The Project Gutenberg EBook of Schatzkaestlein des rheinischen Hausfreundes
by Johann Peter Hebel

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Title: Schatzkaestlein des rheinischen Hausfreundes
       Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen

Author: Johann Peter Hebel

Release Date: April, 2005 [EBook #7810]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on May 19, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: iso-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHATZKAESTLEIN ***




Produced by Juliet Sutherland and Mike Pullen




This Etext is in German.


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Schatzkstlein des rheinischen Hausfreundes
Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen

Johann Peter Hebel


Inhalt

Abendlied wenn man aus dem Wirtshaus geht
Baumzucht
Bequeme Schiffahrt, wer's dafr halten will
Blutbad in Neuburg am Rhein
Bser Markt
Brassenheimer Siegesnachrichten vom Jahre 1813
Brennende Menschen
Brotlose Kunst
Dankbarkeit
Das Bettlerkind
Das Blendwerk
Das Bombardement von Kopenhagen
Das Branntweinglslein
Das fremde Kind
Das letzte Wort
Das Mittagessen im Hof
Das schlaue Mdchen
Das seltsame Rezept
Das Vivat der Knigin
Das wohlbezahlte Gespenst
Das wohlfeile Mittagessen
Denkwrdigkeiten aus dem Morgenlande
Der Barbierjunge von Segringen
Der betrogene Krmer
Der Bock
Der falsche Edelstein
Der fechtende Handwerksbursche in Anklam
Der fremde Herr
Der Fremdling in Memel
Der fromme Rat
Der Furtwanger in Philippsburg
Der geduldige Mann
Der geheilte Patient
Der geheilte Patient
Der Generalfeldmarschall Suwarow
Der geschlossene Magen
Der grosse Sanhedrin zu Paris
Der grosse Schwimmer
Der Handschuhhndler
Der Heiner und der Brassenheimer Mller
Der Herr Graf
Der Herr Wunderlich
Der Husar in Neisse
Der kann Deutsch
Der kluge Richter
Der kluge Sultan
Der Kommandant und die badischen Jger in Hersfeld
Der Lehrjunge
Der listige Kaufherr
Der listige Quker
Der listige Steiermarker
Der Prozess ohne Gesetz
Der Rekrut
Der Rekrut
Der schlaue Husar
Der schlaue Mann
Der schlaue Pilgrim
Der Schneider in Pensa
Der Schneider in Pensa
Der schwarze Mann in der weissen Wolke
Der sicherste Weg
Der silberne Lffel
Der sinnreiche Bettler
Der Star von Segringen
Der Talhauser Galgen
Der unschuldig Gehenkte
Der Vater und der Sohn
Der verachtete Rat
Der verwegene Hofnarr
Der vorsichtige Trumer
Der Wassertrger
Der Wegweiser
Der Wettermacher
Der wohlbezahlte Spassvogel
Der Wolkenbruch in Trkheim
Der Zahnarzt
Der Zirkelschmied
Des Dieben Antwort
Des Seilers Antwort
Die Bekehrung
Die Besatzung von Oggersheim
Die drei Diebe
Die falsche Schtzung
Die gute Mutter
Die lachenden Jungfrauen
Die leichteste Todesstrafe
Die nasse Schlittenfahrt
Die Ohrfeige
Die Ohrfeige
Die Probe
Die Raben
Die Schlafkameraden
Die Schmachschrift
Die Tabaksdose
Die Wachtel
Die Wachtel
Die Weizenblte
Die zwei Postillione
Drei Worte
Drei Wnsche
Drei Wnsche
Ein gutes Rezept
Ein Hausmittel
Ein teurer Kopf und ein wohlfeiler
Ein Wort gibt das andere
Eine merkwrdige Abbitte
Eine seltsame, jedoch wahrhafte Geschichte
Eine sonderbare Wirtszeche
Einer Edelfrau schlaflose Nacht
Einer oder der andere
Einfltiger Mensch in Mailand
Eintrglicher Rtselhandel
Erinnerung an die Kriegszeit
Etwas aus der Trkei
Farbenspiel
Franz Ignaz Narocki
Franziska
Geschwinde Reise
Gleiches mit Gleichem
Glck im Unglck
Glck im Unglck
glcklich ber die Grenzen kam
Gute Antwort
Gute Geduld
Gutes Wort, bse Tat
Heimliche Enthauptung
Herr Charles (Eine wahre Geschichte)
Hilfe in der Not
Hochzeit auf der Schildwache
Ist der Mensch ein wunderliches Geschpf
Jakob Humbel
Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne
Kannitverstan
Kindesdank und Undank
Knig Friedrich und sein Nachbar
Knig Friedrichs Leibhusar
Lange Kriegsfuhr
List gegen List
Mancherlei gute Lehren 1
Mancherlei gute Lehren 2
Mancherlei gute Lehren 3
Mancherlei gute Lehren 4
Mancherlei gute Lehren 5
Mancherlei gute Lehren 6
Mancherlei gute Lehren 7
Mancherlei gute Lehren 8
Mancherlei gute Lehren 9
Mancherlei gute Lehren 10
Mancherlei gute Lehren 11
Mancherlei gute Lehren 12
Merkwrdige Gespenstergeschichte
Merkwrdige Schicksale eines jungen Englnders
Merkwrdiges Rechnungsexempel 5
Merkwrdiges Rechnungsexempel 6
Missverstand
Missverstand
Mittel gegen Zank und Schlge
Mohammed
Moses Mendelssohn
Pieve
Reise nach Frankfurt
Rettung einer Offiziersfrau
Rettung vom Hochgericht
Schlechter Gewinn
Schlechter Lohn
Schreckliche Unglcksflle in der Schweiz
Seinesgleichen
Seltene Liebe
Seltsame Ehescheidung
Seltsamer Spazierritt
Streich spielen
Suwarow
Teure Eier
Teures Spsslein
Tod vor Schrecken
Unglck der Stadt Leiden
Unglck in Kopenhagen
Untreue schlgt den eigenen Herrn
Unverhofftes Wiedersehen
Unverhofftes Wiedersehen
Vereitelte Rachsucht (Eine wahre Geschichte)
Verloren oder gefunden
Wasserlufer
Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und
Wie der Zundelfrieder und sein Bruder dem roten Dieter abermal einen
Wie einmal ein schnes Ross um fnf Prgel feil gewesen ist
Wie man aus Barmherzigkeit rasiert wird
Wie man in den Wald schreit, also schreit es daraus
Wie sich der Zundelfrieder hat beritten gemacht
Willige Rechtspflege
Willige Rechtspflege
Zwei Erzhlungen
Zwei Gehilfen des Hausfreunds
Zwei honette Kaufleute
Zwei Kriegsgefangene in Bobruisk
Zwei Sprichwrter
Zwei Weissagungen





Abendlied wenn man aus dem Wirtshaus geht


Jetzt schwingen wir den Hut.
Der Wein, der war so gut.
Der Kaiser trinkt Burgunder Wein,
Sein schnster Junker schenkt ihm ein,
Und schmeckt ihm doch nicht besser,
Nicht besser.
Der Wirt, der ist bezahlt,
Und keine Kreide malt
Den Namen an die Kammertr
Und hintendran die Schuldgebhr.
Der Gast darf wiederkommen,
Ja kommen.
Und wer sein Glslein trinkt,
Ein lustig Liedlein singt
Im Frieden und mit Sittsamkeit
Und geht nach Haus zu rechter Zeit,
Der Gast darf wiederkehren,
Mit Ehren.
Des Wirts sein Tchterlein
Ist zchtig, schlank und fein,
Die Mutter hlt's in treuer Hut,
Und hat sie keins, das ist nicht gut,
Musst' eins in Strassburg kaufen,
Ja kaufen.
Jetzt, Brder, gute Nacht!
Der Mond am Himmel wacht;
Und wacht er nicht, so schlft er noch.
Wir finden Weg und Haustr doch
Und schlafen aus im Frieden,
Ja Frieden.



Baumzucht


Der Adjunkt tritt mit schwarzen Lippen, ohne dass er's weiss, mit
blauen Zhnen und herabhngenden Schnren an den Beinkleidern zu dem
Hausfreund.  "Die Kirschen", sagt er, "schmecken mir doch nie besser,
als wenn ich selber frei und keck wie ein Vglein auf dem luftigen
Baum kann sitzen und essen frischweg von den Zweigen die schnsten--
auf einem Ast ich, auf einem andern ein Spatz.

Wir nhren uns doch alle", sagt er, "an dem nmlichen grossen
Hausvaterstisch und aus der nmlichen milden Hand; die Biene, die
Grundel im Bach, der Vogel im Busch, das Rsslein und der Herr Vogt,
der darauf reitet.

Hausfreund", sagt der Adjunkt, "singt mir einmal in Eurer Weise das
Liedlein vom Kirschbaum.  Ich will dazu pfeifen auf dem Blatt."
Der lieb Gott het zum Frehlig gseit:

"Gang, deck im Wrmli au si Tisch!"
Druf het der Chriesbaum Bltter treit,
viel tausig Bltter gren und frisch.
Und's Wrmli, us em Ei verwacht's,
's het gschlofen in sim Winterhus;
es streckt si und sperrt 's Mli uf
Und ribt die blden Augen us.

Und druf, se het's mit stillem Zahn
am Blttli gnagt enanderno
und gseit: "Wie isch das Gmes so guet!
Me chunnt schier nimme weg dervo."

Und wieder het der lieb Gott gseit:

"Deck jetz im Imli au si Tisch!"

Druf het der Chriesbaum Blete treit,
viel tausig Blete wiss und frisch.

Und 's Imli sieht's und fliegt druf los,
freih in der Sunne Morgeschin;
Es denkt: "Das wird mi Kaffi sy,
sie hen doch chosper Porzelin."

"Wie sufer sin die Chcheli geschwenkt!"
Es streckt si troche Zngli dry.

Es trinkt und seit: "Wie schmeckt's so sess,
Do muess der Zucker wolfel sy."

Der lieb Gott het zuem Summer gseit:

"Gang, deck im Sptzli au si Tisch!"
Druf het der Chriesbaum Frchte treit,
viel tausig Chriesi rot und frisch.
Und 's Sptzli seit: "Isch das der Bricht?
Do sitzt me zue und frogt nit lang.
Das git mer Chraft in Mark und Bei
Und strkt mer d' Stimm zuem neue Gsang."

"Hausfreund", sagte der Adjunkt, "hat Euch auch manchmal der
Feldschtz verjagt ab den Kirschenbumen in Eurer Jugend?  Und habt
Ihr, wenn's noch so dunkel war, den Weg doch gefunden auf die
Zwetschgenbume im Pfarrgarten zu Schopfen und pfel und Nsse
eingetragen auf den Winter wie meiner Schwiegermutter ihr
Eichhrnlein, das sie Euch geschenkt hat?  Man denkt doch am lngsten
dran, was einem in der Jugend begegnet ist."

"Das geht natrlich zu,", sagte der Hausfreund; "man hat am lngsten
Zeit daran zu denken."

Der lieb Gott het zum Sptlig gseit:

"Rum ab!  sie hen jetz alli gha!"
Druf het e chele Bergluft gweiht,
Und 's het scho chleini Rife gha.
Und d' Blttli werden gel und rot
und fallen eis im andere no,
und was vom Boden obsi chunnt,
muss au zuem Bode nidsi go.

Der lieb Gott het zuem Winter gseit:
"Deck weidli zui, was brig isch."

Druf het der Winter Flocke gstreut--

"Hausfreund", sagt der Adjunkt, "Ihr seid ein wenig heiser.  Wenn ich
die Wahl htte: ein eigenes Khlein oder ein eigener Kirschbaum oder
Nussbaum, lieber ein Baum."

Der Hausfreund sagt: "Adjunkt, Ihr seid ein schlauer Gesell.  Ihr
denkt, wenn ich einen eigenen Baum htte, so htt' ich auch einen
eigenen Garten oder Acker, wo der Baum darauf steht.  Eine eigene
Haustre wre auch nicht zu verachten, aber mit einem eigenen
Khlein auf seinen vier Beinen knntet Ihr bel dran sein."

"Das ist's eben", sagt der Adjunkt, "so ein Baum frisst keinen Klee
und keinen Haber.  Nein, er trinkt still wie ein Mutterkind den
nhrenden Saft der Erde und saugt reines, warmes Leben aus dem
Sonnenschein und frisches aus der Luft und schttelt die Haare im
Sturm.  Auch knnte mir das Khlein zeitlich sterben.  Aber so ein
Baum wartet auf Kinder und Kindeskinder mit seinen Blten, mit
seinen Vogelnestern und mit seinem Segen.  Die Bume wren die
glcklichsten Geschpfe, meint der Adjunkt, wenn sie wssten, wie
frei und lustig sie wohnen, wie schn sie sind im Frhling und in
ihrem Christkindleinsstaat im Sommer, und alles stehen bleibt und
sie betrachtet und Gott dankt, oder wenn der Wanderer ausruht in
ihrem Schatten, und ein Pfeiflein Tabak geniesst, oder ein Stcklein
Ks, und wie sie gleich dem Kaiser Wohltaten austeilen knnen und
jung und alt froh machen umsonst und im Winter allein nicht
heimgehen.  Nein, sie bleiben draussen und weisen den Wandersmann
zurecht, wenn Fahrwege und Fusspfade verschneit sind: "Rechts--
jetzt links--jetzt noch ein wenig links ber das Berglein.

"Hausfreund", sagt der Adjunkt, "wenn Ihr einmal Vogt werdet,
Stabhalter seid Ihr schon, oder gar Kreisrat, das Alter httet Ihr,
so msst Ihr Eure Untergebenen fleissig zur Baumzucht und zur
Gottseligkeit anhalten und ihnen selber mit einem guten Beispiel
voranleuchten.  Ihr knnt Eurer Gemeinde keinen grsseren Segen
hinterlassen.  Denn ein Baum, wenn er gesetzt oder gezweigt wird,
kostet nichts oder wenig; wenn er aber gross ist, so ist er ein
Kapital fr die Kinder und trgt dankbare Zinsen.  Die Gottseligkeit
aber hat die Verheissung dieses und des zuknftigen Lebens".

"Wenn ich mir einmal so viel bei Euch erworben habe", sagt der
Adjunkt zum Hausfreund, "dass ich mir ein eigenes Gtlein kaufen und
meiner Schwiegermutter ihre Tochter heiraten kann, und der liebe
Gott beschert mir Nachwuchs, so setze ich jedem meiner Kinder ein
eigenes Bumlein, und das Bumlein muss heissen wie das Kind,
Ludwig, Johannes, Henriette, und ist sein erstes eigenes Kapital und
Vermgen, und ich sehe zu, wie sie miteinander wachsen und gedeihen
und immer schner werden, und wie nach wenig Jahren das Bblein
selber auf sein Kapital klettert und die Zinsen einzieht.  Wenn mir
aber der liebe Gott eines von meinen Kindern nimmt, so bitte ich den
Herrn Pfarrer oder den Dekan und begrabe es unter sein Bumlein, und
wenn alsdann der Frhling wiederkehrt, und alle Bume stehen wie
Auferstandene von den Toten in ihrer Verklrung da, voll Blten und
Sommervgel und Hoffnung, so lege ich mich an das Grab und rufe
leise hinab: "Stilles Kind, dein Bumlein blht.  Schlafe du indessen
ruhig fort!  Dein Maitag bleibt dir auch nicht aus."

Er ist kein unwger Mensch, der Adjunkt.



Bequeme Schiffahrt, wer's dafr halten will


Ein Schiff wurde von Mannheim den Neckar hinauf nach Heidelberg
gezogen.  Kommt hinterdrein mit vollem Felleisen und ein Paar
heraushngender Stiefelschuhe ein Handwerksbursche.  "Darf ich auch
mit fr Geld und gute Worte?  Was muss ich geben?" Der Schiffmeister,
der ein gar lustiger Kumpan war, sagte: "Fnfzehn Kreuzer, wenn Ihr
in's Schiff wollt sitzen.  Wollt Ihr aber helfen ziehen, nur sechs.
Das Felleisen knnt Ihr mir in das Schiff werfen, es hindert Euch
sonst nur." Der Handwerksbursche fing an zu rechnen.  "Fnfzehn
Kreuzer--sechs Kreuzer--sechs von fnfzehn bleibt neun." Die neun
Kreuzer, dachte er, kann ich verdienen.  "Wenn's denn erlaubt ist",
sagte er und warf das Felleisen in das Schiff.  Hernach schlang er
eins von den Seilern ber die Achsel und half ziehen, was er nach
Leibeskrften vermochte.  "Wir kommen eher an Ort und Stelle", dacht'
er, "wenn ich nicht lass bin." In Heidelberg aber entrichtete er
sechs Kreuzer Fhrgeld--fr die Erlaubnis mit zu ziehen und nahm
das Felleisen wieder in Empfang.



Blutbad in Neuburg am Rhein


Als im Dreissigjhrigen Krieg der Schwed am Rhein war, stachen
einmal die Neuburger eine schwedische Patrouille tot und sagten:
"Wenn wir nach Schweden kommen, macht's uns auch so." Darob
entrstete sich der schwedische General dergestalt; dass er einen
hohen und teuren Schwur tat.  "Auch kein Hund soll am Leben bleiben",
schwur er hoch und teuer, und hatte etwas im Kopf, ein Glslein
Norschinger zuviel.  Als solches die Neuburger hrten, schlossen sie
die Tore zu.  Aber am andern Tag, als der Zorn und der Wein von dem
General gewichen war, da reute es ihn, denn er war vormittags ein
gar menschlicher Herr, und bekam fast grosse Anfechtung in seinem
Gewissen, dass er mit viel unschuldigem Blut sein Wort und seinen
Eid sollt' lsen.  Also liess er den Feldprediger kommen und klagte
ihm seine Not.  Der Feldprediger meinte zwar, massen der
Feldhauptmann einen Schwur getan htte, der Gott leid sei, so sei
brechen besser als halten.  Das glaubte der Feldhauptmann nicht, denn
er hielt sein Wort und seinen Schwur ber alles teuer.  Aber nach
langem Besinnen kam's auf einmal wie Sonnenschein in sein Angesicht,
und sagte: "Was ich geschworen habe, das will ich auch halten,
Punktum!" Als aber die schwedischen Zimmerleute das Stadttor hatten
eingehauen, und der Feldhauptmann ritt selber mit drei Fhnlein
hinein, befahl er, alle Hunde im Stdtlein zu tten, aber die
Menschen liess er leben, und wurden selbigen Tages neunzehn grosse
Metzgerhunde, drei Schferhunde, vierundsechzig Pudel, acht
Windhunde, zwlf Dachshunde und zwei gar feine Mpperlein jmmerlich
teils zusammengehauen, teils mit Bchsen zu Tod geschossen.  Also hat
der Feldhauptmann das menschliche Blut verschont und doch seinen Eid
gehalten.  Denn er hatte den Schwur getan: Kein Hund soll am Leben
bleiben, und ist auch keiner daran geblieben.



Bser Markt


In der grossen Stadt London und rings um sie her gibt es
ausserordentlich viel gute Narren, die an anderer Leute Geld oder
Sackuhren oder kostbaren Fingerringen eine kindische Freude haben
und nicht ruhen, bis sie dieselben haben.  Dies bringen sie zuweg
manchmal durch List und Betrug, noch fter durch khnen Angriff,
manchmal am hellen, lichten Tag und an der offenen Landstrasse.
Einem geratet es, dem andern nicht.  Der Kerkermeister zu London und
der Scharfrichter wissen davon zu erzhlen.  Eine seltsame Geschichte
begegnete aber eines Tages einem vornehmen und reichen Mann.  Der
Knig und viele andere grosse Herren und Frauen waren an einem
schnen Sommertage in einem grossen kniglichen Garten versammelt,
dessen lange, gewundene Gnge sich in der Ferne in einem Wald
verloren.  Viele andere Personen waren auch zugegen, denen es nicht
auf einen Gang und auf ein paar Stunden ankam, ihren geliebten Knig
und seine Familie froh und glcklich zu sehen.  Man ass und trank,
man spielte und tanzte; man ging spazieren in den schnen Gngen und
zwischen dem duftenden Rosengebsch, paarweise und allein, wie es
sich traf.  Da stellte sich ein Mensch, wohl gekleidet, als wenn er
auch dazu gehrte, mit einer Pistole unter dem Rock in einer
abgelegenen Gegend an einen Baum, wo der Garten an den Wald grenzt,
dachte: es wird schon jemand kommen.  Wie gesagt, so geschehen.  Kommt
ein Herr mit funkelndem Fingerring, mit klingenden Uhrenketten, mit
diamantnen Schnallen, mit breitem Ordensband und goldnem Stern, will
spazieren gehn im khlen Schatten und denkt an nichts.  Indem er an
nichts denkt, kommt der Geselle hinter dem Baum hervor, macht dem
guten Herrn ein bescheidenes Kompliment, zieht die Pistole zwischen
dem Rock und Kamisol heraus, richtet ihr Maul auf des Herrn Brust
und bittet ihn hflich, keinen Lrm zu machen, es brauche niemand zu
wissen, was sie miteinander zu reden haben.  Man muss bel dran sein,
wenn man vor einer Pistole steht, weil man nicht weiss, was drin
steckt.  Der Herr dachte vernnftig: Der Leib ist kostbarer als das
Geld; lieber den Ring verloren als den Finger; und versprach zu
schweigen.  "Gndiger Herr", fuhr jetzt der Geselle fort: "wren Euch
Eure zwei goldenen Uhren nicht feil fr gute Bezahlung?  Unser
Schulmeister richtet die Uhr alle Tage anderst, man weiss nie, wie
man dran ist, und an der Sonnenuhr sind die Zahlen verwischt." Will
der reiche Herr wohl oder bel, so muss er dem Halunken die Uhren
verkaufen fr ein paar Stber oder etwas, so man kaum ein Schpplein
dafr kann trinken.  Und so handelt ihm der Spitzbube Ring und
Schnallen und Ordensstern und das goldne Herz, so er vorne auf der
Brust im Hemd hatte, Stck fr Stck ab um schlechtes Geld und immer
mit der Pistole in der linken Hand.  Als endlich der Herr dachte:
Jetzt bin ich absolviert, gottlob!  fing der Spitzbube von neuem an:
"Gndiger Herr, weil wir so gut miteinander zurechtkommen, wollet
Ihr mir nicht auch von meinen Waren etwas abhandeln?" Der Herr denkt
an das Sprichwort, dass man msse zu einem bsen Markt ein gutes
Gesicht machen, und sagt: "Lasst sehen!" Da zog der Bursche allerlei
Kleinigkeiten aus der Tasche hervor, so er vom Zweibatzenkrmer
gekauft oder auch schon auf einem ungewischten Bank gefunden hatte,
und der gute Herr musste ihm alles abkaufen, Stck fr Stck um
teures Geld.  Als endlich der Spitzbube nichts mehr als die Pistole
brig hatte und sah, dass der Herr noch ein paar schne Dublonen in
dem grnen, seidenen Geldbeutel hatte, sprach er noch: "Gndiger
Herr, wolltet Ihr mir fr den Rest, den Ihr da, in den Hnden habt,
nicht die Pistole abkaufen?  Sie ist vom besten Bchsenschmied in
London und zwei Dublonen unter Brdern wert." Der Herr dachte in der
berraschung: "Du dummer Dieb!" und kauft die Pistole.  Als er aber
die Pistole gekauft hatte, kehrte er den Stiel um und sprach "Nun
halt, sauberer Geselle, und geh augenblicklich voraus, wohin ich
dich heissen werde, oder ich schiesse dich auf der Stelle tot." Der
Spitzbube aber nahm einen Sprung in den Wald und sagte: "Schiesst
herzhaft los, gndiger Herr; sie ist nicht geladen." Der Herr
drckte ab, und es ging wirklich nicht los, wie nebenstehende Figur
beweist; denn sonst msste man Rauch sehen.  Er liess den Ladstock in
den Lauf fallen, und es war kein Krnlein Pulver darin.  Der Dieb
aber war unterdessen schon tief im Wald, und der vornehme Englnder
ging schamrot zurck, dass er sich also habe in Schrecken setzen
lassen, und dachte an vieles.



Brassenheimer Siegesnachrichten vom Jahre 1813


Im Sptjahr 1813 erfuhren wir Brassenheimer von dem Krieg in Sachsen
auch lange nichts anders, als lauter Liebes und Gutes, wer nmlich
franzsisch gesinnt war, und niemand hatte bei Turmstrafe das Herz,
etwas anderes zu wissen, noch viel weniger zu sagen, ausgenommen ein
lustiger Kumpan, der Spielmann in der untern Gasse, hat's gemerkt.
Was tut der Spielmann?  Er geht ins Amtshaus.  "Herr Amtmann, die
Hochzeiten- und Kirchweihtnze wollen heuer gar nicht recht geraten.
Wolltet Ihr mir und meinen Kameraden nicht erlauben, dann und wann
an einem Sonntag abends im Roten Lwen eine Komdie zu spielen fr
ein Geringes?" Der Amtmann erwiderte: "Reichenauer, das lob' ich an
Euch, dass Ihr Euch lieber auf eine geziemliche Art forthelfen und
Euern Mitbrgern einen lustigen Abend dafr machen wollt, als dass
Ihr wieder Schulden macht oder stehlt." Also kndeten sie auf den
nchsten Sonntag eine nagelneue Komdie an.  Es sei die neueste,
sagten sie, die es gibt.  In derselben Komdie musste einer
mitspielen, der hiess Franz, und hatte eine Frau mit Namen Viktoria,
ein gar stattliches, handfestes Weibsbild.  Im Verlauf der Komdie
musste es sich schicken, dass der Franz mit einem fremden Mann
Verdruss bekam.  Der Zank gebar Schimpf, der Schimpf gebar Schlge,
und wer die meisten bekam, war nicht der fremde Mann, sondern der
Franz, also dass er zuletzt seine Frau zu Hilfe rief.  Weil sie aber
Viktoria hiess, konnte er nicht Apollonia oder Kunigunda rufen, und
also fgete es sich, dass, je mehr er Schlge bekam und je besser
sie aufsassen, desto lauter rief er: "Viktoria!  Viktoria!" Daran
haben wir Brassenheimer, was verstndige Leute unter uns sind, zum
ersten Mal gemerkt, wie es damals in Sachsen stehen mochte, und was
es zu bedeuten hatte, wenn man schrie: "Viktoria!  Viktoria!" Der
Herr Amtmann hat zum Glck nichts gemerkt.



Brennende Menschen


Zwar von feurigen Mannen hat man schon oft gehrt, aber seltener von
brennenden Frauen.  Eine Apothekersfrau geht nachts mit der Magd in
den Keller und will etwas holen.  Die Magd steigt mit dem Licht auf
eine Stellasche, greift auf den Schaft, wirft eine grosse Flasche
voll Branntwein um, worin ungefhr 6-8 Mass waren, und zerbricht
sie, der Branntwein strmt pltzlich herab, so ber die Magd, so
ber die Frau.  Das Licht kommt der Magd an den rmel.  Die Magd fangt
an lichterloh zu brennen, rot mit gelbem Schein.  Die Frau will ihr
zu Hilfe eilen.  Die Frau brennt auch an.  Beide rennen brennend die
Treppe hinauf in den Hof.  Der Apothekerjung sieht's und springt
davon, meint, es woll' ihn einer holen, mit dem man nicht gern geht,
den der Hausfreund nicht nennen darf.  Im Hof am Brunnen begiessen
sie sich mit Wasser.  Das Wasser wird nicht Meister ber den
Branntewein.  Endlich wirft sich die Magd auf den Dunghaufen im Hof
und wlzt sich darauf.  Die Frau wirft sich ebenfalls auf den
Dunghaufen und wlzt sich auch.  Beide lschten aus; die Magd wurde
noch geheilt, aber die Frau musste sterben.
Merke: Wenn man brennt, muss man sich auf einem Misthaufen wlzen.
Solches ist auch gut fr die, welche den Branntewein inwendig im
Leib haben.--



Brotlose Kunst


In der Stadt Aachen ist eine Fabrik, in welcher nichts als Nhnadeln
gemacht werden.  Das ist keine brotlose Kunst.  Denn es werden in
jeder Woche 200 Pfund Nadeln verfertigt, von denen 5000 Stck auf
ein Pfund gehen; Facit: eine Million, und der Meister Schneider und
die Nherin und jede Hausmutter weiss wohl, wieviel man fr einen
Kreuzer bekommt, und es ist nicht schwer auszurechnen, wie viel Geld
an den Aachener Nadeln in der Fabrik selbst und durch den Handel
jhrlich verdient und gewonnen wird.  Das Werk geht durch Maschinen,
und die meisten Arbeiter sind Kinder von acht bis zehn Jahren.
Ein Fremder besichtigte einst diese Arbeiten und wunderte sich, dass
es mglich sei, in die allerfeinsten Nadeln mit einem noch feinern
Instrument ein Loch zu stechen, durch welches nur der allerfeinste,
fast unsichtbare Faden kann gezogen werden.  Aber ein Mgdlein,
welchem der Fremde eben zuschaute, zog sich hierauf ein langes Haar
aus dem Kopfe, stach mit einer der feinsten Nadeln ein Loch dadurch,
nahm das eine Ende des Haares, bog es um und zog es durch die
ffnung zu einer artigen Schleife oder, wie man's sonst nennt,
Schlupf oder Letsch.

Das war so brotlos eben auch nicht.  Denn das Mgdlein bot dieses
knstlich geschlungene Haar dem Fremden zum Andenken und bekam dafr
ein artiges Geschenk, und das wird mehr als einmal im Jahr geschehen
sein.  Solch ein kleiner Nebenverdienst ist einem fleissigen Kinde
wohl zu gnnen.

Aber whrend ehrliche Eltern und Kinder aller Orten etwas Ntzliches
arbeiten und ihr Brot mit Ehren verdienen und mit gutem Gewissen
essen, zog zu seiner Zeit ein Tagdieb durch die Welt, der sich in
der Kunst gebt hatte, in einer ziemlich grossen Entfernung durch
ein Nadelhr kleine Linsen zu werfen.  Das war eine brotlose Kunst.
Doch lief es auch nicht ganz leer ab.  Denn als der Linsenschtz
unter anderm nach Rom kam, liess er sich auch vor dem Papst sehen,
der sonst ein grosser Freund von seltsamen Knsten war, hoffte ein
hbsches Stck Geld von ihm zu beikommen und machte schon ein paar
wunderfreundliche Augen, als der Schatzmeister des Heiligen Vaters
mit einem Scklein auf ihn zuging, und bckte sich entsetzlich tief,
als ihm der Schatzmeister das ganze Scklein anbot.

Allein was war darin?  Ein halber Becher Linsen, die ihm der weise
Papst zur Belohnung und Aufmunterung seines Fleisses bermachen
liess, damit er sich in seiner Kunst noch ferner ben und immer
grssere Fortschritte darin machen knne.



Dankbarkeit


In der Seeschlacht von Trafalgar, whrend die Kugeln sausten und die
Mastbume krachten, fand ein Matrose noch Zeit, zu kratzen, wo es
ihn biss, nmlich auf dem Kopf.  Auf einmal streifte er mit
zusammengelegtem Daumen und Zeigefinger bedchtig an einem Haare
herab und liess ein armes Tierlein das er zum Gefangenen gemacht
hatte, auf den Boden fallen.  Aber indem er sich niederbckte, um ihm
den Garaus zu machen, flog eine feindliche Kanonenkugel ihm ber den
Rcken weg, paff, in das benachbarte Schiff.  Da ergriff den Matrosen
ein dankbares Gefhl, und berzeugt, dass er von dieser Kugel wre
zerschmettert worden, wenn er sich nicht nach dem Tierlein gebcket
htte, hob er es schonend von dem Boden auf und setzte es wieder auf
den Kopf.  "Weil du mir das Leben gerettet hast", sagte er; "aber
lass dich nicht zum zweiten Mal attrapieren, denn ich kenne dich
nimmer."



Das Bettlerkind


Zu einem betagten Herrn, der zwar wohlttig, aber fast wunderlich
war, kommt ein freundliches Bettelkind und bittet ihn um ein
Almosen.  "Wir haben schon seit dem Samstag kein Weissbrot mehr, und
das schwarze ist so teuer, weil die Laibe so gross sind." Der Herr,
der auf Ordnung hielt und das Betteln nicht wohl leiden konnte,
sagte: "Weil du sonst so bescheiden bist, ich habe dich noch nie
gesehen, und heute zum ersten Mal zu mir kommst, so will ich dir
zwar ein Sechskreuzerlein schenken.  Aber unterstehe dich nicht, dass
du dich wieder bei mir blicken lassest, sonst geht's mit einem
Groschen ab." Also holte das Kind in Zukunft den Groschen fast ber
jeden andern Tag.  Als er aber des berlaufens mde war, sagte er:
"Jetzt bin ich's mde.  Wenn du dich noch einmal unterstehst, so
setze ich dich auf einen Kreuzer herab." Also kam das Kind in
Zukunft alle Morgen und holte den Kreuzer.  Die Kchin riet dem
Herrn, er solle dem Kind gar nie mehr etwas geben, so wird's schon
wegbleiben.  "So?" sagte er, "das ist mir ein sauberer Rat.  Seht Ihr
nicht, je weniger man ihm gibt, desto fter kommt's?"



Das Blendwerk


Manche Leute, wenn sie etwas sehen, das sie nicht begreifen, noch
weniger nachmachen knnen, so sagen sie kurz und gut, das ist ein
Blendwerk.  Nmlich, dass man etwas zu sehen glaube, wo nichts ist,
oder dass man die Sache anders sehe, als sie wirklich ist.
Dass es aber viel Blendwerk gibt, das unterliegt keinem Zweifel.  Z.
B.  wenn jemand im Mondschein auf der Strasse ist und sieht an einer
Mauer oder im Nebel seinen Schatten aufrecht, dass er meint, es sei
ein ungebetener Kamerad, der mit ihm geht, einer von der schwarzen
Legion.

Item, wenn jemand einen falschen Freund fr einen guten Freund hlt
und trotz aller Warnung dem Spitzbuben traut, bis er zuletzt um Hab
und Gut betrogen ist und die Hnde ber dem Kopf zusammenschlgt.
Das ist ein grosses Blendwerk.
Item, wenn jemand meint, etwas sei ein Blendwerk, und ist doch
keins.

In einem namhaften Ort am Rheinstrom kam ein Gaukler an, ein
Tausendknstler, und bekam die Erlaubnis, auf einer alten Heubhne,
die schon lange nicht mehr war gebraucht worden, seine Knste zu
zeigen, und zwar gleich zum letzten Mal.  Fast die ganze Gemeinde
versammelte sich, und es war der Mhe wert.

Dem Vernehmen nach--der Hausfreund war nicht dabei--brachte der
Tausendknstler zuerst zwei schwarze Katzen hervor, die hrten
einander das grosse Einmaleins ab und rechneten verschiedene Exempel
aus der verkehrten Regeldetri.

Nachdem schlupfte er durch einen metallenen Fingerring hindurch und
kam auf der andern Seite lebendig und ebenso dick wieder an, als er
vorher war.

Etwas an der Sache scheint bertrieben zu sein.

Hierauf sagte er, das sei aber noch alles nichts.  Jetzt wolle er
sich mit einem scharfen Schrotmesser den Bauch aufschneiden.  Hernach
wolle er ganz in den Bauch hineinschlupfen, dass man gar nichts mehr
von ihm sehe.  Hernach wolle er sich wieder aus sich selber
herauswickeln, dass er wieder sichtbar werde.

Ehe er aber das grosse Wgestck beginnen konnte, fing die Bhne an
zu knacken.  Es kracht links, es kracht rechts.  Knack, strzte der
morsche Boden zusammen, und die ganze Zuschauerschaft wre in dem
untern Raume zusammengestrzt, wenn nicht noch einer sich an einem
schwebenden Balken erhalten htte.  Die andern lagen alle unten.  Da
entstand nun ein grosses, vierstimmiges Not- und Zetergeschrei von
Mnnern, Weibern, Kindern und Suglingen.  Es ist gar klug, wenn man
kleine Kinder zu so etwas mittrgt.  Sie sehen alles gar gut, und
wenn's an Musik fehlt, so knnen sie machen.  Alles schrie: "O mein
Kopf, o mein Arm, o meine Rippen", so dass der oben auf dem Balken
genug zu trsten und zu ermahnen hatte.  "Habt doch nur Geduld",
sagte er, "und seid verstndig!  Man muss sich ja schmen vor dem
fremden Mann: Merkt ihr denn nicht, dass es nur Blendwerk ist?  Euch
Leuten", sagte er, "ist keine Ehre anzutun." Denn er hielt das
Unglck fr ein Blendwerk vom Knstler und meinte, unversehens
wrden wieder alle an ihren Pltzen sitzen.



Das Bombardement von Kopenhagen


In der ganzen gefahrvollen Zeit von 1789 an, als ein Land nach dem
andern entweder in die Revolution oder in einen blutigen Krieg
gezogen wurde, hatte sich das Knigreich Dnemark teils durch seine
Lage, teils durch die Weisheit seiner Regierung den Frieden
erhalten.  Sie lebte niemand zu lieb und niemand zu leid, dachte nur
darauf, den Wohlstand der Untertanen zu vermehren, wurde deswegen
von allen Mchten in Ehren erhalten.  Als aber im Jahr 1807 der
Englnder sah, dass Russland und Preussen von ihm abgegangen sei,
und mit dem Feind Frieden gemacht habe, und dass die Franzosen in
allen Hfen und festen Pltzen an der Ostsee Meister sind, und die
Sache schlimm gehen kann, wenn sie auch noch sollten nach Dnemark
kommen, sagte er kein Wort, sondern liess eine Flotte auslaufen, und
niemand wusste, wohin.  Als aber die Flotte im Sund und an der
dnischen Kste und vor der kniglichen Haupt- und Residenzstadt
Kopenhagen stand, und alles sicher und ruhig war, so machten die
Englnder Bericht nach Kopenhagen hinein: "Weil wir so gute Freunde
zusammen sind, so gebt uns gutwillig bis zum Frieden eure Flotte,
damit sie nicht in des Feindes Hnde kommt, und die Festung.  Denn es
wre uns entsetzlich leid, wenn wir euch mssten die Stadt ber dem
Kopfe zusammenschiessen." Als wenn ein Brgersmann oder Bauer mit
einem andern einen Prozess hat, und kommt in der Nacht mit seinen
Knechten einem Nachbar vor das Bette, und sagt: "Nachbar, weil ich
mit meinem Gevattermann einen Prozess habe, so msst Ihr mir bis
Ausgang der Sache Eure Rosse in meine Verwahrung geben, dass mein
Gegenpart nicht kann darauf zu den Advokaten reiten, sonst znd' ich
Euch das Haus an, und msst mir erlauben, dass ich an der Strasse
mit meinen Knechten in Euer Kornfeld stehe, auf dass, wenn der
Gevattermann auf seinem eigenen Ross zum Hofgericht reiten will, so
verrenn' ich ihm den Weg." Der Nachbar sagt: "Lass mir mein Haus
unangezndet!  Was gehn mich eure Hndel an?" Und so sagten die Dnen
auch.  Als aber der Englnder fragte: "Wollt ihr gutwillig oder
nicht?" und die Dnen sagten: "Nein, wir wollen nicht gutwillig!" so
stieg er mit seinen Landungstruppen ans Ufer, rckte immer nher
gegen die Hauptstadt, richtete Batterien auf, fhrte Kanonen drein,
und sagte am 2. September nach dem Frieden von Tilsit, jetzt sei die
letzte Frist.  Allein alle Einwohner von Kopenhagen und die ganze
dnische Nation sagten: Das Betragen des bermtigen Feindes sei
unerhrt, und es wre eine Schande, die der Belt nicht abwaschen
knnte, sich durch Drohungen schrecken zu lassen und in seine
ungerechten Forderungen einzuwilligen.  Nein!  Da fing das
frchterliche Gericht an, das ber diese arme Stadt im Schicksal
beschlossen war.  Denn von abends um sieben Uhr an hrte das
Schiessen auf Kopenhagen, mit 72 Mrsern und schweren Kanonen, die
ganze Nacht hindurch zwlf Stunden lang nimmer auf; und ein Satan,
namens Congreve, war dabei, der hatte ein neues Zerstrungsmittel
erfunden, nmlich die sogenannten Brandraketen.  Das war ungefhr ein
Art von Rhren, die mit brennbaren Materien angefllt wurden, und
vorne mit einem kurzen spitzigen Pfeil versehen waren.  Im Schuss
entzndet sich die Materie, und, wenn nun der Pfeil an etwas
hinfuhr, wo er Habung hatte, so blieb er stecken, manchmal wo
niemand zukommen konnte, und die Feuermaterie zndete an, was
brennen konnte.  Auch diese Brandraketen flogen die ganze Nacht in
das arme Kopenhagen hinein.  Kopenhagen hatte damals 4000 Huser,
85965 Einwohner, 22 Kirchen, 4 knigliche Schlsser, 22
Krankenspitler, 30 Armenhuser, einen reichen Handel und viele
Fabriken.  Da kann man denken, wie mancher schne Dachstuhl in dieser
angstvollen Nacht zerschmettert wurde, wie manches bange Mutterherz
sich nicht zu helfen wusste, wie manche Wunde blutete, und wie die
Stimme des Gebets und der Verzweiflung, das Sturmgelute und der
Kanonendonner durcheinander ging.  Am 3. September, als der Tag kam,
hrte das Schiessen auf, und der Englnder fragte, ob sie noch nicht
wollten gewonnen geben.  Der Kommandant von Kopenhagen sagte: "Nein!"
Da fing das Schiessen nachmittags um vier Uhr von neuem an, und
dauerte bis den 4. September mittags fort, ohne Unterlass und ohne
Barmherzigkeit.  Und als der Kommandant noch nicht wollte Ja sagen,
fing abends das Feuer wieder an, und dauerte die ganze Nacht bis den
5. des Mittags.  Da lagen mehr als 300 schne Huser in der Asche;
ganze Kirchtrme waren eingestrzt, und noch berall wtete die
Flamme.  Mehr als 800 Brger waren schon gettet und mehrere schwer
verwundet.  Ganz Kopenhagen sah hier einer Brandsttte, oder einem
Steinhaufen, da einem Lazarett, und dort einem Schlachtfeld gleich.
Als endlich der Kommandant von Kopenhagen nirgends mehr Rettung noch
Hlfe und berall nur Untergang und Verderben sah, hat er am 7.
September kapituliert, und der Kronprinz hat's nicht einmal gelobt.
Das erste war, die Englnder nahmen die ganze Seeflotte von
Kopenhagen in Besitz und fhrten sie weg: 18 Linienschiffe, 15
Fregatten und mehrere kleinere bis auf eine Fregatte, welche der
Knig von England ehemals dem Knig von Dnemark zum Geschenk
gemacht hatte, als sie noch Freunde waren.  Diese liessen sie zurck.
Der Knig von Dnemark schickte sie ihnen aber auch nach, und will
nichts Geschenktes mehr zum Andenken haben.  Im Land selbst und auf
den Schiffen hausten die Englnder als bse Feinde, denn der Soldat
weiss nicht, was er tut, sondern denkt: Wenn sie es nicht verdient
htten, so fhrte man keinen Krieg mit ihnen.  Zum Glck dauerte ihr
Aufenthalt nicht lange; denn sie schifften sich am 19.  Oktober
wieder ein, und fuhren am 21. mit der dnischen Flotte und dem Raub
davon, und der Congreve ist unterwegs ertrunken und hat Frau und
Kinder nimmer gesehen.  Von dem an hielten die Dnen gemeinschaftlich
mit den Franzosen, und Kaiser Napoleon will nicht eher mit den
Englndern Friede machen, als bis sie die Schiffe wieder
zurckgegeben, und Kopenhagen bezahlt haben.  Dies ist das Schicksal
von Dnemark, und die Freunde der Englnder sagen, es sei nicht so
schlimm gemeint gewesen; andere aber sagen, es htte nicht knnen
schlimmer sein, und die Dnen meinen's auch.



Das Branntweinglslein


Ein Unteroffizier trat im Roten Rsslein ein von der Parade.  Der
Wirt sagt zu ihm: "Aber den habt Ihr nicht schlecht getroffen heut
in dem Kasernenhof.  Was hat er angestellt?"--"Nicht wahr, ich hab'
ihn gut getroffen?" sagte der Unteroffizier.  "Es ist ein
ausgelernter Spitzbube, gegen den keine Vorsicht hilft.  Er ist
imstand und stiehlt Euch ein Rad vom Wagen, whrend Ihr darauf sitzt
und Wein holt im Ramstal.  Kommt Ihr herein, so habt Ihr noch drei
Rder." Der Wirt sagt: "Mir ist keiner schlau genug.  Der ist noch
nicht auf der Welt." Denn der Wirt war ein wenig dumm.  Es ist fast
immer ein Zeichen von Unverstand, wenn man allein klger zu sein
glaubt als alle andern.  Deswegen sagte er: mir ist keiner schlau
genug.  Der Unteroffizier sagte: "Gilt's einen Taler, er fhrt Euch
an?" Der Wirt geht die Wette ein.  Nachmittags kommt der Soldat mit
einem Branntweinflschlein in der Hand und verlangt fr einen
Sechser Branntenwein.  Er habe daheim einen kranken Kameraden.  Er
hatte aber noch ein anderes Flschlein von gleicher Grsse und
Gestalt in der Tasche, darin war Brunnenwasser, so viel als man
Branntwein bekommen mag fr sechs Kreuzer.  Als er in das leere
Flschlein den Branntwein bekommen hatte, steckte er es zu dem
andern in die nmliche Tasche und gab dem Wirt einen Sechser, der
war falsch.  Als er aber schon an der Tre war, whrend der Wirt den
Sechser umkehrte, ruft er dem Soldaten: "Guter Freund, Euer Sechser
ist falsch auf der untern Seite.  Gebt mir einen andern." Der Soldat
stellte sich schrecklich erbost ber den Spitzbuben, der ihm den
falschen Sechser gegeben hatte, und zum Unglck habe er keinen
andern bei sich.  Er wolle aber sogleich einen holen.--"Nein", sagte
der Wirt, "so ist's nicht gewettet.  Gebt den Branntwein wieder
heraus, und holt zuerst das Geld." Da stellte ihm der Soldat das
Flschlein auf den Tisch, wo das Brunnenwasser drin war, und ging
und kam nicht wieder.  Abends kam der Unteroffizier.

"Ei, seid Ihr es?" sagte der Wirt und lachte aus vollem Halse.  "Was
gilt's, Ihr wollt mir einen Taler bringen." Der Unteroffizier aber
lchelte nur, zwar etwas spttisch und sagte: "Nein, ich will einen
holen.  Versucht einmal Euern Branntwein, ob er nicht schmeckt
akkurat wie Brunnenwasser." Da wusste der Wirt vor Verwunderung und
Beschmung nicht, was er sagen wollte.  Der Unteroffizier aber sagte
spttisch: "Euch ist keiner schlau genug." Also hatte er den Taler
gewonnen, doch durfte der Wirt sechs Kreuzer davon abziehen, was der
Branntwein kostete, und bekam, wie das Sprichwort sagt, zum Schaden
den Spott.



Das fremde Kind


Durch den Schnee und durch die Tannen des Schwarzwalds kommt abends
am 5.  Dezember 1807 ein achtjhriges Mgdlein halb barfuss, halb
nackt vor das Huslein eines armen Taglhners im Gebirg und gesellt
sich, mir nichts, dir nichts, zu den Kindern des armen Mannes, die
vor dem Hause waren, und gaukelt mit ihnen, geht mit ihnen, mir
nichts, dir nichts, in die Stube und denkt weiter nimmer ans
Fortgehen.  Nicht anders als ein Schflein, das sich vor der Herde
verlaufen hat und in der Wildnis herumirrt, wenn es wieder zu
seinesgleichen kommt, so hat es keinen Kummer mehr.  Der Taglhner
fragt das Kind, wo es herkomme.  "Oben aben von Gutenberg."--"Wie
heisst dein Vater?"--"Ich habe keinen Vater."--"Wie heisst deine
Mutter?"--"Ich habe keine Mutter."--"Wem gehrst du denn sonst
an?"--"Ich gehre niemand sonst an."--Aus allem, was er fragte,
war nur so viel herauszubringen, dass das Kind von den Bettelleuten
sei aufgelesen worden, dass es mehrere Jahre mit Bettlern und
Gaunern sei herumgezogen, dass sie es zuletzt in St.  Peter haben
sitzen lassen, und dass es allein ber St.  Mrgen gekommen sei und
jetzt da sei.  Als der Taglhner mit den Seinigen zu Nacht ass,
setzte sich das fremde Kind auch an den Tisch.  Als es Zeit war zu
schlafen, legte es sich auf den Ofenbank und schlief auch; so den
andern Tag, so den dritten.  Denn der Mann dachte: ich kann das arme
Kind nicht wieder in sein Elend hinausjagen, so schwer es mich
ankommt, eins mehr zu fttern.  Aber am dritten Tag sagte er zu
seiner Frau: "Frau, ich will's doch auch dem Herrn Pfarrer
anzeigen." Der Pfarrherr lobte die gute Denkungsart des armen
Mannes, der Hausfreund auch; "aber das Mgdlein", sagte der
Pfarrherr, "soll nicht das Brot mit Euern Kindern teilen, sonst
werden die Stcklein zu klein.  Ich will ihm einen Vater und eine
Mutter suchen." Also ging der Pfarrherr zu einem wohlhabenden und
gutdenkenden Mann in seinem Kirchspiel, der selber wenig Kinder hat,
und der Hausfreund weiss just nicht, wie er's dem Manne sagte:
"Peter", sagte er, "wollt Ihr ein Geschenk annehmen?"--"Nach dem's
ist", sagte der Mann.--"Es kommt von unserm lieben Herr Gott.--
"Wenn's von dem kommt, so ist's kein Fehler." Also bot ihm der
Pfarrherr das verlassene Mgdlein an und erzhlte ihm die Geschichte
dazu, so und so.  Der Mann sagte: "Ich will mit meiner Frau reden.  Es
wird nicht fehlen." Der Mann und die Frau nahmen das Kind mit
Freuden auf.  "Wenn's guttut", sagte der Mann, so will ich's
erziehen, bis es sein Stcklein Brot selber verdienen kann.  Wenn's
nicht guttut, so will ich's wenigstens behalten bis im Frhjahr.
Denn dem Winter darf man keine Kinder anvertrauen." Jetzt hat er's
schon viermal berwintert und viermal bersommert auch.  Denn das
Kind tat gut, ist folgsam und dankbar und fleissig in der Schule,
und Speise und Trank ist nicht der grsste Gotteslohn, den das
fromme Ehepaar an ihm ausbt, sondern die christliche Zucht, die
vterliche Erziehung und die mtterliche Pflege.  Wer das fremde
Tchterlein unter den andern in der Schule sieht, sollt' es nicht
erkennen, so gut sieht es aus, und so sauber ist es gekleidet.  So
etwas tut dem Hausfreund wohl, und er knnte den braven Taglhner
und die braven Pflegeeltern des Kindes mit Namen nennen, wer sie
sind, und wie sie heissen.  Aber ber seinen Mund kommt's nicht.



Das letzte Wort


Zwei Eheleute in einem Dorf an der Donau herwrts Ulm lebten
miteinander, die waren nicht fr einander gemacht, und ihre Ehe ward
nicht im Himmel geschlossen.  Sie war verschwenderisch und hatte eine
Zunge wie ein Schwert; er war karg, was nicht etwa in den eigenen
Mund und Magen ging.  Nannte er sie eine Vergeuderin, so schimpfte
sie ihn einen Knicker, und es kam nur auf ihn an, wie oft er seinen
Ehrentitel des Tags hren wollte.  Denn wenn er hundertmal in einer
Stunde Vergeuderin sagte, sagte sie hundertundeinmal: "Du Knicker",
und das letzte Wort gehrte allemal ihr.  Einmal fingen sie es wieder
miteinander an, als sie ins Bett gingen, und sollen's getrieben
haben bis frh um fnf Uhr, und als ihnen zuletzt vor Mdigkeit die
Augen zufielen und ihr das Wort auf der Zunge einschlafen wollte,
kneipte sie sich mit den Ngeln in den Arm und sagte noch einmal: Du
Knicker!  Darber verlor er alle Liebe zur Arbeit und zur
Huslichkeit und lief fort, sobald er konnte, und wohin?  Ins
Wirtshaus.  Und was im Wirtshaus?  Zuerst trinken, danach spielen,
endlich saufen, anfnglich um bares Geld, zuletzt auf Borgs.  Denn
wenn die Frau nichts zu Rat hlt und der Mann nichts erwirbt, in
einer solchen Tasche darf schon ein Loch sein, es fllt nichts
heraus.  Als er aber im Roten Rsslein den letzten Rausch gekauft
hatte, und konnte ihn nicht bezahlen, und der Wirt schrieb seinen
Namen und seine Schuld, sieben Gulden einundfnfzig Kreuzer, an die
Stubentr, und als er nach Haus kam und die Frau erblickte: "Nichts
als Schimpf und Schande hat man von dir, du Vergeuderin", sagte er
zu ihr.  "Und nichts als Unehre und Verdruss hat man von dir, du
Sufer, du der und jener, du Knicker", sagte sie.  Da stieg es
schwarz und grimmig in seinem Herzen auf, und die zwei bsen
Geister, die in ihm wohnten, nmlich der Zorn und der Rausch, sagten
zu ihm: "Wirf die Bestie in die Donau!" Das liess er sich nicht
zweimal sagen.  "Wart', ich will dir zeigen, du Vergeuderin" ("du
Knicker", sagte sie ihm drauf), "ich will dir schon zeigen, wo du
hingehrst", und trug sie in die Donau.  Und als sie schon mit dem
Mund im Wasser war, aber die Ohren waren noch oben, rief der
Unmensch noch einmal: "Du Vergeuderin." Da hob die Frau noch einmal
die Arme aus dem Wasser empor und drckte den Nagel des rechten
Daumens auf den Nagel des linken, wie man zu tun pflegt, wenn man
einem gewissen Tierlein den Garaus macht, und das war ihr Letztes.--
Dem geneigten Leser, der auf Recht und Gerechtigkeit hlt, wird man
nicht sagen drfen, dass der unbarmherzige Mrder auch nimmer lebt,
sondern er ging heim und henkte sich noch in der nmlichen Nacht an
einen Pfosten.



Das Mittagessen im Hof


Man klagt hufig darber, wie schwer und unmglich es sei, mit
manchen Menschen auszukommen.  Das mag denn freilich auch wahr sein.
Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur
wunderlich, und wenn man sie nur immer recht kennete, inwendig und
auswendig, und recht mit ihnen umzugehen wsste, nie zu eigensinnig
und nie zu nachgiebig, so wre mancher wohl und leicht zur Besinnung
zu bringen.  Das ist doch einem Bedienten mit seinem Herrn gelungen.
Dem konnte er manchmal gar nichts recht machen und musste vieles
entgelten, woran er unschuldig war, wie es oft geht.  So kam einmal
der Herr sehr verdriesslich nach Hause, und setzte sich zum
Mittagessen.  Da war die Suppe zu heiss oder zu kalt oder keines von
beiden; aber genug, der Herr war verdriesslich.  Er fasste daher die
Schssel mit dem, was darinnen war, und warf sie durch das offene
Fenster in den Hof hinab.  Was tat der Diener?  Kurz besonnen warf er
das Fleisch, welches er eben auf den Teller stellen wollte, mir
nichts, dir nichts, der Suppe nach auch in den Hof hinab, dann das
Brot, dann den Wein und endlich das Tischtuch mit allem, was noch
darauf war.  "Verwegener, was soll das sein?" fragte der Herr und
fuhr mit drohendem Zorn von dem Sessel auf.  Aber der Bediente
erwiderte ganz kalt und ruhig: "Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre
Meinung nicht erraten habe.  Ich glaubte nicht anders, als Sie
wollten heute in dem Hofe speisen.  Die Luft ist so heiter, der
Himmel so blau, und sehen Sie nur, wie lieblich der Apfelbaum blht,
und wie frhlich die Bienen ihren Mittag halten!"--Diesmal die
Suppe hinabgeworfen, und nimmer.  Der Herr erkannte seinen Fehler,
heiterte sich im Anblick des schnen Frhlingshimmels auf, lchelte
heimlich ber den schnellen Einfall seines Aufwrters und dankte ihm
im Herzen fr die gute Lehre.



Das schlaue Mdchen


In einer grossen Stadt hatten viele reiche und vornehme Herren einen
lustigen Tag.  Einer von ihnen dachte: "Knnt ihr heute dem Wirt und
den Musikanten wenigstens 1500 Gulden zu verdienen geben, so knnt
ihr auch etwas fr die liebe Armut steuern." Also kam, als die
Herren am frhlichsten waren, ein hbsches und nett gekleidetes
Mdchen mit einem Teller und bat mit sssen Blicken und liebem Wort
um eine Steuer fr die Armen.  Jeder gab, der eine weniger, der
andere mehr, je nachdem der Geldbeutel beschaffen war und das Herz.
Denn kleiner Beutel und enges Herz gibt wenig.  Weiter Beutel und
grosses Herz gibt viel.  So ein Herz hatte derjenige, zu welchem das
Mgdlein jetzt kommt.  Denn als er ihm in die hellen, schmeichelnden
Augen schaute, ging ihm das Herz fast in Liebe auf.  Deswegen legte
er zwei Louisdor auf den Teller und sagte dem Mgdlein ins Ohr: "Fr
deine zwei schnen blauen Augen." Das war nmlich so gemeint: Weil
du, schne Frbitterin fr die Armen, zwei so schne Augen hast, so
geb' ich den Armen zwei so schne Louisdor, sonst tt's eine auch.
Das schlaue Mdchen aber stellte sich, als wenn es die Sache ganz
anders verstnde.  Denn weil er sagte: "Fr deine zwei schne Augen"
- nahm es ganz zchtig die zwei Louisdor vom Teller weg, steckte sie
in den eigenen Sack und sagte mit schmeichelnden Gebrden: "Schnen,
herzlichen Dank!  Aber seid so gut und gebt mir jetzt auch noch etwas
fr die Armen." Da legte der Herr noch einmal zwei Louisdor auf den
Teller, kneipte das Mgdlein freundlich in die Backen und sagte: "Du
kleiner Schalk!" Von den andern aber wurde er ganz entsetzlich
ausgelacht, und sie tranken auf des Mgdleins Gesundheit, und die
Musikanten machten Tusch.



Das seltsame Rezept


Es ist sonst kein grosser Spass dabei, wenn man ein Rezept in die
Apotheke tragen muss; aber vor langen Jahren war es doch einmal ein
Spass.  Da hielt ein Mann von einem entlegenen Hof eines Tages mit
einem Wagen und zwei Stieren vor der Stadtapotheke still, lud
sorgsam eine grosse tannene Stubentre ab und trug sie hinein.  Der
Apotheker machte grosse Augen und sagte: "Was wollt Ihr da, guter
Freund, mit Eurer Stubentre?  Der Schreiner wohnt um zwei Huser
links." Dem sagte der Mann, der Doktor sei bei seiner kranken Frau
gewesen und habe ihr wollen ein Trnklein verordnen, so sei in dem
ganzen Haus keine Feder, keine Tinte und kein Papier gewesen, nur
eine Kreide.  Da habe der Herr Doktor das Rezept an die Stubentre
geschrieben, und nun soll der Herr Bachin so gut sein und das
Trnklein kochen.

Item, wenn es nur gut getan hat.  Wohl dem, der sich in der Not zu
helfen weiss.



Das Vivat der Knigin


Nicht ebenso gut als der Franzos, der dem Englnder auf der Brcke
zu Pferd begegnete, kam ein anderer Franzos zu Knigszeiten mit
einem andern Englnder davon in einem Wirtshaus.  Der Englnder sass
schon ber eine halbe Stunde still und stumm in einer Ecke und
wartete auf einen Chirurgus, htte gern die Zhne zusammengebissen
vor Ungeduld, aber einer davon war hohl und tat ihm von Zeit zu Zeit
entsetzlich weh, zum Exempel diesmal.  Kommt auf einmal der Franzose,
ein Perckenmacher oder so etwas, an den Tisch, wo der Englnder
sass, und wollte seinen Kameraden einen Spass zum besten geben.  Denn
er glaubte, der Englnder sei dumm oder noch scheu dortzuland.  Also
fing er ein langes Gesprch mit ihm an, worauf der Englnder wenig
antwortete, rhmte ihm, was Frankreich fr ein reiches und grosses
Land sei, und dass einer schon ein gutes Pferd haben msse, wenn
er's in drei Vierteljahren durchreiten wollte, und wie der Knig so
gerecht sei, und die Knigin so gut.  "Aber auf das Wohl der
Knigin", sagte er, "trinkt Ihr doch eins mit mir, und noch mehr?"
Als sie ausgetrunken hatten, zerriss der Franzos die Hemdkrause an
seinem alten, abgewaschenen Hemde und sagte: "Es lebe die Knigin!
Gentleman", sagte er, "Ihr msst Eure Hemdkrause auch zerreissen auf
das Wohlsein der Knigin.  Ich hab' meine auch zerrissen." "Geht zum
Henker, Ihr Sapperment", sagte der Englnder, "Euer Hemd hat nimmer
weit in die Papiermhle.  Meins kommt nagelneu von der Nherin weg
und ist an einigen Orten noch ganz heiss vom Durchzug der Nadel."
Aber der Perckenmacher sagte: "Herr, ich verstehe keinen Spass!
Entweder zerreisst Ihr Euer Hemd, oder Ihr msst Euch mit mir
stechen auf Leben und Tod." Wollte der fremde Englnder keinen
Spektakel haben, so musste er seine Hemdkrause zerreissen wie der
Franzose.  Aber jetzt wurde er auf einmal freundlich und redselig und
erzhlte dem Perckenmacher viel von England und von London und von
dem grossen Kirchturm in London, und wie einer droben schon gute
Augen haben msse, wenn er unten die Stadt noch sehen wolle; bis der
Chirurgus kam.  Als der Chirurgus kain und fragte, was der fremde
Herr befehle, "seid so gut", sagte der Englnder, "und zieht mir
diesen Stockzahn da aus, den dritten, aufs Wohlsein der Knigin von
England.!  Herr", sagt er zu dem Perckenmacher, "Ihr bleibt da
sitzen und rhrt Euch nicht." Als der Zahn glcklich heraus war,
sagte er zu dem Zahnarzt: "Seid so gut und zieht jetzt diesem Herrn
da ebenfalls einen Zahn aus aufs Wohlsein der Knigin von England.
Guter Freund", sagte er, "Ihr msst Euch auch einen ausreissen
lassen, ich hab' mir auch einen ausreissen lassen." Da verging dem
Spassmacher der Mutwillen und die roten Backen, und protestierte
zwar, die Sache sei nicht gleich.  "Euer Zahn da", sagte er, "ist so
hohl, dass eine Hsin drin setzen knnte.  Die meinigen sind alle so
kerngesund, dass ich eine Bleikugel damit breit beissen kann.  Wenn
drei Lilien drauf wren knnt' ich Geld damit prgen." Aber der
andere gab darauf kein Gehr, sondern sagte: "Herr, ich verstehe
keinen Spass!  Entweder Ihr lasst Euch einen Zahn ausbrechen auf der
Stelle, oder Ihr knnt Euch mit mir stechen auf Leben und auf Tod,
und ich bohr' Euch da an die Tr hinan, dass der Degen eine Elle
weit in die Kammer hineingeht." Da dachte der Perckenmacher: Ein
Zahn,--Ein Leben!--Neun Kinder hab ich daheim.--Lieber ein Zahn.
Also liess er sich wohl oder bel auch einen ausreissen, und
schieden darauf in Frieden voneinander.  Aber zu seinen Kameraden
sagte er nachher: "Diesmal mit einem Fremden Mutwillen getrieben,
den ich nicht kenne!  Hrt man mir nichts an, wenn ich rede?"



