The Project Gutenberg EBook of Romeo und Juliette, by William Shakespeare
#16 in our series by William Shakespeare

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Title: Romeo und Juliette

Author: William Shakespeare

Release Date: January, 2005 [EBook #7232]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on March 29, 2003]

Edition: 10a

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMEO UND JULIETTE ***




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Romeo und Juliette.

William Shakespeare

Ein Trauerspiel.

bersetzt von Christoph Martin Wieland


Personen.

Escalus, Frst von Verona.
Paris, ein junger Cavalier, dem Frsten verwandt, und Juliettens
Liebhaber.
Montague und Capulet, die Hupter von zween edlen Geschlechtern,
die in Feindschaft mit einander stehen.
Romeo, Montaguens Sohn.
Mercutio, ein Verwandter des Frsten, und Romeos Freund.
Benvolio, Vetter und Freund des Romeo.
Tybalt, Neffe des Capulet.
Bruder Lorenz und Bruder Johann, Mnche.
Balthasar, Bedienter von Romeo.
Ein Edelknabe des Paris.
Sampson und) Gregorio(, Capulets Bediente.
Abraham, ein Bedienter von Montague.
Ein Apotheker.
Simon Kazen-Darm, Hug Leyermann und Samuel Windlade, Musicanten.
Peter, der Amme Diener.
Lady Montague.
Lady Capulet.
Julietta, Capulets Tochter.
Die Amme derselben.
Brger von Verona, Masken, Trabanten, Wache, und andre stumme
Personen.

Die Scene ist im Anfang des fnften Aufzugs in Mantua, und sonst
immer in Verona.




Erster Aufzug.



Erste Scene.
(Eine Strasse in Verona.)
(Sampson und Gregorio, zween Bediente der Capulets, treten mit
 Schwerdtern und Schilden bewaffnet auf, und ermuntern einander sich
 tapfer gegen die Montgues zu halten; ihre ganze Unterredung ist
 ein Gewebe von Wortspielen, Doppelsinn und Zoten.)
(Abraham und Balthasar zu den Vorigen.)


Gregorio (zu Sampson.)
Zieh vom Leder, hier kommen ein Paar von den Montgischen--

Sampson.
Meine Fuchtel ist heraus; fang nur Hndel an, ich will dir den Weg
weisen--

Gregorio.
So?  Willt du davon lauffen?

Sampson.
Sey ohne Sorge, ich will stehen wie eine Mauer; aber es ist doch
das Sicherste, wenn wir das Gesez auf unsrer Seite haben; wir
wollen sie anfangen lassen.

Gregorio.
Ich will die Nase rmpfen, indem ich bey ihnen vorbeygehe; sie
mgen's dann aufnehmen, wie sie es verstehen.

Sampson.
Oder wie sie das Herz dazu haben.  Ich will meinen Daumen gegen sie
beissen, welches eine Beschimpfung fr sie ist, wenn sie's leiden.

Abraham.
Beit ihr euern Daumen gegen uns, Herr?

Sampson.
Ich beisse meinen Daumen, Herr.

Abraham.
Beit ihr euern Daumen gegen uns, Herr?

Sampson (zu Gregorio leise.)
Ist das Gesez auf unsrer Seite, wenn ich sage, ja?

Gregorio.
Nein.

Sampson (laut.)
Nein, Herr, ich beisse meinen Daumen nicht gegen euch, Herr: Aber
ich beisse doch meinen Daumen, Herr.

Gregorio.
Sucht ihr Hndel, Herr?

Abraham.
Hndel, Herr?  Nein, Herr.

Sampson.
Wenn ihr's thut, Herr, so bin ich auch da, ich diene einem so
brafen Mann als ihr.

Abraham.
Keinem bessern.

Sampson.
Gut, Herr.  (Benvolio zu den Vorigen.)

Gregorio (zu Sampson leise.)
Sag, einem bessern: Hier kommt einer von unsers Herrn Neffen.

Sampson (laut.)
Ja, einem bessern, Herr.

Abraham.
Ihr lgt.

Sampson.
Zieht, wenn ihr Mnner seyd--Gregorio, das war eine Ohrfeige, die
du nicht einsteken must--


Benvolio.
Aus einander, ihr Narren, stekt eure Degen ein, ihr wit nicht was
ihr thut.  (Tybalt zu den Vorigen.)

Tybalt.
Wie, du ziehst deinen Degen gegen diese verzagten Hasen?  Kehre dich
um, Benvolio, und sieh deinen Tod an.

Benvolio.
Ich mache nur Frieden; stek deinen Degen ein, oder brauch' ihn, mir
Friede unter diesen Leuten machen zu helfen.

Tybalt.
Wie, mit gezogenem Degen von Frieden schwazen?  Ich hasse diess Wort
wie die Hlle, wie alle Montgues und dich--wehr dich, H**

(Sie fechten.)

(Drey oder vier Brger mit Knitteln treten auf.)

Ein Brger.
Knittel, Spiesse, Hellebarden her!  Schlagt zu!  Schlagt sie nieder!
Zu Boden mit den Capulets!  Zu Boden mit den Montgues!  (Der alte
Capulet in einem Schlafrok, und Lady Capulet.)

Capulet.
Was fr ein Lerm ist das?  Gebt mir meinen langen Degen, he!

Lady Capulet.
Eine Krke, eine Krke--was wollt ihr mit einem Degen machen?

Capulet.
Meinen Degen, sag ich; da kommt der alte Montague, und fuchtelt mir
mit seiner Klinge unter die Nase--

(Der alte Montague, und Lady Montague.)

Montague.
Du nichtswrdiger Capulet--Halt mich nicht, la mich gehn!

Lady Montague.
Du sollt mir keinen Fu rhren, um einen Feind zu suchen.

(Der Frst von Verona mit seinem Gefolge tritt auf, erzrnt sich
gewaltig ber diesen Unfug, wirft den beyden Alten vor, da sie
ihrer Familien-Feindschaft wegen Verona schon dreymal in Aufruhr
gesezt, verbietet ihnen bey Todes-Straffe die Strassen nicht mehr
zu beunruhigen, und tritt, nachdem er sie geschieden, wieder ab.)



Zweyte Scene.
(Der alte Montague, Lady Montague, und Benvolio bleiben zurk.)


Lady.
Wer brachte diesen alten Handel wieder in Bewegung?  Redet, Neffe,
war't ihr dabey, wie er angieng?

Benvolio.
Hier fand ich die Bedienten euers Gegentheils, und die eurigen, die
sich mit einander herumschlugen, wie ich kam; ich brachte sie aus
einander: In dem nemlichen Augenblik kam der feurige Tybalt mit
gezognem Degen, den er unter drohenden Herausforderungen ber
meinem Kopf schwang, und damit auf die Winde zuhieb, die so wenig
nach seinen Streichen fragten, da sie ihn noch dazu auszischten.
Wie wir nun an einander waren, so kamen immer mehr Leute, und
fochten zu beyden Seiten, bis der Frst kam, und uns aus einander
sezte.

Lady.
O wo ist Romeo?  Habt ihr ihn heute nie gesehen?  Ich bin recht froh,
da er nicht bey dieser Schlgerey war.

Benvolio.
Madam, eine Stunde eh die* Sonne aufgieng, trieb mich ein
beunruhigtes Gemth aufzustehen, und vor die Stadt hinaus zu gehen;
und da traf ich auf der West-Seite der Stadt euern Sohn einsam
unter einem Gang von Egyptischen Feigen-Bumen an.  Ich gieng auf
ihn zu; aber kaum ward er mich gewahr, so schlich er sich in das
dichteste Gehlze.  Ich urtheilte von seiner Gemths-Beschaffenheit
nach der meinigen, (denn wir sind innerlich nie mehr beschftigst,
als wenn wir die Einsamkeit suchen,) und anstatt ihm nachzugehen,
gieng ich meinen Gedanken nach, und war so vergngt, da er mich
ausgewichen hatte, als er selbst.

{ed.-* Im Original: "Eh die angebetete Sonne sich durch das goldne
Fenster des Osten sehen lie." Es ist nichts leichters, als durch
eine allzuwrtliche bersezung den Shakespear lcherlich zu machen,
wie der Herr von Voltaire neulich mit einer Scene aus dem Hamlet
eine Probe gemacht, die wir an gehrigem Ort ein wenig nher
untersuchen wollen.  Inde erzrnt sich doch Herr Freron zu sehr
ber diese und andre Alters-Schwachheiten des Autors der Zayre.  Er
mag seine Ursachen dazu haben; aber die Welt urtheilt mit klterm
Blute; wenigstens werden die Briten, welche sehr wol wissen warum
sie auf ihren Shakespear stolz sind, es dem franzsischen Poeten
sehr leicht zu gut halten knnen, da er (in einem Alter, wo er
sich nicht mehr stark genug fhlt, sich mit der Beute die er ihrem
Shakespear abgenommen zu brsten) seine Freude daran hatte, durch
eine Schulknaben-mige Nachffung den Narren mit ihm zu spielen,
und dadurch dem Publico wenigstens eben so viel Spa zu machen, als
er selbst von einer so kindischen Kurzweil nur immer haben kann.}

Montague.
Schon manchen Morgen ist er dort gesehen worden, wie er den
frischen Morgenthau mit seinen Thrnen, und die Morgen-Wolken mit
tieffen Seufzern vermehrte; aber kaum fngt die alles erfreuende
Sonne an, im fernsten Osten die Vorhnge von Aurorens Bette
wegzuziehen, so schleicht sich der schwermthige Jngling vom Licht
nach Hause und kerkert sich in sein Zimmer ein, versperrt seine
Fenster, schliet das schne Tageslicht hinaus, und macht sich
selbst eine erknstelte Nacht.  Er mu nothwendig in einen schwarzen
und Unglk-brtenden Humor verfallen wenn nicht bey Zeiten darauf
gedacht wird, die Ursache des bels wegzurumen.

Benvolio.
Mein edler Oheim, kennt ihr die Ursache?

Montague.
Ich kenne sie nicht, und kan sie auch nicht aus ihm herausbringen.

Benvolio.
Habt ihr schon in ihn gedrungen?

Montague.
Durch euch selbst und durch viele andre Freunde, aber vergebens;
seines eignen Herzens geheimer Rathgeber, ist er gegen sich selbst,
ich will nicht sagen so getreu, aber doch so geheim und
verschwiegen, so entfernt sich selbst zu verrathen, oder nur einer
Muthmassung Grund zu geben, als eine Blumen-Knospe, die von einem
inwendig verborgnen Wurm gebissen worden, eh sie ihre zarten
Schwingen an der Luft ausspreiten, und ihre Schnheit der Sonne
wiedmen konnte.  Knnt' ich nur erfahren, woher sein Kummer
entspringt, es sollte ihm augenbliklich abgeholfen werden.  (Romeo
tritt auf.)

Benvolio.
Hier kommt er selbst; wenn's euch beliebt, so gehet bey Seite; ich
will sein Geheimni ausfndig machen, oder ich mte mich sehr
betrgen.

Montague.
Ich wnsche, da du so glklich seyn mgest--Kommt Madam, wir
wollen gehen.

(Sie gehen ab.)

Benvolio.
Guten Morgen, Vetter.

Romeo.
Ist der Tag noch so jung?

Benvolio.
Es hat eben neune geschlagen.

Romeo.
Weh mir!  Wie lang scheinen uns Kummer-volle Stunden!  War das mein
Vater, der so eilfertig sich entfernte?

Benvolio.
Er war's; aber was fr ein Kummer verlngert Romeo's Stunden?

Romeo.
Der Kummer, das nicht zu haben, was sie verkrzen wrde.

Benvolio.
Seyd ihr verliebt?

Romeo.
Ohne Hoffnung wieder geliebt zu werden.

Benvolio.
Wie Schade, da die Liebe, die von Ferne so reizend anzusehen ist,
so grausam und tyrannisch seyn soll, so bald sie uns erreicht!

Romeo.
Wie Schade, da die Liebe, mit verbundnen Augen, Pfade zu ihrem
Unglk sehen soll!--Wo werden wir zu Mittag essen?--Weh mir!--Was
fr ein Tumult war vorhin?--Doch sagt mir nichts davon, ich hab
alles schon gehrt.  Der Ha macht hier viel zu thun, aber die Liebe
noch mehr: Wie dann, o mihellige Liebe!  o liebender Ha!  O
unwesentliches Etwas, und wrkliches Nichts!  So leicht und doch zu
Boden drkend!  So ernsthaft und doch Tand!  Du ungestaltes Chaos von
reizenden Phantomen!  Bleyerne Feder, glnzender Rauch, kaltes Feuer,
kranke Gesundheit, immer-wachender Schlaf--o!  du wunderbares
Gemisch von Seyn und Nichtseyn!--Das ist die Liebe die ich fhle,
ohne in dem was ich fhle die Liebe zu erkennen--Lachst du nicht?

Benvolio.
Nein, Vetter, ich mchte lieber weinen.

Romeo.
Du gutes Herz!  Worber?

Benvolio.
Dein gutes Herz so beklemmt zu sehen.

Romeo.
Du vermehrest meinen Kummer durch den deinigen, anstatt ihn zu
erleichtern.**--Liebe ist ein Rauch, der vom Hauch der Seufzer
erregt wird, aber gereinigt ein Feuer das in der Liebenden Augen
schimmert--Unglkliche Liebe ist eine See, die mit den Thrnen der
Liebenden genhrt wird; was ist sie noch mehr?  Eine vernnftige
Tollheit, eine erstikende Galle, eine erquikende Herzstrkung--Lebt
wohl, Vetter.

{ed.-** Es ist ein Unglk fr dieses Stk, welches sonst so viele
Schnheiten hat, da ein grosser Theil davon in Reimen geschrieben
ist.  Niemals hat sich ein poetischer Genie in diesen Fesseln
weniger zu helfen gewut als Shakespear; seine gereimten Verse sind
meistens hart, gezwungen und dunkel; der Reim macht ihn immer etwas
anders sagen als er will, oder nthigt ihn doch, seine Ideen bel
auszudrken.  Die Feinde des Reims werden dieses vielleicht als eine
neue Instanz anziehen, um diese vergebliche Fesseln des Genie den
Liebhabern und Lesern so verhat zu machen, als sie ihnen sind.
Aber warum hat z.  Ex.  Pope die schnsten Gedanken, die
schimmerndste Einbildungskraft, den feinsten Wiz, den freyesten
Schwung, den lebhaftesten Ausdruk, die grste Anmuth, Zierlichkeit,
Correction, und ber alles dieses, den hchsten Grad der
musicalischen Harmonie, deren die Poesie in seiner Sprache fhig
ist, in seinen Gedichten mit dem Reim durchaus zu verbinden gewut?
Die Reime knnen vermuthlich nichts dazu, wenn sie fr einige
Dichter schwere Ketten mit Fu-Eisen sind; fr einen Prior oder
Chaulieu sind sie Blumen-Ketten, womit die Grazien selbst sie
umwunden zu haben scheinen, und in denen sie so leicht und frey
herumflattern als die Scherze und Liebes-Gtter, ihre bestndigen
Gefehrten.  Shakespears Genie war zu feurig und ungestm, und er
nahm sich zu wenig Zeit und Mhe seine Verse auszuarbeiten; das ist
die wahre Ursache, warum ihn der Reim so sehr verstellt, und seinen
bersezer so oft zur Verzweiflung bringt.}

(Er will gehen.)

Benvolio.
Sachte, ich will mitgehen.  Ihr beleidigt meine Freundschaft, wenn
ihr mich auf eine solche Art verlat.

Romeo.
Still!  Ich habe mich selbst verlohren, ich bin nicht hier; das ist
nicht Romeo, er ist sonst irgendwo.

Benvolio.
--*** Aber wer ist dann die Person, die du liebst?

{ed.-*** Hier haben etliche (Non-Sensicalische) Zeilen ausgelassen
werden mssen.}

Romeo.
Ich will dir's sagen, Vetter; ich liebe--ein Weibsbild.

Benvolio.
Das errieth ich, sobald ich merkte, da ihr verliebt wret.

Romeo.
Du hast eine vortreffliche Gabe zum Errathen--und sie ist schn,
die ich liebe.

Benvolio.
Ein schnes Ziel ist desto leichter zu treffen.

Romeo.
Aber sie wird von Cupido's Pfeile nicht getroffen werden; sie hat
Dianens Sprdigkeit, und lebt in der wolgesthlten Rstung ihrer
Keuschheit sicher vor Amors kindischem Bogen.  Sie sezt sich keinen
nachstellenden Bliken aus, sie ffnet ihr Ohr keinen Liebes-
Erklrungen, noch ihren Schoo dem Golde, das sonst oft die
Heiligen selbst verfhrt.  O!  Sie ist reich an Schnheit, und allein
darinn arm, da der ganze Schaz der Schnheit, in ihr versammelt,
sterblich ist.

Benvolio.
Hat sie denn geschworen, da sie in ewiger Jungfrauschaft leben
will?

Romeo.
Sie hat, und macht sich durch diese Sparsamkeit einer ungeheuren
Verschwendung schuldig.  Denn Schnheit, die durch ihre eigne
Strenge umkommt, vernichtet auf einmal die Schnheit einer ganzen
Nachkommenschaft.  Sie ist zu weise um so schn, oder zu schn um so
weise zu seyn; und es ist grausam an ihr, den Himmel damit
verdienen zu wollen, da sie mich zur Verzweiflung treibt--


Benvolio.
Lat euch einen guten Rath geben, und verget, an sie zu denken.

Romeo.
O lehre mich erst, wie ich vergessen kan, mich meiner selbst zu
erinnern.

Benvolio.
Gieb deinen Augen ihre Freyheit wieder; lenke deine Aufmerksamkeit
auf andre Schnheiten.

Romeo.
Das wre das Mittel, alle Augenblike an den Vorzug der ihrigen
erinnert zu werden.  Diese glklichen Schleyer, die die Stirne
schner Damen kssen, erheben durch ihre Schwrze, die Schnheit,
so sie verbergen.  Wer durch einen Unfall blind worden ist, kan
nicht vergessen, was fr einen kostbaren Schaz er mit seinem
Gesicht verlohren hat.  Zeigt mir ein Frauenzimmer, das unter
tausenden die schnste ist; wozu kan mir ihre Schnheit dienen, als
zu einem Spiegel, worinn ich diejenige erblike, die noch schner
als die schnste ist?  Lebe wohl, und gieb' es auf, mich sie
vergessen zu lehren.

Benvolio.
Ich will diesen Unterricht bezahlen, oder als Schuldner sterben.

(Sie gehen ab.)



Dritte Scene.
(Capulet, Paris, und ein Bedienter treten auf.)


Capulet.
Montague ist so gut gebunden als ich; er hat die nemliche Straffe
zu befrchten; und fr alte Leute wie wir sind, sollt' es nicht
schwer seyn, Frieden zu halten.

Paris.
Ihr seyd beyde rechtschaffne Mnner, und es ist recht zu bedauren,
da ihr so lang in Mihelligkeit gelebt habt--Aber nun, gndiger
Herr, was sagt ihr zu meiner Anwerbung?

Capulet.
Ich kann euch nichts anders sagen, als was ich schon gesagt habe:
Mein Kind ist noch ein neu angekommener Fremdling in der Welt, sie
hat noch nicht vierzehn Jahre gesehen; lat wenigstens noch zween
Sommer verblhen, eh wir denken knnen, da sie zum Braut-Stande
reif sey.

Paris.
Jngere als sie, sind schon glkliche Mtter geworden.

Capulet.
Und verderben auch desto frher, je frhzeitigere Frchte von ihnen
erzwungen werden.  Die Erde hat alle meine andern Hoffnungen
verschlungen; ich habe kein Kind als sie; sie ist das einzige
Vergngen meines Alters, inde bewirb dich bey ihr selbst um sie,
mein lieber Paris, such ihr Herz zu gewinnen; wenn du ihren Beyfall
hast, so hast du meine Einwilligung.  Diese Nacht geb' ich, einer
alten Gewohnheit nach, ein Gastmahl, wozu ich viele werthe Freunde
eingeladen habe: Vermehret ihre Anzahl, unter allen soll mir keiner
willkommner seyn.  Ihr werdet diese Nacht in meinem armen Haus
irdische Sterne sehen, welche die himmlischen selbst verdunkeln
knnen.* Ihr werdet mit dem Vergngen, das muntre junge Leute
fhlen wenn der schmuke April den hinkenden Winter vor sich
hertreibt, unter einem Frhling voll neu entfalteter Mdchen-
Knospen wandeln; betrachtet sie alle, hret alle, und lat euch
diejenige am besten gefallen, die es am meisten verdient; ihr
werdet so viele liebenswrdigere finden, da die meinige sich
unbemerkt in der Menge verliehren wird.  Kommt, geht mit mir--Du,
Bursche, geh, trotte ganz Verona durch, und lade die Personen zu
mir ein, deren Namen auf diesem Zettel stehen--

{ed.-* Hr.  Warbrton ist der Welt als ein grosser Criticus bekannt, und
es ist gewi, da wir seiner Scharfsinnigkeit viele Verbesserungen
unsers durch die Schauspieler so bel zugerichteten Autors zu
danken haben.  Dem ungeachtet, scheint er zuweilen in den fast
allgemeinen Fehler der Verbal-Critiker zu fallen, und mit dem
Shakespear nicht viel besser zu verfahren, als der gelehrte Bentley
mit dem Horaz.  Hier ist ein Beyspiel davon, das wir zur Probe
anfhren wollen, ob es gleich sonst desto unnthiger ist, die Leser
mit critischen Noten zu behelligen, da selbige die Kenntni der
Englischen Sprache voraussezen, und diese bersezung nur fr
diejenige gemacht ist, die das Original nicht lesen knnen.
Warbrton nennt den Vers: (Earthtreading stars that make dark
heaven's Light), Unsinn, und will da man lesen soll: (That make
dark Even light)--Eine Verbesserung im echten Bentleyischen
Geschmak!  Die Verbesserung ist wahrer Unsinn, der Text aufs hchste
eine weder ungewhnliche noch unschikliche Hyperbole.  Es ist etwas
sehr mgliches, da die irdischen Sterne, welche Shakespear meynt,
bey einem Bal den Glanz der himmlischen in den Augen eines jungen
Liebhabers verdunkeln; und das ist der natrlichste Sinn des Texts:
Aber da eine ganze Schaar der schimmerndsten Schnen durch den
blossen Glanz ihrer Augen, einen Tanzsaal so wol erleuchten sollte,
da man die Lichter dabey ersparen knnte, ist mehr als man auch
der feurigsten Orientalischen Einbildungskraft zumuthen drfte.
Wenn wir, wie schon fters geschehen ist, die Lesart des Texts der
vermeynten Verbesserung des Hrn.  Warbrtons vorziehen, so geschieht
es allemal mit so gutem Grund als dieses mal, obgleich manche von
denenjenigen, die wir verwerfen, seinem Wiz mehr Ehre machen, als
die gegenwrtige.}

(Capulet und Paris gehen ab.)

Bedienter.
Lade mir die Personen ein, die auf diesem Zettel stehen--Es steht
geschrieben, der Schuster soll sich mit seinem Ellen-Stab abgeben,
der Schneider mit seinem Leist, der Fischer mit seinem Pinsel, und
der Mahler mit seinem Nez.  Aber ich soll die Personen finden, deren
Namen hier geschrieben sind, und kan doch nicht finden, was fr
Namen die schreibende Person hieher geschrieben hat.  Ich mu mich
bey den Gelehrten Raths erholen--Da lauffen mir gerad ihrer ein
Paar in die Hnde--

(Benvolio und Romeo treten auf.)

Benvolio.
Still, Mann!  Eine Hize treibt die andre aus, und die Pein eines
Schmerzens wird durch einen andern Schmerz vermindert; wenn dir
taumlicht ist, so hilfst du dir damit, da du dich wieder zurk
drehest, und deiner Hoffnungslosen Liebe kan nicht besser als durch
eine neue geholfen werden.

Romeo.
Wegbreit-Bltter sind unvergleichlich fr das.

Benvolio.
Fr was, wenn man bitten darf?

Romeo.
Fr euern Beinbruch.

Benvolio.
Wie, Romeo, bist du toll?

Romeo.
Nicht toll, aber fester angebunden als irgend einer im Tollhause;
in ein Gefngni eingesperrt, zur Hunger-Cur verurtheilt,
gepeitscht und gepeinigt: Und--guten Abend, Camerad--

(Zum Bedienten.)

Bedienter.
Einen guten Abend geb' euch Gott: Ich bitte euch, Herr, knnt ihr
lesen?

Romeo.
Ja, mein Schiksal in meinem Unglk.

Bedienter.
Vielleicht habt ihr ohne Buch lesen gelernt; aber ich bitte euch,
knnt ihr alles lesen was ihr seht?

Romeo.
Ja, wenn ich die Buchstaben und die Sprache wei.

Bedienter.
Das ist gesprochen wie ein Bidermann--Gott beht' euern guten Humor!

(Er will gehen.)

Romeo.
Bleib, Bursche, ich kan lesen--(Er liet das Papier.) Signor
Martino und seine Frau und Tchter: Graf Anselmo und seine schnen
Schwestern; die verwittibte Donna Vitruvia; Signor Placentio und
seine liebenswrdige Nichten; Mercutio und sein Bruder Valentin;
mein Oheim Capulet mit Frau und Tchtern; meine schne Nichte
Rosalinde; Livia, Signor Valentio und sein Vetter Tybalt; Lucio,
und die lebhafte Signora Helena--
Eine hbsche Assamblee, und wohin sollen sie kommen?

Bedienter.
Herauf--

Romeo.
Wohin?

Bedienter.
Zum Nacht-Essen in unser Haus.

Romeo.
In wessen Haus?

Bedienter.
In meines Herren seines.

Romeo.
In der That, das htte ich dich vorher fragen sollen.

Bedienter.
Nein, ich will euch eine Mh ersparen.  Mein Herr ist der grosse
reiche Capulet, und wenn ihr keiner vom Haus der Montgues seyd, so
bitt' ich euch, kommt, und helft uns die Glser ausleeren.  Eine
gute Zeit.

(Geht ab.)

