The Project Gutenberg EBook of Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri
#3 in our series by Johanna Spyri

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Title: Heidis Lehr- und Wanderjahre

Author: Johanna Spyri

Release Date: February, 2005 [EBook #7500]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on May 11, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE ***




Produced by Mike Pullen and Juliet Sunderland




This Etext is in German.

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Heidis Lehr- und Wanderjahre

Johanna Spyri


Inhalt

1  Zum Alm-Oehi hinauf
2  Beim Grossvater
3  Auf der Weide
4  Bei der Grossmutter
5  Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat
6  Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge
7  Fraeulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag
8  Im Hause Sesemann geht's unruhig zu
9  Der Hausherr hoert allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehoert hat
10 Eine Grossmama
11 Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab
12 Im Hause Sesemann spukt's
13 Am Sommerabend die Alm hinan
14 Am Sonntag, wenn's laeutet




Zum Alm-Oehi hinauf

Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fuehrt ein Fussweg durch gruene,
baumreiche Fluren bis zum Fusse der Hoehen, die von dieser Seite gross
und ernst auf das Tal herniederschauen.  Wo der Fussweg anfaengt,
beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kraeftigen
Bergkraeutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Fussweg geht
steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen
ein grosses, kraeftig aussehendes Maedchen dieses Berglandes hinan,
ein Kind an der Hand fuehrend, dessen Wangen so gluehend waren, dass
sie selbst die sonnverbrannte, voellig braune Haut des Kindes
flammend rot durchleuchteten.  Es war auch kein Wunder: Das Kind
war trotz der heissen Junisonne so verpackt, als haette es sich eines
bitteren Frostes zu erwehren.  Das kleine Maedchen mochte kaum fuenf
Jahre zaehlen; was aber seine natuerliche Gestalt war, konnte man
nicht ersehen, denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei
Kleider uebereinander angezogen und drueberhin ein grosses, rotes
Baumwolltuch um und um gebunden, so dass die kleine Person eine
voellig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Naegeln
beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiss und muehsam den Berg
hinaufarbeitete.  Eine Stunde vom Tal aufwaerts mochten die beiden
gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der auf halber Hoehe
der Alm liegt und 'im Doerfli' heisst.  Hier wurden die
Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster,
einmal von einer Haustuer und einmal vom Wege her, denn das Maedchen
war in seinem Heimatort angelangt.  Es machte aber nirgends Halt,
sondern erwiderte alle zugerufenen Gruesse und Fragen im Vorbeigehen,
ohne still zu stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten
der zerstreuten Haeuschen angelangt war.  Hier rief es aus einer Tuer:
"Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter
hinaufgehst."

Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer
Hand los und setzte sich auf den Boden.

"Bist du muede, Heidi?", fragte die Begleiterin.

"Nein, es ist mir heiss", entgegnete das Kind.

"Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig
anstrengen und grosse Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde
oben", ermunterte die Gefaehrtin.

Jetzt trat eine breite gutmuetig aussehende Frau aus der Tuer und
gesellte sich zu den beiden.  Das Kind war aufgestanden und
wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein
lebhaftes Gespraech gerieten ueber allerlei Bewohner des 'Doerfli' und
vieler umherliegender Behausungen.

"Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?", fragte
jetzt die neu Hinzugekommene.  "Es wird wohl deiner Schwester Kind
sein, das hinterlassene."

"Das ist es", erwiderte Dete, "ich will mit ihm hinauf zum Oehi, es
muss dort bleiben."

"Was, beim Alm-Oehi soll das Kind bleiben?  Du bist, denk ich, nicht
recht bei Verstand, Dete!  Wie kannst du so etwas tun!  Der Alte
wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!"

"Das kann er nicht, er ist der Grossvater, er muss etwas tun, ich
habe das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen,
Barbel, dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht
dahinten lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grossvater das
Seinige tun."

"Ja, wenn der waere wie andere Leute, dann schon", bestaetigte die
kleine Barbel eifrig; "aber du kennst ja den.  Was wird der mit
einem Kinde anfangen und dann noch einem so kleinen!  Das haelt's
nicht aus bei ihm!  Aber wo willst du denn hin?"

"Nach Frankfurt", erklaerte Dete, "da bekomm ich einen extraguten
Dienst.  Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad,
ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und
schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht
fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen,
und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein."

"Ich moechte nicht das Kind sein!", rief die Barbel mit abwehrender
Gebaerde aus.  "Es weiss ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben
ist!  Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus,
jahrein setzt er keinen Fuss in eine Kirche, und wenn er mit seinem
dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus
und muss sich vor ihm fuerchten.  Mit seinen dicken grauen
Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein
alter Heide und Indianer, dass man froh ist, wenn man ihm nicht
allein begegnet."

"Und wenn auch", sagte Dete trotzig, "er ist der Grossvater und muss
fuer das Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu
verantworten, nicht ich."

"Ich moechte nur wissen", sagte die Barbel forschend, "was der Alte
auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so
mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie
blicken laesst.  Man sagt allerhand von ihm; du weisst doch gewiss
auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?"

"Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hoerte, so kaeme ich schoen
an!"

Aber die Barbel haette schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem
Alm-Oehi verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben
ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm
redeten, als fuerchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten
doch nicht fuer ihn sein.  Auch wusste die Barbel gar nicht, warum
der Alte von allen Leuten im Doerfli der Alm-Oehi genannt wurde, er
konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den saemtlichen Bewohnern
sein; da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den
Alten nie anders als Oehi, was die Aussprache der Gegend fuer Oheim
ist.  Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Doerfli
hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im Praettigau gewohnt,
und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und
besonderen Persoenlichkeiten aller Zeiten vom Doerfli und der
Umgegend.  Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Doerfli
gebuertig und hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr;
da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz
hinuebergezogen, wo sie im grossen Hotel als Zimmermaedchen einen
guten Verdienst fand.  Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde
von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen
fahren koennen, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und
das Kind mitnahm.  --Die Barbel wollte also diesmal die gute
Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen;
sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: "Von dir kann
man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darueber hinaus
sagen; du weisst, denk ich, die ganze Geschichte.  Sag mir jetzt ein
wenig, was mit dem Alten ist und ob der immer so gefuerchtet und ein
solcher Menschenhasser war."

"Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht praezis wissen, ich
bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab
ich ihn nicht gesehen, wie er jung war, das wirst du nicht erwarten.
Wenn ich aber wuesste, dass es nachher nicht im ganzen Praettigau
herumkaeme, so koennte ich dir schon allerhand erzaehlen von ihm;
meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch."

"A bah, Dete, was meinst denn?", gab die Barbel ein wenig beleidigt
zurueck; "es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Praettigau,
und dann kann ich schon etwas fuer mich behalten, wenn es sein muss.
Erzaehl mir's jetzt, es muss dich nicht gereuen."

"Ja nu, so will ich, aber halt Wort!", mahnte die Dete.  Erst sah
sie sich aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhoere,
was sie sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen, es
musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr
gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht
bemerkt.  Dete stand still und schaute sich ueberall um.  Der Fussweg
machte einige Kruemmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Doerfli
hinunter uebersehen, es war aber niemand darauf sichtbar.

"Jetzt seh ich's", erklaerte die Barbel; "siehst du dort?", und sie
wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad.  "Es klettert die
Abhaenge hinauf mit dem Geissenpeter und seinen Geissen.  Warum der
heut so spaet hinauffaehrt mit seinen Tieren?  Es ist aber gerad
recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst mir umso
besser erzaehlen."

"Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen",
bemerkte die Dete; "es ist nicht dumm fuer seine fuenf Jahre, es tut
seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt
an ihm, und es wird ihm einmal zugut kommen, denn der Alte hat gar
nichts mehr als seine zwei Geissen und die Almhuette."

"Hat er denn einmal mehr gehabt?", fragte die Barbel.

"Der?  Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat",
entgegnete eifrig die Dete; "eins der schoensten Bauerngueter im
Domleschg hat er gehabt.  Er war der aeltere Sohn und hatte nur noch
einen Bruder, der war still und ordentlich.  Aber der Aeltere wollte
nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit
boesem Volk zu tun haben, das niemand kannte.  Den ganzen Hof hat er
verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater
und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der
Bruder, der nun auch am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die
Welt hinaus, es weiss kein Mensch wohin, und der Oehi selber, als er
nichts mehr hatte als einen boesen Namen, ist auch verschwunden.
Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das
Militaer gegangen nach Neapel, und dann hoerte man nichts mehr von
ihm zwoelf oder fuenfzehn Jahre lang.  Dann auf einmal erschien er
wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte
diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen.  Aber es
schlossen sich alle Tueren vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von
ihm wissen.  Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg setze
er keinen Fuss mehr, und dann kam er hierher ins Doerfli und lebte da
mit dem Buben.  Die Frau muss eine Buendnerin gewesen sein, die er
dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte.  Er
musste noch etwas Geld haben, denn er liess den Buben, den Tobias,
ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher
Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Doerfli.  Aber dem Alten
traute keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es
waere ihm sonst schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen,
natuerlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel.
Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Mutter
Grossmutter mit seiner Grossmutter Geschwisterkind gewesen war.  So
nannten wir ihn Oehi, und da wir fast mit allen Leuten im Doerfli
wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch
Oehi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hiess er eben
nur noch der 'Alm-Oehi'."

"Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?", fragte gespannt
die Barbel.

"Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen",
erklaerte Dete.  "Also der Tobias war in der Lehre draussen in Mels,
und sowie er fertig war, kam er heim ins Doerfli und nahm meine
Schwester zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer
gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet waren, konnten sie's
sehr gut zusammen.  Aber es ging nicht lange.  Schon zwei Jahre
nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn
herunter und schlug ihn tot.  Und wie man den Mann so entstellt
nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in
ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen, sie war
sonst nicht sehr kraeftig und hatte manchmal so eigene Zustaende
gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie oder war sie wach.
Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch
die Adelheid.  Da sprachen alle Leute weit und breit von dem
traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das
sei die Strafe, die der Oehi verdient habe fuer sein gottloses Leben,
und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm
ins Gewissen, er sollte doch jetzt Busse tun, aber er wurde nur
immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es
ging ihm auch jeder aus dem Wege.  Auf einmal hiess es, der Oehi sei
auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und
seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden.
Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich;
es war ein Jahr alt.  Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb
und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und
gab es der alten Ursel oben im Pfaefferserdorf in die Kost.  Ich
konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil
ich zu naehen und flicken verstehe, und frueh im Fruehling kam die
Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte
und die mich mitnehmen will; uebermorgen reisen wir ab, und der
Dienst ist gut, das kann ich dir sagen."

"Und dem Alten da droben willst du nun das Kind uebergeben?  Es
nimmt mich nur wunder, was du denkst, Dete", sagte die Barbel
vorwurfsvoll.

"Was meinst du denn?", gab Dete zurueck.  "Ich habe das Meinige an
dem Kinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen?  Ich denke,
ich kann eines, das erst fuenf Jahre alt wird, nicht mit nach
Frankfurt nehmen.  Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind
ja schon halbwegs auf der Alm?"

"Ich bin auch gleich da, wo ich hinmuss", entgegnete die Barbel;
"ich habe mit der Geissenpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter.
So leb wohl, Dete, mit Glueck!"

Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, waehrend
diese der kleinen, dunkelbraunen Almhuette zuging, die einige
Schritte seitwaerts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem
Bergwind ziemlich geschuetzt war.  Die Huette stand auf der halben
Hoehe der Alm, vom Doerfli aus gerechnet, und dass sie in einer
kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so
baufaellig und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefaehrliches
Darinwohnen sein musste, wenn der Foehnwind so maechtig ueber die
Berge strich, dass alles an der Huette klapperte, Tueren und Fenster,
und alle die morschen Balken zitterten und krachten.  Haette die
Huette an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie waere
unverzueglich ins Tal hinabgeweht worden.

Hier wohnte der Geissenpeter, der elfjaehrige Bube, der jeden Morgen
unten im Doerfli die Geissen holte, um sie hoch auf die Alm
hinaufzutreiben, um sie da die kurzen kraeftigen Kraeuter fressen zu
lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfuessigen
Tierchen wieder herunter, tat, im Doerfli angekommen, einen
schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine
Geiss auf dem Platz.  Meistens kamen kleine Buben und Maedchen, denn
die friedlichen Geissen waren nicht zu fuerchten, und das war denn
den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, da der Peter mit
seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geissen.  Er
hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Grossmutter; aber da
er immer am Morgen sehr frueh fortmusste und am Abend vom Doerfli
spaet heimkam, weil er sich da noch so lange als moeglich mit den
Kindern unterhalten musste, so verbrachte er daheim nur gerade so
viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot und am Abend
ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen
und zu schlafen.  Sein Vater, der auch schon der Geissenpeter
genannt worden war, weil er in frueheren Jahren in demselben Berufe
gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfaellen verunglueckt.
Seine Mutter, die zwar Brigitte hiess, wurde von jedermann um des
Zusammenhangs willen die Geissenpeterin genannt, und die blinde
Grossmutter kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen
Grossmutter.

Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen
Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Geissen noch nirgends zu
sehen seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch
ein wenig hoeher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter uebersehen
konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit
Zeichen grosser Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen.
Unterdessen rueckten die Kinder auf einem grossen Umwege heran, denn
der Peter wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Straeuchern
und Gebueschen fuer seine Geissen zu nagen war; darum machte er mit
seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem Wege.  Erst war das Kind
muehsam nachgeklettert, in seiner schweren Ruestung vor Hitze und
Unbequemlichkeit keuchend und alle Kraefte anstrengend.  Es sagte
kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit
seinen nackten Fuessen und leichten Hoeschen ohne alle Muehe hin und
her sprang, bald auf die Geissen, die mit den duennen, schlanken
Beinchen noch leichter ueber Busch und Stein und steile Abhaenge
hinaufkletterten.  Auf einmal setzte das Kind sich auf den Boden
nieder, zog mit grosser Schnelligkeit Schuhe und Struempfe aus, stand
wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein
Roeckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins
auszuhaekeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen
ueber das Alltagszeug angezogen, um der Kuerze willen, damit niemand
es tragen muesse.  Blitzschnell war auch das Alltagsroecklein weg,
und nun stand das Kind im leichten Unterroeckchen, die blossen Arme
aus den kurzen Hemdaermelchen vergnueglich in die Luft
hinausstreckend.  Dann legte es schoen alles auf ein Haeufchen, und
nun sprang und kletterte es hinter den Geissen und neben dem Peter
her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft.  Der
Peter hatte nicht Acht gegeben, was das Kind mache, als es
zurueckgeblieben war.  Wie es nun in der neuen Bekleidung
nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht
auseinander und schaute zurueck, und wie er unten das Haeuflein
Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr
auseinander, und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen;
er sagte aber nichts.  Wie nun das Kind sich so frei und leicht
fuehlte, fing es ein Gespraech mit dem Peter an, und er fing auch an
zu reden und musste auf vielerlei antworten, denn das Kind wollte
wissen, wie viele Geissen er habe und wohin er mit ihnen gehe und
was er dort tue, wo er hinkomme.  So langten endlich die Kinder
samt den Geissen oben bei der Huette an und kamen der Base Dete zu
Gesicht.  Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft
erblickt, als sie laut aufschrie: "Heidi, was machst du?  Wie
siehst du aus?  Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das
Halstuch?  Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg
und dir neue Struempfe gemacht, und alles fort!  Alles fort!  Heidi,
was machst du, wo hast du alles?"

Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base
folgte seinem Finger.  Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein
roter Punkt, das musste das Halstuch sein.

"Du Unglueckstropf!", rief die Base in grosser Aufregung.  "Was kommt
dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen?  Was soll das
sein?"

"Ich brauch es nicht", sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll
aus ueber seine Tat.

"Ach du unglueckseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch
gar keine Begriffe?", jammerte und schalt die Base weiter.  "Wer
sollte nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde!  Komm,
Peter, lauf du mir schnell zurueck und hol das Zeug, komm schnell
und steh nicht dort und glotze mich an, als waerst du am Boden
festgenagelt."

"Ich bin schon zu spaet", sagte Peter langsam und blieb, ohne sich
zu ruehren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Haende
in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehoert
hatte.

"Du stehst ja doch nur und reissest deine Augen auf und kommst, denk
ich, nicht weit auf die Art!", rief ihm die Base Dete zu.  "Komm
her, du musst etwas Schoenes haben, siehst du?" Sie hielt ihm ein
neues Fuenferchen hin, das glaenzte ihm in die Augen.  Ploetzlich
sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und
kam in ungeheuren Saetzen in kurzer Zeit bei dem Haeuflein Kleider an,
packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base
ruehmen musste und ihm sogleich sein Fuenfrappenstueck ueberreichte.
Peter steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht
glaenzte und lachte in voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde
ihm nicht oft zuteil.

"Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum Oehi hinauf, du gehst ja
auch den Weg", sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte,
den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Huette des
Geissenpeter emporragte.  Willig uebernahm dieser den Auftrag und
folgte der Voranschreitenden auf dem Fusse nach, den linken Arm um
sein Buendel geschlungen, in der Rechten die Geissenrute schwingend.
Das Heidi und die Geissen huepften und sprangen froehlich neben ihm
her.  So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhoehe,
wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Huette des alten Oehi stand,
allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugaenglich und
mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab.  Hinter der Huette
standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen Aesten.
Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die
alten, grauen Felsen, erst noch ueber schoene, kraeuterreiche Hoehen,
dann in steiniges Gestruepp und endlich zu den kahlen, steilen
Felsen hinan.

An die Huette festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Oehi eine
Bank gezimmert.  Hier sass er, eine Pfeife im Mund, beide Haende auf
seine Knie gelegt, und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geissen
und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und
nach von den anderen ueberholt worden.  Heidi war zuerst oben; es
ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und
sagte: "Guten Abend, Grossvater!"

"So, so, wie ist das gemeint?", fragte der Alte barsch, gab dem
Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem langen,
durchdringenden Blick an, unter seinen buschigen Augenbrauen hervor.
Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurueck, ohne nur einmal mit
den Augen zu zwinkern, denn der Grossvater mit dem langen Bart und
den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen
waren und aussahen wie eine Art Gestraeuch, war so verwunderlich
anzusehen, dass Heidi ihn recht betrachten musste.  Unterdessen war
auch die Base herangekommen samt dem Peter, der eine Welle stille
stand und zusah, was sich da ereigne.

"Ich wuensche Euch guten Tag, Oehi", sagte die Dete hinzutretend,
"und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid.  Ihr
werdet es wohl nicht mehr kennen, denn seit es jaehrig war, habt Ihr
es nie mehr gesehen."

"So, was muss das Kind bei mir?", fragte der Alte kurz; "und du
dort", rief er dem Peter zu, "du kannst gehen mit deinen Geissen, du
bist nicht zu frueh; nimm meine mit!"

Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der Oehi hatte ihn
angeschaut, dass er schon genug davon hatte.

"Es muss eben bei Euch bleiben, Oehi", gab die Dete auf seine Frage
zurueck.  "Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier
Jahre durch, es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch
einmal zu tun."

"So", sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete.
"Und wenn nun das Kind anfaengt, dir nachzuflennen und zu winseln,
wie kleine Unvernuenftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?"

"Das ist dann Eure Sache", warf die Dete zurueck, "ich meine fast,
es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen
anzufangen habe, als es mir auf den Haenden lag, ein einziges
Jaehrchen alt, und ich schon fuer mich und die Mutter genug zu tun
hatte.  Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der
Naechste am Kind; wenn Ihr's nicht haben koennt, so macht mit ihm,
was Ihr wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt,
und Ihr werdet wohl nicht noetig haben, noch etwas aufzuladen."

Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war
sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn
gehabt hatte.  Bei ihren letzten Worten war der Oehi aufgestanden;
er schaute sie so an, dass sie einige Schritte zurueckwich; dann
streckte er den Arm aus und sagte befehlend: "Mach, dass du
hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so
bald wieder!" Das liess sich die Dete nicht zweimal sagen.  "So lebt
wohl, und du auch, Heidi", sagte sie schnell und lief den Berg
hinunter in einem Trab bis ins Doerfli hinab, denn die innere
Aufregung trieb sie vorwaerts wie eine wirksame Dampfkraft.  Im
Doerfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es wunderte
die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und
wussten, wem das Kind gehoerte und alles, was mit ihm vorgegangen
war.  Als es nun aus allen Tueren und Fenstern toente: "Wo ist das
Kind?  Dete, wo hast du das Kind gelassen?", rief sie immer
unwilliger zurueck: "Droben beim Alm-Oehi!  Nun, beim Alm-Oehi, ihr
hoert's ja!"

Sie wurde aber so massleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr
zuriefen: "Wie kannst du so etwas tun!", und: "Das arme Troepfli!",
und: "So ein kleines Hilfloses da droben lassen!", und dann wieder
und wieder: "Das arme Troepfli!" Die Dete lief, so schnell sie
konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr hoerte, denn es war
ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben
das Kind noch uebergeben.  Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie
koenne dann ja eher wieder etwas fuer das Kind tun, wenn sie nun viel
Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von
allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem schoenen
Verdienst kommen konnte.




Beim Grossvater

Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Oehi sich wieder auf
die Bank hingesetzt und blies nun grosse Wolken aus seiner Pfeife;
dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort.  Derweilen
schaute das Heidi vergnueglich um sich, entdeckte den Geissenstall,
der an die Huette angebaut war, und guckte hinein.  Es war nichts
drin.  Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die
Huette zu den alten Tannen.  Da blies der Wind durch die Aeste so
stark, dass es sauste und brauste oben in den Wipfeln.  Heidi blieb
stehen und hoerte zu.  Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kind
um die kommende Ecke der Huette herum und kam vorn wieder zum
Grossvater zurueck.  Als es diesen noch in derselben Stellung
erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin,
legte die Haende auf den Ruecken und betrachtete ihn.  Der Grossvater
schaute auf.  "Was willst du jetzt tun?", fragte er, als das Kind
immer noch unbeweglich vor ihm stand.

"Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Huette", sagte Heidi.

"So komm!", und der Grossvater stand auf und ging voran in die Huette
hinein.

"Nimm dort dein Buendel Kleider noch mit", befahl er im Hereintreten.

"Das brauch ich nicht mehr", erklaerte Heidi.

Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind,
dessen schwarze Augen gluehten in Erwartung der Dinge, die da
drinnen sein konnten.  "Es kann ihm nicht an Verstand fehlen",
sagte er halblaut.  "Warum brauchst du's nicht mehr?", setzte er
laut hinzu.

"Ich will am liebsten gehen wie die Geissen, die haben ganz leichte
Beinchen."

"So, das kannst du, aber hol das Zeug", befahl der Grossvater, "es
kommt in den Kasten." Heidi gehorchte.  Jetzt machte der Alte die
Tuer auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich grossen Raum
ein, es war der Umfang der ganzen Huette.  Da stand ein Tisch und
ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Grossvaters Schlaflager, in
einer anderen hing der grosse Kessel ueber dem Herd; auf der anderen
Seite war eine grosse Tuer in der Wand, die machte der Grossvater auf,
es war der Schrank.  Da hingen seine Kleider drin und auf einem
Gestell lagen ein paar Hemden, Struempfe und Tuecher und auf einem
anderen einige Teller und Tassen und Glaeser und auf dem obersten
ein rundes Brot und geraeuchertes Fleisch und Kaese, denn in dem
Kasten war alles enthalten, was der Alm-Oehi besass und zu seinem
Lebensunterhalt gebrauchte.  Wie er nun den Schrank aufgemacht
hatte, kam das Heidi schnell heran und stiess sein Zeug hinein, so
weit hinter des Grossvaters Kleider als moeglich, damit es nicht so
leicht wieder zu finden sei.  Nun sah es sich aufmerksam um in dem
Raum und sagte dann: "Wo muss ich schlafen, Grossvater?"

"Wo du willst", gab dieser zur Antwort.

Das war dem Heidi eben recht.  Nun fuhr es in alle Winkel hinein
und schaute jedes Plaetzchen aus, wo am schoensten zu schlafen waere.
In der Ecke vorueber des Grossvaters Lagerstaette war eine kleine
Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem
Heuboden an.  Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und
durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.

"Hier will ich schlafen", rief Heidi hinunter, "hier ist's schoen!
Komm und sieh einmal, wie schoen es hier ist, Grossvater!"

"Weiss schon", toente es von unten herauf.

"Ich mache jetzt das Bett!", rief das Kind wieder, indem es oben
geschaeftig hin und her fuhr; "aber du musst heraufkommen und mir
ein Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch,
und darauf liegt man."

"So, so", sagte unten der Grossvater, und nach einer Weile ging er
an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter
seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas
sein wie ein Leintuch.  Er kam damit die Leiter herauf.  Da war auf
dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der
Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das
Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch
traf.

"Das ist recht gemacht", sagte der Grossvater, "jetzt wird das Tuch
kommen, aber wart noch"--damit nahm er einen guten Wisch Heu von
dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte
Boden nicht durchgefuehlt werden konnte--; "so, jetzt komm her
damit." Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen, konnte
es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut,
denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht
durchstechen.  Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch ueber
das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Heidi die
Enden eilfertig unter das Lager.  Nun sah es recht gut und reinlich
aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich.

"Wir haben noch etwas vergessen, Grossvater", sagte es dann.

"Was denn?", fragte er.

"Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das
Leintuch und die Decke hinein."

"So, meinst du?  Wenn ich aber keine habe?", sagte der Alte.

"Oh, dann ist's gleich, Grossvater", beruhigte Heidi, "dann nimmt
man wieder Heu zur Decke", und eilfertig wollte es gleich wieder an
den Heustock gehen, aber der Grossvater wehrte es ihm.

"Wart einen Augenblick", sagte er, stieg die Leiter hinab und ging
an sein Lager hin.  Dann kam er wieder und legte einen grossen,
schweren, leinenen Sack auf den Boden.

"Ist das nicht besser als Heu?", fragte er.  Heidi zog aus
Leibeskraeften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen,
aber die kleinen Haende konnten das schwere Zeug nicht bewaeltigen.
Der Grossvater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag,
da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor
seinem neuen Lager und sagte: "Das ist eine praechtige Decke und das
ganze Bett!  Jetzt wollt ich, es waere schon Nacht, so koennte ich
hineinliegen."

"Ich meine, wir koennten erst einmal etwas essen", sagte der
Grossvater, "oder was meinst du?" Heidi hatte ueber dem Eifer des
Bettens alles andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen
kam, stieg ein grosser Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute
noch gar nichts bekommen als frueh am Morgen sein Stueck Brot und ein
paar Schlucke duennen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise
gemacht.  So sagte Heidi ganz zustimmend: "Ja, ich mein es auch."

"So geh hinunter, wenn wir denn einig sind", sagte der Alte und
folgte dem Kind auf dem Fuss nach.  Dann ging er zum Kessel hin,
schob den grossen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette
hing, setzte sich auf den hoelzernen Dreifuss mit dem runden Sitz
davor hin und blies ein helles Feuer an.  Im Kessel fing es an zu
sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein
grosses Stueck Kaese ueber das Feuer und drehte es hin und her, bis es
auf allen Seiten goldgelb war.  Heidi hatte mit gespannter
Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihm etwas Neues in den Sinn
gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von
da hin und her.  Jetzt kam der Grossvater mit einem Topf und dem
Kaesebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde
Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schoen geordnet,
denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste,
dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde.

"So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst", sagte der
Grossvater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; "aber es
fehlt noch etwas auf dem Tisch."

Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang
schnell wieder an den Schrank.  Da stand aber nur ein einziges
Schuesselchen.  Heidi war nicht lang in Verlegenheit, dort hinten
standen zwei Glaeser; augenblicklich kam das Kind zurueck und stellte
Schuesselchen und Glas auf den Tisch.

"Recht so; du weisst dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?" Auf
dem einzigen Stuhl sass der Grossvater selbst.  Heidi schoss
pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Dreifuss zurueck und
setzte sich drauf.

"Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit
unten", sagte der Grossvater; "aber von meinem Stuhl waerst auch zu
kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt musst aber einmal etwas haben,
so komm!" Damit stand er auf, fuellte das Schuesselchen mit Milch,
stellte es auf den Stuhl und rueckte den ganz nah an den Dreifuss hin,
so dass das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte.  Der Grossvater
legte ein grosses Stueck Brot und ein Stueck von dem goldenen Kaese
darauf und sagte: "Jetzt iss!" Er selbst setzte sich nun auf die
Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl.  Heidi ergriff sein
Schuesselchen und trank und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze
Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen.  Jetzt tat
es einen langen Atemzug--denn im Eifer des Trinkens hatte es lange
den Atem nicht holen koennen--und stellte sein Schuesselchen hin.

"Gefaellt dir die Milch?", fragte der Grossvater.

"Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken", antwortete Heidi.

"So musst du mehr haben", und der Grossvater fuellte das Schuesselchen
noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das
vergnueglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Kaese
darauf gestrichen, denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und
das schmeckte ganz kraeftig zusammen, und zwischendurch trank es
seine Milch und sah sehr vergnueglich aus.  Als nun das Essen zu
Ende war, ging der Grossvater in den Geissenstall hinaus und hatte da
allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu,
wie er erst mit dem Besen saeuberte, dann frische Streu legte, dass
die Tierchen darauf schlafen konnten; wie er dann nach dem
Schoepfchen ging nebenan und hier runde Stoecke zurechtschnitt und an
einem Brett herumhackte und Loecher hineinbohrte und dann die runden
Stoecke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein Stuhl,
wie der vom Grossvater, nur viel hoeher, und Heidi staunte das Werk
an, sprachlos vor Verwunderung.

"Was ist das, Heidi?", fragte der Grossvater.

"Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig",
sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.

"Es weiss, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort", bemerkte
der Grossvater vor sich hin, als er nun um die Huette herumging und
hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tuer etwas
zu befestigen hatte und so mit Hammer und Naegeln und Holzstuecken
von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder
wegschlug, je nach dem Beduerfnis.  Heidi ging Schritt fuer Schritt
hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der groessten
Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr
kurzweilig anzusehen.

So kam der Abend heran.  Es fing staerker an zu rauschen in den
alten Tannen, ein maechtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste
durch die dichten Wipfel.  Das toente dem Heidi so schoen in die
Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz froehlich darueber wurde und
huepfte und sprang unter den Tannen umher, als haette es eine
unerhoerte Freude erlebt.  Der Grossvater stand unter der Schopftuer
und schaute dem Kind zu.  Jetzt ertoente ein schriller Pfiff.  Heidi
hielt an in seinen Spruengen, der Grossvater trat heraus.  Von oben
herunter kam es gesprungen, Geiss um Geiss, wie eine Jagd, und
mittendrin der Peter.  Mit einem Freudenruf schoss Heidi mitten in
das Rudel hinein und begruesste die alten Freunde von heute Morgen
einen um den anderen.  Bei der Huette angekommen, stand alles still,
und aus der Herde heraus kamen zwei schoene, schlanke Geissen, eine
weisse und eine braune, auf den Grossvater zu und leckten seine Haende,
denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend zum Empfang
seiner zwei Tierlein tat.  Der Peter verschwand mit seiner Schar.
Heidi streichelte zaertlich die eine und dann die andere von den
Geissen und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch
zu streicheln, und war ganz Glueck und Freude ueber die Tierchen.
"Sind sie unser, Grossvater?  Sind sie beide unser?  Kommen sie in
den Stall?  Bleiben sie immer bei uns?", so fragte Heidi
hintereinander in seinem Vergnuegen, und der Grossvater konnte kaum
sein stetiges "Ja, ja!" zwischen die eine und die andere Frage
hineinbringen.  Als die Geissen ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte
der Alte: "Geh und hol dein Schuesselchen heraus und das Brot."

Heidi gehorchte und kam gleich wieder.  Nun melkte der Grossvater
gleich von der Weissen das Schuesselchen voll und schnitt ein Stueck
Brot ab und sagte: "Nun iss und dann geh hinauf und schlaf!  Die
Base Dete hat noch ein Buendelchen abgelegt fuer dich, da seien
Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's
brauchst; ich muss nun mit den Geissen hinein, so schlaf wohl!"

"Gut Nacht, Grossvater!  Gut Nacht--wie heissen sie, Grossvater, wie
heissen sie?", rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und
den Geissen nach.

"Die Weisse heisst Schwaenli und die Braune Baerli", gab der Grossvater
zurueck.

"Gut Nacht, Schwaenli, gut Nacht, Baerli!", rief nun Heidi noch mit
Macht, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein.  Nun
setzte sich Heidi noch auf die Bank und ass sein Brot und trank
seine Milch; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz
herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und stieg
zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und
herrlich schlief, als nur einer im schoensten Fuerstenbett schlafen
konnte.  Nicht lange nachher, noch eh es voellig dunkel war, legte
auch der Grossvater sich auf sein Lager, denn am Morgen war er immer
schon mit der Sonne wieder draussen, und die kam sehr frueh ueber die
Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit.  In der Nacht kam der
Wind so gewaltig, dass bei seinen Stoessen die ganze Huette erzitterte
und es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und
aechzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen draussen tobte
es mit solcher Wut, dass hier und da ein Ast niederkrachte.  Mitten
in der Nacht stand der Grossvater auf und sagte halblaut vor sich
hin: "Es wird sich wohl fuerchten." Er stieg die Leiter hinauf und
trat an Heidis Lager heran.  Der Mond draussen stand einmal hell
leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darueber
hin und alles wurde dunkel.  Jetzt kam der Mondschein eben
leuchtend durch die runde Oeffnung herein und fiel gerade auf Heidis
Lager.  Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner
schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden
Aermchen und traeumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen
sah ganz wohlgemut aus.  Der Grossvater schaute so lange auf das
friedlich schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken
trat und es dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurueck.




