ein langer
vielfltiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich,
dass er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus
der Ferne gehrt, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.

Da sprang Zarathustra auf seine Hhle zu, und siehe! welches
Schauspiel erwartete ihn erst nach diesem Hrspiele! Denn da sassen
sie allesammt bei einander, an denen er des Tags vorbergegangen war:
der Knig zur Rechten und der Knig zur Linken, der alte Zauberer,
der Papst, der freiwillige Bettler, der Schatten, der Gewissenhafte
des Geistes, der traurige Wahrsager und der Esel; der hsslichste
Mensch aber hatte sich eine Krone aufgesetzt und zwei Purpurgrtel
umgeschlungen, - denn er liebte es, gleich allen Hsslichen, sich
zu verkleiden und schn zu thun. Inmitten aber dieser betrbten
Gesellschaft stand der Adler Zarathustra's, gestrubt und unruhig,
denn er sollte auf zu Vieles antworten, wofr sein Stolz keine Antwort
hatte; die kluge Schlange aber hieng um seinen Hals.

Diess Alles schaute Zarathustra mit grosser Verwunderung; dann prfte
er jeden Einzelnen seiner Gste mit leutseliger Neugierde, las ihre
Seelen ab und wunderte sich von Neuem. Inzwischen hatten sich die
Versammelten von ihren Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, dass
Zarathustra reden werde. Zarathustra aber sprach also:

"Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hrte also _euren_
Nothschrei? Und nun weiss ich auch, wo Der zu suchen ist, den ich
umsonst heute suchte: der hhere Mensch -:

- in meiner eignen Hhle sitzt er, der hhere Mensch! Aber was wundere
ich mich! Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt durch Honig-Opfer
und listige Lockrufe meines Glcks?

Doch dnkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht
einander das Herz unwirsch, ihr Nothschreienden, wenn ihr hier
beisammen sitzt? Es muss erst Einer kommen,

- Einer, der euch wieder lachen macht, ein guter frhlicher Hanswurst,
ein Tnzer und Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr: - was dnket
euch?

Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch
kleinen Worten rede, unwrdig, wahrlich!, solcher Gste! Aber ihr
errathet nicht, _was_ mein Herz muthwillig macht: -

- ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nmlich
wird muthig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden
zuzusprechen - dazu dnkt sich jeder stark genug.

Mir selber gabt ihr diese Kraft, - eine gute Gabe, meine hohen Gste!
Ein rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zrnt nun nicht, dass ich
euch auch vom Meinigen anbiete.

Diess hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, fr
diesen Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Thiere sollen
euch dienen: meine Hhle sei eure Ruhestatt!

Bei mir zu Heim-und-Hause soll Keiner verzweifeln, in meinem Reviere
schtze ich jeden vor seinen wilden Thieren. Und das ist das Erste,
was ich euch anbiete: Sicherheit!

Das Zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr _den_ erst, so
nehmt nur noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen
hier, willkommen, meine Gastfreunde!"

Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach
dieser Begrssung verneigten sich seine Gste abermals und schwiegen
ehrfrchtig; der Knig zur Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.

"Daran, oh Zarathustra, wie du uns Hand und Gruss botest, erkennen wir
dich als Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast thatest du
unserer Ehrfurcht wehe -:

- wer aber vermochte gleich dir sich mit solchem Stolze zu
erniedrigen? _Das_ richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern
Augen und Herzen.

Diess allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf hhere Berge, als
dieser Berg ist. Als Schaulustige nmlich kamen wir, wir wollten sehn,
was trbe Augen hell macht.

Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Nothschrein. Schon
steht Sinn und Herz uns offen und ist entzckt. Wenig fehlt: und unser
Muth wird muthwillig.

Nichts, oh Zarathustra, wchst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher
starker Wille: der ist ihr schnstes Gewchs. Eine ganze Landschaft
erquickt sich an Einem solchen Baume.

Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwchst:
lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich, -

- zuletzt aber hinausgreifend mit starken grnen sten nach _seiner_
Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer
auf Hhen heimisch ist,

- strker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte
nicht, solche Gewchse zu schaun, auf hohe Berge steigen?

Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Dstere, der
Missrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstte sicher und heilt
sein Herz.

Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele
Augen; eine grosse Sehnsucht hat sich aufgemacht, und Manche lernten
fragen: wer ist Zarathustra?

Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig in's Ohr getrufelt: alle
die Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit Einem
Male zu ihrem Herzen:

`Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, Alles ist
gleich, Alles ist umsonst: oder - wir mssen mit Zarathustra leben!`

`Warum kommt er nicht, der sich so lange ankndigte? also fragen
Viele; verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm
kommen?`

Nun geschieht's, dass die Einsamkeit selber mrbe wird und zerbricht,
einem Grabe gleich, das zerbricht und seine Todten nicht mehr halten
kann. berall sieht man Auferstandene.

Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, oh Zarathustra. Und
wie hoch auch deine Hhe ist, Viele mssen zu dir hinauf; dein Nachen
soll nicht lange mehr im Trocknen sitzen.

Und dass wir Verzweifelnde jetzt in deine Hhle kamen und schon nicht
mehr verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, dass
Bessere zu dir unterwegs sind, -

- denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter
Menschen, das ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des
grossen Ekels, des grossen berdrusses,

- Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder _hoffen_ - oder
sie lernen von dir, oh Zarathustra, die _grosse_ Hoffnung!"

Also sprach der Knig zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustra's,
um sie zu kssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat
erschreckt zurck, schweigend und pltzlich wie in weite Fernen
entfliehend. Nach einer kleinen Weile aber war er schon wieder bei
seinen Gsten, blickte sie mit hellen, prfenden Augen an und sprach:

Meine Gste, ihr hheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit
euch reden. Nicht auf _euch_ wartete ich hier in diesen Bergen.

("Deutsch und deutlich? Dass Gott erbarm! sagte hier der Knig zur
Linken, bei Seite; man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht,
dieser Weise aus dem Morgenlande!

Aber er meint `deutsch und derb` - wohlan! Das ist heutzutage noch
nicht der schlimmste Geschmack!")

"Ihr mgt wahrlich insgesammt hhere Menschen sein, fuhr Zarathustra
fort: aber fr mich - seid ihr nicht hoch und stark genug.

Fr mich, das heisst: fr das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber
nicht immer schweigen wird. Und gehrt ihr zu mir, so doch nicht als
mein rechter Arm.

Wer nmlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich
euch, der will vor Allem, ob er's weiss oder sich verbirgt: dass er
_geschont_ werde.

Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine
Krieger nicht: wieso knntet ihr zu _meinem_ Kriege taugen?

Mit euch verdrbe ich mir jeden Sieg noch. Und Mancher von euch fiele
schon um, wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hrte.

Auch seid ihr mir nicht schn genug und wohlgeboren. Ich brauche reine
glatte Spiegel fr meine Lehren; auf eurer Oberflche verzerrt sich
noch mein eignes Bildniss.

Eure Schultern drckt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer
Zwerg hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pbel auch in euch.

Und seid ihr auch hoch und hherer Art: Vieles an euch ist krumm und
missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und
gerade schlge.

Ihr seid nur Brcken: mgen Hhere auf euch hinber schreiten! Ihr
bedeutet Stufen: so zrnt Dem nicht, der ber euch hinweg in _seine_
Hhe steigt!

Aus eurem Samen mag auch mir einst ein chter Sohn und vollkommener
Erbe wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid Die nicht, welchen
mein Erbgut und Name zugehrt.

Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf
ich zum letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur,
dass schon Hhere zu mir unterwegs sind, -

- _nicht_ die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des
grossen berdrusses und Das, was ihr den berrest Gottes nanntet.

- Nein! Nein! Drei Mal Nein! Auf _Andere_ warte ich hier in diesen
Bergen und will meinen Fuss nicht ohne sie von dannen heben,

- auf Hhere, Strkere, Sieghaftere, Wohlgemuthere, Solche, die
rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: _lachende_Lwen_ mssen
kommen!

Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen, - hrtet ihr noch Nichts von
meinen Kindern? Und dass sie zu mir unterwegs sind?

Sprecht mir doch von meinen Grten, von meinen glckseligen Inseln,
von meiner neuen schnen Art, - warum sprecht ihr mir nicht davon?

Diess Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, dass ihr mir von
meinen Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was
gab ich nicht hin,

- was gbe ich nicht hin, dass ich Eins htte: _diese_ Kinder, _diese_
lebendige Pflanzung, _diese_ Lebensbume meines Willens und meiner
hchsten Hoffnung!"

Also sprach Zarathustra und hielt pltzlich inne in seiner Rede: denn
ihn berfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der
Bewegung seines Herzens. Und auch alle seine Gste schwiegen und
standen still und bestrzt: nur dass der alte Wahrsager mit Hnden und
Gebrden Zeichen gab.



Das Abendmahl

An dieser Stelle nmlich unterbrach der Wahrsager die Begrssung
Zarathustra's und seiner Gste: er drngte sich vor, wie Einer, der
keine Zeit zu verlieren hat, fasste die Hand Zarathustra's und rief:
"Aber Zarathustra!