Das wohlbezahlte Gespenst


In einem gewissen Dorfe, das ich wohl nennen knnte, geht ein
blicher Fussweg ber den Kirchhof und von da durch den Acker eines
Mannes, der an der Kirche wohnt, und es ist ein Recht.  Wenn nun die
Ackerwege bei nasser Witterung schlpfrig und ungangbar sind, ging
man immer tiefer in den Acker hinein, und zertrat dem Eigentmer die
Saat, so dass bei anhaltend feuchter Witterung der Weg immer breiter
und der Acker immer schmler wurde, und das war kein Recht.  Zum Teil
wusste nun der beschdigte Mann sich wohl zu helfen.  Er gab bei Tag,
wenn er sonst nichts zu tun hatte, fleissig acht, und wenn ein
unverstndiger Mensch diesen Weg kam, der lieber seine Schuhe als
seines Nachbars Gerstensaat schonte, so lief er schnell hinzu und
pfndete ihn oder tat's mit ein paar Ohrfeigen kurz ab.  Bei Nacht
aber, wo man noch am ersten einen guten Weg braucht und sucht, war's
nur desto schlimmer, und die Dornenste und Rispen, mit welchen er
den Wandernden verstndlich machen wollte, wo der Weg sei, waren
allemal in wenig Nchten niedergerissen oder ausgetreten, und
mancher tat's vielleicht mit Fleiss.  Aber da kam dem Mann etwas
anderes zustatten.  Es wurde auf einmal unsicher auf dem Kirchhofe,
ber welchen der Weg ging.  Bei trockenem Wetter und etwas hellen
Nchten sah man oft ein langes, weisses Gespenst ber die Grber
wandeln.  Wenn es regnete oder sehr finster war, hrte man im
Beinhaus bald ein ngstliches Sthnen und Winseln, bald ein
Klappern, als wenn alle Totenkpfe und Totengebeine darin lebendig
werden wollten.  Wer das hrte, sprang bebend wieder zur nchsten
Kirchhoftre hinaus, und in kurzer Zeit sah man, sobald der Abend
dmmerte und die letzte Schwalbe aus der Luft verschwunden war,
gewiss keinen Menschen mehr auf dem Kirchhofwege, bis ein
verstndiger und herzhafter Mann aus einem benachbarten Dorfe sich
an diesem Ort versptete und den nchsten Weg nach Haus doch ber
diesen verschrienen Platz und ber den Gerstenacker nahm.  Denn ob
ihm gleich seine Freunde die Gefahr vorstellten und lange abwehrten,
so sagte er doch am Ende: "Wenn es ein Geist ist, geh' ich mit Gott
als ein ehrlicher Mann den nchsten Weg zu meiner Frau und zu meinen
Kindern heim, habe nichts Bses getan, und ein Geist, wenn's auch
der schlimmste unter allen wre, tut mir nichts.  Ist's aber Fleisch
und Bein, so habe ich zwei Fuste bei mir, die sind auch schon dabei
gewesen." Er ging.  Als er aber auf den Kirchhof kam und kaum am
zweiten Grab vorbei war, hrte er hinter sich ein klgliches chzen
und Sthnen, und als er zurckschaute, siehe, da erhob sich hinter
ihm, wie aus einem Grab herauf, eine lange, weisse Gestalt.  Der Mond
schimmerte blass ber die Grber.  Totenstille war ringsumher, nur
ein paar Fledermuse flatterten vorber.  Da war dem guten Manne doch
nicht wohl zumute, wie er nachher selber gestand, und wre gerne
wieder zurckgegangen, wenn er nicht noch einmal an dem Gespenst
htte vorbeigehen mssen.  Was war nun zu tun?  Langsam und still ging
er seines Weges zwischen den Grbern und manchem schwarzen
Totenkreuz vorbei.  Langsam und immer chzend folgte zu seinem
Entsetzen das Gespenst ihm nach, bis an das Ende des Kirchhofs, und
das war in der Ordnung, und bis vor den Kirchhof hinaus, und das war
dumm.

Aber so geht es.  Kein Betrger ist so schlau, er vertratet sich.
Denn sobald der verfolgte Ehrenmann das Gespenst auf dem Acker
erblickte, dachte er bei sich selber: Ein rechtes Gespenst muss wie
eine Schildwache auf seinem Posten bleiben, und ein Geist, der auf
den Kirchhof gehrt, geht nicht aufs Ackerfeld.  Daher bekam er auf
einmal Mut, drehte sich schnell um, fasste die weisse Gestalt mit
fester Hand und merkte bald, dass er unter einem Leintuch einen
Burschen am Brusttuch habe, der noch nicht auf dem Kirchhof daheim
sei.  Er fing daher an, mit der andern Faust auf ihn loszutrommeln,
bis er seinen Mut an ihm gekhlt hatte, und da er vor dem Leintuch
selber nicht sah, wo er hinschlug, so musste das arme Gespenst die
Schlge annehmen, wie sie fielen.

Damit war nun die Sache abgetan, und man hat weiter nichts mehr
davon erfahren, als dass der Eigentmer des Gerstenackers ein paar
Wochen lang mit blauen und gelben Zieraten im Gesicht herumging und
von dieser Stunde an kein Gespenst mehr auf dem Kirchhof zu sehen
war.  Denn solche Leute wie unser handfester Ehrenmann, das sind
allein die rechten Geisterbanner, und es wre zu wnschen, dass
jeder andere Betrger und Gaukelhans ebenso sein Recht und seinen
Meister finden mchte.



Das wohlfeile Mittagessen


Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube grbt, fllt
selber darein.--Aber der Lwenwirt in einem gewissen Stdtlein war
schon vorher darin.  Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast.  Kurz und
trotzig verlangte er fr sein Geld eine gute Fleischsuppe.  Hierauf
forderte er auch ein Stck Rindfleisch und ein Gems fr sein Geld.
Der Wirt fragte ganz hflich, ob ihm nicht auch ein Glas Wein
beliebe?  "O freilich ja!", erwiderte der Gast, "wenn ich etwas Gutes
haben kann fr mein Geld." Nachdem er sich alles hatte wohl
schmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der
Tasche und sagte: "Hier, Herr Wirt, ist mein Geld." Der Wirt sagte:
"Was soll das heissen?  Seid Ihr mir nicht einen Taler schuldig?" Der
Gast erwiderte: "Ich habe fr keinen Taler Speise von Euch verlangt,
sondern fr mein Geld.  Hier ist mein Geld.  Mehr hab' ich nicht.  Habt
Ihr mir zuviel dafr gegeben, so ist's Eure Schuld."--Dieser
Einfall war eigentlich nicht weit her.  Es gehrte nur
Unverschmtheit dazu, und ein unbekmmertes Gemt, wie es am Ende
ablaufen werde.  Aber das Beste kommt noch.  "Ihr seid ein
durchtriebener Schalk", erwiderte der Wirt, "und httet wohl etwas
anderes verdient.  Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier
noch ein Vierundzwanzigkreuzerstck dazu.  Nur seid stille zur Sache
und geht zu meinem Nachbarn, dem Brenwirt, und macht es ihm
ebenso!" Das sagte er, weil er mit seinem Nachbarn, dem Brenwirt,
aus Brotneid in Unfrieden lebte und einer dem andern jeglichen Tort
und Schimpf gerne antat und erwiderte.  Aber der schlaue Gast griff
lchelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Geld, mit der
andern vorsichtig nach der Tre, wnschte dem Wirt einen guten
Abend, und sagte: "Bei Eurem Nachbarn, dem Herrn Brenwirt, bin ich
schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein
anderer." So waren im Grunde beide hintergangen, und der dritte
hatte den Nutzen davon.  Aber der listige Kunde htte sich noch
obendrein einen schnen Dank von beiden verdient, wenn sie eine gute
Lehre daraus gezogen und sich miteinander ausgeshnt htten.  Denn
Frieden ernhrt, aber Unfrieden verzehrt.



Denkwrdigkeiten aus dem Morgenlande 1.


In der Trkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb
ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohltat
anflehte, mit Scheltworten und Schlgen von sich ab, und als er ihn
nicht mehr erreichen konnte, warf er ihn noch mit einem Stein.  Die
es sahen, verdross es, aber niemand konnte erraten, warum der arme
Mann den Stein aufhob und, ohne ein Wort zu sagen, in die Tasche
steckte, und niemand dachte daran, dass er ihn von nun an so bei
sich tragen wrde.  Aber das tat er.

Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglck, nmlich er
verbte einen Spitzbubenstreich, und wurde deswegen nicht nur seines
Vermgens verlustig, sondern er musste auch nach dortiger Sitte zur
Schau und Schande, rckwrts auf einen Esel gesetzt, durch die Stadt
reiten.  An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem
rtselhaften Stein in der Tasche stand unter den Zuschauern eben
auch da, und erkannte seinen Beleidiger.  Jetzt fuhr er schnell mit
der Hand in die Tasche; jetzt griff er nach dem Stein; jetzt hob er
ihn schon in die Hhe, um ihn wieder nach seinem Beleidiger zu
werfen, und wie von einem guten Geist gewarnt, liess er ihn wieder
fallen und ging mit einem bewegten Gesicht davon.

Daraus kann man lernen: Erstens, man soll im Glck nicht bermtig,
nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen
sein.  Denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frhen
Morgen war, und "wer dir als Freund nichts nutzen kann, der kann
vielleicht als Feind dir schaden".  Zweitens, man soll seinem Feind
keinen Stein in der Tasche und keine Rache im Herzen nachtragen.
Denn als der arme Mann den seinen auf die Erde fallen liess und
davonging, sprach er zu sich selber so: "Rache an dem Feind
auszuben, so lange er reich und glcklich war, das war tricht und
gefhrlich; jetzt wo er unglcklich ist, wre es unmenschlich und
schndlich."

Denkwrdigkeiten aus dem Morgenlande 2.

Ein anderer meinte, es sei schn, Gutes zu tun an seinen Freunden,
und Bses an seinen Feinden.  Aber noch ein anderer erwiderte, das
sei schn, an den Freunden Gutes zu tun, und die Feinde zu Freunden
zu machen.

Denkwrdigkeiten aus dem Morgenlande 3.

Es ist doch nicht alles so uneben, was die Morgenlnder sagen und
tun.

Einer, namens Lockmann, wurde gefragt, wo er seine feinen und
wohlgeflligen Sitten gelernt habe?  Er antwortete: "Bei lauter
unhflichen und groben Menschen.  Ich habe immer das Gegenteil von
demjenigen getan, was mir an ihnen nicht gefallen hat."

Denkwrdigkeiten aus dem Morgenlande 4.

Ein anderer entdeckte seinem Freund das Geheimnis, durch dessen
Kraft er mit den zankschtigen Leuten immer in gutem Frieden
ausgekommen sei.  Er sagte so: "Ein verstndiger Mann und ein
trichter Mann knnen nicht einen Strohhalm mit einander zerreissen.
Denn wenn der Tor zieht, so lsst der Verstndige nach, und wenn
jener nachlsst, so zieht dieser.  Aber wenn zwei Unverstndige
zusammenkommen, so zerreissen sie eiserne Ketten.



Der Barbierjunge von Segringen


Man muss Gott nicht versuchen, aber auch die Menschen nicht.  Denn im
vorigen Sptjahr kam in dem Wirtshause zu Segringen ein Fremder von
der Armee an, der einen starken Bart hatte und fast wunderlich
aussah, also dass ihm nicht recht zu trauen war.  Der sagt zum Wirt,
eh' er etwas zu essen und zu trinken fordert: "Habt Ihr keinen
Barbier im Ort, der mich rasieren kann?" Der Wirt sagt Ja und holt
den Barbierer.  Zu dem sagt der Fremde: "Ihr sollt mir den Bart
abnehmen, aber ich habe eine kitzliche Haut.  Wenn Ihr mich nicht ins
Gesicht schneidet, so bezahl' ich Euch vier Kronentaler.  Wenn Ihr
mich aber schneidet, so stech' ich Euch tot.  Ihr wret nicht der
erste." Wie der erschrockene Mann das hrte (denn der fremde Herr
machte ein Gesicht, als wenn es nicht vexiert wre, und das
spitzige, kalte Eisen lag auf dem Tisch), so springt er fort und
schickt den Gesellen.  Zu dem sagt der Herr das nmliche.  Wie der
Gesell das nmliche hrt, springt er ebenfalls fort und schickt den
Lehrjungen.  Der Lehrjunge lsst sich blenden von dem Geld und denkt:
"Ich wag's.  Geratet es und ich schneide ihn nicht, so kann ich mir
fr vier Kronentaler einen neuen Rock auf die Kirchweihe kaufen und
einen Schnepper.  Geratet's nicht, so weiss ich, was ich tue", und
rasiert den Herrn.  Der Herr hlt ruhig still, weiss nicht, in
welcher entsetzlichen Todesgefahr er ist, und der verwegene
Lehrjunge spaziert ihm auch ganz kaltbltig mit dem Messer im
Gesicht und um die Nase herum, als wenn's nur um einen Sechser oder
im Fall eines Schnittes um ein Stcklein Zundel oder Fliesspapier
darauf zu tun wre und nicht um vier Kronentaler und um ein Leben,
und bringt ihm glcklich den Bart aus dem Gesicht ohne Schnitt und
ohne Blut und dachte doch, als er fertig war: "Gottlob!"

Als aber der Herr aufgestanden war und sich im Spiegel beschaut und
abgetrocknet hatte und gibt dem Jungen die vier Kronentaler; sagt er
zu ihm: "Aber junger Mensch, wer hat dir den Mut gegeben, mich zu
rasieren, so doch dein Herr und der Gesell sind fortgesprungen?  Denn
wenn du mich geschnitten httest, so htt' ich dich erstochen." Der
Lehrjunge aber bedankte sich lchelnd fr das schne Stck Geld und
sagte: "Gndiger Herr, Ihr httet mich nicht verstochen, sondern
wenn Ihr gezuckt httet und ich htt' Euch ins Gesicht geschnitten,
so wr' ich Euch zuvorgekommen, htt' Euch augenblicklich die Gurgel
abgehauen und wre auf- und davongesprungen." Als aber der fremde
Herr das hrte und an die Gefahr dachte, in der er gesessen war,
ward er erst blass vor Schrecken und Todesangst, schenkte dem
Burschen noch einen Kronentaler extra und hat seitdem zu keinem
Barbier mehr gesagt: "Ich steche dich tot, wenn du mich schneidest."



Der betrogene Krmer


Ein Rubel ist in Russland eine Silbermnze und betrgt 27 Batzen hin
oder her, ein Imperial aber ist ein Goldstck und tut zehen Rubel;
deswegen kann man wohl fr einen Imperial einen Rubel bekommen, zum
Beispiel, wenn man in den Karten neun Rubel verliert, aber nicht fr
einen Rubel einen Imperial.  Allein ein schlauer Soldat in Moskau
sagte doch: "Was gilt's?  morgen auf dem Jahrmarkt will ich mit einem
Rubel einen doppelten Imperial angeln." Als den andern Tag in langen
Reihen von Kauflden der Jahrmarkt aufging, vor allen Stnden
standen schon die Leute, lobten und tadelten, boten ab und boten zu,
und die Menge ging auf und ging ab, und die Knaben grssten die
Mgdlein, kommt auf einmal der Soldat mit einem Rubel in den Hnden.
"Wem gehrt dieser Kaisertaler, dieser Rubel?  Gehrt er Euch?" fragt
er jeden Krmer an jedem Stand.  Einer, der ohnehin nicht viel Geld
lste und lange zusah, dachte endlich: wenn dich dein Geld an die
Finger brennt, die meinigen sind nicht so blde.  "Hieher, Musketier,
der Rubel ist mein." Der Soldat sagte: "Wenn Ihr mir nicht gerufen
httet, ich htt' Euch schwerlich gefunden unter der Menge", und
gibt ihm den Rubel.  Der Kaufmann betrachtet ihn hin und her und
klingelt daran, ob er gut sei; ja, er war gut, und steckt ihn in die
Tasche.  "Seid so gut und gebt mir denn jetzt auch meinen Imperial",
sagte der Musketier.  Der Kaufmann erwiderte: "Ich habe keinen
Imperial von Euch, so bin ich Euch keinen schuldig.  Da habt Ihr
Euren einfltigen Rubel wieder, wenn Ihr nur Spass wollt machen."
Aber der Musketier sagte: "Meinen zweifltigen Imperial gebt mir
heraus, mein Spass ist Ernst, und die Marktwache, die Polizei wird
zu finden sein." Ein Wort gab das andere, das glimpfliche gab das
trotzige, und das trotzige gab das schnde, und es hngt sich an den
Stand mit Leuten an, wie ein Bart an einem Bienenkorb.  Auf einmal
bohrt etwas wie ein Maulwurf durch die Menge.  "Was geht hier vor?"
fragte der Polizeisergeant, als er sich mit seinen Leuten durch die
Menge durchgebohrt hatte.  "Was geht vor?  frag' ich." Der Krmer
wusste wenig zu sagen, aber desto mundfertiger war der Musketier.
Vor keiner Viertelstunde, erzhlte er, hab' er diesem Mann fr einen
Rubel abgekauft, das und das.  Als er ihn bezahlen wollte, in allen
Taschen hatte er kein Geld gefunden, nur einen doppelten Imperial,
den ihm sein Pate geschenkt hatte, als er gezogen wurde.  So habe er
ihm den Imperial als Unterpfand zurckgelassen, bis er den Rubel
bringe.  Wie er mit dem Rubel wieder kommen sei, hab' er den rechten
Kaufladen nimmer gefunden und an allen Stnden gefragt: "Wem bin ich
einen Rubel schuldig?" so habe dieser da gesagt, er sei derjenige,
und sei's auch und habe ihm auch den Rubel abgenommen, aber von dem
Imperial wolle er nichts wissen.  "Wollt Ihr ihn jetzt gutwillig
herausgeben oder nicht?" Als aber der Polizeisergeant die
Umstehenden fragte und die Umstehenden sagten: ja, der Musketier
habe an allen Kauflden gefragt, wem der Rubel gehre, und dieser
habe bekannt, er gehre ihm und habe ihn auch angenommen und daran
geklingelt, ob er probat sei.  Als der Polizeihauptmann das hrte, so
gab er den Bescheid: "Habt Ihr Euren Rubel bekommen, so gebt dem
Soldaten auch seinen Imperial zurck, oder man petschiert Euch Euren
Stand mit Lattngeln zusammen, und Ihr werdet zwischen Euren eigenen
Brettern eingeschachtelt und eingeschindelt, und knnt Ihr alsdann
lang Hunger leiden, so knnt Ihr auch lang leben." Das sagte der
Anfhrer der Polizeiwache, und wer dem Musketier fr seinen Rubel
einen Imperial herausgeben musste, war der Kaufmann.

Merke: Fremdes Gut frisst das eigene, wie neuer Schnee den alten.



Der Bock


Einst im strengen Winter, an einem Sonntag abends, fuhr eine fremde,
wunderschne Frau den Schliengener Berg hinauf, und als auf einmal
die Pferde stillstanden, waren sie auch klger als ein Bauersmann,
der vor ihnen mitten im Weg und im Schnee lag und schlief.  Denn die
Pferde hatten nur Haber im Leib, aber der Bauersmann Branntewein und
kam von unten herauf, wollte nach Kandern gehen, verfehlte aber in
Schliengen den Rang.  Die wunderschne Frau liess ihn wecken.  "Fehlt
Euch etwas, guter Mann, oder seid Ihr sonst in den Schnee gefallen?"
- "Nein", stammelte der Bauersmann, " da ist mir eine schwarze Katze
mit feurigen Augen vor meinen Augen herumgefackelt und hat mich
irregefhrt und schlaftrunken gemacht, und wenn ich weiss, wo ich
bin,--so weiss es"--das Kind im Mutterleib, wollte er etwa sagen,
aber er brachte es nicht heraus.--"Ihr seid betrunken, guter Mann,
und wenn Ihr hier liegen bleibt, msst Ihr erfrieren."--"Wenn ich
betrunken bin", fragte er, "habt Ihr mir den Rausch bezahlt, oder
hab' ich ihn bezahlt, oder bin ich ihn nicht vielmehr noch
schuldig?" Als aber die Frau, so freundlich sie ist und sein kann,
ihm zuredete, vornen auf den Bock zu sitzen bis zum nchsten Ort,--
"Bock sitzen?" dachte er in seinem erschrecklichen Rausch und fing
auf einmal an, aus einem andern Ton zu sprechen.  "Ihr seid die
schwarze Katze und habt Euch in eine heidnische Prinzessin
verwandelt.  Um Gottes willen, verschont mich nur diesmal!" Denn er
dachte an einen andern Bock, auf dem die Hexen reiten, und jetzt
geh' es zum Pech- und Schwefel-Brnnlein, und nicht zur Kalten
Herberge, die auf dem Schliengener Berg steht, sondern zur heissen.
In seinem Leben wollte er keinen Rausch mehr trinken.  Allein das
half alles nichts, sondern der Kutscher, der Postillion von
Mllheim, band ihn auf den Bock.  Und so fuhr er mausstill und in
ngstlicher Erwartung seines Schicksals mit bis zur Station.  Auf der
Station aber, auf Kaltenherberge, legten ihn die Postknechte in
einen warmen Kuhstall und liessen ihn seinen Rausch dort
ausschlafen.  Aber noch bis, auf diese Stunde glaubt der Mann, er sei
verhext und bezaubert gewesen, und hat seitdem keinen Rausch mehr
getrunken, ausgenommen an den Werktagen.

Dies Geschichtlein ist wahr, und wenn's auch nicht zwischen
Schliengen und Kaltenherberge sollte geschehen sein, und der
Hausfreund kennt die schne Frau.  Hat sie's ihm nicht selber
geschrieben von Freiburg aus im chtland?



Der falsche Edelstein


In einem schnen Garten vor Strassburg vor dem Metzgertor, wo
jedermann fr sein Geld hineingehen und lustig und honett sein darf,
da sass ein wohlgekleideter Mann, der auch sein Schpplein trank,
und hatte einen Ring am Finger mit einem kostbaren Edelstein und
spiegelte den Ring.  So kommt ein Jude und sagt: "Herr, Ihr habt
einen schnen Edelstein in Eurem Fingerring, dem wr' ich auch nicht
feind.  Glitzert er nicht wie das Urim und Thummim in dem
Brustschildlein des Aharons?" Der wohlgekleidete Fremde sagte ganz
kurz und trocken: "Der Stein ist falsch; wenn er gut wre, steckte
er wohl an einem andern Finger als an dem meinigen." Der Jud bat den
Fremden, ihm den Ring in die Hand zu geben.  Er wendet ihn hin, er
wendet ihn her, dreht den Kopf rechts, dreht den Kopf links.  Soll
dieser Stein nicht echt sein?  dachte er und bot dem Fremden fr den
Ring zwei neue Dublonen.  Der Fremde sagte ganz unwillig: "Was soll
ich Euch betrgen?  Ihr habt es schon gehrt, der Stein ist falsch."
Der Jude bittet um Erlaubnis, ihn einem Kenner zu zeigen, und einer,
der dabei sass, sagte: "Ich stehe gut fr den Israeliten, der Stein
mag wert sein, was er will." Der Fremde sagte: "Ich brauche keinen
Brgen, der Stein ist nicht echt."

In dem nmlichen Garten sass damals an einem andern Tisch auch der
Hausfreund mit seinen Gevatterleuten, und waren auch lustig und
honett fr ihr Geld, nmlich fr das Geld der Gevatterleute, und
einer davon ist ein Goldschmied, der's versteht.  Einem Soldaten, der
in der Schlacht bei Austerlitz die Nase verloren hatte, hat er eine
silberne angesetzt und mit Fleischfarbe angestrichen, und die Nase
war gut.  Nur einblasen einen lebendigen Odem in die Nase, das konnte
er nicht.  Zu dem Gevattermann kommt der Jude.  "Herr", sagte er,
"soll dieses kein echter Edelstein sein?  Kann der Knig Salomon
einen schnern in der Krone getragen haben?" Der Gevattermann, der
auch ein halber Sternseher ist, sagte: "Er glnzt wie am Himmel der
Aldebaran.  Ich verschaffe Euch neunzig Dublonen fr den Ring.  Was
Ihr ihn wohlfeiler bekommt, ist Euer Schmus." Der Jud kehrt zu dem
Fremden zurck.  "Echt oder unecht, ich gebe Euch sechs Dublonen",
und zhlte sie auf den Tisch, funkelnagelneu.  Der Fremde steckte den
Ring wieder an den Finger und sagte jetzt: "Er ist mir gar nicht
feil.  Ist der falsche Edelstein so gut nachgemacht, dass Ihr ihn fr
einen rechten haltet, so ist er mir auch so gut", und steckte die
Hand in die Tasche, dass der lsterne Israelit den Stein gar nicht
mehr sehen sollte.--"Acht Dublonen."--"Nein."--"Zehn Dublonen."
"Nein."--"Zwlf--vierzehn--fnfzehn Dublonen." "Meinetwegen",
sagte endlich der Fremde, "wenn Ihr mir keine Ruhe lassen und mit
Gewalt wollt betrogen sein.  Aber ich sage es Euch vor allen diesen
Herren da, der Stein ist falsch, und ich gebe Euch kein gut Wort
mehr dafr.  Denn ich will keinen Verdruss haben.  Der Ring ist Euer."

Jetzt brachte der Jud voll Freude dem Gevattermann den Ring.  "Morgen
komm ich zu Euch und hole das Geld." Aber der Gevattermann, den noch
niemand angefhrt hat, machte ein paar grosse Augen.  "Guter Freund,
das ist nicht mehr der nmliche Ring, den Ihr mir vor zwei Minuten
gezeigt habt.  Dieser Stein ist zwanzig Kreuzer wert zwischen
Brdern.  So macht man sie bei Sankt Blasien im Eieli in der
Glashtte." Denn der Fremde hatte wirklich einen falschen Ring in
der Tasche, der vllig wie der gute aussah, den er zuerst am Finger
spiegelte, und whrend der Jud mit ihm handelte und er die Hand in
der Tasche hatte, streifte er mit dem Daumen den echten Ring vom
Finger ab und steckte den Finger in den falschen, und den bekam der
Jud.  Da fuhr der Betrogene, als wenn er auf einer brennenden Rakete
geritten wre, zu dem Fremden zurck: "Au waih, au waih!  Ich bin ein
betrogener Mann, ein unglcklicher Mann, der Stein ist falsch." Aber
der Fremde sagte ganz kaltbltig und gelassen: "Ich hab' ihn Euch
fr falsch verkauft.  Diese Herren hier sind Zeugen.  Der Ring ist
Euer.  Hab' ich Euch ihn angeschwtzt, oder habt Ihr ihn mir
abgeschwtzt?" Alle Anwesenden mussten gestehen: "Ja, er hat ihm den
Stein fr falsch verkauft und gesagt: der Ring ist Euer."

Also musste der Jud den Ring behalten, und die Sache wurde nachher
vertuscht.



Der fechtende Handwerksbursche in Anklam


Im August des Jahrs 1804 stand in der Stadt Anklam in Pommern ein
reisender Handwerksbursche an einer Stubentre und bat um einen
Zehrpfennig ganz fleissig.  Als sich niemand sehen liess noch rhrte,
ffnete er leise die Tre und ging hinein.  Als er eine arme und
kranke Witwe erblickte, die da sagte, sie habe selber nichts, so
ging er wieder hinaus.

Lieber Leser, denke nicht, der hat's lassen drauf ankommen, ob
jemand in der Stube ist, hat seinen Zehrpfennig selber wollen
nehmen.  Sonst musst du dich schmen und in deinem Herzen einem edeln
Menschen Abbitte tun.  Denn der Handwerksbursche kam nach ungefhr
fnf Stunden wieder.  Die Frau, rief ihm zwar entgegen: "Mein Gott!
ich kann Euch ja nichts geben.  Ich selbst lebe von anderer Menschen
Milde und bin jetzt krank." Allein der edle Jngling dachte bei sich
selber: Eben deswegen.  Anstndig und freundlich trat er bis vor den
Tisch, legte aus beiden Taschen viel Brot darauf, das er unterdessen
gesammelt hatte, und viele auf gleiche Art gesammelte kleine
Geldstcke.  "Das ist fr Euch, arme, kranke Frau", sagte er mit
sanftem Lcheln, ging wieder fort und zog leise die Stubentre zu.
Die Frau war die Witwe eines ehemaligen braven Unteroffiziers namens
Laroque bei dem preussischen Regiment von Schnfeld.

Den Namen des frommen Jnglings aber hat ein Engel im Himmel fr ein
ander Mal aufgeschrieben.  Ich kann nicht sagen, wie er heisst.



Der fremde Herr


Einem Schneider in der Stadt waren seit ein paar Jahren die Nadeln
ein wenig verrostet und die Schere zusammengewachsen; also nhrt er
sich, so gut er kann.  "Gevatter", sagt zu ihm der Peruckenmacher,
"Ihr tragt nicht gerne schwer; wollt Ihr nicht dem Herrn Dechant von
Brassenheim eine neue Percke bringen in einer Schachtel?  Sie ist
leicht, und er zahlt Euch den Gang."--"Gevatter", sagt der
Schneider, "es ist ohnedem Jahrmarkt in Brassenheim.  Leiht mir die
Kleider, die Euch der irrende Ritter im Versatz gelassen hat, der
Euch angeschmiert hat, so stell' ich auf dem Jahrmarkt etwas vor."
Der Adjunkt hat die Tugend, wenn er auf drei Stunden im Revier einen
Markt weiss, so ist ihm der Gang auch nicht zu weit, und ist er von
dem Hausfreund wohl bezahlt, so gibt er dem Jahrmarkt viel zu lsen
fr neue weltliche Lieder und feine Damaszener Maultrommeln.  Also
sass jetzt der Adjunkt auch zu Brassenheim im Wilden Mann und
musterte die Lieder.  Erstes Lied: Ein Lmmlein trank vom frischen
usw.  Zweites Lied: Schnstes Hirschlein ber die Massen usw.  Drittes
Lied: Kein schner Leben auf Erden usw.  und probierte die Trommeln.
Kommt auf einmal der Schneider herein mit rotem Rock, hirschledernen
Beinkleidern, Halbstiefeln und Zotteln daran und zwei Sporen.  Der
Wirt zog hflich die Kappe ab, die Gste auch, und: "Hat Euch, Herr
Ritter, der Hausknecht das Pferd schon in den Stall gefhrt?" fragte
ihn der Wirt.  "Mein Normnder, der Scheck?" sagte der Schneider.

"Ich hab' ihn au Cerf eingestellt, im Hirschen.  Ich will hier nur
ein Schpplein trinken.  Ich bin der berhmte Adelstan und reise auf
Menschenkenntnis und Weinkunde.  Platz da!" sagte er zum Adjunkt.
"Holla", denkt der Adjunkt, "der meint auch, grob sei vornehm.  Was
gilt's, er ist nicht weit her?" Als aber der Schneider die Gerte
breit ber den Tisch legte und rusperte sich wie ein Kamel und
betrachtete die Leute mit einem Brennglas und den Adjunkt auch,
steht der Adjunkt langsam auf und sagt dem Wirt etwas halblaut in
das Ohr.  Ein Ehninger, der es hrte, sagt: "Herr Landsmann, Ihr seid
auf der rechten Spur.  Ich hab' ihn gesehn die Stiefel am Bach
abwaschen und eine Gerte schneiden.  Er ist zu Fuss gekommen." Ein
Scherenschleifer sagte: "Ich kenn' ihn wohl, er ist einmal ein
Schneider gewesen.  Jetzt hat er sich zur Ruh' gesetzt und tut
Botengnge um den Lohn." Also geht der Wirt ein wenig hinaus und
kommt wieder herein.  "So kann denn doch kein hiesiger Markt ohne ein
Unglck vorbergehen", sagt er im Hereinkommen.  "Da suchen die
Hatschierer in allen Wirtshusern einen Herrn in einem roten Rocke,
der heute durch die Drfer galoppiert ist und ein Kind zu Tod
geritten hat." Da schauten alle Gste den Ritter Adelstan an; der
sagte in der Angst: "Mein Rock ist eher gelb als rot." Aber der
Ehninger sagte: "Nein, aber Euer Gesicht ist eher blass als gelb,
und hat auf einmal viel Schweisstropfen darauf geregnet.  Gestehts,
Ihr seid nicht geritten."--"Doch, er ist geritten", sagte der Wirt;
"ich hab' ihm eben das Ross draussen angebunden.  Es ist losgerissen
im Hirsch und sucht ihn.  Hat nicht Euer Normnder die Mhnen unten
am Hals und gespaltene Hufe, und wenn er wiehert, sollte man schier
nicht meinen, dass es ein Ross ist!  Zahlt Euer Schpplein und reitet
ordentlich heim." Als er aber vor das Haus kam und den Normnder
sah, den ihm der Wirt an die Tre gebunden hat, wollte er nicht
aufsitzen, sondern ging zu Fuss zum Flecken heraus und wurde von den
Gsten entsetzlich verhhnt.

Merke: Man muss nie mehr scheinen wollen, als man ist und als man
sich zu bleiben getrauen kann wegen der Zukunft.



Der Fremdling in Memel


Oft sieht die Wahrheit wie eine Lge aus.  Das erfuhr ein Fremder,
der vor einigen Jahren mit einem Schiff aus Westindien an den Ksten
der Ostsee ankam.  Damals war der russische Kaiser bei dem Knig von
Preussen auf Besuch.  Beide Potentaten standen in gewhnlicher
Kleidung, ohne Begleitung, Hand in Hand, als zwei rechte gute
Freunde beieinander am Ufer.  So etwas sieht man nicht alle Tage.  Der
Fremde dachte auch nicht dran, sondern ging ganz treuherzig auf sie
zu, meinte, es seien zwei Kaufleute oder andere Herren aus der
Gegend, und fing ein Gesprch mit ihnen an, war begierig, allerlei
Neues zu hren, das seit seiner Abwesenheit sich zugetragen habe.
Endlich, da die beiden Monarchen sich leutselig mit ihm
unterhielten, fand er Veranlassung, den einen auf eine hfliche Art
zu fragen, wer er sei.  "Ich bin der Knig von Preussen", sagte der
eine.  Das kam nun dem fremden Ankmmling schon ein wenig sonderbar
vor.  Doch dachte er: Es ist mglich, und machte vor dem Knige ein
ehrerbietiges Kompliment.  Und das war vernnftig.  Denn in
zweifelhaften Dingen muss man immer das Sicherste und Beste whlen
und lieber eine Hflichkeit aus Irrtum begehen als eine Grobheit.

Als aber der Knig weiter sagte und auf seinen Begleiter deutete:
"Dies ist Se.  Majestt der russische Kaiser", da war's doch dem
ehrlichen Mann, als wenn zwei lose Vgel ihn zum besten haben
wollten, und sagte: "Wenn ihr Herren mit einem ehrlichen Mann euern
Spass haben wollt, so sucht einen andern als ich bin.  Bin ich
deswegen aus Westindien hierher gekommen, dass ich euer Narr sei?"--
Der Kaiser wollte ihn zwar versichern, dass er allerdings derjenige
sei.  Allein der Fremde gab kein Gehr mehr.  "Ein russischer
Spassvogel mget Ihr sein", sagte er.  Als er aber nachher im Grnen
Baum die Sache erzhlte und andern Bericht bekam, da kam er ganz
demtig wieder, bat fussfllig um Vergebung, und die grossmtigen
Potentaten verziehen ihm, wie natrlich, und hatten hernach viel
Spass an dem Vorfall.



Der fromme Rat


Ein achtzehnjhriger Jngling ging, noch unerfahren, katholisch und
fromm, zum ersten Mal aus der Eltern Haus auf die Wanderschaft.  In
der ersten grossen Stadt auf der Brcke blieb er stehen und wollte
rechts und links ein wenig umschauen, weil er frchtete, es mchten
ihm nimmer viel solche Brcken kommen, an welche unten und oben
solche Stdte angebaut seien wie diese.  Als er aber rechts
umschaute, kam daher von einer Seite ein Pater und trug das
hochwrdige Gut, vor welchem jeder Katholik niederkniet, der demtig
ist und es recht meint.  Als er aber links umschaute, kam von der
andern Seite der Brcke auch ein Pater und trug auch das hochwrdige
Gut, vor welchem jeder Katholik niederkniet, der demtig ist und es
recht meint, und beide waren ihm schon ganz nahe, und beide waren im
Begriff, an ihm vorbeizugehen im nmlichen Augenblick, der eine
links von daher, der andere rechts von dorther.  Da wusste sich der
arme Mensch nicht zu helfen, vor welchem hochwrdigen Gut er
niederknien, und welches er mit Gebet und Liebe grssen soll, und es
war ihm auch schwer zu raten.  Als er aber den einen Pater mit
Bekmmernis anschaute und ihn gleichsam mit den Augen fragte und
bat, was er tun sollte, lchelte der Pater wie ein Engel freundlich
die fromme Seele an und hob die Hand und den Zeigefinger gegen den
hohen und sonnenreichen Himmel hinauf.  Nmlich vor dem dort oben
soll er niederknien und ihn anbeten.  Das weiss der Hausfreund zu
loben und hochzuachten, obwohl er noch nie einen Rosenkranz gebetet
hat; sonst schrieb' er den lutherischen Kalender nicht.



Der Furtwanger in Philippsburg


Im Jahre 1734, als der Franzos Sturm lief auf Philippsburg, und die
Reichstruppen lagen darin, steht ein Rekrut, ein Furtwanger, auf
einem einsamen Posten seitwrts vom Angriff und denkt: "Wenn's nur
nicht hieher kommt!" Indem wchst ganz leise eine franzsische
Grenadierkappe hinter dem Rempart herauf, und kommt ein Kopf nach
mit einem Schnauzbart, wie wenn der Mond aufgeht hinter den Bergen.
Denn ein paar Dutzend Waghlse hatten draussen eine Sturmleiter
angelegt, um unbeschrien auf den Rempart zu kommen, und sahen die
Schildwache nicht, dass eine da sei.  Springt der Furtwanger herbei
und gibt dem Franzosen einen Stich.  Pfeifen auf einmal Kugeln genug
um ihn her aus Windbchsen, und geht ein zweites Franzosengesicht
auf hinter dem Rempart.  Gibt ihm der Furtwanger auch einen Stich und
sagt: "Aber jetzt kommst du nimmer." Item: es kam der dritte und der
vierte und bis zum zwlften.  Als der Sturm abgeschlagen war und der
Platzkommandant auf dem Platz herumritt, ob alles in der Ordnung
sei, sieht er von weitem die Sturmleiter und zwlf tote Franzosen
dabei, und wie er zu dem Posten kommt, fragt er den Furtwanger: "Was
hat's hier gegeben?"--"So?" sagt der Furtwanger, "Ihr habt gut
fragen.  Wisst Ihr, dass mir einer mehr zu schaffen gemacht hat als
Euch alle?  Nur zwlfmal hintereinander hat er angesetzt.  Unten im
Graben muss er liegen." Denn er meinte, es sei immer der nmliche
gewesen, und es knne nur mit dem Bsen zugegangen sein, dass ihm
allemal hinter dem Bajonett die Wunde wieder heilte.  Da lchelte der
Kommandant und die Offiziere, so mit ihm waren, und nahm ihm seinen
Unverstand nicht bel, sondern er liess ihm fr jeden ein
Halbguldenstck Stechgeld bezahlen, und durfte er berdies selbigen
Abend auf Rechnung der Reichs-Operationskasse Wein trinken und Speck
essen, so viel er wollte.



Der geduldige Mann


Ein Mann, der eines Nachmittags mde nach Hause kam, htte gern ein
Stck Butterbrot mit Schnittlauch darauf gegessen oder etwas von
einem gerucherten Bug.  Aber die Frau, die im Haus ziemlich der
Meister war und in der Kche ganz, hatte den Schlssel zum
Kchenkstlein in der Tasche und war bei einer Freundin auf Besuch.
Er schickte daher die Magd und den Knecht, eins um das andere, die
Frau soll heimkommen oder den Schlssel schicken.  Sie sagte allemal:
"Ich komm' gleich, er soll nur ein wenig warten." Als ihm aber die
Geduld immer nher zusammenging und der Hunger immer weiter
auseinander, trgt er und der Knecht das verschlossene
Kchenkstlein in das Haus der Freundin, wo seine Frau zum Besuch
war und sagt zu seiner Frau: "Frau, sei so gut und schliess mir das
Kstlein auf, dass ich etwas zum Abendessen nehmen kann, sonst halt'
ich's nimmer aus." Also lachte die Frau und schnitt ihm ein
Stcklein Brot herab und etwas vom Bug.



Der geheilte Patient


Reiche Leute haben trotz ihrer gelben Vgel doch manchmal auch
allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen gottlob der
arme Mann nichts wei, denn es gibt Krankheiten, die nicht in der
Luft stecken, sondern in den vollen Schsseln und Glsern und in den
weichen Sesseln und seidenen Betten, wie jener reiche Amsterdamer
ein Wort davon reden kann. Den ganzen Vormittag sa er im Lehnsessel
und rauchte Tabak, wenn er nicht zu faul war, oder hatte Maulaffen
feil zum Fenster hinaus, a aber zu Mittag doch wie ein Drescher,
und die Nachbarn sagten manchmal: "Windet's drauen oder schnauft
der Nachbar so?" Den ganzen Nachmittag a und trank er ebenfalls
bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit,
aus lauter Langeweile bis an den Abend, so da man bei ihm nie redet
sagen konnte, wo das Mittagessen aufhrte und wo das Nachtessen
anfing. Nach dem Nachtessen legte er sich ins Bett und war so md,
als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen oder Holz gespalten
htte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen
war wie ein Sack. Essen und Schlaf wollten ihm nimmer schmecken, und
er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht redet gesund und
nicht recht krank; wenn man aber ihn selber hrte, so hatte er 365
Krankheiten, nmlich alle Tage eine andere.

Alle rzte, die in Amsterdam sind, muten ihm raten. Er verschluckte
ganze Feuereimer voll Mixturen und ganze Schaufeln voll Pulver und
Pillen wie Enteneier so gro, und man nannte ihn zuletzt scherzweise
nur die zweibeinige Apotheke. Aber alles Doktern half ihm nichts,
denn er befolgte nicht, was ihm die Arzte befahlen, sondern sagte:
"Wofr bin ich ein reicher Mann, wenn ich leben soll wie ein Hund,
und der Doktor will mich nicht gesund machen fr mein Geld?"
Endlich hrte er von einem Arzt, der hundert Stunden weit weg
wohnte, der sei so geschickt, da die Kranken gesund wrden, wenn er
sie nur redet anschaue, und der Tod geh' ihm aus dem Wege, wo er
sich sehen lasse. Zu dem Arzt fate der Mann ein Zutrauen und
schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald, was ihm fehlte,
nmlich nicht Arznei, sondern Migkeit und Bewegung, und sagte:
"Wart', dich will ich bald kuriert haben." Deswegen schrieb er ihm
ein Brieflein folgenden Inhalts: "Guter Freund, Ihr habt einen
schlimmen Umstand, doch wird Euch zu helfen sein, wenn Ihr folgen
wollt. Ihr habt ein bses Tier im Bauch, einen Lindwurm mit sieben
Mulern. Mit dem Lindwurm mu ich selber reden, und Ihr mt zu mir
kommen. Aber fr's erste, so drft Ihr nicht fahren oder auf dem
Rlein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen, sonst schttelt
Ihr den Lindwurm, und er beit Euch die Eingeweide ab, sieben Drme
auf einmal ganz entzwei. Frs andere drft Ihr nicht mehr essen als
zweimal des Tages einen Teller voll Gems, mittags ein Bratwrstlein
dazu, und nachts ein Ei, und am Morgen ein Fleischspplein mit
Schnittlauch drauf. Was Ihr mehr esset, davon wird nur der Lindwurm
grer, so da er Euch die Leber verdrckt, und der Schneider hat
Euch nimmer viel anzumessen, aber der Schreiner. Dies ist mein Rat,
und wenn Ihr mir nicht folgt, so hrt Ihr im anderen Frhjahr den
Kuckuck nimmer schreien. Tut, was Ihr wollt!" Als der Patient so mit
sich reden hrte, lie er sich sogleich den anderen Morgen die
Stiefel salben und machte sich auf den Weg, wie ihm der Doktor
befohlen hatte. Den ersten Tag ging es so langsam, da eine Schnecke
htte knnen sein Vorreiter sein, und wer ihn grte, dem dankte er
nicht, und wo ein Wrmlein auf der Erde kroch, das zertrat er. Aber
schon am zweiten und am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die
Vgel schon lange nimmer so lieblich gesungen htten, und der Tau
schien ihm so frisch und die Kornrosen im Felde so rot, und alle
Leute, die ihm begegneten, sahen so freundlich aus, und er auch; und
alle Morgen, wenn er aus der Herberge ausging, war's schner, und er
ging leichter und munterer dahin, und als er am achtzehnten Tage in
der Stadt des Arztes ankam und den anderen Morgen aufstand, war es
ihm so wohl, da er sagte: "Ich htte zu keiner ungeschickteren Zeit
knnen gesund werden als jetzt, wo ich zum Doktor soll. Wenn's mir
doch nur ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief'
mir." Als er zum Doktor kam, nahm ihn der Doktor bei der Hand und
sagte ihm: "jetzt erzhlt mir denn noch einmal von Grund aus, was
Euch fehlt." Da sagte er: "Herr Doktor, mir fehlt gottlob nichts,
und wenn Ihr so gesund seid wie ich, so soll's mich freuen." Der
Doktor sagte: "Das hat Euch. ein guter Geist geraten, da Ihr meinem
Rat gefolgt habt. Der Lindwurm ist jetzt abgestanden. Aber Ihr habt
noch Eier im Leib, deswegen mt Ihr wieder zu Fu heimgehen und
daheim fleiig Holz sgen und nicht mehr essen, als Euch der Hunger
ermahnt, damit die Eier nicht ausschlupfen, so knnt Ihr ein alter
Mann werden", und lchelte dazu.

Aber der reiche Fremdling sagte: "Herr Doktor, Ihr seid ein feiner
Kauz, und ich versteh Euch wohl', und hat nachher dem Rat gefolgt
und siebenundachtzig Jahre, vier Monate, zehn Tage gelebt, wie ein
Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem Arzt zwanzig
Dublonen zum Gru geschickt."



Der geheilte Patient


Reiche Leute haben trotz ihrer gelben Vgel doch manchmal auch
allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen gottlob!  der
arme Mann nichts weiss; denn es gibt Krankheiten, die nicht in der
Luft stecken, sondern in den vollen Schsseln und Glsern und in den
weichen Sesseln und seidenen Bettern, wie jener hautreiche
Amsterdamer ein Wort davon reden kann.  Den ganzen Vormittag sass er
im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu faul war, oder
hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, ass aber zu Mittag doch wie
ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: "Windet's draussen
oder schnauft der Nachbar so?"--Den ganzen Nachmittag ass und trank
er ebenfalls, bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und
ohne Appetit, aus lauter langer Weile, bis an den Abend, also, dass
man bei ihm nie recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufhrte, und
wo das Nachtessen anfing.  Nach dem Nachtessen legte er sich ins Bett
und war so md, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen oder
Holz gespalten htte.  Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der
so unbeholfen war wie ein Maltersack.  Essen und Schlaf wollte ihm
nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht
recht gesund und nicht recht krank; wenn man aber ihn selber hrte,
so hatte er 365 Krankheiten, nmlich alle Tage eine andere.  Alle
rzte, die in Amsterdam sind, mussten ihm raten.  Er verschluckte
ganze Feuereimer voll Mixturen und ganze Schaufeln voll Pulver, und
Pillen wie Enteneier so gross, und man nannte ihn zuletzt
scherzweise nur die zweibeinige Apotheke.  Aber alles Doktern half
ihm nichts, denn er folgte nicht, was ihm die rzte befahlen,
sondern sagte: "Foudre, wofr bin ich ein reicher Mann, wenn ich
soll leben wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund
machen fr mein Geld?" Endlich hrte er von einem Arzt, der hundert
Stund weit wegwohnte, der sei so geschickt, dass die Kranken gesund
werden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod geh' ihm aus dem
Weg, wenn er sich sehen lasse.  Zu dem Arzt fasste der Mann ein
Zutrauen und schrieb ihm seinen Umstand.  Der Arzt merkte bald, was
ihm fehle, nmlich nicht Arznei, sondern Mssigkeit und Bewegung,
und sagte: "Wart', dich will ich bald kuriert haben." Deswegen
schrieb er ihm ein Brieflein folgenden Inhalts: "Guter Freund, Ihr
habt einen schlimmen Umstand; doch wird Euch zu helfen sein, wenn
Ihr folgen wollt.  Ihr habt ein bs Tier im Bauch, einen Lindwurm mit
sieben Mulern.  Mit dem Lindwurm muss ich selber reden, und Ihr
msst zu mir kommen.  Aber frs erste, so drft Ihr nicht fahren oder
auf dem Rsslein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen, sonst
schttelt Ihr den Lindwurm, und er beisst Euch die Eingeweide ab,
sieben Drme auf einmal ganz entzwei.  Frs andere drft Ihr nicht
mehr essen, als zweimal des Tages einen Teller voll Gems, Mittags
ein Bratwrstlein dazu, und Nachts ein Ei, und am Morgen ein
Fleischspplein mit Schnittlauch drauf.  Was Ihr mehr esset, davon
wird nur der Lindwurm grsser, also, dass er Euch die Leber
verdruckt, und der Schneider hat Euch nimmer viel anzumessen, aber
der Schreiner.  Dies ist mein Rat, und wenn Ihr mir nicht folgt, so
hrt Ihr im andern Frhjahr den Kuckuck nimmer schreien.  Tut, was
Ihr wollt!" Als der Patient so mit ihm reden hrte, liess er sich
sogleich den andern Morgen die Stiefel salben und machte sich auf
den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte.  Den ersten Tag ging es
so langsam, dass perfekt eine Schnecke htte knnen sein Vorreiter
sein, und wer ihn grsste, dem dankte er nicht, und wo ein Wrmlein
auf der Erde kroch, das zertrat er.  Aber schon am zweiten und am
dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die Vgel schon lange nimmer
so lieblich gesungen htten wie heut, und der Tau schien ihm so
frisch und die Kornrosen im Feld so rot, und alle Leute, die ihm
begegneten, sahen so freundlich aus, und er auch; und alle Morgen,
wenn er aus der Herberge ausging, war's schner, und er ging
leichter und munterer dahin, und als er am achtzehnten Tage in der
Stadt des Arztes ankam und den andern Morgen aufstand, war es ihm so
wohl, dass er sagte: "Ich htte zu keiner ungeschicktern Zeit knnen
gesund werden als jetzt, wo ich zum Doktor soll.  Wenn's mir doch nur
ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief' mir." Als
er zum Doktor kam, nahm ihn der Doktor bei der Hand und sagte ihm:
"Jetzt erzhlt mir denn noch einmal von Grund aus, was Euch fehlt."
Da sagte er: "Herr Doktor, mir fehlt gottlob nichts, und wenn Ihr so
gesund seid wie ich, so soll's mich freuen." Der Doktor sagte: "Das
hat Euch ein guter Geist geraten, dass Ihr meinem Rat gefolgt habt.
Der Lindwurm ist jetzt abgestanden.  Aber Ihr habt noch Eier im Leib.
Deswegen msst Ihr wieder zu Fuss heimgehen und daheim fleissig Holz
sgen, dass niemand sieht, und nicht mehr essen, als Euch der Hunger
ermahnt, damit die Eier nicht ausschlupfen, so knnt Ihr ein alter
Mann werden", und lchelte dazu.  Aber der reiche Fremdling sagte:
"Herr Doktor, Ihr seid ein feiner Kauz, und ich versteh' Euch wohl",
und hat nachher dem Rat gefolgt und 87 Jahre, 4 Monate, 10 Tage
gelebt, wie ein Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem
Arzt 20 Dublonen zum Gruss geschickt.



Der Generalfeldmarschall Suwarow


Das Stcklein von Suwarow im Kalender 1809 hat dem geneigten Leser
nicht bel gefallen.  Von ihm selber wre viel Anmutiges zu erzhlen.
Wenn ein vornehmer Herr nicht hochmtig ist, sondern redet auch mit
geringen Leuten und stellt sich manchmal, als wenn er nur
ihresgleichen wre, so sagt man zu seinem Lob: er ist ein gemeiner
Herr.  Suwarow konnte manchen schimmernden Ordensstern an die Brust
hngen, manchen Diamantring an die Finger stecken, und aus mancher
goldenen Dose Tabak schnupfen.  War er nicht Sieger in Polen und in
der Trkei, russischer Generalfeldmarschall und Frst und an der
Spitze von dreimal hunderttausend Mann, soviel als seinesgleichen
ein anderer?  Aber bei dem allen war er ein sehr gemeiner Herr.
Wenn es nicht sein musste, so kleidete er sich nie wie ein General,
sondern wie es ihm bequem war.  Manchmal, wenn er kommandierte, so
hatte er nur Einen Stiefel an.  An dem andern Bein hing ihm der
Strumpf herunter, und die Beinkleider waren auf der Seite
aufgeknpft.  Denn er hatte einen Schaden am Knie.

Oft war er nicht einmal so gut gekleidet.  Morgens, wenn's noch so
frisch war, ging er aus dem Bett oder von der Streue weg vor dem
Zelt im Lager spazieren, nackt und bloss wie Adam im Paradies, und
liess ein paar Eimer voll kaltes Wasser ber sich herabgiessen zur
Erfrischung.

Er hatte keinen Kammerdiener und keinen Heiduck, nur einen Knecht,
keine Kutsche und kein Ross.  In dem Treffen setzte er sich aufs
nchste beste.

Sein Essen war gemeine Soldatenkost.  Niemand freute sich gross, wenn
man von ihm zur Mittagsmahlzeit eingeladen wurde.  Manchmal ging er
zu den gemeinen Soldaten ins Zelt und war wie ihresgleichen.
Wenn ihn auf dem Marsch oder im Lager, oder wo es war, etwas ankam,
wo ein anderer an einen Baum steht oder hinter eine Hecke geht, da
machte er kurzen Prozess.  Seinetwegen durfte ihm jedermann
zuschauen, wer's noch nie gesehen hat.

Bei den vornehmsten Gelegenheiten, wenn er in der kostbarsten
Marschallsuniform voll Ehrenkreuzen und Ordenssternen dastand und,
wo man ihn ansah, von Gold und Silber funkelte und klingelte, trieb
er's doch wie ein suberlicher Bauer, der wegwirft, was ein Herr in
die Rocktasche steckt.  Er schneuzte die Nase mit den Fingern, strich
die Finger am rmel ab und nahm alsdann wieder eine Prise aus der
goldenen Dose.

Also lebte der General und Frst Italinsky-Suwarow.



Der geschlossene Magen


Als einst der Zirkelschmied wieder auf vier bis sechs Wochen in gute
Umstnde gekommen war, lebte er so lange gar ehrbar und huslich mit
seiner Frau, der Brbel, und war in keinem Wirtshaus mehr zu sehen.
Nein, er ass alle Mittag ein Pfndlein Fleisch mit ihr daheim und
liess eine halbe Mass Wein dazu holen aus dem Adler und gab auf ihre
Ermahnungen.  Einmal jedoch, als es ihm besonders schmeckte, schickte
er nach dem Essen das Bblein heimlich in das Wirtshaus, dass es
noch eine Halbe holen sollte.  Als aber das Bblein die zweite Halbe
brachte und auf den Tisch stellte, schaute seine Frau ihn bittend
an: "Mnnlein", sagte sie, "lass es jetzt genug sein!  Weisst du
nicht, was im Doktorbuch steht, dass der Magen nach dem Essen
geschlossen sei." Dem entgegen schaute der Zirkelschmied so lieb und
freundlich zuerst den Wein, hernach die Brbel an: "Liebes
Weiblein", sagte er, "sei unbesorgt!  Soll der Magen auch geschlossen
sein, so viel bring' ich noch wohl durch das Schlsselloch."



Der grosse Sanhedrin zu Paris


Dass die Juden seit der Zerstrung Jerusalems, das heisst, seit mehr
als 1700 Jahren, ohne Vaterland und ohne Brgerrecht auf der ganzen
Erde in der Zerstreuung leben; dass die meisten von ihnen, ohne
selber etwas Ntzliches zu arbeiten, sich von den arbeitenden
Einwohnern eines Landes nhren; dass sie daher auch an vielen Orten
als Fremdlinge verachtet, misshandelt und verfolgt werden, ist Gott
bekannt und leid.--Mancher sagt daher im Unverstand: "Man sollte
sie alle aus dem Lande jagen." Ein anderer sagt im Verstand: "Man
sollte arbeitsame und ntzliche Menschen aus ihnen machen und sie
alsdann behalten."

Der Anfang dazu ist gemacht.  Merkwrdig fr die Gegenwart und fr
die Zukunft ist dasjenige, was der grosse Kaiser Napoleon wegen der
Judenschaft in Frankreich und dem Knigreich Italien verordnet und
veranstaltet hat.

Schon in der Revolution bekamen alle Juden, die in Frankreich
wohnen, das franzsische Brgerrecht, und man sagte frischweg:
Brger Aaron, Brger Levi, Brger Rabbi, und gab sich brderlich die
Hand.  Aber was will da herauskommen?  Der christliche Brger hat ein
anderes Gesetz und Recht, so hat der jdische Brger auch ein
anderes Gesetz und Recht und will nicht haben Gemeinschaft mit den
Gojim.  Aber zweierlei Gesetz und Willen in einer Brgerschaft tut
gut wie ein brausender Strudel in einem Strom.  Da will Wasser auf,
da will Wasser ab, und eine Mhle, die darin steht, wird nicht viel
Mehl mahlen.

Das sah der grosse Kaiser Napoleon wohl ein, und im Jahr 1806, ehe
er antrat die grosse Reise nach Jena, Berlin und Warschau und Eylau,
liess er schreiben an die ganze Judenschaft in Frankreich, dass sie
ihm sollte schicken aus ihrer Mitte verstndige und gelehrte Mnner
aus allen Departementern des Kaisertums.  Da war nun jedermann in
grossem Wunder, was das werden sollte, und der eine sagte das, der
andere jenes, z.  B.  der Kaiser wolle die Juden wieder bringen in
ihre alte Heimat am grossen Berg Libanon, an dem Bach gypti und am
Meer.

Als aber die Abgeordneten und Rabbiner aus allen Departementern,
worin Juden wohnen, beisammen waren, liess bald der Kaiser ihnen
gewisse Fragen vorlegen, die sie sollten bewegen in ihrem Herzen und
beantworten nach dem Gesetz, und war daraus zu sehen, es sei die
Rede nicht vom Fortschicken, sondern vom Dableiben und von einer
festen Verbindung der Juden mit den andern Brgern in Frankreich und
in dem Knigreich Italien.  Denn alle diese Fragen gingen darauf
hinaus, ob ein Jude das Land, worin er lebt, nach seinem Glauben
knne ansehen und liebem als sein Vaterland und die andern Brger
desselben als seine Mitbrger und die brgerlichen Gesetze desselben
halten.

Das war nun fast spitzig, und wie es anfnglich schien, war nicht
gut sagen: Ja, und war nicht gut sagen: Nein.

Allein die Abgeordneten sagen, dass der Geist der gttlichen
Weisheit erleuchtet habe ihre Gemter, und sie erteilten eine
Antwort, die war wohlgefllig in den Augen des Kaisers.

Darum formierte die jdische Versammlung aus sich, zum unerhrten
Wunder unsrer Zeit, den Grossen Sanhedrin.  Denn der Grosse Sanhedrin
ist nicht ein grosser Jude zu Paris wie der Riese Goliath, so aber
ein Philister war, sondern--Sanhedrin, das wird verdolmetscht: eine
Versammlung, und wurde vor alten, alten Zeiten also genannt der Hohe
Rat zu Jerusalem, so bestand aus 71 Ratsherren, die wurden fr die
verstndigsten und weisesten Mnner gehalten, ein ganzes Volk, und
wie diese das Gesetz erklrten, so war es recht und musste gelten in
ganz Israel.

Einen solchen Rat setzten die Abgeordneten der Judenschaft wieder
ein und sagen, es sei seit 1500 Jahren kein Grosser Sanhedrin
gewesen als dieser unter dem Schutz des erhabenen Kaisers Napoleon.
Dies ist der Inhalt der Gesetze, die der Grosse Sanhedrin aussprach
zu Paris im Jahr 5567 nach Erschaffung der Welt im Monat Adar
desselbigen Jahres, am 22sten Tag des Monats:

1. Die jdische Ehe soll bestehen aus einem Manne und einer Frau.
Kein Israelite darf zu gleicher Zeit mehr haben als eine Frau.

2. Kein Rabbiner darf die Scheidung einer Ehe aussprechen, es sei
dann, die weltliche Obrigkeit habe zuvor gesprochen, die Ehe sei
nach dem brgerlichen Gesetz aufgelst.

3. Kein Rabbiner darf die Besttigung einer Ehe aussprechen, es sei
dann, dass die Verlobten von der weltlichen Obrigkeit einen
Trauschein haben.

Aber ein Jude darf eine Christentochter heiraten und ein Christ eine
jdische Tochter.  Solches hat nichts zu sagen.

4. Denn der Grosse Sanhedrin erkennt, die Christen und die Juden
seien Brder, weil sie Einen Gott anbeten, der die Erde und den
Himmel erschaffen hat, und befiehlt daher, der Israelite soll mit
dem Franzosen und Italiener und mit den Untertanen jedes Landes, in
welchem sie wohnen, so leben als mit Brdern und Mitbrgern, wenn
sie denselben einigen Gott anerkennen und verehren.

5. Der Israelite soll die Gerechtigkeit und die Liebe des Nchsten,
wie sie befohlen ist im Gesetz Moses, ausben, ebenso gegen die
Christen, weil sie seine Brder sind, als gegen seine eigenen
Glaubensgenossen in oder ausser Frankreich und dem Knigreich
Italien.

6. Der Grosse Sanhedrin erkennt, das Land, worin ein Israelite
geboren und erzogen ist oder wo er sich niedergelassen hat und den
Schutz der Gesetze geniesst, sei sein Vaterland, und befiehlt daher
allen Israeliten in Frankreich und in dem Knigreich Italien,
solches Land als ihr Vaterland anzusehen, ihm zu dienen, es zu
verteidigen usw.

Der jdische Soldat ist in solchem Stand von den Zeremonien frei,
die damit nicht vereinbar sind.

7. Der Grosse Sanhedrin befiehlt allen Israeliten, der Jugend Liebe
zur Arbeit einzuflssen, sie zu ntzlichen Knsten und Handwerkern
anzuhalten, und ermahnt sie, liegende Grnde anzukaufen und allen
Beschftigungen zu entsagen, wodurch sie in den Augen ihrer
Mitbrger knnen verhasst oder verchtlich werden.

8. Kein Israelite darf von dem Geld, welches ein israelitischer
Hausvater in der Not von ihm geliehen hat, Zins nehmen.  Es ist ein
Werk der Liebe.  Aber ein Kapital, das auf Gewinn in den Handel
gesteckt wird, ist verzinsbar.

9. Das nmliche gilt auch gegen die Mitbrger anderer Religionen.
Aller Wucher ist gnzlich verboten, in und ausser Frankreich und dem
Knigreich Italien, nicht nur gegen Glaubensgenossen und Mitbrger,
sondern auch gegen Fremde.

Diese neun Artikel sind publiziert worden den 2. Mrz 1807 und
unterschrieben von dem Vorsteher des Grossen Sanhedrin, Rabbi d.
Sinzheim von Strassburg und andern hohen Ratsherren.