Auf der Weide

Heidi erwachte am fruehen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es
die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch
hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, dass alles
golden leuchtete ringsherum.  Heidi schaute erstaunt um sich und
wusste durchaus nicht, wo es war.  Aber nun hoerte es draussen des
Grossvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: Woher
es gekommen war und dass es nun auf der Alm beim Grossvater sei,
nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hoerte und
meistens fror, so dass sie immer am Kuechenfenster oder am
Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte verweilen
muessen oder doch ganz in der Naehe, damit die Alte sehen konnte, wo
es war, weil sie es nicht hoeren konnte.  Da war es dem Heidi
manchmal zu eng drinnen, und es waere lieber hinausgelaufen.  So war
es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte und sich
erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte und was es heute
wieder alles sehen koennte, vor allem das Schwaenli und das Baerli.
Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles
wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr
wenig.  Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Huette
hinaus.  Da stand schon der Geissenpeter mit seiner Schar, und der
Grossvater brachte eben Schwaenli und Baerli aus dem Stall herbei,
dass sie sich der Gesellschaft anschlossen.  Heidi lief ihm
entgegen, um ihm und den Geissen guten Tag zu sagen.

"Willst mit auf die Weide?", fragte der Grossvater.  Das war dem
Heidi eben recht, es huepfte hoch auf vor Freude.

"Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus,
wenn sie so schoen glaenzt da droben und sieht, dass du schwarz bist;
sieh, dort ist's fuer dich gerichtet." Der Grossvater zeigte auf
einen grossen Zuber voll Wasser, der vor der Tuer in der Sonne stand.
Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis es ganz glaenzend war.
Unterdessen ging der Grossvater in die Huette hinein und rief dem
Peter zu: "Komm hierher, Geissengeneral, und bring deinen Habersack
mit." Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Saecklein
hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug.

"Mach auf", befahl der Alte und steckte nun ein grosses Stueck Brot
und ein ebenso grosses Stueck Kaese hinein.  Der Peter machte vor
Erstaunen seine runden Augen so weit auf als nur moeglich, denn die
beiden Stuecke waren wohl doppelt so gross wie die zwei, die er als
eignes Mittagsmahl drinnen hatte.

"So, nun kommt noch das Schuesselchen hinein", fuhr der Oehi fort,
"denn das Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Geiss weg,
es kennt das nicht.  Du melkst ihm zwei Schuesselchen voll zu Mittag,
denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder
herunterkommst; gib Acht, dass es nicht ueber die Felsen
hinunterfaellt, hoerst du?"--

Nun kam Heidi hereingelaufen.  "Kann mich die Sonne jetzt nicht
auslachen, Grossvater?", fragte es angelegentlich.  Es hatte sich
mit dem groben Tuch, das der Grossvater neben dem Wasserzuber
aufgehaengt hatte, Gesicht, Hals und Arme in seinem Schrecken vor
der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem
Grossvater stand.  Er lachte ein wenig.

"Nein, nun hat sie nichts zu lachen", bestaetigte er.  "Aber weisst
was?  Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in
den Zuber, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Geissen, da
bekommt man schwarze Fuesse.  Jetzt koennt ihr ausziehen."

Nun ging es lustig die Alm hinan.  Der Wind hatte in der Nacht das
letzte Woelkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von
allen Seiten hernieder, und mittendrauf stand die leuchtende Sonne
und schimmerte auf die gruene Alp, und alle die blauen und gelben
Bluemchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr froehlich
entgegen.  Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude,
denn da waren ganze Trueppchen feiner, roter Himmelsschluesselchen
beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schoenen
Enzianen, und ueberall lachten und nickten die zartblaetterigen,
goldenen Cystusroeschen in der Sonne.  Vor Entzuecken ueber all die
flimmernden winkenden Bluemchen vergass Heidi sogar die Geissen und
auch den Peter.  Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die
Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf
alle Seiten.  Und ueberall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen
und packte sie in sein Schuerzchen ein, denn es wollte sie alle mit
heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, dass es dort
werde wie hier draussen.  --So hatte der Peter heut nach allen
Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders
schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut
bewaeltigen konnte, denn die Geissen machten es wie das Heidi: Sie
liefen auch dahin und dorthin, und er musste ueberallhin pfeifen und
rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen
zusammenzutreiben.

"Wo bist du schon wieder, Heidi?", rief er jetzt mit ziemlich
grimmiger Stimme.

"Da", toente es von irgendwoher zurueck.  Sehen konnte Peter niemand,
denn Heidi sass am Boden hinter einem Huegelchen, das dicht mit
duftenden Pruenellen besaet war; da war die ganze Luft umher so mit
Wohlgeruch erfuellt, dass Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet
hatte.  Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in
vollen Zuegen ein.

"Komm nach!", rief der Peter wieder.  "Du musst nicht ueber die
Felsen hinunterfallen, der Oehi hat's verboten."

"Wo sind die Felsen?", fragte Heidi zurueck, bewegte sich aber nicht
von der Stelle, denn der suesse Duft stroemte mit jedem Windhauch dem
Kinde lieblicher entgegen.

"Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt!  Und
oben am hoechsten sitzt der alte Raubvogel und kraechzt."

Das half.  Augenblicklich sprang Heidi in die Hoehe und rannte mit
seiner Schuerze voller Blumen dem Peter zu.

"Jetzt hast genug", sagte dieser, als sie wieder zusammen
weiterkletterten; "sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle
nimmst, hat's morgen keine mehr." Der letzte Grund leuchtete Heidi
ein, und dann hatte es die Schuerze schon so angefuellt, dass da
wenig Platz mehr gewesen waere, und morgen mussten auch noch da sein.
So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geissen gingen nun
alle geregelter, denn sie rochen die guten Kraeuter von dem hohen
Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin.
Der Weideplatz, wo Peter gewoehnlich Halt machte mit seinen Geissen
und sein Quartier fuer den Tag aufschlug, lag am Fusse der hohen
Felsen, die, erst noch von Gebuesch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz
kahl und schroff zum Himmel hinaufragen.  An der einen Seite der
Alp ziehen sich Felsenkluefte weit hinunter und der Grossvater hatte
Recht, davor zu warnen.  Als nun dieser Punkt der Hoehe erreicht war,
nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfaeltig in eine kleine
Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam manchmal in starken
Stoessen dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine
kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er
sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste
sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdessen sein Schuerzchen losgemacht und schoen fest
zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die
Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den
ausgestreckten Peter hin und schaute um sich.  Das Tal lag weit
unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein grosses, weites
Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf,
und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder
Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die
Blaeue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi
nieder.  Das Kind sass maeuschenstill da und schaute ringsum, und
weit umher war eine grosse, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise
ging der Wind ueber die zarten, blauen Glockenbluemchen und die
goldnen, strahlenden Cystusroeschen, die ueberall herumstanden auf
ihren duennen Staengelchen und leise und froehlich hin und her nickten.
Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geissen
kletterten oben an den Bueschen umher.  Dem Heidi war es so schoen
zumute, wie in seinem Leben noch nie.  Es trank das goldene
Sonnenlicht, die frischen Luefte, den zarten Blumenduft in sich ein
und begehrte gar nichts mehr, als so dazubleiben immerzu.  So
verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den
hohen Bergstoecken drueben aufgeschaut, dass es nun war, als haetten
sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm
hernieder, so wie gute Freunde.

Jetzt hoerte Heidi ueber sich ein lautes, scharfes Geschrei und
Kraechzen ertoenen, und wie es aufschaute, kreiste ueber ihm ein so
grosser Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit
ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in grossen Bogen
kehrte er immer wieder zurueck und kraechzte laut und durchdringend
ueber Heidis Kopf.

"Peter!  Peter!  Erwache!", rief Heidi laut.  "Sich, der Raubvogel
ist da, sieh!  Sieh!"

Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach,
der sich nun hoeher und hoeher hinaufschwang ins Himmelsblau und
endlich ueber grauen Felsen verschwand.

"Wo ist er jetzt hin?", fragte Heidi, das mit gespannter
Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.

"Heim ins Nest", war Peters Antwort.

"Ist er dort oben daheim?  Oh, wie schoen so hoch oben!  Warum
schreit er so?", fragte Heidi weiter.

"Weil er muss", erklaerte Peter.

"Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist",
schlug Heidi vor.

"Oh!  oh!  oh!", brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstaerkter
Missbilligung hervorstossend; "wenn keine Geiss mehr dorthin kann und
der Oehi gesagt hat, du duerfest nicht ueber die Felsen hinunterfallen."

Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und
Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte;
aber die Geissen mussten die Toene verstehen, denn eine nach der
anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der
gruenen Halde versammelt, die einen fortnagend an den wuerzigen
Halmen, die anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig
gegeneinander stossend mit ihren Hoernern zum Zeitvertreib.  Heidi
war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geissen umher, denn
das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnueglicher Anblick, wie
die Tierlein durcheinander sprangen und sich lustig machten, und
Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz
persoenliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere
Erscheinung fuer sich und hatte seine eigenen Manieren.  Unterdessen
hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stuecke, die drin
waren, schoen auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die grossen
Stuecke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn
er wusste genau, wie er sie erhalten hatte.  Dann nahm er das
Schuesselchen und melkte schoene, frische Milch hinein vom Schwaenli
und stellte das Schuesselchen mitten ins Viereck.  Dann rief er
Heidi herbei, musste aber laenger rufen als nach den Geissen, denn
das Kind war so in Eifer und Freude ueber die mannigfaltigen Spruenge
und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah
und nichts hoerte ausser diesen.  Aber Peter wusste sich verstaendlich
zu machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdroehnte, und
nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus,
dass es um sie herumhuepfte vor Wohlgefallen.

"Hoer auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen", sagte Peter, "jetzt
sitz und fang an."

Heidi setzte sich hin.  "Ist die Milch mein?", fragte es, nochmals
das schoene Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen
betrachtend.

"Ja", erwiderte Peter, "und die zwei grossen Stuecke zum Essen sind
auch dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein
Schuesselchen vom Schwaenli und dann komm ich."

"Und von wem bekommst du die Milch?", wollte Heidi wissen.

"Von meiner Geiss, von der Schnecke.  Fang einmal zu essen an",
mahnte Peter wieder.  Heidi fing bei seiner Milch an, und sowie es
sein leeres Schuesselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein
zweites herbei.  Dazu brach Heidi ein Stueck von seinem Brot ab, und
das ganze uebrige Stueck, das immer noch groesser war, als Peters
eigenes Stueck gewesen, das nun schon samt Zubehoer fast zu Ende war,
reichte es diesem hinueber mit dem ganzen grossen Brocken Kaese und
sagte: "Das kannst du haben, ich habe nun genug."

Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch
nie in seinem Leben haette er so sagen und etwas weggeben koennen.
Er zoegerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass
es dem Heidi ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stuecke
hin, und da Peter nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie.  Nun
sah er, dass es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk,
nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches
Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Geissbub.  Heidi
schaute derweilen nach den Geissen aus.  "Wie heissen sie alle,
Peter?", fragte es.

Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in
seinem Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte.
Er fing also an und nannte ohne Anstoss eine nach der anderen,
immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend.  Heidi hoerte
mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es waehrte
gar nicht lange, so konnte es sie alle voneinander unterscheiden
und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede ihre
Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten; man
musste nur allen genau zusehen, und das tat Heidi.  Da war der
grosse Tuerk mit den starken Hoernern, der wollte mit diesen immer
gegen alle anderen stossen, und die meisten liefen davon, wenn er
kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen.  Nur der
kecke Distelfink, das schlanke, behaende Geisschen, wich ihm nicht
aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal
hintereinander so rasch und tuechtig gegen ihn an, dass der grosse
Tuerk oefters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der
Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe
Hoernchen.  Da war das kleine, weisse Schneehoeppli, das immer so
eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu
ihm hingelaufen war und es troestend beim Kopf genommen hatte.  Auch
jetzt sprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme
hatte eben wieder flehentlich gerufen.  Heidi legte seinen Arm um
den Hals des Geissleins und fragte ganz teilnehmend: "Was hast du,
Schneehoeppli?  Warum rufst du so um Hilfe?" Das Geisslein schmiegte
sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still.
Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn
er hatte immer noch zu beissen und zu schlucken: "Es tut so, weil
die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld
vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm."

"Wer ist die Alte?", fragte Heidi zurueck.

"Pah, seine Mutter", war die Antwort.

"Wo ist die Grossmutter?", rief Heidi wieder.

"Hat keine."

"Und der Grossvater?"

"Hat keinen."

"Du armes Schneehoeppli du", sagte Heidi und drueckte das Tierlein
zaertlich an sich.  "Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du,
ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so
verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen."

Das Schneehoeppli rieb ganz vergnuegt seinen Kopf an Heidis Schulter
und meckerte nicht mehr klaeglich.  Unterdessen hatte Peter sein
Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu
Heidi heran, das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt
hatte.

Weitaus die zwei schoensten und saubersten Geissen der ganzen Schar
waren Schwaenli und Baerli, die sich auch mit einer gewissen
Vornehmheit betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und
besonders dem zudringlichen Tuerk abweisend und veraechtlich
begegneten.--

Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Bueschen
hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die
einen leichtfertig ueber alles weg huepfend, die anderen bedaechtlich
die guten Kraeutlein suchend unterwegs, der Tuerk hier und da seine
Angriffe probierend.  Schwaenli und Baerli kletterten huebsch und
leicht hinan und fanden oben sogleich die schoensten Buesche,
stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab.
Heidi stand mit den Haenden auf dem Ruecken und schaute dem allen mit
der groessten Aufmerksamkeit zu.

"Peter", bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden,
"die schoensten von allen sind das Schwaenli und das Baerli."

"Weiss schon", war die Antwort.  "Der Alm-Oehi putzt und waescht sie
und gibt ihnen Salz und hat den schoensten Stall."

Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in grossen Spruengen den
Geissen nach, und das Heidi lief hintendrein; da musste etwas
begegnet sein, es konnte da nicht zurueckbleiben.  Der Peter sprang
durch den Geissenrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen
schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geisslein,
wenn es dorthin ging, leicht hinunterstuerzen und alle Beine brechen
konnte.  Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener
Seite hin gehuepft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang
das Geisslein dem Rande des Abgrundes zu.  Peter wollte es eben
packen, da stuerzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze
ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten.  Der
Distelfink meckerte voller Zorn und Ueberraschung, dass er so am
Bein festgehalten und am Fortsetzen seines froehlichen Streifzuges
gehindert war, und strebte eigensinnig vorwaerts.  Der Peter schrie
nach Heidi, dass es ihm beistehe, denn er konnte nicht aufstehen
und riss dem Distelfink fast das Bein aus.  Heidi war schon da und
erkannte gleich die schlimme Lage der beiden.  Es riss schnell
einige wohlduftende Kraeuter aus dem Boden und hielt sie dem
Distelfink unter die Nase und sagte beguetigend:

"Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernuenftig sein!  Sieh, da
kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar
weh."

Das Geisslein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnueglich
die Kraeuter aus der Hand gefressen.  Derweilen war der Peter auf
seine Fuesse gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst,
an welcher sein Gloeckchen um den Hals gebunden war, und Heidi
erfasste diese von der anderen Seite, und so fuehrten die beiden den
Ausreisser zu der friedlich weidenden Herde zurueck.  Als ihn aber
Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn
zur Strafe tuechtig durchpruegeln, und der Distelfink wich scheu
zurueck, denn er merkte, was begegnen sollte.  Aber Heidi schrie
laut auf: "Nein, Peter, nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh,
wie er sich fuerchtet!"

"Er verdient's", schnurrte Peter und wollte zuschlagen.  Aber Heidi
fiel ihm in den Arm und rief ganz entruestet: "Du darfst ihm nichts
tun, es tut ihm weh, lass ihn los!"

Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze
Augen ihn so anfunkelten, dass er unwillkuerlich seine Rute
niederhielt.  "So kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von
deinem Kaese gibst", sagte dann der Peter nachgebend, denn eine
Entschaedigung wollte er haben fuer den Schrecken.

"Allen kannst du haben, das ganze Stueck morgen und alle Tage, ich
brauche ihn gar nicht", sagte Heidi zustimmend, "und Brot gebe ich
dir auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink
nie, gar nie schlagen und auch das Schneehoeppli nie und gar keine
Geiss."

"Es ist mir gleich", bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als
eine Zusage.  Jetzt liess er den Schuldigen los, und der froehliche
Distelfink sprang in hohen Spruengen auf und davon in die Herde
hinein.--

So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im
Begriff, weit drueben hinter den Bergen hinabzugehen.  Heidi sass
wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blaugloeckchen und
die Cystusroeschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und
alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen
an zu schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi auf und
schrie: "Peter!  Peter!  Es brennt!  Es brennt!  Alle Berge brennen
und der grosse Schnee drueben brennt und der Himmel.  O sieh!  Sieh!
Der hohe Felsenberg ist ganz gluehend!  Oh, der schoene, feurige
Schnee!  Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel!
Sieh doch die Felsen!  Sieh die Tannen!  Alles, alles ist im Feuer!"

"Es war immer so", sagte jetzt der Peter gemuetlich und schaelte an
seiner Rute fort, "aber es ist kein Feuer."

"Was ist es denn?", rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, dass
es ueberallhin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so
schoen war's auf allen Seiten.  "Was ist es, Peter, was ist es?",
rief Heidi wieder.

"Es kommt von selbst so", erklaerte Peter.

"O sieh, sieh", rief Heidi in grosser Aufregung, "auf einmal werden
sie rosenrot!  Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen,
spitzigen Felsen!  Wie heissen sie, Peter?"

"Berge heissen nicht", erwiderte dieser.

"O wie schoen, sieh den rosenroten Schnee!  Oh, und an den Felsen
oben sind viele, viele Rosen!  Oh, nun werden sie grau!  Oh!  Oh!
Nun ist alles ausgeloescht!  Nun ist alles aus, Peter!" Und Heidi
setzte sich auf den Boden und sah so verstoert aus, als ginge
wirklich alles zu Ende.

"Es ist morgen wieder so", erklaerte Peter.  "Steh auf, nun muessen
wir heim."

Die Geissen wurden herbeigepfiffen und--gerufen und die Heimfahrt
angetreten.

"Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide
sind?", fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung
horchend, als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg.

"Meistens", gab dieser zur Antwort.

"Aber gewiss morgen wieder?", wollte es noch wissen.

"Ja, ja, morgen schon!", versicherte Peter.

Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindruecke in sich
aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es
nun ganz stillschwieg, bis es bei der Almhuette ankam und den
Grossvater unter den Tannen sitzen sah, wo er auch eine Bank
angebracht hatte und am Abend seine Geissen erwartete, die von
dieser Seite herunterkaemen.  Heidi sprang gleich auf ihn zu und
Schwaenli und Baerli hinter ihm drein, denn die Geissen kannten ihren
Herrn und ihren Stall.  Der Peter rief dem Heidi nach: "Komm dann
morgen wieder!  Gute Nacht!" Denn es war ihm sehr daran gelegen,
dass das Heidi wiederkomme.

Da rannte das Heidi schnell wieder zurueck und gab dem Peter die
Hand und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang
es mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal
das Schneehoeppli um den Hals und sagte vertraulich: "Schlaf wohl,
Schneehoeppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass
du nie mehr so jaemmerlich meckern musst."

Das Schneehoeppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf
und sprang dann froehlich der Herde nach.

Heidi kam unter die Tannen zurueck.

"O Grossvater, das war so schoen!", rief es, noch bevor es bei ihm
war.  "Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben
Blumen, und sieh, was ich hier bringe!" Und damit schuettete Heidi
seinen ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schuerzchen vor den
Grossvater hin.  Aber wie sahen die armen Bluemchen aus!  Heidi
erkannte sie nicht mehr.  Es war alles wie Heu, und kein einziges
Kelchlein stand mehr offen.

"O Grossvater, was haben sie?", rief Heidi ganz erschrocken aus.
"So waren sie nicht, warum sehen sie so aus?"

"Die wollen draussen stehen in der Sonne und nicht ins Schuerzchen
hinein", sagte der Grossvater.

"Dann will ich gar keine mehr mitnehmen.  Aber, Grossvater, warum
hat der Raubvogel so gekraechzt?", fragte Heidi nun angelegentlich.

"Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und
nachher kommen wir hinein zusammen in die Huette und essen zu Nacht,
dann sag ich dir's."

So wurde getan, und wie nun spaeter Heidi auf seinem hohen Stuhl sass
vor seinem Milchschuesselchen und der Grossvater neben ihm, da kam
das Kind gleich wieder mit seiner Frage: "Warum kraechzt der
Raubvogel so und schreit immer so herunter, Grossvater?"

"Der hoehnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele
zusammensitzen in den Doerfern und einander boes machen.  Da hoehnt er
hinunter: 'Wuerdet ihr auseinander gehen und jedes seinen Weg
und auf eine Hoehe steigen wie ich, so waer's euch wohler!'"
Der Grossvater sagte diese Worte fast wild, so dass dem Heidi das
Gekraechz des Raubvogels dadurch noch eindruecklicher wurde in der
Erinnerung.

"Warum haben die Berge keinen Namen, Grossvater?", fragte Heidi
wieder.

"Die haben Namen", erwiderte dieser, "und wenn du mir einen so
beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er
heisst."

Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Tuermen genau
so, wie es ihn gesehen hatte, und der Grossvater sagte wohlgefaellig:
"Recht so, den kenn ich, der heisst Falknis.  Hast du noch einen
gesehen?"

Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem grossen Schneefeld, auf dem der
ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden
war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand.

"Den erkenn ich auch", sagte der Grossvater, "das ist die
Schesaplana; so hat es dir gefallen auf der Weide?"

Nun erzaehlte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schoen es gewesen, und
besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grossvater auch
sagen, woher es gekommen war, denn der Peter haette nichts davon
gewusst.

"Siehst du", erklaerte der Grossvater, "das macht die Sonne, wenn sie
den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre
schoensten Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am
Morgen wiederkommt."

Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder
ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder sehen,
wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte.  Aber erst musste es nun
schlafen gehen, und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf
seinem Heulager, und traeumte von lauter schimmernden Bergen und
roten Rosen darauf und mittendrin das Schneehoeppli in froehlichen
Spruengen.




Bei der Grossmutter

Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter
und die Geissen, und wieder zogen sie alle miteinander nach der
Weide hinauf, und so ging es Tag fuer Tag, und Heidi wurde bei
diesem Weideleben ganz gebraeunt und so kraeftig und gesund, dass ihm
gar nie etwas fehlte, und so froh und gluecklich lebte Heidi von
einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Voegelein leben auf
allen Baeumen im gruenen Wald.  Wie es nun Herbst wurde und der Wind
lauter zu sausen anfing ueber die Berge hin, dann sagte etwa der
Grossvater: "Heut bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist,
kann der Wind mit einem Ruck ueber alle Felsen ins Tal hinabwehen."

Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr ungluecklich
aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor
Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei
ihm war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann
waren die Geissen so stoerrig an diesen Tagen, dass er die doppelte
Muehe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis
Gesellschaft gewoehnt, dass sie nicht vorwaerts wollten, wenn es
nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten.  Heidi wurde niemals
ungluecklich, denn es sah immer irgendetwas Erfreuliches vor sich.
Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geissen auf die Weide zu den
Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu
erleben waren mit all den verschieden gearteten Geissen; aber auch
das Haemmern und Saegen und Zimmern des Grossvaters war sehr
unterhaltend fuer Heidi; und traf es sich, dass er gerade die
schoenen runden Geisskaeschen zubereitete, wenn es daheim bleiben
musste, so war das ein ganz besonderes Vergnuegen, dieser
merkwuerdigen Taetigkeit zuzuschauen, wobei der Grossvater beide Arme
bloss machte und damit in dem grossen Kessel herumruehrte.  Aber vor
allem anziehend war fuer das Heidi an solchen Windtagen das Wogen
und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Huette.  Da musste
es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen weg, was es
auch sein mochte, denn so schoen und wunderbar war gar nichts wie
dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da
stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug
bekommen, zu sehen und zu hoeren, wie das wehte und wogte und
rauschte in den Baeumen mit grosser Macht.  Jetzt gab die Sonne nicht
mehr heiss wie im Sommer, und Heidi suchte seine Struempfe und Schuhe
hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer, und
wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein
duennes Blaettlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte
nicht in der Huette bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm.

Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Haende, wenn er
frueh am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel
ueber Nacht ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm
schneeweiss und kein einziges gruenes Blaettlein mehr zu sehen ringsum
und um.  Da kam der Geissenpeter nicht mehr mit seiner Herde, und
Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn nun
fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort
und fort, bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster
hinaufreichte, und dann noch hoeher, dass man das Fenster gar nicht
mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Haeuschen.
Das kam dem Heidi so lustig vor, dass es immer von einem Fenster
zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte und
ob der Schnee noch die ganze Huette zudecken wollte, dass man muesste
ein Licht anzuenden am hellen Tag.  Es kam aber nicht so weit, und
am anderen Tag ging der Grossvater hinaus--denn nun schneite es
nicht mehr--und schaufelte ums ganze Haus herum und warf grosse,
grosse Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier ein Berg und
dort ein Berg und dort ein Berg um die Huette herum; aber nun waren
die Fenster wieder frei und auch die Tuer, und das war gut, denn als
am Nachmittag Heidi und der Grossvater am Feuer sassen, jedes auf
seinem Dreifuss--denn der Grossvater hatte laengst auch einen fuer das
Kind gezimmert--, da polterte auf einmal etwas heran und schlug
immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tuer auf.  Es
war der Geissenpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tuer
gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen,
die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war
von Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so
durchkaempfen muessen, dass ganze Massen an ihm haengen geblieben und
auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt.  Aber er hatte
nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es
jetzt acht Tage lang nicht gesehen.

"Guten Abend", sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah
als moeglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein
ganzes Gesicht lachte vor Vergnuegen, dass er da war.  Heidi schaute
ihn sehr verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es
ueberall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war
wie ein gelinder Wasserfall.

"Nun, General, wie steht's?", sagte jetzt der Grossvater.  "Nun bist
du ohne Armee und musst am Griffel nagen."

"Warum muss er am Griffel nagen, Grossvater?", fragte Heidi sogleich
mit Wissbegierde.

"Im Winter muss er in die Schule gehen", erklaerte der Grossvater;
"da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da
hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr,
General?"

"Ja, 's ist wahr", bestaetigte Peter.

Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte
sehr viele Fragen ueber die Schule und alles, was da begegnete und
zu hoeren und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer
viel Zeit verfloss ueber einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen
musste, so konnte er derweilen schoen trocknen von oben bis unten.
Es war immer eine grosse Anstrengung fuer ihn, seine Vorstellungen in
die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal
hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort
zustande gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei
unerwartete Fragen zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen
Satz als Antwort erforderten.

Der Grossvater hatte sich ganz still verhalten waehrend dieser
Unterhaltung, aber es hatte ihm oefter ganz lustig um die Mundwinkel
gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhoerte.

"So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Staerkung, komm,
halt mit!" Damit stand der Grossvater auf und holte das Abendessen
aus dem Schrank hervor, und Heidi rueckte die Stuehle zum Tisch.
Unterdessen war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom
Grossvater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da und dort
allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art,
dass es sich ueberall nah zum Grossvater hielt, wo er ging und stand
und sass.  So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der
Peter tat seine runden Augen ganz weit auf, als er sah, welch ein
maechtiges Stueck von dem schoenen getrockneten Fleisch der Alm-Oehi
ihm auf seine dicke Brotschnitte legte.  So gut hatte es der Peter
lange nicht gehabt.  Als nun das vergnuegte Mahl zu Ende war, fing
es an zu dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an.  Als er
nun "Gute Nacht" und "Dank Euch Gott" gesagt hatte und schon unter
der Tuer war, kehrte er sich noch einmal um und sagte: "Am Sonntag
komm ich wieder, heut ueber acht Tag, und du solltest auch einmal
zur Grossmutter kommen, hat sie gesagt."

Das war ein ganz neuer Gedanke fuer Heidi, dass es zu jemandem gehen
sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am
folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklaerte: "Grossvater,
jetzt muss ich gewiss zu der Grossmutter hinunter, sie erwartet mich.
"

"Es hat zu viel Schnee", erwiderte der Grossvater abwehrend.

Aber das Vorhaben sass fest in Heidis Sinn, denn die Grossmutter
hatte es ja sagen lassen; so musste es sein.  So verging kein Tag
mehr, an dem das Kind nicht fuenf- und sechsmal sagte: "Grossvater,
jetzt muss ich gewiss gehen, die Grossmutter wartet ja immer auf
mich."

Am vierten Tag, als es draussen knisterte und knarrte vor Kaelte bei
jedem Schritt und die ganze grosse Schneedecke ringsum hart gefroren
war, aber eine schoene Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis
hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl sass, da begann es wieder sein
Spruechlein: "Heut muss ich aber gewiss zur Grossmutter gehen, es
waehrt ihr sonst zu lange." Da stand der Grossvater auf vom
Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken
Sack herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: "So komm!" In
grosser Freude huepfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt
hinaus.  In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen
Aesten lag der weisse Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte und
funkelte es ueberall von den Baeumen in solcher Pracht, dass Heidi
hoch aufsprang vor Entzuecken und ein Mal uebers andere ausrief:
"Komm heraus, Grossvater, komm heraus!  Es ist lauter Silber und
Gold an den Tannen!" Denn der Grossvater war in den Schopf
hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten Stossschlitten:
Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen Sitz konnte
man die Fuesse nach vorn hinunterhalten und gegen den Schneeboden
stemmen und der Fahrt die Weisung geben.  Hier setzte sich der
Grossvater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte
beschauen muessen, nahm das Kind auf seinen Schoss, wickelte es um
und um in den Sack ein, damit es huebsch warm bleibe, und drueckte es
fest mit dem linken Arm an sich, denn das war noetig bei der
kommenden Fahrt.  Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange
und gab einen Ruck mit beiden Fuessen.  Da schoss der Schlitten davon
die Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi
meinte, es fliege in der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte.
Auf einmal stand der Schlitten still, gerade bei der Huette vom
Geissenpeter.  Der Grossvater stellte das Kind auf den Boden,
wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte:

"So, nun geh hinein, und wenn es anfaengt dunkel zu werden, dann
komm wieder heraus und mach dich auf den Weg." Dann kehrte er um
mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.

Heidi machte die Tuer auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da
sah es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schuesselchen auf
einem Gestell, das war die kleine Kueche; dann kam gleich wieder
eine Tuer, die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube
hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhuette, wie beim Grossvater,
wo ein einziger, grosser Raum war und oben ein Heuboden, sondern es
war ein kleines, uraltes Haeuschen, wo alles eng war und schmal und
duerftig.  Als Heidi in das Stuebchen trat, stand es gleich vor dem
Tisch, daran sass eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses
erkannte Heidi sogleich.  In der Ecke sass ein altes, gekruemmtes
Muetterchen und spann.  Heidi wusste gleich, woran es war; es ging
geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: "Guten Tag, Grossmutter,
jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es waehre lang, bis ich
komme?"

Die Grossmutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befuehlte sie
dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte
sie: "Bist du das Kind droben beim Alm-Oehi, bist du das Heidi?"

"Ja, ja", bestaetigte das Kind, "jetzt gerade bin ich mit dem
Grossvater im Schlitten heruntergefahren."

"Wie ist das moeglich!  Du hast ja eine so warme Hand!  Sag,
Brigitte, ist der Alm-Oehi selber mit dem Kind heruntergekommen?"

Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war
aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben
bis unten; dann sagte sie: "Ich weiss nicht, Mutter, ob der Oehi
selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das
Kind wird's nicht recht wissen."

Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei
es im Ungewissen, und sagte: "Ich weiss ganz gut, wer mich in die
Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das
ist der Grossvater."

"Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den
Sommer durch vom Alm-Oehi, wenn wir dachten, er wisse es nicht
recht", sagte die Grossmutter; "wer haette freilich auch glauben
koennen, dass so etwas moeglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine
drei Wochen da oben.  Wie sieht es auch aus, Brigitte!" Diese hatte
das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun
wohl berichten konnte, wie es aussah.

"Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war", gab sie zur
Antwort; "aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie
es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht
den zweien gleich."

Unterdessen war Heidi muessig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war.  Jetzt sagte es: "Sieh,
Grossmutter, dort schlaegt es einen Laden immer hin und her, und der
Grossvater wuerde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er
wieder fest haelt, sonst schlaegt er auch einmal eine Scheibe ein;
sieh, sieh, wie er tut!"

"Ach, du gutes Kind", sagte die Grossmutter, "sehen kann ich es
nicht, aber hoeren kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur
den Laden; da kracht und klappert es ueberall, wenn der Wind kommt,
und er kann ueberall hereinblasen; es haelt nichts mehr zusammen, und
in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst
und bang, es falle alles ueber uns zusammen und schlage uns alle
drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern koennte
an der Huette, der Peter versteht's nicht."

"Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut,
Grossmutter?  Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort." Und Heidi
zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger.

"Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den
Laden nicht", klagte die Grossmutter.

"Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es
recht hell wird, kannst du dann sehen, Grossmutter?"

"Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen."

"Aber wenn du hinausgehst in den ganz weissen Schnee, dann wird es
dir gewiss hell; komm nur mit mir, Grossmutter, ich will dir's
zeigen." Heidi nahm die Grossmutter bei der Hand und wollte sie
fortziehen, denn es fing an, ihm ganz aengstlich zumute zu werden,
dass es ihr nirgends hell wurde.

"Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir,
auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine
Augen."

"Aber dann doch im Sommer, Grossmutter", sagte Heidi, immer
aengstlicher nach einem guten Ausweg suchend; "weisst, wenn dann
wieder die Sonne ganz heiss herunterbrennt und dann 'gute
Nacht' sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle
gelben Bluemlein glitzern, dann wird es dir wieder schoen hell?"

"Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die
goldenen Bluemlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie
mehr."

Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus.  Voller Jammer schluchzte
es fortwaehrend: "Wer kann dir denn wieder hell machen?  Kann es
niemand?  Kann es gar niemand?"

Die Grossmutter suchte nun das Kind zu troesten, aber es gelang ihr
nicht so bald.  Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing,
dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betruebnis herauskommen.
Die Grossmutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu
beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jaemmerlich
schluchzen musste.  Jetzt sagte sie: "Komm, du gutes Heidi, komm
hier heran, ich will dir etwas sagen.  Siehst du, wenn man nichts
sehen kann, dann hoert man so gern ein freundliches Wort, und ich
hoere es gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und
erzaehl mir etwas, was du machst da droben und was der Grossvater
macht, ich habe ihn frueher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit
manchem Jahr nichts mehr gehoert von ihm als durch den Peter, aber
der sagt nicht viel."

Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine
Traenen weg und sagte troestlich: "Wart nur, Grossmutter, ich will
alles dem Grossvater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht,
dass die Huette nicht zusammenfaellt, er kann alles wieder in
Ordnung machen."

Die Grossmutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit
grosser Lebendigkeit zu erzaehlen von seinem Leben mit dem Grossvater
und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben
mit dem Grossvater, was er alles aus Holz machen koenne, Baenke und
Stuehle und schoene Krippen, wo man fuer das Schwaenli und Baerli das
Heu hineinlegen koennte, und einen neuen grossen Wassertrog zum Baden
im Sommer, und ein neues Milchschuesselchen und Loeffel, und Heidi
wurde immer eifriger im Beschreiben all der schoenen Sachen, die so
auf einmal aus einem Stueck Holz herauskommen, und wie es dann neben
dem Grossvater stehe und ihm zuschaue und wie es das alles auch
einmal machen wolle.  Die Grossmutter hoerte mit grosser
Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen:
"Hoerst du's auch, Brigitte?  Hoerst du, was es vom Oehi sagt?"

Mit einem Mal wurde die Erzaehlung unterbrochen durch ein grosses
Gepolter an der Tuer, und herein stampfte der Peter, blieb aber
sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz
erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die
allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: "Guten
Abend, Peter!"

"Ist denn das moeglich, dass der schon aus der Schule kommt", rief
die Grossmutter ganz verwundert aus.  "So geschwind ist mir seit
manchem Jahr kein Nachmittag vergangen!  Guten Abend, Peterli, wie
geht es mit dem Lesen?"

"Gleich", gab der Peter zur Antwort.

"So, so", sagte die Grossmutter ein wenig seufzend, "ich habe
gedacht, es gaebe vielleicht eine Aenderung auf die Zeit, wenn du
dann zwoelf Jahre alt wirst gegen den Hornung hin."

"Warum muss es eine Aenderung geben, Grossmutter?", fragte Heidi
gleich mit Interesse.

"Ich meine nur, dass er es etwa noch haette lernen koennen", sagte
die Grossmutter, "das Lesen mein ich.  Ich habe dort oben auf dem
Gestell ein altes Gebetbuch, da sind schoene Lieder drin, die habe
ich so lange nicht mehr gehoert, und im Gedaechtnis habe ich sie auch
nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne,
so koenne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht
lernen, es ist ihm zu schwer."

"Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel",
sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt
hatte; "der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's
merkte."

Nun sprang Heidi von seinem Stuehlchen auf, streckte eilig seine
Hand aus und sagte: "Gut Nacht, Grossmutter, ich muss auf der Stelle
heim, wenn es dunkel wird", und hintereinander bot es dem Peter und
seiner Mutter die Hand und ging der Tuer zu.  Aber die Grossmutter
rief besorgt: "Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort,
der Peter muss mit dir, hoerst du?  Und gib Acht auf das Kind,
Peterli, dass es nicht umfaellt, und steh nicht still mit ihm, dass
es nicht friert, hoerst du?  Hat es auch ein dickes Halstuch an?"

"Ich habe gar kein Halstuch an", rief Heidi zurueck, "aber ich will
schon nicht frieren"; damit war es zur Tuer hinaus und huschte so
behend weiter, dass der Peter kaum nachkam.  Aber die Grossmutter
rief jammernd: "Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja
erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!"
Die Brigitte gehorchte.  Die Kinder hatten aber kaum ein paar
Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den
Grossvater kommen, und mit wenigen ruestigen Schritten stand er vor
ihnen.

"Recht so, Heidi, Wort gehalten!", sagte er, packte das Kind wieder
fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg
hinauf.  Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das
Kind wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rueckweg
angetreten hatte.  Sie trat mit dem Peter wieder in die Huette ein
und erzaehlte der Grossmutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte.
Auch diese musste sich sehr verwundern und ein Mal ueber das
andere sagen: "Gott Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott
Lob und Dank!  Wenn er es nur auch wieder zu mir laesst, das Kind
hat mir so wohl gemacht!  Was hat es fuer ein gutes Herz und wie
kann es so kurzweilig erzaehlen!" Und immer wieder freute sich die
Grossmutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder:
"Wenn es nur auch wiederkommt!  Jetzt habe ich doch noch etwas auf
der Welt, auf das ich mich freuen kann!" Und die Brigitte stimmte
jedes Mal ein, wenn die Grossmutter wieder dasselbe sagte, und auch
der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen
Mund weit auseinander vor Vergnueglichkeit und sagte: "Hab's schon
gewusst."

Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den
Grossvater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen
Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er:
"Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's."

Sobald er nun, oben angekommen, in seine Huette eingetreten war und
Heidi aus seiner Huelle herausgeschaelt hatte, sagte es: "Grossvater,
morgen muessen wir den Hammer und die grossen Naegel mitnehmen und den
Laden festschlagen bei der Grossmutter und sonst noch viele Naegel
einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr."

"Muessen wir?  So, das muessen wir?  Wer hat dir das gesagt?", fragte
der Grossvater.

"Das hat mir kein Mensch gesagt, ich weiss es sonst", entgegnete
Heidi, "denn es haelt alles nicht mehr fest und es ist der
Grossmutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so
tut, und sie denkt: 'Jetzt faellt alles ein und gerade auf
unsere Koepfe'; und der Grossmutter kann man gar nicht mehr
hell machen, sie weiss gar nicht, wie man es koennte, aber du kannst
es schon, Grossvater; denk nur, wie traurig es ist, wenn sie immer
im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann
ihr kein Mensch helfen als du!  Morgen wollen wir gehen und ihr
helfen; gelt, Grossvater, wir wollen?"

Heidi hatte sich an den Grossvater angeklammert und schaute mit
zweifellosem Vertrauen zu ihm auf.  Der Alte schaute eine kleine
Welle auf das Kind nieder, dann sagte er: "Ja, Heidi, wir wollen
machen, dass es nicht mehr so klappert bei der Grossmutter, das
koennen wir; morgen tun wir's."

Nun huepfte das Kind vor Freude im ganzen Huettenraum herum und rief
ein Mal ums andere: "Morgen tun wir's!  Morgen tun wir's!"

Der Grossvater hielt Wort.  Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgefuehrt.  Wie am vorhergehenden Tag stellte der
Alte das Kind vor der Tuer der Geissenpeter-Huette nieder und sagte:
"Nun geh hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder." Dann legte er
den Sack auf den Schlitten und ging um das Haeuschen herum.

Kaum hatte Heidi die Tuer aufgemacht und war in die Stube
hineingesprungen, so rief schon die Grossmutter aus der Ecke: "Da
kommt das Kind!  Das ist das Kind!", und liess vor Freude den Faden
los und das Raedchen stehen und streckte beide Haende nach dem Kinde
aus.  Heidi lief zu ihr, rueckte gleich das niedere Stuehlchen ganz
nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Grossmutter
schon wieder eine grosse Menge von Dingen zu erzaehlen und von ihr zu
erfragen.  Aber auf einmal ertoenten so gewaltige Schlaege an das
Haus, dass die Grossmutter vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie
fast das Spinnrad umwarf, und zitternd ausrief: "Ach du mein Gott,
jetzt kommt's, es faellt alles zusammen!" Aber Heidi hielt sie fest
um den Arm und sagte troestend: "Nein, nein, Grossmutter, erschrick
du nur nicht, das ist der Grossvater mit dem Hammer, jetzt macht er
alles fest, dass es dir nicht mehr angst und bang wird."

"Ach, ist auch das moeglich!  Ist auch so etwas moeglich!  So hat uns
doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!", rief die Grossmutter aus.
"Hast du's gehoert, Brigitte, was es ist, hoerst du's?  Wahrhaftig,
es ist ein Hammer!  Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-Oehi
ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick
hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann."

Die Brigitte ging hinaus.  Eben schlug der Alm-Oehi mit grosser
Gewalt neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und
sagte: "Ich wuensche Euch guten Abend, Oehi, und die Mutter auch, und
wir haben Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut,
und die Mutter moechte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher,
es haette uns das nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran
denken, denn sicher--"

"Macht's kurz", unterbrach sie der Alte hier; "was Ihr vom Alm-Oehi
haltet, weiss ich schon.  Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find
ich selber."

Brigitte gehorchte sogleich, denn der Oehi hatte eine Art, der man
sich nicht leicht widersetzte.  Er klopfte und haemmerte um das
ganze Haeuschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis
unter das Dach, haemmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten
Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte.  Unterdessen war
auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er
heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geissenstall
hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tuer trat und vom
Grossvater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der
Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf sitzend, waere die
ganze Umhuellung vom Heidi abgefallen, und es waere fast oder ganz
erfroren.  Das wusste der Grossvater wohl und hielt das Kind ganz
warm in seinem Arm.

So ging der Winter dahin.  In das freudlose Leben der blinden
Grossmutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre
Tage waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn
nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen
konnte.  Vom fruehen Morgen an lauschte sie auch schon auf den
trippelnden Schritt, und ging dann die Tuer auf und das Kind kam
wirklich dahergesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter Freude:
"Gottlob!  Da kommt's wieder!" Und Heidi setzte sich zu ihr und
plauderte und erzaehlte so lustig von allem, was es wusste, dass es
der Grossmutter ganz wohl machte und ihr die Stunden dahingingen,
sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie
frueher: "Brigitte, ist der Tag noch nicht um?", sondern jedes Mal,
wenn Heidi die Tuer hinter sich schloss, sagte sie: "Wie war doch
der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?" Und diese
sagte: "Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller vom
Essen weggestellt." Und die Grossmutter sagte wieder: "Wenn mir nur
der Herrgott das Kind erhaelt und dem Alm-Oehi den guten Willen!
Sieht es auch gesund aus, Brigitte?" Und jedes Mal erwiderte diese:
"Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel."

Heidi hatte auch eine grosse Anhaenglichkeit an die alte Grossmutter,
und wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch
der Grossvater nicht mehr hell machen konnte, ueberkam es immer
wieder eine grosse Betruebnis; aber die Grossmutter sagte ihm immer
wieder, dass sie am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und
Heidi kam auch an jedem schoenen Wintertag heruntergefahren auf
seinem Schlitten.  Der Grossvater hatte, ohne weitere Worte, so
fortgefahren, hatte jedes Mal den Hammer und allerlei andere Sachen
mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geissenpeter-
Haeuschen herumgeklopft.  Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es
krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Naechte durch, und die
Grossmutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr
schlafen koennen, das wolle sie auch dem Oehi nie vergessen.




Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat

Schnell war der Winter und noch schneller der froehliche Sommer
darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem
Ende zu.  Heidi war gluecklich und froh wie die Voeglein des Himmels
und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Fruehlingstage,
da der warme Foehn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen
wuerde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Bluemlein
hervorlocken und die Tage der Weide kommen wuerden, die fuer Heidi
das Schoenste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte.
Heidi stand nun in seinem achten Jahre; es hatte vom Grossvater
allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit den Geissen wusste es so gut
umzugehen als nur einer, und Schwaenli und Baerli liefen ihm nach wie
treue Huendlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur
seine Stimme hoerten.  In diesem Winter hatte Peter schon zweimal
vom Schullehrer im Doerfli den Bericht gebracht, der Alm-Oehi solle
das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken, es habe
schon mehr als das Alter und haette schon im letzten Winter kommen
sollen.  Der Oehi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen,
wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er
nicht in die Schule.  Diesen Bericht hatte der Peter richtig
ueberbracht.

Als die Maerzsonne den Schnee an den Abhaengen geschmolzen hatte und
ueberall die weissen Schneegloeckchen hervorguckten im Tal und auf der
Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschuettelt hatten und die Aeste
wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her
von der Haustuer zum Geissenstall und von da unter die Tannen und
dann wieder hinein zum Grossvater, um ihm zu berichten, wie viel
groesser das Stueck gruener Boden unter den Baeumen wieder geworden sei,
und gleich nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht
erwarten, dass alles wieder gruen wurde und der ganze schoene Sommer
mit Gruen und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.

Als Heidi so am sonnigen Maerzmorgen hin und her rannte und jetzt
wohl zum zehnten Mal ueber die Tuerschwelle sprang, waere es vor
Schrecken fast rueckwaerts wieder hineingefallen, denn auf einmal
stand es vor einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft
anblickte.  Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich:
"Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb.  Gib
mir die Hand!  Du wirst das Heidi sein; wo ist der Grossvater?"

"Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Loeffel von Holz", erklaerte
Heidi und machte nun die Tuer wieder auf.

Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Doerfli, der den Oehi vor Jahren
gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war.
Er trat in die Huette ein, ging auf den Alten zu, der sich ueber sein
Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: "Guten Morgen, Nachbar."

Verwundert schaute dieser in die Hoehe, stand dann auf und
entgegnete: "Guten Morgen dem Herrn Pfarrer." Dann stellte er
seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: "Wenn der Herr
Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer."

Der Herr Pfarrer setzte sich.  "Ich habe Euch lange nicht gesehen,
Nachbar", sagte er dann.

"Ich den Herrn Pfarrer auch nicht", war die Antwort.

"Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen", fing der Herr
Pfarrer wieder an; "ich denke, Ihr koennt schon wissen, was meine
Angelegenheit ist, worueber ich mich mit Euch verstaendigen und hoeren
will, was Ihr im Sinne habt."

Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tuer
stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.

"Heidi, geh zu den Geissen", sagte der Grossvater.  "Kannst ein wenig
Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme."

Heidi verschwand sofort.

"Das Kind haette schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter
die Schule besuchen sollen", sagte nun der Herr Pfarrer; "der
Lehrer hat Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf
gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?"

"Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken", war die
Antwort.

Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit
gekreuzten Armen auf seiner Bank sass und gar nicht nachgiebig
aussah.

"Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?", fragte jetzt der Herr
Pfarrer.

"Nichts, es waechst und gedeiht mit den Geissen und den Voegeln; bei
denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Boeses von ihnen."

"Aber das Kind ist keine Geiss und kein Vogel, es ist ein
Menschenkind.  Wenn es nichts Boeses lernt von diesen seinen
Kameraden, so lernt es auch sonst nichts von ihnen; es soll aber
etwas lernen, und die Zeit dazu ist da.  Ich bin gekommen, es Euch
zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und einrichten
koennt den Sommer durch.  Dies war der letzte Winter, den das Kind
so ohne allen Unterricht zugebracht hat; naechsten Winter kommt es
zur Schule, und zwar jeden Tag."

"Ich tu's nicht, Herr Pfarrer", sagte der Alte unentwegt.

"Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu
bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernuenftigen Tun
beharren wollt?", sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig.
"Ihr seid weit in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und
vieles lernen koennen, ich haette Euch mehr Einsicht zugetraut,
Nachbar."

"So", sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch
in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; "und meint denn der
Herr Pfarrer, ich werde wirklich im naechsten Winter am eisigen
Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg
hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder
heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner
fast in Wind und Schnee ersticken muesste, und dann ein Kind wie
dieses?  Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch der
Mutter erinnern, der Adelheid; sie war mondsuechtig und hatte
Zufaelle, soll das Kind auch so etwas holen mit der Anstrengung?  Es
soll mir einer kommen und mich zwingen wollen!  Ich gehe vor alle
Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!"

"Ihr habt ganz Recht, Nachbar", sagte der Herr Pfarrer mit
Freundlichkeit; "es waere nicht moeglich, das Kind von hier aus zur
Schule zu schicken.  Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb;
tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange haettet tun sollen,
kommt wieder ins Doerfli herunter und lebt wieder mit den Menschen.
Was ist das fuer ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen
Gott und Menschen!  Wenn Euch einmal etwas zustossen wuerde hier oben,
wer wuerde Euch beistehen?  Ich kann auch gar nicht begreifen, dass
Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Huette, und wie
das zarte Kind es nur aushalten kann!"

"Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das moechte ich dem
Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich weiss, wo es Holz gibt,
und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer
darf in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner
Huette geht das Feuer nie aus den Winter durch.  Was der Herr
Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht fuer mich; die
Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben
voneinander, so ist's beiden wohl."

"Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich weiss, was Euch fehlt",
sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton.  "Mit der Verachtung der
Menschen dort unten ist es so schlimm nicht.  Glaubt mir, Nachbar:
Sucht Frieden mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung,
wo Ihr sie noetig habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die
Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann."

Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin
und sagte nochmals mit Herzlichkeit: "Ich zaehle darauf, Nachbar, im
naechsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die
alten, guten Nachbarn.  Es wuerde mir grossen Kummer machen, wenn ein
Zwang gegen Euch muesste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand
darauf, dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt,
ausgesoehnt mit Gott und den Menschen."

Der Alm-Oehi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und
bestimmt: "Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er
erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das
Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht."

"So helf Euch Gott!", sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur
Tuer hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-Oehi war verstimmt.  Als Heidi am Nachmittag sagte: "Jetzt
wollen wir zur Grossmutter", erwiderte er kurz: "Heut nicht." Den
ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi
fragte: "Gehen wir heut zur Grossmutter?", war er noch gleich kurz
von Worten wie im Ton und sagte nur: "Wollen sehen." Aber noch
bevor die Schuesselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat
schon wieder ein Besuch zur Tuer herein, es war die Base Dete.  Sie
hatte einen schoenen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein
Kleid, das alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhuette
lag da allerlei, das nicht an ein Kleid gehoerte.  Der Oehi schaute
sie an von oben bis unten und sagte kein Wort.  Aber die Base Dete
hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gespraech zu fuehren, denn sie
fing an zu ruehmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie habe es
fast nicht mehr gekannt und man koenne schon sehen, dass es ihm
nicht schlecht gegangen sei beim Grossvater.  Sie habe aber gewiss
auch immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe
ja schon begreifen koennen, dass ihm das Kleine im Weg sein muesse,
aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hintun
koennen; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen, wo sie
das Kind etwa unterbringen koennte, und deswegen komme sie auch
heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da koenne das Heidi
zu einem solchen Glueck kommen, dass sie es gar nicht habe glauben
wollen.  Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen,
und nun koenne sie sagen, es sei alles so gut wie in Richtigkeit,
das Heidi komme zu einem Glueck wie unter Hunderttausenden nicht
eines.  Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast
im schoensten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges
Toechterlein, das muesse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf
einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer
allein und muesse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem
Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst haette es gern
eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer
Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden koennte, wie die
Dame beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft fuehrte, denn ihre
Herrschaft habe viel Mitgefuehl und moechte dem kranken Toechterlein
eine gute Gespielin goennen.  Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt,
sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das
nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe.  Da habe sie selbst
denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen
und habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem
Charakter, und die Dame habe sogleich zugesagt.  Nun koenne gar kein
Mensch wissen, was dem Heidi alles an Glueck und Wohlfahrt
bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute es gern
moegen und es etwa mit dem eigenen Toechterchen etwas geben sollte--
man koenne ja nie wissen, es sei doch so schwaechlich--, und wenn
eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so koennte
ja das unerhoerteste Glueck--

"Bist du bald fertig?", unterbrach hier der Oehi, der bis dahin kein
Wort dazwischengeredet hatte.

"Pah", gab die Dete zurueck und warf den Kopf auf, "Ihr tut gerade,
wie wenn ich Euch das ordinaerste Zeug gesagt haette, und ist doch
durchs ganze Praettigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im
Himmel dankte, wenn ich ihm die Nachricht braechte, die ich Euch
gebracht habe."

"Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon", sagte der Oehi
trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: "Ja, wenn
Ihr es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich
es meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und
weiss nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in
keine Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt
unten im Doerfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab
es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glueck
erlangen kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein,
dem es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wuenscht.
Aber ich gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe
ich alle fuer mich, es ist kein Einziger unten im Doerfli, der nicht
mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht
kommen lassen, so besinnt Euch wohl, Oehi; es gibt noch Sachen, die
Euch dann koennten aufgewaermt werden, die Ihr nicht gern hoertet,
denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch
manches aufgespuert, an das keiner mehr denkt."

"Schweig!", donnerte der Oehi heraus, und seine Augen flammten wie
Feuer.  "Nimm's und verdirb's!  Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm,
ich will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im
Mund wie dich heut!"

Der Oehi ging mit grossen Schritten zur Tuer hinaus.

"Du hast den Grossvater boes gemacht", sagte Heidi und blitzte mit
seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.

"Er wird schon wieder gut, komm jetzt", draengte die Base; "wo sind
deine Kleider?"

"Ich komme nicht", sagte Heidi.

"Was sagst du?", fuhr die Base auf; dann aenderte sie den Ton ein
wenig und fuhr halb freundlich, halb aergerlich weiter: "Komm, komm,
du verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar
nicht weisst." Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen
hervor und packte sie zusammen: "So, komm jetzt, nimm dort dein
Huetchen, es sieht nicht schoen aus, aber es ist gleich fuer einmal,
setz es auf und mach, dass wir fortkommen."

"Ich komme nicht", wiederholte Heidi.

"Sei doch nicht so dumm und stoerrig wie eine Geiss; denen hast du's
abgesehen.  Begreif doch nur, jetzt ist der Grossvater boes, du
hast's ja gehoert, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor
Augen kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und
jetzt musst du ihn nicht noch boeser machen.  Du weisst gar nicht,
wie schoen es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und
gefaellt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin
ist der Grossvater dann wieder gut."

"Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?", fragte
Heidi.

"Ach was, komm jetzt!  Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim,
wann du willst.  Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und
morgen frueh sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im
Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen."

Die Base Dete hatte das Buendelchen Kleider auf den Arm und Heidi an
die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins
Doerfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier
und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nuetze nichts, dahin zu
gehen, das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren
und grosse Ruten suchen nuetze etwas, denn diese koenne man brauchen.
So kam er eben in der Naehe seiner Huette von der Seite her mit
sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein
ungeheures Buendel langer, dicker Haselruten auf der Achsel.  Er
stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei
ihm ankamen; dann sagte er: "Wo willst du hin?"

"Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base", antwortete
Heidi, "aber ich will zuerst noch zur Grossmutter hinein, sie wartet
auf mich."

"Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spaet", sagte die Base
eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; "du
kannst dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!" Damit
zog die Base das Heidi fest weiter und liess es nicht mehr los, denn
sie fuerchtete, es koenne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen,
es wolle nicht fort, und die Grossmutter koenne ihm helfen wollen.
Der Peter sprang in die Huette hinein und schlug mit seinem ganzen
Buendel Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte
und die Grossmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut
aufjammerte.  Der Peter hatte sich Luft machen muessen.

"Was ist's denn?  Was ist's denn?", rief angstvoll die Grossmutter,
und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen
war bei dem Knall, sagte in angeborener Langmut: "Was hast, Peterli;
warum tust so wuest?"

"Weil sie das Heidi mitgenommen hat", erklaerte Peter.

"Wer?  Wer?  Wohin, Peterli, wohin?", fragte die Grossmutter jetzt
mit neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging,
die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete
gesehen zum Alm-Oehi hinaufgehen.  Ganz zitternd vor Eile machte die
Grossmutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: "Dete, Dete,
nimm uns das Kind nicht weg!  Nimm uns das Heidi nicht!"

Die beiden Laufenden hoerten die Stimme, und die Dete mochte wohl
ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief,
was sie konnte.  Heidi widerstrebte und sagte: "Die Grossmutter hat
gerufen, ich will zu ihr."

Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind,
es solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spaet
kaemen, sondern dass sie morgen weiterreisen koennten, es koennte ja
dann sehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie
mehr fortwolle dort; und wenn es doch heim wolle, so koenne es ja
gleich gehen und dann erst noch der Grossmutter etwas mit
heimbringen, was sie freue.  Das war eine Aussicht fuer Heidi, die
ihm gefiel.  Es fing an zu laufen ohne Widerstreben.

"Was kann ich der Grossmutter heimbringen?", fragte es nach einer
Welle.

"Etwas Gutes", sagte die Base, "so schoene, weiche Weissbroetchen, da
wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze
Brot fast nicht mehr essen."

"Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: 'Es ist mir
zu hart'; das habe ich selbst gesehen", bestaetigte das Heidi.
"So wollen wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir
vielleicht heut noch nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin
mit den Broetchen."

Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Buendel auf
dem Arm fast nicht mehr nachkam.  Aber sie war sehr froh, dass es
so rasch ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Haeusern vom
Doerfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben,
die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten.  So lief
sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer
Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes
willen so pressieren musste.  So rief sie auf alle die Fragen und
Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und Tueren entgegentoenten,
nur immer zurueck: "Ihr seht's ja, ich kann jetzt nicht still stehen,
das Kind pressiert und wir haben noch weit."

"Nimmst's mit?"--"Laeuft's dem Alm-Oehi fort?"--"Es ist nur ein
Wunder, dass es noch am Leben ist!"--"Und dazu noch so rotbackig!"
So toente es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne
Verzug durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi
kein Wort sagte, sondern nur immer vorwaerts strebte in grossem Eifer.
--

Von dem Tage an machte der Alm-Oehi, wenn er herunterkam und durchs
Doerfli ging, ein boeseres Gesicht als je zuvor.  Er gruesste keinen
Menschen und sah mit seinem Kaesereff auf dem Ruecken, mit dem
ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken
Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern
sagten: "Gib Acht!  Geh dem Alm-Oehi aus dem Weg, er koennte dir noch
etwas tun!"

Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Doerfli, er ging nur durch
und weit ins Tal hinab, wo er seinen Kaese verhandelte und seine
Vorraete an Brot und Fleisch einnahm.  Wenn er so vorbeigegangen war
im Doerfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trueppchen
zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-Oehi
gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem
Menschen mehr auch nur einen Gruss abnehme, und alle kamen darin
ueberein, dass es ein grosses Glueck sei, dass das Kind habe
entweichen koennen, und man habe auch wohl gesehen, wie es
fortgedraengt habe, so, als fuerchte es, der Alte sei schon hinter
ihm drein, um es zurueckzuholen.  Nur die blinde Grossmutter hielt
unverrueckt zum Alm-Oehi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr
spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzaehlte sie es
immer wieder, wie gut und sorgfaeltig der Alm-Oehi mit dem Kind
gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie
manchen Nachmittag er an ihrem Haeuschen herumgeflickt, das ohne
seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen waere.  So kamen denn auch
diese Berichte ins Doerfli herunter; aber die meisten, die sie
vernahmen, sagten dann, die Grossmutter sei vielleicht zu alt zum
Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie
werde wohl auch nicht mehr gut hoeren, weil sie nichts mehr sehe.

Der Alm-Oehi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geissenpeters; es
war gut, dass er die Huette so fest zusammengenagelt hatte, denn sie
blieb fuer lange Zeit ganz unberuehrt.  Jetzt begann die blinde
Grossmutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich,
an dem sie nicht klagend sagte: "Ach, mit dem Kind ist alles Gute
und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer!  Wenn
ich nur noch einmal das Heidi hoeren koennte, eh ich sterben muss!"




Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Toechterlein,
Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag
sich aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestossen wurde.
Jetzt sass es im so genannten Studierzimmer, das neben der grossen
Essstube lag und wo vielerlei Geraetschaften herumstanden und--lagen,
die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, dass man hier
gewoehnlich sich aufhielt.  An dem grossen, schoenen Buecherschrank mit
den Glastueren konnte man sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte
und dass es wohl der Raum war, wo dem lahmen Toechterchen der
taegliche Unterricht erteilt wurde.

Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde,
blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die grosse
Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen
schien, denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt
mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: "Ist es denn immer noch
nicht Zeit, Fraeulein Rottenmeier?"

Die Letztere sass sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und
stickte.  Sie hatte eine geheimnisvolle Huelle um sich, einen grossen
Kragen oder Halbmantel, welcher der Persoenlichkeit einen
feierlichen Anstrich verlieh, der noch erhoeht wurde durch eine Art
von hoch gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug.  Fraeulein
Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des
Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, fuehrte die Wirtschaft und
hatte die Oberaufsicht ueber das ganze Dienstpersonal.

Herr Sesemann war meistens auf Reisen, ueberliess daher dem Fraeulein
Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein
Toechterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen
dessen Wunsch geschehen duerfe.

Waehrend oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld
Fraeulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da
die Erwarteten erscheinen konnten, stand unten vor der Haustuer die
Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben
vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Fraeulein Rottenmeier so spaet
noch stoeren duerfe.

"Das ist nicht meine Sache", brummte der Kutscher; "klingeln Sie
den Sebastian herunter, drinnen im Korridor."

Dete tat, wie ihr geheissen war, und der Bediente des Hauses kam die
Treppe herunter mit grossen, runden Knoepfen auf seinem Aufwaerterrock
und fast ebenso grossen runden Augen im Kopfe.

"Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Fraeulein Rottenmeier noch
stoeren duerfe", brachte die Dete wieder an.

"Das ist nicht meine Sache", gab der Bediente zurueck; "klingeln Sie
die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel", und ohne
weitere Auskunft verschwand der Sebastian.

Dete klingelte wieder.  Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer
Tinette mit einem blendend weissen Deckelchen auf der Mitte des
Kopfes und einer spoettischen Miene auf dem Gesicht.

"Was ist?", fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen.  Dete
wiederholte ihr Gesuch.  Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald
wieder und rief von der Treppe herunter: "Sie sind erwartet!"

Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer
Tinette folgend, in das Studierzimmer ein.  Hier blieb Dete hoeflich
an der Tuer stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie
war gar nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem
so fremden Boden.

Fraeulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam
naeher, um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu
betrachten.  Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen.  Heidi
hatte sein einfaches Baumwollroeckchen an und sein altes,
zerdruecktes Strohhuetchen auf dem Kopf.  Das Kind guckte sehr
harmlos darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter
Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame.

"Wie heissest du?", fragte Fraeulein Rottenmeier, nachdem auch sie
einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein
Auge von ihr verwandte.

"Heidi", antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.

"Wie?  Wie?  Das soll doch wohl kein christlicher Name sein?  So
bist du doch nicht getauft worden.  Welchen Namen hast du in der
Taufe erhalten?", fragte Fraeulein Rottenmeier weiter.

"Das weiss ich jetzt nicht mehr", entgegnete Heidi.

"Ist das eine Antwort!", bemerkte die Dame mit Kopfschuetteln.
"Jungfer Dete, ist das Kind einfaeltig oder schnippisch?"

"Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern
reden fuer das Kind, denn es ist sehr unerfahren", sagte die Dete,
nachdem sie dem Heidi heimlich einen kleinen Stoss gegeben hatte fuer
die unpassende Antwort.  "Es ist aber nicht einfaeltig und auch
nicht schnippisch, davon weiss es gar nichts; es meint alles so, wie
es redet.  Aber es ist heut zum ersten Mal in einem Herrenhaus und
kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht
ungelehrig, wenn die Dame wollte guetige Nachsicht haben.  Es ist
Adelheid getauft worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig."

"Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann", bemerkte
Fraeulein Rottenmeier.  "Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch
sagen, dass mir das Kind fuer sein Alter sonderbar vorkommt.  Ich
habe Ihnen mitgeteilt, die Gespielin fuer Fraeulein Klara muesste in
ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und
ueberhaupt ihre Beschaeftigungen zu teilen.  Fraeulein Klara hat das
zwoelfte Jahr zurueckgelegt; wie alt ist das Kind?"

"Mit Erlaubnis der Dame", fing die Dete wieder beredt an, "es war
mir eben selber nicht mehr so ganz gegenwaertig, wie alt es sei; es
ist wirklich ein wenig juenger, viel trifft es nicht an, ich kann's
so ganz genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so
noch etwas dazu sein, nehm ich an."

"Jetzt bin ich acht, der Grossvater hat's gesagt", erklaerte Heidi.
Die Base stiess es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum,
und wurde keineswegs verlegen.

"Was, erst acht Jahre alt?", rief Fraeulein Rottenmeier mit einiger
Entruestung aus.  "Vier Jahre zu wenig!  Was soll das geben!  Und
was hast du denn gelernt?  Was hast du fuer Buecher gehabt bei deinem
Unterricht?"

"Keine", sagte Heidi.

"Wie?  Was?  Wie hast du denn lesen gelernt?", fragte die Dame
weiter.

"Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht", berichtete
Heidi.

"Barmherzigkeit!  Du kannst nicht lesen?  Du kannst wirklich nicht
lesen!", rief Fraeulein Rottenmeier im hoechsten Schrecken aus.  "Ist
es die Moeglichkeit, nicht lesen!  Was hast du denn aber gelernt?"

"Nichts", sagte Heidi der Wahrheit gemaess.