Eins ist nothwendiger als das Andre, so redest du selber: wohlan, Eins
ist _mir_ jetzt nothwendiger als alles Andere.

Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum _Mahle_ eingeladen?
Und hier sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht
mit Reden abspeisen?

Auch gedachtet ihr Alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens,
Erstickens und andrer Leibes-Nothstnde: Keiner aber gedachte _meines_
Nothstandes, nmlich des Verhungerns -"

(Also sprach der Wahrsager; wie die Thiere Zarathustra's aber diese
Worte hrten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, dass
was sie auch am Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den
Einen Wahrsager zu stopfen.)

"Eingerechnet das Verdursten, fuhr der Wahrsager fort. Und ob ich
schon Wasser hier pltschern hre, gleich Reden der Weisheit, nmlich
reichlich und unermdlich: ich - will _Wein_!

Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser
taugt auch nicht fr Mde und Verwelkte: _uns_ gebhrt Wein, - _der_
erst giebt pltzliches Genesen und stegreife Gesundheit!"

Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah
es, dass auch der Knig zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte
kam. "Fr Wein, sprach er, trugen _wir_ Sorge, ich sammt meinem
Bruder, dem Knige zur Rechten: wir haben Weins genug, - einen ganzen
Esel voll. So fehlt Nichts als Brod."

"Brod? entgegnete Zarathustra und lachte dazu. Nur gerade Brod haben
Einsiedler nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brod allein, sondern
auch vom Fleische guter Lmmer, deren ich zwei habe:

- _Die_ soll man geschwinde schlachten und wrzig, mit Salbei,
zubereiten: so liebe ich's. Und auch an Wurzeln und Frchten fehlt es
nicht, gut genug selbst fr Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nssen
und andern Rthseln zum Knacken.

Also wollen wir in Krze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen
will, muss auch mit Hand anlegen, auch die Knige. Bei Zarathustra
nmlich darf auch ein Knig Koch sein."

Mit diesem Vorschlage war Allen nach dem Herzen geredet: nur dass der
freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Wrzen strubte.

"Nun hrt mir doch diesen Schlemmer Zarathustra! sagte er scherzhaft:
geht man dazu in Hhlen und Hoch-Gebirge, dass man solche Mahlzeiten
macht?

Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: `Gelobt sei die
kleine Armuth!` Und warum er die Bettler abschaffen will."

"Sei guter Dinge, antwortete ihm Zarathustra, wie ich es bin. Bleibe
bei deiner Sitte, du Trefflicher, malme deine Krner, trink dein
Wasser, lobe deine Kche: wenn sie dich nur frhlich macht!

Ich bin ein Gesetz nur fr die Meinen, ich bin kein Gesetz fr Alle.
Wer aber zu mir gehrt, der muss von starken Knochen sein, auch von
leichten Fssen, -

- lustig zu Kriegen und Festen, kein Dsterling, kein Traum-Hans,
bereit zum Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.

Das Beste gehrt den Meinen und mir; und giebt man's uns nicht, so
nehmen wir's: - die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die strksten
Gedanken, die schnsten Fraun!" -

Also sprach Zarathustra; der Knig zur Rechten aber entgegnete:
"Seltsam! Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines
Weisen?

Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu
alledem auch noch klug und kein Esel ist."

Also sprach der Knig zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber
sagte zu seiner Rede mit bsem Willen I-A. Diess aber war der
Anfang von jener langen Mahlzeit, welche "das Abendmahl" in den
Historien-Bchern genannt wird. Bei derselben aber wurde von nichts
Anderem geredet als _vom_hheren_Menschen_.



Vom hheren Menschen

1.

Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die
Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den
Markt.

Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber
waren Seiltnzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast
ein Leichnam.

Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich
sprechen "Was geht mich Markt und Pbel und Pbel-Lrm und lange
Pbel-Ohren an!"

Ihr hheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt
Niemand an hhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der
Pbel aber blinzelt "wir sind Alle gleich."

"Ihr hheren Menschen, - so blinzelt der Pbel - es giebt keine
hheren Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott -
sind wir Alle gleich!"

Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pbel aber wollen wir
nicht gleich sein. Ihr hheren Menschen, geht weg vom Markt!


2.

Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott! Ihr hheren Menschen, dieser
Gott war eure grsste Gefahr.

Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst
kommt der grosse Mittag, nun erst wird der hhere Mensch - Herr!

Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brder? Ihr seid erschreckt: wird
euren Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Klfft euch
hier der Hllenhund?

Wohlan! Wohlauf! Ihr hheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der
Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen _wir_, - dass der bermensch
lebe.


3.

Die Sorglichsten fragen heute: "wie bleibt der Mensch erhalten?"
Zarathustra aber fragt als der Einzige und Erste: "wie wird der Mensch
_berwunden_?"

Der bermensch liegt mir am Herzen, _der_ ist mein Erstes und
Einziges, - und _nicht_ der Mensch: nicht der Nchste, nicht der
rmste, nicht der Leidendste, nicht der Beste -

Oh meine Brder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein
bergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich
lieben und hoffen macht.

Dass ihr verachtetet, ihr hheren Menschen, das macht mich hoffen. Die
grossen Verachtenden nmlich sind die grossen Verehrenden.

Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet
nicht, wie ihr euch ergbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.

Heute nmlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle
Ergebung und Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rcksicht und das
lange Und-so-weiter der kleinen Tugenden.

Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der
Pbel-Mischmasch: _Das_ will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals
- oh Ekel! Ekel! Ekel!

_Das_ frgt und frgt und wird nicht mde: "Wie erhlt sich der
Mensch, am besten, am lngsten, am angenehmsten?" Damit - sind sie die
Herrn von Heute.

Diese Herrn von Heute berwindet mir, oh meine Brder, - diese kleinen
Leute: _die_ sind des bermenschen grsste Gefahr!

berwindet mir, ihr hheren Menschen, die kleinen Tugenden, die
kleinen Klugheiten, die Sandkorn-Rcksichten, den Ameisen-Kribbelkram,
das erbrmliche Behagen, das "Glck der Meisten" -!

Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich
liebe euch dafr, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr hheren
Menschen! So nmlich lebt _ihr_ - am Besten!


4.

Habt ihr Muth, oh meine Brder? Seid ihr herzhaft? _Nicht_ Muth vor
Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr
zusieht?

Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft.
Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht _zwingt_, er den Abgrund
sieht, aber mit _Stolz_.

Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen
den Abgrund _fasst_: Der hat Muth. - -


5.

"Der Mensch ist bse" - so sprachen mir zum Troste alle Weisesten.
Ach, wenn es heute nur noch wahr ist! Denn das Bse ist des Menschen
beste Kraft.

"Der Mensch muss besser und bser werden" - so lehre _ich_. Das
Bseste ist nthig zu des bermenschen Bestem.

Das mochte gut sein fr jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt
und trug an des Menschen Snde. Ich aber erfreue mich der grossen
Snde als meines grossen _Trostes_. -

Solches ist aber nicht fr lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehrt
auch nicht in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen
sollen nicht Schafs-Klauen greifen!


6.

Ihr hheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr
schlecht machtet?

Oder ich wollte frderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch
Unstten, Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?

Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen
zu Grunde gehn, - denn ihr sollt es immer schlimmer und hrter haben.
So allein -

- so allein wchst der Mensch in _die_ Hhe, wo der Blitz ihn trifft
und zerbricht: hoch genug fr den Blitz!

Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine
Sehnsucht: was gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!

Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet
noch nicht _am_Menschen_. Ihr wrdet lgen, wenn ihr's anders sagtet!
Ihr leidet Alle nicht, woran ich litt. - -


7.

Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht
ableiten will ich ihn: er soll lernen fr _mich_ - arbeiten. -

Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird
stiller und dunkler. So thut jede Weisheit, welche _einst_ Blitze
gebren soll. -

Diesen Menschen von Heute will ich nicht _Licht_ sein, nicht Licht
heissen. _Die_ - will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen
die Augen aus!


8.

Wollt Nichts ber euer Vermgen: es giebt eine schlimme Falschheit bei
Solchen, die ber ihr Vermgen wollen.

Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wollen! Denn sie wecken Misstrauen
gegen grosse Dinge, diese feinen Falschmnzer und Schauspieler: -

- bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schielugig,
bertnchter Wurmfrass, bemntelt durch starke Worte, durch
Aushnge-Tugenden, durch glnzende falsche Werke.

Habt da eine gute Vorsicht, ihr hheren Menschen! Nichts nmlich gilt
mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.

Ist diess Heute nicht des Pbels? Pbel aber weiss nicht, was gross,
was klein, was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der
lgt immer.


9.

Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr hheren Menschen, ihr Beherzten!
Ihr Offenherzigen! Und haltet eure Grnde geheim! Diess Heute nmlich
ist des Pbels.

