The Project Gutenberg EBook of Maass fuer Maass (Measure for Measure)
by William Shakespeare
#31 in our series by William Shakespeare

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Title: Maass fuer Maass (Measure for Measure)
       Wie einer misst, so wird ihm wieder gemessen

Author: William Shakespeare

Release Date: January, 2005 [EBook #7233]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on March 29, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MAASS FUER MAASS ***





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Maa fr Maa,
oder:
Wie einer mit, so wird ihm wieder gemessen.

William Shakespeare

Ein Lustspiel.

bersetzt von Christoph Martin Wieland


Personen des Lustspiels.

Vincentio, Herzog zu Wien.
Angelo, Stadthalter in Abwesenheit des Herzogs.
Escalus, ein alter Herr von Stande, dem Angelo in Verwaltung der
Regierung beygefgt.
Claudio, ein junger Edelmann.
Lucio, ein Libertiner.
Zwey Edelleute.
Varrius, einer von den Hofleuten des Herzogs.
Thomas und Peter, zwey Franciscaner-Mnche.
Ein Richter.
Kerkermeister.
Ellbogen, ein Policey-Aufseher in einem Quartier der Stadt.
Schaum, ein nrrischer Junker.
Harlequin, Diener der Frau Overdone.
Abhorson, ein Nachrichter.
Bernardin, ein ruchloser Gefangner.
Isabella, Claudios Schwester.
Mariane, mit Angelo versprochen.
Juliette, Claudios Liebste.
Francisca, eine Nonne.
Frau Overdone, eine Kupplerin.
Wache, Stadtbediente, und andre aufwartende Personen.

Der Schauplaz ist in Wien.

Die Geschichte ist aus Cinthios* Novellen genommen.

{ed.-* "Epitia" von Giambattista Giraldi, gen.  Cintio (Cinzio),
1504--1573.}




Erster Aufzug.



Erste Scene.
(Des Herzogs Palast.)
(Der Herzog, Escalus, und einige Herren vom Hofe.)


Herzog.
Escalus--

Escalus.
Gndigster Herr--

Herzog.
Es wrde eine unzeitige Sucht zu reden an mir scheinen, wenn ich
euch die Eigenschaften einer klugen Regierungsart entfalten wollte,
da mir bekannt ist, da eure Wissenschaft hierinn alle Erinnerungen,
die ich euch geben knnte, berflssig macht; es bleibt mir also
nichts brig, als euch die Gelegenheit zu geben, diese
Geschiklichkeit im Werke zu zeigen.  Flei und Erfahrung hat euch
den Character unsers Volkes, die Geseze unsrer Stadt, und die
allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit so bekannt gemacht, da wir
niemand kennen, der euch hierinn bertreffe.  Hier ist unser
Auftrag, welchem wir pnctlich nachgelebt wissen wollen--Man rufe
den Angelo hieher--Wie meynt ihr, da er unsre Stelle vertreten
werde?  Denn ihr mt wissen, da wir ihn mit besonderer Vollmacht
ersehen haben, unsre Abwesenheit zu ersezen; ihm haben wir unsre
volle Macht zu strafen und gutes zu thun geliehen; sagt, was denkt
ihr hiezu?

Escalus.
Wenn jemand in Wien eines solchen Vertrauens, und einer so hohen
Ehre wrdig ist, so ist es Angelo.



Zweyte Scene.
(Angelo zu den Vorigen.)


Angelo.
Ich komme, Euer Durchlaucht Befehle zu vernehmen.

Herzog.
Angelo, dein Leben entdekt dem aufmerksamen Beobachter die ganze
Gestalt deines Characters.  Die Ausbung jeder Tugend ist durch
eine lange Uebung deine Natur geworden.  Wir znden keine Fakeln an,
damit sie sich selbst leuchten; so macht es der Himmel mit uns;
wofern unsre Tugenden nicht ausser uns wrken, so wre es gleich
viel, wenn wir sie gar nicht htten.  Geister werden nur zu grossen
Endzweken vollkommner von der Natur ausgebildet, und diese sparsame
Gttin leyht nicht das kleinste Quintchen von ihrer Vortreflichkeit,
ohne die Absicht, Dank und Interesse davon zu ziehen.  Doch ich
rede dieses zu einem, der mich selbst in dem Amt, das ich ihm
auftrage, unterrichten knnte.  Sey also in unsrer Abwesenheit der
Vertreter unsres vlligen Selbst in dieser Stadt; Leben und Tod,
Angelo, hange von deinen Lippen ab; der alte Escalus, ob gleich der
erste deiner Rthe, ist nur der zweyte nach dir.  Hier ist deine
Commiion.

Angelo.
Nein, mein gndigster Herr; lat mein Metall vorher auf irgend eine
schrfere Probe gesezt werden, eh eine so edle und grosse Figur
darauf gestempelt wird.

Herzog.
Kommt, keine Ausflchte mehr; wir haben euch mit wohlbedachter Wahl
hiezu ersehen; bernehmt also unsre Stelle.  Unsre Abreise von hier
wird so schleunig seyn, da wir Sachen von Wichtigkeit
unentschieden zurklassen mssen.  Wir werden euch, so viel Zeit
und Umstnde zulassen, von unserm Befinden Nachricht geben, und uns
erkundigen, wie es hier stehe.  Lebet also wohl; ich berlasse euch
der hoffnungsvollen Ausfhrung unsrer Auftrge.

Angelo.
Erlaubet wenigstens, gndigster Herr, da wir euch einige Umstnde--

Herzog.
Wir knnen keinen Augenblik lnger verziehen.  Auch habt ihr, bey
meiner Ehre, nicht nthig euch das mindeste Bedenken zu machen.
Euer Werk ist, wie das unsrige, die Geseze so einzurichten und in
Wrksamkeit zu sezen, wie ihr es am besten achtet.  Gebt mir eure
Hand, ich werde in geheim abreisen.  Ich liebe das Volk, aber ich
seze mich ihm nicht gern zur Schau aus; ob es gleich wohl thut, so
bin ich doch kein Liebhaber ihres lauten Zujauchzens, und habe
keine grosse Meynung von der Bescheidenheit derjenigen, die
dergleichen Dinge lieben.  Noch einmal, lebet wohl.

Angelo.
Der Himmel befrdere euer Vorhaben.

Escalus.
Und bringe euch glklich zurk.

Herzog.
Ich danke euch, lebet wohl.

(Er geht ab.)

Escalus.
Ich mu euch, mein Herr, um Erlaubni bitten, eine freye
Unterredung mit euch zu haben.  Es ist mir daran gelegen, mein Amt
recht zu kennen.  Ich habe eine Gewalt; aber ich bin nicht belehrt,
wie weit sie sich erstrekt.

Angelo.
Es geht mir eben so; wir wollen uns mit einander hinwegbegeben, und
durch Vergleichung unsrer Instructionen uns ins Klare sezen.

Escalus.
Ich werde Euer Gnaden folgen.

(Sie gehen ab.)



Dritte Scene.
(Eine Straasse.)
(Lucio und zween Edelleute.)


Lucio.
Wenn der Herzog, und die brigen Herzoge sich mit dem Knig von
Ungarn nicht vergleichen knnen, so werden sich alle Herzoge wider
den Knig vereinigen.

1. Edelmann.
Der Himmel geb uns seinen Frieden, aber nicht des Knigs in Ungarn
seinen.

2. Edelmann.
Amen!

Lucio.
Du betest wie jener andchtiger Seeruber, der mit den zehen
Gebotten zu Schiffe stieg, aber eines aus der andern Tafel
auskrazte.

2. Edelmann.
Du sollt nicht stehlen--

Lucio.
Eben das.

1. Edelmann.
Hatte er nicht Ursache?  Das ist ein Gebott, das seine Leute von
ihrer Schuldigkeit abgehalten htte; denn sie schiften sich ein, um
zu stehlen.  Es ist nicht einer unter uns Soldaten, dem in dem
Gebet vor dem Essen, die Bitte fr den Frieden gefiele.

2. Edelmann.
Ich habe doch nie keinen Soldaten gehrt, der sie mibilligt htte.

Lucio.
Das glaub ich dir; du bist vermuthlich nie dabey gewesen, wenn man
das Tischgebet gesprochen hat.

2. Edelmann.
Nie?  wenigstens ein duzendmal.

1. Edelmann.
Wie?  In Reimen?

Lucio.
In allen Reim-Arten und in allen Sprachen.

1. Edelmann.
Und auch in allen Religionen denk' ich.

Lucio.
Warum das nicht?--Aber seht, seht, hier kommt Madam Gutherzigkeit.

1. Edelmann.
Wahrhaftig, die Krankheiten, die ich unter ihrem Dach aufgelesen
habe, kommen mich--

2. Edelmann.
Wie hoch, wenn ich bitten darf?

1. Edelmann.
Rathet?

2. Edelmann.
Dreytausend Thaler jhrlich?

1. Edelmann.
Ja, und mehr.

Lucio.
Eine franzsische Crone mehr.



Vierte Scene.
(Die Kupplerin, die Vorigen.)


1. Edelmann.
Wie gehts, Mutter, auf welcher Seite habt ihr das Hftweh am
nachdrklichsten?

Kupplerin.
Gut, gut, dort wird einer ins Gefngni gefhrt, der fnftausend
wie ihr seyd werth ist.

1. Edelmann.
Wer ist das, ich bitte dich?

Kupplerin.
Zum Henker, Junker, es ist Claudio; Signor Claudio.

1. Edelmann.
Claudio ins Gefngni?  das kan nicht seyn.

Kupplerin.
Ich wei aber da es ist; ich sah, wie er angehalten wurde; ich sah
ihn wegfhren, und was noch mehr ist, in den nchsten drey Tagen
wird ihm der Kopf abgeschlagen werden.

Lucio.
Das stnde mir gar nicht an; bist du dessen gewi?

Kupplerin.
Nur allzugewi; und das alles, weil er der Frulein Juliette ein
Kind gemacht hat.

Lucio.
Glaubt mir, es kan seyn; er versprach mir, vor zwey Stunden mich
hier anzutreffen, und er war immer genau sein Wort zu halten.

1. Edelmann.
Und berdas stimmt dieser Bericht mit dem ffentlichen Ausruf ein.

Lucio.
Kommt, wir wollen sehen, was an der Sache ist.



Fnfte Scene.
(Die Kupplerin, Harlequin.)


Kupplerin.
Was bringst du neues?

Harlequin.
Seht ihr nicht den Mann dort, den man ins Gefngni fhrt?

Kupplerin.
Was hat er denn gemacht?

Harlequin.
Eine Frau.

Kupplerin.
Ich frage, was ist sein Verbrechen?

Harlequin.
Da er in einem fremden Bache Dreuschen gefangen hat.

Kupplerin.
Wie?  geht ein Mdchen mit einem Kind von ihm?

Harlequin.
Nein, aber ein Weib geht mit einem Mdchen von ihm.  Ihr habt den
Ausruf nicht gehrt, habt ihr?

Kupplerin.
Was fr einen Ausruf, Mann?

Harlequin.
Alle Huser in den Vorstdten von Wien sollen niedergerissen werden.

Kupplerin.
Und was soll aus denen in der Stadt werden?

Harlequin.
Die lt man zum Saamen stehen; sie htten auch weg sollen, aber
einige weise Brger haben sich fr sie ins Mittel geschlagen.

Kupplerin.
So sollen also alle unsre Schenk- und Spiel-Huser in den
Vorstdten niedergerissen werden?

Harlequin.
Bis auf den Grund, Madam.

Kupplerin.
Wahrhaftig, es geht eine grosse Vernderung im gemeinen Wesen vor;
was wird aus mir werden?

Harlequin.
O, dafr macht euch keine Sorgen: gute Rathgeber haben nie Mangel
an Clienten; wenn ihr schon euern Plaz ndert, so braucht ihr
dewegen nicht euer Gewerbe zu ndern; ich will immer euer treuer
Diener bleiben.  Habt nur gut Herz, man wird Mitleiden mit euch
haben; ihr, die ihr eure Augen im Dienst des gemeinen Wesens
beynahe aufgebraucht habt, ihr werdet in Betrachtung gezogen werden.

Kupplerin.
Was giebts hier, Thomas, wir wollen uns zurk ziehen.

(Sie gehen ab.)



Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, Claudio, Juliette, und Stadtbediente.)
(Lucio, und zwey Edelleute.)


Claudio.
Guter Freund, warum fhrst du mich so zur Schau herum?  fhre mich
in das Gefngni, wohin ich verurtheilet bin.

Kerkermeister.
Ich thu es nicht aus bsem Willen, sondern auf ausdrklichen Befehl
des Herrn Stadthalters.

Claudio.
So kan der Halbgott, Authoritt, uns das volle Gewicht unsrer
Uebertretungen bezahlen machen.  So sind die Urtheile des Himmels;
wem er verzeihen will, dem will er; wem er nicht will, will er
nicht, und ist doch immer gerecht.

Lucio.
Wie, was ist dieses, Claudio?  Warum befindet ihr euch in solchen
Umstnden?  Was ist euer Verbrechen?

Claudio.
Nur davon zu reden, wrde ein neues Verbrechen seyn.

Lucio.
Wie, ist es eine Mordthat?

Claudio.
Nein.

Lucio.
Unzucht?

Claudio.
Wenn ihr es so nennen wollt.

Kerkermeister.
Fort, mein Herr, ihr mt gehen.

Claudio.
Nur ein Wort, guter Freund Lucio, ein Wort mit euch.

Lucio.
Hundert, wenn sie euch etwas nzen knnen; wird Unzucht so hart
angesehen?

Claudio.
Di ist mein Fall: Auf ein beydseitiges Eheversprechen hin nahm ich
Besiz von Juliettens Bette; (ihr kennet sie;) sie ist mein wahres
Eheweib, ausser da uns die Ceremonien mangeln, wodurch unsre
Heurath ffentlich gemacht worden wre.  Die einzige Ursache warum
wir sie unterliessen, war ein Erbe, das noch in den Kisten ihrer
Verwandten ligt, denen wir unsre Liebe noch so lange zu verbergen
gedachten, bis die Zeit sie uns gnstiger gemacht haben wrde.
Allein das Unglk wollte, da das Geheimni unsrer Vertraulichkeit
vor der Zeit verrathen wrde--es ist mit zu grossen Buchstaben an
Julietten geschrieben.

Lucio.
Mit einem Kind, vielleicht?

Claudio.
Leider!  und der neue Stadthalter des Herzogs (ob es daher kommt,
da der Staatskrper ein Pferd ist, welches der Stadthalter
zureiten soll, und dem er, das erste mal, die Sporren strker zu
fhlen giebt, damit es wisse, da er seiner meister ist; oder ob
die Tyranney in dem Plaz oder in demjenigen ist, der ihn einnimmt?
kan ich nicht entscheiden:) Kurz, der neue Stadthalter erwekt bey
meinem Anlas alle die veralteten Straffen, die gleich einer
ungepuzten Rstung, so lange an der Wand gehangen, bis neunzehn
Zodiaci sich umgewlzt haben, ohne da sie in einem einzigen
gebraucht worden; und um eines Namens willen, wekt er das vergene
tiefeingeschlafne Gesez wider mich auf; in der That, um eines
Namens willen.

Lucio.
Du hast recht, es ist nicht anders; und dein Kopf steht so schwach
auf deinen Schultern, da ihn ein verliebtes Milchmdchen
wegseufzen knnte.  Schikt dem Herzog nach, und appellirt an ihn.

Claudio.
Ich hab es gethan; aber man kan ihn nirgends finden.  Ich bitte
dich, Lucio, thu mir diesen Liebesdienst; ich hab eine Schwester im
Kloster, die an diesem Tag ihre Probzeit enden soll.  Gieb ihr
Nachricht von der Gefahr worinn ich bin; bitte sie in meinem Namen,
da sie Freunde an den strengen Stadthalter schike; bitte sie, da
sie in eigner Person einen Anfall auf ihn thue; von dem leztern
macht' ich mir die meiste Hoffnung.  Eine junge Person wie sie, hat
eine Art von sprachloser Beredsamkeit, der die Mnner selten
widerstehen knnen; und ausserdem, so ist sie auch geschikt genug,
wenn sie durch Grnde und Vorstellungen berreden will.

Lucio.
Ich wnsche, da sie es knne; sowol zum Trost Aller die sich in
hnlichen Umstnden befinden, als um deines Lebens willen; es wrde
mich sehr verdriessen, wenn es wegen eines Spiels Trictrak so
nrrischer Weise verlohren gehen sollte.  Ich will zu ihr.

Claudio.
Habe Dank, mein guter Freund, Lucio.

Lucio.
Binnen zwo Stunden--

Claudio.
Kommt, Kerkermeister, wir wollen gehen.

(Sie gehen ab.)



Siebende Scene.
(Ein Kloster.)
(Der Herzog und Bruder Thomas.)


Herzog.
Nein, heiliger Vater, lat diesen Gedanken fahren: Glaubet nicht,
da der schmuzige Pfeil der Liebe einen mnnlichen Busen
durchdringen knne.  Die Ursache, warum ich euch um eine geheime
Beherbergung bitte, ist wichtiger und ernsthafter, als die
ausschweiffenden Absichten der glhenden Jugend.

Bruder.
Kan Eure Durchlaucht davon reden--

Herzog.
Mein ehrwrdiger Vater, niemand wei besser als ihr, wie sehr ich
immer das abgesonderte Leben geliebt, und wie wenig ich an den
Gesellschaften, wo Jugend, Verschwendung, und frliche Thorheit
sich vereinigen, Geschmak gehabt habe.  Ich habe dem Freyherrn
Angelo, einem Mann von strengen Sitten und gebter Enthaltsamkeit,
meine ganze unumschrnkte Gewalt in Wien bertragen; und er ist in
der Einbildung, da ich nach Polen gereit sey; denn so hab' ich
unter die Leute streuen lassen, und so ist es angenommen: Nun, mein
frommer Herr, werdet ihr mich fragen, warum ich das thue?

Bruder.
Wenn es erlaubt ist, Gndigster Herr.

Herzog.
Wir haben strenge Geseze, (ein nothwendiges Gebi fr unbndige
Unterthanen) die wir diese neunzehn Jahre her haben schlaffen
lassen, gleich einem berfllten Lwen, der in seiner Hle ligen
bleibt, und nicht auf Beute ausgeht.  Wie es nun zu begegnen pflegt,
da wenn allzu zrtliche Vter die Ruthe nicht zum Gebrauch,
sondern nur zum Schreken, ihren Kindern vor die Augen steken, sie
in kurzer Zeit mehr verlacht als gefrchtet wird; so ist es unsern
Gesezen gegangen: Anstatt den Verbrechern den Tod zu geben, sind
sie selbst todt; die ungebundne Freyheit zieht die Gerechtigkeit
bey der Nase, der Sugling schlgt die Amme, und alle Anstndigkeit
der Sitten geht verlohren.

Bruder.
Es hieng nur von Euer Durchlaucht ab, diese gefesselte
Gerechtigkeit wieder los zu lassen, und es wrde an Euch
furchtbarer geschienen haben, als an Angelo.

Herzog.
Ich besorge, nur allzu furchtbar.  Da es mein Fehler war, dem Volk
so viel Freyheit zu lassen, so wrde es Tyranney gewesen seyn, sie
fr das zu strafen, was ich selbst ihnen zu thun befahl.  Denn wir
befehlen Bses zu thun, wenn wir den Uebelthaten statt der Straffe
ihren freyen Lauf lassen.  Dieses ist der wahre Grund, mein Vater,
warum ich dieses Amt dem Angelo aufgetragen habe, der unter dem
schzenden Ansehen meines Namens straffen kan, ohne da, so lange
meine Person nicht gesehen wird, der Tadel auf mich fllt.  Um aber
selbst ein Augenzeuge von dieser Regierung zu seyn, will ich unter
dem Namen eines Bruders von euerm Orden, sowol den Regenten als das
Volk besuchen.  Ich bitte dich also, schaffe mir einen Habit, und
unterrichte mich, damit ich die vollstndige Person eines chten
Franciscaner-Mnchs spielen knne.  Noch mehr Grnde fr diese
Handlung will ich bey mehrerer Musse erffnen; einer davon ist
dieser: Angelo ist strenge; steht gegen jeden Tadel auf der Hut,
gesteht kaum, da sein Blut fliet, oder da er zu Brot mehr
Appetit hat als zu Stein.  Wir knnen vielleicht bey dieser
Gelegenheit lernen, wie viel man sich auf diese strengen Tugenden
verlassen kan.

(Sie gehen ab.)



Achte Scene.
(Ein Frauen-Kloster.)
(Isabella, und Francisca.)


Isabella.
Und habt ihr Kloster-Frauen keine andern Freyheiten?

Francisca.
Sind diese nicht gro genug?

Isabella.
Ja, freylich; ich frage nicht, als ob ich mehr wnschte; sondern
weil ich wnschte, da die Schwesterschaft der heiligen Clara noch
enger eingeschrnkt seyn mchte.  (Lucio lt seine Stimme hinter
der Scene hren.)

Isabella.
Was ist das?  Wer ruft?