Der grosse Schwimmer


Vor dem leidigen Krieg, als man noch unangefochten aus Frankreich
nach England reisen und in Dover ein Schpplein trinken oder Zeug
kaufen konnte zu einem Westlein, ging wchentlich zweimal ein
grosses Postschiff von Calais nach Dover durch die Meerenge und
wieder zurck.  Denn dort ist das Meer zwischen beiden Lndern nur
wenige Meilen breit.  Aber man musste kommen, eh' das Schiff abfuhr,
wenn man mitfahren wollte.  Dies schien ein Franzos aus Gaskonien
nicht zu wissen, denn er kam eine Viertelstunde zu spt, als man
schon die Hhner eintat in Calais, und der Himmel berzog sich mit
Wolken.  Soll ich jetzt ein paar Tage hier sitzen bleiben und
Maulaffen feil haben, bis wieder eine Gelegenheit kommt?  Nein,
dachte er, ringer, ich gebe einem Schiffsmann ein Zwlfsousstcklein
und fahre dem Postschiff nach.  Denn ein kleines Boot fhrt
geschwinder als das schwere Postschiff und holt es wohl ein.  Als er
aber in dem offenen Fahrzeuge sass, "wenn ich daran gedacht htte",
sagte der Schiffsmann, "so htt' ich ein Spanntuch mitgenommen";
denn es fing an zu trpfeln; aber wie?  In kurzer Zeit strmte ein
Regenguss aus der hohen Nacht herab, als wenn noch ein Meer von oben
mit dem Meer von unten sich vermhlen wollte.  Aber der Gaskonier
dachte: "Das gibt einen Spass."--"Gottlob!" sagte endlich der
Schiffsmann, "ich sehe das Postschiff." Als er nun an demselben
angelegt hatte, und der Gaskonier war hinaufgeklettert und kam
mitten in der Nacht und mitten im Meer auf einmal durch das Trlein
hinein zu der Reisegesellschaft, die im Schiff sass, wunderte sich
jeder, wo er herkomme, so spt, so allein und so nass.  Denn in einem
solchen Meerschiff sitzt man wie in einem Keller und hrt vor dem
Gesprch der Gesellschaft, vor dem Geschrei der Schiffsleute, vor
dem Getse, vor dem Rauschen der Segel und Brausen der Wellen nicht,
was draussen vorgeht, und keinem dachte das Herz daran, dass es
regnete.  "Ihr seht ja aus", sagte einer, "als wenn Ihr wret
gekielholt, das heisst unter dem Schiff durchgezogen worden."--"So?
Meint Ihr", sagte der Gaskonier, "man knne trocken schwimmen?  Wenn
das noch einer erfindet, so will ich's auch lernen, denn ich bin der
Bote von Oleron und schwimme alle Montage mit Briefen und
Bestellungen nach dem festen Lande, weil's geschwinder geht.  Aber
jetzt hab' ich etwas in England zu verrichten.  Wenn's erlaubt ist",
fuhr er fort, "so will ich nun vollends mitfahren, weil ich euch
glcklicherweise angetroffen habe.  Es kann den Sternen nach nimmer
weit sein nach Dover."--"Landsmann", sagte einer und stiess eine
Wolke von Tabaksrauch aus dem Mund (es war aber kein Landsmann,
sondern ein Englnder), "wenn Ihr von Calais bis hierher geschwommen
seid durch das Meer, so seid Ihr noch ber den schwarzen Schwimmer
in London."--"Ich gehe keinem aus dem Weg", sagte der Gaskonier.--
"Wollt Ihr's mit ihm versuchen", erwiderte der Englnder, "wenn ich
hundert Louisdor auf Euch setze?" Der Gaskonier sagte: "Mir an!"
Reiche Englnder haben im Brauch, auf Leute, die sich in einer
krperlichen Kunst hervortun, grosse Summen untereinander zu
verwetten; deswegen nahm der Englnder im Schiff den Gaskonier auf
seine Kosten mit sich nach London und hielt ihm gut zu mit Essen und
Trinken, dass er bei guten Krften bliebe.  "Mylord", sagte er in
London zu einem guten Freund, "ich habe einen Schwimmer mitgebracht
vom Meer.  Gilt's hundert Guineen: er schwimmt besser als Euer Mohr?"
Der gute Freund sagte: "Es gilt!" Den andern Tag erschienen beide
mit ihren Schwimmern auf einem bestimmten Platz an dem Themsefluss,
und viel hundert neugierige Menschen hatten sich versammelt und
wetteten noch extra, der eine auf den Mohr, der andere auf den
Gaskonier, einen Schilling, sechs Schilling; eine, zwei, fnf, zehn,
zwanzig Guineen, und der Mohr schlug den Gaskonier nicht hoch an.
Als sich aber beide schon ausgekleidet hatten, band sich der
Gaskonier mit einem ledernen Riemen noch ein Kistlein an den Leib
und sagte nicht warum, als wenn's so sein msste.  Der Mohr sagte
"Wie kommt Ihr mir vor?  Habt Ihr so etwas dem grossen Springer
abgelernt, der Bleikugeln an die Fsse binden musste, wenn er einen
Hasen fangen wollte, damit er den Hasen nicht bersprang?" Der
Gaskonier ffnete das Kistlein und sagte: "Ich habe nur eine Flasche
Wein darin, ein paar Knackwrste und ein Laiblein Brot.  Ich wollte
Euch eben fragen, wo Ihr Euere Lebensmittel habt.  Denn ich schwimme
jetzt geradeswegs den Themsefluss hinab in die Nordsee und durch den
Kanal ins Atlantische Meer nach Cadix, und wenn's nach mir geht, so
kehren wir unterwegs nirgends ein, denn bis Montag, als den
sechzehnten, muss ich wieder in Oleron sein.  Aber in Cadix im
Rsslein will ich morgen frh ein gutes Mittagessen bestellen, dass
es fertig ist, bis Ihr nachkommt." Der geneigte Leser htte kaum
gedacht, dass er sich auf diese Art aus der Affre herausziehen
wrde.  Aber der Mohr verlor Hren und Sehen.  "Mit diesem Enterich",
sagte er zu seinem Herrn, "kann ich nicht in die Wette schwimmen.
Tut, was ihr wollt", und kleidete sich wieder an.  Also war die Wette
zu Ende, und der Gaskonier bekam von seinem Englnder, der ihn
mitgebracht hatte, eine ansehnliche Belohnung, der Mohr aber wurde
von jedermann ausgelacht.  Denn ob man wohl merken mochte, dass es
von dem Franzosen nur Spiegelfechterei war, so fand doch jedermann
Vergngen an dem kecken Einfall und an dem unerwarteten Ausgang, und
er wurde nachher von allen, die auf ihn gewettet hatten, noch vier
Wochen lang in allen Wirtshusern und Bierkneipen freigehalten und
bekannte, dass er noch sein Leben lang in keinem Wasser gewesen sei.



Der Handschuhhndler


Ein Handschuhhndler, welcher eine Kiste voll feine Handschuh aus
Frankreich nach Deutschland bringen wollte, gebrauchte folgende
List.  Nmlich, es ist ein Gesetz an den franzsischen Zollsttten,
dass, wer mit einer Ware hinber oder herber will, der muss
angeben, "wie hoch schtzest du sie", wegen dem Zoll.  Schtzt er sie
nun, dass es gehen und stehen mag, gut, so zahlt er den Zoll, so
viel oder so wenig.  Sieht aber der Zollgardist, dass der Kaufmann
oder der Krmer seine Ware viel zu gering anschlgt, damit er nicht
viel dafr entrichten muss, so darf der Zollgardist sagen: "Gut, ich
gebe dir so viel dafr, ich geb' dir auch zehn Prozent mehr", so
muss sich's dann der Krmer gefallen lassen.  Der Krmer bekommt das
Geld, und der Zollgardist behaltet die Ware, die alsdann versteigert
wird in Kolmar oder in Strassburg oder so.  Solches ist listig
ausgedacht, und man kann nichts dagegen sagen.  Aber der Listigste
findet seinen Meister.

Ein Kaufmann, welcher zwei Kisten voll Handschuh ber den Rhein
bringen wollte, verabredete zuerst etwas mit einem Freunde.  Alsdann
legte er in die erste Kiste lauter rechte Handschuhe, nmlich fr
die rechte Hand, je zwei und zwei, in die andere lauter linke.  Die
linken schmuggelte er bei Nacht und Nebel herber.  Siehst du nichts,
merkst du nichts.  Mit den andern kam er an der Zollsttte an.
"Was habt Ihr in Eurer Kiste?" "Pariser Handschuhe." "Wie hoch
schlagt Ihr sie an?" "Zweihundert Franken." Der Zollgardist
betastete die Handschuhe; zart war das Leder, fest war es auch, fein
die Naht, kurz sie waren 400 Franken wert zwischen Brdern.  "Ich
gebe euch 220 Franken dafr, sagte der Zollgardist, "sie sind mein."
Der Krmer sagt: "Sind sie Euer, so sind sie mein gewesen.  Zehn
Prozent sind auch Profit." Also nahm er 220 Franken und liess die
Kiste im Stich.  Freitags drauf in Speier im Kaufhaus, es war noch in
der alten Zeit, kamen die Handschuhe zur Steigerung.

"Wer gibt mehr als zweihundert und zwanzig?"

Die Liebhaber besichtigten die Ware.  " Es scheint mir", sagte der
Freund des Krmers, "die linken seien etwas rar." "Parbleu", sagte
ein anderer, "es sind lauter rechte." Kein Mensch tat ein Gebot.
"Wer gibt zweihundert?--hundertundfnfzig?--hundert?--Wer gibt
achtzig?"--Kein Gebot.  "Wisst ihr was", sagte endlich der Freund
des Krmers, "es kommen vielleicht viel Leute mit einzechten Armen
aus dem Feld zurck." Es war Anno 13. "Ich geb sechzig Franken!"
sagte er.  Wem zugeschlagen wurde, war er.  Wer vor Zorn des Henkers
htte werden mgen, war der berrheinische Zollgardist.  Der
angestellte Kufer aber hat hernach die rechten Handschuhe ebenfalls
ber den Rhein geschmuggelt--siehst du nichts, merkst du nichts,
und hat sie in Waldangelloch mit seinem Freund wieder
zusammensepariert, je einen linken und einen rechten, und haben sie
in Frankfurt auf der Messe fr ein teures Geld verkauft.  An dem
Zollgardist aber hat der Krmer gewonnen: einhundertundvierzig
Franken und den Zoll.  Item, wie sagt die Schrift?  "Ich wusste nichts
von der Lust, so das Gesetz nicht htte gesagt: lass dich nicht
gelsten!"



Der Heiner und der Brassenheimer Mller


Eines Tages sass der Heiner ganz betrbt in einem Wirtshaus und
dachte daran, wie ihn zuerst der rote Dieter und danach sein eigener
Bruder verlassen haben, und wie er jetzt allein ist.  "Nein", dachte
er, "es ist bald keinem Menschen mehr zu trauen, und wenn man meint,
es sei einer noch so ehrlich, so ist er ein Spitzbub." Unterdessen
kommen mehrere Gste in das Wirtshaus und trinken Neuen, und "wisst
Ihr auch," sagte einer, "dass der Zundelheiner im Land ist und wird
morgen im ganzen Amt ein Treibjagen auf ihn angestellt, und der
Amtmann und die Schreiber stehen auf dem Anstand?" Als das der
Heiner hrte, wurde es ihm grn und gelb vor den Augen, denn er
dachte, es kenne ihn einer, und jetzt sei er verraten.  Ein anderer
aber sagte: "Es ist wieder einmal ein blinder Lrm.  Sitzt nicht der
Heiner und sein Bruder zu Wollenstein im Zuchthaus?" Drber kommt
auf einem wohlgenhrten Schimmel der Brassenheimer Mller mit roten
Pausbacken und kleinen, freundlichen Augen dahergeritten.  Und als er
in die Stube kam, und tut den Kameraden, die bei dem Neuen sitzen,
Bescheid und hrt, dass sie von dem Zundelheiner sprechen, sagt er:
"Ich hab' schon so viel von dem Zundelheiner erzhlen gehrt.  Ich
mcht' ihn doch auch einmal sehen." Da sagte ein anderer: "Nehmt
Euch in acht, dass Ihr ihn nicht zu frh zu sehen bekommt!  Es geht
die Rede, er sei wieder im Land." Aber der Mller mit seinen
Pausbacken sagte: "Pah!  ich komm' noch bei guter Tageszeit durch den
Fridstdter Wald, dann bin ich auf der Landstrasse; und wenn's
fehlen will, geb' ich dem Schimmel die Sporen." Als das der Heiner
hrte, fragt er die Wirtin: "Was bin ich schuldig", und geht fort in
den Fridstdter Wald.  Unterwegs begegnet ihm auf der Bettelfuhr ein
lahmer Mensch.  "Gebt mir fr ein Ksperlein Eure Krcke", sagte er
zu dem lahmen Soldaten.  "Ich habe das linke Bein bertreten, dass
ich laut schreien mchte, wenn ich drauf treten muss.  Im nchsten
Dorf, wo Ihr abgeladen werdet, macht Euch der Wagner eine neue."
Also gab ihm der Bettler die Krcke.  Bald darauf gehen zwei
betrunkene Soldaten an ihm vorbei und singen das Reiterlied.  Wie er
in den Fridstdter Wald kommt, hngt er die Krcke an einen hohen
Ast, setzt sich ungefhr sechs Schritte davon weg an die Strasse und
zieht das linke Bein zusammen, als wenn er lahm wre.  Drber kommt
auf stattlichem Schimmel der Mller daher trottiert und macht ein
Gesicht, als wenn er sagen wollte: "Bin ich nicht der reiche Mller,
und bin ich nicht der schne Mller, und bin ich nicht der witzige
Mller?" Als aber der witzige Mller zu dem Heiner kam, sagte der
Heiner mit klglicher Stimme: "Wolltet Ihr nicht ein Werk der
Barmherzigkeit tun an einem armen, lahmen Mann?  Zwei betrunkene
Soldaten, sie werden Euch wohl begegnet sein, haben mir all mein
Almosengeld abgenommen und haben mir aus Bosheit, dass es so wenig
war, die Krcke auf jenen Baum geschleudert, und ist an den sten
hngen blieben, dass ich nun nimmer weiter kann.  Wolltet Ihr nicht
so gut sein und sie mit Eurer Peitsche herabzwicken?" Der Mller
sagte: "Ja, sie sind mir begegnet an der Waldspitze.  Sie haben
gesungen: So herzig, wie mein Liesel ist halt nichts auf der Welt."
Weil aber der Mller auf einem schmalen Steg ber einen Graben zu
dem Baum musste, so stieg er von dem Ross ab, um dem armen Teufel
die Krcke herabzuzwicken.  Als er aber an dem Baum war, und schaut
hinauf, schwingt sich der Heiner schnell wie ein Adler auf den
stattlichen Schimmel, gibt ihm mit dem Absatz die Sporen und reitet
davon.  "Lasst Euch das Gehen nicht verdriessen," rief er dem Mller
zurck, "und wenn Ihr heimkommt, so richtet Eurer Frau einen Gruss
aus von dem Zundelheiner!" So etwas muss man selber sehen, wenn
man's glauben soll.  Deswegen steht's hierneben abgebildet.  Als er
aber eine Viertelstunde nach Betzeit nach Brassenheim und an die
Mhle kam und alle Rder klapperten, dass ihn niemand hrte, stieg
er vor der Mhle ab, band dem Mller den Schimmel wieder an der
Haustre an und setzte seinen Weg zu Fuss fort.



Der Herr Graf


Eines Abends, da sassen wir in einem vornehmen Gasthause und
vexierten einander mit allerlei.  "Wisst Ihr noch, zum Beispiel",
fragte der Graf den Hausfreund, "wie Ihr einst mit einem fremden
Herrn angegangen seid, an dem nmlichen Platz, wo Ihr jetzt sitzet,
von wegen der Sternseherei, und wie Ihr von einem beschrien worden
seid, als Ihr nachher auf dem linken Flgel wolltet abziehen?  Man
muss sich mit fremden Leuten in acht nehmen, die man nicht kennt",
sagte der Graf im Scherz, und erfuhr es bald nachher im Ernst.  Denn
mancher gibt eine gute Lehre und befolgt sie selber nicht.
Es kamen jetzt aus einer Chaise vier fremde Personen in die Stube
und darunter zwei schne weibliche Gestalten, wie sie der Graf gerne
sieht, und freute sich schon der angenehmen Tischgesellschaft.  Als
wir aber nher zusammenrckten, damit die Fremden Platz htten am
Tisch, bestellten sie ihr Nachtessen in ein eigenes Gemach, denn sie
seien mde von der Reise und reich.  Als aber der Hausfreund
hinwiederum den Grafen vexieren wollte: "denkt Ihr auch noch daran,
wie Ihr einmal seid heimgeschickt worden, als der ungarische Major
im Land war", da war schon kein Graf mehr weit und breit zu sehen,
sondern er war mit des Wirts Vorwissen und Geflligkeit in eine
Kammer gegangen und kleidete sich daselbst anderst an, als wenn er
in die Wirtschaft gehrte.  In solcher Gestalt ging er in die Stube,
wo die Fremden waren, deckte den Tisch, brachte das Essen, wartete
auf und erfreute sein Herz an der Schnheit der weiblichen Gestalten
und an ihren sssen Reden.  Auch musste er ihnen Neuigkeiten
erzhlen.  Mehr Unglcksflle sind in zehn Jahren nicht geschehen,
als damals an einem Tag nach des Grafen Erzhlung.  Den andern Tag
reisten die Fremden wieder weiter, wir meinten nach Basel.  Am
Mittwoch aber oder Donnerstags drauf wurden wir einig, in die
lustige Badestadt zu gehen, wo unzhlige Fremde aus allen Weltteilen
der Gesundheit pflegen und sich der wunderschnen Landschaft
erfreuen.  Als wir aber dort um die Mittagszeit in einen Speisesaal
traten, es waren schon viele Leute da, erblickten wir die nmlichen
vier Personen wieder und sie uns; und wer uns kannte, bewillkommte
uns laut mit Namen und tat uns unsre Ehre an.  "Seid uns hchlich
gegrsst, Herr Graf!  Guten Tag, Herr Hausfreund!  Was fhrt Euch fr
ein Glcksstern zu uns, Herr Graf?  Hausfreund, was bringt Ihr Neues
von daheim?" Da schaute mit Schweisstropfen auf der Stirne der Graf
den Hausfreund an: "Jetzt ist guter Rat teuer, wenn Ihr keinen
wisst.  Was Ihr aber tut, bringt's nicht in den Kalender." "Herr
Graf", erwiderte der Hausfreund, "diesmal will ich Euch noch retten.
Aber knftig befolgt die Lehren selbst, die Ihr andern gebt!  In
solche Verlegenheit kommt man mit Euch." Also redete der Hausfreund
mit dem Wirt, was er zu den fremden Personen sagen sollte.  Der Wirt
sagte: "Wenn das so ist, so muss man freilich aus der Not eine
Tugend machen", und redete mit den Fremden.  "Wisst ihr", sagte er,
"wer die zwei Personen sind, die zuletzt da hereinkamen?  Der eine
ist eines Wirts Sohn nicht weit von hier, sonst ein
wahrheitsliebender junger Mann, nur bisweilen, nachdem als der Mond
steht, kommt es ihm in den Kopf, er sei der Graf Susse.  Deswegen
machen ihm die Leute, weil er gut ist, diesen Spass.  Der andere ist
der Rheinlndische Hausfreund, dem im Jahr 1814 auf 1815 eine Eule
aufgesessen ist, wie ihr im Morgenblatt knnt gelesen haben." Da
sprach die eine weibliche Gestalt halb seufzend: "Der arme Mensch!"
- nmlich der Graf--"wir kennen ihn", sagte sie.  "Wir haben auch
damals schon etwas an ihm gemerkt.  Statt des Kaffee, den er uns auf
den andern Morgen bestellen sollte, bestellte er uns eine
Habermehlsuppe." Also wurde die Sache noch glcklich vertuscht, und
als sie hernach sahen, mit welcher Feinheit und Wrde er sich gegen
jedermann benahm, sagten sie: "Man sieht's ihm recht an, dass ihm
der Graf von Herzen geht.  Mit Vorsatz knnte sich einer nicht so
verstellen."



Der Herr Wunderlich


Nicht nur wird die Einfalt von dem Mutwillen irregefhrt, oft auch
von dem Zufall.  Seltener erlst sie der Zufall wieder aus den
Fangstricken des Mutwillens.  Wie erging es jenem Bauersmann, der in
der Stadt einem Brger namens Wunderlich einen Wagen voll Holz
verkauft hatte auf dem Marktplatz?  "Fahrt jetzt nur dort die Strasse
hinaus", sagte der Brger, "bis zum Eisenladen, hernach links in die
Gasse, hernach beim ersten Brunnen wieder rechts, hernach beim Roten
Lwen wieder links.  Numero 428 ist mein Haus, Jakob Wunderlich." Und
bis so weit gut.  Der Bauersmann aber dachte: "Ist's nicht noch frh
am Vormittag, hab' ich nicht das Holz um einen guten Preis verkauft,
will ich nicht zuerst noch ein Schpplein trinken in der Kneipe da?"
und repetierte fr sich: "Eisenladen,--links--rechts--links--
Numero 428." Aber in der Kneipe sassen bei einem Saueressen auch
schon ein paar lustige Gesellen, und als sie ihn sahen hereinkommen,
stiess einer den andern mit den Ellenbogen, und der andere fing an,
als wenn er fortfhre: "Drum muss man's selber gesehen haben", sagte
er, "und bei den Russen gewesen sein, wenn man's glauben soll, wo
der Mann im mittleren Glied, ich will vom Flgelmann nicht reden,
zwanzig Ellen misst, auch weniger.  Jeder Finger ist eine Pistole,
die Zhne sind Pallisaden mit Feldschlangen dazwischen, die Nase ein
Bollwerk, die Augen Bombenkugeln.  Jedes Barthaar ist ein Bajonett,
jedes Haupthaar ein Sabel.  Ein solcher Sabel lsst sich
auseinanderziehen, wie ein Perspektiv, fr in die Nhe zu fechten
und in die Weite.  Verliert ihn einer, so zieht er einen andern aus
dem Haar.  An den Fssen sind ihnen Schiffe gewachsen, und es ist
ihnen einerlei, ob auf dem Wasser oder auf dem Land.  Der Mann
schultert seinen Achtundvierzigpfnder.  Jeder hat sieben Leben.
Ttet Ihr ihm eins, so hat er noch sechs.  Jeder Gemeine hat
Majorsrang." Der geneigte Leser wird an diesem Msterlein genug
haben.  Unserm Bauersmann aber verging Hren und Sehen, und so weit
war es nicht gut.  Denn als er wieder auf die Strasse kam, waren ihm
vor Staunen und Entsetzen der Eisenladen, die Gasse links, die Gasse
rechts und der Herr Wunderlich aus dem Gedchtnis heraus
verschwunden, und wen er fragte: "Guter Freund, wisst Ihr mir nicht
zu sagen, wo der Herr wohnt, dem ich das Holz verkauft habe, so und
so sieht er aus?" der gab ihm keine Antwort oder eine falsche.  Der
eine sagte: "Am obern Tore Numero 1." Dort sagte ein anderer: "Nein,
er ist ausgezogen und wohnt jetzt in der untern Vorstadt Numero 916.
Glcklicherweise fhrte ihn sein Weg nach der untern Vorstadt durch
die Schulgasse, und einige Schler standen vor der Tre.  Die
Brschlein, dachte er, wissen sonst den Bescheid in der Stadt herum
am besten, weil sie der Wind aus allen Gassen zusammengeht.  "Junger
Herr", sagte er zu einem, "wolltet Ihr mir nicht sagen, wo der Herr
wohnt, der mir dieses Holz abgekauft hat", und so und so.  Der
Schler, ein durchtriebener Kopf, erwiderte: "Guter Freund, ich bin
noch nicht in der Schwarzen Kunst, ich bin noch in der Philosophie
(so hiess die Klasse, worin er sass).  Wenn ihr aber", sagte er, "zu
dem Herrn in der obern Stube gehen wollt, der das grosse Buch hat,
wo Gribis Grabis drin steht: Tunkus, Blemsum, Schalelei, Ikmack und
Norma, der schlagt's Euch auf fr zwei Schillinge." In der obern
Stube legte er zwei Schillinge auf den Tisch.  "Herr Magister, ich
habe vergessen, wie der Herr heisst, und wo er wohnt, dem ich mein
Holz verkauft habe.  Wollet Ihr nicht so gut sein und es mir aus
Euerm Gribis-Grabis-Buch dort sagen." Der Schulherr aber schaute
diese Zumutung mit ungemeinem Staunen an, also dass er zuletzt die
Brille abhob und den baumwollenen Schlafrock bereinadernahm.  "Guter
Freund", wollte er sagen, "das ist wohl wunderlich von Euch, dass
Ihr meint, ich knne Euch aus meinen Bchern sagen, was Euch im Kopf
fehlt." Als er aber angefangen hatte: "Guter Freund, das ist wohl
wunderlich", fiel ihm der Bauersmann mit freudiger Verwunderung in
die Rede.  "Ganz richtig", sagte er, "es ist Herr Wunderlich.
Sapperment", sagte er, "das heiss ich ins Schwarze getroffen gleich
auf den ersten Schuss und ohne Buch", und entsetzte sich jetzt noch
viel mehr ber die allwissende Gelehrsamkeit des Schulherrn, als
vorher ber die frchterlichen Soldaten in der Kneipe.  Der Schulherr
aber gab ihm seine zwei Schillinge wieder und liess ihm hernach
durch ein Bblein zeigen, wo der Herr Wunderlich wohnt.  Also hat dem
Mann ein lcherlicher Zufall wieder auf die Spur geholfen, von
welcher er war abgeleitet worden durch den Mutwillen.



Der Husar in Neisse


Als vor achtzehn Jahren die Preussen mit den Franzosen Krieg fhrten
und durch die Provinz Champagne zogen, dachten sie auch nicht daran,
dass sich das Blttlein wenden knnte, und dass der Franzos noch im
Jahr 1806 nach Preussen kommen und den ungebetenen Besuch wettmachen
werde.  Denn nicht jeder fhrte sich auf, wie es einem braven
Soldaten in Feindesland wohl ansteht.  Unter andern drang damals ein
brauner preussischer Husar, der ein bser Mensch war, in das Haus
eines friedlichen Mannes ein, nahm ihm all sein bares Geld, so viel
war, und viel Geldeswert, zuletzt auch noch das schne Bett mit
nagelneuem berzug und misshandelte Mann und Frau.  Ein Knabe von
acht Jahren bat ihn kniend, er mchte doch seinen Eltern nur das
Bett wiedergeben.  Der Husar stosst ihn unbarmherzig von sich.  Die
Tochter luft ihm nach, hlt ihn am Dolman fest und fleht um
Barmherzigkeit.  Er nimmt sie und wirft sie in den Sodbrunnen, so im
Hofe steht, und rettet seinen Raub.  Nach Jahr und Tagen bekommt er
seinen Abschied, setzt sich in der Stadt Neisse in Schlesien, denkt
nimmer daran, was er einmal verbt hat, und meint, es sei schon
lange Gras darber gewachsen.  Allein, was geschieht im Jahr 1806?
Die Franzosen rcken in Neisse ein; ein junger Sergeant wird abends
einquartiert bei einer braven Frau, die ihm wohl aufwartet.  Der
Sergeant ist auch brav, fhrt sich ordentlich auf und scheint guter
Dinge zu sein.  Den andern Morgen kommt der Sergeant nicht zum
Frhstck.  Die Frau denkt: Er wird noch schlafen, und stellt ihm den
Kaffee ins Ofenrohr.  Als er noch immer nicht kommen wollte, ging sie
endlich in das Stblein hinauf, macht leise die Tre auf und will
sehen, ob ihm etwas fehlt.

Da sass der junge Mann wach und aufgerichtet im Bette, hatte die
Hnde ineinander gelegt und seufzte, als wenn ihm ein gross Unglck
begegnet wre, oder als wenn er das Heimweh htte oder so etwas, und
sah nicht, dass jemand in der Stube ist.  Die Frau aber ging leise
auf ihn zu und fragte ihn: "Was ist Euch begegnet, Herr Sergeant,
und warum seid Ihr so traurig?" Da sah sie der Mann mit einem Blick
voll Trnen an und sagte, die berzge dieses Bettes, in dem er
heute Nacht geschlafen habe, haben vor 18 Jahren seinen Eltern in
Champagne angehrt, die in der Plnderung alles verloren haben und
zu armen Leuten geworden seien, und jetzt denke er an alles und sein
Herz sei voll Trnen.  Denn es war der Sohn des geplnderten Mannes
in Champagne und kannte die berzge noch, und die roten
Namensbuchstaben, womit sie die Mutter gezeichnet hatte, waren ja
auch noch daran.  Da erschrak die gute Frau und sagte, dass sie
dieses Bettzeug von einem braunen Husaren gekauft habe, der noch
hier in Neisse lebe, und sie knne nichts dafr.

Da stand der Franzose auf und liess sich in das Haus des Husaren
fhren und kannte ihn wieder.

"Denkt Ihr noch daran", sagte er zu dem Husaren, "wie Ihr vor 18
Jahren einem unschuldigen Mann in Champagne Hab und Gut und zuletzt
auch noch das Bett aus dem Hause getragen habt, und habt keine
Barmherzigkeit gehabt, als Euch ein achtjhriger Knabe um Schonung
anflehte, und an meine Schwester?" Anfnglich wollte der alte Snder
sich entschuldigen, es gehe bekanntlich im Kriege nicht alles, wie
es soll, und was der eine liegen lasse, hole doch ein anderer, und
Lieber nimmt man's selber.  Als er aber merkte, dass der Sergeant der
nmliche sei, dessen Eltern er geplndert und misshandelt hatte, und
als er ihn an seine Schwester erinnerte, versagte ihm vor
Gewissensangst und Schrecken die Stimme, und er fiel vor dem
Franzosen auf die zitternden Knie nieder und konnte nichts mehr
herausbringen als: "Pardon!", dachte aber: Es wird nicht viel
helfen.

Der geneigte Leser denkt vielleicht auch: "Jetzt wird der Franzos
den Husaren zusammenhauen", und freut sich schon darauf.  Allein das
knnte mit der Wahrheit nicht bestehen.  Denn wenn das Herz bewegt
ist und vor Schmerz fast brechen will, mag der Mensch keine Rache
nehmen.  Da ist ihm die Rache zu klein und verchtlich, sondern er
denkt: Wir sind in Gottes Hand, und will nicht Bses mit Bsem
vergelten.  So dachte der Franzose auch und sagte: "Dass du mich
misshandelt hast, das verzeihe ich dir.  Dass du meine Eltern
misshandelt und zu armen Leuten gemacht hast, das werden dir meine
Eltern verzeihen.  Dass du meine Schwester in den Brunnen geworfen
hast, und ist nimmer davongekommen, das verzeihe dir Gott!"--Mit
diesen Worten ging er fort, ohne dem Husaren das Geringste zuleide
zu tun, und es ward ihm in seinem Herzen wieder wohl.  Dem Husaren
aber war es nachher zumut, als wenn er vor dem jngsten Gericht
gestanden wre und htte keinen guten Bescheid bekommen.  Denn er
hatte von dieser Zeit an keine ruhige Stunde mehr und soll nach
einem Vierteljahr gestorben sein.

Merke: Man muss in der Fremde nichts tun, worber man sich daheim
nicht darf finden lassen.

Merke: Es gibt Untaten, ber welche kein Gras wchst.



Der kann Deutsch


Bekanntlich gibt es in der franzsischen Armee viele
Deutschgeborene, die es aber im Feld und im Quartier nicht immer
merken lassen.  Das ist alsdann fr einen Hauswirt, der seinen
Einquartierten fr einen Stockfranzosen hlt, ein gross Kreuz und
Leiden, wenn er nicht franzsisch mit ihm reden kann.  Aber ein
Brger in Salzwedel, der im letzten Krieg einen Sundgauer im
Quartier hatte, entdeckte von ohngefhr ein Mittel, wie man bald
dahinter kommt.  Es ging so zu.  Der Sundgauer parlierte lauter Foudre
Diable, forderte mit dem Sbel in der Faust immer etwas anders, und
der Salzwedler wusste nie, was?  Htt's ihm gern gegeben, wenn er
gekonnt htte.  Da sprang er in der Not in seines Nachbarn Haus, der
sein Gevatter war und ein wenig franzsisch kann, und bat ihn um
seinen Beistand.  Der Gevatter sagte: "Er wird aus der Dauphine sein,
ich will schon mit ihm zurechtkommen." Aber weit gefehlt.  War's
vorher arg, so war's jetzt rger.  Der Sundgauer machte Forderungen,
die der gute Mann nicht zu befriedigen wusste, so dass er endlich im
Unwillen sagte "Das ist ja der vermaledeiteste Spitzbube, mit dem
mich der Bolettenschreiber noch heimgesucht hat." Aber kaum war das
unvorsichtige Wort heraus, so bekam er von dem vermeinten
Stockfranzosen eine ganz entsetzliche Ohrfeige.  Da sagte der
Nachbar: "Gevattermann!  Nun lasst Euch nimmer Angst sein, der kann
Deutsch."



Der kluge Richter


Dass nicht alles so uneben sei, was im Morgenlande geschieht, das
haben wir schon einmal gehrt.  Auch folgende Begebenheit soll sich
daselbst zugetragen haben: Ein reicher Mann hatte eine betrchtliche
Geldsumme, welche in ein Tuch eingenhet war, aus Unvorsichtigkeit
verloren.  Er machte daher seinen Verlust bekannt und bot, wie man zu
tun pflegt, dem ehrlichen Finder eine Belohnung, und zwar von
hundert Talern, an.  Da kam bald ein guter und ehrlicher Mann
dahergegangen.  "Dein Geld habe ich gefunden.  Dies wird's wohl sein!
So nimm dein Eigentum zurck!" So sprach er mit dem heitern Blick
eines ehrlichen Mannes und eines guten Gewissens, und das war schn.
Der andere machte auch ein frhliches Gesicht, aber nur, weil er
sein verloren geschtztes Geld wieder hatte.  Denn wie es um seine
Ehrlichkeit aussah, das wird sich bald zeigen.  Er zhlte das Geld,
und dachte unterdessen geschwinde nach, wie er den treuen Finder um
seine versprochene Belohnung bringen knnte.  "Guter Freund", sprach
er hierauf, " es waren eigentlich 800 Taler in dem Tuch eingenht.
Ich finde aber nur noch 700 Taler.  Ihr werdet also wohl eine Naht
aufgetrennt und Eure 100 Taler Belohnung schon herausgenommen haben.
Da habt Ihr wohl daran getan.  Ich danke Euch." Das war nicht schn.
Aber wir sind auch noch nicht am Ende.  Ehrlich whrt am lngsten,
und Unrecht schlgt seinen eigenen Herrn.  Der ehrliche Finder, dem
es weniger um die 100 Taler als um seine unbescholtene
Rechtschaffenheit zu tun war, versicherte, dass er das Pcklein so
gefunden habe, wie er es bringe, und es so bringe, wie er's gefunden
habe.  Am Ende kamen sie vor den Richter.  Beide beistanden auch hier
noch auf ihrer Behauptung, der eine, dass 800 Taler seien eingenht
gewesen, der andere, dass er von dem Gefundenen nichts genommen und
das Pcklein nicht versehrt habe.  Da war guter Rat teuer.  Aber der
kluge Richter, der die Ehrlichkeit des einen und die schlechte
Gesinnung des andern zum voraus zu kennen schien, griff die Sache so
an: er liess sich von beiden ber das, was sie aussagten, eine feste
und feierliche Versicherung geben, und tat hierauf folgenden
Ausspruch: "Demnach, und wenn der eine von euch 800 Taler verloren,
der andere aber nur ein Pcklein mit 700 Talern gefunden hat, so
kann auch das Geld des letztern nicht das nmliche sein, auf welches
der erstere ein Recht hat.  Du, ehrlicher Freund, nimmst also das
Geld, welches du gefunden hast, wieder zurck, und behltst es in
guter Verwahrung, bis der kommt, welcher nur 700 Taler verloren hat.
Und dir da weiss ich keinen Rat, als du geduldest dich, bis
derjenige sich meldet, der deine 800 Taler findet." So sprach der
Richter, und dabei blieb es.



Der kluge Sultan


Zu dem Grosssultan der Trken, als er eben an einem Freitag in die
Kirche gehen wollte, trat ein armer Teufel von seinen Untertanen mit
schmutzigem Bart, zerfetztem Rock und durchlcherten Pantoffeln,
schlug ehrerbietig und kreuzweise die Arme bereinander und sagte:
"Glaubst du auch, grossmchtiger Sultan, was der Prophet sagt?" Der
Sultan, so ein gtiger Herr war, sagte: "Ja, ich glaube, was der
Prophet sagt." Der arme Teufel fuhr fort: "Der Prophet sagt im
Alkoran: Alle Muselmnner (das heisst, alle Mohammedaner) sind
Brder.  Herr Bruder, so sei so gut und teile mit mir das Erbe." Dazu
lchelte der Kaiser und dachte: Das ist eine neue Art, ein Almosen
zu betteln, und gibt ihm einen Lwentaler.  Der Trke beschaut das
Geldstck lang auf der einen Seite und auf der andern Seite.  Am Ende
schttelt er den Kopf und sagt: "Herr Bruder, wie komme ich zu einem
schbigen Lwentaler, so du doch mehr Silber und Gold hast, als
hundert Maulesel tragen knnen, und meinen Kindern daheim werden vor
Hunger die Ngel blau, und mir wird nchstens der Mund ganz
zuwachsen.  Heisst das geteilt mit einem Bruder?" Der gtige Sultan
aber hob warnend den Finger in die Hhe und sagte: "Herr Bruder, sei
zufrieden, und sage ja niemand, wieviel ich dir gegeben habe, denn
unsere Familie ist gross, und wenn unsere andern Brder alle auch
kommen und wollen ihr Erbteil von mir, so wird's nicht reichen, und
du musst noch herausgeben." Das begriff der Herr Bruder, ging zum
Bckermeister Abu Tlengi und kaufte ein Laiblein Brot, der Kaiser
aber begab sich in die Kirche und verrichtete sein Gebet.



Der Kommandant und die badischen Jger in Hersfeld


Folgende Begebenheit verdient, dass sie im Andenken bleibe, und wer
keine Freude daran hat, den will ich nicht loben.

Im verflossenen Winter, als die franzsische Armee und ein grosser
Teil der bundesgenossischen Truppen in Polen und Preussen stand,
befand sich ein Teil des badischen Jgerregiments in Hessen und in
der Stadt Hersfeld auf ihren Posten.  Denn dieses Land hatte der
Kaiser im Anfang des Feldzugs eingenommen und mit Mannschaft
besetzt.  Da gab es nun von seiten der Einwohner, denen das Alte
besser gefiel als das Neue, mancherlei Unordnungen, und es wurden
besonders in dem Ort Hersfeld mehrere Widersetzlichkeiten ausgebt
und unter andern ein franzsischer Offizier gettet.  Das konnte der
franzsische Kaiser nicht geschehen lassen, whrend er mit einem
zahlreichen Feind im Angesicht kmpfte, dass auch hinter ihm
Feindseligkeiten ausbrachen und ein kleiner Funke sich zu einer
grossen Feuersbrunst entzndete.  Die armen Einwohner von Hersfeld
bekamen daher bald Ursache, ihre unberlegte Khnheit zu bereuen.
Denn der franzsische Kaiser befahl, die Stadt Hersfeld zu plndern
und alsdann an vier Orten anzuznden und in die Asche zu legen.
Dieses Hersfeld ist ein Ort, der viele Fabriken und daher auch viele
reiche und wohlhabende Einwohner und schne Gebude hat; und ein
Menschenherz kann wohl empfinden, wie es nun den armen Leuten, den
Vtern und Mttern zumute war, als sie die Schreckenspost vernahmen;
und der arme Mann, dem sein Hab und Gut auf einmal auf dem Arm
konnte weggetragen werden, war jetzt so bel dran als der reiche,
dem man es auf vielen Wagen nicht wegfhren konnte; und in der Asche
sind die grossen Huser auf dem Platz und die kleinen in den Winkeln
auch so gleich als die reichen Leute und die armen Leute auf dem
Kirchhof.  Nun, zum Schlimmsten kam es nicht.  Auf Frbitte der
franzsischen Kommandanten in Kassel und Hersfeld wurde die Strafe
so gemildert: es sollten zwar nur vier Huser verbrannt werden, und
dies war glimpflich; aber bei der Plnderung sollte es bleiben, und
das war noch hart genug.  Die unglcklichen Einwohner waren auch, als
sie diesen letzten Bescheid hrten, so erschrocken, so alles Mutes
und aller Besinnung beraubt, dass sie der menschenfreundliche
Kommandant selber ermahnen musste, statt des vergeblichen Klagens
und Bittens die kurze Frist zu benutzen und ihr Bestes noch
geschwind auf die Seite zu schaffen.  Die frchterliche Stunde
schlug; die Trommel wirbelte ins Klaggeschrei der Unglcklichen.
Durch das Getmmel der Flchtenden und Fliehenden und Verzweifelten
eilten die Soldaten auf ihren Sammelplatz.  Da trat der brave
Kommandant von Hersfeld vor die Reihen seiner baldigen Jger,
stellte ihnen zuerst das traurige Schicksal der Einwohner lebhaft
vor die Augen und sagte hierauf: "Soldaten!  Die Erlaubnis zu
plndern fngt jetzt an.  Wer dazu Lust hat, der trete heraus aus dem
Glied!" So sprach der Kommandant; und wer jetzt ein Glas voll Wein
hat neben sich stehen, der trinke es aus zu Ehren der badischen
Jger.  Kein Mann trat aus dem Glied.  Nicht einer!  Der Aufruf wurde
wiederholt.  Kein Fuss bewegte sich; und wollte der Kommandant
geplndert haben, so htte er mssen selber gehen.  Aber es war
niemand lieber als ihm, dass die Sache also ablief; das ist leicht
zu bemerken.  Als die Brger das erfuhren, war es ihnen zumute wie
einem, der aus einem schweren Traum erwacht.  Ihre Freude ist nicht
zu beschreiben.  Sie schickten sogleich eine Gesandtschaft an den
Kommandanten, liessen ihm fr diese Milde und Grossmut danken und
boten ihm aus Dankbarkeit ein grosses Geschenk an.  Wer weiss, was
mancher getan htte!  Aber der Kommandant schlug dasselbe ab und
sagte: er lasse sich keine gute Tat mit Geld bezahlen.  "Nur zum
Andenken von euch", setzte er hinzu, "erbitte ich mir eine silberne
Mnze, auf welcher die Stadt Hersfeld vorgestellt ist und der
heutige Auftritt.  Dies soll das Geschenk sein, welches ich meiner
knftigen Gattin aus dem Krieg mitbringen will." Dies ist geschehen
im Februar des Jahrs 1807, und so etwas ist des Lesens zweimal wert.



Der Lehrjunge


Eines Tages wurde in Rheinfelden ein junger Mensch wegen eines
verbten Diebstahls an den Pranger gestellt, an das Halseisen, und
ein fremder, wohlgekleideter Mensch blieb die ganze Zeit unter den
Zuschauern stehen und verwandte kein Auge von ihm.  Als aber der Dieb
nach einer Stunde herabgelassen wurde von seinem Ehrenposten und zum
Andenken noch 20 Prgel bekommen sollte, trat der Fremde zu dem
Hatschier, drckte ihm einen Kleinen Taler in die Hand und sagte:
"Setzt ihm die Prgel ein wenig krftig auf, Herr Haltunsfest!  Gebt
ihm die besten, die Ihr aufbringen knnt"; und der Hatschier mochte
schlagen, so stark er wollte, so rief der Fremde immer: "Besser!
Noch besser!" und den jungen Menschen auf der Schranne fragte er
bisweilen mit hhnischem Lachen: "Wie tut's, Brschlein?  Wie
schmeckt's?"

Als aber der Dieb zur Stadt war hinausgejagt worden, ging ihm der
Fremde von weitem nach, und als er ihn erreicht hatte auf dem Weg
nach Degerfelden, sagte er zu ihm: "Kennst du mich noch, Gutschick?"
Der junge Mensch sagte: "Euch werde ich so bald nicht vergessen.
Aber sagt mir doch, warum habt Ihr an meiner Schmach eine solche
Schadenfreude gehabt und an dem Pass, den mir der Hatschier mit dem
Weidenstumpen geschrieben hat, so ich doch Euch nicht bestohlen,
auch mein Leben lang sonst nicht beleidiget habe." Der Fremde sagte:
"Zur Warnung, weil du deine Sache so einfltig angelegt hattest,
dass es notwendig herauskommen musste.  Wer unser Metier treiben
will, ich bin der Zundelfrieder", sagte er, und er war's auch--"wer
unser Metier treiben will, der muss sein Geschft mit List anfangen
und mit Vorsicht zu Ende bringen.  Wenn du aber zu mir in die Lehre
gehen willst, denn an Verstand scheint es dir nicht zu fehlen, und
eine Warnung hast du jetzt, und so will ich mich deiner annehmen und
etwas Rechtes aus dir machen." Also nahm er den jungen Menschen als
Lehrjungen an, und als es bald darauf unsicher am Rhein wurde, nahm
er ihn mit sich in die spanischen Niederlande.



Der listige Kaufherr


Der Adjunkt, der dieses schreibt, hat allemal eine grosse Freude,
wenn er auch ein Geschichtlein einmauren kann in den Kalender.  Denn
was er in gelehrte Bcher hineinstiftet, lesen nicht viel Leute, am
wenigsten die Gelehrten selber.  Der Hausfreund aber hat nach den
neuesten Zhlungen 700000 Leser, ohne die, welche umsonst zuhren.
Diesmal aber freut er sich insbesondere zu erzhlen, wie einmal ein
grosser Spitzbube auch hinter das Licht gefhrt worden ist; denn die
Wlfe beissen bisweilen auch ein gescheites Hndlein, sagt Doktor
Luther.

Ein franzsischer Kaufherr segelte mit einem Schiff voll grossen
Reichtums aus der Levante heim, aus dem Morgenland, wo unser Glaube,
unsere Fruchtbume und unser Blut daheim ist, und dachte schon mit
Freuden daran, wie, er jetzt bald ein eigenes Schlsslein am Meer
bauen, und ruhig leben und alle Abend dreierlei Fische zu Nacht
speisen wolle.  Paff, geschah ein Schuss.  Ein algierisches Raubschiff
war in der Nhe, wollte uns gefangen nehmen und geraden Wegs nach
Algier fhren in die Sklaverei.  Denn hat man zwischen Wasser und
Himmel gute Gelegenheit Luftschlsser zu bauen, so hat man auch gute
Gelegenheit zu stehlen.  So denken die algierschen Seeruber auch.
Hat das Wasser keine Balken, so hat's auch keine Galgen.  Zum Glck
hatte der Kaufherr einen Ragusaner auf dem Schiff, der schon einmal
in algierischer Gefangenschaft gewesen war und ihre Sprache und ihre
Prgel aus dem Fundament verstand.  Zu dem sagte der Kaufherr:
"Nicolo, hast du Lust noch einmal algierisch zu werden?  Folge mir,
was ich dir sage, so kannst du dich erretten und uns." Also
verbargen wir uns alle im Schiff, dass kein Mensch zu sehen war, nur
der Ragusaner stellte sich oben auf das Verdeck.  Als nun die
Seeruber mit ihren blinkenden Sbeln schon nahe waren und riefen,
die Christenhunde sollten sich ergeben, fing der Ragusaner mit
klglicher Stimme auf algierisch an: Tschamiana, fing er an,
tschamiana halakna bilabai monaschid ana billah onzorun min almaut.
"Wir sind alle an der Pest gestorben bis auf die Kranken, die noch
auf ihr Ende warten, und ein deutscher Adjunkt und ich.  Um Gottes
willen rettet mich!" Dem Algierer Seekapitn, als er hrte, dass er
so nah an einem Schiff voll Pest sei, kam's grn und gelb vor die
Augen.  In der grssten Geschwindigkeit hielt er das Schnupftuch vor
die Nase, hatte aber keins, sondern den rmel; und lenkte sein
Schiff hinter den Wind.  Lajonzork, sagte er, Allahorraman arrahim
atabarra laka it schanat chall.  "Gott helfe dir, der Gndige und
Barmherzige!  Aber geh zum Henker mit deiner Pest!  Ich will dir eine
Flasche voll Kruteressig reichen." Darauf liess er ihm eine Flasche
voll Kruteressig reichen an einer langen Stange und segelte so
schnell als mglich linksum.  Also kamen wir glcklich aus der
Gefahr, und der Kaufherr baute hernach in der Gegend von Marseille
das Schlsslein und stellte den Ragusaner als Haushofmeister an auf
lebenslang.



Der listige Quker


Die Quker sind eine Sekte, zum Exempel in England, fromme,
friedliche und verstndige Leute, wie hierzuland die Wiedertufer
ungefhr, und drfen vieles nicht tun nach ihren Gesetzen: nicht
schwren, nicht das Gewehr tragen, vor niemand den Hut abziehn, aber
reiten drfen sie, wenn sie Pferde haben.  Als einer von ihnen einmal
abends auf einem gar schnen, stattlichen Pferd nach Haus in die
Stadt wollte reiten, wartet auf ihn ein Ruber mit kohlschwarzem
Gesicht ebenfalls auf einem Ross, dem man alle Rippen unter der
Haut, alle Knochen, alle Gelenke zhlen konnte, nur nicht die Zhne,
denn sie waren alle ausgebissen, nicht am Haber, aber am Stroh.
"Kind Gottes", sagte der Ruber, "ich mchte meinem armen Tier da,
das sich noch dunkel an den Auszug der Kinder Israel aus gypten
erinnern kann, wohl auch ein so gutes Futter gnnen, wie das Eurige
haben muss dem Aussehen nach.  Wenn's Euch recht ist, so wollen wir
tauschen.  Ihr habt doch keine geladene Pistole bei Euch, aber ich."
Der Quker dachte bei sich selbst: "Was ist zu tun?  Wenn alles
fehlt, so hab' ich zu Haus noch ein zweites Pferd, aber kein zweites
Leben." Also tauschten sie miteinander, und der Ruber ritt auf dem
Ross des Qukers nach Haus, aber der Quker fhrte das arme Tier des
Rubers am Zaum.  Als er aber gegen die Stadt und an die ersten
Huser kam, legte er ihm den Zaum auf den Rcken und sagte: "Geh
voraus, Lazarus; du wirst deines Herrn Stall besser finden als ich."
Und so liess er das Pferd vorausgehen und folgte ihm nach Gasse ein,
Gasse aus, bis es vor einer Stalltre stehen blieb.  Als es stehen
blieb und nimmer weiter wollte, ging er in das Haus und in die
Stube, und der Ruber fegte gerade den Russ aus dem Gesicht mit
einem wollenen Strumpf.  "Seid Ihr wohl nach Hause gekommen?" sagte
der Quker.  "Wenn's Euch recht ist, so wollen wir jetzt unsern
Tausch wieder aufheben, er ist ohnedem nicht gerichtlich besttigt.
Gebt mir mein Rsslein wieder, das Eurige steht vor der Tr." Als
sich nun der Spitzbube entdeckt sah, wollte er wohl oder bel, gab
er dem Quker sein gutes Pferd zurck.  "Seid so gut", sagte der
Quker, "und gebt mir jetzt auch noch zwei Taler Rittlohn; ich und
Euer Rsslein sind miteinander zu Fuss spaziert." Wollte der
Spitzbube wohl oder bel, musst' er ihm auch noch zwei Taler
Rittlohn bezahlen.  "Nicht wahr, das Tierlein lauft einen sanften
Trab?" sagte der Quker.



Der listige Steiermarker


In Steiermark, ein wenig abhanden von der Strasse, dachte ein
reicher Bauer im letzten Krieg: wie fang' ich's an, dass ich meine
Kronentaler und meine Duktlein rette in dieser bsen Zeit?  Die
Kaiserin Maria Theresia ist mir noch so lieb, trst' sie Gott, und
der Kaiser Joseph, trst' ihn Gott, und der Kaiser Franz, Gott
schenk' ihm Leben und Gesundheit.  Und wenn man meint, man habe die
lieben Herrschaften noch so gut verborgen und geflchtet, so riecht
sie der Feind, sobald er die Nase ins Dorf streckt, und fhrt sie in
die Gefangenschaft ins Lothringen oder in die Champagne, dass einem
armen Untertanen das Herz dabei bluten mchte vor Patriotismus.
"Jetzt weiss ich," sagte er, "wie ich's anfange", und trug das Geld
bei dunkler, blinder Nacht in den Krautgarten.  "Das Siebengestirn
verratet mich nicht", sagte er.  Im Krautgarten legte er das Geld
geradezu zwischen die Gelveieleinstcke und die spanischen Wicken.

Nebendran grub er ein Loch in das Weglein zwischen den Beeten und
warf allen Grund daraus auf das Geld und zertrat rings herum die
schnen Blumenstcke und das Mangoldkraut, wie einer, der Sauerkraut
einstampft.  Am Montag drauf streiften schon die Chasseurs im ganzen
Revier, und am Donnerstag kam eine Partie ins Dorf, frisch auf die
Mhle zu, und aus der Mhle mit weissen Ellenbogen zu unserm Bauern:
und "Geld her, Buur," rief ihm ein Sundgauer mit blankem Sbel
entgegen, "oder bet' dein letztes Vaterunser." Der Bauer sagte, sie
mchten nehmen, was sie in Gottes Namen noch finden.  Er habe nichts
mehr, es sei gestern und vorgestern schon alles in Rapuse gegangen.
"Vor euch kann man etwas verbergen," sagt er, "ihr seid die
Rechten." Als sie nichts fanden ausser ein paar Kupferkreuzer und
einen vergoldeten Sechser mit dem Bildnis der Kaiserin Maria
Theresia und ein Ringlein dran zum Anhngen, "Buur," sagte der
Sundgauer, "du hast dein Geld verlochet; auf der Stelle zeig', wo du
dein Geld verlocht hast, oder du gehst ohne dein letztes Vaterunser
aus der Welt." "Auf der Stelle kann ich's euch nicht zeigen," sagte
der Bauer, "so sauer mich der Gang ankommt, sondern ihr msst mit
mir in den Krautgarten gehen.  Dort will ich euch zeigen, wo ich es
verborgen hatte, und wie es mir ergangen ist.  Der Herr Feind ist
schon gestern und vorgestern dagewesen und haben's gefunden und
alles geholt." Die Chasseure nahmen den Augenschein im Garten ein,
fanden alles, wie es der Mann angegeben hatte, und keiner dachte
daran, dass das Geld unter dem Grundhaufen liegt, sondern jeder
schaute in das leere Loch und dachte: wr' ich nur frher gekommen.
"Und htten sie nur die schnen Gelveieleinstcke und den Goldlack
nicht so verderbt", sagte der Bauer, und so hinterging er diese und
alle, die noch nachkamen, und hat auf diese Art das ganze
erzherzogliche Haus, den Kaiser Franz, den Kaiser Joseph, die
Kaiserin Maria Theresia und den allerhchstseligen Herrn Leopold den
Ersten gerettet und glcklich im Land behalten.



Der Prozess ohne Gesetz


Nur weil es unter allen Stnden einfltige Leute gibt, gibt es
solche auch unter dem achtungswerten Bauernstand; sonst wr es nicht
ntig.  Ein solcher schob eines Morgens einen schwarzen Rettich und
ein Stck Brot in die Tasche, und "Frau", sagte er, "gib acht zum
Haus, ich gehe jetzt in die Stadt." Unterwegs sagte er von Zeit zu
Zeit: "Dich will ich bekommen.  Mit dir will ich fertig werden", und
nahm allemal eine Prise darauf, als wenn er den Tabak meinte, mit
ihm woll' er fertig werden; er meinte aber seinen Schwager, den
lmller.  In der Stadt ging er geradeswegs zu einem Advokaten und
erzhlte ihm, was er fr einen Streit habe mit seinem Schwager wegen
einem Stck Reben im untern Berg, und wie einmal der Schwed am Rhein
gewesen sei und seine Voreltern drauf ins Land gekommen seien, der
Schwager aber sei von Enzberg im Wrttembergischen, und der Herr
Advokat soll jetzt so gut sein und einen Prozess daraus machen.  Der
Advokat mit einer Tabakspfeife im Mund, sie rauchen fast alle, tat
gewaltige Zge voll Rauch, und es gab lauter schwebende Ringlein in
der Luft, der Adjunkt kann auch machen.  Dabei war er aber ein
aufrichtiger Mann, als Rechtsfreund und Rechtsbeistand natrlich.
"Guter Mann", sagte er, "wenn's so ist, wie Ihr mir da vortragt, den
Prozess knnt Ihr nicht gewinnen", und holte ihm vom Schaft das
Landrecht hinter einem porzellinen Tabakstopf hervor.  "Seht da",
schlug er ihm auf, "Kapitel soundsoviel, Numero vier, das Gesetz
spricht gegen Euch unverrichteter Sachen." Indem klopft jemand an
der Tre und tritt herein, und ob er einen Zwerchsack ber die
Schulter hngen hatte und etwas drin, genug, der Advokat geht mit
ihm in die Kammer abseits.  "Ich komm' gleich wieder zu Euch."
Unterdessen riss der Bauersmann das Blatt aus dem Landrecht, worauf
das Gesetz stand, drckte es geschwind in die Tasche und legte das
Buch wieder zusammen.  Als er wieder bei dem Advokaten allein war,
stellt er den rechten Fuss ein wenig vor und schlotterte mit dem
Knie ein paarmal ein- und auswrts, teils weil es dortzuland zum
guten Vortrag gehrt, teils damit der Advokat etwas sollte klingeln
hren oben in der Tasche.  "Ihr Gnaden", sagte er zu dem Advokaten,
"ich hab' mich unterdessen besonnen.  Ich meine, ich will's doch
probieren, wenn Sie sich der Sache annehmen wollten", und, machte
ein verschlagenes Gesicht dazu, als wenn er noch etwas wsste und
sagen wollte: Es kann nicht fehlen.  Der Advokat sagte: "Ich habe
aufrichtig mit Euch gesprochen und Euch klaren Wein eingeschenkt."
Der Bauersmann schaute unwillkrlich auf den Tisch, aber er sah
keinen.  "Wenn Ihr's wollt drauf ankommen lassen", fuhr der Advokat
fort, "so kommt's mir auch nicht drauf an." Der Bauersmann sagte:
"Es wird nicht alles gefehlt sein."

Kurz, der Prozess wird anhngig, und der Advokat brauchte das
Landrecht nicht mehr weiters dazu, weil er das Gesetz auswendig
wusste wie alle.  Item was geschieht?  Der Gegenpart hatte einen
saumseligen Advokaten, der Advokat verabsumt einen Termin, und
unser Bauersmann gewinnt den Prozess.  Als ihm nun der Advokat den
Spruch publizierte, "aber nicht wahr", sagte der Advokat, "diesen
schlechten Rechtshandel hab' ich gut fr Euch gefhrt?"--"Den
Kuckuck hat Er", erwiderte der Bauersmann und zog das ausgerissene
Blatt wieder aus der Tasche hervor: "Sieht Er da?  Kann Er gedruckt
lesen?  Wenn ich nicht das Gesetz aus dem Landrecht gerissen htte,
Er htt' den Prozess lang verloren." Denn er meinte wirklich, der
Prozess sei dadurch zu seinem Vorteil ausgefallen, dass er das
gefhrliche Gesetz aus dem Landrecht gerissen hatte, und auf dem
Heimweg, so oft er eine Prise nahm, machte er allemal ein pfiffiges
Gesicht und sagte: "Mit dir bin ich fertig worden, lmller."
Item.  So knnen Prozesse gewonnen werden.  Wohl dem, der keinen zu
verlieren hat.



Der Rekrut


Ein Rekrut, dem schon in den ersten 14 Tagen das Schildwachstehen
langweilig vorkam, betrachtete einmal das Schilderhaus unten und
oben und hinten und vornen, wie ein Frster, wenn er einen Baum
schtzt, oder ein Metzger ein Huptlein Vieh.  Endlich sagte er: "Ich
mchte nur wissen, was sie an dem einfltigen Kasten finden, dass
den ganzen Tag einer dastehen und ihn hten muss." Denn er meinte,
er stehe da wegen dem Schilderhaus, nicht das Schilderhaus wegen
ihm.



Der Rekrut


Zum schwbischen Kreiskontingent kam im Jahr 1795 ein Rekrut, so ein
schner, wohlgewachsener Mann war.  Der Offizier fragte ihn, wie alt
er sei.  Der Rekrut antwortete: "Einundzwanzig Jahr.  Ich bin ein
ganzes Jahr lang krank gewesen, sonst wr' ich zweiundzwanzig."



Der schlaue Husar


Ein Husar im letzten Kriege wusste wohl, dass der Bauer, dem er
jetzt auf der Strasse entgegenging, 100 Gulden fr geliefertes Heu
eingenommen hatte und heimtragen wollte.  Deswegen bat er ihn um ein
kleines Geschenk zu Tabak und Branntwein.  Wer weiss, ob er mit ein
paar Batzen nicht zufrieden gewesen wre.  Aber der Landmann
versicherte und beteuerte bei Himmel und Hlle, dass er den eigenen
letzten Kreuzer im nchsten Dorfe ausgegeben und nichts mehr brig
habe.  "Wenn's nur nicht so weit von meinem Quartier wre", sagte
hierauf der Husar, "so wre uns beiden zu helfen; aber wenn du hast
nichts, ich hab' nichts, so mssen wir den Gang zum heiligen
Alfonsus doch machen.  Was er uns heute beschert, wollen wir
brderlich teilen." Dieser Alfonsus stand in Stein ausgehauen in
einer alten, wenig besuchten Kapelle am Feldweg.  Der Landmann hatte
anfangs keine grosse Lust zu dieser Wallfahrt.  Aber der Husar nahm
keine Vorstellung an und versicherte unterwegs seinen Begleiter so
nachdrcklich, der heilige Alfonsus habe ihn noch in keiner Not
stecken lassen, dass dieser selbst anfing, Hoffnung zu gewinnen.
Vermutlich war in der abgelegenen Kapelle ein Kamerad und
Helfershelfer des Husaren verborgen?  Nichts weniger!  Es war wirklich
das steinerne Bild des Alfonsus, vor welchem sie jetzt
niederknieten, whrend der Husar gar andchtig zu beten schien.
"Jetzt", sagte er seinem Begleiter ins Ohr, "jetzt hat mir der
Heilige gewunken." Er stand auf, ging zu ihm hin, hielt die Ohren an
die steinernen Lippen und kam gar freudig wieder zu seinem Begleiter
zurck.  "Einen Gulden hat er mir geschenkt: in meiner Tasche msse
er schon stecken." Er zog auch wirklich zum Erstaunen des andern
einen Gulden heraus, den er aber schon vorher bei sich hatte, und
teilte ihn versprochenermassen brderlich zur Hlfte.  Das leuchtete
dem Landmann ein, und es war ihm gar recht, dass der Husar die Probe
noch einmal machte.  Alles ging das zweite Mal wie zuerst.  Nur kam
der Kriegsmann diesmal viel freudiger von dem Heiligen zurck.

"Hundert Gulden hat uns jetzt der gute Alfonsus auf einmal
geschenkt.  In deiner Tasche mssen sie stecken." Der arme Bauer
wurde todesblass, als er dies hrte, und wiederholte seine
Versicherung, dass er gewiss keinen Kreuzer habe.  Allein der Husar
redete ihm zu, er sollte doch nur Vertrauen zu dem heiligen Alfonsus
haben und nachsehen.  Alfonsus habe ihn noch nie angefhrt.  Wollte er
wohl oder bel, so musste er seine Taschen umkehren und leer machen.
Die hundert Gulden kamen richtig zum Vorschein, und hatte er vorher
dem schlauen Husaren die Hlfte von seinem Gulden abgenommen, so
musste er jetzt auch seine hundert Gulden mit ihm teilen, da half
kein Bitten und kein Flehen.