Was der Pbel ohne Grnde einst glauben lernte, wer knnte ihm durch
Grnde Das - umwerfen?

Und auf dem Markte berzeugt man mit Gebrden. Aber Grnde machen den
Pbel misstrauisch.

Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem
Misstrauen: "welch starker Irrthum hat fr sie gekmpft?"

Htet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind
unfruchtbar! Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder
Vogel entfedert.

Solche brsten sich damit, dass sie nicht lgen: aber Ohnmacht zur
Lge ist lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Htet euch!

Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgeklteten
Geistern glaube ich nicht. Wer nicht lgen kann, weiss nicht, was
Wahrheit ist.


10.

Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht
empor _tragen_, setzt euch nicht auf fremde Rcken und Kpfe!

Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem
Ziele? Wohlan, mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu
Pferde!

Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf
deiner _Hhe_ gerade, du hherer Mensch - wirst du stolpern!


11.

Ihr Schaffenden, ihr hheren Menschen! Man ist nur fr das eigne Kind
schwanger.

Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn _euer_ Nchster?
Und handelt ihr auch "fr den Nchsten", - ihr schafft doch nicht fr
ihn!

Verlernt mir doch diess "Fr", ihr Schaffenden: eure Tugend gerade
will es, dass ihr kein Ding mit "fr" und "um" und "weil" thut. Gegen
diese falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.

Das "fr den Nchsten" ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst
es "gleich und gleich" und "Hand wscht Hand": - sie haben nicht Recht
noch Kraft zu _eurem_ Eigennutz!

In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und
Vorsehung! Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und
schont und nhrt eure ganze Liebe.

Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze
Tugend! Euer Werk, euer Wille ist _euer_ "Nchster": lasst euch keine
falschen Werthe einreden!


12.

Ihr Schaffenden, ihr hheren Menschen! Wer gebren muss, der ist
krank; wer aber geboren hat, ist unrein.

Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergngen macht. Der
Schmerz macht Hhner und Dichter gackern.

Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet
Mtter sein.

Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei
Seite! Und wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!


13.

Seid nicht tugendhaft ber eure Krfte! Und wollt Nichts von euch
wider die Wahrscheinlichkeit!

Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Vter Tugend gierig! Wie
wolltet ihr hoch steigen, wenn nicht eurer Vter Wille mit euch
steigt?

Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling
werde! Und wo die Laster eurer Vter sind, darin sollt ihr nicht
Heilige bedeuten wollen!

Wessen Vter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und
Wildschweinen: was wre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?

Eine Narrheit wre es! Viel, wahrlich, dnkt es mich fr einen
Solchen, wenn er Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.

Und stiftete er Klster und schriebe ber die Thr: "der Weg zum
Heiligen," - ich sprche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!

Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm's! Aber
ich glaube nicht daran.

In der Einsamkeit wchst, was Einer in sie bringt, auch das innere
Vieh. Solchergestalt widerrth sich Vielen die Einsamkeit.

Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wsten-Heilige? _Um_die_
herum war nicht nur der Teufel los, - sondern auch das Schwein.


14.

Scheu, beschmt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung
missrieth: also, ihr hheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite
schleichen. Ein _Wurf_ missrieth euch.

Aber, ihr Wrfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen
und spotten, wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer
an einem grossen Spott- und Spieltische?

Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum - missrathen?
Und missriethet ihr selber, missrieth darum - der Mensch? Missrieth
aber der Mensch: wohlan! wohlauf!


15.

Je hher von Art, je seltener gerth ein Ding. Ihr hheren Menschen
hier, seid ihr nicht alle - missgerathen?

Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch mglich! Lernt
ber euch selber lachen, wie man lachen muss!

Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr
Halb-Zerbrochenen! Drngt und stsst sich nicht in euch - des Menschen
_Zukunft_?

Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Hchstes, seine ungeheure
Kraft: schumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?

Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt ber euch lachen, wie
man lachen muss! Ihr hheren Menschen, oh wie Vieles ist noch mglich!

Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an
kleinen guten vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!

Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr hheren Menschen!
Deren goldene Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.


16.

Welches war hier auf Erden bisher die grsste Snde? War es nicht das
Wort Dessen, der sprach: "Wehe Denen, die hier lachen!"

Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Grnde? So suchte er nur
schlecht. Ein Kind findet hier noch Grnde.

Der - liebte nicht genug: sonst htte er auch uns geliebt, die
Lachenden! Aber er hasste und hhnte uns, Heulen und Zhneklappern
verhiess er uns.

Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das - dnkt mich ein
schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom
Pbel.

Und er selber liebte nur nicht genug: sonst htte er weniger gezrnt,
dass man ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe _will_ nicht Liebe: - die
will mehr.

Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke
Art, eine Pbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den
bsen Blick fr diese Erde.

Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Fsse
und schwle Herzen: - sie wissen nicht zu tanzen. Wie mchte Solchen
wohl die Erde leicht sein!


17.

Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen
sie Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glcke, - alle
guten Dinge lachen.

Der Schritt verrth, ob Einer schon auf _seiner_ Bahn schreitet: so
seht mich gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.

Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da,
starr, stumpf, steinern, eine Sule; ich liebe geschwindes Laufen.

Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trbsal giebt: wer leichte
Fsse hat, luft ber Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem
Eise.

Erhebt eure Herzen, meine Brder, hoch! hher! Und vergesst mir auch
die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tnzer, und besser
noch: ihr steht auch auf dem Kopf!


18.

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelchter. Keinen
Anderen fand ich heute stark genug dazu.

Zarathustra der Tnzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flgeln
winkt, ein Flugbereiter, allen Vgeln zuwinkend, bereit und fertig,
ein Selig-Leichtfertiger: -

Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein
Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprnge und Seitensprnge
liebt; ich selber setzte mir diese Krone auf!


19.

Erhebt eure Herzen, meine Brder, hoch! hher! Und vergesst mir auch
die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tnzer, und besser
noch: ihr steht auch auf dem Kopf!

Es giebt auch im Glck schweres Gethier, es giebt Plumpfssler von
Anbeginn. Wunderlich mht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der
sich mht auf dem Kopf zu stehn.

Besser aber noch nrrisch sein vor Glcke als nrrisch vor Unglcke,
besser plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit
ab: auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten, -

- auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch
selbst, ihr hheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!

So verlernt mir doch Trbsal-Blasen und alle Pbel-Traurigkeit! Oh wie
traurig dnken mich heute des Pbels Hanswrste noch! Diess Heute aber
ist des Pbels.


20.

Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghhlen strzt: nach
seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hpfen
unter seinen Fusstapfen.

Der den Eseln Flgel giebt, der Lwinnen melkt, gelobt sei dieser gute
unbndige Geist, der allem Heute und allem Pbel wie ein Sturmwind
kommt, -

- der Distel- und Tiftelkpfen feind ist und allen welken Blttern und
Unkrutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf
Mooren und Trbsalen wie auf Wiesen tanzt!

Der die Pbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene dstere
Gezcht: gelobt sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende
Sturm, welcher allen Schwarzsichtigen, Schwrschtigen Staub in die
Augen blst!

Ihr hheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht
tanzen, wie man tanzen muss - ber euch hinweg tanzen! Was liegt
daran, dass ihr missriethet!

Wie Vieles ist noch mglich! So _lernt_ doch ber euch hinweg lachen!
Erhebt eure Herzen, ihr guten Tnzer, hoch! hher! Und vergesst mir
auch das gute Lachen nicht!

Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
Brdern, werfe ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr
hheren Menschen, _lernt_ mir - lachen!



Das Lied der Schwermuth

1.

Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner
Hhle; mit den letzten Worten aber entschlpfte er seinen Gsten und
floh fr eine kurze Weile in's Freie.

"Oh reine Gerche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber
wo sind meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!

Sagt mir doch, meine Thiere: diese hheren Menschen insgesammt -
_riechen_ sie vielleicht nicht gut? Oh reine Gerche um mich! Jetzo
weiss und fhle ich erst, wie ich euch, meine Thiere, liebe."

- Und Zarathustra sprach nochmals: "ich liebe euch, meine Thiere!" Der
Adler aber und die Schlange drngten sich an ihn, als er diese Worte
sprach, und sahen zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei
still beisammen und schnffelten und schlrften mit einander die gute
Luft. Denn die Luft war hier draussen besser als bei den hheren
Menschen.


2.

Kaum aber hatte Zarathustra seine Hhle verlassen, da erhob sich der
alte Zauberer, sah listig umher und sprach: "Er ist hinaus!

Und schon, ihr hheren Menschen - dass ich euch mit diesem Lob- und
Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber - schon fllt mich mein
schlimmer Trug- und Zaubergeist an, mein schwermthiger Teufel,

- welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde:
vergebt es ihm! Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade _seine_
Stunde; umsonst ringe ich mit diesem bsen Geiste.

Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mgt, ob ihr
euch `die freien Geister` nennt oder `die Wahrhaftigen` oder `die
Bsser des Geistes` oder `die Entfesselten` oder `die grossen
Sehnschtigen` -

- euch Allen, die ihr _am_grossen_Ekel_ leidet gleich mir, denen der
alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt,
- euch Allen ist mein bser Geist und Zauber-Teufel hold.