Benvolio.
Wie wohl sich das fgt!  die schne Rosalinde, in die du so verliebt
bist, wird mit allem was das Schnste in Verona ist, diesem
Familien-Gastmal der Capulets beywohnen.  Geh du auch hin, vergleich
mit unpartheyischen Augen ihr Gesicht mit einigen, die ich dir
zeigen will, und du sollst finden, da dein Schwan eine Krhe ist.

Romeo.
**--Eine schnere als meine Liebe!  die allsehende Sonne sah niemals
ihres gleichen, seit die Welt begann.

{ed.-** Eine Lke von vier abgeschmakten Reimen.}

Benvolio.
Gut, gut!  Ihr habt sie nur gesehen, wenn keine andre dabey war, und
ihr sie, in beyden Augen, nur mit sich selbst abwoget; aber lat
ihre Reizungen in diesen crystallnen Waagschaalen gegen ein
gewisses andres Mdchen, das ich euch bey diesem Gastmahl in seinem
vollen Glanze zeigen will, abgewogen werden; so wird euch diejenige
kaum noch ertrglich vorkommen, die izt die beste scheint.

Romeo.
Ich will mit dir gehen, nicht weil ich dir glaube, sondern um das
Vergngen zu haben, dich von dem Triumph meiner Geliebten zum
Zeugen zu machen.

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Lady Capulet und die Amme treten auf.)


Lady.
Amme, wo ist meine Tochter?  Ruffe sie zu mir heraus.

Amme.
Nun, bey meiner Jungferschaft, (wie ich zwlf Jahre alt war, meyn'
ich;) ich sagte ihr, sie mchte kommen; wie, Schfchen--he!  Mein
Dubchen--da uns Gott behte!  Wo ist das Mdchen?  he!  Juliette!
(Juliette zu den Vorigen.)

Juliette.
Was ists?  Wer ruft?

Amme.
Eure Frau Mutter.

Juliette.
Madam, hier bin ich, was ist euer Wille?

Lady.
Das ist eben die Sache--Amme, verla uns eine Weile, wir mssen
allein mit einander reden; Amme, komm wieder zurk, ich habe mich
anders besonnen, du darfst wohl bey unsrer Unterredung zugegen seyn:
du weist, meine Tochter hat ein artiges Alter.

Amme.
Mein Treu, ich kan ihr Alter bey einer Stunde sagen.

Lady.
Sie ist noch nicht vierzehn.

Amme.
Ich will gleich vierzehn Zhne daran sezen, (und doch mu ich's zu
meiner Schande sagen, ich habe nur noch vier,) sie ist nicht
vierzehn; wie lang ist es noch von izt bis an St.  Peters-Tag?

Lady.
Vierzehn Tage, oder noch ein paar drber.

Amme.
Sey es vierzehn Tage oder fnfzehn, das thut nichts, kommt St.
Peters-Abend, so wird sie vierzehn seyn.  Schen und sie (Gott
trst ihre Seele!) waren von gleichem Alter.  Wohl, Schen ist im
Himmel, sie war zu gut fr mich.  Aber, wie ich sagte, an St.  Peters-
Abend des Nachts wird sie vierzehn seyn, das wird sie, meiner Six,
ich erinnre mich's als ob's seit gestern wre.  Es ist seit dem
Erdbeben nun eilf Jahre da sie entwhnt wurde; unter allen Tagen
im Jahr will ich den Tag nicht vergessen; ich hatte denselben Tag
Wermuth an meine Brust gestrichen, und sa in der Sonne an der
Mauer unter dem Dauben-Schlag; der Gndige Herr und Eu.  Gnaden
waren damals zu Mantua--gelt, ich kan etwas im Kopf behalten?--Aber,
wie ich sagte, wie das Kind den Wermuth an meiner Brustwarze
kostete, und schmekte da es bitter war, das artige Nrrchen, da
httet ihr sehen sollen, wie es so gescheid war und augenbliklich
die Brust fahren lie.  Schttle dich, sagte der Dauben-Schlag--mein
Treu!  es mute mir niemand sagen, da ich hurtig lauffen sollte;
und seitdem ist es nun eilf Jahre, denn sie konnte damals schon
allein stehen; ja, bey meiner Treu, sie, konnte schon lauffen, und
watschelte schon allenthalben herum; dann just den Tag vorher, da
sie das Loch in ihre Stirne fiel, und da hub mein Mann (Gott trst
ihn, er war ein muntrer Mann) da hub er das Kind auf; so, sagt' er,
fllst du auf die Nase?  Du wirst auf den Rken fallen, wenn du mehr
Verstand haben wirst; wirst du nicht Julchen?  Und, bey unsrer
lieben Frauen!  Das artige Trpfchen hrte auf schreyen, und sagte,
Ay--so da man sehen kan, wie endlich aus Spa Ernst wird--Da steh
ich dafr, und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so verge ichs
nicht: Wirst du nicht, Julchen, sagt' er?  Und das artige Nrrchen,
es hrte auf schreyen, und sagte, Ay!

Lady Capulet.
Genug hievon, ich bitte dich, stille!

Amme.
Ja, Gndige Frau; und doch kan ich mir nicht helfen, ich mu lachen,
wenn ich dran denke da es aufhrte zu schreyen, und Ay sagte; und
doch bin ich gut dafr, da es eine Beule an der Stirne hatte, so
dik wie ein junger Hahnen-Stein, eine recht gefhrliche Beule, und
es weinte bitterlich.  So, sagte mein Mann, fllst du auf die Nase?
Du wirst rkwrts fallen, wenn du lter wirst, wirst du nicht,
Julchen?  Und da schwieg es, und sagte, Ay.

Juliette.
Und schweig du auch, ich bitte dich, Amme, sag ich.

Amme.
Still, ich bin fertig: Gott zeichne dich zu seinem Segen aus!  Du
warst das holdseligste Kind, das ich gesugt habe; und wenn ich nur
so lange lebe, da ich dich verheurathet sehe, so wnsch' ich mir
nichts mehr.

Lady Capulet.
Diese Heurath ist eben die Sache, wovon ich reden wollte.  Sagt mir,
Tochter Juliette, habt ihr Lust zum Heurathen?

Juliette.
Es ist eine Ehre, von der ich mir nicht trumen lasse.

Amme.
Eine Ehre?  Wenn ich nicht deine leibliche Amme wre, so wrd' ich
sagen, du habst die Weisheit mit der Milch eingezogen.

Lady Capulet.
Gut, es ist nun Zeit daran zu denken; es giebt hier in Verona
jngere als ihr, und Frauenzimmer von Stand und Ansehen, die schon
Mtter sind.  Bey meiner Ehre, in dem Alter worinn ihr noch ein
Mdchen seyd, war ich schon eure Mutter.  Ich will's also kurz
machen, und euch sagen, da sich der junge Paris um euch bewirbt.

Amme.
Ein Mann, junges Frulein, ein Mann, dessen gleichen in der ganzen
Welt--Sapperment!  es ist ein Mann wie in Wachs boiert.

Lady Capulet.
Verona's Sommer hat keine schnere Blume.

Amme.
Das ist wahr, er ist eine Blume; mein Treu, eine wahre Blume.

Lady Capulet.
Was sagt ihr dazu?  Gefllt euch der Cavalier?  Ihr werdet ihn diese
Nacht bey unserm Gastmahl sehen; beobachtet ihn recht, ihr werdet
gestehen mssen, da nichts liebenswrdigers seyn kan.  Er ist eurer
wrdig, und wird euch glklich machen*--Doch, ihr habt ihn ja sonst
schon gesehen; sagt, mit einem Wort, knnt ihr euch seine Liebe
gefallen lassen?

{ed.-* Man hat gut gefunden diese Rede zu verndern und
abzukrzen.  Sie ist im Original die Grundsuppe der abgeschmaktesten
Art von Wiz, und des Characters einer Mutter usserst unwrdig.
Pope scheint zu vermuthen, da sie von Schauspielern eingeflikt
worden sey.}

Juliette.
Ich will ihn erst genauer betrachten; alles was ich izt sagen kan,
ist, da meine Augen allezeit durch euern Willen geleitet werden
sollen.  (Ein Bedienter zu den Vorigen.)

Bedienter.
Gndige Frau, die Gste sind angekommen, das Essen ist aufgetragen,
man wartet auf Euer Gnaden und mein junges Frulein, man flucht auf
die Amme im Speigewlbe, und alles ist in der Extremitt.  Ich mu
wieder zur Aufwartung; ich bitte euch, kommet augenbliklich.

Lady Capulet.
Wir kommen--Juliette, es wird den Grafen nach dir verlangen.

Amme.
Geh, Mdchen, und suche zu deinen guten Tagen auch glkliche Nchte.
(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Eine Strasse vor Capulets Haus.)
(Romeo, Mercutio, Benvolio mit fnf oder sechs andern Masken,
 Fakel-Trgern und Trummeln.)


Romeo.
Wie, soll diese Rede unsre Entschuldigung machen, oder wollen wir
ohne Apologie auftreten?

Benvolio.
Diese Weitlufigkeiten sind nicht mehr Mode.  Wir brauchen keinen
Cupido, mit einer Schrpe von Flittergold und einem gemahlten
Tartar-Bogen von Schindeln, der die armen Mdchen, wie ein Vgel-
Schrek die Krhen, zu frchten macht.  Sie mgen von uns halten was
sie wollen, wenn wir ihnen nicht gefallen, oder sie uns nicht, so
gehen wir wieder.

Romeo.
Gebt mir eine Fakel; ich bin nicht im Humor, Sprnge zu machen.

Mercutio.
Nicht doch, mein lieber Romeo, ihr mt eins tanzen.

Romeo.
Ich gewi nicht, das glaubt mir; ihr habt Tanzschuhe mit dnnen
Solen, ich habe eine Seele von Bley,* die mich so zu Boden zieht,
da ich nicht von der Stelle kommen kan.

{ed.-* Wortspiel mit Sole, und Soul, welche fast gleich ausgesprochen
werden.  }

Mercutio.
Ihr seyd ein Liebhaber; borgt dem Cupido seine Flgel ab, und
schwingt euch damit empor.**

{ed.-** In dieser Rede, der Antwort des Romeo, und etlichen
folgenden Zeilen, die man gnzlich weglassen mute, dreht sich
alles um Wortspiele mit (Bound) und (bound, soar) und(sore), und
ein paar eben so frostige Antithesen herum.  Alles dieses armselige
Zeug findet sich, wie Pope bemerkt, nicht in der ersten Ausgabe
dieses Stks von 1597.}

Romeo.
Ich bin zu hart von seinem Pfeil verwundet, als da ich mich auf
seinen Flgeln erheben knnte--

Mercutio.
Gebt mir ein Futteral, worein ich mein Gesicht steken kan--

(Er nimmt seine Maske ab.)

--Eine Maske fr ein Frazen-Gesicht!--wozu brauch ich eine Maske?
Es wird niemand so vorwizig seyn, ein Gesicht wie das meinige genau
anzusehen.

Benvolio.
Kommt, wir wollen anklopfen und hineingehn; und wenn wir einmal
drinn sind, dann mag ein jeder seinen Fssen zusprechen.

(Hier fallen noch etliche sinnreiche Wizspiele von der
grammaticalischen Art, zwischen Mercutio und Romeo weg.)

Romeo.
Wir gedenken uns bey diesem Ball eine Kurzweil zu machen, und doch
sind wir nicht klug, da wir gehen.

Mercutio.
Warum, wenn man fragen darf?

Romeo.
Mir trumte vergangne Nacht--

Mercutio.
Mir auch.

Romeo.
Gut, was trumte euch?

Mercutio.
Da Trumer manchmal lgen.

Romeo.
Ja, in ihrem Bette,*** wo sie oft wahre Dinge trumen.

{ed.-*** Wortspiel mit lie und lye, liegen, und lgen, welches sich
zu gutem Glk bersezen lt.}

Mercutio.
O, dann seh ich, da ihr einen Besuch von der Knigin Mab gehabt
habt.  Sie ist die Heb-Amme der Phantasie, kommt bey Nacht, nicht
grsser als ein Agtstein am Zeigfinger eines Aldermanns, und fhrt
euch mit einem Gespan von kleinen Atomen ber die Nasen der
Schlafenden hin.  Ihre Rad-Speichen sind von langen Spinnen-Beinen,
die Deken von Grashpfers-Flgeln, das Geschirr vom feinsten
Spinnen-Web, die Kummet von Mondscheins-Stralen; ihre Peitsche von
einem Grillen-Bein, und der Riemen von der feinsten Membrane; ihr
Kutscher eine dnne grau-rokichte Schnake, nicht halb so dik als
ein kleiner runder Wurm, den der schleichende Finger eines kleinen
Mdchens aufgestochert hat.  Ihr Wagen ist eine leere Hasel-Nu, von
Schreiner Eichhorn, oder Meister Wurm gemacht, die seit
unfrdenklicher Zeit die Wagner der Feen sind: und in diesem Staat
galloppiert sie, Nacht fr Nacht, durch das Gehirn der Verliebten,
und dann trumen sie von Liebe; ber die Kniee der Hofleute, welche
dann straks von Aufwartungen; ber die Finger der Advocaten, die
straks von Sporteln; ber die Lippen der Damen, die straks von
Kssen trumen, aber oft von der erzrnten Mab mit Hiz-Blattern
gestraft werden, wenn ihr Athem nach parfmiertem Zuker-Werk riecht.
Zuweilen galloppiert sie ber eines Hofschranzen Nase, und da
trumt er, er hab' eine Pension ausgesprt: ein andermal kommt sie
mit dem Wedel eines Zehend-Schweins in der Hand, und kzelt den
schnarchenden Pfarrer; straks trumt er, da er eine bessere
Pfrnde bekommen habe.  Zuweilen fhrt sie ber eines Soldaten Hals,
und da trumt er von auslndischen Hlsen die er abgeschnitten, von
Friedens-Brchen, Scharmzeln, Spanischen Klingen, und fnf-Faden-
tieffen Gesundheiten; dann trummelt sie wieder in seinen Ohren und
er fhrt erschroken auf, und erwacht, schwrt ein paar Sto-Gebette,
und schlft wieder ein.  Das ist die nemliche Mab, die den Khen
die Milch aussaugt, und den Pferden im Schlaf die Mhne verstrikt;
das ist die Drutte,

(der Alp,)

welche die Mdchens drkt, wenn sie Nachts auf dem Rken ligen--
das ist--

Romeo.
Stille, Stille, Mercutio, wie lange kanst du von nichts reden?

Mercutio.
In der That, ich rede von Trumen, diesen Kindern die ein miges
Hirn mit der eiteln Phantasie erzeugt, welche so wenig Leib hat als
die Luft, und unbestndiger ist als der Wind, der nur eben um den
kalten Busen des Nords buhlte, und den Augenblik drauf, in einem
Ansto von Laune, hinwegstrmt, und sein Gesicht dem thauichten Sud
zudreht.

Benvolio.
Dieser Wind von dem ihr euch so gelassen besprecht, blt uns von
uns selbst weg; das Gastmal ist inde vorbey, und wir werden zu
spt kommen.

Romeo.
Ich frchte, nur zu frh--Denn mein Gemth weissagt mir irgend eine
schwarze noch in den Sternen hangende Begebenheit, die von den
Spielen dieser Nacht ihren furchtbaren Anfang nehmen, und
vielleicht das Ziel meines verhaten Lebens durch die gewaltsame
Hand eines frhzeitigen Todes beschleunigen wird.  Doch Er, der das
Steuer-Ruder meines Lauffes fhrt, lenk' ihn nach seinem Gefallen!--
Wohlan, meine muntern Freunde!

Benvolio.
Rhrt die Trummel!--

(Sie ziehen ber den Schauplatz, und treten ab.)



Sechste Scene.
(Verwandelt sich in eine Halle in Capulets Hause.)
(Etliche Bediente, mit Handtchern.)


1. Bedienter.
Wo ist Potpan, da er uns nicht aufrumen hilft--er hat einen
Teller weggeschnappt!  Er hat einen Teller mit sich gehen heissen!

2. Bedienter.
Wenn gute Manieren alle in eines oder zweener Hnden liegen, und
die noch dazu ungewaschen sind, das ist eine garstige Sache.

1. Bedienter.
Fort mit den Lehnsthlen, das kleine Schenk-Tisch'gen aus dem Wege,
seht zu dem Silber-Geschirr; du, guter Freund, mache da du mir ein
Stk Marzipan auf die Seite kriegst; und wenn du mich lieb hast, so
sorge, da der Thorhter Susanna Mhlstein und Nell, Antoni und den
Potpan hereinlt--

2. Bedienter.
Gut, Junge, das will ich.

3. Bedienter.
Man sieht sich nach euch um, man ruft euch, man fragt nach euch,
man sucht euch, im grossen Saal.

2. Bedienter.
Wir knnen nicht an zween Orten zugleich seyn; hurtig, ihr Jungens;
seyd eine Weile munter, und wer alle andre berlebt, kriegt alles!--

(Sie gehen ab.)


(Die Gste und Damen, nebst den Masken treten smtlich auf.)

1. Capulet.
Willkommen, meine Herren--Und ihr, meine Damen, ihr habt noch keine
Hner-Augen an den Zehen, wir wollen eins lustig mit einander
machen.  Ich will doch nicht hoffen, meine Kniginnen, da mir eine
unter euch ein Tnzchen abschlagen wird--eine jede, die sich lange
bitten lt, hat Hner-Augen, das schwr' ich;--He?  bin ich euch zu
nah gekommen?--Willkommen allerseits, ihr Herren; ich wei die Zeit
auch noch, da ich eine Maske trug, und einem jungen Frulein
hbsche Sachen ins Ohr flstern konnte; aber es ist vorbey, vorbey,
vorbey!

(Die Musik fangt an; man tanzt.)

Mehr Lichter her, ihr Schurken, und die Tische aus dem Weg; und
lat das Feuer abgehen, es ist zu warm im Zimmer--Gelt, junger Herr,
ein unvermutheter Spa ist der angenehmste--Nun sezt euch, sezt
euch, mein guter Vetter Capulet, denn die Tanz-Zeit ist doch bey
euch und mir vorbey: Wie lang ist es wohl, seit ihr und ich das
leztemal auf einem Masken-Bal tanzten?

2. Capulet.
Bey unsrer Frauen!  dreiig Jahre.

1. Capulet.
Wie, Mann?  Es ist noch nicht so lang, es ist noch nicht so lang; es
war an Lucentio's Hochzeit; es wird auf kommende Pfingsten fnf und
zwanzig Jahre, da wir in Masken tanzten.

2. Capulet.
Es ist mehr, es ist mehr; sein Sohn ist lter, Herr; sein Sohn hat
schon dreiig.

1. Capulet.
Das werdet ihr mir nicht wei machen; sein Sohn war vor zwey Jahren
noch nicht mndig.

Romeo (in einem andern Theil des Saals.)
Wer ist die junge Dame, die dort jenem Ritter die Hand giebt?

Bedienter.
Ich wei es nicht.

Romeo.
O, sie glnzt mehr als alle diese Fakeln zusammen genommen; ihre
Schnheit hngt an der Stirne der Nacht, wie ein reiches Kleinod an
eines Mohren Ohr: Und welch eine Schnheit!  Sie ist zu reich zum
Gebrauch, und zu kostbar fr diese Erde.  So glnzt die schneeweisse
Daube aus einem Schwarm von Krhen, wie dieses Frulein unter ihren
Gespielen glnzt.  Wenn der Tanz vorbey ist, will ich mir den Plaz
merken, wo sie steht, und ihr meine Hand geben.  Welch eine
Glkseligkeit ihre Hand zu berhren!--Nein, ich habe noch nie
geliebt--Schwr es, mein Auge; vor dieser glklichen Nacht wutest
du nicht, was Schnheit ist.

Tybalt (der dem Romeo bey den lezten Worten sich nhert.)
Der Stimme nach sollte die ein Montague seyn--hol mir einen Degen,
Junge--wie?  der Sclave darf sich erfrechen in einer Maske hieher zu
kommen, und unsrer feyerlichen Lust zu spotten?  Nein, bey der
bejahrten Ehre meines Geschlechts, es ist keine Snde, den
Nichtswrdigen zu todt zu schlagen.

Capulet.
Wie, wie, Vetter?  Warum so strmisch?

Tybalt.
Oheim, hier ist einer unsrer Feinde, ein Montague; ein Bube der
gekommen ist, uns unter die Nase zu lachen, und unsre Familien-
Freude zu stren--

Capulet.
Ist es vielleicht der junge Romeo?

Tybalt.
Er selbst, der Schurke Romeo!

Capulet.
Gieb dich zu frieden, lieber Vetter, la ihn gehen; er sieht einem
jungen wakern Edelmann gleich; und, wenn ich die Wahrheit sagen
soll, er hat den Ruf eines tugendhaften wohlgesitteten Jnglings,
der Verona Ehre macht.  Ich wollte nicht um unsre ganze Stadt, da
ihm in meinem Hause was zu Leide gethan wrde.  Seyd also ruhig,
thut als ob ihr ihn nicht kennet; ich will es so haben, und wenn
ihr einige Achtung fr mich habt, so heitert eure Stirne auf, und
macht keine Gesichter, die sich so bel zu einer Lustbarkeit
schiken.

Tybalt.
Sie schiken sich, wenn ein solcher Bube sich zum Gast aufdringt:
ich will ihn nicht dulden!

Capulet.
Das sollt ihr aber!  Wie, Herr Junge?--Ihr sollt, sag ich--Geht,
geht, bin ich hier Meister oder ihr?  Geht, geht--Ihr wollt ihn
nicht dulden?  Hol mich Gott, ihr wrdet mir einen feinen Lermen
unter meinen Gsten anrichten!  Ihr wollt mir hier den Eisenfresser
machen?  Gelt, das wollt ihr?

Tybalt.
Wie, Oehm, es ist eine Schande--

Capulet.
Geht, geht, ihr seyd ein abgeschmakter Knabe--

(auf die Seite zu einem von der Gesellschaft.)

Ist es so, in der That?--

(zu Tybalt)

ihr knnt was anfangen, das euch gereuen wird, ich wei was ich
sage--

(Seitwrts;)

wohl gesprochen, meine Kinder--

(zu Tybalt,)

Ihr seyd ein Hasenfu, geht--seyd ruhig, oder--

(seitwrts.)

Mehr Lichter, mehr Lichter, es ist eine Schande, so dunkel ist's--

(zu Tybalt)

ich will euch ruhig machen--

(Seitwrts:)

Wie, munter, meine Herzen!

Tybalt.
Geduld und Zorn vertragen sich nicht wohl bey mir zusammen; sie
stossen, indem sie sich begegnen, die Kpfe so hart an einander an,
da mir alle Glieder davon wakeln.  Ich will mich entfernen, aber er
soll mir diese Zudringlichkeit bezahlen!

(Tybalt geht ab.)

Romeo (zu Juliette.)
* [Wenn meine unwrdige Hand diesen heiligen Leib entweiht hat, so
la dir diese Busse gefallen: Meine Lippen, zween errthende
Pilgrimme, stehen bereit den Frefel, mit einem zrtlichen Ku
abzubssen.

{ed.-* Dieser Dialogus ist im Original eine Elegie mit verschrnkten
Reimen.}

Juliette.
Ihr thut eurer Hand unrecht, mein lieber Pilgrim; sie hat nichts
gethan, als was die bescheidenste Andacht zu thun pflegt; Heilige
haben Hnde, die von den Hnden der Wallfahrenden berhrt werden,
und Hand auf Hand ist eines Pilgrims Ku.

Romeo.
Haben Heilige nicht Lippen, und andchtige Pilgrimme auch?

Juliette.
Ja, Pilgrim, sie haben Lippen, aber zum Beten.

Romeo.
O so erlaube, theure Heilige, erlaube den Lippen nur, was du den
Hnden gestattest; sie bitten, (und du, erhre sie,) da du den
Glauben nicht in Verzweiflung fallen lassest.

Juliette.
Heilige rhren sich nicht, wenn sie gleich unser Gebet erhren.

Romeo.
O so rhre du dich auch nicht, indem ich mich der Wrkung meines
Gebets versichre--

(Er kt sie.)

Die Snde meiner Lippen ist durch die deinige getilgt.]

Juliette.
Also tragen nun meine Lippen die Snde, die sie von den deinigen
weggenommen haben.

Romeo.
Snde von meinen Lippen?  O!  angenehme Strenge!  Gebt mir meine Snde
nur wieder zurk.

Juliette.
Ihr habt kssen gelernt; ich verstehe mich nicht darauf.

Amme.
Gndiges Frulein, eure Frau Mutter mchte gern ein Wort mit euch
sprechen--

(Juliette entfernt sich.)

Romeo.
Wer ist ihre Mutter?

Amme.
Sapperment, junger Herr, ihre Mutter ist hier die Frau vom Hause,
und eine brave, gescheidte, tugendsame Frau.  Ich sugte ihre
Tochter, mit der ihr geredet habt; und ich sag euch, wer sie kriegt,
bekommt so gewi eine Jungfer--

Romeo (indem er sich entfernt, vor sich.)
Eine Capulet?  O Himmel!  Mein Herz und mein Leben sind
unwiderbringlich in der Gewalt meiner Feindin.

Benvolio.
Weg, wir wollen gehen, der grste Spa ist vorbey.

Romeo.
Das frcht' ich selbst, das brige wird mich mehr als meinen Schlaf
kosten.

Capulet.
Nein, ihr Herren, geht noch nicht weg, wir haben noch ein kleines
schlechtes Nachtessen vor uns--Wie, mu es denn seyn?  Nun dann, so
dank ich euch allen--Ich dank euch, meine liebe Herren, gute Nacht--
Mehr Fakeln her--

(Zu den brigen:)

Kommt hinein, und dann zu Bette.--Ah, guter Freund, bey meiner
Treu, es ist schon spte.  Ich will in mein Bette.

(Sie gehen nach einander ab.)

Juliette.
Ein wenig hieher, Amme--Wer ist der junge Herr dort?

Amme.
Der einzige Sohn des alten Tiberio.

Juliette.
Wer ist der, der eben izt zur Thre hinausgeht?

Amme.
Das ist der junge Petrucchio, bild' ich mir ein.

Juliette.
Wer ist der, der ihm folgt, der nicht tanzen wollte?

Amme.
Ich kenn' ihn nicht.

Juliette.
Geh, frage nach seinem Namen

(leise.)