"Jungfer Dete", sagte Fraeulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in
denen sie nach Fassung rang, "es ist alles nicht nach Abrede, wie
konnten Sie mir dieses Wesen zufuehren?" Aber die Dete liess sich
nicht so bald einschuechtern; sie antwortete herzhaft: "Mit
Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie
haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein muesse, so
ganz apart und nicht wie die anderen, und so musste ich das Kleine
nehmen, denn die Groesseren sind bei uns dann nicht mehr so apart,
und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung.
Jetzt muss ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich
will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und
nachsehen, wie es geht mit ihm." Mit einem Knicks war die Dete zur
Tuer hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten.
Fraeulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da, dann lief sie
der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen, dass sie noch
eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind
wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal und, wie
sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen.

Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tuer, wo es von Anfang
an gestanden hatte.  Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus
schweigend allem zugesehen.  Jetzt winkte sie Heidi: "Komm hierher!"

Heidi trat an den Rollstuhl heran.

"Willst du lieber Heidi heissen oder Adelheid?", fragte Klara.

"Ich heisse nur Heidi und sonst nichts", war Heidis Antwort.

"So will ich dich immer so nennen", sagte Klara; "der Name gefaellt
mir fuer dich, ich habe ihn aber nie gehoert, ich habe aber auch nie
ein Kind gesehen, das so aussieht wie du.  Hast du immer nur so
kurzes, krauses Haar gehabt?"

"Ja, ich denk's", gab Heidi zur Antwort.

"Bist du gern nach Frankfurt gekommen?", fragte Klara weiter.

"Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der
Grossmutter weisse Broetchen!", erklaerte Heidi.

"Du bist aber ein kurioses Kind!", fuhr jetzt Klara auf.  "Man hat
dich ja express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir
bleibest und die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird
nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas
ganz Neues in den Stunden vor.  Sonst ist es manchmal so
schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen.
Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat,
und dann fangen die Stunden an und dauern bis um zwei Uhr, das ist
so lange.  Der Herr Kandidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe
ans Gesicht heran, so, als waere er auf einmal ganz kurzsichtig
geworden, aber er gaehnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Fraeulein
Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr grosses Taschentuch
hervor und haelt es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz
ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich weiss recht gut, dass
sie nur ganz schrecklich gaehnt dahinter, und dann sollte ich auch
so stark gaehnen und muss es immer hinunterschlucken, denn wenn ich
nur ein einziges Mal herausgaehne, so holt Fraeulein Rottenmeier
gleich den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und
Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich doch
lieber Gaehnen schlucken.  Aber nun wird's viel kurzweiliger, da
kann ich dann zuhoeren, wie du lesen lernst."

Heidi schuettelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom
Lesenlernen hoerte.

"Doch, doch, Heidi, natuerlich musst du lesen lernen, alle Menschen
muessen, und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals boese,
und er erklaert dir dann schon alles.  Aber siehst du, wenn er etwas
erklaert, dann verstehst du nichts davon; dann musst du nur warten
und gar nichts sagen, sonst erklaert er dir noch viel mehr und du
verstehst es noch weniger.  Aber dann nachher, wenn du etwas
gelernt hast und es weisst, dann verstehst du schon, was er gemeint
hat."

Jetzt kam Fraeulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurueck; sie hatte
Dete nicht mehr zurueckrufen koennen und war sichtlich aufgeregt
davon, denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einlaesslich sagen
koennen, was alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie
nicht wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rueckgaengig zu
machen, war sie umso aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze
Sache angestiftet.  Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer
hinueber, und von da wieder zurueck, und kehrte dann unmittelbar
wieder um und fuhr hier den Sebastian an, der seine runden Augen
eben nachdenklich ueber den gedeckten Tisch gleiten liess, um zu
sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe.

"Denk Er morgen Seine grossen Gedanken fertig und mach Er, dass man
heut noch zu Tische komme."

Mit diesen Worten fuhr Fraeulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und
rief nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die
Jungfer Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte
als sonst gewoehnlich--und sich mit so spoettischem Gesicht
hinstellte, dass selbst Fraeulein Rottenmeier nicht wagte, sie
anzufahren; umso mehr schlug ihr die Aufregung nach innen.

"Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette",
sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; "es liegt alles bereit,
nehmen Sie noch den Staub von den Moebeln weg."

"Es ist der Muehe wert", spoettelte Tinette und ging.

Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltueren zum Studierzimmer mit
ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber
sich in Antworten Luft zu machen durfte er nicht wagen Fraeulein
Rottenmeier gegenueber; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer,
um den Rollstuhl hinueberzustossen.  Waehrend er den Griff hinten am
Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi
vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte.  Auf
einmal fuhr er auf.  "Na, was ist denn da Besonderes dran?",
schnurrte er Heidi an in einer Weise, wie er es wohl nicht getan,
haette er Fraeulein Rottenmeier gesehen, die eben wieder auf der
Schwelle stand und gerade hereintrat, als Heidi entgegnete: "Du
siehst dem Geissenpeter gleich."

Entsetzt schlug die Dame ihre Haende zusammen.  "Ist es die
Moeglichkeit!", stoehnte sie halblaut.  "Nun duzt sie mir den
Bedienten!  Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!"

Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian
hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.

Fraeulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es
sollte den Platz ihr gegenueber einnehmen.  Sonst kam niemand zu
Tische, und es war viel Platz da; die drei sassen auch weit
auseinander, so dass Sebastian mit seiner Schuessel zum Anbieten
guten Raum fand.  Neben Heidis Teller lag ein schoenes, weisses
Broetchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf.  Die
Aehnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte, musste sein ganzes Vertrauen
fuer den Sebastian erweckt haben, denn es sass maeuschenstill und
ruehrte sich nicht, bis er mit der grossen Schuessel zu ihm herantrat
und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte es auf das
Broetchen und fragte: "Kann ich das haben?" Sebastian nickte und
warf dabei einen Seitenblick auf Fraeulein Rottenmeier, denn es
wunderte ihn, was die Frage fuer einen Eindruck auf sie mache.
Augenblicklich ergriff Heidi sein Broetchen und steckte es in die
Tasche.  Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam ihn an;
er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war.  Stumm und
unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte
er nicht, und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient
hatte.  Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte
es: "Soll ich auch von dem essen?" Sebastian nickte wieder.  "So
gib mir", sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller.  Sebastians
Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schuessel in seinen Haenden
fing an gefaehrlich zu zittern.

"Er kann die Schuessel auf den Tisch setzen und nachher
wiederkommen", sagte jetzt Fraeulein Rottenmeier mit strengem
Gesicht.  Sebastian verschwand sogleich.  "Dir, Adelheid, muss ich
ueberall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich", fuhr
Fraeulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort.  "Vor allem will ich
dir zeigen, wie man sich am Tische bedient", und nun machte die
Dame deutlich und eingehend alles vor, was Heidi zu tun hatte.
"Dann", fuhr sie weiter, "muss ich dir hauptsaechlich bemerken, dass
du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast, auch sonst nur
dann, wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an ihn zu
richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders als (Sie)
oder (Er), hoerst du?  Dass ich dich niemals mehr ihn anders nennen
hoere.  Auch Tinette nennst du (Sie), Jungfer Tinette.  Mich nennst
du so, wie du mich von allen nennen hoerst; wie du Klara nennen
sollst, wird sie selbst bestimmen."

"Natuerlich Klara", sagte diese.  Nun folgte aber noch eine Menge
von Verhaltungsmassregeln, ueber Aufstehen und Zubettegehen, ueber
Hereintreten und Hinausgehen, ueber Ordnunghalten, Tuerenschliessen,
und ueber alledem fielen dem Heidi die Augen zu, denn es war heute
vor fuenf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht.  Es
lehnte sich an den Sesselruecken und schlief ein.  Als dann nach
laengerer Zeit Fraeulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer
Unterweisung, sagte sie: "Nun denke daran, Adelheid!  Hast du alles
recht begriffen?"

"Heidi schlaeft schon lange", sagte Klara mit ganz belustigtem
Gesicht, denn das Abendessen war fuer sie seit langer Zeit nie so
kurzweilig verflossen.

"Es ist doch voellig unerhoert, was man mit diesem Kind erlebt!",
rief Fraeulein Rottenmeier in grossem Aerger und klingelte so heftig,
dass Tinette und Sebastian miteinander herbeigestuerzt kamen; aber
trotz allen Laerms erwachte Heidi nicht, und man hatte die groesste
Muehe, es so weit zu erwecken, dass es nach seinem Schlafgemach
gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch
Klaras Schlafstube, dann durch die Stube von Fraeulein Rottenmeier
zu dem Eckzimmer, das nun fuer Heidi eingerichtet war.




Fraeulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug,
konnte es durchaus nicht begreifen, was es erblickte.  Es rieb ganz
gewaltig seine Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe.  Es
sass auf einem hohen, weissen Bett und vor sich sah es einen grossen,
weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen lange, lange weisse
Vorhaenge, und dabei standen zwei Sessel mit grossen Blumen darauf,
und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein
runder Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen
darauf, wie Heidi sie noch gar nie gesehen hatte.  Aber nun kam ihm
auf einmal in den Sinn, dass es in Frankfurt sei, und der ganze
gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die
Unterweisungen der Dame, soweit es sie gehoert hatte.  Heidi sprang
nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig.  Dann ging es
an ein Fenster und dann an das andere; es musste den Himmel sehen
und die Erde draussen, es fuehlte sich wie im Kaefig hinter den grossen
Vorhaengen.  Es konnte diese nicht wegschieben; so kroch es dahinter,
um an ein Fenster zu kommen.  Aber dieses war so hoch, dass Heidi
nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass es durchsehen
konnte.  Aber Heidi fand nicht, was es suchte.  Es lief von einem
Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurueck; aber immer
war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern
und dann wieder Fenster.  Es wurde Heidi ganz bange.  Noch war es
frueh am Morgen, denn Heidi war gewoehnt, frueh aufzustehen auf der
Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tuer und zu sehen,
wie's draussen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben
sei, ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen
offen haben.  Wie das Voegelein, das zum ersten Mal in seinem schoen
glaenzenden Gefaengnis sitzt, hin und her schiesst und bei allen
Staeben probiert, ob es nicht dazwischen durchschluepfen und in die
Freiheit hinausfliegen koenne, so lief Heidi immer von dem einen
Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden
koenne, denn dann musste man doch etwas anderes sehen als Mauern und
Fenster, da musste doch unten der Erdboden, das gruene Gras und der
letzte schmelzende Schnee an den Abhaengen zum Vorschein kommen, und
Heidi sehnte sich, das zu sehen.  Aber die Fenster blieben fest
verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten
suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben, damit es
Kraft haette, sie aufzudruecken; es blieb alles eisenfest aufeinander
sitzen.  Nach langer Zeit, als Heidi einsah, dass alle
Anstrengungen nichts halfen, gab es seinen Plan auf und ueberdachte
nun, wie es waere, wenn es vor das Haus hinausginge und hintenherum,
bis es auf den Grasboden kaeme, denn es erinnerte sich, dass es
gestern Abend vorn am Haus nur ueber Steine gekommen war.  Jetzt
klopfte es an seiner Tuer und unmittelbar darauf steckte Tinette den
Kopf herein und sagte kurz: "Fruehstueck bereit!"

Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf
dem spoettischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung,
ihr nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung
geschrieben, und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und
richtete sich danach.  Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch
empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete so
ganz still ab, was nun kommen wuerde.  Nach einiger Zeit kam etwas
mit ziemlichem Geraeusch, es war Fraeulein Rottenmeier, die schon
wieder in Aufregung geraten war und in Heidis Stube hineinrief:
"Was ist mit dir, Adelheid?  Begreifst du nicht, was ein Fruehstueck
ist?  Komm herueber!"

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach.  Im Esszimmer sass
Klara schon lang an ihrem Platz und begruesste Heidi freundlich,
machte auch ein viel vergnuegteres Gesicht als sonst gewoehnlich,
denn sie sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen
wuerde.  Das Fruehstueck ging nun ohne Stoerung vor sich; Heidi ass ganz
anstaendig sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara
wieder ins Studierzimmer hinuebergerollt und Heidi wurde von
Fraeulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu
bleiben, bis der Herr Kandidat kommen wuerde, um die
Unterrichtsstunden zu beginnen.  Als die beiden Kinder allein waren,
sagte Heidi sogleich: "Wie kann man hinaussehen hier und ganz
hinunter auf den Boden?"

"Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus", antwortete Klara
belustigt.

"Man kann diese Fenster nicht aufmachen", versetzte Heidi traurig.

"Doch, doch", versicherte Klara, "nur du noch nicht, und ich kann
dir auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so
macht er dir schon eines auf."

Das war eine grosse Erleichterung fuer Heidi zu wissen, dass man doch
die Fenster oeffnen und hinausschauen koenne, denn noch war es ganz
unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her.  Klara
fing nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und
Heidi erzaehlte mit Freuden von der Alm und den Geissen und der Weide
und allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fraeulein
Rottenmeier fuehrte ihn nicht, wie gewoehnlich, ins Studierzimmer,
denn sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem
Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in
grosser Aufregung ihre bedraengte Lage schilderte und wie sie in
diese hineingekommen war.

Sie hatte naemlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris
geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe laengst
gewuenscht, es moechte eine Gespielin fuer sie ins Haus aufgenommen
werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den
Unterrichtsstunden ein Sporn, in der uebrigen Zeit eine anregende
Gesellschaft fuer Klara sein wuerde.  Eigentlich war die Sache fuer
Fraeulein Rottenmeier selbst sehr wuenschbar, denn sie wollte gern,
dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara
abnehme, wenn es ihr zu viel war, was oefters geschah.  Herr
Sesemann hatte geantwortet, er erfuelle gern den Wunsch seiner
Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in
allem ganz gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderquaelerei
in seinem Hause--"was freilich eine sehr unnuetze Bemerkung von dem
Herrn war", setzte Fraeulein Rottenmeier hinzu, "denn wer wollte
Kinder quaelen!" Nun aber erzaehlte sie weiter, wie ganz
erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und fuehrte alle
Beispiele von seinem voellig begriffslosen Dasein an, die es bis
jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn
Kandidaten buchstaeblich beim Abc anfangen muesse, sondern dass auch
sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu
beginnen haette.  Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur ein
Rettungsmittel: Wenn der Herr Kandidat erklaeren werde, zwei so
verschiedene Wesen koennten nicht miteinander unterrichtet werden
ohne grossen Schaden des vorgerueckteren Teiles; das waere fuer Herrn
Sesemann ein triftiger Grund, die Sache rueckgaengig zu machen, und
so wuerde er zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin
zurueckgeschickt wuerde, woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung
aber duerfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass
das Kind angekommen sei.  Aber der Herr Kandidat war behutsam und
niemals einseitig im Urteilen.  Er troestete Fraeulein Rottenmeier
mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der
einen Seite so zurueck sei, so moechte sie auf der anderen umso
gefoerderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald ins
Gleichgewicht kommen werde.  Als Fraeulein Rottenmeier sah, dass der
Herr Kandidat sie nicht unterstuetzen, sondern seinen Abc-Unterricht
uebernehmen wollte, machte sie ihm die Tuer zum Studierzimmer auf,
und nachdem er hereingetreten war, schloss sie schnell hinter ihm
zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor dem Abc hatte sie
einen Schrecken.  Sie ging jetzt mit grossen Schritten im Zimmer auf
und nieder, denn sie hatte zu ueberlegen, wie die Dienstboten
Adelheid zu benennen haetten.  Herr Sesemann hatte ja geschrieben,
sie muesste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort
musste sich hauptsaechlich auf das Verhaeltnis zu den Dienstboten
beziehen, dachte Fraeulein Rottenmeier.  Sie konnte aber nicht lange
ungestoert ueberlegen, denn auf einmal ertoente drinnen im
Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstaende
und dann ein Hilferuf nach Sebastian.  Sie stuerzte hinein.  Da lag
auf dem Boden alles uebereinander, die saemtlichen Studien-
Hilfsmittel, Buecher, Hefte, Tintenfass und obendrauf der
Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbaechlein hervorfloss,
die ganze Stube entlang.  Heidi war verschwunden.

"Da haben wir's", rief Fraeulein Rottenmeier haenderingend aus.
"Teppich, Buecher, Arbeitskorb, alles in der Tinte!  Das ist noch
nie geschehen!  Das ist das Unglueckswesen, da ist kein Zweifel!"

Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die
Verwuestung, die allerdings nur (eine) Seite hatte und eine recht
bestuerzende.  Klara dagegen verfolgte mit vergnuegtem Gesicht die
ungewoehnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun
erklaerend: "Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es
muss gewiss nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig,
fortzukommen, und riss den Teppich mit, und so fiel alles
hintereinander auf den Boden.  Es fuhren viele Wagen hintereinander
vorbei, darum ist es so fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie
eine Kutsche gesehen."

"Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat?  Nicht (einen)
Urbegriff hat das Wesen!  Keine Ahnung davon, was eine
Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhoeren und still zu sitzen
hat.  Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin?  Wenn es
fortgelaufen waere!  Was wuerde mir Herr Sesemann--"

Fraeulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter.  Hier,
unter der geoeffneten Haustuer, stand Heidi und guckte ganz verbluefft
die Strasse auf und ab.

"Was ist denn?  Was faellt dir denn ein?  Wie kannst du so
davonlaufen!", fuhr Fraeulein Rottenmeier das Kind an.

"Ich habe die Tannen rauschen gehoert, aber ich weiss nicht, wo sie
stehen, und hoere sie nicht mehr", antwortete Heidi und schaute
enttaeuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war,
das in Heidis Ohren dem Tosen des Foehns in den Tannen aehnlich
geklungen hatte, so dass es in hoechster Freude dem Ton nachgerannt
war.

"Tannen!  Sind wir im Wald?  Was sind das fuer Einfaelle!  Komm
herauf und sieh, was du angerichtet hast!" Damit stieg Fraeulein
Rottenmeier wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun
sehr verwundert vor der grossen Verheerung, denn es hatte nicht
gemerkt, was es alles mitriss vor Freude und Eile, die Tannen zu
hoeren.

"Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder",
sagte Fraeulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; "zum Lernen
sitzt man still auf seinem Sessel und gibt Acht.  Kannst du das
nicht selbst fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl
festbinden.  Kannst du das verstehen?"

"Ja", entgegnete Heidi, "aber ich will schon festsitzen." Denn
jetzt hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer
Unterrichtsstunde still zu sitzen.

Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung
wiederherzustellen.  Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der
weitere Unterricht musste nun aufgegeben werden.  Zum Gaehnen war
heute gar keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi
hatte alsdann seine Beschaeftigung selbst zu waehlen; so hatte
Fraeulein Rottenmeier ihm am Morgen erklaert.  Als nun nach Tisch
Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Fraeulein
Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da
war, da es seine Beschaeftigung selbst waehlen konnte.  Das war dem
Heidi sehr erwuenscht, denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu
unternehmen; es musste aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum
vor das Esszimmer mitten auf den Korridor, damit die Persoenlichkeit,
die es zu beraten gedachte, ihm nicht entgehen koenne.  Richtig,
nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem grossen
Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der
Kueche herauf, um es im Schrank des Esszimmers zu verwahren.  Als er
auf der letzten Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn
hin und sagte mit grosser Deutlichkeit: "Sie oder Er!"

Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur moeglich war, und
sagte ziemlich barsch: "Was soll das heissen, Mamsell?"

"Ich moechte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Boeses
wie heute Morgen", fuegte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es
merkte, dass Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es
komme noch von der Tinte am Boden her.

"So, und warum muss es denn heissen Sie oder Er, das moecht ich
zuerst wissen", gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurueck.

"Ja, so muss ich jetzt immer sagen", versicherte Heidi; "Fraeulein
Rottenmeier hat es befohlen."

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert
ansehen musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber
Sebastian hatte auf einmal begriffen, was Fraeulein Rottenmeier
befohlen hatte, und sagte nun sehr erlustigt: "Schon recht, so
fahre die Mamsell nur zu."

"Ich heisse gar nicht Mamsell", sagte nun Heidi seinerseits ein
wenig geaergert; "ich heisse Heidi."

"Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich
Mamsell sage", erklaerte Sebastian.

"Hat sie?  Ja, dann muss ich schon so heissen", sagte Heidi mit
Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen
musste, wie Fraeulein Rottenmeier befahl.

"Jetzt habe ich schon drei Namen", setzte es mit einem Seufzer
hinzu.

"Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?", fragte Sebastian
jetzt, indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im
Schrank zurechtlegte.

"Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?"

"So, gerade so", und er machte den grossen Fensterfluegel auf.

Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu koennen;
es langte nur bis zum Gesims hinauf.

"Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was
unten ist", sagte Sebastian, indem er einen hohen hoelzernen Schemel
herbeigeholt hatte und hinstellte.  Hoch erfreut stieg Heidi hinauf
und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun.  Aber
mit dem Ausdruck der groessten Enttaeuschung zog es sogleich den Kopf
wieder zurueck.

"Man sieht nur die steinerne Strasse hier, sonst gar nichts", sagte
das Kind bedauerlich; "aber wenn man um das ganze Haus herumgeht,
was sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?"

"Gerade dasselbe", gab dieser zur Antwort.

"Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen
kann ueber das ganze Tal hinab?"

"Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm,
so einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf.  Da
guckt man von oben herunter und sieht weit ueber alles weg."

Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tuer
hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Strasse hinaus.  Aber
die Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte.  Als es aus
dem Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihm vor, es koenne nur
ueber die Strasse gehen, so muesste er gleich vor ihm stehen.  Nun
ging Heidi die ganze Strasse hinunter, aber es kam nicht an den Turm,
konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere
Strasse hinein und weiter und weiter, aber immer noch sah es den
Turm nicht.  Es gingen viele Leute an ihm vorbei, aber die waren
alle so eilig, dass Heidi dachte, sie haetten nicht Zeit, ihm
Bescheid zu geben.  Jetzt sah es an der naechsten Strassenecke einen
Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Ruecken und ein
ganz kurioses Tier auf dem Arme trug.  Heidi lief zu ihm hin und
fragte: "Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?"

"Weiss nicht", war die Antwort.

"Wen kann ich denn fragen, wo er sei?", fragte Heidi weiter.

"Weiss nicht."

"Weisst du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?"

"Freilich weiss ich eine."

"So komm und zeige mir sie."

"Zeig du zuerst, was du mir dafuer gibst." Der Junge hielt seine
Hand hin.  Heidi suchte in seiner Tasche herum.  Jetzt zog es ein
Bildchen hervor, darauf ein schoenes Kraenzchen von roten Rosen
gemalt war; erst sah es noch eine kleine Weile darauf hin, denn es
reute Heidi ein wenig.  Erst heute Morgen hatte Klara es ihm
geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, ueber die gruenen Abhaenge!
"Da", sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, "willst du das?"

Der Junge zog die Hand zurueck und schuettelte den Kopf.

"Was willst du denn?", fragte Heidi und steckte vergnuegt sein
Bildchen wieder ein.

"Geld."

"Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel
willst du?"

"Zwanzig Pfennige."

"So komm jetzt."

Nun wanderten die beiden eine lange Strasse hin, und auf dem Wege
fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem Ruecken trage, und er
erklaerte ihm, es sei eine schoene Orgel unter dem Tuch, die mache
eine prachtvolle Musik, wenn er daran drehe.

Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der
Junge stand still und sagte: "Da."

"Aber wie komm ich da hinein?", fragte Heidi, als es die fest
verschlossenen Tueren sah.

"Weiss nicht", war wieder die Antwort.

"Glaubst du, man koenne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?"

"Weiss nicht."

Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus
allen Kraeften daran.

"Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich weiss
jetzt den Weg nicht mehr zurueck, du musst mir ihn dann zeigen."

"Was gibst du mir dann?"

"Was muss ich dir dann wieder geben?"

"Wieder zwanzig Pfennige."

Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende
Tuer geoeffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst
verwundert, dann ziemlich erzuernt auf die Kinder und fuhr sie an:
"Was untersteht ihr euch, mich da herunterzuklingeln?  Koennt ihr
nicht lesen, was ueber der Klingel steht: 'Fuer solche, die den
Turm besteigen wollen'?"

Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort.
Heidi antwortete: "Eben auf den Turm wollt ich."

"Was hast du droben zu tun?", fragte der Tuermer; "hat dich jemand
geschickt?"

"Nein", entgegnete Heidi, "ich moechte nur hinaufgehen, dass ich
hinuntersehen kann."

"Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spass nicht wieder,
oder ihr kommt nicht gut weg zum zweiten Mal!" Damit kehrte sich
der Tuermer um und wollte die Tuer zumachen.

Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockschoss und sagte bittend: "Nur
ein einziges Mal!"

Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf,
dass es ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und
sagte freundlich: "Wenn dir so viel daran gelegen ist, so komm mit
mir!"

Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tuer nieder
und zeigte, dass er nicht mitwollte.

Heidi stieg an der Hand des Tuermers viele, viele Treppen hinauf;
dann wurden diese immer schmaeler, und endlich ging es noch ein ganz
enges Treppchen hinauf, und nun waren sie oben.  Der Tuermer hob
Heidi vom Boden auf und hielt es an das offene Fenster.

"Da, jetzt guck hinunter", sagte er.

Heidi sah auf ein Meer von Daechern, Tuermen und Schornsteinen nieder;
es zog bald seinen Kopf zurueck und sagte niedergeschlagen: "Es ist
gar nicht, wie ich gemeint habe."

"Siehst du wohl?  Was versteht so ein Kleines von Aussicht!  So,
komm nun wieder herunter und laeute nie mehr an einem Turm!"

Der Tuermer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran
die schmalen Stufen hinab.  Wo diese breiter wurden, kam links die
Tuer, die in des Tuermers Stuebchen fuehrte, und nebenan ging der Boden
bis unter das schraege Dach hin.  Dort hinten stand ein grosser Korb
und davor sass eine dicke graue Katze und knurrte, denn in dem Korb
wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Voruebergehenden davor
warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen.  Heidi
stand still und schaute verwundert hinueber, eine so maechtige Katze
hatte es noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze
Herden von Maeusen, so holte sich die Katze ohne Muehe jeden Tag ein
halbes Dutzend Maeusebraten.  Der Tuermer sah Heidis Bewunderung und
sagte: "Komm, sie tut dir nichts, wenn ich dabei bin; du kannst die
Jungen ansehen."

Heidi trat an den Korb heran und brach in ein grosses Entzuecken aus.

"Oh, die netten Tierlein!  Die schoenen Kaetzchen!", rief es ein Mal
ums andere und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht
alle komischen Gebaerden und Spruenge zu sehen, welche die sieben
oder acht jungen Kaetzchen vollfuehrten, die in dem Korb rastlos
uebereinanderhin krabbelten, sprangen, fielen.

"Willst du eins haben?", fragte der Tuermer, der Heidis
Freudenspruengen vergnuegt zuschaute.

"Selbst fuer mich?  Fuer immer?", fragte Heidi gespannt und konnte
das grosse Glueck fast nicht glauben.

"Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle
zusammen haben, wenn du Platz hast", sagte der Mann, dem es gerade
recht war, seine kleinen Katzen loszuwerden, ohne dass er ihnen ein
Leid antun musste.

Heidi war im hoechsten Glueck.  In dem grossen Hause hatten ja die
Kaetzchen so viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut
sein, wenn die niedlichen Tierchen ankamen!

"Aber wie kann ich sie mitnehmen?", fragte nun Heidi und wollte
schnell einige fangen mit seinen Haenden, aber die dicke Katze
sprang ihm auf den Arm und fauchte es so grimmig an, dass es sehr
erschrocken zurueckfuhr.

"Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin", sagte der Tuermer, der
die alte Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn
sie war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem
Turm gelebt.

"Zum Herrn Sesemann in dem grossen Haus, wo an der Haustuer ein
goldener Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul", erklaerte
Heidi.

Es haette nicht einmal so viel gebraucht fuer den Tuermer, der schon
seit langen Jahren auf dem Turm sass und jedes Haus weithin kannte,
und dazu war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.

"Ich weiss schon", bemerkte er; "aber wem muss ich die Dinger
bringen, bei wem muss ich nachfragen, du gehoerst doch nicht Herrn
Sesemann?"

"Nein, aber die Klara, sie hat eine so grosse Freude, wenn die
Kaetzchen kommen!"

Der Tuermer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem
unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.

"Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen koennte!  Eins fuer mich
und eins fuer Klara, kann ich nicht?"

"So wart ein wenig", sagte der Tuermer, trug dann die alte Katze
behutsam in sein Stuebchen hinein und stellte sie an das
Essschuesselchen hin, schloss die Tuer vor ihr zu und kam zurueck: "So,
nun nimm zwei!"

Heidis Augen leuchteten vor Wonne.  Es las ein weisses und dann ein
gelb und weiss gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und
eins in die linke Tasche.  Nun ging's die Treppe hinunter.

Der Junge sass noch auf den Stufen draussen, und als nun der Tuermer
hinter Heidi die Tuer zugeschlossen hatte, sagte das Kind: "Welchen
Weg muessen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus?"

"Weiss nicht", war die Antwort.

Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustuer und
die Fenster und die Treppen, aber der Junge schuettelte zu allem den
Kopf, es war ihm alles unbekannt.

"Siehst du", fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, "aus einem
Fenster sieht man ein grosses, grosses, graues Haus und das Dach geht
so"--Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger grosse Zacken in die
Luft hinaus.

Jetzt sprang der Junge auf, er mochte aehnliche Merkmale haben,
seine Wege zu finden.  Er lief nun in einem Zug drauflos und Heidi
hinter ihm drein, und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der
Haustuer mit dem grossen Messing-Tierkopf.  Heidi zog die Glocke.
Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er
draengend: "Schnell!  Schnell!"

Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tuer zu; den
Jungen, der verbluefft draussen stand, hatte er gar nicht bemerkt.

"Schnell, Mamsellchen", draengte Sebastian weiter, "gleich ins
Esszimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch.  Fraeulein Rottenmeier
sieht aus wie eine geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine
Mamsell an, so fortzulaufen?"

Heidi war ins Zimmer getreten.  Fraeulein Rottenmeier blickte nicht
auf; Klara sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille.
Sebastian rueckte Heidi den Sessel zurecht.  Jetzt, wie es auf
seinem Stuhl sass, begann Fraeulein Rottenmeier mit strengem Gesicht
und einem ganz feierlich-ernsten Ton: "Adelheid, ich werde nachher
mit dir sprechen, jetzt nur so viel: Du hast dich sehr ungezogen,
wirklich strafbar benommen, dass du das Haus verlaesst, ohne zu
fragen, ohne dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst
bis zum spaeten Abend; es ist eine voellig beispiellose Auffuehrung."

"Miau", toente es wie als Antwort zurueck.

Aber jetzt stieg der Zorn der Dame.  "Wie, Adelheid", rief sie in
immer hoeheren Toenen, "du unterstehst dich noch, nach aller
Ungezogenheit einen schlechten Spass zu machen?  Huete dich wohl, sag
ich dir!"

"Ich mache", fing Heidi an--"Miau!  Miau!"

Sebastian warf fast seine Schuessel auf den Tisch und stuerzte hinaus.

"Es ist genug", wollte Fraeulein Rottenmeier rufen; aber vor
Aufregung toente ihre Stimme gar nicht mehr.  "Steh auf und verlass
das Zimmer."

Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch
einmal erklaeren: "Ich mache gewiss"--"Miau!  Miau!  Miau!"

"Aber Heidi", sagte jetzt Klara, "wenn du doch siehst, dass du
Fraeulein Rottenmeier so boese machst, warum machst du immer wieder
'miau'?"

"Ich mache nicht, die Kaetzlein machen", konnte Heidi endlich
ungestoert hervorbringen.

"Wie?  Was?  Katzen?  junge Katzen?", schrie Fraeulein Rottenmeier
auf.  "Sebastian!  Tinette!  Sucht die greulichen Tiere!  Schafft
sie fort!" Damit stuerzte die Dame ins Studierzimmer hinein und
riegelte die Tueren zu, um sicherer zu sein, denn junge Katzen waren
fuer Fraeulein Rottenmeier das Schrecklichste in der Schoepfung.
Sebastian stand draussen vor der Tuer und musste erst fertig lachen,
eh er wieder eintreten konnte.  Er hatte, als er Heidi bediente,
einen kleinen Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und
sah dem Spektakel entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich
nicht mehr halten, kaum noch seine Schuessel auf den Tisch setzen.
Endlich trat er denn wieder gefasst ins Zimmer herein, nachdem die
Hilferufe der geaengsteten Dame schon laengere Zeit verklungen waren.
Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt die
Kaetzchen auf ihrem Schoss, Heidi kniete neben ihr und beide spielten
mit grosser Wonne mit den zwei winzigen, grazioesen Tierchen.

"Sebastian", sagte Klara zu dem Eintretenden, "Sie muessen uns
helfen; Sie muessen ein Nest finden fuer die Kaetzchen, wo Fraeulein
Rottenmeier sie nicht sieht, denn sie fuerchtet sich vor ihnen und
will sie forthaben; aber wir wollen die niedlichen Tierchen
behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein sind.  Wo
kann man sie hintun?"

"Das will ich schon besorgen, Fraeulein Klara", entgegnete Sebastian
bereitwillig; "ich mache ein schoenes Bettchen in einem Korb und
stelle den an einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinter
kommt, verlassen Sie sich auf mich." Sebastian ging gleich an die
Arbeit und kicherte bestaendig vor sich hin, denn er dachte: "Das
wird noch was absetzen!", und der Sebastian sah es nicht ungern,
wenn Fraeulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.

Nach laengerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens
nahte, machte Fraeulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tuer auf
und rief durch das Spaeltchen heraus: "Sind die abscheulichen Tiere
fortgeschafft?"

"Jawohl!  Jawohl!", gab Sebastian zurueck, der sich im Zimmer zu
schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage.  Schnell und
leise fasste er die beiden Kaetzchen auf Klaras Schoss und verschwand
damit.