Ich kenne euch, ihr hheren Menschen, ich kenne ihn, - ich kenne auch
diesen Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er
selber dnkt mich fter gleich einer schnen Heiligen-Larve,

- gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich
mein bser Geist, der schwermthige Teufel, gefllt: - ich liebe
Zarathustra, so dnkt mich oft, um meines bsen Geistes Willen. -

Aber schon fllt _der_ mich an und zwingt mich, dieser Geist der
Schwermuth, dieser Abend-Dmmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr hheren
Menschen, es gelstet ihn -

- macht nur die Augen auf! - es gelstet ihn, _nackt_ zu kommen, ob
mnnlich, ob weiblich, noch weiss ich's nicht: aber er kommt, er
zwingt mich, wehe! macht eure Sinne auf!

Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten
Dingen; hrt nun und seht, ihr hheren Menschen, welcher Teufel, ob
Mann, ob Weib, dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!"

Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu
seiner Harfe.


3.

Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thau's Trstung Zur Erde
niederquillt, Unsichtbar, auch ungehrt: - Denn zartes Schuhwerk trgt
Der Trster Thau gleich allen Trost-Milden -: Gedenkst du da, gedenkst
du, heisses Herz, Wie einst du durstetest, Nach himmlischen Thrnen
und Thau-Getrufel Versengt und mde durstetest, Dieweil auf gelben
Gras-Pfaden Boshaft abendliche Sonnenblicke Durch schwarze Bume um
dich liefen, Blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.

"Der _Wahrheit_ Freier? Du? - so hhnten sie - Nein! Nur ein Dichter!
Ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, Das lgen muss,
Das wissentlich, willentlich lgen muss: Nach Beute lstern, Bunt
verlarvt, Sich selber Larve, Sich selbst zur Beute - _Das_ - der
Wahrheit Freier? Nein! Nur Narr! Nur Dichter! Nur Buntes redend, Aus
Narren-Larven bunt herausschreiend, Herumsteigend auf lgnerischen
Wort-Brcken, Auf bunten Regenbogen, Zwischen falschen Himmeln Und
falschen Erden, Herumschweifend, herumschwebend, - _Nur_ Narr! _Nur_
Dichter!

_Das_ - der Wahrheit Freier? Nicht still, starr, glatt, kalt, Zum
Bilde worden, Zur Gottes-Sule, Nicht aufgestellt vor Tempeln, Eines
Gottes Thrwart: Nein! Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern, In
jeder Wildniss heimischer als vor Tempeln, Voll Katzen-Muthwillens,
Durch jedes Fenster springend Husch! in jeden Zufall, Jedem Urwalde
zuschnffelnd, Schtig-sehnschtig zuschnffelnd, Dass du in Urwldern
Unter buntgefleckten Raubthieren Sndlich-gesund und bunt und schn
liefest, Mit lsternen Lefzen, Selig-hhnisch, selig-hllisch,
selig-blutgierig, Raubend, schleichend, lgend liefest: -

Oder, dem Adler gleich, der lange, Lange starr in Abgrnde blickt, In
_seine_ Abgrnde: - - Oh wie sie sich hier hinab, Hinunter, hinein,
In immer tiefere Tiefen ringeln! - Dann, Pltzlich, geraden Zugs,
Gezckten Flugs, Auf Lmmer stossen, Jach hinab, heisshungrig,
Nach Lmmern lstern, Gram allen Lamms-Seelen, Grimmig-gram
Allem, was blickt Schafmssig, lammugig, krauswollig, Grau, mit
Lamms-Schafs-Wohlwollen!

Also Adlerhaft, pantherhaft Sind des Dichters Sehnschte, Sind _deine_
Sehnschte unter tausend Larven, Du Narr! Du Dichter!

Der du den Menschen schautest So Gott als Schaf -: Den Gott
_zerreissen_ im Menschen Wie das Schaf im Menschen, Und zerreisend
_lachen_ -

_Das_, _Das_ ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit!
Eines Dichters und Narren Seligkeit!" - -

Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Monds Sichel Grn zwischen
Purpurrthen Und neidisch hinschleicht: - dem Tage feind, Mit jedem
Schritte heimlich An Rosen-Hngematten Hinsichelnd, bis sie sinken,
Nacht-abwrts blass hinabsinken:

So sank ich selber einstmals Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, Aus
meinen Tages-Sehnschten, Des Tages mde, krank vom Lichte, - sank
abwrts, abendwrts, schattenwrts: Von Einer Wahrheit Verbrannt und
durstig: - gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz, Wie da du
durstetest? - Dass ich verbannt sei Von _aller_ Wahrheit, Nur Narr!
Nur Dichter!



Von der Wissenschaft

Also sang der Zauberer; und Alle, die beisammen waren, giengen gleich
Vgeln unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwermthigen
Wollust. Nur der Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er
nahm flugs dem Zauberer die Harfe weg und rief "Luft! Lasst gute Luft
herein! Lass Zarathustra herein! Du machst diese Hhle schwl und
giftig, du schlimmer alter Zauberer!

Du verfhrst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und
Wildnissen. Und wehe, wenn Solche, wie du, von der _Wahrheit_ Redens
und Wesens machen!

Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor _solchen_ Zauberern auf
der Hut sind! Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst
zurck in Gefngnisse, -

- du alter schwermthiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine
Lockpfeife, du gleichst Solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit
heimlich zu Wollsten laden!"

Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich,
genoss seines Sieges und verschluckte darber den Verdruss, welchen
ihm der Gewissenhafte machte. "Sei still! sagte er mit bescheidener
Stimme, gute Lieder wollen gut wiederhallen; nach guten Liedern soll
man lange schweigen.

So thun es diese Alle, die hheren Menschen. Du aber hast wohl Wenig
von meinem Lied verstanden? In dir ist Wenig von einem Zaubergeiste."

"Du lobst mich, entgegnete der Gewissenhafte, indem du mich von dir
abtrennst, wohlan! Aber ihr Anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch
mit lsternen Augen da -:

Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, dnkt mich's,
gleicht ihr Solchen, die lange schlimmen tanzenden nackten Mdchen
zusahn: eure Seelen tanzen selber!

In euch, ihr hheren Menschen, muss Mehr von Dem sein, was der
Zauberer seinen bsen Zauber- und Truggeist nennt: - wir mssen wohl
verschieden sein.

Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe
Zarathustra heimkam zu seiner Hhle, als dass ich nicht wsste: wir
_sind_ verschieden.

Wir _suchen_ Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich nmlich
suche _mehr_Sicherheit_, desshalb kam ich zu Zarathustra. Der nmlich
ist noch der festeste Thurm und Wille -

- heute, wo Alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich
eure Augen sehe, die ihr macht, fast dnkt mich's, ihr sucht mehr
_Unsicherheit_,

- mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelstet, fast dnkt
mich's so, vergebt meinem Dnkel, ihr hheren Menschen -

- euch gelstet nach dem schlimmsten gefhrlichsten Leben, das _mir_
am meisten Furcht macht, nach dem Leben wilder Thiere, nach Wldern,
Hhlen, steilen Bergen und Irr- Schlnden.

Und nicht die Fhrer _aus_ der Gefahr gefallen euch am besten,
sondern die euch von allen Wegen abfhren, die Verfhrer. Aber, wenn
solch Gelsten an euch _wirklich_ ist, so dnkt es mich trotzdem
_unmglich_.

Furcht nmlich - das ist des Menschen Erb- und Grundgefhl; aus der
Furcht erklrt sich jegliches, Erbsnde und Erbtugend. Aus der Furcht
wuchs auch _meine_ Tugend, die heisst: Wissenschaft.

Die Furcht nmlich vor wildem Gethier - die wurde dem Menschen am
lngsten angezchtet, einschliesslich das Thier, das er in sich selber
birgt und frchtet: - Zarathustra heisst es `das innere Vieh`.

Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich, geistig -
heute, dnkt mich, heisst sie: Wissenschaft." -

Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine
Hhle zurckkam und die letzte Rede gehrt und errathen hatte, warf
dem Gewissenhaften eine Hand voll Rosen zu und lachte ob seiner
"Wahrheiten". "Wie! rief er, was hrte ich da eben? Wahrlich, mich
dnkt, du bist ein Narr oder ich selber bin's: und deine `Wahrheit`
stelle ich rucks und flugs auf den Kopf.

_Furcht_ nmlich - ist unsre Ausnahme. Muth aber und Abenteuer und
Lust am Ungewissen, am Ungewagten, - _Muth_ dnkt mich des Menschen
ganze Vorgeschichte.

Den wildesten muthigsten Thieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet
und abgeraubt: so erst wurde er - zum Menschen.