Wenn er schon vermhlt ist, so ist sehr wahrscheinlich, da mein
Grab mein Braut-Bette seyn wird.

Amme.
Er heit Romeo, er ist ein Montague, der einzige Sohn von unserm
groen Feind.

Juliette (vor sich.)
O Himmel!  der, den ich einzig lieben kan, ist der, den ich einzig
hassen sollte--Zu frh gesehn, eh ich ihn kannte; und zu spt
erkannt; was fr eine seltsame Migeburt ist meine Liebe--ich liebe--
meinen verhatesten Feind.

Amme.
Was sagtet ihr da?  Was habt ihr?

Juliette.
Ein paar Reime, die ich eben von einem gelernt, mit dem ich tanzte.

(Man ruft hinter der Scene Juliette.)

Amme.
Gleich, gleich; Kommt, wir wollen gehen, die Fremden sind schon
alle fort.

(Sie gehen ab.)

([Zum Beschlu dieses Aufzugs tritt ein Chor auf, und sagt den
Zuschauern in vierzehn Reimen, was sie vermuthlich von selbst
errathen htten--da Romeo, seit der Nacht, da er die schne
Juliette gesehen, seine erste Liebste nicht mehr schn befunden--
da er nun Julietten liebe, und von ihr wieder geliebt werde)--(da
die tdtliche Feindschaft ihrer Huser zwar die Sympathie ihrer
Herzen nicht habe verhindern knnen, aber ihnen hingegen alle
Gelegenheit abschneide, sich zu sehen und zu sprechen, ohne da
jedoch dieser harte Zwang eine andre Wrkung gethan habe, als die
Heftigkeit ihrer Liebe und Sehnsucht zu verdoppeln.])




Zweyter Aufzug.



Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Romeo tritt allein auf.)


Romeo.
Kan ich weggehen, wenn mein Herz hier ist?  Dreh dich zurk, plumpe
Erde, und suche deinen Mittelpunct.

(Er geht ab.)

(Indem er sich entfernt, treten Benvolio und Mercutio von der
 andern Seite auf und werden ihn gewahr.)

Benvolio.
Romeo, Vetter Romeo!

Mercutio.
Er ist klug, und schleicht sich, auf mein Leben, heim zu Bette.

Benvolio.
Nein er lief diesen Weg, und sprang dort ber die Garten-Mauer.  Ruf
ihm, Mercutio!

Mercutio.
Nicht nur das, ich will ihn gar beschwren.  He!  Romeo!
Grillenfnger!  Wetterhahn!  Tollhusler!  Liebhaber!  Erscheine du,
erschein in der Gestalt eines Seufzer, rede, aber in lauter Reimen,
und ich bin vergngt.  chze nur, Ach und O!  reime nur Liebe und
Triebe, sag meiner Gevatterin Venus nur ein einziges hbsches
Wrtchen, hng' ihrem stokblinden Sohn und Erben nur einen einzigen
ber-Namen an, (dem jungen Abraham Cupido, ihm der so gut scho,
als Knig Cophetua um ein Bettel-Mdchen seufzte*--doch er hrt
nicht, er rhrt sich nicht, er giebt kein Zeichen von sich; der
Affe ist todt, ich mu ihn schon beschwren--So beschwr' ich dich
dann bey Rosalinens schnen Augen, bey ihrer hohen Stirne, und bey
ihren Purpur-Lippen, bey ihrem niedlichen Fu, schlanken Bein,
runden Knie, und bey den angrenzenden schnen Gegenden, beschwr'
ich dich, da du uns in deiner eignen Gestalt erscheinest!

{ed.-* Eine doppelte Anspielung, auf eine alte Ballade, oder
Romanze, und einen damals bekannten Schzen, der Abraham hie.}

Benvolio.
Wenn er dich hrte, wrdest du ihn bse machen.

Mercutio.
Das kan ihn nicht bse machen: Das wrd' ihn bse machen, wenn ich
einen Geist von irgend einer seltsamen Gestalt in seines Mdchens
Circel citierte, und ihn so lange dort stehen liesse, bis sie ihn
gelegt und zu Boden beschworen htte; das wre was, das er
vielleicht bel nehmen knnte--Aber meine Citation ist ehrlich und
redlich, und ich beschwr' ihn, in seiner Liebsten Namen, einzig
und allein zu seinem eignen Besten.

Benvolio.
Kommt, er hat sich vermuthlich hinter diese Bume verstekt, um
keine andre Gesellschaft zu haben, als die schwermthige Nacht; die
Liebe ist blind, und schikt sich am besten in die Dunkelheit.

Mercutio.
Izt wird er dir unter einem Mispeln-Baum sizen, und wnschen, da
seine Liebste von der Art von Frchten seyn mchte, welche die
Mdchens Mispeln nennen, wenn sie allein zusammen schwazen--Gute
Nacht, Romeo, ich will in mein Roll-Bette, ich; dieses Feld-Bette
ist mir zu kalt; kommt, wollen wir gehen?

Benvolio.
Es wird klger seyn, als hier jemand zu suchen, der sich nicht
finden lassen will.



Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Garten.)
(Romeo tritt auf.)


Romeo.
Der lacht ber Narben, die nie keine Wunde fhlte--Aber stille!  was
fr ein Licht bricht aus jenem Fenster hervor?  Es ist der Osten,
und Juliet ist die Sonne--

(Juliette erscheint oben am Fenster.)

Geh auf, schne Sonne, und lsche diese neidische Luna aus, die
schon ganz bleich und krank vor Verdru ist, da du, ihr Mdchen,
schner bist als sie.  Sey nicht lnger ihre Aufwrterin, da sie so
neidisch ist; ihre Vestalen-Livree ist nur bla und grn, und wird
nur von Thrinnen getragen; wirf sie ab--Sie spricht, und sagt doch
nichts; was ist das?--Ihr Auge redt, ich will ihm antworten--Wie
voreilig ich bin!  Sie redt nicht mit mir: Zween von den schnsten
Sternen des ganzen Himmels, die anderswo Geschfte haben, bitten
ihre Augen, da sie, indessen bis sie wiederkommen, in ihren
Sphren schimmern mchten--Wie wenn ihre Augen dort wren, und jene
in ihrem Kopfe?  Der Glanz ihrer Wangen wrde diese Sterne beschmen,
wie Tag-Licht eine Lampe; ihre Augen, wenn sie am Himmel sthnden,
wrden einen solchen Strom von Glanz durch die Luft herabschtten,
da die Vgel zu singen anfiengen, und dchten, es sey nicht Nacht:
Sieh!  sie lehnt ihre Wange an ihre Hand!  O da ich ein Handschuh an
dieser Hand wre, damit ich diese Wange berhren mchte!

Juliette.
Ach!  ich Unglkliche!--

Romeo.
Sie redt.  O, rede noch einmal, glnzender Engel!  Denn so ber
meinem Haupt schwebend scheinst du diesen Augen so glorreich als
ein geflgelter Bote des Himmels den weitofnen emporstarrenden
Augen der Sterblichen, die, vor Begierde ihn anzugaffen, auf den
Rken fallen--wenn er die trgschleichenden Wolken theilend auf dem
Busen der Luft in majesttischem Flug dahersegelt.

Juliette.
O Romeo, Romeo--Warum bist du Romeo?--Verlugne deinen Vater und
entsage deinem Namen--oder wenn du das nicht willt, so schwre mir
nur ewige Liebe und ich will keine Capulet mehr seyn.

Romeo (leise.)
Soll ich lnger zuhren, oder auf dieses antworten?

Juliette.
Nicht du, blo dein Nahme ist mein Feind; du wrdest du selbst seyn,
wenn du gleich kein Montague wrest--Was ist Montague?--Es ist
weder Hand noch Fu, weder Arm noch Gesicht, noch irgend ein andrer
Theil.  Was ist ein Name; Das Ding das wir eine Rose nennen, wrde
unter jedem andern Namen eben so lieblich riechen.  Eben so wrde
Romeo, wenn er schon nicht Romeo genannt wrde, diese ganze
reizende Vollkommenheit behalten, die ihm, unabhngig von diesem
Namen, eigen ist--Romeo, gieb deinen Namen weg, und fr diesen
Namen, der kein Theil von dir ist, nimm mein ganzes Ich.

Romeo.
Ich nehme dich beym Wort; nenne mich nur deinen Freund, und ich
will meinem Taufnamen entsagen, ich will von nun an nicht mehr
Romeo seyn.

Juliette.
Wer bist du, der hier, in Nacht gehllt, mein einsames
Selbstgesprche belauscht?

Romeo.
Durch einen Namen wei ich dir nicht zu sagen, wer ich bin; mein
Name, theure Heilige, ist mir selbst verhat, weil er ein Feind von
dir ist.  Ich wollt' ihn zerreissen, wenn ich ihn geschrieben htte.

Juliette.
So neu sie mir ist, so kenn' ich doch diese Stimme--Bist du nicht
Romeo, und ein Montague?

Romeo.
Keines von beyden, schne Heilige, wenn dir eines davon mifllt.

Juliette.
Wie kamst du hieher, sage mir das, und warum?  Die Garten-Mauer ist
hoch und schwer zu ersteigen, und der Ort Tod, wenn dich einer von
meinen Verwandten gewahr wrde.

Romeo.
Mit der Liebe leichten Flgeln berflog ich diese Mauern, einen zu
schwachen Wall gegen den mchtigsten Gott; was die Liebe thun kan,
dazu hat sie auch den Muth; und dewegen knnen deine Verwandten
mich nicht abschreken.

Juliette.
Wenn sie dich sehen, so ermorden sie dich.

Romeo.
O Gtter!  Es ist mehr Gefahr in deinem Aug als in zwanzig ihrer
Schwerdter; sieh nur du mich huldreich an, so verlache ich alles
was ihr Groll gegen mich unternehmen kan.

Juliette.
Ich wollte nicht um die ganze Welt, da sie dich hier shen.

Romeo.
Der Mantel der Nacht wird mich vor ihren Augen verbergen, und wenn
nur du mich liebst, so mgen sie mich immer finden; besser da ihr
Ha mein Leben ende, als da der Mangel deiner Liebe meinen Tod
verlngre.

Juliette.
Wer gab dir Anweisung diesen Plaz zu finden?

Romeo.
Die Liebe, die mich antrieb ihn zu suchen; sie lehnte mir Wiz, und
ich lehnte ihr Augen--Ich bin kein Steuermann, aber wrst du so
fern als jenes vom entferntesten Ocean besplte Ufer, ich wrd' um
ein solches Kleinod mein Leben wagen.

Juliette.
Die Maske der Nacht liegt auf meinem Gesicht, sonst wrde meine
glhende Wange dir zeigen, wie beschmt ich bin, da du mich reden
hrtest da ich allein zu seyn glaubte.  Vergeblich wrd' ich izt
mich befremdet stellen wollen, vergeblich, vergeblich lugnen
wollen was ich gesprochen habe--So fahre dann wohl, Verstellung!
Liebst du mich?  Ich wei, du wirst sagen, ja; und ich will mit
deinem Wort zufrieden seyn--wenn du schwrst, so knntest du
meineydig werden; Jupiter lacht nur, sagen sie, zu den falschen
Schwren der Verliebten.  O werther Romeo, sey redlich, wenn du mir
sagst, du liebest mich: Oder wenn du denkst, ich lasse mich zu
leicht gewinnen, so will ich sauer sehen, und verkehrt seyn, und
dir nein sagen--aber anders nicht um die ganze Welt--In der That
liebenswrdiger Montague, ich bin zu zrtlich; du knntest deswegen
nachtheilig von meiner Auffhrung denken; Aber glaube mir, edler
Jngling, du wirst mich in der Probe zuverliger finden, als
diejenigen welche List genug haben sich zuverstellen und Umstnde
zu machen.  Ich wrde selbst mehr gemacht haben, ich mu es bekennen,
wenn der Zufall dich nicht, mir unwissend, zum Zeugen meiner
zrtlichen Gesinnungen gemacht htte.  Vergieb mir also, und denke,
um dieser schleunigen Ergebung willen, nicht schlimmer von einer
Liebe, die dir die dunkle Nacht so unverhoft entdekt hat.

Romeo.
Frulein, bey jenem himmlischen Mond schwr' ich, der alle diese
frucht-vollen Wipfel mit Silber mahlt--

Juliette.
O schwre nicht bey dem Mond, dem unbestndigen Mond, der alle
Wochen in seinem cirkelnden Kreise sich ndert--oder deine Liebe
knnte eben so vernderlich werden.

Romeo.
Wobey soll ich denn schwren?

Juliette.
Schwre gar nicht, oder wenn du ja willst, so schwre bey deinem
anmuthsvollen Selbst, bey dem theuren Gegenstand meiner Anbetung,
und ich will dir glauben.

Romeo.
Wenn jemals meine redliche Liebe--

Juliette.
Gut, schwre nicht--So angenehm du selbst mir bist, so ist mir doch
diese nchtliche Verbindung nicht angenehm; sie ist zu rasch, zu
unbesonnen, zu plzlich zu hnlich dem Bliz, der schon aufgehrt
hat zu seyn, eh man sagen kan, es blizt--Gute Nacht, mein Liebster.
Diese Knospe von Liebe kan durch des Sommers reiffenden Athem sich
zu einer schnen Blume entfalten, bis wir wieder zusammen kommen.
Gute Nacht, gute Nacht--Eine so ssse Ruhe komme ber dein Herz,
als die, so ich in meiner Brust empfinde!

Romeo.
O, willt du mich so unbefriediget verlassen?

Juliette.
Und was fr eine Befriedigung kanst du noch verlangen?

Romeo.
Die Auswechslung des Gelbds deiner treuen Liebe gegen das Meinige.

Juliette.
Das that ich schon, eh du mich darum batest, und ich wollte lieber
ich htt' es nicht gethan.

Romeo.
Mchtest du dein Herz wieder zurknehmen?  Warum das, meine Liebe?

Juliette.
Nur damit ich dir's noch einmal geben knnte--und doch, was wnsch'
ich mir damit, als was ich schon habe?  Meine Zrtlichkeit ist so
grenzenlos als die See, meine Liebe so tief; je mehr ich dir gebe,
je mehr ich habe, denn beyde sind unerschpflich--Ich hre ein
Getse--Lebe wohl, mein Geliebter--


(Man ruft Julietten hinter der Scene.)

Gleich, gute Amme; lieber Romeo, sey getreu warte nur ein wenig,
ich komme gleich wieder.

(Sie geht weg.)

Romeo.
O, glkliche, glkliche Nacht!  Ich besorge nur, weil es Nacht ist,
da alles das nur ein Traum sey; es ist zu schmeichelnd-s um
wrklich zu seyn.  (Juliette kommt wieder.)

Juliette.
Drey Worte, liebster Romeo, und dann gute Nacht, im Ernst--Wenn die
Absicht deiner Liebe rechtschaffen ist, und auf eine geheiligte
Verbindung abzielet, so la mich durch jemand, den ich morgen an
dich schiken will, wissen, wann und wo du die Ceremonien verrichten
lassen willst, und ich bin bereit, mein ganzes Glk zu deinen
Fssen zu legen, und dir, mein Liebster, durch die ganze Welt zu
folgen.

(Man ruft Julietten hinter der Scene.)

Ich komme gleich--wenn du es aber nicht wohl meynst, so bitt' ich
dich--

(Man ruft wieder)

Den Augenblik--ich komme--gieb deine Bewerbung auf und berla
mich meinem Gram--Morgen will ich schiken--

Romeo.
So mge meine Seele leben--

Juliette.
Tausendmal gute Nacht--

(Sie geht weg.)

Romeo.
Wie kann dein Wunsch erfllt werden, da du mich verlssest?--
Schmerzen-volles Scheiden!--Liebe zu Liebe eilt so freudig wie
Schulknaben von ihren Bchern--aber wenn Liebe sich von Liebe
scheiden soll, da geht's der Schule zu, mit schwermthigen Bliken--

(Er entfernt sich.)

(Juliette kommt noch einmal zurk.)

Juliette.
St!  Romeo!  St!--Wo nemm' ich eines Falkeniers Stimme her, um diesen
Terzelot sachte wieder zurk zuloken--Ich darf nicht laut ruffen,
sonst wollt ich die Hle wo Echo ligt zersprengen, und ihre helle
Zunge von Wiederholung meines Romeo heiser machen.

Romeo.
Ist es meine Liebe die mir bey meinem Namen ruft?  welche Musik tnt
so s als die Stimme der Geliebten durch die Nacht hin dem
Liebenden tnt!

Juliette.
Romeo!

Romeo.
Meine Liebe!

Juliette.
In welcher Stunde soll ich morgen zu dir schiken?

Romeo.
Um neun Uhr.

Juliette.
Ich will es nicht vergessen, es ist zwanzig Jahre bis dahin--Ich
habe vergessen, warum ich dich zurkrief.

Romeo.
La mich hier stehen, bi es dir wieder einfllt.

Juliette.
Deine Gegenwart ist mir so angenehm, da ich vergessen werde, da
ich dich zu lange hier stehen lasse.

Romeo.
Und ich stehe so gerne hier, da ich mich nicht erinnre eine andre
Heimat zu haben als diese.

Juliette.
Es ist bald Morgen--Ich wollte du wrest weg, und doch nicht weiter
als der Vogel eines spielenden Mdchens, den sie ein wenig von
ihrer Hand weghpfen lt, aber aus zrtlicher Eifersucht ber
seine Freyheit, wenn er sich zu weit entfernen will, den armen
kleinen Gefangnen gleich wieder an einem seidnen Faden zurkzieht.

Romeo.
Ich wollt' ich wre dein Vogel.

Juliette.
Das wollt' ich auch, mein Herz, wenn ich nicht frchtete da ich
dich gar zu tode liebkosen mchte.  Gute Nacht, gute Nacht.  Das
Scheiden kommt mich so sauer an, da ich so lange gute Nacht sagen
werde, bi es Morgen ist.

(Sie geht weg.)

Romeo.
Schlummer ruhe auf deinen Augen, und ssser Friede in deiner Brust!
Mcht' ich der Schlaf und der Friede seyn, um so lieblich zu ruhen!--
Ich gehe nun in die Celle meines Geistlichen Vaters, ihm mein Glk
zu entdeken und ihn um seinen Beystand zu bitten.

(ab.)



Dritte Scene.
(Verwandelt sich in ein Kloster.)
(Pater Lorenz tritt mit einem Korb auf.)


Lorenz.
Der grau-augichte Morgen lchelt die runzelnde Nacht weg, und
zeichnet die stlichen Wolken mit Streiffen von Licht; indem die
geflekte Finsterni gleich einem Betrunknen, den brennenden Rdern
des Titan aus dem Wege taumelt.  Nun ist es Zeit, da ich, eh das
flammende Auge der Sonne nher kmmt, dem Tag zu liebkosen, und den
nchtlichen Thau aufzutroknen, diesen Korb mit balsamischen
Krutern und Blumen von heilsamer Kraft anflle.  Die Erde, die
Mutter der Natur, ist auch ihr Grab, und dieses fruchtbare Grab
ists, aus dessen Schoos alle diese verschiednen Kinder entspringen,
die wir saugend an ihrem mtterlichen Busen hangen sehen; jede Art
mit besondern Krften begabt, jede mit einer eignen Tugend
geschmkt, und keine der andern gleich.  Wie gro ist nicht die
manchfaltige Kraft die in Pflanzen, Krutern und Steinen ligt!
Nichts was auf der Erde sich findet, ist so schlecht, da die Erde
nicht irgend einen besondern Nuzen davon ziehe; nichts so gut,
dessen Mibrauch nicht schdlich sey.  Die Tugend selbst, wird durch
berspannung oder irrige Anwendung zum Laster, und das Laster
hingegen zuweilen durch die Art wie es ausgebt wird, geadelt--In
dieser kleinen Blume hier liegt Gift und Heil-Kraft beysammen; ihr
Geruch strkt und ermuntert alle Lebens-Krfte; gekostet hingegen,
raubt sie den Sinnen alle Empfindung, und das Leben selbst.  Zween
eben so feindselige Gegner ligen allezeit in jedes Menschen Brust,
die Gnade, und der verdorbne Wille, und wo dieser die Oberhand
gewinnt, da hat der krebsartige Tod nur gar zu bald die ganze
Pflanze aufgefressen.  (Romeo zu dem Vorigen.)

Romeo.
Guten Morgen, Vater.

Bruder Lorenz.
Benedicite!  Was fr eine frhe Zunge grt mich so freundlich?--
Junger Sohn, es zeigt einen verstrten Kopf an, da du dein Bette
so frh schon verlssest.  Sorgen wachen wohl in alter Leute Augen,
und wo Sorge wohnt, wird der Schlaf nie sein Nachtlager nehmen:
Aber wo kummerfreye Jugend mit unbeladnem Hirn ihre Glieder ruhen
lt, da herrschst der goldne Schlaf.  Dein frhes Aufseyn ist mir
also ein Zeichen da irgend eine aufrhrische Leidenschaft deine
innerliche Ruhe strt--oder wenn dieses nicht ist, nun, so ist's
bald errathen, da unser Romeo diese Nacht gar nicht zu Bette
gegangen ist.

Romeo.
Das leztere ist wahr, weil mir eine sssere Ruhe zu theil ward.

Bruder Lorenz.
Gott verzeihe dir deine Snde!  warst du bey Rosalinen?

Romeo.
Bey Rosalinen, mein geistlicher Vater?  Nein.  Ich habe sie bis auf
ihren Namen vergessen.

Bruder Lorenz.
Das ist mein guter Sohn!  Aber wo bist du denn gewesen?

Romeo.
Ich will es aufrichtig gestehen; ich befand mich vor einiger Zeit,
unerkannt, bey einem Gastmal meines Feindes; dort wurd' ich
unversehens, von einer Person verwundet, die ich zu gleicher Zeit
verwundet habe; du besizest die geheiligte Arzney, die uns allein
helfen kan; du siehest, heiliger Mann, da ich keinen Ha in meinem
Herzen hege, da meine Bitte sich auf meinen Feind erstrekt.

Bruder Lorenz.
Rede gerad und ohne Umschweiffe mit mir, mein Sohn; eine
rthselhafte Beicht' erhlt auch nur einen rthselhaften Abla.

Romeo.
So wisse dann, da ich des reichen Capulets schne Tochter liebe;
ihr Herz hngt an meinem, wie das meinige an dem ihrigen: Alles ist
schon unter uns verglichen, und um gnzlich vereinigt zu seyn,
fehlt uns nichts, als der Knoten, den du machen kanst.  Wenn, wo,
und wie, wir einander zuerst gesehen, geliebt, und unsre Herzen
ausgetauscht haben, will ich dir hernach erzhlen; alles warum ich
izt bitte, ist, da du einwilligest uns heute noch zu vermhlen.

Bruder Lorenz.
Heiliger Franciscus!  Was fr eine Vernderung ist das!  Ist Rosaline,
die du so zrtlich liebtest, so schnell vergessen?  So sizt wohl
die Liebe junger Leute blo in ihren Augen und nicht im Herzen!
Jesu, Maria!  Was fr Fluthen von Thrnen haben deine Wangen um
Rosalinen willen berschwemmt!  Die Sonne hat deine Seufzer noch
nicht vom Himmel weggewischt, dein Gewinsel hallt noch in meinen
alten Ohren; sieh, hier sizt auf deiner Wange noch der Flek von
einer alten Thrne, die noch nicht weggewaschen ist.  Wenn du damals
du selbst warst, so gehrst du Rosalinen--und du bist ihr untreu
worden?  So gestehe dann, da es unbillig ist, auf den Leichtsinn
der Weiber zu schmhlen, da in Mnnern selbst keine Standhaftigkeit
ist.

Romeo.
Und doch beschaltest du mich so oft, da ich Rosalinen liebe?

Bruder Lorenz.
Da du in sie vernarrt warst, nicht da du sie liebtest, mein Kind--

Romeo.
Und befahlst mir, meine Liebe zu begraben?

Bruder Lorenz.
Aber nicht eine neue aus ihrem Grab heraus zu holen.

Romeo.
Ich bitte dich, schohne meiner; Sie die ich liebe, erwiedert meine
Zuneigung durch die ihrige; das that die andre nicht.

Bruder Lorenz.
Ohne Zweifel sagte ihr Herz ihr vorher, wie unzuverlig das
deinige sey!  Doch komm nur, junger Flattergeist, folge mir; dein
Wankelmuth kan vielleicht gute Folgen nach sich ziehen.  Diese
Verbindung kan das gesegnete Mittel werden, den alten Ha eurer
Familien auszulschen--und in dieser einzigen Betrachtung will ich
dir behlflich seyn.

Romeo.
O la uns gehen, ich habe keine Zeit zu versumen--

Bruder Lorenz.
Bedchtlich und langsam!  Wer zu schnell lauft, stolpert leicht.

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Verwandelt sich in die Strasse.)
(Benvolio und Mercutio treten auf.)


Mercutio.
Wo, zum T**, mag denn dieser Romeo seyn?  Kam er verwichene Nacht
nicht nach Hause?

Benvolio.
Sein Bedienter sagt, nein.

Mercutio.
Wie, zum Henker, dieses bleichschtige, hartherzige Mensch, diese
Rosaline qult ihn, da er endlich zum Narren d'rber werden wird.

Benvolio.
Tybalt, des alten Capulets Neffe, hat einen Brief in seines Vaters
Haus geschikt.

Mercutio.
Eine Ausforderung, auf mein Leben!

Benvolio.
Romeo wird ihm antworten, wie sich's gebhrt.

Mercutio.
Auf einen Brief kan endlich ein jeder antworten, der Schreiben
gelernt hat.

Benvolio.
Nein, ich meyne, Tybalt wird seinen Mann in Romeo finden.

Mercutio.
Wollte Gott!  Aber ach, der arme Romeo!  er ist schon tod; von einer
weissen Dirne schwarzem Aug zu tod gestochen!  mit einem Liebes-
Liedchen durch und durch--die Ohren gestossen!  Der kleine blinde
Bogenschze hat ihm den Herz-Bendel abgeschossen; und er soll der
Mann seyn, sich mit einem Tybalt zu messen?