Francisca.
Es ist eines Mannes Stimme.  Meine liebe Isabella, schliet ihr auf,
und fragt ihn was er will; ihr drft es thun, ich nicht; ihr habt
das Gelbde noch nicht gethan; wenn ihr es gethan habt, so drft
ihr mit keiner Mannsperson sprechen, ausser in Gegenwart der
Priorin; und auch dann, wenn ihr redet, drft ihr euer Gesicht
nicht zeigen, oder wenn ihr das Gesicht zeigt, drft ihr nicht
reden.  Er ruft wieder; ich bitte euch, gebt ihm Antwort.

(Francisca geht ab.)

Isabella.
Wer ruft hier?

(Sie macht die Thre auf.)

(Lucio kommt herein.)

Lucio.
Heil, Jungfrau, wenn ihr seyd, wofr euch diese Rosenwangen
ankndigen; wollt ihr so gefllig seyn, und mich vor Isabellen
bringen, der schnen Schwester des unglklichen Claudio, die sich
unter den Probe-Schwestern dieses Hauses befindet.

Isabella.
Warum des unglklichen Claudio, lat mich zurkfragen, indem ich
euch sage, da ich diese Isabella und seine Schwester bin.

Lucio.
Holdselige Schne, euer Bruder grsset euch; um euch nicht lange
aufzuhalten, er ligt im Gefngni.

Isabella.
Weh mir!  Und warum?

Lucio.
Fr etwas, wofr er, wenn ich sein Richter wre, Belohnung statt
Strafe erhalten sollte; er hat einer guten Freundin ein Kind
gemacht.

Isabella.
Mein Herr, erzhlt mir nicht eure eigne Geschichte.

Lucio.
Es ist wie ich sage; wenn es gleich meine Schoosnde ist, den
Kybizen mit den Mdchen zu spielen, und ihnen zum Spa Dinge
vorzusagen, wovon mein Herz nichts wei, so wollte ich doch nicht
mit allen Jungfrauen so scherzen.  Ich sehe euch fr ein
geheiligtes und dem Himmel geweyhtes Geschpf an; und, aufrichtig
zu reden, euer Stand macht euch in meinen Augen schon zu einem
abgeschiednen seligen Geist.

Isabella.
Ihr lstert das Gute, indem ihr meiner spottet.

Lucio.
Denket das nicht von mir.  In wahrem Ernst, di ist die Sache: Euer
Bruder hat seine Liebste in einen Zustand gesezt, der dasjenige was
zwischen ihnen vorgegangen, unleugbar macht.

Isabella.
Ist eine schwanger von ihm?--Meine Base Juliette?

Lucio.
Ist sie eure Base?

Isabella.
Durch Adoption, durch die Liebe, die wir als Kinder fr einander
gehabt.

Lucio.
Sie ist es.

Isabella.
O!  So kan er sie ja heurathen.

Lucio.
Das ist eben der Knoten.  Der Herzog hat sich auf eine sehr
seltsame Art von hier wegbegeben; und manchen Edelmann, worunter
ich selbst einer bin, in der Hoffnung, einen Antheil an der Staats
Verwaltung zu bekommen, getuscht.  Allein wenn denjenigen zu
glauben ist, welche die wahren Nerven des Staats kennen, so ist die
Bestellung die er gemacht, unendlich weit von seiner wrklichen
Absicht entfernt.  Indessen herrschet an seinem Plaz, und mit
seiner ganzen unumschrnkten Gewalt, der Freyherr Angelo, ein Mann
dessen Blut Schneewasser ist; ein Mann der durch die Strke seiner
Seele, durch Studieren und Fasten den Stachel der Natur stumpf
gemacht hat; der die Bewegung der Sinne, und den Trieb der
unordentlichen Lust nie gefhlt hat.  Dieser, (um den Muthwillen
und die Ausgelassenheit, die eine lange Zeit um die drohenden
Geseze, wie Muse um Lwen, herumgeschwrmt, in Schreken zu sezen)
hat ein Gesez hervorgesucht, unter dessen schwerem Inhalt eures
Bruders Leben der Todesstraffe verfallen ist; er hat ihn also
gefangen gesezt, und will durch Vollziehung der ganzen Strenge des
Gesezes, ihn andern zu einem Beyspiel machen.  Alle Hoffnung ist
hin, wofern ihr nicht das Glk habt, durch eure schne Frbitte den
Angelo zu rhren; und dieses ist, warum ich euch in euers Bruders
Namen bitte.

Isabella.
Er will ihm das Leben nehmen, sagt ihr?

Lucio.
Er hat das Urtheil schon gesprochen, und der Kerkermeister hat, wie
ich hre, schon den Befehl wegen der Hinrichtung.

Isabella.
Ach Himmel!  Was kan ich ihm also helfen?

Lucio.
Versucht die Macht, die ihr habt.

Isabella.
Meine Macht?  Ach!  ich zweifle--

Lucio.
Unsre Zweifel sind Betrger, und bringen uns oft um das Gute, das
wir gewinnen knnten, durch die blosse Furcht vor dem Versuch.
Geht zu dem Stadthalter, und lat ihn erfahren lernen, was die
Bitten, die gebognen Knie und die Thrnen der Schnheit ber einen
Mann vermgen.

Isabella.
Ich will sehen was ich thun kan.

Lucio.
Aber beschleuniget euch.

Isabella.
Ich will nicht lnger sumen, als um der wrdigen Mutter Nachricht
von meinem Geschfte zu geben.  Ich danke euch von Herzen; grsset
meinen Bruder: eh es Nacht ist, will ich ihm von meiner Ausrichtung
Nachricht geben.

Lucio.
Ich beurlaube mich von euch, schne Schwester--

Isabella.
Lebet wohl, mein gtiger Herr.

(Sie gehen ab.)




Zweyter Aufzug.



Erste Scene.
(Der Palast.)
(Angelo, Escalus, ein Richter, Bediente.)


Angelo.
Wir mssen kein Schrek-Bild aus dem Gesez machen, das, die
Raubvgel zu verscheuchen, aufgestellt wird; und ihm so lang
einerley Gestalt lassen, bis die Gewohnheit macht, das sie sich
darauf sezen, anstatt davor zu fliehen.

Escalus.
Auch ist mein Rath, nur in diesem Fall einige Nachsicht verwalten
zu lassen.  Ach!  der junge Mann den ich retten wollte, hatte einen
sehr edeln Vatter.  Ich halte Euer Gnaden fr einen Mann von
strenger Tugend; aber mchtet ihr die Ueberlegung machen, ob ihr
selbst, wenn Zeit und Gelegenheit euerm Wunsch oder dem Trieb des
feurigen Blutes gnstig gewesen wre, ob ihr nicht selbst in
gewissen Augenbliken euers Lebens, in eben diesem Punct, wewegen
ihr ihn strafen wollt, gefehlt und das Gesez wider euch gereizt
httet.

Angelo.
Ein anders ist, versucht werden, Escalus, ein anders, fallen.  Ich
lugne nicht, da unter den zwlf Geschwornen, die ber eines
Gefangnen Leben sprechen sollen, einer oder zween seyn knnen, die
noch grssere Diebe sind, als der den sie verhren.  Die
Gerechtigkeit straft nur die Verbrechen, die ihr bekannt sind.  Was
wei das Gesez davon, da Diebe ber Diebe urtheilen?  Es ist
natrlich, da wir bey einem Edelstein, den wir finden, still
stehen und ihn aufheben, weil wir ihn sehen; aber wenn wir ihn
nicht sehen, so treten wir auf ihn und denken nicht daran.  Ihr
knnt sein Vergehen dadurch nicht verringern, da ihr voraussezt,
ich habe auch solche Fehler machen knnen; aber dann, wenn ich, der
ihn bestraft, mich wrklich so vergehe, dann redet, und lat mein
eignes Urtheil mir den Tod zu erkennen.  Mein Herr, er mu sterben!
(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)

Escalus.
So sey es, wie eure bessere Einsicht es will.

Angelo.
Wo ist der Kerkermeister?

Kerkermeister.
Hier, zu Euer Gnaden Befehl.

Angelo.
Sorget dafr, da Claudio bis morgen um neun Uhr gerichtet werde.
Bringt ihm seinen Beichtiger, lat ihn vorbereitet werden; denn
diese Zeit ist alles, was er noch zu leben hat.

(Kerkermeister geht ab.)

Escalus (vor sich.)
Gut, der Himmel verzeihe ihm!  und verzeih' uns allen!  Einige
steigen durch Snde, andre fallen durch Tugend: Einige berwlzen
sich in Lastern, und werden nur nicht zur Rede gestellet; andre
mssen fr einen einzigen Fehltritt die Straffe des grsten
Verbrechens leiden.



Zweyte Scene.
(Ellbogen, Schaum, Harlequin und Gerichtsdiener.)


Ellbogen.
Kommt, fhrt sie her; wenn das nzliche Leute im gemeinen Wesen
sind, die nichts thun, als das Pflaster treten, und in H** Husern
herumschwrmen, so versteh ich nichts vom Gesez.  Fhrt sie her.

Angelo.
Was giebts, mein Herr?  Wie heit ihr?  Wovon ist die Rede?

Ellbogen.
Mit Euer Gnaden Erlaubni, ich bin des armen Herzogs Policey-
Aufseher in diesem Quartier, und mein Name ist Ellbogen.  Ich
appelliere an die Justiz, und bringe hier vor Euer Gnaden ein paar
notorische Beneficanten.

Angelo.
Beneficanten?  Was haben sie denn Gutes gethan?  Du willt
Maleficanten sagen, vermuthlich.

Ellbogen.
Euer Gnaden nehmen mir nicht bel, ich wei nicht wer sie sind;
aber ausgemachte Buben sind es, das wei ich gewi, und leer an
aller Profanation, welche gute Christen haben sollten.

Escalus.
Das geht gut; das ist ein weiser Official.

Angelo.
Zur Sache; von was fr einer Gattung Leute sind sie?  Ellbogen
heit ihr?  Warum redst du nicht, Ellbogen?

Harlequin.
Er kan nicht, Gndiger Herr; er hat ein Loch im Ellbogen.

Angelo.
Wer seyd ihr, Monsieur?

Ellbogen.
Er?  Ein Bierzapfer, Gndiger Herr, ein Schlingel von einem H**
Wirth, einer der bey einem belberchtigten Weibsbild in Diensten
ist; dessen Haus, Gndiger Herr, wie die Leute sagen, in den
Vorstdten nieder gerissen worden ist.  Izt hlt sie ein Badhaus,
welches, denk ich, wohl so gut oder nicht besser seyn wird, als ein
H** Haus.

Escalus.
Woher wit ihr das?

Ellbogen.
Mein Weib, Gndiger Herr, die ich vorm Angesicht des Himmels und
Euer Gnaden detestire--


Escalus.
Wie?  dein Weib?

Ellbogen.
Ja, Gndiger Herr, Gott sey Dank, sie ist ein ehrliches Weib--

Escalus.
Und darum detestirst du sie?

Ellbogen.
Ich sage Gndiger Herr, ich detestire mich selbst sowohl als sie,
da dieses Haus, wenn es nicht ein H** Haus ist, so daurt mich ihr
Leben, denn es ist ein schlimmes Haus.

Escalus.
Und woher weist du es denn?

Ellbogen.
Sapperment, Gndiger Herr, von meinem Weib, die, wenn sie ein Weib
wre, das den cardinalischen* Lsten nachhienge, in diesem Haus in
Hurerey, Ehebruch, und alle Unreinigkeit htte gerathen knnen.

{ed.-* Es braucht kaum der Anmerkung, da Ellbogen den Fehler hat,
gerne lateinische Worte einzumengen, die er nicht recht ausspricht;
er sagt detestiren fr attestiren, cardinalisch fr carnalisch.
respectirt fr suspect, u.s.w.}

Escalus.
Durch dieser Frauen Vorschub?

Ellbogen.
Ja, Gndiger Herr, durch Frau Overdons Vorschub; aber sie spie ihm
ins Gesicht, wie er sie--


Harlequin.
Mit Euer Gnaden Erlaubni, es ist nicht so.

Ellbogen.
Beweis es, beweis es vor diesen Schurken, du Ehrenmann!  beweis es.

Escalus.
Hrt ihr, wie er sich verspricht?

Harlequin.
Gndiger Herr, sie gieng mit dem Kind als sie in unser Haus kam,
und hatte (mit Respect vor Euer Gnaden zu sagen) einen Gelust nach
gebratnen Pflaumen; Gndiger Herr, wir hatten nur zwey im Hause,
und die lagen zu eben derselben Zeit, wie das begegnete, in einem
Confect-Teller, einem Teller fr drey oder vier Groschen; Euer
Gnaden haben wol auch solche Teller gesehen, es sind keine
Porcellan-Teller, aber sehr gute Teller.

Escalus.
Weiter, weiter, es ist am Teller nichts gelegen--

Harlequin.
Nein, in der That nicht, Gndiger Herr, in diesem Stk hat Euer
Gnaden recht: Aber zur Sache zu kommen; wie ich sagte, diese Madam
Ellbogen gieng mit dem Kind, und hatte, wie ich sagte, schon einen
ziemlich grossen Bauch, und gelstete, wie ich sagte, nach Pflaumen,
und es waren nur noch zwey auf dem Teller, wie ich sagte; denn
dieser Herr von Schaum hier, dieser Junker, der hier steht, hatte
die brigen gegessen, wie ich sagte, und er bezahlte sie ehrlich,
das mu ich sagen; denn, wie ihr wit, Junker Schaum, ich konnte
euch nicht drey Kreuzer herausgeben--

Schaum.
Nein, in der That.

Harlequin.
Das mu wahr seyn; ihr waret eben daran, wenn ihr euch noch
erinnert, die Steine von den vorbesagten Pflaumen aufzuknaken.

Schaum.
Ja, das that ich, in der That.

Escalus.
Fort, ihr seyd ein langweiliger Narr, zur Sache; was that man denn
Ellbogens seinem Weib, da er Ursach zu klagen hat?  Kommt auf das,
was man ihr that.

Harlequin.
Gndiger Herr, Euer Gnaden kan noch nicht auf das kommen.

Escalus.
Das ist auch nicht meine Absicht.

Harlequin.
Aber Euer Gnaden soll darauf kommen, mit Euer Gnaden Erlaubni; und
ich bitte euch, sehet einmal diesen Junker Schaum an, Gndiger Herr,
einen Mann von achtzig Pfund Renten des Jahrs, dessen Vater an
aller Heiligen Tag gestorben ist.  War es nicht aller Heiligen Tag,
Junker Schaum?

Schaum.
Aller Heiligen Abend.

Harlequin.
Gut, gut; ich hoffe, das ist ein Mann dem man glauben mu.  Er sa
eben, Gndiger Herr, wie ich sagte, in einem niedern Sessel,
Gndiger Herr; es war in der Traube, wo ihr in der That so gerne zu
sizen pflegt; nicht wahr?

Schaum.
Es ist so, weil es eine hbsche offne Stube ist, und gut fr den
Winter.

Harlequin.
Das heit gesprochen, wie es sich gehrt; ich hoffe, hier ist ein
Mann, der Glauben finden wird.

Angelo.
Das wird eine Ruische Nacht auswhren, wenn die Nchte am lngsten
sind.  Ich will mich beurlauben und es euch berlassen, die Sache
zu untersuchen, in der Hoffnung, ihr werdet gute Ursache finden,
ihnen allerseits den Staupbesen geben zu lassen.

(Geht ab.)



Dritte Scene.
(Die Vorigen.)


Escalus.
Nun, Monsieur, zur Hauptsache; was that man Ellbogens Weib?

Harlequin.
Was man ihr that, Gndiger Herr?  Nichts, gar nichts, mit Euer
Gnaden Erlaubni.

Ellbogen.
Ich bitte Euer Gnaden, fragt ihn, was dieser Mann hier meinem Weibe
gethan hat?

Harlequin.
Ich bitte Euer Gnaden, fragt mich.

Escalus.
Gut, Herr, was that ihr dann dieser Edelmann?

Harlequin.
Ich bitte Euer Gnaden, schauet diesem Edelmann ins Gesicht; Junker
Schaum, sehet den Gndigen Herrn an; es geschieht aus keiner bsen
Absicht; beobachtet Euer Gnaden seine Physionomie?

Escalus.
Ja, Herr, sehr wohl.

Harlequin.
Nun, ich bitte euch, beobachtet es nur wol.

Escalus.
Das thu ich.

Harlequin.
Kan Euer Gnaden etwas gefhrliches darinn entdeken?

Escalus.
Nein.

Harlequin.
Nun will ich auf ein Buch schwren, da sein Gesicht das schlimmste
Ding an seiner ganzen Person ist; wohlan dann, wenn sein Gesicht
das schlimmste an ihm ist, wie konnte Jkr.  Schaum des Ellbogens
Weib etwas zuleide thun?  Das mcht ich von Euer Gnaden hren.

Escalus.
Er hat recht; Herr Commi, was sagt ihr dazu?

Ellbogen.
Frs Erste, so ist das Haus, mit Euer Gnaden Erlaubni, ein
respectirtes Haus; Zweytens, ist das ein respectirter Bursche, und
seine Frau ein respectirtes Weib.

Harlequin.
Bey dieser Hand, Gndiger Herr, sein Weib ist die respectirteste
Person unter uns allen.

Ellbogen.
Schurke, du lgst; du lgst, du Schurke du; die Zeit soll noch
kommen, da sie jemals mit einem Mann, Weib oder Kind respectirt
gewesen--

Harlequin.
Gndiger Herr, er war mit ihr respectirt; eh er sie heurathete.

Escalus.
Ist das wahr, Ellbogen?

Ellbogen.
O du Galgenschwengel!  o du Schurke!  du gottloser Hannibal!  Ich,
respectirt mit ihr, eh ich sie heurathete?  Wenn ich jemals mit ihr
respectirt war, oder sie mit mir, so soll Euer Gnaden mich nicht
fr des armen Herzogs Beamten halten; beweis es, du verruchter
Hannibal, oder ich will eine Injurien-Actie gegen dich anstellen.
Was ist Euer Gnaden Befehl, da ich mit diesem gottlosen
Galgenbuben anfangen soll?

Escalus.
Im Ernst, Herr Commi, weil er ein und anders angestellt hat, das
du gern entdeken mchtest wenn du knntest, so la ihn seinen Weg
fortgehen, bis du weist was es ist.

Ellbogen.
Sapperment; ich danke Euer Gnaden davor; da siehst du, du
leichtfertiger Schurke, wo es mit dir hinkommt; du darfst nur so
fortmachen, du Schurke, du darfst nur so fortmachen--

Escalus (zu Schaum.)
Wo seyd ihr gebohren, guter Freund?

Schaum.
Hier, in Wien.

Escalus.
Habt ihr achtzig Pfund Renten, Herr?

Schaum.
Ja, mit Euer Gnaden Erlaubni.

Escalus.
So.

(Zum Harlequin)

was ist eure Profession, Meister--

Harlequin.
Ein Bierzapfer, einer armen Wittfrauen Bierzapfer.

Escalus.
Wie heit eure Frau?

Harlequin.
Frau Overdon.

Escalus.
Hat sie mehr als einen Mann gehabt?

Harlequin.
Neune, Gndiger Herr, Overdon war der lezte.

Escalus.
Neune?  tretet nher her, Junker Schaum; Junker Schaum, ich sehe
nicht gerne da ihr mit Bierzapfern so wohl bekannt seyd; sie
zapfen euch euer Geld ab, Junker Schaum, und ihr bringt sie an den
Galgen.  Gehet euers Weges, und lat mich nichts mehr von euch
hren.

Schaum.
Ich danke Euer Gnaden; ich fr meinen Theil bin noch nie in keiner
Bierschenke gesessen, da ich nicht hineingezogen worden wre.

Escalus.
Genug, und nichts weiter mehr von dieser Art, Junker Schaum, gehabt
euch wohl.  --

(Schaum geht ab.)



Vierte Scene.


Escalus.
Kommt zu mir her, Meister Bierzapfer, wie ist euer Name, Meister
Bierzapfer?

Harlequin.
Pompey.

Escalus.
Meister Pompey, ihr seyd ein Stk von einem H** Wirth, ob ihr es
gleich hinter dem Bierzapfer versteken wollt.  Seyd ihr's nicht?
Kommt, sagt mir die Wahrheit, es wird euch nicht desto schlimmer
gehen.

Harlequin.
In gutem Ernst, Gndiger Herr, ich bin ein armer Kerl, der gerne
leben mchte.

Escalus.
Wie wollt ihr leben, Pompey?  Von der H** Wirthschaft?  Was dnkt
euch zu dieser Handthierung?  Ist es eine gesezmige
Begangenschaft?

Harlequin.
Wenn das Gesez sie gestattet, Gndiger Herr.

Escalus.
Aber das Gesez gestattet sie nicht, Pompey; dazu soll es in Wien
nimmermehr kommen.

Harlequin.
Hat Euer Gnaden vielleicht im Sinn, alle jungen Leute in der Stadt
verschneiden zu lassen?

Escalus.
Nein, Pompey.

Harlequin.
Wahrhaftig, gndiger Herr, so werden sie nach meiner einfltigen
Meynung nicht davon abzuhalten seyn; wenn Euer Gnaden den H** und
den lderlichen Mannsleuten wehren wird, so habt ihr nicht nthig
die Kuppler und Kupplerinnen zu frchten.

