The Project Gutenberg EBook of Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri

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Title: Heidis Lehr- und Wanderjahre

Author: Johanna Spyri

Posting Date: September 1, 2014 [EBook #7511]
Release Date: February, 2005
First Posted: May 12, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE ***




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Johanna Spyri

Heidis Lehr- und Wanderjahre




Inhalt

Zum Alm-hi hinauf

Beim Grovater

Auf der Weide

Bei der Gromutter

Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat

Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge

Frulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Im Hause Sesemann geht's unruhig zu

Der Hausherr hrt allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehrt hat

Eine Gromama

Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab

Im Hause Sesemann spukt's

Am Sommerabend die Alm hinan

Am Sonntag, wenn's lutet



Zum Alm-hi hinauf

Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fhrt ein Fuweg durch grne,
baumreiche Fluren bis zum Fue der Hhen, die von dieser Seite gro
und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fuweg anfngt, beginnt
bald Heideland mit dem kurzen Gras und den krftigen Bergkrutern dem
Kommenden entgegenzuduften, denn der Fuweg geht steil und direkt zu
den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein
groes, krftig aussehendes Mdchen dieses Berglandes hinan, ein Kind
an der Hand fhrend, dessen Wangen so glhend waren, dass sie selbst
die sonnverbrannte, vllig braune Haut des Kindes flammend rot
durchleuchteten. Es war auch kein Wunder: Das Kind war trotz der
heien Junisonne so verpackt, als htte es sich eines bitteren Frostes
zu erwehren. Das kleine Mdchen mochte kaum fnf Jahre zhlen; was
aber seine natrliche Gestalt war, konnte man nicht ersehen, denn es
hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei Kleider bereinander angezogen
und drberhin ein groes, rotes Baumwolltuch um und um gebunden, so
dass die kleine Person eine vllig formlose Figur darstellte, die, in
zwei schwere, mit Ngeln beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich hei
und mhsam den Berg hinaufarbeitete. Eine Stunde vom Tal aufwrts
mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der
auf halber Hhe der Alm liegt und >im Drfli< heit. Hier wurden die
Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster,
einmal von einer Haustr und einmal vom Wege her, denn das Mdchen war
in seinem Heimatort angelangt. Es machte aber nirgends Halt, sondern
erwiderte alle zugerufenen Gre und Fragen im Vorbeigehen, ohne still
zu stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der zerstreuten
Huschen angelangt war. Hier rief es aus einer Tr: Wart einen
Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter hinaufgehst.

Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand
los und setzte sich auf den Boden.

Bist du mde, Heidi?, fragte die Begleiterin.

Nein, es ist mir hei߫, entgegnete das Kind.

Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig
anstrengen und groe Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde
oben, ermunterte die Gefhrtin.

Jetzt trat eine breite gutmtig aussehende Frau aus der Tr und
gesellte sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte
nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes
Gesprch gerieten ber allerlei Bewohner des >Drfli< und vieler
umherliegender Behausungen.

Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?, fragte jetzt
die neu Hinzugekommene. Es wird wohl deiner Schwester Kind sein, das
hinterlassene.

Das ist es, erwiderte Dete, ich will mit ihm hinauf zum hi, es
muss dort bleiben.

Was, beim Alm-hi soll das Kind bleiben? Du bist, denk ich, nicht
recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird
dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!

Das kann er nicht, er ist der Grovater, er muss etwas tun, ich habe
das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel,
dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten
lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grovater das Seinige tun.

Ja, wenn der wre wie andere Leute, dann schon, besttigte die
kleine Barbel eifrig; aber du kennst ja den. Was wird der mit einem
Kinde anfangen und dann noch einem so kleinen! Das hlt's nicht aus
bei ihm! Aber wo willst du denn hin?

Nach Frankfurt, erklrte Dete, da bekomm ich einen extraguten
Dienst. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad, ich
habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und schon
damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht fortkommen,
und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen, und ich will
auch gehen, da kannst du sicher sein.

Ich mchte nicht das Kind sein!, rief die Barbel mit abwehrender
Gebrde aus. Es wei ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben ist!
Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus, jahrein setzt
er keinen Fu in eine Kirche, und wenn er mit seinem dicken Stock im
Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus und muss sich vor
ihm frchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen und dem furchtbaren
Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer, dass man froh
ist, wenn man ihm nicht allein begegnet.

Und wenn auch, sagte Dete trotzig, er ist der Grovater und muss
fr das Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu
verantworten, nicht ich.

Ich mchte nur wissen, sagte die Barbel forschend, was der Alte auf
dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein
da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken lsst. Man sagt
allerhand von ihm; du weit doch gewiss auch etwas davon, von deiner
Schwester, nicht, Dete?

Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hrte, so kme ich schn
an!

Aber die Barbel htte schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem
Alm-hi verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben
ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm
redeten, als frchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten doch
nicht fr ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht, warum der Alte
von allen Leuten im Drfli der Alm-hi genannt wurde, er konnte doch
nicht der wirkliche Oheim von den smtlichen Bewohnern sein; da aber
alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Alten nie anders
als hi, was die Aussprache der Gegend fr Oheim ist. Die Barbel hatte
sich erst vor kurzer Zeit nach dem Drfli hinauf verheiratet, vorher
hatte sie unten im Prttigau gewohnt, und so war sie noch nicht so
ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persnlichkeiten
aller Zeiten vom Drfli und der Umgegend. Die Dete, ihre gute
Bekannte, war dagegen vom Drfli gebrtig und hatte da gelebt mit
ihrer Mutter bis vor einem Jahr; da war diese gestorben, und die Dete
war nach dem Bade Ragaz hinbergezogen, wo sie im groen Hotel als
Zimmermdchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem
Morgen mit dem Kinde von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie
auf einem Heuwagen fahren knnen, auf dem ein Bekannter von ihr
heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. - Die Barbel wollte also
diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt
vorbeigehen lassen; sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte:
Von dir kann man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute
darber hinaus sagen; du weit, denk ich, die ganze Geschichte.
Sag mir jetzt ein wenig, was mit dem Alten ist und ob der immer so
gefrchtet und ein solcher Menschenhasser war.

Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht przis wissen, ich bin
jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab ich ihn
nicht gesehen, wie er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich
aber wsste, dass es nachher nicht im ganzen Prttigau herumkme, so
knnte ich dir schon allerhand erzhlen von ihm; meine Mutter war aus
dem Domleschg und er auch.

A bah, Dete, was meinst denn?, gab die Barbel ein wenig beleidigt
zurck; es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prttigau, und
dann kann ich schon etwas fr mich behalten, wenn es sein muss. Erzhl
mir's jetzt, es muss dich nicht gereuen.

Ja nu, so will ich, aber halt Wort!, mahnte die Dete. Erst sah sie
sich aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhre, was sie
sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen, es musste schon
seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein,
diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt. Dete
stand still und schaute sich berall um. Der Fuweg machte einige
Krmmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Drfli hinunter
bersehen, es war aber niemand darauf sichtbar.

Jetzt seh ich's, erklrte die Barbel; siehst du dort?, und sie
wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad. Es klettert die Abhnge
hinauf mit dem Geienpeter und seinen Geien. Warum der heut so spt
hinauffhrt mit seinen Tieren? Es ist aber gerad recht, er kann nun zu
dem Kinde sehen, und du kannst mir umso besser erzhlen.

Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen,
bemerkte die Dete; es ist nicht dumm fr seine fnf Jahre, es tut
seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt an
ihm, und es wird ihm einmal zugut kommen, denn der Alte hat gar nichts
mehr als seine zwei Geien und die Almhtte.

Hat er denn einmal mehr gehabt?, fragte die Barbel.

Der? Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat, entgegnete
eifrig die Dete; eins der schnsten Bauerngter im Domleschg hat er
gehabt. Er war der ltere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der
war still und ordentlich. Aber der ltere wollte nichts tun, als den
Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit bsem Volk zu tun
haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt und
verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Mutter
hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der nun auch
am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die Welt hinaus, es wei kein
Mensch wohin, und der hi selber, als er nichts mehr hatte als einen
bsen Namen, ist auch verschwunden. Erst wusste niemand wohin, dann
vernahm man, er sei unter das Militr gegangen nach Neapel, und dann
hrte man nichts mehr von ihm zwlf oder fnfzehn Jahre lang. Dann
auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen
Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen.
Aber es schlossen sich alle Tren vor ihm, und keiner wollte mehr
etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg
setze er keinen Fu mehr, und dann kam er hierher ins Drfli und lebte
da mit dem Buben. Die Frau muss eine Bndnerin gewesen sein, die er
dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er musste
noch etwas Geld haben, denn er lie den Buben, den Tobias, ein
Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher Mensch und
wohlgelitten bei allen Leuten im Drfli. Aber dem Alten traute keiner,
man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es wre ihm sonst
schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen, natrlich nicht im
Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber
die Verwandtschaft, da meiner Mutter Gromutter mit seiner Gromutter
Geschwisterkind gewesen war. So nannten wir ihn hi, und da wir
fast mit allen Leuten im Drfli wieder verwandt sind vom Vater her,
so nannten ihn diese alle auch hi, und seit er dann auf die Alm
hinaufgezogen war, hie er eben nur noch der >Alm-hi<.

Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?, fragte gespannt die
Barbel.

Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen,
erklrte Dete. Also der Tobias war in der Lehre drauen in Mels, und
sowie er fertig war, kam er heim ins Drfli und nahm meine Schwester
zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer gern gehabt,
und auch wie sie nun verheiratet waren, konnten sie's sehr gut
zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre nachher, wie er
an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn herunter und schlug
ihn tot. Und wie man den Mann so entstellt nach Hause brachte, da fiel
die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte
sich nicht mehr erholen, sie war sonst nicht sehr krftig und hatte
manchmal so eigene Zustnde gehabt, dass man nicht recht wusste,
schlief sie oder war sie wach. Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias
tot war, begrub man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit
und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut
sagten sie, das sei die Strafe, die der hi verdient habe fr sein
gottloses Leben, und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr
Pfarrer redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Bue tun, aber
er wurde nur immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem
mehr, es ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hie es, der hi
sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und
seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. Das
kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich; es war
ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb und ich im
Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der
alten Ursel oben im Pffferserdorf in die Kost. Ich konnte auch im
Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nhen
und flicken verstehe, und frh im Frhling kam die Herrschaft aus
Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte und die mich
mitnehmen will; bermorgen reisen wir ab, und der Dienst ist gut, das
kann ich dir sagen.

Und dem Alten da droben willst du nun das Kind bergeben? Es nimmt
mich nur wunder, was du denkst, Dete, sagte die Barbel vorwurfsvoll.

Was meinst du denn?, gab Dete zurck. Ich habe das Meinige an dem
Kinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich
kann eines, das erst fnf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt
nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind ja schon
halbwegs auf der Alm?

Ich bin auch gleich da, wo ich hinmuss, entgegnete die Barbel; ich
habe mit der Geienpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter. So leb
wohl, Dete, mit Glck!

Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, whrend diese
der kleinen, dunkelbraunen Almhtte zuging, die einige Schritte
seitwrts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind
ziemlich geschtzt war. Die Htte stand auf der halben Hhe der Alm,
vom Drfli aus gerechnet, und dass sie in einer kleinen Vertiefung des
Berges stand, war gut, denn sie sah so baufllig und verfallen aus,
dass es auch so noch ein gefhrliches Darinwohnen sein musste, wenn
der Fhnwind so mchtig ber die Berge strich, dass alles an der Htte
klapperte, Tren und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten
und krachten. Htte die Htte an solchen Tagen oben auf der Alm
gestanden, sie wre unverzglich ins Tal hinabgeweht worden.

Hier wohnte der Geienpeter, der elfjhrige Bube, der jeden
Morgen unten im Drfli die Geien holte, um sie hoch auf die Alm
hinaufzutreiben, um sie da die kurzen krftigen Kruter fressen zu
lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfigen
Tierchen wieder herunter, tat, im Drfli angekommen, einen schrillen
Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Gei auf dem
Platz. Meistens kamen kleine Buben und Mdchen, denn die friedlichen
Geien waren nicht zu frchten, und das war denn den ganzen Sommer
durch die einzige Zeit am Tage, da der Peter mit seinesgleichen
verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geien. Er hatte zwar daheim
seine Mutter und die blinde Gromutter; aber da er immer am Morgen
sehr frh fortmusste und am Abend vom Drfli spt heimkam, weil er
sich da noch so lange als mglich mit den Kindern unterhalten musste,
so verbrachte er daheim nur gerade so viel Zeit, um am Morgen seine
Milch und Brot und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann
sich aufs Ohr zu legen und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon
der Geienpeter genannt worden war, weil er in frheren Jahren
in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim
Holzfllen verunglckt. Seine Mutter, die zwar Brigitte hie, wurde
von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geienpeterin genannt,
und die blinde Gromutter kannten weit und breit Alt und Jung nur
unter dem Namen Gromutter.

Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten
umgesehen, ob die Kinder mit den Geien noch nirgends zu sehen seien;
als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig hher,
wo sie besser die ganze Alm bis hinunter bersehen konnte, und guckte
nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit Zeichen groer Ungeduld
auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rckten die Kinder
auf einem groen Umwege heran, denn der Peter wusste viele Stellen, wo
allerhand Gutes an Struchern und Gebschen fr seine Geien zu nagen
war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem
Wege. Erst war das Kind mhsam nachgeklettert, in seiner schweren
Rstung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Krfte
anstrengend. Es sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den
Peter, der mit seinen nackten Fen und leichten Hschen ohne alle
Mhe hin und her sprang, bald auf die Geien, die mit den dnnen,
schlanken Beinchen noch leichter ber Busch und Stein und steile
Abhnge hinaufkletterten. Auf einmal setzte das Kind sich auf den
Boden nieder, zog mit groer Schnelligkeit Schuhe und Strmpfe
aus, stand wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte
sein Rckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins
auszuhkeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen ber
das Alltagszeug angezogen, um der Krze willen, damit niemand es
tragen msse. Blitzschnell war auch das Alltagsrcklein weg, und nun
stand das Kind im leichten Unterrckchen, die bloen Arme aus den
kurzen Hemdrmelchen vergnglich in die Luft hinausstreckend. Dann
legte es schn alles auf ein Hufchen, und nun sprang und kletterte
es hinter den Geien und neben dem Peter her, so leicht als nur eines
aus der ganzen Gesellschaft. Der Peter hatte nicht Acht gegeben, was
das Kind mache, als es zurckgeblieben war. Wie es nun in der neuen
Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze
Gesicht auseinander und schaute zurck, und wie er unten das Huflein
Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander,
und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber
nichts. Wie nun das Kind sich so frei und leicht fhlte, fing es ein
Gesprch mit dem Peter an, und er fing auch an zu reden und musste auf
vielerlei antworten, denn das Kind wollte wissen, wie viele Geien er
habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort tue, wo er hinkomme.
So langten endlich die Kinder samt den Geien oben bei der Htte
an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die
herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: Heidi,
was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den
zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft
auf den Berg und dir neue Strmpfe gemacht, und alles fort! Alles
fort! Heidi, was machst du, wo hast du alles?

Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: Dort! Die Base
folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein
roter Punkt, das musste das Halstuch sein.

Du Unglckstropf!, rief die Base in groer Aufregung. Was kommt dir
denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?

Ich brauch es nicht, sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus
ber seine Tat.

Ach du unglckseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch
gar keine Begriffe?, jammerte und schalt die Base weiter. Wer sollte
nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde! Komm, Peter, lauf
du mir schnell zurck und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht
dort und glotze mich an, als wrst du am Boden festgenagelt.

Ich bin schon zu spt, sagte Peter langsam und blieb, ohne sich zu
rhren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Hnde in die
Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehrt hatte.

Du stehst ja doch nur und reiest deine Augen auf und kommst, denk
ich, nicht weit auf die Art!, rief ihm die Base Dete zu. Komm her,
du musst etwas Schnes haben, siehst du? Sie hielt ihm ein neues
Fnferchen hin, das glnzte ihm in die Augen. Pltzlich sprang er
auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und kam in
ungeheuren Stzen in kurzer Zeit bei dem Huflein Kleider an, packte
sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base rhmen musste
und ihm sogleich sein Fnfrappenstck berreichte. Peter steckte es
schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glnzte und lachte in
voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil.

Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum hi hinauf, du gehst ja
auch den Weg, sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte,
den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Htte des
Geienpeter emporragte. Willig bernahm dieser den Auftrag und folgte
der Voranschreitenden auf dem Fue nach, den linken Arm um sein Bndel
geschlungen, in der Rechten die Geienrute schwingend. Das Heidi und
die Geien hpften und sprangen frhlich neben ihm her. So gelangte
der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhhe, wo frei auf dem
Vorsprung des Berges die Htte des alten hi stand, allen Winden
ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugnglich und mit der vollen
Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Htte standen drei alte Tannen
mit dichten, langen, unbeschnittenen sten. Weiter hinten ging es
nochmals bergan bis hoch hinauf in die alten, grauen Felsen, erst
noch ber schne, kruterreiche Hhen, dann in steiniges Gestrpp und
endlich zu den kahlen, steilen Felsen hinan.

An die Htte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der hi eine
Bank gezimmert. Hier sa er, eine Pfeife im Mund, beide Hnde auf
seine Knie gelegt, und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geien
und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und
nach von den anderen berholt worden. Heidi war zuerst oben; es ging
geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:
Guten Abend, Grovater!

So, so, wie ist das gemeint?, fragte der Alte barsch, gab dem Kinde
kurz die Hand und schaute es mit einem langen, durchdringenden Blick
an, unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen
Blick ausdauernd zurck, ohne nur einmal mit den Augen zu zwinkern,
denn der Grovater mit dem langen Bart und den dichten, grauen
Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie
eine Art Gestruch, war so verwunderlich anzusehen, dass Heidi ihn
recht betrachten musste. Unterdessen war auch die Base herangekommen
samt dem Peter, der eine Welle stille stand und zusah, was sich da
ereigne.

Ich wnsche Euch guten Tag, hi, sagte die Dete hinzutretend, und
hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet
es wohl nicht mehr kennen, denn seit es jhrig war, habt Ihr es nie
mehr gesehen.

So, was muss das Kind bei mir?, fragte der Alte kurz; und du dort,
rief er dem Peter zu, du kannst gehen mit deinen Geien, du bist
nicht zu frh; nimm meine mit!

Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der hi hatte ihn
angeschaut, dass er schon genug davon hatte.

Es muss eben bei Euch bleiben, hi, gab die Dete auf seine Frage
zurck. Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier Jahre
durch, es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch einmal zu
tun.

So, sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete.
Und wenn nun das Kind anfngt, dir nachzuflennen und zu winseln, wie
kleine Unvernnftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?

Das ist dann Eure Sache, warf die Dete zurck, ich meine fast,
es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen
anzufangen habe, als es mir auf den Hnden lag, ein einziges Jhrchen
alt, und ich schon fr mich und die Mutter genug zu tun hatte. Jetzt
muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der Nchste am Kind; wenn
Ihr's nicht haben knnt, so macht mit ihm, was Ihr wollt, dann habt
Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt, und Ihr werdet wohl nicht
ntig haben, noch etwas aufzuladen.

Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war
sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt
hatte. Bei ihren letzten Worten war der hi aufgestanden; er schaute
sie so an, dass sie einige Schritte zurckwich; dann streckte er den
Arm aus und sagte befehlend: Mach, dass du hinunterkommst, wo du
heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so bald wieder! Das lie
sich die Dete nicht zweimal sagen. So lebt wohl, und du auch, Heidi,
sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins
Drfli hinab, denn die innere Aufregung trieb sie vorwrts wie eine
wirksame Dampfkraft. Im Drfli wurde sie diesmal noch viel mehr
angerufen, denn es wunderte die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja
alle die Dete genau und wussten, wem das Kind gehrte und alles, was
mit ihm vorgegangen war. Als es nun aus allen Tren und Fenstern
tnte: Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind gelassen?, rief
sie immer unwilliger zurck: Droben beim Alm-hi! Nun, beim Alm-hi,
ihr hrt's ja!

Sie wurde aber so maleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr
zuriefen: Wie kannst du so etwas tun!, und: Das arme Trpfli!,
und: So ein kleines Hilfloses da droben lassen!, und dann wieder
und wieder: Das arme Trpfli! Die Dete lief, so schnell sie konnte,
weiter und war froh, als sie nichts mehr hrte, denn es war ihr nicht
wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben das Kind noch
bergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie knne dann ja eher
wieder etwas fr das Kind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und
so war sie sehr froh, dass sie bald weit von allen Leuten, die ihr
dreinredeten, weg- und zu einem schnen Verdienst kommen konnte.



Beim Grovater

Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der hi sich wieder auf die
Bank hingesetzt und blies nun groe Wolken aus seiner Pfeife; dabei
starrte er auf den Boden und sagte kein Wort. Derweilen schaute das
Heidi vergnglich um sich, entdeckte den Geienstall, der an die Htte
angebaut war, und guckte hinein. Es war nichts drin. Das Kind setzte
seine Untersuchungen fort und kam hinter die Htte zu den alten
Tannen. Da blies der Wind durch die ste so stark, dass es sauste und
brauste oben in den Wipfeln. Heidi blieb stehen und hrte zu. Als es
ein wenig stiller wurde, ging das Kind um die kommende Ecke der Htte
herum und kam vorn wieder zum Grovater zurck. Als es diesen noch in
derselben Stellung erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es
sich vor ihn hin, legte die Hnde auf den Rcken und betrachtete ihn.
Der Grovater schaute auf. Was willst du jetzt tun?, fragte er, als
das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.

Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Htte, sagte Heidi.

So komm!, und der Grovater stand auf und ging voran in die Htte
hinein.

Nimm dort dein Bndel Kleider noch mit, befahl er im Hereintreten.

Das brauch ich nicht mehr, erklrte Heidi.

Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, dessen
schwarze Augen glhten in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein
konnten. Es kann ihm nicht an Verstand fehlen, sagte er halblaut.
Warum brauchst du's nicht mehr?, setzte er laut hinzu.

Ich will am liebsten gehen wie die Geien, die haben ganz leichte
Beinchen.

So, das kannst du, aber hol das Zeug, befahl der Grovater, es
kommt in den Kasten. Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tr
auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich groen Raum ein,
es war der Umfang der ganzen Htte. Da stand ein Tisch und ein Stuhl
daran; in einer Ecke war des Grovaters Schlaflager, in einer anderen
hing der groe Kessel ber dem Herd; auf der anderen Seite war eine
groe Tr in der Wand, die machte der Grovater auf, es war der
Schrank. Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein
paar Hemden, Strmpfe und Tcher und auf einem anderen einige Teller
und Tassen und Glser und auf dem obersten ein rundes Brot und
geruchertes Fleisch und Kse, denn in dem Kasten war alles enthalten,
was der Alm-hi besa und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie
er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam das Heidi schnell heran und
stie sein Zeug hinein, so weit hinter des Grovaters Kleider als
mglich, damit es nicht so leicht wieder zu finden sei. Nun sah es
sich aufmerksam um in dem Raum und sagte dann: Wo muss ich schlafen,
Grovater?

Wo du willst, gab dieser zur Antwort.

Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein und
schaute jedes Pltzchen aus, wo am schnsten zu schlafen wre. In
der Ecke vorber des Grovaters Lagersttte war eine kleine Leiter
aufgerichtet; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem Heuboden an.
Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und durch eine runde
Luke sah man weit ins Tal hinab.

Hier will ich schlafen, rief Heidi hinunter, hier ist's schn! Komm
und sieh einmal, wie schn es hier ist, Grovater!

Wei schon, tnte es von unten herauf.

Ich mache jetzt das Bett!, rief das Kind wieder, indem es oben
geschftig hin und her fuhr; aber du musst heraufkommen und mir ein
Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und
darauf liegt man.

So, so, sagte unten der Grovater, und nach einer Weile ging er an
den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen
Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas sein wie
ein Leintuch. Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden
ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der Kopf liegen
musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das Gesicht kam so zu
liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch traf.

Das ist recht gemacht, sagte der Grovater, jetzt wird das Tuch
kommen, aber wart noch - damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem
Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden
nicht durchgefhlt werden konnte -; so, jetzt komm her damit. Heidi
hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen, konnte es aber fast
nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut, denn durch das
feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen. Jetzt
breiteten die beiden miteinander das Tuch ber das Heu, und wo es zu
breit und zu lang war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das
Lager. Nun sah es recht gut und reinlich aus, und Heidi stellte sich
davor und betrachtete es nachdenklich.

Wir haben noch etwas vergessen, Grovater, sagte es dann.

Was denn?, fragte er.

Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das
Leintuch und die Decke hinein.

So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?, sagte der Alte.

Oh, dann ist's gleich, Grovater, beruhigte Heidi, dann nimmt man
wieder Heu zur Decke, und eilfertig wollte es gleich wieder an den
Heustock gehen, aber der Grovater wehrte es ihm.

Wart einen Augenblick, sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an
sein Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen groen, schweren,
leinenen Sack auf den Boden.

Ist das nicht besser als Heu?, fragte er. Heidi zog aus
Leibeskrften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen,
aber die kleinen Hnde konnten das schwere Zeug nicht bewltigen. Der
Grovater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah
alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor seinem
neuen Lager und sagte: Das ist eine prchtige Decke und das
ganze Bett! Jetzt wollt ich, es wre schon Nacht, so knnte ich
hineinliegen.

Ich meine, wir knnten erst einmal etwas essen, sagte der Grovater,
oder was meinst du? Heidi hatte ber dem Eifer des Bettens alles
andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam, stieg ein
groer Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute noch gar nichts
bekommen als frh am Morgen sein Stck Brot und ein paar Schlucke
dnnen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise gemacht. So sagte
Heidi ganz zustimmend: Ja, ich mein es auch.

So geh hinunter, wenn wir denn einig sind, sagte der Alte und folgte
dem Kind auf dem Fu nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den
groen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte
sich auf den hlzernen Dreifu mit dem runden Sitz davor hin und blies
ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu sieden, und unten hielt
der Alte an einer langen Eisengabel ein groes Stck Kse ber das
Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen Seiten goldgelb war.
Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihm
etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an
den Schrank und von da hin und her. Jetzt kam der Grovater mit einem
Topf und dem Ksebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon
das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schn
geordnet, denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und
wusste, dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde.

So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst, sagte der
Grovater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; aber es
fehlt noch etwas auf dem Tisch.

Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang
schnell wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges
Schsselchen. Heidi war nicht lang in Verlegenheit, dort hinten
standen zwei Glser; augenblicklich kam das Kind zurck und stellte
Schsselchen und Glas auf den Tisch.

Recht so; du weit dir zu helfen; aber wo willst du sitzen? Auf dem
einzigen Stuhl sa der Grovater selbst. Heidi schoss pfeilschnell zum
Herd hin, brachte den kleinen Dreifu zurck und setzte sich drauf.

Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit
unten, sagte der Grovater; aber von meinem Stuhl wrst auch zu
kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt musst aber einmal etwas haben, so
komm! Damit stand er auf, fllte das Schsselchen mit Milch, stellte
es auf den Stuhl und rckte den ganz nah an den Dreifu hin, so dass
das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Grovater legte ein
groes Stck Brot und ein Stck von dem goldenen Kse darauf und
sagte: Jetzt iss! Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches
und begann sein Mittagsmahl. Heidi ergriff sein Schsselchen und trank
und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze Durst seiner langen Reise
war ihm wieder aufgestiegen. Jetzt tat es einen langen Atemzug - denn
im Eifer des Trinkens hatte es lange den Atem nicht holen knnen - und
stellte sein Schsselchen hin.

Gefllt dir die Milch?, fragte der Grovater.

Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken, antwortete Heidi.

So musst du mehr haben, und der Grovater fllte das Schsselchen
noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das vergnglich
in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Kse darauf gestrichen,
denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz
krftig zusammen, und zwischendurch trank es seine Milch und sah sehr
vergnglich aus. Als nun das Essen zu Ende war, ging der Grovater in
den Geienstall hinaus und hatte da allerhand in Ordnung zu bringen,
und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst mit dem Besen suberte,
dann frische Streu legte, dass die Tierchen darauf schlafen konnten;
wie er dann nach dem Schpfchen ging nebenan und hier runde Stcke
zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Lcher hineinbohrte
und dann die runden Stcke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf
einmal ein Stuhl, wie der vom Grovater, nur viel hher, und Heidi
staunte das Werk an, sprachlos vor Verwunderung.

Was ist das, Heidi?, fragte der Grovater.

Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig,
sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.

Es wei, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort, bemerkte der
Grovater vor sich hin, als er nun um die Htte herumging und hier
einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tr etwas zu
befestigen hatte und so mit Hammer und Ngeln und Holzstcken von
einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder
wegschlug, je nach dem Bedrfnis. Heidi ging Schritt fr Schritt
hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der grten
Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig
anzusehen.

So kam der Abend heran. Es fing strker an zu rauschen in den alten
Tannen, ein mchtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die
dichten Wipfel. Das tnte dem Heidi so schn in die Ohren und ins Herz
hinein, dass es ganz frhlich darber wurde und hpfte und sprang
unter den Tannen umher, als htte es eine unerhrte Freude erlebt. Der
Grovater stand unter der Schopftr und schaute dem Kind zu. Jetzt
ertnte ein schriller Pfiff. Heidi hielt an in seinen Sprngen, der
Grovater trat heraus. Von oben herunter kam es gesprungen, Gei um
Gei, wie eine Jagd, und mittendrin der Peter. Mit einem Freudenruf
schoss Heidi mitten in das Rudel hinein und begrte die alten Freunde
von heute Morgen einen um den anderen. Bei der Htte angekommen, stand
alles still, und aus der Herde heraus kamen zwei schne, schlanke
Geien, eine weie und eine braune, auf den Grovater zu und leckten
seine Hnde, denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend
zum Empfang seiner zwei Tierlein tat. Der Peter verschwand mit seiner
Schar. Heidi streichelte zrtlich die eine und dann die andere von den
Geien und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu
streicheln, und war ganz Glck und Freude ber die Tierchen. Sind
sie unser, Grovater? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall?
Bleiben sie immer bei uns?, so fragte Heidi hintereinander in seinem
Vergngen, und der Grovater konnte kaum sein stetiges Ja, ja!
zwischen die eine und die andere Frage hineinbringen. Als die Geien
ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: Geh und hol dein
Schsselchen heraus und das Brot.

Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Grovater gleich
von der Weien das Schsselchen voll und schnitt ein Stck Brot ab
und sagte: Nun iss und dann geh hinauf und schlaf! Die Base Dete hat
noch ein Bndelchen abgelegt fr dich, da seien Hemdlein und so etwas
darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's brauchst; ich muss nun mit
den Geien hinein, so schlaf wohl!

Gut Nacht, Grovater! Gut Nacht - wie heien sie, Grovater, wie
heien sie?, rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und den
Geien nach.

Die Weie heit Schwnli und die Braune Brli, gab der Grovater
zurck.

Gut Nacht, Schwnli, gut Nacht, Brli!, rief nun Heidi noch mit
Macht, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte
sich Heidi noch auf die Bank und a sein Brot und trank seine Milch;
aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz herunter; so machte
es schnell fertig, ging dann hinein und stieg zu seinem Bett hinauf,
in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich schlief, als nur
einer im schnsten Frstenbett schlafen konnte. Nicht lange nachher,
noch eh es vllig dunkel war, legte auch der Grovater sich auf sein
Lager, denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder drauen,
und die kam sehr frh ber die Berge hereingestiegen in dieser
Sommerszeit. In der Nacht kam der Wind so gewaltig, dass bei seinen
Sten die ganze Htte erzitterte und es in allen Balken krachte;
durch den Schornstein heulte und chzte es wie Jammerstimmen, und in
den alten Tannen drauen tobte es mit solcher Wut, dass hier und da
ein Ast niederkrachte. Mitten in der Nacht stand der Grovater auf und
sagte halblaut vor sich hin: Es wird sich wohl frchten. Er stieg
die Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran. Der Mond drauen
stand einmal hell leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden
Wolken darber hin und alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein
eben leuchtend durch die runde ffnung herein und fiel gerade auf
Heidis Lager. Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner
schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden
rmchen und trumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen sah
ganz wohlgemut aus. Der Grovater schaute so lange auf das friedlich
schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es
dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurck.



Auf der Weide

Heidi erwachte am frhen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es
die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch
hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, dass alles
golden leuchtete ringsherum. Heidi schaute erstaunt um sich und wusste
durchaus nicht, wo es war. Aber nun hrte es drauen des Grovaters
tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: Woher es gekommen
war und dass es nun auf der Alm beim Grovater sei, nicht mehr bei der
alten Ursel, die fast nichts mehr hrte und meistens fror, so dass
sie immer am Kchenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte, wo dann
auch Heidi hatte verweilen mssen oder doch ganz in der Nhe, damit
die Alte sehen konnte, wo es war, weil sie es nicht hren konnte.
Da war es dem Heidi manchmal zu eng drinnen, und es wre lieber
hinausgelaufen. So war es sehr froh, als es in der neuen Behausung
erwachte und sich erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte
und was es heute wieder alles sehen knnte, vor allem das Schwnli
und das Brli. Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig
Minuten alles wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es
war sehr wenig. Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die
Htte hinaus. Da stand schon der Geienpeter mit seiner Schar, und der
Grovater brachte eben Schwnli und Brli aus dem Stall herbei, dass
sie sich der Gesellschaft anschlossen. Heidi lief ihm entgegen, um ihm
und den Geien guten Tag zu sagen.