Die besondere Strafrede, die Fraeulein Rottenmeier Heidi noch zu
halten gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute
fuehlte sie sich zu erschoepft nach all den vorhergegangenen
Gemuetsbewegungen von Aerger, Zorn und Schrecken, die ihr Heidi ganz
unwissentlich nacheinander verursacht hatte.  Sie zog sich
schweigend zurueck, und Klara und Heidi folgten vergnuegt nach, denn
sie wussten ihre Kaetzchen in einem guten Bett.




Im Hause Sesemann geht's unruhig zu

Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustuer
geoeffnet und ihn zum Studierzimmer gefuehrt hatte, zog schon wieder
jemand die Hausglocke an, aber mit solcher Gewalt, dass Sebastian
die Treppe voellig hinunterschoss, denn er dachte: "So schellt nur
der Herr Sesemann selbst, er muss unerwartet nach Hause gekommen
sein." Er riss die Tuer auf--ein zerlumpter Junge mit einer
Drehorgel auf dem Ruecken stand vor ihm.

"Was soll das heissen?", fuhr ihn Sebastian an.  "Ich will dich
lehren, Glocken herunterzureissen!  Was hast du hier zu tun?"

"Ich muss zur Klara", war die Antwort.

"Du ungewaschener Strassenkaefer du; kannst du nicht sagen '
Fraeulein Klara', wie unsereins tut?  Was hast du bei Fraeulein
Klara zu tun?", fragte Sebastian barsch.

"Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig", erklaerte der Junge.

"Du bist, denk ich, nicht recht im Kopf!  Wie weisst du ueberhaupt,
dass ein Fraeulein Klara hier ist?"

"Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann
wieder zurueck den Weg gezeigt, macht vierzig."

"Da siehst du, was fuer Zeug du zusammenflunkerst; Fraeulein Klara
geht niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst,
wo du hingehoerst, bevor ich dir dazu verhelfe!"

Aber der Junge liess sich nicht einschuechtern; er blieb unbeweglich
stehen und sagte trocken: "Ich habe sie doch gesehen auf der Strasse,
ich kann sie beschreiben: Sie hat kurzes, krauses Haar, das ist
schwarz, und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun, und sie
kann nicht reden wie wir."

"Oho", dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, "das ist
die kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt." Dann sagte er,
den Jungen hereinziehend: "'s ist schon recht, komm mir nur nach
und warte vor der Tuer, bis ich wieder herauskomme.  Wenn ich dich
dann einlasse, kannst du gleich etwas spielen; das Fraeulein hoert es
gern."

Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.

"Es ist ein Junge da, der durchaus an Fraeulein Klara selbst etwas
zu bestellen hat", berichtete Sebastian.

Klara war sehr erfreut ueber das aussergewoehnliche Ereignis.

"Er soll nur gleich hereinkommen", sagte sie, "nicht wahr, Herr
Kandidat, wenn er doch mit mir selbst sprechen muss."

Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort
seine Orgel zu drehen an.  Fraeulein Rottenmeier hatte, um dem Abc
auszuweichen, sich im Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht.  Auf
einmal horchte sie auf.--Kamen die Toene von der Strasse her?  Aber
so nahe?  Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertoenen?
Und dennoch--wahrhaftig--sie stuerzte durch das lange Esszimmer
und riss die Tuer auf.  Da--unglaublich--da stand mitten im
Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein
Instrument mit groesster Emsigkeit.  Der Herr Kandidat schien
immerfort etwas sagen zu wollen, aber es wurde nichts vernommen.
Klara und Heidi hoerten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu.

"Aufhoeren!  Sofort aufhoeren!", rief Fraeulein Rottenmeier ins Zimmer
hinein.  Ihre Stimme wurde uebertoent von der Musik.  Jetzt lief sie
auf den Jungen zu--aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den
Fuessen, sie sah auf den Boden: ein grausiges, schwarzes Tier kroch
ihr zwischen den Fuessen durch--eine Schildkroete.  Jetzt tat
Fraeulein Rottenmeier einen Sprung in die Hoehe, wie sie seit vielen
Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskraeften:
"Sebastian!  Sebastian!"

Ploetzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die
Stimme die Musik uebertoent.  Sebastian stand draussen vor der halb
offenen Tuer und kruemmte sich vor Lachen, denn er hatte zugesehen,
wie der Sprung vor sich ging.  Endlich kam er herein.  Fraeulein
Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken.

"Fort mit allem, Mensch und Tier!  Schaffen Sie sie weg, Sebastian,
sofort!", rief sie ihm entgegen.  Sebastian gehorchte bereitwillig,
zog den Jungen hinaus, der schnell seine Schildkroete erfasst hatte,
drueckte ihm draussen etwas in die Hand und sagte: "Vierzig fuer
Fraeulein Klara, und vierzig fuers Spielen, das hast du gut gemacht";
damit schloss er hinter ihm die Haustuer.  Im Studierzimmer war es
wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und
Fraeulein Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer,
um durch ihre Gegenwart aehnliche Graeuel zu verhueten.  Den Vorfall
wollte sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den
Schuldigen so bestrafen, dass er daran denken wuerde.

Schon wieder klopfte es an die Tuer, und herein trat abermals
Sebastian mit der Nachricht, es sei ein grosser Korb gebracht worden,
der sogleich an Fraeulein Klara selbst abzugeben sei.

"An mich?", fragte Klara erstaunt und aeusserst neugierig, was das
sein moechte; "zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht."

Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich
dann eilig wieder.

"Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb
ausgepackt", bemerkte Fraeulein Rottenmeier.

Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie
schaute sehr verlangend nach dem Korb.

"Herr Kandidat", sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren
unterbrechend, "koennte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um
zu wissen, was drin ist, und dann gleich wieder fortfahren?"

"In einer Hinsicht koennte man dafuer, in einer anderen dawider sein",
entgegnete der Herr Kandidat; "(dafuer) spraeche der Grund, dass,
wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet
ist--"; die Rede konnte nicht beendigt werden.  Der Deckel des
Korbes sass nur lose darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein,
zwei drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Kaetzchen
darunter hervor und ins Zimmer hinaus, und mit einer so
unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie ueberall herum, dass es war,
als waere das ganze Zimmer voll solcher Tierchen.  Sie sprangen
ueber die Stiefel des Herrn Kandidaten, bissen an seinen
Beinkleidern, kletterten am Kleid von Fraeulein Rottenmeier empor,
krabbelten um ihre Fuesse herum, sprangen an Klaras Sessel hinauf,
kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre.  Klara
rief immerfort voller Entzuecken: "Oh, die niedlichen Tierchen!  Die
lustigen Spruenge!  Sieh!  Sieh!  Heidi, hier, dort, sieh dieses!"
Heidi schoss ihnen vor Freude in alle Winkel nach.  Der Herr
Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen, bald
den andern Fuss in die Hoehe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu
entziehen.  Fraeulein Rottenmeier sass erst sprachlos vor Entsetzen
in ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskraeften zu schreien:
"Tinette!  Tinette!  Sebastian!  Sebastian!", denn vom Sessel
aufzustehen konnte sie unmoeglich wagen, da konnten ja mit einem Mal
alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen.

Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe
herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen
Geschoepfe in den Korb hinein und trug sie auf den Estrich zu dem
Katzenlager, das er fuer die zwei von gestern bereitet hatte.

Auch am heutigen Tage hatte kein Gaehnen waehrend der
Unterrichtsstunden stattgefunden.  Am spaeten Abend, als Fraeulein
Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlaenglich
erholt hatte, berief sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer
herauf, um hier eine gruendliche Untersuchung ueber die strafwuerdigen
Vorgaenge anzustellen.  Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf
seinem gestrigen Ausflug die saemtlichen Ereignisse vorbereitet und
herbeigefuehrt hatte.  Fraeulein Rottenmeier sass weiss vor Entruestung
da und konnte erst keine Worte fuer ihre Empfindungen finden.  Sie
winkte mit der Hand, dass Sebastian und Tinette sich entfernen
sollten.  Jetzt wandte sie sich an Heidi, das neben Klaras Sessel
stand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte.

"Adelheid", begann sie mit strengem Ton, "ich weiss nur (eine)
Strafe, die dir empfindlich sein koennte, denn du bist eine Barbarin;
aber wir wollen sehen, ob du unten im dunklen Keller bei Molchen
und Ratten nicht zahm wirst, dass du dir keine solchen Dinge mehr
einfallen laesst."

Heidi hoerte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem
schreckhaften Keller war es noch nie gewesen, der anstossende Raum
in der Almhuette, den der Grossvater Keller nannte, wo immer die
fertigen Kaese lagen und die frische Milch stand, war eher ein
anmutiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch
keine gesehen.

Aber Klara erhob einen lauten Jammer: "Nein, nein, Fraeulein
Rottenmeier, man muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja
geschrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm alles
erzaehlen, und er sagt dann schon, was mit Heidi geschehen soll."

Gegen diesen Oberrichter durfte Fraeulein Rottenmeier nichts
einwenden, umso weniger, da er wirklich in Baelde zu erwarten war.
Sie stand auf und sagte etwas grimmig: "Gut, Klara, aber auch ich
werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen." Damit verliess sie das
Zimmer.

Es verflossen nun ein paar ungestoerte Tage, aber Fraeulein
Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, stuendlich trat
ihr die Taeuschung vor Augen, die sie in Heidis Persoenlichkeit
erlebt hatte, und es war ihr, als sei seit seiner Erscheinung im
Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder
hinein.  Klara war sehr vergnuegt; sie langweilte sich nie mehr,
denn in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten
Sachen; die Buchstaben machte es immer alle durcheinander und
konnte sie nie kennen lernen, und wenn der Herr Kandidat mitten im
Erklaeren und Beschreiben ihrer Formen war, um sie ihm anschaulicher
zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hoernchen oder einem
Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: "Es
ist eine Geiss!", oder: "Es ist ein Raubvogel!" Denn die
Beschreibungen weckten in seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur
keine Buchstaben.  In den spaeteren Nachmittagsstunden sass Heidi
wieder bei Klara und erzaehlte ihr immer wieder von der Alm und dem
Leben dort, so viel und so lange, bis das Verlangen darnach in ihm
so brennend wurde, dass es immer zum Schluss versicherte: "Nun muss
ich gewiss wieder heim!  Morgen muss ich gewiss gehen!" Aber Klara
beschwichtigte immer wieder diese Anfaelle und bewies Heidi, dass es
doch sicher dableiben muesse, bis der Papa komme; dann werde man
schon sehen, wie es weitergehe.  Wenn Heidi alsdann immer wieder
nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine froehliche
Aussicht dazu, die es im Stillen hatte, dass mit jedem Tage, den es
noch dablieb, sein Haeuflein Broetchen fuer die Grossmutter wieder um
zwei groesser wuerde, denn mittags und abends lag immer ein schoenes
Weissbroetchen bei seinem Teller; das steckte es gleich ein, denn es
haette das Broetchen nie essen koennen beim Gedanken, dass die
Grossmutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast nicht
mehr essen konnte.  Nach Tisch sass Heidi jeden Tag ein paar Stunden
lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn dass
es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf der
Alm getan, das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr.  Mit
Sebastian drueben im Esszimmer ein Gespraech fuehren durfte es auch
nicht, das hatte Fraeulein Rottenmeier auch verboten, und mit
Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es
ging ihr immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in
hoehnischem Ton mit ihm und spoettelte es fortwaehrend an, und Heidi
verstand ihre Art ganz gut, und dass sie es nur immer ausspottete.
So sass Heidi taeglich da und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie
nun die Alm wieder gruen war und wie die gelben Bluemchen im
Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne,
der Schnee und die Berge und das ganze weite Tal, und Heidi konnte
es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu
sein.  Die Base hatte ja auch gesagt, es koenne wieder heimgehen,
wann es wolle.  So kam es, dass Heidi eines Tages es nicht mehr
aushielt; es packte in aller Eile seine Broetchen in das grosse rote
Halstuch zusammen, setzte sein Strohhuetchen auf und zog aus.  Aber
schon unter der Haustuer traf es auf ein grosses Reisehindernis, auf
Fraeulein Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang
zurueckkehrte.  Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen
Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzueglich auf dem
gefuellten roten Halstuch haften.  Jetzt brach sie los.

"Was ist das fuer ein Aufzug?  Was heisst das ueberhaupt?  Habe ich
dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen?  Nun
probierst du's doch wieder und dazu noch voellig aussehend wie eine
Landstreicherin."

"Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen",
entgegnete Heidi erschrocken.

"Wie?  Was?  Heimgehen?  Heimgehen wolltest du?" Fraeulein
Rottenmeier schlug die Haende zusammen vor Aufregung.  "Fortlaufen!
Wenn das Herr Sesemann wuesste!  Fortlaufen aus seinem Hause!  Mach
nicht, dass er das je erfaehrt!  Und was ist dir denn nicht recht in
seinem Hause?  Wirst du nicht viel besser behandelt, als du
verdienst?  Fehlt es dir an irgendetwas?  Hast du je in deinem
ganzen Leben eine Wohnung oder einen Tisch oder eine Bedienung
gehabt, wie du hier hast?  Sag!"

"Nein", entgegnete Heidi.

"Das weiss ich wohl!", fuhr die Dame eifrig fort.  "Nichts fehlt dir,
gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor
lauter Wohlsein weisst du nicht, was du noch alles anstellen willst!"

Aber jetzt kam dem Heidi alles obenauf, was in ihm war, und brach
hervor: "Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so
muss das Schneehoeppli immer klagen, und die Grossmutter erwartet
mich, und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geissenpeter
keinen Kaese bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne
gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt
obenueber fliegen wuerde, so wuerde er noch viel lauter kraechzen, dass
so viele Menschen beieinander sitzen und einander boes machen und
nicht auf den Felsen gehen, wo es einem wohl ist."

"Barmherzigkeit, das Kind ist uebergeschnappt!", rief Fraeulein
Rottenmeier aus und stuerzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie
sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte.
"Holen Sie auf der Stelle das unglueckliche Wesen herauf!", rief sie
ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestossen.

"Ja, ja, schon recht, danke schoen", gab Sebastian zurueck und rieb
sich den seinen, denn er war noch haerter angefahren.

Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und
zitterte vor innerer Erregung am ganzen Koerper.

"Na, schon wieder was angestellt?", fragte Sebastian lustig; als er
aber Heidi, das sich nicht ruehrte, recht ansah, klopfte er ihm
freundlich auf die Schulter und sagte troestend: "Pah!  Pah!  Das
muss sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig,
das ist die Hauptsache!  Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch
in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschuechtern lassen!  Na?
Immer noch auf demselben Fleck?  Wir muessen hinauf, sie hat's
befohlen."

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar
nicht, wie sonst seine Art war.  Das tat dem Sebastian Leid zu
sehen; er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu
ihm: "Nur nicht abgeben!  Nur nicht traurig werden!  Nur immer
tapfer darauf zu!  Wir haben ja ein ganz vernuenftiges Mamsellchen,
hat noch gar nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja
zwoelfmal im Tag in dem Alter, das kennt man.  Die Kaetzchen sind
auch lustig droben, die springen auf dem ganzen Estrich herum und
tun wie naerrisch.  Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und
schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg ist, ja?"

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem
Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi
nachschaute, wie es nach seinem Zimmer hin schlich.

Am Abendessen heute sagte Fraeulein Rottenmeier kein Wort, aber
fortwaehrend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinueber, so
als erwartete sie, es koennte ploetzlich etwas Unerhoertes unternehmen;
aber Heidi sass maeuschenstill am Tisch und ruehrte sich nicht, es ass
nicht und trank nicht; nur sein Broetchen hatte es schnell in die
Tasche gesteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam,
winkte ihn Fraeulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein,
und hier teilte sie ihm in grosser Aufregung ihre Besorgnis mit, die
Luftveraenderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindruecke
haetten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzaehlte ihm von
Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren
Reden, was sie noch wusste.  Aber der Herr Kandidat besaenftigte und
beruhigte Fraeulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er
die Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits
allerdings eher exzentrisch, aber anderseits doch wieder bei
richtigem Verstand, so dass sich nach und nach bei einer allseitig
erwogenen Behandlung das noetige Gleichgewicht einstellen koenne, was
er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus
nicht ueber das Abc hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben
nicht zu fassen imstande sei.

Fraeulein Rottenmeier fuehlte sich beruhigter und entliess den Herrn
Kandidaten zu seiner Arbeit.  Am spaeteren Nachmittag stieg ihr die
Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf, und
sie beschloss, die Gewandung des Kindes durch verschiedene
Kleidungsstuecke der Klara in den noetigen Stand zu setzen, bevor
Herr Sesemann erscheinen wuerde.  Sie teilte ihre Gedanken darueber
an Klara mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem
Heidi eine Menge Kleider und Tuecher und Huete schenken wollte,
verfuegte sich die Dame in Heidis Zimmer, um seinen Kleiderschrank
zu besehen und zu untersuchen, was da von dem Vorhandenen bleiben
und was entfernt werden solle.  Aber in wenig Minuten kam sie
wieder zurueck mit Gebaerden des Abscheus.  "Was muss ich entdecken,
Adelheid!", rief sie aus.  "Es ist nie dagewesen!  In deinem
Kleiderschrank, einem Schrank fuer Kleider, Adelheid, im Fuss dieses
Schrankes, was finde ich?  Einen Haufen kleiner Brote!  Brot, sage
ich, Klara, im Kleiderschrank!  Und einen solchen Haufen
aufspeichern!"--"Tinette", rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus,
"schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid
und den zerdrueckten Strohhut auf dem Tisch!"

"Nein!  Nein!", schrie Heidi auf; "ich muss den Hut haben, und die
Broetchen sind fuer die Grossmutter", und Heidi wollte der Tinette
nachstuerzen, aber es wurde von Fraeulein Rottenmeier festgehalten.

"Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehoert",
sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurueck.  Aber nun warf sich
Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu
weinen an, immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal
ums andere in seinem Jammer auf: "Nun hat die Grossmutter keine
Broetchen mehr.  Sie waren fuer die Grossmutter, nun sind sie alle
fort und die Grossmutter bekommt keine!", und Heidi weinte auf, als
wollte ihm das Herz zerspringen.  Fraeulein Rottenmeier lief hinaus.
Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer.  "Heidi, Heidi,
weine nur nicht so", sagte sie bittend, "hoer mich nur!  Jammere nur
nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir gerade so viel
Broetchen fuer die Grossmutter, oder noch mehr, wenn du einmal
heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen
waeren ja ganz hart geworden und waren es schon.  Komm, Heidi, weine
nur nicht mehr so!"

Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen;
aber es verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst haette es
gar nicht mehr zu weinen aufhoeren koennen.  Es musste auch noch
mehrere Male seiner Hoffnung gewiss werden und Klara, durch die
letzten Anfaelle von Schluchzen unterbrochen, fragen: "Gibst du mir
so viele, viele, wie ich hatte, fuer die Grossmutter?"

Und Klara versicherte immer wieder: "Gewiss, ganz gewiss, noch mehr,
sei nur wieder froh!"

Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als
es sein Broetchen erblickte, musste es gleich noch einmal
aufschluchzen.  Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn es
verstand, dass es sich am Tisch ruhig verhalten musste.  Sebastian
machte heute jedes Mal die merkwuerdigsten Gebaerden, wenn er in
Heidis Naehe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf,
dann nickte er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er
sagen: "Nur getrost!  Ich hab's schon gemerkt und besorgt."

Als Heidi spaeter in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte,
lag sein zerdruecktes Strohhuetchen unter der Decke versteckt.  Mit
Entzuecken zog es den alten Hut hervor, zerdrueckte ihn vor lauter
Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein
Taschentuechlein eingewickelt, in die allerhinterste Ecke seines
Schrankes.  Das Huetchen hatte der Sebastian unter die Decke
gesteckt; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen,
als diese gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen.
Dann war er Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer
heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Huetchen oben darauf, hatte er
schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: "Das will ich schon
forttun." Darauf hatte er es in aller Freude fuer Heidi gerettet,
was er ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.




Der Hausherr hoert allerlei in seinem Hause, das er noch nicht
gehoert hat

Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann grosse
Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn
eben war der Hausherr von seiner Reise zurueckgekehrt, und aus dem
bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der
anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge
schoener Sachen mit nach Hause.

Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten,
um sie zu begruessen.  Heidi sass bei ihr, denn es war die Zeit des
spaeten Nachmittags, da die beiden immer zusammen waren.  Klara
begruesste ihren Vater mit grosser Zaertlichkeit, denn sie liebte ihn
sehr, und der gute Papa gruesste sein Klaerchen nicht weniger
liebevoll.  Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das
sich leise in eine Ecke zurueckgezogen hatte, und sagte freundlich:
"Und das ist unsre kleine Schweizerin; komm her, gib mir mal eine
Hand!  So ist's recht!  Nun sag mir mal, seid ihr auch gute Freunde
zusammen, Klara und du?  Nicht zanken und boese werden, und dann
weinen und dann versoehnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?"

"Nein, Klara ist immer gut mit mir", entgegnete Heidi.

"Und Heidi hat auch noch gar nie versucht zu zanken, Papa", warf
Klara schnell ein.

"So ist's gut, das hoer ich gern", sagte der Papa, indem er aufstand.
"Nun musst du aber erlauben, Klaerchen, dass ich etwas geniesse;
heute habe ich noch nichts bekommen.  Nachher komm ich wieder zu
dir und du sollst sehen, was ich mitgebracht habe!"

Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Fraeulein Rottenmeier den
Tisch ueberschaute, der fuer sein Mittagsmahl geruestet war.  Nachdem
Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenueber Platz
genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte
sich der Hausherr zu ihr: "Aber Fraeulein Rottenmeier, was muss ich
denken?  Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes
Gesicht aufgesetzt.  Wo fehlt es denn?  Klaerchen ist ganz munter."

"Herr Sesemann", begann die Dame mit gewichtigem Ernst, "Klara ist
mit betroffen, wir sind fuerchterlich getaeuscht worden."

"Wieso?", fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen
Schluck Wein.

"Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine
Gespielin fuer Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja weiss, wie
sehr Sie darauf halten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter
umgebe, hatte ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermaedchen
gerichtet, indem ich hoffte, eines jener Wesen bei uns eintreten zu
sehen, von denen ich schon so oft gelesen, welche, der reinen
Bergluft entsprossen, sozusagen, ohne die Erde zu beruehren, durch
das Leben gehen."

"Ich glaube zwar", bemerkte hier Herr Sesemann, "dass auch die
Schweizerkinder den Erdboden beruehren, wenn sie vorwaerts kommen
wollen; sonst waeren ihnen wohl Fluegel gewachsen statt der Fuesse."

"Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl", fuhr das Fraeulein
fort; "Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen
Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an
uns vorueberziehen."

"Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen,
Fraeulein Rottenmeier?"

"Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster,
als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich
getaeuscht worden."

"Aber worin liegt denn das Schreckliche?  So gar erschrecklich
sieht mir das Kind nicht aus", bemerkte ruhig Herr Sesemann.

"Sie sollten nur (eines) wissen, Herr Sesemann, nur das (eine), mit
was fuer Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer
Abwesenheit bevoelkert hat; davon koennte der Herr Kandidat erzaehlen."

"Mit Tieren?  Wie muss ich das verstehen, Fraeulein Rottenmeier?"

"Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Auffuehrung dieses Wesens
waere nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem (einen) Punkte, dass es
Anfaelle von voelliger Verstandesgestoertheit hat."

Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht fuer wichtig
gehalten; aber Gestoertheit des Verstandes?  Eine solche konnte ja
fuer seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben.  Herr Sesemann
schaute Fraeulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich
erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Stoerung zu
bemerken sei.  In diesem Augenblick wurde die Tuer aufgetan und der
Herr Kandidat angemeldet.

"Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!",
rief ihm Herr Sesemann entgegen.  "Kommen Sie, kommen Sie, setzen
Sie sich zu mir!" Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand
entgegen.  "Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee
mit mir, Fraeulein Rottenmeier!  Setzen Sie sich, setzen Sie sich--
keine Komplimente!  Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was ist
mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen
ist und das Sie unterrichten.  Was hat es fuer eine Bewandtnis mit
den Tieren, die es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem
Verstand?"

Der Herr Kandidat musste erst seine Freude ueber Herrn Sesemanns
glueckliche Rueckkehr aussprechen und ihn willkommen heissen, weswegen
er ja gekommen war; aber Herr Sesemann draengte ihn, dass er ihm
Aufschluss gebe ueber die fraglichen Punkte.  So begann denn der
Herr Kandidat: "Wenn ich mich ueber das Wesen dieses jungen Maedchens
aussprechen soll, Herr Sesemann, so moechte ich vor allem darauf
aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein
Mangel der Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger
vernachlaessigte Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspaeteten
Unterricht verursacht und durch die mehr oder weniger, jedoch
durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil
ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines
laengeren Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse
Dauer ueberschreitet, ja ohne Zweifel seine gute Seite--"

"Mein lieber Herr Kandidat", unterbrach hier Herr Sesemann, "Sie
geben sich wirklich zu viel Muehe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das
Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und
was halten Sie ueberhaupt von diesem Umgang fuer mein Toechterchen?"

"Ich moechte dem jungen Maedchen in keiner Art zu nahe treten",
begann der Herr Kandidat wieder, "denn wenn es auch auf der einen
Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche
mit dem mehr oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das
junge Maedchen bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach
Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die
Entwicklung dieses, ich moechte sagen noch voellig, wenigstens
teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden
Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet--"

"Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht
stoeren, ich werde--ich muss schnell einmal nach meiner Tochter
sehen." Damit lief Herr Sesemann zur Tuer hinaus und kam nicht
wieder.  Drueben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem
Toechterchen hin; Heidi war aufgestanden.  Herr Sesemann wandte sich
nach dem Kinde um: "Hoer mal, Kleine, hol mir doch schnell--wart
einmal--hol mir mal"--(Herr Sesemann wusste nicht recht, was er
bedurfte, Heidi sollte aber ein wenig ausgeschickt werden)--"hol
mir doch mal ein Glas Wasser."

"Frisches?", fragte Heidi.

"Jawohl!  Jawohl!  Recht frisches!", gab Herr Sesemann zurueck.
Heidi verschwand.

"Nun, mein liebes Klaerchen", sagte der Papa, indem er ganz nah an
sein Toechterchen heranrueckte und dessen Hand in die seinige legte,
"sag du mir klar und fasslich: Was fuer Tiere hat diese deine
Gespielin ins Haus gebracht und warum muss Fraeulein Rottenmeier
denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir
das sagen?"

Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von
Heidis sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber fuer Klara alle
einen Sinn hatten.  Sie erzaehlte erst dem Vater die Geschichten von
der Schildkroete und den jungen Katzen und erklaerte ihm dann Heidis
Reden, welche die Dame so erschreckt hatten.  Jetzt lachte Herr
Sesemann herzlich.  "So willst du nicht, dass ich das Kind nach
Haus schicke, Klaerchen, du bist seiner nicht muede?", fragte der
Vater.

"Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!", rief Klara abwehrend aus.
"Seit Heidi da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag, und es ist so
kurzweilig, ganz anders als vorher, da begegnete nie etwas, und
Heidi erzaehlt mir auch so viel."

"Schon gut, schon gut, Klaerchen, da kommt ja auch deine Freundin
schon wieder.  Na, schoenes, frisches Wasser geholt?", fragte Herr
Sesemann, da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte.

"Ja, frisch vom Brunnen", antwortete Heidi.

"Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?", sagte
Klara.

"Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn
am ersten Brunnen waren so viele Leute.  Da ging ich die Strasse
ganz hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging
ich in die andere Strasse hinein und dort nahm ich Wasser, und der
Herr mit den weissen Haaren laesst Herrn Sesemann freundlich gruessen."

"Na, die Expedition ist gut", lachte Herr Sesemann, "und wer ist
denn der Herr?"

"Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte:
'Weil du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu
trinken; wem bringst du dein Glas Wasser?' Und ich sagte:
'Herrn Sesemann.' Da lachte er sehr stark, und dann
sagte er den Gruss und auch noch, Herr Sesemann solle sich's
schmecken lassen."

"So, und wer laesst mir denn wohl den guten Wunsch sagen?  Wie sah
der Herr denn weiter aus?", fragte Herr Sesemann.

"Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein
goldenes Ding haengt daran mit einem grossen roten Stein und auf
seinem Stock ist ein Rosskopf."

"Das ist der Herr Doktor"--"Das ist mein alter Doktor", sagten
Klara und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte
noch ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und
dessen Betrachtungen ueber diese neue Weise, seinen Wasserbedarf
sich zufuehren zu lassen.

Noch an demselben Abend erklaerte Herr Sesemann, als er allein mit
Fraeulein Rottenmeier im Esszimmer sass, um allerlei haeusliche
Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Gespielin seiner Tochter
werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen
Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und
angenehmer als jede andere.  "Ich wuensche daher", setzte Herr
Sesemann sehr bestimmt hinzu, "dass dieses Kind jederzeit durchaus
freundlich behandelt und seine Eigentuemlichkeiten nicht als
Vergehen betrachtet werden.  Sollten Sie uebrigens mit dem Kinde
nicht allein fertig werden, Fraeulein Rottenmeier, so ist ja eine
gute Hilfe fuer Sie in Aussicht, da in naechster Zeit meine Mutter zu
ihrem laengeren Aufenthalt in mein Haus kommt, und meine Mutter wird
mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen
Sie ja wohl, Fraeulein Rottenmeier?"

"Jawohl, das weiss ich, Herr Sesemann", entgegnete die Dame, aber
nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die
angezeigte Hilfe.--

Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause,
schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschaefte wieder nach
Paris, und er troestete sein Toechterchen, das mit der nahen Abreise
nicht einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft
der Grossmama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte,
der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem
alten Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft
auf den folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof
geschickt wuerde, um sie abzuholen.

Klara war voller Freude ueber die Nachricht und erzaehlte noch an
demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Grossmama,
dass Heidi auch anfing, von der 'Grossmama' zu reden,
worauf Fraeulein Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte, was
aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fuehlte sich
unter fortdauernder Missbilligung der Dame.  Als es sich dann
spaeter entfernte, um in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Fraeulein
Rottenmeier es erst in das ihrige herein und erklaerte ihm hier, es
habe niemals den Namen 'Grossmama' anzuwenden, sondern
wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets 'gnaedige
Frau' anzureden.  "Verstehst du das?", fragte die Dame, als
Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm aber einen so
abschliessenden Blick zurueck, dass Heidi sich keine Erklaerung mehr
erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.




Eine Grossmama

Am folgenden Abend waren grosse Erwartungen und lebhafte
Vorbereitungen im Hause Sesemann sichtbar, man konnte deutlich
bemerken, dass die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause
mitzusprechen hatte und dass jedermann grossen Respekt vor ihr
empfand.  Tinette hatte ein ganz neues, weisses Deckelchen auf den
Kopf gesetzt, und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen
und stellte sie an alle passenden Stellen hin, damit die Dame
gleich einen Schemel unter den Fuessen finde, wohin sie sich auch
setzen moege.  Fraeulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge
sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um anzudeuten, dass, wenn
auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die ihrige dennoch nicht
am Erloeschen sei.

Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette
stuerzten die Treppe hinunter; langsam und wuerdevoll folgte Fraeulein
Rottenmeier nach, denn sie wusste, dass auch sie zum Empfang der
Frau Sesemann zu erscheinen hatte.  Heidi war beordert worden, sich
in sein Zimmer zurueckzuziehen und da zu warten, bis es gerufen
wuerde, denn die Grossmutter wuerde zuerst bei Klara eintreten und
diese wohl allein sehen wollen.  Heidi setzte sich in einen Winkel
und repetierte seine Anrede.  Es waehrte gar nicht lange, so steckte
die Tinette den Kopf ein klein wenig unter Heidis Zimmertuer und
sagte kurz angebunden wie immer: "Hinuebergehen ins Studierzimmer!"

Heidi hatte Fraeulein Rottenmeier nicht fragen duerfen, wie es mit
der Anrede sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen,
denn es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehoert und
nachher den Namen; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt.
Wie es die Tuer zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm die Grossmutter
mit freundlicher Stimme entgegen: "Ah, da kommt ja das Kind!  Komm
mal her zu mir und lass dich recht ansehen."

Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr
deutlich: "Guten Tag, Frau Gnaedige."

"Warum nicht gar!", lachte die Grossmama.  "Sagt man so bei euch?
Hast du das daheim auf der Alp gehoert?"

"Nein, bei uns heisst niemand so", erklaerte Heidi ernsthaft.

"So, bei uns auch nicht", lachte die Grossmama wieder und klopfte
Heidi freundlich auf die Wange.  "Das ist nichts!  In der
Kinderstube bin ich die Grossmama; so sollst du mich nennen, das
kannst du wohl behalten, wie?"

"Ja, das kann ich gut", versicherte Heidi, "vorher hab ich schon
immer so gesagt."

"So, so, verstehe schon!", sagte die Grossmama und nickte ganz
lustig mit dem Kopfe.  Dann schaute sie Heidi genau an und nickte
von Zeit zu Zeit wieder mit dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch
ganz ernsthaft in die Augen, denn da kam etwas so Herzliches heraus,
dass es dem Heidi ganz wohl machte, und die ganze Grossmama gefiel
dem Heidi so, dass es sie unverwandt anschauen musste.  Sie hatte
so schoene weisse Haare, und um den Kopf ging eine schoene
Spitzenkrause, und zwei breite Baender flatterten von der Haube weg
und bewegten sich immer irgendwie, so als ob stets ein leichter
Wind um die Grossmama wehe, was das Heidi ganz besonders anmutete.

"Und wie heisst du, Kind?", fragte jetzt die Grossmama.