Das war fein und listig, aber eben doch nicht recht, zumal in einer
Kapelle.



Der schlaue Mann


Einem andern, als er das Wirtshaussitzen bis nach Mitternacht
anfing, schloss einmal die Frau nachts um zehn Uhr die Tre zu und
ging ins Bett, und wollt' er wohl oder bel, so musste er unter dem
Immenstand im Garten ber Nacht sein.  Den andern Tag, was tut er?
Der geneigte Leser gebe acht!  Als er ins Wirtshaus ging, hob er die
Haustre aus den Kloben und nahm sie mit, und frh um ein Uhr, als
er heimkam, hngt er sie wieder ein und schloss sie zu, und seine
Frau hat ihn nimmer ausgeschlossen und ist ins Bett gegangen,
sondern hat ihn nachher mit Liebe und Sanftmut gebessert.



Der schlaue Pilgrim


Vor einigen Jahren zog ein Mssiggnger durch das Land, der sich fr
einen frommen Pilgrim ausgab, gab vor, er komme von Paderborn und
laufe geradenweges zum Heiligen Grab nach Jerusalem, fragte schon in
Mllheim an der Post: "Wie weit ist es noch nach Jerusalem?" Und
wenn man ihm sagte: "Siebenhundert Stunden; aber auf dem Fussweg
ber Mauchen ist es eine Viertelstunde nher", so ging er, um auf
dem langen Weg eine Viertelstunde zu ersparen, ber Mauchen.  Das
wre nun so bel nicht.  Man muss einen kleinen Vorteil nicht
verachten, sonst kommt man zu keinem grossen.  Man hat fter
Gelegenheit, einen Batzen zu ersparen oder zu gewinnen, als einen
Gulden.  Aber 15 Batzen sind auch ein Gulden, und wer auf einem Wege
von 700 Stunden nur allemal an fnf Stunden weiss eine Viertelstunde
abzukrzen, der hat an der ganzen Reise gewonnen--rechnet selber
aus, wieviel?  Allein unser verkleideter Pilgrim dachte nicht ebenso,
sondern weil er nur dem Mssiggang und guten Essen nachzog, so war
es ihm einerlei, wo er war.  Ein Bettler kann nach dem alten
Sprichwort nie verirren, muss in ein schlechtes Dorf kommen, wenn er
nicht mehr drin bekommt, als er unterwegs an den Sohlen zerreisst,
zumal wenn er barfuss geht.  Unser Pilgrim aber dachte doch immer
darauf, sobald als mglich wieder an die Landstrasse zu kommen, wo
reiche Huser stehen und gut gekocht wird.  Denn der Halunke war
nicht zufrieden, wie ein rechter Pilgrim sein soll, mit gemeiner
Nahrung, die ihm von einer mitleidigen und frommen Hand gereicht
wurde, sondern wollte nichts fressen als nahrhafte
Kieselsteinsuppen.  Wenn er nmlich irgendwo so ein braves Wirtshaus
an der Strasse stehen sah, wie zum Exempel das Posthaus in
Krotzingen oder den Baselstab in Schliengen, so ging er hinein und
bat ganz demtig und hungrig um ein gutes Wasserspplein von
Kieselsteinen, um Gottes willen, Geld habe er keines.--Wenn nun die
mitleidige Wirtin zu ihm sagte: "Frommer Pilgrim, die Kieselsteine
knnten Euch hart im Magen liegen!" so sagte er: "Eben deswegen!  Die
Kieselsteine halten lnger an als Brot, und der Weg nach Jerusalem
ist weit.  Wenn Ihr mir aber ein Glslein Wein dazu bescheren wollt,
um Gottes willen, so knnt' ich's freilich besser verdauen." Wenn
aber die Wirtin sagte: "Aber, frommer Pilgrim, eine solche Suppe
kann Euch doch unmglich Kraft geben!" so antwortete er: "Ei, wenn
Ihr anstatt des Wasser wolltet Fleischbrhe dazu nehmen, um Gottes
willen, so wr's freilich nahrhafter." Brachte nun die Wirtin eine
solche Suppe und sagte: "Die Tnklein sind doch nicht so gar weich
geworden", so sagte er: "Ja, und die Brhe sieht gar dnn aus.
Httet Ihr nicht ein paar Gabeln voll Gems darein oder ein
Stcklein Fleisch oder beides um Gottes willen?" Wenn ihm nun die
mitleidige Wirtin auch noch Gems und Fleisch in die Schssel legte,
so sagte er: "Vergelts Euch Gott!  Gebt mir jetzt Brot, so will ich
die Suppe essen." Hierauf streifte er die rmel seines
Pilgergewandes zurck, setzte sich und griff an das Werk mit
Freuden, und wenn er Brot und Wein und Fleisch und Gems und die
Fleischbrhe aufgezehrt hatte bis auf den letzten Brosamen, Faser
und Tropfen, so wischte er den Mund am Tischtuch oder an dem rmel
ab, oder auch gar nicht, und sagte: "Frau Wirtin, Eure Suppe hat
mich rechtschaffen gesttigt, so dass ich die schnen Kieselsteine
nicht einmal mehr zwingen kann.  Es ist schad dafr!  Aber hebt sie
auf.  Wenn ich wieder komme, so will ich Euch eine heilige Muschel
mitbringen ab dem Meeresstrand von Askalon oder eine Rose von
Jericho."

(Drum hte dich; nicht das Gewand macht den Pilgrim, sondern der
fromme Sinn, und eine Snde ist es, dasselbe zu missbrauchen.)



Der Schneider in Pensa


Der Schneider in Pensa, was ist das fr ein Mnnlein!
Sechsundzwanzig Gesellen auf dem Brett, jahraus, jahrein fr halb
Ruland Arbeit genug und doch kein Geld, aber ein froher, heiterer
Sinn, ein Gemt, treu und kstlich wie Gold, und mitten in Asien
deutsches Blut rheinlndischer Hausfreundschaft.

Im Jahre 1812, als Ruland nimmer Straen genug hatte fr die
Kriegsgefangenen an der Beresina oder in Wilna, ging eine auch durch
Pensa, das fr sich schon mehr als einhundert Tagereisen weit von
Lahr oder Pforzheim entfernt ist, und wo die beste deutsche oder
englische Uhr, wer eine hat, nimmer recht geht, sondern ein paar
Stunden zu spt.  In Pensa ist der Sitz des ersten russischen
Statthalters in Asien, wenn man von Europa aus hereinkommt.  Also
wurden dort die Kriegsgefangenen abgegeben und bernommen und
alsdann weiter abgefhrt in das tiefe, fremde Asien hinein, wo die
Christenheit ein Ende hat und niemand mehr das Vaterunser kennt,
wenn's nicht einer gleichsam als eine fremde Ware aus Europa
mitbringt.  Also kamen eines Tages mit Franzosen meliert, auch
sechzehn Rheinlnder, badische Offiziere, die damals unter den
Fahnen Napoleons gedient hatten, ber die Schlachtfelder und
Brandsttten Europas ermattet, krank, mit erfrorenen Gliedmaen und
schlecht geheilten Wunden, ohne Geld, ohne Kleidung, ohne Trost in
Pensa an und fanden in diesem unheimlichen Lande kein Ohr mehr, das
ihre Sprache verstand, kein Herz mehr, das sich ber ihre Leiden
erbarmte.  Als aber einer den andern mit trostloser Miene anblickte:
"Was wird aus uns werden?" oder "Wann wird der Tod unserm Elend ein
Ende machen, und wer wird den letzten begraben?" da vernahmen sie
mitten durch das russische und kosakische Kauderwelsch wie ein
Evangelium vom Himmel unvermutet eine Stimme: "Sind keine Deutschen
da?" und es stand vor ihnen auf zwei nicht ganz gleichen Fen eine
liebe, freundliche Gestalt.  Das war der Schneider von Pensa, Franz
Anton Egetmeier, gebrtig aus Bretten im Neckarkreis, Groherzogtum
Baden.  Hat er nicht im Jahre 1779 das Handwerk gelernt in Mannheim?
Hernach ging er auf die Wanderschaft nach Nrnberg, hernach ein
wenig nach Petersburg hinein.  Ein Pflzer Schneider schlgt sieben
bis acht mal hundert Stunden Wegs nicht hoch an, wenn's ihn inwendig
treibt.  In Petersburg aber lie er sich unter ein russisches
Kavallerieregiment als Regimentsschneider engagieren und ritt mit
ihm in die fremde russische Welt hinein, wo alles anders ist, nach
Pensa, bald mit der Nadel stechend, bald mit dem Schwert.  In Pensa
aber, wo er sich nachher huslich und brgerlich niederlie, ist er
jetzt ein angesehenes Mnnlein.  Will jemand in ganz Asien ein
sauberes Kleid nach der Mode haben, so schickt er zu dem deutschen
Schneider in Pensa.  Verlangt er etwas von dem Statthalter, der doch
ein vornehmer Herr ist und mit dem Kaiser reden darf, so hat's ein
guter Freund vom andern verlangt, und hat auf dreiig Stunden Weges
ein Mensch ein Unglck oder einen Schmerz, so vertraut er sich dem
Schneider von Pensa an; er findet bei ihm, was ihm fehlt: Trost,
Rat, Hilfe, ein Herz und ein Auge voll Liebe, Obdach, Tisch und
Bett, nur kein Geld.

Einem Gemte wie dieses war, das nur in Liebe und Wohltun reich ist,
blhte auf den Schlachtfeldern des Jahres 1812 eine schne
Freudenernte Sooft ein Transport von unglcklichen Gefangenen kam,
warf er Schere und Elle weg und war der erste auf dem Platze, und
"Sind keine Deutschen da?" war seine erste Frage.  Denn er hoffte von
einem Tag zum anderen, unter den Gefangenen Landsleute anzutreffen,
und freute sich, wie er ihnen Gutes tun wollte, und liebte sie schon
zum voraus ungesehenerweise, wie eine Frau ihr Kindlein schon liebt
und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.  "Wenn sie nur so oder so
ausshen", dachte er.  Wenn ihnen nur auch recht viel fehlt, damit
ich ihnen recht viel Gutes erweisen kann." Doch nahm er, wenn keine
Deutschen da waren, auch mit Franzosen vorlieb und erleichterte
ihnen, bis sie weitergefhrt wurden, ihr Elend, als nach Krften er
konnte.  Diesmal aber, und als er mitten unter so viele brave
Landsleute, auch Darmstdter und andere, hineinrief: "Sind keine
Deutschen da?" er mute zum zweitenmal fragen, denn das erstemal
konnten sie vor Staunen und Ungewiheit nicht antworten, sondern das
se deutsche Wort in Asien verklang in ihren Ohren wie ein
Harfenton, und als er hrte: "Deutsche genug", und von jedem
erfragte, woher er sei er wr' mit Mecklenburgern oder Kursachsen
auch zufrieden gewesen, aber einer sagte.  "Von Mannheim am
Rheinstrom", als wenn der Schneider nicht vor ihm gewut htte, wo
Mannheim liegt; der andere sagte: Yon Bruchsal", der dritte: "Von
Heidelberg", der vierte: "Von Gochsheim", da zog es wie ein warmes,
auflsendes Tauwetter durch den ganzen Schneider hindurch.  "Und ich
bin von Bretten`, sagte das herrliche Gemt, Franz Anton Egetmeier
von~Bretten, wie Joseph von Agypten zu den Shnen Israels sagte:
"Ich bin Joseph, euer Bruder" und die Trnen der Freude, der Wehmut
und heiligen Heimatliebe traten a112n in die Augen, und es war
schwer zu sagen, ob sie einen freudigeren Fund an dem Schneider oder
der Schneider an seinen Landsleuten machte, und welcher Teil am
gerhrtesten war.  jetzt fhrte der gute Mensch seine teuern
Landsleute im Triumph in seine Wohnung und bewirtete sie mit einem
erquicklichen Mahle, wie in der Geschwindigkeit es aufzutreiben war.
jetzt eilte er zum Statthalter und bat ihn um dit Gnade, da er
seine Landsleute in Pensa behalten drfe.  "Anton", sagte der
Statthalter, wann hab ich Euch etwas abgeschlagen?" jetzt lief er in
der Stadt herum und suchte fr die, die in seinem Hause nicht Platz
hatten, bei seinen Freunden und Bekannten die besten Quartiere aus.
jetzt musterte er seine Gste, einen nach dem anderen.  "Herr
Landsmann", sagte er zu dem einen, "mit Eurem Weizeug sieht's
windig aus.  Ich werde Euch fr ein halbes Dutzend neue Hemder
sorgen." "Ihr braucht auch ein neues Rcklein", sagte er zu einem
andern Euers kann noch gewendet und ausgebessert werden", zu einem
dritten, und so zu allen, und augenblicklich wurde zugeschnitten,
und alle sechsundzwanzig Gesellen arbeiteten Tag und Nacht an
Kleidungsstcken fr seine werten rheinischen Hausfreunde.  In
wenigen Tagen waren alle neu oder anstndig ausstaffiert.  Ein guter
Mensch, auch wenn er in Nten ist, mibraucht niemals fremde
Gutmtigkeit; deswegen sagten zu ihm die rheinischen Hausfreunde:
"Herr Landmann, verrechnet Euch nicht.  Ein Kriegsgefangener bringt
keine Mnzen mit.  So wissen wir auch nicht, wie wir Euch fr Eure
groen Auslagen werden schadlos halten knnen und wann."Darauf
erwiderte der Schneider: "Ich finde hinlngliche Entschdigung in
dem Gefhl, Ihnen helfen zu knnen.  Benutzen Sie alles, was ich
habe!  Sehen Sie mein Haus und meinen Garten als den Ihrigen an!" So
kurz weg und ab, wie ein Kaiser oder Knig spricht, wenn, eingefat
in Wrde, die Gte hervorblickt.  Denn nicht nur die hohe frstliche
Geburt und Gromut, sondern auch die liebe husliche Demut gibt,
ohne es zu wissen, bisweilen den Herzen knigliche Sprche ein,
Gesinnungen ohnehin.  jetzt fhrte er sie freudig wie ein Kind in der
Stadt bei seinen Freunden herum und machte Staat mit ihnen.  Der
Erzhler hat jetzt nimmer Zeit und Raum genug, alles Gute zu rhmen,
das er seinen Freunden erwies.  So sehr sie zufrieden waren, so wenig
war er es.  jeden Tag erfand er neue Mittel, ihnen den unangenehmen
Zustand der Kriegsgefangenschaft zu erleichtern und das fremde Leben
in Asien angenehm zu machen.  War in der lieben Heimat ein hohes
Geburts oder Namensfest, es wurde am nmlichen Tage von den Treuen
auch in Asien mit Gastmahl, mit Vivat und Freudenfeuer gehalten, nur
etwas frher, weil dort die Uhren falsch gehen.  Kam eine frohe
Nachricht von dem Vorrcken und dem Siege der hohen Alliierten in
Deutschland an, der Schneider war der erste, der sie wute und
seinen Kindern er nannte sie nur noch seine Kinder mit Freudentrnen
zubrachte, darum, da sich ihre Erlsung nahte.  Als einmal Geld zur
Untersttzung der Gefangenen aus dem Vaterland ankam, war ihre erste
Sorge, ihrem Wohltter seine Auslagen zu vergten.  "Kinder", sagte
er, "verbittert mir meine Freude nicht!" Vater Egetmeier", sagten
sie, "tut unserem Herzen nicht wehe!" Also machte er ihnen zum
Schein eine kleine Rechnung, nur um sie nicht zu betrben und um das
Geld wieder zu ihrem Vergngen anzuwenden, bis die letzte Kopeke aus
den Hnden war.

Das gute Geld war fr einen anderen Gebrauch zu bestimmen; aber man
kann nicht an alles denken.  Denn als endlich die Stunde der Erlsung
schlug, gesellte sich zur Freude ohne Ma der bittere Schmerz der
Trennung und zu dem bitteren Schmerz die Not.  Denn es fehlte an
allem, was zur Notdurft und zur Vorsorge auf eine so lange Reise in
den Schrecknissen des russischen Winters und einer unwirtbaren
Gegend ntig war, und ob auch auf den Mann, solange sie durch
Ruland zu reisen hatten, tglich dreizehn Kreuzer verabreicht
wurden, so reichte doch das wenige nirgends hin.  Darum ging in
diesen letzten Tagen der Schneider, sonst so frohen, leichten Mutes,
still und nachdenklich herum, als der etwas im Sinn hat, und war
wenig mehr zu Hause.  "Es geht ihm recht zu Herzen", sagten die
rheinlndischen Herren Hausfreunde und merkten nichts.  Aber auf
einmal kam er mit groen Freudenschritten, ja mit verklrtem Antlitz
zurck: "Kinder, es ist Rat; Geld genug!" Was war's?  Die gute Seele
hatte fr 2000 Rubel das Haus verkauft "Ich will schon eine
Unterkunft finden", sagte er, wenn nur Ihr ohne Leid und Mangel nach
Deutschland kommt." 0 du heiliges, lebendig gewordenes Sprchlein
des Evangeliums und seiner Liebe: "Verkaufe, was du hast, und gib es
denen, die es bedrftig sind, so wirst du einen Schatz im Himmel
haben." Der wird einst weit oben rechts zu erfragen sein, wenn die
Stimme gesprochen hat: "Kommt, ihr Gesegneten!  Ich bin hungrig
gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin nackt gewesen, und ihr
habt mich gekleidet; ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr
habt euch meiner angenommen." Doch der Kauf wurde, zu groem Trost
fr die edlen Gefangenen, wieder rckgngig gemacht.

Nichtsdestoweniger brachte er auf andere Art noch einige hundert
Rubel fr sie zusammen und ntigte sie, was er hatte von kostbarem
russischem Pelzwerk, mitzunehmen, um es unterwegs zu verkaufen, wenn
sie Geldes bedrftig wren oder einem ein Unglck widerfhre.  Den
Abschied will der Hausfreund nicht beschreiben.  Keiner, der dabei
war, vermag es.  Sie schieden unter tausend Segenswnschen und Trnen
des Dankes und der Liebe, und der Schneider gestand, da dieses fr
ihn der schmerzlichste Tag seines Lebens sei.  Die Reisenden aber
sprachen unterwegs unaufhrlich und noch immer von ihrem Vater in
Pensa, und als sie in Bialystok in Polen wohlbehalten ankamen und
Geld antrafen, schickten sie ihm dankbar das vorgeschossene
Reisegeld zurck.

Das war das Gotteskind Franz Anton Egetmeier, Schneidermeister in
Asien.



Der Schneider in Pensa


Ein rechtschaffener Kalendermacher, zum Beispiel der Hausfreund, hat
von Gott dem Herrn einen vornehmen und freudigen Beruf empfangen,
nmlich, dass er die Wege aufdecke, auf welchen die ewige Vorsehung
fr die Hilfe sorgt, noch ehe die Not da ist, und dass er kundmache
das Lob vortrefflicher Menschen, sie mgen doch auch stecken, fast
wo sie wollen.

Der Schneider in Pensa, was ist das fr ein Mnnlein!
Sechsundzwanzig Gesellen auf dem Brett, jahraus jahrein fr halb
Russland Arbeit genug, und doch kein Geld, aber ein froher, heiterer
Sinn, ein Gemt treu und kstlich wie Gold und mitten in Asien
deutsches Blut rheinlndischer Hausfreundschaft.

Im Jahr 1812, als Russland nimmer Strassen genug hatte fr die
Kriegsgefangenen an der Berezina oder in Wilna, ging eine auch durch
Pensa, welches fr sich schon mehr als hundert Tagereisen weit von
Lahr oder Pforzheim entfernt ist, und wo die beste deutsche oder
englische Uhr, wer eine hat, nimmer recht geht, sondern ein paar
Stunden zu spat.  In Pensa ist der Sitz des ersten russischen
Statthalters in Asien, wenn man von Europa aus hereinkommt.  Also
wurden dort die Kriegsgefangenen abgegeben und bernommen und
alsdann weiter abgefhrt in das tiefe, fremde Asien hinein, wo die
Christenheit ein Ende hat und niemand mehr das Vaterunser kennt,
wenn's nicht einer gleichsam als eine fremde Ware aus Europa
mitbringt.  Also kamen eines Tages mit Franzosen meliert auch
sechzehn rheinlndische Herren Leser, badische Offiziere, die damals
unter den Fahnen Napoleons gedient hatten, ber die Schlachtfelder
und Brandsttten von Europa ermattet, krank, mit erfrorenen
Gliedmassen und schlecht geheilten Wunden, ohne Geld, ohne Kleidung,
ohne Trost in Pensa an und fanden in diesem unheimlichen Land kein
Ohr mehr, das ihre Sprache verstand, kein Herz mehr, das sich ber
ihre Leiden erbarmte.  Als aber einer den andern mit trostloser Miene
anblickte: "Was wird aus uns werden?" oder: "Wann wird der Tod
unserm Elend ein Ende machen, und wer wird den letzten begraben?" da
vernahmen sie mitten durch das russische und kosakische Kauderwelsch
wie ein Evangelium vom Himmel unvermutet eine Stimme: "Sind keine
Deutsche da?" und es stand vor ihnen auf zwei nicht ganz gleichen
Fssen eine liebe, freundliche Gestalt.  Das war der Schneider von
Pensa, Franz Anton Egetmeier, gebrtig aus Bretten im Neckarkreis,
Grossherzogtum Baden.  Hat er nicht im Jahr 1779 das Handwerk gelernt
in Mannheim?  Hernach ging er auf die Wanderschaft nach Nrnberg,
hernach ein wenig nach Petersburg hinein.  Ein Pflzer Schneider
schlagt sieben bis achtmal hundert Stunden Wegs nicht hoch an,
wenn's ihn inwendig treibt.  In Petersburg aber liess er sich unter
ein russisches Kavallerie-Regiment als Regimentsschneider engagieren
und ritt mit ihnen in die fremde russische Welt hinein, wo alles
anderst ist, nach Pensa, bald mit der Nadel stechend, bald mit dem
Schwert.  In Pensa aber, wo er sich nachher huslich und brgerlich
niederliess, ist er jetzt ein angesehenes Mnnlein.  Will jemand in
ganz Asien ein sauberes Kleid nach der Mode haben, so schickt er zu
dem deutschen Schneider in Pensa.  Verlangt er etwas von dem
Statthalter, der doch ein vornehmer Herr ist und mit dem Kaiser
reden darf, so hat's ein guter Freund vom andern verlangt, und hat
auf dreissig Stunden Weges ein Mensch ein Unglck oder einen
Schmerz, so vertraut er sich dem Schneider von Pensa an, er findet
bei ihm, was ihm fehlt, Trost, Rat, Hilfe, ein Herz und ein Auge
voll Liebe, Obdach, Tisch und Bett, nur kein Geld.

Einem Gemte wie dieses war, das nur in Liebe und Wohltun reich ist,
blhte auf den Schlachtfeldern des Jahres 1812 eine schne.
Freudenernte.  So oft ein Transport von unglcklichen Gefangenen kam,
warf er Schere und Elle weg und war der erste auf dem Platze, und
"Sind keine Deutsche da?" war seine erste Frage.  Denn er hoffte von
einem Tag zum andern, unter den Gefangenen Landsleute anzutreffen,
und freute sich, wie er ihnen Gutes tun wollte, und liebte sie schon
zum voraus ungesehener Weise, wie eine Frau ihr Kindlein schon liebt
und ihm Brei geben kann, ehe sie es hat.  "Wenn sie nur so oder so
ausshen", dachte er.  "Wenn ihnen nur auch recht viel fehlt, damit
ich ihnen recht viel Gutes erweisen kann." Doch nahm er, wenn keine
Deutschen da waren, auch mit Franzosen vorlieb und erleichterte
ihnen, bis sie weitergefhrt wurden, ihr Elend, als nach Krften er
konnte.  Diesmal aber, und als er mitten unter so viele geneigte
Leser, auch Darmstdter und andere hineinrief: "Sind keine Deutsche
da?"--er musste zum zweiten Mal fragen, denn das erste Mal konnten
sie vor Staunen und Ungewissheit nicht antworten, sondern das ssse
deutsche Wort in Asien verklang in ihren Ohren wie ein Harfenton,
und als er hrte: "Deutsche genug", und von jedem erfragte, woher er
sei--er wr' mit Mecklenburgern oder Kursachsen auch zufrieden
gewesen, aber einer sagte: "Von Mannheim am Rheinstrom", als wenn
der Schneider nicht vor ihm gewusst htte, wo Mannheim liegt, der
andere sagte: "Von Bruchsal", der dritte: "Von Heidelberg", der
vierte: "Von Gochsheim"; da zog es wie ein warmes, auflsendes
Tauwetter durch den ganzen Schneider hindurch.  "Und ich bin von
Bretten", sagte das herrliche Gemte, Franz Anton Egetmeier von
Bretten, wie Joseph in gypten zu den Shnen Israels sagte: "Ich bin
Joseph, euer Bruder"--und die Trnen der Freude, der Wehmut und
heiligen Heimatsliebe traten allen in die Augen, und es war schwer
zu sagen, ob sie einen freudigern Fund an dem Schneider oder der
Schneider an seinen Landsleuten machte, und welcher Teil am
gerhrtesten war.  Jetzt fhrte der gute Mensch seine teuern
Landsleute im Triumph in seine Wohnung und bewirtete sie mit einem
erquicklichen Mahl, wie in der Geschwindigkeit es aufzutreiben war.
Jetzt eilte er zum Statthalter und bat ihn um die Gnade, dass er
seine Landsleute in Pensa behalten drfe.  "Anton", sagte der
Statthalter, "wann hab' ich Euch etwas abgeschlagen?" Jetzt lief er
in der Stadt herum und suchte fr diejenigen, welche in seinem Hause
nicht Platz hatten, bei seinen Freunden und Bekannten die besten
Quartiere aus.  Jetzt musterte er seine Gste, einen nach dem andern.
"Herr Landsmann", sagte er zu einem, "mit Euerm Weisszeug sieht's
windig aus.  Ich werde Euch fr ein halbes Dutzend neue Hemder
sorgen.--Ihr braucht auch ein neues Rcklein", sagte er zu einem
andern.--"Euers kann noch gewendet und ausgebessert werden", zu
einem dritten, und so zu allen, und augenblicklich wurde
zugeschnitten, und alle sechsundzwanzig Gesellen arbeiteten Tag und
Nacht an Kleidungsstcken fr seine werten rheinlndischen
Hausfreunde.  In wenig Tagen waren alle neu oder anstndig
ausstaffiert.  Ein guter Mensch, auch wenn er in Nten ist,
missbraucht niemals fremde Gutmtigkeit; deswegen sagten zu ihm die
rheinlndischen Hausfreunde: "Herr Landsmann, verrechnet Euch nicht.
Ein Kriegsgefangener bringt keine Mnzen mit.  So wissen wir auch
nicht, wie wir Euch fr Eure grossen Auslagen werden schadlos halten
knnen, und wann." Darauf erwiderte der Schneider: "Ich finde
hinlngliche Entschdigung in dem Gefhl, Ihnen helfen zu knnen.
Benutzen Sie alles, was ich habe!  Sehen Sie mein Haus und meinen
Garten als den Ihrigen an!" So kurz weg und ab, wie ein Kaiser oder
Knig spricht, wenn eingefasst in Wrde die Gte hervorblickt.  Denn
nicht nur die hohe frstliche Geburt und Grossmut, sondern auch die
liebe husliche Demut gibt, ohne es zu wissen, bisweilen den Herzen
knigliche Sprche ein, Gesinnungen ohnehin.  Jetzt fhrte er sie
freudig wie ein Kind in der Stadt bei seinen Freunden herum und
machte Staat mit ihnen.  Der Kalender hat jetzt nimmer Zeit und Raum
genug, alles Gute zu rhmen, was er seinen Freunden erwies.  So sehr
sie zufrieden waren, so wenig war er es.  Jeden Tag erfand er neue
Mittel, ihnen den unangenehmen Zustand der Kriegsgefangenschaft zu
erleichtern und das fremde Leben in Asien angenehm zu machen.  War in
der lieben Heimat ein hohes Geburts- oder Namensfest, es wurde am
nmlichen Tag von den Treuen auch in Asien mit Gastmahl mit Vivat
und Freudenfeuer gehalten, nur etwas frher, weil dort die Uhren
falsch gehen.  Kam eine frohe Nachricht von dem Vorrcken und dem
Siege der hohen Alliierten in Deutschland an, der Schneider war der
erste, der sie wusste, und seinen Kindern--er nannte sie nur noch
seine Kinder--mit Freudentrnen zubrachte, darum, dass sich ihre
Erlsung nahte.  Als einmal Geld zur Untersttzung der Gefangenen aus
dem Vaterland ankam, war ihre erste Sorge, ihrem Wohltter seine
Auslagen zu vergten.  "Kinder", sagte er, "verbittert mir meine
Freude nicht!"--"Vater Egetmeier", sagten sie, "tut unserm Herzen
nicht wehe!" Also machte er ihnen zum Schein eine kleine Rechnung,
nur um sie nicht zu betrben, und um das Geld wieder zu ihrem
Vergngen anzuwenden, bis die letzte Kopeke aus den Hnden war.  Das
gute Geld war fr einen andern Gebrauch zu bestimmen, aber man kann
nicht an alles denken.  Denn als endlich die Stunde der Erlsung
schlug, gesellte sich zur Freude ohne Mass der bittere Schmerz der
Trennung und zu dem bittern Schmerz die Not.  Denn es fehlte an
allem, was zur Notdurft und zur Vorsorge auf eine so lange Reise in
den Schrecknissen des russischen Winters und einer unwirtbaren
Gegend ntig war, und ob auch auf den Mann, solange sie durch
Russland zu reisen hatten, tglich 13 Kreuzer verabreicht wurden, so
reichte doch das wenige nirgends hin.  Darum ging in diesen letzten
Tagen der Schneider, sonst so frohen, leichten Mutes, still und
nachdenklich herum, als der etwas im Sinn hat, und war wenig mehr zu
Hause.  "Es geht ihm recht zu Herzen", sagten die rheinlndischen
Herren Hausfreunde und merkten nichts.  Aber auf einmal kam er mit
grossen Freudenschritten, ja mit verklrtem Antlitz zurck: "Kinder,
es ist Rat.  Geld genug!"--Was war's?  Die gute Seele hatte fr
zweitausend Rubel das Haus verkauft.  "Ich will schon eine Unterkunft
finden", sagte er, "wenn nur Ihr ohne Leid und Mangel nach
Deutschland kommt." O du heiliges, lebendig gewordenes Sprchlein
des Evangeliums und seiner Liebe: "Verkaufe, was du hast, und gib es
denen, die es bedrftig sind, so wirst du einen Schatz im Himmel
haben." Der wird einst weit oben rechts zu erfragen sein, wenn die
Stimme gesprochen hat: "Kommt, ihr Gesegneten!  Ich bin hungrig
gewesen, und ihr habt mich gespeist, ich bin nackt gewesen, und ihr
habt mich gekleidet, ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr
habt euch meiner angenommen." Doch der Kauf wurde, zu grossem Trost
fr die edeln Gefangenen, wieder rckgngig gemacht.

Nichtsdestoweniger brachte er auf andere Art noch einige hundert
Rubel fr sie zusammen und ntigte sie, was er hatte von kostbarem
russischem Pelzwerk, mitzunehmen, um es unterwegs zu verkaufen, wenn
sie Geldes bedrftig wren oder einem ein Unglck widerfhre.  Den
Abschied will der Hausfreund nicht beschreiben.  Keiner, der dabei
war, vermag es.  Sie schieden unter tausend Segenswnschen und Trnen
des Dankes und der Liebe, und der Schneider gestand, dass dieses fr
ihn der schmerzlichste Tag seines Lebens sei.  Die Reisenden aber
sprachen unterwegs unaufhrlich und noch immer von ihrem Vater in
Pensa, und als sie in Bialystock in Polen wohlbehalten ankamen und
Geld antrafen, schickten sie ihm dankbar das vorgeschossene
Reisegeld zurck.

Das war das Gotteskind Franz Anton Egetmeier, Schneidermeister in
Asien.  Der Hausfreund wird im knftigen Kalender noch ein freudiges
Wort von ihm zu reden wissen, und es wre nimmer der Mhe wert,
einen Kalender zu schreiben, wenn sich die geneigten Leser nicht auf
sein Bildnis freuen wollten, was er ihnen zu stiften verspricht.



Der schwarze Mann in der weissen Wolke


Sonst hat der Hausfreund nie viel auf Gespenster gehalten, wenn
einem die Gespenster erscheinen; diesmal zwar auch nicht.  Denn als
er eines Tages, es war aber Nacht, mit dem Adjunkt und mit dem
Vizeprsident durch den Brassenheimer Wald nach Hause ging; vornehme
Herren schmen sich nicht, mit ihm zu gehen und gut Freund zu sein,
absonderlich bei Nacht, wenn es niemand sieht, und wenn sie selber
froh sind, dass sie jemand begleitet; denn als wir aus dem Wald
kamen, schlug es 12 Uhr in Brassenheim, und die Mitternacht seufzte
in den Bumen.  Ein schwacher Wind wehte durch die finstere Nacht,
und der Himmel war verhngt; nur bisweilen schimmerte der abnehmende
Mond ein wenig durch die Wolken, wo sie am brchigsten waren.
"Adjunkt", sagte der Vizeprsident, "wisst Ihr nichts zu erzhlen?"
"Ja", sagte der Adjunkt: "die Hirschauer wollten Anno 3 eine Brcke
bauen, so stellten sie die Brcke der Lnge nach in den Strom, denn
sie sagten: Es sieht besser aus, und wenn ein grosses Wasser kommt,
kann es besser an der Brcke vorbei und nimmt sie nicht mit."

"Adjunkt", sagte der Hausfreund, "sind wohl die Flinten zuerst
erfunden worden oder die Ladstecken?" Der Adjunkt sagte: "Die
Ladstecken.  Denn sonst wre es nicht der Mhe wert gewesen, die
Flinten zu erfinden, weil man sie doch nicht htte laden knnen."
Als aber der Adjunkt niessen musste, drehte er den Kopf seitwrts
gegen das Feld und niesst.  Indem er den Kopf seitwrts dreht, druckt
er sich auf einmal an den Hausfreund.  "Habt Ihr nichts gesehn,
Hausfreund?" sagte er ngstlich und leise.  "Eine schneeweisse Wolke
stieg aus der Erde auf, und in der Wolke stand ein schwarzer Mann
und hat mir gewinkt, ich soll kommen." "Warum seid Ihr nicht
gegangen?" sagte der Hausfreund.  "Es sind Euch Funken aus den Augen
gefahren, weil Ihr habt niessen mssen." "Er hat das Feuer im Elsass
gesehen", sagte der Vizeprsident.  Aber bald verging uns der Spass,
und die Mitternacht schauerte allen durch Mark und Bein.  Denn im
nmlichen Augenblick erscheint wieder die weisse Wolke und in der
weissen Wolke die schwarze Gestalt und winkt.  Weg war's wieder auf
einmal.  "Habt Ihr's jetzt gesehen?" fragte der Adjunkt; "es ist gut,
dass der Herr Prsident bei uns ist, mit uns zweien machte er kurzen
Prozess." Aber der Prsident dachte, es ist gut, dass der Hausfreund
bei mir ist, dass ich mich an ihm heben kann.  Denn allen zitterten
die Kniee, und der Mut stieg keinem sonderlich in die Hhe, aber das
Haar.  Der Hausfreund will's einstweilen dem geneigten Leser zu raten
geben, was es war.  Denn als wir wieder ein wenig zur Besinnung
gekommen waren, obgleich die Erscheinung wenigstens siebenmal
wiederkam, sagte endlich der Prsident: "Hausfreund, Ihr habt doch
am meisten getrunken in Neuhausen, so werdet Ihr auch den meisten
Mut haben; redet den Geist an!" Da rief der Hausfreund: "Alle guten
Geister!  Schwarze Gestalt der Mitternacht, wer bist du?" Da rief der
Geist mit Zetergeschrei: "Ich bin der Xaveri Taubenkorn von
Brassenheim.  Um unsrer lieben Frauen willen verschont mich!"

Merke: Der Taubenkorn ist ein unbescholtener Gerichtsmann in
Brassenheim und wirtet; also kennt ihn der Hausfreund wohl, und ist
ein lobenswerter Feldmann, dem keine Stunde in der Nacht zu spt
oder zu frh ist fr seinen Acker.  Als ihn nun der Hausfreund
fragte: "Xaveri, was treibt Ihr fr Blendwerk?  Seid Ihr mit dem
Bsen im Bund?"--sagte er: "Seid Ihr's, Hausfreund?  Nein, ich
streue Ips auf meinen Kleeacker.  Der Wind ist gut, und es kommt bald
ein linder Regen." Also, wenn er eine Handvoll Gips auswarf,
entstand die Wolke, ein wenig vom Mond erhellt, und man sah darin
den Xaveri wie einen Schatten, und wenn er die Hand zurckzog,
meinte man, er winke; aber wenn das Gipsmehl verflogen und gefallen
war, sah man nichts mehr.--"Ihr habt mich rechtschaffen
erschreckt", sagte der Xaveri zum Hausfreund, "denn ich habe nicht
anders geglaubt, als es beschreit mich ein Gespenst.  Ein ander Mal
lasst Euere Possen bleiben."



Der sicherste Weg


Bisweilen hat selbst ein Betrunkener noch eine berlegung oder doch
einen guten Einfall, wie einer, der auf dem Heimweg aus der Stadt
nicht auf dem gewhnlichen Pfad, sondern gerade in dem Wasser ging,
das dicht neben dem Pfade fortluft.  Ihm begegnete ein
menschenfreundlicher Herr, der gerne der Notleidenden und
Betrunkenen sich annimmt, und wollte ihm die Hand reichen.  "Guter
Freund", sagte er, "merkt Ihr nicht, dass Ihr im Wasser geht?  Hier
ist der Fusspfad!" Der Betrunkene erwiderte: sonst finde er's auch
bequemer, auf dem trockenen Pfad zu gehen, aber diesmal habe er ein
wenig auf die Seite geladen.  "Eben deswegen", sagte der Herr, "will
ich Euch aus dem Bache heraushelfen!" "Eben deswegen", erwiderte der
Betrunkene, "bleib' ich drin.  Denn wenn ich im Bach gehe und falle,
so falle ich auf den Weg.  Wenn ich aber auf dem Weg falle, so falle
ich in den Bach." So sagte er und klopfte mit dem Zeigefinger auf
die Stirne, nmlich, dass darin ausser dem Rausche auch noch etwas
mehr sei, woran ein anderer nicht denke.



Der silberne Lffel


In Wien dachte ein Offizier: Ich will doch auch einmal im Roten
Ochsen zu Mittag essen, und geht in den Roten Ochsen.  Da waren
bekannte und unbekannte Menschen, Vornehme und Mittelmssige,
ehrliche Leute und Spitzbuben wie berall.  Man ass und trank, der
eine viel, der andere wenig.  Man sprach und disputierte von dem und
jenem, zum Exempel von dem Steinregen bei Stannern in Mhren, von
dem Machin in Frankreich, der mit dem grossen Wolf gekmpft hat.  Das
sind dem geneigten Leser bekannte Sachen, denn er erfhrt alles ein
Jahr frher als andere Leute.--Als nun das Essen fast vorbei war,
einer und der andere trank noch eine halbe Mass Ungarwein zum
Zuspitzen, ein anderer drehte Kgelein aus weichem Brot, als wenn er
ein Apotheker wr' und wollte Pillen machen, ein dritter spielte mit
dem Messer oder mit der Gabel oder mit dem silbernen Lffel.  Da sah
der Offizier von ungefhr zu, wie einer in einem grnen Rocke mit
dem silbernen Lffel spielte, und wie ihm der Lffel auf einmal in
den Rockrmel hineinschlpfte und nicht wieder herauskam.
Ein anderer htte gedacht: was geht's mich an?  und wre still dazu
gewesen oder htte grossen Lrm angefangen.  Der Offizier dachte: Ich
weiss nicht, wer der grne Lffelschtz ist, und was es fr ein
Verdruss geben kann, und war mausstill, bis der Wirt kam und das
Geld einzog.  Als der Wirt kam und das Geld einzog, nahm der Offizier
auch einen silbernen Lffel und steckte ihn zwischen zwei
Knopflcher im Rocke, zu einem hinein, zum, andern hinaus, wie es
manchmal die Soldaten im Kriege machen, wenn sie den Lffel
mitbringen, aber keine Suppe.--Whrenddem der Offizier seine Zeche
bezahlte, und der Wirt schaute ihm auf den Rock, dachte er: Das ist
ein kurioser Verdienstorden, den der Herr da anhngen hat.  Der muss
sich im Kampf mit einer Krebssuppe hervorgetan haben, dass er zum
Ehrenzeichen einen silbernen Lffel bekommen hat; oder ist's gar
einer von meinen eigenen?  Als aber der Offizier dem Wirt die Zeche
bezahlt hatte, sagte er mit ernsthafter Miene: "Und der Lffel geht
ja drein.  Nicht wahr?  Die Zeche ist teuer genug dazu." Der Wirt
sagte: "So etwas ist mir noch nicht vorgekommen.  Wenn Ihr keinen
Lffel daheim habt, so will ich Euch einen Patentlffel schenken,
aber meinen silbernen lasst mir da." Da stand der Offizier auf,
klopfte dem Wirt auf die Achsel und lchelte.  "Wir haben nur Spass
gemacht", sagte er, "ich und der Herr dort in dem grnen Rocke.  Gebt
Ihr Euern Lffel wieder aus dem rmel heraus, grner Herr, so will
ich meinen auch wieder hergeben."

Als der Lffelschtz merkte, dass er verraten sei, und dass ein
ehrliches Auge auf seine unehrliche Hand gesehen hatte, dachte er:
Lieber Spass als Ernst, und gab seinen Lffel ebenfalls her.  Also
kam der Wirt wieder zu seinem Eigentum,.  und der Lffeldieb lachte
auch--aber nicht lange.  Denn als die andern Gste das sahen, jagten
sie den verratenen Dieb mit Schimpf und Schande und ein paar Tritten
unter der Tre zum Tempel hinaus, und der Wirt schickte ihm den
Hausknecht mit einer Handvoll ungebrannter Asche nach.  Den wackern
Offizier aber bewirtete er noch mit einer Bouteille voll Ungarwein
auf das Wohlsein aller ehrlichen Leute.

Merke: Man muss keine silbernen Lffel stehlen.

Merke: Das Recht findet seinen Knecht.



Der sinnreiche Bettler


Sonst bemessen die Bettler ihre dankbaren Wnsche nach dem Wert der
Gabe, die ihnen gereicht wird.  Derjenige, von welchem hier die Rede
ist, sagt, das sei grundfalsch.  Wer ihm viel gibt, dem wnscht er
eine hundertfltige Vergeltung von Gott.  Wer ihm aber wenig gibt,
dem wnscht er eine tausendfltige oder, wenn es noch weniger ist,
eine hunderttausendfltige Vergeltung.  Denn er sagt: "Ich muss einen
gleich guten Willen bei allen voraussetzen.  Wer wenig reicht, wird
wenig haben.  Ich muss ihm also mehr wnschen.  Soll ich das Meinige
auch noch dazu beitragen, dass zuletzt die Reichen alles bekommen?"



Der Star von Segringen


Selbst einem Staren kann es ntzlich sein, wenn er etwas gelernt
hat, wie viel mehr einem Menschen.--In einem respektabeln Dorf, ich
will sagen, in Segringen, es ist aber nicht dort geschehen, sondern
hier im Land, und derjenige, dem es begegnet ist, liest es
vielleicht in diesem Augenblick, nicht der Star, aber der Mensch.  In
Segringen der Barbier hatte einen Star, und der wohlbekannte
Lehrjung gab ihm Unterricht im Sprechen.  Der Star lernte nicht nur
alle Wrter, die ihm sein Sprachmeister aufgab, sondern er ahmte
zuletzt auch selber nach, was er von seinem Herrn hrte, zum
Exempel: Ich bin der Barbier von Segringen.  Sein Herr hatte sonst
noch allerlei Redensarten an sich, die er bei jeder Gelegenheit
wiederholte, zum Exempel: so so lala; oder par compagnie (das heisst
so viel als: in Gesellschaft mit andern); oder: wie Gott will; oder:
du Dolpatsch.  So titulierte er nmlich insgemein den Lehrjungen,
wenn er das halbe Pflaster auf den Tisch strich anstatt aufs Tuch,
oder wenn er das Schermesser am Rcken abzog anstatt die Schneide,
oder wenn er ein Gtterlein verheite.  Alle diese Redensarten lernte
nach und nach der Star auch.  Da nun tglich viel Leute im Haus
waren, weil der Barbier auch Branntwein ausschenkte, so gab's
manchmal viel zu lachen, wenn die Gste miteinander ein Gesprch
fhrten, und der Star warf auch eins von seinen Wrtern drein, das
sich dazu schickte, als wenn er den Verstand davon htte; und
manchmal, wenn ihm der Lehrjung rief: "Hansel, was machst du?"
antwortete er: "du Dolpatsch!" und alle Leute in der Nachbarschaft
wussten von dem Hansel zu erzhlen.  Eines Tages aber, als ihm die
beschnittenen Flgel wieder gewachsen waren, und das Fenster war
offen und das Wetter schn, da dachte der Star: Ich hab' jetzt schon
so viel gelernt, dass ich in der Welt kann fortkommen, und husch!
zum Fenster hinaus.  Weg war er.  Sein erster Flug ging ins Feld, wo
er sich unter eine Gesellschaft anderer Vgel mischte, und als sie
aufflogen, flog er mit ihnen, denn er dachte: sie wissen die
Gelegenheit hierzuland besser als ich.  Aber sie flogen
unglcklicherweise alle miteinander in ein Garn.  Der Star sagte:
"Wie Gott will." Als der Vogelsteller kommt und sieht, was er fr
einen grossen Fang getan hat, nimmt er einen Vogel nach dem andern
behutsam heraus, dreht ihm den Hals um und wirft ihn auf den Boden.
Als er aber die mrderischen Finger wieder nach einem Gefangenen
ausstreckte, und denkt an nichts, schrie der Gefangene: "Ich bin der
Barbier von Segringen!" Als wenn er wsste, was ihn retten muss.  Der
Vogelsteller erschrak anfnglich, als wenn es hier nicht mit rechten
Dingen zuginge, nachher aber, als er sich erholt hatte, konnte er
kaum vor Lachen zu Atem kommen; und als er sagte: "Ei, Hansel, hier
htt' ich dich nicht gesucht; wie kommst du in meine Schlinge?" da
antwortete der Hansel: "Par compagnie." Also brachte der
Vogelsteller den Star seinem Herrn wieder und bekam ein gutes
Fanggeld.  Der Barbier aber erwarb sich damit einen guten Zuspruch,
denn jeder wollte den merkwrdigen Hansel sehen, und wer jetzt noch
weit und breit in der Gegend will zur Ader lassen, geht zum
Balbierer von Segringen.

Merke: So etwas passiert einem Staren selten.  Aber schon mancher
junge Mensch, der auch lieber herumflankieren als daheim bleiben
wollte, ist ebenfalls par compagnie in die Schlinge geraten und
nimmer herauskommen.



Der Talhauser Galgen


"Wann bringt man denn die Juden?  Es kommt ja niemand", sagte zu dem
Vogt von Gillmannshofen endlich der Obmann.  Nmlich der Vogt war
Tages vorher in der Stadt gewesen und hatte sich bei dem Herrn
Amtmann Rates erholt in irgend einer Sache.  "Es ist ganz gut", sagte
der Amtmann, "dass Ihr da seid: hier sind vier Oberamtsbefehle an
Euch, die knnt Ihr nun selber mitnehmen." Als der Vogt in den Roten
Lwen zurckgekommen war, whrend er fortfuhr, wo er vorher war
stehen geblieben, nmlich am fnften Schpplein, zog er die vier
Befehle aus der Tasche, ob er ihnen nicht vorderhand aussen ansehen
knne, was inwendig stehen mchte, wie man bisweilen seltsamerweise
tut.  Hernach schob er die Befehle wieder in die Rocktasche.  Hernach
bei dem sechsten Schpplein legte er die Arme auf den Tisch und den
Kopf auf die Arme und schlief ein.  Lustige Herren sassen an einem
andern Tisch, und der durchtriebenste von ihnen, einer wie der Herr
Theodor, sagte: "Ich will einen Spass machen." Nmlich er schrieb
einen falschen Befehl, dass, da morgen den 15ten drei Juden sollen
gehenkt werden, so habe sich der Vogt von Gillmannshofen mit
vierundzwanzig Mann und einem Obmann, nicht minder smtlichen
Schulkindern bei dem Talhauser Galgen frh um 9 Uhr unfehlbar
einzufinden.  Hernach zog er dem Vogt einen Befehl heimlich aus der
Tasche und schob an dessen Stelle den falschen hinein.  Auf dem
Heimwege nach Gillmannshofen fing doch der Vogt an die Befehle
aufzutun, was der Amtmann wieder mit ihm wolle, und als er anfing,
den falschen Befehl zu lesen, "das muss ein Irrtum sein", sagte er
zu sich selber, und ging in die Stadt zurck, um den Amtmann darber
zu befragen.  Der Amtmann und seine Frau und der Herr Oberrevisor und
seine Frau ergtzten sich nach des Tages Last und Arbeit mit einem
Kartenspiel.  "Was wollt Ihr schon wieder", fuhr ihn der Amtmann an,
"seht Ihr nicht, dass Gesellschaft bei mir ist?" Der Vogt wollte ihm
erklren, dass er einen Anstoss habe an einem von den Befehlen, und
dass er meine--"Ein unruhiger Kopf seid Ihr", sagte der Amtmann,
wie er's denn auch wirklich war.  "Ihr habt nichts zu meinen--
Gehorsam habt Ihr zu leisten, was man Euch befiehlt, und damit
Punktum.  Seid Ihr noch nicht genug gestraft worden?" Demnach so ging
der Vogt wieder seines Wegs, und den andern Morgen zog er mit einer
Rotte von vierundzwanzig Mann und einem Obmann und der Herr
Schulmeister mit der Schuljugend und viele Freiwillige nach dem
Talhauser Galgen, der linker Hand auf einer kleinen Anhhe steht,
wenn man von der Neuhauser Mhle in die Stadt geht.  "Es ist schade",
sagte der Vogt zum Obmann, "dass es so entsetzlich regnet.  Es wird
mancher daheim bleiben." Als sie vor den Talhauser Wald hinauskamen
und den Galgen noch mutterseelallein im Felde stehen sahen, "wir
sind die ersten", sagte der Vogt zum Obmann, "es ist noch niemand
da." Der Freiwilligen suchte sich jeder einen guten Platz aus, wo
man's gut sehen kann.  Einige setzten sich zum voraus auf
nahestehende Bume, andere standen einstweilen unter.  Aber es
geschah nichts.  Wandersleute, die in ihren Geschften des Weges
zogen, blieben auch im Regen stehen und wollten abwarten, was aus
dem seltsamen Aufzug werden wolle.  Aber es geschah nichts.  "Sie
werden warten", sagte der Vogt, "bis es nimmer so arg schttet." Der
Herr Schulmeister hielt zur Zeitverkrzung eine Standrede um die
andere an die Schuljugend, dass, ob es gleich nur Juden seien,
sollten sie doch ein christliches Exempel daran nehmen.  Aber es
wollt noch nichts kommen.  Es lutete schon Mittag in allen Drfern,
aber der Mittag lutete auch nichts herbei.  Deswegen sagte zuletzt
der Obmann zu dem Vogt: "Wann bringt man denn die Juden?  Es kommt ja
niemand.  Oder sind wir gar zuletzt Eure Narren?" sagte er.  "Es wre
kein Wunder, wir henkten Euch selber daran, damit die Leute nicht
umsonst dagewesen sind."--Kurz, es kam eben niemand.

Seitdem, wer durch Gillmannshofen geht und fragt in guter Meinung
oder aus Mutwillen, ob schon lang niemand mehr am Talhauser Galgen
gehenkt worden sei, oder so, der wird geschlagen.



Der unschuldig Gehenkte


Folgende unglckliche Begebenheit hat sich auf dem Spessart
zugetragen.  Mehrere Knaben hteten miteinander an einer Berghalde
unten an dem Wald das Vieh ihrer Eltern oder Meister.  In der
Langweile trieben sie allerlei und ahmten untereinander, wie dieses
Alter zu tun pflegt, die Handlungen und Geschfte der erwachsenen
Menschen spielend nach.  Eines Tages sagte der eine von ihnen: "Ich
will der Dieb sein."--" So will ich das Oberamt sein", sagte der
zweite.  "Seid ihr die Hatschiere", sagte er zum dritten und vierten,
"und du bist der Henker", sprach er zum fnften.  Gut!  Der Dieb
stiehlt einem seiner Kameraden heimlich ein Messer und setzt sich
auf flchtigen Fuss; der Bestohlene klagt beim Oberamt; die
Hatschiere streifen im Revier, attrapieren den Dieb in einem hohlen
Baum und liefern ihn ein.  Der Richter verurteilt ihn zum Tode.
Unterdessen hrt man im Wald einen Schuss fallen; Hundegebell erhebt
sich.  Man achtet's nicht.  Der Henker wirft dem Malefikanten kurz und
gut einen Strick um den Hals und henkt ihn im Unverstand und
Leichtsinn an einen Aststumpen an einem Baumstamm, also, dass er mit
den Fssen nicht gar kann die Erde berhren, denkt, ein paar
Augenblicke kann er's schon aushalten.  Pltzlich rauscht es im
drren Laub im Wald; es knackt und kracht im dichten Gehrst; ein
schwarzer, wilder Eber bricht zottig und blitzend aus dem Wald
hervor und luft ber den Richtplatz.  Die Hirtenbuben, denen es
ohnehin halber zumute war, als ob es doch nicht ganz recht wre, mit
einer so ernsthaften und bedenklichen Sache Mutwillen zu treiben,
erschrecken, meinen, es sei der Teufel, vor dem uns Gott behte,
laufen vor Angst davon, einer von ihnen ins Dorf und erzhlt, was
geschehen sei.  Aber als man kam, um den Gehenkten abzulsen, war er
erstickt und tot.  Dies ist eine Warnung.  Das Oberamt und die
Hatschiere kamen nachher auf drei Wochen ins Zuchthaus, und der
Henker auf sechs.  Dass aber der Eber soll der Teufel gewesen sein,
hat sich nicht besttigt.  Denn er wurde von den nacheilenden Jgern
erlegt und zum Forstamt geliefert; der Teufel aber befindet sich
noch am Leben.



Der Vater und der Sohn


Der Vater stellte ein Glslein voll Arznei in die Schublade, weil er
glaubte, es sei nirgends besser verwahrt.  Als aber der Sohn nach
Hause kam und die Schublade schnell aufziehn wollte, fiel das
Glslein um und zerbrach.  Da gab ihm der Vater eine zornige Ohrfeige
und sagte: "Kannst du nicht zuerst schauen, was in der Tischlade
ist, eh' du sie auftust?" Der Sohn erwiderte zwar: Nein, das knne
niemand.  Aber der Vater sagte: "Den Augenblick sei still, oder du
bekommst noch eine."

Merke: Man ist nie geneigter Unrecht zu tun, als wenn man Unrecht
hat.  Recht ist gut beweisen.  Aber fr das Unrecht braucht man schon
Ohrfeigen und Drohungen zum Beweistum.



Der verachtete Rat


Man darf nie weniger geschwind tun, wenn etwas geschehen soll, als
wenn man auf die Stunde einhalten will.  Ein Fussgnger auf der
Basler Strasse drehte sich um und sah einen wohlbeladenen Wagen
schnell hinter sich hereilen.  "Dem muss es nicht arg pressieren",
dachte er.--"Kann ich vor Torschluss noch in die Stadt kommen?"
fragte ihn der Fuhrmann.--"Schwerlich", sagte der Fussgnger, "doch
wenn Ihr recht langsam fahrt, vielleicht.  Ich will auch noch
hinein."--"Wie weit ist's noch?"--"Noch zwei Stunden."--"Ei",
dachte der Fuhrmann, "das ist einfltig geantwortet.  Was gilt's, es
ist ein Spassvogel." Wenn ich mit Langsamkeit in zwei Stunden
hineinkomme, dachte er, so zwing' ich's mit Geschwindigkeit in
anderthalber und hab's desto gewisser.  Also trieb er die Pferde an,
dass die Steine davonflogen und die Pferde die Eisen verloren.  Der
Leser merkt etwas.  "Was gilt's", denkt er, "es fuhr ein Rad vom
Wagen?" Es kommt dem Hausfreund auch nicht darauf an.  Eigentlich
aber, und die Wahrheit zu sagen, brach die hintere Achse.  Kurz, der
Fuhrmann musste schon im nchsten Dorf ber Nacht bleiben.  An Basel
war nimmer zu denken.  Der Fussgnger aber, als er nach einer Stunde
durch das Dorf ging und ihn vor der Schmiede erblickte, hob er den
Zeigfinger in die Hhe.  "Hab ich Euch nicht gewarnt", sagte er,
"hab' ich nicht gesagt: Wenn Ihr langsam fahrt!"



Der verwegene Hofnarr


Der Knig hatte ein Pferd, das war ihm so lieb, dass er sagte: "Ich
weiss nicht, was ich tue, wenn das Pferd mir stirbt.  Aber den, der
mir von seinem Tod die erste Nachricht bringt, den lass ich auch
gewiss aufhenken." Item, das Rsslein starb doch, und niemand wollte
dem Knig die erste Nachricht davon bringen.  Endlich kam der
Hofnarr.  "Ach, gndigster Herr", rief er aus, "Ihr Pferd!  Ach das
arme, arme Pferd!  Gestern war es noch so"--da stotterte er, und der
erschrockene Knig fiel ihm ins Wort und sagte: "Ist es gestorben?
Ganz gewiss ist es gestorben, ich merk's schon." "Ach gndigster
Herr", fuhr der Hofnarr mit noch grsserm Lamento fort, "das ist
noch lange nicht das Schlimmste." "Nun, was denn?" fragte der Knig.
"Ach, dass Sie jetzt noch sich selber mssen henken lassen.  Denn Sie
haben's zuerst gesagt, dass Ihr Leibpferd tot sei.  Ich hab's nicht
gesagt." Der Knig aber, betrbt ber den Verlust seines Pferdes,
aufgebracht ber die Frechheit des Hofnarren und doch belustigt
durch seinen guten Einfall, gab ihm augenblicklich .den Abschied mit
einem guten Reisegeld.  "Da, Hofnarr", sagte der Knig, "da hast du
100 Dukaten.  Lass dich statt meiner dafr henken, wo du willst.  Aber
lass mich nichts mehr von dir sehen und hren!  Sonst, wenn ich
erfahre, dass du dich nicht hast henken lassen, so tu ich's."



Der vorsichtige Trumer


Es gibt doch einfltige Leute in der Welt.  In dem Stdtlein
Witlisbach im Kanton Bern war einmal ein Fremder ber Nacht, und als
er ins Bett gehen wollte und ganz bis auf das Hemd ausgekleidet war,
zog er noch ein Paar Pantoffeln aus dem Bndel, legte sie an, band
sie mit den Strumpfbndeln an den Fssen fest und legte sich also in
das Bette.  Da sagte zu ihm ein anderer Wandersmann, der in der
nmlichen Kammer ber Nacht war: "Guter Freund, warum tut Ihr das?"

Darauf erwiderte der erste: "Wegen der Vorsicht.  Denn ich bin einmal
im Traum in eine Glasscherbe getreten.  So habe ich im Schlaf solche
Schmerzen davon empfunden, dass ich um keinen Preis mehr barfuss
schlafen mchte."



Der Wassertrger


In Paris holt man das Wasser nicht am Brunnen.  Wie dort alles ins
Grosse getrieben wird, so schpft man auch das Wasser ohmweise in
dem Strom, der hindurch fleusst, in der Seine, und hat eigene
Wassertrger, arme Leute, die jahraus, jahrein das Wasser in die
Huser bringen und davon leben.  Denn man msste viel Brunnen graben
fr fnfmalhunderttausend Menschen in einer Stadt, ohne das
unvernnftige Vieh.  Auch hat das Erdreich dort kein ander trinkbares
Wasser; solches ist auch eine Ursache, dass man keine Brunnen grbt.
Zwei solche Wassertrger verdienten ihr Stcklein Brot und tranken
am Sonntag ihr Schpplein miteinander manches Jahr, auch legten sie
immer etwas weniges von dem Verdienst zurck und setzten's in der
Lotterie.

Wer sein Geld in die Lotterie trgt, trgt's in den Rhein.  Fort
ist's.  Aber bisweilen lsst das Glck unter viel Tausenden einen
etwas Namhaftes gewinnen und trompetet dazu, damit die andern Toren
wieder gelockt werden.  Also liess es auch unsere zwei Wassertrger
auf einmal gewinnen, mehr als 100000 Livres.  Einer von ihnen, als
er seinen Anteil heimgetragen hatte, dachte nach: Wie kann ich mein
Geld sicher anlegen?  Wie viel darf ich des Jahrs verzehren, dass
ich's aushalte und von Jahr zu Jahr noch reicher werde, bis ich's
nimmer zhlen kann?  Und wie ihn seine berlegung ermahnte, so tat
er, und ist jetzt ein steinreicher Mann, und ein guter Freund des
Hausfreunds kennt ihn.

Der andere sagte: "Wohl will ich mir's auch werden lassen fr mein
Geld, aber meine Kunden geb ich nicht auf, dies ist unklug", sondern
er nahm auf ein Vierteljahr einen an, einen Adjunkt wie der
Hausfreund, der so lang sein Geschft verrichten musste, als er
reich war.  Denn er sagte: "In einem Vierteljahr bin ich fertig."
Also kleidet er sich jetzt in die vornehmste Seide, alle Tage ein
anderer Rock, eine andere Farbe, einer schner als der andere, liess
sich alle Tage frisieren, sieben Locken bereinander, zwei Finger
hoch mit Puder bedeckt, mietete auf ein Vierteljahr ein prchtiges
Haus, liess alle Tage einen Ochsen schlachten, sechs Klber, zwei
Schweine fr sich und seine guten Freunde, die er zum Essen
einladete, und fr die Musikanten.  Vom Keller bis in das Speiszimmer
standen zwei Reihen Bediente und reichten sich die Flaschen, wie man
die Feuereimer reicht bei einem Brand, in der einen Reihe die leeren
Flaschen, in der andern die vollen.

Den Boden von Paris betrat er nimmer, sondern wenn er in die Komdie
fahren wollte oder ins Palais royal, so mussten ihn sechs Bedienten
in die Kutsche hineintragen und wieder hinaus.  berall war er der
gndige Herr, der Herr Baron, der Herr Graf und der verstndigste
Mann in ganz Paris.  Als er aber noch drei Wochen vor dem Ende des
Vierteljahrs in den Geldkasten griff, um eine Handvoll Dublonen
ungezhlt und unbeschaut herauszunehmen, als er schon auf den Boden
der Kiste griff, sagte er: "Gottlob, ich werde geschwinder fertig,
als ich gemeint habe." Also bereitete er sich und seinen Freunden
noch einen lustigen Tag, wischte alsdann den Rest seines Reichtums
in der Kiste zusammen, schenkte es seinem Adjunkt und gab ihm den
Abschied.  Denn am andern Tag ging er selber wieder an sein altes
Geschft, trgt jetzt Wasser in die Huser wie vorher, wieder so
lustig und zufrieden wie vorher.  Ja, er bringt das Wasser selbst
seinem ehemaligen Kameraden, nimmt ihm aus alter Freundschaft nichts
dafr ab und lacht ihn aus.