Willst mit auf die Weide?, fragte der Grovater. Das war dem Heidi
eben recht, es hpfte hoch auf vor Freude.

Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus,
wenn sie so schn glnzt da droben und sieht, dass du schwarz bist;
sieh, dort ist's fr dich gerichtet. Der Grovater zeigte auf
einen groen Zuber voll Wasser, der vor der Tr in der Sonne stand.
Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis es ganz glnzend war.
Unterdessen ging der Grovater in die Htte hinein und rief dem Peter
zu: Komm hierher, Geiengeneral, und bring deinen Habersack mit.
Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Scklein hin, in dem
er sein mageres Mittagessen bei sich trug.

Mach auf, befahl der Alte und steckte nun ein groes Stck Brot und
ein ebenso groes Stck Kse hinein. Der Peter machte vor Erstaunen
seine runden Augen so weit auf als nur mglich, denn die beiden Stcke
waren wohl doppelt so gro wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl
drinnen hatte.

So, nun kommt noch das Schsselchen hinein, fuhr der hi fort, denn
das Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Gei weg, es kennt
das nicht. Du melkst ihm zwei Schsselchen voll zu Mittag, denn das
Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst;
gib Acht, dass es nicht ber die Felsen hinunterfllt, hrst du? -

Nun kam Heidi hereingelaufen. Kann mich die Sonne jetzt nicht
auslachen, Grovater?, fragte es angelegentlich. Es hatte sich mit
dem groben Tuch, das der Grovater neben dem Wasserzuber aufgehngt
hatte, Gesicht, Hals und Arme in seinem Schrecken vor der Sonne so
erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem Grovater stand. Er
lachte ein wenig.

Nein, nun hat sie nichts zu lachen, besttigte er. Aber weit was?
Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in den
Zuber, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Geien, da bekommt
man schwarze Fe. Jetzt knnt ihr ausziehen.

Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das
letzte Wlkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen
Seiten hernieder, und mittendrauf stand die leuchtende Sonne und
schimmerte auf die grne Alp, und alle die blauen und gelben Blmchen
darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr frhlich entgegen.
Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da
waren ganze Trppchen feiner, roter Himmelsschlsselchen beieinander,
und dort schimmerte es ganz blau von den schnen Enzianen, und berall
lachten und nickten die zartbltterigen, goldenen Cystusrschen in
der Sonne. Vor Entzcken ber all die flimmernden winkenden Blmchen
verga Heidi sogar die Geien und auch den Peter. Es sprang ganze
Strecken voran und dann auf die Seite, denn dort funkelte es rot und
da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten. Und berall brach Heidi
ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein Schrzchen ein,
denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner
Schlafkammer, dass es dort werde wie hier drauen. - So hatte der
Peter heut nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen,
die nicht besonders schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit,
als der Peter gut bewltigen konnte, denn die Geien machten es wie
das Heidi: Sie liefen auch dahin und dorthin, und er musste berallhin
pfeifen und rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die
Verlaufenen zusammenzutreiben.

Wo bist du schon wieder, Heidi?, rief er jetzt mit ziemlich
grimmiger Stimme.

Da, tnte es von irgendwoher zurck. Sehen konnte Peter niemand,
denn Heidi sa am Boden hinter einem Hgelchen, das dicht mit
duftenden Prnellen best war; da war die ganze Luft umher so mit
Wohlgeruch erfllt, dass Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet
hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen
Zgen ein.

Komm nach!, rief der Peter wieder. Du musst nicht ber die Felsen
hinunterfallen, der hi hat's verboten.

Wo sind die Felsen?, fragte Heidi zurck, bewegte sich aber nicht
von der Stelle, denn der se Duft strmte mit jedem Windhauch dem
Kinde lieblicher entgegen.

Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben
am hchsten sitzt der alte Raubvogel und krchzt.

Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Hhe und rannte mit
seiner Schrze voller Blumen dem Peter zu.

Jetzt hast genug, sagte dieser, als sie wieder zusammen
weiterkletterten; sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle
nimmst, hat's morgen keine mehr. Der letzte Grund leuchtete Heidi
ein, und dann hatte es die Schrze schon so angefllt, dass da wenig
Platz mehr gewesen wre, und morgen mussten auch noch da sein. So
zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geien gingen nun alle
geregelter, denn sie rochen die guten Kruter von dem hohen Weideplatz
schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz,
wo Peter gewhnlich Halt machte mit seinen Geien und sein Quartier
fr den Tag aufschlug, lag am Fue der hohen Felsen, die, erst
noch von Gebsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff
zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen sich
Felsenklfte weit hinunter und der Grovater hatte Recht, davor zu
warnen. Als nun dieser Punkt der Hhe erreicht war, nahm Peter seinen
Sack ab und legte ihn sorgfltig in eine kleine Vertiefung des Bodens
hinein, denn der Wind kam manchmal in starken Sten dahergefahren,
und den kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg
hinunterrollen sehen; dann streckte er sich lang und breit auf den
sonnigen Weideboden hin, denn er musste sich nun von der Anstrengung
des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdessen sein Schrzchen losgemacht und schn fest
zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die
Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den
ausgestreckten Peter hin und schaute um sich. Das Tal lag weit
unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein groes, weites
Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und
links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder Seite
derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Blue
hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder.
Das Kind sa muschenstill da und schaute ringsum, und weit umher
war eine groe, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise ging der Wind
ber die zarten, blauen Glockenblmchen und die goldnen, strahlenden
Cystusrschen, die berall herumstanden auf ihren dnnen Stngelchen
und leise und frhlich hin und her nickten. Der Peter war entschlafen
nach seiner Anstrengung, und die Geien kletterten oben an den Bschen
umher. Dem Heidi war es so schn zumute, wie in seinem Leben noch
nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lfte, den
zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr, als so
dazubleiben immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft
und so lange zu den hohen Bergstcken drben aufgeschaut, dass es nun
war, als htten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz
bekannt zu ihm hernieder, so wie gute Freunde.

Jetzt hrte Heidi ber sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krchzen
ertnen, und wie es aufschaute, kreiste ber ihm ein so groer Vogel,
wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten
Schwingen in der Luft umher, und in groen Bogen kehrte er immer
wieder zurck und krchzte laut und durchdringend ber Heidis Kopf.

Peter! Peter! Erwache!, rief Heidi laut. Sich, der Raubvogel ist
da, sieh! Sieh!

Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der
sich nun hher und hher hinaufschwang ins Himmelsblau und endlich
ber grauen Felsen verschwand.

Wo ist er jetzt hin?, fragte Heidi, das mit gespannter
Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.

Heim ins Nest, war Peters Antwort.

Ist er dort oben daheim? Oh, wie schn so hoch oben! Warum schreit er
so?, fragte Heidi weiter.

Weil er muss, erklrte Peter.

Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist,
schlug Heidi vor.

Oh! oh! oh!, brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstrkter
Missbilligung hervorstoend; wenn keine Gei mehr dorthin kann und
der hi gesagt hat, du drfest nicht ber die Felsen hinunterfallen.

Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und
Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte;
aber die Geien mussten die Tne verstehen, denn eine nach der anderen
kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der grnen
Halde versammelt, die einen fortnagend an den wrzigen Halmen, die
anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig gegeneinander
stoend mit ihren Hrnern zum Zeitvertreib. Heidi war aufgesprungen
und rannte mitten unter den Geien umher, denn das war ihm ein neuer,
unbeschreiblich vergnglicher Anblick, wie die Tierlein durcheinander
sprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum
anderen und machte mit jedem ganz persnliche Bekanntschaft, denn
jedes war eine ganz besondere Erscheinung fr sich und hatte seine
eigenen Manieren. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und
alle vier Stcke, die drin waren, schn auf den Boden hingelegt in ein
Viereck, die groen Stcke auf Heidis Seite und die kleinen auf die
seinige hin, denn er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann
nahm er das Schsselchen und melkte schne, frische Milch hinein vom
Schwnli und stellte das Schsselchen mitten ins Viereck. Dann rief er
Heidi herbei, musste aber lnger rufen als nach den Geien, denn das
Kind war so in Eifer und Freude ber die mannigfaltigen Sprnge und
Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah und
nichts hrte auer diesen. Aber Peter wusste sich verstndlich zu
machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdrhnte, und nun
erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, dass es um
sie herumhpfte vor Wohlgefallen.

Hr auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen, sagte Peter, jetzt sitz
und fang an.

Heidi setzte sich hin. Ist die Milch mein?, fragte es, nochmals
das schne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen
betrachtend.

Ja, erwiderte Peter, und die zwei groen Stcke zum Essen sind auch
dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schsselchen
vom Schwnli und dann komm ich.

Und von wem bekommst du die Milch?, wollte Heidi wissen.

Von meiner Gei, von der Schnecke. Fang einmal zu essen an, mahnte
Peter wieder. Heidi fing bei seiner Milch an, und sowie es sein leeres
Schsselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei.
Dazu brach Heidi ein Stck von seinem Brot ab, und das ganze brige
Stck, das immer noch grer war, als Peters eigenes Stck gewesen,
das nun schon samt Zubehr fast zu Ende war, reichte es diesem hinber
mit dem ganzen groen Brocken Kse und sagte: Das kannst du haben,
ich habe nun genug.

Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch
nie in seinem Leben htte er so sagen und etwas weggeben knnen. Er
zgerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass es
dem Heidi ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stcke hin, und
da Peter nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie. Nun sah er, dass
es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk, nickte in Dank und
Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl wie noch nie
in seinem Leben als Geibub. Heidi schaute derweilen nach den Geien
aus. Wie heien sie alle, Peter?, fragte es.

Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in seinem
Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing
also an und nannte ohne Ansto eine nach der anderen, immer je mit
dem Finger die betreffende bezeichnend. Heidi hrte mit gespannter
Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es whrte gar nicht lange, so
konnte es sie alle voneinander unterscheiden und jede bei ihrem Namen
nennen, denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten, die einem gleich
im Sinne bleiben mussten; man musste nur allen genau zusehen, und das
tat Heidi. Da war der groe Trk mit den starken Hrnern, der wollte
mit diesen immer gegen alle anderen stoen, und die meisten liefen
davon, wenn er kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden
wissen. Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behnde Geichen, wich
ihm nicht aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal
hintereinander so rasch und tchtig gegen ihn an, dass der groe
Trk fters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der
Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hrnchen.
Da war das kleine, weie Schneehppli, das immer so eindringlich und
flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen
war und es trstend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das
Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder
flehentlich gerufen. Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geileins
und fragte ganz teilnehmend: Was hast du, Schneehppli? Warum rufst
du so um Hilfe? Das Geilein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll
an Heidi an und war jetzt ganz still. Peter rief von seinem Sitz aus,
mit einigen Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beien und zu
schlucken: Es tut so, weil die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben
sie verkauft nach Maienfeld vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf
die Alm.

Wer ist die Alte?, fragte Heidi zurck.

Pah, seine Mutter, war die Antwort.

Wo ist die Gromutter?, rief Heidi wieder.

Hat keine.

Und der Grovater?

Hat keinen.

Du armes Schneehppli du, sagte Heidi und drckte das Tierlein
zrtlich an sich. Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du,
ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so verlassen,
und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen.

Das Schneehppli rieb ganz vergngt seinen Kopf an Heidis Schulter und
meckerte nicht mehr klglich. Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl
beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran,
das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte.

Weitaus die zwei schnsten und saubersten Geien der ganzen Schar
waren Schwnli und Brli, die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit
betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem
zudringlichen Trk abweisend und verchtlich begegneten. -

Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Bschen
hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die einen
leichtfertig ber alles weg hpfend, die anderen bedchtlich die guten
Krutlein suchend unterwegs, der Trk hier und da seine Angriffe
probierend. Schwnli und Brli kletterten hbsch und leicht hinan und
fanden oben sogleich die schnsten Bsche, stellten sich geschickt
daran auf und nagten sie zierlich ab. Heidi stand mit den Hnden auf
dem Rcken und schaute dem allen mit der grten Aufmerksamkeit zu.

Peter, bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden, die
schnsten von allen sind das Schwnli und das Brli.

Wei schon, war die Antwort. Der Alm-hi putzt und wscht sie und
gibt ihnen Salz und hat den schnsten Stall.

Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in groen Sprngen den
Geien nach, und das Heidi lief hintendrein; da musste etwas begegnet
sein, es konnte da nicht zurckbleiben. Der Peter sprang durch den
Geienrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen schroff und
kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geilein, wenn es dorthin
ging, leicht hinunterstrzen und alle Beine brechen konnte. Er hatte
gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehpft
war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang das Geilein dem
Rande des Abgrundes zu. Peter wollte es eben packen, da strzte er
auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins
erwischen und es daran festhalten. Der Distelfink meckerte voller Zorn
und berraschung, dass er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen
seines frhlichen Streifzuges gehindert war, und strebte eigensinnig
vorwrts. Der Peter schrie nach Heidi, dass es ihm beistehe, denn er
konnte nicht aufstehen und riss dem Distelfink fast das Bein aus.
Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden.
Es riss schnell einige wohlduftende Kruter aus dem Boden und hielt
sie dem Distelfink unter die Nase und sagte begtigend:

Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernnftig sein! Sieh, da
kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar
weh.

Das Geilein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnglich
die Kruter aus der Hand gefressen. Derweilen war der Peter auf seine
Fe gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst, an
welcher sein Glckchen um den Hals gebunden war, und Heidi erfasste
diese von der anderen Seite, und so fhrten die beiden den Ausreier
zu der friedlich weidenden Herde zurck. Als ihn aber Peter hier
in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe
tchtig durchprgeln, und der Distelfink wich scheu zurck, denn er
merkte, was begegnen sollte. Aber Heidi schrie laut auf: Nein, Peter,
nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh, wie er sich frchtet!

Er verdient's, schnurrte Peter und wollte zuschlagen. Aber Heidi
fiel ihm in den Arm und rief ganz entrstet: Du darfst ihm nichts
tun, es tut ihm weh, lass ihn los!

Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze Augen
ihn so anfunkelten, dass er unwillkrlich seine Rute niederhielt. So
kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von deinem Kse gibst, sagte
dann der Peter nachgebend, denn eine Entschdigung wollte er haben fr
den Schrecken.

Allen kannst du haben, das ganze Stck morgen und alle Tage, ich
brauche ihn gar nicht, sagte Heidi zustimmend, und Brot gebe ich dir
auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink nie, gar
nie schlagen und auch das Schneehppli nie und gar keine Gei.

Es ist mir gleich, bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als
eine Zusage. Jetzt lie er den Schuldigen los, und der frhliche
Distelfink sprang in hohen Sprngen auf und davon in die Herde hinein.
-

So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im
Begriff, weit drben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi sa
wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blauglckchen und die
Cystusrschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und alles
Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen an zu
schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi auf und schrie:
Peter! Peter! Es brennt! Es brennt! Alle Berge brennen und der groe
Schnee drben brennt und der Himmel. O sieh! Sieh! Der hohe Felsenberg
ist ganz glhend! Oh, der schne, feurige Schnee! Peter, sieh auf,
sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel! Sieh doch die Felsen! Sieh
die Tannen! Alles, alles ist im Feuer!

Es war immer so, sagte jetzt der Peter gemtlich und schlte an
seiner Rute fort, aber es ist kein Feuer.

Was ist es denn?, rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, dass
es berallhin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so schn
war's auf allen Seiten. Was ist es, Peter, was ist es?, rief Heidi
wieder.

Es kommt von selbst so, erklrte Peter.

O sieh, sieh, rief Heidi in groer Aufregung, auf einmal werden sie
rosenrot! Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen, spitzigen
Felsen! Wie heien sie, Peter?

Berge heien nicht, erwiderte dieser.

O wie schn, sieh den rosenroten Schnee! Oh, und an den Felsen oben
sind viele, viele Rosen! Oh, nun werden sie grau! Oh! Oh! Nun ist
alles ausgelscht! Nun ist alles aus, Peter! Und Heidi setzte sich
auf den Boden und sah so verstrt aus, als ginge wirklich alles zu
Ende.

Es ist morgen wieder so, erklrte Peter. Steh auf, nun mssen wir
heim.

Die Geien wurden herbeigepfiffen und -gerufen und die Heimfahrt
angetreten.

Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide sind?,
fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung horchend,
als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg.

Meistens, gab dieser zur Antwort.

Aber gewiss morgen wieder?, wollte es noch wissen.

Ja, ja, morgen schon!, versicherte Peter.

Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindrcke in sich
aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es nun
ganz stillschwieg, bis es bei der Almhtte ankam und den Grovater
unter den Tannen sitzen sah, wo er auch eine Bank angebracht hatte und
am Abend seine Geien erwartete, die von dieser Seite herunterkmen.
Heidi sprang gleich auf ihn zu und Schwnli und Brli hinter ihm
drein, denn die Geien kannten ihren Herrn und ihren Stall. Der Peter
rief dem Heidi nach: Komm dann morgen wieder! Gute Nacht! Denn es
war ihm sehr daran gelegen, dass das Heidi wiederkomme.

Da rannte das Heidi schnell wieder zurck und gab dem Peter die Hand
und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang es
mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal
das Schneehppli um den Hals und sagte vertraulich: Schlaf wohl,
Schneehppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass du
nie mehr so jmmerlich meckern musst.

Das Schneehppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und
sprang dann frhlich der Herde nach.

Heidi kam unter die Tannen zurck.

O Grovater, das war so schn!, rief es, noch bevor es bei ihm war.
Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben Blumen,
und sieh, was ich hier bringe! Und damit schttete Heidi seinen
ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schrzchen vor den Grovater
hin. Aber wie sahen die armen Blmchen aus! Heidi erkannte sie nicht
mehr. Es war alles wie Heu, und kein einziges Kelchlein stand mehr
offen.

O Grovater, was haben sie?, rief Heidi ganz erschrocken aus. So
waren sie nicht, warum sehen sie so aus?

Die wollen drauen stehen in der Sonne und nicht ins Schrzchen
hinein, sagte der Grovater.

Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Grovater, warum hat
der Raubvogel so gekrchzt?, fragte Heidi nun angelegentlich.

Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und
nachher kommen wir hinein zusammen in die Htte und essen zu Nacht,
dann sag ich dir's.

So wurde getan, und wie nun spter Heidi auf seinem hohen Stuhl sa
vor seinem Milchschsselchen und der Grovater neben ihm, da kam das
Kind gleich wieder mit seiner Frage: Warum krchzt der Raubvogel so
und schreit immer so herunter, Grovater?

Der hhnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele zusammensitzen
in den Drfern und einander bs machen. Da hhnt er hinunter: >Wrdet
ihr auseinander gehen und jedes seinen Weg und auf eine Hhe steigen
wie ich, so wr's euch wohler!< Der Grovater sagte diese Worte fast
wild, so dass dem Heidi das Gekrchz des Raubvogels dadurch noch
eindrcklicher wurde in der Erinnerung.

Warum haben die Berge keinen Namen, Grovater?, fragte Heidi wieder.

Die haben Namen, erwiderte dieser, und wenn du mir einen so
beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er
heit.

Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Trmen genau so,
wie es ihn gesehen hatte, und der Grovater sagte wohlgefllig: Recht
so, den kenn ich, der heit Falknis. Hast du noch einen gesehen?

Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem groen Schneefeld, auf dem der
ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war
und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand.

Den erkenn ich auch, sagte der Grovater, das ist die Schesaplana;
so hat es dir gefallen auf der Weide?

Nun erzhlte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schn es gewesen, und
besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grovater auch
sagen, woher es gekommen war, denn der Peter htte nichts davon
gewusst.

Siehst du, erklrte der Grovater, das macht die Sonne, wenn sie
den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre schnsten
Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am Morgen
wiederkommt.

Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder
ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder sehen,
wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte. Aber erst musste es nun
schlafen gehen, und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf
seinem Heulager, und trumte von lauter schimmernden Bergen und roten
Rosen darauf und mittendrin das Schneehppli in frhlichen Sprngen.



Bei der Gromutter

Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter
und die Geien, und wieder zogen sie alle miteinander nach der Weide
hinauf, und so ging es Tag fr Tag, und Heidi wurde bei diesem
Weideleben ganz gebrunt und so krftig und gesund, dass ihm gar nie
etwas fehlte, und so froh und glcklich lebte Heidi von einem Tag
zum anderen, wie nur die lustigen Vgelein leben auf allen Bumen im
grnen Wald. Wie es nun Herbst wurde und der Wind lauter zu sausen
anfing ber die Berge hin, dann sagte etwa der Grovater: Heut
bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist, kann der Wind mit
einem Ruck ber alle Felsen ins Tal hinabwehen.

Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr unglcklich
aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor
Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei ihm
war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann waren die
Geien so strrig an diesen Tagen, dass er die doppelte Mhe mit ihnen
hatte; denn die waren nun auch so an Heidis Gesellschaft gewhnt, dass
sie nicht vorwrts wollten, wenn es nicht dabei war, und auf alle
Seiten rannten. Heidi wurde niemals unglcklich, denn es sah immer
irgendetwas Erfreuliches vor sich. Am liebsten ging es schon mit Hirt
und Geien auf die Weide zu den Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so
mannigfaltige Dinge zu erleben waren mit all den verschieden gearteten
Geien; aber auch das Hmmern und Sgen und Zimmern des Grovaters
war sehr unterhaltend fr Heidi; und traf es sich, dass er gerade
die schnen runden Geikschen zubereitete, wenn es daheim bleiben
musste, so war das ein ganz besonderes Vergngen, dieser merkwrdigen
Ttigkeit zuzuschauen, wobei der Grovater beide Arme blo machte und
damit in dem groen Kessel herumrhrte. Aber vor allem anziehend war
fr das Heidi an solchen Windtagen das Wogen und Rauschen in den drei
alten Tannen hinter der Htte. Da musste es immer von Zeit zu Zeit
hinlaufen von allem anderen weg, was es auch sein mochte, denn so
schn und wunderbar war gar nichts wie dieses tiefe, geheimnisvolle
Tosen in den Wipfeln da droben; da stand Heidi unten und lauschte
hinauf und konnte niemals genug bekommen, zu sehen und zu hren, wie
das wehte und wogte und rauschte in den Bumen mit groer Macht. Jetzt
gab die Sonne nicht mehr hei wie im Sommer, und Heidi suchte seine
Strmpfe und Schuhe hervor und auch den Rock, denn nun wurde es
immer frischer, und wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es
durchblasen wie ein dnnes Blttlein, aber es lief doch immer wieder
hin und konnte nicht in der Htte bleiben, wenn es das Windeswehen
vernahm.

Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hnde, wenn er frh
am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel ber Nacht
ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm schneewei und kein
einziges grnes Blttlein mehr zu sehen ringsum und um. Da kam der
Geienpeter nicht mehr mit seiner Herde, und Heidi schaute ganz
verwundert durch das kleine Fenster, denn nun fing es wieder zu
schneien an, und die dicken Flocken fielen fort und fort, bis der
Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster hinaufreichte, und dann
noch hher, dass man das Fenster gar nicht mehr aufmachen konnte und
man ganz verpackt war in dem Huschen. Das kam dem Heidi so lustig
vor, dass es immer von einem Fenster zum anderen rannte, um zu sehen,
wie es denn noch werden wollte und ob der Schnee noch die ganze Htte
zudecken wollte, dass man msste ein Licht anznden am hellen Tag. Es
kam aber nicht so weit, und am anderen Tag ging der Grovater hinaus -
denn nun schneite es nicht mehr - und schaufelte ums ganze Haus herum
und warf groe, groe Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier
ein Berg und dort ein Berg und dort ein Berg um die Htte herum; aber
nun waren die Fenster wieder frei und auch die Tr, und das war gut,
denn als am Nachmittag Heidi und der Grovater am Feuer saen, jedes
auf seinem Dreifu - denn der Grovater hatte lngst auch einen fr
das Kind gezimmert -, da polterte auf einmal etwas heran und schlug
immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tr auf. Es
war der Geienpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tr
gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen, die
hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war von
Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so
durchkmpfen mssen, dass ganze Massen an ihm hngen geblieben und auf
ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt. Aber er hatte nicht
nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es jetzt acht
Tage lang nicht gesehen.

Guten Abend, sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah als
mglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein ganzes
Gesicht lachte vor Vergngen, dass er da war. Heidi schaute ihn sehr
verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es berall an ihm
zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war wie ein gelinder
Wasserfall.

Nun, General, wie steht's?, sagte jetzt der Grovater. Nun bist du
ohne Armee und musst am Griffel nagen.

Warum muss er am Griffel nagen, Grovater?, fragte Heidi sogleich
mit Wissbegierde.

Im Winter muss er in die Schule gehen, erklrte der Grovater;
da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da
hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr,
General?

Ja, 's ist wahr, besttigte Peter.

Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte
sehr viele Fragen ber die Schule und alles, was da begegnete und zu
hren und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer viel
Zeit verfloss ber einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen musste,
so konnte er derweilen schn trocknen von oben bis unten. Es war immer
eine groe Anstrengung fr ihn, seine Vorstellungen in die Worte
zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal hatte er's
besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort zustande gebracht,
so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei unerwartete Fragen
zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen Satz als Antwort
erforderten.

Der Grovater hatte sich ganz still verhalten whrend dieser
Unterhaltung, aber es hatte ihm fter ganz lustig um die Mundwinkel
gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhrte.

So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Strkung, komm, halt
mit! Damit stand der Grovater auf und holte das Abendessen aus dem
Schrank hervor, und Heidi rckte die Sthle zum Tisch. Unterdessen
war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom Grovater; nun er
nicht mehr allein war, hatte er da und dort allerlei Sitze zu zweien
eingerichtet, denn Heidi hatte die Art, dass es sich berall nah zum
Grovater hielt, wo er ging und stand und sa. So hatten sie alle
drei gut Platz zum Sitzen und der Peter tat seine runden Augen ganz
weit auf, als er sah, welch ein mchtiges Stck von dem schnen
getrockneten Fleisch der Alm-hi ihm auf seine dicke Brotschnitte
legte. So gut hatte es der Peter lange nicht gehabt. Als nun das
vergngte Mahl zu Ende war, fing es an zu dunkeln, und Peter schickte
sich zur Heimkehr an. Als er nun Gute Nacht und Dank Euch Gott
gesagt hatte und schon unter der Tr war, kehrte er sich noch einmal
um und sagte: Am Sonntag komm ich wieder, heut ber acht Tag, und du
solltest auch einmal zur Gromutter kommen, hat sie gesagt.

Das war ein ganz neuer Gedanke fr Heidi, dass es zu jemandem gehen
sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am
folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklrte: Grovater, jetzt
muss ich gewiss zu der Gromutter hinunter, sie erwartet mich.

Es hat zu viel Schnee, erwiderte der Grovater abwehrend.

Aber das Vorhaben sa fest in Heidis Sinn, denn die Gromutter hatte
es ja sagen lassen; so musste es sein. So verging kein Tag mehr, an
dem das Kind nicht fnf- und sechsmal sagte: Grovater, jetzt muss
ich gewiss gehen, die Gromutter wartet ja immer auf mich.

Am vierten Tag, als es drauen knisterte und knarrte vor Klte bei
jedem Schritt und die ganze groe Schneedecke ringsum hart gefroren
war, aber eine schne Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis
hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl sa, da begann es wieder sein
Sprchlein: Heut muss ich aber gewiss zur Gromutter gehen, es whrt
ihr sonst zu lange. Da stand der Grovater auf vom Mittagstisch,
stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken Sack herunter, der
Heidis Bettdecke war, und sagte: So komm! In groer Freude hpfte
das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt hinaus. In den alten
Tannen war es nun ganz still und auf allen sten lag der weie Schnee
und in dem Sonnenschein schimmerte und funkelte es berall von den
Bumen in solcher Pracht, dass Heidi hoch aufsprang vor Entzcken und
ein Mal bers andere ausrief: Komm heraus, Grovater, komm heraus!
Es ist lauter Silber und Gold an den Tannen! Denn der Grovater war
in den Schopf hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten
Stoschlitten: Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen
Sitz konnte man die Fe nach vorn hinunterhalten und gegen den
Schneeboden stemmen und der Fahrt die Weisung geben. Hier setzte sich
der Grovater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte
beschauen mssen, nahm das Kind auf seinen Scho, wickelte es um und
um in den Sack ein, damit es hbsch warm bleibe, und drckte es fest
mit dem linken Arm an sich, denn das war ntig bei der kommenden
Fahrt. Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange und gab einen
Ruck mit beiden Fen. Da schoss der Schlitten davon die Alm hinab
mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi meinte, es fliege in
der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte. Auf einmal stand der
Schlitten still, gerade bei der Htte vom Geienpeter. Der Grovater
stellte das Kind auf den Boden, wickelte es aus seiner Decke heraus
und sagte:

So, nun geh hinein, und wenn es anfngt dunkel zu werden, dann komm
wieder heraus und mach dich auf den Weg. Dann kehrte er um mit seinem
Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.

Heidi machte die Tr auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da sah
es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schsselchen auf einem
Gestell, das war die kleine Kche; dann kam gleich wieder eine Tr,
die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube hinein, denn
das Ganze war nicht eine Sennhtte, wie beim Grovater, wo ein
einziger, groer Raum war und oben ein Heuboden, sondern es war ein
kleines, uraltes Huschen, wo alles eng war und schmal und drftig.
Als Heidi in das Stbchen trat, stand es gleich vor dem Tisch, daran
sa eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses erkannte Heidi
sogleich. In der Ecke sa ein altes, gekrmmtes Mtterchen und spann.
Heidi wusste gleich, woran es war; es ging geradaus auf das Spinnrad
zu und sagte: Guten Tag, Gromutter, jetzt komme ich zu dir; hast du
gedacht, es whre lang, bis ich komme?

Die Gromutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befhlte sie
dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte sie:
Bist du das Kind droben beim Alm-hi, bist du das Heidi?

Ja, ja, besttigte das Kind, jetzt gerade bin ich mit dem Grovater
im Schlitten heruntergefahren.

Wie ist das mglich! Du hast ja eine so warme Hand! Sag, Brigitte,
ist der Alm-hi selber mit dem Kind heruntergekommen?

Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war
aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben bis
unten; dann sagte sie: Ich wei nicht, Mutter, ob der hi selber
heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das Kind wird's
nicht recht wissen.

Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei
es im Ungewissen, und sagte: Ich wei ganz gut, wer mich in die
Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das ist
der Grovater.

Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den Sommer
durch vom Alm-hi, wenn wir dachten, er wisse es nicht recht, sagte
die Gromutter; wer htte freilich auch glauben knnen, dass so etwas
mglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine drei Wochen da oben. Wie
sieht es auch aus, Brigitte! Diese hatte das Kind unterdessen so von
allen Seiten angesehen, dass sie nun wohl berichten konnte, wie es
aussah.

Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war, gab sie zur
Antwort; aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie es
der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht den
zweien gleich.

Unterdessen war Heidi mig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war. Jetzt sagte es: Sieh,
Gromutter, dort schlgt es einen Laden immer hin und her, und der
Grovater wrde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er wieder
fest hlt, sonst schlgt er auch einmal eine Scheibe ein; sieh, sieh,
wie er tut!

Ach, du gutes Kind, sagte die Gromutter, sehen kann ich es nicht,
aber hren kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur den Laden;
da kracht und klappert es berall, wenn der Wind kommt, und er kann
berall hereinblasen; es hlt nichts mehr zusammen, und in der Nacht,
wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst und bang, es
falle alles ber uns zusammen und schlage uns alle drei tot; ach, und
da ist kein Mensch, der etwas ausbessern knnte an der Htte, der
Peter versteht's nicht.

Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut, Gromutter?
Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort. Und Heidi zeigte die Stelle
deutlich mit dem Finger.

Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den
Laden nicht, klagte die Gromutter.

Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es recht
hell wird, kannst du dann sehen, Gromutter?

Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen.

Aber wenn du hinausgehst in den ganz weien Schnee, dann wird es dir
gewiss hell; komm nur mit mir, Gromutter, ich will dir's zeigen.
Heidi nahm die Gromutter bei der Hand und wollte sie fortziehen, denn
es fing an, ihm ganz ngstlich zumute zu werden, dass es ihr nirgends
hell wurde.

Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir,
auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine
Augen.

Aber dann doch im Sommer, Gromutter, sagte Heidi, immer ngstlicher
nach einem guten Ausweg suchend; weit, wenn dann wieder die Sonne
ganz hei herunterbrennt und dann >gute Nacht< sagt und die Berge alle
feuerrot schimmern und alle gelben Blmlein glitzern, dann wird es dir
wieder schn hell?

Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die
goldenen Blmlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie
mehr.

Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus. Voller Jammer schluchzte es
fortwhrend: Wer kann dir denn wieder hell machen? Kann es niemand?
Kann es gar niemand?

Die Gromutter suchte nun das Kind zu trsten, aber es gelang ihr
nicht so bald. Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing,
dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betrbnis herauskommen.
Die Gromutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu
beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jmmerlich
schluchzen musste. Jetzt sagte sie: Komm, du gutes Heidi, komm hier
heran, ich will dir etwas sagen. Siehst du, wenn man nichts sehen
kann, dann hrt man so gern ein freundliches Wort, und ich hre es
gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und erzhl mir
etwas, was du machst da droben und was der Grovater macht, ich habe
ihn frher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit manchem Jahr nichts
mehr gehrt von ihm als durch den Peter, aber der sagt nicht viel.

Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine Trnen
weg und sagte trstlich: Wart nur, Gromutter, ich will alles dem
Grovater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht, dass die
Htte nicht zusammenfllt, er kann alles wieder in Ordnung machen.

Die Gromutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit groer
Lebendigkeit zu erzhlen von seinem Leben mit dem Grovater und von
den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben mit dem
Grovater, was er alles aus Holz machen knne, Bnke und Sthle und
schne Krippen, wo man fr das Schwnli und Brli das Heu hineinlegen
knnte, und einen neuen groen Wassertrog zum Baden im Sommer, und ein
neues Milchschsselchen und Lffel, und Heidi wurde immer eifriger im
Beschreiben all der schnen Sachen, die so auf einmal aus einem Stck
Holz herauskommen, und wie es dann neben dem Grovater stehe und ihm
zuschaue und wie es das alles auch einmal machen wolle. Die Gromutter
hrte mit groer Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie
dazwischen: Hrst du's auch, Brigitte? Hrst du, was es vom hi
sagt?

Mit einem Mal wurde die Erzhlung unterbrochen durch ein groes
Gepolter an der Tr, und herein stampfte der Peter, blieb aber
sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz
erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die
allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: Guten Abend,
Peter!

Ist denn das mglich, dass der schon aus der Schule kommt, rief die
Gromutter ganz verwundert aus. So geschwind ist mir seit manchem
Jahr kein Nachmittag vergangen! Guten Abend, Peterli, wie geht es mit
dem Lesen?

Gleich, gab der Peter zur Antwort.

So, so, sagte die Gromutter ein wenig seufzend, ich habe gedacht,
es gbe vielleicht eine nderung auf die Zeit, wenn du dann zwlf
Jahre alt wirst gegen den Hornung hin.

Warum muss es eine nderung geben, Gromutter?, fragte Heidi gleich
mit Interesse.

Ich meine nur, dass er es etwa noch htte lernen knnen, sagte die
Gromutter, das Lesen mein ich. Ich habe dort oben auf dem Gestell
ein altes Gebetbuch, da sind schne Lieder drin, die habe ich so lange
nicht mehr gehrt, und im Gedchtnis habe ich sie auch nicht mehr; da
habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne, so knne er mir
etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht lernen, es ist ihm zu
schwer.

Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel,
sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt hatte;
der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's merkte.

Nun sprang Heidi von seinem Sthlchen auf, streckte eilig seine Hand
aus und sagte: Gut Nacht, Gromutter, ich muss auf der Stelle heim,
wenn es dunkel wird, und hintereinander bot es dem Peter und seiner
Mutter die Hand und ging der Tr zu. Aber die Gromutter rief besorgt:
Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort, der Peter muss
mit dir, hrst du? Und gib Acht auf das Kind, Peterli, dass es nicht
umfllt, und steh nicht still mit ihm, dass es nicht friert, hrst du?
Hat es auch ein dickes Halstuch an?

Ich habe gar kein Halstuch an, rief Heidi zurck, aber ich will
schon nicht frieren; damit war es zur Tr hinaus und huschte so
behend weiter, dass der Peter kaum nachkam. Aber die Gromutter rief
jammernd: Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja erfrieren,
so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell! Die Brigitte
gehorchte. Die Kinder hatten aber kaum ein paar Schritte den Berg
hinan getan, so sahen sie von oben herunter den Grovater kommen, und
mit wenigen rstigen Schritten stand er vor ihnen.

Recht so, Heidi, Wort gehalten!, sagte er, packte das Kind wieder
fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg
hinauf. Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das Kind
wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rckweg angetreten
hatte. Sie trat mit dem Peter wieder in die Htte ein und erzhlte der
Gromutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte. Auch diese musste
sich sehr verwundern und ein Mal ber das andere sagen: Gott Lob und
Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott Lob und Dank! Wenn er es nur
auch wieder zu mir lsst, das Kind hat mir so wohl gemacht! Was hat es
fr ein gutes Herz und wie kann es so kurzweilig erzhlen! Und immer
wieder freute sich die Gromutter, und bis sie ins Bett ging, sagte
sie immer wieder: Wenn es nur auch wiederkommt! Jetzt habe ich doch
noch etwas auf der Welt, auf das ich mich freuen kann! Und die
Brigitte stimmte jedes Mal ein, wenn die Gromutter wieder dasselbe
sagte, und auch der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und
zog seinen Mund weit auseinander vor Vergnglichkeit und sagte: Hab's
schon gewusst.

Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den
Grovater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen
Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er:
Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's.

Sobald er nun, oben angekommen, in seine Htte eingetreten war und
Heidi aus seiner Hlle herausgeschlt hatte, sagte es: Grovater,
morgen mssen wir den Hammer und die groen Ngel mitnehmen und den
Laden festschlagen bei der Gromutter und sonst noch viele Ngel
einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr.

Mssen wir? So, das mssen wir? Wer hat dir das gesagt?, fragte der
Grovater.

Das hat mir kein Mensch gesagt, ich wei es sonst, entgegnete Heidi,
denn es hlt alles nicht mehr fest und es ist der Gromutter angst
und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so tut, und sie
denkt: >Jetzt fllt alles ein und gerade auf unsere Kpfe<; und der
Gromutter kann man gar nicht mehr hell machen, sie wei gar nicht,
wie man es knnte, aber du kannst es schon, Grovater; denk nur, wie
traurig es ist, wenn sie immer im Dunkeln ist und es ihr dann noch
angst und bang ist und es kann ihr kein Mensch helfen als du! Morgen
wollen wir gehen und ihr helfen; gelt, Grovater, wir wollen?

Heidi hatte sich an den Grovater angeklammert und schaute mit
zweifellosem Vertrauen zu ihm auf. Der Alte schaute eine kleine Welle
auf das Kind nieder, dann sagte er: Ja, Heidi, wir wollen machen,
dass es nicht mehr so klappert bei der Gromutter, das knnen wir;
morgen tun wir's.

Nun hpfte das Kind vor Freude im ganzen Httenraum herum und rief ein
Mal ums andere: Morgen tun wir's! Morgen tun wir's!

Der Grovater hielt Wort. Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgefhrt. Wie am vorhergehenden Tag stellte der Alte
das Kind vor der Tr der Geienpeter-Htte nieder und sagte: Nun geh
hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder. Dann legte er den Sack
auf den Schlitten und ging um das Huschen herum.

Kaum hatte Heidi die Tr aufgemacht und war in die Stube
hineingesprungen, so rief schon die Gromutter aus der Ecke: Da kommt
das Kind! Das ist das Kind!, und lie vor Freude den Faden los und
das Rdchen stehen und streckte beide Hnde nach dem Kinde aus. Heidi
lief zu ihr, rckte gleich das niedere Sthlchen ganz nahe an sie
heran, setzte sich darauf und hatte der Gromutter schon wieder eine
groe Menge von Dingen zu erzhlen und von ihr zu erfragen. Aber auf
einmal ertnten so gewaltige Schlge an das Haus, dass die Gromutter
vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie fast das Spinnrad umwarf, und
zitternd ausrief: Ach du mein Gott, jetzt kommt's, es fllt alles
zusammen! Aber Heidi hielt sie fest um den Arm und sagte trstend:
Nein, nein, Gromutter, erschrick du nur nicht, das ist der Grovater
mit dem Hammer, jetzt macht er alles fest, dass es dir nicht mehr
angst und bang wird.

Ach, ist auch das mglich! Ist auch so etwas mglich! So hat uns doch
der liebe Gott nicht ganz vergessen!, rief die Gromutter aus. Hast
du's gehrt, Brigitte, was es ist, hrst du's? Wahrhaftig, es ist ein
Hammer! Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-hi ist, so sag ihm,
er soll doch dann auch einen Augenblick hereinkommen, dass ich ihm
auch danken kann.

Die Brigitte ging hinaus. Eben schlug der Alm-hi mit groer Gewalt
neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und sagte: Ich
wnsche Euch guten Abend, hi, und die Mutter auch, und wir haben
Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut, und die Mutter
mchte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher, es htte uns das
nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran denken, denn sicher
-

Macht's kurz, unterbrach sie der Alte hier; was Ihr vom Alm-hi
haltet, wei ich schon. Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find ich
selber.

Brigitte gehorchte sogleich, denn der hi hatte eine Art, der man
sich nicht leicht widersetzte. Er klopfte und hmmerte um das ganze
Huschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis unter
das Dach, hmmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten Nagel
eingeschlagen, den er mitgebracht hatte. Unterdessen war auch schon
die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er heruntergestiegen und
hatte seinen Schlitten hinter dem Geienstall hervorgezogen, als auch
schon Heidi aus der Tr trat und vom Grovater wie gestern verpackt
auf den Arm genommen und der Schlitten nachgezogen wurde, denn allein
da drauf sitzend, wre die ganze Umhllung vom Heidi abgefallen, und
es wre fast oder ganz erfroren. Das wusste der Grovater wohl und
hielt das Kind ganz warm in seinem Arm.

So ging der Winter dahin. In das freudlose Leben der blinden
Gromutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre Tage
waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn nun hatte
sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen konnte. Vom frhen
Morgen an lauschte sie auch schon auf den trippelnden Schritt, und
ging dann die Tr auf und das Kind kam wirklich dahergesprungen, dann
rief sie jedes Mal in lauter Freude: Gottlob! Da kommt's wieder!
Und Heidi setzte sich zu ihr und plauderte und erzhlte so lustig von
allem, was es wusste, dass es der Gromutter ganz wohl machte und ihr
die Stunden dahingingen, sie merkte es nicht, und kein einziges Mal
fragte sie mehr so wie frher: Brigitte, ist der Tag noch nicht um?,
sondern jedes Mal, wenn Heidi die Tr hinter sich schloss, sagte sie:
Wie war doch der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?
Und diese sagte: Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller
vom Essen weggestellt. Und die Gromutter sagte wieder: Wenn mir nur
der Herrgott das Kind erhlt und dem Alm-hi den guten Willen! Sieht
es auch gesund aus, Brigitte? Und jedes Mal erwiderte diese: Es
sieht aus wie ein Erdbeerapfel.

Heidi hatte auch eine groe Anhnglichkeit an die alte Gromutter, und
wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch der
Grovater nicht mehr hell machen konnte, berkam es immer wieder eine
groe Betrbnis; aber die Gromutter sagte ihm immer wieder, dass sie
am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und Heidi kam auch an
jedem schnen Wintertag heruntergefahren auf seinem Schlitten. Der
Grovater hatte, ohne weitere Worte, so fortgefahren, hatte jedes
Mal den Hammer und allerlei andere Sachen mit aufgeladen und manchen
Nachmittag durch an dem Geienpeter-Huschen herumgeklopft. Das hatte
aber auch seine gute Wirkung; es krachte und klapperte nicht mehr die
ganzen Nchte durch, und die Gromutter sagte, so habe sie manchen
Winter lang nicht mehr schlafen knnen, das wolle sie auch dem hi nie
vergessen.



Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat

Schnell war der Winter und noch schneller der frhliche Sommer darauf
vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem Ende zu.
Heidi war glcklich und froh wie die Vglein des Himmels und freute
sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frhlingstage, da der warme
Fhn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen wrde und dann
die helle Sonne die blauen und gelben Blmlein hervorlocken und die
Tage der Weide kommen wrden, die fr Heidi das Schnste mit sich
brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi stand nun in seinem
achten Jahre; es hatte vom Grovater allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit
den Geien wusste es so gut umzugehen als nur einer, und Schwnli und
Brli liefen ihm nach wie treue Hndlein und meckerten gleich laut vor
Freude, wenn sie nur seine Stimme hrten. In diesem Winter hatte Peter
schon zweimal vom Schullehrer im Drfli den Bericht gebracht, der
Alm-hi solle das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken,
es habe schon mehr als das Alter und htte schon im letzten Winter
kommen sollen. Der hi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen,
wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke
er nicht in die Schule. Diesen Bericht hatte der Peter richtig
berbracht.

Als die Mrzsonne den Schnee an den Abhngen geschmolzen hatte und
berall die weien Schneeglckchen hervorguckten im Tal und auf der
Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschttelt hatten und die ste
wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her
von der Haustr zum Geienstall und von da unter die Tannen und dann
wieder hinein zum Grovater, um ihm zu berichten, wie viel grer das
Stck grner Boden unter den Bumen wieder geworden sei, und gleich
nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht erwarten,
dass alles wieder grn wurde und der ganze schne Sommer mit Grn und
Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.

Als Heidi so am sonnigen Mrzmorgen hin und her rannte und jetzt wohl
zum zehnten Mal ber die Trschwelle sprang, wre es vor Schrecken
fast rckwrts wieder hineingefallen, denn auf einmal stand es vor
einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft anblickte. Als
er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich: Du musst nicht
erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb. Gib mir die Hand! Du
wirst das Heidi sein; wo ist der Grovater?

Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Lffel von Holz, erklrte Heidi
und machte nun die Tr wieder auf.

Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Drfli, der den hi vor Jahren
gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war.
Er trat in die Htte ein, ging auf den Alten zu, der sich ber sein
Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: Guten Morgen, Nachbar.

Verwundert schaute dieser in die Hhe, stand dann auf und entgegnete:
Guten Morgen dem Herrn Pfarrer. Dann stellte er seinen Stuhl vor den
Herrn hin und fuhr fort: Wenn der Herr Pfarrer einen Holzsitz nicht
scheut, hier ist einer.

Der Herr Pfarrer setzte sich. Ich habe Euch lange nicht gesehen,
Nachbar, sagte er dann.

Ich den Herrn Pfarrer auch nicht, war die Antwort.

Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen, fing der Herr
Pfarrer wieder an; ich denke, Ihr knnt schon wissen, was meine
Angelegenheit ist, worber ich mich mit Euch verstndigen und hren
will, was Ihr im Sinne habt.

Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tr stand
und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.

Heidi, geh zu den Geien, sagte der Grovater. Kannst ein wenig
Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme.

Heidi verschwand sofort.

Das Kind htte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter die
Schule besuchen sollen, sagte nun der Herr Pfarrer; der Lehrer hat
Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf gegeben; was habt
Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?

Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken, war die
Antwort.

Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten
Armen auf seiner Bank sa und gar nicht nachgiebig aussah.

Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?, fragte jetzt der Herr Pfarrer.

Nichts, es wchst und gedeiht mit den Geien und den Vgeln; bei
denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Bses von ihnen.

Aber das Kind ist keine Gei und kein Vogel, es ist ein Menschenkind.
Wenn es nichts Bses lernt von diesen seinen Kameraden, so lernt es
auch sonst nichts von ihnen; es soll aber etwas lernen, und die Zeit
dazu ist da. Ich bin gekommen, es Euch zeitig zu sagen, Nachbar, damit
Ihr Euch besinnen und einrichten knnt den Sommer durch. Dies war der
letzte Winter, den das Kind so ohne allen Unterricht zugebracht hat;
nchsten Winter kommt es zur Schule, und zwar jeden Tag.

Ich tu's nicht, Herr Pfarrer, sagte der Alte unentwegt.

Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu
bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernnftigen Tun beharren
wollt?, sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. Ihr seid weit
in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und vieles lernen
knnen, ich htte Euch mehr Einsicht zugetraut, Nachbar.

So, sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch in
seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; und meint denn der Herr
Pfarrer, ich werde wirklich im nchsten Winter am eisigen Morgen durch
Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg hinunterschicken,
zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder heraufkommen lassen, wenn's
manchmal tobt und tut, dass unsereiner fast in Wind und Schnee
ersticken msste, und dann ein Kind wie dieses? Und vielleicht kann
sich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; sie
war mondschtig und hatte Zuflle, soll das Kind auch so etwas holen
mit der Anstrengung? Es soll mir einer kommen und mich zwingen wollen!
Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer
mich zwingt!

Ihr habt ganz Recht, Nachbar, sagte der Herr Pfarrer mit
Freundlichkeit; es wre nicht mglich, das Kind von hier aus zur
Schule zu schicken. Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb; tut
um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange httet tun sollen, kommt
wieder ins Drfli herunter und lebt wieder mit den Menschen. Was ist
das fr ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen Gott und
Menschen! Wenn Euch einmal etwas zustoen wrde hier oben, wer wrde
Euch beistehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, dass Ihr den Winter
durch nicht halb erfriert in Eurer Htte, und wie das zarte Kind es
nur aushalten kann!

Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das mchte ich dem
Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich wei, wo es Holz gibt,
und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer darf
in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner Htte geht
das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr Pfarrer mit dem
Herunterkommen meint, ist nicht fr mich; die Menschen da unten
verachten mich und ich sie auch, wir bleiben voneinander, so ist's
beiden wohl.

Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich wei, was Euch fehlt, sagte
der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. Mit der Verachtung der Menschen
dort unten ist es so schlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar: Sucht Frieden
mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung, wo Ihr sie ntig
habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die Menschen ansehen
und wie wohl es Euch noch werden kann.

Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin
und sagte nochmals mit Herzlichkeit: Ich zhle darauf, Nachbar, im
nchsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die alten,
guten Nachbarn. Es wrde mir groen Kummer machen, wenn ein Zwang
gegen Euch msste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand darauf,
dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt, ausgeshnt
mit Gott und den Menschen.

Der Alm-hi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und
bestimmt: Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er
erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das
Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht.

So helf Euch Gott!, sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Tr
hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-hi war verstimmt. Als Heidi am Nachmittag sagte: Jetzt
wollen wir zur Gromutter, erwiderte er kurz: Heut nicht. Den
ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi
fragte: Gehen wir heut zur Gromutter?, war er noch gleich kurz von
Worten wie im Ton und sagte nur: Wollen sehen. Aber noch bevor die
Schsselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat schon wieder ein
Besuch zur Tr herein, es war die Base Dete. Sie hatte einen schnen
Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein Kleid, das alles
mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhtte lag da allerlei, das
nicht an ein Kleid gehrte. Der hi schaute sie an von oben bis unten
und sagte kein Wort. Aber die Base Dete hatte im Sinn, ein sehr
freundliches Gesprch zu fhren, denn sie fing an zu rhmen und sagte,
das Heidi sehe so gut aus, sie habe es fast nicht mehr gekannt und
man knne schon sehen, dass es ihm nicht schlecht gegangen sei beim
Grovater. Sie habe aber gewiss auch immer darauf gedacht, es ihm
wieder abzunehmen, denn sie habe ja schon begreifen knnen, dass ihm
das Kleine im Weg sein msse, aber in jenem Augenblick habe sie es
ja nirgends sonst hintun knnen; seitdem aber habe sie Tag und Nacht
nachgesonnen, wo sie das Kind etwa unterbringen knnte, und deswegen
komme sie auch heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da
knne das Heidi zu einem solchen Glck kommen, dass sie es gar nicht
habe glauben wollen. Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache
nachgegangen, und nun knne sie sagen, es sei alles so gut wie in
Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glck wie unter Hunderttausenden
nicht eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast
im schnsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges
Tchterlein, das msse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf
einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer
allein und msse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer,
und das sei ihm so langweilig, und auch sonst htte es gern eine
Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer
Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden knnte, wie die Dame
beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft fhrte, denn ihre Herrschaft
habe viel Mitgefhl und mchte dem kranken Tchterlein eine gute
Gespielin gnnen. Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt, sie wolle so
ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das nicht sei wie alle,
die man so alle Tage sehe. Da habe sie selbst denn auf der Stelle an
das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen und habe der Dame alles
so beschrieben vom Heidi und so von seinem Charakter, und die Dame
habe sogleich zugesagt. Nun knne gar kein Mensch wissen, was dem
Heidi alles an Glck und Wohlfahrt bevorstehe, denn wenn es dann
einmal dort sei und die Leute es gern mgen und es etwa mit dem
eigenen Tchterchen etwas geben sollte - man knne ja nie wissen, es
sei doch so schwchlich -, und wenn eben die Leute doch nicht ohne ein
Kind bleiben wollten, so knnte ja das unerhrteste Glck -

Bist du bald fertig?, unterbrach hier der hi, der bis dahin kein
Wort dazwischengeredet hatte.

Pah, gab die Dete zurck und warf den Kopf auf, Ihr tut gerade, wie
wenn ich Euch das ordinrste Zeug gesagt htte, und ist doch durchs
ganze Prttigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im Himmel
dankte, wenn ich ihm die Nachricht brchte, die ich Euch gebracht
habe.

Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon, sagte der hi
trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: Ja, wenn Ihr
es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich es
meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und wei
nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in keine
Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt unten
im Drfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab es zu
verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glck erlangen
kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein, dem es um
alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wnscht. Aber ich
gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe ich alle fr
mich, es ist kein Einziger unten im Drfli, der nicht mir hilft und
gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht kommen lassen,
so besinnt Euch wohl, hi; es gibt noch Sachen, die Euch dann knnten
aufgewrmt werden, die Ihr nicht gern hrtet, denn wenn man's einmal
mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch manches aufgesprt, an das
keiner mehr denkt.

Schweig!, donnerte der hi heraus, und seine Augen flammten wie
Feuer. Nimm's und verdirb's! Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich
will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im Mund wie
dich heut!

Der hi ging mit groen Schritten zur Tr hinaus.

Du hast den Grovater bs gemacht, sagte Heidi und blitzte mit
seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.

Er wird schon wieder gut, komm jetzt, drngte die Base; wo sind
deine Kleider?

Ich komme nicht, sagte Heidi.

Was sagst du?, fuhr die Base auf; dann nderte sie den Ton ein wenig
und fuhr halb freundlich, halb rgerlich weiter: Komm, komm, du
verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar nicht
weit. Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen hervor und
packte sie zusammen: So, komm jetzt, nimm dort dein Htchen, es sieht
nicht schn aus, aber es ist gleich fr einmal, setz es auf und mach,
dass wir fortkommen.

Ich komme nicht, wiederholte Heidi.

Sei doch nicht so dumm und strrig wie eine Gei; denen hast du's
abgesehen. Begreif doch nur, jetzt ist der Grovater bs, du hast's
ja gehrt, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor Augen
kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und jetzt musst
du ihn nicht noch bser machen. Du weit gar nicht, wie schn es ist
in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und gefllt es dir dann
nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin ist der Grovater dann
wieder gut.

Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?, fragte
Heidi.

Ach was, komm jetzt! Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim, wann
du willst. Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und morgen frh
sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im Augenblick
wieder daheim, das geht wie geflogen.

Die Base Dete hatte das Bndelchen Kleider auf den Arm und Heidi an
die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins
Drfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier und
da einen Tag Ferien, denn er dachte, es ntze nichts, dahin zu gehen,
das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren und groe
Ruten suchen ntze etwas, denn diese knne man brauchen. So kam er
eben in der Nhe seiner Htte von der Seite her mit sichtlichem Erfolg
seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein ungeheures Bndel
langer, dicker Haselruten auf der Achsel. Er stand still und starrte
die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei ihm ankamen; dann sagte er:
Wo willst du hin?

Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base, antwortete
Heidi, aber ich will zuerst noch zur Gromutter hinein, sie wartet
auf mich.

Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spt, sagte die Base
eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; du kannst
dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt! Damit zog die Base
das Heidi fest weiter und lie es nicht mehr los, denn sie frchtete,
es knne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen, es wolle nicht
fort, und die Gromutter knne ihm helfen wollen. Der Peter sprang
in die Htte hinein und schlug mit seinem ganzen Bndel Ruten so
furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte und die Gromutter
vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut aufjammerte. Der Peter
hatte sich Luft machen mssen.

Was ist's denn? Was ist's denn?, rief angstvoll die Gromutter, und
die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen war bei
dem Knall, sagte in angeborener Langmut: Was hast, Peterli; warum
tust so wst?

Weil sie das Heidi mitgenommen hat, erklrte Peter.

Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?, fragte die Gromutter jetzt mit
neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging, die
Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete gesehen
zum Alm-hi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile machte die Gromutter
das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: Dete, Dete, nimm uns das
Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!

Die beiden Laufenden hrten die Stimme, und die Dete mochte wohl
ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief,
was sie konnte. Heidi widerstrebte und sagte: Die Gromutter hat
gerufen, ich will zu ihr.

Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind, es
solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spt kmen,
sondern dass sie morgen weiterreisen knnten, es knnte ja dann sehen,
wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie mehr fortwolle
dort; und wenn es doch heim wolle, so knne es ja gleich gehen und
dann erst noch der Gromutter etwas mit heimbringen, was sie freue.
Das war eine Aussicht fr Heidi, die ihm gefiel. Es fing an zu laufen
ohne Widerstreben.

Was kann ich der Gromutter heimbringen?, fragte es nach einer
Welle.

Etwas Gutes, sagte die Base, so schne, weiche Weibrtchen, da
wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze Brot
fast nicht mehr essen.

Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: >Es ist mir zu
hart<; das habe ich selbst gesehen, besttigte das Heidi. So wollen
wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir vielleicht heut noch
nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin mit den Brtchen.

Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Bndel auf dem
Arm fast nicht mehr nachkam. Aber sie war sehr froh, dass es so rasch
ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Husern vom Drfli, und
da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi
wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief sie stracks durch,
und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer Hand, dass alle Leute
es sehen konnten, wie sie um des Kindes willen so pressieren musste.
So rief sie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus allen
Fenstern und Tren entgegentnten, nur immer zurck: Ihr seht's ja,
ich kann jetzt nicht still stehen, das Kind pressiert und wir haben
noch weit.

Nimmst's mit? - Luft's dem Alm-hi fort? - Es ist nur ein
Wunder, dass es noch am Leben ist! - Und dazu noch so rotbackig! So
tnte es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne Verzug
durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi kein Wort
sagte, sondern nur immer vorwrts strebte in groem Eifer. -

Von dem Tage an machte der Alm-hi, wenn er herunterkam und durchs
Drfli ging, ein bseres Gesicht als je zuvor. Er grte keinen
Menschen und sah mit seinem Ksereff auf dem Rcken, mit dem
ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken Brauen
so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern sagten: Gib
Acht! Geh dem Alm-hi aus dem Weg, er knnte dir noch etwas tun!

Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Drfli, er ging nur durch
und weit ins Tal hinab, wo er seinen Kse verhandelte und seine
Vorrte an Brot und Fleisch einnahm. Wenn er so vorbeigegangen war im
Drfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trppchen zusammen,
und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-hi gesehen hatte,
wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem Menschen mehr
auch nur einen Gru abnehme, und alle kamen darin berein, dass es ein
groes Glck sei, dass das Kind habe entweichen knnen, und man habe
auch wohl gesehen, wie es fortgedrngt habe, so, als frchte es, der
Alte sei schon hinter ihm drein, um es zurckzuholen. Nur die blinde
Gromutter hielt unverrckt zum Alm-hi, und wer zu ihr heraufkam, um
bei ihr spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzhlte
sie es immer wieder, wie gut und sorgfltig der Alm-hi mit dem Kind
gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie manchen
Nachmittag er an ihrem Huschen herumgeflickt, das ohne seine Hilfe
gewiss schon zusammengefallen wre. So kamen denn auch diese Berichte
ins Drfli herunter; aber die meisten, die sie vernahmen, sagten dann,
die Gromutter sei vielleicht zu alt zum Begreifen, sie werde es wohl
nicht recht verstanden haben, sie werde wohl auch nicht mehr gut
hren, weil sie nichts mehr sehe.

Der Alm-hi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geienpeters; es war
gut, dass er die Htte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie blieb
fr lange Zeit ganz unberhrt. Jetzt begann die blinde Gromutter ihre
Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich, an dem sie nicht
klagend sagte: Ach, mit dem Kind ist alles Gute und alle Freude von
uns genommen, und die Tage sind so leer! Wenn ich nur noch einmal das
Heidi hren knnte, eh ich sterben muss!



Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Tchterlein,
Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag sich
aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestoen wurde. Jetzt sa es
im so genannten Studierzimmer, das neben der groen Essstube lag und
wo vielerlei Gertschaften herumstanden und -lagen, die das Zimmer
wohnlich machten und zeigten, dass man hier gewhnlich sich aufhielt.
An dem groen, schnen Bcherschrank mit den Glastren konnte man
sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte und dass es wohl der Raum
war, wo dem lahmen Tchterchen der tgliche Unterricht erteilt wurde.

Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde,
blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die groe
Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen
schien, denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt mit
ziemlicher Ungeduld in der Stimme: Ist es denn immer noch nicht Zeit,
Frulein Rottenmeier?

Die Letztere sa sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und
stickte. Sie hatte eine geheimnisvolle Hlle um sich, einen groen
Kragen oder Halbmantel, welcher der Persnlichkeit einen feierlichen
Anstrich verlieh, der noch erhht wurde durch eine Art von hoch
gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug. Frulein Rottenmeier war
schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des Hauses gestorben war,
im Hause Sesemann, fhrte die Wirtschaft und hatte die Oberaufsicht
ber das ganze Dienstpersonal.

Herr Sesemann war meistens auf Reisen, berlie daher dem Frulein
Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein
Tchterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen dessen
Wunsch geschehen drfe.

Whrend oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld Frulein
Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da die Erwarteten
erscheinen konnten, stand unten vor der Haustr die Dete mit Heidi an
der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben vom Wagen gestiegen
war, ob sie wohl Frulein Rottenmeier so spt noch stren drfe.

Das ist nicht meine Sache, brummte der Kutscher; klingeln Sie den
Sebastian herunter, drinnen im Korridor.

Dete tat, wie ihr geheien war, und der Bediente des Hauses kam die
Treppe herunter mit groen, runden Knpfen auf seinem Aufwrterrock
und fast ebenso groen runden Augen im Kopfe.

Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Frulein Rottenmeier noch
stren drfe, brachte die Dete wieder an.

Das ist nicht meine Sache, gab der Bediente zurck; klingeln Sie
die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel, und ohne weitere
Auskunft verschwand der Sebastian.

Dete klingelte wieder. Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer
Tinette mit einem blendend weien Deckelchen auf der Mitte des Kopfes
und einer spttischen Miene auf dem Gesicht.

Was ist?, fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen. Dete
wiederholte ihr Gesuch. Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald
wieder und rief von der Treppe herunter: Sie sind erwartet!

Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer
Tinette folgend, in das Studierzimmer ein. Hier blieb Dete hflich an
der Tr stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie war gar
nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem so fremden
Boden.

Frulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam nher,
um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu betrachten. Der
Anblick schien sie nicht zu befriedigen. Heidi hatte sein einfaches
Baumwollrckchen an und sein altes, zerdrcktes Strohhtchen auf dem
Kopf. Das Kind guckte sehr harmlos darunter hervor und betrachtete mit
unverhehlter Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame.

Wie heiest du?, fragte Frulein Rottenmeier, nachdem auch sie
einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein Auge
von ihr verwandte.

Heidi, antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.

Wie? Wie? Das soll doch wohl kein christlicher Name sein? So bist
du doch nicht getauft worden. Welchen Namen hast du in der Taufe
erhalten?, fragte Frulein Rottenmeier weiter.

Das wei ich jetzt nicht mehr, entgegnete Heidi.

Ist das eine Antwort!, bemerkte die Dame mit Kopfschtteln. Jungfer
Dete, ist das Kind einfltig oder schnippisch?

Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern reden
fr das Kind, denn es ist sehr unerfahren, sagte die Dete, nachdem
sie dem Heidi heimlich einen kleinen Sto gegeben hatte fr die
unpassende Antwort. Es ist aber nicht einfltig und auch nicht
schnippisch, davon wei es gar nichts; es meint alles so, wie es
redet. Aber es ist heut zum ersten Mal in einem Herrenhaus und kennt
die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht ungelehrig, wenn
die Dame wollte gtige Nachsicht haben. Es ist Adelheid getauft
worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig.

Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann, bemerkte
Frulein Rottenmeier. Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch sagen,
dass mir das Kind fr sein Alter sonderbar vorkommt. Ich habe Ihnen
mitgeteilt, die Gespielin fr Frulein Klara msste in ihrem Alter
sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und berhaupt
ihre Beschftigungen zu teilen. Frulein Klara hat das zwlfte Jahr
zurckgelegt; wie alt ist das Kind?

Mit Erlaubnis der Dame, fing die Dete wieder beredt an, es war mir
eben selber nicht mehr so ganz gegenwrtig, wie alt es sei; es ist
wirklich ein wenig jnger, viel trifft es nicht an, ich kann's so ganz
genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so noch etwas
dazu sein, nehm ich an.

Jetzt bin ich acht, der Grovater hat's gesagt, erklrte Heidi. Die
Base stie es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum, und
wurde keineswegs verlegen.

Was, erst acht Jahre alt?, rief Frulein Rottenmeier mit einiger
Entrstung aus. Vier Jahre zu wenig! Was soll das geben! Und was hast
du denn gelernt? Was hast du fr Bcher gehabt bei deinem Unterricht?

Keine, sagte Heidi.

Wie? Was? Wie hast du denn lesen gelernt?, fragte die Dame weiter.

Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht, berichtete
Heidi.

Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht
lesen!, rief Frulein Rottenmeier im hchsten Schrecken aus. Ist es
die Mglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?

Nichts, sagte Heidi der Wahrheit gem.