Escalus.
Dafr sind hbsche Anstalten im Werk; es ist nur um Kpfen und
Hngen zu thun.

Harlequin.
Wenn ihr nur zehn Jahre nach einander alle die sich in diesem Stke
verfehlen, kpfen und hngen lassen wollt, so werdet ihr in Zeiten
Commiion fr mehr Kpfe geben mssen; wenn dieses Gesez zehen
Jahre in Wien gehalten wird, so will ich das schnste Haus in der
Stadt das Stokwerk fr drey Kreuzer miethen; wenn ihr so lang lebt,
das zu erleben, so sagt, Pompey hab es euch vorher gesagt.

Escalus.
Grossen Dank, Pompey, und, um eure Propheceyung zu erwiedern, so
sag ich euch hiemit gleichfalls, lat mich keine Klage mehr wider
euch hren, worber es seyn mag, auch nicht ber lngern Aufenthalt
in dem Hause, wo ihr gewesen seyd; hr ich das mindeste, Pompey, so
will ich euch in euer Lager zurk schlagen, und ein strenger Csar
gegen euch seyn; aufrichtig zu sprechen, Pompey, ihr httet
verdient, da ich euch ein wenig abpeitschen liesse; und hiemit,
Pompey, gehabt euch fr dimal wohl.

Harlequin.
Ich danke Euer Gnaden fr den guten Rath; ich werde ihm folgen, wie
das Schiksal, und Fleisch und Blut es erlauben werden--

(fr sich)

Sapperment!  Ein dapfrer Mann lt sich nicht sogleich aus seinem
Handwerk peitschen.

(Geht ab.)



Fnfte Scene.


Escalus.
Kommt zu mir hieher, Meister Ellbogen; kommt her, Herr Commis; wie
lang ist es, da ihr dieses Amt in euerm Quartier verwaltet?

Ellbogen.
Sieben und ein halb Jahr, Gndiger Herr.

Escalus.
Ich dachte, nach euerer Fertigkeit in diesem Amte zu urtheilen, ihr
httet es schon eine gute Zeit getrieben.  Sieben ganze Jahre, sagt
ihr?

Ellbogen.
Und ein halbes, Gndiger Herr.

Escalus.
Es wird euch viele Mhe gemacht haben, mein guter Mann; sie meynen
es nicht gut mit euch, da sie euch so oft dazu anstrengen; hat es
denn keine Leute in euerm Kirchspiel, die im Stande wren es zu
versehen?

Ellbogen.
Mein Treu, Gndiger Herr, nicht viele die den Verstand zu solchen
Geschften haben; wenn sie gewhlt werden, so ist es ihnen immer
eine Geflligkeit, wenn ich den Dienst fr sie versehe; sie
bezahlen mich dafr, und so trag ich eben das Amt fr alle.

Escalus.
Seht ihr, bringt mir die Namen von sechs oder sieben, die die
tauglichsten in euerm Kirchspiel sind.

Ellbogen.
In Euer Gnaden Haus?

Escalus.
In mein Haus; beht euch Gott.

(Ellbogen geht ab.)

(Zum Richter.)

Wie viel denkt ihr da die Gloke ist?

Richter.
Eilfe, Gndiger Herr.

Escalus.
Ich bitte euch, kommt mit mir zum Mittag-Essen.

Richter.
Ich danke euer Gnaden unterthnig.

Escalus.
Ich krnke mich herzlich ber Claudios Tod; aber es ist nicht zu
helfen.

Richter.
Der Freyherr Angelo ist streng.

Escalus.
Es ist nur allzu nthig; Gte hrt auf es zu seyn, wenn sie immer
die gleiche Mine macht; und Nachsicht ist allemal die Mutter neuer
Verbrechen.  Und doch--armer Claudio!  Es ist nicht zu helfen!--
Folget mir, mein Herr.

(Gehen ab.)



Sechste Scene.
(Der Kerkermeister, ein Bedienter.)


Bedienter.
Er giebt nur einer Partey Gehr; er wird gleich kommen: Ich will
ihm sagen, da ihr hier seyd.

Kerkermeister.
Ich bitte euch, thut es; ich mchte wissen, was sein Wille ist;
vielleicht ihn wieder frey zu lassen--Ach!  Er hat kaum mehr als in
einem Traum gesndiget; alle Stnde, alle Alter riechen nach diesem
Laster--und er soll dafr sterben.  (Angelo zu den Vorigen.)

Angelo.
Nun, was giebt es, Kerkermeister?

Kerkermeister.
Ist es Euer Gnaden Wille, da Claudio morgen sterben solle?

Angelo.
Sagt' ich dir nicht schon, ja?  Hast du nicht Befehl?  Wozu
brauchst du noch einmal zu fragen?

Kerkermeister.
Aus Furcht, ich mchte zu rasch seyn.  Mit Euer Gnaden Erlaubni,
ich habe den Fall schon erlebt, da der Richter nach der Vollziehung
sein Urtheil gerne wiederruffen htte.

Angelo.
Thu du deine Pflicht, und la das meine Sorge seyn; thu deine
Pflicht, oder gieb dein Amt auf; und es soll dir keine Mhe mehr
gemacht werden.

Kerkermeister.
Ich bitt' unterthnig um Verzeihung, Gndiger Herr--Und was soll
ich mit der winselnden Juliette anfangen?  Sie ist ihrer Entbindung
sehr nahe.

Angelo.
Bringe sie an einen bequemem Ort, und das unverzglich.

Der Bediente.
Gndiger Herr, hier ist die Schwester des verurtheilten Manns, und
bittet vor Euer Gnaden gelassen zu werden.

Angelo.
Hat er eine Schwester?

Kerkermeister.
Ja, Gndiger Herr, eine sehr tugendhafte junge Person, die im
Begriff ist eine Klosterfrau zu werden, wenn sie es nicht schon ist.

Angelo.
Gut; la sie herein kommen.

(Bedienter geht ab.)

Sorgt ihr davor, da die Hure in einen andern Ort gebracht werde;
lat ihr blo die nothdrftige, und keine berflssige Unterhaltung
geben; es soll Befehl deshalb ertheilt werden.



Siebende Scene.
(Lucio und Isabella, zu den Vorigen.)
(Kerkermeister will abtreten.)


Angelo.
Bleibt noch ein wenig--

(Zu Isabella.)

Seyd willkommen; was ist euer Begehren?

Isabella.
Ich bin eine bekmmerte Person, die eine Bitte an Euer Gnaden thun
mchte, wenn es euch gefiele mich anzuhren.

Angelo.
Gut; was ist eure Bitte?

Isabella.
Es ist ein Laster, das ich von Herzen verabscheue; das ich gestraft
zu sehen wnsche, und fr welches ich keine Frbitte thun wrde,
wenn ich nicht mte.

Angelo.
Gut, zur Sache.

Isabella.
Ich habe einen Bruder der zum Tod verurtheilt ist; ich bitte euch,
lat das Urtheil auf sein Verbrechen, und nicht auf meinen Bruder
fallen.

Kerkermeister (leise.)
Der Himmel gebe dir die Gnade, ihn zu rhren;

Angelo.
Das Verbrechen verurtheilen, und nicht den Thter?  Ein jedes
Verbrechen ist schon verurtheilt, eh es gethan wird.  Was wrde
mein Amt seyn, wenn ich die Verbrechen fnde, deren Strafe die
Geseze bestimmt haben, und die Thter gehen liesse?

Isabella.
O!  allzugerechtes wiewohl strenges Gesez!--Ich habe also keinen
Bruder mehr--

(Sie will fortgehen.)

Lucio (leise.)
Gebt nicht so gleich auf; versucht es noch einmal, bittet ihn,
fallt auf die Knie, hngt euch an seinen Rok; ihr seyd zu kalt;
wenn ihr eine Steknadel nthig httet, knntet ihr sie mit keiner
gleichgltigern Art verlangen.  Noch einmal an ihn, sag' ich.

Isabella (zu Angelo.)
Mu er denn nothwendig sterben?

Angelo.
Mdchen, dafr ist kein Mittel.

Isabella.
Ey ja, ich denke ihr knntet ihm Gnade widerfahren lassen; weder
der Himmel noch die Menschen mibilligen es, wenn man Gnade vor
Recht gehen lt.

Angelo.
Ich will aber nicht.

Isabella.
Knntet ihr, wenn ihr wolltet?

Angelo.
Seht, was ich nicht will, das kan ich auch nicht.

Isabella.
Aber knntet ihr es thun, ohne da die Welt einen Schaden davon
htte, wenn euer Herz das Mitleiden des meinigen gegen ihn fhlte?

Angelo.
Sein Urtheil ist gesprochen; es ist zu spt.

Lucio (leise.)
Ihr seyd zu kalt.

Isabella.
Zu spt?  Warum?  nein; ich kan ja ein Wort wiederruffen, das ich
gesprochen habe: Glaubet nur, den Knig ziert seine Crone, den
Statthalter sein Schwerdt, den Marschall sein Stab, und den Richter
sein Rok nicht halb so sehr als Gnade; wret ihr an seinem Plaze
gewesen und er an euerm, ihr wrdet gestrauchelt haben, wie er;
aber er wrde nicht so strenge gewesen seyn.

Angelo.
Ich bitte euch, geht.

Isabella.
Wollte der Himmel, ich htte eure Macht, und ihr wret Isabella; es
sollte nicht so seyn.

Lucio.
Nur weiter--das ist der rechte Ton--

Angelo.
Das Gesez hat euern Bruder verurtheilt; alle eure Worte sind
verschwendet.

Isabella.
Ach!  gndiger Himmel!  wie?  Alle Seelen hatten einst gesndigt,
und waren vom Gesez verurtheilt.  Aber der, der sie mit bestem Fug
straffen konnte, fand ein Mittel aus.  Wenn er euch richten wollte,
wie ihr seyd?  O!  denkt an das!  und Gnade wird, gleich dem
neuerschaffnen Menschen, aus euern Lippen athmen.

Angelo.
Gebt euch zufrieden, schnes Mdchen; das Gesez verurtheilt euern
Bruder, nicht ich.  Wr' er mein Verwandter, mein Bruder, mein Sohn,
so wrd' es ihm nicht anders ergehen; morgen stirbt er.

Isabella.
Morgen?  O!  das ist zu schnell.  Schonet seiner, gebt ihm noch
Frist; er ist nicht zum Sterben bereitet.  Wir tdten ja das
Geflgel fr unsre Kche nicht eher, bis es Zeit ist; sollen wir
den Himmel schlechter bedienen, als den grbsten Theil von uns
selbst?  O!  mein gtiger Herr, bedenkt euch: Wenn ist jemals einer
fr di Vergehen gestorben.  Es sind manche, die es begangen haben.

Lucio (leise.)
Gut, wohl gesprochen!

Angelo.
Das Gesez ist nicht todt gewesen, ob es gleich geschlaffen hat.
Diese (Manche) htten sich nicht unterstanden zu sndigen, wenn der
erste, der das Gesez bertrat, gestraft worden wre.  Izt, ist es
aufgewacht, erkundigt sich dessen was gethan wird, und sieht,
gleich einem Wahrsager, in einem Spiegel, alle die knftigen
Verbrechen vor, die durch eine lngere Nachsicht veranlat wrden,
und auf keine andere Art verhindert werden knnen, als wenn sie vor
ihrer Geburt getdtet werden.

Isabella.
Lat wenigstens einiges Mitleiden sehen.

Angelo.
Ich kan es nicht besser sehen lassen, als wenn ich Gerechtigkeit
sehen lasse; denn alsdann hab' ich sogar Mitleiden mit denen, die
ich nicht kenne, indem ich verhindere, da ein ungestraftes
Verbrechen sie nicht zur Nachfolge reize; ja mit dem Verbrecher
selbst, der wenn er fr eine bse That bssen mu, nicht lebt um
die zweyte zu begehen.  Gebt euch zufrieden; euer Bruder stirbt
morgen; gebt euch zufrieden.

Isabella.
So mt ihr also der erste seyn, der ein solches Urtheil spricht,
und er der erste, der dadurch leidet.  O!  es ist vortrefflich, die
Strke eines Riesen zu haben; aber es ist tyrannisch, sie wie ein
Riese zu gebrauchen.

Lucio (leise.)
Das ist wohl gesprochen.

Isabella.
Knnten die Grossen der Welt donnern wie Jupiter, so wrde Jupiter
selbst keine Ruhe vor ihnen haben; denn bis auf den kleinsten
ledernen Officianten wrde ein jeder seinen Himmel zum donnern
brauchen wollen.  Nichts als donnern--Gtiger Himmel!  dein
scharfer schweflichter Keil zersplittert lieber die harte und
knottichte Eiche als die sanfte Myrrthe: O!  nur der Mensch, der
stolze Mensch, fr etliche Augenblike in ein wenig Ansehen
gekleidet, vergit was er am gewissesten wissen kan, seiner
zerbrechlichen Natur; und spielt, gleich einem erboen Affen, so
phantastische Streiche vor den Augen des Himmels, da die Engel
darber weinen, die, wenn sie unsre Milz* htten, sich alle
sterblich lachen mten.

{ed.-* Die Alten schrieben ein unmiges Gelchter der Grsse der Milz
zu.  Warbrton.}

Lucio (leise.)
Weiter, weiter, Mdchen--das wird wrken--es kmmt ihm, ich merk'
es.

Kerkermeister.
Wollte Gott, sie mchte ihn gewinnen!

Isabella.
Ich darf meinen Bruder nicht gegen euch abwgen; grosse Herren
drfen mit Heiligen scherzen; an ihnen ist Wiz, was an geringem
Gottlosigkeit wre.

Lucio.
Du hast recht, Mdchen; mehr dergleichen--

Isabella.
An dem Hauptmann ist das nur ein hastiges Wort, was an dem gemeinen
Soldaten eine platte Lsterung ist.

Angelo.
Wozu sagt ihr diese Dinge mir?

Isabella.
Weil das hchste Ansehn, ob es gleich dem Irrthum eben so sehr
unterworffen ist als andre Leute, doch immer eine Art von Arzney
bey sich fhrt, die seine Vergehungen sogleich wieder zuheilt; geht
in euch selbst; klopft an euerm Busen an, und fragt euer Herz, was
es sich bewut ist, das meines Bruders Fehler hnlich ist; und wenn
es euch wenigstens die Fhigkeit gesteht, eben so zu sndigen wie
er, so erlaubt ihm keinen Gedanken gegen meines Bruders Leben auf
eure Zunge zu tnen.

Angelo (fr sich.)
Sie spricht mit einem Verstand, der den meinigen berwltiget--
Lebet wohl--

(Er will weggehen.)

Isabella.
O!  mein Gndiger Herr, kehret zurk.

Angelo.
Ich will mich bedenken; kommt morgen wieder.

Isabella.
Hret doch, wie ich euch bestechen will; mein gtiger Herr, kehret
zurck.

Angelo.
Wie?  Mich bestechen?

Isabella.
Ja, mit solchen Geschenken, die der Himmel mit euch theilen soll.

Lucio (leise.)
Gut, sonst httet ihr alles verdorben.

Isabella.
Nicht mit Gold oder Steinen, die nur werth sind, was die Einbildung
sie gelten lt, sondern mit unschuldigen Frbitten, die zum Himmel
aufsteigen, und durch ihn eindringen sollen, eh die Sonne wieder
aufgeht; mit Frbitten von unbeflekten Seelen, von fastenden
Jungfrauen, deren Herzen zu nichts Zeitlichem geweihet sind.

Angelo.
Gut, kommt morgen wieder.

Lucio (leise.)
Geht izt, es ist genug--weg.

Isabella.
Der Himmel erhalte Euer Gnaden gesund.  Um welche Zeit soll ich
morgen Euer Gnaden aufwarten?

Angelo.
Vor Mittag, wenn ihr wollt.

(Isabella geht ab mit Lucio und Kerkermeister.)



Achte Scene.


Angelo (allein.)
Von dir?  Von deiner Tugend selbst?  Was ist das?  Was ist das?
Ist es deine Schuld oder meine?  Wer sndiget am meisten, der
Versucher, oder der Versuchte?  Nicht sie, denn sie denkt nur nicht
daran mich versuchen zu wollen; ich bin es, der neben dem Veilchen
in der Sonne ligend, gleich einem Aa, nicht wie die Blume, von der
holden Frhlings-Wrme faule.  Ists mglich, da die Sittsamkeit
eines Weibes unsern Sinnen gefhrlicher seyn soll, als ihre
Schlpfrigkeit?  Sollen wir, da wir genug unnzen Boden haben,
einen Tempel niederreissen, um unsre Laster hinein zu steken?--O
pfui, pfui, pfui!  Was thust du, oder was bist du, Angelo?  O la
ihren Bruder leben: Diebe haben Entschuldigung fr ihre Rubereyen,
wenn die Richter selbst stehlen.  Wie?  lieb ich sie, da ich so
begierig bin, sie wieder zu hren, und mich an ihren Augen zu
weiden?  Was war di was ich trumte?  O!  listiger Teufel, der, um
Heilige zu fangen, eine Heilige an deinen Angel stekst!  Die
gefhrlichste Versuchung ist, die uns durch die Liebe zur Tugend
zur Snde reizt.  Nimmermehr knnt ein feiles Weibsbild, mit aller
ihrer verdoppelten Strke, mit allen Reizungen der Natur und Kunst,
meine Sinnen nur einen Augenblik aufrhrisch machen; aber dieses
tugendhafte Mdchen berwltiget mich ganz, mich, der bis auf
diesen Augenblik, wenn ich von verliebten Mannsleuten hrte,
lchelte, und nicht begreiffen konnte, wie sie es seyn knnten.

(Geht ab.)



Neunte Scene.
(Verwandelt sich in ein Gefngni.)
(Der Herzog in einem Mnchshabit, und der Kerkermeister, treten
 auf.)


Herzog.
Gott grsse euch, Kerkermeister; denn das seyd ihr, denke ich.

Kerkermeister.
Ich bin's; was ist euer Wille, mein guter Pater?

Herzog.
Von Christlicher Liebe getrieben, und nach den Pflichten meines
Ordens komm' ich, die betrbten Seelen in diesem Gefngni zu
besuchen; lat mich sie sehen, damit ich die Natur ihrer Snden
erkundigen, und nach Befinden mein Amt bey ihnen verrichten knne.

Kerkermeister.
Ich wollte noch mehr thun als das, wenn es nthig wre.  (Juliette
tritt auf.)

Kerkermeister.
Seht, hier kommt eine von meinen Gefangnen, ein Frulein, die in
die Flammen ihrer eignen Jugend gefallen ist, und ihren guten Namen
darinn versengt hat: Sie ist schwanger, und der Vater ihres Kinds
ist zum Tode verurtheilt; ein junger Mann, der bereiter ist, noch
eine solche Snde zu begehen, als fr diese zu sterben.

Herzog.
Wenn soll er sterben?

Kerkermeister.
Ich denke, morgen.

(Zu Juliette.)

Ich habe Vorsehung fr euch gethan, bleibt eine Weile, und ihr
sollt weggefhrt werden.

Herzog.
Bereuet ihr, schnes Kind, die Snde, die ihr begangen habt?

Juliette.
Ich bereue sie und trage die Schmach gedultig.

Herzog.
Ich will euch lehren, wie ihr euer Gewissen prfen knnt, um zu
erfahren, ob eure Busse aufrichtig ist oder nicht.

Juliette.
Ich will es gerne lernen.

Herzog.
Liebt ihr den Mann, der euch zu Falle gebracht hat?

Juliette.
Ja, so sehr als ich die Weibsperson liebe, die ihn zu Falle
gebracht hat.

Herzog.
Es scheint also, ihr habt aus beydseitigem Einverstndni
gesndiget.

Juliette.
So ist es.

Herzog.
Also war eure Snde von einer schwerern Art, als die Seinige.

Juliette.
Ich bekenn' und bereu' es, mein Vater.

Herzog.
Es ist billig, meine Tochter; aber bereut ihr eure Snde vielleicht
nur darum, weil sie euch in diese Schmach gebracht hat, anstatt aus
Betrbni da ihr den Himmel beleidiget habt?  Eine gewhnliche Art
von Reue, wodurch wir beweisen, da wir den Himmel nicht suchen
weil wir ihn lieben, sondern nur wenn wir seine Strafen frchten.

Juliette.
Es reut mich, in so fern es ein Uebel ist, und ich ertrage die
Schmach mit Freuden.

Herzog.
Bleibet bey dieser Gesinnung.  Euer Mitschuldiger mu, wie ich hre,
morgen sterben, und ich gehe izt zu ihm, ihn vorzubereiten.  Also
geb ich euch meinen Segen.

(Er geht ab.)



Zehnte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo tritt auf.)