"Ich heisse nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heissen, so will
ich schon Acht geben--"; Heidi stockte, denn es fuehlte sich ein
wenig schuldig, da es noch immer keine Antwort gab, wenn Fraeulein
Rottenmeier unversehens rief: "Adelheid!", indem es ihm noch immer
nicht recht gegenwaertig war, dass dies sein Name sei, und Fraeulein
Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten.

"Frau Sesemann wird unstreitig billigen", fiel hier die eben
Eingetretene ein, "dass ich einen Namen waehlen musste, den man doch
aussprechen kann, ohne sich selbst genieren zu muessen, schon um der
Dienstboten willen."

"Werteste Rottenmeier", entgegnete Frau Sesemann, "wenn ein Mensch
einmal 'Heidi' heisst und an den Namen gewoehnt ist, so
nenn ich ihn so, und dabei bleibt's!"

Es war Fraeulein Rottenmeier sehr genierlich, dass die alte Dame sie
bestaendig nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber
da war nichts zu machen; die Grossmama hatte einmal ihre eigenen
Wege, und diese ging sie, da half kein Mittel dagegen.  Auch ihre
fuenf Sinne hatte die Grossmama noch ganz scharf und gesund, und sie
bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten hatte.

Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach
Tisch niederlegte, setzte die Grossmama sich neben sie auf einen
Lehnstuhl und schloss ihre Augen fuer einige Minuten; dann stand sie
schon wieder auf--denn sie war gleich wieder munter--und trat ins
Esszimmer hinaus; da war niemand.  "Die schlaeft", sagte sie vor
sich hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und
klopfte kraeftig an die Tuer.  Nach einiger Zeit erschien diese und
fuhr erschrocken ein wenig zurueck bei dem unerwarteten Besuch.

"Wo haelt sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es?  Das
wollte ich wissen", sagte Frau Sesemann.

"In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich nuetzlich beschaeftigen koennte,
wenn es den leisesten Taetigkeitstrieb haette; aber Frau Sesemann
sollte nur wissen, was fuer verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft
ausdenkt und wirklich ausfuehrt, Dinge, die ich in gebildeter
Gesellschaft kaum erzaehlen koennte."

"Das wuerde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen saesse wie
dieses Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie koennten zusehen, wie
Sie mein Zeug in gebildeter Gesellschaft erzaehlen wollten!  Jetzt
holen Sie mir das Kind heraus und bringen Sie mir's in meine Stube,
ich will ihm einige huebsche Buecher geben, die ich mitgebracht habe."

"Das ist ja gerade das Unglueck, das ist es ja eben!", rief Fraeulein
Rottenmeier aus und schlug die Haende zusammen.  "Was sollte das
Kind mit Buechern tun?  In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal
das Abc erlernt; es ist voellig unmoeglich, diesem Wesen auch nur
(einen) Begriff beizubringen, davon kann der Herr Kandidat reden!
Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen
Engels besaesse, er haette diesen Unterricht laengst aufgegeben."

"So, das ist merkwuerdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das
das Abc nicht erlernen kann", sagte Frau Sesemann.  "Jetzt holen
Sie mir's herueber, es kann vorlaeufig die Bilder in den Buechern
ansehen."

Fraeulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau
Sesemann hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu.
Sie musste sich sehr verwundern ueber die Nachricht von Heidis
Beschraenktheit und gedachte, die Sache zu untersuchen, jedoch nicht
mit dem Herrn Kandidaten, den sie zwar um seines guten Charakters
willen sehr schaetzte; sie gruesste ihn auch immer, wenn sie mit ihm
zusammentraf, ueberaus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf
eine andere Seite, um nicht in ein Gespraech mit ihm verwickelt zu
werden, denn seine Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich.

Heidi erschien im Zimmer der Grossmama und machte die Augen weit auf,
als es die praechtigen bunten Bilder in den grossen Buechern sah,
welche die Grossmama mitgebracht hatte.  Auf einmal schrie Heidi
laut auf, als die Grossmama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit
gluehendem Blick schaute es auf die Figuren, dann stuerzten ihm
ploetzlich die hellen Traenen aus den Augen, und es fing gewaltig zu
schluchzen an.  Die Grossmama schaute das Bild an.  Es war eine
schoene, gruene Weide, wo allerlei Tierlein herumweideten und an den
gruenen Gebueschen nagten.  In der Mitte stand der Hirt, auf einen
langen Stab gestuetzt, der schaute den froehlichen Tierchen zu.
Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn hinten am Horizont war
eben die Sonne im Untergehen.

Die Grossmama nahm Heidi bei der Hand.  "Komm, komm, Kind", sagte
sie in freundlichster Weise, "nicht weinen, nicht weinen.  Das hat
dich wohl an etwas erinnert; aber sieh, da ist auch eine schoene
Geschichte dazu, die erzaehl ich heut Abend.  Und da sind noch so
viele schoene Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und
wieder erzaehlen.  Komm, nun muessen wir etwas besprechen zusammen,
trockne schoen deine Traenen, so, und nun stell dich hier vor mich
hin, dass ich dich recht ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir
wieder froehlich."

Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhoeren
konnte.  Die Grossmama liess ihm auch eine gute Weile zur Erholung,
nur sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: "So, nun ist's gut, nun
sind wir wieder froh zusammen."

Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: "Nun musst du mir
was erzaehlen, Kind!  Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den
Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?"

"O nein", antwortete Heidi seufzend; "aber ich wusste schon, dass
man es nicht lernen kann."

"Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?"

"Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer."

"Das waere!  Und woher weisst du denn diese Neuigkeit?"

"Der Peter hat es mir gesagt und er weiss es schon, der muss immer
wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer."

"So, das ist mir ein eigener Peter, der!  Aber sieh, Heidi, man
muss nicht alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man
muss selbst probieren.  Gewiss hast du nicht recht mit all deinen
Gedanken dem Herrn Kandidaten zugehoert und seine Buchstaben
angesehen."

"Es nuetzt nichts", versicherte Heidi mit dem Ton der vollen
Ergebung in das Unabaenderliche.

"Heidi", sagte nun die Grossmama, "jetzt will ich dir etwas sagen:
Du hast noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast;
nun aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher,
dass du in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie eine grosse Menge
von Kindern, die geartet sind wie du und nicht wie der Peter.  Und
nun musst du wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen kannst--
du hast den Hirten gesehen auf der schoenen, gruenen Weide--; sobald
du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze
Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzaehlte,
alles, was er macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm fuer
merkwuerdige Dinge begegnen.  Das moechtest du schon wissen, Heidi,
nicht?"

Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehoert, und mit
leuchtenden Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: "Oh, wenn ich
nur schon lesen koennte!"

"Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's waehren, das kann
ich schon sehen, Heidi, und nun muessen wir mal nach der Klara sehen;
komm, die schoenen Buecher nehmen wir mit." Damit nahm die Grossmama
Heidi bei der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer.

Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Fraeulein
Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte,
wie schlecht und undankbar es sich erweise durch sein
Fortlaufenwollen und wie gut es sei, dass Herr Sesemann nichts
davon wisse, war mit dem Kinde eine Veraenderung vorgegangen.  Es
hatte begriffen, dass es nicht heimgehen koenne, wenn es wolle, wie
ihm die Base gesagt hatte, sondern dass es in Frankfurt zu bleiben
habe, lange, lange, vielleicht fuer immer.  Es hatte auch verstanden,
dass Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm finden wuerde, wenn es
heimgehen wollte, und es dachte sich aus, dass die Grossmama und
Klara auch so denken wuerden.  So durfte es keinem Menschen sagen,
dass es heimgehen moechte, denn dass die Grossmama, die so freundlich
mit ihm war, auch boese wuerde, wie Fraeulein Rottenmeier geworden war,
das wollte Heidi nicht verursachen.  Aber in seinem Herzen wurde
die Last, die darinnen lag, immer schwerer; es konnte nicht mehr
essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.  Am Abend konnte
es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald es allein war
und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig vor die Augen,
die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen; und schlief es
endlich doch ein, so sah es im Traum die roten Felsenspitzen am
Falknis und das feurige Schneefeld an der Schesaplana, und erwachte
dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude hinausspringen aus
der Huette--da war es auf einmal in seinem grossen Bett in Frankfurt,
so weit, weit weg, und konnte nicht mehr heim.  Dann drueckte Heidi
oft seinen Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, dass
niemand es hoere.

Heidis freudloser Zustand entging der Grossmama nicht.  Sie liess
einige Tage voruebergehen und sah zu, ob die Sache sich aendere und
das Kind sein niedergeschlagenes Wesen verlieren wuerde.  Als es
aber gleich blieb und die Grossmama manchmal am fruehen Morgen schon
sehen konnte, dass Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das
Kind wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit
grosser Freundlichkeit: "Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast
du einen Kummer?"

Aber gerade dieser freundlichen Grossmama wollte Heidi nicht sich so
undankbar zeigen, dass sie vielleicht nachher gar nicht mehr so
freundlich waere; so sagte Heidi traurig: "Man kann es nicht sagen."

"Nicht?  Kann man es etwa der Klara sagen?", fragte die Grossmama.

"O nein, keinem Menschen", versicherte Heidi und sah dabei so
ungluecklich aus, dass es die Grossmama erbarmte.

"Komm, Kind", sagte sie, "ich will dir was sagen: Wenn man einen
Kummer hat, den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn
dem lieben Gott im Himmel und bittet ihn, dass er helfe, denn er
kann allem Leid abhelfen, das uns drueckt.  Das verstehst du, nicht
wahr?  Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und
dankst ihm fuer alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem
Boesen behuete?"

"O nein, das tu ich nie", antwortete das Kind.

"Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weisst du nicht, was das ist?"

"Nur mit der ersten Grossmutter habe ich gebetet, aber es ist schon
lang, und jetzt habe ich es vergessen."

"Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt
gar niemanden kennst, der dir helfen kann.  Denk einmal nach, wie
wohl das tun muss, wenn einen im Herzen etwas immerfort drueckt und
quaelt und man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und
ihm alles sagen und ihn bitten, dass er helfe, wo uns sonst gar
niemand helfen kann!  Und er kann ueberall helfen und uns geben, was
uns wieder froh macht."

Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: "Darf man ihm alles,
alles sagen?"

"Alles, Heidi, alles."

Das Kind zog seine Hand aus den Haenden der Grossmama und sagte eilig:
"Kann ich gehen?"

"Gewiss!  Gewiss!", gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und
hinueber in sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel
nieder und faltete seine Haende und sagte dem lieben Gott alles, was
in seinem Herzen war und es so traurig machte, und bat ihn dringend
und herzlich, dass er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum
Grossvater.--

Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem
Tage, als der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine
Aufwartung zu machen, indem er eine Besprechung ueber einen
merkwuerdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten gedachte.  Er wurde
auf ihre Stube berufen, und hier, wie er eintrat, streckte ihm Frau
Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen: "Mein lieber Herr
Kandidat, seien Sie mir willkommen!  Setzen Sie sich her zu mir,
hier"--sie rueckte ihm den Stuhl zurecht.  "So, nun sagen Sie mir,
was bringt Sie zu mir; doch nichts Schlimmes, keine Klagen?"

"Im Gegenteil, gnaedige Frau", begann der Herr Kandidat; "es ist
etwas vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner,
der einen Blick in alles Vorhergegangene haette werfen koennen, denn
nach allen Voraussetzungen musste angenommen werden, dass es eine
voellige Unmoeglichkeit sein muesse, was dennoch jetzt wirklich
geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat,
gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden--"

"Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat?",
setzte hier Frau Sesemann ein.

In sprachlosem Erstaunen schaute der ueberraschte Herr die Dame an.

"Es ist ja wirklich voellig wunderbar", sagte er endlich, "nicht nur,
dass das junge Maedchen nach all meinen gruendlichen Erklaerungen,
und ungewoehnlichen Bemuehungen das Abc nicht erlernt hat, sondern
auch und besonders, dass es jetzt in kuerzester Zeit, nachdem ich
mich entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu lassen
und ohne alle weiter greifenden Erlaeuterungen nur noch sozusagen
die nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Maedchens zu bringen,
sozusagen ueber Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit
einer Korrektheit die Worte liest, wie mir bei Anfaengern noch
selten vorgekommen ist.  Fast ebenso wunderbar ist mir die
Wahrnehmung, dass die gnaedige Frau gerade diese fern liegende
Tatsache als Moeglichkeit vermutete."

"Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben", bestaetigte
Frau Sesemann und laechelte vergnueglich; "es koennen auch einmal zwei
Dinge gluecklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine
neue Lehrmethode, und beide koennen nichts schaden, Herr Kandidat.
Jetzt wollen wir uns freuen, dass das Kind so weit ist, und auf
guten Fortgang hoffen."

Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tuer hinaus und ging
rasch nach dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen
Nachricht zu versichern.  Richtig sass hier Heidi neben Klara und
las dieser eine Geschichte vor, sichtlich selbst mit dem groessten
Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt
eindringend, die ihm aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den
schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben
gewannen und zu herzbewegenden Geschichten wurden.  Noch am selben
Abend, als man sich zu Tische setzte, fand Heidi auf seinem Teller
das grosse Buch liegen mit den schoenen Bildern, und als es fragend
nach der Grossmama blickte, sagte diese freundlich nickend: "Ja, ja,
nun gehoert es dir."

"Fuer immer?  Auch wenn ich heimgehe?", fragte Heidi ganz rot vor
Freude.

"Gewiss, fuer immer!", versicherte die Grossmama; "morgen fangen wir
an zu lesen."

"Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi", warf
Klara hier ein; "wenn nun die Grossmama wieder fortgeht, dann musst
du erst recht bei mir bleiben."

Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in seinem Zimmer sein
schoenes Buch ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes,
ueber seinem Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu
lesen, zu denen die schoenen bunten Bilder gehoerten.  Sagte am Abend
die Grossmama: "Nun liest uns Heidi vor", so war das Kind sehr
beglueckt, denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die
Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schoener und
verstaendlicher vor, und die Grossmama erklaerte dann noch so vieles
und erzaehlte immer noch mehr dazu.  Am liebsten beschaute Heidi
immer wieder seine gruene Weide und den Hirten mitten unter der
Herde, wie er so vergnueglich, auf seinen langen Stab gelehnt,
dastand, denn da war er noch bei der schoenen Herde des Vaters und
ging nur den lustigen Schaefchen und Ziegen nach, weil es ihn freute.
Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus weggelaufen, nun in
der Fremde war und die Schweinchen hueten musste und ganz mager
geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu essen bekam.
Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da
war das Land grau und nebelig.  Aber dann kam noch ein Bild zu der
Geschichte: Da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem
Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen, um
ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und abgemagert in einem
zerrissenen Wams daherkam.  Das war Heidis Lieblingsgeschichte, die
es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie genug der
Erklaerungen bekommen, welche die Grossmama den Kindern dazu machte.
Da waren aber noch so viele schoene Geschichten in dem Buch, und bei
dem Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr
schnell dahin, und schon nahte die Zeit heran, welche die Grossmama
zu ihrer Abreise bestimmt hatte.




Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab

Die Grossmama hatte waehrend der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden
Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Fraeulein Rottenmeier,
wahrscheinlich der Ruhe beduerftig, geheimnisvoll verschwand, sich
einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fuenf
Minuten war sie wieder auf den Fuessen und hatte dann immer Heidi auf
ihre Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei
Weise beschaeftigt und unterhalten.  Die Grossmama hatte huebsche
kleine Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen Kleider und
Schuerzchen macht, und ganz unvermerkt hatte Heidi das Naehen erlernt
und machte den kleinen Frauenzimmern die schoensten Roecke und
Maentelchen, denn die Grossmama hatte immer Zeugstuecke von den
praechtigsten Farben.  Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch immer
wieder der Grossmama seine Geschichten vorlesen; das machte ihm die
groesste Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto lieber
wurden sie ihm, denn Heidi lebte alles ganz mit durch, was die
Leute alle zu erleben hatten, und so hatte es zu ihnen allen ein
sehr nahes Verhaeltnis und freute sich immer wieder, bei ihnen zu
sein.  Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine lustigen
Augen waren nie mehr zu sehen.

Es war die letzte Woche, welche die Grossmama in Frankfurt zubringen
wollte.  Sie hatte eben nach Heidi gerufen, dass es auf ihre Stube
komme; es war die Zeit, da Klara schlief.  Als Heidi eintrat mit
seinem grossen Buch unter dem Arm, winkte ihm die Grossmama, dass es
ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: "Nun
komm, Kind, und sag mir, warum bist du nicht froehlich?  Hast du
immer noch denselben Kummer im Herzen?"

"Ja", nickte Heidi.

"Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?"

"Ja."

"Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh
mache?"

"O nein, ich bete jetzt gar nie mehr."

"Was sagst du mir, Heidi?  Was muss ich hoeren?  Warum betest du
denn nicht mehr?"

"Es nuetzt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehoert, und ich glaube
es auch wohl", fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, "wenn nun am
Abend so viele, viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so
kann der liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er
gewiss gar nicht gehoert."

"So, wie weisst du denn das so sicher, Heidi?"

"Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der
liebe Gott hat es nie getan."

"Ja, so geht's nicht zu, Heidi!  Das musst du nicht meinen!  Siehst
du, der liebe Gott ist fuer uns alle ein guter Vater, der immer weiss,
was gut fuer uns ist, wenn wir es gar nicht wissen.  Wenn wir aber
nun etwas von ihm haben wollen, das nicht gut fuer uns ist, so gibt
er uns das nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren,
so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich weglaufen und
alles Vertrauen zu ihm verlieren.  Siehst du, was du nun von ihm
erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut fuer dich;
der liebe Gott hat dich schon gehoert, er kann alle Menschen auf
einmal anhoeren und uebersehen, siehst du, dafuer ist er der liebe
Gott und nicht ein Mensch wie du und ich.  Und weil er nun wohl
wusste, was fuer dich gut ist, dachte er bei sich: 'Ja, das
Heidi soll schon einmal haben, wofuer es bittet, aber erst dann,
wenn es ihm gut ist, und so wie es darueber recht froh werden kann.
Denn wenn ich jetzt tue, was es will, und es merkt nachher, dass es
doch besser gewesen waere, ich haette ihm seinen Willen nicht getan,
dann weint es nachher und sagt: Haette mir doch der liebe Gott nur
nicht gegeben, wofuer ich bat, es ist gar nicht so gut, wie ich
gemeint habe.' Und waehrend nun der liebe Gott auf dich
niedersah, ob du ihm auch recht vertrautest und taeglich zu ihm
kommest und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt,
da bist du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet
und hast den lieben Gott ganz vergessen.  Aber siehst du, wenn
einer es so macht und der liebe Gott hoert seine Stimme gar nie mehr
unter den Betenden, so vergisst er ihn auch und laesst ihn gehen,
wohin er will.  Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert:
'Mir hilft aber auch gar niemand!', dann hat keiner
Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu ihm: 'Du bist ja
selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte!'
Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum
lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, dass du so von ihm
weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen,
dass er alles gut fuer dich machen werde, so dass du auch wieder
ein frohes Herz bekommen kannst?"

Heidi hatte sehr aufmerksam zugehoert; jedes Wort der Grossmama fiel
in sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.

"Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um
Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen", sagte
Heidi reumuetig.

"So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit,
sei nur getrost!", ermunterte die Grossmama, und Heidi lief sofort
in sein Zimmer hinueber und betete ernstlich und reuig zum lieben
Gott und bat ihn, dass er es doch nicht vergessen und auch wieder
zu ihm niederschauen moege.--

Der Tag der Abreise war gekommen, es war fuer Klara und Heidi ein
trauriger Tag; aber die Grossmama wusste es so einzurichten, dass
sie gar nicht zum Bewusstsein kamen, dass es eigentlich ein
trauriger Tag sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die
gute Grossmama im Wagen davonfuhr.  Da trat eine Leere und Stille im
Hause ein, als waere alles vorueber, und solange noch der Tag waehrte,
sassen Klara und Heidi wie verloren da und wussten gar nicht, wie es
nun weiter kommen sollte.

Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da
war, da die Kinder gewoehnlich zusammensassen, trat Heidi mit seinem
Buch unter dem Arm herein und sagte: "Ich will dir nun immer, immer
vorlesen; willst du, Klara?"

Der Klara war der Vorschlag recht fuer einmal, und Heidi machte sich
mit Eifer an seine Taetigkeit.  Aber es ging nicht lange, so hoerte
schon wieder alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu
lesen begonnen, die von einer sterbenden Grossmutter handelte, als
es auf einmal laut aufschrie: "Oh, nun ist die Grossmutter tot!",
und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es las,
war dem Heidi volle Gegenwart, und es glaubte nicht anders, als nun
sei die Grossmutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer
lauterem Weinen: "Nun ist die Grossmutter tot, und ich kann nie mehr
zu ihr gehen, und sie hat nicht ein einziges Broetchen mehr bekommen!
"

Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklaeren, dass es ja nicht die
Grossmutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese
Geschichte handle; aber auch, als sie endlich dazu gekommen war,
dem aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte es
sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untroestlich weiter,
denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Grossmutter
koenne ja sterben, waehrend es so weit weg sei, und der Grossvater
auch noch, und wenn es dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so
sei alles still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und
koenne niemals mehr die sehen, die ihm lieb waren.

Waehrenddessen war Fraeulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und
hatte noch Klaras Bemuehungen, Heidi ueber seinen Irrtum aufzuklaeren,
mit angehoert.  Als das Kind aber immer noch nicht aufhoeren konnte
zu schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den
Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: "Adelheid, nun ist des
grundlosen Geschreis genug!  Ich will dir eines sagen: Wenn du noch
ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbruechen
den Lauf laesst, so nehme ich das Buch aus deinen Haenden und fuer
immer!"

Das machte Eindruck.  Heidi wurde ganz weiss vor Schrecken, das Buch
war sein hoechster Schatz.  Es trocknete in groesster Eile seine
Traenen und schluckte und wuergte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter,
so dass kein Toenchen mehr laut wurde.  Das Mittel hatte geholfen,
Heidi weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal
hatte es solche Anstrengungen zu machen, um sich zu ueberwinden und
nicht aufzuschreien, dass Klara oefter ganz erstaunt sagte: "Heidi,
du machst so schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe.
" Aber die Grimassen machten keinen Laerm und fielen der Dame
Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi seinen Anfall von
verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte, kam alles
wieder ins Geleise fuer einige Zeit und war tonlos voruebergegangen.
Aber seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und
bleich aus, dass der Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so
mit anzusehen und Zeuge sein zu muessen, wie Heidi bei Tisch die
schoensten Gerichte an sich voruebergehen liess und nichts essen
wollte.  Er fluesterte ihm auch oefter ermunternd zu, wenn er ihm
eine Schuessel hinhielt: "Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist
vortrefflich.  Nicht so!  Einen rechten Loeffel voll, noch einen!",
und dergleichen vaeterlicher Raete mehr; aber es half nichts: Heidi
ass fast gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen
legte, so hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war,
und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen
hinein, so dass es gar niemand hoeren konnte.

So ging eine lange Zeit dahin.  Heidi wusste gar nie, ob es Sommer
oder Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen
Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und
hinaus kam es nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine
Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer
sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren.
So kam man kaum aus den Mauern und Steinstrassen heraus, sondern
kehrte gewoehnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch grosse,
schoene Strassen, wo Haeuser und Menschen in Fuelle zu sehen waren,
aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und keine Berge, und
Heidis Verlangen nach dem Anblick der schoenen gewohnten Dinge
steigerte sich mit jedem Tage mehr, so dass es jetzt nur den Namen
eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte, so war
schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe, und Heidi hatte mit aller
Gewalt dagegen zu ringen.  So waren Herbst und Winter vergangen,
und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weissen Mauern
am Hause gegenueber, dass Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe, da der
Peter wieder zur Alm fuehre mit den Geissen, da die goldenen
Cystusroeschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich
ringsum alle Berge im Feuer staenden.  Heidi setzte sich in seinem
einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Haenden
die Augen zu, dass es den Sonnenschein drueben an der Mauer nicht
sehe; und so sass es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos
niederkaempfend, bis Klara wieder nach ihm rief.




Im Hause Sesemann spukt's

Seit einigen Tagen wanderte Fraeulein Rottenmeier meistens
schweigend und in sich gekehrt im Haus herum.  Wenn sie um die Zeit
der Daemmerung von einem Zimmer ins andere oder ueber den langen
Korridor ging, schaute sie oefters um sich, gegen die Ecken hin und
auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es koennte
jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock
zupfen.  So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Raeumen
herum.  Hatte sie auf dem oberen Boden, wo die feierlich
aufgeruesteten Gastzimmer lagen, oder gar in den unteren Raeumen
etwas zu besorgen, wo der grosse geheimnisvolle Saal war, in dem
jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten
Ratsherren mit den grossen, weissen Kragen so ernsthaft und
unverwandt auf einen niederschauten, da rief sie nun regelmaessig die
Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall etwas
von dort herauf- oder von oben herunterzutragen waere.  Tinette
ihrerseits machte es puenktlich ebenso; hatte sie oben oder unten
irgendein Geschaeft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und
sagte ihm, er habe sie zu begleiten, es moechte etwas
herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen koennte.
Wunderbarerweise tat auch Sebastian akkurat dasselbe; wurde er in
die abgelegenen Raeume geschickt, so holte er den Johann herauf und
wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen
koennte, was erforderlich sei.  Und jedes folgte immer ganz willig
dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbeizutragen war, so dass
jedes gut haette allein gehen koennen; aber es war so, als denke der
Herbeigerufene immer bei sich, er koenne den anderen auch bald fuer
denselben Dienst noetig haben.  Waehrend sich solches oben zutrug,
stand unten die langjaehrige Koechin tiefsinnig bei ihren Toepfen und
schuettelte den Kopf und seufzte: "Dass ich das noch erleben musste!"

Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames
und Unheimliches vor.  Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft
herunterkam, stand die Haustuer weit offen; aber weit und breit war
niemand zu sehen, der mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen
konnte.  In den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich
mit Schrecken alle Zimmer und Raeume des Hauses durchsucht, um zu
sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich
im Hause verstecken koennen und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen
entflohen; aber da war gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen
Hause nicht ein einziges Ding.  Abends wurde nicht nur die Tuer
doppelt zugeriegelt, sondern es wurde noch der hoelzerne Balken
vorgeschoben--es half nichts: Am Morgen stand die Tuer weit offen;
und so frueh nun auch die ganze Dienerschaft in ihrer Aufregung am
Morgen herunterkommen mochte--die Tuer stand offen, wenn auch
ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Tueren an
allen anderen Haeusern noch fest verrammelt waren.  Endlich fassten
sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten sich auf die
dringenden Zureden der Dame Rottenmeier bereit, die Nacht unten in
dem Zimmer, das an den grossen Saal stiess, zuzubringen und zu
erwarten, was geschehe.  Fraeulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen
des Herrn Sesemann hervor und uebergab dem Sebastian eine grosse
Liqueurflasche, damit Staerkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen
koenne, wo sie noetig sei.

Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen
gleich an, sich Staerkung zuzutrinken, was sie erst sehr gespraechig
und dann ziemlich schlaefrig machte, worauf sie beide sich an die
Sesselruecken lehnten und verstummten.  Als die alte Turmuhr drueben
zwoelf schlug, ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an;
der war aber nicht leicht zu erwecken; sooft ihn Sebastian anrief,
legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere
und schlief weiter.  Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war
nun wieder ganz munter geworden.  Es war alles maeuschenstill, auch
von der Strasse war kein Laut mehr zu hoeren.  Sebastian entschlief
nicht wieder, denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der grossen
Stille, und er rief den Johann nur noch mit gedaempfter Stimme an
und ruettelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig.  Endlich, als es
droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden
und wieder zum klaren Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl
sitze und nicht in seinem Bett liege.  Jetzt fuhr er auf einmal
sehr tapfer empor und rief: "Nun, Sebastian, wir muessen doch einmal
hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich ja nicht fuerchten.
Nur mir nach."

Johann machte die leicht angelehnte Zimmertuer weit auf und trat
hinaus.  Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustuer ein
scharfer Luftzug her und loeschte das Licht aus, das der Johann in
der Hand hielt.  Dieser stuerzte zurueck, warf den hinter ihm
stehenden Sebastian beinah ruecklings ins Zimmer hinein, riss ihn
dann mit, schlug die Tuer zu und drehte in fieberhafter Eile den
Schluessel um, solang er nur umging.  Dann riss er seine
Streichhoelzer hervor und zuendete sein Licht wieder an.  Sebastian
wusste gar nicht recht, was vorgefallen war, denn hinter dem
breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich
empfunden.  Wie er aber jenen nun bei Licht besah, tat er einen
Schreckensruf, denn der Johann war kreideweiss und zitterte wie
Espenlaub.  "Was ist's denn?  Was war denn draussen?", fragte der
Sebastian teilnehmend.

"Sperrangelweit offen die Tuer", keuchte Johann, "und auf der Treppe
eine weisse Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf--
husch und verschwunden."

Dem Sebastian gruselte es den ganzen Ruecken hinauf.  Jetzt setzten
sich die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis
dass der neue Morgen da war und es auf der Strasse anfing, lebendig
zu werden.  Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen
stehende Haustuer zu und stiegen dann hinauf, um Fraeulein
Rottenmeier Bericht zu erstatten ueber das Erlebte.  Die Dame war
auch schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden
Dinge hatte sie nicht mehr schlafen lassen.  Sobald sie nun
vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte sie sich hin und
schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch keinen erhalten
hatte; er moege sich nur sogleich, ohne Verzug, aufmachen und nach
Hause zurueckkehren, denn da geschaehen unerhoerte Dinge.  Dann wurde
ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die Nachricht, dass
fortgesetzt die Tuer jeden Morgen offen stehe; dass also keiner im
Hause seines Lebens mehr sicher sei bei dergestalt allnaechtlich
offen stehender Hauspforte und dass man ueberhaupt nicht absehen
koenne, was fuer dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach
sich ziehen koenne.  Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm
unmoeglich, so ploetzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu
kommen.  Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe
auch, sie sei voruebergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben,
so moege Fraeulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie
fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss
wuerde seine Mutter in kuerzester Zeit mit den Gespenstern fertig,
und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein
Haus zu beunruhigen.  Fraeulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit
dem Ton dieses Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst.
Sie schrieb unverzueglich an Frau Sesemann, aber von dieser Seite
her toente es nicht eben befriedigender, und die Antwort enthielt
einige ganz anzuegliche Bemerkungen.  Frau Sesemann schrieb, sie
gedenke nicht, extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen,
weil die Rottenmeier Gespenster sehe.  Uebrigens sei niemals ein
Gespenst gesehen worden im Hause Sesemann, und wenn jetzt eines
darin herumfahre, so koenne es nur ein lebendiges sein, mit dem die
Rottenmeier sich sollte verstaendigen koennen; wo nicht, so solle sie
die Nachtwaechter zu Hilfe rufen.

Aber Fraeulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in
Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen.  Bis dahin
hatte sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung
gesagt, denn sie befuerchtete, die Kinder wuerden vor Furcht Tag und
Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte
sehr unbequeme Folgen fuer sie haben.  Jetzt ging sie stracks ins
Studierzimmer hinueber, wo die beiden zusammensassen, und erzaehlte
mit gedaempfter Stimme von den naechtlichen Erscheinungen eines
Unbekannten.  Sofort schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick
mehr allein, der Papa muesse nach Hause kommen und Fraeulein
Rottenmeier muesse zum Schlafen in ihr Zimmer hinueberziehen, und
Heidi duerfe auch nicht mehr allein sein, sonst koenne das Gespenst
einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie wollten alle in (einem)
Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und
Tinette muesste nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann
muessten auch herunterkommen und auf dem Korridor schlafen, dass sie
gleich schreien und das Gespenst erschrecken koennten, wenn es etwa
die Treppe heraufkommen wollte.  Klara war sehr aufgeregt und
Fraeulein Rottenmeier hatte nun die groesste Muehe, sie etwas zu
beschwichtigen.  Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu
schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie
mehr allein lassen zu wollen.  Alle konnten sie nicht in demselben
Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch fuerchten sollte, so
muesste Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen.  Aber Heidi
fuerchtete sich mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen
das Kind noch gar nie etwas gehoert hatte, und es erklaerte gleich,
es fuerchte das Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem
Zimmer bleiben.  Hierauf eilte Fraeulein Rottenmeier an ihren
Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen
Vorgaenge im Hause, die allnaechtlich sich wiederholten, haetten die
zarte Konstitution seiner Tochter dergestalt erschuettert, dass die
schlimmsten Folgen zu befuerchten seien; man habe Beispiele von
ploetzlich eintretenden epileptischen Zufaellen oder Veitstanz in
solchen Verhaeltnissen, und seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn
dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde.

Das half.  Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tuer und
schellte dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief
und einer den anderen anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als
nun lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften
Stuecke aus.  Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb
geoeffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es
noch einmal so nachdruecklich, dass jeder unwillkuerlich eine
Menschenhand hinter dem tuechtigen Ruck vermutete.  Sebastian hatte
die Hand erkannt, stuerzte durchs Zimmer, kopfueber die Treppe
hinunter, kam aber unten wieder auf die Fuesse und riss die Haustuer
auf.  Herr Sesemann gruesste kurz und stieg ohne weiteres nach dem
Zimmer seiner Tochter hinauf.  Klara empfing den Papa mit einem
lauten Freudenruf, und als er sie so munter und voellig unveraendert
sah, glaettete sich seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen
hatte, und immer mehr, als er nun von ihr selbst hoerte, sie sei so
wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen sei, dass es
ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus herumfahre, weil
er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen musste.

"Und wie fuehrt sich das Gespenst weiter auf, Fraeulein Rottenmeier?",
fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den
Mundwinkeln.