Der Hausfreund denkt etwas dabei, aber er sagt's nicht.



Der Wegweiser


Bekanntlich klagte einst ein alter Schulz von Wasselnheim seiner
Frau, dass ihn sein Franzsisch fast unter den Boden bringe.  Er
sollte nmlich einem franzsischen Soldaten, der ausgerissen war,
den Weg zeigen, verstand ihn nicht recht, antwortete ihm verkehrt
und bekam fr die beste Meinung Schlge genug zum Dank oder vielmehr
zum Undank.  Anders sah ein Wegweiser an der wrttembergischen Grenze
die Sache an.  Er sollte nmlich im letzten Krieg einem Zug Franzosen
den Weg ber das Gebirg zeigen, wusste aber kein Wort von ihrer
Sprache als Oui, welches so viel heisst als Ja, und Bougre, welches
ein Schimpfname ist.  Diese zwei Worte hatte er oft gehrt und lernte
sie nachsagen, ohne ihren Sinn zu verstehen.  Anfnglich ging alles
gut, solange die Franzosen nur unter sich sprachen und ihn mit
seiner Laterne und drei oder vier Tornistern, die sie ihm angehngt
hatten, voraus oder nebenher gehen liessen.  Da er aber der Spur nach
allemal mitlachte, wenn sie etwas zu lachen hatten, so fragte ihn
einer franzsisch, ob er auch verstnde, was sie miteinander
redeten.  Er htte herzhaft sagen drfen: Nein!  Aber eben weil er es
nicht verstand, so kam es ihm nicht darauf an, was er antwortete.  Er
nahm daher all sein Franzsisch zusammen und antwortete: "Oui,
Bougre" (Ja, Ketzer!).  Mit einem ellenlangen franzsischen Fluche
riss der Soldat den Sbel aus der Scheide und liess ihm denselben um
den Kopf herum und nahe an den Ohren vorbeisausen.  "Wie?" sagte er,
"du willst einen franzsischen Soldaten schimpfen?" "Oui, Bougre!"
war die Antwort.  Die andern hatten die hchste Zeit, dem erbosten
Kameraden in den Arm zu fallen, dass er dem Wegweiser, ohne welchen
sie in der finstern Nacht nicht konnten weiterkommen, nicht auf der
Stelle den Kopf spaltete; doch gaben sie ihm mit manchem Fluch und
Flintenstoss rechts und links zu verstehen, wie es gemeint sei, und
fragten ihn alsdann, ob er jetzt wolle manierlicher sein.  "Oui,
Bougre!" war die Antwort.  Nun wurde er jmmerlich zerschlagen, und
alle seine Bitten um Verzeihung, und alle seine Bitten um Schonung
legte er ihnen mit lauter "Oui, Bougre" ans Herz.  Endlich kamen sie
auf die Vermutung, er sei verrckt (denn dass er franzsisch
verstehe, hatte er bejaht).  Sie nahmen daher auf einem Hof, wo noch
ein Licht brannte, einen andern Fhrer, jagten diesen fort, und er
erwiderte den Abschied des einen, dass er sich zum Henker packen
sollte, richtig mit " Oui, Bougre".  Als er aber so bald wieder nach
Haus kam und sich seine Frau verwunderte, die ihn erst auf den
andern Mittag wieder erwarten konnte, so erzhlte er, wie die
Soldaten unterwegs viel Spass mit ihm gehabt htten, so dass es ihm
fast sei zu arg worden, und wie sie hernach auf dem Zierhauser Hof
einen andern genommen und ihn wieder heimgeschickt htten.  Die
Franzosen (setzte er treuherzig hinzu) sind nicht so schlimm, als
man meint, wenn man nur mit ihnen reden kann.



Der Wettermacher


Gleichwie einem Siebmacher oder einem Hafenbinder, wenn er in einem
kleinen Ort zu Hause ist, knnen seine Mitbrger nicht das ganze
Jahr Arbeit und Nahrung geben, sondern er begibt sich auf
Knstlerreisen im Revier herum und geht seinem Verdienst nach; also
auch der Zirkelschmied ist fleissig darauf im andern Revier und
handelt nicht mit Zirkeln, sondern mit Trug und Schelmerei, um die
Leute zu bercken und sich freizutrinken im Wirtshaus.  Also
erscheint er einmal in Obernehingen und geht gerade zum Schulz.
"Herr Schulz", sagt er, "knntet Ihr kein ander Wetter brauchen?  Ich
bin durch Euere Gemarkung gegangen.  Die Felder in der Tiefe haben
schon zu viel Regen gehabt, und auf der Hhe ist das Wachstum auch
noch zurck." Der Schulz meinte, das seie geschwind gesagt, aber
besser machen sei eine Kunst.  "Ei", erwidert der Zirkelschmied, "auf
das reise ich ja.  Bin ich nicht der Wettermacher von Bologna?  In
Italien", sagte er, "wo doch Pomeranzen und Zitronen wachsen, wird
alles Wetter auf Bestellung gemacht.  Darin seid ihr Deutsche noch
zurck." Der Schulz ist ein guter und treuherziger Mann und gehrt
zu denen, die lieber geschwind reich werden mchten als langsam.
Also leuchtete ihm das Anbieten des Zirkelschmieds ein.  Doch wollte
er vorsichtig sein.  "Macht mir morgen frh einen heitern Himmel",
sagte er, "zur Probe, und ein paar leichte weisse Wlklein dran, den
ganzen Tag Sonnenschein und in der Luft so zarte, glnzende Fden.
Auf den Mittag knnt Ihr die ersten gelben Sommervgel los lassen,
und gegen Abend darf's wieder khl werden." Der Zirkelschmied
erwiderte: "Auf einen Tag kann ich mich nicht einlassen, Herr
Schulz.  Es trgt die Kosten nicht aus.  Ich unternehm's nicht anderst
als auf ein Jahr.  Dann sollt Ihr aber Not haben, wo Ihr Euere Frucht
und Euern Most unterbringen wollt." Auf die Frage des Schulzen,
wieviel er fr den Jahrgang fordere, verlangte er zum voraus nichts
als tglich einen Gulden und freien Trunk, bis die Sache
eingerichtet sei, es knne wenigstens drei Tage dauern; "hernach
aber von jedem Saum Wein, den ihr mehr bekommt", sagte er, "als in
den besten Jahren, ein Viertel, und von jedem Malter Frucht einen
Sester." "Das wr' nicht veil", sagte der Schulz.  Denn dortzuland
sagt man veil statt viel, wenn man sich hochdeutsch explizieren
will.  Der Schulz bekam Respekt vor dem Zirkelschmied und explizierte
sich hochdeutsch.  Als er nun aber Papier und Feder aus dem
Schrnklein holte und dem Zirkelschmied das Wetter von Monat zu
Monat vorschreiben wollte, machte ihm der Zirkelschmied eine neue
Einwendung: "Das geht nicht an, Herr Schulz!  Ihr msst auch die
Brgerschaft darber hren.  Denn das Wetter ist eine Gemeindssache.
Ihr knnt nicht verlangen, dass die ganze Brgerschaft Euer Wetter
annehmen soll." Da sprach der Schulz: "Ihr habt recht!  Ihr seid ein
verstndiger Mann."

Der geneigte Leser aber ist nun der Schelmerei des Zirkelschmieds
auf der rechten Spur, wenn er zum voraus vermutet, die Brgerschaft
sei ber die Sache nicht einig geworden.  In der ersten
Gemeindsversammlung wurde noch nichts ausgemacht, in der siebenten
auch noch nichts, in der achten kam's zu ernsthaften Redensarten,
und ein verstndiger Gerichtsmann glaubte endlich, um Fried' und
Einigkeit in der Gemeinde zu erhalten, wr's am besten, man zahlte
den Wettermacher aus und schickte ihn fort.  Also beschied der Schulz
den Wettermacher vor sich: "Hier habt Ihr Euere neun Gulden,
Unheilstifter, und nun tut zur Sache, dass Ihr fortkommt, eh' Mord
und Totschlag in der Gemeinde ausbricht." Der Zirkelschmied liess
sich nicht zweimal heissen.  Er nahm das Geld, hinterliess eine
Wirtsschuld von zirka 24 Mass Wein, und mit dem Wetter blieb es, wie
es war.

Item, der Zirkelschmied bleibt immer ein lehrreicher Mensch.  Merke,
wie gut es sei, dass der oberste Weltregent bisher die Witterung
nach seinem Willen allein gelenkt hat.  Selbst wir Kalendermacher,
Planeten und brigen Landstnde werden nicht leicht um etwas gefragt
und haben, was das betrifft, ruhige Tage.



Der wohlbezahlte Spassvogel


Wie man in den Wald schreit, so schreit es wieder heraus.  Ein
Spassvogel wollte in den neunziger Jahren einen Juden in Frankfurt
zum besten haben.  Er sprach also zu ihm: "Weisst du auch, Mauschel,
dass in Zukunft die Juden in ganz Frankreich auf Eseln reiten
mssen?" Dem hat der Jude also geantwortet: "Wenn das ist, artiger
Herr, so wollen wir zwei auf dem deutschen Boden bleiben, wenn schon
Ihr kein Jude seid."



Der Wolkenbruch in Trkheim


Ein ehemalig guter Bekannter des Hausfreundes tat im Oktober einen
Streifzug auf Wein in das Elsass.  Wie er in Trkheim abends in das
Wirtshaus kommt, sitzt der Prsident da bei einem Schpplein und
isst zwei Bratwrste, eine nach der andern.  "Herr Prsident", sagte
der gute Bekannte, "treff' ich Euch hier an?  Eher htte ich des
Himmels Einfall vermutet." Der Prsident lchelt und sagte: "Es ist
alles mglich." Sie bleiben beisammen, diskurieren allerlei
miteinander, trinken auch allerlei miteinander, gehn miteinander in
das Schlafgemach, jeder in ein Bett apart.  Das Bett des guten
Freundes hatte einen Umhang.  Frh gegen Tag, wenn man anfngt sich
zu strecken, stemmte er sich mit den Fssen gegen das untere Brett
der Bettlade.  Das Brett gab nach, der Betthimmel gab auch nach.  Ein
paar Bretter, ein Haspel, zwei Paar Schuh usw., Brastbergers
Predigtbuch und eine grosse Flasche voll Kirschenwasser strzten
herunter.  Aber die Flasche zerbrach unterwegs an dem Haspel und
bergoss den guten Bekannten mit Kirschenwasser und Glasscherben
"Herr Prsident, kommt mir zu Hilfe!"--"Was ist Euch begegnet?"
fragte der Prsident.--"Ich glaube, der Himmel, der ber dem Bett
ist, sei eingefallen." Da lachte der Prsident und sagte: "Es kommt
mir auch so vor.  Die Wolken hngen auch bis aufs Deckbett herunter.
Sie sind von Tannenholz.  Hab' ich Euch nicht gesagt, es sei alles
mglich?"



Der Zahnarzt


Zwei Tagdiebe, die schon lange miteinander in der Welt herumgezogen,
weil sie zum Arbeiten zu trg oder zu ungeschickt waren, kamen doch
zuletzt in grosse Not, weil sie wenig Geld mehr brig hatten und
nicht geschwind wussten, wo nehmen.  Da gerieten sie auf folgenden
Einfall.  Sie bettelten vor einigen Haustren Brot zusammen, das sie
nicht zur Stillung des Hungers geniessen, sondern zum Betrug
missbrauchen wollten.  Sie kneteten nmlich und drehten aus dem
Weichen desselben lauter kleine Kgelein oder Pillen und bestreuten
sie mit Wurmmehl aus altem, zerfressenem Holz, damit sie vllig
aussahen wie die gelben Arzneipillen.  Hierauf kauften sie fr ein
paar Batzen einige Bogen rotgefrbtes Papier bei dem Buchbinder
(denn eine schne Farbe muss gewhnlich bei jedem Betrug mithelfen).
Das Papier zerschnitten sie alsdann und wickelten die Pillen darein,
je sechs bis acht Stcke in ein Pcklein.  Nun ging der eine voraus
in einen Flecken, wo eben Jahrmarkt war, und in den Roten Lwen, wo
er viele Gste anzutreffen hoffte.  Er forderte ein Glas Wein, trank
aber nicht, sondern sass ganz wehmtig in einem Winkel, hielt die
Hand an den Backen, winselte halblaut fr sich und kehrte sich
unruhig bald so her, bald so hin.  Die ehrlichen Landleute und
Brger, die im Wirtshaus waren, bildeten sich wohl ein, dass der
arme Mensch ganz entsetzlich Zahnweh haben msse.  Aber was war zu
tun?  Man bedauerte ihn, man trstete ihn, dass es schon wieder
vergehen werde, trank sein Glslein fort und machte seine
Marktaffren aus.  Indessen kam der andere Tagdieb auch nach.  Da
stellten sich die beiden Schelme, als ob noch keiner den andern in
seinem Leben gesehen htte.  Keiner sah den andern an, bis der zweite
durch das Winseln des erstern, der im Winkel sass, aufmerksam zu
werden schien.  "Guter Freund", sprach er, "Ihr scheint wohl
Zahnschmerzen zu haben?" und ging mit grossen, aber langsamen
Schritten auf ihn zu.  "Ich bin der Doktor Staunzius Rapunzia von
Trafalgar", fuhr er fort.  Denn solche fremde, volltnige Namen
mssen auch zum Betrug behilflich sein wie die Farben.  "Und wenn Ihr
meine Zahnpillen gebrauchen wollt", fuhr er fort, "so soll es mir
eine schlechte Kunst sein, Euch mit einer, hchstens zweien von
Euern Leiden zu befreien."--"Das wolle Gott", erwiderte der andere
Halunk.  Hierauf zog der saubere Doktor Rapunzia eines von seinen
roten Pcklein aus der Tasche und verordnete dem Patienten, ein
Kgelein daraus auf den bsen Zahn zu legen und herzhaft darauf zu
beissen.  Jetzt streckten die Gste an den andern Tischen die Kpfe
herber, und einer um den andern kam herbei, um die Wunderkur mit
anzusehen.  Nun knnt ihr euch vorstellen, was geschah.  Auf diese
erste Probe wollte zwar der Patient wenig rhmen, vielmehr tat er
einen entsetzlichen Schrei.  Das gefiel dem Doktor.  Der Schmerz,
sagte er, sei jetzt gebrochen, und gab ihm geschwind die zweite
Pille zu gleichem Gebrauch.  Da war nun pltzlich aller Schmerz
verschwunden.  Der Patient sprang vor Freuden auf, wischte den
Angstschweiss von der Stirne weg, obgleich keiner dran war, und tat,
als ob er seinem Retter zum Danke etwas Namhaftes in die Hand
drckte.--Der Streich war schlau angelegt und tat seine Wirkung.
Denn jeder Anwesende wollte nun auch von diesen vortrefflichen
Pillen haben.  Der Doktor bot das Pcklein fr 24 Kreuzer, und in
wenig Minuten waren alle verkauft.  Natrlich gingen jetzt die zwei
Schelmen wieder einer nach dem andern weiters, lachten, als sie
wieder zusammenkamen, ber die Einfalt dieser Leute und liessen
sich's wohl sein von ihrem Geld.

Das war teures Brot.  So wenig fr 24 Kreuzer bekam man noch in
keiner Hungersnot.  Aber der Geldverlust war nicht einmal das
Schlimmste.  Denn die Weichbrotkgelein wurden natrlicherweise mit
der Zeit steinhart.  Wenn nun so ein armer Betrogener nach Jahr und
Tag Zahnweh bekam und in gutem Vertrauen mit dem kranken Zahn einmal
und zweimal darauf biss, da denke man an den entsetzlichen Schmerz,
den er, statt geheilt zu werden, sich selbst fr 24 Kreuzer aus der
eigenen Tasche machte.

Daraus ist also zu lernen, wie leicht man kann betrogen werden, wenn
man den Vorspiegelungen jedes hergelaufenen Landstreichers traut,
den man zum ersten Mal in seinem Leben sieht und vorher nie und
nachher nimmer; und mancher, der dieses liest, wird vielleicht
denken: "So einfltig bin ich zu meinem eigenen Schaden auch schon
gewesen."

[Merke: Wer so etwas kann, weiss an andern Orten Geld zu verdienen,
luft nicht auf den Drfern und Jahrmrkten herum mit Lchern im
Strumpf oder mit einer weissen Schnalle am rechten Schuh und am
linken mit einer gelben.]



Der Zirkelschmied


In einer schwbischen Reichsstadt galt zu seiner Zeit ein Gesetz,
dass, wer sich an einem verheirateten Mann vergreift und gibt ihm
eine Ohrfeige, der muss 5 Gulden Busse bezahlen und kommt 24.
Stunden lang in den Turn.  Deswegen dachte am Andreastag ein
verlumpter Zirkelschmied im Vorstdtlein: Ich kann doch auf meinen
Namenstag ein gutes Mittagessen im Goldenen Lamm bekommen, wenn ich
schon keinen roten Heller hier und daheim habe und seit zwei Jahren
nimmer weiss, ob die bayrischen Taler rund oder eckig sind.  Darauf
hin lsst er sich vom Lammwirt ein gutes Essen auftragen und trinkt
viel Wein dazu, also dass die Zeche zwei Gulden fnfzehn Kreuzer
ausmachte; was damals auch fr einen wohlhabenden Zirkelschmied
schon viel war.  Jetzt, dachte er, will ich den Lammwirt zornig
machen und in Jast bringen.  "Das war ein schlechtes Essen, Herr
Lammwirt", sagte er, "fr ein so schnes Geld.  Es wundert mich, dass
Ihr nicht schon lang ein reicher Mann seid, wovon ich doch noch
nichts habe rhmen hren." Der Wirt, so ein Ehrenmann war,
antwortete auch nicht glimpflich, wie es ihm der Zorn eingab, und es
hatte ihm schon ein paar Mal im Arme gejuckt.  Als aber der
Zirkelschmied zuletzt sagte: "Es soll mir eine Warnung sein; denn
ich habe mein Leben lang gehrt, dass man in den schlechtesten
Kneipen, wie Euer Haus eine ist, am teuersten gehalten wird." Da gab
ihm der Wirt eine entsetzliche Ohrfeige, die allein zwei Dukaten
unter Brdern wert war, und sagte, er soll jetzt sogleich seine
Zeche bezahlen, "oder ich lasse Euch durch die Knechte bis in die
Vorstadt hinausprgeln".  Der Zirkelschmied aber lchelte und sagte:
"Es ist nur mein Spass gewesen, Herr Lammwirt, und Euer Mittagessen
war recht gut.  Gebt mir nur fr die Ohrfeige, die ich von Euch bar
erhalten habe, zwei Gulden fnfundvierzig Kreuzer auf mein
Mittagessen heraus, so will ich Euch nicht verklagen.  Es ist besser,
wir leben im Frieden miteinander als in Feindschaft.  Hat nicht Eure
selige Frau meiner Schwester Tochter ein Kind aus der Taufe
gehoben?"--Zu diesen Worten machte der Lammwirt ein paar kuriose
Augen; denn er war sonst ein gar unbescholtener und dabei
wohlhabender Mann und wollte lieber viel Geld verlieren, als wegen
eines Frevels von der Obrigkeit sich strafen lassen und nur eine
Stunde des Turnhters Hausmann sein.  Deswegen dachte er: zwei Gulden
und fnfzehn Kreuzer hat mir der Halunke schon mit Essen und Trinken
abverdient; ringer, ich gebe ihm noch zwei Gulden fnfundvierzig
Kreuzer drauf, als dass ich das Ganze noch einmal bezahlen muss und
werde beschimpft dazu.  Also gab er ihm die 2 fl. 45 kr., sagte aber:
"Jetzt komm mir nimmer ins Haus!"

Drauf, sagt man, habe es der Zirkelschmied in andern Wirtshusern
probiert, und die Ohrfeigen seien noch ein- oder zweimal al pari
gestanden, wie die Kaufleute sagen, wenn ein Wechselbrief so viel
kr.  gilt, als das bare Geld, wofr er verschrieben ist.  Drauf seien
sie schnell auf 50 Prozent heruntergesunken und am Ende, wie die
Assignaten in der Revolution, so unwert worden, dass man jetzt
wieder durch das ganze Schwabenland hinaus bis an die bayrische
Grenze so viele unentgeltlich ausgeben und wieder einnehmen kann,
als man ertragen mag.



Des Dieben Antwort


Einem Dieb, der sich mit Reden mausig machen wollte, sagte jemand:
"Was wollt Ihr?  Ihr drft ja gar nicht mehr in Eure Heimat
zurckkehren und msst froh sein, wenn man Euch hier duldet."--
"Meint Ihr?" sagte der Dieb; "meine Herren daheim haben mich so
lieb, ich weiss gewiss, wenn ich heimkme, sie liessen mich nimmer
fort."



Des Seilers Antwort


In Donauwrth wurde zu seiner Zeit ein Rossdieb gehenkt, und der
Hausfreund hat schon manchmal gedacht: Wer heutzutag an den Galgen
oder ins Zuchthaus will, wozu braucht der ein Ross zu stehlen?  Kommt
man nicht zu Fuss frh genug?  Der Donauwrther hat auch geglaubt,
der Galgen laufe ihm davon, wenn er nicht reite; und ist das Ross
einem ungeschickten Dieb in die Hnde gefallen, so fiel der Dieb
einem ungeschickten Henkersknecht in die Hnde.  Denn als er ihm das
hnfene Halsband hatte angelegt und stiess ihn von der Leiter vom
Seigel herunter, so zuckte er noch lange mit den Augen hin und her,
als wenn er sich noch ein Rsslein aussuchen wollte in der Menge.
Denn unter den Zuschauern waren viele zu Pferd und auf Leiterwgen
und dachten: man sieht's besser.  Als aber das Volk anfing laut zu
murren, und der ungeschickte Henker wusste sich nicht zu helfen, so
warf er sich endlich in der Angst an den Gehenkten hin, umfasste ihn
mit beiden Armen, als wenn er wollte von ihm Abschied nehmen, und
zog mit aller Kraft, damit die Schlinge fest zusammengehen und ihm
den Atem tten sollte.  Da brach der Strick entzwei, und fielen beide
miteinander auf die Erde hinab, als wenn sie nie wren droben
gewesen.  Der Missetter lebte noch, und sein Advokat hat ihn nachher
gerettet.  Denn er sagte: "Der Malefikant hat nur ein Ross gestohlen,
nicht zwei, so hat er auch nur einen Strick verdient", und hat
hinten dran viel lateinische Buchstaben und Zahlen gesetzt, wie
sie's machen.  Der Henker aber, als er nachmittags den Seiler sah,
fuhr ihn ungebrdig an: "Ist das auch ein Strick gewesen?" sagte er,
"man htt' Euch selber dran henken sollen." Der Seiler aber wusste
zu antworten: " Es hat mir niemand gesagt", sagte der Seiler, "dass
er zwei Schelmen tragen soll.  Fr einen war er stark genug, du oder
der Rossdieb."



Die Bekehrung


Zwei Brder im Westflinger Land lebten miteinander in Frieden und
Liebe, bis einmal der jngere lutherisch blieb und ltere katholisch
wurde.  Als der jngere lutherisch blieb und der ltere katholisch
wurde, taten sie sich alles Herzeleid an.  Zuletzt schickte der Vater
den katholischen als Ladendiener in die Fremde.  Erst nach einigen
Jahren schrieb er zum ersten Mal an seinen Bruder.  "Bruder", schrieb
er, "es geht mir doch im Kopf herum, dass wir nicht Einen Glauben
haben, und nicht in den nmlichen Himmel kommen sollen, vielleicht
in gar keinen.  Kannst du mich wieder lutherisch machen, wohl und
gut, kann ich dich katholisch machen, desto besser." Also beschied
er ihn in den Roten Adler nach Neuwied, wo er wegen einem Geschft
durchreiste.  "Dort wollen wir's ausmachen." In den ersten Tagen
kamen sie nicht weit miteinander.  Schalt der Lutherische: "der Papst
ist der Antichrist", schalt der Katholische: "Luther ist der
Widerchrist." Berief sich der Katholische auf den heiligen Augustin,
sagte der Lutherische: "Ich hab' nichts gegen ihn, er mag ein
gelehrter Herr gewesen sein, aber beim ersten Pfingstfest zu
Jerusalem war er nicht dabei." Aber am Samstag ass schon der
Lutherische mit seinem Bruder Fastenspeise.  "Bruder," sagte er, "der
Stockfisch schmeckt nicht giftig zu den durchgeschlagenen Erbsen";
und abends ging schon der Katholische mit seinem Bruder in die
lutherische Vesper.  "Bruder," sagte er, "euer Schulmeister singt
keinen schlechten Tremulant." Den andern Tag wollten sie miteinander
zuerst in die Frhmesse, danach in die lutherische Predigt, und was
sie alsdann bis von heut ber acht Tage der liebe Gott vermahnt, das
wollten sie tun.  Als sie aber aus der Vesper und aus dem Grnen Baum
nach Hause kamen, ermahnte sie Gott, aber sie verstanden es nicht.
Denn der Ladendiener fand einen zornigen Brief von seinem Herrn.
"Augenblicklich setzt Eure Reise fort!  Hab' ich Euch auf eine
Tridenter Kirchenversammlung nach Neuwied geschickt, oder sollt Ihr
nicht vielmehr die Musterkarte reiten?" Und der andere fand einen
Brief von seinem Vater: "Lieber Sohn, komm heim sobald du kannst, du
musst spielen." Also gingen sie noch den nmlichen Abend
unverrichteter Sachen auseinander, und dachten jeder fr sich nach,
was er von dem andern gehrt hatte.  Nach sechs Wochen schreibt der
jngere dem Ladendiener einen Brief "Bruder, deine Grnde haben mich
unterdessen vollkommen berzeugt.  Ich bin jetzt auch katholisch.  Den
Eltern ist es insofern recht.  Aber dem Vater darf ich nimmer unter
die Augen kommen." Da ergriff der Bruder voll Schmerz und Unwillen
die Feder.  "Du Kind des Zorns und der Ungnade, willst du denn mit
Gewalt in die Verdammnis rennen, dass du die seligmachende Religion
verleugnest?  Gestrigs Tags bin ich wieder lutherisch worden." Also
hat der katholische Bruder den lutherischen bekehrt, und der
lutherische hat den katholischen bekehrt, und war nachher wieder wie
vorher, hchstens ein wenig schlimmer.

Merke: du sollst nicht ber die Religion grbeln und dfteln, damit
du nicht deines Glaubens Kraft verlierst.  Auch sollst du nicht mit
Andersdenkenden darber disputieren, am wenigsten mit solchen, die
es ebensowenig verstehen als du, noch weniger mit Gelehrten, denn
die besiegen dich durch ihre Gelehrsamkeit und Kunst, nicht durch
deine berzeugung.  Sondern du sollst deines Glaubens leben und, was
gerade ist, nicht krumm machen.  Es sei dann, dass dich dein Gewissen
selber treibt zu schanschieren.



Die Besatzung von Oggersheim


Zu Oggersheim, gegenber von Mannheim, um die Wahl etwas weiter oben
oder unten, je nachdem man sich stellt, als im Dreissigjhrigen
Krieg unversehens die Spaniolen vor Oggersheim anrckten, flohen
fast alle Einwohner nach Mannheim.  Nur zwanzig Hausvter blieben
zurck und hatten das Herz, die Zugbrcke aufzuziehen und die Tore
zu schliessen.  Es gehrt nicht viel Herz zum Schliessen, aber zum
ffnen.  Denn als der spanische Feldhauptmann Don Gonsalva
hineintrompeten liess: "Wenn ihr bis morgen um diese Zeit den Platz
nicht bergebt", liess er hineintrompeten, "alsdann gebt acht, wer
am Leben bleibt, wenn ich den spanischen Sturmmarsch schlagen lasse
und doch hineinkomme", da sahen die Helden einander an und sagten:
"Der Weg nach Mannheim ist doch der sicherste." Nur einer dachte:
"Was soll ich tun?  Meine Frau steht an ihrem Ziel.  Soll sie
unterwegs oder gar auf dem Rhein ins Kindbett kommen?  In Gottes
Namen, ich bleibe da." Als nun die andern alle sich geflchtet
hatten und er noch allein in dem Stdtlein war, trat er mit einem
weissen Fhnlein auf die Stadtmauer und rief in das spanische Lager:
"Kund und zu wissen sei euch im Namen des Herrn Kommandanten von
Oggersheim, der Garnison und der ehrsamen Brgerschaft!  Ihr sollt
uns versprechen, das Eigentum zu schonen und die protestantische
Religion unangefochten zu lassen.  Wenn ihr dieses tut und halten
wollt, so sollen euch in einer Stunde die Stadttore geffnet werden.
Ich, der Trompeter."--Da sahen der Feldhauptmann und seine Leute
einander an.  ja, Nein--Nein, ja.  "Was sollen wir katholisches Blut
vergiessen lassen", sagte endlich der Feldhauptmann, "um einen
ketzerischen Altar umzuwerfen, oder was werden wir in diesem
Bauernstdtlein fr Schtze finden?" und rief mit lauter Stimme:
"Akkordiert!" Nach einer Stunde, als der Feind mit geschlossenen
Reihen und Gliedern, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel
einzog, am ussern Tor war niemand.--"Sie werden am innern sein."
Am innern Tor war auch niemand.--"Sie werden auf dem Platz sein."
Auf dem Platz stand mutterseelallein mit dem weissen Fhnlein der
herzhafte Burgersmann.--"Was soll das heissen?  Wo ist der
Kommandant und die Besatzung, wo ist der Burgermeister und der Rat?"
Da fiel der Burgersmann vor dem Feldhauptmann auf die Kniee nieder:
"Gndiger Herr, ich bin der einzige, der sich Euerer Grossmut
anvertraut hat.  Die andern sind nach Euerer Aufforderung alle nach
Mannheim geflohen.  Nur meine Frau ist noch bei mir im Stdtlein,
aber ein ellenlanger Rekrut wird nchster Tagen eintreffen.

Unterdessen bin ich mein eigener Kommandant und mein Trompeter, mein
Gemeiner und mein Profoss.  Wenn ich seit gestern htte desertieren
wollen, ich htte mich selber wieder einfangen und Spiessruten jagen
mssen." Da lchelte der Feldhauptmann und hiess ihn aufstehn, und
obgleich die Spanier zur Zeit des Dreissigjhrigen Krieges keinen
Spass verstanden, so leistete er doch, was er versprochen hatte, und
noch mehr.  Denn als den andern Morgen der brave Burgersmann wieder
zu dem Feldhauptmann kam, "Ihro Gnaden", sagte er, "wolltet Ihr mir
nicht auf eine Viertelstunde Euern Peldpater leihen, wenn er
evangelisch taufen kann?  Der ellenlange Rekrut ist angekommen und
schon einquartiert", da sagte der Feldhauptmann: "Ja, braver
Kamerad, und ich will Gevattermann sein und dein Kind zur Taufe
halten." Also hielt der General das Kind zur Taufe und schenkte ihm
ein spanisches Goldstck zum Andenken.  Den folgenden Tag zogen die
Spaniolen wieder weiters.



Die drei Diebe


Der geneigte Leser wird ermahnt, nicht alles fr wahr zu halten, was
in dieser Erzhlung vorkommt.  Doch ist sie in einem schnen Buch
beschrieben und zu Vers gebracht.

Der Zundelheiner und der Zundelfrieder trieben von Jugend auf das
Handwerk ihres Vaters, der bereits am Auerbacher Galgen mit des
Seilers Tochter kopuliert war, nmlich mit dem Strick; und ein
Schulkamerad, der rote Dieter, hielt's auch mit und war der Jngste
Doch mordeten sie nicht und griffen keine Menschen an, sondern
visitierten nur so bei Nacht in den Hhnerstllen und, wenn's
Gelegenheit gab, in den Kchen, Kellern und Speichern, allenfalls
auch in den Geldtrgen, und auf den Mrkten kauften sie immer am
wohlfeilsten ein.  Wenn's aber nichts zu stehlen gab, so bten sie
sich untereinander mit allerlei Aufgaben und Wagstcken, um im
Handwerk weiterzukommen.  Einmal im Wald sieht der Heiner auf einem
hohen Baum einen Vogel auf dem Nest sitzen, denkt, er hat Eier, und
fragt die andern: "Wer ist imstand und holt dem Vogel dort oben die
Eier aus dem Nest, ohne dass es der Vogel merkt?" Der Frieder wie
eine Katze klettert hinauf, naht sich leise dem Nest, bohrt langsam
ein Lchlein unten drein, lsst ein Eilein nach dem andern in die
Hand fallen, flickt das Nest wieder zu mit Moos und bringt die Eier.
- "Aber wer dem Vogel die Eier wieder unterlegen kann",--sagte
jetzt der Frieder, "ohne dass es der Vogel merkt!" Da kletterte der
Heiner den Baum hinan, aber der Frieder kletterte ihm nach, und
whrend der Heiner dem Vogel langsam die Eier unterschob, ohne dass
es der Vogel merkte, zog der Frieder dem Heiner langsam die Hosen
ab, ohne dass es der Heiner merkte.  Da gab es ein gross Gelchter,
und die beiden andern sagten: "Der Frieder ist der Meister." Der
rote Dieter aber sagte: "Ich sehe schon, mit euch kann ich's nicht
zugleich tun, und wenn's einmal zu bsen Husern geht und der Letze
kommt ber uns, so ist's mir nimmer Angst fr euch, aber fr mich."
Also ging er fort, wurde wieder ehrlich und lebte mit seiner Frau
arbeitsam und huslich.  Im Sptjahr, als die zwei andern noch nicht
lang auf dem Rossmarkt ein Rsslein gestohlen hatten, besuchten sie
einmal den Dieter und fragten ihn, wie es ihm gehe; denn sie hatten
gehrt, dass er ein Schwein geschlachtet, und wollten ein wenig
achtgeben, wo es liegt.  Es hing in der Kammer an der Wand.  Als sie
fort waren, sagte der Dieter: "Frau, ich will das Sulein in die
Kche tragen und die Mulde drauf decken, sonst ist es morgen nimmer
unser." In der Nacht kommen die Diebe, brechen, so leise sie knnen,
die Mauer durch, aber die Beute war nicht, mehr da.  Der Dieter merkt
etwas, steht auf, geht um das Haus und sieht nach.  Unterdessen
schleicht der Heiner um das andere Eck herum ins Haus bis zum Bett,
wo die Frau lag, nimmt ihres Mannes Stimme an und sagt: "Frau, die
Sau ist nimmer in der Kammer." Die Frau sagt: "Schwtz' nicht so
einfltig!  Hast du sie nicht selber in die Kche unter die Mulde
getragen?" "Ja so", sagte der Heiner, "drum bin ich halber im
Schlaf" und ging, holte das Schwein und trug es unbeschrieen fort,
wusste in der finstern Nacht nicht, wo der Bruder ist, dachte, er
wird schon kommen an den bestellten Platz im Wald.  Und als der
Dieter wieder ins Haus kam und nach dem Sulein greifen will,
"Frau", rief er, "jetzt haben's die Galgenstricke doch geholt."

Allein so geschwind gab er nicht gewonnen, sondern setzte den Dieben
nach, und als er den Heiner einholte (es war schon weit vom Hause
weg), und als er merkte, dass er allein sei, nahm er schnell die
Stimme des Frieders an und sagte: "Bruder, lass jetzt mich das
Sulein tragen, du wirst mde sein." Der Heiner meint, es sei der
Bruder, und gibt ihm das Schwein, sagt, er wolle vorausgehn in den
Wald und ein Feuer machen.  Der Dieter aber kehrte hinter ihm um,
sagte fr sich selber: "Hab' ich dich wieder, du liebes Sulein!"
und trug es heim.  Unterdessen irrte der Frieder in der Nacht herum,
bis er im Wald das Feuer sah, und kam und fragte den Bruder: "Hast
du die Sau, Heiner?" Der Heiner sagte: "Hast du sie denn nicht,
Frieder?" Da schauten sie einander mit grossen Augen an und htten
kein so prasselndes Feuer von buchenen Spnen gebraucht zum
Nachtkochen.  Aber desto schner prasselte jetzt das Feuer daheim in
Dieters Kche.  Denn das Schwein wurde sogleich nach der Heimkunft
verhauen und Kesselfleisch ber das Feuer getan.  Denn der Dieter
sagte: "Frau, ich bin hungrig, und was wir nicht beizeiten essen,
holen die Schelmen doch." Als er sich aber in einen Winkel legte und
ein wenig schlummerte, und die Frau kehrte mit der eisernen Gabel
das Fleisch herum und schaute einmal nach der Seite, weil der Mann
im Schlaf so ngstlich seufzte, kam eine zugespitzte Stange langsam
durch das Kamin herab, spiesst das beste Stck im Kessel an und
zog's herauf; und als der Mann im Schlaf immer ngstlicher winselte
und die Frau immer emsiger nach ihm sah, kam die Stange zum zweiten
Mal und zum dritten Mal; und als die Frau den Dieter weckte: "Mann,
jetzt wollen wir anrichten", da war der Kessel leer, und wr'
ebenfalls kein so grosses Feuer ntig gewesen zum Nachtkochen.  Als
sie aber beide schon im Begriff waren, hungrig ins Bett zu gehen,
und dachten: Will der Henker das Sulein holen, so knnen wir's ja
doch nicht heben, da kamen die Diebe vom Dach herab, durch das Loch
der Mauer in die Kammer und aus der Kammer in die Stube und brachten
wieder, was sie gemaust hatten.  Jetzt ging ein frhliches Leben an.
Man ass und trank, man scherzte und lachte, als ob man gemerkt
htte, es sei das letzte Mal, und war guter Dinge, bis der Mond im
letzten Viertel ber das Huslein wegging und zum zweiten Mal im
Dorf die Hahnen krhten und von weitem der Hund des Metzgers bellte.
Denn die Strickreiter waren auf der Spur, und als die Frau des roten
Dieters sagte: "Jetzt ist's einmal Zeit ins Bett", kamen die
Strickreiter von wegen des gestohlenen Rssleins und holten den
Zundelheiner und den Zundelfrieder in den Turn und in das Zuchthaus.



Die falsche Schtzung


Reiche und vornehme Leute haben manchmal das Glck, wenigstens von
ihren Bedienten die Wahrheit zu hren, die ihnen nicht leicht ein
anderer sagt.

Einer, der sich viel auf seine Person und auf seinen Wert und nicht
wenig auf seinen Kleiderstaat einbildete, als er sich eben zu einer
Hochzeit angezogen hatte und sich mit seinen fetten, roten Backen im
Spiegel beschaute, dreht er sich vom Spiegel um und fragt seinen
Kammerdiener, der ihn von der Seite her wohlgefllig beschaute:
"Nun, Thadde", fragte er ihn, "wie viel mag ich wohl wert sein, wie
ich dastehe?" Der Thadde machte ein Gesicht, als wenn er ein halbes
Knigreich zu schtzen htte, und drehte lang die rechte Hand mit
ausgestreckten Fingern so her und so hin.  "Doch auch
fnfhundertundfnfzig Gulden", sagte er endlich, "weil doch
heutzutag alles teurer ist als sonst." Da sagte der Herr: "Du dummer
Kerl, glaubst du nicht, dass mein Gewand, das ich anhabe, allein
seine fnfhundert Gulden wert ist?" Da trat der Kammerdiener ein
paar Schritte gegen die Stubentre zurck und sagte: "Verzeiht mir
meinen Irrtum, ich hab's etwas hher angeschlagen, sonst htt' ich
nicht so viel herausgebracht."



Die gute Mutter


Im Jahre 1796, als die franzsische Armee nach dem Rckzug aus
Deutschland jenseits hinab am Rhein lag, sehnte sich eine Mutter in
der Schweiz nach ihrem Kind, das bei der Armee war, und von dem sie
lange nichts erfahren hatte, und ihr Herz hatte daheim keine Ruhe
mehr.  "Er muss bei der Rheinarmee sein", sagte sie, "und der liebe
Gott, der ihn mir gegeben hat, wird mich zu ihm fhren", und als sie
auf dem Postwagen zum St.  Johannistor in Basel heraus und an den
Rebhusern vorbei ins Sundgau gekommen war, treuherzig und redselig,
wie alle Gemter sind, die Teilnehmung und Hoffnung bedrfen, und
die Schweizer ohnedem, erzhlte sie ihren Reisegefhrten bald, was
sie auf den Weg getrieben hatte.  "Find' ich ihn in Kolmar nicht, so
geh' ich nach Strassburg, find' ich ihn in Strassburg nicht, so geh'
ich nacher Mainz." Die andern sagten das dazu und jenes und einer
fragte sie: "Was ist denn Euer Sohn bei der Armee?  Major?" Da wurde
sie fast verschmt in ihrem Inwendigen.  Denn sie dachte, er knnte
wohl Major sein oder so etwas, weil er immer brav war, aber sie
wusste es nicht.  "Wenn ich ihn nur finde", sagte sie, "so darf er
auch etwas weniger sein, denn er ist mein Sohn." Zwei Stunden
herwrts Kolmar aber, als schon die Sonne sich zu den Elssser
Bergen neigte, die Hirten trieben heim, die Kamine in den Drfern
rauchten, die Soldaten in dem Lager nicht weit von der Strasse
standen partienweise mit dem Gewehr beim Fuss, und die Generale und
Obersten standen vor dem Lager beisammen, diskurierten miteinander,
und eine junge, weissgekleidete Person von weiblichem Geschlecht und
feiner Bildung stand auch dabei und wiegte auf ihren Armen ein Kind.
Die Frau im Postwagen sagte: "Das ist auch keine gemeine Person, da
sie nahe bei den Herren steht.  Was gilt's, der, wo mit ihr redet,
ist ihr Mann." Der geneigte Leser fngt allbereits an, etwas zu
merken, aber die Frau im Postwagen merkte noch nichts.  Ihr
Mutterherz hatte keine Ahndung, so nahe sie an ihm vorbeigefahren
war, sondern bis nach Kolmar hinein war sie still und redete nimmer.
In der Stadt im Wirtshaus, wo schon eine Gesellschaft an der
Mahlzeit sass, und die Reisegefhrten setzten sich auch noch, wo
Platz war, da war ihr Herz erst recht zwischen Bangigkeit und
Hoffnung eingeengt, da sie jetzt etwas von ihrem Sohn erfahren
knnte, ob ihn niemand kenne, und ob er noch lebe, und ob er etwas
sei, und hatte doch den Mut fast nicht zu fragen.  Denn es gehrt
Herz dazu, eine Frage zu tun, wo man das Ja so gerne hren mchte,
und das Nein ist doch so mglich.  Auch meinte sie, jedermann merke
es, dass es ihr Sohn sei, nach dem sie frage, und dass sie hoffe, er
sei etwas geworden.  Endlich aber, als ihr der Diener des Wirts die
Suppe brachte, hielt sie ihn heimlich an dem Rocke fest und fragte
ihn: "Kennt Ihr nicht einen bei der Armee, oder habt Ihr nicht von
einem gehrt, so und so?" Der Diener sagt: "Das ist ja unser
General, der im Lager steht.  Heute hat er bei uns zu Mittag
gegessen", und zeigte ihr den Platz.  Aber die gute Mutter gab ihm
wenig Gehr darauf, sondern meinte, es sei Spass; der Diener ruft
den Wirt.  Der Wirt sagt: "Ja, so heisst der General." Ein Offizier
sagte auch: "Ja, so heisst unser General", und auf ihre Fragen
antwortete er: "Ja, so alt kann er sein", und "Ja, so sieht er aus
und ist von Geburt ein Schweizer." Da konnte sie sich nicht mehr
halten vor inwendiger Bewegung und sagte "Es ist mein Sohn, den ich
suche"; und ihr ehrliches Schweizergesicht sah fast ein wenig
einfltig aus vor unverhoffter Freude und vor Liebe und Scham.  Denn
sie schmte sich, dass sie eines Generals Mutter sein sollte vor so
vielen Leuten, und konnte es doch nicht verschweigen.  Aber der Wirt
sagte: "Wenn das so ist, gute Frau, so lasst herzhaft Eure Bagage
abladen ab dem Postwagen, und erlaubt mir, dass ich morgen in aller
Frhe ein Kaleschlein anspannen lasse und Euch hinausfhre zu Eurem
Herrn Sohn in das Lager." Am Morgen, als sie in das Lager kam und
den General sah, ja, so war es ihr Sohn, und die junge Frau, die
gestern mit ihm geredet hatte, war ihre Schwiegertochter, und das
Kind war ihr Enkel.  Und als der General seine Mutter erkannte und
seiner Gemahlin sagte: "Das ist sie", da kssten und umarmten sie
sich, und die Mutterliebe und die Kindesliebe und die Hoheit und die
Demut schwammen ineinander und gossen sich in Trnen aus, und die
gute Mutter blieb lange in ungewhnlicher Rhrung, fast weniger,
dass sie heute die Ihrigen fand, als darber, dass sie sie gestern
schon gesehen hatte.--Als der Wirt zurckkam, sagte er, das Geld
regne zwar nirgends durch das Kamin herab, aber nicht zweihundert
Franken nhme er darum, dass er nicht zugesehen htte, wie die gute
Mutter ihren Sohn erkannte und sein Glck sah; und der Hausfreund
sagt: Es ist die schnste Eigenschaft weitaus im menschlichen
Herzen, dass es so gerne zusieht, wenn Freunde oder Angehrige
unverhofft wieder zusammenkommen, und dass es allemal dazu lcheln
oder vor Rhrung mit ihnen weinen muss, nicht ob es will.



Die lachenden Jungfrauen


Wer weiss, wo Saratow liegt?  Der Hausfreund hat viel Bcher.  Er
weiss alles.  Saratow liegt weit gegen Sonnenaufgang in das wilde
Asien hinein und ist ebenfalls der Sitz einer russischen
Statthalterschaft, nmlich wie Pensa, und war im Jahr 1812 ebenfalls
der Sammelplatz, wo viel Tausend unglckliche Kriegsgefangene
abgegeben und dann tiefer hineingefhrt wurden in das Elend.
Ein Transport von gefangenen Deutschen wird eines Tages eingebracht.
Eine Menge von Einwohnern, wie zu geschehen pflegt, stehen auf den
Gassen; die Neugierigen schauten, der bermut trotzte und spottete,
die Rachsucht fluchte und schimpfte.  Keine Hand bot sich zur Pflege
der kranken, der verwundeten, der verschmachtenden Fremdlinge an,
eher zu etwas anderm.  Niemand wehrte ihnen.  Denn die
Kriegsgefangenschaft spinnt keine Seide, und man kann nicht glauben,
wie erbittert damals die Russen ber ihre Feinde waren, und keiner
wurde vorher gefragt, ob er zu den Schlimmen gehre, sondern man
nahm ihn dafr.  Aber einem wohlbetagten Hauptmann und seinem
Leutnant begegnete etwas Merkwrdiges.  Denn eben als der Hauptmann
den Leutnant an der Hand ergriff und ihn trsten wollte: "Fasse
dich, junges Blut, auch das wird vorbergehen und ein Ende nehmen,
mit dem Frieden oder mit dem Tode",--in dem Augenblicke hren sie
zunchst vor sich ein mutwilliges Lachen, und indem sie
unwillkrlich aufschauen,--sie htten's bereits knnen gewohnt
sein,--was erblicken ihre Augen?  In einem vornehmen russischen
Gefhrt zwei Jungfrauen, schn wie zwei Sonnen, lieblich wie der
Frhlingstag, wenn die Rosen blhen.  Beide Teile schauten einander
an, aber ob auch die Jungfrauen sich wollten Gewalt antun, sie
konnten sich nicht erwehren, und trat auch eine die andere auf den
Fuss, so ward's nur rger.  Das griff schmerzhaft den sonst
vielgeprften Mut des bejahrten Hauptmanns an.  Noch so jung, dachte
er, und schon so entartet, und der Leutnant dachte: so schn und
doch so grausam, und der Schmerz des einen brach in eine Trne, der
Unmut des andern aber in Worte aus: "Tchter dieses unwirtlichen
Landes", fing der Hauptmann an, "ihr versteht zwar meine Rede
nicht", die Jungfrauen lachten aufs neue,--"aber wollte Gott, ihr
verstndet sie", da lachten auf einmal die Jungfrauen nicht mehr.
"Gar unfein", fuhr der Hauptmann fort, "steht das euerem
Geschleckte, euerer Jugend und euren schnen Kleidern an, an dem
Jammer schuldloser Menschen eure Augen zu weiden und mit solchem
Hohngelchter unsere Herzen zu durchschneiden." Da fiel ihm errtend
die ltere der Jungfrauen in das Wort, sie war ungefhr 18 Jahre alt
und die jngere 17, und redete die Unglcklichen zu ihrem Erstaunen
ebenfalls deutsch an, mitten in Saratow und mitten in Russland, mehr
als 1000 Stunden weit von der Heimat deutsch.  "Edle Fremdlinge",
sagte sie, sanft wie ein Engel und mit tiefbewegter Stimme, "sprecht
nicht also, dass wir gekommen seien, unsere Augen an euerem Elende
zu weiden und euere Herzen durch Verhhnung zu martern, die wir die
Absicht haben, euch zu bitten, dass ihr mit uns gehen wollet in die
Wohnung unserer Eltern und Pflege und Liebe anzunehmen, bis die
Engel des Friedens euch zurckfhren mgen zu euren Fahnen oder in
die Umarmungen eurer Angehrigen, dass ihr bei ihnen glcklich sein
mget alle Tage eures Lebens." Ihr entgegnete hinwiederum erstaunt
ber diese Worte der Hauptmann: "Edle Jungfrauen, wes herrlichen
Geschlechts Tchter ihr sein mget, wenn dem also ist, wie ihr
saget, so vertrauen wir uns eurer Einladung an, die ihr aus
deutschem Blute entsprossen scheint, so ihr das Unrecht verzeihen
knnt; womit mein Schmerz euch beleidigt hat."

Als sie aber in den Wagen einstiegen, und der Hauptmann wollte; wie
es sich traf, neben die ltere der Jungfrauen sitzen, widerfuhr
ihnen noch etwas Apartes, denn es zog ihn die jngere sanft auf ihre
Seite: "Verzeiht mir", sagte sie; "edler Fremdling, meine Ansprche
auf Euch sind mir zu wert.  Meine Freundin hat kein Recht an Euch."
Und zu dem Leutnant sprach die ltere ebenfalls: "Meine Freundin hat
kein Recht an Euch",--und zog ihn sanft und sittsam an ihre Seite.
Den zwei Kriegsgefangenen aber war alles recht, denn auch jedem
andern htte die Wahl zwischen beiden schnen Jungfrauen schwerer
sein mssen als jeder andern Jungfrau die Wahl zwischen einem
fnfzigjhrigen Mann und einem zwanzigjhrigen Jngling.

Fragt sich nun: wer waren die Jungfrauen, und wo fhrten sie ihre
Gefangenen hin?  Antwort: Es leben in Saratow zwei reiche und
angesehene deutsche Familienvter; der Deutsche kommt, wie das
Quecksilber, berall durch, wenn er schon keins ist.  Beide Familien
waren des Abends vorher wie gewhnlich beisammen und sprachen von
allerlei.  "Ist's wahr",--sagte der eine,--"dass morgen deutsche
Kriegsgefangene ankommen?"--"Sie sind schon angesagt", erwiderte
man ihm.--"Die armen Menschen haben einen schweren Gang",--sprach
wehmtig eine der Mtter.  Da trat die ltere Jungfrau ihren Vater
an: "Werden wir auch einen bekommen, mein Vater?  Wie sorglich wollte
ich gleich einer Tochter oder Schwester sein pflegen und ihn
trsten." Der Vater erwiderte: "Den Gefangenen bettet man nicht auf
Rosen.  Sie werden in den Vorstdten in den drftigsten Htten
untergebracht."--"Oder wolltet Ihr denn nicht selbst einen einladen
oder Euch einen ausbitten von dem Hauptmann ihrer Bewachung?"--"Das
knnte mir wohl bel gedeutet werden", erwiderte der Vater, "sie
sind Feinde des Vaterlandes, in welches wir selbst als Fremdlinge
aus ihrer Heimat sind aufgenommen worden.  Wir drfen die Feinde
nicht als unsere Landsleute erkennen.  Doch wenn einen von ihnen mir
das Schicksal ohne mein Zutun entgegenfhrt, will ich mich seiner
nicht entschlagen", und ebenso sprach auch der Vater der andern
Jungfrau.  Da redeten die beiden Tchter miteinander, und
leichtsinnig und gutmtig, wie die Jugend ist, beschlossen sie, wenn
die Gefangenen kmen, zu tun, was sie taten.

Anfnglich fuhren sie ein wenig um den Transport herum, wie wenn man
auf den Jahrmarkt geht, um einzukaufen.  Man sieht zuerst die Waren
an, was da ist, ehe man auf Geratewohl kauft, das Nchste, das
Beste.  Als aber die Jungfrauen den Hauptmann erblickten, wie er
dastand, wenig gebeugt von seinen Leiden, und angeschmiegt an ihn
den Jngling, den Leutnant, den das Schicksal zum ersten Mal in die
Schule der Prfung genommen hatte, und zwar gleich in die oberste
Klasse, sagten sie zueinander, "diese zwei wollen wir nehmen."--
"Willst du den Alten?" sagte scherzhaft die jngere.  "Oder willst du
ihn?" sagte zu ihr ihre Freundin.  Da nahm die jngere zwei
Stecknadeln aus ihrem Busengewand, eine lngere und eine krzere,
und zogen miteinander das Hlmlein mit Stecknadeln.  Als aber die
ltere den Leutnant zog und die jngere den Hauptmann behielt, in
dem Augenblick, als dieser sagte, "auch das wird ein Ende nehmen",--
lachten die Jungfrauen.  Denn diesen Erbschatz teilt noch die
Kindheit mit der Jugend, dass Schmerz und Freude leichter an ihr
vorbergehen und in schnellern Ablsungen miteinander wechseln.
Hernach aber, als der Hauptmann so ernsthaft sie anredete, "euer Ohr
versteht zwar meine Rede nicht", lachten sie von neuem.  Denn wenn
man einmal darin ist, man muss; und das Gefhl, dass es unschicklich
sei, hilft nur dazu, die Unschicklichkeit zu begehen.  Aber als sie
den Schmerz erkannten, mit dem er nach einem sssen deutschen Wort
in dieser fremden Welt wie nach einem Almosen seufzte, und sie
hatten's in ihrem milden Herzen und konnten's ihm geben und waren
deswegen da, da lachten sie nicht mehr und boten ihnen in deutscher
Sprache und Rede die Pflege und Liebe ihrer Eltern an und fhrten
sie zu ihnen.  Die Vter hoben zwar die Finger gegen ihre Tchter auf
"Was habt ihr getan!" aber im Herzen waren sie es froh.  Sie zeigten
sogleich der Obrigkeit an, was geschehen war, und der
menschenfreundliche Statthalter gab ihnen gerne die Erlaubnis, auf
ihre Brgschaft zwar, ihre gefangenen Landsleute bei sich zu
behalten bis auf ein Weiteres.

Da gebrach ihnen auf einmal nichts mehr, da waren sie auf einmal
aller ihrer Leiden quitt, da verzogen sich alle ihre Bekmmernisse.
Der Hauptmann in dem Hause, das ihn aufgenommen hatte, wurde
angesehen und geliebt als ein Bruder, der Leutnant in dem seinigen
als ein Sohn, von seiner schnen Retterin auch noch ein wenig
anderst, nmlich ebenso wie sie von ihm, bis die Engel des Friedens
kamen.  Als aber die Engel des Friedens kamen, schangschierte der
Leutnant seinen Glauben, nmlich, dass er in der Uniform sterben
werde.  Er verschaffte sich den Abschied von seinem Regiment und
freut sich jetzt als Gatte der Liebe und der Jugend seiner schnen
Retterin.  Der Hauptmann aber trennte sich von diesen edeln Menschen
und von seinem jungen Freund mit einer Rhrung und mit einem
Schmerz, der mehr Trnen als Worte hat, und kam wohlbehalten wieder
in Deutschland und bei den Seinigen an, und wer ihn sah und vorher
gekannt hatte, wunderte sich sein.  "Ei, wie seid Ihr so jung
geworden, Herr Hauptmann, in Eurer Gefangenschaft, Euch muss es
nicht bel gegangen sein."

Der geneigte Leser darf an der Wahrheit dieser Erzhlung nicht
zweifeln, denn der Hausfreund hat sie aus dem zweiten Mund.  Nmlich
der Hauptmann hat sie selbst einem rheinlndischen Herrn
Kriegsobristen also mitgeteilt, der auch weiss, wie man ber die
Berezina geht, und von dem Kriegsobristen aber hat sie der
Hausfreund und hat seitdem schon manches Tublein mit ihm verzehrt
und schon manches Schpplein mit ihm herausgemacht, Fuchs oder Has.



Die leichteste Todesstrafe


Man hat gemeint, die Guillotine sei's.  Aber nein!  Ein Mann, der
sonst seinem Vaterland viele Dienste geleistet hatte und bei dem
Frsten wohl angeschrieben war, wurde wegen eines Verbrechens, das
er in der Leidenschaft begangen hatte, zum Tode verurteilt.  Da half
nicht Bitten, nicht Beten.  Weil er aber sonst bei dem Frsten wohl
angeschrieben war, liess ihm derselbe die Wahl, wie er am liebsten
sterben wolle; denn welche Todesart er whlen wrde, die sollte ihm
werden.  Also kam zu ihm in den Turn der Oberamtsschreiber: "Der
Herzog will Euch eine Gnade erweisen.  Wenn Ihr wollt gerdert sein,
will er Euch rdern lassen; wenn Ihr wollt gehenkt sein, will er
Euch henken lassen.  Es hngen zwar schon zwei am Galgen, aber
bekanntlich ist er dreischlferig.  Wenn Ihr aber wollt lieber
Rattenpulver essen, der Apotheker hat.  Denn welche Todesart Ihr
whlen werdet, sagt der Herzog, die soll Euch werden.  Aber sterben
msst Ihr, das werdet Ihr wissen." Da sagte der Malefikant: "Wenn
ich denn doch sterben muss, das Rdern ist ein biegsamer Tod, und
das Henken, wenn besonders der Wind geht, ein beweglicher.  Aber Ihr
versteht's doch nicht recht.  Meines Orts, ich habe immer geglaubt,
der Tod aus Altersschwche sei der sanfteste, und den will ich denn
auch whlen, und keinen andern", und dabei blieb er und liess sich's
nicht ausreden.  Da musste man ihn wieder laufen und fortleben
lassen, bis er an Altersschwche selber starb.  Denn der Herzog
sagte: "Ich habe mein Wort gegeben, so will ich's auch nicht
brechen."

Dies Stcklein ist von der Schwiegermutter, die niemand gerne
umkommen lsst, wenn sie ihn retten kann.



Die nasse Schlittenfahrt


Der Hausfreund hat viel gute Freunde am Rhein auf und ab, zwischen
Friedlingen und Andernach, unter andern ein paar lose.  Einer davon
versteht sich gut darauf, Kissen und Scke auszustopfen, um weich
darauf zu sitzen, und man darf ihn rekommandieren.  Zwei andere gute
Freunde von ihm sagten zueinander an einem schnen, kalten
Wintertag: "Wollen wir nicht auf dem Schlitten fahren?"--"Wohin?"--
"Zum Theodor." Sie nannten ihn nur mit dem Vornamen.  Theodor heisst
er mit dem Vornamen.  Also spannten sie den Rappen an den
Rennschlitten und legten einen Sack voll Spreu darauf, der Lnge
nach, um weicher zu sitzen.  Als sie bei dem guten Freund angelangt
waren, wurde lustig getrunken--der Wein lag ihm nie berzwerch im
Fass--: Schliengener, Bllinger, Steinenstatter, Vierundachtziger,
Achtziger, Vierundsiebenziger.  Beim Vierundsiebenziger blieben sie
sitzen, bis der Abendstern ber dem Wasgau funkelte und die
Bettglocken laut wurden in den Drfern.  Als die Bettglocken laut
wurden, sagte einer von ihnen: "Jetzt will ich anspannen, unser Weg
ist der weiteste." Der Theodor sagte: "Wahrscheinlich auch der
krmmste.  Hst um!  Dort links ist die Stubentr." Denn der Gast
taumelte nach der Tre eines Milchschranks, in der Meinung, es sei
die Stubentr.  Als sie auf dem Schlitten noch eins genommen hatten
zu St.  Johannes' Segen und ungefhr an die Tannen gekommen waren,
wurde es beiden nass zwischen den Beinen.  Der vordere dachte: "Soll
mir etwas passiert sein, oder ist mein Kamerad dahinten nicht
wasserfest?  Der andere dachte: Schmelzen die Spreu im Spreuersack,
oder ist meinem Kameraden etwas passiert?--"Gevatter", stammelte
endlich der vordere, " es scheint mir, Ihr habt's euch kommod
gemacht.  Ich htt' Euch wohl ein paar Minuten lang das Leitseil
halten mgen."--"Gevatter", erwiderte der andere, "mir kommt's vor,
Ihr solltet nicht mehr saufen, als Ihr bei Euch behalten knnt."
Whrend sie aber so Wortwechsel treiben und jeder die Schuld auf den
andern warf, wurden sie immer nsser, und der Sack unter ihnen gab
immer mehr nach, bis sie auf dem harten Brette sassen.

"Mordsapperment, Ihr schwemmt mich noch ber den Schlitten
hinunter", fuhr der zweite fort.--"Oder Ihr mich", erwiderte der
erste.--"Wenn ich nicht dassse wie einer, der zwischen den zwei
Buckeln eines Trampeltieres reitet, ich lge schon lange auf dem
Boden, und die Stiefel sind mir bereits mitsamt den Fssen
angefroren am Schlittenkufen."--"Drum eben", erwiderte der erste.
"Woher kommt's, dass Euch das Wasser an den Beinen herabluft?" Als
sie aber halbsteif nach Hause gekommen waren und die Spreu aus dem
Sacke ausleeren wollten, schoss etwas ganz anderes als Spreu heraus.
Da sagte der eine: "Ich glaube gar, der Schalk, der Theodor, hat uns
den Sack mit Schnee angefllt.  Darum sind wir so nass geworden." Der
andere sagte: "Es kmmt mir auch so vor."--Es war auch so.



Die Ohrfeige


Ein Bblein klagte seiner Mutter: "Der Vater hat mir eine Ohrfeige
gegeben." Der Vater aber kam dazu und sagte: "Lgst du wieder?
Willst du noch eine?"