_Dieser_ Muth, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser
Menschen-Muth mit Adler-Flgeln und Schlangen-Klugheit: _der_, dnkt
mich, heisst heute -"

"Zarathustra"! schrien Alle, die beisammen sassen, wie aus Einem Munde
und machten dazu ein grosses Gelchter; es hob sich aber von ihnen wie
eine schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit:
"Wohlan! Er ist davon, mein bser Geist!

Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er
ein Betrger sei, ein Lug- und Truggeist?

Sonderlich nmlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann _ich_
fr seine Tcken! Habe _ich_ ihn und die Welt geschaffen?

Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra
bse blickt - seht ihn doch! er ist mir gram -:

- bevor die Nacht kommt, lernt er wieder, mich lieben und loben, er
kann nicht lange leben, ohne solche Thorheiten zu thun.

_Der_ - liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von
Allen, die ich sah. Aber er nimmt Rache dafr - an seinen Freunden!"

Also sprach der alte Zauberer, und die hheren Menschen zollten ihm
Beifall: so dass Zarathustra herumgieng und mit Bosheit und Liebe
seinen Freunden die Hnde schttelte, - gleichsam als Einer, der an
Allen Etwas gutzumachen und abzubitten hat. Als er aber dabei an die
Thr seiner Hhle kam, siehe, da gelstete ihn schon wieder nach der
guten Luft da draussen und nach seinen Thieren, - und er wollte hinaus
schlpfen.



Unter Tchtern der Wste

1.

"Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, welcher sich den Schatten
Zarathustra's nannte, bleibe bei uns, es mchte uns sonst die alte
dumpfe Trbsal wieder anfallen.

Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten,
und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Thrnen in den Augen und
hat sich ganz wieder auf's Meer der Schwermuth eingeschifft.

Diese Knige mgen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten
_Die_ nmlich von uns Allen heute am Besten! Htten sie aber keine
Zeugen, ich wette, auch bei ihnen fienge das bse Spiel wieder an -

- das bse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der
verhngten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,

- das bse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, oh
Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel
Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!

Du nhrtest uns mit starker Manns-Kost und krftigen Sprchen: lass es
nicht zu, dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister
wieder anfallen!

Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je
auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner Hhle?

Viele Lnder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prfen und
abschtzen: aber bei dir schmecken meine Nstern ihre grsste Lust!

Es sei denn, - es sei denn -, oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb
mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Tchtern der Wste
dichtete: -

- bei denen nmlich gab es gleich gute helle morgenlndische Luft;
dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermthigen
Alt-Europa!

Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mdchen und andres blaues
Himmelreich, ber dem keine Wolken und keine Gedanken hngen.

Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten,
tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebnderte
Rthsel, wie Nachtisch-Nsse -

bunt und fremd frwahr! aber ohne Wolken: Rthsel, die sich
rathen lassen: solchen Mdchen zu Liebe erdachte ich damals einen
Nachtisch-Psalm."

Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe Jemand ihm antwortete,
hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine
gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich: - mit den Nstern
aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie Einer, der in neuen
Lndern neue fremde Luft kostet. Darauf hob er mit einer Art Gebrll
zu singen an.


2.

Die Wste wchst: weh Dem, der Wsten birgt!

    - Ha! Feierlich!
    In der That feierlich!
    Ein wrdiger Anfang!
    Afrikanisch feierlich!
    Eines Lwen wrdig,
    Oder eines moralischen Brllaffen -
    - aber Nichts fr euch,
    Ihr allerliebsten Freundinnen,
    Zu deren Fssen mir
    Zum ersten Male,
    Einem Europer, unter Palmen
    Zu sitzen vergnnt ist. Sela.

    Wunderbar wahrlich!
    Da sitze ich nun,
    Der Wste nahe und bereits
    So fern wieder der Wste,
    Auch in Nichts noch verwstet:
    Nmlich hinabgeschluckt
    Von dieser kleinsten Oasis -:
    - sie sperrte gerade ghnend
    Ihr liebliches Maul auf.
    Das wohlriechendste aller Mulchen:
    Da fiel ich hinein,
    Hinab, hindurch - unter euch,
    Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.

    Heil, Heil jenem Wallfische,
    Wenn er also es seinem Gaste
    Wohl sein liess! - ihr versteht
    Meine gelehrte Anspielung?
    Heil seinem Bauche,
    Wenn er also
    Ein so lieblicher Oasis-Bauch war
    Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,
    - dafr komme ich aus Europa,
    Das zweifelschtiger ist als alle
    ltlichen Eheweibchen.
    Mge Gott es bessern!
    Amen!

    Da sitze ich nun,
    In dieser kleinsten Oasis,
    Einer Dattel gleich,
    Braun, durchssst, goldschwrig, lstern
    Nach einem runden Mdchenmunde,
    Mehr noch aber nach mdchenhaften
    Eiskalten schneeweissen schneidigen
    Beisszhnen: nach denen nmlich
    Lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.

    Den genannten Sdfrchten
    hnlich, allzuhnlich
    Liege ich hier, von kleinen
    Flgelkfern
    Umtnzelt und umspielt,
    Insgleichen von noch kleineren
    Thrichteren boshafteren
    Wnschen und Einfllen,
    Umlagert von euch,
    Ihr stummen, ihr ahnungsvollen
    Mdchen-Katzen,
    Dudu und Suleika,
    - _umsphinxt_, dass ich in Ein Wort
    Viel Gefhle stopfe:
    (Vergebe mir Gott
    Diese Sprach-Snde!)
    - sitze hier, die beste Luft schnffelnd,
    Paradieses-Luft wahrlich,
    Lichte leichte Luft, goldgestreifte,
    So gute Luft nur je
    Vom Monde herabfiel -
    Sei es aus Zufall,
    Oder geschah es aus bermuthe?
    Wie die alten Dichter erzhlen.
    Ich Zweifler aber ziehe es
    In Zweifel, dafr aber komme ich
    Aus Europa,
    Das zweifelschtiger ist als alle
    ltlichen Eheweibchen.
    Mge Gott es bessern!
    Amen!

    Diese schnste Luft trinkend,
    Mit Nstern geschwellt gleich Bechern,
    Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,
    So sitze ich hier, ihr
    Allerliebsten Freundinnen,
    Und sehe der Palme zu,
    Wie sie, einer Tnzerin gleich,
    Sich biegt und schmiegt und in der Hfte wiegt,
    - man thut es mit, sieht man lange zu!
    Einer Tnzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
    Zu lange schon, gefhrlich lange
    Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
    - da vergass sie darob, wie mir scheinen will,
    Das andre Bein?
    Vergebens wenigstens
    Suchte ich das vermisste
    Zwillings-Kleinod
    - nmlich das andre Bein -
    In der heiligen Nhe
    Ihres allerliebsten, allerzierlichsten
    Fcher- und Flatter- und Flitterrckchens.
    ja, wenn ihr mir, ihr schnen Freundinnen,
    Ganz glauben wollt:
    Sie hat es verloren!
    Es ist dahin!
    Auf ewig dahin!
    Das andre Bein!
    Oh schade um dieses liebliche andre Bein!
    Wo - mag es wohl weilen und verlassen trauern?
    Das einsame Bein?
    In Furcht vielleicht vor einem
    Grimmen gelben blondgelockten
    Lwen-Unthiere? Oder gar schon
    Abgenagt, abgeknabbert -
    Erbrmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.

    Oh weint mir nicht,
    Weiche Herzen!
    Weint mir nicht, ihr
    Dattel-Herzen! Milch-Busen!
    Ihr Sssholz-Herz-
    Beutelchen!
    Weine nicht mehr,
    Bleiche Dudu!
    Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!
    - Oder sollte vielleicht
    Etwas Strkendes, Herz-Strkendes,
    Hier am Platze sein?
    Ein gesalbter Spruch?
    Ein feierlicher Zuspruch? -

    Ha! Herauf, Wrde!
    Tugend-Wrde! Europer-Wrde!
    Blase, blase wieder,
    Blasebalg der Tugend!
    Ha!
    Noch Ein Mal brllen,
    Moralisch brllen!
    Als moralischer Lwe
    Vor den Tchtern der Wste brllen!
    - Denn Tugend-Geheul,
    Ihr allerliebsten Mdchen,
    Ist mehr als Alles
    Europer-Inbrunst, Europer-Heisshunger!
    Und da stehe ich schon,
    Als Europer,
    Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
    Amen!

Die Wste wchst: weh Dem, der Wsten birgt!



Die Erweckung

1.

Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Hhle mit Einem
Male voll Lrmens und Lachens; und da die versammelten Gste alle
zugleich redeten, und auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung,
nicht mehr still blieb, berkam Zarathustra ein kleiner Widerwille
und Spott gegen seinen Besuch: ob er sich gleich ihrer Frhlichkeit
erfreute. Denn sie dnkte ihm ein Zeichen der Genesung. So schlpfte
er hinaus in's Freie und sprach zu seinen Thieren.

"Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von
seinem kleinen berdrusse auf, - bei mir verlernten sie, wie mich
dnkt, das Nothschrein!