Benvolio.
Wie, was ist denn Tybalt--

Mercutio.
Mehr als der Frst der Kazen; das glaube mir--O, das ist der
herzhafte Obrist-Leutenant aller Complimente; er ficht dir so
leicht als du einen Gassen-Hauer singst, und bohrt dir nach der
Cadenz, troz dem besten Tanzmeister--mit eins, zwey, drey, sein
Federmesser in den Busen, da es eine Lust zu sehen ist--ein wahrer
Mrder eines seidnen Knopfs, ein Duellist, ein Duellist!  Ein Mann,
der immer zu frderst an der Spize seines hohen Hauses steht, ein
Mann der sich nach den Noten schlgt--ah, der unsterbliche
(Passado), der (Punto reverso), der--Hey! --

Benvolio.
Der--was?

Mercutio.
Der Henker hohle diese frazigten, lispelnden, affectierten Narren!
Diese sssen Brschchen, die mit einem halbauslndischen Accent
ausruffen: Jesu!  die allerliebste Klinge!--Der allerliebste
Grenadier!--die allerliebste H**!--Wie, ist es nicht erbrmlich,
Grovater, da wir mit diesen Schmetterlingen, mit diesen Mode-
Frazen, diesen (pardonns-moi's) heimgesucht seyn sollen, die so
steiff auf der neuen Mode halten, da sie unmglich auf dem alten
Bank ruhig sizen knnen?--O!  ihre (bons), ihre (bons!) (Romeo zu
den Vorigen.)

Benvolio.
Hier kommt Romeo, hier kommt er--

Mercutio.
Ohne seinen Rogen, wie ein gedrrter Hring--O Fleisch, Fleisch,
wie bist du fischificiert!--Izt ist er in den Harmonien vertieft,
worinn Petrarch daherfliet: Laura war gegen sein Frulein nur ein
Kchen-Mensch--Zum Henker, sie hatte einen Liebhaber der sie besser
bereimen konnte--Dido war gegen sein Mdchen nur eine dike Sug-
Amme, Helena und Hero Mezen und Landstreichers-Waare, Thisbe ein
kazen-augichtes Ding, oder so was--Aber nun zur Sache!  Signor Romeo,
(bon jour); das ist ein franzsischer guter Morgen fr eure
franzsischen Hosen--Ihr spieltet uns einen artigen Streich lezte
Nacht--

Romeo.
Guten Morgen--meine Freunde: Was fr einen Streich spielt' ich euch
dann?

Mercutio.
Da ihr so davon schlpftet, wie wir euch ruften.

Romeo.
Um Vergebung, mein lieber Mercutio, mein Geschfte war wichtig, und
in einem solchen Fall wie der meinige, ist es einem ehrlichen Mann
erlaubt, eine kleine Ausnahme von den Regeln der Hflichkeit zu
machen--* (Die Amme, mit Peter, ihrem Diener, zu den Vorigen.)

{ed.-* Hier fngt sich bis zum Auftritt der Amme eine Art von wizigem
Duell mit Wortspielen, und abgeschmakt-sinnreichen Einfllen
zwischen Romeo und Mercutio an, welcher leztere zuweilen auch noch
mit schmuzigen Scherzen um sich wirft, wenn er sich nicht anders
mehr zu helfen wei--Man kennt schon diese Mode-Seuche von unsers
Autors Zeit, und erlaubt uns, eine Lke zu machen, wo es in unsrer
Sprache unmglich ist so wizig zu seyn wie seine Spa-Macher.}

Amme.
Peter--

Peter.
He?

Amme.
Meinen Fcher, Peter--

Mercutio.
Thu es, guter Peter, damit sie ihr Gesicht verbergen kan; ihr
Fcher ist doch das schnste von beyden.

Amme.
Guten Tag geb euch Gott, ihr Herren.

Mercutio.
Ein gutes Mittag-Essen geb euch Gott, schnes Frauenzimmer.

Amme.
Ist es schon Mittag-Essens-Zeit?

Mercutio.
Es ist nicht weniger, sag ich euch; denn die--** ([Nachdem diese
drey jungen Herren eine Zeitlang ihren geistreichen Spa mit der
Amme gehabt haben, welche dem Romeo sagt, da sie einen Auftrag an
ihn habe, so fhren sich endlich die beyden andern ab, und Romeo
bleibt bey der Amme zurk.])

{ed.-** Eine abermalige Lke, die sich von einer Zote des sinnreichen
Mercutio anhebt, und im Original mit dem albersten Zeug von der
Welt ausgefllt ist.}

Amme.
Ich bitte euch, Gndiger Herr, wer war der grobe Geselle da, der so
voller Raupereyen stekte?

Romeo.
Ein junger Edelmann, Amme, der sich selber gerne reden hrt, und in
einer Minute mehr sagt, als er in einem Monat zu verantworten im
Sinn hat.

Amme.
Wenn er etwas wider mich sagte, so wollt' ich ihn auf den Boden
kriegen, und wenn er noch einmal so muthig wr' als er ist, und
zwanzig solche Hansen; und wenn ich nicht kan, so will ich die wol
finden, die es knnen--der Schurke, der!  Ich bin keine von seinen
Fleder-Wischen; ich bin keine von seinen Unter-Pflben!  Und du must
so da stehn, und zusehen, wie ein jeder Flegel seine Lust an mir
bt?

Peter.
Ich sah niemand seine Lust an euch bssen; wenn ich so was gesehen
htte, ich wollte bald mit der Fuchtel heraus gewesen seyn, das
versichr' ich euch.  Ich habe so viel Herz als ein andrer, wenn ich
Sicherheit in einem Handel sehe, und das Gesez auf meiner Seite ist.

Amme.
Nun, bey Gott, ich bin so bel, da alles an mir zittert--der
garstige Mensch!  Ich bitte euch, Gndiger Herr, ein einziges Wort;
und wie ich euch sagte, mein junges Frulein befahl mir euch
aufzusuchen; was sie mir sagte, da ich sagen sollte, will ich bey
mir behalten; aber ich will nur so viel sagen, wenn ihr sie ins
Narren-Paradies fhren wrdet, wie man zu sagen pflegt, so wr' es
gewilich eine grosse Snde, denn das Frulein ist jung, und wenn
ihr sie also nur betrgen wolltet, so wr' es in der That nicht
hbsch mit einem jungen Frulein umgegangen--

Romeo.
Empfiehl mich deiner Frulein; ich protestiere dir--

Amme.
Das gute Herz!  Wohl, meiner Treue, das will ich ihr sagen: Herr,
Gott, sie wird sich vor Freude kaum zu lassen wissen--

Romeo.
Was willt du ihr denn sagen, Amme?  Du hrst mich ja nicht an.

Amme.
Ich will ihr sagen, Gndiger Herr, da ihr protestiert, welches,
wie ich's verstehe, ein recht honnettes Anerbieten von einem jungen
Cavalier ist--

Romeo.
Sag ihr, sie mchte ein Mittel ausfindig machen, diesen Nachmittag
zur Beichte zu gehen; so solle sie in Bruder Lorenzens Celle zu
gleicher Zeit absolviert und copuliert werden--Hier ist was fr
deine Mhe.

Amme.
Nein, wahrhaftig, Gndiger Herr, nicht einen Pfenning.

Romeo.
Geh, geh, mach keine Umstnde, du must--

Amme.
Diesen Nachmittag, Gndiger Herr?  Gut, wir wollen uns einfinden.

Romeo.
Noch eins, gute Amme; warte hinter der Kloster-Mauer, mein Diener
soll binnen dieser Stunde bey dir seyn, und dir eine Strik-Leiter
bringen, die mich diese Nacht auf den Gipfel meiner Glkseligkeit
fhren soll.  Lebe wohl, sey getreu, und ich will deine Mhe
reichlich belohnen.

Amme.
Nun, Gott im Himmel segne dich!  Hrt einmal, Gndiger Herr--

Romeo.
Was willt du mir sagen, meine liebe Amme?

Amme.
Ist euer Bedienter auch verschwiegen?  Hrtet ihr niemal sagen,
zween knnen ein Geheimni am besten bey sich behalten, wenn man
einen davon thut?

Romeo.
Ich stehe dir davor, mein Kerl ist so zuverlssig als Stahl und
Eisen.

Amme.
Gut, Gndiger Herr, mein Frulein ist das holdseligste Frulein von
der Welt--Herr Gott!  wie sie noch ein kleines plapperndes Ding war--
O,--es ist ein Edelmann in der Stadt, ein gewisser Paris, der
seinen Mann gar zu gern bey ihr anbringen mchte; aber sie, die
gute Seele, sie sh eben so gern eine Krte als sie ihn sieht: Ich
erzrne sie manchmal und sag ihr, Paris sey der schnere von beyden--
aber das versichr' ich euch, wenn ich so rede, so wird sie so
bleich wie ein weisses Tuch--Fangen nicht Rosmarin und Romeo beyde
mit einem Buchstaben an?

Romeo.
Ja, Amme, warum fragst du das?  Beyde mit einem R.

Amme.
Ah, Spottvogel!  Das ist ja ein Hunds-Name--Nein, nein, ich wei, es
fangt mit einem andern Buchstaben an, und sie sagt die artigsten
Sentenzien darber, ber euch und den Rosmarin, da es euch im
Herzen wohlthte, wenn ihr's hrtet.

Romeo.
Meine Empfehlung an dein Frulein--

(Romeo geht ab.)

Amme.
O, tausendmal, Peter--

Peter.
He?

Amme.
Nimm meinen Fcher, und geh voran.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Juliette tritt auf.)


Juliette.
Die Gloke schlug neun, wie ich die Amme ausschikte: und sie
versprach in einer halben Stunde wieder zu kommen.  Vielleicht kan
sie ihn nicht finden--Das kan es nicht seyn--Oh, sie ist lahm.  Die
Boten der Liebe sollten Gedanken seyn, die zehnmal schneller
fortschlpfen als Sonnenstralen, wenn sie von dmmernden Hgeln die
Schatten der Nacht vertreiben.  Dewegen ziehen leicht-geflgelte
Dauben die Liebes-Gttin, und dewegen hat der Wind-schnelle Cupido
Schwingen.  Die Sonne hat bereits den hchsten Gipfel ihrer
tglichen Reise erstiegen; von neun bis zwlf sind drey lange
Stunden--und doch ist sie noch nicht da--O, htte sie warmes
jugendliches Blut und ein gerhrtes Herz, sie wrde so schnell seyn
als ein Ball; meine Worte wrden sie zu meinem Geliebten stossen,
und die seinigen zu mir--

(Die Amme und Peter treten auf.) O Gott, sie kommt--O Zuker-Amme,
was bringst du mir fr eine Zeitung?  Hast du ihn angetroffen?--
Schik deinen Diener weg.

Amme.
Peter warte vor der Tr auf mich.

(Peter geht ab.)

Juliette.
Nun, gute liebe Amme--O Himmel, warum siehst du so finster?  Wenn
deine Zeitung bse ist, so solltest du doch freundlich dazu
aussehen; und ist sie gut, so verderbst du ihre Musik, wenn du sie
mir mit einem sauern Gesicht vorspielst.

Amme.
Ich bin mde, lat mich ein wenig ausruhen--Fy, meine Beine
schmerzen mich, was das fr ein Gang war!

Juliette.
Ich wollte du httest meine Beine, und ich deine Zeitung.  Nein,
komm, ich bitte dich, rede--Gute, liebe Amme rede.

Amme.
Jesu!  was fr eine Ungeduld!  Knnt ihr denn nicht ein wenig warten?
Seht ihr nicht, da ich ganz ausser Athem bin.

Juliette.
Wie bist du ausser Athem, da du Athem genug hast mir zu sagen, da
du ausser Athem bist?  Die Entschuldigung die du fr dein Zaudern
machst ist lnger als die Erzhlung, auf die du mich warten lst.
Ist deine Zeitung gut oder bse?  Antworte mir nur das; Sag eines
von beyden, und ich will auf die Umstnde warten; la mich nicht in
der Unruh, ist sie gut oder bse?

Amme.
Wohl, wohl, ihr habt eine feine Wahl getroffen; ihr wit nicht wie
man sich einen Mann auslesen mu: Romeo nein, er nicht; und doch,
wenn sein Gesicht gleich nicht besser ist als andrer Leute ihres,
so hat er doch die schnsten Waden, die man sehen kan; und was eine
Hand, einen Fu, und einen Leib anbetrift, wenn man schon nicht
davon redt, so sind sie doch unvergleichlich.  Er ist kein
Complimenten-Narr nicht, aber ich bin gut davor, da er so sanft
ist wie ein Lamm--Geh deines Wegs, Mdchen, und danke Gott--Wie,
habt ihr schon zu Mittag gegessen?

Juliette.
Nein, nein aber das alles wut' ich schon vorher; was sagt er von
unsrer Verheurathung?  was sagt er davon?

Amme.
Herr, wie mir der Kopf weh thut!  was ich fr einen Kopf habe!  Es
schlgt nicht anders drinn, als ob er in zwanzig Stke fallen
sollte--Und mein Rken--O mein Rken, mein Rken!  Gott verzeih' es
euch, da ihr mich ausgeschikt, mit auf- und ablauffen mein Leben
einzubssen.

Juliette.
Bey meiner Treue, es ist mir leid, da du so bel bist.  Liebe,
liebe, liebe Amme, ich bitte dich, was sagt mein Romeo?

Amme.
Euer Romeo redt wie ein rechtschaffner Edelmann, und ein artiger,
und ein freundlicher, und ein hbscher, und, ich bin gut dafr,
auch ein tugendhafter--Wo ist eure Mutter?

Juliette.
Wo meine Mutter ist?  Wie, sie ist in ihrem Zimmer; wo soll sie
sonst seyn?  Wie wunderlich du fragst?  Euer Liebhaber redt wie ein
rechtschaffner Edelmann--wo ist eure Mutter! --

Amme.
O heilige Mutter Gottes, wie hizig ihr seyd!  Wahrhaftig, ihr macht
mir's, da es nicht recht ist.  Ist das der Lohn fr meine Schmerzen
in den Beinen?  Ein andermal rstet eure Gesandschaften selbst aus--

Juliette.
Was du fr einen Lerm machst?  Komm, was sagt Romeo?

Amme.
Habt ihr Erlaubni gekriegt, heut zur Beichte zu gehen?

Juliette.
Ja.

Amme.
So macht euch, sobald ihr knnt, nach Bruder Lorenzens Celle; dort
wartet ein Mann auf euch, der euch zu einem Weibe machen will--Nun
rennt das muthwillige Blut wieder in eure Wangen--Man kan euch kaum
was neues sagen, so sind sie lauter Scharlach.  Geht ihr zur Kirche;
ich mu einen andern Weg, eine Leiter zu holen, auf der euer
Liebhaber zu einem Vogel-Nest hinaufklettern soll, so bald es
dunkel seyn wird.  Ich bin den ganzen Tag mit euerm Vergngen
geplagt, aber heute Nacht werdet ihr die Last selber tragen.  Geht,
ich will zum Mittag-Essen, macht ihr da ihr in die Celle kommt.

Juliette.
Wie glklich bin ich!  Leb wohl indessen, gute Amme!

(Sie gehen ab.)



Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster.)
(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.)


Bruder Lorenz.
So lchle der Himmel auf diese heilige Handlung, da keine
nachfolgende Unglks-Stunden uns zur Reue zwingen mgen!

Romeo.
Amen, Amen!  Doch komme was fr ein Unglk auch will, es kan die
Wonne nicht berwiegen, die mir eine einzige kurze Minute in ihrem
Anblik giebt: Vereinige du nur mit heiligen Worten unsre Hnde, und
dann mag der Tod selbst sein rgstes thun; es ist genug, wenn ich
sie nur mein nennen kann.

Bruder Lorenz.
Diese heftigen Entzkungen nehmen gemeiniglich ein plzliches Ende,
und sterben in ihrem Triumph; wie Feuer und Pulver, die sich, indem
sie sich begegnen, verzehren.  Des sssesten Honigs wird man um
seiner Sssigkeit willen zulezt berdrssig.  Liebe also mssig,
damit du lange lieben knnest; zu schnell kommt eben so spt an,
als zu langsam.

(Juliette zu den Vorigen.)

Hier kommt das Frulein.  Wie munter, wie leicht auf den Fssen sie
ist!  Ein Verliebter knnte das leichte Pflaum-Federchen besteigen,
das in der ppigen Sommer-Luft herumflattert, und wrde doch nicht
fallen, so leicht ist Eitelkeit.

Juliette.
Guten Abend, mein geistlicher Vater.

Bruder Lorenz.
Romeo, meine Tochter, soll dir fr uns beyde danken.

Juliette.
Ich wnsche ihm eben so viel, sonst wre sein Dank zu viel.

Romeo.
Ah!  Juliette, wenn das Maa deiner Freude so aufgehuft ist als das
meinige, und du fhiger bist als ich, sie auszudrken, o so
verssse durch deinen Athem diese umgebende Luft, und la die
zauberische Musik deiner Zunge die Glkseligkeit entfalten, die wir
beyde von dieser frohen Zusammenkunft erhalten.

Juliette.
Mein Herz ist zu voll von seinem Glk, als da es sich in Worte
ergiessen knnte--Die sind nur arm, welche sagen knnen, wie reich
sie sind--Meine Zrtlichkeit ist zu einem solchen bermaa
gestiegen, da ich nicht die Hlfte meines Reichthums anzugeben
vermag.

Bruder Lorenz.
Kommt, kommt mit mir, und wir wollen kurze Arbeit machen; denn, mit
eurer Erlaubni, sollt ihr nicht allein beysammen bleiben, bis die
heilige Kirch aus beyden (Einen) Leib gemacht hat.

(Sie gehen ab.)




Dritter Aufzug.



Erste Scene.
(Die Strasse.)
(Mercutio und Benvolio mit ihren Bedienten treten auf.)


Benvolio.
Ich bitte dich, lieber Mercutio, la uns gehen, der Tag ist hei,
und die Capulets schwrmen in den Strassen herum; wenn wir ihnen
begegnen, so wird es unfehlbar Hndel absezen; denn in diesen
heissen Tagen ist das tolle Blut aufrhrisch.

Mercutio.
Du kommst mir gerade so vor, wie einer von den tapfern Mnnern, die,
wenn sie in ein Weinhaus kommen, gleich ihren Degen auf den Tisch
schmeissen und sagen: Gott gebe da ich dich nicht nthig habe!
aber sobald ihnen die zweyte Flasche in den Kopf gestiegen ist, ihn
gegen den Keller-Jungen ziehen, welches sie in der That nicht
nthig hatten.

Benvolio.
Und einem solchen Burschen bin ich gleich?

Mercutio.
Komm, komm, wenn du aufgebracht bist, bist du ein so hiziger
Klingen-Fresser als irgend einer in Italien--und das schlimmste
dabey ist, da du eben so schnell aufzubringen bist, als du hizig
bist, wenn man dich aufgebracht hat.

Benvolio.
Wie kmmt das?

Mercutio.
Wahrhaftig, wenn zween solche wren wie du, wir wrden gar bald gar
keinen haben, denn einer wrde den andern in der ersten Stunde
aufreiben.  Du?  du fngst ja Hndel mit einem an, weil er ein Haar
mehr oder weniger in seinem Bart hat, als du; du wrdest mit einem
anbinden, der Nsse aufknakte, ohne eine andre Ursache angeben zu
knnen, als weil du nubraune Augen hast.  Dein Kopf ist so voller
Hndel, als ein Ey voll von Dotter und Eyer-Klar--und doch ist dir
dieser nemliche Kopf, um deiner Schlgereyen willen, schon so weich
geschlagen worden, als ein gesottnes Ey.  Du hast dich mit einem
geschlagen, der auf der Strasse hustete, weil er deinen Hund damit
aufgewekt habe, der in der Sonne schlafend lag.  Fiengst du nicht
mit einem Schneider Hndel an, weil er sein neues Wams vor Ostern
trug?  und mit einem andern, weil er seine neue Schuhe mit einem
alten Nestel zugeknpft hatte?  Und du willt hier den Hofmeister mit
mir machen, und mich vor Hndeln warnen!

Benvolio.
Wenn ich so hndelschtig wre wie du, es wrde mir niemand zwo
Stunden um mein Leben geben--

(Tybalt, Petrucchio und andre von den Capulets treten auf.) Bey
meinem Kopf, hier kommen die Capulets--

Mercutio.
Bey meiner Ferse, ich frage nichts darnach.

Tybalt.
Haltet euch dicht an mir, ich will mit ihnen reden--Guten Tag,
meine Herren, ein Wort mit einem von euch.

Mercutio.
Warum nur Ein Wort?  Kuppelt es mit einem leibhaftern Ding zusammen,
macht da ein Wort und eine Ohrfeige draus wird.

Tybalt.
Ihr sollt mich willig genug dazu finden, Herr, wenn ihr mir
Gelegenheit dazu geben wollt.

Mercutio.
Knnt ihr denn keine Gelegenheit nehmen, ohne da man sie euch
geben mu?

Tybalt.
Mercutio, du ziehst immer mit Romeo herum--

Mercutio.
Herumziehen!  wie, machst du Bier-Fidler aus uns?  Wenn du Bier-
Fidler aus uns machst, so erwarte nichts bessers als Mitne zu
hren--Hier ist mein Fiddel-Bogen--Hier ist was, das euch tanzen
machen soll!--Hll-Teufel!  Herumziehen!

(Er legt die Hand an seinen Degen.)

Benvolio.
Wir sind hier mitten unter den Leuten.  Entweder zieht euch an einen
abgelegnen Ort zurk, oder macht euren Zwist mit kaltem Blut aus;
hier gaffen uns alle Augen an.

Mercutio.
Die Leute haben ihre Augen drum, damit sie sehen sollen; la sie
gaffen; ich will niemand zum Gefallen von der Stelle gehen, ich.
(Romeo zu den Vorigen.)

Tybalt.
Gut!  Ihr knnt Friede haben, Herr!  Hier kommt mein Mann.

Mercutio.
Aber ich will gehangen seyn, Herr, wenn er euere Liverey trgt;
geht nur zuerst zu Felde, er wird euch auf dem Fusse folgen; in
diesem Sinn kan Eu.  Gnaden ihn wol einen Mann heissen.

Tybalt.
Romeo, die Liebe die ich zu dir trage, giebt mit keinen bessern
Gru fr dich als diesen, du bist ein nichtswrdiger Kerl--


Romeo.
Tybalt, die Ursache die ich habe dein Freund zu seyn, ist gro
genug, mich gegen die beleidigende Wuth eines solchen Grusses
unempfindlich zu machen--Ich bin nicht was du sagst--Also, lebe
wohl; ich sehe, du kennst mich nicht.

Tybalt.
Junge, damit sollst du nicht fr die Beleidigungen davon kommen,
die ich von dir empfangen habe; kehr um, und zieh.

Romeo.
Ich schwre dir, da ich dich nie beleidigt habe; ich liebe dich
mehr als du dir einbilden kanst; und bis du die Ursach erfahren
wirst, warum ich dich liebe, guter Capulet,

(leiser)

--dessen Name mir so theuer ist als mein eigner--gieb dich
zufrieden.

Mercutio.
Wie?  So gelassen?  O schimpfliche, niedertrchtige Gelassenheit!--
Tybalt, du Razenfnger, willt du mit mir kommen?

Tybalt.
Was willst du von mir?

Mercutio.
Guter Kazen-Knig, nichts als eines von deinen neun Leben, um ein
bichen lustig damit zu machen, und je nach dem ihr euch knftig
auffhren werdet, euch auch die brigen auszuklopfen.  Wollt ihr
euern Degen ziehen?  Macht hurtig--


Tybalt.
Ich bin zu euern Diensten.

(Er zieht.)

Romeo.
Liebster Mercutio, stek dein Rapier ein.

Mercutio.
Wolan, Herr, einen kleinen Gang.

(Mercutio und Tybalt fechten.)

Romeo.
Zieh, Benvolio--hilf mir ihnen die Degen aus den Hnden schlagen--
Meine Herren--Um's Himmels willen, haltet ein--Tybalt--Mercutio--
Ihr wit das ausdrkliche Verbot des Frsten--Halt, Tybalt--armer
Mercutio--

(Tybalt geht ab.)

Mercutio.
Ich bin verwundet--Verderben ber eure beyde Huser!  Ich habe
meinen Theil.  Ist er weg, und hat nichts?

Benvolio.
Wie, bist du verwundet?

Mercutio.
Ja, ja, eine Rize, eine Nadelrize--Zum Henker, es ist genug, wo ist
mein Diener?  Geh, Schurke, hol einen Wund-Arzt.

Romeo.
Gutes Muths, Mann, die Wunde wird nicht viel zu bedeuten haben.

Mercutio.
Nein, sie ist nicht so tief als ein Zieh-Brunnen, noch so weit als
eine Kirchen-Thr, aber sie ist eben recht, so viel ich brauche;
fragt morgen wieder nach mir.  Ich bin gepfeffert fr diese Welt,
das glaubt mir; der Henker hole eure beyden Huser!  Wie?  ein Hund,
eine Raze, eine Maus, eine Kaze soll einen Mann zu tod krazen?  Eine
feige Hure, ein Schurke, ein Lumpen-Kerl, der nach dem Rechenbuch
ficht?  Warum zum Teufel kam't ihr zwischen uns?  Ich wurde unter
euerm Arm gestossen--

Romeo.
Ich that es aus der besten Absicht.

Mercutio.
Hilf mir in irgend ein Haus, Benvolio, oder ich werde umsinken--Die
Pest ber eure Huser!  Sie haben eine Wurms-Mahlzeit aus mir
gemacht; ich hab' es, und bald genug--Den Teufel ber eure Huser!--

(Mercutio und Benvolio gehen ab.)



Zweyte Scene.


Romeo.
Dieser Edelmann, ein naher Verwandter des Prinzen, mein bester
Freund, mu um meinetwillen sein Leben lassen--meine Ehre ist durch
Tybalts Lsterungen beflekt, Tybalts, der kaum seit einer Stunde
mein Vetter ist: O ssse Juliette, deine Schnheit hat mich
weibisch gemacht--Wrd' ein Mann soviel leiden und gelassen
bleiben?  (Benvolio tritt auf.)

Benvolio.
O Romeo, Romeo, der brave Mercutio ist todt--

Romeo.
Dieser unglkselige Tag, es ahnet mir, wird mehr andre nach sich
ziehen--

(Tybalt zu den Vorigen.)