Die Probe


In einer ziemlich grossen Stadt, wo nicht alle Leute einander
kennen, auch nicht alle Hatschiere, ging ein neu angenommener
Hatschier in ein verdchtiges Wirtshuslein hinein und hatte einen
braunen berrock an.  Denn er dachte: Weil ich noch nicht lange
angenommen bin, so kennt mich niemand, und niemand nimmt sich vor
mir in acht; vielleicht gibt's etwas zu fischen.  Ein bejahrter Mann
in brgerlicher Kleidung folgt ihm nach und geht auch in das
Wirtshuslein.  Der neue Hatschier fordert einen Schoppen, der
betagte Mann setzt sich an den nmlichen Tisch und fordert auch
einen Schoppen.  Unter ihnen und ober ihnen und an andern Tischen
sassen mehrere Leute und sprachen in Friede und Eintracht von
allerlei, von dem Elefant, von dem grossen Diebstahl, von den
Kriegsoperationen.  Einer zog mit dem Finger einen Strich von Wein
ber den Tisch und sagte: "Zum Exempel, dies wre die Donau." Drauf
legte er ein Stcklein Ksrinde daneben und sagte: "Jetzt, das wr'
Ulm." Ein anderer, als er Ulm nennen hrte, sagte zu dem betagten
Mann: "Ich bin von Ulm und htte Haus und Gewerb daselbst.  Aber die
alten Zeiten sind nicht mehr." Der betagte Mann sagte: "Landsmann,
Ulm ist berall, die guten Zeiten sind nirgends mehr", und fing an
zu hadern und sich zu vermessen ber die Zeit und ber die Abgaben
und ber die Obrigkeit, wie es sich nicht geziemt.  Da wurde der
Hatschier im braunen berrock aufmerksam und stille und sagte
endlich: "Guter Freund, ich warne Euch." Der betagte Mann aber
sagte: "Was habt Ihr mich zu warnen?" und trank ein Glas voll Wein
nach dem andern aus und schimpfte ber die Obrigkeit nur noch rger.
Der verkleidete Hatschier sagte: "Guter Freund, ich kenn' Euch
nicht.  Aber ich will Euch noch einmal gewarnt haben." Der Betagte
erwiderte: "Warnen hin und warnen her!  Was wahr ist, muss man reden
drfen.  Was bleibt einem noch brig als die freie Rede?" und so und
so.  Da schlug der verkleidete Hatschier den braunen berrock zurck
und zeigte sich, wie er war, in einem hechtgrauen Rocke mit roten
Aufschlgen und einem Bandelier.  "Jetzt, guter Freund", sagte er,
"jetzt kommt mit mir!" Da stellte sich der Mann, als er an dem Rock
den Hatschier erkannte, auf einmal wie umgewendet.  "Guter Freund",
sagte er, "Ihr werdet doch meinen Spass nicht fr Ernst angesehen
haben und nicht erst heute auf die Welt gekommen sein.  Ich sehe
schon", sagte er, "wir mssen eine Bouteille miteinander trinken,
dass Ihr mich besser kennen lernt", und forderte noch eine Bouteille
und winkte der Wirtin: "Vom Guten." Allein der Hatschier sagte: "Ich
habe keinen Wein mit Euch zu trinken", und fasste ihn wohl oben am
Arm, und fort zur Tre hinaus.  Unterwegs fuhr der Arrestant fort zu
reden: "Ihr meint zum Beispiel, ich sei ein Feind von Abgaben, weil
ich ber die Abgaben geschimpft habe.  Aber nein, ich will Euch das
Gegenteil beweisen, denn Ihr seid auch eine obrigkeitliche Person,
und ich habe vor Euersgleichen Respekt." Also zog er einen
Kronentaler aus der Tasche und wollte sich damit loskaufen.  Aber der
Hatschier sagte: "Ihr habt mir keine Abgaben zu bezahlen." Eine
Gasse weiter fuhr der Arrestant fort: "Was gilt's, Ihr seid noch
nicht verheiratet und habt fr keine Frau noch Kinder zu sorgen,
weil Ihr keine Abgabe von mir braucht.  Ich will Euch zu einem
schnen Weibsbild fhren." Der Hatschier erwiderte: "Ihr habt mich
zu keinem Weibsbild zu fhren, aber ich Euch zu einem Mannsbild."
Als sie aber miteinander in den Polizeihof und vor den Herrn
Stadtvogt gekommen waren, fing der Stadtvogt an laut zu lachen, dann
er gar ein lustiger Mann ist, und sagte: "Welcher von Euch zweien
bringt den andern?" Denn es ist jetzt Zeit, dem geneigten Leser zu
sagen, dass der Arrestant selber ein alter Hatschier war, und hatte
sich verkleidet und war dem neuen nachgegangen, nur um ihn zu
prfen, ob er seine Pflicht tut.  Deswegen sagte der Stadtvogt:
"Welcher von Euch zweien bringt den andern." Der junge wollte
anfangen, der alte aber, der vermeintliche Arrestant, schaute ihn
gebieterisch an und sagte: "Es ist an mir zu reden, ich bin lter im
Dienst.  Ihro Gnaden, Herr Stadtvogt", sagte er, "dieser junge Mann
ist probat, und wir knnen uns verlassen auf ihn, denn er hat mich
arretiert mit Manier und in der Art und hat sich nicht von mir
bestechen oder breitschlagen lassen, noch mit Wein, noch mit Geld,
noch mit Weibsleuten." Da lchelte der Stadtvogt gar freundlich,
dass ihm solches wohlgefalle, und schenkte jedem einen kleinen
Taler.

Item, an einem solchen Ort mag es nicht gut sein, ein Spitzbube zu
sein, wo ein Hatschier selber dem andern nicht trauen darf.
Dies Stcklein ist noch ein Vermchtnis von dem Adjunkt, der jetzt
in Dresden ist.  Hat er nicht dem Hausfreund einen schnen
Pfeifenkopf von Dresden zum Andenken geschickt und ist ein
geflgelter Knabe darauf und ein Mgdlein und machen etwas
miteinander.  Aber er kommt wieder, der Adjunkt.



Die Raben


Zwei gute Freunde, ein Geistlicher und ein Kaufmann, machten
miteinander eine Reise.  Der Kaufmann neckte im Spass den
Geistlichen, und der Geistliche neckte den Kaufmann.  Nicht weit von
dem Hochgericht, als die Raben aufflatterten und den beiden um die
Kpfe flogen, sagte der Kaufmann: "Da haben wir's!  Es ist kein
Schick dabei, wenn man mit einem Geistlichen reist."--Denn manche
Leute glauben sonst, es bedeute ein Unglck, wenn einem die Raben
ber den Kopf fliegen.--Der Geistliche sagte: "Glaubt doch nicht so
einfltige Fabeln, ein Mann, wie Ihr seid.  Ich habe in kurzer Zeit
mehrere armen Snder zum Tod begleitet.  Jetzt meinen die dummen
Tiere, ich bringe wieder einen, und halten Euch fr gute Beute." Der
Kaufmann sagte: "Herr Pfarrer, Ihr seid ein loser Vogel!"



Die Schlafkameraden


Eines Abends kam ein fremder Herr mit seinem Bedienten im Wirtshaus
zu der goldenen Linden in Brassenheim an und liess sich bei dem
Nachtessen beiderlei wohl schmecken, nmlich das Essen selbst und
das kstliche Getrnk.  Denn der Lindenwirt hat Guten.  Der Bediente
aber an einem andern Tisch dachte: Ich will meinem Herrn keine
Schande machen, und trank wie im Zorn ein Glas und eine Bouteille
nach der andern aus, sagend zu sich selbst: "Der Wirt soll nicht
meinen, dass wir Knicker sind." Nach dem Essen sagte der Herr zu dem
Lindenwirt: "Herr Wirt, ich hab' an Eurem Roten sozusagen eine
gefhrliche Entdeckung gemacht.  Bringt mir noch eine Flasche voll in
das Schlafstblein." Der Bediente hinter dem Rcken des Herrn winkte
dem Wirt: "Mir auch eine!" Denn sein Herr liess sich vieles von ihm
gefallen, weil er auf Reisen auch sein Leibgardist war und immer mit
ihm in der nmlichen Stube schlafen musste, und je einmal, wenn er
sich zuviel Freiheit herausnahm, war der Herr billig und dachte: Ich
will nicht wunderlich sein.  Es ist ja nicht das erste Mal, dass er's
tut.  Also trank an seinem Tisch der Herr und las die Zeitung, und am
andern Tisch dachte der Bediente: "Es ist ein harter Dienst, wenn
man trinken muss anstatt zu schlafen, zumal so starken.  Gleichwohl,
als er dem Herrn die zweite Flasche holen musste, nahm er fr sich
auch noch eine mit vom nmlichen.  Der Herr fing endlich an, laut mit
der Zeitung zu reden, und der Bediente nahm wie ein Echo zwischen
der Tre und dem Fenster auch Anteil daran, aber wie?  Der Herr las
von dem grossen Mammutsknochen, der gefunden wurde.  Der Bediente,
der eben das Glas zum Munde fhrte, lallte fr sich: "Soll leben der
Mohammedsknochen." Oder als der Herr von dem Seminaristen las aus
dem Seminarium in Pavia, der mit Lebensgefahr eines Schriftgiessers
Kind aus den Flammen rettete, ergriff er das Glas, und "Bravo",
sagte er, "wackerer Seminarist!" Der Bediente aber stammelte fr
sich: "Soll leben der wackere Seeminister" und goss richtig das
halbe Glas ber die Liberei hinab.  "Hast du's gehrt, Anton?  So eine
Tat wiegt viele Meriten auf", fuhr der Herr fort.--"Sollen auch
leben die Minoriten", erwiderte der Diener; und so oft jener z.  B.
sich rusperte oder ghnte, rusperte sich und ghnte der Anton
auch.  Endlich sagte der Herr: "Anton, jetzt wollen wir ins Bett."
Der Anton sah seine Flasche an und erwiderte: " Es wird ohnehin
niemand mehr auf sein in der Wirtschaft." Denn seine Flasche war
leer.  Aber in der Flasche des Herrn war noch ein Restlein.  Frh
gegen zwei Uhr weckte es den Anton, dass noch ein Restlein in der
Flasche des Herrn sei.  Also stand er auf und trank es aus.  "Sonst
verriecht es", dachte er.  Als er aber sich wieder legen wollte, kam
er ein wenig zu weit rechts an das Bett seines Herrn.  Denn beide
Betten standen an der nmlichen Wand mit den Fusssttten
gegeneinander.  Also legte sich der Anton neben seinen Herrn, mit dem
Kopf unten und mit den Fssen oben, neben des Herrn Gesicht, weil er
meinte, er liege wieder in seinem eigenen.  Eine Stunde vor Tag aber,
als der Herr erwachte, kam es ihm vor, er wusste selbst nicht recht,
wie.  "Soll ich denn gestern abend haben Backensteinks heraufkommen
lassen?" dachte er.  Als er aber sich umdrehen wollte, ob ein
Schrnklein in der Wand sei, fhlte er auf einmal neben sich etwas
Lebendiges und Warmes, und das Warme und Lebendige bewegte sich
auch.  Jetzt rief er: "Anton, Anton!" mit ngstlicher und leiser
Stimme, dass der unsichere Schlafkamerad nicht aufwachen sollte, und
derjenige, den er wecken wollte, war doch der Schlafkamerad.
"Anton", schrie er endlich in der Herzensangst, so laut er konnte.
"Was befehlen Ihro Hochwrden", erwiderte endlich der Anton.--"Komm
mir zu Hilfe!  Es liegt einer neben mir."--"Ich kann nicht, neben
mir liegt auch einer", erwiderte der Bediente und wollte sich
strecken, so zwar, dass er mit dem linken Fuss unter des Herrn Kinn
kam.  "Anton, Anton", rief der Herr, "meiner reisst mir den Kopf ab",
und suchte ebenfalls mit den Fssen eine Habung.  "Meiner will mir
die Nase aufschlitzen", schrie noch viel rger der Anton.  "Wirf
deinen heraus", schrie der Herr, "und komm mir zu Hilfe."--Also
fasste der Bediente seinen Mann an den Beinen, und dieser, als er
Ernst sah, fasste er seinen Mann ebenfalls an den Beinen, und rangen
also die beiden miteinander, dass keiner dem andern konnte zu Hilfe
kommen; und der Bediente fluchte wie ein Trk, der Herr aber fluchte
zwar nicht, aber doch rief er die unsichtbaren Mchte an, sie
sollten seinem Gegner den Hals brechen, was auch fast htte
geschehen knnen; denn auf einmal hrte unten der Wirt, der schon
auf war, einen Fall, dass alle Fenster zitterten und der Perpendikel
an der Wanduhr sich in die Ruhe stellte.  Als er aber geschwind mit
dem Licht und dem Hauptschlssel hinaufgeeilt war, ob ein Unglck
sich zugetragen habe, denn er kannte seinen Roten, lagen beide
miteinander ringend auf dem Boden und schrieen Zeter Mordio um
Hilfe.  Da lchelte der Wirt in seiner Art, als ob er sagen wollte,
der Rote hat gut gewirkt, die gefhrliche Entdeckung.  Die beiden
aber schauten einander mit Verwunderung und Staunen an.  "Ich glaube
gar, du bist es selbst, Anton", sagte der Herr.--"So, seid nur Ihr
es gewesen", erwiderte der Diener, und legten sich wieder ein jeder
in sein Bett, worein er gehrte.



Die Schmachschrift


Als bekanntlich eine Pasquille oder Schmachschrift auf den Knig
Friedrich in Berlin an einem ffentlichen Platz aufgeheftet wurde
und sein Kammerdiener ihm davon die Anzeige machte: "Ihro Majestt",
sagte der Kammerdiener, "es ist Ihnen heute nacht eine Ehre
widerfahren, das und das.  Alles hab' ich nicht lesen knnen; denn
die Schrift hngt zu hoch.  Aber was ich gelesen habe, ist nichts
Gutes"; da sagte der Knig: "Ich befehle, dass man die Schrift
tiefer hinabhnge und eine Schildwache dazustelle, auf dass
jedermann lesen kann, was es fr ungezogene Leute gibt." Nachderhand
geschah nichts mehr.

Nicht ebenso dachte der Amtsschreiber von Brassenheim.  Denn
Brassenheim ist ein Amtsstdtlein.  Als ihm eines Morgens eine
Pasquille ins Haus gebracht wurde, die jemand mit Teig in der Nacht
an die Haustre geklebt hatte, wurde er ganz erbost und ungebrdig,
fluchte wie ein Trk im Haus herum und schlug der unschuldigen Katze
ein Bein entzwei, dass die Frau Amtsschreiberin ganz entrstet wurde
und fragte: "Bist du verrckt, oder was fehlt dir?" Der
Amtsschreiber sagte: "Da lies!  Du hast deinen Teil auch darin." Als
das die losen Vgel erfuhren, welche die Schandschrift angeklebt
hatten, dass der Herr Amtsrichter also im Harnisch sei, hatten sie
grosse Freude daran und sagten: "Heut nacht tun wir's wieder." Den
zweiten Morgen, als ihm die neue Schandtat gebracht wurde und ein
Rezept fr lahmgeschlagene Katzen darin, ward er noch viel wtender
und warf Tische und Sthle zusammen, ja er schrieb mit eigener Hand
einen zornigen Bericht darber an den regierenden Grafen, ob er
gleich niemand nennen konnte, und als er ihn geschrieben hatte und
den Sand darauf streuen wollte, ergriff er in der Rasche statt der
Sandbchse das Tintenfass und goss die Tinte ber den Bericht und
ber die weisstchenen Amtshosen.

Am Abend aber sagte er zu seinem Bedienten: "Hansstoffel", sagte er,
"vigiliere heut nacht um das Haus herum, bis der Hahn krht, und
wenn du den Kujonen attrapierst, so bekommst du einen grossen Taler
Fanggeld.  Ich will sehen", sagte er, "ob ich mir soll auf der Nase
herumtanzen lassen."

Etwas nach elf Uhr kam der Stoffel von seinem Posten herauf, und der
Herr Amtsschreiber war auch noch auf, auf dass, wenn der Stoffel den
Pasquillenmacher brchte, dass er ihn gleich auf frischer Tat
erstechen knnte.  "Herr Amtsschreiber", sagte der Stoffel, "ich will
nur melden, dass heute nacht nichts passiert ist, wenn Sie mir
erlauben, jetzt ins Bett zu gehen.  Alle Lichter im Stdtlein sind
ausgelscht, die Wirtshuser sind leer, die zwei letzten sind nach
Haus gegangen, und des Wagner-Mattheisen Hahn hat zweimal
hintereinander gekrht, es wird wohl morgen auch wieder einmal
regnen." Da fuhr ihn der Amtsschreiber wie ein betrunkener Heide an:
"Dummes Vieh, auf der Stelle begib dich auf deinen Posten, bis der
Tag aufgeht, oder ich schlage dir das Gehirn im Leib entzwei", sagte
er im unvernnftigen Zorn.  Der geneigte Leser denkt: Was gilt's,
whrend der Stoffel bei dem Amtsschreiber war, ist die dritte
Pasquille auch angepappt worden, und wenn er herabkommt, findet er
sie jetzt.  Nichts weniger.  Sondern als der Stoffel im Fortgehen
bereits an der Stubentr war und der Amtsschreiber ihm noch einmal
nachsah, "Hansstoffel", rief er ihm, "komm noch ein wenig daher!"--
Der Stoffel kam.  "Dreh' dich um!  Was hast du auf dem Rcken?"
"Will's Gott, keinen Galgen", sagte der Stoffel.  "Nein,
vermaledeiter Dummkopf, aber wahrscheinlich ein Pasquill."--Wie
gesagt, so erraten: der Stoffel trug das dritte Pasquill bereits auf
dem Rcken geklebt, und standen darin noch viel mutwilligere Dinge
als in dem ersten und zweiten, und unter andern ein Rezept fr
Tintenflecke aus den Amtshosen zu bringen.  Dies war so zugegangen.
Als der Stoffel noch vor dem Haus gesessen war, kamen zwei lose
Gesellen heran, und einer von ihnen hatte schon die dritte Pasquille
auf der flachen Hand liegen, also dass die beschriebene Seite des
Papiers gegen die Hand hineinlag, die ussere Seite aber war mit
Teig bestrichen, dass er im Vorbeigehen die Schrift nur an die Tre
htte drcken drfen.  Als sie aber den Bedienten des Amtsschreibers
vor der Tre sitzen sahen, und alle Leute kannten den Stoffel, aber
nicht alle Leute kannte der Stoffel: "Ei, guten Abend", sagte der
eine, "was schafft Er Guts hier, Herr Hansstoffel?  Was gilt's, Er
kann nicht hinein!" da erzhlte er ihnen, warum er da sitzen msse
und bis wann, und wie ihm bereits die Zeit so lange sei, und es
komme doch niemand.  "Ei", sagte der eine, "die Lichter im Stdtlein
sind ausgelscht, und die Wirtshuser sind leer, und wir zwei sind
die letzten, die heimgehen.  Also gehe Er in Gottes Namen ins Bett."
Der andere aber, der das Papier in der flachen Hand hatte, schlug
ihm im Fortgehen sanft und freundlich die Hand auf den Rcken, dass
das Papier am Rocke hngen blieb, und sagte: "Gute Nacht, Herr
Hansstoffel, schlaf' Er wohl!" "Ebenfalls!" sagte der Stoffel, und
als sie um das Eck herum waren, krhte einer von ihnen zweimal wie
ein Hahn oder wie der russische General-Feldmarschall Suwarow Frst
Italinsky im Lager.  Also brachte der Stoffel dem Amtsschreiber die
Pasquille selber auf dem Rcken in die Stube, und der Herr
Amtsschreiber prgelte zwar den Stoffel im Zimmer herum und schlug
bei dem Ausholen ein paar Spiegel entzwei, aber den Schimpf und
Schaden und Zorn musste er an sich selber haben und brachte nichts
heraus.  Denn die zwei Spassvgel sagten: "Der Klgste gibt nach.
Jetzt wollen wir's aufgeben, eh' es zu bsen Husern geht", und
jedermann, der davon erfuhr, lachte den Amtsschreiber aus.
Merke: Der Knig von Preussen hat sich in diesem Stcke klger
betragen als der Herr Amtsschreiber von Brassenheim.



Die Tabaksdose


In einer niederlndischen Stadt in einem Wirtshaus waren viele Leute
beisammen, die einander einesteils kannten, zum Teil auch nicht.
Denn es war ein Markttag.  Den Zundelfrieder kannte niemand.  "Gebt
mir auch noch ein Schpplein", sagte ein dicker, brgerlich
gekleideter Mann zu dem Wirt und nahm eine Prise Tabak aus einer
schweren, silbernen Dose.  Da sah der Zundelfrieder zu, wie ein
windiger, gewrfelter Gesell sich zu dem dicken Mann stellte, ein
Gesprch mit ihm anfing und ein paarmal wie von ungefhr nach der
Rocktasche schaute, in welche der Mann die Dose gesteckt hatte.  Was
gilt's, dachte der Frieder, der fhrt auch etwas im Schild?
Anfnglich stand der Gesell.  Hernach liess er ein Schpplein kommen,
setzte sich auch auf den Bank und sprach mit dem Dicken allerlei
kuriose Sachen, woran dieser Mann viel Spass fand.  Endlich kam ein
Dritter.  "Exkse", sagte der Dritte, "kann man auch noch ein wenig
Platz hier haben?" Also rckte der windige Gesell ganz nahe an den
dicken Mann hin und diskurierte immer fort: "Ja", sagte er, "ich
habe mich ein Rechtes verwundert, als ich in dieses Land kam und
sah, wie die Windmhlen so fltig vom Winde umgetrieben werden.  Bei
mir zulande geht das ganze Jahr kein Lftlein.  Also muss man die
Windmhlen anlegen, wo die Wachteln ihren Strich haben.  Wenn nun im
Frhjahr die Milliontausend Wachteln kommen vom Meer her aus Afrika
und fliegen ber die Mhlenrder, so fangen die Mhlen an zu gehen,
und wer in dieser Zeit nicht kann mahlen lassen, hat das ganze Jahr
kein Mehl im Haus." Darber geriet der dicke Mann so ins Lachen,
dass ihm fast der Atem verging, und unterdessen hatte der schlaue
Gesell die Dose.  "Aber jetzt hrt auf", sagte der Dicke.  "Es tut mir
weh im Kreuz", und schenkte ihm von seinem Wein auch ein Glas ein.
Als der Spitzbube ausgetrunken hatte, sagte er: "Der Wein ist gut.
Er treibt.  Exkse", sagte er zu dem Dritten, der vorne an ihm sass,
"lasst mich einen Augenblick heraus!" Den Hut hatte er schon auf.

Als er aber zur Tr hinausging und fort wollte, ging ihm der
Zundelfrieder nach, nahm ihn draussen auf die Seite und sagte zu
ihm: "Wollt Ihr mir auf der Stelle meines Herrn Schwagers seine
silberne Dose herausgeben?  Meint Ihr, ich hab's nicht gemerkt?  Oder
soll ich Lrmen machen?  Ich hab Euch schonen wollen vor den vielen
Leuten, die drin in der Stube sitzen." Als nun der Dieb sah, dass er
verraten sei, gab er zitternd dem Frieder die Dose her und bat ihn
vor Gott und nach Gott, stille zu sein.  "Seht", sagte der Frieder,
"in solche Not kann man kommen, wenn man auf bsen Wegen geht.  Euer
Leben lang lasst es Euch zur Warnung dienen.  Unrecht Gut faselt
nicht.  Ehrlich whrt am lngsten." Den Hut hatte der Freister auch
schon auf.  Also gab er dem Gesellen noch eine Prise Tabak aus der
Dose und trug sie hernach zu einem Goldschmied.



Die Wachtel


Zwei wohlgezogene und ehrbare Nachbaren lebten sonst miteinander
immer in Frieden und Freundschaft, jetzt zwar auch noch, aber einer
von ihnen hatte eine Wachtel.  Zu ihm kommt endlich der Nachbar und
sagt: "Freund, begreift Ihr nicht, dass mir Euer Lrmenmacher, Euer
Tambour da, sehr ungelegen sein kann, wenn ich morgens noch ein
Stndlein schlafen mchte, und dass Ihr Euch unwert macht bei der
ganzen Nachbarschaft?"--Ihm erwiderte der Nachbar: "Ich begreife
das Gegenteil.  Ist's nicht aller Ehren wert, dass meine Wachtel der
ganzen Nachbarschaft den Morgen umsonst ansagt und die Gesellen
weckt, auch sonst Kurzweil macht, und ich trage die Atzungskosten
allein?" Als alle Vorstellungen nichts verfangen wollten und Wachtel
immer frher schlug und immer heller, kommt endlich der Nachbar noch
einmal und sagt: "Freund, wr' Euch Eure Wachtel nicht feil?" Der
Nachbar sagt: "Wollt Ihr sie tot machen?"--"Das nicht", erwiderte
der andere.--"Oder fliegen lassen?"--"Nein, auch nicht."--"Oder
in eine andere Gasse stiften?"--"Auch das nicht, sondern hier vor
mein Fenster will ich sie stellen, damit Ihr sie auch noch hren
knnt alle Morgen." Der Nachbar merkte nichts, denn er war nicht der
Klgere von beiden.  Ei, dachte er, wenn ich sie vor deinem Fenster
umsonst hren kann und bekomme noch Geld dazu, so ist's besser.--
"Ist sie Euch ein Zweiguldenstck wert?" fragte er den Nachbar.  Der
Nachbar dachte zwar, es sei viel Geld, doch soll's ihm nicht
verloren sein, und noch in der nmlichen Stunde wurde die Wachtel
umquartiert.

Am andern Morgen, als sie ihren vorigen Besitzer aus dem Schlaf
erweckte und er eben denken wollte: "Ei, meine gute Wachtel ist auch
schon munter",--halbwegs des Gedankens fllt's ihm ein: "Nein, es
ist meines Nachbars Wachtel,--das undankbare Vieh", sagte er
endlich am dritten Morgen, "ein Jahr lang hat sie bei mir gelebt und
gute Tage gehabt, und jetzt hlt sie es mit einem andern und lebt
mir zum Schabernack.--Der Nachbar sollte verstndiger sein und
bedenken, dass er nicht allein in der Welt ist, wenigstens nicht
allein in der Stadt." Nach mehreren Tagen aber, als er vor Verdruss
es nimmer aushalten konnte, redete er hinwiederum den Nachbar an:
"Freund", sagte er, "Euere Wachtel hat in der vergangenen Nacht
wieder einen kurzen Schlaf gehabt."--"Es ist ein braver Vogel",
erwiderte der Nachbar, "ich habe mich nicht daran verkauft."--"Er
ist recht brav worden in Eurem Futter", fuhr jener fort.  "Was
verlangt Ihr Aufgeld, dass er Euch wieder feil werde?" Da lchelte
der andere und sagte: "Wollt Ihr sie vielleicht tot machen?"--
"Nein!"--"Oder sie fliegen lassen?"--"Das auch nicht."--"Oder in
eine andere Gasse vermachen?"--"Auch das nicht.  Aber an ihren alten
Platz will ich sie wieder stellen, wo Ihr sie ja eben so gut hren
knnt wie an ihrem jetzigen."--"Freund", erwiderte ihm hierauf der
Nachbar, "vor Euer Fenster kommt die Wachtel nimmermehr, aber gebt
Ihr mir meine zwei Gulden wieder, so lass ich sie fliegen." Der
Nachbar dachte bei sich: "Wohlfeiler kann ich sie nicht los werden,
als fr sein eigenes Geld." Also gab er ihm die zwei Gulden wieder,
und die Wachtel flog.

Der geneigte Leser wolle hieran gelegentlich erkennen, wenn er es
ntig hat, was fr ein grosser Unterschied es sei, ob etwas vor dem
eigenen Fenster und in dem eigenen Haus geschieht oder in einem
andern, ferner--denn es braucht keine Wachtel dazu--ob einer in
einer Gesellschaft selber pfeift und auf dem Tisch trommelt, oder ob
es ein anderer anhren muss; item: ob einer selber bis nachts um 10
Uhr eine langweilige Geschichte erzhlt, und ob ein anderer dabei
sein und von Zeit zu Zeit sich verwundern und etwas dazu sagen muss,
gleich als ob er achtgbe.



Die Wachtel


Zwei wohlgezogene und ehrbare Nachbarn lebten sonst miteinander
immer in Frieden und Freundschaft, jetzt zwar auch noch, aber einer
von ihnen hatte eine Wachtel.  Zu ihm kommt endlich der Nachbar und
sagt: "Freund, begreift Ihr nicht, da mir Euer Lrmenmacher, Euer
Tambour da, sehr ungelegen sein kann, wenn ich morgens noch ein
Stndlein schlafen mchte, und da Ihr Euch unwert macht bei der
ganzen Nachbarschaft?" Ihm erwiderte der Nachbar: "Ich begreife das
Gegenteil.  Ists nicht aller Ehren wert, da meine Wachtel der ganzen
Nachbarschaft den Morgen umsonst ansagt und die Gesellen weckt, auch
sonst Kurzweil macht, und ich trage die Atzungskosten allein?" Als
alle Vorstellungen nichts verfangen wollten und die Wachtel immer
frher schlug und immer heller, kommt endlich der Nachbar noch
einmal und sagt: "Freund, wr Euch Eure Wachtel nicht feil?" Der
Nachbar sagt: "Wollt Ihr sie totmachen?" --"Das nicht", erwiderte
der andere.  "Oder fliegen lassen?" --"Nein, auch nicht." --"Oder in
eine andere Gasse stiften?" --"Auch das nicht, sondern hier vor mein
Fenster will ich sie stellen, damit Ihr sie auch noch hren knnt
alle Morgen." Der Nachbar merkte nichts, denn er war nicht der
Klgere von beiden.  &#8250;Ei&#8249;, dachte er, &#8250;wenn ich sie vor deinem
Fenster umsonst hren kann und bekomme noch Geld dazu, so ists
besser.&#8249; --"Ist sie Euch ein Zweiguldenstck wert?" fragte er den
Nachbar.  Der Nachbar dachte zwar, es sei viel Geld, doch solls ihm
nicht verloren sein, und noch in der nmlichen Stunde wurde die
Wachtel umquartiert.

Am andern Morgen, als sie ihren vorigen Besitzer aus dem Schlaf
erweckt und er eben denken wollte: &#8250;Ei, meine gute Wachtel ist auch
schon munter&#8249;, --halbwegs des Gedankens fllts ihm ein: &#8250;Nein, es
ist meines Nachbars Wachtel.&#8249; --"Das undankbare Vieh", sagte er
endlich am dritten Morgen; "ein Jahr lang hat sie bei mir gelebt und
gute Tage gehabt, und jetzt hlt sie es mit einem andern und lebt
mir zum Schabernack.  --Der Nachbar sollte verstndiger sein und
bedenken, da er nicht allein in der Welt ist, wenigstens nicht
allein in der Stadt." Nach mehreren Tagen aber, als er vor Verdru
es nimmer aushalten konnte, redete er hinwiederum den Nachbar an:
"Freund", sagte er, "Euere Wachtel hat in der vergangenen Nacht
wieder einen kurzen Schlaf gehabt." --"Es ist ein braver Vogel",
erwiderte der Nachbar, "ich habe mich nicht daran verkauft." --"Er
ist recht brav worden in Eurem Futter", fuhr jener fort.  "Was
verlangt Ihr Aufgeld, da er Euch wieder feil werde?" Da lchelte
der andere und sagte: "Wollt Ihr sie vielleicht totmachen?" --
"Nein." --"Oder fliegen lassen?" --"Das auch nicht." --"Oder in eine
andere Gasse vermachen?" --"Auch das nicht.  Aber an ihren alten
Platz will ich sie wieder stellen, wo Ihr sie ja ebenso gut hren
knnt wie an ihrem jetzigen." --"Freund", erwiderte ihm hierauf der
Nachbar, "vor Euer Fenster kommt die Wachtel nimmermehr, aber gebt
Ihr mir meine zwei Gulden wieder, so la ich sie fliegen." Der
Nachbar dachte bei sich: &#8250;Wohlfeiler kann ich sie nicht loswerden
als fr sein eigenes Geld.&#8249; Also gab er ihm die zwei Gulden wieder,
und die Wachtel flog.

Der geneigte Leser wolle hieran gelegentlich erkennen, wenn er es
ntig hat, was fr ein groer Unterschied es sei, ob etwas vor dem
eigenen Fenster und in dem eigenen Haus geschieht oder in einem
andern, ferner --denn es braucht keine Wachtel dazu --, ob einer in
einer Gesellschaft selber pfeift und auf dem Tisch trommelt oder ob
es ein anderer anhren mu; item: ob einer selber bis nachts um zehn
Uhr eine langweilige Geschichte erzhlt und ob ein anderer dabei
sein und von Zeit zu Zeit sich verwundern und etwas dazu sagen mu,
gleich als ob er achtgbe.



Die Weizenblte


Nie muss sich einer ber fremdes Unglck freuen, weil es ihm Nutzen
bringt, sonst kommt die Zeit, es freuen sich andere wieder.
In einigen Gegenden hat man das Sprichwort, wenn man sagen will,
dass man einen Gewinn oder Vorteil zu hoffen habe--sagt man: "Mein
Weizen blht." Als daher der Chirurgus und ein Zimmermann in der
Nacht miteinander auf der Strasse gingen und in einiger Entfernung
ein bekanntes Drflein brannte, deutete der Zimmermann hinber und
sagte zu dem Chirurgus: "Herr Gevatter, mein Weizen blht." Nmlich,
weil es neue Huser aufzuschlagen gibt, wenn die alten verbrennen.
Weil er aber auf den Brand und nicht auf den Weg sah, fiel er im
nmlichen Augenblick in einen Graben und brach einen Arm entzwei.  Da
sagte zu ihm der Chirurgus: "Gevatter, es kommt mir vor, mein Weizen
sei zeitig."--Der geneigte Leser versteht's.



Die zwei Postillione


Zwei Handelsleute reisten oft auf der Extrapost von Frth nach
Hechingen oder von Hechingen nach Frth, wie jeden sein Geschft
ermahnte, und gab der eine dem Postillion ein schlechtes Trinkgeld,
so gab ihm der andere kein gutes.  Denn jeder sagte: "Fr was soll
ich dem Postknecht einen Zwlfer schenken?  Ich trag ja nicht schwer
daran." Die Postillione aber, der von Dinkelsbhl und der von
Ellwangen, sagten

"Wenn wir nur einmal den Herren einen Dienst erweisen knnten, dass
sie spendaschlicher wrden!" Eines Tages kommt der Frther in
Dinkelsbhl an und will weiters.  Der Postillion sagte zu seinem
Kameraden: "Fahr du den Passagier." Der Kamerad sagte: "Es ist an
dir." Unterdessen sass der Reisende ganz geduldig in seinem offenen
Eliaswagen, bis der Postillion aufsass.  Als er sah, dass der
Postillion im Sattel recht sass und die Peitsche erhob, sagte er:
"Fahr' zu, Schwager!  Werf' Er mich nicht um!" Am nmlichen
Nachmittag fuhr auch der Hechinger von Ellwangen ab, und der
Postillion dachte bei sich selbst: "Wenn jetzt nur mein Kamerad von
Dinkelsbhl mit dem Frther auch auf dem Weg wre!" Indem er fhrt,
bergauf bergab, nicht weit vom Segringer Zollhaus, wo dem Hausfreund
und seinem Reisekumpan in Mnchen auch einmal die Haare geschnitten
worden sind, begegnen sie einander; keiner will dem andern
ausweichen.  Jeder sagt: "Ich fhre einen honetten Herrn, einen
Schwitie, keinen Pfennigschaber wie du, dem seine Sechsbatzenstcke
aussehen wie Hildburghuser Groschen." Endlich legte sich der
Frther auch in den Streit.  "Gott's Wunder!" sagte er, "sollen wir
noch einmal vierzig Jahr in der Wste bleiben?" und schimpfte
zuletzt den Ellwanger, dass ihm dieser mit der Peitsche einen Hieb
ins Gesicht gab.  Der Dinkelsbhler sagt: "Du sollst meinen Passagier
nicht hauen, er ist mir anvertraut und zahlt honett; oder ich hau'
den deinigen auch."--"Untersteh dich und hau mir meinen Herrn!"
sagte der Ellwanger.  Also hieb der Dinkelsbhler des Ellwangers
Passagier, und der Ellwanger hieb des Dinkelsbhlers Passagier, und
riefen einander in unaufhrlichem Zorn zu: "Willst du meinen Herrn
in Frieden lassen, oder soll ich dir den deinigen ganz zu einem
Lungenmus zusammenhauen?" und je schmerzlicher der eine Au und der
andere Weih schrie, desto krftiger hieben die Postillione auf sie
ein, bis sie des unbarmherzigen Spasses selber mde wurden.  Als sie
aber auseinander waren und jeder wieder seines Weges fuhr, sagten
die Postillione zu ihren Reisenden so und so: "Nicht wahr, ich hab'
mich Euer rechtschaffen angenommen?  Mein Kamerad wird's niemand
rhmen, wie ich ihm seinen Herrn zerhauen habe.  Aber diesmal kommt's
Euch auch auf ein besseres Trinkgeld nicht an.  Wenn's der Frst
wsste", sagte der Dinkelsbhler, "es wre ihm um einen Maxd'or
nicht leid.  Er sieht darauf, dass man die Reisenden gut hlt."
Merke: Es ist kein Geld schlechter erhaust, als was man armen Leuten
am Lohn und Trinkgeld vorenthlt, und wofr man gehauen oder sonst
verunehrt wird.  Fr ein paar Groschen kann man viel Freundlichkeit
und guten Willen kaufen.

Merke: Der Herr, der auf der Abbildung seitwrts steht, hat's mit
angesehen und hat's dem Hausfreund vier Wochen hernach zu Karlsruhe
am Mittagessen erzhlt.



Drei Worte


Ein Jude in Endingen im Wirtshaus erblickte einen Kaufherrn, der ihm
bekannt vorkam.  "Seid Ihr nicht einer von den graussmtigen Herrn,
dass ich hab' die Gnad' gehabt mit ihnen von Basel nach Schalampi zu
fahren auf dem Wasser?" Der Gersauer Kaufherr, er war von Gersau,
sagte: "Hast du unterdessen nichts Neues ausspintisiert,
Reiskamerad?" Der Jud antwortet: "Habt Ihr gute Geschfte gemacht
auf der Messe?  Wenn Ihr gute Geschfte gemacht habt,--um einen
Sechsbtzner, Ihr knntet mir drei Worte nicht nachsagen." Der
Gersauer dachte: Ein paar Franken hin oder her.  "Lass hren!" Der
Jud sagte: Messerschmied.  Der Gersauer: Messerschmied.  Dudelsack--
Dudelsack.  Da schmunzelte der Jude und sagte: Falsch!--Da dachte
der Gersauer hin und her, wo er knnte gefehlt haben.  Aber der Jude
zog eine Kreide aus der Tasche und machte damit einen Strich.
"Einmal gewonnen." Noch einmal!  sagte der Kaufherr.  Der Jud sagte:
Bauml.  Der Kaufherr: Bauml.  Rotgerber--Rotgerber.  Da schmunzelte
der Hebrer abermal und sagte: Falsch, und so trieben sie's zum
sechsten Mal.  Als sie's zum sechsten Mal so getrieben hatten, sagte
der Kaufherr: "Nun will ich dich bezahlen, wenn du mich berzeugen
kannst, wo ich gefehlt habe." Der Jude sagte: "Ihr habt mir das
dritte Wort nie nachgesprochen.  Falsch war das dritte Wort, das habt
Ihr mir nie nachgesprochen, und also war die Wette gewonnen."



Drei Wnsche


Diesmal ist aber die Frau Anna Fritze nicht dabei, auch riecht es
nicht nach Rosenduft und Morgenrot, sondern nach Klingenberger und
nach Kalbfleisch in einer sauren Brhe.  Drei lustige Kameraden
sassen beisammen zu Kehl im Lamm, und als sie das Saueressen
verzehrt hatten und noch eine Flasche voll Klingenberger miteinander
tranken, sprachen sie von allerlei und fingen zuletzt an zu
wnschen.  Endlich wurden sie der Rede eins, es sollte jeder noch
einen kernhaften Wunsch tun, und wer den grssten Wunsch
hervorbringe, der soll frei ausgehen an der Zeche.

Da sprach der erste: "So wnsch' ich dann, dass ich alle
Festungsgrben von ganz Strassburg und Kehl voll feiner Nhnadeln
htte und zu jeder Nadel einen Schneider, und jeder Schneider msste
mir ein Jahr lang lauter Malterscke nhen, und wenn ich dann jeden
Maltersack voll doppelte Dublonen htte, so wollte ich zufrieden
sein."

Der zweite sagte: "So wollt' ich denn, dass das ganze Strassburger
Mnster bis unter die Krone des Turmes hinauf voll Wechselbriefe vom
feinsten Postpapier lge, so viel darin Platz haben, und wre mir
auf jedem Wechselbrief so viel Geld verschrieben, als in allen
deinen Malterscken Platz hat, und ich htt's."
Der dritte sagte: "So wollt ich denn, dass ihr beide httet, was ihr
wnscht, und dass euch alsdann beide in Einer Nacht der Henker
holte, und ich wr euer Erbe."

Der dritte ging frei aus an der Zeche, und die zwei andern
bezahlten.



Drei Wnsche


Ein junges Ehepaar lebte recht vergngt und glcklich beisammen und
hatte den einzigen Fehler, der in jeder menschlichen Brust daheim
ist: wenn man's gut hat, htt man's gerne besser.  Aus diesem Fehler
entstehen so viele trichte Wnsche, woran es unserm Hans und seiner
Liese auch nicht fehlte.  Bald wnschten sie des Schulzen Acker, bald
des Lwenwirts Geld, bald des Meyers Haus und Hof und Vieh, bald
einmal hunderttausend Millionen bayerische Taler kurzweg.  Eines
Abends aber, als sie friedlich am Ofen sassen und Nsse aufklopften
und schon ein tiefes Loch in den Stein hineingeklopft hatten, kam
durch die Kammertr ein weisses Weiblein herein, nicht mehr als eine
Elle lang, aber wunderschn von Gestalt und Angesicht, und die ganze
Stube war voll Rosenduft.  Das Licht lschte aus, aber ein Schimmer
wie Morgenrot, wenn die Sonne nicht mehr fern ist, strahlte von dem
Weiblein aus und berzog alle Wnde.  ber so etwas kann man nun doch
ein wenig erschrecken, so schn es aussehen mag.  Aber unser gutes
Ehepaar erholte sich doch bald wieder, als das Frulein mit
wunderssser, silberreiner Stimme sprach: "Ich bin eure Freundin,
die Bergfei Anna Fritze, die im kristallenen Schloss mitten in den
Bergen wohnt, mit unsichtbarer Hand Gold in den Rheinsand streut und
ber siebenhundert dienstbare Geister gebietet.  Drei Wnsche drft
ihr tun; drei Wnsche sollen erfllt werden." Hans drckte den
Ellenbogen an den Arm seiner Frau, als ob er sagen wollte: Das
lautet nicht bel.  Die Frau aber war schon im Begriff, den Mund zu
ffnen und etwas von ein paar Dutzend goldgestickten Kappen,
seidenen Halstchern und dergleichen zur Sprache zu bringen, als die
Bergfei sie mit aufgehobenem Zeigefinger warnte: "Acht Tage lang",
sagte sie, "habt ihr Zeit.  Bedenkt euch wohl und bereilt euch
nicht." Das ist kein Fehler, dachte der Mann und legte seiner Frau
die Hand auf den Mund.  Das Bergfrulein aber verschwand.  Die Lampe
brannte wie vorher, und statt des Rosendufts zog wieder wie eine
Wolke am Himmel der ldampf durch die Stube.

So glcklich nun unsere guten Leute in der Hoffnung schon zum voraus
waren und keinen Stern mehr am Himmel sahen, sondern lauter
Bassgeigen, so waren sie jetzt doch recht bel dran, weil sie vor
lauter Wunsch nicht wussten, was sie wnschen wollten, und nicht
einmal das Herz hatten, recht daran zu denken oder davon zu
sprechen, aus Furcht, es mchte fr gewnscht passieren, ehe sie es
genug berlegt htten.  "Nun", sagte die Frau, "wir haben ja noch
Zeit bis am Freitag."

Des andern Abends, whrend die Grundbirn zum Nachtessen in der
Pfanne prasselten, standen beide, Mann und Frau, vergngt an dem
Feuer beisammen, sahen zu, wie die kleinen Feuerfnklein an der
russigen Pfanne hin und her zngelten, bald angingen, bald
auslschten, und waren, ohne ein Wort zu reden, vertieft in ihrem
knftigen Glck.  Als sie aber die gersteten Grundbirn aus der
Pfanne auf das Plttlein anrichteten und ihr der Geruch lieblich in
die Nase stieg:--"Wenn wir jetzt nur ein gebratenes Wrstlein dazu
htten", sagte sie in aller Unschuld und ohne an etwas anders zu
denken, und--o weh, da war der erste Wunsch getan.--Schnell wie
ein Blitz kommt und vergeht, kam es wieder wie Morgenrot und
Rosenduft untereinander durch das Kamin herab, und auf den Grundbirn
lag die schnste Bratwurst.--Wie gewnscht, so geschehen.--Wer
sollte sich ber einen solchen Wunsch und seine Erfllung nicht
rgern?  Welcher Mann ber solche Unvorsichtigkeit seiner Frau nicht
unwillig werden?  "Wenn dir doch nur die Wurst an der Nase
angewachsen wre", sprach er in der ersten berraschung, auch in
aller Unschuld, und ohne an etwas anders zu denken--und wie
gewnscht so geschehen.  Kaum war das letzte Wort gesprochen, so sass
die Wurst auf der Nase des guten Weibes fest, wie angewachsen im
Mutterleib und hing zu beiden Seiten hinab wie ein
Husarenschnauzbart.

Nun war die Not der armen Eheleute erst recht gross.  Zwei Wnsche
waren getan und vorber, und noch waren sie um keinen Heller und um
kein Weizenkorn, sondern nur um eine bse Bratwurst reicher.
Noch war ein Wunsch zwar brig.  Aber was half nun aller Reichtum und
alles Glck zu einer solchen Nasenzierat der Hausfrau?  Wollten sie
wohl oder bel, so mussten sie die Bergfei bitten, mit unsichtbarer
Hand Barbiersdienste zu leisten und Frau Liese wieder von der
vermaledeiten Wurst zu befreien.  Wie gebeten, so geschehen, und so
war der dritte Wunsch auch vorber, und die armen Eheleute sahen
einander an, waren der nmliche Hans und die nmliche Liese, nachher
wie vorher, und die schne Bergfei kam niemals wieder.
Merke: Wenn dir einmal die Bergfei also kommen sollte, so sei nicht
geizig, sondern wnsche

Numero eins: Verstand, dass du wissen mgest, was du
Numero Zwei wnschen sollest, um glcklich zu werden.  Und weil es
leicht mglich wre, dass du alsdann etwas whltest, was ein
trichter Mensch nicht hoch anschlgt, so bitte noch
Numero Drei: um bestndige Zufriedenheit und keine Reue.
Oder so

Alle Gelegenheit, glcklich zu werden, hilft nichts, wer den
Verstand nicht hat, sie zu benutzen.



Ein gutes Rezept


In Wien der Kaiser Joseph war ein weiser und wohlttiger Monarch,
wie jedermann weiss; aber nicht alle Leute wissen, wie er einmal der
Doktor gewesen ist und eine arme Frau kuriert hat.  Eine arme kranke
Frau sagte zu ihrem Bblein: "Kind, hol' mir einen Doktor, sonst
kann ich's nimmer aushalten vor Schmerzen." Das Bblein lief zum
ersten Doktor und zum zweiten; aber keiner wollte kommen, denn in
Wien kostet ein Gang zu einem Patienten einen Gulden, und der arme
Knabe hatte nichts als Trnen, die wohl im Himmel fr gute Mnze
gelten, aber nicht bei allen Leuten auf der Erde.  Als er aber zum
dritten Doktor auf dem Weg war, oder heim, fuhr langsam der Kaiser
in einer offenen Kutsche an ihm vorbei.  Der Knabe hielt ihn wohl fr
einen reichen Herrn, ob er gleich nicht wusste, dass es der Kaiser
ist, und dachte: Ich will's probieren.  "Gndiger Herr", sagte er,
"wollet Ihr mir nicht einen Gulden schenken?  Seid so barmherzig!"
Der Kaiser dachte: "Der fasst's kurz und denkt, wenn ich den Gulden
auf einmal bekomme, so brauch' ich nicht sechzig Mal um den Kreuzer
zu betteln.  "Tut's ein Ksperlein oder zwei Vierundzwanziger nicht
auch?" fragt ihn der Kaiser.  Das Bblein sagte: "Nein", und
offenbarte ihm, wozu er das Geld bentigt sei.  Also gab ihm der
Kaiser den Gulden und liess sich genau von ihm beschreiben, wie
seine Mutter heisst, und wo sie wohnt, und whrend das Bblein zum
dritten Doktor springt, und die kranke Frau betet daheim, der liebe
Gott wolle sie doch nicht verlassen, fhrt der Kaiser zu ihrer
Wohnung und verhllt sich ein wenig in seinen Mantel, also dass man
ihn nicht recht erkennen konnte, wer ihn nicht express darum ansah.
Als er aber zu der kranken Frau in ihr Stblein kam, und sah recht
leer und betrbt darin aus, meint sie, es ist der Doktor, und
erzhlt ihm ihren Umstand, und wie sie noch so arm dabei sei und
sich nicht pflegen knne.  Der Kaiser sagte: "Ich will Euch dann
jetzt ein Rezept verschreiben", und sie sagte ihm, wo des Bbleins
Schreibzeug ist.  Also schrieb er das Rezept und belehrte die Frau,
in welche Apotheke sie es schicken msse, wenn das Kind heimkommt,
und legte es auf den Tisch.  Als er aber kaum eine Minute fort war,
kam der rechte Doktor auch.  Die Frau verwunderte sich nicht wenig,
als sie hrte, er sei auch der Doktor, und entschuldigte sich, es
sei schon so einer dagewesen und hab' ihr etwas verordnet, und sie
habe nur auf ihr Bblein gewartet.  Als aber der Doktor das Rezept in
die Hand nahm und sehen wollte, wer bei ihr gewesen sei, und was fr
einen Trank oder Pillelein er ihr verordnet hat, erstaunte er auch
nicht wenig und sagte zu ihr: "Frau", sagte er, "Ihr seid einem
guten Arzt in die Hnde gefallen, denn er hat Euch fnfundzwanzig
Dublonen verordnet, beim Zahlamt zu erheben, und untendran steht:
Joseph, wenn Ihr ihn kennt.  Ein solches Magenpflaster und Herzsalbe
und Augentrost htt' ich Euch nicht verschreiben knnen." Da tat die
Frau einen Blick gegen den Himmel und konnte nichts sagen vor
Dankbarkeit und Rhrung, und das Geld wurde hernach richtig und ohne
Anstand von dem Zahlamt ausbezahlt, und der Doktor verordnete ihr
eine Mixtur, und durch die gute Arznei und durch die gute Pflege,
die sie sich jetzt verschaffen konnte, stand sie in wenig Tagen
wieder auf gesunden Beinen.  Also hat der Doktor die kranke Frau
kuriert und der Kaiser die arme, und sie lebt noch und hat sich
nachgehends wieder verheiratet.



Ein Hausmittel


Ein fremder Mann in einem Wirtshause bemerkte lange bei seinem
Schpplein, wie die Frau Vogtin (der Vogt fhrte die Wirtschaft)
unaufhrlich am Stricken gehindert wurde durch etwas anderes.
Endlich sagte er: "Es scheint, Ihr wollt ander Wetter prophezeien,
Frau Vgtin.  Euere braunen Tierlein machen Euch viel Zeitvertreib."
Die Wirtin ward dessen fast verschmt und sagte: "Ihr habt mir nicht
sollen zusehen." Darauf erwiderte der Fremde: "Ein Floh ist doch
auch ein Geschpflein, und ich weiss nicht, warum man nicht davon
reden soll.  Wenn sie Euch aber zur Plage sind, und es kommt Euch auf
einen Vierundzwanziger nicht an, ich wollte Euch wohl sagen, was Ihr
tun msstet, damit Ihr nie in Euerm Leben einen Floh bekmet." Die
Wirtin sagte: "Einen Vierundzwanziger wr' es wohl noch wert", und
als er sich denselben voraus hatte bezahlen lassen, sagte er mit
schelmischem Lcheln: "Nmlich, wenn Euch ein Floh am rechten Arm
beisst, msst Ihr ihn am linken suchen.  Beisst er Euch aber am
linken, so sucht ihn am rechten.  Alsdann bekommt Ihr gewiss keinen.
Ich hab's von der Polizei in Brassenheim gelernt", sagte er.  Es war
der Zirkelschmied.



Ein teurer Kopf und ein wohlfeiler


Als der letzte Knig von Polen noch regierte, entstand gegen ihn
eine Emprung, was nichts Seltenes war.  Einer von den Rebellern, und
zwar ein polnischer Frst, vergass sich so sehr, dass er einen Preis
von 20000 Gulden auf den Kopf des Knigs setzte.  Ja, er war frech
genug, es dem Knig selber zu schreiben, entweder um ihn zu betrben
oder zu erschrecken.  Der Knig aber schrieb ihm ganz kaltbltig zur
Antwort: "Euern Brief habe ich empfangen und gelesen.  Es hat mir
einiges Vergngen gemacht, dass mein Kopf bei Euch noch etwas gilt.
Denn ich kann Euch versichern: fr den Eurigen gb' ich keinen roten
Heller."



Ein Wort gibt das andere


Ein reicher Herr im Schwabenland schickte seinen Sohn nach Paris,
dass er sollte Franzsisch lernen und ein wenig gute Sitten.  Nach
einem Jahr oder drber kommt der Knecht aus des Vaters Haus auch
nach Paris.  Als der junge Herr den Knecht erblickte, rief er voll
Staunen und Freude aus: "Ei, Hans, wo fhrt dich der Himmel her?  Wie
steht es zu Hause, und was gibt's Neues?"--"Nicht viel Neues, Herr
Wilhelm, als dass vor zehn Tagen Euer schner Rabe krepiert ist, den
Euch vor einem Jahr der Weidgesell geschenkt hat."

"O das arme Tier", erwiderte der Herr Wilhelm.  "Was hat ihm denn
gefehlt?"

"Drum hat er zu viel Luder gefressen, als unsere schnen Pferde
verreckten, eins nach dem andern.  Ich hab's gleich gesagt."
"Wie!  Meines Vaters vier schne Mohrenschimmel sind gefallen?",
fragte der Herr Wilhelm.  "Wie ging das zu?"

"Drum sind sie zu sehr angestrengt worden mit Wasserfhren, als uns
Haus und Hof verbrannte, und hat doch nichts geholfen."

"Um Gottes willen!" rief der Herr Wilhelm voll Schrecken aus.  "Ist
unser schnes Haus verbrannt?  Wann das?"

"Drum hat man nicht aufs Feuer achtgegeben an Ihres Herrn Vaters
seliger Leiche, und ist bei Nacht begraben worden mit Fackeln.  So
ein Fnklein ist bald verzettelt!"

"Unglckliche Botschaft!", rief voll Schmerz der Herr Wilhelm aus.
"Mein Vater tot?  Und wie geht's meiner Schwester?"

"Drum eben hat sich Ihr Herr Vater seliger zu Tod gegrmt, als Ihre
Jungfer Schwester ein Kindlein gebar und hatte keinen Vater dazu.  Es
ist ein Bblein.

Sonst gibt's just nicht viel Neues", setzte er hinzu.



Eine merkwrdige Abbitte


Das ist merkwrdig, dass an einem schlechten Menschen der Name eines
ehrlichen Mannes gar nicht haftet, und dass er durch solchen nur
rger geschimpft ist.

Zwei Mnner sassen in einem benachbarten Dorf zu gleicher Zeit im
Wirtshaus.  Aber der eine von ihnen hatte bsen Leumund wegen
allerlei, und sah ihn und den Iltis niemand gern auf seinem Hof.
Aber beweisen vor dem Richter konnte man ihm nichts.  Mit dem bekam
der andere Zwist im Wirtshaus, und im Unwillen und weil er ein Glas
Wein zuviel im Kopfe hatte, so sagte er zu ihm: "Du schlechter
Kerl!"--Damit kann einer zufrieden sein, wenn er's ist, und braucht
nicht mehr.  Aber der war nicht zufrieden, wollte noch mehr haben,
schimpfte auch und verlangte Beweis.  Da gab ein Wort das andere, und
es hiess: "Du Spitzbub!  du Felddieb!"--Damit war er noch nicht
zufrieden, sondern ging vor den Richter.  Da war nun freilich
derjenige, welcher geschimpft hatte, bel dran.  Leugnen wollt' er
nicht, beweisen konnt' er nicht, weil er fr das, was er wohl
wusste, keine Zeugen hatte, sondern er musste einen Gulden Strafe
erlegen, weil er einen ehrlichen Mann Spitzbube geheissen habe, und
ihm Abbitte tun, und dachte bei sich selber: Teurer Wein!  Als er
aber die Strafe erlegt hatte, so sagte er: "Also einen Gulden kostet
es, gestrenger Herr, wenn man einen ehrlichen Mann einen Spitzbuben
nennt?  Was kostet's denn, wenn man einmal in der Vergesslichkeit
oder sonst zu einem Spitzbuben sagt: Ehrlicher Mann?" Der Richter
lchelte und sagte: "Das kostet nichts, und damit ist niemand
geschimpft." Hierauf wendete sich der Beklagte zu dem Klger um und
sagte: "Es ist mir leid, ehrlicher Mann!  Nichts fr ungut, ehrlicher
Mann!  Adies, ehrlicher Mann!" Als der erboste Gegner das hrte und
wohl merkte, wie es gemeint war, wollte er noch einmal anfangen und
hielt sich jetzt fr rger beleidigt als vorher.  Aber der Richter,
der ihn doch auch als einen verdchtigen Menschen kennen mochte,
sagte zu ihm, er knne jetzt zufrieden sein.



Eine seltsame, jedoch wahrhafte Geschichte


Zwei Schiffer fuhren frhmorgens den Strom herab, und der Tag war
schon ins enge, stille Tal gekommen, als sie an der hohen
Felsenwand, genannt die Riesenmauer, vorbeifahren wollten.  Es
steigen nmlich daselbst die Felsen fast senkrecht in die Hhe.  Weit
oben ist's wie abgeschnitten, und der heilige Nepomuk, ob er gleich
von Stein ist, meint man doch, es msse ihm schwindlig werden, und
es wird's einem fr ihn, wenn man hinaufschaut.  Keine Ziege weidet
an dieser Halde, kein Fusspfad fhrt den Wanderer hinauf oder hinab.
Nur einzelne arme Tannen oder Eichen sind aus den Felsenspalten da
und dort herausgewachsen, mehr hangend als stehend, und nhren sich,
so gut sie knnen, vom Wasserduft und Sonnenschein.  Als aber die
Schiffer gegen die Felsenwand kamen, hrten sie ein klgliches
Notgeschrei, und um einen Buck herumfahrend, sahen sie mit
Entsetzen, dass ein lebendiger Mensch in einsamer Todesnot und Angst
auf einem solchen Eichstmmlein sass und sich mit den Hnden an
einem schwachen stlein festhielt wie ein furchtsamer Reiter am
Kammhaar, und sah auch wirklich aus, als wenn er in die Luft
hinausreiten wollte, unten Wasser, oben Himmel, vor ihm nichts.  Aber
der eine Schiffer verwunderte sich noch viel mehr, als er den Mann
ins Auge fasste und erkannte.  "Seid Ihr es, Herr Schulmeister, oder
trgt mich ein Blendwerk?" Ja, es war der Herr Schulmeister, ein
braver, unbescholtener Mann, den der Hausfreund so gut kennt als
sich selbst oder seinen Adjunkt, ein Vater von drei Kindern.

Der Hausfreund msste sich sehr an dem geneigten Leser oder an
seiner eigenen Beschreibung irren, wenn derselbe frher fragen
sollte, was er doch nicht erfahren wird, wie der Mann auf diesen
Baum hinaufgekommen, als vielmehr, wie er wieder herabgebracht und
aus des Todes Angst und Not gerettet worden sei.  Man holte die
lngste Feuerleiter im Dorf und stellte sie an dem schmalen Bort
zwischen dem Strom und den Felsen auf.  Sie reichte nicht hinan.  Man
band die zwei lngsten aneinander und richtete sie mit unsglicher
Mhe und eigener Todesgefahr auf.  Sie reichten nicht hinan.  Es war
schon 10 Uhr, und die Sonne schwamm ber das Tal, als ob sie das
seltsame Schauspiel auch sehen oder Mut und Hoffnung machen wollte
zur Rettung.  Man erstieg auf der andern Seite die Anhhe, schlang
das lngste Seil, das zu haben war, um den heiligen Nepomuk und
liess es hinab, dass er es um den Leib binden, sich alsdann mit den
Hnden und Fssen gegen die Felsenwand stemmen und seine Auffahrt
regieren sollte.  Aber der arme Mann durfte mit den Hnden den Ast
nicht verlassen, weil er sonst keine Habung hatte auf dem schwachen
Stamm und unvermeidlich das Gleichgewicht und das Leben htte
verlieren mssen.  Endlich liess man auf die nmliche Art noch einen
Mann von Mut und Kraft zu ihm hinab, der ihm das eine Seil um den
Leib befestigte, und zog alsdann unversehrt einen nach dem andern
herauf.  Der Herr Schulmeister aber, als er wieder Boden erfasst und
sozusagen gelandet hatte, ksste er zuerst mit Dank und Gebet die
Fsse des Schutzheiligen, der ihm gleichsam in der Gestalt des Seils
seine hilfreiche Hand hinabgereicht hatte und absichtlich um seiner
Rettung willen da zu stehen schien, und dankte seinen Mitbrgern.
Hernach winkte er seiner zagenden Frau und seinen weinenden Kindern,
die am jenseitigen Ufer standen, dass es jetzt nichts mehr zu sagen
habe.  Aber auf die Frage, wie er auf den Baum herabgekommen sei,
konnte er keine Antwort geben, sondern er bewies hernach als ein
Mann, dem an seiner Reputation viel gelegen ist, dass er in dem Dorf
auf dem Berge ein einziges Schpplein getrunken habe und nchtern
fortgegangen sei, um nach Hause zu kommen.  Was sich aber weiter mit
ihm zugetragen habe, wisse er nicht, sondern, als er aufgewacht sei,
sei er auf dem Baum gesessen.

Dem Hausfreund aber ist es insofern lieb fr seine Leser, dass die
Sache im Dunkeln bleibt.  Denn ob es gleich muss natrlich zugegangen
sein, so sieht es doch wunderbarer aus und greift besser an, wenn
man nicht weiss, wie.  So viel ist klar auf alle Flle: "Er hat
seinen Engeln ber dir Befehl getan, dass sie dich behten auf
deinen Wegen, dass sie dich auf den Hnden tragen."



Eine sonderbare Wirtszeche


Manchmal gelingt ein mutwilliger Einfall, manchmal kostet's den
Rock, oft sogar die Haut dazu.  Diesmal aber nur den Rock.  Denn
obgleich einmal drei lustige Studenten auf einer Reise keinen roten
Heller mehr in der Tasche hatten, alles war verjubelt, so gingen sie
doch noch einmal in ein Wirtshaus und dachten, sie wollten sich
schon wieder hinaus helfen und doch nicht wie Schelmen davon
schleichen, und es war ihnen gar recht, dass die junge und artige
Wirtin ganz allein in der Stube war.  Sie assen und tranken guten
Mutes und fhrten miteinander ein gar gelehrtes Gesprch, als wenn
die Welt schon viele tausend Jahre alt wre und noch ebenso lang
stehen wrde, und dass in jedem Jahr, an jedem Tag und in jeder
Stunde des Jahrs alles wieder so komme und sei, wie es am nmlichen
Tag und in der nmlichen Stunde vor sechstausend Jahren auch gewesen
sei.  "Ja", sagte endlich einer zur Wirtin--die mit einer Stickerei
seitwrts am Fenster sass und aufmerksam zuhrte--"ja, Frau Wirtin,
das mssen wir aus unsern gelehrten Bchern wissen." Und einer war
so keck und behauptete, er knne sich wieder dunkel erinnern, dass
sie vor sechstausend Jahren schon einmal da gewesen seien, und das
hbsche, freundliche Gesicht der Frau Wirtin sei ihm noch
wohlbekannt.  Das Gesprch wurde noch lange fortgesetzt, und je mehr
die Wirtin alles zu glauben schien, desto besser liessen sich die
jungen Schwenkfelder den Wein und Braten und manche Bretzel
schmecken, bis eine Rechnung von 5 fl.  16 kr.  auf der Kreide stand.
Als sie genug gegessen und getrunken hatten, rckten sie mit der
List heraus, worauf es abgesehen war.