"Nein, Herr Sesemann", entgegnete die Dame ernst, "es ist kein
Scherz.  Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht
mehr lachen wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf
Fuerchterliches, das hier in vergangener Zeit muss vorgegangen und
verheimlicht worden sein."

"So, davon weiss ich nichts", bemerkte Herr Sesemann, "muss aber
bitten, meine voellig ehrenwerten Ahnen nicht verdaechtigen zu wollen.
Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will
allein mit ihm reden."

Herr Sesemann ging hinueber und Sebastian erschien.  Es war Herrn
Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Fraeulein Rottenmeier
sich nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine
Gedanken.

"Komm Er her, Bursche", winkte er dem Eintretenden entgegen, "und
sag Er mir nun ganz ehrlich: Hat Er nicht etwa selbst ein wenig
Gespenst gespielt, so um Fraeulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu
machen, he?"

"Nein, meiner Treu, das muss der gnaedige Herr nicht glauben; es ist
mir selbst nicht ganz gemuetlich bei der Sache", entgegnete
Sebastian mit unverkennbarer Ehrlichkeit.

"Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen
Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen.  Schaeme Er sich,
Sebastian, ein junger, kraeftiger Bursch, wie Er ist, vor
Gespenstern davonzulaufen!  Nun geh Er unverzueglich zu meinem alten
Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er moechte unfehlbar
heut Abend neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris
hergereist, um ihn zu konsultieren.  Er muesse die Nacht bei mir
wachen, so schlimm sei's; er solle sich richten!  Verstanden,
Sebastian?"

"Jawohl, jawohl!  Der gnaedige Herr kann sicher sein, dass ich's gut
mache." Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu
seinem Toechterchen zurueck, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung
zu benehmen, die er noch heute ins noetige Licht stellen wollte.

Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Fraeulein
Rottenmeier sich zurueckgezogen hatte, erschien der Doktor, der
unter seinen grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei
lebhaft und freundlich blickende Augen zeigte.  Er sah etwas
aengstlich aus, brach aber gleich nach seiner Begruessung in ein
helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die Schulter
klopfend: "Nun, nun, fuer einen, bei dem man wachen soll, siehst du
noch leidlich aus, Alter."

"Nur Geduld, Alter", gab Herr Sesemann zurueck; "derjenige, fuer den
du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst
abgefangen haben."

"Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen
werden muss?"

"Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer.  Ein Gespenst im Hause,
bei mir spukt's!"

Der Doktor lachte laut auf.

"Schoene Teilnahme das, Doktor!", fuhr Herr Sesemann fort; "schade,
dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht geniessen kann.  Sie ist
fest ueberzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und
Schauertaten abbuesst."

"Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?", fragte der Doktor noch
immer sehr erheitert.

Herr Sesemann erzaehlte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und
wie noch jetzt allnaechtlich die Haustuer geoeffnet werde, nach der
Angabe der saemtlichen Hausbewohner, und fuegte hinzu, um fuer alle
Faelle vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in
das Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr
unerwuenschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der
Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des
Hausherrn zu erschrecken--dann koennte ein kleiner Schrecken, wie
ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein--; oder auch
es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an
Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu
sein, dass niemand sich herauswage--in diesem Falle koennte eine
gute Waffe auch nicht schaden.

Waehrend dieser Erklaerungen waren die Herren die Treppe
hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und
Sebastian auch gewacht hatten.  Auf dem Tische standen einige
Flaschen schoenen Weines, denn eine kleine Staerkung von Zeit zu Zeit
konnte nicht unerwuenscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden
musste.  Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles
Licht verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn
so im Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht
erwarten.

Nun wurde die Tuer ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte
nicht in den Korridor hinausfliessen, es konnte das Gespenst
verscheuchen.  Jetzt setzten sich die Herren gemuetlich in ihre
Lehnstuehle und fingen an, sich allerlei zu erzaehlen, nahmen auch
hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug es zwoelf
Uhr, eh sie sich's versahen.

"Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht",
sagte der Doktor jetzt.

"Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen", entgegnete der Freund.

Das Gespraech wurde wieder aufgenommen.  Es schlug ein Uhr.  Ringsum
war es voellig still, auch auf den Strassen war aller Laerm verklungen.
Auf einmal hob der Doktor den Finger empor.

"Pst, Sesemann, hoerst du nichts?"

Sie lauschten beide.  Leise, aber ganz deutlich hoerten sie, wie der
Balken zurueckgeschoben, dann der Schluessel zweimal im Schloss
umgedreht, jetzt die Tuer geoeffnet wurde.  Herr Sesemann fuhr mit
der Hand nach seinem Revolver.

"Du fuerchtest dich doch nicht?", sagte der Doktor und stand auf.

"Behutsam ist besser", fluesterte Herr Sesemann, erfasste mit der
Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den
Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermassen mit Leuchter und
Schiessgewehr bewaffnet, voranging.  Sie traten auf den Korridor
hinaus.

Durch die weit geoeffnete Tuer floss ein bleicher Mondschein herein
und beleuchtete eine weisse Gestalt, die regungslos auf der Schwelle
stand.

"Wer da?", donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den
ganzen Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern
und Waffen an die Gestalt heran.  Sie kehrte sich um und tat einen
leisen Schrei.  Mit blossen Fuessen im weissen Nachtkleidchen stand
Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und
auf die Waffen und zitterte und bebte wie ein Blaettlein im Winde
von oben bis unten.  Die Herren schauten einander in grossem
Erstaunen an.

"Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine
Wassertraegerin", sagte der Doktor.

"Kind, was soll das heissen?", fragte nun Herr Sesemann.  "Was
wolltest du tun?  Warum bist du hier heruntergekommen?"

Schneeweiss vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos:
"Ich weiss nicht."

Jetzt trat der Doktor vor: "Sesemann, der Fall gehoert in mein
Gebiet; geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich
will vor allem das Kind hinbringen, wo es hingehoert."

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde
Kind ganz vaeterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.

"Nicht fuerchten, nicht fuerchten", sagte er freundlich im
Hinaufsteigen, "nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes
dabei, nur getrost sein."

In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter
auf den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein
und deckte es sorgfaeltig zu.  Dann setzte er sich auf den Sessel am
Bett und wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht mehr
an allen Gliedern bebte.  Dann nahm er das Kind bei der Hand und
sagte beguetigend: "So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch
noch, wo wolltest du denn hin?"

"Ich wollte gewiss nirgends hin", versicherte Heidi; "ich bin auch
gar nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da."

"So, so, und hast du etwa getraeumt in der Nacht, weisst du, so, dass
du deutlich etwas sahst und hoertest?"

"Ja, jede Nacht traeumt es mir und immer gleich.  Dann mein ich, ich
sei beim Grossvater, und draussen hoer ich's in den Tannen sausen und
denke: Jetzt glitzern so schoen die Sterne am Himmel, und ich laufe
geschwind und mache die Tuer auf an der Huette und da ist's so schoen!
Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt." Heidi
fing schon an zu kaempfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den
Hals hinaufstieg.

"Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends?  Nicht im Kopf
oder im Ruecken?"

"O nein, nur hier drueckt es so wie ein grosser Stein immerfort."

"Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher
lieber wieder zurueckgeben?"

"Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte."

"So, so, und weinst du denn so recht heraus?"

"O nein, das darf man nicht, Fraeulein Rottenmeier hat es verboten."

"Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so?  Richtig!
Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?"

"O ja", war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie
eher das Gegenteil.

"Hm, und wo hast du mit deinem Grossvater gelebt?"

"Immer auf der Alm."

"So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig
langweilig, nicht?"

"O nein, da ist's so schoen, so schoen!" Heidi konnte nicht weiter;
die Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang
verhaltene Weinen ueberwaeltigten die Kraefte des Kindes; gewaltsam
stuerzten ihm die Traenen aus den Augen und es brach in ein lautes,
heftiges Schluchzen aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das
Kissen nieder und sagte: "So, noch ein klein wenig weinen, das kann
nichts schaden, und dann schlafen, ganz froehlich einschlafen;
morgen wird alles gut." Dann verliess er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, liess er sich dem
harrenden Freunde gegenueber in den Lehnstuhl nieder und erklaerte
dem mit gespannter Erwartung Lauschenden: "Sesemann, dein kleiner
Schuetzling ist erstens mondsuechtig; voellig unbewusst hat er dir
allnaechtlich als Gespenst die Haustuer aufgemacht und deiner ganzen
Mannschaft die Fieber des Schreckens ins Gebein gejagt.  Zweitens
wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum
Geripplein abgemagert ist und es noch voellig werden wuerde; also
schnelle Hilfe!  Fuer das erste Uebel und die in hohem Grade
stattfindende Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, naemlich,
dass du sofort das Kind in die heimatliche Bergluft
zurueckversetzest; fuer das zweite gibt's ebenfalls nur (eine)
Medizin, naemlich ganz dieselbe.  Demnach reist das Kind morgen ab,
das ist mein Rezept."

Herr Sesemann war aufgestanden.  In groesster Aufregung lief er das
Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: "Mondsuechtig!  Krank!
Heimweh!  Abgemagert in meinem Hause!  Das alles in meinem Hause!
Und niemand sieht zu und weiss etwas davon!  Und du, Doktor, du
meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist,
schicke ich elend und abgemagert seinem Grossvater zurueck?  Nein,
Doktor, das kannst du nicht verlangen, das tu ich nicht, das werde
ich nie tun.  Jetzt nimm das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm,
mach, was du willst, aber mach es mir heil und gesund, dann will
ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilf du!"

"Sesemann", entgegnete der Doktor ernsthaft, "bedenke, was du tust!
Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen
heilt.  Das Kind hat keine zaehe Natur, indessen, wenn du es jetzt
gleich wieder in die kraeftige Bergluft hinaufschickst, an die es
gewoehnt ist, so kann es wieder voellig gesunden; wenn nicht--du
willst nicht, dass das Kind dem Grossvater unheilbar oder gar nicht
mehr zurueckkomme?"

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: "Ja, wenn du so
redest, Doktor, dann ist nur (ein) Weg, dann muss sofort gehandelt
werden." Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines
Freundes und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter
zu besprechen.  Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen,
denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustuer,
die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon
der helle Morgenschimmer herein.




Am Sommerabend die Alm hinan

Herr Sesemann stieg in grosser Erregtheit die Treppe hinauf und
wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier.
Hier klopfte er so ungewoehnlich kraeftig an die Tuer, dass die
Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr.  Sie
hoerte die Stimme des Hausherrn draussen: "Bitte sich zu beeilen und
im Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet
werden."

Fraeulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fuenf des
Morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie
aufgestanden.  Was konnte nur vorgefallen sein?  Vor Neugierde und
angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam
durchaus nicht vorwaerts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht
hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit
aller Kraft an jedem Glockenzug, der je fuer die verschiedenen
Glieder der Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der
betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und
verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere dachte
sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und
dies sei sein Hilferuf.  So kamen sie nach und nach, einer
schauerlicher aussehend als der andere, herunter und stellten sich
mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn dieser ging frisch und
munter im Esszimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als habe ihn
ein Gespenst erschreckt.  Johann wurde sofort hingeschickt, Pferde
und Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzufuehren.
Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in
den Stand zu stellen, eine Reise anzutreten.  Sebastian erhielt den
Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis Base im Dienst stand,
und diese herbeizuholen.  Fraeulein Rottenmeier war unterdessen
zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles sass, wie es musste, nur
die Haube sass verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem aussah,
als sitze ihr das Gesicht auf dem Ruecken.  Herr Sesemann schrieb
den raetselhaften Anblick dem fruehen Schlafbrechen zu und ging
unverweilt an die Geschaeftsverhandlungen.  Er erklaerte der Dame,
sie habe ohne Zoegern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die
saemtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken--so nannte Herr
Sesemann gewoehnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war--
, dazu noch einen guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was
Rechtes mitbringe; es muesse aber alles schnell und ohne langes
Besinnen vor sich gehen.

Fraeulein Rottenmeier blieb vor Ueberraschung wie in den Boden
eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an.  Sie hatte
erwartet, er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer
schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt
und die sie eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern
gehoert haette; stattdessen diese voellig prosaischen und dazu noch
sehr unbequemen Auftraege.  So schnell konnte sie das Unerwartete
nicht bewaeltigen.  Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete
ein Weiteres.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklaerungen im Sinn; er liess die
Dame stehen, wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter.
Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewoehnliche Bewegung
im Hause wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl
vorgehe.  Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzaehlte ihr
den ganzen Verlauf der Geistererscheinung und dass Heidi nach des
Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl nach und nach seine
naechtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach
besteigen wuerde, was dann mit den hoechsten Gefahren verbunden waere.
Er habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn
solche Verantwortung koenne er nicht auf sich nehmen, und Klara
muesse sich dareinfinden, sie sehe ja ein, dass es nicht anders sein
koenne.

Klara war sehr schmerzlich ueberrascht von der Mitteilung und wollte
erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb
fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im naechsten Jahre mit
Klara nach der Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernuenftig sei
und keinen Jammer erhebe.  So ergab sich Klara in das
Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer fuer Heidi
in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie
hineinstecken koenne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern
bewilligte, ja er ermunterte Klara noch, dem Kinde eine schoene
Aussteuer zurechtzumachen.  Unterdessen war die Base Dete angelangt
und stand in grosser Erwartung im Vorzimmer, denn dass sie um diese
ungewoehnliche Zeit einberufen worden war, musste etwas
Ausserordentliches bedeuten.  Herr Sesemann trat zu ihr heraus und
erklaerte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass er wuensche, sie
moechte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause bringen.  Die
Base sah sehr enttaeuscht aus; diese Nachricht hatte sie nicht
erwartet.  Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die
ihr der Oehi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr
vor die Augen kommen solle, und so das Kind dem Alten einmal
bringen und dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr
nicht ganz geraten zu sein.  Sie besann sich also nicht lange,
sondern sagte mit grosser Beredsamkeit, heute waere es ihr leider
voellig unmoeglich, die Reise anzutreten, und morgen koennte sie noch
weniger daran denken, und die Tage darauf waere es am
allerunmoeglichsten, um der darauf folgenden Geschaefte willen, und
nachher koennte sie dann gar nicht mehr.  Herr Sesemann verstand die
Sprache und entliess die Base ohne weiteres.  Nun liess er den
Sebastian vortreten und erklaerte ihm, er habe sich unverzueglich zur
Reise zu ruesten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu
fahren, morgen bringe er es heim.  Dann koenne er sogleich wieder
umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den Grossvater
werde diesem alles erklaeren.

"Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian", schloss Herr Sesemann,
"und dass Er mir das puenktlich besorgt!  Den Gasthof in Basel, den
ich Ihm hier auf meine Karte geschrieben, kenne ich.  Er weist
meine Karte vor, dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden
fuer das Kind; fuer sich selbst wird Er schon sorgen.  Dann geht Er
erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so
vollstaendig, dass nur grosse Gewalt sie aufzubringen vermoechte.  Ist
das Kind zu Bett, so geht Er und schliesst von aussen die Tuer ab,
denn das Kind wandert herum in der Nacht und koennte Gefahr laufen
in dem fremden Haus, wenn es etwa hinausginge und die Haustuer
aufmachen wollte; versteht Er das?"

"Ah!  Ah!  Ah!  Das war's?  So war's?", stiess Sebastian jetzt in
groesster Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein grosses Licht
aufgegangen ueber die Geistererscheinung.

"Ja, so war's!  Das war's!  Und Er ist ein Hasenfuss, und dem Johann
kann Er sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine
laecherliche Mannschaft." Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube,
setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Alm-Oehi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und
wiederholte jetzt zu oefteren Malen in seinem Innern: "Haett ich mich
doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube
hineinreissen lassen, sondern waere dem weissen Figuerchen nachgegangen,
was ich doch jetzt unzweifelhaft tun wuerde!", denn jetzt
beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit
voller Klarheit.

Unterdessen stand Heidi voellig ahnungslos in seinem
Sonntagsroeckchen und wartete ab, was geschehen sollte, denn die
Tinette hatte es nur aus dem Schlafe aufgeruettelt, die Kleider aus
dem Schrank genommen und das Anziehen gefoerdert, ohne ein Wort zu
sagen.  Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi, denn das war
ihr zu gering.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das
Fruehstueck bereitstand, und rief: "Wo ist das Kind?"

Heidi wurde gerufen.  Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm
'guten Morgen' zu sagen, schaute er ihm fragend ins
Gesicht: "Nun, was sagst du denn dazu, Kleine?"

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

"Du weisst am Ende noch gar nichts", lachte Herr Sesemann.  "Nun,
heut gehst du heim, jetzt gleich."

"Heim?", wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiss, und eine
kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde
sein Herz von dem Eindruck gepackt.

"Nun, willst du etwa nichts wissen davon?", fragte Herr Sesemann
laechelnd.

"O ja, ich will schon", kam jetzt heraus, und nun war Heidi
dunkelrot geworden.

"Gut, gut", sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte
und Heidi winkte, dasselbe zu tun.  "Und nun tuechtig fruehstuecken
und hernach in den Wagen und fort."

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch
zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung,
dass es gar nicht wusste, ob es wache oder traeume und ob es
vielleicht wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der
Haustuer stehen werde.

"Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen", rief Herr Sesemann
Fraeulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; "das Kind kann nicht
essen, begreiflicherweise.--Geh hinueber zu Klara, bis der Wagen
vorfaehrt", setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.

Das war Heidis Wunsch: Es sprang hinueber.  Mitten in Klaras Zimmer
war ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit
offen.

"Komm, Heidi, komm", rief ihm Klara entgegen.  "Sieh, was ich dir
habe einpacken lassen, komm, freut's dich?"

Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und
Schuerzen, Tuecher und Naehgeraet, "und sieh hier, Heidi", und Klara
hob triumphierend einen Korb in die Hoehe.  Heidi guckte hinein und
sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwoelf schoene,
weisse, runde Broetchen, alle fuer die Grossmutter.  Die Kinder
vergassen in ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie
sich trennen mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte:
"Der Wagen ist bereit!"--da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden.
Heidi lief in sein Zimmer, da musste noch ein schoenes Buch von der
Grossmama liegen, niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag
unter dem Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon
trennen konnte.  Das wurde in den Korb auf die Broetchen gelegt.
Dann machte es seinen Schrank auf; noch suchte es nach einem Gute,
das man vielleicht auch nicht eingepackt hatte.  Richtig--auch das
alte rote Tuch lag noch da, Fraeulein Rottenmeier hatte es zu gering
erachtet, um mit eingepackt zu werden.  Heidi wickelte es um einen
anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so dass das
rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam.  Dann setzte es sein
schoenes Huetchen auf und verliess sein Zimmer.

Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr
Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen.
Fraeulein Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu
verabschieden.  Als sie das seltsame rote Buendelchen erblickte,
nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

"Nein, Adelheid", sagte sie tadelnd, "so kannst du nicht reisen von
diesem Hause aus; solches Zeug brauchst du ueberhaupt nicht
mitzuschleppen.  Nun lebe wohl."

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Buendelchen nicht wieder
aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem
Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen groessten Schatz nehmen.

"Nein, nein", sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, "das
Kind soll mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch
junge Katzen oder Schildkroeten mit fortschleppen, so wollen wir uns
darueber nicht aufregen, Fraeulein Rottenmeier."

Heidi hob eilig sein Buendelchen wieder vom Boden auf, und Dank und
Freude leuchteten ihm aus den Augen.  Unten am Wagen reichte Herr
Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten,
sie wuerden seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wuenschte
ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schoen fuer alle
Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss sagte es:
"Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal gruessen und ihm auch
vielmals danken." Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern
Abend gesagt hatte: "Und morgen wird alles gut." Nun war es so
gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die
Provianttasche und der Sebastian kamen nach.  Herr Sesemann rief
noch einmal freundlich: "Glueckliche Reise!", und der Wagen rollte
davon.

Bald nachher sass Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich
seinen Korb auf dem Schosse fest, denn es wollte ihn nicht einen
Augenblick aus den Haenden lassen, seine kostbaren Broetchen fuer die
Grossmutter waren ja darin, die musste es sorgfaeltig hueten und von
Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darueber.  Heidi
sass maeuschenstille waehrend mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es
recht zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Grossvater,
auf die Alm, zur Grossmutter, zum Geissenpeter, und nun kam ihm alles
vor Augen, eins nach dem anderen, was es wieder sehen werde und wie
alles aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue
Gedanken auf, und auf einmal sagte es aengstlich: "Sebastian, ist
auch sicher die Grossmutter auf der Alm nicht gestorben?"

"Nein, nein", beruhigte dieser, "wollen's nicht hoffen, wird schon
noch am Leben sein."

Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurueck; nur hier und da
guckte es einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Broetchen der
Grossmutter auf den Tisch legen war sein Hauptgedanke.  Nach
laengerer Zeit sagte es wieder: "Sebastian, wenn man nur auch ganz
sicher wissen koennte, dass die Grossmutter noch am Leben ist."

"Jawohl!  Jawohl!", entgegnete der Begleiter halb schlafend; "Wird
schon noch leben, wuesste auch gar nicht, warum nicht."

Nach einiger Zeit drueckte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach
der vergangenen unruhigen Nacht und dem fruehen Aufstehen war es so
schlafbeduerftig, dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es
tuechtig am Arm schuettelte und ihm zurief: "Erwachen!  Erwachen!
Gleich aussteigen, in Basel angekommen!"

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang.  Heidi sass
wieder mit seinem Korb auf dem Schoss, den es um keinen Preis dem
Sebastian uebergeben wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr,
denn nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter.  Dann auf
einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertoente laut der Ruf:
"Maienfeld!" Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat
Sebastian, der auch ueberrascht worden war.  Jetzt standen sie
draussen, der Koffer mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal
hinein.  Sebastian sah ihm wehmuetig nach, denn er waere viel lieber
so sicher und ohne Muehe weitergereist, als dass er nun eine
Fusspartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer
Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich und dazu
gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb
wild war, wie Sebastian annahm.  Er schaute daher sehr vorsichtig
um sich, wen er etwa beraten koennte ueber den sichersten Weg nach
dem 'Doerfli'.  Unweit des kleinen Stationsgebaeudes
stand ein kleiner Leiterwagen mit einem mageren Roesslein davor; auf
diesen wurden von einem breitschultrigen Manne ein paar grosse Saecke
aufgeladen, die mit der Bahn hergebracht worden waren.  Sebastian
trat zu ihm heran und brachte seine Frage nach dem sichersten Weg
zum Doerfli vor.

"Hier sind alle Wege sicher", war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen
koenne, ohne in die Abgruende zu stuerzen, und auch wie man einen
Koffer nach dem betreffenden Doerfli befoerdern koennte.  Der Mann
schaute nach dem Koffer hin und mass ihn ein wenig mit den Augen;
dann erklaerte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es
auf seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Doerfli fahre, und so
gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen die beiden ueberein,
der Mann solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und
nachher vom Doerfli aus koenne das Kind am Abend mit irgendjemand auf
die Alm geschickt werden.

"Ich kann allein gehen, ich weiss schon den Weg vom Doerfli auf die
Alm", sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung
zugehoert hatte.  Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen,
als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern
entledigt sah.  Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und
ueberreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den
Grossvater und erklaerte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn
Sesemann, die muesse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden,
noch unter die Broetchen, und darauf muesse genau Acht gegeben werden,
dass sie nicht verloren gehe, denn darueber wuerde Herr Sesemann
ganz fuerchterlich boese und sein Leben lang nie mehr gut werden; das
sollte das Mamsellchen nur ja bedenken.

"Ich verliere sie schon nicht", sagte Heidi zuversichtlich und
steckte die Rolle samt dem Brief zuallerunterst in den Korb hinein.
Nun wurde der Koffer aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi
samt seinem Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand
hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei
Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der
Fuehrer war noch in der Naehe, und Sebastian war vorsichtig,
besonders jetzt, da er wusste, er haette eigentlich selbst das Kind
an Ort und Stelle bringen sollen.  Der Fuehrer schwang sich jetzt
neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen rollte den Bergen zu,
waehrend Sebastian, froh ueber seine Befreiung von der gefuerchteten
Bergreise, sich am Stationshaeuschen niedersetzte, um den
zurueckgehenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Baecker vom Doerfli, welcher seine
Mehlsaecke nach Hause fuhr.  Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie
jedermann im Doerfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-Oehi
gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich
vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu
tun haben.  Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon
wieder heimkommen und waehrend der Fahrt fing er nun mit Heidi ein
Gespraech an: "Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-Oehi war,
beim Grossvater?"

"Ja."

"So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit
her heimkommst?"

"Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie
man es in Frankfurt hat."

"Warum laeufst du denn heim?"

"Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst waer ich nicht
heimgelaufen."

"Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man
dir's erlaubt hat, heimzugehen?"

"Weil ich tausendmal lieber heimwill zum Grossvater auf die Alm als
sonst alles auf der Welt."

"Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst", brummte der
Baecker; "nimmt mich aber doch wunder", sagte er dann zu sich selbst,
"es kann wissen, wie's ist."

Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute
um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es
erkannte die Baeume am Wege, und drueben standen die hohen Zacken des
Falknis-Berges und schauten zu ihm herueber, so als gruessten sie es
wie gute alte Freunde; und Heidi gruesste wieder, und mit jedem
Schritt vorwaerts wurde Heidis Erwartung gespannter, und es meinte,
es muesse vom Wagen herunterspringen und aus allen Kraeften laufen,
bis es ganz oben waere.  Aber es blieb doch still sitzen und ruehrte
sich nicht, aber alles zitterte an ihm.  Jetzt fuhren sie im Doerfli
ein, eben schlug die Glocke fuenf Uhr.  Augenblicklich sammelte sich
eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum, und
ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer und das
Kind auf des Baeckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller
Umwohnenden auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und
wohin und wem beide zugehoerten.  Als der Baecker Heidi
heruntergehoben hatte, sagte es eilig: "Danke, der Grossvater holt
dann schon den Koffer", und wollte davonrennen.  Aber von allen
Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten
alle auf einmal, jede etwas Eigenes.  Heidi draengte sich mit einer
solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, dass man ihm
unwillkuerlich Platz machte und es laufen liess, und einer sagte zum
anderen: "Du siehst ja, wie es sich fuerchtet, es hat auch alle
Ursache." Und dann fingen sie noch an, sich zu erzaehlen, wie der
Alm-Oehi seit einem Jahr noch viel aerger geworden sei als vorher und
mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als
wolle er am liebsten jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und
wenn das Kind auf der ganzen Welt noch wuesste wohin, so liefe es
nicht in das alte Drachennest hinauf.  Aber hier fiel der Baecker in
das Gespraech ein und sagte, er werde wohl mehr wissen als sie alle,
und erzaehlte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis
nach Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe und
auch gleich ohne Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu
noch ein Trinkgeld gegeben habe, und ueberhaupt koenne er sicher
sagen, dass es dem Kind wohl genug gewesen sei, wo es war, und es
selbst begehrt habe, zum Grossvater zurueckzugehen.  Diese Nachricht
brachte eine grosse Verwunderung hervor und wurde nun gleich im
ganzen Doerfli so verbreitet, dass noch am gleichen Abend kein Haus
daselbst war, in dem man nicht davon redete, dass das Heidi aus
allem Wohlleben zum Grossvater zurueckbegehrt habe.

Heidi lief vom Doerfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu
Zeit musste es aber ploetzlich stille stehen, denn es hatte ganz den
Atem verloren; sein Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu
ging es nun immer steiler, je hoeher hinauf es ging.  Heidi hatte
nur noch einen Gedanken: "Wird auch die Grossmutter noch auf ihrem
Plaetzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch nicht
gestorben unterdessen?" Jetzt erblickte Heidi die Huette oben in der
Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte
noch mehr, immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz.  Jetzt
war es oben--vor Zittern konnte es fast die Tuer nicht aufmachen--
doch jetzt--es sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und
stand da, voellig ausser Atem, und brachte keinen Ton hervor.

"Ach du mein Gott", toente es aus der Ecke hervor, "so sprang unser
Heidi herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben
koennte!  Wer ist hereingekommen?"

"Da bin ich ja, Grossmutter, da bin ich ja", rief Heidi jetzt und
stuerzte nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Grossmutter
heran, fasste ihren Arm und ihre Haende und legte sich an sie und
konnte vor Freude gar nichts mehr sagen.  Erst war die Grossmutter
so ueberrascht, dass auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann
fuhr sie mit der Hand streichelnd ueber Heidis Kraushaare hin, und
nun sagte sie ein Mal ueber das andere: "Ja, ja, das sind seine
Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich
das noch erleben laesst!" Und aus den blinden Augen fielen ein paar
grosse Freudentraenen auf Heidis Hand nieder.  "Bist du's auch, Heidi,
bist du auch sicher wieder da?"

"Ja, ja, sicher, Grossmutter", rief Heidi nun mit aller Zuversicht,
"weine nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage
zu dir und gehe nie wieder fort, und du musst auch manchen Tag kein
hartes Brot mehr essen, siehst du, Grossmutter, siehst du?"

Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Broetchen nach dem andern
aus, bis es alle zwoelf auf dem Schoss der Grossmutter aufgehaeuft
hatte.

"Ach Kind!  Ach Kind!  Was bringst du denn fuer einen Segen mit!",
rief die Grossmutter aus, als es nicht enden wollte mit den Broetchen
und immer noch eines folgte.  "Aber der groesste Segen bist du mir
doch selber, Kind!" Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare
und strich ueber seine heissen Wangen und sagte wieder: "Sag noch ein
Wort, Kind, sag noch etwas, dass ich dich hoeren kann."

Heidi erzaehlte nun der Grossmutter, welche grosse Angst es habe
ausstehen muessen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe
nun gar nie die weissen Broetchen bekommen, und es koenne nie, nie
mehr zu ihr gehen.

Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick
unbeweglich stehen vor Erstaunen.  Dann rief sie: "Sicher, es ist
das Heidi, wie kann auch das sein!"

Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich
gar nicht genug verwundern darueber, wie Heidi aussehe, und ging um
das Kind herum und sagte: "Grossmutter, wenn du doch nur sehen
koenntest, was fuer ein schoenes Roecklein das Heidi hat und wie es
aussieht; man kennt es fast nicht mehr.  Und das Federnhuetlein auf
dem Tisch gehoert dir auch noch?  Setz es doch einmal auf, so kann
ich sehen, wie du drin aussiehst."

"Nein, ich will nicht", erklaerte Heidi, "du kannst es haben, ich
brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes." Damit
machte Heidi sein rotes Buendelchen auf und nahm sein altes Huetchen
daraus hervor, das auf der Reise zu den Knicken, die es schon
vorher gehabt, noch einige bekommen hatte.  Aber das kuemmerte das
Heidi wenig; es hatte ja nicht vergessen, wie der Grossvater beim
Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals
sehen; darum hatte Heidi sein Huetchen so sorgfaeltig aufgehoben,
denn es dachte ja immer ans Heimgehen zum Grossvater.  Aber die
Brigitte sagte, so einfaeltig muesse es nicht sein, es sei ja ein
praechtiges Huetchen, das nehme sie nicht; man koennte es ja etwa dem
Toechterlein vom Lehrer im Doerfli verkaufen und noch viel Geld
bekommen, wenn es das Huetlein nicht tragen wolle.  Aber Heidi blieb
bei seinem Vorhaben und legte das Huetchen leise hinter die
Grossmutter in den Winkel, wo es ganz verborgen war.  Dann zog Heidi
auf einmal sein schoenes Roecklein aus, und ueber das Unterroeckchen,
in dem es nun mit blossen Armen dastand, band es das rote Halstuch,
und nun fasste es die Hand der Grossmutter und sagte: "Jetzt muss
ich heim zum Grossvater, aber morgen komm ich wieder zu dir; gute
Nacht, Grossmutter."

"Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder", bat die
Grossmutter und drueckte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte
das Kind fast nicht loslassen.

"Warum hast du denn dein schoenes Roecklein ausgezogen?", fragte die
Brigitte.

"Weil ich lieber so zum Grossvater will, sonst kennt er mich
vielleicht nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt
darin."

Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tuer hinaus, und hier sagte
sie ein wenig geheimnisvoll zu ihm: "Den Rock haettest du schon
anbehalten koennen, er haette dich doch gekannt; aber sonst musst du
dich in Acht nehmen; der Peterli sagt, der Alm-Oehi sei jetzt immer
boes und rede kein Wort mehr."

Heidi sagte 'gute Nacht' und stieg die Alm hinan mit
seinem Korb am Arm.  Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die gruene
Alm, und jetzt war auch drueben das grosse Schneefeld an der
Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herueber.  Heidi musste
alle paar Schritte wieder stille stehen und sich umkehren, denn die
hohen Berge hatte es im Ruecken beim Hinaufsteigen.  Jetzt fiel ein
roter Schimmer vor seinen Fuessen auf das Gras, es kehrte sich um, da
--so hatte es die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch
nie so im Traum gesehen--die Felshoerner am Falknis flammten zum
Himmel auf, das weite Schneefeld gluehte und rosenrote Wolken zogen
darueber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von allen
Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin
das ganze Tal in Duft und Gold.  Heidi stand mitten in der
Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihm die hellen Traenen
die Wangen herunter, und es musste die Haende falten und in den
Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken, dass er
es wieder heimgebracht hatte und dass alles, alles noch so schoen
sei und noch viel schoener, als es gewusst hatte, und dass alles
wieder ihm gehoere; und Heidi war so gluecklich und so reich in all
der grossen Herrlichkeit, dass es gar nicht Worte fand, dem lieben
Gott genug zu danken.  Erst als das Licht ringsum vergluehte, konnte
Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte es aber so den Berg
hinan, dass es gar nicht lange dauerte, so erblickte es oben die
Tannenwipfel ueber dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Huette,
und auf der Bank an der Huette sass der Grossvater und rauchte sein
Pfeifchen, und ueber die Huette her wogten die alten Tannenwipfel und
raschelten im Abendwind.  Jetzt rannte das Heidi noch mehr, und
bevor der Alm-Oehi nur recht sehen konnte, was da herankam, stuerzte
das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und
umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es
nichts sagen, als nur immer ausrufen: "Grossvater!  Grossvater!
Grossvater!"