Benvolio.
Hier kommt der rasende Tybalt wieder zurk.

Romeo.
Lebend, im Triumph?  und Mercutio ist erschlagen?  Hinweg gen Himmel,
zurkhaltende Sanftmuth, und du, feuer-augichte Wuth, sey nun meine
Fhrerin!  Nun, Tybalt nimm den nichtswrdigen Kerl zurk, den du
vorhin mir gabst--Mercutio's Seele schwebt nicht weit ber unsern
Huptern und wartet auf die deinige--Du oder ich, einer von uns mu
ihm Gesellschaft leisten.

Tybalt.
Du, armseliger Junge, der hier mit ihm zu lauffen gewohnt war, du
sollst mit ihm.

(Sie fechten; Tybalt fllt.)

Benvolio.
Romeo, hinweg, fliehe--die Brger lauffen zusammen, und Tybalt ist
erschlagen--Steh nicht so sinnlos da--der Prinz wird dein Todes-
Urtheil sprechen, wenn du ergriffen wirst--Hinweg, fliehe, fort!

Romeo.
O!  Ich unglkseliger Ball des Glks--

Benvolio.
Wie, du zgerst noch?

(Romeo entweicht.)



Dritte Scene.
(Einige Brger treten auf.)


Brger.
Welchen Weg floh Tybalt, der den Mercutio ermordet hat?  Wo floh er
hin?

Benvolio.
Hier ligt Tybalt.

Brger.
Auf, Herr, geht mit mir--ich befehle dir's in des Frsten Namen,
gehorche.  (Der Prinz, Montague, Capulet, ihre Weiber, u.  s.  w.
treten auf.)

Prinz.
Wo sind die schndlichen Urheber dieser Unruh?

Benvolio.
Gndigster Herr, ich kan den ganzen unglklichen Hergang dieses
fatalen Zwists erzhlen; hier ligt, vom jungen Romeo erschlagen,
der Mann der den tapfern Mercutio, euern Vetter erschlug.

Lady Capulet.
Tybalt, mein Neffe!  O meines Bruders Kind!  Unglkseliger Anblik!  O
weh mir, das Blut meines liebsten Neffen ist vergossen--Prinz, so
wahr du diesen Namen verdienst, so la unser Blut durch das Blut
des mrdrischen Montague gerochen werden.

Prinz.
Benvolio, wer war der Anfnger des Handels?

Benvolio.
Tybalt, der hier von Romeo's Hand erschlagen ligt, von Romeo, der
ihm freundlich zuredete, ihn bat die Gefhrlichkeit der Hndel, die
er anfieng, zu bedenken, und da er sich die schrfste Ahndung von
Eurer Durchlaucht zuziehen werde; aber alles was er mit sanfter
Stimme, ruhigen Bliken, und demthig gebognen Knien sagte, war
nicht vermgend die wthende Galle des tauben Tybalts zu
besnftigen--noch ihn abzuhalten, den scharfen Stahl nach des
khnen Mercutio Brust zu zken, der gleich hizig ihm Sto um Sto
wiedergab, und mit furchtlosem Kaltsinn, mit der einen Hand den
kalten Tod auf die Seite schlug, mit der andern ihn zu Tybalt zurk
sandte, von dessen geschikter Faust er gleich wieder auf seinen
Gegner zurkprallte.--Romeo ruft was er kan: haltet ein!  Freunde!
Freunde, haltet ein!  und schneller als seine Zunge schlgt sein
behender Arm beyder tdtliche Klingen nieder, und strzt sich
zwischen sie: Aber in eben diesem Augenblik durchbort, unter seinem
Arm, ein unglklicher Sto von Tybalt des unbndigen Mercutio's
Herz; Tybalt entflieht, aber bald kommt er wieder zu Romeo zurk,
den eines Freundes Tod zur Rache anspornt, und wie der Bliz sind
sie an einander: Denn eh ich sie von einander reissen konnte, war
Tybalt erschlagen, und so wie er fiel, begab sich Romeo auf die
Flucht.  Di ist die Wahrheit, oder lat Benvolio sterben.

Lady Capulet.
Er ist ein Verwandter von den Montaguen, die Freundschaft macht ihn
verdchtig, er sagt nicht die Wahrheit.  Es waren ihrer wenigstens
zwanzig gegen den einzigen Tybalt, weniger als diese zwanzig htten
nichts ber ihn vermocht.  Ich verlange Justiz, Prinz, und es ist
nicht in deiner Gewalt sie abzuschlagen.  Romeo tdtete Tybalt,
Romeo soll nicht leben!

Prinz.
Romeo erschlug ihn, und er erschlug den Mercutio--von wem soll dann
ich das werthe Blut meines Anverwandten fordern?

Lady Montague.
Nicht von Romeo, Prinz, er war Mercutio's Freund: Sein ganzer
Fehler war, da er dem Mrder Tybalt das Leben nahm, welches ihm
das Gesez ohnehin genommen htte.

Prinz.
Und dieses Verbrechens wegen verbannen wir ihn von Stund an aus
Verona--Euere Feindschaft, euer ungezhmter Groll kostet mich mein
eignes Blut, es ist hohe Zeit um meiner eignen Sicherheit willen
ihm Einhalt zu thun.  Ich will es, ich will durch den Zwang der
Straffen erhalten, was Drohung nicht vermocht hat.  Keine
Entschuldigungen!  Keine Vorbitten!  weder Thrnen noch Fuflle
sollen die ermdete Gerechtigkeit vershnen--Lat Romeo
unverzglich fliehen, oder die Stunde, worinn er ergriffen wird,
ist seine lezte--Traget diesen Leichnam von hinnen, und erwartet
meinen fernern Willen--Gnade wird selbst zur Mrderin, wenn sie
Mrdern vergiebt.

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Verwandelt sich in ein Zimmer in Capulets Haus.)
(Juliette tritt allein auf.)


Juliette.
Eilet, eilet davon, ihr feurigen Rosse der Sonne, euerm Nachtlager
zu--ein solcher Fhrer, wie Phaeton war, wrde euch bald nach
Westen gepeitscht, und in einem Augenblik den Tag in dstre Nacht
verwandelt haben--Spreite deinen dichten Vorhang aus,
Liebebefrdernde Nacht!  da die Augen des mden Phbus niken, und
unbesprochen und ungesehn Romeo in diese Arme fliege.  Liebende
sehen genug zu ihren zrtlichen Geheimnissen beym Glanz ihrer
eignen Schnheiten: Oder wenn die Liebe blind ist, so taugt sie am
besten zur Nacht.  Komm, stille Nacht, gleich einer sittsamen
Matrone ganz in Schwarz gekleidet; komm und lehre mich ein
gewinnreiches Spiel verliehren, das um ein paar unbeflekte
Jungferschaften gespielt wird--Verhlle das unbemannte Blut, das
meine Wangen erhizt, in deinen schwarzen Schleyer, bis die
ungewohnte Liebe khner wird, und in ihren brnstigsten Ausbrchen
nichts als Unschuld findt.  Komm, Nacht, komm, Romeo, komm du Tag in
der Nacht, denn du wirst auf den Flgeln der Nacht weisser als
Schnee auf eines Raben Rken ligen; komm, holde Nacht, komm,
liebende, schwarz-augichte Nacht!  Gieb mir meinen Romeo, und wenn
er einst sterben mu, so nimm ihn und schneid ihn in kleine Sterne
aus, und er wird dem Antliz des Himmels eine so reizende Anmuth
geben, da die ganze Welt in die Nacht verliebt werden, und den
Flitter-Glanz der Sonne nichts mehr achten wird--O wie lang, wie
verdrielich lang ist dieser Tag, so lang, wie die Nacht vor einem
Festtag einem ungeduldigen Kinde, das neue Kleider bekommen hat,
und sie noch nicht tragen darf.  O, hier kommt meine Amme--
(Die Amme mit einer Strik-Leiter.) und bringt mir Nachrichten--
jede Zunge, die meines Romeo Namen ausspricht, ist die Zunge eines
Engels fr mich--Nun Amme, was giebt's neues?  Was hast du hier?  Die
Strik-Leiter die Romeo dich holen hie?

Amme.
Ja, ja, die Strik-Leiter--

Juliette.
Weh mir!  was ist begegnet?  warum ringst du die Hnde?

Amme.
Ach!  da's Gott erbarm'!  er ist todt, er ist todt, er ist todt!  wir
sind verlohren, Frulein, wir sind verlohren!--Ach, da's Gott
erbarm!  er ist hin, er ist umgebracht, er ist todt!

Juliette.
Kan der Himmel so mignstig seyn?

Amme.
Was der Himmel nicht kan, kan Romeo--O Romeo!  Romeo!  Wer htte sich
das einbilden knnen, Romeo?

Juliette.
Was fr ein Teufel bist du, der mich so martert?  Diese Folter
sollte im Abgrund der Hlle geheult werden!  Hat Romeo sich selbst
ermordet?  Sag nur ja, und diese einzige Sylbe wird mich schneller
vergiften als das todtschiessende Auge des Basilisken.

Amme.
Ich sah die Wunde, ich sah sie mit meinen Augen, Gott behte mich!
Hier--auf seiner mnnlichen Brust.  Eine erbrmliche Leiche, eine
blutige erbrmliche Leiche, bleich, bleich wie Asche, ganz mit Blut
beschmiert, lauter geronnen Blut--es wurde mir ohnmchtig wie ich
es sah.

Juliette.
O brich mein Herz--schliet euch zu, meine Augen; ffnet euch nicht
mehr--stirb, arme Unglkliche, da dich und Romeo Eine Baare drke!

Amme.
O Tybalt, Tybalt, der beste Freund den ich hatte: O freundlicher,
wakrer, edler Tybalt, da ich leben mute, dich todt zu sehen!

Juliette.
Was fr ein Sturm ist das, der von so entgegenstehenden Seiten
blst.  Ist Romeo erschlagen, und ist Tybalt todt?  Mein
vielgeliebter Vetter, und mein geliebterer Gemahl?  Wenn das ist, so
mag die Posaune zum allgemeinen Gerichts-Tag blasen--Denn wer lebt
noch, wenn diese zween nicht mehr sind?

Amme.
Tybalt ist todt, und Romeo verbannt; Romeo, der ihn erschlug, ist
verbannt.

Juliette.
O Gott!  Romeo's Hand vergo Tybalts Blut?

Amme.
Das that sie, das that sie, leider Gott erbarm's, das that sie.

Juliette.
O Schlangen-Herz, unter einem blhenden Gesicht verborgen!  wohnte
jemals ein Drache in einer so schnen Hhle?  Liebreizender Unmensch,
Englischer Teufel!--O Natur, was hast du in der Hlle zu thun,
wenn du den Geist eines solchen Teufels in ein irdisches Paradies
herbergest?  War jemals ein Buch von so schndlichem Inhalt so schn
eingebunden?  O, da in einem so prchtigen Palast gleinerisches
Laster wohnen soll!

Amme.
Es ist weder Treu, noch Glauben, noch Ehrlichkeit in diesen
Mannsleuten; sie sind alle meineydig, alle Verrther, lauter Nichts,
alle Heuchler--Ah!  wo ist mein Diener?  Gieb mir ein wenig Aquavit--
Dieser Jammer, diese Noth, diese Sorgen machen eins vor der Zeit
grau--Schaam ber diesen Romeo!

Juliette.
Verflucht sey deine Zunge durch einen solchen Wunsch!  Er ward nicht
zur Schaam gebohren, sie untersteht sich nicht auf seine Stirne zu
sizen: Sie ist ein Thron, wo die Ehre zum allgemeinen Monarchen der
ganzen Welt gekrnt werden sollte!  O was fr eine Unglkliche war
ich, so wider ihn auszubrechen!

Amme.
Wolltet ihr gut von dem Mrder euers Verwandten reden?

Juliette.
Soll ich bel von meinem Ehemann reden?  Ach, armer Gemahl, was fr
eine Zunge soll deinem Namen liebkosen, da ich, dein dreystndiges
Weib, ihn mihandelt habe?--Aber warum, Unglklicher, tdtetest du
meinen Vetter?  Dieser Vetter, der Unglkselige!  wrde sonst meinen
Gemahl getdtet haben.  Zurk, thrichte Thrnen, zurk in eure
Quelle; ihr seyd ein Zoll der dem Kummer gebhrt, und ihr bietet
ihn aus Irrthum der Freude dar?  Mein Gemahl lebt, den Tybalt
ermorden wollte, und Tybalt ist todt, der meinen Gemahl gern
getdtet htte; alles dieses ist Trost; warum wein' ich dann?  Ach!
es war noch ein Wort, schlimmer als Tybalts Tod, das mich ermordet
hat; ich streb' umsonst es zu vergessen, ach!  es dringt sich meinem
Gedchtni auf, wie das Bewutseyn bser Thaten dem Gemthe des
Snders; Tybalt ist todt und Romeo verbannt; dieses (verbannt),
dieses einzige Wort verbannt, hat zehntausend Tybalts ermordet;
Tybalts Tod war fr sich allein Unglks genug--Oder wenn das Unglk
ja Gesellschaft haben will, warum folgte, wie sie sagte--Tybalt ist
todt--warum folgte nicht, dein Vater, oder deine Mutter, oder gar
beyde?  Aber mit diesem grlichen Nachklang: auf, Tybalt ist todt--
Romeo ist verbannt--Durch dieses einzige Wort ist Vater, Mutter,
Tybalt, Romeo, Juliet, alles erschlagen, alles todt!--Romeo
verbannt!  Es ist weder Ziel, noch Maa, noch Ende in dem Tod dieses
Worts--es sind keine Worte die den Jammer ausdrken, den es in sich
hlt.  Wo ist mein Vater und meine Mutter, Amme?

Amme.
Weinend und jammernd ber Tybalts Leiche.  Wollt ihr zu ihnen?  Ich
will euch hinfhren.

Juliette.
Waschen sie seine Wunden mit Thrnen?  Meine sollen, wenn die
ihrigen vertroknet sind, ber Romeo's Verbannung fliessen.  Nimm
diese Strike zu dir--arme Strike, ihr seyd verrathen, ihr und ich;
Romeo ist verbannt!  Er wollte sich auf euch einen Weg zu meinem
Bette machen; aber nun werd' ich als eine verwittwete Jungfrau
sterben.  Komm, Strik-Leiter; komm, Amme; ich will in mein Braut-
Bette, um dem Tod, nicht meinem Romeo in die Arme zu sinken.*

{ed.-* Im Original sagt Juliette: (And Death, not Romeo, take my
Maidenhead!)--Shakespear mute einen Reim auf den vorhergehenden
Vers haben, und es ist kein Unsinn, keine Unanstndigkeit, die er
sich nicht erlauben sollte, um sich nicht lang auf einen Reim
besinnen zu drfen.}

Amme.
Geht in euer Zimmer; ich will den Romeo aufsuchen, der euch trsten
soll.  Ich wei wol wo er ist; ich will zu ihm, er ist in Bruder
Lorenzens Celle.

Juliette.
O such ihn, find ihn, gieb ihm diesen Ring, und bitt' ihn da er
komme, sein leztes Lebewohl zu nehmen.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster.)
(Bruder Lorenz und Romeo treten auf.)


Bruder Lorenz.
Romeo, komm hervor, hervor du furchtsamer Mann; der Kummer ist in
deine Schnheit verliebt, und du bist mit der Wiederwrtigkeit
verheurathet.

Romeo.
Was bringt ihr mir neues, mein Vater?  Was ist des Prinzen Urtheil?
Was fr ein noch unbekanntes Elend will Bekanntschaft mit mir
machen?

Lorenz.
Nur allzuvertraut ist mein theurer Sohn mit so beschwerlicher
Gesellschaft.  Ich bringe dir Nachricht von des Prinzen Urtheil.

Romeo.
Was weniger kan mein Urtheil seyn als der Tod?

Lorenz.
Ein milderer Spruch ergieng von seinen Lippen--Nicht dein Tod, nur
deine Verbannung.

Romeo.
Ha!  Verbannung!  Sey mitleidiger, sage, Tod; denn Verbannung hat
weit mehr schrekliches in ihren Bliken als der Tod selbst.  Sage
nicht, Verbannung.

Lorenz.
Hier aus Verona bist du verbannt; sey geduldig, die Welt ist weit
und breit.

Romeo.
Ausser Verona's Mauern ist keine Welt, sondern nichts als Fegfeuer,
Abgrund und Hlle.  Von hier verbannt ist aus der ganzen Welt
verbannt, und aus der Welt verbannt seyn, ist Tod.  Dieses
(verbannt) ist nur ein unrecht benannter Tod; wenn du den Tod
Verbannung nennst, so ist das nichts bessers als ob du mir den Kopf
mit einem goldnen Beil abhautest und zu dem Streich lcheltest,
womit du mir das Leben nimmst.

Lorenz.
O Todsnde!  O rohe Undankbarkeit!  Auf dein Vergehen sezt unser
Gesez den Tod; der gtige Frst tritt dazwischen, stt das Gesez
auf die Seite, und verwandelt das schwarze Wort Tod in Verbannung;
welch eine Gnade, und du siehst sie nicht?

Romeo.
Marter ist's, nicht Gnade!  Der Himmel ist da, wo Juliette lebt;
jede Kaze, jeder Hund, jede kleine Maus, jedes unwrdige Ding lebt
hier im Himmel, und kan sie ansehen, nur Romeo nicht.  Armselige
Schmeis-Fliegen haben mehr Recht, sind achtbarer, edler, glklicher
als Romeo; sie knnen sich auf die weisse Hand meiner theuren
Juliette sezen, und unsterbliche Wonne von ihren Lippen stehlen--
Fliegen knnen das thun, inde da ich von ihr fliehen mu; und
sagst du noch, da Verbannung nicht Tod ist?--Sie knnen's, nur
Romeo kan nicht, denn er ist verbannt--Hast du keinen Gift-Trank,
keinen Dolch, kein plzliches Todes-Werkzeug, (so elend es seyn mag,
kan es doch nicht so elend seyn als verbannt) mir das Leben zu
nemmen?  Ha!  Verbannt!  O Vater, die Verdammten in der Hlle brauchen
dieses Wort, und Heulen folgt darauf--Wie kanst du so unbarmherzig
seyn, du ein Mann Gottes, ein geistlicher Vater, ein Beichtiger,
und mein erklrter Freund, mich mit diesem verfluchten Wort, zu
zerschmettern?

Lorenz.
Wahnwiziger, liebeskranker Thor, hre mich reden--

Romeo.
O du willst wieder von Verbannung anfangen--

Lorenz.
Ich will dir Waffen geben, wodurch du dieses Wort von dir abhalten
kanst; die ssse Milch der Wiederwrtigkeit--Philosophie, die dich
beruhigen wird, ob du gleich verbannt bist.

Romeo.
Immer noch verbannt?  An den Galgen mit Philosophie; wenn
Philosophie nicht eine Juliette machen, eine Stadt versezen, die
Urthel eines Prinzen aufheben kan, so hilft sie nicht, so nzt sie
nichts, sagt mir nichts mehr davon--

Lorenz.
Nun dann, tolle Leute haben keine Ohren, wie ich sehe.

Romeo.
Wie sollten sie, wenn kluge Leute keine Augen haben?

Lorenz.
Komm, la uns vernnftig von deinen Umstnden reden--

Romeo.
Du kanst von dem nicht reden was du nicht fhlst; wrest du so jung
wie ich, und wre Juliette deine Liebste, wrst du vor einer Stunde
mit ihr verheurathet, und httest in dieser Stunde Tybalten
umgebracht, und liebtest bis zum Wahnwiz wie ich, und wrest wie
ich verbannt--dann mchtest du reden, dann mchtest du dir die
Haare ausrauffen, und dich auf den Boden werfen, wie ich izt thue,
und das Maas zu deinem Grabe nemmen.

(Er wirft sich auf den Boden.)

Lorenz.
Steh auf--es klopft jemand:

(Man hrt klopfen.)

Guter Romeo, verbirg dich.

Romeo.
Nein wahrhaftig, wenn nicht der Dampf Herzzersprengender Seufzer,
mich wie ein Nebel vor den Augen der Leute verbirgt.

Lorenz.
Horche!  was das fr ein Klopfen ist!  wer ist da?--

(leise.)

Romeo steh auf, du wirst ergriffen werden--

(laut.)

--Nur einen Augenblik Geduld!--

(leise.)

Steh auf,

(Man klopft immer lauter.)

lauf in meine Celle--

(laut.)

Gleich, gleich--Um Gottes willen, was fr eine Halsstarrigkeit ist
das!--

(Man klopft.)

Ich komme, ich komme.  Wer klopft so stark?  Wer seyd ihr?  Was wollt
ihr?

Amme (hinter der Scene.)
Lat mich nur ein, so sollt ihr gleich erfahren, worinn mein
Auftrag besteht--Ich komme von Frulein Juliette--

Lorenz.
So seyd willkommen--

(Er macht auf.)

(Die Amme tritt auf.)

Amme.
O ehrwrdiger Herr, o sagt mir, ehrwrdiger Herr, wo ist meiner
Frulein ihr Herr?  Wo ist Romeo?

Bruder Lorenz.
Hier, auf dem Boden, den seine Thrnen berschwemmen.

Amme.
O, so macht er's gerade wie mein Gndiges Frulein, sie macht's
gerade auch so; o trauervolle Sympathie!  Gerade so ligt sie,
schluchzend und weinend, und weinend und schluchzend--Die Baken
sind ihr ganz davon aufgeschwollen--Steht auf, steht auf--Steht,
wenn ihr ein Mann seyd--Um Juliettens willen, um ihrentwillen, auf
vom Boden und steht!  warum sollt ihr in ein so tiefes O!--fallen? --

Romeo.
Amme!--

Amme.
Ach, Gndiger Herr, Gndiger Herr!--Mit dem Tod hrt alles auf.

Romeo.
Redst du von Julietten?  Wie steht es um sie?  Glaubt sie nicht, ich
sey ein verhrtetet Ruchloser, ein Mrder vom Handwerk, da ich die
Kindheit unsrer Freude mit ihr so nahverwandtem Blut beflekt habe?
Wo ist sie?  Was macht sie?  Was sagt meine neuangetraute Gemahlin zu
den unverhoften Hinternissen unsrer Liebe?

Amme.
O, sie sagt nichts, Gndiger Herr; sie thut nichts als weinen und
weinen, und sinkt dann auf ihr Bett hin, und fhrt dann wieder auf,
ruft Tybalt, und dann Romeo,--und sinkt dann wieder von neuem hin--

Romeo.
--Als ob dieser Name wie aus dem tdtlichen Canal einer Flinte
geschossen, sie ermorde, wie dieses Namens verfluchte Hand ihren
Verwandten ermordet hat--Sag mir, Vater, sag mir, in was fr einem
verworfnen Theil dieses Krpers mein Name wohnt?  Sag mir's, damit
ich die verhate Wohnung zerstren kan.

(Er zkt seinen Degen.)

Bruder Lorenz.
Halt deine verzweifelnde Hand.  Deine Thrnen sind unmnnlich und
deine wilden Bewegungen die Ausbrche der vernunftlosen Wuth eines
wilden Thiers--Unweibliches Weibsbild in Gestalt eines Manns,
wildes Thier in der schnen Gestalt eines vernnftigen Geschpfs--
Du sezst mich in Erstaunen.  Bey meinem heiligen Orden!  Ich traute
dir mehr Muth, mehr geseztes Wesen zu.  Du hast Tybalten erschlagen--
Willt du nun auch dich, auch deine Geliebte, die in dir lebt,
ermorden?  Verachtest du so, was deine Geburt, was Himmel und Erde
fr dich gethan haben; alle drey vereinigten sich, dich gro und
glklich zu machen, und du willt alles durch einen Streich
verliehren?  Fy, fy, du entehrst deine Gestalt, deine Liebe, deine
Vernunft, da du, wie ein Wucherer, an allen dreyen so reich bist,
und keines zu dem edeln Gebrauch anwendest wozu du es empfiengest.
Deine schne Gestalt ist ohne den tapfern Muth eines Mannes, nur
ein wchsernes Bild--Deine heilig beschwohrne Liebe nur treuloser
Meineyd, da du eben diese Liebe tdten willst, die du zu ernhren
angelobet hast.  Deine Vernunft, welche beyde regieren und
verschnern sollte, wird wie Pulver in eines unachtsamen Soldaten
Beutel, durch deine eigne Unbesonnenheit in Feuer gesezt, und du
durch dasjenige aufgerieben, was dich beschzen sollte.  Wie, stehe
auf, Mann, deine Julia lebt noch, um derentwillen du todt warest:
Hierinn bist du glklich.  Tybalt wollte dir das Leben nehmen, aber
du nahmst es ihm; hierinn bist du auch glklich.  Das Gesez, das dir
den Tod drute, wurde dein Freund, und verwandelte ihn in
Verweisung; auch darinn bist du glklich.  Wie viel Glkseligkeiten--
und du erkennst sie nicht?  Die Glkseligkeit kleidet dich in ihren
schnsten Puz, und wie ein unartiges verdrieliches Mdchen,
schielst du dein Glk und deine Liebe mit unzufriednen Bliken an.
Nimm dich in acht, nimm dich in acht, solche Leute nehmen meistens
ein elendes Ende.  Geh, geh zu deiner Geliebten wie es abgeredet war,
steig in ihr Zimmer, weg, und trste sie; aber siehe zu, da du
dich nicht so lange verweilest, bis die Wache aufzieht; sonst
knntest du nicht nach Mantua entrinnen, wo du dich so lange
aufhalten sollst, bis wir die gelegne Zeit ersehen, eure Heyrath
bekannt zu machen, euch mit euern Freunden auszushnen, des Prinzen
Verzeihung zu erlangen, und dich mit zwanzigtausendmal mehr Freude
zurk zu beruffen, als izt der Schmerz ist mit dem du fortgehst.
Geh voran, Amme; grsse mir dein Frulein, und bitte sie, sie soll
machen, da das ganze Haus fein bald zu Bette komme, wozu die
allgemeine Betrbni sie ohnehin geneigt machen wird.  Romeo wird
bald nachfolgen.