Angelo.
Wenn ich beten oder mit geistlichen Gedanken mich unterhalten will,
so bete ich, und denke an verschiedne Gegenstnde; aber der Himmel
hat nur meine leeren Worte, inde mein Gemth, ohne meine Zunge zu
hren, auf Isabellen ankert.  Der Himmel ist auf meinen Lippen, und
der mchtige und schwellende Vorsaz der Snde in meinem Herzen.
Der Staat, worinn ich studirte, ist mir wie ein gutes Buch, das man
so oft gelesen hat, bis man es berdrig worden ist; ja, diese
Ernsthaftigkeit, auf die ich (la niemand es hren) stolz war,
knnt ich mit Aufgabe gegen eine leichte Feder vertauschen, die der
Wind hin und her treibt.  O!  Plaz, o usserliches Ansehen!  Wie
oft erzwingst du Ehrfurcht von den Thoren, und hintergehest selbst
die weisern Seelen durch deine betrgliche Gestalt!  Wir brauchen
nur (guter Engel) auf des Teufels Horn zu schreiben, so ists nicht
mehr des Teufels Horn--
(Ein Bedienter kommt herein.) Was giebts, wer ist da?

Bedienter.
Eine gewisse Isabella, eine Nonne, verlangt vor Euer Gnaden
gelassen zu werden.

Angelo.
Fhre sie herein--O Himmel!  wie treibt mein Blut zu meinem Herzen,
und entsezt auf einmal alle meine andern Theile ihrer nthigen
Strke--So spielt der alberne Hauffe mit einem der in Ohnmacht
sinkt; alle lauffen ihm zu Hlfe, und verstopfen dadurch die Luft,
durch die er wieder aufleben knnte: Und so verlassen die
Unterthanen, einen geliebten Knig zu sehen, ihre eignen Geschfte,
und drngen sich in dienstfertiger Zrtlichkeit zu seiner Gegenwart,
wo ihre unbescheidene Liebe einer Beleidigung gleich sehen mu--
(Isabella kommt herein.) Wie geht es, schnes Mdchen?



Eilfte Scene.


Isabella.
Ich komme zu hren, was Euer Gnaden beliebt--

Angelo.
Da ihr es wissen mchtet, wrde mir besser belieben, als da ihr
darnach fragt.  Euer Bruder kan nicht bey Leben bleiben.

Isabella.
Ist es dieses?--Der Himmel erhalte Eu.  Gnaden.

(Sie will gehen.)

Angelo.
Und doch mcht' er noch eine Zeitlang leben, und das mchte seyn,
so lang als ihr oder ich; aber er mu sterben.

Isabella.
Durch euer Urtheil?

Angelo.
Ja.

Isabella.
Wenn, ich bitte euch?  Lat ihm wenigstens so viel Zeit als er
nthig hat, damit seine Seele geheilt werden knne.

Angelo.
Ha?  Pfui dieser garstigen Laster!  Es wre eben so gut denjenigen
zu begnadigen, der einen schon gemachten Menschen aus der Natur
weggestohlen htte, als solchen Leuten, die das Bild des Himmels
auf verbotne Stempel graben, ihre unverschmte Ueppigkeit zu
verzeihen.

Isabella.
So wird im Himmel geurtheilt, aber nicht auf Erden.

Angelo.
Sagt ihr das?  Nun will ich euch bald zum Stillschweigen bringen.
Was wolltet ihr lieber, da das gerechteste Gesez euerm Bruder das
Leben nehme; oder da ihr, um ihn zu retten, euern Leib eben so
behandeln lassen mtet, wie diejenige, die er beflekt hat?

Isabella.
Gndiger Herr, glaubt mir das, ich wollte lieber meinen Leib prei
geben als meine Seele.

Angelo.
Ich rede nicht von eurer Seele; Snden, wozu wir genthiget werden,
stehen nicht auf unsrer Rechnung.

Isabella.
Wie sagt ihr?

Angelo.
Ich will nicht davor gut stehen; denn ich kan vieles gegen das was
ich gesagt habe, einwenden.  Antwortet mir nur auf das: Ich, durch
dessen Mund nur das Gesez redet, spreche das Todes-Urtheil wider
euern Bruder aus: Wre nicht Barmherzigkeit in einer Snde, die ihr
nur darum begienget, um euers Bruders Leben zu retten?

Isabella.
Schenket ihm das Leben, ich will es auf die Gefahr meiner Seele
nehmen, dann ist gar keine Snde darinn, sondern blosse
Barmherzigkeit.

Angelo.
Hrt mich nur, ihr versteht mich nicht; entweder seyd ihr unwissend,
oder stellt euch so, und das ist nicht gut.

Isabella.
Lat mich unwissend seyn, und in nichts gut, als in der demthigen
Erkenntni, da ich nicht besser bin.

Angelo.
So wnscht die Weisheit nur desto glnzender zu scheinen, wenn sie
sich selbst tadelt; wie diese schwarze Tcher die eingehllte
Schnheit zehnmal lauter ankndigen als die enthllte Schnheit
selbst thun knnte.  Aber hret mich, um besser verstanden zu
werden, will ich deutlicher reden; euer Bruder mu sterben.

Isabella.
So.

Angelo.
Und wegen eines Verbrechens, worauf das Gesez diese Strafe gelegt
hat.

Isabella.
Es ist wahr.

Angelo.
Gesezt, es wre kein ander Mittel ihm das Leben zu retten (ich sage
nicht, da ich es gelten lassen wrde, sondern nur um den Fall zu
sezen) als da ihr, seine Schwester, wofern jemand euer begehrte,
den sein eigner Plaz oder sein Ansehen bey dem Richter in den Stand
sezte, euern Bruder aus den Fesseln des Gesezes zu befreyen, und
da kein andres Mittel ihn zu retten wre, als ihr mtet entweder
diesem vorausgesezten den Genu eurer Schnheit berlassen, oder
euern Bruder leiden sehen, was wrdet ihr thun?*

{ed.-* Die unrichtige Construction dieser Rede ist im Original,
und man hat sie beybehalten, weil sie die Verwirrung ausdrukt,
worinn sich Angelo in diesem Augenblik befinden mute.}

Isabella.
Soviel fr meinen armen Bruder, als fr mich selbst; das ist, wr
ich zum Tode verurtheilt, so wollt ich die Striemen scharfer
Geisseln wie Rubinen tragen, und mich auf die Marterbank mit der
Sehnsucht eines Kranken wie auf ein Ruhbette werfen, eh ich meinen
Leib der Schande prei geben wollte.

Angelo.
So mte euer Bruder sterben.

Isabella.
Besser, da ein Bruder einen einzigen Augenblik sterbe, als da die
Schwester, um ihn zu retten, ewig sterbe.

Angelo.
Wret ihr in diesem Falle nicht eben so grausam als das Urtheil,
das ihr so genennt habt?

Isabella.
So wie eine schndliche Ranzion, und eine freye Begnadigung von
zweyerley Husern sind; so ist auch ganz gewi nicht die mindeste
Verwandtschaft zwischen einer gesezmigen Barmherzigkeit, und
einer lasterhaften Erlsung.

Angelo.
Ihr schienet lezthin das Gesez fr einen Tyrannen, und den
Fehltritt euers Bruders eher fr eine Kurzweil als fr ein
Verbrechen anzusehen.

Isabella.
Verzeihet mir Gndiger Herr; um zu erhalten was wir suchen, sind
wir oft genthiget nicht zu sagen, was wir denken.  Aus Liebe zu
einem unglklichen Bruder wnschte ich die That entschuldigen zu
knnen, die ich verabscheue.

Angelo.
Wir sind alle gebrechlich.

Isabella.
Wr' es nicht so, so mchte mein Bruder immerhin sterben.

Angelo.
Die Weiber sind auch gebrechlich.

Isabella.
Ja, wie die Spiegel, worinn sie sich beschauen; die Weiber!  Der
Himmel stehe ihnen bey!  Die Mnner verderben ihre angebohrne
Unschuld zum Vortheil ihrer Leidenschaften; ja, nennet uns zehenmal
gebrechlich, denn wir sind sanft wie unsre Bildung, und weich genug
jeden fremden Eindruk anzunehmen.

Angelo.
So denke ich auch; und durch das Zeugni euers eignen Geschlechts
lat mich khner werden.  Ich halte euch bey euern Worten.  Seyd
was ihr seyd, ein Weib; wenn ihr mehr seyd, seyd ihr keines.  Seyd
ihr's, wie diese Gestalt auf eine so reizende Art es bezeuget, so
zeiget es izt, indem ihr diese geweyhte Liverey ableget.

Isabella.
Ich habe nur eine Zunge; ich bitte Euer Gnaden, deutlich zu
sprechen.

Angelo.
Ich liebe euch.

Isabella.
Mein Bruder liebte die Juliette, und ihr sagt mir, da er dafr
sterben msse.

Angelo.
Er soll nicht sterben, wenn ihr meine Liebe begnstiget.

Isabella.
Ich wei da eure Tugend die Freyheit hat, ein wenig schlimmer zu
scheinen als sie ist, um andre auf die Probe zu sezen.

Angelo.
Glaubt mir, auf meine Ehre, meine Worte erklren meine Absicht.

Isabella.
Ha!  was fr eine Ehre?  und was fr eine Absicht?  O!  Schein!
Schein!  Ich will dich ausruffen, Angelo; siehe zu!  Unterzeichne
mir diesen Augenblik die Begnadigung meines Bruders, oder ich will
so laut als ich schreyen kan, der Welt sagen, was fr ein Mann du
bist.

Angelo.
Wer wird dir glauben, Isabella?  Mein unbeflekter Name, mein
strenges Leben, mein Ansehen im Staat, mein blosses Zeugni wider
dich, werden deine Anklage so sehr berwiegen, da du in deiner
eignen Aussage erstiken und nach Verlumdung stinken wirst.  Der
erste Schritt ist gethan, und nun will ich meinem sinnlichen Theil
den Zgel lassen.  Bereite dich meiner erhizten Begierde
nachzugeben, lege alle Sprdigkeit, alle diese verzgernden
Errthungen ab, die das verbannen warum sie bitten; erlse deinen
Bruder, indem du deinen Leib meinem Willen berlassest; oder er mu
nicht nur den Tod sterben, sondern deine Sprdigkeit soll seinen
Tod durch langsame Martern verlngern.  Bringe mir morgen die
Antwort, oder, bey der Leidenschaft, die mich izt beherrschst, ich
will ein Tyrann gegen ihn werden.  Was euch betrift, sagt was ihr
knnt; meine Lgen berwiegen eure Wahrheiten.

(Er geht ab.)

Isabella.
Gegen wen soll ich mich beklagen?  Wrd' ich di erzhlen, wer
wrde mir glauben?  Ich will zu meinem Bruder gehen.  Ob er gleich
durch Antrieb des wallenden Blutes gefallen ist, so hat er doch so
viel Empfindung von Ehre, da wenn er auch zwanzig Hupter auf
zwanzig Blke hinzustreken htte, er eher sie alle hingeben wrde,
eh seine Schwester ihren Leib zu einer so schndlichen Beflekung
mibrauchen lassen sollte.  Leb' also keusch, Isabella, und stirb
du, Bruder; unsre Keuschheit ist mehr als unser Bruder; inzwischen
will ich ihm das Zumuthen dieses Angelo kund machen, und ihn
sterben lehren, damit seine Seele leben mge.




Dritter Aufzug.



Erste Scene.
(Das Gefngni.)
(Der Herzog, Claudio und Kerkermeister treten auf.)


Herzog.
Ihr hofft also Begnadigung von dem Stadthalter Angelo?

Claudio.
Die Unglklichen haben keine andre Arzney als Hoffnung: Ich hoffe
zu leben, und bin bereitet zum Sterben.

Herzog.
Stellt euch als gewi vor, da ihr sterben mt; Tod oder Leben
wird euch dadurch nur desto ssser werden.  Redet so mit dem Leben:
Verliehr ich dich, so verliehr ich ein Ding, das nur von Thoren
hochgeachtet wird; was bist du als ein Hauch, allen Einflssen der
Elemente unterwrffig, welche diese Wohnung, worinn du dich
aufhltst, stndlich beunruhigen; du bist nichts anders als des
Todes Narr,* du arbeitest, ihm durch deine Flucht zu entgehn, und
rennst ihm immer entgegen; du bist nicht edel, denn du nhrst dich
von den verchtlichsten Dingen; du bist nicht dapfer, denn du
frchtest die kleine und schwache Zange eines armen Wurms; dein
bester Theil ist der Schlaf, du liebest ihn, und frchtest doch den
Tod, der nichts mehr ist.  Du bist nichts Selbstbestndiges, denn
du bestehst durch viele tausend Krner, die aus einem Staub
hervorkeimen; glklich bist du nicht, denn immer bestrebst du dich,
was du nicht hast zu gewinnen, und zu vergessen was du hast; du
bist nicht gewi, denn dein Zustand wechselt, wie der Mond; wenn du
reich bist, bist du doch arm, denn du trgst gleich einem mit
Silberstangen beladnen Esel deinen schweren Reichthum nur eine
Tagreise, und der Tod ladet dich ab; Freunde hast du keine, denn
deine eigene Eingeweide, die dich Vater nennen, fluchen dem Podagra,
der Gicht und dem Aussaz, da sie dir nicht blder ein Ende machen.
Du hast weder Jugend noch Alter; beydes ist nur ein Traum in
einem nachmittglichen Schlaf; denn kaum ist das Feuer deiner
Jugend verrochen, so steht sie ab, und bettelt Almosen von dem
gichtbrchigen Alter; und wenn du alt und reich bist, so hast du
weder Gte, noch Hize, Trieb und Glieder, deines Reichthums froh zu
werden.  Was ist denn in diesem allem, das den Namen des Lebens
trgt?  Und doch ligen in diesem Leben zehentausend Tode verborgen;
und wir frchten den Tod, der alle diese seltsamen Dinge eben macht?

{ed.-* Dieses ist eine Anspielung auf gewisse Schauspiele, die in den
barbarischen Zeiten unter dem Namen (Moralitys) in England blich
waren, worinn die lustige Person und der Tod die Hauptpersonen
waren, und die erste alle nur ersinnliche Kunstgriffe anwenden
mute, dem lezten, dem sie alle Augenblike in die Hnde lief, zu
entgehen.}

Claudio.
Ich danke euch; nun find ich, da ich, wenn ich zu leben wnsche,
zu sterben suche; und wenn ich den Tod suche, das Leben finde: La
es kommen.  (Isabella zu den Vorigen.)

Isabella.
Wie?  Friede sey mit dieser guten Gesellschaft.

Kerkermeister.
Wer ist da?  herein--der Wunsch verdient einen Willkomm.

Herzog.
Mein lieber Herr, ich werde euch in kurzem wieder besuchen.

Claudio.
Ich danke euch, heiliger Vater.

Isabella.
Mein Geschfte besteht in einem oder zwey Worten mit Claudio.

Kerkermeister.
Von Herzen willkommen.  Sehet, mein Herr, hier ist eure Schwester.

Herzog.
Kerkermeister, ein Wort mit euch.

Kerkermeister.
Soviele als euch beliebt.

Herzog (leise.)
Bringet mich an einen Ort, wo ich sie hren kan, ohne da sie mich
sehen.

(Herzog und Kerkermeister gehen ab.)



Zweyte Scene.


Claudio.
Nun, Schwester, was fr einen Trost bringt ihr?

Isabella.
Wie sie alle zu seyn pflegen; einen sehr guten in der That; der
Freyherr Angelo, welcher Geschfte im Himmel hat, ist entschlossen
euch zu seinem Abgesandten dahin zu machen; macht euch also ohne
Verzug reisefertig, morgen sollt ihr bersezen.

Claudio.
Ist denn kein Mittel?

Isabella.
Keines als solch ein Mittel, das, um einen Kopf zu retten, ein Herz
entzwey brechen wrde.

Claudio.
Aber ist denn eines?

Isabella.
Ja, Bruder, ihr knnt bey Leben bleiben; es ist ein Mittel--Aber
eines, da wenn ihr fhig wret es zu billigen, eure Ehre sich von
diesem Rumpf, den ihr tragt, abstreifen, und euch nakend lassen
wrde.

Claudio.
Und was ist es denn?

Isabella.
O, ich frchte dich, Claudio, ich frchte du mchtest, um ein
fieberhaftes Leben zu verlngern, sechs oder sieben Winter theurer
schzen als eine immerwhrende Ehre--Hast du den Muth zu sterben?
Die Empfindung des Todes ist das frchterlichste an ihm; der arme
Kfer, auf den wir treten, leidet so viel als ein sterbender Riese.

Claudio.
Warum denkst du so schmhlich von mir?  Haltst du mich fr so
schwach, da ich keiner mnnlichen Entschliessung fhig seyn
sollte?  Wenn ich sterben mu, so will ich der Finsterni wie einer
Braut entgegen gehn, und sie in meine Arme drken.

Isabella.
Izt sprach mein Bruder, und eine Stimme stieg aus meines Vaters
Grab empor.  Ja, du mut sterben; du bist zu edel, ein Leben durch
niedertrchtige Geflligkeiten zu erkauffen.  Dieser, mit
Heiligkeit bertnchte Stadthalter, dessen gesezte Mine und
wohlbedchtliche Rede der Jugend die Klauen in den Kopf schlgt,
und ihre Thorheiten berupft, wie der Falke die Eule, ist doch nur
ein Teufel, dessen Herz einen Abgrund von Unrath, so tief als die
Hlle, in sich hat.

Claudio.
Der priesterliche Angelo?

Isabella.
O das ist die betrgerische Liverey der Hlle, den verdammtesten
Krper in priesterliches Gewand einzuhllen.  Kanst du glauben,
Claudio, da wenn ich ihm meine Jungfrauschaft berlassen wollte,
du frey werden knntest?

Claudio.
O Himmel!  das kan nicht seyn.

Isabella.
So ist es; diese Nacht ist die Zeit, da ich thun soll, was ich zu
nennen verabscheue, oder morgen stirbst du.

Claudio.
Du sollst es nicht thun.

Isabella.
O!  wr' es nur mein Leben, ich wollt es fr deine Befreyung so
willig hinwerfen, als eine Steknadel.

Claudio.
Ich danke dir, meine theurste Isabella.

Isabella.
Bereite dich also morgen zu sterben, Claudio.

Claudio.
Ja.  So hat er auch solche Begierden, die das Gesez in die Nase
beissen, wenn er es bertreten will--Gewilich, es ist keine Snde,
oder es ist doch wenigstens von den sieben Todsnden die lezte.

Isabella.
Was ist die lezte?

Claudio.
Wenn es so verdammlich wre, wrde er, der ein so weiser Mann ist,
um die Lust eines Augenbliks ewig verdammt seyn wollen?  O Isabella
--

Isabella.
Was sagt mein Bruder?

Claudio.
Tod ist ein frchterliches Ding.

Isabella.
Und ein schndliches Leben ein hassenswrdiges.

Claudio.
Ja, aber sterben, und gehn wo man nicht wei wohin; in kalter
Erstarrung da ligen und verfaulen; diese warme gefhlvolle Bewegung
zum starren Kloz werden, inde da der wollustgewohnte Geist sich
in feurigen Fluthen badet, oder in Gegenden von aufgehuftem Ey
erstarret, oder in unsichtbare Winde eingekerkert mit rastloser
Gewalt rund um die schwebende Welt getrieben wird; oder noch
unseliger ist als das unseligste, was zgellose und schwrmende
Gedanken heulend sich vorbilden--Das ist entsezlich!  Das
armseligste Leben, mit allem Ungemach belastet, was Alter,
Krankheit, Drftigkeit und Gefangenschaft der Natur auflegen knnen,
ist ein Paradies gegen das, was wir auf den Tod frchten.

Isabella.
O weh!

Claudio.
Liebste Schwester, la mich leben.  Wenn das Snde seyn kan,
wodurch du deines Bruders Leben erkaufst, so spricht die Natur so
nachdrklich fr eine solche That, da sie zur Tugend wird.

Isabella.
O!  du Thier!  O!  du ehrlose Memme!  O!  du schndlicher Elender!
Willt du durch mein Verbrechen zum Menschen gemacht werden?  Ist es
nicht eine Art von Blutschande, dein Leben von deiner eignen
Schwester Schaam zu empfangen?  Was mu ich denken?  Mge der
Himmel verhtet haben, da meine Mutter meinem Vater untreu gewesen;
ein so niedertrchtiges Unkraut konnte nicht aus seinem Blut
entstehen.  Stirb, vergeh Elender!  Knnt ich dich durch einen
blassen Kniefall vom Tod erretten, ich wollt es nicht thun.  Ich
will tausend Gebette fr deinen Tod sprechen, und nicht ein Wort,
dich zu retten.

Claudio.
Nein, hre mich, Isabella.

Isabella.
O Pfui, Pfui, Pfui, deine Snde, izt seh ichs, ist kein Fall,
sondern ein Handwerk; Gnade gegen dich wrde selbst zur Kupplerin
werden; das beste ist, du sterbest ungesumt.

Claudio.
O hre mich, Isabella.



Dritte Scene.
(Der Herzog und der Kerkermeister zu den Vorigen.)


Herzog.
Ein Wort mit euch, junge Schwester, nur ein Wort.

Isabella.
Was ist euer Begehren?

Herzog.
Wenn eure Zeit es zuliesse, so mcht ich eine kleine Unterredung
mit euch haben, deren Inhalt zu euerm eignen Besten abzielt.

Isabella.
Ich habe keine berflige Zeit; ich mu mein Verweilen andern
Geschften stehlen; aber doch will ich noch eine Weile hier bleiben,
euch anzuhren.