- wenn auch, leider, noch nicht das Schrein." Und Zarathustra hielt
sich die Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich
mit dem Jubel-Lrm dieser hheren Menschen.

"Sie sind lustig, begann er wieder, und wer weiss? vielleicht auf
ihres Wirthes Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch
nicht _mein_ Lachen, das sie lernten.

Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art,
sie lachen auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet
und wurden nicht unwirsch.

Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht,
_der_Geist_der_Schwere_, mein alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag
enden, der so schlimm und schwer begann!

Und enden _will_ er. Schon kommt der Abend: ber das Meer her reitet
er, der gute Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in
seinen purpurnen Stteln!

Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr
Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu
leben!"

Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelchter
der hheren Menschen aus der Hhle: da begann er von Neuem.

"Sie beissen an, mein Kder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der
Geist der Schwere. Schon lernen sie ber sich selber lachen: hre ich
recht?

Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich,
ich nhrte sie nicht mit Blh-Gemsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit
Eroberer-Kost: neue Begierden weckte ich.

Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich
aus. Sie finden neue Worte, bald wird ihr Geist Muthwillen athmen.

Solche Kost mag freilich nicht fr Kinder sein, noch auch fr
sehnschtige alte und junge Weibchen. Denen berredet man anders die
Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.

Der _Ekel_ weicht diesen hheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg.
In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham luft davon, sie
schtten sich aus.

Sie schtten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurck, sie
feiern und kuen wieder, - sie werden _dankbar_.

_Das_ nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange
noch, und sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten
Freuden auf.

Es sind _Genesende_!" Also sprach Zarathustra frhlich zu seinem
Herzen und schaute hinaus; seine Thiere aber drngten sich an ihn und
ehrten sein Glck und sein Stillschweigen.


2.

Pltzlich aber erschrak das Ohr Zarathustra's: die Hhle nmlich,
welche bisher voller Lrmens und Gelchters war, wurde mit Einem Male
todtenstill; - seine Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und
Weihrauch, wie von brennenden Pinien-Zapfen.

"Was geschieht? Was treiben sie?" fragte er sich und schlich zum
Eingange heran, dass er seinen Gsten, unvermerkt, zusehn knne. Aber,
Wunder ber Wunder! was musste er da mit seinen eignen Augen sehn!

"Sie sind Alle wieder _fromm_ geworden, sie _beten_, sie sind toll!"
- sprach er und verwundene sich ber die Maassen. Und, frwahr!, alle
diese hheren Menschen, die zwei Knige, der Papst ausser Dienst, der
schlimme Zauberer, der freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten,
der alte Wahrsager, der Gewissenhafte des Geistes und der hsslichste
Mensch: sie lagen Alle gleich Kindern und glubigen alten Weibchen auf
den Knien und beteten den Esel an. Und eben begann der hsslichste
Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas Unaussprechliches
aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu Worten gebracht
hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur Lobpreisung
des angebeteten und angerucherten Esels. Diese Litanei aber klang
also:

Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Strke sei
unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Er trgt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von
Herzen und redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der zchtigt
ihn.

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Er redet nicht: es sei denn, dass er zur Welt, die er Schuf, immer Ja
sagt: also preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht
redet: so bekommt er selten Unrecht.

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche
er seine Tugend hllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; Jedermann
aber glaubt an seine langen Ohren.

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Welche verborgene Weisheit ist das, dass er lange Ohren trgt und
allein ja und nimmer Nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach
seinem Bilde, nmlich so dumm als mglich?

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Du gehst gerade und krumme Wege; es kmmert dich wenig, was uns
Menschen gerade oder krumm dnkt. Jenseits von Gut und Bse ist dein
Reich. Es ist deine Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Siehe doch, wie du Niemanden von dir stssest, die Bettler nicht, noch
die Knige. Die Kindlein lssest du zu dir kommen, und wenn dich die
bsen Buben locken, so sprichst du einfltiglich I-A.

- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverchter.
Eine Distel kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin
liegt eines Gottes Weisheit.

- Der Esel aber schrie dazu I-A.



Das Eselsfest

1.

An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht lnger
bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang
mitten unter seine tollgewordenen Gste.

"Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die
Betenden vom Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zushe
als Zarathustra:

Jeder wrde urtheilen, ihr wret mit eurem neuen Glauben die rgsten
Gotteslsterer oder die thrichtsten aller alten Weiblein!

Und du selber, du alter Papst, wie stimmt Das mit dir selber zusammen,
dass du solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?" -

"Oh Zarathustra, antwortete der Papst, vergieb mir, aber in Dingen
Gottes bin ich aufgeklrter noch als du. Und so ist's billig.

Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner
Gestalt! Denke ber diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du errthst
geschwind, in solchem Spruch steckt Weisheit.

Der, welcher sprach `Gott ist ein Geist` - der machte bisher auf Erden
den grssten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf
Erden nicht leicht wieder gut zu machen!

Mein altes Herz springt und hpft darob, dass es auf Erden noch Etwas
anzubeten giebt. Vergieb das, oh Zarathustra, einem alten frommen
Papst-Herzen! -"

- "Und du, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, du nennst
und whnst dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Gtzen-
und Pfaffendienst?

Schlimmer, wahrlich, treibst du's hier noch als bei deinen schlimmen
braunen Mdchen, du schlimmer neuer Glubiger!"

"Schlimm genug, antwortete der Wanderer und Schatten, du hast Recht:
aber was kann ich dafr! Der alte Gott lebt wieder, Oh Zarathustra, du
magst reden, was du willst.

Der hsslichste Mensch ist an Allem schuld: der hat ihn wieder
auferweckt. Und wenn er sagt, dass er ihn einst getdtet habe: _Tod_
ist bei Gttern immer nur ein Vorurtheil."

- Und du, sprach Zarathustra, du schlimmer alter Zauberer, was thatest
du! Wer soll, in dieser freien Zeit, frderhin an dich glauben, wenn
_du_ an solche Gtter-Eseleien glaubst?

Es war eine Dummheit, was du thatest; wie konntest du, du Kluger, eine
solche Dummheit thun!

"Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war
eine Dummheit, - es ist mir auch schwer genug geworden."

- "Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes,
erwge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts
wider dein Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich fr diess Beten
und den Dunst dieser Betbrder?"

"Es ist Etwas daran, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger
an die Nase, es ist Etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen
sogar wohlthut.

Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass
Gott mir in dieser Gestalt noch am glaubwrdigsten dnkt.

Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frmmsten: wer so viel
Zeit hat, lsst sich Zeit. So langsam und so dumm als mglich: _damit_
kann ein Solcher es doch sehr weit bringen.

Und wer des Geistes zu viel hat, der mchte sich wohl in die Dumm-
und Narrheit selber vernarren. Denke ber dich selber nach, oh
Zarathustra!

Du selber - wahrlich! auch du knntest wohl aus berfluss und Weisheit
zu einem Esel werden.

Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krmmsten Wegen? Der
Augenschein lehrt es, oh Zarathustra, - _dein_ Augenschein!"

- "Und du selber zuletzt, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den
hsslichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu
dem Esel emporhebend (er gab ihm nmlich Wein zu trinken). Sprich, du
Unaussprechlicher, was hast du da gemacht!

Du dnkst mich verwandelt, dein Auge glht, der Mantel des Erhabenen
liegt um deine Hsslichkeit: _was_ thatest du?

Ist es denn wahr, was jene sagen, dass du ihn wieder auferwecktest?
Und wozu? War er nicht mit Grund abgetdtet und abgethan?

Du selber dnkst mich aufgeweckt: was thatest du? was kehrtest _du_
um? Was bekehrtest _du_ dich? Sprich, du Unaussprechlicher?"

"Oh Zarathustra, antwortete der hsslichste Mensch, du bist ein
Schelm!

Ob _Der_ noch lebt oder wieder lebt oder grndlich todt ist, - wer von
uns Beiden weiss Das am Besten? Ich frage dich.

Eins aber weiss ich, - von dir selber lernte ich's einst, oh
Zarathustra: wer am grndlichsten tdten will, der _lacht_.

`Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tdtet man` - so sprachst du
einst. Oh Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du
gefhrlicher Heiliger, - du bist ein Schelm!"


2.

Da aber geschah es, dass Zarathustra, verwundert ber lauter solche
Schelmen-Antworten, zur Thr seiner Hhle zurck sprang und, gegen
alle seine Gste gewendet, mit starker Stimme schrie:

"Oh ihr Schalks-Narren allesammt, ihr Possenreisser! Was verstellt und
versteckt ihr euch vor mir!

Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit,
darob, dass ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nmlich
fromm, -

- dass ihr endlich wieder thatet wie Kinder thun, nmlich betetet,
hnde-faltetet und `lieber Gott` sagtet!

Aber nun lasst mir _diese_ Kinderstube, meine eigne Hhle, wo heute
alle Kinderei zu Hause ist. Khlt hier draussen euren heissen
Kinder-bermuth und Herzenslrm ab!

Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in
_das_ Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den Hnden nach Oben.)