Amme.
O Herre, ich htte die ganze Nacht hier stehen mgen, um so
gescheidte Sachen reden zu hren: O was das ist, wenn man
gestudiert ist!  Gndiger Herr, ich will meiner Frulein sagen, da
ihr kommen werdet.

Romeo.
Thu das, und bitte sie, sie soll sich gefat machen, mich
auszuschelten.

Amme.
Hier ist ein Ring, Gndiger Herr, den sie mir fr euch mitgab--
Eilet doch, macht hurtig, es ist schon sehr spt--


Romeo.
Wie schnell diese Erwartung meinen Muth wiederaufleben macht!

Bruder Lorenz.
Halte dich in Mantua auf; ich will einen zuverligen Mann fr euch
ausfndig machen, der euch von Zeit zu Zeit berichten soll, was fr
gnstige Umstnde sich hier fr euch ereignen.  Gieb mir deine Hand,
es ist spte, lebe wohl!  Gute Nacht!

Romeo.
Rieffe mich nicht Freude ber alle Freuden hinweg, wie schmerzlich
wrde mir dieser schnelle Abschied seyn!

(Sie gehen ab.)



Sechste Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Capulet, Lady Capulet und Paris treten auf.)


Capulet.
Es sind so unglkliche Umstnde eingefallen, mein Herr, da wir
keine Zeit gehabt haben, unsrer Tochter zuzureden.  Seht ihr, sie
liebte ihren Vetter Tybalt gar herzlich, und das that ich auch--
Wohl, wir werden gebohren, um wieder zu sterben--Es ist sehr spt,
sie wird diese Nacht nicht herunter kommen; ich versichre euch,
wenn mir eure Gesellschaft nicht so lieb wre, ich wrde schon eine
Stunde im Bette seyn.

Paris.
Ich bescheide mich gerne, da diese Trauer-Tage keine Zeit zu
Liebes-Bewerbungen sind.  Gute Nacht, Gndige Frau--Empfehlt mich
eurer Tochter--


Lady Capulet.
Ich will, und morgen frh nachforschen, wie sie gesinnt ist--Fr
diese Nacht ist sie zu ihrer Traurigkeit eingeschlossen.

Capulet.
Signor Paris, ich getrau es auf mich zu nehmen, euch meines Kindes
Liebe zu versprechen: Ich denke, sie wird sich in allen Stken von
mir regieren lassen--nichts weiter, ich zweifle gar nicht, Frau,
geh du noch zu ihr, eh du zu Bette gehst, gieb ihr Nachricht von
Signor Paris Liebe, und sag ihr, hrst du, bis nchsten Mittwoch--
aber sachte--was ist heut fr ein Tag? --

Paris.
Montag, Gndiger Herr.

Capulet.
Montag?  Ha, ha, gut, Mittwoch ist zu bald, lat es den Donnerstag
seyn; nchsten Donnerstag, sag ihr, soll sie mit diesem edeln
Grafen vermhlt werden--Wollt ihr bisdahin fertig seyn?  Seyd ihr
mit dieser Eilfertigkeit zufrieden?--wir wollen kein grosses Wesen
nicht machen--Einen oder zween Freunde--Denn, seht ihr, da Tybalt
so krzlich erst ermordet worden, so wrde es so herauskommen, als
ob wir wenig Antheil an seinem Unfall nhmen, wenn wir grosse
Freuden-Bezeugungen anstellen wollten--Dewegen wollen wir etwann
ein halb Duzend Freunde haben, und damit ist's aus.  Aber was sagt
ihr zum Donnerstag?

Paris.
Gndiger Herr, ich wollte der Donnerstag wre Morgen.

Capulet.
Gut, gut, geht izt zu Bette--auf Donnerstag sey es also--

(Zu Lady Capulet.)

Du, geh zu Julietten eh du zu Bette gehst, Weib--Bereite sie auf
ihren Hochzeit-Tag vor.  Lebt wohl, Graf--Licht in mein Zimmer, he!--
Geht zu, geht zu, es ist schon so spt, da wir's bald frh heissen
drften.  Gute Nacht--

(Sie gehen ab.)



Siebende Scene.
(Juliettens Zimmer, von der Garten-Seite.)
(Romeo und Juliette, oben an einem Fenster; woran eine Strik-
 Leiter befestigt ist.)


Juliette.
Willt du schon gehen?  Es ist noch lange bis zum Tag: Es war die
Nachtigall und nicht die Lerche, die dich vorhin erschrekte--sie
pflegt alle Nacht auf jenem Granatbaum zu singen; glaube mir, mein
Herz, es war die Nachtigall.

Romeo.
Es war die Lerche, die Heroldin des Morgens, nicht die Nachtigall.
Siehst du, meine Liebe, die neidischen Streiffen, die dort im Osten
die sich scheidenden Wolken umwinden: Die Kerzen der Nacht sind
abgebrannt, und der frliche Tag gukt auf den Zehen stehend ber
die Spizen der neblichten Berge.  Ich mu gehen und leben, oder
bleiben und sterben.

Juliette.
Jenes Licht ist nicht Tag-Licht, glaube mir's, es ist irgend ein
Meteor, das die Sonne ausdnstet, um in dieser Nacht deine Reise
nach Mantua zu beleuchten; bleibe noch ein wenig, du sollst nicht
so frh gehen.

Romeo.
La mich ergriffen, la mich zum Tod verurtheilt werden; ich bin
zufrieden, wenn du es haben willst.  Ich will sagen, jenes Grau sey
nicht des Morgens Auge, sondern nur der blasse Gegenschein von
Cynthia's Stirne; und es sey nicht die Lerche, deren Noten so hoch
ber unserm Haupte zu den himmlischen Gewlben hinauftnen.  Nichts
als die Sorge um unsre Sicherheit kan mich aus deinen Armen reissen;
aber Juliette will's, und der Tod soll mir willkommen seyn.  Wie
ists, meine Seele?  La uns schwazen, es ist noch nicht Tag.

Juliette.
Es ist, es ist; verla mich, fliehe, mein Geliebter; es ist die
Lerche, die so tonlo singt, ihr milautendes, unangenehm-scharfes
Gurgeln ruft dich weg--O gehe, gehe, es wird immer heller und
heller.

Romeo.
Sage, immer finstrer und finstrer, da ich in wenigen Augenbliken
dich nicht mehr sehen werde.  (Die Amme kommt herein.)

Amme.
Gndige Frau--

Juliette.
Amme?

Amme.
Euer Gnaden Frau Mutter ist im Begriff heraufzukommen: Der Tag
bricht an, nehmt euch in Acht, seht euch vor--

(ab.)

Juliette.
So mu ich dann von meinem Leben scheiden? --

Romeo.
Lebe wohl, lebe wohl; noch einen Ku, und ich will gehen.

(Romeo steigt aus dem Fenster herab.)

Juliette.
Und gehst du dann so?  O mein Liebster, mein Herr, mein Gemahl, mein
Freund!  Ich mu alle Tage Nachricht von dir haben, alle Stunden,
denn in einer Minute ohne dich sind viele Tage.  Ach!  nach dieser
Rechnung werd' ich alt seyn, eh ich meinen Romeo wieder sehe.

Romeo.
Lebe wohl, meine Liebe: ich will keine Gelegenheit versumen,
wodurch ich dir meinen Gru bermachen kan.

Juliette.
Ach, denkst du, wir werden uns jemals wieder sehen?

Romeo.
Zweifle nicht; es wird eine Zeit kommen, wo alle diese
Wiederwrtigkeiten uns zum Stoff angenehmer Gesprche dienen werden.

Juliette.
O Gott!  ich hab' eine Unglk-weissagende Seele--Mich dnkt, ich seh
dich, da ich so auf dich hinunter schaue, wie einen, der todt in
seinem Grabe ligt.  Entweder werden meine Augen dster, oder du
siehst bleich--


Romeo.
Glaube mir, Liebe, du kommst mir eben so vor; der Kummer trinkt das
Blut in unsern Wangen auf--Lebe wohl, lebe wohl!--

(Romeo geht ab.)



Achte Scene.


Juliette.
O Glk, Glk, alle Leute nennen dich unbestndig; wenn du
unbestndig bist, was thust du mit dem, dessen Treue du kennen
solltest?  Doch, sey immerhin unbestndig, denn so hab ich Hoffnung,
da du ihn nicht lange behalten, sondern mir bald zurckschiken
wirst.  (Lady Capulet tritt auf.)

Lady.
Wie, Tochter, seyd ihr schon auf?

Juliette.
Wer ist da, wer ruft?  Ist es meine Gndige Mamma?  Was fr eine
ungewhnliche Ursache fhrt sie so frh hieher?

Lady.
Wie, Juliette, wie steht's um dich?

Juliette.
Ich bin nicht wohl, Gndige Frau.

Lady.
Immer noch in Thrnen um deines Vetters Tod?  Wie, hofst du ihn mit
deinen Thrnen aus seinem Grab herauszuwaschen?  Wenn du es auch
knntest, so knntest du ihn doch nicht wieder lebendig machen.
Gieb dich also einmal zufrieden.  Ein gemssigter Schmerz ist ein
Beweis der Liebe; aber zuviel Schmerz beweist allemal zu wenig
Verstand.

Juliette.
Ich kan einen so empfindlichen Verlust nicht zuviel beweinen.

Lady.
Auf diese Art verewigst du das Gefhl deines Verlusts, und kanst
doch den Freund nicht zurk bringen, dessen Verlust du beweinst.

Juliette.
So wie ich den Verlust meines Freundes fhle, kan ich nicht anders
als ihn immer beweinen.

Lady.
Gut, Mdchen, du weinst nicht so sehr um seinen Tod, als da der
Bsewicht lebt, der ihn ermordet hat.

Juliette.
Was fr ein Bsewicht, Gndige Frau?

Lady.
Was fr ein andrer als Romeo?

Juliette

(leise.)

Bsewicht, und er, sind manche Meilen von einander.

(laut.)

Gott verzeih' ihm!  Ich thue es von ganzem Herzen--Und doch ist
niemand der meinem Herzen empfindlichere Schmerzen verursacht als
er.

Lady.
Du meynst, weil der Verrther lebt--

Juliette.
Ich, gndige Frau,--

(leise.)

Ohne da ihn diese meine Arme erreichen knnen--

(laut.)

Ich wollte nichts, als da ich allein meines Vetters Tod rchen
drfte.

Lady.
Wir wollen uns Rache verschaffen, sey du unbekmmert; hre nur auf
zu weinen.  Ich will jemand nach Mantua, wo der verbannte Renegat
sich aufhlt, senden, der ihn bald genug dem Tybalt nachschiken
soll; und dann, hoff ich, wirst du doch zufrieden seyn.

Juliette.
In der That, Gndige Frau, ich werde nie mit Romeo zufrieden seyn,
ich seh' ihn dann--todt--ist mein armes Herz fr meinen
unglklichen Freund.* Gndige Frau, wenn ihr mir nur einen Mann
finden knnt, der ihm einen Gift-Trank bringen wollte, ich wollte
ihn so mischen, da Romeo, sobald er ihn eingenommen htte, im
Frieden schlafen sollte--O!  wie mein Herz es verabscheut, da ich
ihn nennen hre--und nicht zu ihm kommen kan--um die Liebe, die ich
zu meinem ermordeten Vetter trug, an der Person desjenigen
auszulassen, der ihn ermordet hat.

{ed.-* Der Leser bemerkt ohne unsre Erinnerungen, den erknstelten
Doppelsinn in den Reden der Juliette, womit der Autor ein ziemlich
kindisches Spiel treibt.  Man hat sie, so gut es mglich war,
auszudrken gesucht, obgleich die natrliche Wortfgung in unsrer
Sprache sich nicht recht dazu bequemen wollte.}

Lady.
Finde du nur das Mittel aus, und la du mich fr den Mann sorgen.
Aber nun will ich dir eine angenehme Zeitung sagen, Mdchen.

Juliette.
Sie kommt sehr zu gelegner Zeit, wenn sie angenehm ist.  Und worinn
besteht sie dann, wenn ich Euer Gnaden bitten darf?

Lady.
Gut, gut, du hast einen sorgfltigen Vater, Kind; der, um dich von
deiner Schwermuth zu befreyen, einen unverhoften Freuden-Tag
angeordnet hat, an den keine von uns beyden dachte.

Juliette.
Und darf man fragen, was fr ein Tag das ist, Gndige Frau?

Lady.
Den nchsten Donnerstag, mein Kind, frh Morgens wird der junge,
edle, liebenswrdige Graf Paris in St.  Peters Kirche dich zu einer
glklichen Braut machen.

Juliette.
Nun, bey St.  Peters Kirch, und bey St.  Peter selbst, das soll er
nicht.  Ich bin sehr verwundert, da ich mit so grosser
Eilfertigkeit vermhlt werden soll, eh mein bestimmter Gemahl sich
die mindeste Mhe um mich gegeben hat.  Ich bitte Eu.  Gnaden, sagt
meinem Herrn und Vater, da ich noch nicht heurathen will; und wenn
ichs thue, so soll es eher Romeo seyn, den ich hasse, wie ihr wit,
als Paris--das sind neue Zeitungen, in der That!

Lady.
Hier kommt euer Vater, sagt ihm das selbst, und seht wie wohl ers
von euch aufnehmen wird.  (Capulet und Amme zu den Vorigen.)

Capulet.
Nun, wie gehts?  was machst du, Mdchen?  Wie, immer noch Thrnen?
Immer regnerisch?  Du stellst in deiner einzigen kleinen Person ein
Schiff, die See und den Wind vor; deine Augen, die eine immer
abwechselnde Ebbe und Fluth von Thrnen machen, sind die See; dein
Leib ist das Schiff das in dieser salzichten See dahersegelt; und
die Winde deine Seufzer, die, mit deinen Thrnen in die Wette
rasend, wenn nicht eine plzliche Stille erfolgt, deinen vom Sturm
herumgewlzten Leib endlich untergehen machen werden--Was ist's,
Frau?  Habt ihr dem Mdchen unsern Entschlu bekannt gemacht?

Lady.
Ja, mein Herr; aber sie will nichts davon hren, sie bedankt sich
davor; ich wollte, die Nrrin wre mit ihrem Grabe verheurathet.

Capulet.
Sachte, nehmt mich mit, Frau, nehmt mich mit euch.  Wie, sie will
nichts davon hren?  Sie dankt uns nicht davor?  Sie ist nicht stolz
darauf, sie schzt sich nicht glklich so unwrdig als sie ist, da
wir ihr einen so wrdigen Edelmann zum Brutigam auserkohren haben?

Juliette.
Nicht stolz darauf, da ihr es gethan habt, aber doch dankbar;
stolz kan ich nicht seyn auf etwas das ich hasse, aber dankbar,
selbst fr etwas Bses das eure Liebe gut gemeynt hat.

Capulet.
Wie, was, wie, Distinctionen-Macherin?  Was soll das bedeuten?  Stolz!
und ich dank euch!  und ich dank euch nicht!  und doch nicht stolz!--
Wie, Frulein Wunderlich, Ihr, schwazt mir nichts von Dank und
Stolz und Unstolz und Undank daher, sondern legt eure schnsten
Kleider auf Donnerstag Morgen zurechte, um mit Paris zur St.  Peters
Kirche zu gehen, oder ich will dich auf einer Schleiffe hinziehen
lassen.  Aus meinem Gesicht, du bleichschtiges Raben-Aas!  Fort, du
Sausdel!  du Talk-Gesicht!

Lady Capulet.
Fy, fy, wie, seyd ihr toll?

Juliette.
Liebster Herr Vater, ich bitte euch auf meinen Knien, hrt mich nur
ein einziges Wort mit Geduld an.

Capulet.
An den Galgen, du junge Meze!  Ungehorsame, leichtfertige Creatur!
Ich will dir was sagen, geh mir auf den Donnerstag in die Kirche,
oder komm mir nimmer vor mein Angesicht.  Sag nichts, replicier
nicht, antworte mir nichts; meine Finger juken mir.  Weib, wir
hielten uns kaum fr glklich, weil uns Gott nur dieses einzige
Kind gegeben hatte; aber nun seh ich, da dieses einzige zuviel ist,
und da wir sie zu einem Fluch bekommen haben--Aus meinem Gesicht,
Bastart!

Amme.
Gott im Himmel segne sie!  Ihr habt unrecht, Gndiger Herr, da ihr
so hart mit ihr verfahrt.

Capulet.
Und wie, My Lady Weisheit?  Haltet ihr euer Maul, und schnattert mit
euern Gevattrinnen--pakt euch--


Amme.
Ich rede nichts unrechtes;--O, Gott gebe euch einen guten Tag--Darf
eins nicht mehr reden?

Capulet.
Still, still, ihr murmelnde Nrrin, spielt eure Gravitt wenn ihr
mit euern Gevatterinnen zecht; hier haben wir ihrer nicht vonnthen.

Lady.
Ihr seyd zu hizig.

Capulet.
Wie, Sakerlot!  Soll einen das nicht wild machen?  Tag und Nacht,
frh und spat, daheim und ausser dem Haus, allein und in
Gesellschaft, wachend und schlafend ist immer meine einzige Sorge
gewesen, wie ich sie wohl verheurathen wolle: und izt, da ich einen
wakern jungen Edelmann, von schnen Mitteln, von der ansehnlichsten
Verwandtschaft, fr sie gefunden habe; der, wie alle Leute sagen,
Verdienste hat; kurz einen Mann, wie man sich einen wnschen mag,
soll ich eine heillose alberne Trpfin, ein pinselndes Ppchen
haben, die, wenn das Glk sie anlacht, antwortet: Ich will noch
nicht heurathen--Ich kan nicht lieben--Ich bin noch zu jung--ich
bitte um Vergebung--Gut, wenn ihr nicht heurathen wollt, so will
ich euch vergeben; grat wo ihr wollt, aber mit mir sollt ihr nicht
in einem Hause leben; berlegts, denkt ihm nach, es ist mein
Brauch nicht, zu spassen.  Es ist nicht mehr lange bis Donnerstag;
leg die Hand auf dein Herz, bedenk dich; wenn du mein bist, so will
ich dich meinem Freunde geben; und bist du's nicht, so hng dich,
bettle, verhungre, stirb auf der Strasse; bey meiner Seele, ich
will dich nicht fr mein Kind erkennen, und du sollst von dem
meinigen nicht soviel bekommen, als du auf der Zunge spren
knntest--Verla dich drauf, und bedenk dich, ich werde meinen Eyd
gewi nicht brechen.

(Er geht ab.)

Juliette.
Ist denn hier kein mitleidiges Wesen, in den Wolken sizend, das in
den Grund meines Schmerzens hinabschaut?--O meine liebste Mutter,
werft mich nicht hinweg, verschiebt diese Heurath nur einen Monat--
nur eine Woche; oder, wenn ihr nicht wollt, so macht mein Braut-
Bette in das dstre Begrbni, wo Tybalt ligt.

Lady Capulet.
Wende dich nicht an mich, ich will kein Wort reden: Thu, was du
willst, ich habe dir nichts mehr zu sagen.

(Sie geht ab.)

Juliette.
O Gott!  O Amme, wie kan diesem vorgebaut werden?  Mein Gemahl ist
auf Erden; meine Treue im Himmel; wie kan diese Treue wieder zurk
kommen, wenn nicht mein Gemahl sie mir zurkschikt, indem er die
Erde verlt?--Trste mich, gieb mir einen Rath.  O Jammer, Jammer,
da der Himmel so hart, so streng mit einem so sanften Geschpf als
ich bin, verfahren soll!  Was sagst du?  Hast du kein einziges
trstliches Wrtchen?  Nur einen kleinen Trost, Amme! --

Amme.
Ey ja, und hier ist er; Romeo ist verbannt: Ich wette die ganze
Welt gegen nichts, da er das Herz nicht hat, zurk zu kommen, und
Anspruch an euch zu machen; oder wenn ers thun wollte, so mt er's
doch nur heimlich thun.  Weil also die Umstnde so beschaffen sind,
so wre das beste, ducht mich, ihr nhmet den Grafen.  Oh, er ist
ein liebenswrdiger junger Herr!  Romeo ist nur ein Feg-Lumpen gegen
ihn; ein Adler hat kein so scharfes, so munteres, so schnes Aug
als Paris hat.  Ich will nicht ehrlich seyn, wenn diese andre Partie
nicht besser ist als die erste; und wenn es auch nicht wre, so ist
ja euer erster Mann gestorben, oder so viel als gestorben, da er
fern von hier lebt, und euch zu nichts gut ist.

Juliette.
Redst du aus deinem Herzen?

Amme.
Und aus meiner Seele dazu, oder ich will beyde verlohren haben!

Juliette.
Amen.

Amme.
Was?

Juliette.
Gut; du hast mir einen vortrefflichen Trost gegeben; geh hinein,
und sag der Gndigen Frau, weil ich meinen Vater erzrnt habe, so
sey ich in Bruder Lorenzens Celle gegangen, um meine Beicht
abzulegen, und den Abla zu empfangen.

Amme.
Meiner Six, das will ich; und es ist auch wohl gethan.

(Sie geht ab.)

Juliette.
Alte Todsnde!  bser verfhrischer Teufel!  Es ist wol eine grssere
Snde von dir, da du mich treubrchig machen willst, und da du
meinen Gemahl mit eben dieser Zunge lsterst, mit der du ihn so
viel tausendmal ber alles erhoben hast?  Geh, Rathgeberin--du und
mein Busen sollen von nun an keine Gemeinschaft mehr mit einander
haben: Ich will zu dem Pater, um zu hren, ob er mir zu helfen wei;
und fehlt alles andre, so hab ich Muth zum Sterben.

(Sie geht ab.)




Vierter Aufzug.



Erste Scene.
(Das Kloster.)
(Bruder Lorenz und Paris treten auf.)


Bruder Lorenz.
Auf den Donnerstag, Gndiger Herr!  Die Zeit ist sehr kurz.

Paris.
Mein Vater Capulet will es so haben, und seine Eilfertigkeit stimmt
zu sehr mit meinen Wnschen berein, als da ich sie aufzuhalten
gedenken knnte.

Bruder Lorenz.
Ihr gesteht doch, da ihr die Gesinnungen der jungen Dame noch
nicht wit--Diese Sache geht nicht wie sie gehen soll; es gefllt
mir gar nicht.

Paris.
Sie berlt sich einer ganz unmssigen Traurigkeit ber Tybalts
Tod, und das war die Ursache, warum ich ihr noch wenig von Liebe
sagen konnte; denn Venus lchelt nicht in einem Trauer-Hause.  Nun
hlt es ihr Vater fr gefhrlich, da sie ihrem Kummer so viel Plaz
geben solle, und beschleuniget unsre Vermhlung, in der Absicht,
dem Lauf ihrer Thrnen dadurch Einhalt zu thun; allein und sich
selbst berlassen, findet sie eine Art von Ergzung darinn, eine
Traurigkeit zu nhren, von der nichts als die Gesellschaft sie
zerstreuen kan.  Begreift ihr nun die Ursache dieser Eilfertigkeit?

Bruder Lorenz (bey Seite.)
Ich wollt', ich wite nicht, warum ihr Einhalt gethan werden mu--
Seht, Gndiger Herr, hier kommt das Frulein gegen meine Celle her.
(Juliette zu den Vorigen.)

Paris.
Willkommen, meine Liebe, meine Gebieterin, und mein Weib.

Juliette.
Das erste mag alsdann seyn, wenn das lezte seyn kan.

Paris.
Das wird, das mu nchsten Donnerstag seyn, meine Liebe.

Juliette.
Was seyn mu, das wird seyn.

Bruder Lorenz.
Das ist ein Text, ber den kein Streit seyn kan.

Paris.
Kommt ihr, diesem Vater zu beichten?

Juliette.
Wenn ich diese Frage beantwortete, so wrd' ich euch beichten.

Paris.
Lugnet ihm wenigstens nicht, da ihr mich liebet.

Juliette.
Ich will euch hiemit gebeichtet haben, da ich ihn liebe.

Paris.
Das will ich auch; ich bin gewi, da ihr mich liebt.

Juliette.
Wenn ich das thue, so wrd' es von grsserm Werth seyn, es hinter
euerm Rken, als es euch ins Gesicht zu sagen.

Paris.
Arme Seele, dein Gesicht ist ganz von Thrnen entstellt.

Juliette.
Die Thrnen haben nur einen kleinen Sieg dadurch erhalten, denn es
war vorhin schon schlecht genug.

Paris.
Du thust ihm mehr Unrecht, mein Kind, indem du das sagst, als alle
deine Thrnen.

Juliette.
Was die blosse Wahrheit ist, mein Herr, ist keine Verlumdung; und
was ich da sagte, sagt' ich zu meinem Gesicht.

Paris.
Dein Gesicht ist mein, und du hast es verleumdet.

Juliette.
Es mag seyn, denn mein ist es in der That nicht--Ist es euch izt
gelegen, heiliger Vater, oder soll ich nach der Vesper wieder
kommen?

Bruder Lorenz.
Ich habe izt Musse, meine Gedanken-volle Tochter.  Gndiger Herr,
mit eurer Erlaubni--


Paris.
Gott verhte, da ich eure Andacht stren wolle--Juliette, nchsten
Donnerstag will ich euch frh genug weken--bis dahin, adieu, mit
diesem unschuldigen Ku.

(Paris geht ab.)

Juliette.
Geh, verschlie die Thr, und wenn du's gethan hast, so komm, und
weine mit mir--Mein Elend lt keine Hoffnung, kein Mittel, keine
Rettung brig.

Bruder Lorenz.
O Juliette, ich kenne deine Noth, und es ngstigt mich, da ich
kein Mittel kenne dir zu helfen.  Bis nchsten Donnerstag, hr' ich,
sollt ihr an diesen Grafen vermhlt werden, und nichts kan es
hintertreiben.

Juliette.
Sage mir nichts davon, da du das hrst, wenn du mir nicht sagen
kanst, wie ich's vermeiden kan.  Wenn deine Weisheit dir kein Mittel
an die Hand geben kan, so billige du nur meinen Entschlu, und ich
will mir auf der Stelle durch diesen Dolch helfen.  Gott vereinigte
mein Herz und Romeo's; du, unsre Hnde; und eh diese Hand, die du
meinem Romeo versiegelt hast, eh dieses Herz, das ihn allein fr
seinen Herrn erkennt, verrthrischer Weise sich einem andern
ergeben soll, eh soll dieser Stahl beyden die Bewegung rauben.
Suche also in der Wissenschaft, womit die graue Erfahrung eines
langen Lebens dich bereichert hat, einen schleunigen Rath; oder
gestatte, da dieses blutige Messer der Schiedrichter zwischen mir
und meinem grausamen Schiksal sey--Antworte mir kurz--ein jeder
Augenblik den ich noch lebe, ist mir verhat, wenn das was du mir
sagen willst, kein Rettungs-Mittel ist.