Jungfer Dete, sagte Frulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in
denen sie nach Fassung rang, es ist alles nicht nach Abrede, wie
konnten Sie mir dieses Wesen zufhren? Aber die Dete lie sich nicht
so bald einschchtern; sie antwortete herzhaft: Mit Erlaubnis der
Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie haben wolle; die
Dame hat mir beschrieben, wie es sein msse, so ganz apart und nicht
wie die anderen, und so musste ich das Kleine nehmen, denn die
Greren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses
passe wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muss ich aber gehen,
denn meine Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft
erlaubt, bald wieder kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm. Mit
einem Knicks war die Dete zur Tr hinaus und die Treppe hinunter mit
schnellen Schritten. Frulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch
da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen,
dass sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte,
wenn das Kind wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal
und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen.

Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tr, wo es von Anfang an
gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend
allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: Komm hierher!

Heidi trat an den Rollstuhl heran.

Willst du lieber Heidi heien oder Adelheid?, fragte Klara.

Ich heie nur Heidi und sonst nichts, war Heidis Antwort.

So will ich dich immer so nennen, sagte Klara; der Name gefllt mir
fr dich, ich habe ihn aber nie gehrt, ich habe aber auch nie ein
Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes,
krauses Haar gehabt?

Ja, ich denk's, gab Heidi zur Antwort.

Bist du gern nach Frankfurt gekommen?, fragte Klara weiter.

Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der Gromutter
weie Brtchen!, erklrte Heidi.

Du bist aber ein kurioses Kind!, fuhr jetzt Klara auf. Man hat dich
ja express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir bleibest und
die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird nun ganz lustig,
weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas ganz Neues in den
Stunden vor. Sonst ist es manchmal so schrecklich langweilig und der
Morgen will gar nicht zu Ende kommen. Denn siehst du, alle Morgen um
zehn Uhr kommt der Herr Kandidat, und dann fangen die Stunden an und
dauern bis um zwei Uhr, das ist so lange. Der Herr Kandidat nimmt auch
manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran, so, als wre er auf
einmal ganz kurzsichtig geworden, aber er ghnt nur furchtbar hinter
dem Buch, und Frulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr
groes Taschentuch hervor und hlt es vor das ganze Gesicht hin, so,
als sei sie ganz ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich wei
recht gut, dass sie nur ganz schrecklich ghnt dahinter, und dann
sollte ich auch so stark ghnen und muss es immer hinunterschlucken,
denn wenn ich nur ein einziges Mal herausghne, so holt Frulein
Rottenmeier gleich den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und
Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich doch lieber
Ghnen schlucken. Aber nun wird's viel kurzweiliger, da kann ich dann
zuhren, wie du lesen lernst.

Heidi schttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom Lesenlernen
hrte.

Doch, doch, Heidi, natrlich musst du lesen lernen, alle Menschen
mssen, und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals bse,
und er erklrt dir dann schon alles. Aber siehst du, wenn er etwas
erklrt, dann verstehst du nichts davon; dann musst du nur warten und
gar nichts sagen, sonst erklrt er dir noch viel mehr und du verstehst
es noch weniger. Aber dann nachher, wenn du etwas gelernt hast und es
weit, dann verstehst du schon, was er gemeint hat.

Jetzt kam Frulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurck; sie hatte
Dete nicht mehr zurckrufen knnen und war sichtlich aufgeregt davon,
denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einlsslich sagen knnen,
was alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie nicht
wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rckgngig zu machen,
war sie umso aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze Sache
angestiftet. Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer hinber, und
von da wieder zurck, und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr
hier den Sebastian an, der seine runden Augen eben nachdenklich ber
den gedeckten Tisch gleiten lie, um zu sehen, ob sein Werk keinen
Mangel habe.

Denk Er morgen Seine groen Gedanken fertig und mach Er, dass man
heut noch zu Tische komme.

Mit diesen Worten fuhr Frulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und
rief nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die Jungfer
Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte als sonst
gewhnlich - und sich mit so spttischem Gesicht hinstellte, dass
selbst Frulein Rottenmeier nicht wagte, sie anzufahren; umso mehr
schlug ihr die Aufregung nach innen.

Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette,
sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; es liegt alles bereit,
nehmen Sie noch den Staub von den Mbeln weg.

Es ist der Mhe wert, spttelte Tinette und ging.

Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltren zum Studierzimmer mit
ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber sich
in Antworten Luft zu machen durfte er nicht wagen Frulein Rottenmeier
gegenber; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer, um den
Rollstuhl hinberzustoen. Whrend er den Griff hinten am Stuhl, der
sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi vor ihn hin
und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte. Auf einmal fuhr er
auf. Na, was ist denn da Besonderes dran?, schnurrte er Heidi an in
einer Weise, wie er es wohl nicht getan, htte er Frulein Rottenmeier
gesehen, die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade hereintrat,
als Heidi entgegnete: Du siehst dem Geienpeter gleich.

Entsetzt schlug die Dame ihre Hnde zusammen. Ist es die
Mglichkeit!, sthnte sie halblaut. Nun duzt sie mir den Bedienten!
Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!

Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian
hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.

Frulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es sollte
den Platz ihr gegenber einnehmen. Sonst kam niemand zu Tische, und
es war viel Platz da; die drei saen auch weit auseinander, so dass
Sebastian mit seiner Schssel zum Anbieten guten Raum fand. Neben
Heidis Teller lag ein schnes, weies Brtchen; das Kind schaute mit
erfreuten Blicken darauf. Die hnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte,
musste sein ganzes Vertrauen fr den Sebastian erweckt haben, denn
es sa muschenstill und rhrte sich nicht, bis er mit der groen
Schssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt,
dann zeigte es auf das Brtchen und fragte: Kann ich das haben?
Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Frulein
Rottenmeier, denn es wunderte ihn, was die Frage fr einen Eindruck
auf sie mache. Augenblicklich ergriff Heidi sein Brtchen und steckte
es in die Tasche. Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam
ihn an; er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war. Stumm und
unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte
er nicht, und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient
hatte. Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte es:
Soll ich auch von dem essen? Sebastian nickte wieder. So gib mir,
sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller. Sebastians Grimasse
wurde sehr bedenklich, und die Schssel in seinen Hnden fing an
gefhrlich zu zittern.

Er kann die Schssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen,
sagte jetzt Frulein Rottenmeier mit strengem Gesicht. Sebastian
verschwand sogleich. Dir, Adelheid, muss ich berall die ersten
Begriffe beibringen, das sehe ich, fuhr Frulein Rottenmeier mit
tiefem Seufzer fort. Vor allem will ich dir zeigen, wie man sich am
Tische bedient, und nun machte die Dame deutlich und eingehend alles
vor, was Heidi zu tun hatte. Dann, fuhr sie weiter, muss ich dir
hauptschlich bemerken, dass du am Tisch nicht mit Sebastian zu
sprechen hast, auch sonst nur dann, wenn du einen Auftrag oder eine
notwendige Frage an ihn zu richten hast; dann aber nennst du ihn nie
mehr anders als _Sie_ oder _Er_, hrst du? Dass ich dich niemals mehr
ihn anders nennen hre. Auch Tinette nennst du _Sie_, Jungfer Tinette.
Mich nennst du so, wie du mich von allen nennen hrst; wie du Klara
nennen sollst, wird sie selbst bestimmen.

Natrlich Klara, sagte diese. Nun folgte aber noch eine Menge
von Verhaltungsmaregeln, ber Aufstehen und Zubettegehen, ber
Hereintreten und Hinausgehen, ber Ordnunghalten, Trenschlieen, und
ber alledem fielen dem Heidi die Augen zu, denn es war heute vor fnf
Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht. Es lehnte sich an
den Sesselrcken und schlief ein. Als dann nach lngerer Zeit Frulein
Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer Unterweisung, sagte sie:
Nun denke daran, Adelheid! Hast du alles recht begriffen?

Heidi schlft schon lange, sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht,
denn das Abendessen war fr sie seit langer Zeit nie so kurzweilig
verflossen.

Es ist doch vllig unerhrt, was man mit diesem Kind erlebt!, rief
Frulein Rottenmeier in groem rger und klingelte so heftig, dass
Tinette und Sebastian miteinander herbeigestrzt kamen; aber trotz
allen Lrms erwachte Heidi nicht, und man hatte die grte Mhe, es
so weit zu erwecken, dass es nach seinem Schlafgemach gebracht werden
konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch Klaras Schlafstube,
dann durch die Stube von Frulein Rottenmeier zu dem Eckzimmer, das
nun fr Heidi eingerichtet war.



Frulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug, konnte
es durchaus nicht begreifen, was es erblickte. Es rieb ganz gewaltig
seine Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe. Es sa auf einem
hohen, weien Bett und vor sich sah es einen groen, weiten Raum, und
wo die Helle herkam, hingen lange, lange weie Vorhnge, und dabei
standen zwei Sessel mit groen Blumen darauf, und dann kam ein Sofa an
der Wand mit denselben Blumen und ein runder Tisch davor, und in der
Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf, wie Heidi sie noch gar
nie gesehen hatte. Aber nun kam ihm auf einmal in den Sinn, dass es in
Frankfurt sei, und der ganze gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und
zuletzt noch ganz klar die Unterweisungen der Dame, soweit es sie
gehrt hatte. Heidi sprang nun von seinem Bett herunter und machte
sich fertig. Dann ging es an ein Fenster und dann an das andere; es
musste den Himmel sehen und die Erde drauen, es fhlte sich wie im
Kfig hinter den groen Vorhngen. Es konnte diese nicht wegschieben;
so kroch es dahinter, um an ein Fenster zu kommen. Aber dieses war so
hoch, dass Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass
es durchsehen konnte. Aber Heidi fand nicht, was es suchte. Es lief
von einem Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurck; aber
immer war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder
Mauern und dann wieder Fenster. Es wurde Heidi ganz bange. Noch war es
frh am Morgen, denn Heidi war gewhnt, frh aufzustehen auf der Alm
und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tr und zu sehen, wie's
drauen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei, ob die
Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben.
Wie das Vgelein, das zum ersten Mal in seinem schn glnzenden
Gefngnis sitzt, hin und her schiet und bei allen Stben probiert, ob
es nicht dazwischen durchschlpfen und in die Freiheit hinausfliegen
knne, so lief Heidi immer von dem einen Fenster zum anderen, um zu
probieren, ob es nicht aufgemacht werden knne, denn dann musste man
doch etwas anderes sehen als Mauern und Fenster, da musste doch unten
der Erdboden, das grne Gras und der letzte schmelzende Schnee an den
Abhngen zum Vorschein kommen, und Heidi sehnte sich, das zu sehen.
Aber die Fenster blieben fest verschlossen, wie sehr auch das Kind
drehte und zog und von unten suchte, die kleinen Finger unter die
Rahmen einzutreiben, damit es Kraft htte, sie aufzudrcken; es blieb
alles eisenfest aufeinander sitzen. Nach langer Zeit, als Heidi
einsah, dass alle Anstrengungen nichts halfen, gab es seinen Plan auf
und berdachte nun, wie es wre, wenn es vor das Haus hinausginge und
hintenherum, bis es auf den Grasboden kme, denn es erinnerte sich,
dass es gestern Abend vorn am Haus nur ber Steine gekommen war. Jetzt
klopfte es an seiner Tr und unmittelbar darauf steckte Tinette den
Kopf herein und sagte kurz: Frhstck bereit!

Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf dem
spttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung, ihr
nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung geschrieben,
und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach.
Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch empor, stellte ihn in eine
Ecke, setzte sich darauf und wartete so ganz still ab, was nun kommen
wrde. Nach einiger Zeit kam etwas mit ziemlichem Gerusch, es war
Frulein Rottenmeier, die schon wieder in Aufregung geraten war und
in Heidis Stube hineinrief: Was ist mit dir, Adelheid? Begreifst du
nicht, was ein Frhstck ist? Komm herber!

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach. Im Esszimmer sa
Klara schon lang an ihrem Platz und begrte Heidi freundlich, machte
auch ein viel vergngteres Gesicht als sonst gewhnlich, denn sie
sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen wrde. Das
Frhstck ging nun ohne Strung vor sich; Heidi a ganz anstndig
sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara wieder ins
Studierzimmer hinbergerollt und Heidi wurde von Frulein Rottenmeier
angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu bleiben, bis der Herr
Kandidat kommen wrde, um die Unterrichtsstunden zu beginnen. Als
die beiden Kinder allein waren, sagte Heidi sogleich: Wie kann man
hinaussehen hier und ganz hinunter auf den Boden?

Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus, antwortete Klara
belustigt.

Man kann diese Fenster nicht aufmachen, versetzte Heidi traurig.

Doch, doch, versicherte Klara, nur du noch nicht, und ich kann dir
auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht
er dir schon eines auf.

Das war eine groe Erleichterung fr Heidi zu wissen, dass man doch
die Fenster ffnen und hinausschauen knne, denn noch war es ganz
unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing
nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und Heidi
erzhlte mit Freuden von der Alm und den Geien und der Weide und
allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Frulein
Rottenmeier fhrte ihn nicht, wie gewhnlich, ins Studierzimmer, denn
sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins
Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in groer Aufregung
ihre bedrngte Lage schilderte und wie sie in diese hineingekommen
war.

Sie hatte nmlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris
geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe lngst
gewnscht, es mchte eine Gespielin fr sie ins Haus aufgenommen
werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den
Unterrichtsstunden ein Sporn, in der brigen Zeit eine anregende
Gesellschaft fr Klara sein wrde. Eigentlich war die Sache fr
Frulein Rottenmeier selbst sehr wnschbar, denn sie wollte gern, dass
jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme,
wenn es ihr zu viel war, was fters geschah. Herr Sesemann hatte
geantwortet, er erflle gern den Wunsch seiner Tochter, doch mit der
Bedingung, dass eine solche Gespielin in allem ganz gehalten werde wie
jene, er wolle keine Kinderqulerei in seinem Hause - was freilich
eine sehr unntze Bemerkung von dem Herrn war, setzte Frulein
Rottenmeier hinzu, denn wer wollte Kinder qulen! Nun aber erzhlte
sie weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem
Kinde, und fhrte alle Beispiele von seinem vllig begriffslosen
Dasein an, die es bis jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der
Unterricht des Herrn Kandidaten buchstblich beim Abc anfangen msse,
sondern dass auch sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit
dem Uranfang zu beginnen htte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie
nur ein Rettungsmittel: Wenn der Herr Kandidat erklren werde, zwei so
verschiedene Wesen knnten nicht miteinander unterrichtet werden ohne
groen Schaden des vorgerckteren Teiles; das wre fr Herrn Sesemann
ein triftiger Grund, die Sache rckgngig zu machen, und so wrde er
zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin zurckgeschickt wrde,
woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung aber drfte sie das nicht
unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass das Kind angekommen sei.
Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals einseitig im Urteilen.
Er trstete Frulein Rottenmeier mit vielen Worten und der Ansicht,
wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurck sei, so mchte
sie auf der anderen umso gefrderter sein, was bei einem geregelten
Unterricht bald ins Gleichgewicht kommen werde. Als Frulein
Rottenmeier sah, dass der Herr Kandidat sie nicht untersttzen,
sondern seinen Abc-Unterricht bernehmen wollte, machte sie ihm die
Tr zum Studierzimmer auf, und nachdem er hereingetreten war, schloss
sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor
dem Abc hatte sie einen Schrecken. Sie ging jetzt mit groen Schritten
im Zimmer auf und nieder, denn sie hatte zu berlegen, wie die
Dienstboten Adelheid zu benennen htten. Herr Sesemann hatte ja
geschrieben, sie msste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses
Wort musste sich hauptschlich auf das Verhltnis zu den Dienstboten
beziehen, dachte Frulein Rottenmeier. Sie konnte aber nicht lange
ungestrt berlegen, denn auf einmal ertnte drinnen im Studierzimmer
ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstnde und dann ein
Hilferuf nach Sebastian. Sie strzte hinein. Da lag auf dem Boden
alles bereinander, die smtlichen Studien-Hilfsmittel, Bcher, Hefte,
Tintenfass und obendrauf der Tischteppich, unter dem ein schwarzes
Tintenbchlein hervorfloss, die ganze Stube entlang. Heidi war
verschwunden.

Da haben wir's, rief Frulein Rottenmeier hnderingend aus.
Teppich, Bcher, Arbeitskorb, alles in der Tinte! Das ist noch nie
geschehen! Das ist das Unglckswesen, da ist kein Zweifel!

Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die
Verwstung, die allerdings nur _eine_ Seite hatte und eine recht
bestrzende. Klara dagegen verfolgte mit vergngtem Gesicht die
ungewhnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun erklrend:
Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es muss gewiss
nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig, fortzukommen,
und riss den Teppich mit, und so fiel alles hintereinander auf den
Boden. Es fuhren viele Wagen hintereinander vorbei, darum ist es so
fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen.

Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat? Nicht _einen_
Urbegriff hat das Wesen! Keine Ahnung davon, was eine
Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhren und still zu sitzen
hat. Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin? Wenn es fortgelaufen
wre! Was wrde mir Herr Sesemann -

Frulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter. Hier, unter
der geffneten Haustr, stand Heidi und guckte ganz verblfft die
Strae auf und ab.

Was ist denn? Was fllt dir denn ein? Wie kannst du so davonlaufen!,
fuhr Frulein Rottenmeier das Kind an.

Ich habe die Tannen rauschen gehrt, aber ich wei nicht, wo sie
stehen, und hre sie nicht mehr, antwortete Heidi und schaute
enttuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt
war, das in Heidis Ohren dem Tosen des Fhns in den Tannen hnlich
geklungen hatte, so dass es in hchster Freude dem Ton nachgerannt
war.

Tannen! Sind wir im Wald? Was sind das fr Einflle! Komm herauf
und sieh, was du angerichtet hast! Damit stieg Frulein Rottenmeier
wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun sehr
verwundert vor der groen Verheerung, denn es hatte nicht gemerkt, was
es alles mitriss vor Freude und Eile, die Tannen zu hren.

Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder,
sagte Frulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; zum Lernen sitzt
man still auf seinem Sessel und gibt Acht. Kannst du das nicht selbst
fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl festbinden. Kannst du
das verstehen?

Ja, entgegnete Heidi, aber ich will schon festsitzen. Denn jetzt
hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer Unterrichtsstunde
still zu sitzen.

Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung
wiederherzustellen. Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der weitere
Unterricht musste nun aufgegeben werden. Zum Ghnen war heute gar
keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi hatte
alsdann seine Beschftigung selbst zu whlen; so hatte Frulein
Rottenmeier ihm am Morgen erklrt. Als nun nach Tisch Klara sich in
ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Frulein Rottenmeier nach
ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da war, da es seine
Beschftigung selbst whlen konnte. Das war dem Heidi sehr erwnscht,
denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu unternehmen; es musste
aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum vor das Esszimmer
mitten auf den Korridor, damit die Persnlichkeit, die es zu beraten
gedachte, ihm nicht entgehen knne. Richtig, nach kurzer Zeit kam
Sebastian die Treppe herauf mit dem groen Teebrett auf den Armen,
denn er brachte das Silberzeug aus der Kche herauf, um es im Schrank
des Esszimmers zu verwahren. Als er auf der letzten Stufe der
Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn hin und sagte mit groer
Deutlichkeit: Sie oder Er!

Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur mglich war, und
sagte ziemlich barsch: Was soll das heien, Mamsell?

Ich mchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Bses wie
heute Morgen, fgte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es merkte, dass
Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es komme noch von der
Tinte am Boden her.

So, und warum muss es denn heien Sie oder Er, das mcht ich zuerst
wissen, gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurck.

Ja, so muss ich jetzt immer sagen, versicherte Heidi; Frulein
Rottenmeier hat es befohlen.

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert
ansehen musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber Sebastian
hatte auf einmal begriffen, was Frulein Rottenmeier befohlen hatte,
und sagte nun sehr erlustigt: Schon recht, so fahre die Mamsell nur
zu.

Ich heie gar nicht Mamsell, sagte nun Heidi seinerseits ein wenig
gergert; ich heie Heidi.

Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich Mamsell
sage, erklrte Sebastian.

Hat sie? Ja, dann muss ich schon so heien, sagte Heidi mit
Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen musste,
wie Frulein Rottenmeier befahl.

Jetzt habe ich schon drei Namen, setzte es mit einem Seufzer hinzu.

Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?, fragte Sebastian jetzt,
indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im Schrank
zurechtlegte.

Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?

So, gerade so, und er machte den groen Fensterflgel auf.

Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu knnen; es
langte nur bis zum Gesims hinauf.

Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was
unten ist, sagte Sebastian, indem er einen hohen hlzernen Schemel
herbeigeholt hatte und hinstellte. Hoch erfreut stieg Heidi hinauf und
konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun. Aber mit
dem Ausdruck der grten Enttuschung zog es sogleich den Kopf wieder
zurck.

Man sieht nur die steinerne Strae hier, sonst gar nichts, sagte
das Kind bedauerlich; aber wenn man um das ganze Haus herumgeht, was
sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?

Gerade dasselbe, gab dieser zur Antwort.

Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen
kann ber das ganze Tal hinab?

Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm, so
einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da guckt
man von oben herunter und sieht weit ber alles weg.

Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tr
hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Strae hinaus. Aber die
Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als es aus dem
Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihm vor, es knne nur ber die
Strae gehen, so msste er gleich vor ihm stehen. Nun ging Heidi die
ganze Strae hinunter, aber es kam nicht an den Turm, konnte ihn auch
nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere Strae hinein und
weiter und weiter, aber immer noch sah es den Turm nicht. Es gingen
viele Leute an ihm vorbei, aber die waren alle so eilig, dass Heidi
dachte, sie htten nicht Zeit, ihm Bescheid zu geben. Jetzt sah es
an der nchsten Straenecke einen Jungen stehen, der eine kleine
Drehorgel auf dem Rcken und ein ganz kurioses Tier auf dem Arme trug.
Heidi lief zu ihm hin und fragte: Wo ist der Turm mit der goldenen
Kugel zuoberst?

Wei nicht, war die Antwort.

Wen kann ich denn fragen, wo er sei?, fragte Heidi weiter.

Wei nicht.

Weit du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?

Freilich wei ich eine.

So komm und zeige mir sie.

Zeig du zuerst, was du mir dafr gibst. Der Junge hielt seine Hand
hin. Heidi suchte in seiner Tasche herum. Jetzt zog es ein Bildchen
hervor, darauf ein schnes Krnzchen von roten Rosen gemalt war;
erst sah es noch eine kleine Weile darauf hin, denn es reute Heidi
ein wenig. Erst heute Morgen hatte Klara es ihm geschenkt; aber
hinuntersehen ins Tal, ber die grnen Abhnge! Da, sagte Heidi und
hielt das Bildchen hin, willst du das?

Der Junge zog die Hand zurck und schttelte den Kopf.

Was willst du denn?, fragte Heidi und steckte vergngt sein Bildchen
wieder ein.

Geld.

Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel
willst du?

Zwanzig Pfennige.

So komm jetzt.

Nun wanderten die beiden eine lange Strae hin, und auf dem Wege
fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem Rcken trage, und er
erklrte ihm, es sei eine schne Orgel unter dem Tuch, die mache eine
prachtvolle Musik, wenn er daran drehe.

Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der
Junge stand still und sagte: Da.

Aber wie komm ich da hinein?, fragte Heidi, als es die fest
verschlossenen Tren sah.

Wei nicht, war wieder die Antwort.

Glaubst du, man knne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?

Wei nicht.

Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus allen
Krften daran.

Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich wei
jetzt den Weg nicht mehr zurck, du musst mir ihn dann zeigen.

Was gibst du mir dann?

Was muss ich dir dann wieder geben?

Wieder zwanzig Pfennige.

Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende Tr
geffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst verwundert, dann
ziemlich erzrnt auf die Kinder und fuhr sie an: Was untersteht ihr
euch, mich da herunterzuklingeln? Knnt ihr nicht lesen, was ber der
Klingel steht: >Fr solche, die den Turm besteigen wollen<?

Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort.
Heidi antwortete: Eben auf den Turm wollt ich.

Was hast du droben zu tun?, fragte der Trmer; hat dich jemand
geschickt?

Nein, entgegnete Heidi, ich mchte nur hinaufgehen, dass ich
hinuntersehen kann.

Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spa nicht wieder, oder
ihr kommt nicht gut weg zum zweiten Mal! Damit kehrte sich der Trmer
um und wollte die Tr zumachen.

Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockscho und sagte bittend: Nur
ein einziges Mal!

Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf,
dass es ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und sagte
freundlich: Wenn dir so viel daran gelegen ist, so komm mit mir!

Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tr nieder und
zeigte, dass er nicht mitwollte.

Heidi stieg an der Hand des Trmers viele, viele Treppen hinauf; dann
wurden diese immer schmler, und endlich ging es noch ein ganz enges
Treppchen hinauf, und nun waren sie oben. Der Trmer hob Heidi vom
Boden auf und hielt es an das offene Fenster.

Da, jetzt guck hinunter, sagte er.

Heidi sah auf ein Meer von Dchern, Trmen und Schornsteinen nieder;
es zog bald seinen Kopf zurck und sagte niedergeschlagen: Es ist gar
nicht, wie ich gemeint habe.

Siehst du wohl? Was versteht so ein Kleines von Aussicht! So, komm
nun wieder herunter und lute nie mehr an einem Turm!

Der Trmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran die
schmalen Stufen hinab. Wo diese breiter wurden, kam links die Tr, die
in des Trmers Stbchen fhrte, und nebenan ging der Boden bis unter
das schrge Dach hin. Dort hinten stand ein groer Korb und davor
sa eine dicke graue Katze und knurrte, denn in dem Korb wohnte ihre
Familie und sie wollte jeden Vorbergehenden davor warnen, sich in
ihre Familienangelegenheiten zu mischen. Heidi stand still und schaute
verwundert hinber, eine so mchtige Katze hatte es noch nie gesehen;
in dem alten Turm wohnten aber ganze Herden von Musen, so holte sich
die Katze ohne Mhe jeden Tag ein halbes Dutzend Musebraten. Der
Trmer sah Heidis Bewunderung und sagte: Komm, sie tut dir nichts,
wenn ich dabei bin; du kannst die Jungen ansehen.

Heidi trat an den Korb heran und brach in ein groes Entzcken aus.

Oh, die netten Tierlein! Die schnen Ktzchen!, rief es ein Mal ums
andere und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht alle
komischen Gebrden und Sprnge zu sehen, welche die sieben oder acht
jungen Ktzchen vollfhrten, die in dem Korb rastlos bereinanderhin
krabbelten, sprangen, fielen.

Willst du eins haben?, fragte der Trmer, der Heidis Freudensprngen
vergngt zuschaute.

Selbst fr mich? Fr immer?, fragte Heidi gespannt und konnte das
groe Glck fast nicht glauben.

Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle
zusammen haben, wenn du Platz hast, sagte der Mann, dem es gerade
recht war, seine kleinen Katzen loszuwerden, ohne dass er ihnen ein
Leid antun musste.

Heidi war im hchsten Glck. In dem groen Hause hatten ja die
Ktzchen so viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut
sein, wenn die niedlichen Tierchen ankamen!

Aber wie kann ich sie mitnehmen?, fragte nun Heidi und wollte
schnell einige fangen mit seinen Hnden, aber die dicke Katze sprang
ihm auf den Arm und fauchte es so grimmig an, dass es sehr erschrocken
zurckfuhr.

Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin, sagte der Trmer, der die
alte Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn sie
war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem Turm
gelebt.

Zum Herrn Sesemann in dem groen Haus, wo an der Haustr ein goldener
Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul, erklrte Heidi.

Es htte nicht einmal so viel gebraucht fr den Trmer, der schon seit
langen Jahren auf dem Turm sa und jedes Haus weithin kannte, und dazu
war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.

Ich wei schon, bemerkte er; aber wem muss ich die Dinger bringen,
bei wem muss ich nachfragen, du gehrst doch nicht Herrn Sesemann?

Nein, aber die Klara, sie hat eine so groe Freude, wenn die Ktzchen
kommen!

Der Trmer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem
unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.

Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen knnte! Eins fr mich und
eins fr Klara, kann ich nicht?

So wart ein wenig, sagte der Trmer, trug dann die alte
Katze behutsam in sein Stbchen hinein und stellte sie an das
Essschsselchen hin, schloss die Tr vor ihr zu und kam zurck: So,
nun nimm zwei!

Heidis Augen leuchteten vor Wonne. Es las ein weies und dann ein gelb
und wei gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und eins in
die linke Tasche. Nun ging's die Treppe hinunter.

Der Junge sa noch auf den Stufen drauen, und als nun der Trmer
hinter Heidi die Tr zugeschlossen hatte, sagte das Kind: Welchen Weg
mssen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus?

Wei nicht, war die Antwort.

Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustr und die
Fenster und die Treppen, aber der Junge schttelte zu allem den Kopf,
es war ihm alles unbekannt.

Siehst du, fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, aus einem Fenster
sieht man ein groes, groes, graues Haus und das Dach geht so -
Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger groe Zacken in die Luft
hinaus.

Jetzt sprang der Junge auf, er mochte hnliche Merkmale haben, seine
Wege zu finden. Er lief nun in einem Zug drauflos und Heidi hinter
ihm drein, und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der Haustr
mit dem groen Messing-Tierkopf. Heidi zog die Glocke. Bald erschien
Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er drngend: Schnell!
Schnell!

Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tr zu; den
Jungen, der verblfft drauen stand, hatte er gar nicht bemerkt.

Schnell, Mamsellchen, drngte Sebastian weiter, gleich ins
Esszimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch. Frulein Rottenmeier
sieht aus wie eine geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine
Mamsell an, so fortzulaufen?

Heidi war ins Zimmer getreten. Frulein Rottenmeier blickte nicht
auf; Klara sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille.
Sebastian rckte Heidi den Sessel zurecht. Jetzt, wie es auf seinem
Stuhl sa, begann Frulein Rottenmeier mit strengem Gesicht und einem
ganz feierlich-ernsten Ton: Adelheid, ich werde nachher mit dir
sprechen, jetzt nur so viel: Du hast dich sehr ungezogen, wirklich
strafbar benommen, dass du das Haus verlsst, ohne zu fragen, ohne
dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst bis zum spten
Abend; es ist eine vllig beispiellose Auffhrung.

Miau, tnte es wie als Antwort zurck.

Aber jetzt stieg der Zorn der Dame. Wie, Adelheid, rief sie in immer
hheren Tnen, du unterstehst dich noch, nach aller Ungezogenheit
einen schlechten Spa zu machen? Hte dich wohl, sag ich dir!

Ich mache, fing Heidi an - Miau! Miau!

Sebastian warf fast seine Schssel auf den Tisch und strzte hinaus.

Es ist genug, wollte Frulein Rottenmeier rufen; aber vor Aufregung
tnte ihre Stimme gar nicht mehr. Steh auf und verlass das Zimmer.

Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch einmal
erklren: Ich mache gewiss - Miau! Miau! Miau!

Aber Heidi, sagte jetzt Klara, wenn du doch siehst, dass du
Frulein Rottenmeier so bse machst, warum machst du immer wieder
>miau<?

Ich mache nicht, die Ktzlein machen, konnte Heidi endlich ungestrt
hervorbringen.

Wie? Was? Katzen? junge Katzen?, schrie Frulein Rottenmeier auf.
Sebastian! Tinette! Sucht die greulichen Tiere! Schafft sie fort!
Damit strzte die Dame ins Studierzimmer hinein und riegelte die
Tren zu, um sicherer zu sein, denn junge Katzen waren fr Frulein
Rottenmeier das Schrecklichste in der Schpfung. Sebastian stand
drauen vor der Tr und musste erst fertig lachen, eh er wieder
eintreten konnte. Er hatte, als er Heidi bediente, einen kleinen
Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und sah dem
Spektakel entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich nicht mehr
halten, kaum noch seine Schssel auf den Tisch setzen. Endlich trat
er denn wieder gefasst ins Zimmer herein, nachdem die Hilferufe der
gengsteten Dame schon lngere Zeit verklungen waren. Jetzt sah es
ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt die Ktzchen auf
ihrem Scho, Heidi kniete neben ihr und beide spielten mit groer
Wonne mit den zwei winzigen, grazisen Tierchen.

Sebastian, sagte Klara zu dem Eintretenden, Sie mssen uns helfen;
Sie mssen ein Nest finden fr die Ktzchen, wo Frulein Rottenmeier
sie nicht sieht, denn sie frchtet sich vor ihnen und will sie
forthaben; aber wir wollen die niedlichen Tierchen behalten und sie
immer hervorholen, sobald wir allein sind. Wo kann man sie hintun?

Das will ich schon besorgen, Frulein Klara, entgegnete Sebastian
bereitwillig; ich mache ein schnes Bettchen in einem Korb und stelle
den an einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinter kommt,
verlassen Sie sich auf mich. Sebastian ging gleich an die Arbeit und
kicherte bestndig vor sich hin, denn er dachte: Das wird noch was
absetzen!, und der Sebastian sah es nicht ungern, wenn Frulein
Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.

Nach lngerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens nahte,
machte Frulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tr auf und
rief durch das Spltchen heraus: Sind die abscheulichen Tiere
fortgeschafft?

Jawohl! Jawohl!, gab Sebastian zurck, der sich im Zimmer zu
schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage. Schnell und leise
fasste er die beiden Ktzchen auf Klaras Scho und verschwand damit.