Der Grossvater sagte auch nichts.  Seit vielen Jahren waren ihm zum
erstenmal wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der
Hand darueber fahren.  Dann loeste er Heidis Arme von seinem Hals,
setzte das Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick.
"So, bist du wieder heimgekommen, Heidi", sagte er dann; "wie ist
das?  Besonders hoffaertig siehst du nicht aus, haben sie dich
fortgeschickt?"

"O nein, Grossvater", fing Heidi nun mit Eifer an, "das musst du
nicht glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Grossmama
und der Herr Sesemann; aber siehst du, Grossvater, ich konnte es
fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein
koennte, und ich habe manchmal gemeint, ich muesse ganz ersticken, so
hat es mich gewuergt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es
undankbar war.  Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der
Herr Sesemann ganz frueh--aber ich glaube, der Herr Doktor war
schuld daran--aber es steht vielleicht alles in dem Brief"--damit
sprang Heidi auf den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle
aus dem Korb herbei und legte beide in die Hand des Grossvaters.

"Das gehoert dir", sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf
die Bank.  Dann nahm er den Brief und las ihn durch: Ohne ein Wort
zu sagen, steckte er dann das Blatt in die Tasche.

"Meinst, du koenntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?",
fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Huette
einzutreten.  "Aber nimm dort dein Geld mit dir, da kannst du ein
ganzes Bett daraus kaufen und Kleider fuer ein paar Jahre."

"Ich brauch es gewiss nicht, Grossvater", versicherte Heidi; "ein
Bett hab ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt,
dass ich gewiss nie mehr andere brauche."

"Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal
brauchen koennen."

Heidi gehorchte und huepfte nun dem Grossvater nach in die Huette
hinein, wo es vor Freude ueber das Wiedersehen in alle Winkel sprang
und die Leiter hinauf--aber da stand es ploetzlich still und rief
in Betroffenheit von oben herunter: "Oh, Grossvater, ich habe kein
Bett mehr!"

"Kommt schon wieder", toente es von unten herauf, "wusste ja nicht,
dass du wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!"

Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten
Platze, und nun erfasste es sein Schuesselchen und trank mit einer
Begierde, als waere etwas so Koestliches noch nie in seinen Bereich
gekommen, und als es mit einem tiefen Atemzug das Schuesselchen
hinstellte, sagte es: "So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts
auf der Welt, Grossvater."

Jetzt ertoente draussen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss
Heidi zur Tuer hinaus.  Da kam die ganze Schar der Geissen huepfend,
springend, Saetze machend von der Hoehe herunter, mittendrin der
Peter.  Als er Heidi ansichtig wurde, blieb er auf der Stelle
voellig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an.  Heidi
rief: "Guten Abend, Peter!", und stuerzte mitten in die Geissen
hinein: "Schwaenli!  Baerli!  Kennt ihr mich noch?", und die Geisslein
mussten seine Stimme gleich erkannt haben, denn sie rieben ihre
Koepfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu meckern vor Freude,
und Heidi rief alle nacheinander beim Namen, und alle rannten wie
wild durcheinander und draengten sich zu ihm heran; der ungeduldige
Distelfink sprang hoch auf und ueber zwei Geissen weg, um gleich in
die Naehe zu kommen, und sogar das schuechterne Schneehoeppli draengte
mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den grossen Tuerk auf die
Seite, der nun ganz verwundert ueber die Frechheit dastand und
seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass er es sei.

Heidi war ausser sich vor Freude, alle die alten Gefaehrten wieder zu
haben; es umarmte das kleine, zaertliche Schneehoeppli wieder und
wieder und streichelte den stuermischen Distelfink und wurde vor
grosser Liebe und Zutraulichkeit der Geissen hin und her gedraengt und
geschoben, bis es nun ganz in Peters Naehe kam, der noch immer auf
demselben Platze stand.

"Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!", rief ihm
Heidi jetzt zu.

"Bist denn wieder da?", brachte er nun endlich in seinem Erstaunen
heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm
schon lange hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer
getan hatte bei der Heimkehr am Abend: "Kommst morgen wieder mit?"

"Nein, morgen nicht, aber uebermorgen vielleicht, denn morgen muss
ich zur Grossmutter."

"Es ist recht, dass du wieder da bist", sagte der Peter und verzog
sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergnuegen, dann
schickte er sich zur Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so
schwer wie noch nie mit seinen Geissen, denn als er sie endlich mit
Locken und Drohen so weit gebracht hatte, dass sie sich um ihn
sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwaenlis und den andern um
Baerlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einem Male alle
wieder um und liefen den dreien nach.  Heidi musste mit seinen zwei
Geissen in den Stall eintreten und die Tuer zumachen, sonst waere der
Peter niemals mit seiner Herde fortgekommen.  Als das Kind dann in
die Huette zurueckkam, da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet,
praechtig hoch und duftend, denn das Heu war noch nicht lange
hereingeholt, und darueber hatte der Grossvater ganz sorgfaeltig die
sauberen Leintuecher gebreitet.  Heidi legte sich mit grosser Lust
hinein und schlief so herrlich, wie es ein ganzes Jahr lang nicht
geschlafen hatte.  Waehrend der Nacht verliess der Grossvater wohl
zehnmal sein Lager und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam,
ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und suchte am Loch
nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das Heu
noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun
an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen.  Aber Heidi
schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt herum, denn
sein grosses, brennendes Verlangen war gestillt worden: Es hatte
alle Berge und Felsen wieder im Abendgluehen gesehen, es hatte die
Tannen rauschen gehoert, es war wieder daheim auf der Alm.




Am Sonntag, wenn's laeutet

Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Grossvater,
der mitgehen und den Koffer vom Doerfli heraufholen wollte, waehrend
es bei der Grossmutter waere.  Das Kind konnte es fast nicht erwarten,
die Grossmutter wieder zu sehen und zu hoeren, wie ihr die Broetchen
geschmeckt hatten, und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht lang,
denn es konnte ja nicht genug die heimatlichen Toene von dem
Tannenrauschen ueber ihm und das Duften und Leuchten der gruenen
Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken.

Jetzt trat der Grossvater aus der Huette, schaute noch einmal rings
um sich und sagte dann mit zufriedenem Ton: "So, nun koennen wir
gehen."

Denn es war Sonnabend heut, und an dem Tage machte der Alm-Oehi
alles sauber und in Ordnung in der Huette, im Stall und ringsherum,
das war seine Gewohnheit, und heut hatte er den Morgen dazu
genommen, um gleich nachmittags mit Heidi ausziehen zu koennen, und
so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit aus.
Bei der Geissenpeter-Huette trennten sie sich, und Heidi sprang
hinein.  Schon hatte die Grossmutter seinen Schritt gehoert und rief
ihm liebevoll entgegen: "Kommst du, Kind?  Kommst du wieder?"

Dann erfasste sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer
noch fuerchtete sie, das Kind koennte ihr wieder entrissen werden.
Und nun musste die Grossmutter erzaehlen, wie die Broetchen geschmeckt
haetten, und sie sagte, sie habe sich so daran erlabt, dass sie
meine, sie sei heute viel kraeftiger als lang nicht mehr, und Peters
Mutter fuegte hinzu, die Grossmutter habe vor lauter Sorge, sie werde
zu bald fertig damit, nur ein einziges Broetchen essen wollen,
gestern und heut zusammen, und sie kaeme gewiss noch ziemlich zu
Kraeften, wenn sie so acht Tage lang hintereinander jeden Tage eines
essen wollte.  Heidi hoerte der Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und
blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich.  Nun hatte es seinen
Weg gefunden.  "Ich weiss schon, was ich mache, Grossmutter", sagte
es in freudigem Eifer; "ich schreibe der Klara einen Brief und dann
schickt sie mir gewiss noch einmal so viel Broetchen, wie da sind,
oder zweimal, denn ich hatte schon einen grossen Haufen ganz gleiche
im Kasten, und als man mir sie weggenommen hatte, sagte Klara, sie
gebe mir gerade so viele wieder, und das tut sie schon."

"Ach Gott", sagte die Brigitte, "das ist eine gute Meinung; aber
denk, sie werden auch hart.  Wenn man nur hier und da einen uebrigen
Batzen haette, der Baecker unten im Doerfli macht auch solche, aber
ich vermag kaum das schwarze Brot zu bezahlen."

Jetzt schoss ein heller Freudenstrahl ueber Heidis Gesicht: "Oh, ich
habe furchtbar viel Geld, Grossmutter", rief es jubelnd aus und
huepfte vor Freuden in die Hoehe, "jetzt weiss ich, was ich damit
mache!  Alle, alle Tage musst du ein neues Broetchen haben und am
Sonntage zwei, und der Peter kann sie heraufbringen vom Doerfli."

"Nein, nein, Kind!", wehrte die Grossmutter; "das kann nicht sein,
das Geld hast du nicht dazu bekommen, du musst es dem Grossvater
geben, er sagt dir dann schon, was du damit machen musst."

Aber Heidi liess sich nicht stoeren in seiner Freude, es jauchzte und
huepfte in der Stube herum und rief ein Mal uebers andere: "Jetzt
kann die Grossmutter jeden Tag ein Broetchen essen und wird wieder
ganz kraeftig, und--oh, Grossmutter", rief es mit neuem Jubel, "wenn
du dann so gesund wirst, so wird es dir gewiss auch wieder hell, es
ist vielleicht nur, weil du so schwach bist."

Die Grossmutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude nicht
trueben.  Bei seinem Herumhuepfen fiel dem Heidi auf einmal das alte
Liederbuch der Grossmutter in die Augen, und es kam ihm ein neuer
freudiger Gedanke: "Grossmutter, jetzt kann ich auch ganz gut lesen;
soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch?"

"O ja", bat die Grossmutter freudig ueberrascht; "kannst du das auch
wirklich, Kind, kannst du das?"

Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer
dicken Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberuehrt
gelegen da oben; nun wischte es Heidi sauber ab, setzte sich damit
auf seinen Schemel zur Grossmutter hin und fragte, was es nun lesen
solle.

"Was du willst, Kind, was du willst", und mit gespannter Erwartung
sass die Grossmutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich
geschoben.

Heidi blaetterte und las leise hier und da eine Linie: "jetzt kommt
etwas von der Sonne, das will ich dir lesen, Grossmutter." Und Heidi
begann und wurde selbst immer eifriger und immer waermer, waehrend es
las:
"Die gueldne Sonne Voll
Freud und Wonne
Bringt unsern Grenzen
Mit ihrem Glaenzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht.

Mein Haupt und Glieder
Die lagen darnieder;
Aber nun steh ich,
Bin munter und froehlich,
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Mein Auge schauet,
Was Gott gebauet
Zu seinen Ehren,
Und uns zu lehren,
Wie sein Vermoegen sei maechtig und gross.

Und wo die Frommen
Dann sollen hinkommen,
Wenn sie mit Frieden
Von hinnen geschieden
Aus dieser Erde vergaenglichem Schoss.

Alles vergehet,
Gott aber stehet
Ohn alles Wanken,
Seine Gedanken,
Sein Wort und Wille hat ewigen Grund.

Sein Heil und Gnaden
Die nehmen nicht Schaden,
Heilen im Herzen,
Die toedlichen Schmerzen,
Halten uns zeitlich und ewig gesund.

Kreuz und Elende--
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwuenschtes Gesicht.

Freude die Fuelle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'."


Die Grossmutter sass still da mit gefalteten Haenden, und ein Ausdruck
unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte,
lag auf ihrem Gesicht, obschon ihr die Traenen die Wangen
herabliefen.  Als Heidi schwieg, bat sie mit Verlangen: "Oh, noch
einmal, Heidi, lass es mich noch einmal hoeren:

'Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende'--"

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und
Verlangen:

"Kreuz und Elende--
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonne erwuenschtes Gesicht.

Freude die Fuelle
Und selige Stille
Darf ich erwarten
Im himmlischen Garten,
Dahin sind meine Gedanken gericht'."


"O Heidi, das macht hell!  Das macht so hell im Herzen!  Oh, wie
hast du mir wohl gemacht, Heidi!"

Ein Mal ums andere sagte die Grossmutter die Worte der Freude, und
Heidi strahlte vor Glueck und musste sie nur immer ansehen, denn so
hatte es die Grossmutter nie gesehen.  Sie hatte gar nicht mehr das
alte truebselige Gesicht, sondern schaute so freudig und dankend auf,
als saehe sie schon mit neuen, hellen Augen in den schoenen
himmlischen Garten hinein.

Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Grossvater draussen,
der ihm winkte, mit heimzukommen.  Es folgte schnell, aber nicht
ohne die Grossmutter zu versichern, morgen komme es wieder, und auch
wenn es mit Peter auf die Weide gehe, so komme es doch im halben
Tag zurueck; denn dass es der Grossmutter wieder hell machen konnte
und sie wieder froehlich wurde, das war nun fuer Heidi das
allergroesste Glueck, das es kannte, noch viel groesser, als auf der
sonnigen Weide und bei den Blumen und Geissen zu sein.  Die Brigitte
lief dem Heidi unter die Tuer nach mit Rock und Hut, dass es seine
Habe mitnehme.  Den Rock nahm es auf den Arm, denn der Grossvater
kenne es jetzt schon, dachte es bei sich; aber den Hut wies es
hartnaeckig zurueck, die Brigitte sollte ihn nur behalten, es setze
ihn nie, nie mehr auf den Kopf.  Heidi war so erfuellt von seinen
Erlebnissen, dass es gleich dem Grossvater alles erzaehlen musste,
was ihm das Herz erfreute, dass man die weissen Broetchen auch unten
im Doerfli fuer die Grossmutter holen koenne, wenn man nur Geld habe,
und dass es der Grossmutter auf einmal so hell und wohl geworden war,
und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte, kehrte es
wieder zum Ersten zurueck und sagte ganz zuversichtlich: "Gelt,
Grossvater, wenn die Grossmuttter schon nicht will, so gibst du mir
doch alles Geld in der Rolle, dass ich dem Peter jeden Tag ein
Stueck geben kann zu einem Broetchen und am Sonntag zwei?"

"Aber das Bett, Heidi?", sagte der Grossvater; "ein rechtes Bett fuer
dich waere gut, und nachher bleibt schon noch fuer manches Broetchen."

Aber Heidi liess dem Grossvater keine Ruhe und bewies ihm, dass es
auf seinem Heubett viel besser schlafe, als es jemals in seinem
Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und bat so eindringlich
und unablaessig, dass der Grossvater zuletzt sagte: "Das Geld ist
dein, mach, was dich freut; du kannst der Grossmutter manches Jahr
lang Brot holen dafuer."

Heidi jauchzte auf: "O juhe!  Nun muss die Grossmutter gar nie mehr
hartes, schwarzes Brot essen, und, o Grossvater!  Nun ist doch alles
so schoen wie noch gar nie, seit wir leben!", und Heidi huepfte hoch
auf an der Hand des Grossvaters und jauchzte in die Luft hinauf wie
die froehlichen Voegel des Himmels.  Aber auf einmal wurde es ganz
ernsthaft und sagte: "Oh, wenn nun der liebe Gott gleich auf der
Stelle getan haette, was ich so stark erbetete, dann waere doch alles
nicht so geworden, ich waere nur gleich wieder heimgekommen und
haette der Grossmutter nur wenige Broetchen gebracht und haette ihr
nicht lesen koennen, was ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte
schon alles ausgedacht, so viel schoener, als ich es wusste; die
Grossmama hat es mir gesagt, und nun ist alles so gekommen.  Oh, wie
bin ich froh, dass der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und
jammerte!  Aber jetzt will ich immer so beten, wie die Grossmama
sagte, und dem lieben Gott immer danken, und wenn er etwas nicht
tut, das ich erbeten will, dann will ich gleich denken: Es geht
gewiss wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiss etwas
viel Besseres aus.  Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt
Grossvater, und wir wollen es nie mehr vergessen, damit der liebe
Gott uns auch nicht vergisst."

"Und wenn's einer doch taete?", murmelte der Grossvater.

"Oh, dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann
auch und laesst ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht
geht und er jammert, so hat kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern
alle sagen nur: Er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen, nun
laesst ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen koennte."

"Das ist wahr, Heidi, woher weisst du das?"

"Von der Grossmama, sie hat mir alles erklaert."

Der Grossvater ging eine Weile schweigend weiter.  Dann sagte er,
seine Gedanken verfolgend, vor sich hin: "Und wenn's einmal so ist,
dann ist es so; zurueck kann keiner, und wen der Herrgott vergessen
hat, den hat er vergessen."

"O nein, Grossvater, zurueck kann einer, das weiss ich auch von der
Grossmama, und dann geht es so wie in der schoenen Geschichte in
meinem Buch, aber die weisst du nicht; jetzt sind wir aber gleich
daheim, und dann wirst du schon erfahren, wie schoen die Geschichte
ist."

Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte
Steigung hinan, und kaum waren sie oben angelangt, als es des
Grossvaters Hand losliess und in die Huette hineinrannte.  Der
Grossvater nahm den Korb von seinem Ruecken, in den er die Haelfte der
Sachen aus dem Koffer hineingestossen hatte, denn den ganzen Koffer
heraufzubringen waere ihm zu schwer gewesen.  Dann setzte er sich
nachdenklich auf die Bank nieder.  Heidi kam wieder herbeigerannt,
sein grosses Buch unter dem Arm: "Oh, das ist recht, Grossvater, dass
du schon dasitzt", und mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und
hatte schon seine Geschichte aufgeschlagen, denn die hatte es schon
so oft und immer wieder gelesen, dass das Buch von selbst aufging
an dieser Stelle.  Jetzt las Heidi mit grosser Teilnahme von dem
Sohne, der es gut hatte daheim, wo draussen auf des Vaters Feldern
die schoenen Kuehe und Schaeflein weideten und er in einem schoenen
Maentelchen, auf seinen Hirtenstab gestuetzt, bei ihnen auf der Weide
stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es alles auf dem
Bilde zu sehen war.  "Aber auf einmal wollte er sein Hab und Gut
fuer sich haben und sein eigener Meister sein und forderte es dem
Vater ab und lief fort damit und verprasste alles.  Und als er gar
nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei einem
Bauer, der hatte aber nicht so schoene Tiere, wie auf seines Vaters
Feldern waren, sondern nur Schweinlein; diese musste er hueten, und
er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern,
welche die Schweinchen assen, ein klein wenig.  Da dachte er daran,
wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm
gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte,
und er musste weinen vor Reue und Heimweh.  Und er dachte: '
Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm
sagen, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen, aber lass mich
nur dein Tageloehner bei dir sein.' Und wie er von ferne gegen
das Haus seines Vaters kam, da sah ihn der Vater und kam
herausgelaufen--was meinst du jetzt, Grossvater?", unterbrach sich
Heidi in seinem Vorlesen; "jetzt meinst du, der Vater sei noch boese
und sage zu ihm: 'Ich habe dir's ja gesagt!'?  Jetzt
hoer nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn und
lief und fiel ihm um den Hals und kuesste ihn, und der Sohn sprach
zu ihm: 'Vater, ich habe gesuendigt gegen den Himmel und vor
dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen.' Aber der
Vater sprach zu seinen Knechten: 'Bringt das beste Kleid her
und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und
Schuhe an die Fuesse, und bringt das gemaestete Kalb her und
schlachtet es und lasst uns essen und froehlich sein, denn dieser
mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war
verloren und ist wieder gefunden worden.' Und sie fingen an,
froehlich zu sein."

"Ist denn das nicht eine schoene Geschichte, Grossvater?", fragte
Heidi, als dieser immer noch schweigend dasass und es doch erwartet
hatte, er werde sich freuen und verwundern.

"Doch, Heidi, die Geschichte ist schoen", sagte der Grossvater; aber
sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und
seine Bilder ansah.  Leise schob es noch einmal sein Buch vor den
Grossvater hin und sagte: "Sieh, wie es ihm wohl ist", und zeigte
mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im
frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehoert als
sein Sohn.

Ein paar Stunden spaeter, als Heidi laengst im tiefen Schlafe lag,
stieg der Grossvater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein
Laempchen neben Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das
schlafende Kind fiel.  Es lag da mit gefalteten Haenden, denn zu
beten hatte Heidi nicht vergessen.  Auf seinem rosigen Gesichtchen
lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem
Grossvater reden musste, denn lange, lange stand er da und ruehrte
sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab.
Jetzt faltete auch er die Haende, und halblaut sagte er mit
gesenktem Haupte: "Vater, ich habe gesuendigt gegen den Himmel und
vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen!" Und ein paar
grosse Traenen rollten dem Alten die Wangen herab.--

Wenige Stunden nachher in der ersten Fruehe des Tages stand der Alm-
Oehi vor seiner Huette und schaute mit hellen Augen um sich.  Der
Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete ueber Berg und Tal.  Einzelne
Fruehglocken toenten aus den Taelern herauf, und oben in den Tannen
sangen die Voegel ihre Morgenlieder.

Jetzt trat der Grossvater in die Huette zurueck.  "Komm, Heidi!", rief
er auf den Boden hinauf.  "Die Sonne ist da!  Zieh ein gutes
Roecklein an, wir wollen in die Kirche miteinander!"

Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Grossvater,
dem musste es schnell folgen.  In kurzer Zeit kam es
heruntergesprungen in seinem schmucken Frankfurter Roeckchen.  Aber
voller Erstaunen blieb Heidi vor seinem Grossvater stehen und
schaute ihn an.  "O Grossvater, so hab ich dich nie gesehen", brach
es endlich aus, "und den Rock mit den silbernen Knoepfen hast du
noch gar nicht getragen, oh, du bist so schoen in deinem schoenen
Sonntagsrock."

Der Alte blickte vergnueglich laechelnd auf das Kind und sagte: "Und
du in dem deinen; jetzt komm!" Er nahm Heidis Hand in die seine,
und so wanderten sie miteinander den Berg hinunter.  Von allen
Seiten toenten jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller
und reicher, je weiter sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzuecken
und sagte: "Hoerst du's, Grossvater?  Es ist wie ein grosses, grosses
Fest."

Unten im Doerfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen
eben zu singen an, als der Grossvater mit Heidi eintrat und ganz
hinten auf der letzten Bank sich niedersetzte.  Aber mitten im
Singen stiess der zunaechst Sitzende seinen Nachbar mit dem
Ellenbogen an und sagte: "Hast du das gesehen?  Der Alm-Oehi ist in
der Kirche!"

Und der Angestossene stiess den Zweiten an und so fort, und in
kuerzester Zeit fluesterte es an allen Ecken: "Der Alm-Oehi!  Der Alm-
Oehi!", und die Frauen mussten fast alle einen Augenblick den Kopf
umdrehen, und die meisten fielen ein wenig aus der Melodie, so dass
der Vorsaenger die groesste Muehe hatte, den Gesang schoen
aufrechtzuerhalten.  Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu
predigen, ging die Zerstreutheit ganz vorueber, denn es war ein so
warmes Loben und Danken in seinen Worten, dass alle Zuhoerer davon
ergriffen wurden, und es war, als sei ihnen allen eine grosse Freude
widerfahren.  Als der Gottesdienst zu Ende war, trat der Alm-Oehi
mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu, und
alle, die mit ihm heraustraten und die schon draussen standen,
schauten ihm nach, und die meisten gingen hinter ihm her, um zu
sehen, ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete, was er tat.  Dann
sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in grosser
Aufregung das Unerhoerte, dass der Alm-Oehi in der Kirche erschienen
war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustuer, wie der
Oehi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader oder im
Frieden mit dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was
den Alten heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei.
Aber doch war schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten, und
einer sagte zum andern: "Es wird wohl mit dem Alm-Oehi nicht so boes
sein, wie man tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er das
Kleine an der Hand haelt." Und der andere sagte: "Das hab ich ja
immer gesagt, und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er
so bodenschlecht waere, sonst muesste er sich ja fuerchten; man
uebertreibt auch viel." Und der Baecker sagte: "Hab ich das nicht
zuallererst gesagt?  Seit wann laeuft denn ein kleines Kind, das zu
essen und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus
alledem weg und heim zu einem Grossvater, wenn der boes und wild ist
und es sich zu fuerchten hat vor ihm?" Und es kam eine ganz
liebevolle Stimmung gegen den Alm-Oehi auf und nahm ueberhand, denn
jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und diese hatten so
manches von der Geissenpeterin und der Grossmutter gehoert, das den
Alm-Oehi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war, und
das ihnen jetzt auf einmal glaublich schien, dass es mehr und mehr
so wurde, als warteten sie alle da, um einen alten Freund zu
bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte.

Der Alm-Oehi war unterdessen an die Tuer der Studierstube getreten
und hatte angeklopft.  Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem
Eintretenden entgegen, nicht ueberrascht, wie er wohl haette sein
koennen, sondern so, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte
Erscheinung in der Kirche musste ihm nicht entgangen sein.  Er
ergriff die Hand des Alten und schuettelte sie wiederholt mit der
groessten Herzlichkeit, und der Alm-Oehi stand schweigend da und
konnte erst kein Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen
Empfang war er nicht vorbereitet.  Jetzt fasste er sich und sagte:
"Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu bitten, dass er mir die Worte
vergessen moechte, die ich zu ihm auf der Alm geredet habe, und dass
er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerspenstig war gegen
seinen wohlmeinenden Rat.  Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht
gehabt und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt seinem Rate
folgen und auf den Winter wieder ein Quartier im Doerfli beziehen,
denn die harte Jahreszeit ist nichts fuer das Kind dort oben, es ist
zu zart, und wenn auch dann die Leute hier unten mich von der Seite
ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so habe ich es
nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun."

Die freundlichen Augen des Pfarrers glaenzten vor Freude.  Er nahm
noch einmal des Alten Hand und drueckte sie in der seinen und sagte
mit Ruehrung: "Nachbar, Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch
eh Ihr in die meinige herunterkamt; des freu ich mich, und dass Ihr
wieder zu uns kommen und mit uns leben wollt, soll Euch nicht
gereuen, bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar alle
Zeit willkommen sein, und ich gedenke manches Winterabendstuendchen
froehlich mit Euch zu verbringen, denn Eure Gesellschaft ist mir
lieb und wert, und fuer das Kleine wollen wir auch gute Freunde
finden." Und der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf
Heidis Krauskopf und nahm es bei der Hand und fuehrte es hinaus,
indem er den Grossvater fortbegleitete, und erst draussen vor der
Haustuer nahm er Abschied, und nun konnten alle die herumstehenden
Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-Oehi die Hand immer noch
einmal schuettelte, gerade als waere das sein bester Freund, von dem
er sich fast nicht trennen koennte.  Kaum hatte dann auch die Tuer
sich hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so draengte die ganze
Versammlung dem Alm-Oehi entgegen, und jeder wollte der Erste sein,
und so viele Haende wurden miteinander dem Herankommenden
entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst
ergreifen, und einer rief ihm zu: "Das freut mich!  Das freut mich,
Oehi, dass Ihr auch wieder einmal zu uns kommt!", und ein anderer:
"Ich haette auch schon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch
geredet, Oehi!" Und so toente und draengte es von allen Seiten, und
wie nun der Oehi auf alle die freundlichen Begruessungen erwiderte, er
gedenke, sein altes Quartier im Doerfli wieder zu beziehen und den
Winter mit den alten Bekannten zu verleben, da gab es erst einen
rechten Laerm, und es war gerade so, wie wenn der Alm-Oehi die
beliebteste Persoenlichkeit im ganzen Doerfli waere, die jeder mit
Nachteil entbehrt hatte.  Noch weit an die Alm hinauf wurden
Grossvater und Kind von den meisten begleitet, und beim Abschied
wollte jeder die Versicherung haben, dass der Alm-Oehi bald einmal
bei ihm vorspreche, wenn er wieder herunterkomme; und wie nun die
Leute den Berg hinab zurueckkehrten, blieb der Alte stehen und
schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein so warmes
Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus.  Heidi
schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: "Grossvater,
heut wirst du immer schoener, so warst du noch gar nie."

"Meinst du?", laechelte der Grossvater.  "Ja, und siehst du, Heidi,
mir geht's auch heut ueber Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott
und Menschen im Frieden stehen, das macht einem so wohl!  Der liebe
Gott hat's gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alm schickte."

Bei der Geissenpeter-Huette angekommen, machte der Grossvater gleich
die Tuer auf und trat ein.  "Gruess Gott, Grossmutter", rief er hinein;
"ich denke, wir muessen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der
Herbstwind kommt."

"Du mein Gott, das ist der Oehi!", rief die Grossmutter voll
freudiger Ueberraschung aus.  "Dass ich das noch erlebe!  Dass ich
Euch noch einmal danken kann fuer alles, das Ihr fuer uns getan habt,
Oehi!  Vergelt's Gott!  Vergelt's Gott!"

Und mit zitternder Freude streckte die alte Grossmutter ihre Hand
aus, und als der Angeredete sie herzlich schuettelte, fuhr sie fort,
indem sie die seinige fest hielt: "Und eine Bitte hab ich auch noch
auf dem Herzen, Oehi: Wenn ich Euch je etwas zuleid getan habe, so
straft mich nicht damit, dass Ihr noch einmal das Heidi fortlasst,
bevor ich unten bei der Kirche liege.  Oh, Ihr wisst nicht, was mir
das Kind ist!", und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte
sich schon an sie geschmiegt.

"Keine Sorge, Grossmutter", beruhigte der Oehi; "damit will ich weder
Euch noch mich strafen.  Jetzt bleiben wir alle beieinander und,
will's Gott, noch lange so."

Jetzt zog die Brigitte den Oehi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke
hinein und zeigte ihm das schoene Federnhuetchen und erzaehlte ihm,
wie es sich damit verhalte, und dass sie ja natuerlich so etwas
einem Kinde nicht abnehme.

Aber der Grossvater sah ganz wohlgefaellig auf sein Heidi hin und
sagte: "Der Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf
tun will, so hat es Recht, und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn
nur."

Die Brigitte war hoechlich erfreut ueber das unerwartete Urteil.  "Er
ist gewiss mehr als zehn Franken wert, seht nur!", und in ihrer
Freude streckte sie das Huetchen hoch auf.  "Was aber auch dieses
Heidi fuer einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat!  Ich habe
schon manchmal denken muessen, ob ich nicht den Peterli auch ein
wenig nach Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, Oehi?"

Dem Oehi schoss es ganz lustig aus den Augen.  Er meinte, es koennte
dem Peterli nichts schaden; aber er wuerde doch eine gute
Gelegenheit dazu abwarten.

Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tuer herein, nachdem er zuerst
mit dem Kopf so fest dagegen gerannt war, dass alles erklirrte
davon; er musste pressiert sein.  Atemlos und keuchend stand er nun
mitten in der Stube still und streckte einen Brief aus.  Das war
auch ein Ereignis, das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit
einer Aufschrift an das Heidi, den man ihm auf der Post im Doerfli
uebergeben hatte.  Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den
Tisch herum, und Heidi machte seinen Brief auf und las ihn laut und
ohne Anstoss vor.  Der Brief war von der Klara Sesemann geschrieben.
Sie erzaehlte Heidi, dass es seit seiner Abreise so langweilig
geworden sei in ihrem Hause, sie es nicht lang hintereinander so
aushalten koenne und so lange den Vater gebeten habe, bis er die
Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgestellt
habe, und die Grossmama wolle auch mitkommen, denn sie wolle auch
das Heidi und den Grossvater besuchen auf der Alm.  Und weiter liess
die Grossmama noch dem Heidi sagen, es habe Recht getan, dass es der
alten Grossmutter die Broetchen habe mitbringen wollen, und damit sie
diese nicht trocken essen muesse, komme gleich der Kaffee noch dazu,
er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der Alm komme,
so muesse das Heidi sie auch zur Grossmutter fuehren.

Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung ueber diese
Nachrichten und so viel zu reden und zu fragen, da die grosse
Erwartung alle gleich betraf, dass selbst der Grossvater nicht
bemerkte, wie spaet es schon war, und so vergnuegt und froehlich waren
sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr
in der Freude ueber das Zusammensein an dem heutigen, dass die
Grossmutter zuletzt sagte: "Das Schoenste ist doch, wenn so ein alter
Freund kommt und uns wieder die Hand gibt, so wie vor langer Zeit;
das gibt so ein troestliches Gefuehl ins Herz, dass wir einmal alles
wieder finden, was uns lieb ist.  Ihr kommt doch bald wieder, Oehi,
und das Kind morgen schon?"

Das wurde der Grossmutter in die Hand hinein versprochen; nun aber
war es Zeit zum Aufbruch, und der Grossvater wanderte mit Heidi die
Alm hinan, und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern
sie heruntergerufen hatten, so begleitete nun aus dem Tale herauf
das friedliche Gelaeut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen
Almhuette, die ganz sonntaeglich im Abendschimmer ihnen
entgegenglaenzte.

Wenn aber die Grossmama kommt im Herbst, dann gibt es gewiss noch
manche neue Freude und Ueberraschung fuer das Heidi wie fuer die
Grossmutter, und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den
Heuboden hinauf, denn wo die Grossmama hintritt, da kommen alle
Dinge bald in die erwuenschte Ordnung und Richtigkeit, nach aussen
wie nach innen.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Heidis Lehr- und Wanderjahre,
von Johanna Spyri.





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