Bruder Lorenz.
Halt ein, meine Tochter, ich entdeke eine Art von Hoffnung, die von
einem eben so verzweifelten Mittel abhngt, als dasjenige ist, was
wir vermeiden wollen.  Wenn du entschlossen bist dir eher selbst das
Leben zu nehmen, als den Grafen Paris zu heurathen, so ist zu
vermuthen, du werdest dir kein Bedenken machen etwas zu wagen, das
dem Tod hnlich ist, um einer Schande zu entgehen, der du dich
durch den Tod selbst zu entziehen bereit bist.  Wofern du also Muth
genug dazu hast, will ich dir ein Mittel geben.

Juliette.
O, befiehl mir, eher als da ich mich dem Paris berlasse, von den
Zinnen jenes Thurms herabzuspringen, oder fele mich an die
felsichte Spize eines steilen Gebrgs, wo heulende Bren und Grimm-
volle Lwen schwrmen--Oder schlie mich eine ganze Nacht durch in
ein Beinhaus ein, bis an den Hals, mit morschen Todten-Knochen,
drren Schien-Beinen, und kahlen gelben Schdeln bedekt--oder
befiehl mir in ein neugemachtes Grab zu gehen, und mich zu einem
Todten unter sein Leichen-Tuch zu verbergen--Dinge, wovon der
blosse Gedanke mich zittern macht--befiehl mir's, und ich will es
ohne Zgern thun, um meinem Geliebten eine unbeflekte Treue zu
erhalten.

Bruder Lorenz.
Wolan dann, so geh heim, sey aufgerumt, und thu, als ob du in
deine Vermhlung mit dem Paris einwilligest; morgen ist Mittwoch;
morgen Nachts siehe, da du dich von deiner Amme erledigest, und
allein ligen knnest; und wann du dann in deinem Bette bist, so
nimm diese Phiole, und trinke sie rein aus, so wird augenbliklich
ein erkltender einschlfernder Dunst durch alle deine Adern
lauffen, und jeden deiner Lebens-Geister binden; der Kreislauf
deines Bluts wird stillstehen, keine Wrme, kein Athem wird
verrathen, da du noch lebest; die Rosen auf deinen Lippen und
Wangen werden zu aschfarber Blsse verwelken; deine Auglieder sich
schliessen, als ob der Tod selbst sie vorm Licht des Tages
verriegelt htte; jeder Theil, seiner elastischen Biegsamkeit
beraubt, wird steif, kalt und starr seyn; und in dieser
anscheinenden Todes-Gestalt wirst du zwo und vierzig Stunden
verharren, und dann wie aus einem sssen Schlaf erwachen.  Wenn nun
der Brutigam des Morgens kommt, dich aufzuweken, so bist du todt,
und wirst dann, nach dem Gebrauch unsers Landes, in deinem
schnsten Anzug in eine Baare ohne Dekel gelegt, und in das
Begrbni deiner Familie gebracht--in eben diese alte Gruft, wo
alle Abkmmlinge der Capulets ligen.  In der Zwischen-Zeit bis du
erwachst, will ich durch Briefe den Romeo von unserm Anschlag
benachrichtigen, und ihn hieher beruffen; er und ich wollen dein
Erwachen abwarten, und in der nemlichen Nacht soll Romeo dich von
hier nach Mantua bringen.  Hier hast du das Mittel, das dich von der
vorschwebenden Schande, die du frchtest, retten kan, wenn du frey
genug von weibischer Zagheit bist, es mit Entschlossenheit zu
gebrauchen.

Juliette.
Gieb mirs, o, gieb mir's, sag mir nichts von Furcht.

(Sie nimmt die Phiole.)

Bruder Lorenz.
Gut, geh izt, und bleibe standhaft bey diesem Entschlu; ich will
eilends einen vertrauten Ordensmann mit Briefen an deinen Gemahl
nach Mantua senden.

Juliette.
Liebe, gieb mir Strke, und Strke wird mir Hlfe geben--Lebet wohl,
mein theurer Vater!--

(Sie gehen ab.)



Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Capulets Haus.)
(Capulet, Lady Capulet, Amme, und zween oder drey Bediente treten
auf.)


Capulet.
Lade alle Gste ein, deren Namen auf diesem Papier sind--Du, geh
und bestelle mir zwanzig gute Kche.

Bedienter.
Ihr sollt keinen schlechten kriegen, Gndiger Herr, denn ich will
probieren, ob sie ihre Finger leken knnen.

Capulet.
Wie willst du das probieren?

Bedienter.
Sapperment, Gndiger Herr, das mu ein schlechter Koch seyn, der
seine eigne Finger nicht leken kan; wenn also einer seine Finger
nicht leken kan, so soll er daheim bleiben.

Capulet.
Geh, geh--Wir werden schlecht genug auf einen solchen Anla
versehen seyn--He?  ist meine Tochter zu Bruder Lorenzen gegangen?

Amme.
Ja, wahrlich.

Capulet.
Gut; vielleicht kan er etwas gutes bey ihr ausrichten: die unartige,
eigensinnige Beze, die sie ist!  (Juliette zu den Vorigen.)

Amme.
Seht, da kommt sie von der Beichte; sie sieht ganz frlich aus--

Capulet.
Was giebts, Starr-Kopf?  Wo seyd ihr herumgeschwrmt?

Juliette.
Ich war an einem Ort, wo ich die Snde des Ungehorsams gegen euch
und eure Befehle bereuen lernte, und wo mir auferlegt wurde, auf
meine Knie zu fallen und euch um Vergebung zu bitten--Vergebet mir
also, ich bitte euch; von nun an soll euer Wille allezeit meine
Richtschnur seyn.

Capulet.
Schikt nach dem Grafen, geht, sagt ihm das; ich will diesen Knoten
gleich morgen zusammengeknpft haben.

Juliette.
Ich traf ihn in Bruder Lorenzens Celle an, und begegnete ihm so
freundlich als ich konnte, ohne die Grenzen der Anstndigkeit zu
berschreiten.

Capulet.
Gut, das hr' ich gerne, es ist gut, steh auf; es ist wie es seyn
soll; ich mu den Grafen sehen--He, zum Henker, geht, sag' ich, und
holt ihn her--Nun, bey Gott, dieser Pater ist in der That ein
ehrwrdiger heiliger Mann, und ein Mann, dem unsre ganze Stadt viel
zu danken hat.

Juliette.
Amme, wollt ihr mit mir in mein Zimmer gehen, und mir den Puz
aussuchen helfen, den ihr auf den morgenden Tag schiklich findet?

Lady Capulet.
Es ist noch Zeit genug bis Donnerstag.

Capulet.
Geh, Amme, geh mit ihr; morgen soll die Ceremonie vor sich gehen.

(Juliette und Amme gehen ab.)

Lady Capulet.
Aber wo sollen wir auf diese Weise Zeit zu den Vorbereitungen
hernehmen?  Es ist schon beynahe Nacht.

Capulet.
Still, ich will selbst ausgehen, und es soll fr alles gesorgt
werden, Frau, ich stehe dir davor.  Geh du zu Julietten, hilf sie
aufpuzen; ich will heute nicht zu Bette gehen, la mich allein: Ich
will einmal in meinem Leben die Hausmutter vorstellen--he!  holla!--
Sie sind alle fort; gut, ich will selbst zu Graf Paris gehen, damit
er sich auf morgen gefat mache.  Es ist mir recht leicht um's Herz,
seitdem sich das Hexen-Mdchen so zum Ziel gelegt hat.

(Sie gehen ab.)



Dritte Scene.
(Juliettens Zimmer.)
(Juliette und die Amme treten auf.)


Juliette.
Ja, dieser Anzug ist der beste; aber, liebe Amme, ich bitte, la
mich heute Nacht allein; ich werde einen guten Theil davon mit
beten zubringen, um den Himmel zu bewegen, da er mein Vorhaben
begnstige--Du kennst meine sndhaften Umstnde, und weist also
wol, da ichs nthig habe.  (Lady Capulet zu den Vorigen.)

Lady.
Wie, so geschftig?  Kan ich euch was helfen?

Juliette.
Nein, Gndige Mamma, wir haben alles zusammengesucht, was wir auf
unsern morgenden Umstand nthig haben knnen; wenn ihr's erlauben
wolltet, so wnscht' ich izt allein gelassen zu werden, und da ihr
die Amme bey euch aufbleiben liesset; denn ich bin gewi, da ihr
bey diesem unverhoften Vorfall alle Hnde voll zu thun haben werdet.

Lady Capulet.
Gute Nacht, geh du zu Bette und schlafe; du hast es vonnthen.

(Lady Capulet und Amme gehen ab.)

Juliette.
Gute Nacht--Gott wei, wenn wir uns wieder sehen werden!--Ich wei
nicht was fr ein kalter schrekhafter Schauer durch meine Adern
fhrt--Ich will sie zurkruffen, da sie mir einen Muth einsprechen--
Amme!--Aber was soll sie hier?  Ich mu meine schrekenvolle Scene
nothwendig allein spielen--Komm, Phiole--Wie wenn diese Tinctur
keine Wrkung thte?  Soll ich mich dann mit Gewalt an den Grafen
verheurathen lassen?  Nein, nein, di soll es verwehren--Lig' du
hier--

(Sie weit auf einen Dolch.)

Wie, wenn es ein Gift wre, das mir der Pater auf eine feine Art
beybringen will, um mich aus dem Wege zu schaffen, aus Furcht seine
Ehre mchte unter dieser Heurath leiden, da er mich schon vorher
mit dem Romeo getrauet hat?  Ich frcht', es ist so, und doch,
ducht mich, kan es nicht seyn, denn er ist immer als ein heiliger
Mann befunden worden.  Wie, wenn ich, nachdem man mich in die Gruft
geleget, eher erwache als Romeo gekommen ist, mich abzuholen?  Das
ist ein frchterlicher Umstand: Werd ich nicht in diesem Gewlbe,
dessen fauler Mund keine gesunde Luft einathmet, von dem
verpesteten Schwall erstikt werden, eh mein Romeo kommt?  Und wenn
ich auch lebe, ist es nicht ganz natrlich, da die grauenvolle
Scene von Tod und Nacht, die Vorstellung des Orts, wo ich bin--in
diesem uralten Gewlbe, wo seit so vielen hundert Jahren die
Gebeine aller meiner Vorfahren zusammengehuft ligen--wo der
blutige Tybalt in ghnender Verwesung in seinen Grabtchern ligt--
wo, wie man sagt, zu gewissen Stunden in der Nacht Geister gehen--O!
Himmel, ist es nicht wahrscheinlich, da die scheuslichen
Ausdnstungen, das grliche Geheul der Gespenster, (gleich den
Alraunen, wenn sie aus der Erde gerissen werden,) Tne, von deren
Anhren lebende Menschen den Verstand verliehren--mich vor der Zeit
erweken werden; oder wenn ich erwache, werd' ich von allen diesen
Schreknissen umringt, von Sinnen kommen, wahnwiziger Weise mit
meiner Voreltern Gebeinen spielen, den halbverfaulten Tybalt aus
seinen Tchern reissen, und in dieser Raserey, mit den Knochen
irgend eines grossen Ahnherrn, wie mit einer Keule, mir mein
verzweifelndes Gehirn ausschlagen?--O!  Sieh, mich ducht ich sehe
meines Vetters Geist, der diesen Romeo bey mir sucht, seinen Mrder!
und meinen Gemahl!--Halt, Tybalt, halt!  Romeo, ich komme!  Di
trink ich dir zu.

(Sie trinkt die Phiole aus, und wirft sich auf ihr Bette.)



Vierte Scene.
(Ein Vorsaal in Capulets Hause.)
(Lady Capulet und die Amme treten auf.)


Lady Capulet.
Warte, nimm diese Schlssel, und hole mehr Gewrz, Amme.

Amme.
Sie ruffen um Datteln und Quitten in die Tarte?  (Capulet zu den
Vorigen.)

Capulet.
Auf, munter, hurtig, regt euch, der Hahn hat schon zum andern mal
gekrht, die Morgen-Gloke ist schon gelutet worden, es ist drey
Uhr--Sieh zu dem Bakwerk, gute Angelica--Spar't nur nichts an den
Sachen--

Amme.
Geht, geht, und mengt euch nicht in Weiber-Sachen--geht in euer
Bett, ihr werdet morgen krank dafr seyn, da ihr diese Nacht nicht
geschlaffen habt.

Capulet.
Nein, nichts weniger--was?  Ich denke wol der Zeit, da ich ganze
Nchte durch um einer schlechtern Ursache willen gewacht habe, und
bin nie krank geworden.

Lady.
Ja, ja, ihr seyd ein feiner Muse-Jger in eurer Jugend gewesen--
aber heutigs Tags will ich euch schon bewachen, da ihr nicht so
wachen sollt.

(Lady Capulet und Amme gehen ab.)

Capulet.
Eifersucht, pure Eifersucht!  Nun, Bursche, was giebt's hier zu
thun?  (Drey oder viere mit Bratspiessen, Krben, Holz, u.  s.  w.
treten auf.)

Bedienter.
Sachen fr den Koch, Gndiger Herr, aber ich wei nicht was.

Capulet.
Macht hurtig, macht hurtig; Schurke, hole trokneres Holz, ruf dem
Peter, er wird dir weisen wo es ligt.

Bedienter.
Gndiger Herr, um Klze zu finden, hab' ich selber Kopfs genug, ich
brauche keinen Peter dazu.

Capulet.
Sakerlot!  wol gegeben,--du hast Wiz, Bursche, ha, ha--Aber bey
meiner Treue, es ist schon Tag--

(Man hrt Musik von Ferne.)

Der Graf wird bald mit Musicanten hier seyn--er hat es versprochen--
Ich hr ihn schon kommen.  Amme--Frau--wie, holla, he!  Amme, sag
ich!  (Die Amme kommt.) Geh, weke Julietten, geh und puze sie auf,
ich will gehn und inde mit Paris schwazen: Fort, mach hurtig, mach
hurtig, der Brutigam ist schon da--Mach hurtig, sag ich--

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Verwandelt sich in Juliettens Schlaf-Zimmer; Juliette ligt auf
 dem Bette.)
(Die Amme tritt wieder auf.)


Amme.
Gndiges Frulein he!  Frulein!  Juliette Das heit geschlaffen, das
gesteh ich--he, Dubchen--he, Frulein--fy, ihr Sieben-Schlferin--
he!  Liebchen, sag ich--Frulein--Herzchen--Braut--wie?  nicht ein
Wort?  Ich seh, ihr nehmt fr eure drey Pfenninge zum Voraus; ihr
schlaft vor die ganze Woche; gut, in der nchsten Nacht, da bin ich
gut dafr, wird Graf Paris Mann dafr seyn, da ihr wenig genug
schlafen sollt--Gott verzeih mir's--heilige Marie!  und Amen!--was
fr einen gesunden Schlaf sie hat!  Ich mu sie aufschreyen--
Frulein, Frulein, Frulein--Nun, wahrlich, lat nur den Grafen
euch in sein Bette kriegen, er wird euch aufrtteln, mein Treu--
Kan's denn nicht seyn?  Wie, angezogen, in euern Kleidern--und
wieder zurk!--Ich mu Ernst brauchen--Frulein, Frulein, Frulein--
O Gott!  o Gott!  helft, helft, helft!  Mein Frulein ist todt!  O
Herzenleid!  O!  warum mut ich gebohren werden!--O, einen Schluk
Aquavit--he!--Gndiger Herr!  Gndige Frau!  (Lady Capulet.)

Lady Capulet.
Was ist hier fr ein Geschrey?

Amme.
O unglkseliger Tag!

Lady Capulet.
Was ist's, was ist's?

Amme.
Da seht--O unglklicher Tag!

Lady Capulet.
O Gott, o Gott!  mein Kind, mein einziges Leben!  leb wieder auf,
sieh mich an, oder la mich mit dir sterben.  Hlfe, Hlfe!  schrey
um Hlfe!  (Capulet zu den Vorigen.)

Capulet.
Schmt euch doch, warum bringt ihr Julietten so lange nicht; ihr
Gemahl ist gekommen.

Amme.
Sie ist todt, gestorben ist sie, sie ist todt: O!  da es Gott
erbarme!

Capulet.
Ha!  lat mich sehen--O Himmel!  es ist aus, sie ist kalt, ihr Blut
ist gestockt und ihre Gelenke sind starr--ihre Lippen sind ohne
Leben, der Tod ligt auf ihr, wie ein frhzeitiger Frost auf der
angenehmsten Blume des ganzen Gefildes.  Verfluchter Unfall!
Unglkseliger alter Mann!

Amme.
O des klglichen Hochzeit-Tags!

Lady Capulet.
Arme trostlose Mutter!

Capulet.
Der Tod, der mir die Freude meines Alters geraubt hat, bindet meine
Zunge, und will mich nicht reden lassen.  (Bruder Lorenz und Paris
mit Musicanten.)

Bruder Lorenz.
Kommt, ist die Braut fertig zum Kirchgang?

Capulet.
Zum Kirchgang, aber nicht zur Heimholung.  O Sohn, in der Nacht vor
deinem Hochzeit-Tag ist der Tod bey deinem Weibe gelegen.  Sieh,
hier ligt sie, die holde Blume die sie war, nun von ihm ihres
Schmuks beraubt: Der Tod ist mein Tochter-Mann.

Paris.
Hab ich so lange mich gesehnt, diesen Morgen zu sehen, und giebt er
mir nun einen solchen Anblik?

Lady Capulet.
Verfluchter, elender, unseliger, verhater Tag!  Jammervolleste
Stunde, die jemals die Zeit auf ihrer immerwhrenden Pilgrimschaft
erblikte!  Nur ein einziges, ein armes, einziges, liebes, zrtliches
Kind; nur ein einziges, das mir zur Freude und zum Trost war, und
der unbarmherzige Tod hat es mir weggenommen.*

{ed.-* Paris hat hier im Original eine Rede, die vollkommner (Non-
Sense) ist, und durch die er die Amme ablt, die sich mit
unaufhrlichen Ausruffungen "O weh, o weh; o Tag, o Tag," heiser
geschrien.  Man hat beyde dem Genius des Shakespears aufgeopfert.}

Capulet.
Unseliger Zufall!--Mute unsre Freude auf eine so meuchelmrdrische
Art ermordet werden!  O mein Kind, mein Kind!  Meine Seele, nicht
mein Kind, sollst du todt seyn?  O Gott, todt!--Mein Kind ist todt--
alle meine Hoffnungen sinken mit ihm ins Grab.

Bruder Lorenz.
Nun, so hemmt doch endlich diesen Ausbruch der Ungeduld und
Verzweiflung!  Alle diese trostlosen Klagen knnen euer Weh nicht
heilen: Der Himmel und ihr hattet Antheil an diesem liebenswrdigen
Mdchen; nun hat der Himmel Alles, und desto besser ist es fr sie.
Euern Antheil an ihr konntet ihr nicht vor dem Tode bewahren: Aber
der Himmel erhlt den seinen bey ewigem Leben.  Alles was ihr
suchtet, war ihre Erhebung--und ihr weint nun, sie ber die Wolken,
so hoch als der Himmel selber ist, erhoben zu sehen?  Was fr eine
verkehrte Liebe zu euerm Kind ist das, da ihr von Sinnen kommen
wollt, da ihr seht da sie glklich ist!  Troknet eure Thrnen,
umstekt diese schne Leiche mit Rosmarin, und traget sie, wie es
der Gebrauch ist, in ihrem besten Anzug in die Kirche.

Capulet.
Alle Zurstungen, die wir zu unserm Fest gemacht haben, verwandeln
sich nun in ein trauervolles Leichen-Geprnge.  Unsre musicalischen
Instrumente in melancholische Todten-Gloken, unser hochzeitliches
Gastmahl in ein schwermthiges Leichen-Mahl, unsre festlichen
Lobgesnge in bange Klaglieder, und unsre hochzeitlichen Blumen-
Krnze dienen nun eine Todten-Baare zu schmken--O der klglichen
Verwandlung!

Bruder Lorenz.
Gndiger Herr, geht hinein, und ihr, Madam, geht mit ihm, und ihr,
Signor Paris; ein jedes bereite sich, diese schne Leiche zu ihrem
Grabe zu begleiten; und htet euch, durch murrende Ungeduld den
ber euch schwebenden Zorn des Himmels noch mehr zu reizen.

(Sie gehen ab.)



Sechste Scene.
(Die Amme und die Musicanten bleiben, wie natrlich, zurk.  Die
leztern sind so fein, es von sich selbst zu merken, da sie hier zu
nichts mehr nuzen, und die weise Amme sagt es ihnen noch zum
berflu; sie steken also ihre Pfeiffen ein, und wollen gehen.
Aber zu grossem Vergngen der Zuschauer in den obersten Gegenden
kommt Peter, und verlangt, da sie ihm ein lustiges Stkchen
aufspielen sollen; dieses giebt dann den Anla zu einem kleinen)
Divertissement (von Wortspielen und Spssen im Geschmak des Wiener-
Harlequins; einer Abwechslung, die freylich, (wie der sinnreiche
Herr von Voltaire weislich bemerkt,) dem Geschmak unsers Autors und
seiner Zeitgenossen wenig Ehre macht, aber doch den Vortheil mit
sich fhrt, da die Zuschauer, (welche ans Ende doch in die Comdie
gegangen sind, um sich einen Spa zu machen,) durch die klglichen
Scenen nicht gar zu sehr gerhrt werden.)




Fnfter Aufzug.



Erste Scene.
(Mantua.)
(Romeo tritt auf.)


Romeo.
Wenn ich den schmeichelnden Eingebungen des Schlafs trauen drfte,
so wrden mir meine Trume angenehme Neuigkeiten vorbedeuten.  Ein
ungewhnlicher Geist der Frlichkeit erfllt meinen Busen, und hebt
mich mit angenehmen Gedanken ber den Boden empor: Ich trumte,
meine Geliebte kme und fnde mich todt--(Was fr ein seltsames
Ding ein Traum ist, da er todten Leuten doch noch die Erlaubni
giebt zu denken!)--und hauchte durch ihre Ksse ein solches Leben
in meine Lippen, da ich wieder von den Todten auferstand und ein
Kayser wurde.  O Himmel!  wie s ist der wrkliche Genu der Liebe,
da ihre Schatten schon so reich an Wonne sind!  (Balthasar tritt auf.)
Neue Zeitungen von Verona--Wie steht's Balthasar?  Bringst du mir
Briefe vom Pater?  Was macht meine Geliebte?  Ist mein Vater wohl?
Was macht meine Juliette?  Das mu ich noch einmal fragen; denn wenn
sie wohl ist, so ist nichts bel.

Balthasar.
So ist sie denn wohl und nichts ist bel.  Ihr Leichnam schlft in
dem Begrbni der Capulets, und ihr unsterblicher Theil lebt mit
Engeln.  Ich sah sie in das Gewlb ihrer Familie legen, und nahm
sogleich die Post es euch zu berichten.  Vergebung, Gndiger Herr,
da mein Dienst mich nthigt, euch eine so bse Zeitung zu bringen!

Romeo.
Ist es wrklich so?--So biet' ich euch Troz, ihr Sterne!--Du kennst
meine Wohnung, geh, hole mir Dinte und Papier, und bestelle Post-
Pferde--Ich will diese Nacht noch fort.

Balthasar.
Um Vergebung, Gndiger Herr, ich darf euch nicht so verlassen.  Eure
Blike sind dster und wild, und bedeuten nichts Gutes.

Romeo.
Stille!  du betrgst dich.  Verla mich und thu was ich dir sage:
Hast du keine Briefe vom Pater an mich?

Balthasar.
Nein, gndiger Herr.

Romeo.
Das hat nichts zu bedeuten: geh, und bestelle die Pferde; ich will
gleich bey dir seyn.

(Balthasar geht ab.)

Gut, Juliette, heute Nacht will ich bey dir ligen--La sehen, wie
machen wir das?  Wie schnell findet Unheil den Eingang in ein
verzweifelndes Gemth!--Ich erinnre mich eines Apothekers, der hier
irgend wohnt, und den ich lezthin in einem zerlumpten Kittel, mit
berhangenden Augbrauen, Kruter suchend fand.  Ich fate den Mann
ins Auge; seine Blike sahen mager und verhungert aus, Kummer und
Elend schien ihn bis auf die Knochen abgenuzt zu haben; in seiner
armseligen Bude hieng eine Schildkrte, ein ausgestopfter Alligator,
und ein paar andre Hute von migeschaffnen Fischen; und rings um
auf dem Gestelle stuhnd ein bettelhaftes Geprnge von leeren
Bchsen, grnen irdnen Tpfen, Blasen, muffigen Saamen, Resten von
Pakfaden, und alte Rosen-Kuchen dnn genug zerstreut, damit es doch
etwas gleich sehen sollte.  In dem Augenblik da mir dieser armselige
Zustand in die Augen fiel, dacht' ich bey mir selbst, wenn izt
einer Gift brauchte, dessen Verkauff in Mantua ohne Gnad' am Leben
gestraft wird, so lebt hier ein armseliger Tropf, der ihm's zu
kauffen gbe.  O!  dieser Gedanke war eine Ahnung, da ich diesen
Mann bald selber nthig haben wrde.  So viel ich mich erinnere,
sollte di das Haus seyn; weil heut ein Feyertag ist, so ist des
Bettlers Bude geschlossen.  Holla!  he!  Apotheker.  (Der Apotheker
kommt heraus.)

Apotheker.
Wer ruft so laut?

Romeo.
Komm hervor, Mann!  Ich sehe, du bist arm; sieh, da sind vierzig
Ducaten, gieb mir eine Drachme Gift davor, von so schneller Wrkung,
da es sich in einem Augenblik durch alle Adern verbreite, und der
Lebens-berdrssige, der es einnimmt, so plzlich und mit solcher
Gewalt des Athemholens entladen werde, als das unaufhaltsame Pulver,
sobald es sich entzndet, aus dem fatalen Bauch einer Canone
losbricht.