Die besondere Strafrede, die Frulein Rottenmeier Heidi noch zu halten
gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute fhlte sie
sich zu erschpft nach all den vorhergegangenen Gemtsbewegungen
von rger, Zorn und Schrecken, die ihr Heidi ganz unwissentlich
nacheinander verursacht hatte. Sie zog sich schweigend zurck, und
Klara und Heidi folgten vergngt nach, denn sie wussten ihre Ktzchen
in einem guten Bett.



Im Hause Sesemann geht's unruhig zu

Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustr
geffnet und ihn zum Studierzimmer gefhrt hatte, zog schon wieder
jemand die Hausglocke an, aber mit solcher Gewalt, dass Sebastian die
Treppe vllig hinunterschoss, denn er dachte: So schellt nur der Herr
Sesemann selbst, er muss unerwartet nach Hause gekommen sein. Er riss
die Tr auf - ein zerlumpter Junge mit einer Drehorgel auf dem Rcken
stand vor ihm.

Was soll das heien?, fuhr ihn Sebastian an. Ich will dich lehren,
Glocken herunterzureien! Was hast du hier zu tun?

Ich muss zur Klara, war die Antwort.

Du ungewaschener Straenkfer du; kannst du nicht sagen >Frulein
Klara<, wie unsereins tut? Was hast du bei Frulein Klara zu tun?,
fragte Sebastian barsch.

Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig, erklrte der Junge.

Du bist, denk ich, nicht recht im Kopf! Wie weit du berhaupt, dass
ein Frulein Klara hier ist?

Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann wieder
zurck den Weg gezeigt, macht vierzig.

Da siehst du, was fr Zeug du zusammenflunkerst; Frulein Klara geht
niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst, wo du
hingehrst, bevor ich dir dazu verhelfe!

Aber der Junge lie sich nicht einschchtern; er blieb unbeweglich
stehen und sagte trocken: Ich habe sie doch gesehen auf der Strae,
ich kann sie beschreiben: Sie hat kurzes, krauses Haar, das ist
schwarz, und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun, und sie
kann nicht reden wie wir.

Oho, dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, das ist
die kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt. Dann sagte er,
den Jungen hereinziehend: 's ist schon recht, komm mir nur nach und
warte vor der Tr, bis ich wieder herauskomme. Wenn ich dich dann
einlasse, kannst du gleich etwas spielen; das Frulein hrt es gern.

Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.

Es ist ein Junge da, der durchaus an Frulein Klara selbst etwas zu
bestellen hat, berichtete Sebastian.

Klara war sehr erfreut ber das auergewhnliche Ereignis.

Er soll nur gleich hereinkommen, sagte sie, nicht wahr, Herr
Kandidat, wenn er doch mit mir selbst sprechen muss.

Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort
seine Orgel zu drehen an. Frulein Rottenmeier hatte, um dem Abc
auszuweichen, sich im Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht. Auf
einmal horchte sie auf. - Kamen die Tne von der Strae her? Aber so
nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertnen? Und
dennoch - wahrhaftig - sie strzte durch das lange Esszimmer und riss
die Tr auf. Da - unglaublich - da stand mitten im Studierzimmer
ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein Instrument mit grter
Emsigkeit. Der Herr Kandidat schien immerfort etwas sagen zu wollen,
aber es wurde nichts vernommen. Klara und Heidi hrten mit ganz
erfreuten Gesichtern der Musik zu.

Aufhren! Sofort aufhren!, rief Frulein Rottenmeier ins Zimmer
hinein. Ihre Stimme wurde bertnt von der Musik. Jetzt lief sie auf
den Jungen zu - aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den Fen,
sie sah auf den Boden: ein grausiges, schwarzes Tier kroch ihr
zwischen den Fen durch - eine Schildkrte. Jetzt tat Frulein
Rottenmeier einen Sprung in die Hhe, wie sie seit vielen Jahren
keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskrften: Sebastian!
Sebastian!

Pltzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die Stimme
die Musik bertnt. Sebastian stand drauen vor der halb offenen Tr
und krmmte sich vor Lachen, denn er hatte zugesehen, wie der Sprung
vor sich ging. Endlich kam er herein. Frulein Rottenmeier war auf
einen Stuhl niedergesunken.

Fort mit allem, Mensch und Tier! Schaffen Sie sie weg, Sebastian,
sofort!, rief sie ihm entgegen. Sebastian gehorchte bereitwillig,
zog den Jungen hinaus, der schnell seine Schildkrte erfasst hatte,
drckte ihm drauen etwas in die Hand und sagte: Vierzig fr Frulein
Klara, und vierzig frs Spielen, das hast du gut gemacht; damit
schloss er hinter ihm die Haustr. Im Studierzimmer war es wieder
ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und Frulein
Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer, um durch
ihre Gegenwart hnliche Gruel zu verhten. Den Vorfall wollte
sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den Schuldigen so
bestrafen, dass er daran denken wrde.

Schon wieder klopfte es an die Tr, und herein trat abermals Sebastian
mit der Nachricht, es sei ein groer Korb gebracht worden, der
sogleich an Frulein Klara selbst abzugeben sei.

An mich?, fragte Klara erstaunt und uerst neugierig, was das sein
mchte; zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht.

Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich dann
eilig wieder.

Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb
ausgepackt, bemerkte Frulein Rottenmeier.

Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie
schaute sehr verlangend nach dem Korb.

Herr Kandidat, sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren
unterbrechend, knnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um zu
wissen, was drin ist, und dann gleich wieder fortfahren?

In einer Hinsicht knnte man dafr, in einer anderen dawider sein,
entgegnete der Herr Kandidat; _dafr_ sprche der Grund, dass, wenn
nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet ist -;
die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des Korbes sa nur
lose darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein, zwei drei und wieder
zwei und immer noch mehr junge Ktzchen darunter hervor und ins Zimmer
hinaus, und mit einer so unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie
berall herum, dass es war, als wre das ganze Zimmer voll solcher
Tierchen. Sie sprangen ber die Stiefel des Herrn Kandidaten, bissen
an seinen Beinkleidern, kletterten am Kleid von Frulein Rottenmeier
empor, krabbelten um ihre Fe herum, sprangen an Klaras Sessel
hinauf, kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara
rief immerfort voller Entzcken: Oh, die niedlichen Tierchen! Die
lustigen Sprnge! Sieh! Sieh! Heidi, hier, dort, sieh dieses! Heidi
schoss ihnen vor Freude in alle Winkel nach. Der Herr Kandidat stand
sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen, bald den andern Fu in
die Hhe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu entziehen. Frulein
Rottenmeier sa erst sprachlos vor Entsetzen in ihrem Sessel, dann
fing sie an aus Leibeskrften zu schreien: Tinette! Tinette!
Sebastian! Sebastian!, denn vom Sessel aufzustehen konnte sie
unmglich wagen, da konnten ja mit einem Mal alle die kleinen
Scheusale an ihr emporspringen.

Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe
herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen
Geschpfe in den Korb hinein und trug sie auf den Estrich zu dem
Katzenlager, das er fr die zwei von gestern bereitet hatte.

Auch am heutigen Tage hatte kein Ghnen whrend der Unterrichtsstunden
stattgefunden. Am spten Abend, als Frulein Rottenmeier sich von
den Aufregungen des Morgens wieder hinlnglich erholt hatte, berief
sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer herauf, um hier eine
grndliche Untersuchung ber die strafwrdigen Vorgnge anzustellen.
Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf seinem gestrigen Ausflug die
smtlichen Ereignisse vorbereitet und herbeigefhrt hatte. Frulein
Rottenmeier sa wei vor Entrstung da und konnte erst keine Worte fr
ihre Empfindungen finden. Sie winkte mit der Hand, dass Sebastian und
Tinette sich entfernen sollten. Jetzt wandte sie sich an Heidi, das
neben Klaras Sessel stand und nicht recht begriff, was es verbrochen
hatte.

Adelheid, begann sie mit strengem Ton, ich wei nur _eine_ Strafe,
die dir empfindlich sein knnte, denn du bist eine Barbarin; aber wir
wollen sehen, ob du unten im dunklen Keller bei Molchen und Ratten
nicht zahm wirst, dass du dir keine solchen Dinge mehr einfallen
lsst.

Heidi hrte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem
schreckhaften Keller war es noch nie gewesen, der anstoende Raum in
der Almhtte, den der Grovater Keller nannte, wo immer die fertigen
Kse lagen und die frische Milch stand, war eher ein anmutiger und
einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch keine gesehen.

Aber Klara erhob einen lauten Jammer: Nein, nein, Frulein
Rottenmeier, man muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja
geschrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm alles erzhlen,
und er sagt dann schon, was mit Heidi geschehen soll.

Gegen diesen Oberrichter durfte Frulein Rottenmeier nichts einwenden,
umso weniger, da er wirklich in Blde zu erwarten war. Sie stand auf
und sagte etwas grimmig: Gut, Klara, aber auch ich werde ein Wort mit
Herrn Sesemann sprechen. Damit verlie sie das Zimmer.

Es verflossen nun ein paar ungestrte Tage, aber Frulein Rottenmeier
kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, stndlich trat ihr die
Tuschung vor Augen, die sie in Heidis Persnlichkeit erlebt hatte,
und es war ihr, als sei seit seiner Erscheinung im Hause Sesemann
alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder hinein. Klara
war sehr vergngt; sie langweilte sich nie mehr, denn in den
Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten Sachen; die
Buchstaben machte es immer alle durcheinander und konnte sie nie
kennen lernen, und wenn der Herr Kandidat mitten im Erklren und
Beschreiben ihrer Formen war, um sie ihm anschaulicher zu machen und
als Vergleichung etwa von einem Hrnchen oder einem Schnabel sprach
dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: Es ist eine Gei!,
oder: Es ist ein Raubvogel! Denn die Beschreibungen weckten in
seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur keine Buchstaben. In den
spteren Nachmittagsstunden sa Heidi wieder bei Klara und erzhlte
ihr immer wieder von der Alm und dem Leben dort, so viel und so lange,
bis das Verlangen darnach in ihm so brennend wurde, dass es immer zum
Schluss versicherte: Nun muss ich gewiss wieder heim! Morgen muss ich
gewiss gehen! Aber Klara beschwichtigte immer wieder diese Anflle
und bewies Heidi, dass es doch sicher dableiben msse, bis der Papa
komme; dann werde man schon sehen, wie es weitergehe. Wenn Heidi
alsdann immer wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half
ihm eine frhliche Aussicht dazu, die es im Stillen hatte, dass mit
jedem Tage, den es noch dablieb, sein Huflein Brtchen fr die
Gromutter wieder um zwei grer wrde, denn mittags und abends lag
immer ein schnes Weibrtchen bei seinem Teller; das steckte es
gleich ein, denn es htte das Brtchen nie essen knnen beim Gedanken,
dass die Gromutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast
nicht mehr essen konnte. Nach Tisch sa Heidi jeden Tag ein paar
Stunden lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn
dass es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf
der Alm getan, das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr. Mit
Sebastian drben im Esszimmer ein Gesprch fhren durfte es auch
nicht, das hatte Frulein Rottenmeier auch verboten, und mit Tinette
eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es ging ihr
immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in hhnischem Ton mit
ihm und spttelte es fortwhrend an, und Heidi verstand ihre Art ganz
gut, und dass sie es nur immer ausspottete. So sa Heidi tglich da
und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie nun die Alm wieder grn war
und wie die gelben Blmchen im Sonnenschein glitzerten und wie alles
leuchtete rings um die Sonne, der Schnee und die Berge und das ganze
weite Tal, und Heidi konnte es manchmal fast nicht mehr aushalten vor
Verlangen, wieder dort zu sein. Die Base hatte ja auch gesagt, es
knne wieder heimgehen, wann es wolle. So kam es, dass Heidi eines
Tages es nicht mehr aushielt; es packte in aller Eile seine Brtchen
in das groe rote Halstuch zusammen, setzte sein Strohhtchen auf
und zog aus. Aber schon unter der Haustr traf es auf ein groes
Reisehindernis, auf Frulein Rottenmeier selbst, die eben von einem
Ausgang zurckkehrte. Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen
Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzglich auf dem
gefllten roten Halstuch haften. Jetzt brach sie los.

Was ist das fr ein Aufzug? Was heit das berhaupt? Habe ich dir
nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun probierst du's
doch wieder und dazu noch vllig aussehend wie eine Landstreicherin.

Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen,
entgegnete Heidi erschrocken.

Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wolltest du? Frulein Rottenmeier
schlug die Hnde zusammen vor Aufregung. Fortlaufen! Wenn das Herr
Sesemann wsste! Fortlaufen aus seinem Hause! Mach nicht, dass er das
je erfhrt! Und was ist dir denn nicht recht in seinem Hause? Wirst
du nicht viel besser behandelt, als du verdienst? Fehlt es dir an
irgendetwas? Hast du je in deinem ganzen Leben eine Wohnung oder einen
Tisch oder eine Bedienung gehabt, wie du hier hast? Sag!

Nein, entgegnete Heidi.

Das wei ich wohl!, fuhr die Dame eifrig fort. Nichts fehlt dir,
gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor
lauter Wohlsein weit du nicht, was du noch alles anstellen willst!

Aber jetzt kam dem Heidi alles obenauf, was in ihm war, und brach
hervor: Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so
muss das Schneehppli immer klagen, und die Gromutter erwartet mich,
und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geienpeter keinen Kse
bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne gute Nacht
sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt obenber
fliegen wrde, so wrde er noch viel lauter krchzen, dass so viele
Menschen beieinander sitzen und einander bs machen und nicht auf den
Felsen gehen, wo es einem wohl ist.

Barmherzigkeit, das Kind ist bergeschnappt!, rief Frulein
Rottenmeier aus und strzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie
sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte.
Holen Sie auf der Stelle das unglckliche Wesen herauf!, rief sie
ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestoen.

Ja, ja, schon recht, danke schn, gab Sebastian zurck und rieb sich
den seinen, denn er war noch hrter angefahren.

Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und
zitterte vor innerer Erregung am ganzen Krper.

Na, schon wieder was angestellt?, fragte Sebastian lustig; als
er aber Heidi, das sich nicht rhrte, recht ansah, klopfte er ihm
freundlich auf die Schulter und sagte trstend: Pah! Pah! Das muss
sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig, das ist
die Hauptsache! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch in den Kopf
gerannt; aber nur nicht einschchtern lassen! Na? Immer noch auf
demselben Fleck? Wir mssen hinauf, sie hat's befohlen.

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar
nicht, wie sonst seine Art war. Das tat dem Sebastian Leid zu sehen;
er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihm: Nur
nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer tapfer darauf zu!
Wir haben ja ein ganz vernnftiges Mamsellchen, hat noch gar nie
geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja zwlfmal im Tag in
dem Alter, das kennt man. Die Ktzchen sind auch lustig droben, die
springen auf dem ganzen Estrich herum und tun wie nrrisch. Nachher
gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu, wenn die Dame
drinnen weg ist, ja?

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem
Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi
nachschaute, wie es nach seinem Zimmer hin schlich.

Am Abendessen heute sagte Frulein Rottenmeier kein Wort, aber
fortwhrend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinber, so
als erwartete sie, es knnte pltzlich etwas Unerhrtes unternehmen;
aber Heidi sa muschenstill am Tisch und rhrte sich nicht, es a
nicht und trank nicht; nur sein Brtchen hatte es schnell in die
Tasche gesteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam,
winkte ihn Frulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein,
und hier teilte sie ihm in groer Aufregung ihre Besorgnis mit, die
Luftvernderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrcke
htten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzhlte ihm von
Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren Reden,
was sie noch wusste. Aber der Herr Kandidat besnftigte und beruhigte
Frulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er die
Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits allerdings
eher exzentrisch, aber anderseits doch wieder bei richtigem Verstand,
so dass sich nach und nach bei einer allseitig erwogenen Behandlung
das ntige Gleichgewicht einstellen knne, was er im Auge habe; er
finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus nicht ber das Abc
hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben nicht zu fassen imstande
sei.

Frulein Rottenmeier fhlte sich beruhigter und entlie den Herrn
Kandidaten zu seiner Arbeit. Am spteren Nachmittag stieg ihr die
Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf,
und sie beschloss, die Gewandung des Kindes durch verschiedene
Kleidungsstcke der Klara in den ntigen Stand zu setzen, bevor Herr
Sesemann erscheinen wrde. Sie teilte ihre Gedanken darber an Klara
mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem Heidi eine Menge
Kleider und Tcher und Hte schenken wollte, verfgte sich die Dame in
Heidis Zimmer, um seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen,
was da von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle. Aber
in wenig Minuten kam sie wieder zurck mit Gebrden des Abscheus. Was
muss ich entdecken, Adelheid!, rief sie aus. Es ist nie dagewesen!
In deinem Kleiderschrank, einem Schrank fr Kleider, Adelheid, im Fu
dieses Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner Brote! Brot,
sage ich, Klara, im Kleiderschrank! Und einen solchen Haufen
aufspeichern! - Tinette, rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus,
schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid und
den zerdrckten Strohhut auf dem Tisch!

Nein! Nein!, schrie Heidi auf; ich muss den Hut haben, und die
Brtchen sind fr die Gromutter, und Heidi wollte der Tinette
nachstrzen, aber es wurde von Frulein Rottenmeier festgehalten.

Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehrt,
sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurck. Aber nun warf sich Heidi
an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an,
immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal ums andere in
seinem Jammer auf: Nun hat die Gromutter keine Brtchen mehr. Sie
waren fr die Gromutter, nun sind sie alle fort und die Gromutter
bekommt keine!, und Heidi weinte auf, als wollte ihm das Herz
zerspringen. Frulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angst
und bange bei dem Jammer. Heidi, Heidi, weine nur nicht so, sagte
sie bittend, hr mich nur! Jammere nur nicht so, sieh, ich verspreche
dir, ich gebe dir gerade so viel Brtchen fr die Gromutter, oder
noch mehr, wenn du einmal heimgehst, und dann sind diese frisch und
weich, und die deinen wren ja ganz hart geworden und waren es schon.
Komm, Heidi, weine nur nicht mehr so!

Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen; aber
es verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst htte es gar
nicht mehr zu weinen aufhren knnen. Es musste auch noch mehrere Male
seiner Hoffnung gewiss werden und Klara, durch die letzten Anflle von
Schluchzen unterbrochen, fragen: Gibst du mir so viele, viele, wie
ich hatte, fr die Gromutter?

Und Klara versicherte immer wieder: Gewiss, ganz gewiss, noch mehr,
sei nur wieder froh!

Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als es
sein Brtchen erblickte, musste es gleich noch einmal aufschluchzen.
Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn es verstand, dass es sich
am Tisch ruhig verhalten musste. Sebastian machte heute jedes Mal die
merkwrdigsten Gebrden, wenn er in Heidis Nhe kam; er deutete bald
auf seinen, bald auf Heidis Kopf, dann nickte er wieder und kniff
die Augen zu, so als wollte er sagen: Nur getrost! Ich hab's schon
gemerkt und besorgt.

Als Heidi spter in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte,
lag sein zerdrcktes Strohhtchen unter der Decke versteckt. Mit
Entzcken zog es den alten Hut hervor, zerdrckte ihn vor lauter
Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein
Taschentchlein eingewickelt, in die allerhinterste Ecke seines
Schrankes. Das Htchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt;
er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen, als diese
gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen. Dann war er
Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit
ihrer Brotlast und dem Htchen oben darauf, hatte er schnell dieses
weggenommen und ihr zugerufen: Das will ich schon forttun. Darauf
hatte er es in aller Freude fr Heidi gerettet, was er ihm beim
Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.



Der Hausherr hrt allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehrt
hat

Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann groe
Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn eben
war der Hausherr von seiner Reise zurckgekehrt, und aus dem bepackten
Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der anderen
hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge schner
Sachen mit nach Hause.

Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten, um
sie zu begren. Heidi sa bei ihr, denn es war die Zeit des spten
Nachmittags, da die beiden immer zusammen waren. Klara begrte ihren
Vater mit groer Zrtlichkeit, denn sie liebte ihn sehr, und der gute
Papa grte sein Klrchen nicht weniger liebevoll. Dann streckte
er seine Hand dem Heidi entgegen, das sich leise in eine Ecke
zurckgezogen hatte, und sagte freundlich: Und das ist unsre kleine
Schweizerin; komm her, gib mir mal eine Hand! So ist's recht! Nun sag
mir mal, seid ihr auch gute Freunde zusammen, Klara und du? Nicht
zanken und bse werden, und dann weinen und dann vershnen, und dann
wieder von vorn anfangen, nun?

Nein, Klara ist immer gut mit mir, entgegnete Heidi.

Und Heidi hat auch noch gar nie versucht zu zanken, Papa, warf Klara
schnell ein.

So ist's gut, das hr ich gern, sagte der Papa, indem er aufstand.
Nun musst du aber erlauben, Klrchen, dass ich etwas geniee; heute
habe ich noch nichts bekommen. Nachher komm ich wieder zu dir und du
sollst sehen, was ich mitgebracht habe!

Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Frulein Rottenmeier den
Tisch berschaute, der fr sein Mittagsmahl gerstet war. Nachdem Herr
Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenber Platz genommen
hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte sich der
Hausherr zu ihr: Aber Frulein Rottenmeier, was muss ich denken?
Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes Gesicht
aufgesetzt. Wo fehlt es denn? Klrchen ist ganz munter.

Herr Sesemann, begann die Dame mit gewichtigem Ernst, Klara ist mit
betroffen, wir sind frchterlich getuscht worden.

Wieso?, fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck
Wein.

Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine
Gespielin fr Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja wei, wie sehr
Sie darauf halten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgebe, hatte
ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermdchen gerichtet, indem
ich hoffte, eines jener Wesen bei uns eintreten zu sehen, von denen
ich schon so oft gelesen, welche, der reinen Bergluft entsprossen,
sozusagen, ohne die Erde zu berhren, durch das Leben gehen.

Ich glaube zwar, bemerkte hier Herr Sesemann, dass auch die
Schweizerkinder den Erdboden berhren, wenn sie vorwrts kommen
wollen; sonst wren ihnen wohl Flgel gewachsen statt der Fe.

Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl, fuhr das Frulein
fort; Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen
Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an uns
vorberziehen.

Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen,
Frulein Rottenmeier?

Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster,
als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich
getuscht worden.

Aber worin liegt denn das Schreckliche? So gar erschrecklich sieht
mir das Kind nicht aus, bemerkte ruhig Herr Sesemann.

Sie sollten nur _eines_ wissen, Herr Sesemann, nur das _eine_, mit
was fr Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit
bevlkert hat; davon knnte der Herr Kandidat erzhlen.

Mit Tieren? Wie muss ich das verstehen, Frulein Rottenmeier?

Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Auffhrung dieses Wesens
wre nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem _einen_ Punkte, dass es
Anflle von vlliger Verstandesgestrtheit hat.

Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht fr wichtig gehalten;
aber Gestrtheit des Verstandes? Eine solche konnte ja fr seine
Tochter die bedenklichsten Folgen haben. Herr Sesemann schaute
Frulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich erst
versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Strung zu bemerken
sei. In diesem Augenblick wurde die Tr aufgetan und der Herr Kandidat
angemeldet.

Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!,
rief ihm Herr Sesemann entgegen. Kommen Sie, kommen Sie, setzen
Sie sich zu mir! Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand
entgegen. Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee mit
mir, Frulein Rottenmeier! Setzen Sie sich, setzen Sie sich - keine
Komplimente! Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was ist mit dem
Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen ist und das
Sie unterrichten. Was hat es fr eine Bewandtnis mit den Tieren, die
es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem Verstand?

Der Herr Kandidat musste erst seine Freude ber Herrn Sesemanns
glckliche Rckkehr aussprechen und ihn willkommen heien, weswegen
er ja gekommen war; aber Herr Sesemann drngte ihn, dass er ihm
Aufschluss gebe ber die fraglichen Punkte. So begann denn der Herr
Kandidat: Wenn ich mich ber das Wesen dieses jungen Mdchens
aussprechen soll, Herr Sesemann, so mchte ich vor allem darauf
aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein Mangel
der Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger vernachlssigte
Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspteten Unterricht verursacht
und durch die mehr oder weniger, jedoch durchaus nicht in jeder
Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil ihre guten Seiten unstreitig
dartuende Abgeschiedenheit eines lngeren Alpenaufenthalts, welcher,
wenn er nicht eine gewisse Dauer berschreitet, ja ohne Zweifel seine
gute Seite -

Mein lieber Herr Kandidat, unterbrach hier Herr Sesemann, Sie geben
sich wirklich zu viel Mhe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das Kind
einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und was halten
Sie berhaupt von diesem Umgang fr mein Tchterchen?

Ich mchte dem jungen Mdchen in keiner Art zu nahe treten, begann
der Herr Kandidat wieder, denn wenn es auch auf der einen Seite in
einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche mit dem mehr
oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das junge Mdchen bis zu
dem Augenblick seiner Versetzung nach Frankfurt sich bewegte, welche
Versetzung allerdings in die Entwicklung dieses, ich mchte sagen noch
vllig, wenigstens teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht
zu verachtenden Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet
-

Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht
stren, ich werde - ich muss schnell einmal nach meiner Tochter
sehen. Damit lief Herr Sesemann zur Tr hinaus und kam nicht wieder.
Drben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem Tchterchen hin;
Heidi war aufgestanden. Herr Sesemann wandte sich nach dem Kinde um:
Hr mal, Kleine, hol mir doch schnell - wart einmal - hol mir mal -
(Herr Sesemann wusste nicht recht, was er bedurfte, Heidi sollte aber
ein wenig ausgeschickt werden) - hol mir doch mal ein Glas Wasser.

Frisches?, fragte Heidi.

Jawohl! Jawohl! Recht frisches!, gab Herr Sesemann zurck. Heidi
verschwand.

Nun, mein liebes Klrchen, sagte der Papa, indem er ganz nah an sein
Tchterchen heranrckte und dessen Hand in die seinige legte, sag du
mir klar und fasslich: Was fr Tiere hat diese deine Gespielin ins
Haus gebracht und warum muss Frulein Rottenmeier denken, sie sei
zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir das sagen?

Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von Heidis
sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber fr Klara alle einen
Sinn hatten. Sie erzhlte erst dem Vater die Geschichten von der
Schildkrte und den jungen Katzen und erklrte ihm dann Heidis Reden,
welche die Dame so erschreckt hatten. Jetzt lachte Herr Sesemann
herzlich. So willst du nicht, dass ich das Kind nach Haus schicke,
Klrchen, du bist seiner nicht mde?, fragte der Vater.

Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!, rief Klara abwehrend aus.
Seit Heidi da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag, und es ist so
kurzweilig, ganz anders als vorher, da begegnete nie etwas, und Heidi
erzhlt mir auch so viel.

Schon gut, schon gut, Klrchen, da kommt ja auch deine Freundin schon
wieder. Na, schnes, frisches Wasser geholt?, fragte Herr Sesemann,
da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte.

Ja, frisch vom Brunnen, antwortete Heidi.

Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?, sagte Klara.

Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn
am ersten Brunnen waren so viele Leute. Da ging ich die Strae ganz
hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging ich in
die andere Strae hinein und dort nahm ich Wasser, und der Herr mit
den weien Haaren lsst Herrn Sesemann freundlich gren.

Na, die Expedition ist gut, lachte Herr Sesemann, und wer ist denn
der Herr?

Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte: >Weil
du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu trinken; wem bringst
du dein Glas Wasser?< Und ich sagte: >Herrn Sesemann.< Da lachte er
sehr stark, und dann sagte er den Gru und auch noch, Herr Sesemann
solle sich's schmecken lassen.

So, und wer lsst mir denn wohl den guten Wunsch sagen? Wie sah der
Herr denn weiter aus?, fragte Herr Sesemann.

Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes
Ding hngt daran mit einem groen roten Stein und auf seinem Stock ist
ein Rosskopf.

Das ist der Herr Doktor - Das ist mein alter Doktor, sagten Klara
und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte noch
ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen
Betrachtungen ber diese neue Weise, seinen Wasserbedarf sich zufhren
zu lassen.

Noch an demselben Abend erklrte Herr Sesemann, als er allein
mit Frulein Rottenmeier im Esszimmer sa, um allerlei husliche
Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Gespielin seiner Tochter
werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen
Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und
angenehmer als jede andere. Ich wnsche daher, setzte Herr Sesemann
sehr bestimmt hinzu, dass dieses Kind jederzeit durchaus freundlich
behandelt und seine Eigentmlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet
werden. Sollten Sie brigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden,
Frulein Rottenmeier, so ist ja eine gute Hilfe fr Sie in Aussicht,
da in nchster Zeit meine Mutter zu ihrem lngeren Aufenthalt in mein
Haus kommt, und meine Mutter wird mit jedem Menschen fertig, wie er
sich auch anstelle, das wissen Sie ja wohl, Frulein Rottenmeier?

Jawohl, das wei ich, Herr Sesemann, entgegnete die Dame, aber nicht
mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte
Hilfe. -

Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause, schon
nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschfte wieder nach Paris,
und er trstete sein Tchterchen, das mit der nahen Abreise nicht
einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft der
Gromama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte,
der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem alten
Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den
folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof geschickt
wrde, um sie abzuholen.

Klara war voller Freude ber die Nachricht und erzhlte noch an
demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Gromama,
dass Heidi auch anfing, von der >Gromama< zu reden, worauf Frulein
Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte, was aber das Kind auf
nichts Besonderes bezog, denn es fhlte sich unter fortdauernder
Missbilligung der Dame. Als es sich dann spter entfernte, um in sein
Schlafzimmer zu gehen, berief Frulein Rottenmeier es erst in das
ihrige herein und erklrte ihm hier, es habe niemals den Namen
>Gromama< anzuwenden, sondern wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es
sie stets >gndige Frau< anzureden. Verstehst du das?, fragte die
Dame, als Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm aber einen
so abschlieenden Blick zurck, dass Heidi sich keine Erklrung mehr
erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.



Eine Gromama

Am folgenden Abend waren groe Erwartungen und lebhafte Vorbereitungen
im Hause Sesemann sichtbar, man konnte deutlich bemerken, dass die
erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und
dass jedermann groen Respekt vor ihr empfand. Tinette hatte ein ganz
neues, weies Deckelchen auf den Kopf gesetzt, und Sebastian raffte
eine Menge von Schemeln zusammen und stellte sie an alle passenden
Stellen hin, damit die Dame gleich einen Schemel unter den Fen
finde, wohin sie sich auch setzen mge. Frulein Rottenmeier ging
zur Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um
anzudeuten, dass, wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die
ihrige dennoch nicht am Erlschen sei.

Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette
strzten die Treppe hinunter; langsam und wrdevoll folgte Frulein
Rottenmeier nach, denn sie wusste, dass auch sie zum Empfang der Frau
Sesemann zu erscheinen hatte. Heidi war beordert worden, sich in sein
Zimmer zurckzuziehen und da zu warten, bis es gerufen wrde, denn
die Gromutter wrde zuerst bei Klara eintreten und diese wohl allein
sehen wollen. Heidi setzte sich in einen Winkel und repetierte seine
Anrede. Es whrte gar nicht lange, so steckte die Tinette den Kopf
ein klein wenig unter Heidis Zimmertr und sagte kurz angebunden wie
immer: Hinbergehen ins Studierzimmer!

Heidi hatte Frulein Rottenmeier nicht fragen drfen, wie es mit der
Anrede sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen, denn
es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehrt und nachher den
Namen; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt. Wie es die Tr
zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm die Gromutter mit freundlicher
Stimme entgegen: Ah, da kommt ja das Kind! Komm mal her zu mir und
lass dich recht ansehen.

Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr deutlich:
Guten Tag, Frau Gndige.

Warum nicht gar!, lachte die Gromama. Sagt man so bei euch? Hast
du das daheim auf der Alp gehrt?

Nein, bei uns heit niemand so, erklrte Heidi ernsthaft.

So, bei uns auch nicht, lachte die Gromama wieder und klopfte Heidi
freundlich auf die Wange. Das ist nichts! In der Kinderstube bin ich
die Gromama; so sollst du mich nennen, das kannst du wohl behalten,
wie?

Ja, das kann ich gut, versicherte Heidi, vorher hab ich schon immer
so gesagt.

So, so, verstehe schon!, sagte die Gromama und nickte ganz lustig
mit dem Kopfe. Dann schaute sie Heidi genau an und nickte von Zeit zu
Zeit wieder mit dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch ganz ernsthaft in
die Augen, denn da kam etwas so Herzliches heraus, dass es dem Heidi
ganz wohl machte, und die ganze Gromama gefiel dem Heidi so, dass es
sie unverwandt anschauen musste. Sie hatte so schne weie Haare, und
um den Kopf ging eine schne Spitzenkrause, und zwei breite Bnder
flatterten von der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie, so als
ob stets ein leichter Wind um die Gromama wehe, was das Heidi ganz
besonders anmutete.

Und wie heit du, Kind?, fragte jetzt die Gromama.

Ich heie nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heien, so will ich
schon Acht geben -; Heidi stockte, denn es fhlte sich ein wenig
schuldig, da es noch immer keine Antwort gab, wenn Frulein
Rottenmeier unversehens rief: Adelheid!, indem es ihm noch immer
nicht recht gegenwrtig war, dass dies sein Name sei, und Frulein
Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten.

Frau Sesemann wird unstreitig billigen, fiel hier die eben
Eingetretene ein, dass ich einen Namen whlen musste, den man doch
aussprechen kann, ohne sich selbst genieren zu mssen, schon um der
Dienstboten willen.