Herzog.
Sohn, ich habe gehrt was zwischen euch und eurer Schwester
vorgegangen ist.  Angelo hat nie den Vorsaz gehabt sie zu verfhren;
seine Absicht war nur, ihre Tugend auf die Probe zu stellen, und
er ist erfreut da sie ihn so muthig abgewiesen hat.  Ich bin des
Angelo Beichtiger, und wei da di wahr ist; bereitet euch also
zum Tode.  Entkrftet eure Entschlossenheit nicht durch betrgliche
Hoffnungen; morgen mt ihr sterben; auf eure Knie nieder, und
bereitet euch zu!

Claudio.
Lat mich meine Schwester um Verzeihung bitten.  Die Liebe zum
Leben ist mir so vergangen, da ich froh seyn werde, davon los zu
kommen.

(Claudio geht ab.)

Herzog.
Gehabt euch wohl.  Kerkermeister, ein Wort mit euch.

Kerkermeister.
Was ist euer Wille, Vater?

Herzog.
Da ihr euch ein wenig entfernen sollt; lat mich eine Weile bey
dieser Schwester; mein Habit und mein Character sind euch Brge,
da sie von meiner Gesellschaft nichts zu besorgen hat.

Kerkermeister.
Das kan wohl geschehen.

(Geht ab.)

Herzog.
Das Glk hat es so gefgt, da ich von dem Anfall, den Angelo auf
eure Tugend gethan hat, benachrichtiget worden bin; und wenn diese
Gebrechlichkeit nicht durch andre Beyspiele begreiflich gemacht
wrde, so wrde sie mich an Angelo wundern: aber was wollt ihr thun,
diesen Statthalter zu befriedigen, und euern Bruder zu retten?

Isabella.
Ich bin im Begriff ihm meinen Entschlu zu melden; ich will lieber,
mein Bruder sterbe durch das Gesez, als mein Sohn werde gegen das
Gesez gebohren.  Aber, o!  wie sehr hat sich der gute Herzog in
diesem Angelo betrogen!  Wenn er jemals wieder zurk kmmt, und ich
vor ihn kommen kan, so will ich die Sprache verliehren, oder ihm
diese schndliche Regierung entdeken.

Herzog.
Das wird nicht bel gethan seyn; aber so wie die Sache izt steht,
wird Angelo eure Anklage unkrftig machen; er wird sagen, er habe
euch nur auf die Probe gesezt.  Hret also meinen Rath; meine
Begierde Gutes zu thun, giebt mir ein Mittel ein: Mich ducht, ihr
knntet auf die unschuldigste Art und zu gleicher Zeit einem armen
beleidigten Frauenzimmer einen Dienst leisten den sie verdient,
euerm Bruder das Leben retten, und euch dem abwesenden Herzog nicht
wenig gefllig machen, wenn er jemals wiederkommen, und von dieser
Sache hren sollte.

Isabella.
Redet weiter; ich habe Muth genug alles zu unternehmen, wovon mein
Herz mir nicht sagt, da es unrecht ist.

Herzog.
Die Tugend ist herzhaft, und die Gte niemals furchtsam.  Habt ihr
nicht von einer gewissen Mariana gehrt, einer Schwester des
Schiffhauptmann Friedrichs der auf dem Meer verunglkte?

Isabella.
Ich habe viel Gutes von diesem Frauenzimmer sagen gehrt.

Herzog.
Sie sollte dieser Angelo geheurathet haben, er hatte sich mit ihr
versprochen, und der Hochzeit-Tag war schon angesezt: Allein
whrend der Zwischenzeit hatte Friedrich das Unglk, in einem
Schiffbruch sein Vermgen, seiner Schwester Erbtheil, und sein
Leben zu verliehren.  Die arme Frulein verlor dadurch einen edeln
und angesehnen Bruder der sie zrtlichst liebte, mit ihm ihr
Heurathgut, und mit beyden ihren Brutigam, diesen scheinbaren
Angelo.

Isabella.
Ist das mglich?  Angelo verlie sie?

Herzog.
Verlie sie in Thrnen, und troknete nicht eine derselben mit
seinem Trost ab, brach sein Gelbde unter dem Vorwand einige Fleken
an ihrer Ehre entdekt zu haben; kurz, berlie sie ihrem Elend, und
den Schmerzen die sie um seinetwillen leidet--


Isabella.
Wie wohl wrde der Tod thun, wenn er dieses arme Mdchen aus der
Welt nhme!  Und wie ungerecht ist dieses Leben, da es einen
solchen Mann leben lt!  Aber wie kan ihr geholfen werden?

Herzog.
Es ist ein Bruch, den ihr leicht heilen knnet; und die Heilung
desselben rettet nicht nur euern Bruder, sondern macht auch da ihr
ihn ohne Verlezung eurer Ehre retten knnet.

Isabella.
Wie kan das geschehen, mein guter Vater?

Herzog.
Die vorbenannte Person hegt noch immer ihre erste Leidenschaft;
sein ungerechter Kaltsinn, der ihre Liebe billig ausgelscht haben
sollte, hat sie, gleich einem Hinderni das dem Lauf eines Stroms
entgegensieht, nur heftiger und unordentlicher gemacht.  Geht ihr
zu Angelo, antwortet seinem Begehren durch den Verspruch eines
verstellten Gehorsams; gestehet ihm die Hauptsache zu, nur behaltet
euch diese Bedingungen vor, da ihr euch nicht lange bey ihm
verweilen msset, da die Zeit von Dunkelheit und Stillschweigen
begleitet sey, und der Ort die Bequemlichkeiten habe, die ein
Geheimni erfodert.  Gesteht er euch dieses zu, so geht alles nach
unserm Wunsche; wir unterrichten alsdenn dieses beleidigte Mdchen,
sich zur gesezten Stunde an euern Plaz zu stehlen; dieses kan, wenn
die Wahrheit sich in der Folg' entdekt, ihn nthigen ihr
Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, euer Bruder kommt dadurch in
Freyheit, eure Ehre bleibt unbeflekt, die arme Mariana wird
versorgt, und dem Stadthalter wird die Larve abgezogen.  Ich nehm'
es ber mich, das gute Mdchen dazu vorzubereiten; wenn euch dieser
Entwurf sonst gefllt, so braucht ihr euch kein Bedenken zu machen;
das dreyfache Gute das daraus entspringt, macht den Betrug
untadelhaft.  Was dnkt euch hiezu?

Isabella.
Die Vorstellung davon beruhigt mich bereits und ich hoffe der
Ausgang werde erfreulich seyn.

Herzog.
Es kommt alles auf euern Beytrag an; eilet unverzglich zu Angelo;
wenn er euch um diese Nacht bittet, so sagt es ihm zu, unter den
Bedingungen, die wir abgeredt haben.  Ich will indessen zu Marianen
gehen; fraget mir bey St.  Lucas wieder nach, und macht da ihr von
Angelo bald zurkkommt.

Isabella.
Ich danke euch fr diesen Beystand; lebet wohl indessen, mein guter
Vater.

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Die Straasse.)
(Der Herzog als ein Mnch, Ellbogen, Harlequin, und Stadtbediente.)


Ellbogen.
Was wird noch aus der Welt werden, wenn man euch das Handwerk nicht
legt, Mnner und Weiber wie das liebe Vieh zu verkauffen?  Fort,
fort, euers Weges--He!  Gott gr euch, guter Pater Bruder.

Herzog.
Und euch, guter Bruder Vater, was hat dieser Mann begangen, mein
Herr?

Ellbogen.
Beym Sapperment, Herr, er hat wider das Gesez gesndiget, und, Herr,
wir glauben er sey ein Dieb dazu, Herr; denn wir haben einen
seltsamen Schlssel-Haken bey ihm gefunden, Herr, den wir dem
Stadthalter geschikt haben.

Herzog.
Pfui, du Schurke, ein H** Wirth, ein schndlicher H** Wirth!  Du
lebst von dem Bsen das du verursachst.  Hast du auch einmal daran
gedacht, was das ist, von einem so unfltigen Laster den Magen zu
fllen, oder den Rken zu kleiden?  Sage zu dir selbst: Von ihren
abscheulichen viehischen Betastungen, e' ich, trink' ich, kleid'
ich mich und lebe.  Kanst du das fr ein Leben halten, das von
einem so stinkenden Unterhalt abhngt?  Geh, bere dich, bere dich!

Harlequin.
In der That, es stinkt in gewisser Maasse, Herr; aber doch, Herr,
wollt' ich beweisen knnen--

Herzog.
Was willt du beweisen?  Du bist ein verstokter Bube.  Fhr ihn in
den Kerker, Commi; Zchtigung und Unterricht mssen zugleich
wrken, um ein so wildes Vieh zahm zu machen.

Ellbogen.
Er mu vor den Stadthalter, Herr; er ist gewarnet worden; der
Stadthalter kan einen H** Wirth nicht leiden.  Wenn er ein H**
Wirth ist, und kommt vor den Stadthalter, so wr' es ihm eben so
gut, er wr' eine halbe Stunde weit von ihm.

Harlequin.
Hier kommt ein junger Herr von meinen guten Freunden.



Fnfte Scene.
(Lucio zu den Vorigen.)


Lucio.
Wie gehts, edler Pompey?  Wie?  in Csars Fesseln?  Wirst du im
Triumph gefhrt?  Wie?  war keine von Pygmalions Statuen, die
krzlich wieder zu einem Weib gemacht worden*, die man htte dafr
beym Kopf kriegen knnen, da sie die Hand in eine Tasche gestekt,
und eine Faust wieder herausgezogen?  He!  was sagst du zu dieser
neuen Methode?  So gieng es nicht unter der lezten Regierung.  Ha?
Was sagst du, Pflastertreter?  wie gefllt dir diese neue Welt?  Du
wanderst, ducht mich, ins Gefngni?

{ed.-* Das ist: Die aus der Salivations-Cur gekommen.  Warbrton.}

Harlequin.
Ihr habt's errathen, mein Herr.

Lucio.
Das lt sich hren, Pompey, Glk zu; allenfalls kanst du sagen,
ich habe dich wegen einer Schuld dahin geschikt; oder warum--

Ellbogen.
Weil er ein H** Wirth ist, ein H** Wirth.

Lucio.
Gut, so sezt ihn immer ein; wenn das die Straffe ist die einem H**
Wirth gehrt, so geht die Sache in ihrer Ordnung.  Ein H** Wirth
ist er, das hat seine Richtigkeit, und das nicht erst von gestern
her; er ist ein gebohrner H** Wirth.  Guten Abend, Pompey; mein
Compliment an das Gefngni, Pompey; ihr werdet nun ein braver
Hausmann werden, Pompey, ihr werdet hbsch das Haus hten.

Harlequin.
Ich hoffe Euer Gnaden werden Brge fr mich seyn.

Lucio.
Nein, wahrhaftig, das werd ich nicht, Pompey; es verlohnt sich der
Mhe nicht; ich will um die Verlngrung eurer Gefangenschaft bitten;
schikt ihr euch nicht geduldig drein, desto schlimmer fr euch;
fahr wohl, ehrlicher Pompey.  Guten Abend, Bruder!

Herzog.
Ebenfalls.

Lucio.
Mahlt sich Brigitte noch immer, Pompey?  ha?

Ellbogen.
Fort euers Weges, Herr, fort.

Lucio.
Munter, Pompey, es mu schon seyn.  Was giebts neues, Frater, was
Neues?

Ellbogen.
Fort, Herr, geht euers Weges.

Lucio.
Geh, in den Stall, Pompey, geh.

(Ellbogen, Harlequin und Bediente geben ab.)



Sechste Scene.


Lucio.
Was giebts neues, Frater, vom Herzog?

Herzog.
Ich wei nichts; wit ihr etwas?

Lucio.
Einige sagen, er sey bey dem Ruischen Kayser; andre, er sey in Rom;
aber wo meynt ihr, da er ist?

Herzog.
Das wei ich nicht, aber wo er auch seyn mag, wnsch' ich ihm Gutes.

Lucio.
Das war ein wunderlicher Einfall von ihm, sich aus dem Staat
wegzustehlen, und auf der Betteley herumzuziehen, die seines
Handwerks nicht ist.  Der Herr Angelo hlt indessen hbsch Haus, er
beunruhiget die Uebertretung, da es nicht auszustehen ist.

Herzog.
Daran thut er wohl.

Lucio.
Ein wenig mehr Gelindigkeit gegen die Galanterie mchte nicht
schaden; in diesem Stk ist er ein wenig zu streng, Bruder.

Herzog.
Ein so verfhrisches Laster kan nur durch Strenge geheilt werden.

Lucio.
Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschaft werden kan, wird
es unmglich seyn, es ganz auszurotten.  Man sagt, dieser Angelo
sey nicht durch den ordentlichen Weg der Natur von einem Mann und
einem Weib entstanden; ist es wahr, was ducht euch?

Herzog.
Wie soll er denn entstanden seyn?

Lucio.
Einige erzhlen, eine Wassernixe habe ihn gebrutet; andre, er sey
von zwey Stokfischen gezeugt worden.  Soviel ist gewi, da wenn er
das Wasser abschlgt, sein Urin gleich zu Eis gefriert; ich wei
da es wahr ist, und da er zur Zeugung unfhig ist, daran ist auch
nicht zu zweifeln.

Herzog.
Ihr scherzet, mein Herr--

Lucio.
Zum Henker, was fr eine Unbarmherzigkeit ist es von ihm, um der
Emprung eines H*s*nlazes willen einem ehrlichen Kerl das Leben zu
nehmen?  Htte der abwesende Herzog das gethan?  Ehe er jemand, und
wenn es auch um hundert Bastarte willen gewesen wre, htte hngen
lassen, ehe htte er fr tausend das Kostgeld aus seinem Beutel
bezahlt.  Er liebte das Spiel selbst ein wenig, und das machte ihn
gelinde.

Herzog.
Ich habe nie gehrt, da man den abwesenden Herzog mit Weibsleuten
im Verdacht gehabt htte; seine Neigung gieng nicht dahin.

Lucio.
O mein Herr, ihr betrgt euch sehr.

Herzog.
Es ist nicht mglich.

Lucio.
Wie?  der Herzog nicht?  Das alte Mensch, das fr euch bettelt,
knnte euch davon sagen; er warf ihr nicht umsonst allemal einen
Ducaten in ihre Bchse.  Der Herzog hat seine Schliche.  Er liebte
auch den Trunk, das knnt ihr mir glauben.

Herzog.
Gewilich, ihr thut ihm unrecht.

Lucio.
Herr, ich war ein Vertrauter von ihm; ein schlauer Bursche ist der
Herzog, und ich glaube ich wei warum er sich entfernt hat.

Herzog.
Ich bitte euch, was mag die Ursache seyn?

Lucio.
Um Vergebung, das ist ein Geheimni, davon sich nicht reden lt;
aber so viel kan ich euch zu verstehen geben; der grste Theil
seiner Unterthanen hielt den Herzog fr weise?

Herzog.
Weise?  wie, es ist wohl keine Frage, ob er es war.

Lucio.
Ein sehr superficieller, unwissender, unbedchtlicher Geselle.

Herzog.
Entweder ist es Neid, oder Narrheit oder Irrthum da ihr so redet.
Sein ganzes Leben, und alle seine ffentlichen Handlungen geben ihm
ein besseres Zeugni; und der Neid selbst mu gestehen, da er
gelehrt, ein Staatsmann und ein Soldat ist.  Ihr sprecht also sehr
unbesonnen; oder wenn es nicht aus Mangel an Einsicht geschieht, so
verrathet ihr viel Bosheit.

Lucio.
Herr, ich kenn' ihn und ich lieb' ihn.

Herzog.
Ihr wrdet ihn besser lieben wenn ihr in kenntet, und ihn besser
kennen wenn ihr ihn liebtet.

Lucio.
Gut, Herr, ich wei was ich wei.

Herzog.
Ich kan es schwerlich glauben, da ihr nicht wit was ihr redet.
Wofern aber der Herzog wieder zurkkommt, so gestattet da ich von
euch begehre, euch bey ihm zu verantworten.  Habt ihr die Wahrheit
gesagt, so werdet ihr auch Herz haben, sie zu behaupten; meine
Schuldigkeit ist, euch dazu aufzufordern, und ich bitte euch
dewegen um euern Namen.

Lucio.
Herr, mein Name ist Lucio, der Herzog kennt ihn wohl.

Herzog.
Er wird euch noch besser kennen lernen, wenn ich so lange lebe, ihm
Nachricht von euch geben zu knnen.

Lucio.
Ich frchte euch nicht.

Herzog.
O!  ihr hoft, der Herzog werde nicht wieder kommen, oder ihr bildet
euch ein ich sey ein Gegner, der euch nicht schaden knne; und in
der That, ich werde euch wenig schaden, denn ihr werdet alles was
ihr hier gesagt habt, wieder abschwren.

Lucio.
Erst will ich mich hngen lassen; du kennst mich nicht, Frater.
Doch nichts weiter hievon.  Kanst du sagen, ob Claudio morgen
stirbt oder nicht?

Herzog.
Warum sollt' er sterben, mein Herr?

Lucio.
In der That ist es hart, einem darum den Kopf zu nehmen, weil er
die Hosen herunter gelassen hat; denn das ist doch zulezt alles,
was er gethan hat.  Ich wollte, der Herzog von dem wir reden, wre
wieder da; dieser unvermgende Statthalter wird das ganze Land
durch Enthaltsamkeit entvlkern.  Er leidet nicht, da die
Sperlinge in seinem Hause nisten, weil sie Liebhaber vom Paaren
sind.  Der Herzog wrde Dinge, die im Finstern geschehen, auch im
Finstern ausmachen; er wrde sie gewi nicht ans Licht ziehen.  Ich
wollt' er wre wieder da!  Leb' wohl, mein guter Frater; ich bitte
um dein Gebet.  Der Herzog, ich sag dir's noch einmal, macht sich
nichts daraus, an einem Freytag von einer Schpskeule zu essen;
seine Zeit ist noch nicht vorbey; ich versichre dich, er wrde eine
Bettlerin schnbeln, wenn sie gleich nach schwarz Brot und
Knoblauch rche.  Sag, ich hab' es gesagt, und gehab dich wohl.

(Lucio geht ab.)

Herzog.
Weder Macht noch Hoheit kan dem Tadel entgehen, und die hinterrks
verwundende Verlumdung scheuet sich nicht, die weisseste Tugend
anzugeifern.



Siebende Scene.
(Escalus, Kerkermeister, Kupplerin, und Stadtbediente.)


Escalus.
Geht, fhrt sie ins Gefngni.

Kupplerin.
Ach, Gndiger Herr, schonet meiner; Euer Gnaden wird von jedermann
fr einen so mitleidigen Herrn gehalten!  Ach mein gtiger Herr!

Escalus.
Doppelt, dreyfach gewarnt werden, und doch immer in dem gleichen
Verbrechen fortzufahren--das knnte die Gnade selbst zum Tyrannen
machen.

Kerkermeister.
Eine H** Wirthin, die das Handwerk eilf ganzer Jahre hinter
einander treibt, mit Euer Gnaden Erlaubni.

Kupplerin.
Gndiger Herr, das geschieht alles auf Anstiften eines gewissen
Lucio; Jungfer Kthchen Legdich wurde schwanger von ihm, in des
Herzogs Zeiten; er versprach ihr die Ehe; sein Kind ist auf
nchsten Philippi und Jacobi fnf Virtheil Jahr alt; ich hab es
selbst unterhalten, und das ist nun der Dank den er mir davor giebt.

Escalus.
Dieser Lucio ist ein sehr ausgelassener Bursche; lat ihn vor uns
ruffen.  Weg mit ihr ins Gefngni; fort, fort, keine Worte mehr.

(Sie gehen mit der Kupplerin ab.)

Kerkermeister, mein Bruder Angelo lt sich nicht berreden;
Claudio mu morgen sterben, versorget ihn mit Geistlichen, und mit
allem was er zu seiner Vorbereitung nthig hat.  Wenn mein
Mitleiden ihm etwas helfen knnte, sollte es nicht so seyn.

Kerkermeister.
Dieser Franciscaner ist bey ihm gewesen, und hat ihn zum Tod
vorbereitet.

Escalus.
Guten Abend, Vater.

Herzog.
Heil und Segen sey mit euch!

Escalus.
Woher seyd ihr?

Herzog.
Nicht aus diesem Land, ob es mich gleich getroffen hat, eine
Zeitlang mich darinn aufzuhalten; ich bin ein Bruder aus einem
gesegneten Orden, und vor kurzem mit einem besondern Auftrag von
seiner Heiligkeit ber das Meer gekommen.

Escalus.
Was giebt es Neues in der Welt?

Herzog.
Nichts, als eine Neuigkeit die so alt ist als die Welt, und die
doch die Neuigkeit jedes Tages ist, da die Tugend siech und das
Laster munter, und da es leichter ist, das Bse zu strafen als
selbst unverwerflich zu seyn.  Ich bitte euch, mein Herr, von was
fr einer Denkungsart war der Herzog?

Escalus.
Von einer, die sich nichts angelegner seyn lt, als sich selbst zu
kennen.