"Frau Wirtin", sagte einer, "es steht diesmal um unsere Batzen nicht
gut, denn es sind der Wirtshuser zu viele an der Strasse.  Da wir
aber an Euch eine verstndige Frau gefunden haben, so hoffen wir als
alte Freunde hier Kredit zu haben, und wenn's Euch recht ist, so
wollen wir in sechstausend Jahren, wenn wir wiederkommen, die alte
Zeche samt der neuen bezahlen." Die verstndige Wirtin nahm das
nicht bel auf, war's vollkommen zufrieden und freute sich, dass die
Herren so vorlieb genommen, stellte sich aber unvermerkt vor die
Stubentre und bat, die Herren mchten nur so gut sein und jetzt die
5 fl.  16 kr.  bezahlen, die sie vor sechstausend Jahren schuldig
geblieben seien, weil doch alles schon einmal so gewesen sei, wie es
wieder komme.  Zum Unglck trat eben der Vorgesetzte des Ortes mit
ein paar braven Mnnern in die Stube, um miteinander ein Glas Wein
in Ehren zu trinken.  Das war den gefangenen Vgeln gar nicht lieb.
Denn jetzt wurde von Amts wegen das Urteil gefllt und vollzogen:
"Es sei aller Ehren wert, wenn man sechstausend Jahre lang geborgt
habe.  Die Herren sollten also augenblicklich ihre alte Schuld
bezahlen, oder ihre noch ziemlich neuen Oberrcke in Versatz geben."

Dies letzte musste geschehen, und die Wirtin versprach, in
sechstausend Jahren, wenn sie wieder kommen und besser als jetzt bei
Batzen seien, ihnen alles, Stck fr Stck, wieder zuzustellen.
Dies ist geschehen im Jahr 1805 am 17ten April im Wirtshause zu
Segringen.



Einer Edelfrau schlaflose Nacht


Es ist nichts lehrreicher als die Aufmerksamkeit, wie in dem
menschlichen Leben alles zusammenhngt, wenn man es zu entdecken
vermag, z.  B.  Zahnschmerzen und das Glck eines Ehepaars, und wie
selbst das, was unrecht und verboten ist, wieder gutgemacht werden
kann, wenn's an den rechten Mann oder an die rechte Frau kommt, und
wie in dem grossen, unaufhrlichen Wechsel der Dinge alles einzelne
wieder verschwimmt, dass man ihm nimmer nachkommt, und doch getan
bleibt und nicht verloren geht, es sei gut oder bs.  Gleich als wenn
man ein Glas Wasser in den Rhein ausgiesst, kein Sterblicher ist
imstand, es wieder herauszuschpfen, sondern es ist jetzt dem Rhein
vermhlt und augenblicklich verschwemmt in der grossen Flut.  Ja,
wenn die Sonne Wasser aufzieht, wie man zu sagen pflegt, sind ein
paar Trpflein davon vielleicht auch dabei und fallen irgendwo, in
Bayern oder Lothringen, wieder aus einer Wasserwolke vom Himmel
herab und erquicken ein Blmlein.

Eine Dienstmagd, jung und brav, auch hbsch, und ein Knecht gleicher
Qualitt dienten miteinander auf einem Edelhof und htten nicht so
gerne Kaffee getrunken oder alle Tage Braten gegessen, als vielmehr
einander geheiratet.  Allein sie waren Leibeigene, insoweit, dass sie
verpflichtet waren, eine gewisse Zeit Hofdienste zu tun, und die
Edelfrau auf dem Hofe wollte sie nicht frher aus dem Dienst
entlassen, weil sie so brav waren in ihrer Auffhrung und so
fleissig und treu in ihren Geschften.  Deswegen sassen sie oft
beisammen und weinten, oder sie weinte, und er nagte an einem
Holzsplitter.  Ein ander Mal, wie die menschliche Laune wechselt,
sprachen sie sich Mut ein, dass es ja nur noch um zwei Jhrlein zu
tun sei, und freuten sich schon zum voraus ihres zuknftigen Glcks,
"wenn du mein Weib bist"--sagte er--"und ich dein Mann", und
einmal vergassen sie sogar die Zukunft und meinten, es sei jetzt.
Nach Verlauf aber eines Jahres hat die Frau auf dem Edelhof in der
Nacht desperates Zahnweh, nicht gerade deswegen.  Sie steht aus dem
Bette auf und wirft sich auf einen Stuhl, sie luft aus einer Stube
in die andere, aus der andern in die dritte.  In der dritten setzt
sie sich gegenber einem Fensterlein, das in die Kche geht, mit
einem weissen Vorhang davor, und das Zahnweh wird ihr nun bald
vergehen.  Sie sitzt jetzt am rechten Orte dazu.  Denn auf einmal
sieht sie hell werden hinter dem weissen Vorhang, sie hrt etwas
sich bewegen, sie hrt etwas flstern und knistern, sie schiebt
leise das Vorhnglein weg, und in der Kche stehen der Knecht und
die Magd an einem Feuerlein nachts um zwlf Uhr und legen Spne an
das Feuer, und auf dem Feuer steht ein Pfnnlein.--Bereits gibt das
Zahnweh ein wenig nach.--"O ihr gottloses Lumpenpack", sagte sie
inwendig fr sich.  "So ist denn keinem Menschen mehr zu trauen.  Habt
ihr nicht alle Tage euer ordentliches Essen.  Ist es euch nicht gut
genug?  Msst ihr mich noch in der Nacht bestehlen und Leckerbissen
kochen!" Nach einiger Zeit stellt das Weibsbild das Pfnnlein von
dem Feuer, als ob sie jetzt die Leckerbissen verzehren wollten, der
Knecht aber geht zur Tre hinaus.--"Wie der Tag anbricht, lass ich
beide in das Gefngnis werfen", so fuhr die Edelfrau fort, "und jage
sie weg ohne ehrlichen Abschied.  Am Ende wird mir die Dirne auch
noch schwanger von dem Burschen in meinem eigenen Haus.  So weit
soll's mir nicht kommen." Indem kommt der Knecht zurck und bringt
ein vierteljhriges Kind auf dem Arme und gibt's der Mutter auf die
Schoss.  Da hrte pltzlich das Zahnweh der Edelfrau auf wie
weggeflogen.  Die Mutter gibt dem Kindlein aus der Pfanne den Brei,
sie legt es an die mtterliche Brust, und der Schein des abnehmenden
Feuers ging zur rechten Zeit ber ihr Angesicht, als sie mit nassen
Blicken ihr Kindlein noch einmal beschaute und dem Vater zurckgab
und etwas zu ihm sagte.  Denn da ward das Herz der Edelfrau wunderbar
bewegt und kam auf andere Gedanken.  Denn es war ihr, als ob die
Mutter mit den nassen Blicken gesagt htte: "Gott wird des armen
Wrmleins sich auch erbarmen", und als ob sie dazu bestimmt wre.
Ja, es fuhr ihr mit Grausen durch die Seele, was fr ein Unglck in
ihrem Hause htte geschehen knnen, wenn nicht Gott das Herz der
Eltern vor einem schweren Verbrechen bewahrt htte.

Am frhen Morgen aber liess sie beide Eltern vor sich bescheiden.
Beide sahen einander an.  "Was gilt's",--sagte sie--"wir bekommen
unsere Freiheit."--"Oder auch nicht",--sagte er.  Die Edelfrau
aber, als sie hereingetreten waren, redete sie ernsthaft und
gebieterisch an: "Wo habt ihr euer Kind?" Da glaubten beide in den
Boden zu versinken vor Schrecken und Scham und schauten einander
verstohlenerweise an, gleichsam ob das andere noch da sei.  "Wo ihr
euer Kind habt",--wiederholte die Edelfrau.--"Weil wir denn doch
eins haben",--stotterte endlich der Vater,--"in der Holzkammer
hinter einer Beige." Als es aber der Bursche holen musste, bracht'
er es, wie es war in einem alten Felleisen.  Es war reinlich gehalten
und gebschelt auf einem Bettlein von Heu und weinte, als ob es
schon wusste, wie man es machen muss.  Da erbarmte sich das Herz der
Edelfrau noch mehr, und als die treue Magd und Mutter reuevoll und
mit Trnen bat, sie und ihr unschuldiges Kind nicht unglcklich zu
machen, konnte die Edelfrau ihre Rhrung nicht mehr verbergen:
"Nein, ich will euch nicht unglcklich machen",--sagte sie.  "Ich
will euch die Hrte vergelten, die ich an euch begangen habe.  Ich
will euch den Kummer versssen, den ihr getragen habt.  Ich will eure
Snde wieder gut machen.  Ich will euch die Barmherzigkeit vergelten,
die ihr an euerm Kinde getan habt." Meint man nicht, man hre den
lieben Herr Gott reden in den Propheten oder in den Psalmen?  Ein
Gemt, das zum Guten bewegt ist und sich der Elenden annimmt und die
Gefallenen aufrichtet, ein solches Gemt zieht nmlich das Ebenbild
Gottes an und fllt deswegen auch in seine Sprache.--"Ihr knnt
euch am Sonntag in der Stille zusammengeben lassen",--sagte die
Edelfrau.  "Ich will euch ein angenehmes Heiratsgut stiften.  Ich will
aus eurem Kinde etwas werden lassen.  Ist's ein Bblein?"--Also
wurden sie am nchsten Sonntag auf Geheiss der Edelfrau
zusammengegeben und lebten seitdem in Liebe und Frieden ehelich
beisammen.  Das Bblein aber kann jetzt schon Haselnsse aufbeissen
und lernt fleissig und hat runde, rote Backen.--Was aber weiter
daraus werden soll, weiss der, der den Himmel mit der Spanne misst
und den Staub der Erde mit einem Dreiling.



Einer oder der andere


Es ist nichts lieblicher, als wenn bisweilen gekrnte Hupter sich
unerkannt zu dem gemeinen Mann herablassen, wie Knig Heinrich der
Vierte in Frankreich, sei es auch nur zu einem gutmtigen Spass.
Zu Knig Heinrichs des Vierten Zeiten ritt ein Buerlein vom Lande
her des Weges nach Paris.  Nicht mehr weit von der Stadt gesellt sich
zu ihm ein anderer, gar stattlicher Reiter, welches der Knig war,
und sein kleines Gefolge blieb absichtlich in einiger Entfernung
zurck.  "Woher des Landes, guter Freund?"--"Da und da her."--"Ihr
habt wohl Geschfte in Paris?"--"Das und das; auch mchte ich gerne
unsern guten Knig einmal sehen, der so vterlich sein Volk liebt."
- Da lchelte der Knig und sagte: "Dazu kann Euch heute Gelegenheit
werden."--"Aber wenn ich nur auch wsste, welcher es ist unter den
vielen, wenn ich ihn sehe!"--Der Knig sagte: "Dafr ist Rat.  Ihr
drft nur achtgeben, welcher den Hut allein auf dem Kopf behaltet,
wenn die andern ehrerbietig ihr Haupt entblssen." Also ritten sie
miteinander in Paris hinein, und zwar das Buerlein hbsch auf der
rechten Seite des Knigs.  Denn das kann nie fehlen.  Was die liebe
Einfalt Ungeschicktes tun kann, sei es gute Meinung oder Zufall, das
tut sie.  Aber ein gerader und unverknstelter Bauersmann, was er tut
und sagt, das tut und sagt er mit ganzer Seele und sieht nicht um
sich, was geschieht, wenn's ihn nichts angeht.  Also gab auch der
unsrige dem Knig auf seine Fragen nach dem Landbau, nach seinen
Kindern, und ob er auch alle Sonntage ein Huhn im Topf habe,
gesprchige Antwort und merkte lange nichts.  Endlich aber, als er
doch sah, wie sich alle Fenster ffneten und alle Strassen mit
Leuten sich fllten und alles rechts und links auswich und
ehrerbietig das Haupt entblsst hatte, ging ihm ein Licht auf.
"Herr", sagte er und schaute seinen unbekannten Begleiter mit
Bedenklichkeit und Zweifel an, "entweder seid Ihr der Knig oder ich
bin's.  Denn wir zwei haben noch allein die Hte auf dem Kopf." Da
lchelte der Knig und sagte: "Ich bin's.  Wenn Ihr Euer Rsslein
eingestellt und Euer Geschft versorgt habt", sagte er, " so kommt
zu mir in mein Schloss.  Ich will Euch alsdann mit einem
Mittagsspplein aufwarten und Euch auch meinen Ludwig zeigen."
Von dieser Geschichte her rhrt das Sprichwort, wenn jemand in einer
Gesellschaft aus Vergessenheit oder Unverstand den Hut allein auf
dem Kopf behlt, dass man ihn fragt: "Seid Ihr der Knig oder der
Bauer?"



Einfltiger Mensch in Mailand


Ein einfltiger Mensch in Mailand wollte sein Haus verkaufen.  Damit
er nun um so eher davon los werden mchte, brach er einen grossen
Stein aus demselben heraus, trug ihn auf den grossen Marktplatz, wo
viel Verkehr und Handel getrieben wird, und setzte sich damit unter
die Verkufer.  Wenn nun ein Mann kam und fragte ihn: "Was habt Ihr
denn feil?" so sagte er: "Mein zweistckigtes Haus in der
Kapuzinergasse.  Wenn Ihr Lust dazu habt--hier ist ein Muster."

Der nmliche sagte einmal bei einer Gelegenheit, als von der
Kinderzucht die Rede war: "Es ist ein Glck fr meine Kinder, dass
ich keine habe.  Ich knnte so zornig werden, dass ich sie alle
totschlge."



Eintrglicher Rtselhandel


Von Basel fuhren elf Personen in einem Schiff, das mit allen
Kommlichkeiten versehen war, den Rhein hinab.  Ein Jude, der nach
Schalampi wollte, bekam die Erlaubnis, sich in einen Winkel zu
setzen und auch mitzufahren, wenn er sich gut auffhren und dem
Schiffer achtzehn Kreuzer Trinkgeld geben wolle.  Nun klingelte es
zwar, wenn der Jude an die Tasche schlug, allein es war doch nur
noch ein Dreibatzenstck darin; denn das andere war ein messingener
Knopf.  Dessenungeachtet nahm er die Erlaubnis dankbar an.  Denn er
dachte: "Auf dem Wasser wird sich auch noch etwas erwerben lassen.
Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich geworden." Im Anfang und
von dem Wirtshaus zum Kopf weg war man sehr gesprchig und lustig,
und der Jude in seinem Winkel und mit seinem Zwerchsack an der
Achsel, den er ja nicht ablegte, musste viel leiden, wie man's
manchmal diesen Leuten macht und versndiget sich daran.  Als sie
aber schon weit an Hningen und an der Schusterinsel vorbei waren
und an Mrkt und an dem Isteiner Klotz und St.  Veit vorbei, wurde
einer nach dem andern stille und ghnten und schauten den langen
Rhein hinunter, bis wieder einer anfing: "Mausche", fing er an,
"weisst du nichts, dass uns die Zeit vergeht?  Deine Vter mssen
doch auch auf allerlei gedacht haben in der langen Wste."--Jetzt,
dachte der Jude, ist es Zeit, das Schflein zu scheren, und schlug
vor, man sollte sich in der Reihe herum allerlei kuriose Fragen
vorlegen, und er wolle mit Erlaubnis auch mithalten.  "Wer sie nicht
beantworten kann, soll dem Aufgeber ein Zwlfkreuzerstck bezahlen;
wer sie gut beantwortet, soll einen Zwlfer bekommen." Das war der
ganzen Gesellschaft recht, und weil sie sich an der Dummheit oder an
dem Witz des Juden zu belustigen hofften, fragte jeder in den Tag
hinein, was ihm einfiel.  So fragte z.  B.  der erste: "Wie viel
weichgesottene Eier konnte der Riese Goliath nchtern essen?"--Alle
sagten, das sei nicht zu erraten, und bezahlten ihre Zwlfer.  Aber
der Jude sagte: "Eins, denn wer ein Ei gegessen hat, isst das zweite
nimmer nchtern." Der Zwlfer war gewonnen.

Der andere dachte: Wart', Jude, ich will dich aus dem Neuen
Testament fragen, so soll mir dein Dreibtzner nicht entgehen.
"Warum hat der Apostel Paulus den zweiten Brief an die Korinther
geschrieben?" Der Jud sagte: "Er wird nicht bei ihnen gewesen sein,
sonst htt' er's ihnen mndlich sagen knnen." Wieder ein Zwlfer.

Als der dritte sah, dass der Jude in der Bibel so gut beschlagen
sei, fing er's auf eine andere Art an: "Wer zieht sein Geschft in
die Lnge, und wird doch zu rechter Zeit fertig?" Der Jud sagte:
"Der Seiler, wenn er fleissig ist."

Der vierte: "Wer bekommt noch Geld dazu und lsst sich dafr
bezahlen, wenn er den Leuten etwas weismacht?" Der Jud sagte: "Der
Bleicher."

Unterdessen nherte man sich einem Dorf, und einer sagte: "Das ist
Bamlach." Da fragte der fnfte: "In welchem Monat essen die
Bamlacher am wenigsten?" Der Jud sagte: "Im Hornung, denn der hat
nur 28 Tage."

Der sechste sagt: "Es sind zwei leibliche Brder, und doch ist nur
einer davon mein Vetter." Der Jud sagte: "Der Vetter ist Eures
Vaters Bruder.  Euer Vater ist nicht Euer Vetter."

Ein Fisch schnellte in die Hhe, so fragt der siebente: "Welche
Fische haben die Augen am nchsten beisammen?" Der Jud sagte: "Die
kleinsten."

Der achte fragt: "Wie kann einer zur Sommerszeit im Schatten von
Bern nach Basel reiten, wenn auch die Sonne noch so heiss scheint?"
Der Jud sagt: "Wo kein Schatten ist, muss er absteigen und zu Fuss
gehn."

Fragt der neunte: "Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet
und hat die Handschuhe vergessen, wie muss er's angreifen, dass es
ihn nicht an die Hand friert?" Der Jud sagt: "Er muss aus der Hand
eine Faust machen."

Fragt der zehnte: "Warum schlpfet der Kfer in die Fsser?" Der Jud
sagt: "Wenn die Fsser Tren htten, knnte er aufrecht
hineingehen."

Nun war noch der elfte brig.  Dieser fragte: "Wie knnen fnf
Personen fnf Eier teilen, also dass jeder eins bekomme und doch
eins in der Schssel bleibe?" Der Jud sagte: "Der letzte muss die
Schssel samt dem Ei nehmen, dann kann er es darin liegen lassen,
solang er will."

Jetzt war die Reihe an ihm selber, und nun dachte er erst einen
guten Fang zu machen.  Mit viel Komplimenten und spitzbbischer
Freundlichkeit fragte er: "Wie kann man zwei Forellen in drei
Pfannen backen, also dass in jeder Pfanne eine Forelle liege?" Das
brachte abermal keiner heraus, und einer nach dem andern gab dem
Hebrer seinen Zwlfer.

Der Hausfreund htte das Herz, allen seinen Lesern, von Mailand bis
nach Kopenhagen, die nmliche Frage aufzugeben, und wollte ein
hbsches Stck Geld daran verdienen, mehr als am Kalender selber,
der ihm nicht viel eintrgt.  Denn als die elfe verlangten, er sollte
ihnen fr ihr Geld das Rtsel auch auflsen, wand er sich lange
bedenklich hin und her, zuckte die Achseln, drehte die Augen.  "Ich
bin ein armer Jd", sagte er endlich.  Die andern sagten: "Was sollen
diese Prambeln?  Heraus mit dem Rtsel!"--"Nichts fr ungut!"--war
die Antwort--"dass ich gar ein armer Jd bin."--Endlich nach
vielem Zureden, dass er die Auflsung nur heraussagen sollte, sie
wollten ihm nichts daran belnehmen, griff er in die Tasche, nahm
einen von seinen gewonnenen Zwlfern heraus, legte ihn auf das
Tischlein, so im Schiffe war, und sagte: "Dass ich's auch nicht
weiss.  Hier ist mein Zwlfer!"

Als das die andern hrten, machten sie zwar grosse Augen und
meinten, so sei's nicht gewettet.  Weil sie aber doch das Lachen
selber nicht verbeissen konnten, und waren reiche und gute Leute,
und der hebrische Reisegefhrte hatte ihnen von Kleinen-Kems bis
nach Schalampi die Zeit verkrzt, so liessen sie es gelten, und der
Jud hat aus dem Schiff getragen--das soll mir ein fleissiger
Schler im Kopf ausrechnen: wie viel Gulden und Kreuzer hat der Jude
aus dem Schiff getragen?  Einen Zwlfer und einen messingenen Knopf
hatte er schon.  Elf Zwlfer hat er mit Erraten gewonnen, elf mit
seinem eigenen Rtsel, einen hat er zurckbezahlt und dem Schiffer
achtzehn Kreuzer Trinkgeld entrichtet.



Erinnerung an die Kriegszeit


Es ist nicht zu leugnen: wenn hie und da ein siegreiches
Truppenkorps in eine feindliche Landschaft einrckte und Quartiere
nahm, dass sich alsdann der arme Einwohner viel musste gefallen
lassen, nicht nur von der Notwendigkeit, sondern auch von dem
Unverstand und hhnendem bermut.  Zu einem solchen Unteroffizier,
als er eben am Mittagessen war, kam sein Kamerad und verwunderte
sich ber ihn mit folgenden Worten:

"Herr Kamerad", sagte er zu ihm, "seit wann seid Ihr ein Jude
geworden, dass Ihr Euch zwicken lasst?  Euch ist seit gestern ein
kurioser Bart gewachsen."

Nmlich der Unteroffizier, der am Mittagessen war, ass gerne Nudeln.
Deswegen musste ihm der Wirt jeden Mittag Nudeln aufstellen und
natrlich ein fettes Huhn darin.  Der Unteroffizier wusste, dass die
Nudeln von feinem Mehl und Teig lngere Fden haben als die groben.
Deswegen musste ihm der Wirt lange und feine Nudeln aufstellen,
welche sich fast mit keiner Geschicklichkeit um die Gabel
herumspinnen lassen, sondern wann man meint, jetzt sei eine
umgesponnen, haspelt sich eine andere wieder ab, und eine Gabel oder
einen Lffel voll mit allen Enden auf einmal in den Mund zu bringen,
ist eine Kunst.  Zwar darf man sie nur zuerst ein wenig auf dem
Teller zerschneiden.  Allein das wollte der Unteroffizier nicht.
Nein, der Wirt, und wenn er auch des Kuckucks htte werden mgen,
musste, solang der Unteroffizier an den Nudeln ass, mit einer Schere
neben ihm stehen, und was zu lange war und nicht in den Mund hinein
zu bringen war, musste er ihm von den Lippen vorsichtig abschneiden.
Deswegen, als dieses der andere Unteroffizier sah, verwunderte er
sich und sagte zu ihm scherzweise und lachend: "Euch ist ein
kurioser Bart gewachsen.  Seit wann lasst Ihr Euch zwicken wie ein
Jud?" Dem Wirt kam der Spass nicht lcherlich vor.  Allein der andere
Unteroffizier trstete ihn.  "Landsmann", sagte er zu ihm, "es ist
Krieg."

So etwas kann man schon erzhlen und zur Erinnerung an die
berstandenen Zeiten lesen, wann durch Gottes Gnade und durch die
Weisheit der friedliebenden Potentaten alle Plackereien und
Hudeleien ein Ende haben.



Etwas aus der Trkei


In der Trkei ist Justiz.  Ein Kaufmannsdiener, auf der Reise von der
Nacht und Mdigkeit berfallen, bindet sein Pferd, so mit kostbaren
Waren beladen war, nimmer weit von einem Wachthaus an einen Baum,
legt sich selber unter das Obdach des Baumes und schlft ein.  Frh,
als ihn die Morgenluft und der Wachtelschlag weckte, hatte er gut
geschlafen, aber das Rsslein war fort.

Da eilte der Beraubte zu dem Statthalter der Provinz, nmlich zu dem
Prinzen Karosman Oglu, der in der Nhe sich aufhielt, und klagte vor
seinem Richterstuhl seine Not.  Der Prinz gab ihm wenig Gehr.  "So
nahe bei dem Wachthaus; warum bist du nicht die fnfzig Schritte
weiter geritten, so wrest du sicher gewesen.  Es ist deines
Leichtsinns Schuld." Da sagte der Kaufmannsdiener: "Gerechter Prinz,
hab' ich mich frchten sollen, unter freiem Himmel zu schlafen, in
einem Lande, wo du regierst?" Das tat dem Prinzen Karosman wohl und
wurmte ihn zugleich.  "Trink heute Nacht ein Glslein trkischen
Schnaps," sagte er zu dem Kaufmannsdiener, "und schlafe noch einmal
unter dem Baum." So gesagt, so getan.  Des andern Morgens, als ihn
die Morgenluft und der Wachtelschlag weckte, hatte er auch gut
geschlafen, denn das Rsslein stand mit allen Kostbarkeiten wieder
angebunden neben ihm, und an dem Baum hing ein toter Mensch, der
Dieb, und sah das Morgenrot nimmermehr.

Bume gb' es noch an manchen Orten, grosse und kleine.



Farbenspiel


In einer Schule sassen zwei Schler, von denen hiess der eine
Schwarz, der andere Weiss, wie es sich treffen kann; der Schullehrer
aber fr sich hatte den Namen Rot.  Geht eines Tages der Schler
Schwarz zu einem andern Kameraden und sagt zu ihm: "Du, Jakob", sagt
er, "der Weiss hat dich bei dem Schulherrn verleumdet." Geht der
Schler zu dem Schulherrn und sagt: "Ich hre, der Weiss habe mich
bei Euch schwarz gemacht und ich verlange eine Untersuchung.  Ihr
seid mir ohnehin nicht grn, Herr Rot!" Darob lchelte der Schulherr
und sagte: "Sei ruhig, mein Sohn!  Es hat dich niemand verklagt, der
Schwarz hat dir nur etwas weisgemacht.



Franz Ignaz Narocki


Man erfhrt doch durch den Krieg allerlei, unter vielem Schlimmen
auch manchmal etwas Gutes, und es heisst da wohl: Die Berge kommen
nicht zusammen, aber die Leute.  So wird wohl zum Beispiel ein
Polack, namens Franz Ignaz Narocki, im Jahr 1707 auch nicht daran
gedacht haben, dass nach 100 Jahren der franzsische Kaiser Napoleon
noch zu ihm nach Polen kommen und ihm ein sorgenfreies Alter
verschaffen werde; und doch ist's geschehen in den ersten Wochen des
Jahres 1807.  Er ist geboren im Jahr 1690 und lebt noch, und ich will
glauben, dass er in seiner Jugend sich nicht oft betrunken und nicht
ausschweifend gelebt habe, denn er hat in seinem
hundertsiebenzehnten Lebensjahr noch kein Gebrechen, ob er gleich in
seiner Jugend Kriegsdienste tat, als Gefangener von den Russen nach
Asien gefhrt wurde und nachher auch nicht lauter gute Tage hatte.
Diesem Mann hat es in 117 Jahren manchmal auf den Hut geschneit, und
er kann wohl von manchem Grabe sagen, wer darin liegt.  In seinem
losten Jahr, wenn andere bald ans Sterben denken, hat er zum ersten
Mal geheiratet und vier Kinder gezeugt.  Im 86sten Jahr nahm er die
zweite Frau und zeugte mit ihr sechs Kinder.  Aber von allen ist nur
noch ein Sohn aus der ersten Ehe am Leben.  Der Knig von Preussen
liess diesem polnischen Methusalem bisher alle Monate ein Gehalt von
24 polnischen Gulden bezahlen.  Das ist doch auch schn.  Ein
polnischer Gulden aber betrgt nach deutschem Geld ungefhr 15 kr.
Als nun Kaiser Napoleon in seinem siegreichen Feldzug in die Gegend
seiner Heimat kam, wnschte ihn der alte Mann auch noch zu sehen.  Es
geschah, und er berreichte ihm ein sehr artiges Bittschreiben,
welches er noch selber mit eigener Hand recht leserlich geschrieben
hatte.  Der Kaiser nahm es mit Wohlgefallen auf und machte ihm ein
schnes Geschenk von hundert Napoleonsd'or.  Ein Napoleonsd'or ist
eine Goldmnze von 9 fl. 18 kr. unseres Geldes.

Auf nebenstehender Figur sieht man

1. den alten Narocki an seinem Stab.  Er sieht noch recht gut aus fr
sein Alter.

2. Seinen einzigen Sohn, der ihn mit kindlicher Liebe begleitet.

3. Den Kaiser Napoleon, der ihn freundlich ansieht und ihm das
Schreiben abnimmt, nebst einem General und einem Adjutanten.

4. Einige Polacken und Soldaten, die den alten Mann neugierig
betrachten.  Mancher von ihnen, der selber schon einen engen Atem hat
und mehr Leid erfahren, als ihm lieb ist, der denkt: So alt mchte
ich nicht werden.  Ein junges Blut daneben denkt so: Das mchte ich
in hundert Jahren, Anno 1907, meinen Enkeln noch erzhlen knnen.

Aber der Klgste zwischen beiden sagt:

Froher Mut, gutes Blut,
Leb' solang es Gott gefllt
Fromm und redlich in der Welt!



Franziska


In einem unscheinbaren Drfchen am Rhein sass eines Abends, als es
schon dunkeln wollte, ein armer junger Mann, ein Weber, noch an dem
Webstuhl und dachte whrend der Arbeit unter andern an den Knig
Hiskias, hernach an Vater und Mutter, deren ihr Lebensfaden auch
schon von der Spule abgelaufen war, hernach an den Grossvater selig,
dem er einst auch noch auf den Knieen gesessen und an das Grab
gefolgt war, und war so vertieft in seinen Gedanken und in seiner
Arbeit, dass er gar nichts davon merkte, wie eine schne Kutsche mit
vier stattlichen Schimmeln vor seinem Huslein anfuhr und
stillehielt.  Als aber etwas an der Trfalle druckte, und ein holdes,
jugendliches Wesen trat herein von weiblichem Ansehen mit wallenden,
schnen Haarlocken und in einem langen, himmelblauen Gewand, und das
freundliche Wesen fragte ihn mit mildem Ton und Blick: "Kennst du
mich, Heinrich?" da war es, als ob er aus einem tiefen Schlaf
auffhre, und war so erschrocken, dass er nichts reden konnte.  Denn
er meinte, es sei ihm ein Engel erschienen, und es war auch so etwas
von der Art, nmlich seine Schwester Franziska, aber sie lebte noch.
Einst hatten sie manches Krblein voll Holz barfuss miteinander
aufgelesen, manches Binsenkrbchen voll Erdbeeren am Sonntag
miteinander gepflckt und in die Stadt getragen und auf dem Heimweg
ein Stcklein Brot miteinander gegessen, und jedes ass weniger
davon, damit das andere genug bekme.  Als aber nach des Vaters Tod
die Armut und das Handwerk die Brder aus der elterlichen Htte in
die Fremde gefhrt hatte, blieb Franziska allein bei der alten,
gebrechlichen Mutter zurck und pflegte ihrer, also, dass sie
dieselbe von dem krglichen Verdienst ernhrte, den sie in einer
Spinnfabrik erwarb, und in den langen, schlaflosen Nchten mit ihr
wachte und aus einem alten, zerrissenen Buch von Holland erzhlte,
von den schnen Husern, von den grossen Schiffen, von der grausamen
Seeschlacht bei Doggersbank, und ertrug das Alter und die
Wunderlichkeit der kranken Frau mit kindlicher Geduld.  Einmal aber,
frh um zwei Uhr, sagte die Mutter: "Bete mit mir, meine Tochter!
Diese Nacht hat fr mich keinen Morgen mehr auf dieser Welt." Da
betete und schluchzte und ksste das arme Kind die sterbende Mutter,
und die Mutter sagte: "Gott segne dich und sei"--und nahm die
letzte Hlfte ihres Muttersegens "und sei dein Vergelter!" mit sich
in die Ewigkeit.  Als aber die Mutter begraben und Franziska in das
leere Haus zurckgekommen war und betete und weinte und dachte, was
jetzt aus ihr werden sollte, sagte etwas in ihrem Inwendigen zu ihr:
"Geh nach Holland!" Und ihr Haupt und ihr Blick richtete sich
langsam und sinnend empor, und die letzte Trne fr diesmal blieb
ihr in dem blauen Auge stehen.  Als sie von Dorf zu Stadt und von
Stadt zu Dorf betend und bettelnd und Gott vertrauend nach Holland
gekommen war und so viel ersammelt hatte, dass sie sich ein sauberes
Kleidlein kaufen konnte, in Rotterdam, als sie einsam und verlassen
durch die wimmelnden Strassen wandelte, sagte wieder etwas in ihrem
Inwendigen zu ihr: "Geh in selbiges Haus dort mit den vergoldeten
Gittern am Fenster!  "Als sie aber durch den Hausgang an der
marmornen Treppe vorbei in den Hof gekommen war, denn sie hoffte,
zuerst jemand anzutreffen, ehe sie an einer Stubentre anpochte, da
stand eine betagte, freundliche Frau von vornehmem Ansehen in dem
Hofe und ftterte das Geflgel, die Hhner, die Tauben und die
Pfauen.

"Was willst du hier, mein Kind?" Franziska fasste ein Herz zu der
vornehmen, freundlichen Frau und erzhlte ihr ihre ganze Geschichte:
"Ich bin auch ein armes Hhnlein, das Eures Brotes bedarf", sagte
Franziska und bat sie um Dienst.  Die Frau aber gewann Zutrauen zu
der Bescheidenheit und Unschuld und zu dem nassen Auge des Mdchens
und sagte: "Sei zufrieden, mein Kind!  Gott wird dir den Segen deiner
Mutter nicht schuldig bleiben.  Ich will dir Dienst geben und fr
dich sorgen, wenn du brav bist." Denn die Frau dachte: Wer kann
wissen, ob nicht der liebe Gott mich bestimmt hat, ihre Vergelterin
zu sein, und sie war eines reichen Rotterdamer Kaufmanns Witwe, von
Geburt aber eine Englnderin.  Also wurde Franziska zuerst Hausmagd,
und als sie gut und treu erfunden ward, wurde sie Stubenmagd, und
ihre Gebieterin gewann sie lieb, und als sie immer feiner und
verstndiger ward, wurde sie Kammerjungfer.  Aber jetzt ist sie noch
nicht alles, was sie wird.  Im Frhling, als die Rosen blhten, kam
aus Genua ein Vetter der vornehmen Frau, ein junger Englnder, zu
ihr auf Besuch nach Rotterdam, er besuchte sie fast alle Jahre um
diese Zeit, und als sie eins und das andere hinber und herber
redeten und der Vetter erzhlte, wie es aussah, als die Franzosen
vor Genua in dem engen Pass in der Bocchetta standen und die
sterreicher davor, trat heiter und lchelnd, mit allen Reizen der
Jugend und Unschuld geschmckt, Franziska in das Zimmer, um etwas
aufzurumen oder zurechtzulegen, und dem jungen Englnder, als er
sie erblickte, ward es sonderbarlich um das Herz, und die Franzosen
und sterreicher verschwanden ihm aus den Sinnen.  "Tante", sagte er
zu seiner Base, "Ihr habt ein bildschnes Mdchen zur Kammerjungfer.
Es ist schade, dass sie nicht mehr ist als das." Die Tante sagte:
"Sie ist eine arme Waise aus Deutschland.  Sie ist nicht nur schn,
sondern auch verstndig, und nicht nur verstndig, sondern auch
fromm und tugendhaft und ist mir lieb geworden als mein Kind." Der
Vetter dachte: Das lautet nicht bitter.  Den andern oder dritten
Morgen aber, als er mit der Tante in dem Garten spazierte, "wie
gefllt dir dieser Rosenstock?" fragte die Tante; der Vetter sagte:
"Sie ist schn, sehr schn." Die Tante sagte: "Vetter, du redest
irr.  Wer ist schn?  Ich frage ja nach dem Rosenstock." Der Vetter
erwiderte: "Die Rose",--"oder vielmehr die Franziska?" fragte die
Tante.  "Ich hab's schon gemerkt", sagte sie.  Der Vetter gestand ihr
seine Liebe zu dem Mdchen, und dass er sie heiraten mchte.  Die
Tante sagte: "Vetter, du bleibt noch drei Wochen bei mir.  Wenn es
dir alsdann noch so ist, so habe ich nichts darwider.  Das Mdchen
ist eines braven Mannes wert." Nach drei Wochen aber sagte er: "Es
ist mir nimmer wie vor drei Wochen.  Es ist noch viel rger, und ohne
das Mgdlein weiss ich nicht, wie ich leben soll." Also geschah der
Verspruch.  Aber es gehrte viel Zureden dazu, die Demut der frommen
Magd zu ihrer Einwilligung zu bewegen.

Jetzt blieb sie noch ein Jahr bei ihrer bisherigen Gebieterin, aber
nicht mehr als Kammermdchen, sondern als Freundin und Verwandte in
dem reichen Haus mit vergoldetem Fenstergitter, und noch in dieser
Zeit lernte sie die englische Sprache, die franzsische, das
Klavierspielen: "Wenn wir in hchsten Nten sein" usw.  "Der Herr,
der aller Enden" usw.  "Auf dich, mein lieber Gott, ich traue" usw.--
und was sonst noch ein Kammermdchen nicht zu wissen braucht, aber
eine vornehme Frau, das lernte sie alles.  Nach einem Jahr kam der
Brutigam, noch ein paar Wochen vorher, und die Trauung geschah in
dem Hause der Tante.  Als aber von der Abreise des neuen Ehepaars die
Rede war, schaute die junge Frau ihren Gemahl bittend an, dass sie
noch einmal in ihrer armen Heimat einkehren und das Grab ihrer
Mutter besuchen und ihr danken mchte, und dass sie ihre Geschwister
und Freunde noch einmal sehen mchte.  Also kehrte sie jenes Tages
bei ihrem armen Bruder, dem Weber, ein, und als er ihr auf ihre
Frage: "Kennst du mich, Heinrich?" keine Antwort gab, sagte sie:
"Ich bin Franziska, deine Schwester." Da liess er vor Bestrzung das
Schifflein aus den Hnden fallen, und seine Schwester umarmte ihn.

Aber er konnte sich anfnglich nicht recht freuen, weil sie so
vornehm geworden war, und scheute sich vor dem fremden Herrn, ihrem
Gemahl, dass sich in seiner Gegenwart die Armut und der Reichtum so
geschwisterlich umarmen und zueinander sagen sollen Du, bis er sah,
dass sie mit dem Gewande der Armut nicht die Demut ausgezogen und
nur ihren Stand verndert hatte, nicht ihr Herz.  Nach einigen Tagen
aber, als sie alle ihre Verwandten und Bekannten besucht hatte,
reiste sie mit ihrem Gemahl nach Genua, und beide leben vermutlich
noch in England, wo ihr Gemahl nach einiger Zeit die reichen Gter
eines Verwandten erbte.

Der Hausfreund will aufrichtig gestehen, was ihn selber an dieser
Geschichte am meisten rhrt.  Am meisten rhrt ihn, dass der liebe
Gott dabei war, als die sterbende Mutter ihre Tochter segnete, und
dass er eine vornehme Kaufmannsfrau in Rotterdam in Holland und
einen braven, reichen Englnder am welschen Meere bestellt hat, den
Segen einer armen sterbenden Witwe an ihrem frommen Kinde gltig zu
machen.

Weg hat er aller Wege,
an Mitteln fehlt's ihm nicht.



Geschwinde Reise


Ein italienischer Kaufmann, der auf die Frankfurter Messe reisen
wollte, hatte sich in Stuttgart um einen Tag versptet.  Also musste
er die Extrapost anspannen lassen.  Wie fang' ich's an, dachte er,
dass ich geschwind aus dem Feld komme, und doch mit geringen Kosten?
"Postillion", sagte er, als er in das Kaleschlein sass, "fahr
langsam, denn ich sitze nicht nur auf dem Kutschenkistlein, sondern
auch auf einem Blutgeschwr, und meine entsetzliche Kopfwunde da auf
der linken Seite wirst du hoffentlich sehn.  " Eigentlich aber war
sie nicht wohl zu sehen.  Denn frs erste war der Kopf mit einem
Tchlein verbunden, das zwar blutig aussah, frs zweite hatte er
unter dem Verband keine Wunde.  "Wenn du recht langsam fahrst", sagte
er, "auf der Station soll's dich nicht reuen." Der Postillion
dachte: solchen Gefallen kann ich den Rossen tun und, was das
Trinkgeld anbelangt, mir auch, und fuhr so langsam, dass die Pferde
selber anfingen, eins nach dem andern vor langer Weile zu ghnen,
was doch selten geschieht.  Nichtsdestoweniger schrie der Italiener
unaufhrlich: "Zetter und Mordio.  O mein Kopf!  o mein Bein!  Fahr
langsam!" Der Postillion sagte: "Wollt Ihr auf der Strasse ber
Nacht bleiben, so will ich Euch abladen.  Ich kann nicht gar fahren,
als wenn ich etwas anders ausfhrte auf den Acker.  Tu ich nicht
langsam genug?" Aber der Passagier sagte: "Ich schiess dich tot,
wenn du nicht gemach fahrst." Auf der Station in Ludwigsburg, als er
dem Postillion das Trinkgeld gab, gab er ihm zwei schbige Zwlfer,
einen Albus und ein paar verrufene Kreuzerlein, bis es einen halben
Gulden ausmachte.  Andere gaben sonst wenigstens achtundvierzig
Kreuzer, auch einen Gulden und drber.  Wenn's recht pressiert und
wenn's recht in der Tasche klingelt, auch einen Kronentaler.  Aber
alle Vorstellung des Postillions und alles Protestieren half nichts.
"Hab' ich Euch nicht schlecht genug gefhrt", fragte er.  "Nein, du
hast mich nicht langsam genug gefhrt.  Geh zum Henker." Der
Postillion nahm das Geld und dachte: lieber wenig als gar nichts.
Aber wart' nur, dachte er, du bist noch lange nicht zu Frankfurt.
Als der Ludwigsburger die Pferde einspannte, fragte er den
Stuttgarter: "Ist der Weg gut?"--"Schlecht", antwortete der
Stuttgarter und winkte ihm ein wenig abseits.  Ein wenig abseits
sagte er ihm, was er fr einen wunderlichen und geizigen Passagier
fhre, wie ihm noch keiner vorgekommen sei.  "Fahr den Ketzer drauf
los", sagte er, "dass die Rder davonfliegen.  Er hat drei Bluteisen,
drei Lcher im Kopf und eine gespaltene Kniescheibe." Der Passagier,
als der Postknecht aufsass, sagte: "Fahr langsam, Schwager.  Es kommt
mir auf ein gutes Trinkgeld nicht an." Aber der Postillion dachte:
Dein Trinkgeld kenn ich.  "Meine Pferde sind auf gesunde Herrn
dressiert", sagte er, "ich kann sie nicht halten, wenn sie im Lauf
sind", und fuhr drauf los, als wenn die ganze trkische Armee hinter
ihm dreinkme.  Der Passagier im Kaleschlein bittet vor Gott und nach
Gott, lamentiert, flucht, dass sich der Himmel mit Wolken berzieht.
Alles vergeblich.  Auf der Station in Besigheim gibt er dem
Postillion dreissig Kreuzer wie dem erstern.  "Was bringst du fr
einen presthaften Herrn?" sagte der Besigheimer.  "Fahr ihn gar tot",
sagte der Ludwigsburger, "es ist ohnedem nicht mehr viel an ihm",
und so rekommandierte ihn einer dem andern, und einer fuhr mit ihm
geschwinder davon als der andere, so dass er noch eine Stunde frher
nach Frankfurt kam, als ntig war.  In Frankfurt sprang er zur
Verwunderung und zum Staunen des Postillions kerngesund aus dem
Kaleschlein heraus und gab ihm auch dreissig Kreuzer.



Gleiches mit Gleichem


Der geistliche Herr von Trudenbach stand eines Nachmittags am
Fenster.  Da ging mit seinem Zwerchsack der Jud von Brassenheim
vorbei.  "Nausel", rief ihm der geistliche Herr, "wenn du mir zu
meinem Ross einen guten Kufer weisst, 20 Dublonen ist es wert, so
bekommst du .  .  ."--"Na, was bekomm ich?"--"Einen Sack Haber."--
Es vergingen aber drei Wochen, bis der Jud den rechten Liebhaber
fand, der nmlich 6 Dublonen mehr dafr bezahlte als es wert war,
und unterdessen stieg der Preis des Habers schnell auf das Doppelte,
weil die Franzosen berall aufkauften; damals kauften sie noch.  Also
gab der geistliche Herr dem Juden statt eines ganzen Sackes voll
einen halben.  "Vielleicht bekehr' ich ihn", dachte er, "wenn er
sieht, dass wir auch gerecht sind in Handel und Wandel."

Das war nun zu nehmen, wie man wollte.  Der Jud nahm's aber fr recht
und billig.  "Wart nur, Gallech", dachte er, "du kommst mir wieder."
Nach Jahresfrist stand der geistliche Herr von Trudenbach am
Fenster, und der Jud von Brassenheim ging durch das Dorf.  "Nausel",
rief ihm der geistliche Herr, "wenn du mir zu meinen zwei fetten
Ochsen..."--"Na was bekomm ich, wenn ich Euch einen guten Kufer
schaffe?"--"Zwei Grosse Taler."

Jetzt ging der Jud zu einem verunglckten Metzger, der schon lange
kein Messer mehr fhrt, weil alles guttut nur, solange es mag, z.  B.
das Schuldigbleiben.  Endlich sagte er zu seinen zwei letzten Kunden:
"Ich weiss nicht, ich bin seit einiger Zeit so weichmtig, dass ich
gar kein Blut mehr sehen kann", und schloss die Metzig zu.  Seitdem
heisst er zum bernamen der Metzger Blutscheu und nhrte sich wie
der Zirkelschmied von kleinen Knsten und Projekten, wie wirklich
eins im Werk ist.  Denn an ihm suchte und fand der Jud seinen Mann
und sagte ihm, was zu fangen sei, und auf welche Art.  Nach zwei
Tagen kamen die beiden zu dem geistlichen Herrn.  Aber wie war der
Metzger ausstaffiert?  In einem halbneuen, brauntchenen Rock, in
langen, schn gestreiften Beinkleidern von Barchent, um den Leib
eine leere Geldgurt, am Finger einen lotschweren silbernen Ring, ein
dito Herz im Hemd unter dem scharlachenen Brusttuch, hinter sich her
einen wohlgenhrten Hund, alles auf des Juden Brgschaft
zusammengeborgt, nichts sein eigen als das rote Gesicht.  Die Ochsen
wurden kunstmssig umgangen, betastet, mit den Augen gewogen und wie
mit einer Klafterschnur gemessen.--"Na, wie jauker."--"Zwanzig
Dublonen."--"Siebenzehn!"--"Herr Adlerwirt", sagte der Jud, "macht
neunzehn draus, Ihr verkauft Euch nicht."--"Die Ochsen sind brav",
sagte der Blutscheu; "wenn ich's zwei Stunden frher gewusst htte,
als meine Gurt noch voll war, dass ich sie alsogleich fassen knnte,
so wren sie mir ein paar Dublonen mehr wert.  Aber am Freitag hol'
ich sie fr achtzehn", und zog den ledernen Beutel aus, als wenn er
etwas draufgeben wollte.  Unterdessen flsterte der Jude dem
geistlichen Herrn etwas in das Ohr, und "wenn Ihr fr die Jungfer
Kchin zwei Grosse Taler in den Kauf geben wolltet", sprach er dem
Metzger zu, "so knnt Ihr die Ochsen alsogleich mitnehmen fr
neunzehn.  Ihr seid ein Ehrenmann, und der Herr Dechant ist auch so
einer.  Am Freitag bringt Ihr ihm das Geld." Der Kauf war richtig,
zwei Grosse Taler gingen auf die Hand.  "Herr Adlerwirt", sagte der
Jud, "Ihr habt einen guten Handel gemacht." Also trieb der Blutscheu
die schne, fette Beute fort.  Die meisten geneigten Leser aber
werden bereits merken, dass der Herr Dechant sein Geld am Freitag
noch nicht bekam.  Eines Nachmittags, nach vier Wochen oder nach
sechs, stand der geistliche Herr von Trudenbach am Fenster, und der
Jud ging durch das Dorf.  "Nausel", rief der geistliche Herr ihm zu:

"wo bleibt der Adlerwirt?  Ich habe mein Geld noch nicht."--"Na, wo
wird er bleiben", sagte der Nausel.  "Er wird warten bis eine Dublone
das Doppelte gilt, alsdann bringt er Euch statt neunzehn neun und
eine halbe.  Verliert Ihr etwas dabei?  Hab ich vor einem Jahr an
meinem Haber etwas verloren?"

Da ging dem Herrn Dechant ein Licht auf.

Das Artigste an dieser ganzen Geschichte ist die Wahrheit.  Der Jud
hat es nachgehends selber erzhlt und gerhmt, wie ehrlich der
Metzger an dem Scheideweg im Wald mit ihm geteilt habe.  "Was er
geton hat", sagte er, "den schnsten hat er fr sich behalten und
mir den geringern gegiben."



Glck im Unglck


Auf eine so sonderbare Weise ist Glck im Unglck und Unglck im
Glck noch selten beisammen gewesen wie in dem Schicksal zweier
Matrosen in dem letzten Seekrieg zwischen den Russen und Trken.
Denn in einer Seeschlacht, als es sehr hitzig zuging, die Kugeln
sausten, die Bretter und Mastbume krachten, die Feuerbrnde flogen,
da und dort brach auf einem Schiff die Flamme aus und konnte nicht
gelscht werden.  Es muss schrecklich sein, wenn man keine andere
Wahl hat, als dem Tod ins Wasser entgegenzuspringen oder im Feuer zu
verbrennen.  Aber unsern zwei russischen Matrosen wurde diese Wahl
erspart.  Ihr Schiff fing Feuer in der Pulverkammer und flog mit
entsetzlichem Krachen in die Luft.  Beide Matrosen wurden mit in die
Hhe geschleudert, wirbelten unter sich und ber sich in der Luft
herum, fielen nahe hinter der feindlichen Flotte wieder ins Meer
hinab und waren noch lebendig und unbeschdigt, und das war ein
Glck.  Allein die Trken fuhren jetzt wie Drachen auf sie heraus,
zogen sie wie nasse Muse aus dem Wasser und brachten sie in ein
Schiff; und weil es Feinde waren, so war der Willkomm kurz.  Man
fragte sie nicht lange, ob sie vor ihrer Abreise von der russischen
Flotte schon zu Mittag gegessen htten oder nicht, sondern man legte
sie in den untersten feuchten und dunkeln Teil des Schiffes an
Ketten, und das war kein Glck.  Unterdessen sausten die Kugeln fort,
die Bretter und Mastbume krachten, die Feuerbrnde flogen, und
paff!  sprang auch das trkische Schiff, auf welchem die Gefangenen
waren, in tausend Trmmern in die Luft.  Die Matrosen flogen mit,
kamen wieder neben der russischen Flotte ins Wasser herab, wurden
eilig von ihren Freunden hineingezogen und waren noch lebendig, und
das war ein grosses Glck.  Allein fr diese wiedererhaltene Freiheit
und fr das zum zweiten Mal gerettete Leben mussten diese guten
Leute doch ein teures Opfer geben, nmlich die Beine.  Diese Glieder
wurden ihnen beim Losschnellen von den Ketten, als das trkische
Schiff auffuhr, teils gebrochen, teils jmmerlich zerrissen und
mussten ihnen, sobald die Schlacht vorbei war, unter dem Knie weg
abgenommen werden, und das war wieder ein grosses Unglck.  Doch
hielten beide die Operation aus und lebten in diesem Zustande noch
einige Jahre.  Endlich starb doch einer nach dem andern, und das war
nach allem, was vorhergegangen war, nicht das Schlimmste.

Diese Geschichte hat ein glaubwrdiger Mann bekanntgemacht, welcher
beide Matrosen ohne Beine selber gesehen und die Erzhlung davon aus
ihrem eigenen Munde gehrt hat.



Glck im Unglck


Wie hat zu einem Bauersmann ein Doktor gesagt?  "Ihr Landleute",
sagte er, "habt's doch immer gut.  Wenn des Getreides wenig gewachsen
ist, so verkauft ihr es um einen teuern Preis.  Ist es wohlfeil, so
habt ihr viel zu verkaufen und lset auch viel Geld."--"Umgekehrt,
Herr Doktor", sagte der Bauersmann, "wir kommen auf keinen grnen
Zweig.  Denn wenn das Getreide teuer ist, so haben wir nicht viel zu
verkaufen.  Wenn wir aber viel haben, so ist es wohlfeil und macht
uns doch nicht reich."--Auch gut gegeben.



Gute Antwort


Wer ausgibt, muss auch wieder einnehmen.  Reitet einmal ein Mann an
einem Wirtshaus vorbei, der einen stattlichen Schmerbauch hatte,
also, dass er auf beiden Seiten fast ber den Sattel herunterhngte.
Der Wirt steht auf die Staffel und ruft ihm nach: "Nachbar, warum
habt Ihr denn den Zwerchsack vor Euch auf das Ross gebunden und
nicht hinten?" Dem rief der Reitende zurck: "Damit ich ihn unter
den Augen habe.  Denn hinten gibt es Spitzbuben." Der Wirt sagte
nichts mehr.



Gute Geduld


Ein Franzos ritt eines Tages auf eine Brcke zu, die ber ein Wasser
ging und fast schmal war, also, dass sich zwei Reitende kaum darauf
ausweichen konnten.  Ein Englnder von der andern Seite her ritt auch
auf die Brcke zu, und als sie auf der Mitte derselben
zusammenkamen, wollte keiner dem andern Platz machen.  "Ein Englnder
geht keinem Franzosen aus dem Wege", sagte der Englnder.  "Par
Dieu", erwiderte der Franzos, "mein Pferd ist auch ein Englnder.  Es
ist schade, dass ich hier keine Gelegenheit habe, es umzukehren und
Euch seinen Stumpfschweif zu zeigen.  Also lasst doch wenigstens
Euern Englnder, auf dem Ihr reitet, meinem Englnder, wo ich darauf
reite, aus dem Wege gehen.  Euerer scheint ohnehin der jngere zu
sein; meiner hat noch unter Ludwig dem Vierzehnten gedient in der
Schlacht bei Kferolse Anno 1702."

Allein der Englnder machte sich wenig aus diesem Einfall, sondern
sagte: "Ich kann warten.  Ich habe jetzt die schnste Gelegenheit,
die heutige Zeitung zu lesen, bis es Euch gefllt, Platz zu machen."
Also zog er kaltbltig, wie die Englnder sind, eine Zeitung aus der
Tasche, wickelte sie auseinander wie eine Handzwehle und las darin
eine Stunde lang auf dem Ross und auf der Brcke, und die Sonne sah
nicht aus, als wenn sie den Toren noch lange zusehen wollte, sondern
neigte sich stark gegen die Berge.  Nach einer Stunde aber, als er
fertig war und die Zeitung wieder zusammenlegen wollte, sah er den
Franzosen an und sagte: "Eh bien!" Aber der Franzos hatte den Kopf
auch nicht verloren, sondern erwiderte: "Englnder, seid so gut und
gebt mir jetzt Eure Zeitung auch ein wenig, dass ich ebenfalls darin
lesen kann, bis es Euch gefllt auszuweichen." Als aber der
Englnder diese Geduld seines Gegners sahe, sagte er: "Wisst Ihr
was, Franzos?  Kommt, ich will Euch Platz machen." Also machte der
Englnder dem Franzosen Platz.



Gutes Wort, bse Tat


In Hertingen, als das Dorf noch rottbergisch war, trifft ein Bauer
den Herrn Schulmeister im Felde an.  "Ist's noch Euer Ernst,
Schulmeister, was Ihr gestern den Kindern zergliedert habt: so dich
jemand schlgt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch
dar?" Der Herr Schulmeister sagt: "Ich kann nichts davon und nichts
dazu tun.  Es steht im Evangelium." Also gab ihm der Bauer eine
Ohrfeige und die andere auch, denn er hatte schon lang einen
Verdruss auf ihn.  Indem reitet in einer Entfernung der Edelmann
vorbei und sein Jger.  "Schau doch nach, Joseph, was die zwei dort
miteinander haben." Als der Joseph kommt, gibt der Schulmeister, der
ein starker Mann war, dem Bauer auch zwei Ohrfeigen und sagte: "Es
steht auch geschrieben: Mit welcherlei Mass ihr messet, wird euch
wieder gemessen werden.  Ein voll gerttelt und berflssig Mass wird
man in euern Schoss geben", und zu dem letzten Sprchlein gab er ihm
noch ein halbes Dutzend drein.  Da kam der Joseph zu seinem Herrn
zurck und sagte: "Es hat nichts zu bedeuten, gndiger Herr; sie
legen einander nur die heilige Schrift aus."

Merke: Man muss die heilige Schrift nicht auslegen, wenn man's nicht
versteht, am allerwenigsten so.  Denn der Edelmann liess den Bauern
noch selbige Nacht in den Turn sperren auf sechs Tage, und dem Herrn
Schulmeister, der mehr Verstand und Respekt vor der Bibel htte
haben sollen, gab er, als die Winterschule ein Ende hatte, den
Abschied.



Heimliche Enthauptung


Hat der Scharfrichter von Landau frh den 17. Juni seinerzeit die
sechste Bitte des Vater Unsers mit Andacht gebetet, so weiss ich's
nicht.  Hat er sie nicht gebetet, so kam ein Brieflein von Nanzig am
geschicktesten Tag.  In dem Brieflein stand geschrieben: "Nachrichter
von Landau!  Ihr sollt unverzglich nach Nanzig kommen und Euer
grosses Richtschwert mitbringen.  Was Ihr zu tun habt, wird man Euch
sagen und wohl bezahlen."--Eine Kutsche zur Reise stand auch schon
vor der Haustre.  Der Scharfrichter dachte: Das ist meines Amts, und
setzte sich in die Kutsche.  Als er noch eine Stunde herwrts Nanzig
war, es war schon Abend, und die Sonne ging in blutroten Wolken
unter, und der Kutscher hielt stille und sagte: "Wir bekommen morgen
wieder schn Wetter", da standen auf einmal drei starke, bewaffnete
Mnner an der Strasse, die setzten sich auch zu dem Scharfrichter
und versprachen ihm, dass ihm kein Leids widerfahren sollte; "aber
die Augen msst Ihr Euch zubinden lassen"; und als sie ihm die Augen
zugebunden hatten, sagten sie: "Schwager, fahr zu!" Der Schwager
(das ist der Kutscher) fuhr fort, und es war dem Scharfrichter, als
wenn er noch gute zwlf Stunden weiter wre gefhrt worden, und
konnte nicht wissen, wo er war.  Er hrte die Nachteulen der
Mitternacht; er hrte die Hhne rufen; er hrte die Betglocken
luten.  Auf einmal hielt die Kutsche wieder still.  Man fhrte ihn in
ein Haus und gab ihm eins zu trinken und einen guten Wurstwecken
dazu.  Als er sich mit Speise und Trank gestrkt hatte, fhrte man
ihn weiter im nmlichen Haus, Tr ein und aus, Treppe auf und ab,
und als man ihm die Binde abnahm, befand er sich in einem grossen
Saal.  Der Saal war zwar ringsum mit schwarzen Tchern behngt, und
auf den Tischen brannten Wachskerzen.  Der Knstler aber, der
nebenstehende Abbildung dazu verfertiget hat, sagt, es sei besser,
er lasse das Tageslicht hinein, der Scharfrichter sehe alsdann auch
besser zu seinem Geschft.  Denn in der Mitte sass auf einem Stuhl
eine Person mit entblsstem Hals und mit einer Larve vor dem Gesicht
und muss etwas in dem Mund gehabt haben, denn sie konnte nicht
reden, sondern nur schluchzen.  Aber an den Wnden standen mehrere
Herren in schwarzen Kleidern und mit schwarzem Flor vor den
Angesichtern, also dass der Scharfrichter keinen von ihnen gekannt
htte, wenn er ihm in der andern Stunde wieder begegnet wre, und
einer von ihnen berreichte ihm sein Schwert mit dem Befehl, dieser
Person, die auf dem Sthlein sass, den Kopf abzuhauen.  Da ward's dem
armen Scharfrichter, als wenn er auf einmal im eiskalten Wasser
stnde bis bers Herz, und sagte, das soll man ihm nicht bel
nehmen; sein Schwert, das dem Dienst der Gerechtigkeit gewidmet sei,
knne er mit einer Mordtat nicht entheiligen.  Allein einer von den
Herren hob ihm aus der Ferne eine Pistole entgegen und sagte
"Entweder, oder!  Wenn Ihr nicht tut, was man Euch heisst, so seht
Ihr den Kirchturm von Landau nimmermehr." Da dachte der
Scharfrichter an Frau und Kinder daheim, "und wenn's nicht anders
sein kann", sagte er, "und ich vergiesse unschuldiges Blut, so komme
es auf Euer Haupt", und schlug mit einem Hieb der armen Person den
Kopf vom Leibe weg.  Nach der Tat so gab ihm einer von den Herrn
einen Geldbeutel, worin zweihundert Dublonen waren.  Man band ihm die
Augen wieder zu und fhrte ihn in die nmliche Kutsche zurck.  Die
nmlichen Personen begleiteten ihn wieder, die ihn gebracht hatten.
Und als endlich die Kutsche stillehielt, und er bekam die Erlaubnis
auszusteigen und die Binde von den Augen abzulsen, stand er wieder,
wo die drei Mnner zu ihm eingesessenes waren, eine Stunde herwrts
Nanzig auf der Strasse nach Landau, und es war Nacht.  Die Kutsche
aber fuhr eiligs wieder zurck.

Das ist dem Scharfrichter von Landau begegnet, und es wre dem
Hausfreund leid, wenn er sagen knnte, wer die arme Seele war, die
auf einem so blutigen Wege in die Ewigkeit hat gehen mssen.  Nein,
es hat niemand erfahren, wer sie war, und was sie gesndiget hat,
und niemand weiss das Grab.