Apotheker.
Dergleichen tdtliche Prparata hab' ich; aber das Gesez ist Tod
fr den, welcher sie hergiebt.

Romeo.
Bist du so nakend und mit Elend beladen, und frchtest den Tod?
Hunger sizt auf deinen Wangen, Mangel und Kummer schauen aus deinen
holen Augen hervor, Verachtung und Betteley hangen auf deinem Rken,
und du frchtest den Tod?  Die Welt ist nicht dein Freund, und ihr
Gesez auch nicht; die Welt giebt kein Gesez dich reich zu machen;
sey also klger, brich es, und nimm mein Gold.

Apotheker.
Meine Drftigkeit williget ein, nicht mein Wille.

Romeo.
Auch bezahl' ich nicht deinen Willen, sondern deine Drftigkeit.

Apotheker.
Giet dieses in was fr einen Liquor ihr wollt, und trinkt es aus;
und wenn ihr die Strke von zwanzig Mnnern httet, so wird es euch
in die andre Welt schiken.

Romeo.
Hier ist dein Gold; ein schdlichers Gift fr die Seelen der
Menschen, und welches mehr Mordthaten in dieser heillosen Welt
verursacht, als diese arme Quaksalbereyen, die du nicht verkauffen
kanst: Ich habe dir Gift verkauft, nicht du mir--fahre wohl, kauf
dir zu essen, und mach, da du zu Fleisch kommst--Komm, Herz-
Strkung, nicht Gift; komm mit mir, wo ich dich brauche, zu
Juliettens Grab.

(Sie gehen ab.)



Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in das Kloster zu Verona.)
(Bruder Johann tritt auf.)


Johann.
Ehrwrdiger Sohn des heiligen Franciscus, Bruder!  he!  (Bruder
Lorenz kommt heraus.)

Lorenz.
Das sollte Bruder Johanns Stimme seyn--Willkommen von Mantua; was
sagt Romeo?  Oder habt ihr mir einen Brief von ihm?

Johann.
Da ich abreisen wollte, gieng ich, einen Baarfusser-Bruder von
unserm Orden zum Reise-Gefhrten zu suchen, der hier in der Stadt
war, um Kranken beyzustehen.  Ich fand ihn; aber wie wir aus dem
Hause gehen wollten, kamen die Visitatoren der Stadt, und weil sie
einen Argwohn hatten, da in dem Hause worinn sie uns fanden, eine
anstekende Krankheit grassiere, versiegelten sie die Thren und
liessen uns nicht fort; so da also meine Reise nach Mantua
unterbleiben mute.

Lorenz.
Wer brachte dann dem Romeo meinen Brief?

Johann.
Ich konnt' ihn nicht fortschiken, hier ist er wieder; ich konnte
nicht einmal jemand finden, der ihn dir wiedergebracht htte, so
gro war ihre Furcht, sie mchten angestekt werden.

Lorenz.
Das ist ein unglklicher Zufall!  Bey meinem Ordens-Gelbd, der
Brief enthielt Sachen von der grssesten Wichtigkeit, und diese
Versumung kan bse Folgen haben.  Bruder Johann, geh, schaff mir
ein Brech-Eisen und bring mirs in meine Celle.

Lorenz.
Nun mu ich allein in die Gruft; in den nchsten drey Stunden wird
die schne Juliette erwachen--Wie wird sie ber mich schmhlen, da
ihr Romeo von allen diesen Vorfllen keine Nachricht bekommen hat!
Aber ich will noch einmal nach Mantua schreiben, und sie inde in
meiner Celle verbergen, bis Romeo kommt.  Arme lebende Leiche, ich
eile, dich aus deiner Todten-Gruft zu ziehen!--

(Er geht ab.)



Dritte Scene.
(Verwandelt sich in einen Kirchhof--auf demselben die Familien-
 Gruft der Capulets.)
(Paris und sein Edelknabe, mit einer Fakel, treten auf.)


Paris.
Gieb mir deine Fakel, Junge: Geh und steh von Ferne.  Doch nein,
lsche sie aus, ich mchte nicht gesehen werden--Leg dich, so lang
du bist, unter jenen Taxus-Bumen hin, und halte dein Ohr dicht an
den hohlen Boden, so wird kein Fu auf diesen Kirchhof treten
knnen, ohne da du es hrst; und sobald du hrst, da sich etwas
nhert, so zische mir zu; das soll das Zeichen seyn.  Gieb mir diese
Blumen--thu, was ich dir sage, geh.

Edelknabe.
Ich frchte mich herzlich, so allein hier auf dem Kirchhof zu seyn,
und doch will ich es wagen.

(Geht ab.)

Paris

(geht an die Gruft, und streut Blumen ber sie.)

Anmuthsvolle Blume!  So bestreu' ich mit Blumen dein Brautbette:
Schne Juliette, nun die Gespielin der Engel, nimm dieses lezte
Merkmal der Liebe, von einem der im Leben dich verehrte, und nun im
Tode--

(der Knabe zischt)

Der Junge giebt ein Zeichen, es nhert sich was--was fr
verfluchte Fsse wandern in dieser spten Nacht hieher, mich in den
zrtlichen Gebruchen der traurenden Liebe zu stren?--Wie?  ein
Licht?  Verhlle mich eine Weile, o Nacht--

(Er geht bey Seite.)



Vierte Scene.
(Romeo und Balthasar mit einem Lichte.)


Romeo.
Gieb mir den Karst und das Heb-Eisen.  Hier, nimm diesen Brief, und
sieh da du ihn morgen frh meinem Herrn und Vater berlieferst.
Gieb mir das Licht; so lieb dir dein Leben ist, befehl' ichs dir,
du magst hren oder sehen, was du willst, so bleib von ferne stehen,
und unterbrich mich nicht in meinem Vorhaben.  Warum ich in diese
Gruft herabsteige, ist, theils meine Geliebte noch einmal zu sehen,
hauptschlich aber um von ihrem todten Finger einen kostbaren Ring
zu ziehen, einen Ring den ich zu einem wichtigen Gebrauch nthig
habe; entfern dich also von hier, geh--unterfngst du dich aber aus
Frwiz zurkzukehren, um zu sehen, was ich noch mehr zu thun im
Sinn habe, beym Himmel, so will ich dich Gelenk fr Gelenk in Stke
reissen, und diesen hungrigen Kirchhof mit deinen Gliedern
bestreuen.  Die Zeit und meine Absichten sind grausam und wild,
grimmiger und unerbittlicher als blut-lechzende Tyger und die
heulende See.

Balthasar.
Ich will gehen, Gndiger Herr, und euch nicht stren.

Romeo.
So kanst du mir deine Freundschaft beweisen--Nimm du das; leb und
sey glklich, fahrwohl, guter Junge.

Balthasar (im Weggehen vor sich.)
Das alles ist mir ein desto strkerer Beweggrund, mich hier in der
Nhe zu verbergen.  Ich frchte seine Blike, und zweifle, da er was
Gutes im Sinn habe.

Romeo.
Du abscheulicher Schlund, verfluchter Rachen des Todes, der das
kostbarste was die Welt hatte, verschlungen hat, so zwing ich deine
morschen Kinnbaken sich zu fnen,

(er bricht die Gruft auf)

um dich mit Gewalt mit noch mehr Speise vollzustopfen.

Paris (kommt hervor.)
Di ist der verbannte bermthige Montague, der den Vetter meiner
Geliebten erschlug, (welches durch den Kummer den sie darber hatte,
wie man glaubt, die Ursach ihres Todes gewesen ist), und nun ist
er gekommen, irgend eine niedertrchtige Schmach an ihren
Leichnamen auszuben: Ich will ihn anhalten--Halt ein mit deiner
verdammlichen Arbeit, nichtswrdiger Montague: Willt du deine Wuth
bis auf die Todten ausdehnen?  Verurtheilter Bsewicht, ich
bemchtige mich deiner; gehorche, geh mit mir, du must sterben.

Romeo.
Ich mu, in der That, und darum kam ich hieher--Guter junger Mensch,
reize nicht einen verzweifelnden Mann; flieh von hinnen, und la
mich: Denk an diese, die hier ligen, und la sie dich schreken.  Ich
bitte dich, Jngling, huffe nicht noch eine neue Snde ber mein
Haupt, treibe mich nicht zur Wuth.  O geh!  Beym Himmel!  ich liebe
dich besser als mich selbst; denn ich bin gegen mich bewaffnet
hieher gekommen.  Verweile nicht, geh, und sage, da du dein Leben
der Barmherzigkeit eines rasenden Mannes zu danken habest.

Paris.
Ich verschmhe dein Mitleiden, und arrestiere dich hier als einen
Hochverrther.

Romeo.
So willst du mich denn mit Gewalt reizen?  Hab es dann an dir selber,
Junge.

(Sie fechten.  Paris fllt.)

Edelknabe.
O Gott, sie fechten, ich will gehen und die Wache holen.

Paris.
Oh, ich bin des Todes; wenn du einiger Erbarmung fhig bist, so
ffne die Gruft und lege mich zu Julietten.

(Er stirbt.)

Romeo.
Auf meine Ehre, das will ich: La mich dieses Gesicht in der Nhe
besehen--Mercutio's Vetter!  der edle Graf Paris!  was sagte mir mein
Diener unterwegs, indem meine im Sturm herumgewlzte Seele nicht
darauf Acht gab, was er sagte--Mich ducht, er erzhlte mir, Paris
habe Julietten heurathen sollen.  Sagte er das nicht?  oder trumte
mir's nur?  Oder bin ich unsinnig, da ich mir einbilde es sey so,
weil ich ihn so zrtlich von Julietten reden hrte?--O gieb mir
deine Hand, du, den das Schiksal in mein Unglk verflochten hat,
ich will dir ein beneidenswrdiges Grab gewhren--Ein Grab?  O nein,
eine Glorie, ermorderter Jngling; denn Juliette ligt hier, und
ihre Schnheit erfllt diese grauenvolle Gruft mit Licht und
Herrlichkeit; Todter, lige du hier, von einem Todten begraben.

(Er legt ihn in die Gruft.)

Wie oft ist es schon begegnet, da Sterbende kurz vor ihrem lezten
Augenblik noch aufgerumt gewesen sind--O gnne mir noch einen
solchen Augenblik!--Meine Geliebte, mein Weib, der Tod, der den
Honig deines Athems aufgesogen, hat noch keine Gewalt ber deine
Schnheit gehabt; du bist nicht besiegt; noch schwebt die purpurne
Fahne der Schnheit auf deinen Lippen und Wangen, und die blasse
Flagge des Todes ist hier noch nicht aufgestekt--Tybalt, ligst du
hier in deinem blutigen Leichen-Tuch?  O was kan ich mehr thun, wie
kan ich dich besser rchen, als eben diese Hand, die dein
jugendliches Leben geendigt hat, gegen deinen Mrder zu gebrauchen?
Vergieb mir, theurer Vetter!--Ach!  liebste Juliette, warum bist du
noch so schn?  Soll ich glauben, der unwesentliche Tod sey in dich
verliebt worden, und das drre scheuliche Ungeheuer unterhalte
dich hier im Dunkeln, um seine Liebste zu seyn?  Aus Furcht es
mchte so seyn, will ich immer bey dir bleiben, und von diesem
Augenblik diesen Palast der dstern Nacht nimmermehr verlassen;
hier, hier will ich bleiben, bey den Wrmern, die deine Kammer-
Mdchen sind; hier will ich eine immerwhrende Ruhe finden, wenn
ich das tyrannische Joch erboter Sterne von diesem Lebens-
berdrssigen Fleisch abgeschttelt habe--Mein Auge, sieh' sie zum
leztenmal an; umfanget sie zum leztenmal, meine Arme, und ihr,
siegelt, o meine Lippen, mit dem lezten Ku dem wuchernden Tod eine
Verschreibung, die nie wieder abgelt werden kan--Di, meine Liebe,
trink ich dir zu!--o ehrlicher Apotheker,

(er trinkt das Gift aus,)

Deine Trnke wrken gut--Noch diesen Ku.

(Er stirbt.)

(Bruder Lorenz mit einer Laterne, einem Brech-Eisen, und einer
Spathe.)

Bruder Lorenz.
St.  Franciscus steh mir bey!  Wie manchmal haben schon in spter
Nacht meine alten Fsse an Grbern gestolpert!  Wer ist hier?
(Balthasar kommt hervor.)

Balthasar.
Ein Freund, der euch wol kennt.

Lorenz.
Heil sey dir!  Sage mir, guter Freund, was fr eine Fakel seh ich
dort, die ihr Licht so vergeblich Wrmern und auglosen Schdeln
leiht?  Wie mich ducht, so brennt sie in der Gruft der Capulets.

Balthasar.
Es ist wrklich so, heiliger Vater, und derjenige, der darinn ist,
ist mein Herr, einer von euern liebsten Freunden.

Lorenz.
Wie nennt er sich?

Balthasar.
Romeo.

Lorenz.
Wie lang ist er schon da?

Balthasar.
Eine volle halbe Stunde.

Lorenz.
Geh mit mir in die Gruft.

Balthasar.
Ich habe das Herz nicht, ehrwrdiger Herr--Mein Herr wei nichts
anders als da ich weggegangen sey, und bedrute mich auf eine
frchterliche Art, da er mich umbringen wolle, wenn ich
zurkbleiben und sein Vorhaben belauschen wrde.

Lorenz.
So bleibe du hier, ich will allein gehen--mich kommt ein Grauen an--
ich frcht', ich frcht' es ist ein Unglk geschehen.

Balthasar.
Wie ich unter diesem Taxus-Baum schlief, da trumte mir mein Herr
und ein andrer fechten mit einander und mein Herr habe ihn
erschlagen.

Lorenz (bey dem Eingang der Gruft.)
Romeo!  O Himmel!  was bedeutet dieses Blut das den steinernen
Eingang dieser Gruft beflekt?  Was bedeuten diese herrenlose
Schwerdter, die mit geronnenem Blut beschmizt an diesem Ort des
Friedens ligen?  Romeo!  o Gott, ohne Leben!  und dieser?--Wie?  Paris?--
im Blute schwimmend?  Ha, was fr eine unselige Stunde ist an
diesem jammervollen Zufall schuldig?--Das Frulein rhrt sich--

Juliette (erwachend.)
O Trostbringender Vater!  wo ist mein Gemahl?  Ich erinnre mich wohl,
wo ich seyn soll, und ich bin da--Aber wo ist Romeo?

Lorenz.
Ich hr ein Getse--Frulein, komm hervor aus dieser Hle des Todes,
der Verwesung und des unnatrlichen Schlafs; eine grssere Macht,
als der wir wiederstreben knnten, hat unsern Entwurf
durchschnitten; komm, komm mit mir--dein Gemahl ligt todt hier, und
Paris auch--Komm, ich will dich in ein Kloster von heiligen
Schwestern fhren: Halte dich nicht mit Fragen auf, ich sehe die
Wache kommen--Komm, geh, liebste Juliette; ich kan nicht lnger
bleiben--

(Er geht.)

Juliette.
Geh, geh du, und la mich hier bleiben--Was ist hier?  Ein Becher,
in meines Geliebten Hand?--Gift, wie ich seh, ist sein unzeitiger
Tod gewesen--O du Unfreundlicher, alles auszutrinken, und nicht
einen freundschaftlichen Tropfen brig zu lassen, der mir dir nach
helfe!  Ich will deine Lippen kssen; vielleicht hngt noch so viel
Gift daran, als ich nthig habe--Deine Lippen sind noch warm--
(Der Edelknabe, mit der Wache treten auf.)

Wache.
Weis' uns den Weg, Junge.

Juliette.
So?  Kommt jemand?  So will ich's kurz machen--

(sie findt einen Dolch.)

O glklicher Dolch!  hier ist deine Scheide, hier roste und la
mich sterben.

(Sie ersticht sich.)

Knabe.
Hier ist der Ort; dort, wo die Fakel brennt.

Wache.
Der Boden ist voller Blut.  Sucht auf dem ganzen Kirchhof, geht,
etliche von euch, macht feste wen ihr findet.  Erbrmlicher Anblik!
Hier ligt der Graf erschlagen, und Juliette in ihrem Blut, noch
warm, und kaum entseelt, die doch diese zween Tage schon hier
begraben gelegen ist.  Geht, zeigt es dem Frsten an, rennt zu den
Capulets, wekt die Montaguen auf--Und ihr andere sucht--Die
Umstnde allein knnen diese klgliche Begebenheit begreiflich
machen.  (Etliche Wchter mit Balthasar.)

2. Wchter.
Hier ist ein Bedienter von Romeo, den wir auf dem Kirchhof gefunden
haben.

1. Wchter.
Haltet ihn auf, bis der Frst kommt.  (Ein andrer Wchter, mit
Bruder Lorenzen.)

3. Wchter.
Hier ist ein Franciscaner, der zittert, chzt und weint; wir fanden
dieses Brech-Eisen und diese Spathe bey ihm, und er kam von dieser
Seite des Kirchhofs her.

1. Wchter.
Das ist sehr verdchtig; haltet ihn auch auf.



Fnfte Scene.
(Der Frst und sein Gefolge, treten vorn auf der Schaubhne auf.)


Frst.
Was fr ein Unheil ist so frh auf, da es uns aus unserm Morgen-
Schlaf wekt?  (Capulet und Lady Capulet, treten auf der andern Seite
auf.)

Capulet.
Was mag das seyn, da ein so grliches Geschrey auf den Strassen
ist?

Lady Capulet.
Die Strassen sind voll Volks das Romeo schreyt; einige schreyen,
Juliette; einige Paris; und alle rennen mit Entsezen und Geschrey
unserm Begrbni zu.

Frst.
Was fr Tne des Schrekens strzen sich in unser Ohr?

1. Wchter.
Gndigster Herr, hier ligt der Graf Paris ermordet, und Romeo todt,
und Juliette, die zuvor todt war, warm, und vor wenigen Minuten
umgebracht.

Frst.
Sucht, forscht nach, und spht aus, woher diese scheuliche
Mordthaten kommen?

1. Wchter.
Hier ist ein Mnch, und des erschlagnen Romeo's Diener, die mit
Werkzeugen, diese Todten-Grber aufzubrechen, ertappt worden sind.

Capulet.
O Himmel!--O Weib!  Sieh, wie unsre Tochter blutet!  Dieser Dolch hat
sich verfehlt; sieh, die Scheide ligt auf dem Rken des Montaguen,
und die entblte Klinge in meiner Tochter Busen--


Lady Capulet.
O Gott, dieser Anblik ist wie eine Todten-Gloke, die meinem grauen
Alter zu Grabe lutet.  (Montague zu den Vorigen.)

Frst.
Komm, Montague--und sieh hier deinen einzigen Sohn und Erben--

Montague.
Weh mir!--Mein Weib, Gndigster Herr, ist in dieser Nacht
verschieden--Der Gram ber ihres Sohnes Verbannung hat ihr das Herz
gebrochen--Was fr ein neues Weh verschwrt sich gegen mein graues
Alter?

Frst.
Schau hieher, so wirst du's sehen.

Montague.
O du belgezogner, was fr Lebens-Art war das, dich vor deinem
Vater so in's Grab zu drngen?

Frst.
Haltet noch mit euern Klagen ein, bis wir diese verworrene
Geschichte ins Klare gesezt, und ihren Ursprung und wahren Hergang
herausgebracht haben; alsdann will ich selbst der Anfhrer euers
Klag-Geschreys seyn--Bis dahin, haltet inn!--bringet die
verdchtigen Personen herbey!

Bruder Lorenz.
Ich, der unvermgendste, bin derjenige, den der strkste Verdacht
drkt; Zeit und Ort scheinen mich dieses grlichen Mords
anzuklagen; und hier steh ich, zugleich mein eigner Anklger und
Advocat zu seyn.

Frst.
So sage dann, ohne Umschweiffe, was dir davon bekannt ist.

Bruder Lorenz.
Ich will kurz seyn, mein Athem ist ohnehin nicht lang genug fr
eine langweilige Historie.  Romeo, der hier todt ligt, war
Juliettens Gemahl, und Sie, die hier todt ligt, Romeo's getreues
Weib: Ich segnete ihre Ehe ein; und der Tag ihrer heimlichen
Vermhlung war Tybalts Sterb-Tag, dessen unzeitiger Tod den neuen
Brutigam aus dieser Stadt verbannte, und dieses, nicht Tybalts Tod,
war die Ursache von Juliettens Gram.  Ihr,

(zu Capulet)

um ihr diesen Kummer aus dem Sinn zu bringen, versprachet sie dem
Grafen Paris, und waret im Begriff, sie zu dieser Heurath mit
Gewalt zu zwingen.  In diesen Umstnden kommt sie zu mir, und, mit
wilden Bliken, bittet sie mich da ich ihr ein Mittel an die Hand
gebe, diese zweyte Heurath zu vermeiden, oder sie wolle sich in
meiner Celle selbst ums Leben bringen.  In diesem schwrigen
Augenblik kam mir meine Wissenschaft zu Hlfe; ich gab ihr einen
Schlaf-Trunk, dessen Wrkung meiner Absicht vollkommen antwortete--
denn er sezte sie in einen Zustand, der dem Tode so gleich sah, da
sie fr eine Leiche angesehen, und so behandelt wurde.  Inmittelst
schrieb ich an Romeo, und bestellte ihn, da er in eben dieser
schreklichen Nacht, als der Zeit, worinn die Wrkung des Tranks zu
Ende gehen wrde, hieher kommen, und mir helfen mchte, sie aus
ihrem geborgten Grabe heraus zu holen.  Allein, Bruder Johann, der
ihm meinen Brief berbringen sollte, wurde durch einen Zufall
aufgehalten, und gestern kam mein Brief mir wieder zu; ich war also
genthigt, um die bestimmte Zeit ihres Erwachens ganz allein hieher
zu kommen, und sie aus der Gruft ihrer Familie zu befreyen: Des
Vorhabens, sie so lange in meiner Celle verborgen zu halten, bis
ich Gelegenheit fnde, den Romeo hieher zu beruffen.  Aber wie ich
kam, (wenige Minuten vor ihrem Erwachen) da lag der edle Paris hier
erschlagen, und der allzugetreue Romeo todt.  Sie erwacht, und ich
bitte sie instndigst mit mir zu gehen, und diese Schikung des
Himmels mit Geduld zu tragen: Allein ein Getse, das ich gleich
darauf hrte, scheuchte mich von der Gruft weg, und sie,
verzweifelnd und entschlossen zu sterben, wollte nicht mit mir
gehen, sondern legte, wie es scheint, gewaltsame Hand an sich
selbst.  Alles dieses wei ich, und von der heimlichen Heurath kan
auch ihre Amme Zeugni geben: Ist aber in allem diesem etwas durch
meine Schuld gefehlt und zu diesem unglklichen Ausgange gebracht
worden, so lat immer mein altes Leben, etliche Stunden vor meiner
bestimmten Zeit, der Strenge des Gesezes aufgeopfert werden.

Frst.
Wir haben dich jederzeit als einen heiligen Mann gekannt.  Wo ist
Romeo's Diener?  Was kan Er von der Sache berichten?

Balthasar.
Ich brachte meinem Herren die Zeitung von Julia's Tod, und sogleich
kam er mit Post-Pferden von Mantua hieher, unmittelbar hieher, zu
dieser nehmlichen Gruft; bergab mir diesen Brief an seinen Vater,
und drute mir, indem er auf die Gruft zugieng, den Tod, wenn ich
nicht weggehen und ihn allein lassen wollte.

Frst.
Gieb mir den Brief, ich will ihn bersehen--Wo ist des Grafen Knabe,
der die Wache herbeyholte?  Bursche, was machte dein Herr an diesem
Orte?

Knabe.
Er kam, das Grab seiner Geliebten mit Blumen zu bestreuen, und
befahl mir von Ferne stehn zu bleiben, wie ich auch that; bald
darauf kommt einer mit einem Licht, die Gruft zu ffnen, und
augenbliklich zieht mein Herr den Degen gegen ihn; und da lief ich
und holte die Wache.

Frst.
Dieser Brief bekrftiget die Erzhlung des Ordens-Manns--und hier
schreibt er, da er Gift von einem armen Apotheker gekauft, und
damit in diese Gruft gekommen sey, um zu sterben und in Juliettens
Grab zu ligen--Wo sind diese Feinde?  Capulet!  Montague!  Seht hier
die Ruthe, womit euere Unvershnlichkeit gezchtiget wird; seht wie
der Himmel Mittel findet, durch die Liebe selbst die Freuden euers
Lebens zu tdten.  Auch ich, weil ich zuviel Nachsicht gegen euere
Uneinigkeiten hatte, habe zween Verwandte verlohren: Wir sind alle
gestraft!

Capulet.
O Bruder Montague, gieb mir deine Hand; das ist meiner Tochter
Witthumb--mehr kan ich nicht verlangen.

Montague.
Aber ich kann dir mehr geben; denn ich will ihre Bild-Sule von
gediegnem Gold aufstellen, da, so lange Verona diesen Namen trgt,
kein Denkmal dem Denkmal der zrtlichen und getreuen Juliette
gleich geschzt werde!

Capulet.
Eben so glnzend soll Romeo bey seiner Gattin ligen; theure,
unglkliche Opfer unsrer unseligen Feindschaft!

Frst.
Dieser Morgen bringt uns einen dstern Frieden, und die Sonne
selbst scheint trauernd ihr Haupt verhllt zu haben--Geht, und
erwartet unsre Entscheidung, was in diesem unglklichen Handel
Strafe und was Verzeihung verdient--[Ihr aber, getreue Liebende,
die ein allzustrenges Schiksal im Leben getrennt, und nun ein
freiwilliger Tod auf ewig vereiniget hat, lebet, Juliette und Romeo,
lebet in unserm Andenken, und die spteste Nachwelt mge das
Gedchtni eurer unglklichen Liebe mit mitleidigen Thrnen ehren!]


Romeo und Juliette, von William Shakespeare
(bersetzt von Christoph Martin Wieland).





End of Project Gutenberg's Romeo und Juliette, by William Shakespeare

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMEO UND JULIETTE ***

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