Aber wir wollen auch gar nicht in's Himmelreich: Mnner sind wir
worden, - so wollen wir das Erdenreich."


3.

Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. "Oh meine neuen Freunde,
sprach er, - ihr Wunderlichen, ihr hheren Menschen, wie gut gefallt
ihr mir nun, -

- seit ihr wieder frhlich wurdet! Ihr seid wahrlich Alle aufgeblht:
mich dnkt, solchen Blumen, wie ihr seid, thun _neue_Feste_ noth,

- ein kleiner tapferer Unsinn, irgend ein Gottesdienst und Eselsfest,
irgend ein alter frhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch
die Seelen hell blst.

Vergesst die Nacht und diess Eselsfest nicht, ihr hheren Menschen!
_Das_ erfandet ihr bei mir, Das nehme ich als gutes Wahrzeichen, -
Solcherlei erfinden nur Genesende!

Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut's euch zu Liebe,
thut's auch mir zu Liebe! Und zu _meinem_ Gedchtniss!"

Also sprach Zarathustra.



Das Nachtwandler-Lied

1.

Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in's Freie
und in die khle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber fhrte
den hsslichsten Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt
und den grossen runden Mond und die silbernen Wasserstrze bei seiner
Hhle zeige. Da standen sie endlich still bei einander, lauter alte
Leute, aber mit einem getrsteten tapferen Herzen und verwundert
bei sich, dass es ihnen auf Erden so wohl war; die Heimlichkeit der
Nacht aber kam ihnen nher und nher an's Herz. Und von Neuem dachte
Zarathustra bei sich: "oh wie gut sie mir nun gefallen, diese hheren
Menschen!" - aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glck und
ihr Stillschweigen. -

Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das
Erstaunlichste war: der hsslichste Mensch begann noch ein Mal und zum
letzten Mal zu gurgeln und zu schnauben, und als er es bis zu Worten
gebracht hatte, siehe, da sprang eine Frage rund und reinlich aus
seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage, welche Allen, die ihm
zuhrten, das Herz im Leibe bewegte.

"Meine Freunde insgesammt, sprach der hsslichste Mensch, was dnket
euch? Um dieses Tags Willen - _ich_ bin's zum ersten Male zufrieden,
dass ich das ganze Leben lebte.

Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich
auf der Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich
die Erde lieben.

`War _Das_ - das Leben?` will ich zum Tode sprechen. `Wohlan! Noch Ein
Mal!`

Meine Freunde, was dnket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode
sprechen: War Das - das Leben? Um Zarathustra's Willen, wohlan! Noch
Ein Mal!" - -

Also sprach der hsslichste Mensch; es war aber nicht lange vor
Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald
die hheren Menschen seine Frage hrten, wurden sie sich mit Einem
Male ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe
gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend,
liebkosend, ihm die Hnde kssend, so wie es der Art eines Jeden eigen
war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber
tanzte vor Vergngen; und wenn er auch, wie manche Erzhler meinen,
damals voll sssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des
sssen Lebens und hatte aller Mdigkeit abgesagt. Es giebt sogar
Solche, die erzhlen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst
nmlich habe ihm der hsslichste Mensch vorher Wein zu trinken
gegeben. Diess mag sich nun so verhalten oder auch anders; und wenn in
Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht getanzt hat, so geschahen doch
damals grssere und seltsamere Wunderdinge als es das Tanzen eines
Esels wre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra's lautet: "was liegt
daran!"


2.

Zarathustra aber, als sich diess mit dem hsslichsten Menschen zutrug,
stand da, wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte,
seine Fsse schwankten. Und wer mchte auch errathen, welche Gedanken
dabei ber Zarathustra's Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein
Geist zurck und floh voraus und war in weiten Fernen und gleichsam
"auf hohem Joche, wie geschrieben steht, zwischen zwei Meeren,

- zwischen Vergangenem und Zuknftigem als schwere Wolke wandelnd."
Allgemach aber, whrend ihn die hheren Menschen in den Armen hielten,
kam er ein Wenig zu sich selber zurck und wehrte mit den Hnden dem
Gedrnge der Verehrenden und Besorgten; doch sprach er nicht. Mit
Einem Male aber wandte er schnell den Kopf, denn er schien Etwas zu
hren: da legte er den Finger an den Mund und sprach: "Kommt!"

Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam
langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach,
gleich den hheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den
Finger an den Mund und sprach wiederum: "Kommt! Kommt! Es geht gen
Mitternacht!" - und seine Stimme hatte sich verwandelt. Aber immer
noch rhrte er sich nicht von der Stelle: da wurde es noch stiller
und heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und Zarathustra's
Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Hhle
Zarathustra's und der grosse khle Mond und die Nacht selber.
Zarathustra aber legte zum dritten Male die Hand an den Mund und
sprach:

Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst
uns in die Nacht wandeln!


3.

Ihr hheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas
in die Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in's Ohr sagt, -

- so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene
Mitternachts-Glocke zu mir es redet, die mehr erlebt hat als Ein
Mensch:

- welche schon eurer Vter Herzens-Schmerzens-Schlge abzhlte - ach!
ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe
Mitternacht!

Still! Still! Da hrt sich Manches, das am Tage nicht laut werden
darf; nun aber, bei khler Luft, da auch aller Lrm eurer Herzen
stille ward, -

- nun redet es, nun hrt es sich, nun schleicht es sich in nchtliche
berwache Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!

- hrst du's nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu _dir_
redet, die alte tiefe tiefe Mitternacht? Oh Mensch, gieb Acht!


4.

Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die
Welt schlft -

Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben,
sterben, als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.

Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich?
Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fllt, die Stunde kommt -

- die Stunde, wo mich frstelt und friert, die fragt und fragt und
fragt: "wer hat Herz genug dazu?

- wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: _so_ sollt ihr laufen,
ihr grossen und kleinen Strme!"

- die Stunde naht: oh Mensch, du hherer Mensch, gieb Acht! diese
Rede ist fr feine Ohren, fr deine Ohren was spricht die tiefe
Mitternacht?


5.

Es trgt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll
der Erde Herr sein?

Der Mond ist khl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch
genug? Ihr tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flgel.

Ihr guten Tnzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder
Becher ward mrbe, die Grber stammeln.

Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Grber "erlst doch die
Todten! Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?"

Ihr hheren Menschen, erlst doch die Grber, weckt die Leichname auf!
Ach, was grbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, -

- es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es grbt noch der
Holzwurm, der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!


6.

Ssse Leier! Ssse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen
Unken-Ton! - wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her,
von den Teichen der Liebe!

Du alte Glocke, du ssse Leier! Jeder Schmerz riss dir in's Herz,
Vaterschmerz, Vterschmerz, Urvterschmerz, deine Rede wurde reif,-

- reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem
Einsiedlerherzen - nun redest du: die Welt selber ward reif, die
Traube brunt,

- nun will sie sterben, vor Glck sterben. Ihr hheren Menschen,
riecht ihr's nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,

- ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger, brauner
Gold-Wein-Geruch von altem Glcke,

von trunkenem Mitternachts-Sterbeglcke, welches singt: die Welt ist
tief und tiefer als der Tag gedacht!


7.

Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein fr dich. Rhre mich nicht an!
Ward meine Welt nicht eben vollkommen?

Meine Haut ist zu rein fr deine Hnde. Lass mich, du dummer
tlpischer dumpfer Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?

Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten,
Strksten, die Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als
jeder Tag.

Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glcke? Ich bin dir
reich, einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?

Oh Welt, du willst _mich_? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir
geistlich? Bin ich dir gttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu
plump, -

- habt klgere Hnde, greift nach tieferem Glcke, nach tieferem
Unglcke, greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:

- mein Unglck, mein Glck ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch
bin ich kein Gott, keine Gottes-Hlle: tief ist ihr Weh.


8.

Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh,
nicht nach mir! Was bin ich! Eine trunkene ssse Leier, -

eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht,
aber welche reden _muss_, vor Tauben, ihr hheren Menschen! Denn ihr
versteht mich nicht!

Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und
Nacht und Mitternacht, - der Hund heult, der Wind:

- ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er klfft, er heult. Ach!
Ach! wie sie seufzt! wie sie lacht, wie sie rchelt und keucht, die
Mitternacht!

Wie sie eben nchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie bertrat
wohl ihre Trunkenheit? sie wurde berwach? sie kut zurck?

- ihr Weh kut sie zurck, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und
mehr noch ihre Lust. Lust nmlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist
tiefer noch als Herzeleid.


9.

Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin
grausam, du blutest -: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?

"Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!" so redest du.
Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will
leben: wehe!

Weh spricht: "Vergeh! Weg, du Wehe!" Aber Alles, was leidet, will
leben, dass es reif werde und lustig und sehnschtig,

- sehnschtig nach Fernerem, Hherem, Hellerem. "Ich will Erben, so
spricht Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht _mich_," -

Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, - Lust will sich selber,
will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.

Weh spricht: "Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flgel, flieg! Hinan!
Hinauf! Schmerz!" Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht:
"vergeh!"