Werteste Rottenmeier, entgegnete Frau Sesemann, wenn ein Mensch
einmal >Heidi< heit und an den Namen gewhnt ist, so nenn ich ihn so,
und dabei bleibt's!

Es war Frulein Rottenmeier sehr genierlich, dass die alte Dame sie
bestndig nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber da
war nichts zu machen; die Gromama hatte einmal ihre eigenen Wege,
und diese ging sie, da half kein Mittel dagegen. Auch ihre fnf Sinne
hatte die Gromama noch ganz scharf und gesund, und sie bemerkte, was
im Hause vorging, sobald sie es betreten hatte.

Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach
Tisch niederlegte, setzte die Gromama sich neben sie auf einen
Lehnstuhl und schloss ihre Augen fr einige Minuten; dann stand sie
schon wieder auf - denn sie war gleich wieder munter - und trat ins
Esszimmer hinaus; da war niemand. Die schlft, sagte sie vor sich
hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und klopfte
krftig an die Tr. Nach einiger Zeit erschien diese und fuhr
erschrocken ein wenig zurck bei dem unerwarteten Besuch.

Wo hlt sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es? Das wollte
ich wissen, sagte Frau Sesemann.

In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich ntzlich beschftigen knnte,
wenn es den leisesten Ttigkeitstrieb htte; aber Frau Sesemann sollte
nur wissen, was fr verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt
und wirklich ausfhrt, Dinge, die ich in gebildeter Gesellschaft kaum
erzhlen knnte.

Das wrde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen se wie dieses
Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie knnten zusehen, wie Sie mein
Zeug in gebildeter Gesellschaft erzhlen wollten! Jetzt holen Sie mir
das Kind heraus und bringen Sie mir's in meine Stube, ich will ihm
einige hbsche Bcher geben, die ich mitgebracht habe.

Das ist ja gerade das Unglck, das ist es ja eben!, rief Frulein
Rottenmeier aus und schlug die Hnde zusammen. Was sollte das Kind
mit Bchern tun? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das
Abc erlernt; es ist vllig unmglich, diesem Wesen auch nur _einen_
Begriff beizubringen, davon kann der Herr Kandidat reden! Wenn dieser
treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen Engels bese, er
htte diesen Unterricht lngst aufgegeben.

So, das ist merkwrdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das das
Abc nicht erlernen kann, sagte Frau Sesemann. Jetzt holen Sie mir's
herber, es kann vorlufig die Bilder in den Bchern ansehen.

Frulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau Sesemann
hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu. Sie musste
sich sehr verwundern ber die Nachricht von Heidis Beschrnktheit
und gedachte, die Sache zu untersuchen, jedoch nicht mit dem Herrn
Kandidaten, den sie zwar um seines guten Charakters willen sehr
schtzte; sie grte ihn auch immer, wenn sie mit ihm zusammentraf,
beraus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf eine andere Seite,
um nicht in ein Gesprch mit ihm verwickelt zu werden, denn seine
Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich.

Heidi erschien im Zimmer der Gromama und machte die Augen weit auf,
als es die prchtigen bunten Bilder in den groen Bchern sah, welche
die Gromama mitgebracht hatte. Auf einmal schrie Heidi laut auf, als
die Gromama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit glhendem Blick
schaute es auf die Figuren, dann strzten ihm pltzlich die hellen
Trnen aus den Augen, und es fing gewaltig zu schluchzen an. Die
Gromama schaute das Bild an. Es war eine schne, grne Weide, wo
allerlei Tierlein herumweideten und an den grnen Gebschen nagten. In
der Mitte stand der Hirt, auf einen langen Stab gesttzt, der schaute
den frhlichen Tierchen zu. Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn
hinten am Horizont war eben die Sonne im Untergehen.

Die Gromama nahm Heidi bei der Hand. Komm, komm, Kind, sagte sie in
freundlichster Weise, nicht weinen, nicht weinen. Das hat dich wohl
an etwas erinnert; aber sieh, da ist auch eine schne Geschichte
dazu, die erzhl ich heut Abend. Und da sind noch so viele schne
Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und wieder erzhlen.
Komm, nun mssen wir etwas besprechen zusammen, trockne schn deine
Trnen, so, und nun stell dich hier vor mich hin, dass ich dich recht
ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir wieder frhlich.

Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhren
konnte. Die Gromama lie ihm auch eine gute Weile zur Erholung, nur
sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: So, nun ist's gut, nun sind
wir wieder froh zusammen.

Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: Nun musst du mir
was erzhlen, Kind! Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den
Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?

O nein, antwortete Heidi seufzend; aber ich wusste schon, dass man
es nicht lernen kann.

Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?

Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer.

Das wre! Und woher weit du denn diese Neuigkeit?

Der Peter hat es mir gesagt und er wei es schon, der muss immer
wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer.

So, das ist mir ein eigener Peter, der! Aber sieh, Heidi, man muss
nicht alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man muss
selbst probieren. Gewiss hast du nicht recht mit all deinen Gedanken
dem Herrn Kandidaten zugehrt und seine Buchstaben angesehen.

Es ntzt nichts, versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebung
in das Unabnderliche.

Heidi, sagte nun die Gromama, jetzt will ich dir etwas sagen: Du
hast noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast; nun
aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher, dass du
in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie eine groe Menge von Kindern,
die geartet sind wie du und nicht wie der Peter. Und nun musst du
wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen kannst - du hast den
Hirten gesehen auf der schnen, grnen Weide -; sobald du nun lesen
kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze Geschichte
vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzhlte, alles, was er
macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm fr merkwrdige Dinge
begegnen. Das mchtest du schon wissen, Heidi, nicht?

Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehrt, und mit
leuchtenden Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: Oh, wenn ich nur
schon lesen knnte!

Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's whren, das kann ich
schon sehen, Heidi, und nun mssen wir mal nach der Klara sehen; komm,
die schnen Bcher nehmen wir mit. Damit nahm die Gromama Heidi bei
der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer.

Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Frulein
Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte, wie
schlecht und undankbar es sich erweise durch sein Fortlaufenwollen und
wie gut es sei, dass Herr Sesemann nichts davon wisse, war mit dem
Kinde eine Vernderung vorgegangen. Es hatte begriffen, dass es nicht
heimgehen knne, wenn es wolle, wie ihm die Base gesagt hatte, sondern
dass es in Frankfurt zu bleiben habe, lange, lange, vielleicht fr
immer. Es hatte auch verstanden, dass Herr Sesemann es sehr undankbar
von ihm finden wrde, wenn es heimgehen wollte, und es dachte sich
aus, dass die Gromama und Klara auch so denken wrden. So durfte
es keinem Menschen sagen, dass es heimgehen mchte, denn dass die
Gromama, die so freundlich mit ihm war, auch bse wrde, wie Frulein
Rottenmeier geworden war, das wollte Heidi nicht verursachen. Aber in
seinem Herzen wurde die Last, die darinnen lag, immer schwerer; es
konnte nicht mehr essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.
Am Abend konnte es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald
es allein war und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig
vor die Augen, die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen;
und schlief es endlich doch ein, so sah es im Traum die roten
Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der
Schesaplana, und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller
Freude hinausspringen aus der Htte - da war es auf einmal in seinem
groen Bett in Frankfurt, so weit, weit weg, und konnte nicht mehr
heim. Dann drckte Heidi oft seinen Kopf in das Kissen und weinte
lang, ganz leise, dass niemand es hre.

Heidis freudloser Zustand entging der Gromama nicht. Sie lie einige
Tage vorbergehen und sah zu, ob die Sache sich ndere und das Kind
sein niedergeschlagenes Wesen verlieren wrde. Als es aber gleich
blieb und die Gromama manchmal am frhen Morgen schon sehen konnte,
dass Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das Kind wieder
in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit groer
Freundlichkeit: Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast du einen
Kummer?

Aber gerade dieser freundlichen Gromama wollte Heidi nicht sich
so undankbar zeigen, dass sie vielleicht nachher gar nicht mehr so
freundlich wre; so sagte Heidi traurig: Man kann es nicht sagen.

Nicht? Kann man es etwa der Klara sagen?, fragte die Gromama.

O nein, keinem Menschen, versicherte Heidi und sah dabei so
unglcklich aus, dass es die Gromama erbarmte.

Komm, Kind, sagte sie, ich will dir was sagen: Wenn man einen
Kummer hat, den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn dem
lieben Gott im Himmel und bittet ihn, dass er helfe, denn er kann
allem Leid abhelfen, das uns drckt. Das verstehst du, nicht wahr? Du
betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und dankst ihm fr
alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem Bsen behte?

O nein, das tu ich nie, antwortete das Kind.

Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weit du nicht, was das ist?

Nur mit der ersten Gromutter habe ich gebetet, aber es ist schon
lang, und jetzt habe ich es vergessen.

Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt gar
niemanden kennst, der dir helfen kann. Denk einmal nach, wie wohl das
tun muss, wenn einen im Herzen etwas immerfort drckt und qult und
man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles
sagen und ihn bitten, dass er helfe, wo uns sonst gar niemand helfen
kann! Und er kann berall helfen und uns geben, was uns wieder froh
macht.

Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: Darf man ihm alles, alles
sagen?

Alles, Heidi, alles.

Das Kind zog seine Hand aus den Hnden der Gromama und sagte eilig:
Kann ich gehen?

Gewiss! Gewiss!, gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und
hinber in sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel
nieder und faltete seine Hnde und sagte dem lieben Gott alles, was
in seinem Herzen war und es so traurig machte, und bat ihn dringend
und herzlich, dass er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum
Grovater. -

Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem Tage,
als der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine Aufwartung zu
machen, indem er eine Besprechung ber einen merkwrdigen Gegenstand
mit der Dame abzuhalten gedachte. Er wurde auf ihre Stube berufen, und
hier, wie er eintrat, streckte ihm Frau Sesemann sogleich freundlich
die Hand entgegen: Mein lieber Herr Kandidat, seien Sie mir
willkommen! Setzen Sie sich her zu mir, hier - sie rckte ihm den
Stuhl zurecht. So, nun sagen Sie mir, was bringt Sie zu mir; doch
nichts Schlimmes, keine Klagen?

Im Gegenteil, gndige Frau, begann der Herr Kandidat; es ist etwas
vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner, der einen
Blick in alles Vorhergegangene htte werfen knnen, denn nach allen
Voraussetzungen musste angenommen werden, dass es eine vllige
Unmglichkeit sein msse, was dennoch jetzt wirklich geschehen ist und
in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat, gleichsam im Gegensatz
zu allem folgerichtig zu Erwartenden -

Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat?,
setzte hier Frau Sesemann ein.

In sprachlosem Erstaunen schaute der berraschte Herr die Dame an.

Es ist ja wirklich vllig wunderbar, sagte er endlich, nicht nur,
dass das junge Mdchen nach all meinen grndlichen Erklrungen, und
ungewhnlichen Bemhungen das Abc nicht erlernt hat, sondern auch
und besonders, dass es jetzt in krzester Zeit, nachdem ich mich
entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu lassen und ohne
alle weiter greifenden Erluterungen nur noch sozusagen die nackten
Buchstaben vor die Augen des jungen Mdchens zu bringen, sozusagen
ber Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit einer
Korrektheit die Worte liest, wie mir bei Anfngern noch selten
vorgekommen ist. Fast ebenso wunderbar ist mir die Wahrnehmung, dass
die gndige Frau gerade diese fern liegende Tatsache als Mglichkeit
vermutete.

Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben, besttigte
Frau Sesemann und lchelte vergnglich; es knnen auch einmal zwei
Dinge glcklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine neue
Lehrmethode, und beide knnen nichts schaden, Herr Kandidat. Jetzt
wollen wir uns freuen, dass das Kind so weit ist, und auf guten
Fortgang hoffen.

Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tr hinaus und ging
rasch nach dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen
Nachricht zu versichern. Richtig sa hier Heidi neben Klara und las
dieser eine Geschichte vor, sichtlich selbst mit dem grten Erstaunen
und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt eindringend, die ihm
aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den schwarzen Buchstaben
Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu
herzbewegenden Geschichten wurden. Noch am selben Abend, als man sich
zu Tische setzte, fand Heidi auf seinem Teller das groe Buch liegen
mit den schnen Bildern, und als es fragend nach der Gromama blickte,
sagte diese freundlich nickend: Ja, ja, nun gehrt es dir.

Fr immer? Auch wenn ich heimgehe?, fragte Heidi ganz rot vor
Freude.

Gewiss, fr immer!, versicherte die Gromama; morgen fangen wir an
zu lesen.

Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi, warf Klara
hier ein; wenn nun die Gromama wieder fortgeht, dann musst du erst
recht bei mir bleiben.

Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in seinem Zimmer sein schnes
Buch ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes, ber seinem
Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu lesen, zu denen
die schnen bunten Bilder gehrten. Sagte am Abend die Gromama: Nun
liest uns Heidi vor, so war das Kind sehr beglckt, denn das Lesen
ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die Geschichten laut vorlas,
so kamen sie ihm noch viel schner und verstndlicher vor, und die
Gromama erklrte dann noch so vieles und erzhlte immer noch mehr
dazu. Am liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grne Weide und
den Hirten mitten unter der Herde, wie er so vergnglich, auf seinen
langen Stab gelehnt, dastand, denn da war er noch bei der schnen
Herde des Vaters und ging nur den lustigen Schfchen und Ziegen nach,
weil es ihn freute. Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus
weggelaufen, nun in der Fremde war und die Schweinchen hten musste
und ganz mager geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu
essen bekam. Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so
golden, da war das Land grau und nebelig. Aber dann kam noch ein Bild
zu der Geschichte: Da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus
dem Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen,
um ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und abgemagert in einem
zerrissenen Wams daherkam. Das war Heidis Lieblingsgeschichte, die
es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie genug der
Erklrungen bekommen, welche die Gromama den Kindern dazu machte. Da
waren aber noch so viele schne Geschichten in dem Buch, und bei dem
Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell
dahin, und schon nahte die Zeit heran, welche die Gromama zu ihrer
Abreise bestimmt hatte.



Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab

Die Gromama hatte whrend der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden
Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Frulein Rottenmeier,
wahrscheinlich der Ruhe bedrftig, geheimnisvoll verschwand, sich
einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fnf Minuten
war sie wieder auf den Fen und hatte dann immer Heidi auf ihre Stube
berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei Weise beschftigt
und unterhalten. Die Gromama hatte hbsche kleine Puppen und zeigte
dem Heidi, wie man ihnen Kleider und Schrzchen macht, und ganz
unvermerkt hatte Heidi das Nhen erlernt und machte den kleinen
Frauenzimmern die schnsten Rcke und Mntelchen, denn die Gromama
hatte immer Zeugstcke von den prchtigsten Farben. Nun Heidi lesen
konnte, durfte es auch immer wieder der Gromama seine Geschichten
vorlesen; das machte ihm die grte Freude, denn je mehr es seine
Geschichten las, desto lieber wurden sie ihm, denn Heidi lebte alles
ganz mit durch, was die Leute alle zu erleben hatten, und so hatte es
zu ihnen allen ein sehr nahes Verhltnis und freute sich immer wieder,
bei ihnen zu sein. Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine
lustigen Augen waren nie mehr zu sehen.

Es war die letzte Woche, welche die Gromama in Frankfurt zubringen
wollte. Sie hatte eben nach Heidi gerufen, dass es auf ihre Stube
komme; es war die Zeit, da Klara schlief. Als Heidi eintrat mit seinem
groen Buch unter dem Arm, winkte ihm die Gromama, dass es ganz nahe
zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: Nun komm, Kind, und
sag mir, warum bist du nicht frhlich? Hast du immer noch denselben
Kummer im Herzen?

Ja, nickte Heidi.

Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?

Ja.

Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh
mache?

O nein, ich bete jetzt gar nie mehr.

Was sagst du mir, Heidi? Was muss ich hren? Warum betest du denn
nicht mehr?

Es ntzt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehrt, und ich glaube es
auch wohl, fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, wenn nun am Abend
so viele, viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so kann der
liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er gewiss gar
nicht gehrt.

So, wie weit du denn das so sicher, Heidi?

Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der
liebe Gott hat es nie getan.

Ja, so geht's nicht zu, Heidi! Das musst du nicht meinen! Siehst du,
der liebe Gott ist fr uns alle ein guter Vater, der immer wei, was
gut fr uns ist, wenn wir es gar nicht wissen. Wenn wir aber nun etwas
von ihm haben wollen, das nicht gut fr uns ist, so gibt er uns das
nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren, so recht
herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich weglaufen und alles
Vertrauen zu ihm verlieren. Siehst du, was du nun von ihm erbitten
wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut fr dich; der liebe
Gott hat dich schon gehrt, er kann alle Menschen auf einmal anhren
und bersehen, siehst du, dafr ist er der liebe Gott und nicht ein
Mensch wie du und ich. Und weil er nun wohl wusste, was fr dich gut
ist, dachte er bei sich: >Ja, das Heidi soll schon einmal haben, wofr
es bittet, aber erst dann, wenn es ihm gut ist, und so wie es darber
recht froh werden kann. Denn wenn ich jetzt tue, was es will, und es
merkt nachher, dass es doch besser gewesen wre, ich htte ihm seinen
Willen nicht getan, dann weint es nachher und sagt: Htte mir doch
der liebe Gott nur nicht gegeben, wofr ich bat, es ist gar nicht so
gut, wie ich gemeint habe.< Und whrend nun der liebe Gott auf dich
niedersah, ob du ihm auch recht vertrautest und tglich zu ihm kommest
und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt, da bist
du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet und hast
den lieben Gott ganz vergessen. Aber siehst du, wenn einer es so macht
und der liebe Gott hrt seine Stimme gar nie mehr unter den Betenden,
so vergisst er ihn auch und lsst ihn gehen, wohin er will. Wenn es
ihm dabei aber schlecht geht und er jammert: >Mir hilft aber auch gar
niemand!<, dann hat keiner Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu
ihm: >Du bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen
konnte!< Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum
lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, dass du so von ihm
weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen,
dass er alles gut fr dich machen werde, so dass du auch wieder ein
frohes Herz bekommen kannst?

Heidi hatte sehr aufmerksam zugehrt; jedes Wort der Gromama fiel in
sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.

Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um
Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen, sagte Heidi
reumtig.

So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit, sei
nur getrost!, ermunterte die Gromama, und Heidi lief sofort in sein
Zimmer hinber und betete ernstlich und reuig zum lieben Gott und
bat ihn, dass er es doch nicht vergessen und auch wieder zu ihm
niederschauen mge. -

Der Tag der Abreise war gekommen, es war fr Klara und Heidi ein
trauriger Tag; aber die Gromama wusste es so einzurichten, dass sie
gar nicht zum Bewusstsein kamen, dass es eigentlich ein trauriger Tag
sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die gute Gromama im
Wagen davonfuhr. Da trat eine Leere und Stille im Hause ein, als wre
alles vorber, und solange noch der Tag whrte, saen Klara und Heidi
wie verloren da und wussten gar nicht, wie es nun weiter kommen
sollte.

Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da
war, da die Kinder gewhnlich zusammensaen, trat Heidi mit seinem
Buch unter dem Arm herein und sagte: Ich will dir nun immer, immer
vorlesen; willst du, Klara?

Der Klara war der Vorschlag recht fr einmal, und Heidi machte sich
mit Eifer an seine Ttigkeit. Aber es ging nicht lange, so hrte schon
wieder alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen
begonnen, die von einer sterbenden Gromutter handelte, als es auf
einmal laut aufschrie: Oh, nun ist die Gromutter tot!, und in ein
jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es las, war dem Heidi
volle Gegenwart, und es glaubte nicht anders, als nun sei die
Gromutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer lauterem
Weinen: Nun ist die Gromutter tot, und ich kann nie mehr zu ihr
gehen, und sie hat nicht ein einziges Brtchen mehr bekommen!

Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklren, dass es ja nicht die
Gromutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese
Geschichte handle; aber auch, als sie endlich dazu gekommen war, dem
aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte es sich
doch nicht beruhigen und weinte immer noch untrstlich weiter, denn
der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Gromutter knne ja
sterben, whrend es so weit weg sei, und der Grovater auch noch, und
wenn es dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so sei alles still
und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und knne niemals mehr
die sehen, die ihm lieb waren.

Whrenddessen war Frulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und hatte
noch Klaras Bemhungen, Heidi ber seinen Irrtum aufzuklren, mit
angehrt. Als das Kind aber immer noch nicht aufhren konnte zu
schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den
Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: Adelheid, nun ist des
grundlosen Geschreis genug! Ich will dir eines sagen: Wenn du noch ein
einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbrchen den Lauf
lsst, so nehme ich das Buch aus deinen Hnden und fr immer!

Das machte Eindruck. Heidi wurde ganz wei vor Schrecken, das Buch war
sein hchster Schatz. Es trocknete in grter Eile seine Trnen und
schluckte und wrgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter, so dass
kein Tnchen mehr laut wurde. Das Mittel hatte geholfen, Heidi
weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal hatte es
solche Anstrengungen zu machen, um sich zu berwinden und nicht
aufzuschreien, dass Klara fter ganz erstaunt sagte: Heidi, du machst
so schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe. Aber die
Grimassen machten keinen Lrm und fielen der Dame Rottenmeier nicht
auf, und wenn Heidi seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit
niedergerungen hatte, kam alles wieder ins Geleise fr einige Zeit
und war tonlos vorbergegangen. Aber seinen Appetit verlor Heidi so
sehr und sah so mager und bleich aus, dass der Sebastian fast nicht
ertragen konnte, das so mit anzusehen und Zeuge sein zu mssen, wie
Heidi bei Tisch die schnsten Gerichte an sich vorbergehen lie und
nichts essen wollte. Er flsterte ihm auch fter ermunternd zu, wenn
er ihm eine Schssel hinhielt: Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist
vortrefflich. Nicht so! Einen rechten Lffel voll, noch einen!, und
dergleichen vterlicher Rte mehr; aber es half nichts: Heidi a fast
gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen legte, so
hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war, und nur ganz
leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein, so dass es
gar niemand hren konnte.

So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wusste gar nie, ob es Sommer oder
Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen Fenstern des
Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es
nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit
ihr gemacht werden konnte, die aber immer sehr kurz war, denn Klara
konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So kam man kaum aus den Mauern
und Steinstraen heraus, sondern kehrte gewhnlich vorher wieder um
und fuhr immerfort durch groe, schne Straen, wo Huser und Menschen
in Flle zu sehen waren, aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen
und keine Berge, und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schnen
gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr, so dass es jetzt
nur den Namen eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen
brauchte, so war schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe, und Heidi
hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen. So waren Herbst und Winter
vergangen, und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weien
Mauern am Hause gegenber, dass Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe,
da der Peter wieder zur Alm fhre mit den Geien, da die goldenen
Cystusrschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich
ringsum alle Berge im Feuer stnden. Heidi setzte sich in seinem
einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Hnden die
Augen zu, dass es den Sonnenschein drben an der Mauer nicht sehe; und
so sa es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos niederkmpfend,
bis Klara wieder nach ihm rief.



Im Hause Sesemann spukt's

Seit einigen Tagen wanderte Frulein Rottenmeier meistens schweigend
und in sich gekehrt im Haus herum. Wenn sie um die Zeit der Dmmerung
von einem Zimmer ins andere oder ber den langen Korridor ging,
schaute sie fters um sich, gegen die Ecken hin und auch schnell
einmal hinter sich, so, als denke sie, es knnte jemand leise hinter
ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen. So allein ging sie
aber nur noch in den bewohnten Rumen herum. Hatte sie auf dem oberen
Boden, wo die feierlich aufgersteten Gastzimmer lagen, oder gar in
den unteren Rumen etwas zu besorgen, wo der groe geheimnisvolle Saal
war, in dem jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und
die alten Ratsherren mit den groen, weien Kragen so ernsthaft und
unverwandt auf einen niederschauten, da rief sie nun regelmig die
Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall etwas von
dort herauf- oder von oben herunterzutragen wre. Tinette ihrerseits
machte es pnktlich ebenso; hatte sie oben oder unten irgendein
Geschft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm,
er habe sie zu begleiten, es mchte etwas herbeizubringen sein, das
sie nicht allein tragen knnte. Wunderbarerweise tat auch Sebastian
akkurat dasselbe; wurde er in die abgelegenen Rume geschickt, so
holte er den Johann herauf und wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall
er nicht herbeischaffen knnte, was erforderlich sei. Und jedes folgte
immer ganz willig dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbeizutragen
war, so dass jedes gut htte allein gehen knnen; aber es war so, als
denke der Herbeigerufene immer bei sich, er knne den anderen auch
bald fr denselben Dienst ntig haben. Whrend sich solches oben
zutrug, stand unten die langjhrige Kchin tiefsinnig bei ihren Tpfen
und schttelte den Kopf und seufzte: Dass ich das noch erleben
musste!

Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames und
Unheimliches vor. Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft herunterkam,
stand die Haustr weit offen; aber weit und breit war niemand zu
sehen, der mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen konnte. In
den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich mit Schrecken
alle Zimmer und Rume des Hauses durchsucht, um zu sehen, was alles
gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich im Hause verstecken
knnen und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen entflohen; aber da war
gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen Hause nicht ein einziges
Ding. Abends wurde nicht nur die Tr doppelt zugeriegelt, sondern
es wurde noch der hlzerne Balken vorgeschoben - es half nichts:
Am Morgen stand die Tr weit offen; und so frh nun auch die ganze
Dienerschaft in ihrer Aufregung am Morgen herunterkommen mochte - die
Tr stand offen, wenn auch ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und
Fenster und Tren an allen anderen Husern noch fest verrammelt waren.
Endlich fassten sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten
sich auf die dringenden Zureden der Dame Rottenmeier bereit, die Nacht
unten in dem Zimmer, das an den groen Saal stie, zuzubringen und zu
erwarten, was geschehe. Frulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen
des Herrn Sesemann hervor und bergab dem Sebastian eine groe
Liqueurflasche, damit Strkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen
knne, wo sie ntig sei.

Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen
gleich an, sich Strkung zuzutrinken, was sie erst sehr gesprchig
und dann ziemlich schlfrig machte, worauf sie beide sich an die
Sesselrcken lehnten und verstummten. Als die alte Turmuhr drben
zwlf schlug, ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an;
der war aber nicht leicht zu erwecken; sooft ihn Sebastian anrief,
legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere
und schlief weiter. Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war nun
wieder ganz munter geworden. Es war alles muschenstill, auch von der
Strae war kein Laut mehr zu hren. Sebastian entschlief nicht wieder,
denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der groen Stille, und er
rief den Johann nur noch mit gedmpfter Stimme an und rttelte ihn
von Zeit zu Zeit ein wenig. Endlich, als es droben schon ein Uhr
geschlagen hatte, war der Johann wach geworden und wieder zum klaren
Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl sitze und nicht in seinem
Bett liege. Jetzt fuhr er auf einmal sehr tapfer empor und rief: Nun,
Sebastian, wir mssen doch einmal hinaus und sehen, wie's steht; du
wirst dich ja nicht frchten. Nur mir nach.

Johann machte die leicht angelehnte Zimmertr weit auf und trat
hinaus. Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustr ein
scharfer Luftzug her und lschte das Licht aus, das der Johann in
der Hand hielt. Dieser strzte zurck, warf den hinter ihm stehenden
Sebastian beinah rcklings ins Zimmer hinein, riss ihn dann mit,
schlug die Tr zu und drehte in fieberhafter Eile den Schlssel um,
solang er nur umging. Dann riss er seine Streichhlzer hervor und
zndete sein Licht wieder an. Sebastian wusste gar nicht recht, was
vorgefallen war, denn hinter dem breiten Johann stehend, hatte er den
Luftzug nicht so deutlich empfunden. Wie er aber jenen nun bei Licht
besah, tat er einen Schreckensruf, denn der Johann war kreidewei
und zitterte wie Espenlaub. Was ist's denn? Was war denn drauen?,
fragte der Sebastian teilnehmend.

Sperrangelweit offen die Tr, keuchte Johann, und auf der Treppe
eine weie Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf -
husch und verschwunden.

Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rcken hinauf. Jetzt setzten sich
die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis dass der
neue Morgen da war und es auf der Strae anfing, lebendig zu werden.
Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen stehende
Haustr zu und stiegen dann hinauf, um Frulein Rottenmeier Bericht zu
erstatten ber das Erlebte. Die Dame war auch schon zu sprechen, denn
die Erwartung der zu vernehmenden Dinge hatte sie nicht mehr schlafen
lassen. Sobald sie nun vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte
sie sich hin und schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch
keinen erhalten hatte; er mge sich nur sogleich, ohne Verzug,
aufmachen und nach Hause zurckkehren, denn da geschhen unerhrte
Dinge. Dann wurde ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die
Nachricht, dass fortgesetzt die Tr jeden Morgen offen stehe; dass
also keiner im Hause seines Lebens mehr sicher sei bei dergestalt
allnchtlich offen stehender Hauspforte und dass man berhaupt nicht
absehen knne, was fr dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch
nach sich ziehen knne. Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei
ihm unmglich, so pltzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu
kommen. Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe
auch, sie sei vorbergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben, so
mge Frulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie fragen,
ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss wrde seine
Mutter in krzester Zeit mit den Gespenstern fertig, und diese trauten
sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein Haus zu beunruhigen.
Frulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit dem Ton dieses Briefes;
die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst. Sie schrieb unverzglich
an Frau Sesemann, aber von dieser Seite her tnte es nicht eben
befriedigender, und die Antwort enthielt einige ganz anzgliche
Bemerkungen. Frau Sesemann schrieb, sie gedenke nicht, extra von
Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen, weil die Rottenmeier
Gespenster sehe. brigens sei niemals ein Gespenst gesehen worden im
Hause Sesemann, und wenn jetzt eines darin herumfahre, so knne es nur
ein lebendiges sein, mit dem die Rottenmeier sich sollte verstndigen
knnen; wo nicht, so solle sie die Nachtwchter zu Hilfe rufen.

Aber Frulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in
Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen. Bis dahin hatte
sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung gesagt, denn
sie befrchtete, die Kinder wrden vor Furcht Tag und Nacht keinen
Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte sehr unbequeme
Folgen fr sie haben. Jetzt ging sie stracks ins Studierzimmer
hinber, wo die beiden zusammensaen, und erzhlte mit gedmpfter
Stimme von den nchtlichen Erscheinungen eines Unbekannten. Sofort
schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick mehr allein, der Papa
msse nach Hause kommen und Frulein Rottenmeier msse zum Schlafen in
ihr Zimmer hinberziehen, und Heidi drfe auch nicht mehr allein sein,
sonst knne das Gespenst einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie
wollten alle in _einem_ Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht
brennen lassen, und Tinette msste nebenan schlafen und der Sebastian
und der Johann mssten auch herunterkommen und auf dem Korridor
schlafen, dass sie gleich schreien und das Gespenst erschrecken
knnten, wenn es etwa die Treppe heraufkommen wollte. Klara war sehr
aufgeregt und Frulein Rottenmeier hatte nun die grte Mhe, sie
etwas zu beschwichtigen. Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu
schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie mehr
allein lassen zu wollen. Alle konnten sie nicht in demselben Raume
schlafen, aber wenn Adelheid sich auch frchten sollte, so msste
Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen. Aber Heidi frchtete sich
mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen das Kind noch
gar nie etwas gehrt hatte, und es erklrte gleich, es frchte das
Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem Zimmer bleiben.
Hierauf eilte Frulein Rottenmeier an ihren Schreibtisch und
schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen Vorgnge im Hause, die
allnchtlich sich wiederholten, htten die zarte Konstitution seiner
Tochter dergestalt erschttert, dass die schlimmsten Folgen zu
befrchten seien; man habe Beispiele von pltzlich eintretenden
epileptischen Zufllen oder Veitstanz in solchen Verhltnissen, und
seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn dieser Zustand des Schreckens
im Hause nicht gehoben werde.

Das half. Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tr und
schellte dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief und
einer den anderen anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als nun
lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften Stcke
aus. Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb geffneten Laden
von oben herunter; in dem Augenblick schellte es noch einmal so
nachdrcklich, dass jeder unwillkrlich eine Menschenhand hinter dem
tchtigen Ruck vermutete. Sebastian hatte die Hand erkannt, strzte
durchs Zimmer, kopfber die Treppe hinunter, kam aber unten wieder auf
die Fe und riss die Haustr auf. Herr Sesemann grte kurz und stieg
ohne weiteres nach dem Zimmer seiner Tochter hinauf. Klara empfing den
Papa mit einem lauten Freudenruf, und als er sie so munter und vllig
unverndert sah, glttete sich seine Stirn, die er vorher sehr
zusammengezogen hatte, und immer mehr, als er nun von ihr selbst
hrte, sie sei so wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen
sei, dass es ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus
herumfahre, weil er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen
musste.

Und wie fhrt sich das Gespenst weiter auf, Frulein Rottenmeier?,
fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den
Mundwinkeln.

Nein, Herr Sesemann, entgegnete die Dame ernst, es ist kein Scherz.
Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht mehr lachen
wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf Frchterliches, das
hier in vergangener Zeit muss vorgegangen und verheimlicht worden
sein.

So, davon wei ich nichts, bemerkte Herr Sesemann, muss aber
bitten, meine vllig ehrenwerten Ahnen nicht verdchtigen zu wollen.
Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will allein mit
ihm reden.