Herzog.
Was fr einem Vergngen war er ergeben?

Escalus.
Wenn er sich ber etwas freute, so war es mehr ber die Freude
andrer Leute, als da er an irgend etwas, das ihn belustigen wollte,
eine sonderliche Lust gehabt htte.  Doch wir wollen ihn seinen
Geschften berlassen, und nur bitten, da sie glklich seyn mgen;
erlaubet mir euch zu fragen, wie findet ihr den Claudio
vorbereitet?  Ich hre, da ihr ihn besucht habt.

Herzog.
Er bekennt, da ihm sein Richter nicht zuviel gethan habe, und
ergiebt sich mit gelaner Demuth in den Willen der Gerechtigkeit;
doch hat er Schwachheit genug gehabt, sich allerley betrgliche
Hoffnungen zum Leben zu machen, die ich ihm aber so benommen habe,
da er izt entschlossen ist zu sterben.

Escalus.
Ihr habt gegen den Himmel und den Gefangnen die Pflichten euers
Berufs erfllt.  Ich habe mir fr den armen Edelmann so viel Mhe
gegeben, als es die Bescheidenheit zulie; allein ich habe meinen
Collegen Angelo so strenge gefunden, da er mich genthiget hat ihm
zu sagen, er sey in der That die Gerechtigkeit selbst.

Herzog.
Wenn sein eignes Leben mit der Strenge seines Richter-Amts
bereinstimmt, wird es ihm wohl bekommen; wo nicht, so hat er sich
selbst das Urtheil gesprochen.

Escalus.
Ich gehe den Gefangnen zu besuchen; lebet wohl.

(Er geht ab.)



Achte Scene.
(Der Herzog allein.)


Herzog.
Wer das Schwerdt des Himmels tragen will, soll eben so heilig und
unverwerflich seyn als er streng ist.  Schaam ber den, dessen
tyrannische Hand die Verbrechen an andern bestraft, die er sich
selbst nachsieht; dreyfache Schaam ber Angelo, der andrer Laster
ausreutet, und die seinigen wachsen lt.  O!  was fr Unrath kan
in einem Menschen verborgen seyn, wenn er von aussen gleich ein
Engel scheint!  Wie leicht ist's dem Laster, unter dieser Gestalt,
die Welt und die Zeit selbst zu betrgen, und mit schwachen
Spinnenfaden die gewichtigsten Dinge, Reichthum, Macht und Ehre, an
sich zu ziehen.  Ich mu List gegen Laster gebrauchen.  Diese Nacht
soll seine ehmalige verlane und verschmhte Braut bey dem Angelo
ligen, um durch einen unschuldigen Betrug die keusche Unschuld zu
befreyen, und einen alten Eheverspruch gltig zu machen.




Vierter Aufzug.



Erste Scene.
(Eine Scheuer.)
(Mariane und ein kleiner Knabe treten singend auf.
 Der Herzog als ein Franciscaner-Mnch kommt dazu.)


Mariane.
Hr auf zu singen, und begieb dich eilends hinweg.  Hier kommt ein
Mann des Trostes, dessen Zuspruch schon oft meinen murrenden Kummer
gestillet hat--

(Zum Herzog.)

Ich bitte euch um Vergebung, mein ehrwrdiger Herr, und wnschte,
da ihr mich hier nicht so musicalisch angetroffen httet;
entschuldiget mich und glaubet mir, diese erzwungne Frlichkeit ist
nur ein schwaches Lindrungsmittel meines Schmerzens.

Herzog.
Es ist gut; obgleich die Musik oft eine so zaubrische Kraft hat,
da sie das Bse gut und das Gute bse machen kan.  Ich bitte euch,
hat niemand hier nach mir gefragt; es wird schon ber die Zeit seyn,
da ich versprochen habe, mit jemand an diesem Orte zusammen zu
kommen.

Mariane.
Es hat niemand bey mir nach euch gefragt, ob ich gleich den ganzen
Tag hier gesessen bin.  (Isabella kommt.)

Herzog.
Ich glaube euch in allen Sachen;--Die Zeit ist gekommen, eben izt--
Ich mu euch um ein wenig Geduld bitten; ich werde euch sogleich
wieder zurk rufen, um von einer Sache mit euch zu sprechen, die zu
euerm Besten abgezielt ist.

Mariane.
Ich werde euern Befehl erwarten.

(Sie geht ab.)



Zweyte Scene.


Herzog.
Willkommen, Isabella, ihr haltet euer Wort genau; was giebt es
Neues von dem ehrlichen Stadthalter?

Isabella.
Er hat einen Garten, der mit einer Mauer von Ziegelsteinen
eingeschlossen ist, und an der West-Seite an einen Weinberg stt;
hier ist der Schlssel, der das Thor in diesen Weinberg aufschliet;
und hier ein andrer, der eine kleine Thr ffnet, die aus dem
Weinberg in den Garten fhrt.  Hier habe ich versprochen, in der
finstern Mitternacht ihm einen Besuch zu geben.

Herzog.
Aber seyd ihr auch gewi, den Weg zu finden?

Isabella.
Er hat mir denselben mit einer so grossen Sorgfalt zu wiederholten
malen gezeigt, da ich ihn ganz genau angeben kan.

Herzog.
Sind keine andre Verabredungen zwischen euch genommen worden, die
das Frauenzimmer wissen mu, das eure Stelle vertreten wird?

Isabella.
Keine andre, als da die Zusammenkunft im Finstern geschehen soll;
und da ich ihm beygebracht, mein Aufenthalt knne nur sehr kurz
seyn, indem ich mit einer Magd kommen werde, die, in der Meynung,
da ich eine heimliche Zusammenkunft mit meinem Bruder habe, auf
mich warten solle.

Herzog.
Das ist wohl ausgesonnen.  Aber ich habe Marianen noch kein Wort
von der Sache entdekt.  Ha!  kommt heraus, wenn es euch beliebt!



Dritte Scene.
(Mariane zu den Vorigen.)

Herzog (zu Isabella.)
Ich bitte euch, macht Bekanntschaft mit diesem jungen Frauenzimmer;
sie kommt, euch Gutes zu thun.

Isabella.
Ich wnsche, da es zu ihrem eignen Besten ausschlage.

Herzog (zu Mariane.)
Seyd ihr berzeugt, da ich euch hoch schze?

Mariane.
Mein gtiger Vater, ich bin vollkommen berzeugt, und habe Proben
davon.

Herzog.
So nehmt dann diese eure Freundin bey der Hand, und hret die
Geschichte, die sie euch zu erzhlen hat; ich will hier auf eure
Zurkkunft warten; aber beschleuniget euch; die Nacht bricht an.

(Mariane und Isabella gehen ab.)

Herzog (allein.)
* O Macht und Grsse.  Millionen falscher Augen sind auf dich
geheftet; ganze Bnde voll unchter und widersprechender
Nachrichten verflschen deine Thaten; und tausend halbkluge
Wizlinge machen dich zum Vater ihrer mssigen Trume, und foltern
dich in ihrer Einbildung--Willkommen!  Wie versteht ihr euch mit
einander?

{ed.-* Diese Rede, die augenscheinlicher Weise keinen
begreiflichen Zusammenhang mit dem Inhalt dieser Scene hat, gehrt,
nach des Dr.  Warbrtons Meynung, zum Schlu der Scene zwischen
Lucio und dem Herzog in dem vorigen Aufzug; und ist, wie er glaubt,
von den Schauspielern, die es nicht so genau zu nehmen pflegen,
hieher versezt worden, damit der Herzog in der Abwesenheit der
beyden Damen keine lange Weile habe.}



Vierte Scene.
(Mariane und Isabella kommen zurk.)


Isabella.
Sie will die Verrichtung auf sich nehmen, wenn ihr nichts dawider
einzuwenden habt, Vater.

Herzog.
Ich gebe nicht nur meine Einwilligung, sondern ich bitte euch darum.

Isabella.
Wenn ihr euch wieder wegbegebet, so braucht ihr ihm nichts zu sagen,
als mit leiser Stimme: ("Erinnert euch nun meines Bruders.")

Mariane.
Seyd unbekmmert--

Herzog.
Auch seyd ihr es nicht um euer selbst willen, meine liebe Tochter.
Ein gltiger Eheverspruch macht ihn zu euerm Gemahl, und es ist
also keine Snde euch so zusammen zu bringen, indem die
Gerechtigkeit euers Anspruchs an ihn den Betrug unschuldig macht.
Kommt, lat uns gehen; wir haben das wichtigste noch vor uns.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Das Gefngni.)
(Der Kerkermeister und Harlequin.)


Kerkermeister.
Hieher, Bursche, knnt ihr einem Mann den Kopf abschlagen?

Harlequin.
Wenn der Mann ein Junggeselle ist, Herr, so kan ich's; wenn er aber
ein Ehemann ist, so ist er seines Weibes Haupt; und ich kan
unmglich einem Weibsbild den Kopf abschlagen.*

{ed.-* Der Spa ligt hier in einem Wortspiel, das
sich nicht bersezen lt.}

Kerkermeister.
Lat eure Schkereyen, Herr, und gebt mir eine gescheidte Antwort.
Morgen frh sollen Claudio und Bernardin sterben; wir haben hier in
diesem Gefngni einen ffentlichen Scharfrichter, der einen
Gehlfen nthig hat; wenn ihr euch entschliessen wollt, dieser
Gehlfe zu seyn, so wird es euch von euern Fesseln frey machen; wo
nicht, so macht euch gefat eure volle Zeit im Gefngni
auszuhalten, und bey eurer Entlassung eine unbarmherzige Tracht
Prgel mit auf den Weg zu bekommen; denn ihr wit, da ihr ein
stadtkndiger H** Wirth gewesen seyd.

Harlequin.
Herr, ich bin ein unehrlicher H** Wirth gewesen; doch, das ist nun
vorbey, und man redt nicht gerne davon; ich bin es zufrieden, nun
ein ehrlicher Henker zu werden; es wird mir ein Vergngen seyn,
einigen Unterricht von meinem Herrn Collegen zu erhalten.

Kerkermeister.
Holla, Abhorson!  Wo ist Abhorson?  (Abhorson kommt.)

Abhorson.
Ruft ihr mir, mein Herr?

Kerkermeister.
Hier ist ein Kerl, der euch morgen bey Hinrichtung der
Verurtheilten helfen will; wenn ihr es gut findet, so vergleicht
euch mit ihm fr ein Jahr, und behaltet ihn hier bey euch; wo nicht,
so braucht ihn fr diesesmal, und lat ihn wieder seines Weges
gehen.  Er kan sich nicht beschweren, da er mit euch in die
gleiche Linie gestellt wird; er ist ein H** Wirth gewesen.

Abhorson.
Ein H** Wirth, mein Herr?  Pfui, er wird unsre Kunst in einen bsen
Ruf bringen.

Kerkermeister.
Geht, geht, und macht euch keinen Scrupel; ihr wgt gleich viel;
eine Feder wrde die Wagschalen verrken.

(Er geht ab.)

Harlequin (zu Abhorson.)
Ich bitte euch, mein Herr, mit eurer Erlaubni, nennt ihr eure
Beschftigung eine Kunst?

Abhorson.
Ja, Herr, eine Kunst.

Harlequin.
Mahlen, Herr, hab ich sagen gehrt, ist eine Kunst, und da eure H**,
welche sich sehr gut auf das Mahlen verstehen, Mitglieder meiner
Zunft sind, so ist also bewiesen, da meine Beschftigung eine
Kunst ist; aber was fr eine Kunst--im Hngen seyn sollte, wenn ich
gehenkt wrde, kan ich mir nicht vorstellen--
** (Der Kerkermeister kommt zurk.)

{ed.-** Hier ist, nach Herrn Warbrtons Anmerkung, eine ziemliche
Lke im Original, welche auch die zwey Reden, die noch brig sind,
ganz unverstndlich macht.  Es verlohnt sich der Mhe nicht, diese
Scene ergnzen zu wollen, da sie selbst nach Warbrtons darauf
belangewandter Arbeit ein abgeschmaktes Gewebe von albernen
Wortspielen bleibt.}

Kerkermeister.
Seyd ihr mit einander bereingekommen?

Harlequin.
Herr, ich bin entschlossen, sein Knecht zu seyn; denn es ducht
mich, ein Henker zu seyn ist ein bufertigeres Gewerbe als ein H**
Wirth zu seyn; er bittet fter um Verzeihung.

Kerkermeister.
Macht euern Blok und euer Beil zu rechte, bis morgen um vier Uhr.

Abhorson.
Komme mit, H**bube, ich will dir zeigen wie du dich zu deinem neuen
Handwerk anschiken must; folge mir.

Harlequin.
Ich bin sehr lehrbegierig, Herr; und ich hoffe, wenn ihr etwann
Gelegenheit bekommen solltet, mich fr euch selbst zu gebrauchen,
ihr werdet mich eifrig finden; Eure Gewogenheit fr mich verdient
wahrhaftig keine geringere Dankbarkeit von meiner Seiten.

(Sie gehen ab.)

Kerkermeister.
Ruft Claudio und Bernardin hieher; mit dem einen hab' ich Mitleiden;
mit dem andren, der ein Mrder ist, nicht ein Jot, und wenn er
mein Bruder wre.



Sechste Scene.
(Claudio kommt herein.)


Kerkermeister.
Siehe hier, Claudio, dein Todesurtheil; es ist izt Mitternacht, und
bis morgen um acht Uhr must du unsterblich gemacht werden.  Wo ist
Bernardin?

Claudio.
So stark vom Schlaf gefesselt als ob er unschuldig wre, und nichts
zu befrchten htte.  Er wird nicht aufzuweken seyn.

Kerkermeister.
Und was wrd' es ihm auch helfen; er ist ein verhrteter Bube--Gut,
begebt euch wieder weg und bereitet euch.

(Claudio geht ab.)

Still!  was fr ein Getse ist das?--der Himmel strke euch!--Ich
komme--Hoffentlich ist es Begnadigung, oder doch einiger Aufschub
fr den wakern Claudio--Willkommen, Vater.  (Der Herzog kommt
herein.)

Herzog.
Die besten und heilsamsten Geister der Nacht steigen auf euch herab,
wakrer Kerkermeister!  Wer klopfte seit einiger Zeit hier an?

Kerkermeister.
Niemand, seitdem die Nachtgloke gelutet worden.

Herzog.
Nicht Isabella?

Kerkermeister.
Nein.

Herzog.
So wird sie doch nicht lange mehr ausbleiben.

Kerkermeister.
Was fr Hoffnung haben wir fr den Claudio?

Herzog.
Es ist noch nicht alle verlohren.

Kerkermeister.
Der Statthalter ist ein harter Mann.

Herzog.
Nicht so, nicht so; sein Leben lauft mit seiner strengen
Gerechtigkeit in gleicher Linie: Mit der Enthaltung eines Heiligen
bezwingt er den Trieb in ihm selbst, dessen Ausschweiffungen sein
Amt an andern strafen mu.  Ja, dann wenn er selbst ausbte, was er
an andern straft, dann wr' er tyrannisch; aber so wie er ist, ist
er gerecht--Nun kommen sie.

(Man hrt an der Thre klopfen.  Der Kerkermeister geht hinaus.)

Dieser Kerkermeister ist ein wakrer Mann; es ist etwas seltnes an
einem Mann von seinem Beruf, ein Menschenfreund zu seyn.  Aber was
giebts?  Was fr ein Getse?  Das mu ein hastiger Geist seyn, der
so ungestm an der Thre pocht.  (Der Kerkermeister kommt zurk.)

Kerkermeister.
Er kan warten, bis der Wchter wieder kommt, der ihn hineinfhren
soll; er ist abgeruffen worden.

Herzog.
Habt ihr noch keinen Gegenbefehl wegen des Claudio?  Mu er morgen
sterben?

Kerkermeister.
Keinen, ehrwrdiger Herr, keinen.

Herzog.
Es fngt schon an zu dmmern, Kerkermeister; ihr werdet, eh es
Morgen seyn wird, mehr hren.

Kerkermeister.
Wie glklich wr's, wenn ihr etwas witet; aber ich frchte, es
kommt kein Gegenbefehl; wir haben kein solch Exempel; und zudem, so
hat der Stadthalter, auf dem Thron der Gerechtigkeit selbst, und
vor den Ohren des ganzen Volks das Gegentheil versichert.



Siebende Scene.
(Ein Bote zu den Vorigen.)


Herzog.
Dieses ist einer von Sr.  Gnaden Bedienten.

Kerkermeister.
Und hier kommt Claudios Begnadigung.

Bote.
Mein Gndiger Herr berschikt euch diesen schriftlichen Befehl, und
durch mich diesen mndlichen Zusaz, da ihr nicht von dem kleinsten
Theil desselben abweichen sollt, weder was die Zeit, noch die
andern Umstnde betrift.  Guten Morgen, denn ich denke, es ist
beynahe Tag.

Kerkermeister.
Ich werde gehorchen.

(Der Bote geht.)

Herzog (fr sich.)
Di ist seine Begnadigung; Angelo findet billig eine Snde zu
vergeben die er selbst begeht--Nun, mein Herr, was habt ihr Neues?

Kerkermeister.
Was ich euch sagte; Angelo, der mich vermuthlich fr nachlig in
meinem Dienst ansieht, erwekt mich durch dieses ungewhnliche
Betreiben; ich begreiffe nicht was es zu bedeuten hat; denn er hat
es noch niemals so gemacht.

Herzog.
Ich bitte euch, lat mich's hren.

Der Kerkermeister (lit den Befehl.)
"Alles was ihr auch diesem meinem Befehl widersprechendes hren
mget, ungeachtet, lasset den Claudio morgen um vier Uhr hinrichten,
und des Nachmittags den Bernardin; und zu meiner bessern
Versicherung sorget dafr, da mir der Kopf des Claudio um fnf Uhr
zugeschikt werde.  Lat dieses gehrig vollzogen werden, und
beobachtet hierinn eine noch grssere Sorgfalt als wir euch
anbefohlen.  Eure eigne Gefahr soll uns fr die Ausbung eurer
Pflicht Brge seyn." Was sagt ihr hiezu, mein Herr?

Herzog.
Wer ist dieser Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden soll?

Kerkermeister.
Ein gebohrner Zigeuner, der aber hier zu Lande erzogen worden, und
schon neun Jahre gefangen ligt.

Herzog.
Wie kam es, da der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freyheit
sezte, oder hinrichten lie?  Ich hrte, es sey allezeit sein
Gebrauch gewesen, es so zu machen.

Kerkermeister.
Seine Freunde wrkten immer einen Aufschub nach dem andern aus; und
in der That, kam sein Verbrechen, bis izo in der Regierung des
Freyherrn Angelo, zu keinem vollstndigen Beweis.

Herzog.
Es ist also nun erwiesen?

Kerkermeister.
Vollkommen erwiesen, und von ihm selbst nicht gelugnet.

Herzog.
Wie hat er sich im Gefngni aufgefhrt?  Scheint er gerhrt zu
seyn?

Kerkermeister.
Er ist ein Mann, der sich nicht mehr vor dem Tod frchtet, als vor
einem trunknen Schlaf; ohne Reue, ohne Kummer und ohne Furcht vor
irgend etwas Vergangnem, Gegenwrtigen oder Zuknftigen,
unempfindlich gegen die Unsterblichkeit, und auf eine viehische Art
sterblich.

Herzog.
Es mangelt ihm an Unterricht.

Kerkermeister.
Er nimmt keinen an; er hat im Gefngni allezeit viel Freyheit
gehabt; man knnte ihm erlauben, zu entwischen, ohne da er es thun
wrde; er ist die meiste Zeit vom Tag, und oft ganze Tage
hintereinander betrunken.  Wir haben ihn oft aufgewekt, als ob wir
ihn zur Hinrichtung fhren wollten, und ihm alle Zurstungen dazu
gezeigt, ohne da es ihn im mindesten bewegt hat.

Herzog.
Hernach ein mehrers von ihm.  Kerkermeister, Redlichkeit und
Standhaftigkeit sind auf eure Stirne geschrieben; wenn ich nicht
recht lese, so betrgt mich eine Kunst, in der ich einige
Erfahrenheit habe.  Ich will mich selbst auf diese gute Meynung hin
wagen.  Claudio, zu dessen Hinrichtung ihr hier einen Befehl habt,
ist kein grsserer Snder gegen das Gesez als Angelo, der ihn
verurtheilt hat.  Um euch hievon durch eine augenscheinliche Probe
zu berzeugen, verlange ich nur vier Tage Zeit; fr welche ich euch
um eine eben so verbindliche als gefhrliche Geflligkeit ersuche.

Kerkermeister.
Und worinn besteht sie, ich bitte euch.

Herzog.
Den Tod des Claudio aufzuschieben.

Kerkermeister.
Aber wie kan ichs, da mir die Stunde vorgeschrieben, und der
ausdrkliche Befehl bey angedrohter Straffe gegeben ist, sein Haupt
dem Angelo vor Augen zu bringen?  Die Ueberschreitung des kleinsten
Umstands knnte mir das Schiksal des Claudio zuziehen.