10.

Ihr hheren Menschen, was dnket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein
Trumender? Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?

Ein Tropfen Thau's? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hrt ihr's nicht?
Riecht ihr's nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist
auch Mittag, -

Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch
eine Sonne, - geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.

Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet
ihr Ja auch zu _allem_ Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfdelt,
verliebt, -

- wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals "du gefllst
mir, Glck! Husch! Augenblick!" so wolltet ihr _Alles_ zurck!

- Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfdelt, verliebt,
oh so _liebtet_ ihr die Welt, -

- ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht
ihr: vergeh, aber komm zurck! Denn alle Lust will - Ewigkeit!


11.

Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will
trunkene Mitternacht, will Grber, will Grber-Thrnen-Trost, will
vergldetes Abendroth -

- _was_ will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger,
schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will _sich_, sie beisst
in _sich_, des Ringes Wille ringt in ihr, -

- sie will Liebe, sie will Hass, sie ist berreich, schenkt, wirft
weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie mchte
gern gehasst sein, -

- so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hlle, nach
Hass, nach Schmach, nach dem Krppel, nach _Welt_, - denn diese Welt,
oh ihr kennt sie ja!

Ihr hheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die
unbndige, selige, - nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach
Missrathenem sehnt sich alle ewige Lust.

Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh
Glck, oh Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr hheren Menschen, lernt es
doch, Lust will Ewigkeit,

- Lust will _aller_ Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!


12.

Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan!
Wohlauf! Ihr hheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!

Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist "Noch ein Mal", dess Sinn
ist "in alle Ewigkeit!", singt, ihr hheren Menschen, Zarathustra's
Rundgesang!

    Oh Mensch! Gieb Acht!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
    "Ich schlief, ich schlief -,
    Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
    Die Welt ist tief,
    Und tiefer als der Tag gedacht.
    Tief ist ihr Weh -,
    Lust - tiefer noch als Herzeleid:
    Weh spricht: Vergeh!
    Doch alle Lust will Ewigkeit
    will tiefe, tiefe Ewigkeit!"



Das Zeichen

Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager
auf, grtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Hhle, glhend
und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.

"Du grosses Gestirn, sprach er, wie er einstmal gesprochen hatte,
du tiefes Glcks-Auge, was wre all dein Glck, wenn du nicht _Die_
httest, welchen du leuchtest!

Und wenn sie in ihren Kammern blieben, whrend du schon wach bist und
kommst und schenkst und austheilst: wie wrde darob deine stolze Scham
zrnen!

Wohlan! sie schlafen noch, diese hheren Menschen, whrend _ich_ wach
bin: _das_ sind nicht meine rechten Gefhrten! Nicht auf sie warte ich
hier in meinen Bergen.

Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie verstehen nicht,
was die Zeichen meines Morgens sind, mein Schritt - ist fr sie kein
Weckruf.

Sie schlafen noch in meiner Hhle, ihr Traum kut noch an meinen
Mitternchten. Das Ohr, das nach _mir_ horcht, - das _gehorchende_ Ohr
fehlt in ihren Gliedern."

- Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne
aufgieng: da blickte er fragend in die Hhe, denn er hrte ber sich
den scharfen Ruf seines Adlers. "Wohlan! rief er hinauf, so gefllt
und gebhrt es mir. Meine Thiere sind wach, denn ich bin wach.

Mein Adler ist wach und ehrt gleich mir die Sonne. Mit Adlers-Klauen
greift er nach dem neuen Lichte. Ihr seid meine rechten Thiere; ich
liebe euch.

Aber noch fehlen mir meine rechten Menschen!" -

Also sprach Zarathustra; da aber geschah es, dass er sich pltzlich
wie von unzhligen Vgeln umschwrmt und umflattert hrte, - das
Geschwirr so vieler Flgel aber und das Gedrng um sein Haupt war so
gross, dass er die Augen schloss. Und wahrlich, einer Wolke gleich
fiel es ber ihn her, einer Wolke von Pfeilen gleich, welche sich ber
einen neuen Feind ausschttet. Aber siehe, hier war es eine Wolke der
Liebe, und ber einen neuen Freund.

"Was geschieht mir?" dachte Zarathustra in seinem erstaunten Herzen
und liess sich langsam auf dem grossen Steine nieder, der neben dem
Ausgange seiner Hhle lag. Aber, indem er mit den Hnden um sich und
ber sich und unter sich griff, und den zrtlichen Vgeln wehrte,
siehe, da geschah ihm etwas noch Seltsameres: er griff nmlich dabei
unvermerkt in ein dichtes warmes Haar-Gezottel hinein; zugleich aber
erscholl vor ihm ein Gebrll, - ein sanftes langes Lwen-Brllen.

"Das Zeichen kommt," sprach Zarathustra und sein Herz verwandelte
sich. Und in Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein
gelbes mchtiges Gethier zu Fssen und schmiegte das Haupt an seine
Knie und wollte nicht von ihm lassen vor Liebe und that einem Hunde
gleich, welcher seinen alten Herrn wiederfindet. Die Tauben aber waren
mit ihrer Liebe nicht minder eifrig als der Lwe; und jedes Mal, wenn
eine Taube ber die Nase des Lwen huschte, schttelte der Lwe das
Haupt und wunderte sich und lachte dazu.

Zu dem Allen sprach Zarathustra nur Ein Wort: "meine Kinder sind nahe,
meine Kinder" -, dann wurde er ganz stumm. Sein Herz aber war gelst,
und aus seinen Augen tropften Thrnen herab und fielen auf seine
Hnde. Und er achtete keines Dings mehr und sass da, unbeweglich und
ohne dass er sich noch gegen die Thiere wehrte. Da flogen die Tauben
ab und zu und setzten sich ihm auf die Schulter und liebkosten sein
weisses Haar und wurden nicht mde mit Zrtlichkeit und Frohlocken.
Der starke Lwe aber leckte immer die Thrnen, welche auf die Hnde
Zarathustra's herabfielen und brllte und brummte schchtern dazu.
Also trieben es diese Thiere. -

Diess Alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze Zeit: denn, recht
gesprochen, giebt es fr dergleichen Dinge auf Erden _keine_ Zeit -.
Inzwischen aber waren die hheren Menschen in der Hhle Zarathustra's
wach geworden und ordneten sich mit einander zu einem Zuge an, dass
sie Zarathustra entgegen giengen und ihm den Morgengruss bten: denn
sie hatten gefunden, als sie erwachten, dass er schon nicht mehr unter
ihnen weilte. Als sie aber zur Thr der Hhle gelangten, und das
Gerusch ihrer Schritte ihnen voranlief, da stutzte der Lwe gewaltig,
kehrte sich mit Einem Male von Zarathustra ab und sprang, wild
brllend, auf die Hhle los; die hheren Menschen aber, als sie ihn
brllen hrten, schrien alle auf, wie mit Einem Munde, und flohen
zurck und waren im Nu verschwunden.

Zarathustra selber aber, betubt und fremd, erhob sich von seinem
Sitze, sah um sich, stand staunend da, fragte sein Herz, besann sich
und war allein. "Was hrte ich doch? sprach er endlich langsam, was
geschah mir eben?"

Und schon kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit Einem Blicke
Alles, was zwischen Gestern und Heute sich begeben hatte. "Hier ist
ja der Stein, sprach er und strich sich den Bart, auf _dem_ sass ich
gestern am Morgen; und hier trat der Wahrsager zu mir, und hier hrte
ich zuerst den Schrei, den ich eben hrte, den grossen Nothschrei.

Oh ihr hheren Menschen, von _eurer_ Noth war's ja, dass gestern am
Morgen jener alte Wahrsager mir wahrsagte, -

- zu eurer Noth wollte er mich verfuhren und versuchen: oh
Zarathustra, sprach er zu mir, ich komme, dass ich dich zu deiner
letzten Snde verfhre.

Zu meiner letzten Snde? rief Zarathustra und lachte zornig ber sein
eigenes Wort: _was_ blieb mir doch aufgespart als meine letzte Snde?"

- Und noch ein Mal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder
auf den grossen Stein nieder und sann nach. Pltzlich sprang er
empor, -

"Mitleiden! Das Mitleiden mit dem hheren Menschen! schrie er auf,
und sein Antlitz verwandelte sich in Erz. Wohlan! _Das_ - hatte seine
Zeit!

Mein Leid und mein Mitleiden - was liegt daran! Trachte ich denn nach
_Glcke_? Ich trachte nach meinem _Werke_!

Wohlan! Der Lwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif,
meine Stunde kam: -

Dies ist _mein_ Morgen, _mein_ Tag hebt an: herauf nun, herauf, du
grosser Mittag!" - -

Also sprach Zarathustra und verliess seine Hhle, glhend und stark,
wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.








End of the Project Gutenberg EBook of Also Sprach Zarathustra, by 
Friedrich Wilhelm Nietzsche

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALSO SPRACH ZARATHUSTRA ***

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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