Herr Sesemann ging hinber und Sebastian erschien. Es war Herrn
Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Frulein Rottenmeier sich
nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine Gedanken.

Komm Er her, Bursche, winkte er dem Eintretenden entgegen, und sag
Er mir nun ganz ehrlich: Hat Er nicht etwa selbst ein wenig Gespenst
gespielt, so um Frulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu machen, he?

Nein, meiner Treu, das muss der gndige Herr nicht glauben; es ist
mir selbst nicht ganz gemtlich bei der Sache, entgegnete Sebastian
mit unverkennbarer Ehrlichkeit.

Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen
Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen. Schme Er sich,
Sebastian, ein junger, krftiger Bursch, wie Er ist, vor Gespenstern
davonzulaufen! Nun geh Er unverzglich zu meinem alten Freund, Doktor
Classen: meine Empfehlung und er mchte unfehlbar heut Abend neun Uhr
bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris hergereist, um ihn zu
konsultieren. Er msse die Nacht bei mir wachen, so schlimm sei's; er
solle sich richten! Verstanden, Sebastian?

Jawohl, jawohl! Der gndige Herr kann sicher sein, dass ich's gut
mache. Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu
seinem Tchterchen zurck, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung zu
benehmen, die er noch heute ins ntige Licht stellen wollte.

Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Frulein
Rottenmeier sich zurckgezogen hatte, erschien der Doktor, der unter
seinen grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei lebhaft
und freundlich blickende Augen zeigte. Er sah etwas ngstlich aus,
brach aber gleich nach seiner Begrung in ein helles Lachen aus und
sagte, seinem Freunde auf die Schulter klopfend: Nun, nun, fr einen,
bei dem man wachen soll, siehst du noch leidlich aus, Alter.

Nur Geduld, Alter, gab Herr Sesemann zurck; derjenige, fr den
du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst
abgefangen haben.

Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen werden
muss?

Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer. Ein Gespenst im Hause, bei
mir spukt's!

Der Doktor lachte laut auf.

Schne Teilnahme das, Doktor!, fuhr Herr Sesemann fort; schade,
dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht genieen kann. Sie ist fest
berzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und Schauertaten
abbt.

Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?, fragte der Doktor noch
immer sehr erheitert.

Herr Sesemann erzhlte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und wie
noch jetzt allnchtlich die Haustr geffnet werde, nach der Angabe
der smtlichen Hausbewohner, und fgte hinzu, um fr alle Flle
vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in das
Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr
unerwnschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der
Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des
Hausherrn zu erschrecken - dann knnte ein kleiner Schrecken, wie
ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein -; oder auch
es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an
Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu sein,
dass niemand sich herauswage - in diesem Falle knnte eine gute Waffe
auch nicht schaden.

Whrend dieser Erklrungen waren die Herren die Treppe
hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und
Sebastian auch gewacht hatten. Auf dem Tische standen einige Flaschen
schnen Weines, denn eine kleine Strkung von Zeit zu Zeit konnte
nicht unerwnscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden musste.
Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles Licht
verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn so im
Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht erwarten.

Nun wurde die Tr ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte nicht
in den Korridor hinausflieen, es konnte das Gespenst verscheuchen.
Jetzt setzten sich die Herren gemtlich in ihre Lehnsthle und fingen
an, sich allerlei zu erzhlen, nahmen auch hier und da dazwischen
einen guten Schluck, und so schlug es zwlf Uhr, eh sie sich's
versahen.

Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht, sagte
der Doktor jetzt.

Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen, entgegnete der Freund.

Das Gesprch wurde wieder aufgenommen. Es schlug ein Uhr. Ringsum war
es vllig still, auch auf den Straen war aller Lrm verklungen. Auf
einmal hob der Doktor den Finger empor.

Pst, Sesemann, hrst du nichts?

Sie lauschten beide. Leise, aber ganz deutlich hrten sie, wie
der Balken zurckgeschoben, dann der Schlssel zweimal im Schloss
umgedreht, jetzt die Tr geffnet wurde. Herr Sesemann fuhr mit der
Hand nach seinem Revolver.

Du frchtest dich doch nicht?, sagte der Doktor und stand auf.

Behutsam ist besser, flsterte Herr Sesemann, erfasste mit
der Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den
Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermaen mit Leuchter und
Schiegewehr bewaffnet, voranging. Sie traten auf den Korridor hinaus.

Durch die weit geffnete Tr floss ein bleicher Mondschein herein und
beleuchtete eine weie Gestalt, die regungslos auf der Schwelle stand.

Wer da?, donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den ganzen
Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern und Waffen
an die Gestalt heran. Sie kehrte sich um und tat einen leisen Schrei.
Mit bloen Fen im weien Nachtkleidchen stand Heidi da, schaute
mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und auf die Waffen und
zitterte und bebte wie ein Blttlein im Winde von oben bis unten. Die
Herren schauten einander in groem Erstaunen an.

Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine Wassertrgerin,
sagte der Doktor.

Kind, was soll das heien?, fragte nun Herr Sesemann. Was wolltest
du tun? Warum bist du hier heruntergekommen?

Schneewei vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos:
Ich wei nicht.

Jetzt trat der Doktor vor: Sesemann, der Fall gehrt in mein Gebiet;
geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich will vor
allem das Kind hinbringen, wo es hingehrt.

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde Kind
ganz vterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.

Nicht frchten, nicht frchten, sagte er freundlich im
Hinaufsteigen, nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes
dabei, nur getrost sein.

In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter auf
den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein und
deckte es sorgfltig zu. Dann setzte er sich auf den Sessel am Bett
und wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht mehr an
allen Gliedern bebte. Dann nahm er das Kind bei der Hand und sagte
begtigend: So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch noch, wo
wolltest du denn hin?

Ich wollte gewiss nirgends hin, versicherte Heidi; ich bin auch gar
nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da.

So, so, und hast du etwa getrumt in der Nacht, weit du, so, dass du
deutlich etwas sahst und hrtest?

Ja, jede Nacht trumt es mir und immer gleich. Dann mein ich, ich sei
beim Grovater, und drauen hr ich's in den Tannen sausen und denke:
Jetzt glitzern so schn die Sterne am Himmel, und ich laufe geschwind
und mache die Tr auf an der Htte und da ist's so schn! Aber wenn
ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt. Heidi fing schon an zu
kmpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den Hals hinaufstieg.

Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends? Nicht im Kopf oder im
Rcken?

O nein, nur hier drckt es so wie ein groer Stein immerfort.

Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher
lieber wieder zurckgeben?

Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte.

So, so, und weinst du denn so recht heraus?

O nein, das darf man nicht, Frulein Rottenmeier hat es verboten.

Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so? Richtig!
Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?

O ja, war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie eher
das Gegenteil.

Hm, und wo hast du mit deinem Grovater gelebt?

Immer auf der Alm.

So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig
langweilig, nicht?

O nein, da ist's so schn, so schn! Heidi konnte nicht weiter; die
Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang verhaltene
Weinen berwltigten die Krfte des Kindes; gewaltsam strzten ihm die
Trnen aus den Augen und es brach in ein lautes, heftiges Schluchzen
aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das Kissen
nieder und sagte: So, noch ein klein wenig weinen, das kann nichts
schaden, und dann schlafen, ganz frhlich einschlafen; morgen wird
alles gut. Dann verlie er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, lie er sich dem harrenden
Freunde gegenber in den Lehnstuhl nieder und erklrte dem mit
gespannter Erwartung Lauschenden: Sesemann, dein kleiner Schtzling
ist erstens mondschtig; vllig unbewusst hat er dir allnchtlich
als Gespenst die Haustr aufgemacht und deiner ganzen Mannschaft
die Fieber des Schreckens ins Gebein gejagt. Zweitens wird das Kind
vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum Geripplein
abgemagert ist und es noch vllig werden wrde; also schnelle
Hilfe! Fr das erste bel und die in hohem Grade stattfindende
Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, nmlich, dass du sofort
das Kind in die heimatliche Bergluft zurckversetzest; fr das zweite
gibt's ebenfalls nur _eine_ Medizin, nmlich ganz dieselbe. Demnach
reist das Kind morgen ab, das ist mein Rezept.

Herr Sesemann war aufgestanden. In grter Aufregung lief er das
Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: Mondschtig! Krank! Heimweh!
Abgemagert in meinem Hause! Das alles in meinem Hause! Und niemand
sieht zu und wei etwas davon! Und du, Doktor, du meinst, das Kind,
das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist, schicke ich elend und
abgemagert seinem Grovater zurck? Nein, Doktor, das kannst du nicht
verlangen, das tu ich nicht, das werde ich nie tun. Jetzt nimm das
Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm, mach, was du willst, aber mach
es mir heil und gesund, dann will ich es heimschicken, wenn es will;
aber erst hilf du!

Sesemann, entgegnete der Doktor ernsthaft, bedenke, was du tust!
Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen
heilt. Das Kind hat keine zhe Natur, indessen, wenn du es jetzt
gleich wieder in die krftige Bergluft hinaufschickst, an die es
gewhnt ist, so kann es wieder vllig gesunden; wenn nicht - du willst
nicht, dass das Kind dem Grovater unheilbar oder gar nicht mehr
zurckkomme?

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: Ja, wenn du so
redest, Doktor, dann ist nur _ein_ Weg, dann muss sofort gehandelt
werden. Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines Freundes
und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter zu
besprechen. Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen, denn
es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustr, die
diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon der
helle Morgenschimmer herein.



Am Sommerabend die Alm hinan

Herr Sesemann stieg in groer Erregtheit die Treppe hinauf und
wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier.
Hier klopfte er so ungewhnlich krftig an die Tr, dass die
Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr. Sie hrte
die Stimme des Hausherrn drauen: Bitte sich zu beeilen und im
Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet
werden.

Frulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fnf
des Morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie
aufgestanden. Was konnte nur vorgefallen sein? Vor Neugierde und
angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam
durchaus nicht vorwrts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht
hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit aller
Kraft an jedem Glockenzug, der je fr die verschiedenen Glieder der
Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der betreffenden Zimmer
eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und verkehrt in die Kleider
fuhr, denn einer wie der andere dachte sogleich, das Gespenst habe
irgendwie den Hausherrn gepackt und dies sei sein Hilferuf. So kamen
sie nach und nach, einer schauerlicher aussehend als der andere,
herunter und stellten sich mit Erstaunen vor den Hausherrn hin,
denn dieser ging frisch und munter im Esszimmer auf und ab und sah
keineswegs aus, als habe ihn ein Gespenst erschreckt. Johann wurde
sofort hingeschickt, Pferde und Wagen in Ordnung zu bringen und sie
nachher vorzufhren. Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi
aufzuwecken und es in den Stand zu stellen, eine Reise anzutreten.
Sebastian erhielt den Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis Base
im Dienst stand, und diese herbeizuholen. Frulein Rottenmeier war
unterdessen zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles sa, wie es
musste, nur die Haube sa verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem
aussah, als sitze ihr das Gesicht auf dem Rcken. Herr Sesemann
schrieb den rtselhaften Anblick dem frhen Schlafbrechen zu und ging
unverweilt an die Geschftsverhandlungen. Er erklrte der Dame, sie
habe ohne Zgern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die smtliche
Habe des Schweizerkindes hineinzupacken - so nannte Herr Sesemann
gewhnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war -, dazu
noch einen guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was Rechtes
mitbringe; es msse aber alles schnell und ohne langes Besinnen vor
sich gehen.

Frulein Rottenmeier blieb vor berraschung wie in den Boden
eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an. Sie hatte erwartet,
er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer schauerlichen
Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt und die sie
eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern gehrt htte;
stattdessen diese vllig prosaischen und dazu noch sehr unbequemen
Auftrge. So schnell konnte sie das Unerwartete nicht bewltigen.
Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete ein Weiteres.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklrungen im Sinn; er lie die Dame
stehen, wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter. Wie er
vermutet hatte, war diese durch die ungewhnliche Bewegung im Hause
wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl vorgehe.
Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzhlte ihr den ganzen
Verlauf der Geistererscheinung und dass Heidi nach des Doktors
Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl nach und nach seine
nchtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach besteigen
wrde, was dann mit den hchsten Gefahren verbunden wre. Er habe also
beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn solche Verantwortung
knne er nicht auf sich nehmen, und Klara msse sich dareinfinden, sie
sehe ja ein, dass es nicht anders sein knne.

Klara war sehr schmerzlich berrascht von der Mitteilung und wollte
erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb
fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im nchsten Jahre mit
Klara nach der Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernnftig sei
und keinen Jammer erhebe. So ergab sich Klara in das Unvermeidliche,
begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer fr Heidi in ihr Zimmer
gebracht und da gepackt werde, damit sie hineinstecken knne, was ihr
Freude mache, was der Papa sehr gern bewilligte, ja er ermunterte
Klara noch, dem Kinde eine schne Aussteuer zurechtzumachen.
Unterdessen war die Base Dete angelangt und stand in groer Erwartung
im Vorzimmer, denn dass sie um diese ungewhnliche Zeit einberufen
worden war, musste etwas Auerordentliches bedeuten. Herr Sesemann
trat zu ihr heraus und erklrte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass
er wnsche, sie mchte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause
bringen. Die Base sah sehr enttuscht aus; diese Nachricht hatte sie
nicht erwartet. Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die
ihr der hi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr vor
die Augen kommen solle, und so das Kind dem Alten einmal bringen und
dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr nicht ganz geraten
zu sein. Sie besann sich also nicht lange, sondern sagte mit groer
Beredsamkeit, heute wre es ihr leider vllig unmglich, die Reise
anzutreten, und morgen knnte sie noch weniger daran denken, und die
Tage darauf wre es am allerunmglichsten, um der darauf folgenden
Geschfte willen, und nachher knnte sie dann gar nicht mehr. Herr
Sesemann verstand die Sprache und entlie die Base ohne weiteres.
Nun lie er den Sebastian vortreten und erklrte ihm, er habe sich
unverzglich zur Reise zu rsten; heute habe er mit dem Kinde bis nach
Basel zu fahren, morgen bringe er es heim. Dann knne er sogleich
wieder umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den
Grovater werde diesem alles erklren.

Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian, schloss Herr Sesemann,
und dass Er mir das pnktlich besorgt! Den Gasthof in Basel, den ich
Ihm hier auf meine Karte geschrieben, kenne ich. Er weist meine Karte
vor, dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden fr das Kind;
fr sich selbst wird Er schon sorgen. Dann geht Er erst in des Kindes
Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so vollstndig, dass nur
groe Gewalt sie aufzubringen vermchte. Ist das Kind zu Bett, so geht
Er und schliet von auen die Tr ab, denn das Kind wandert herum in
der Nacht und knnte Gefahr laufen in dem fremden Haus, wenn es etwa
hinausginge und die Haustr aufmachen wollte; versteht Er das?

Ah! Ah! Ah! Das war's? So war's?, stie Sebastian jetzt in grter
Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein groes Licht aufgegangen
ber die Geistererscheinung.

Ja, so war's! Das war's! Und Er ist ein Hasenfu, und dem Johann kann
Er sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine lcherliche
Mannschaft. Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube, setzte sich
hin und schrieb einen Brief an den Alm-hi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und
wiederholte jetzt zu fteren Malen in seinem Innern: Htt ich mich
doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube
hineinreien lassen, sondern wre dem weien Figrchen nachgegangen,
was ich doch jetzt unzweifelhaft tun wrde!, denn jetzt beleuchtete
die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit voller Klarheit.

Unterdessen stand Heidi vllig ahnungslos in seinem Sonntagsrckchen
und wartete ab, was geschehen sollte, denn die Tinette hatte es nur
aus dem Schlafe aufgerttelt, die Kleider aus dem Schrank genommen und
das Anziehen gefrdert, ohne ein Wort zu sagen. Sie sprach niemals mit
dem ungebildeten Heidi, denn das war ihr zu gering.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das
Frhstck bereitstand, und rief: Wo ist das Kind?

Heidi wurde gerufen. Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm >guten
Morgen< zu sagen, schaute er ihm fragend ins Gesicht: Nun, was sagst
du denn dazu, Kleine?

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

Du weit am Ende noch gar nichts, lachte Herr Sesemann. Nun, heut
gehst du heim, jetzt gleich.

Heim?, wiederholte Heidi tonlos und wurde schneewei, und eine
kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde sein
Herz von dem Eindruck gepackt.

Nun, willst du etwa nichts wissen davon?, fragte Herr Sesemann
lchelnd.

O ja, ich will schon, kam jetzt heraus, und nun war Heidi dunkelrot
geworden.

Gut, gut, sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte
und Heidi winkte, dasselbe zu tun. Und nun tchtig frhstcken und
hernach in den Wagen und fort.

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch
zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung,
dass es gar nicht wusste, ob es wache oder trume und ob es vielleicht
wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der Haustr stehen
werde.

Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen, rief Herr Sesemann
Frulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; das Kind kann nicht essen,
begreiflicherweise. - Geh hinber zu Klara, bis der Wagen vorfhrt,
setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.

Das war Heidis Wunsch: Es sprang hinber. Mitten in Klaras Zimmer war
ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit offen.

Komm, Heidi, komm, rief ihm Klara entgegen. Sieh, was ich dir habe
einpacken lassen, komm, freut's dich?

Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und
Schrzen, Tcher und Nhgert, und sieh hier, Heidi, und Klara hob
triumphierend einen Korb in die Hhe. Heidi guckte hinein und sprang
hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwlf schne, weie,
runde Brtchen, alle fr die Gromutter. Die Kinder vergaen in
ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie sich trennen
mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte: Der Wagen ist
bereit! - da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden. Heidi lief in
sein Zimmer, da musste noch ein schnes Buch von der Gromama liegen,
niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag unter dem Kopfkissen,
weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon trennen konnte. Das wurde
in den Korb auf die Brtchen gelegt. Dann machte es seinen Schrank
auf; noch suchte es nach einem Gute, das man vielleicht auch nicht
eingepackt hatte. Richtig - auch das alte rote Tuch lag noch da,
Frulein Rottenmeier hatte es zu gering erachtet, um mit eingepackt
zu werden. Heidi wickelte es um einen anderen Gegenstand und legte
es zuoberst auf den Korb, so dass das rote Paket sehr sichtbar zur
Erscheinung kam. Dann setzte es sein schnes Htchen auf und verlie
sein Zimmer.

Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr
Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen. Frulein
Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu verabschieden.
Als sie das seltsame rote Bndelchen erblickte, nahm sie es schnell
aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

Nein, Adelheid, sagte sie tadelnd, so kannst du nicht reisen
von diesem Hause aus; solches Zeug brauchst du berhaupt nicht
mitzuschleppen. Nun lebe wohl.

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bndelchen nicht wieder
aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem
Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen grten Schatz nehmen.

Nein, nein, sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, das Kind
soll mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch junge
Katzen oder Schildkrten mit fortschleppen, so wollen wir uns darber
nicht aufregen, Frulein Rottenmeier.

Heidi hob eilig sein Bndelchen wieder vom Boden auf, und Dank und
Freude leuchteten ihm aus den Augen. Unten am Wagen reichte Herr
Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten,
sie wrden seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wnschte
ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schn fr alle
Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss sagte es:
Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal gren und ihm auch
vielmals danken. Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern
Abend gesagt hatte: Und morgen wird alles gut. Nun war es so
gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die
Provianttasche und der Sebastian kamen nach. Herr Sesemann rief noch
einmal freundlich: Glckliche Reise!, und der Wagen rollte davon.

Bald nachher sa Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich seinen
Korb auf dem Schoe fest, denn es wollte ihn nicht einen Augenblick
aus den Hnden lassen, seine kostbaren Brtchen fr die Gromutter
waren ja darin, die musste es sorgfltig hten und von Zeit zu
Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darber. Heidi sa
muschenstille whrend mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es recht
zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Grovater, auf
die Alm, zur Gromutter, zum Geienpeter, und nun kam ihm alles vor
Augen, eins nach dem anderen, was es wieder sehen werde und wie alles
aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue Gedanken auf,
und auf einmal sagte es ngstlich: Sebastian, ist auch sicher die
Gromutter auf der Alm nicht gestorben?

Nein, nein, beruhigte dieser, wollen's nicht hoffen, wird schon
noch am Leben sein.

Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurck; nur hier und da guckte
es einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Brtchen der Gromutter
auf den Tisch legen war sein Hauptgedanke. Nach lngerer Zeit sagte es
wieder: Sebastian, wenn man nur auch ganz sicher wissen knnte, dass
die Gromutter noch am Leben ist.

Jawohl! Jawohl!, entgegnete der Begleiter halb schlafend; Wird
schon noch leben, wsste auch gar nicht, warum nicht.

Nach einiger Zeit drckte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach
der vergangenen unruhigen Nacht und dem frhen Aufstehen war es so
schlafbedrftig, dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es
tchtig am Arm schttelte und ihm zurief: Erwachen! Erwachen! Gleich
aussteigen, in Basel angekommen!

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang. Heidi sa
wieder mit seinem Korb auf dem Scho, den es um keinen Preis dem
Sebastian bergeben wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr, denn
nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter. Dann auf einmal,
als Heidi gar nicht daran dachte, ertnte laut der Ruf: Maienfeld!
Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat Sebastian, der auch
berrascht worden war. Jetzt standen sie drauen, der Koffer mit
ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal hinein. Sebastian sah
ihm wehmtig nach, denn er wre viel lieber so sicher und ohne Mhe
weitergereist, als dass er nun eine Fupartie unternehmen sollte, die
dazu noch mit einer Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich
und dazu gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch
halb wild war, wie Sebastian annahm. Er schaute daher sehr vorsichtig
um sich, wen er etwa beraten knnte ber den sichersten Weg nach
dem >Drfli<. Unweit des kleinen Stationsgebudes stand ein kleiner
Leiterwagen mit einem mageren Rsslein davor; auf diesen wurden von
einem breitschultrigen Manne ein paar groe Scke aufgeladen, die mit
der Bahn hergebracht worden waren. Sebastian trat zu ihm heran und
brachte seine Frage nach dem sichersten Weg zum Drfli vor.

Hier sind alle Wege sicher, war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen knne,
ohne in die Abgrnde zu strzen, und auch wie man einen Koffer nach
dem betreffenden Drfli befrdern knnte. Der Mann schaute nach dem
Koffer hin und ma ihn ein wenig mit den Augen; dann erklrte er, wenn
das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es auf seinen Wagen nehmen,
da er selbst nach dem Drfli fahre, und so gab noch ein Wort das
andere, und endlich kamen die beiden berein, der Mann solle Kind und
Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und nachher vom Drfli aus knne
das Kind am Abend mit irgendjemand auf die Alm geschickt werden.

Ich kann allein gehen, ich wei schon den Weg vom Drfli auf die
Alm, sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung
zugehrt hatte. Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen, als
er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern entledigt
sah. Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und berreichte
ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den Grovater und
erklrte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn Sesemann, die msse
aber zuunterst in den Korb gesteckt werden, noch unter die Brtchen,
und darauf msse genau Acht gegeben werden, dass sie nicht verloren
gehe, denn darber wrde Herr Sesemann ganz frchterlich bse und sein
Leben lang nie mehr gut werden; das sollte das Mamsellchen nur ja
bedenken.

Ich verliere sie schon nicht, sagte Heidi zuversichtlich und steckte
die Rolle samt dem Brief zuallerunterst in den Korb hinein. Nun wurde
der Koffer aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi samt seinem
Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand hinauf zum
Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei Zeichen, auf den
Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der Fhrer war noch in der
Nhe, und Sebastian war vorsichtig, besonders jetzt, da er wusste, er
htte eigentlich selbst das Kind an Ort und Stelle bringen sollen. Der
Fhrer schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der
Wagen rollte den Bergen zu, whrend Sebastian, froh ber seine
Befreiung von der gefrchteten Bergreise, sich am Stationshuschen
niedersetzte, um den zurckgehenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Bcker vom Drfli, welcher seine
Mehlscke nach Hause fuhr. Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie
jedermann im Drfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-hi
gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich
vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu tun
haben. Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon wieder
heimkommen und whrend der Fahrt fing er nun mit Heidi ein Gesprch
an: Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-hi war, beim
Grovater?

Ja.

So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit her
heimkommst?

Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie man
es in Frankfurt hat.

Warum lufst du denn heim?

Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wr ich nicht
heimgelaufen.

Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man
dir's erlaubt hat, heimzugehen?

Weil ich tausendmal lieber heimwill zum Grovater auf die Alm als
sonst alles auf der Welt.

Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst, brummte der Bcker;
nimmt mich aber doch wunder, sagte er dann zu sich selbst, es kann
wissen, wie's ist.

Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute
um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es
erkannte die Bume am Wege, und drben standen die hohen Zacken des
Falknis-Berges und schauten zu ihm herber, so als grten sie es wie
gute alte Freunde; und Heidi grte wieder, und mit jedem Schritt
vorwrts wurde Heidis Erwartung gespannter, und es meinte, es msse
vom Wagen herunterspringen und aus allen Krften laufen, bis es ganz
oben wre. Aber es blieb doch still sitzen und rhrte sich nicht, aber
alles zitterte an ihm. Jetzt fuhren sie im Drfli ein, eben schlug die
Glocke fnf Uhr. Augenblicklich sammelte sich eine Gesellschaft von
Kindern und Frauen um den Wagen herum, und ein paar Nachbarn traten
auch noch herzu, denn der Koffer und das Kind auf des Bckers Wagen
hatten die Aufmerksamkeit aller Umwohnenden auf sich gezogen, und
jeder wollte wissen, woher und wohin und wem beide zugehrten. Als
der Bcker Heidi heruntergehoben hatte, sagte es eilig: Danke, der
Grovater holt dann schon den Koffer, und wollte davonrennen. Aber
von allen Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen
fragten alle auf einmal, jede etwas Eigenes. Heidi drngte sich mit
einer solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, dass man ihm
unwillkrlich Platz machte und es laufen lie, und einer sagte zum
anderen: Du siehst ja, wie es sich frchtet, es hat auch alle
Ursache. Und dann fingen sie noch an, sich zu erzhlen, wie der
Alm-hi seit einem Jahr noch viel rger geworden sei als vorher und
mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als
wolle er am liebsten jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und
wenn das Kind auf der ganzen Welt noch wsste wohin, so liefe es nicht
in das alte Drachennest hinauf. Aber hier fiel der Bcker in das
Gesprch ein und sagte, er werde wohl mehr wissen als sie alle, und
erzhlte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis nach
Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe und auch
gleich ohne Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu noch ein
Trinkgeld gegeben habe, und berhaupt knne er sicher sagen, dass es
dem Kind wohl genug gewesen sei, wo es war, und es selbst begehrt
habe, zum Grovater zurckzugehen. Diese Nachricht brachte eine
groe Verwunderung hervor und wurde nun gleich im ganzen Drfli so
verbreitet, dass noch am gleichen Abend kein Haus daselbst war, in
dem man nicht davon redete, dass das Heidi aus allem Wohlleben zum
Grovater zurckbegehrt habe.

Heidi lief vom Drfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu
Zeit musste es aber pltzlich stille stehen, denn es hatte ganz den
Atem verloren; sein Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu
ging es nun immer steiler, je hher hinauf es ging. Heidi hatte
nur noch einen Gedanken: Wird auch die Gromutter noch auf ihrem
Pltzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch nicht gestorben
unterdessen? Jetzt erblickte Heidi die Htte oben in der Vertiefung
an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte noch mehr,
immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz. Jetzt war es oben -
vor Zittern konnte es fast die Tr nicht aufmachen - doch jetzt - es
sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und stand da, vllig
auer Atem, und brachte keinen Ton hervor.

Ach du mein Gott, tnte es aus der Ecke hervor, so sprang unser
Heidi herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben
knnte! Wer ist hereingekommen?

Da bin ich ja, Gromutter, da bin ich ja, rief Heidi jetzt und
strzte nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Gromutter
heran, fasste ihren Arm und ihre Hnde und legte sich an sie und
konnte vor Freude gar nichts mehr sagen. Erst war die Gromutter so
berrascht, dass auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann fuhr
sie mit der Hand streichelnd ber Heidis Kraushaare hin, und nun sagte
sie ein Mal ber das andere: Ja, ja, das sind seine Haare und es ist
ja seine Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich das noch erleben
lsst! Und aus den blinden Augen fielen ein paar groe Freudentrnen
auf Heidis Hand nieder. Bist du's auch, Heidi, bist du auch sicher
wieder da?

Ja, ja, sicher, Gromutter, rief Heidi nun mit aller Zuversicht,
weine nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage
zu dir und gehe nie wieder fort, und du musst auch manchen Tag kein
hartes Brot mehr essen, siehst du, Gromutter, siehst du?

Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brtchen nach dem andern aus,
bis es alle zwlf auf dem Scho der Gromutter aufgehuft hatte.

Ach Kind! Ach Kind! Was bringst du denn fr einen Segen mit!, rief
die Gromutter aus, als es nicht enden wollte mit den Brtchen und
immer noch eines folgte. Aber der grte Segen bist du mir doch
selber, Kind! Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare und strich
ber seine heien Wangen und sagte wieder: Sag noch ein Wort, Kind,
sag noch etwas, dass ich dich hren kann.

Heidi erzhlte nun der Gromutter, welche groe Angst es habe
ausstehen mssen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe
nun gar nie die weien Brtchen bekommen, und es knne nie, nie mehr
zu ihr gehen.

Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick unbeweglich
stehen vor Erstaunen. Dann rief sie: Sicher, es ist das Heidi, wie
kann auch das sein!

Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich gar
nicht genug verwundern darber, wie Heidi aussehe, und ging um das
Kind herum und sagte: Gromutter, wenn du doch nur sehen knntest,
was fr ein schnes Rcklein das Heidi hat und wie es aussieht; man
kennt es fast nicht mehr. Und das Federnhtlein auf dem Tisch gehrt
dir auch noch? Setz es doch einmal auf, so kann ich sehen, wie du drin
aussiehst.

Nein, ich will nicht, erklrte Heidi, du kannst es haben, ich
brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes. Damit machte
Heidi sein rotes Bndelchen auf und nahm sein altes Htchen daraus
hervor, das auf der Reise zu den Knicken, die es schon vorher gehabt,
noch einige bekommen hatte. Aber das kmmerte das Heidi wenig; es
hatte ja nicht vergessen, wie der Grovater beim Abschied nachgerufen
hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals sehen; darum hatte Heidi
sein Htchen so sorgfltig aufgehoben, denn es dachte ja immer ans
Heimgehen zum Grovater. Aber die Brigitte sagte, so einfltig msse
es nicht sein, es sei ja ein prchtiges Htchen, das nehme sie nicht;
man knnte es ja etwa dem Tchterlein vom Lehrer im Drfli verkaufen
und noch viel Geld bekommen, wenn es das Htlein nicht tragen wolle.
Aber Heidi blieb bei seinem Vorhaben und legte das Htchen leise
hinter die Gromutter in den Winkel, wo es ganz verborgen war.
Dann zog Heidi auf einmal sein schnes Rcklein aus, und ber das
Unterrckchen, in dem es nun mit bloen Armen dastand, band es das
rote Halstuch, und nun fasste es die Hand der Gromutter und sagte:
Jetzt muss ich heim zum Grovater, aber morgen komm ich wieder zu
dir; gute Nacht, Gromutter.

Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder, bat die
Gromutter und drckte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte das
Kind fast nicht loslassen.

Warum hast du denn dein schnes Rcklein ausgezogen?, fragte die
Brigitte.

Weil ich lieber so zum Grovater will, sonst kennt er mich vielleicht
nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt darin.

Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tr hinaus, und hier sagte
sie ein wenig geheimnisvoll zu ihm: Den Rock httest du schon
anbehalten knnen, er htte dich doch gekannt; aber sonst musst du
dich in Acht nehmen; der Peterli sagt, der Alm-hi sei jetzt immer bs
und rede kein Wort mehr.

Heidi sagte >gute Nacht< und stieg die Alm hinan mit seinem Korb am
Arm. Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die grne Alm, und jetzt war
auch drben das groe Schneefeld an der Schesaplana sichtbar geworden
und strahlte herber. Heidi musste alle paar Schritte wieder stille
stehen und sich umkehren, denn die hohen Berge hatte es im Rcken beim
Hinaufsteigen. Jetzt fiel ein roter Schimmer vor seinen Fen auf das
Gras, es kehrte sich um, da - so hatte es die Herrlichkeit nicht mehr
im Sinn gehabt und auch nie so im Traum gesehen - die Felshrner am
Falknis flammten zum Himmel auf, das weite Schneefeld glhte und
rosenrote Wolken zogen darber hin; das Gras rings auf der Alm war
golden, von allen Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten
schwamm weithin das ganze Tal in Duft und Gold. Heidi stand mitten
in der Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihm die hellen
Trnen die Wangen herunter, und es musste die Hnde falten und in den
Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken, dass er es
wieder heimgebracht hatte und dass alles, alles noch so schn sei und
noch viel schner, als es gewusst hatte, und dass alles wieder ihm
gehre; und Heidi war so glcklich und so reich in all der groen
Herrlichkeit, dass es gar nicht Worte fand, dem lieben Gott genug zu
danken. Erst als das Licht ringsum verglhte, konnte Heidi wieder von
der Stelle weg; nun rannte es aber so den Berg hinan, dass es gar
nicht lange dauerte, so erblickte es oben die Tannenwipfel ber dem
Dache und jetzt das Dach und die ganze Htte, und auf der Bank an der
Htte sa der Grovater und rauchte sein Pfeifchen, und ber die Htte
her wogten die alten Tannenwipfel und raschelten im Abendwind. Jetzt
rannte das Heidi noch mehr, und bevor der Alm-hi nur recht sehen
konnte, was da herankam, strzte das Kind schon auf ihn hin, warf
seinen Korb auf den Boden und umklammerte den Alten, und vor Aufregung
des Wiedersehens konnte es nichts sagen, als nur immer ausrufen:
Grovater! Grovater! Grovater!