Herzog.
Bey meinem Ordens-Gelbde, ich steh euch fr alles, wenn ihr meinem
Rath Gehr geben wollt.  Lat diesen Bernardin morgen hingerichtet
werden, und schiket dem Angelo seinen Kopf statt Claudios.

Kerkermeister.
Angelo hat beyde gesehen, und wird den Betrug entdeken.

Herzog.
O!  besorget das nicht, der Tod ist ein Meister im Verstellen, und
ihr knnt ihm noch helfen, die Unkenntlichkeit vollkommen zu machen;
scheert ihm den Kopf glatt und den Bart weg, und sagt, der arme
Snder hab' es vor seinem Ende so haben wollen; ihr wit, da es
gewhnlich ist.  Wenn ihr irgend etwas anders davon haben werdet,
als Dank und gutes Glk, so will ich, bey dem Heiligen, von dessen
Familie ich bin, es mit meinem Leben von euch abwenden.

Kerkermeister.
Verzeihet mir, mein guter Vater, es ist wider meinen Eid.

Herzog.
Habt ihr dem Herzog geschworen, oder seinem Stadthalter?

Kerkermeister.
Dem Herzog, und allen die seine Stelle vertreten wrden.

Herzog.
Wollt ihr glauben, da ihr euch nicht vergehet, wenn der Herzog
diese Handlung billiget?

Kerkermeister.
Wie kan er das, da er abwesend ist?

Herzog.
Er kan es, weil er es wrklich thut; da ich sehe da ihr so
furchtsam seyd, da weder mein Habit, noch meine Redlichkeit, noch
meine Ueberredung euch bewegen knnen, so will ich weiter gehen,
als ich im Sinn hatte, um alle Furcht in euch auszureuten.  Sehet,
mein Herr, hier ist des Herzogs Hand und Sigel; ihr kennt ohne
Zweifel seine Hand, und das Signet wird euch auch nicht fremde seyn.

Kerkermeister.
Ich erkenne beydes.

Herzog.
Der Inhalt dieses Briefs ist die Wiederkunft des Herzogs.  Ihr
sollt ihn hernach bey Musse ganz durchlesen, ihr werdet finden, da
er binnen diesen zween Tagen hier seyn wird.  Di ist ein Umstand,
den Angelo nicht wei, denn diesen heutigen Tag erhlt er Briefe
von seltsamem Inhalt; vielleicht von des Herzogs Tod; vielleicht
da er in ein Kloster gegangen sey; aber, zum Glk, nichts von dem
was hier geschrieben ist.  Seht, der Morgen bricht schon an.
Hnget der Verwundrung nicht nach, wie diese Dinge zugehen; alle
Schwierigkeiten sind nur leicht, wenn man sie kennt.  Ruft euern
Nachrichter, und weg mit Bernardins Kopf; ich will sogleich seine
Beichte hren, und ihm dann an einen bessern Ort Anweisung geben.
Ich sehe da ihr noch erstaunt seyd, aber dieses hier mu euch
schlechterdings zum Entschlu bringen.  Kommt mit mir, es ist schon
beynahe heitrer Tag.



Achte Scene.
(Harlequin tritt auf.)


Harlequin.
Ich bin hier so bekannt als ob ich daheim wre; einer mchte denken,
es wre Frau Overdons eignes Haus, soviel von ihren alten
Kundsleuten trift man hier an.  Frs erste ist hier der junge Herr
Rasch, wegen einer Kleinigkeit von braunem Pfeffer und altem Ingwer,
hundert und sieben und neunzig Pfund, aus denen er fnf Mark
baares Geld gemacht hat: Meiner Six, der Ingwer mu damals nicht
viel Abgang gefunden haben; die alten Weiber mssen alle todt
gewesen seyn.  Hernach ist hier ein gewisser Herr Caper, auf
Ansuchen Meister Three-Pile, des Krmers, wegen etlicher Stke
Pfersichblthfarbnen Atlas, welche Herr Caper umsonst gekauft haben
mchte.  Ferner der junge Schwindel, der junge Herr Kupfersporn,
und Monsieur Hungerdarm der Klopffechter, und der junge Herr
Lderlich, der den braven Pudding erschlug, und Hr.  Schzen, der
grosse Wanderer, und der wilde Halbkanne, der den Pott' erstochen
hat, und ich denke, noch vierzig andre, lauter grosse Mnner in
unsrer Profession, die izt hier sind, und sehen mgen, wie sie
wieder heraus kommen.  (Abhorson kommt herein.)

Abhorson.
Fort, Kerl, Bring den Bernardin hieher.

Harlequin.
Monsieur Bernardin, ihr sollt aufwachen und euch hngen lassen;
Monsieur Bernardin!

Abhorson.
Holla, ho, Bernardin.

Bernardin (hinter der Scene.)
Da ihr die Krnke kriegt, ihr Hunde!  Was fr einen Lerm macht ihr
da?  Wer seyd ihr?

Harlequin.
Herr, euer guter Freund, der Henker; ihr sollt so gut seyn, Herr,
und aufstehen und euch erdrosseln lassen.

Bernardin (hinter der Scene.)
Geh zum T** du Schurke, geh, sag ich; ich bin schlfrig.

Abhorson.
Sag ihm, er msse aufstehen, und das nur gleich.

Harlequin.
Ich bitte euch, Monsieur Bernardin, wacht nur auf, bis ihr gehenkt
seyd, und schlaft denn wieder so lang ihr wollt.

Abhorson.
Geh zu ihm hinein, und schaff ihn heraus.

Harlequin.
Er kommt, Herr, er kommt; ich hre das Stroh rascheln.  (Bernardin
zu den Vorigen.)

Abhorson.
Ligt das Beil auf dem Blok, Kerl?

Harlequin.
Ja, Herr.

Bernardin.
Wie gehts, Abhorson?  Was habt ihr Neues?

Abhorson.
In gutem Ernst, Herr, ich wollte ihr wrdet hurtig euer Gebet
verrichten; denn, seht hier, der Befehl fr eure Execution ist da.

Bernardin.
Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen, es ist mir
izt ungelegen.

Harlequin.
O, desto besser, Herr; einer der die ganze Nacht trinkt, und des
Morgens bey Zeiten gehenkt wird, kan den ganzen nchsten Tag desto
ruhiger schlafen.  (Der Herzog zu den Vorigen.)

Abhorson.
Seht, Herr, hier kommt euer geistlicher Vater; meynt ihr noch, da
es nur Spa sey?

Herzog.
Mein Herr, da ich gehrt habe, wir schnell ihr die Welt verlassen
sollt, so komm ich aus Christlicher Liebe bewogen, euch
vorzubereiten, zu trsten, und mit euch zu beten.

Bernardin.
Frater, ich nicht; Ich habe die ganze Nacht stark getrunken, und
ich will mehr Zeit zu meiner Vorbereitung haben, oder sie sollen
mir das Hirn mit Knitteln ausschlagen; ich werde mich nimmermehr
dazu verstehen, heute zu sterben, das ist ausgemacht.

Herzog.
O, mein Herr, ihr mt; und also bitte ich euch, bedenket die Reise
wohl, die ihr zu machen habt.

Bernardin.
Ich schwr euch aber, da mich kein Mensch in der Welt berreden
soll, heute zu sterben.

Herzog.
Aber ihr hrt ja--

Bernardin.
Nicht ein Wort; wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so kommt in mein
Gefngni, denn heute soll mich niemand anders wo hin bringen.

(Er geht ab.)



Neunte Scene.
(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)


Herzog.
Er ist ungeschikt zum Leben und zum Sterben: es ngstiget mein Herz!
aber es mu seyn--Geht ihm nach, ihr Leute, und fhrt ihn zu dem
Blok.

Kerkermeister.
Nun, mein Ehrwrdiger Herr, wie findet ihr den Gefangnen?

Herzog.
Unbereitet und untchtig zum Sterben; ihn in der Gemthsfassung
worinn er ist, in die andre Welt zu schiken, wre verdammlich.

Kerkermeister.
Diesen Morgen, Vater, starb hier im Gefngni an einem hizigen
Fieber ein gewisser Ragozin, ein sehr berchtigter Ruber, ein Mann
von Claudios Jahren; Bart und Haar vllig von der nemlichen Farbe;
wie wenn wir diesen Ruchlosen gehen liessen, bis er sich besser
anlt, und den Statthalter mit Ragozins Haupt befriedigten, der
dem Claudio hnlicher sieht?

Herzog.
O, di ist ein Zufall, den uns der Himmel geschikt hat; nur hurtig
zur Ausfhrung geschritten; die von Angelo bestimmte Stunde rkt
heran; sorget davor, da alles seinem Befehl so gem eingerichtet
werde, da er den Tausch nicht merken knne; indessen da ich mich
bemhen werde, diesen rohen Unglkseligen zum Tode willig zu machen.

Kerkermeister.
Es soll alles sogleich geschehen, mein guter Vater; aber Bernardin
mu diesen Nachmittag sterben; und wie sollen wir den Claudio
lnger hier behalten, ohne da ich in Gefahr komme, wenn es bekannt
wird da er noch lebt?

Herzog.
Bringet Claudio und Bernardin jeden in irgend einen geheimen
Enthalt; eh die Sonne zweymal untergegangen seyn wird, sollt ihr
von eurer Sicherheit durch den Augenschein berzeugt werden.

Kerkermeister.
Ich gehorche euch mit Vergngen.

Herzog.
Schnell, beschleunigt euch, und schiket dem Angelo den Kopf.

(Kerkermeister geht ab.)

Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er
ersehen soll, da ich nahe bey der Stadt bin, und da wichtige
Ursachen mich verbinden, einen ffentlichen Einzug zu halten; ich
will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt
bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann,
nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand
nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmglichkeit gesezt,
sich lozuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen.  (Der
Kerkermeister kommt.)

Kerkermeister.
Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen.

Herzog.
Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rkkunft, denn ich habe
euch Sachen zu erffnen, die keine andre Ohren brauchen als die
eurigen.

Kerkermeister.
Ich will so hurtig seyn als ich kan.

(Geht ab.)

(Isabella ruft hinter der Scene.)

Herzog.
Das ist der Isabella Stimme--Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres
Bruders Begnadigung angelangt sey.  Aber ich will ihr das Beste
noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon berraschet werde,
wenn sie es am wenigsten erwarten kan.



Zehnte Scene.


Isabella.
Mit eurer Erlaubni--

Herzog.
Guten Morgen, meine schne und liebenswrdige Tochter.

Isabella.
Von einem so heiligen Mann kan dieser Gru nicht anders als werth
seyn.  Hat der Stadthalter Befehl fr meines Bruders Begnadigung
geschikt?

Herzog.
Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist
abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt.

Isabella.
Nein, es ist nicht so, will ich hoffen.

Herzog.
Es ist nicht anders.  Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit,
meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit.

Isabella.
O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen.

Herzog.
Ihr wrdet nicht vor ihn gelassen werden.

Isabella.
Unglklicher Claudio!  Arme Isabella!  Ungerechte Welt!  Verdammter
Angelo!

Herzog.
Di schadet ihm nichts, und nzt euch nicht ein Jot.  Geduldet euch
also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; hret was ich euch sage;
ihr werdet ganz gewi erfahren, da es von Sylbe zu Sylbe eine
sichre Wahrheit ist.  Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet
eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist,
hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und
Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rsten, ihm vor die
Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu bergeben.  Wenn ihr
soviel von euch selbst gewinnen knnet, meinem Rath zu folgen, so
werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wnschen kan,
an diesem Unglkseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen.

Isabella.
Ich berlasse mich eurer Fhrung.

Herzog.
Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben
dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht
giebt.  Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, da ich ihn heute
Nachts in Marianens Hause sprechen wolle.  Ich will ihm daselbst
von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er
soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht
anklagen und berweisen.  Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes
Gelbde genthiget, um diese Zeit abwesend zu seyn.  Geht izt mit
diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese zenden
Thrnen aus euern Augen.  Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure
Sache soll einen guten Ausgang gewinnen.  Wer ist hier?



Eilfte Scene.
(Lucio zu den Vorigen.)


Lucio.
Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister?

Herzog.
Nicht hier, mein Herr.

Lucio.
O!  meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen bla, deine
schne Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich mu mich
auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und
Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich fr meinen Kopf nicht
unterstehen, meinen Bauch zu fllen; eine einzige gute Mahlzeit
wrde mich liefern.  Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier
seyn.  Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; wre der
alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause
gewesen, so lebte er noch.

(Isabella geht ab.)

Herzog.
Mein Herr, der Herzog ist euch fr eure Discourse von ihm
ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, da
sie nicht wahr sind.

Lucio.
Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein berer
Weidmann als du dir einbildest.

Herzog.
Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red' und Antwort davor geben.  Lebet
wohl.

Lucio.
Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige
Histrchen von dem Herzog erzhlen.

Herzog.
Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzhlt, wenn sie wahr
sind; und sind sie es nicht, so wren gar keine schon genug.

Lucio.
Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind
gemacht hatte.

Herzog.
Thatet ihr das?

Lucio.
Das denk ich, zum Henker, da ich es that; aber ich schwur es
sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan htte, sie htten
mich an die faule Mispel verheurathet.

Herzog.
Mein Herr, eure Gesellschaft ist schner als ehrenhaft: Bleibt ein
wenig zurk oder geht voraus, wenn ich bitten darf.

Lucio.
Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir
H**jgers-Discourse rgerlich sind, so wollen wir sparsam damit
seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hnge
mich an.

(Sie gehen ab.)



Zwlfte Scene.
(Der Palast.)
(Angelo.  Escalus.)


Escalus.
Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden.

Angelo.
Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich.  Der Himmel
gebe, da sein Verstand nicht angegriffen seyn mge!  Und warum
sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre mter dort
niederlegen?

Escalus.
Das kan ich nicht errathen.

Angelo.
Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen,
da wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch
beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse bergeben
solle?

Escalus.
Fr dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen
Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns frs knftige gegen
Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen
uns haben sollen.

Angelo.
Gut; ich bitte euch, lat den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen;
ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige
wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen.

Escalus.
Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl.

Angelo.
Gute Nacht.  Diese That entmannet mich gnzlich, macht mich unfhig
zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll?  Eine
geschndete Jungfrau!  Und von wem?  Von demjenigen, der das Gesez
wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte.
Allein, ausserdem da ihre zrtliche Schaamhaftigkeit sich nicht
wird berwinden knnen, den Verlust ihrer jungfrulichen Ehre
selbst auszuruffen, was wrde ihr Zeugni gegen mich vermgen?  Was
ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten.
Mein Ansehen ist zu gro, zu befestigt, als da irgend eine
Beschuldigung von dieser Art an mir haften knnte, und nicht mit
Schaam auf denjenigen zurckfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte--
Ich htte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt htte, seine
hizige Jugend mchte dereinst seine beleidigte Ehre rchen, ohne
sich mir fr ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer
solchen Schande erkauffen mute.  Und doch wnschte ich, da er
noch lebte!  Himmel!  Wie unglklich sind wir, wenn wir nur einmal
unsrer Pflicht vergessen haben!  Wie schnell reit uns eine bse
That zur andern fort!  Und wie wenig bleiben wir Meister ber das,
was wir wollen oder nicht wollen!

(Geht ab.)



Dreyzehnte Scene.
(Eine Gegend vor der Stadt.)
(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.)


Herzog.
Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehren.  Der
Kerkermeister wei bereits von unserm Vorhaben und von der
Veranstaltung desselben.  Wenn die Sache einmal anhngig gemacht
ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure
besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen
Absprung machen knnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht,
suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben
diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und
befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen.  Aber
schiket vorher zu dem Flavius.

Peter.
Es soll aufs schleunigste geschehen.

(Peter geht ab.)

(Varrius.)

Herzog.
Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir
wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns
hier grssen werden, mein werther Varrius.

(Sie gehen ab.)



Vierzehnte Scene.
(Isabella und Mariane treten auf.)


Isabella.
Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen;
ich mchte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist
eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, da es
zu Erreichung unsrer Absicht nthig sey.

Mariane.
Ueberlat es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt.

Isabella.
Er sagt mir auch, ich soll' es mir nicht seltsam vorkommen lassen,
wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden
sollte--

Mariane.
Ich wnschte, der Bruder Peter--

Isabella.
Stille, da kommt er ja.

(Peter zu den Vorigen.)

Peter.
Kommt, ich habe einen Ort fr euch ausfndig gemacht, wo ihr ganz
bequem warten knnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan.
Die Trompeten haben schon zweymal getnt; die angesehensten Brger
haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im
Anzug; wir mssen eilen.

(Sie gehen ab.)




Fnfter Aufzug.



Erste Scene.
(Ein ffentlicher Plaz nahe bey der Stadt.)
(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus,
 Lucio und einige Brger, treten auf verschiednen Seiten auf.)


Herzog.
Mein wrdiger Vetter, ich danke euch fr diesen Willkomm; unser
alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen.

Angelo und Escalus.
Beglkt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft!

Herzog.
Wir danken euch beyden von Herzen.

(Zu Angelo.)

Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir hren so viel Gutes
von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, da wir nicht umhin
knnen, euch dewegen ffentlichen Dank zu erstatten, bis wir
Gelegenheit haben, es auf eine vollstndigere Art zu thun.

Angelo.
Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grsser.

Herzog.
O!  euer Verdienst redet laut, und ich wrde ungerecht gegen
dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens
einschliessen wollte; da es wrdig ist, mit Buchstaben von Erzt
gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu
werden.  Gebt mir eure Hand, und lat die Unterthanen sehen, wie
begierig wir sind, unsre innerliche Achtung fr euch durch
usserliche Merkmale ffentlich bekannt zu machen.  Kommt, Escalus;
ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers
Zutrauens wrdig bewiesen.

(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.)



Zweyte Scene.
(Peter und Isabella zu den Vorigen.)


Peter (zu Isabella.)
Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm.

Isabella.
Gerechtigkeit, Gndigster Herr; werfet euern Blik auf eine
unglkliche, mihandelte--Schier htte ich gesagt, Jungfrau: O,
wrdiger Frst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern
Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehrt,
und mir Recht verschaft habt.

Herzog.
Was fr Unrecht ist euch dann geschehen, worinn?  von wem?  macht
es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird;
erffnet euch ihm.

Isabella.
O mein Gndigster Herr!  Ihr befehlet mir, Erlsung bey dem Teufel
zu suchen.  Hret mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe,
mu entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder
euch Rache abnthigen; o, hret mich, hret mich.

Angelo.
Gndigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie
hat eine vergebliche Frbitte fr ihren Bruder bey mir eingelegt,
der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat.

Isabella.
Lauf der Gerechtigkeit!

Angelo.
Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen.

Isabella.
Hchst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde;
da Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam?  da
Angelo ein Mrder ist, ist das nicht seltsam?  da Angelo ein
ehebrechrischer Ruber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schnder ist?
ist das nicht seltsam, und abermal seltsam?

Herzog.
In der That, es ist zehenmal seltsam.

Isabella.
Und doch ist es nicht wahrer, da er Angelo ist, als da alles
dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer;
denn Wahrheit ist am Schlu allemal Wahrheit.

Herzog.
Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrkung
ihres Gehirns.

Isabella.
O Frst ich beschwhre dich, wenn du anders glaubest da noch ein
andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der
Meynung, da ich nicht bey gesunder Vernunft sey.  Mache nicht
unmglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmglich,
da der rgste Bube im Herzen von aussen so sprde, so ernsthaft,
so gerecht, so unstrflich scheinen kan, als Angelo;
gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern,
Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bsewicht seyn; Glaubet
mir, gndigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar
nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen fr seine Boheit htte.

Herzog.
Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube,
so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so
viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den
Reden eines Wahnwizigen gehrt habe.

Isabella.
Gndigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung;
verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt;
sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen,
wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil
er Wahrheit scheint.

Herzog.
Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger
Vernunft--Was wollt ihr dann sagen?

Isabella.
Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Snde
der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war
es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in
einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt;
ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte--

Lucio.
Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubni; Claudio hatte mich zu
ihr geschikt, um sie zu bewegen, da sie versuchen sollte, durch
ihre rhrende Frbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwrken.

Isabella.
Er ist es, in der That.

Herzog (zu Lucio.)
Man hat euch nicht befohlen zu reden.

Lucio.
Nein, Gndigster Herr, noch gewnscht da ich schweigen mchte.

Herzog.
Ich wnsch euch's also izt; seyd so gut und merkt euch das; und
wenn ihr Gelegenheit bekommt fr euch selbst zu sprechen, so bittet
den Himmel, da ihr alsdenn nicht verstummen mget.

Lucio.
Dafr steh' ich Euer Gnaden.

Herzog.
Es wird sich zeigen.

Isabella.
Dieser Edelmann erzhlte etwas von meiner Geschichte.

Lucio.
So ists.

Herzog.
Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an
euch kommt.  Weiter!

Isabella.
Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter.

Herzog.
Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen.

Isabella.
Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gem.

Herzog.
Wieder verbessert--der Materie--Nur weiter.

Isabella.
Kurz, um die unnthigen Umstnde zu bergehen, wie viel
Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu
Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm
geantwortet, denn dieses daurte sehr lang--ich will den Anfang
damit machen, womit dieser Auftritt sich beschlo, wenn ich es
anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan.  Er beharrte darauf,
da er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte,
als wenn ich meinen jungfrulichen Leib seiner unkeuschen Begierde
berlassen wrde; und nach vielem Wortwechsel bertubte endlich
das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach:
Aber den folgenden Morgen frh, nachdem er seinen Zwek erhalten
hatte, schikt' er Befehl, da meinem Bruder der Kopf abgeschlagen
werden sollte.

Herzog (spttisch.)
Das ist sehr wahrscheinlich!

Isabella.
O mcht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist.

{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like),
welches der Herzog fr wahrscheinlich, und Isabella fr artig oder
anstndig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.}

Herzog.
Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst,
oder du bist durch boshafte Knste gegen seine Ehre aufgestiftet
worden.  Frs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser
Zweifel ist.  Zweytens ist es wider alle Vernunft, da er eine
Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem
andern gestraft haben sollte; htte er sich so vergangen, so wrde
er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf
gelassen haben.  Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht
die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage
hier vorgebracht?

Isabella.
Und ist das alles?  O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen
dort oben!  und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in
partheyische Gunst eingehllet wird!  Der Himmel bewahre Euer
Durchlaucht so gewi vor Unfall, als es wahr ist, da ich das
Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde.

Herzog.
Das glaube ich, da ihr gerne davon gehen mchtet.  Einen
Stadtbedienten, ins Gefngnis mit ihr.  Sollten wir gestatten, da
eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so rgerlich
angeschmizt werden drfte?  Das mu nothwendig eine angestellte
Sache seyn.  Wer wei mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen?

Isabella.
Einer den ich gerne hieher wnschen mchte, der Pater Ludewig.

Herzog.
Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig?

Lucio.
Gndigster Herr, ich kenn' ihn; es ist ein Mnch, der seine Nase in
alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; wr er ein Lay gewesen,
Gndigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider
Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat,
abgeschmiert haben, da er es gefhlt htte.

Herzog.
Reden wider mich?  Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach;
und dieses unglkliche Weibsbild wider unsern Stadthalter
aufzustiften!  Lat diesen Mnchen aufsuchen.

Lucio.
Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Mnch im
Gefngni bey einander an; eine unverschmte Kutte, wie gesagt, ein
recht boshafter Geselle.

Peter.
Mit Euer Durchlaucht gndigster Erlaubni, ich stand dabey, und ich
hrte genug um zu sehen, wie sehr euer knigliches Ohr mibraucht
wird.  Frs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter hchst
frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung
mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist.

Herzog.
Ich glaube auch nichts anders.  Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von
dem sie spricht?

Peter.
Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht frwizig
sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt
hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt,
von Euer Durchlaucht ungebhrlich gesprochen hat.

Lucio.
Gndigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir.

Peter.
Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in
diesem Augenblik, Gndigster Herr, ist er an einem wunderbaren
Fieber krank.  Blo auf sein Bitten (da es bekannt wurde, da hier
eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte)
bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von
der Sache wei, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit
seinem Eyde zu bekrftigen im Stand ist.  Was anforderst dieses
Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses wrdigen
Herrn, der auf eine so ffentliche und persnliche Art von ihr
beschimpft wird, hren wie sie vor euern Augen dergestalt wird
berwiesen werden, da sie es selbst wird eingestehen mssen.

Herzog.
Mein guter Pater; lat's uns hren.  Lchelt ihr nicht ber diese
Begebenheiten, Angelo?  Himmel!  Was fr eine Unbesonnenheit von
diesen unglklichen Thoren!--Gebt uns Size; kommt, mein Vetter
Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr
Richter in eurer eignen Sache.

(Isabella wird mit einer Wache weggefhrt,
und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.)



Dritte Scene.


Herzog.
Ist das der Zeuge, Pater?  Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen,
eh sie spricht.

Mariane.
Um Vergebung, Gndigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen,
ausser mein Gemahl befhl' es mir.

Herzog.
So seyd ihr verheurathet?

Mariane.
Nein, Gndigster Herr.

Herzog.
Seyd ihr ein Mdchen?

Mariane.
Nein, Gndigster Herr.

Herzog.
Eine Wittwe also?

Mariane.
Auch das nicht, Gndigster Herr.

Herzog.
Wie, seyd ihr denn nichts?  Weder Mdchen, noch Frau, noch Wittwe?

Lucio.
Gndigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Kchin--


Herzog.
Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er htte etwas mit
sich selbst zu dahlen.

Lucio.
Gut, Gndigster Herr.

Mariane.
Gndigster Herr, ich gesteh's, ich bin nie verheurathet gewesen;
ich gesteh auch zugleich, da ich kein Mdchen bin; ich habe meinen
Gemahl gekannt, aber mein Gemahl wei nicht, da er mich jemals
gekannt hat.

Lucio.
So war er also betrunken, Gndigster Herr, es kan nicht anders seyn.

Herzog.
Ich wollte du wr'st es auch, so schwiegest du doch wenigstens.

Lucio.
Gut, Gndigster Herr.

Herzog.
Das ist keine Zeugin fr den Freyherrn Angelo.

Mariane.
Ich komme nun dazu, Gndigster Herr.  Das Frauenzimmer, das ihn
beschuldiget, da er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl
an, indem sie vorgiebt, da es zu einer Zeit geschehen sey, von der
ich behaupte, da ich ihn mit allen Wrkungen der Liebe in meinen
Armen hatte.

Angelo.
Beschuldiget sie jemand mehr als mich?

Mariane.
Nicht da ich wte.

Herzog.
Nicht?  Ihr sagt, euer Gemahl?

Mariane.
So ist es, Gndigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt,
er wisse gewi, da er mich nie berhrt habe, aber gewi wei, da
er sich einbildt, es sey Isabella gewesen.

Angelo.
Das heit die Bosheit weit getrieben; la dein Gesicht sehen!

Mariane.
Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.

(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)

Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst,
wenn deine Schwre Glauben verdienten, werth war angesehen zu
werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen
Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; di ist der Leib, der
das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus
ihre eingebildete Person vorstellte!

Herzog (zu Angelo.)
Kennt ihr dieses Frauenzimmer?

Lucio.
Fleischlicher Weise, sagt sie.

Herzog.
Schlingel, kein Wort mehr.

Lucio.
Genug, Gndigster Herr.

Angelo.
Gndigster Herr, ich mu gestehen, da ich dieses Frauenzimmer
kenne.  Vor ungefehr fnf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir
und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug,
theils weil ihr Vermgen sich weit geringer befand als man es
angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen
Auffhrung ihre Ehre zweifelhaft machte.  Seit diesem bezeuge ich
bey meiner Ehre und Treue, da ich sie binnen fnf Jahren weder
gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehrt habe.

Mariane.
Grosser Frst, so gewi als das Licht vom Himmel, und Worte vom
Athem kommen; so gewi als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit
in der Tugend ist; so gewi bin ich, in Kraft der feyerlichsten
Gelbde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner
Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein
Weib.  So wahr als di ist, mge ich gesund von meinen Knien wieder
aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild
stehen bleiben.

Angelo.
Ich lchelte bisher nur; aber nun, Gndigster Herr, mu ich Euer
Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen.  Meine Geduld geht zu
Ende; ich sehe, da diese armen einfltigen Weibsbilder nur die
Werkzeuge einer verborgnen und mchtigern Hand sind, die sie in
Bewegung sezt.  Verstattet mir, Gndigster Herr, da ich mich
bemhe, auf den Grund dieses Complots zu kommen.

Herzog.
Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt,
abzustraffen.  Du thrichter Mnch und du boshaftes Weibsbild,
denkt ihr, eure Eydschwre selbst, und wenn sie alle Heiligen
persnlich herabschwren wrden, wren ein hinlngliches Zeugni
gegen sein bewhrtes und so lange festgeseztes Ansehen?  Escalus,
sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche
Mhe, die Quelle dieser schndlichen Verlumdungen zu entdeken.  Es
ist noch ein andrer Mnch, der sie aufgestiftet hat; lat ihn
herbeyschaffen.

Peter.
Ich wnschte, Gndigster Herr, er wre hier; denn in der That ist
er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen
anhngig zu machen.  Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich
aufhlt, und kan ihn holen.

Herzog.
Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und wrdiger
Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu
untersuchen, verfahret nach euerm Gutdnken in Bestrafung der
Schuldigen.  Ich will euch fr eine Weile verlassen; aber bleibt
ihr so lange zurk, bis ihr die Bosheit dieser Verlumder vllig zu
Schanden gemacht habt.

(Er geht ab.)



Vierte Scene.


Escalus.
Gndigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen.  Herr Lucio,
sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig fr einen Mann
von schlechter Auffhrung?

Lucio.
(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwrdig an ihm als
seine Kutte; er hat auf eine hchst infame Art von der Person des
Herzogs gesprochen.

Escalus.
Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu
berweisen; es wird sich finden, da dieser Mnch ein schlimmer
Vogel ist.

Lucio.
Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.

Escalus.
Ruft diese Isabella wieder hieher; ich mchte mit ihr reden; ich
bitte euch, Gndiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhren; ihr sollt
sehen wie ich sie behandeln werde.

Lucio (vor sich.)
Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.

Escalus.
Wie beliebt?

Lucio.
Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln
wrdet, sie wrde schneller bekennen; vielleicht schmt sie sich,
es so vor allen Leuten zu thun.  (Der Herzog in Mnchshabit, und
der Kerkermeister;
Isabella wird herbeygefhrt.)

Escalus.
Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen.  Ein wenig nher Madam;
Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt
habt.

Lucio.
Gndiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit
dem Kerkermeister.

Escalus.
Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.

Lucio.
Nein!--

Escalus.
Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete,
den Freyherrn Angelo zu verlumden?  Sie haben bekennt, da ihr es
seyd.

Herzog.
Es ist nicht wahr.

Escalus.
Wie?  Wit ihr auch wo ihr seyd?

Herzog.
Den Respect vor eurer hohen Wrde vorbehalten, der Teufel selbst
kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden.  Wo
ist der Herzog?  Er soll mich hren, wenn ich reden soll.

Escalus.
Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hren; sehet zu,
da ihr die Wahrheit sagt.

Herzog.
Ganz ungescheut.  Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm
hier von dem Fuchs zu fordern?  Gute Nacht eurer Satisfaction!
Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren.  Der
Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und
die Untersuchung eurer Sache dem Bsewicht zu berlassen, den ihr
anzuklagen gekommen seyd.

Lucio.
Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.

Escalus.
Wie, du unehrwrdiger und unheiliger Mnch, ist es dir nicht genug,
da du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen wrdigen
Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschmter Weise
und vor seinen eignen Ohren einen Bsewicht zu nennen?  ja von ihm
auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu
beschuldigen?  Fhrt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen
dir eher Glied fr Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben
ablugnen sollst.  Was?  Ungerecht?

Herzog.
Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von
mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan
nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine
Geschfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier
in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbni
der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel berlauft; Geseze
gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen
werden, da sie der Geseze spotten.

Escalus.
Er schmht den Staat, weg mit ihm ins Gefngni.

Angelo.
Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio?  Ist das der Mann,
von dem ihr uns erzhltet?

Lucio.
Er ists, Gndiger Herr; kommt nher, guter Freund Kahlkopf; kennt
ihr mich?

Herzog.
Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch whrender
Abwesenheit des Herzogs im Gefngni an.

Lucio.
So, traft ihr mich an?  und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem
Herzog sagtet?

Herzog.
Vollkommen, mein Herr.

Lucio.
Vollkommen, mein Herr?  Und war denn der Herzog ein Hurenjger, ein
Gek, ein Hasenfu, wie ihr sagtet?

Herzog.
Ihr mt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen
lassen knnt; ihr sagtet das von ihm, und noch rgers.

Lucio.
O du verruchter Geselle!  Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du
so redtest?

Herzog.
Ich versichre, da ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.

Angelo.
Hrt ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern mchte, nachdem
er so verrthrische Reden ausgestossen hat?

Escalus.
Mit einem solchen Kerl mu man sich nicht einlassen; weg mit ihm
ins Gefngni; wo ist der Kerkermeister?  weg mit ihm ins Gefngni;
legt ihm Fesseln an; lat ihn nicht mehr reden; weg mit diesen
Mezen, ins Gefngni, und mit den brigen Zusammenverschwornen.

Herzog.
Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.

Angelo.
Wie?  er widersezt sich?  helft ihm, Lucio.

Lucio.
Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr;
wie?  du kahlkpfichter lgenhafter Schurke; du must um einen Kopf
krzer gemacht werden; gelt, du must?  Zeig dein Schelmengesicht,
da du die Krnke kriegest; zeig dein biiges Schaafs-Gesicht, und
la dich in einer Stunde hngen: Willt du nicht fort?

(Er reit die Mnchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)

Herzog.
Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat.
Frs erste, Kerkermeister, la mich fr diese drey wakern Leute
Brge seyn--Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der
Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht
ihn feste.

Lucio.
Das kan noch rger werden, als hngen.

Herzog (zu Escalus.)
Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen
einen Plaz von diesem Herrn da borgen.

(Zu Angelo.)

Mit eurer Erlaubni, mein Herr--Hast du Worte, oder Wiz, oder
Unverschmtheit, die dir noch Dienste thun knnen?  Wenn du hast,
so stze dich darauf, bis ich meine Erzhlung gemacht habe, und
halte dann noch aus, wenn du kanst.

Angelo.
O mein furchtbarer Frst, ich mte schuldiger seyn als meine
Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke,
da Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine
Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gndigster Herr, kein lngeres
Gericht ber meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntni
macht alle Untersuchung berflssig; ein unmittelbares Urtheil und
der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.

Herzog.
Kommt hieher, Mariane!  Sprich, warst du jemals mit diesem
Frauenzimmer verlobt?

Angelo.
Ich war, Gndigster Herr.

Herzog.
So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr
die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder
hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)



Fnfte Scene.


Escalus.
Gndigster Herr, ich bin mehr ber seine Schande bestrzt, als ber
die Seltsamkeit der Sache.

Herzog.
Tretet nher, Isabella; euer Frater ist nun euer Frst, ich war in
jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein
Herz mit meinem Anzug zu verndern, werde ich allezeit zu euerm
Dienst gewidmet bleiben.

Isabella.
O!  vergebet mir, mein gndigster Herr, da ich, eure Vasallin,
eure unerkannte Hoheit beschftigt und bemhet habe.

Herzog.
Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Mdchen, lasset
mir das gleiche Recht wiederfahren.  Ich wei es, euers Bruders Tod
ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum
ich mich begngt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und
nicht lieber meine verkleidete Macht plzlich zu erkennen gegeben,
als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset,
liebenswrdigstes Geschpf, da nichts als die zuschnelle
Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, da sie
spter erfolgen wrde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey
ber ihn!  Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr
frchten mu; trstet euch damit; euer Bruder ist glklich.

Isabella.
Ich thu es, Gndigster Herr.



Sechste Scene.
(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.)


Herzog (zu Isabella.)
Was diesen neuvermhlten Mann, der hier wieder zurk kommt, betrift,
dessen ppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt
hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der
eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des
gebrochnen Versprechens, sich schuldig wute, euerm Bruder das
Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes
mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo fr Claudio,
Tod fr Tod, Gleiches fr gleiches, und Maa fr Maa.

(Er wendet sich zum Angelo.)

Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, da du sie nicht
lugnen knntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also,
auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio
sich zum Tod bkte, und mit eben solcher Eile.  Hinweg mit ihm.

Mariane.
O!  mein Gndigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht
zum Scherz einen Gemahl gegeben.

Herzog.
Ich hielt eure Vermhlung nur nthig, um eure Ehre sicher zu
stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm knftigen
Glk im Wege gestanden wre; was seine Gter betrift, so sezen wir,
ob sie gleich durch Confiscation unser wren, euch in den Besiz
davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern
Gemahl kauffen knnet.

Mariane.
O Mein theurester Frst, ich verlange keinen andern und keinen
bessern Mann.

Herzog.
Bittet nicht fr ihn, unser Schlu ist gefat.

Mariane.
Mein gndigster Herr--

Herzog.
Ihr verliehrt nur eure Mhe--weg mit ihm zum Tode.

(Zu Lucio.)

Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.

Mariane.
O!  mein gndigster Herr!  O!  theurste Isabella, kommet mir
zuhlfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes knftiges Leben soll
zu eurem Dienst gewidmet seyn.

Herzog.
Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte
sie niederknien, um fr eine solche That Erbarmung zu erflehen,
ihres Bruders Geist wrde sein Grab durchbrechen, und sie in
Schreknissen von hinnen reissen.

Mariane.
Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure
Hnde aus, redet nichts, ich will alles sagen.  Die besten Menschen,
sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben,
vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn.  O Isabella,
wollt ihr nicht mit mir knien?

Herzog.
Er stirbt fr Claudios Tod.

Isabella (kniend.)
Gtigster Frst, sehet, wenn es euch gefllt, auf diesen
verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wre; ich glaube, ich
hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses
ist, so lat ihn nicht sterben.  Meinem Bruder ist nichts als
Gerechtigkeit widerfahren; er starb fr eine Snde, die er wrklich
ausgebt hatte; Angelo sndigte nur durch einen Vorsaz der nicht
zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen,
und Vorsze sind blosse Gedanken.

Mariane.
Blosse Gedanken, Gndigster Herr.

Herzog.
Eure Frbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich.  Ich habe mich
indessen eines andern Fehlers erinnert.  Kerkermeister, wie kam es,
da Claudio zu einer ungewhnlichen Stunde enthauptet wurde?

Kerkermeister.
Es wurde so befohlen.

Herzog.
Hattet ihr einen Richterlichen Befehl dewegen?

Kerkermeister.
Nein, Gndigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.

Herzog.
Und dewegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlssel ab.

Kerkermeister.
Vergebet mir, Gndigster Herr; ich dachte gleich, es mchte ein
Fehler seyn, doch wute ichs nicht gewi; aber es reuete mich, da
ich mich besser erkundigt hatte; und der Bewei hievon ist dieses,
da ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls
sterben sollte, noch habe leben lassen.

Herzog.
Wer ist er?

Kerkermeister.
Er nennt sich Bernardin.

Herzog.
Ich wollte, du httest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn
hieher, ich will ihn sehen.

Escalus.
Es ist mir leid, da ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr,
Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des
Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte
gemacht habt.

Angelo.
Mir ist leid, da ich euch dieses Leid verursache, und ich fhle
mein Verbrechen so sehr, da ich mit grsserm Verlangen um den Tod
flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.



Siebende Scene.
(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)


Herzog.
Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?

Kerkermeister.
Dieser, Gndigster Herr.

Herzog.
Ein gewisser Mnch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du
habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts frchte,
und du lebest dieser Denkungsart gem; du bist zum Tode
verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine
Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende
diese Gnade dazu an, fr eine bessere Zukunft besorgt zu seyn;
Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich bergebe ihn in eure Hnde.
Was fr ein vermummter Geselle ist das?

Kerkermeister.
Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben
sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so
sehr als sich selbst.

Herzog (zu Isabella.)
Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget,
und um euers liebenswrdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und
sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon
zu gelegnerer Zeit.  Angelo siehet hieraus, da er nichts mehr zu
besorgen hat; mich ducht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in
seinen Augen.  Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebt; liebet
eure Gemahlin, ihr Werth ergnzt den Eurigen.  Ich finde mich heut
ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich
nicht verzeihen kan.

(Zu Lucio.)

Ihr, frecher Bursche, der mich fr einen Geken, eine Memme, einen
lderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab
ich um euch verdient, da ihr mich so erhebet?

Lucio.
Bey meiner Seele, Gndigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode
ist, bses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich
deswegen hngen lassen will, so mu ich es leiden; aber ich wollte
lieber, da es euch gefallen mchte, mir den Staupbesen geben zu
lassen.

Herzog.
Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen.  Kerkermeister,
lat durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild
sey, die sich ber diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn
dann selbst habe sagen gehrt, es sey eine schwanger von ihm,) so
soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die
Hochzeit vorbey ist, so lat ihn peitschen und aufhngen.

Lucio.
Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen;
Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht;
Mein Gndigster Herr, belohnet mich nicht so bel dafr, und macht
mich zu einem Hahnrey.

Herzog.
Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen.  Deine Schmhungen und
alle deine brigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; fhrt ihn
indessen ins Gefngni, und sehet, da mein Wille hierinn vollzogen
werde.  Ihr, Claudio, sumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr
gekrnkt habt, Genugthung zu geben.  Ich wnsche euch Glk,
Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehrt, und
kenne ihre Tugend.  Habe Dank, mein guter Freund Escalus, fr
deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu
erfreuen.  Habe Dank, Kerkermeister, fr deine Sorgfalt und
Verschwiegenheit; wir werden dich in einem wrdigern Plaz zu
gebrauchen wissen.  Vergebt ihm, Angelo, da er euch Ragozins Kopf
statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von
selbst.  Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr
zu der guten Gesinnung neiget, die ich fr euch trage, so ist was
mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit fhret uns in
unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle
zu wissen nthig habt.


Maa fr Maa, oder: Wie einer mit, so wird ihm wieder gemessen,
von  William Shakespeare (bersetzt von Christoph Martin Wieland).





End of the Project Gutenberg EBook of Maass fuer Maass (Measure for Measure)
by William Shakespeare

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MAASS FUER MAASS ***

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