Der Grovater sagte auch nichts. Seit vielen Jahren waren ihm zum
erstenmal wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der Hand
darber fahren. Dann lste er Heidis Arme von seinem Hals, setzte das
Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick. So, bist du
wieder heimgekommen, Heidi, sagte er dann; wie ist das? Besonders
hoffrtig siehst du nicht aus, haben sie dich fortgeschickt?

O nein, Grovater, fing Heidi nun mit Eifer an, das musst du nicht
glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Gromama und der
Herr Sesemann; aber siehst du, Grovater, ich konnte es fast gar nicht
mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein knnte, und ich
habe manchmal gemeint, ich msse ganz ersticken, so hat es mich
gewrgt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es undankbar war.
Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der Herr Sesemann ganz
frh - aber ich glaube, der Herr Doktor war schuld daran - aber es
steht vielleicht alles in dem Brief - damit sprang Heidi auf den
Boden und holte seinen Brief und seine Rolle aus dem Korb herbei und
legte beide in die Hand des Grovaters.

Das gehrt dir, sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf
die Bank. Dann nahm er den Brief und las ihn durch: Ohne ein Wort zu
sagen, steckte er dann das Blatt in die Tasche.

Meinst, du knntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?,
fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Htte
einzutreten. Aber nimm dort dein Geld mit dir, da kannst du ein
ganzes Bett daraus kaufen und Kleider fr ein paar Jahre.

Ich brauch es gewiss nicht, Grovater, versicherte Heidi; ein Bett
hab ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt, dass ich
gewiss nie mehr andere brauche.

Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal
brauchen knnen.

Heidi gehorchte und hpfte nun dem Grovater nach in die Htte hinein,
wo es vor Freude ber das Wiedersehen in alle Winkel sprang und
die Leiter hinauf - aber da stand es pltzlich still und rief in
Betroffenheit von oben herunter: Oh, Grovater, ich habe kein Bett
mehr!

Kommt schon wieder, tnte es von unten herauf, wusste ja nicht,
dass du wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!

Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten
Platze, und nun erfasste es sein Schsselchen und trank mit einer
Begierde, als wre etwas so Kstliches noch nie in seinen Bereich
gekommen, und als es mit einem tiefen Atemzug das Schsselchen
hinstellte, sagte es: So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts auf
der Welt, Grovater.

Jetzt ertnte drauen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss Heidi
zur Tr hinaus. Da kam die ganze Schar der Geien hpfend, springend,
Stze machend von der Hhe herunter, mittendrin der Peter. Als er
Heidi ansichtig wurde, blieb er auf der Stelle vllig wie angewurzelt
stehen und starrte es sprachlos an. Heidi rief: Guten Abend, Peter!,
und strzte mitten in die Geien hinein: Schwnli! Brli! Kennt
ihr mich noch?, und die Geilein mussten seine Stimme gleich
erkannt haben, denn sie rieben ihre Kpfe an Heidi und fingen
an leidenschaftlich zu meckern vor Freude, und Heidi rief alle
nacheinander beim Namen, und alle rannten wie wild durcheinander und
drngten sich zu ihm heran; der ungeduldige Distelfink sprang hoch auf
und ber zwei Geien weg, um gleich in die Nhe zu kommen, und sogar
das schchterne Schneehppli drngte mit einem ziemlich eigensinnigen
Bohren den groen Trk auf die Seite, der nun ganz verwundert ber die
Frechheit dastand und seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass
er es sei.

Heidi war auer sich vor Freude, alle die alten Gefhrten wieder zu
haben; es umarmte das kleine, zrtliche Schneehppli wieder und wieder
und streichelte den strmischen Distelfink und wurde vor groer Liebe
und Zutraulichkeit der Geien hin und her gedrngt und geschoben, bis
es nun ganz in Peters Nhe kam, der noch immer auf demselben Platze
stand.

Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!, rief ihm
Heidi jetzt zu.

Bist denn wieder da?, brachte er nun endlich in seinem Erstaunen
heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm
schon lange hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer
getan hatte bei der Heimkehr am Abend: Kommst morgen wieder mit?

Nein, morgen nicht, aber bermorgen vielleicht, denn morgen muss ich
zur Gromutter.

Es ist recht, dass du wieder da bist, sagte der Peter und verzog
sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergngen, dann schickte
er sich zur Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so schwer wie noch
nie mit seinen Geien, denn als er sie endlich mit Locken und Drohen
so weit gebracht hatte, dass sie sich um ihn sammelten, und Heidi,
den einen Arm um Schwnlis und den andern um Brlis Kopf gelegt,
davonspazierte, da kehrten mit einem Male alle wieder um und liefen
den dreien nach. Heidi musste mit seinen zwei Geien in den Stall
eintreten und die Tr zumachen, sonst wre der Peter niemals mit
seiner Herde fortgekommen. Als das Kind dann in die Htte zurckkam,
da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet, prchtig hoch und
duftend, denn das Heu war noch nicht lange hereingeholt, und darber
hatte der Grovater ganz sorgfltig die sauberen Leintcher gebreitet.
Heidi legte sich mit groer Lust hinein und schlief so herrlich, wie
es ein ganzes Jahr lang nicht geschlafen hatte. Whrend der Nacht
verlie der Grovater wohl zehnmal sein Lager und stieg die Leiter
hinauf und lauschte sorgsam, ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig
werde, und suchte am Loch nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis
Lager, ob auch das Heu noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft
hatte, denn von nun an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen.
Aber Heidi schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt
herum, denn sein groes, brennendes Verlangen war gestillt worden: Es
hatte alle Berge und Felsen wieder im Abendglhen gesehen, es hatte
die Tannen rauschen gehrt, es war wieder daheim auf der Alm.



Am Sonntag, wenn's lutet

Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Grovater,
der mitgehen und den Koffer vom Drfli heraufholen wollte, whrend
es bei der Gromutter wre. Das Kind konnte es fast nicht erwarten,
die Gromutter wieder zu sehen und zu hren, wie ihr die Brtchen
geschmeckt hatten, und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht lang, denn
es konnte ja nicht genug die heimatlichen Tne von dem Tannenrauschen
ber ihm und das Duften und Leuchten der grnen Weiden und der
goldenen Blumen darauf eintrinken.

Jetzt trat der Grovater aus der Htte, schaute noch einmal rings um
sich und sagte dann mit zufriedenem Ton: So, nun knnen wir gehen.

Denn es war Sonnabend heut, und an dem Tage machte der Alm-hi alles
sauber und in Ordnung in der Htte, im Stall und ringsherum, das war
seine Gewohnheit, und heut hatte er den Morgen dazu genommen, um
gleich nachmittags mit Heidi ausziehen zu knnen, und so sah nun
alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit aus. Bei der
Geienpeter-Htte trennten sie sich, und Heidi sprang hinein. Schon
hatte die Gromutter seinen Schritt gehrt und rief ihm liebevoll
entgegen: Kommst du, Kind? Kommst du wieder?

Dann erfasste sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer noch
frchtete sie, das Kind knnte ihr wieder entrissen werden. Und nun
musste die Gromutter erzhlen, wie die Brtchen geschmeckt htten,
und sie sagte, sie habe sich so daran erlabt, dass sie meine, sie sei
heute viel krftiger als lang nicht mehr, und Peters Mutter fgte
hinzu, die Gromutter habe vor lauter Sorge, sie werde zu bald fertig
damit, nur ein einziges Brtchen essen wollen, gestern und heut
zusammen, und sie kme gewiss noch ziemlich zu Krften, wenn sie so
acht Tage lang hintereinander jeden Tage eines essen wollte. Heidi
hrte der Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und blieb jetzt noch eine
Zeit lang nachdenklich. Nun hatte es seinen Weg gefunden. Ich wei
schon, was ich mache, Gromutter, sagte es in freudigem Eifer; ich
schreibe der Klara einen Brief und dann schickt sie mir gewiss noch
einmal so viel Brtchen, wie da sind, oder zweimal, denn ich hatte
schon einen groen Haufen ganz gleiche im Kasten, und als man mir sie
weggenommen hatte, sagte Klara, sie gebe mir gerade so viele wieder,
und das tut sie schon.

Ach Gott, sagte die Brigitte, das ist eine gute Meinung; aber denk,
sie werden auch hart. Wenn man nur hier und da einen brigen Batzen
htte, der Bcker unten im Drfli macht auch solche, aber ich vermag
kaum das schwarze Brot zu bezahlen.

Jetzt schoss ein heller Freudenstrahl ber Heidis Gesicht: Oh, ich
habe furchtbar viel Geld, Gromutter, rief es jubelnd aus und hpfte
vor Freuden in die Hhe, jetzt wei ich, was ich damit mache! Alle,
alle Tage musst du ein neues Brtchen haben und am Sonntage zwei, und
der Peter kann sie heraufbringen vom Drfli.

Nein, nein, Kind!, wehrte die Gromutter; das kann nicht sein, das
Geld hast du nicht dazu bekommen, du musst es dem Grovater geben, er
sagt dir dann schon, was du damit machen musst.

Aber Heidi lie sich nicht stren in seiner Freude, es jauchzte und
hpfte in der Stube herum und rief ein Mal bers andere: Jetzt kann
die Gromutter jeden Tag ein Brtchen essen und wird wieder ganz
krftig, und - oh, Gromutter, rief es mit neuem Jubel, wenn du
dann so gesund wirst, so wird es dir gewiss auch wieder hell, es ist
vielleicht nur, weil du so schwach bist.

Die Gromutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude nicht
trben. Bei seinem Herumhpfen fiel dem Heidi auf einmal das alte
Liederbuch der Gromutter in die Augen, und es kam ihm ein neuer
freudiger Gedanke: Gromutter, jetzt kann ich auch ganz gut lesen;
soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch?

O ja, bat die Gromutter freudig berrascht; kannst du das auch
wirklich, Kind, kannst du das?

Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer
dicken Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberhrt
gelegen da oben; nun wischte es Heidi sauber ab, setzte sich damit auf
seinen Schemel zur Gromutter hin und fragte, was es nun lesen solle.

Was du willst, Kind, was du willst, und mit gespannter Erwartung sa
die Gromutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich geschoben.

Heidi bltterte und las leise hier und da eine Linie: jetzt kommt
etwas von der Sonne, das will ich dir lesen, Gromutter. Und Heidi
begann und wurde selbst immer eifriger und immer wrmer, whrend es
las:

    Die gldne Sonne
    Voll Freud und Wonne
    Bringt unsern Grenzen
    Mit ihrem Glnzen
    Ein herzerquickendes, liebliches Licht.

    Mein Haupt und Glieder
    Die lagen darnieder;
    Aber nun steh ich,
    Bin munter und frhlich,
    Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

    Mein Auge schauet,
    Was Gott gebauet
    Zu seinen Ehren,
    Und uns zu lehren,
    Wie sein Vermgen sei mchtig und gro.

    Und wo die Frommen
    Dann sollen hinkommen,
    Wenn sie mit Frieden
    Von hinnen geschieden
    Aus dieser Erde vergnglichem Scho.

    Alles vergehet,
    Gott aber stehet
    Ohn alles Wanken,
    Seine Gedanken,
    Sein Wort und Wille hat ewigen Grund.

    Sein Heil und Gnaden
    Die nehmen nicht Schaden,
    Heilen im Herzen,
    Die tdlichen Schmerzen,
    Halten uns zeitlich und ewig gesund.

    Kreuz und Elende -
    Das nimmt ein Ende,
    Nach Meeresbrausen
    Und Windessausen
    Leuchtet der Sonne erwnschtes Gesicht.

    Freude die Flle
    Und selige Stille
    Darf ich erwarten
    Im himmlischen Garten,
    Dahin sind meine Gedanken gericht'.

Die Gromutter sa still da mit gefalteten Hnden, und ein Ausdruck
unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte,
lag auf ihrem Gesicht, obschon ihr die Trnen die Wangen herabliefen.
Als Heidi schwieg, bat sie mit Verlangen: Oh, noch einmal, Heidi,
lass es mich noch einmal hren:

    >Kreuz und Elende
    Das nimmt ein Ende< -

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und
Verlangen:

    Kreuz und Elende -
    Das nimmt ein Ende,
    Nach Meeresbrausen
    Und Windessausen
    Leuchtet der Sonne erwnschtes Gesicht.

    Freude die Flle
    Und selige Stille
    Darf ich erwarten
    Im himmlischen Garten,
    Dahin sind meine Gedanken gericht'.

O Heidi, das macht hell! Das macht so hell im Herzen! Oh, wie hast du
mir wohl gemacht, Heidi!

Ein Mal ums andere sagte die Gromutter die Worte der Freude, und
Heidi strahlte vor Glck und musste sie nur immer ansehen, denn so
hatte es die Gromutter nie gesehen. Sie hatte gar nicht mehr das alte
trbselige Gesicht, sondern schaute so freudig und dankend auf, als
she sie schon mit neuen, hellen Augen in den schnen himmlischen
Garten hinein.

Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Grovater drauen, der
ihm winkte, mit heimzukommen. Es folgte schnell, aber nicht ohne die
Gromutter zu versichern, morgen komme es wieder, und auch wenn es
mit Peter auf die Weide gehe, so komme es doch im halben Tag zurck;
denn dass es der Gromutter wieder hell machen konnte und sie wieder
frhlich wurde, das war nun fr Heidi das allergrte Glck, das es
kannte, noch viel grer, als auf der sonnigen Weide und bei den
Blumen und Geien zu sein. Die Brigitte lief dem Heidi unter die Tr
nach mit Rock und Hut, dass es seine Habe mitnehme. Den Rock nahm es
auf den Arm, denn der Grovater kenne es jetzt schon, dachte es bei
sich; aber den Hut wies es hartnckig zurck, die Brigitte sollte ihn
nur behalten, es setze ihn nie, nie mehr auf den Kopf. Heidi war so
erfllt von seinen Erlebnissen, dass es gleich dem Grovater alles
erzhlen musste, was ihm das Herz erfreute, dass man die weien
Brtchen auch unten im Drfli fr die Gromutter holen knne, wenn man
nur Geld habe, und dass es der Gromutter auf einmal so hell und wohl
geworden war, und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte,
kehrte es wieder zum Ersten zurck und sagte ganz zuversichtlich:
Gelt, Grovater, wenn die Gromuttter schon nicht will, so gibst du
mir doch alles Geld in der Rolle, dass ich dem Peter jeden Tag ein
Stck geben kann zu einem Brtchen und am Sonntag zwei?

Aber das Bett, Heidi?, sagte der Grovater; ein rechtes Bett fr
dich wre gut, und nachher bleibt schon noch fr manches Brtchen.

Aber Heidi lie dem Grovater keine Ruhe und bewies ihm, dass es auf
seinem Heubett viel besser schlafe, als es jemals in seinem Kissenbett
in Frankfurt geschlafen habe, und bat so eindringlich und unablssig,
dass der Grovater zuletzt sagte: Das Geld ist dein, mach, was dich
freut; du kannst der Gromutter manches Jahr lang Brot holen dafr.

Heidi jauchzte auf: O juhe! Nun muss die Gromutter gar nie mehr
hartes, schwarzes Brot essen, und, o Grovater! Nun ist doch alles so
schn wie noch gar nie, seit wir leben!, und Heidi hpfte hoch auf
an der Hand des Grovaters und jauchzte in die Luft hinauf wie die
frhlichen Vgel des Himmels. Aber auf einmal wurde es ganz ernsthaft
und sagte: Oh, wenn nun der liebe Gott gleich auf der Stelle getan
htte, was ich so stark erbetete, dann wre doch alles nicht so
geworden, ich wre nur gleich wieder heimgekommen und htte der
Gromutter nur wenige Brtchen gebracht und htte ihr nicht lesen
knnen, was ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte schon alles
ausgedacht, so viel schner, als ich es wusste; die Gromama hat es
mir gesagt, und nun ist alles so gekommen. Oh, wie bin ich froh, dass
der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und jammerte! Aber jetzt
will ich immer so beten, wie die Gromama sagte, und dem lieben Gott
immer danken, und wenn er etwas nicht tut, das ich erbeten will, dann
will ich gleich denken: Es geht gewiss wieder wie in Frankfurt, der
liebe Gott denkt gewiss etwas viel Besseres aus. Aber wir wollen auch
alle Tage beten, gelt Grovater, und wir wollen es nie mehr vergessen,
damit der liebe Gott uns auch nicht vergisst.

Und wenn's einer doch tte?, murmelte der Grovater.

Oh, dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann auch
und lsst ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht geht und er
jammert, so hat kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern alle sagen nur:
Er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen, nun lsst ihn der liebe
Gott auch gehen, der ihm helfen knnte.

Das ist wahr, Heidi, woher weit du das?

Von der Gromama, sie hat mir alles erklrt.

Der Grovater ging eine Weile schweigend weiter. Dann sagte er, seine
Gedanken verfolgend, vor sich hin: Und wenn's einmal so ist, dann ist
es so; zurck kann keiner, und wen der Herrgott vergessen hat, den hat
er vergessen.

O nein, Grovater, zurck kann einer, das wei ich auch von der
Gromama, und dann geht es so wie in der schnen Geschichte in meinem
Buch, aber die weit du nicht; jetzt sind wir aber gleich daheim, und
dann wirst du schon erfahren, wie schn die Geschichte ist.

Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung
hinan, und kaum waren sie oben angelangt, als es des Grovaters Hand
loslie und in die Htte hineinrannte. Der Grovater nahm den Korb
von seinem Rcken, in den er die Hlfte der Sachen aus dem Koffer
hineingestoen hatte, denn den ganzen Koffer heraufzubringen wre
ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich nachdenklich auf die Bank
nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, sein groes Buch unter dem
Arm: Oh, das ist recht, Grovater, dass du schon dasitzt, und mit
einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine Geschichte
aufgeschlagen, denn die hatte es schon so oft und immer wieder
gelesen, dass das Buch von selbst aufging an dieser Stelle. Jetzt las
Heidi mit groer Teilnahme von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo
drauen auf des Vaters Feldern die schnen Khe und Schflein weideten
und er in einem schnen Mntelchen, auf seinen Hirtenstab gesttzt,
bei ihnen auf der Weide stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte,
wie es alles auf dem Bilde zu sehen war. Aber auf einmal wollte er
sein Hab und Gut fr sich haben und sein eigener Meister sein und
forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verprasste alles. Und
als er gar nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei
einem Bauer, der hatte aber nicht so schne Tiere, wie auf seines
Vaters Feldern waren, sondern nur Schweinlein; diese musste er hten,
und er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern,
welche die Schweinchen aen, ein klein wenig. Da dachte er daran, wie
er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm gewesen
war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte, und er
musste weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: >Ich will zu meinem
Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich bin nicht
mehr wert, dein Sohn zu heien, aber lass mich nur dein Tagelhner
bei dir sein.< Und wie er von ferne gegen das Haus seines Vaters kam,
da sah ihn der Vater und kam herausgelaufen - was meinst du jetzt,
Grovater?, unterbrach sich Heidi in seinem Vorlesen; jetzt meinst
du, der Vater sei noch bse und sage zu ihm: >Ich habe dir's ja
gesagt!<? Jetzt hr nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es
jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und ksste ihn, und der
Sohn sprach zu ihm: >Vater, ich habe gesndigt gegen den Himmel und
vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heien.< Aber der Vater
sprach zu seinen Knechten: >Bringt das beste Kleid her und zieht es
ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Fe,
und bringt das gemstete Kalb her und schlachtet es und lasst uns
essen und frhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder
lebendig geworden, und er war verloren und ist wieder gefunden
worden.< Und sie fingen an, frhlich zu sein.

Ist denn das nicht eine schne Geschichte, Grovater?, fragte Heidi,
als dieser immer noch schweigend dasa und es doch erwartet hatte, er
werde sich freuen und verwundern.

Doch, Heidi, die Geschichte ist schn, sagte der Grovater; aber
sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und seine
Bilder ansah. Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Grovater
hin und sagte: Sieh, wie es ihm wohl ist, und zeigte mit seinem
Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im frischen Kleid neben
dem Vater steht und wieder zu ihm gehrt als sein Sohn.

Ein paar Stunden spter, als Heidi lngst im tiefen Schlafe lag, stieg
der Grovater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein Lmpchen neben
Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das schlafende Kind fiel.
Es lag da mit gefalteten Hnden, denn zu beten hatte Heidi nicht
vergessen. Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des
Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem Grovater reden musste,
denn lange, lange stand er da und rhrte sich nicht und wandte kein
Auge von dem schlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hnde,
und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte: Vater, ich habe gesndigt
gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu
heien! Und ein paar groe Trnen rollten dem Alten die Wangen herab.
-

Wenige Stunden nachher in der ersten Frhe des Tages stand der
Alm-hi vor seiner Htte und schaute mit hellen Augen um sich. Der
Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete ber Berg und Tal. Einzelne
Frhglocken tnten aus den Tlern herauf, und oben in den Tannen
sangen die Vgel ihre Morgenlieder.

Jetzt trat der Grovater in die Htte zurck. Komm, Heidi!, rief er
auf den Boden hinauf. Die Sonne ist da! Zieh ein gutes Rcklein an,
wir wollen in die Kirche miteinander!

Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Grovater,
dem musste es schnell folgen. In kurzer Zeit kam es heruntergesprungen
in seinem schmucken Frankfurter Rckchen. Aber voller Erstaunen blieb
Heidi vor seinem Grovater stehen und schaute ihn an. O Grovater,
so hab ich dich nie gesehen, brach es endlich aus, und den Rock mit
den silbernen Knpfen hast du noch gar nicht getragen, oh, du bist so
schn in deinem schnen Sonntagsrock.

Der Alte blickte vergnglich lchelnd auf das Kind und sagte: Und du
in dem deinen; jetzt komm! Er nahm Heidis Hand in die seine, und so
wanderten sie miteinander den Berg hinunter. Von allen Seiten tnten
jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller und reicher, je
weiter sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzcken und sagte: Hrst
du's, Grovater? Es ist wie ein groes, groes Fest.

Unten im Drfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen eben
zu singen an, als der Grovater mit Heidi eintrat und ganz hinten auf
der letzten Bank sich niedersetzte. Aber mitten im Singen stie der
zunchst Sitzende seinen Nachbar mit dem Ellenbogen an und sagte:
Hast du das gesehen? Der Alm-hi ist in der Kirche!

Und der Angestoene stie den Zweiten an und so fort, und in krzester
Zeit flsterte es an allen Ecken: Der Alm-hi! Der Alm-hi!, und die
Frauen mussten fast alle einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die
meisten fielen ein wenig aus der Melodie, so dass der Vorsnger die
grte Mhe hatte, den Gesang schn aufrechtzuerhalten. Aber als dann
der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging die Zerstreutheit ganz
vorber, denn es war ein so warmes Loben und Danken in seinen Worten,
dass alle Zuhrer davon ergriffen wurden, und es war, als sei ihnen
allen eine groe Freude widerfahren. Als der Gottesdienst zu Ende war,
trat der Alm-hi mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem
Pfarrhaus zu, und alle, die mit ihm heraustraten und die schon drauen
standen, schauten ihm nach, und die meisten gingen hinter ihm her,
um zu sehen, ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete, was er tat. Dann
sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in groer
Aufregung das Unerhrte, dass der Alm-hi in der Kirche erschienen
war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustr, wie der hi
wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader oder im Frieden
mit dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was den Alten
heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei. Aber doch
war schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten, und einer sagte
zum andern: Es wird wohl mit dem Alm-hi nicht so bs sein, wie man
tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er das Kleine an der Hand
hlt. Und der andere sagte: Das hab ich ja immer gesagt, und zum
Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er so bodenschlecht wre,
sonst msste er sich ja frchten; man bertreibt auch viel. Und der
Bcker sagte: Hab ich das nicht zuallererst gesagt? Seit wann luft
denn ein kleines Kind, das zu essen und zu trinken hat, was es will,
und sonst alles Gute, aus alledem weg und heim zu einem Grovater,
wenn der bs und wild ist und es sich zu frchten hat vor ihm? Und
es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den Alm-hi auf und nahm
berhand, denn jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und diese
hatten so manches von der Geienpeterin und der Gromutter gehrt, das
den Alm-hi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war,
und das ihnen jetzt auf einmal glaublich schien, dass es mehr und
mehr so wurde, als warteten sie alle da, um einen alten Freund zu
bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte.

Der Alm-hi war unterdessen an die Tr der Studierstube getreten
und hatte angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem
Eintretenden entgegen, nicht berrascht, wie er wohl htte sein
knnen, sondern so, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte
Erscheinung in der Kirche musste ihm nicht entgangen sein. Er ergriff
die Hand des Alten und schttelte sie wiederholt mit der grten
Herzlichkeit, und der Alm-hi stand schweigend da und konnte erst kein
Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen Empfang war er nicht
vorbereitet. Jetzt fasste er sich und sagte: Ich komme, um den Herrn
Pfarrer zu bitten, dass er mir die Worte vergessen mchte, die ich zu
ihm auf der Alm geredet habe, und dass er mir nicht nachtragen wolle,
wenn ich widerspenstig war gegen seinen wohlmeinenden Rat. Der Herr
Pfarrer hat ja in allem Recht gehabt und ich war im Unrecht, aber ich
will jetzt seinem Rate folgen und auf den Winter wieder ein Quartier
im Drfli beziehen, denn die harte Jahreszeit ist nichts fr das Kind
dort oben, es ist zu zart, und wenn auch dann die Leute hier unten
mich von der Seite ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so
habe ich es nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja
nicht tun.

Die freundlichen Augen des Pfarrers glnzten vor Freude. Er nahm noch
einmal des Alten Hand und drckte sie in der seinen und sagte mit
Rhrung: Nachbar, Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch eh Ihr
in die meinige herunterkamt; des freu ich mich, und dass Ihr wieder zu
uns kommen und mit uns leben wollt, soll Euch nicht gereuen, bei mir
sollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar alle Zeit willkommen sein,
und ich gedenke manches Winterabendstndchen frhlich mit Euch zu
verbringen, denn Eure Gesellschaft ist mir lieb und wert, und fr das
Kleine wollen wir auch gute Freunde finden. Und der Herr Pfarrer
legte sehr freundlich seine Hand auf Heidis Krauskopf und nahm es bei
der Hand und fhrte es hinaus, indem er den Grovater fortbegleitete,
und erst drauen vor der Haustr nahm er Abschied, und nun konnten
alle die herumstehenden Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-hi
die Hand immer noch einmal schttelte, gerade als wre das sein bester
Freund, von dem er sich fast nicht trennen knnte. Kaum hatte dann
auch die Tr sich hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so drngte die
ganze Versammlung dem Alm-hi entgegen, und jeder wollte der Erste
sein, und so viele Hnde wurden miteinander dem Herankommenden
entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst ergreifen,
und einer rief ihm zu: Das freut mich! Das freut mich, hi, dass Ihr
auch wieder einmal zu uns kommt!, und ein anderer: Ich htte auch
schon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch geredet, hi! Und so
tnte und drngte es von allen Seiten, und wie nun der hi auf alle
die freundlichen Begrungen erwiderte, er gedenke, sein altes
Quartier im Drfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten
Bekannten zu verleben, da gab es erst einen rechten Lrm, und es war
gerade so, wie wenn der Alm-hi die beliebteste Persnlichkeit im
ganzen Drfli wre, die jeder mit Nachteil entbehrt hatte. Noch weit
an die Alm hinauf wurden Grovater und Kind von den meisten begleitet,
und beim Abschied wollte jeder die Versicherung haben, dass der
Alm-hi bald einmal bei ihm vorspreche, wenn er wieder herunterkomme;
und wie nun die Leute den Berg hinab zurckkehrten, blieb der Alte
stehen und schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein
so warmes Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi
schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: Grovater, heut
wirst du immer schner, so warst du noch gar nie.

Meinst du?, lchelte der Grovater. Ja, und siehst du, Heidi, mir
geht's auch heut ber Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott und
Menschen im Frieden stehen, das macht einem so wohl! Der liebe Gott
hat's gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alm schickte.

Bei der Geienpeter-Htte angekommen, machte der Grovater gleich
die Tr auf und trat ein. Gr Gott, Gromutter, rief er hinein;
ich denke, wir mssen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der
Herbstwind kommt.

Du mein Gott, das ist der hi!, rief die Gromutter voll freudiger
berraschung aus. Dass ich das noch erlebe! Dass ich Euch noch einmal
danken kann fr alles, das Ihr fr uns getan habt, hi! Vergelt's
Gott! Vergelt's Gott!

Und mit zitternder Freude streckte die alte Gromutter ihre Hand aus,
und als der Angeredete sie herzlich schttelte, fuhr sie fort, indem
sie die seinige fest hielt: Und eine Bitte hab ich auch noch auf dem
Herzen, hi: Wenn ich Euch je etwas zuleid getan habe, so straft mich
nicht damit, dass Ihr noch einmal das Heidi fortlasst, bevor ich unten
bei der Kirche liege. Oh, Ihr wisst nicht, was mir das Kind ist!,
und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte sich schon an sie
geschmiegt.

Keine Sorge, Gromutter, beruhigte der hi; damit will ich weder
Euch noch mich strafen. Jetzt bleiben wir alle beieinander und, will's
Gott, noch lange so.

Jetzt zog die Brigitte den hi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke
hinein und zeigte ihm das schne Federnhtchen und erzhlte ihm, wie
es sich damit verhalte, und dass sie ja natrlich so etwas einem Kinde
nicht abnehme.

Aber der Grovater sah ganz wohlgefllig auf sein Heidi hin und sagte:
Der Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf tun will,
so hat es Recht, und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn nur.

Die Brigitte war hchlich erfreut ber das unerwartete Urteil. Er ist
gewiss mehr als zehn Franken wert, seht nur!, und in ihrer Freude
streckte sie das Htchen hoch auf. Was aber auch dieses Heidi fr
einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat! Ich habe schon
manchmal denken mssen, ob ich nicht den Peterli auch ein wenig nach
Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, hi?

Dem hi schoss es ganz lustig aus den Augen. Er meinte, es knnte dem
Peterli nichts schaden; aber er wrde doch eine gute Gelegenheit dazu
abwarten.

Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tr herein, nachdem er zuerst mit
dem Kopf so fest dagegen gerannt war, dass alles erklirrte davon; er
musste pressiert sein. Atemlos und keuchend stand er nun mitten in der
Stube still und streckte einen Brief aus. Das war auch ein Ereignis,
das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit einer Aufschrift an das
Heidi, den man ihm auf der Post im Drfli bergeben hatte. Jetzt
setzten sich alle voller Erwartung um den Tisch herum, und Heidi
machte seinen Brief auf und las ihn laut und ohne Ansto vor. Der
Brief war von der Klara Sesemann geschrieben. Sie erzhlte Heidi, dass
es seit seiner Abreise so langweilig geworden sei in ihrem Hause, sie
es nicht lang hintereinander so aushalten knne und so lange den Vater
gebeten habe, bis er die Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden
Herbst festgestellt habe, und die Gromama wolle auch mitkommen, denn
sie wolle auch das Heidi und den Grovater besuchen auf der Alm. Und
weiter lie die Gromama noch dem Heidi sagen, es habe Recht getan,
dass es der alten Gromutter die Brtchen habe mitbringen wollen, und
damit sie diese nicht trocken essen msse, komme gleich der Kaffee
noch dazu, er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der
Alm komme, so msse das Heidi sie auch zur Gromutter fhren.

Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung ber diese
Nachrichten und so viel zu reden und zu fragen, da die groe Erwartung
alle gleich betraf, dass selbst der Grovater nicht bemerkte, wie
spt es schon war, und so vergngt und frhlich waren sie alle in der
Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr in der Freude ber
das Zusammensein an dem heutigen, dass die Gromutter zuletzt sagte:
Das Schnste ist doch, wenn so ein alter Freund kommt und uns wieder
die Hand gibt, so wie vor langer Zeit; das gibt so ein trstliches
Gefhl ins Herz, dass wir einmal alles wieder finden, was uns lieb
ist. Ihr kommt doch bald wieder, hi, und das Kind morgen schon?

Das wurde der Gromutter in die Hand hinein versprochen; nun aber war
es Zeit zum Aufbruch, und der Grovater wanderte mit Heidi die Alm
hinan, und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern sie
heruntergerufen hatten, so begleitete nun aus dem Tale herauf das
friedliche Gelut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen
Almhtte, die ganz sonntglich im Abendschimmer ihnen entgegenglnzte.

Wenn aber die Gromama kommt im Herbst, dann gibt es gewiss noch
manche neue Freude und berraschung fr das Heidi wie fr die
Gromutter, und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den
Heuboden hinauf, denn wo die Gromama hintritt, da kommen alle Dinge
bald in die erwnschte Ordnung und Richtigkeit, nach auen wie nach
innen.










End of Project Gutenberg's Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE ***

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