Herr Charles (Eine wahre Geschichte)


Ein Kaufmann in Petersburg, von Geburt ein Franzose, wiegte eben
sein wunderschnes Bblein auf dem Knie und machte ein Gesicht dazu,
dass er ein wohlhabender und glcklicher Mann sei und sein Glck fr
einen Segen Gottes halte.  Indem trat ein fremder Mann, ein Pole, mit
vier kranken, halberfrorenen Kindern in die Stube.  "Da bring' ich
Euch die Kinder." Der Kaufmann sah den Polen kurios an.  "Was soll
ich mit diesen Kindern tun?  Wem gehren sie?  Wer schickt Euch zu
mir?"--"Niemand gehren sie", sagte der Pole, "einer toten Frau im
Schnee, siebenzig Stunden herwrts Wilna.  Tun knnt Ihr mit ihnen,
was Ihr wollt." Der Kaufmann sagte: "Ihr werdet nicht am rechten
Orte sein", und der Hausfreund glaubt's auch nicht.  Allein der Pole
erwiderte, ohne sich irremachen zu lassen: "Wenn Ihr der Herr
Charles seid, so bin ich am rechten Ort", und der Hausfreund
glaubt's auch.  Er war der Herr Charles.  Nmlich es hatte eine
Franzsin, eine Witwe, schon lange im Wohlstande und ohne Tadel in
Moskau gelebt.  Als aber vor fnf Jahren die Franzosen in Moskau
waren, benahm sie sich landsmannschaftlicher gegen sie, als den
Einwohnern wohlgefiel.  Denn das Blut verleugnet sich nicht; und
nachdem sie in dem grossen Brand ebenfalls ihr Huslein und ihren
Wohlstand verloren und nur ihre fnf Kinder gerettet hatte, musste
sie, weil sie verdchtig sei, nicht nur aus der Stadt, sondern auch
aus dem Land reisen.  Sonst htte sie sich nach Petersburg gewendet,
wo sie einen reichen Vetter zu finden hoffte.  Der geneigte Leser
will bereits etwas merken.  Als sie aber in einer schrecklichen Klte
und Flucht und unter unsglichen Leiden schon bis nach Wilna
gekommen war, krank und aller Bedrfnisse und Bequemlichkeiten fr
eine so lange Reise entblsst, traf sie in Wilna einen edlen
russischen Frsten an und klagte ihm ihre Not.  Der edle Frst
schenkte ihr dreihundert Rubel, und als er erfuhr, dass sie in
Petersburg einen Vetter habe, stellte er ihr frei, ob sie ihre Reise
nach Frankreich fortsetzen oder ob sie mit einem Pass nach
Petersburg umkehren wolle.  Da schaute sie zweifelhaft ihr ltestes
Bblein an, weil es das verstndigste und das krnkste war.  "Wo
willst du hin, mein Sohn?"--"Wo du hingehst, Mutter", sagte der
Knabe, und hatte recht.  Denn er ging noch vor der Abreise ins Grab.
Also versah sie sich mit dem Notwendigen und akkordierte mit einem
Polen, dass er sie fr fnfhundert Rubel nach Petersburg brchte zum
Vetter; denn sie dachte, er wird das Fehlende schon drauflegen.  Aber
alle Tage krnker auf der langen, beschwerlichen Reise, starb sie am
sechsten oder siebenten.--"Wo du hingehst", hatte der Knabe gesagt;
und der arme Pole erbte von ihr die Kinder, und konnten miteinander
so viel reden, als ein Pole verstehen mag, wenn ein franzsisches
Kind russisch spricht, oder ein Franzslein, wenn man mit ihm reden
will auf polnisch.  Nicht jeder geneigte Leser htte an seiner Stelle
sein mgen.  Er war es selber nicht gern.  "Was anfangen jetzt?" sagte
er zu sich selbst.  "Umkehren--wo die Kinder lassen?  Weiter fahren--
wem bringen?" Tue, was du sollst, sagte endlich etwas in seinem
Inwendigen zu ihm.  Willst du die armen Kinder um das Letzte und
Einzige bringen, was sie von ihrer Mutter zu erben haben, um dein
Wort, das du ihr gegeben hast?  Also kniete er mit den unglcklichen
Waisen um den Leichnam herum und betete mit ihnen ein polnisches
Vaterunser.  "Und fhre uns nicht in Versuchung." Hernach liess jedes
ein Hndlein voll Schnee zum Abschied und eine Trne auf die kalte
Brust der Mutter fallen, nmlich, dass sie ihr gerne die letzte
Pflicht der Beerdigung antun wollten, wenn sie knnten, und dass sie
jetzt verlassene, unglckliche Kinder seien.  Hernach fuhr er getrost
mit ihnen weiter auf der Strasse nach Petersburg, denn es wollte ihm
nicht eingehen, dass, der ihm die Kindlein anvertraut hatte, knne
ihn stecken lassen, und als die grosse Stadt vor seinen Augen sich
ausdehnte, wie ein Hauderer tut, der auch erst vor dem Tor fragt, wo
er stillhalten soll, erkundigt er sich endlich bei den Kindern, so
gut er sich verstndlich machen konnte, wo denn der Vetter wohne,
und erfuhr von ihnen, so gut er sie verstehen konnte: "Wir wissen's
nicht."--Wie er denn heisse?  "Wir wissen's auch nicht."--Wie denn
ihr eigener Geschlechtsname sei?  "Charles." Der geneigte Leser will
schon wieder etwas merken, und wenn's der Hausfreund fr sich zu tun
htte, so wre der Herr Charles der Vetter.  Die Kinder wren
versorgt, und die Erzhlung htte ein Ende.  Allein die Wahrheit ist
oft sinniger als die Erdichtung.  Nein, der Herr Charles ist der
Vetter nicht, sondern dieses Namens ein anderer, und bis auf diese
Stunde weiss noch niemand, wie der wahre Vetter eigentlich heisst,
nicht, ob und wo in Petersburg er wohnt.  Also fuhr der arme Mann in
grosser Verlegenheit zwei Tage lang in der Stadt herum und hatte
Franzslein feil.  Aber niemand wollte ihn fragen: "Wie teuer das
Prlein?" und der Herr Charles begehrte sie nicht einmal geschenkt,
und war noch nicht willens, eines zu behalten.  Als aber ein Wort das
andere gab und ihm der Pole schlicht und menschlich ihr Schicksal
und seine Not erzhlte,--eins, dachte er, will ich ihm abnehmen,--
und es fllte sich immer wrmer in seinem Busen,--ich will ihm zwei
abnehmen, dachte er; und als sich endlich die Kinder um ihn
anschmiegten, meinend, er sei der Herr Vetter, und anfingen, auf
franzsisch zu weinen, denn der geneigte Leser wird auch schon
bemerkt haben, dass die franzsischen Kinder anders weinen, und als
der Herr Charles die Landesart erkannte, da rhrte Gott sein Herz
an, dass ihm ward wie einem Vater, wenn er die eigenen Kinder weinen
und klagen sieht, und "in Gottes Namen", sagte er, "wenn's so ist,
so will ich mich nicht entziehen", und nahm die Kinder an.  "Setzt
Euch ein wenig nieder", sagte er zu dem Polen, "ich will Euch ein
Spplein kochen lassen."

Der Pole, mit gutem Appetit und leichtem Herzen, ass die Suppe und
legte den Lffel weg,--er legte den Lffel weg und blieb sitzen,--
er stand auf und blieb stehen.  "Seid so gut", sagte er endlich, "und
fertigt mich jetzt ab, der Weg nach Wilna ist weit.  Auf fnfhundert
Rubel hat die Frau mit mir akkordiert"; da fuhr es doch dem milden
Menschen, dem Herrn Charles, ber das Gesicht, wie der Schatten
einer fliegenden Frhlingswolke ber die sonnenreiche Flur.  "Guter
Freund", sagte er, "Ihr kommt mir ein wenig kurios vor.  Ist's nicht
genug, dass ich Euch die Kinder abgenommen habe, soll ich Euch auch
noch den Fuhrlohn bezahlen?" Denn das kann dem redlichsten und
besten Gemt begegnen, wenn's ein Kaufmann ist, jedem andern aber
auch, dass es wider Wissen und Willen zuerst ein wenig handeln und
markten muss, sei es auch nur mit sich selbst.  Der Pole erwiderte:
"Guter Herr, ich will Euch nicht ins Gesicht sagen, wie Ihr mir
vorkommt.  Ist's nicht genug, dass ich Euch die Kinder bringe?  Sollt'
ich sie auch noch umsonst gefhrt haben?  Die Zeiten sind bs, und
der Verdienst ist gering."--"Eben deswegen", sagte Herr Charles,
"darber lasst mich klagen.  Oder meint Ihr, ich sei so reich, dass
ich fremde Kinder aufkaufe, oder so gottlos, dass ich mit ihnen
handle?  Wollt Ihr sie wieder?" Als aber noch einmal ein Wort das
andere gab und der Pole jetzt erst mit Staunen erfuhr, dass der Herr
Charles gar nicht der Vetter sei, sondern nur aus Mitleiden die
armen Waisen angenommen habe, "wenn's so ist", sagte er, "ich bin
kein reicher Mann, und Eure Landsleute, die Franzosen, haben mich
auch nicht dazu gemacht, aber wenn's so ist, so kann ich Euch nichts
zumuten.  Tut den armen Wrmlein Gutes dafr", sagte der edle Mensch,
und es trat ihm eine Trne ins Auge, die wie aus einem berwltigten
Herzen kam, wenigstens berwltigte sie dem Herrn Charles das
seinige.  Monsieur Charles, dachte er, und ein armer polnischer
Fuhrmann!--und als der Pole schon anfing, eines der Kinder nach dem
andern zum Abschied zu kssen und sie auf polnisch zur Folgsamkeit
und Frmmigkeit ermahnte, "guter Freund", sagte der Herr Charles,
"bleibt noch ein wenig da.  Ich bin doch so arm nicht, dass ich Euch
nicht Euern wohlverdienten Fuhrlohn bezahlen knnte, so ich doch die
Fracht Euch abgenommen habe", und gab ihm die fnfhundert Rubel.

Also sind jetzt die Kindlein versorgt, der Fuhrlohn ist bezahlt, und
so ein oder der andere geneigte Leser vor den Toren der grossen
Stadt htte zweifeln mgen, ob der Vetter auch zu finden seie, und
ob er's, tun werde, so hat doch die heilige Vorsehung ihn nicht
einmal dazu vonnten gehabt.



Hilfe in der Not


Als im verwichenen Sptjahr der Zirkelschmied mit seiner Frau
ungegessen ins Bett gehen wollte--schon seit drei Tagen war kein
Feuer mehr in die Kche gekommen, und das letzte Muslein hatte sich
ausquartiert--, da schickte ihm, wie gerufen, der Barbier von
Brassenheim einen fetten Schinken, so gross als manches Sulein, was
noch ganz ist, und drei Wrste dazu, so lang wie Glockenseiler, und
der Zirkelschmied wusste nicht warum; der geneigte Leser weiss es
auch nicht.  Aber er erfahrt's.

Schon vor Jahr und Tagen war in Brassenheim ein fremder Mann in das
Wirtshaus zu den drei Rosen gekommen, und der Zirkelschmied sass
damals auch schon drin, etwa beim dritten Schpplein oder beim
vierten.  Als der Fremde eine Zeitlang da war und dem Zirkelschmied
weniger pfiffig als ehrlich aussah, dachte der Zirkelschmied: Ich
will ein Gesprch mit ihm anfangen.  Vielleicht lsst er sich ber
den Lffel halbieren.  "Ihr seid wohl auch zum ersten Mal hier,
seitdem der Rosenwirt dies schne Haus gebaut hat, weil Ihr so lange
an einem Nagel gesucht habt fr Euern Kaputrock?" Der Fremde sagte:
"Ich bin auch ein Wirt, aber ich tauschte mein Haus noch nicht gegen
dieses, wenn eins nicht wre."--"Habt Ihr noch namhafte Schulden
darauf?"--"Das nicht."--"Oder riecht der Abtritt?"--"Das auch
nicht."--"Oder habt Ihr ein bses Weib im Haus?"--"Das auch nicht,
aber sonst nichts Gutes." Endlich erfuhr der Zirkelschmied nach
einigem Hin- und Herreden von dem Fremden, wie er das Unglck habe
in seinem Haus mit einem grausamen Gespenst, das alle Nacht auf
seinem Speicher erwache und Ziegel fresse, wie man an den Brosamen
sehe und an den Lcken im Dach.  Der wohlbelehrte Leser des
Rheinlndischen Hausfreundes ist darber im klaren, ehe man ihm
sagt, dass dieses Gespenst nur ein boshafter Mensch, ein Feind des
Hausbesitzers knne gewesen sein.  Nmlich es war sein eigener
Schwager, der ihm das Haus verleiden und feilmachen wollte.  Der
Zirkelschmied sagte: "Wenn Ihr mit Wissen noch kein Menschenfleisch
gegessen und noch keinem Ross das Einmaleins abgehrt habt, so ist
Rat, wenn's Euch auf zwei Grosse Taler nicht ankommt, einen
sogleich, den andern, wenn Euch geholfen ist." Der Fremde griff
sogleich in die Tasche.  "Jetzt geht zum Herr Barbier", sagte der
Zirkelschmied halb leise, obgleich sonst niemand in der Stube war,
"und klagt ihm Eure Not.  Anfnglich wird er Euch kein Gehr geben,
denn es ist ihm bei Strafe verboten.  Wenn Ihr aber nicht nachlasst,
so bekommt Ihr das Mittel" (oder den Buckel voll Schlge, dachte fr
sich der Zirkelschmied).  Als aber der Fremde zu dem Barbier gekommen
war, der ein gar vernnftiger Mann ist, fuhr der Barbier ihn an:
"Wer hat Euch zu mir geschickt?"--"Einer in einem abgeschabten
Rcklein und in einer schwarzen Halsbinde, hinten mit einer breiten
messingenen Schnalle, drei Finger hoch ber dem Rockkragen, hinten
auf dem Kopf hat er noch vierundzwanzig bis dreissig Hrlein und
doch ein Kamm drin." Da hob der Barbier drohend und zrnend den
Zeigefinger auf und sagte: "Wart, vermaledeiter Zirkelschmied, hab'
ich dich einmal ausgekundschaftet?" Der Fremde aber fiel ihm ins
Wort: "Stellt Euch nicht so kurios, Herr Doktor, ich weiss alles,
und helft mir von meinem Ziegelfresser, von meinem Gespenst." Der
Barbier bekam gute Laune, weil er den Zirkelschmied
ausgekundschaftet hatte.  "Ich will Euch ein stinkendes Rauchpulver
geben", sagte er, "mit dem geht dem Geist auf den Leib und schlagt
ihn, Ihr seid ein handfester Mann, mit einem braven Weidenstumpen
lederweich, bis er vor Euch zur Erde fllt, nur nicht zu Tod, denn
die Geister halten nichts darauf, wenn man sie zu Tod schlgt.
Hernach geht Ihr Eures Weges, damit der Geist auch unbeschrien nach
Hause kann."
Solchen Rat gab dem fremden Mann der Barbier und dachte nicht daran,
was die Sache fr ein schlimmes Ende nehmen knnte.  Aber sie nimmt
ein gutes Ende.  Der Hausfreund weiss es schon.

Denn, wie gesagt, im verwichenen Sptjahr am Katharinentag, als der
Barbier nach Oberwaldsheim gehen wollte, sechs Stunden von
Brassenheim, wohin sonst sein Weg nicht war, kehrt er unterwegens
ein in einem Wirtshaus, wie es einem einfallen kann, wenn man einen
Schild sieht.  Als er aber in der Stube war und den Wirt erblickte,
erschrak er gar sehr und dachte: "O weh, wie werd' ich wieder da
herauskommen", und machte in der Geschwindigkeit ein krummes Maul,
dass ihn niemand kennen sollte, denn der Wirt war der nmliche, dem
er das Rauchpulver gegeben hatte, und er wusste nicht, wie der
Handel ausgegangen war.  Der Wirt aber, whrend er ihm ein Schpplein
holte, sann hin und her.  "Den Mann sollt' ich kennen.  Wenn er nicht
das Maul so verdammt krumm im Gesicht htte, so wr's der Barbier
von Brassenheim, der brave Mann, der mich vom Gespenst erlst hat.
Ich will nur sehen, wie er den Wein hineinbringt"; und als er
hernach die ersten Ehrenfragen an ihn getan hatte: "Woher des Landes
und wohin?" sagte er: "Herr Landsmann, nehmt mir meine Neugierde
nicht zum Vorwitz auf!  Wenn Euer Mund besser im Blei lge, so wollt'
ich glauben, Ihr seid der Gregorius (Chirurgus wollte er sagen) von
Brassenheim." Dem Barbier ging der Angstschweiss aus.  "Wenn Euch
mein krummes Maul irre macht", sagte er, "so muss der Barbier von
Brassenheim ein gerades haben, und folglich kann ich nicht der
nmliche sein.  Zudem, so bin ich der Papiermller von Neuhausen."
Jetzt erzhlte ihm der Wirt die ganze Geschichte, und unmerklich,
wie sie immer besser lautete, zog sich sein Mund immer gerade in die
Linie, "und Ihr seid es doch", rief endlich der Wirt.--"Freilich
bin ich's", erwiderte der Barbier, "ich habe Euch nur ein wenig
vexieren wollen, ob Ihr mich noch kennt.  Aber nicht wahr", sagte er,
"das Mittel hat geholfen?"--"Gleich aufs erste Mal", erwiderte der
Wirt und rief voll Freude und Dankbarkeit die Frau und die Kinder
herein und bestellte ein gutes Mittagsessen fr seinen ehrenwerten
Gast, sinnend, ob er ihm nicht sonst noch eine Ehre antun knne.  Als
daher der Barbier sich entschuldigte, dass er noch nach Waldsheim
auf den Katharinenmarkt gehen und ein Sulein kaufen wolle, da ging
eine freundliche Heiterkeit ber das Angesicht des Wirtes, und sagte
er zu ihm: "Ei, steht Euch keine von meinen an?" Jetzt liess er ihm
sechs gemstete Schweine, eines grsser als das andere, in den Hof
herausspringen.  "Da sucht Euch eine heraus, Herr Doktor." Der
Barbier kam in Verlegenheit, so ein Schwein knne er nicht bezahlen,
auch nicht gewltigen in seiner kleinen Haushaltung.  Aber der Wirt
fasste kurzweg eine am Bein.  "Die ist Euer." Also blieben sie
beisammen ber den Mittag, und als sie genug gegessen und getrunken
hatten, befahl der Wirt dem Knecht, das Wgelein anzuspannen und den
Herrn Doktor und die Sau nach Brassenheim zu fhren.--Deswegen
schickte der Barbier dem Zirkelschmied tags darauf den Schinken und
die Wrste, weil sein Mutwillen ihm dazu verholfen hatte.  "Sieh,
Brbel", sagte hernachmals der Zirkelschmied zu seiner Frau, " du
hast mich schon oft verkannt.  Mit einem Mann, wie ich bin, ist eine
Frau versorgt."



Hochzeit auf der Schildwache


Ein Regiment, das sechs Wochen lang in einem Dorfbezirk in
Kantonierung gelegen war, bekam unversehens in der Nacht um 2 Uhr
Befehl zum pltzlichen Aufbruch.  Also war um 3 Uhr schon alles auf
dem Marsch, bis auf eine einsame Schildwache draussen im Feld, die
in der Eile vergessen wurde und stehen blieb.  Dem Soldaten auf der
einsamen Schildwache wurde jedoch zuerst die Zeit nicht lang, denn
er schaute die Sterne an und dachte: "Glitzert ihr, solange ihr
wollt, ihr seid doch nicht so schn als zwei Augen, welche jetzt
schlafen in der untern Mhle." Gegen fnf Uhr jedoch dachte er: " Es
knnte jetzt bald drei sein." Allein niemand wollte kommen, um ihn
abzulsen.  Die Wachtel schlug, der Dorfhahn krhte, die letzten
Sterne, die selbigen Morgen noch kommen wollten, waren aufgegangen,
der Tag erwachte, die Arbeit ging ins Feld, aber noch stand unser
Musketier unabgelst auf seinem Posten.  Endlich sagte ihm ein
Bauersmann, der auf seinem Acker wandelte, das ganze Bataillon sei
ausmarschiert schon um drei Uhr, kein Kamaschenknopf sei mehr im
Dorf, noch weniger der Mann dazu.  Also ging der Musketier unabgelst
selber ins Dorf zurck.  Des Hausfreunds Meinung wre, er htte jetzt
den Doppelschritt anschlagen und dem Regiment nachziehen sollen.
Allein der Musketier dachte: "Brauchen sie mich nimmer, so brauch
ich sie auch nimmer." Zudem dachte er: Es ist nicht zu trauen.  Wenn
ich ungerufen komme und mich selber abgelst habe, so kann's
spanische Nudeln absetzen; er meinte Rhrlein.  Zudem dachte er: Der
untere Mller hat ein hbsches Mgdlein, und das Mgdlein hat einen
hbschen Mund, und der Mund hat holde Ksse, und ob sonst schon
etwas mochte geschehen sein, geht den Hausfreund nichts an.  Also zog
er das blaue Rcklein aus und verdingte sich in dem Dorf als
Bauernknecht, und wenn ihn jemand fragte, so antwortete er wie jener
Hninger Deserteur, es sei ihm ein Unglck begegnet, sein Regiment
sei ihm abhanden gekommen.  Brav war der Bursche, hbsch war er auch,
und die Arbeit ging ihm aus den Hnden flink und recht.  Zwar war er
arm, aber desto besser schickte sich fr ihn des Mllers
Tchterlein, denn der Mller hatte Batzen.  Kurz die Heirat kam
zustande.  Also lebte das junge Paar in Liebe und Frieden glcklich
beisammen und bauten ihr Nestlein.  Nach Verlauf von einem Jahr aber,
als er eines Tages von dem Felde heimkam, schaute ihn seine Frau
bedenklich an: "Fridolin, es ist jemand dagewesen, der dich nicht
freuen wird."--"Wer?"--"Der Quartiermacher von deinem Regiment; in
einer Stunde sind sie wieder da." Der alte Vater lamentierte, die
Tochter lamentierte und sah mit nassen Augen ihren Sugling an.  Denn
berall gibt es Verrter.  Der Fridolin aber nach kurzem Schrecken
sagte: "Lasst mich gewhren.  Ich kenne den Obrist." Also zog er das
blaue Rcklein wieder an, das er zum ewigen Andenken hatte
aufbewahren wollen, und sagte seinem Schwiegervater, was er tun
soll.  Hernach nahm er das Gewehr auf die Achsel und ging wieder auf
seinen Posten.  Als aber das Bataillon eingerckt war, trat der alte
Mller vor den Obristen.  "Habt doch ein Einsehen, Herr General, mit
dem armen Menschen, der vor einem Jahr auf den Posten gestellt
worden ist draussen an der Waldspitze.  Ist es auch permittiert, eine
Schildwache ein geschlagenes Jahr lang stehen zu lassen auf dem
nmlichen Fleck und nicht abzulsen." Da schaut der Obrist den
Hauptmann an, der Hauptmann schaute den Unteroffizier an, der
Unteroffizier den Gefreiten, und die halbe Kompanie, alte gute
Bekannte des Vermissten, liefen hinaus, die einjhrige Schildwache
zu sehen, und wie der arme Mensch msse zusammengeschmoret sein,
gleich einem Borstdorfer pfelein, das schon vier Jahre am Baum
hngt.  Endlich kam auch der Gefreite, der nmliche, der ihn vor
zwlf Monaten auf den Posten gefhrt hatte, und lste ihn ab:
"Prsentiert das Gewehr, das Gewehr auf die Schulter, Marsch", nach
soldatischem Herkommen und Gesetz.  Hernach musste er vor dem
Obristen erscheinen, und seine junge, hbsche Frau mit ihrem
Sugling auf den Armen begleitete ihn und mussten ihm alles
erzhlen.  Der Obriste aber, der ein gtiger Herr war, schenkte ihm
einen Federntaler und half ihm hernach zu seinem Abschied.



Ist der Mensch ein wunderliches Geschpf


Einem Knig von Frankreich wurde durch seinen Kammerdiener der Namen
eines Mannes genannt, der das 75.  Jahr zurckgelegt habe und noch
nie aus Paris herausgekommen sei.  Er wisse noch auf diese Stunde
nicht anderst als vom Hrensagen, was eine Landstrasse sei oder ein
Ackerfeld oder der Frhling.  Man knnte ihm weismachen, die Welt sei
schon vor zwanzig Jahren untergegangen.  Er msse es glauben.  Der
Knig fragte, ob denn der Mann krnklich oder gebrechlich sei.
"Nein", sagte der Kammerdiener, "er ist so gesund wie der Fisch im
Wasser." Oder ob er trbsinnig sei.  "Nein, es ist ihm so wohl wie
dem Vogel im Hanfsamen." Oder ob er durch seiner Hnde Arbeit eine
zahlreiche Familie zu ernhren habe.  "Nein, er ist ein wohlhabender
Mann.  Er mag eben nicht.  Es nimmt ihn nicht wunder." Des verwunderte
sich der Knig und wnschte diesen Menschen zu sehen.  Der Wunsch
eines Knigs von Frankreich ist bald erfllt, zwar auch nicht jeder,
aber dieser, und der Knig redete mit dem Menschen von allerlei, ob
er schon lange gesund und wohlauf sei.  "Ja, Sire", erwiderte er,
"allbereits 75 Jahre." Ob er in Paris geboren sei.  "Ja, Sire!  Es
msste kurios zugegangen sein, wie ich anderst hineingekommen wre,
denn ich bin noch nie draussen gewesen."--"Das soll mich doch
wunder nehmen", erwiderte der Knig.  "Denn eben deswegen hab' ich
Euch rufen lassen.  Ich hre, dass Ihr allerlei verdchtige Gnge
macht, bald zu diesem Tor hinaus, bald zu jenem.  Wisst Ihr, dass man
schon lange auf Euch Achtung gibt?" Der Mann war ber diesen Vorwurf
ganz erstaunt und wollte sich entschuldigen.  Das msse ein anderer
sein, der seinen Namen fhre, oder so.  Aber der Knig fiel ihm in
die Rede: "Kein Wort mehr!  Ich hoffe, Ihr werdet in Zukunft nicht
mehr aus der Stadt gehen ohne meine ausdrckliche Erlaubnis."--Ein
rechter Pariser, wenn ihm der Knig etwas befiehlt, denkt nicht
lange, ob es notwendig sei und ob es nicht auch anderst ebensogut
sein knnte, sondern er tut's.  Der Unsrige war ein rechter,
obgleich, als auf seinem Heimweg die Postkutsche vor ihm vorbeifuhr,
dachte er: "O ihr Glcklichen da drinnen, dass ihr aus Paris
hinausdrft!" Als er nach Hause kam, las er die Zeitung wie alle
Tage.  Aber diesmal fand er nicht viel drin.  Er schaute zum Fenster
hinaus, das war auf einmal so langweilig.  Er las in einem Buch, das
war auf einmal so einfltig.  Er ging spazieren, er ging in die
Komdie, in das Wirtshaus, das war so alltglich.  So das erste
Vierteljahr lang, so das zweite, und mehr als einmal im Gasthaus
sagte er zu seinen Nachbarn: "Freunde, es ist ein hartes Wort,
fnfundsiebenzig Jahre kontinuierlich in Paris gelebt zu haben und
jetzt erst nicht hinauszudrfen." Endlich im dritten Vierteljahr
konnte er's nimmer aushalten, sondern meldete sich einen Tag um den
andern wegen der Erlaubnis: das Wetter sei so hbsch, oder es sei
heut' ein schner Regentag.  Er wolle sich gern auf seine Kosten von
einem vertrauten Mann begleiten lassen, wenn's sein msse, auch von
zweien.  Aber vergebens.  Nach Verlauf aber eines schmerzlich
durchlebten Jahrs, gerade am nmlichen Tage, als er abends nach
Hause kam, fragt er mit bsem Gesicht die Frau: "Was ist das fr ein
neues Kaleschlein im Hof?  Wer will mich zum besten haben?"

"Herzensschatz", antwortete die Frau, "ich habe dich berall suchen
lassen.  Der Knig schenkt dir das Kaleschlein und die Erlaubnis,
darin spazieren zu fahren, wohin du willst." "Ma foi!" erwiderte der
Mann mit besnftigter Miene, "der Knig ist gerecht."--"Aber nicht
wahr", fuhr die Gattin fort, "morgen fahren wir spazieren aufs
Land?"--"Ei nun", erwiderte der Mann kalt und ruhig, "wir wollen
sehn.  Wenn's auch morgen nicht ist, so kann's ein ander Mal sein,
und am Ende, was tun wir draussen?  Paris ist doch am schnsten
inwendig."



Jakob Humbel


Jakob Humbel, eines armen Bauern Sohn von Boneschwyl im
Schweizer-Kanton Aargau, kann jedem seinesgleichen zu einem
lehrreichen und aufmunternden Beispiel dienen, wie ein junger
Mensch, dem es ernst ist, etwas Ntzliches zu lernen und etwas
Rechtes zu werden, trotz allen Hindernissen am Ende seinen Zweck
durch eigenen Fleiss und Gottes Hilfe erreichen kann.

Jakob Humbel wnschte von frher Jugend an ein Tierarzt zu werden,
um in diesem Beruf seinen Mitbrgern viel Nutzen leisten zu knnen.
Das war sein Dichten und Trachten Tag und Nacht.

Sein Vater gab ihn daher in seinem 16. Jahr einem sogenannten
Viehdoktor von Mummental in die Lehre, der aber kein geschickter
Mann war.

Bei diesem lernte er zwei Jahre, bekam alsdann einen braven
Lehrbrief und wusste alles, was sein Meister wusste, nmlich
Trnklein und Salben kochen, auch Pflaster kneten fr den bsen
Wind, sonst nichts--und das war nicht viel.

Ich weiss einen, der wre damit zufrieden gewesen, htte nun auf
seinen Lehrbrief und seines Meisters Wort Salben gekocht, Pflaster
gestrichen drauf und dran fr den bsen Wind, das Geld dafr
genommen und selber gemeint, er sei's.

Jakob Humbel nicht also.  Er ging zu einem andern Viehdoktor in
Oberoltern im Emmental noch einmal in die Lehre, hielt abermal ein
Jahr bei ihm aus, bekam abermal einen braven Lehrbrief und wusste
abermal--nichts, weil auch dieser Meister die wichtige Kunst selber
nicht verstand, keine Kenntnis hatte von der innern Beschaffenheit
eines Tieres im gesunden und kranken Zustand und von der Natur der
Arzneimittel.

Ich weiss einen, der htt's jetzt bleiben lassen, wr' eben wieder
heimgekommen, wie er fortgegangen, und htt' sich mit andern
getrstet, aus denen auch nichts hat werden wollen.

Fast sah es mit unserm armen Jakob Humbel ebenso aus.  Mit bsen
Wind-Salben war wenig Geld, noch weniger Kredit und Ehre zu
verdienen.  Was er verdiente, zog der Vater.  Humbel wurde gemeiner
Tagelhner, ging in armseliger Kleidung umher, ohne Geld und ohne
Rat, und dennoch hatte er noch immer den Tierarzt--nicht im Kopf,
denn das wre schon recht gewesen, sondern im sehnsuchtsvollen
Verlangen.  Jetzt verdingte er sich als Hausbedienter bei Herrn
Ringier im Klsterli zu Zofingen.  Bei diesem Herrn war er drei
Jahre, bekam einen guten Lohn und wurde gtig behandelt wie ein
Kind.

Ich weiss einen, der htte die Gte eines solchen Herrn missbraucht,
wre meisterlos worden, den Lohn htten bekommen der Wirt und der
Spielmann.

Aber Jakob Humbel wusste mit seinem Verdienst etwas Besseres
anzufangen.  Oft, wann er bei dem Essen aufwartete, hrte er die
Herren am Tisch franzsisch reden.  Da kam er auf den Gedanken, diese
Sprache auch zu lernen.  Vermutlich hoffte er dadurch auf irgend eine
Art leichter zu seinem Zweck zu kommen, noch ein geschickter und
braver Tierarzt zu werden.  Er ging mit seinem zusammengesparten
Verdienst nach Nyon in die Schulanstalt des Herrn Snell und lernte
so viel, als in neun Monaten zu lernen war.  Jetzt war sein Vorrat
verzehrt, und ehe er seine Studien fortsetzen konnte, musste er
darauf denken, wie er wieder Geld verdiente.

Gott wird mich nicht verlassen, dachte er.  Er ging zu Herrn Landvogt
Bucher in Wildenstein als Kammerdiener in Diensten, erwarb sich bei
diesem und nachher bei einem andern Herrn wieder etwas Geld und
befand sich im Jahr 1798, als die Franzosen in die Schweiz kamen, in
seinem Geburtsort zu Boneschwyl und trieb mit seinem erworbenen Geld
einen kleinen Kornhandel nach Zrich, der recht gut vonstatten ging
und seine Barschaft nach Wunsch vermehrte.  Jetzt war er im Begriff,
ins Ausland zu gehen und von dem ehrlich erworbenen Geld endlich
seine Kunst rechtschaffen zu studieren.  Da wurde ein Korps von
18000 Mann helvetischer Hilfstruppen errichtet.  Die Gemeinde
Boneschwyl musste acht Mann stellen.  Die jungen Bursche mssen
spielen: den guten Jakob Humbel trifft das Los, Soldat zu werden.
Ich weiss einen, der htte gedacht: die Welt ist gross, und der Weg
ist offen; wr' mit seiner kleinen Barschaft zum Teufel gangen und
htte seine Mitbrger dafr sorgen lassen, wo sie statt seiner den
achten Mann nehmen wollten.

Aber Jakob Humbel liebt sein Vaterland und ist ein ehrliches Blut.

Er stellte einen Mann, den er zwei Jahre lang auf seine Kosten
unterhalten musste.  Das Beste von seinem erworbenen Vermgen, wovon
er noch etwas lernen wollte, ging zu seinen unsglichen Schmerzen
drauf, und er dachte: jetzt habe ich hohe Zeit, sonst ist's Math am
letzten.  Mit diesem Gedanken nahm er den Rest seiner Habschaft in
die Tasche, einen Stecken in die Hand und lief eines Gangs, ohne
sich umzusehen, nach Karlsruhe, und als er auf der Mhlburger
Strasse zwischen den langen Reihen der Pappelbume die Stadt
erblickte, da dachte er: Gottlob!  und Gott wird mir helfen.

Guter Jakob Humbel, Gott hilft jedem, der sich wie du von Gott will
helfen lassen, und du hast es erfahren.

In Karlsruhe ist nmlich eine ffentliche Anstalt zum Unterricht in
der Tierarzneikunst.  Die Lehrstunden werden unentgeltlich erteilt.
Die sehr geschickten Lehrer geben sich Mhe, ihre Lehrjnger
grndlich zu unterrichten.  Schon mancher brave Tierarzt hat in
dieser ntzlichen Schule sich zu seinem Beruf vorbereitet und
gebildet.

Hier war nun Humbel in seinem rechten Element, an der reichen
Quelle, wo er seinen lang gehaltenen Durst nach Wissenschaft
befriedigen konnte, lernte ein krankes Tier mit andern Augen
anschauen als in Mummental und Emmental, konnte andere Sachen lernen
als Wind machen und bsen Wind vertreiben und war nicht viel im
Bierhaus zur Stadt Berlin oder im Wirtshaus zur Stadt Strassburg
oder in Klein-Karlsruhe im Wilhelm Tell zu sehen, ob er gleich sein
Landsmann war, auch nicht einmal recht am Sonntag auf dem
Paradeplatz oder zur Mhlburg im Rappen, sondern vom frhen Morgen
bis in die spte Nacht beschftigte er sich zwanzig Monate lang
unerfllte und unverdrossen mit seiner Kunst, und wenn er wieder
etwas Neues, Schnes und Ntzliches gelernt hatte, so machte ihn das
am Abend vergngter als der Zapfenstreich mit der schnsten
trkischen Musik; zumal wenn ihm bei derselben sein Kostgnger
einfiel bei den helvetischen Hilfstruppen.

Endlich kehrte er als ein ausgelernter Tierarzt mit den schnsten
Zeugnissen seiner Lehrer aus Karlsruhe freudig in sein Vaterland
zurck, wurde von dem Sanittsrat in dem Kanton Aargau geprft,
legte zu jedermann Erstaunen und Freude die weitlufigsten und
grndlichsten Kenntnisse an den Tag, erhielt mit wohlverdienten
Lobsprchen und Ehren das Patent auf seine Kunst--und ist nun nach
allen ausgestandenen Schwierigkeiten und Mhseligkeiten am schnen
Ziel seiner lebenslnglichen Wnsche, einer der geschicktesten und
angesehensten Tierrzte in dem ganzen Schweizerlande.

Jetzt weiss ich vier, die denken: wenn solcher Mut und Ernst dazu
gehrt, etwas Braves zu lernen, so ist's kein Wunder, dass aus mir
nichts hat werden wollen.

Weisst du was?  Nimm Gott zu Hilfe, und probiere es noch!



Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne


Der grosse Kaiser Napoleon brachte seine Jugend als Zgling in der
Kriegsschule zu Brienne zu, und wie?  Das lehrten in der Folge seine
Kriege, die er fhrte, und seine Taten.  Da er gerne Obst ass, wie
die Jugend pflegt, so bekam eine Obsthndlerin daselbst manchen
schnen Batzen von ihm zu lsen.  Hatte er je einmal kein Geld, so
borgte sie.  Bekam er Geld, so bezahlte er.  Aber als er die Schule
verliess, um nun als kenntnisreicher Soldat auszuben, was er dort
gelernt hatte, war er ihr doch einige Taler schuldig.  Und als sie
das letzte Mal ihm einen Teller voll saftiger Pfirsiche oder ssser
Trauben brachte, "Fraulein", sagte er, "jetzt muss ich fort und kann
Euch nicht bezahlen.  Aber Ihr sollt nicht vergessen sein." Aber die
Obstfrau sagte: "O reisen Sie wegen dessen ruhig ab, edler junger
Herr.  Gott erhalte Sie gesund und mache aus Ihnen einen glcklichen
Mann!"--Allein auf einer solchen Laufbahn, wie diejenige war,
welche der junge Krieger jetzt betrat, kann doch auch der beste Kopf
so etwas vergessen, bis zuletzt das erkenntliche Gemt ihn wieder
daran erinnert.  Napoleon wird in kurzer Zeit General und erobert
Italien.  Napoleon geht nach gypten, wo einst die Kinder Israel das
Zieglerhandwerk trieben, und liefert ein Treffen bei Nazareth, wo
vor 1800 Jahren die hochgelobte Jungfrau wohnte.  Napoleon kehrt
mitten durch ein Meer voll feindlicher Schiffe nach Frankreich und
Paris zurck und wird Erster Konsul.  Napoleon stellt in seinem
unglcklich gewordenen Vaterlande die Ruhe und Ordnung wieder her
und wird franzsischer Kaiser, und noch hatte die gute Obstfrau in
Brienne nichts als sein Wort: "Ihr sollt nicht vergessen sein!" Aber
ein Wort, noch immer so gut als bares Geld und besser.  Denn als der
Kaiser in Brienne einmal erwartet wurde, er war aber in der Stille
schon dort und mag wohl sehr gerhrt gewesen sein, wenn er da an die
vorige Zeit gedachte und an die jetzige, und wie ihn Gott in so
kurzer Zeit und durch so viele Gefahren unversehrt bis auf den neuen
Kaiserthron gefhrt hatte, da blieb er auf der Gasse pltzlich
stille stehen, legte den Finger an die Stirne wie einer, der sich
auf etwas besinnt, nannte bald darauf den Namen der Obstfrau,
erkundigte sich nach ihrer Wohnung, so ziemlich baufllig war, und
trat mit einem einzigen treuen Begleiter zu ihr hinein.  Eine enge
Tre fhrte ihn in ein kleines, aber reinliches Zimmer, wo die Frau
mit zwei Kindern am Kamin kniete und ein sparsames Abendessen
bereitete.

"Kann ich hier etwas zur Erfrischung haben?" so fragte der Kaiser.--
"Ei ja!" erwiderte die Frau, "die Melonen sind reif", und holte
eine.  Whrend die zwei fremden Herren die Melone verzehrten und die
Frau noch ein paar Reiser an das Feuer legte, "kennt Ihr denn den
Kaiser auch, der heute hier sein soll?" fragte der eine.  "Er ist
noch nicht da", antwortete die Frau, "er kommt erst.  Warum soll ich
ihn nicht kennen?  Manchen Teller und manches Krbchen voll Obst hat
er mir abgekauft, als er noch hier in der Schule war."--"Hat er
denn auch alles ordentlich bezahlt?"--"Ja freilich, er hat alles
ordentlich bezahlt." Da sagte zu ihr der fremde Herr: "Frau, Ihr
geht nicht mit der Wahrheit um, oder Ihr msst ein schlechtes
Gedchtnis haben.  Frs erste, so kennt Ihr den Kaiser nicht.  Denn
ich bin's.  Frs andere hab' ich Euch nicht so ordentlich bezahlt,
als Ihr sagt, sondern ich bin Euch zwei Taler schuldig oder etwas;"
und in diesem Augenblick zhlte der Begleiter auf den Tisch
eintausendundzweihundert Franken, Kapital und Zins.  Die Frau, als
sie den Kaiser erkannte und die Goldstcke auf dem Tisch klingeln
hrte, fiel ihm zu Fssen und war vor Freude und Schrecken und
Dankbarkeit ganz ausser sich, wie man ihr auf nebenstehender
Abbildung wohl ansehen kann; und die Kinder schauen auch einander an
und wissen nicht, was sie sagen sollen.  Der Kaiser aber befahl
nachher, das Haus niederzureissen und der Frau ein anderes an den
nmlichen Platz zu bauen.  "In diesem Hause", sagte er, "will ich
wohnen, so oft ich nach Brienne komme, und es soll meinen Namen
fhren." Der Frau aber versprach er, er wolle fr ihre Kinder
sorgen.

Wirklich hat er auch die Tochter derselben bereits ehrenvoll
versorgt, und der Sohn wird auf kaiserliche Kosten in der nmlichen
Schule erzogen, aus welcher der grosse Held selber ausgegangen ist.



Kannitverstan


Der Mensch hat wohl tglich Gelegenheit, in Emmendingen und
Gundelfingen so gut als in Amsterdam Betrachtungen ber den
Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und
zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel
gebratene Tauben fr ihn in der Luft herumfliegen.  Aber auf dem
seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam
durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis.  Denn als er
in diese grosse und reiche Handelsstadt voll prchtiger Huser,
wogender Schiffe und geschftiger Menschen gekommen war, fiel ihm
sogleich ein grosses und schnes Haus in die Augen, wie er auf
seiner ganzen Wanderschaft von Tuttlingen bis nach Amsterdam noch
keines erlebt hatte.  Lange betrachtete er mit Verwunderung dies
kostbare Gebude, die sechs Kamine auf dem Dach, die schnen Gesimse
und die hohen Fenster, grsser als an des Vaters Haus daheim die
Tr.  Endlich konnte er sich nicht entbrechen, einen Vorbergehenden
anzureden.  "Guter Freund", redete er ihn an, "knnt Ihr mir nicht
sagen, wie der Herr heisst, dem dieses wunderschne Haus gehrt mit
den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?"--Der Mann
aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte und zum Unglck
gerade so viel von der deutschen Sprache verstand als der Fragende
von der hollndischen, nmlich nichts, sagte kurz und schnauzig:
"Kannitverstan", und schnurrte vorber.  Dies war nur ein
hollndisches Wort oder drei, wenn man's recht betrachtet, und
heisst auf deutsch soviel als: Ich kann Euch nicht verstehn.  Aber
der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er
gefragt hatte.  Das muss ein grundreicher Mann sein, der Herr
Kannitverstan, dachte er und ging weiter.  Gass aus Gass ein kam er
endlich an den Meerbusen, der da heisst: Het Ei, oder auf deutsch:
das Ypsilon.  Da stand nun Schiff an Schiff und Mastbaum an Mastbaum,
und er wusste anfnglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen
Augen durchfechten werde, alle diese Merkwrdigkeiten genug zu sehen
und zu betrachten, bis endlich ein grosses Schiff seine
Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt
war und jetzt eben ausgeladen wurde.  Schon standen ganze Reihen von
Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande.  Noch immer wurden
mehrere herausgewlzt und Fsser voll Zucker und Kaffee, voll Reis
und Pfeffer und salveni Mausdreck darunter.  Als er aber lange
zugesehn hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der
Achsel heraustrug, wie der glckliche Mann heisse, dem das Meer all
diese Waren an das Land bringe.  "Kannitverstan", war die Antwort.  Da
dachte er: Haha, schaut's da heraus?  Kein Wunder, wem das Meer
solche Reichtmer an das Land schwemmt, der hat gut solche Huser in
die Welt stellen und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in
vergoldeten Scherben.  Jetzt ging er wieder zurck und stellte eine
recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er fr ein armer
Teufel sei unter so viel reichen Leuten in der Welt.  Aber als er
eben dachte: Wenn ich's doch nur auch einmal so gut bekme, wie
dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke und erblickte
einen grossen Leichenzug.  Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen
ebenfalls schwarz berzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als
ob sie wssten, dass sie einen Toten in seine Ruhe fhrten.  Ein
langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach,
Paar und Paar, verhllt in schwarze Mntel und stumm.  In der Ferne
lutete ein einsames Glcklein.  Jetzt ergriff unsern Fremdling ein
wehmtiges Gefhl, das an keinem guten Menschen vorbergeht, wenn er
eine Leiche sieht, und er blieb mit dem Hut in den Hnden andchtig
stehen, bis alles vorber war.  Doch machte er sich an den letzten
vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an seiner
Baumwolle gewinnen knnte, wenn der Zentner um zehn Gulden
aufschlge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um
Exkse.  "Das muss wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein,"
sagte er, "dem das Glcklein lutet, dass Ihr so betrbt und
nachdenklich mitgeht." "Kannitverstan!" war die Antwort.  Da fielen
unserm guten Tuttlinger ein paar grosse Trnen aus den Augen, und es
ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz.  "Armer
Kannitverstan," rief er aus, "was hast du nun von allem deinem
Reichtum?  Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein
Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schnen Blumen
vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute." Mit
diesem Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehrte,
bis ans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in
seine Ruhesttte und ward von der hollndischen Leichenpredigt, von
der er kein Wort verstand, mehr gerhrt als von mancher deutschen,
auf die er nicht achtgab.  Endlich ging er leichten Herzens mit den
andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch
verstand, mit gutem Appetit ein Stck Limburger Kse, und wenn es
ihm wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele Leute in der
Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn
Kannitverstan in Amsterdam, an sein grosses Haus, an sein reiches
Schiff und an sein enges Grab.



Kindesdank und Undank


Man findet gar oft, wenn man ein wenig aufmerksam ist, dass Menschen
im Alter von ihren Kindern wieder ebenso behandelt werden, wie sie
einst ihre alten und kraftlosen Eltern behandelt haben.  Es geht auch
begreiflich zu.  Die Kinder lernen's von den Eltern; sie sehen's und
hren's nicht anders und folgen dem Beispiel.  So wird es auf die
natrlichsten und sichersten Wege wahr, was gesagt wird und
geschrieben ist, dass der Eltern Segen und Fluch auf den Kindern
ruhe und sie nicht verfehle.

Man hat darber unter andern zwei Erzhlungen, von denen die erste
Nachahmung und die zweite grosse Beherzigung verdient.
Ein Frst traf auf einem Spazierritt einen fleissigen und frohen
Landmann an dem Ackergeschft an und liess sich mit ihm in ein
Gesprch ein.  Nach einigen Fragen erfuhr er, dass der Acker nicht
sein Eigentum sei, sondern dass er als Tagelhner tglich um 15
Kreuzer arbeite.  Der Frst, der fr sein schweres Regierungsgeschft
freilich mehr Geld brauchte und zu verzehren hatte, konnte es in der
Geschwindigkeit nicht ausrechnen, wie es mglich sei, tglich mit 15
Kreuzern auszureichen und noch so frohen Mutes dabei zu sein, und
verwunderte sich darber.  Aber der brave Mann im Zwilchrock
erwiderte ihm: "Es wre mir bel gefehlt, wenn ich so viel brauchte.
Mir muss ein Dritteil davon gengen; mit einem Dritteil zahle ich
meine Schulden ab, und den brigen Dritteil lege ich auf Kapitalien
an." Das war dem guten Frsten ein neues Rtsel.  Aber der frhliche
Landmann fuhr fort und sagte: "Ich teile meinen Verdienst mit meinen
alten Eltern, die nicht mehr arbeiten knnen, und mit meinen
Kindern, die es erst lernen mssen; jenen vergelte ich die Liebe,
die sie mir in meiner Kindheit erwiesen haben, und von diesen hoffe
ich, dass sie mich einst in meinem mden Alter auch nicht verlassen
werden." War das nicht artig gesagt und noch schner und edler
gedacht und gehandelt?  Der Frst belohnte die Rechtschaffenheit des
wackern Mannes, sorgte fr seine Shne, und der Segen, den ihm seine
sterbenden Eltern gaben, wurde ihm im Alter von seinen dankbaren
Kindern durch Liebe und Untersttzung redlich entrichtet.

Aber ein anderer ging mit seinem Vater, welcher durch Alter und
Krnklichkeit freilich wunderlich geworden war, so bel um, dass
dieser wnschte, in ein Armenspital gebracht zu werden, das im
nmlichen Orte war.  Dort hoffte er wenigstens bei drftiger Pflege
von den Vorwrfen frei zu werden, die ihm daheim die letzten Tage
seines Lebens verbitterten.  Das war dem undankbaren Sohn ein
willkommenes Wort.  Ehe die Sonne hinter den Bergen hinabging, war
dem armen, alten Greis sein Wunsch erfllt.  Aber er fand im Spital
auch nicht alles, wie er wnschte.  Wenigstens liess er seinen Sohn
nach einiger Zeit bitten, ihm die letzte Wohltat zu erweisen und ihm
ein paar Leintcher zu schicken, damit er nicht alle Nacht auf
blossem Stroh schlafen msste.  Der Sohn suchte die zwei
schlechtesten, die er hatte, heraus und befahl seinem zehnjhrigen
Kind, sie dem alten Murrkopf ins Spital zu bringen.  Aber mit
Verwunderung bemerkte er, dass der kleine Knabe vor der Tr eines
dieser Tcher in einen Winkel verbarg und folglich dem Grossvater
nur eines davon brachte.  "Warum hast du das getan?" fragte er den
Jungen bei seiner Zurckkunft.--"Zur Aushilfe fr die Zukunft",
erwiderte dieser kalt und bsherzig, "wenn ich Euch, o Vater!  auch
einmal in das Spital schicken werde."

Was lernen wir daraus?--Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir
wohlgehe!



Knig Friedrich und sein Nachbar


Der Knig Friedrich von Preussen hatte acht Stunden von Berlin
freilich ein schnes Lustschloss und war gerne darin, wenn nur nicht
ganz nahe daneben die unruhige Mhle gewesen wre.  Denn erstlich
stehn ein knigliches Schloss und eine Mhle nicht gut
nebeneinander, obgleich das Weissbrot schmeckt auch in dem Schloss
nicht bel, wenn's die Mhle fein gemahlen und der Ofen wohl
gebacken hat.  Ausserdem aber, wenn der Knig in seinen besten
Gedanken war und nicht an den Nachbar dachte, auf einmal liess der
Mller das Wasser in die Rder schiessen und dachte auch nicht an
den Herrn Nachbar, und die Gedanken des Knigs stellten das
Rderwerk der Mhle nicht, aber manchmal das Klapperwerk der Rder
die Gedanken des Knigs.  Der geneigte Leser sagt: "Ein Knig hat
Geld wie Laub, warum kauft er dem Nachbar die Mhle nicht ab und
lsst sie niederreissen?" Der Knig wusste, warum.  Denn eines Tages
liess er den Mller zu sich rufen.  "Ihr begreift", sagte er zu ihm,
"dass wir zwei nicht nebeneinander bestehen knnen.  Einer muss
weichen.  Was gebt Ihr mir fr mein Schlsslein?"--Der Mller sagte:
"Wie hoch haltet Ihr es, kniglicher Herr Nachbar?" Der Knig
erwiderte ihm: "Wunderlicher Mensch, so viel Geld habt Ihr nicht,
dass Ihr mir mein Schloss abkaufen knnt.  Wie hoch haltet Ihr Eure
Mhle?" Der Mller erwiderte: "Gndigster Herr, so habt auch Ihr
nicht so viel Geld, dass Ihr mir meine Mhle abkaufen knnt.  Sie ist
mir nicht feil." Der Knig tat zwar ein Gebot, auch das zweite und
dritte, aber der Nachbar blieb bei seiner Rede.  "Sie ist mir nicht
feil.  Wie ich darin geboren bin", sagte er, "so will ich darin
sterben, und wie sie mir von meinen Vtern erhalten worden ist, so
sollen sie meine Nachkommen von mir erhalten und auf ihr den Segen
ihrer Vorfahren ererben." Da nahm der Knig eine ernsthaftere
Sprache an: "Wisst Ihr auch, guter Mann, dass ich gar nicht ntig
habe, viel Worte zu machen?  Ich lasse Euere Mhle taxieren und
breche sie ab.  Nehmt alsdann das Geld, oder nehmt es nicht!" Da
lchelte der unerschrockene Mann, der Mller, und erwiderte dem
Knig: "Gut gesagt, allergndigster Herr, wenn nur das Hofgericht in
Berlin nicht wre." Nmlich, dass er es wolle auf einen
richterlichen Ausspruch ankommen lassen.  Der Knig war ein gerechter
Herr und konnte beraus gndig sein, also dass ihm die
Herzhaftigkeit und Freimtigkeit einer Rede nicht missfllig war,
sondern wohlgefiel.  Denn er liess von dieser Zeit an den Mller
unangefochten und unterhielt fortwhrend mit ihm eine friedliche
Nachbarschaft.  Der geneigte Leser aber darf schon ein wenig Respekt
haben vor einem solchen Nachbar und noch mehr vor einem solchen
Herrn Nachbar.



Knig Friedrichs Leibhusar


Der Leibhusar Knig Friedrichs von Preussen muss mit seinem Herrn in
gutem Vernehmen gestanden haben.  Denn einmal gab ihm der Knig wegen
eines Versehens eine Ohrfeige, dass ihm die Haarlocke, wie man sie
damals noch an den Seiten des Kopfes trug, aufeinanderfuhr und der
weisse Puder davonflog, also, dass man's draussen ihm wohl ansehen
konnte, wenn er hinauskam.  Der Leibhusar bat wegen seines Versehens
um Verzeihung, stellte sich aber geradewegs vor des Knigs grossen
Spiegel, der im Zimmer war, richtete seine Locke wieder zurecht und
stubte mit dem Schnupftuch den Puder vom Kleid, welches
unschicklich war.  Dem Knig kam's auch so vor, denn er sagte: "Was
fllt dir ein?  Willst du noch eine?" Der Leibhusar sagte: Nein, er
habe genug an einer; "aber die andern", sagte er, "brauchen nicht zu
wissen, wenn ich hinauskomme, was zwischen uns vorgefallen ist." Da
lchelte der Knig wieder und war nimmer bse ber den Leibhusar.

Item, einmal tut so etwas gut, ein ander Mal nicht.



Lange Kriegsfuhr


Dies ist die Geschichte, die dem Hausfreund vor einem Jahr ein
unsichtbarer Freund geschenkt hat, und der Freund sagt, er kenne die
Abkmmlinge des Wirts, und die Sache sei ganz gewiss.

Im Dreissigjhrigen Krieg, der Schwed zog durch ein namhaftes Dorf
im Wiesenkreis und in dem Dorf durchs Wirtshaus, und im Durchziehen
durch den Hof blieb der Knecht des Wirts mit einem Wagen und vier
Pferden an der Kolonne hngen.  Denn er musste Tornister fhren und
Offizierskisten und Weibsleute.  Der Meister sagte: "Komm bald wieder
heim, Jobbi!" Der Jobbi dachte: An mir soll's nicht fehlen.  Die
Meisterin weinte und lamentierte, aber ein schwedischer Korporal
sagte: "Man wird Ross nicht fressen.  Tatar frisst Ross." Indessen
ging die erste Tagsstation nur bis nach Freiburg, die zweite nur bis
nach Kippenheim, die dritte nur bis nach Ortenberg, die vierte nur
bis nach Hornberg, die fnfte nur bis nach Villingen im Schwarzwald.
Dem armen Jobbi so hoch droben bei den Wolken war schon das Leben
feil, und die Pferde htten auch gern ins Gras gebissen, aber noch
lieber in den Haber.  Und unter allen vieren beklagte der Jobbi am
meisten sein Lieblingsross, den Jockli, dass er schon in seinen
besten Jahren ein Kriegsheld werden musste.  Aber das half alles
nichts.  Wo man hinkam, waren keine Fuhren zu haben; so musste der
Jobbi und der Jockli mit, ungefragt und ungebeten, bis weit hinein
ins Schwabenland und hintersich und frsich, und aus so viel Tagen
wurden so viel Monate und mehr, bis er einmal zwischen einem Montag
und Dienstag Gelegenheit fand, eine Spazierfahrt fr sich zu machen
ins Freie.  Die sterreichischen Vorposten riefen ihn an: "Wer da?"--
"Gut Freund."--"Wer ist gut Freund?" "Der Jobbi von da und da."
"Bassa mallergi", sagte der Korporal, "bist du Jobbi von da und da?"
Der Korporal hatte auch schon einen Schluck Branntwein oder
vierundzwanzig bei seinem Meister getrunken und kannte den Jobbi,
und der Vorpostenhauptmann war auch schon auf dem Jockli nach
Waldshut geritten und kannte den Jockli.  Also sagte der Hauptmann:
"Willst du einen Pass nach Haus oder willst du bei uns bleiben und
Geld genug verdienen?" Da dachte der Jobbi: Aufgegeben hat mich der
Meister schon lang und einen andern Zug gekauft.  Attrapiert mich
unterwegs der Schwed, so geht's zu bsen Husern oder gar zu bsen
Bumen, und der Mund stand ihm voll Wasser, wenn er sah, wie die
sterreichischen Dukaten flogen und auf den Boden fielen, und
niemand buckte sich darnach.  Denn der sterreichische Krieg hat
Geld.  Also blieb der Jobbi bei der Armee, hauderte hin und her, bis
nach Pressburg hinein im Ungarland und wieder zurck, handelte auch
ein wenig und gewann Hte voll Geld.  Der Wagen zerbrach; er kaufte
sich einen neuen.  Ein Pferd fiel nach dem andern, die Beute hatte
andere.  Nur der Jockli hielt aus bergauf und ab, durch dick und
dnn.  Gleichwohl dachte der alte Knabe oft an den Meister und an die
Meisterin daheim, und wie er auch wieder einmal zurckwolle, wenn's
sauber sei im Reich.  Und der Meister und die Meisterin daheim
dachten auch manchmal an den Jobbi selig, und wie es ihm mge
ergangen sein bei den Schweden.  Eines Tags, als schon alle Kanonen
vom Rhein bis an die Donau und bis an die Ostsee versaust hatten,
die Meisterin schnitt die Suppe ein zum Mittagessen, und der Wirt
richtete den Zeiger an der Wanduhr, denn es schlug auf der Kirche,
da seufzte die Frau und sagte nichts.  Der Meister fragt: "Was fehlt
dir?"--"He nichts", sagte sie; "ich hab' an den Jobbi gedacht, Gott
hab' ihn selig, und an den schnen Zug; heut jhrt sich's wieder."--
" Es wird sich noch vielmal jhren", sagte der Mann; "gottlob!  dass
wieder Ruhe im Lande ist." Indem tritt der Hausknecht herein und
sagt: "Meister, da draussen haltet ein obsonater Gesell, ein Ungar
mit schneeweissem Bart und 4. Rossen, der aussieht wie ein
Marketender, und hat auch so ein Brannteweinfsslein auf dem Wagen.

Kommt mir der Sapperment frangschemang in den Stall und sagt: An
diesem Platz bin ich der Meister; drauf jagt er Eure Pferde in den
Hof hinaus und bindet die seinigen an.  Ist noch Krieg oder ist's
Frieden?" Indem der Meister hinauswill, kommt der Ungar hinein und
sagt: Gemach!--Der Wirt fragt: "Woher des Landes?  Solche Gste
haben wir auch schon gehabt." "Eine Halbe will ich", sagte der
Ungar, "von Eurem Besten und zwei Glser."--"Das ist nicht von
Euerm Besten", sagte er nachher.  "Von dem Grenzacher will ich im
hintern Keller oder von dem Laufemer hinter der Brotbahre, wo die
Katz darauf sitzt." Der Wirt sagt: "Woher wisst Ihr, was ich fr
Wein im Keller habe?" Der Ungar sagt: "Von Euerm alten Knecht, dem
Jobbi", und wollte sich noch lange verstellen.  Als er aber seinen
Namen hrte, wiewohl er ihn selber aussprach, konnte er nimmer an
sich halten, sondern ergriff die Hand des Meisters, und die Trnen
rannen ihm aus den Augen in den weissen Bart wie der kstliche
Balsam, der herabfliesst in den Bart Aarons, der herabfleusst in
sein Kleid und Lust und Freude erregt.  "Ich bin ja der alte Jobbi",
sagte der vermeinte Ungar, "wo einmal bei Euch"--aber der Wirt und
die Wirtin unterbrachen ihn mit einem lauten Freudengeschrei, "und
den Jockli hab' ich auch wieder mitgebracht", sagte der Jobbi, "die
andern sind neu." Jetzt ging's an ein Bewillkommen und an ein
Fragen, der Wirt rief die Kinder zusammen, der Jobbi sei wieder da,
und die Mutter brachte die Kleinen, eins an der Hand, eins auf dem
Arme; aber sie frchteten sich und schrieen vor dem fremden Bart;
und der Herr Schulmeister kam im Vorbeigehen auch hinein.  Als aber
der Meister ein Glas zum Willkommen mit ihm getrunken hatte und
wollte ihm das zweite einschenken, sagte der Jobbi: "Das Fsslein!
Wir mssen zuerst das Fsslein abladen." Drauf brachte der Wirt, der
Jobbi und der Hausknecht ein Fsslein, aber nicht mit Branntwein,
nein, voll kaiserlicher Taler und Kremnitzer Dukaten, ab dem Wagen
herein, so schwer sie tragen konnten.  "Dies ist Euer Geld", sagte
der Jobbi, "das ich Euch ehrlich verdient habe.  Ich verlange nichts
als fr die sechs Jahre meinen Lohn und fr den Jockli den
Ruhestand." Der Meister sagte: "Du sollst keinen Lohn von mir
bekommen, sondern du sollst das Kind im Hause sein, und zwar das
lteste." Aber der Jobbi sagte: "Ihr habt unterdessen, wie ich sehe,
Kinder genug bekommen.  Lasst mich, wie ich bin" und ging mit einem
Mund voll Brot hinaus, um nach den Pferden zu sehen und seine alten
Geschfte zu verrichten wie vorher, als wenn er nie weggegessen
wre.

Also blieb er bis an sein Ende im Dienste seines Meisters und
vermachte ihm, weil er keinen Erben hatte, noch sein Vermgen von
520 Pfund Basler Whrung, tut 416 Gulden rheinisch.  Der Meister aber
rhrte das Geld nicht an, sondern stiftete es fr die Armen.

Merke: der Hausfreund kann letzteres nicht fr gewiss sagen.  Aber er
denkt so: War der Jobbi ein guter Knecht, so war der Meister ein
guter Mensch.  Fromme Herrschaft zieht frommes Gesinde.  Grobheit,
Fluchen und Geiz ist der falsche Weg zu gutem Gesind, hinten herum.

Ist also der Wirt ein so rsonabler Mann gewesen, hat er auch das
Geld den Armen geschenkt.



List gegen List


Einem namhaften Goldschmied hatten zwei vornehm gekleidete Personen
fr 3000 Taler kostbare Kleinode abgekauft fr auf die Krnung in
Ungarn.  Hernach bezahlten sie ihm tausend Taler bar, legten alles,
was sie ausgesucht hatten, in ein Schchtelein zusammen, siegelten
das Schchtelein zu und gaben es dem Goldschmied gleichsam als
Unterpfand fr die noch fehlende Summe wieder in Verwahrung;
wenigstens kam es dem Goldschmied so vor, als wenn es das nmliche
wre.  "In vierzehn Tagen", sagten sie, "bringen wir Euch die
fehlende Summe und nehmen alsdann das Schchtelein in Empfang."
Alles wurde schriftlich gemacht.  Allein es vergehen drei Wochen,
niemand meldet sich.  Der Krnungstag geht vorber, es gehen noch
vier Wochen vorber.  Niemand will mehr nach dem Schchtelein fragen.
Endlich dachte der Goldschmied: "Was soll ich euch euer Eigentum
hten auf meine Gefahr und mein Kapital tot drinnen liegen haben?"
Also wollte er das Schchtelein in Beisein einer obrigkeitlichen
Person erffnen und die bereits empfangenen 1000 Taler hinterlegen.
Als es aber geffnet ward, "lieber, guter Goldschmied", sagte der
Aktuarius, "wie seid Ihr von den zwei Spitzbuben angeschmiert."
Nmlich in dem Schchtelein lagen statt Edelgestein Kieselstein und
Fensterblei statt Goldes.  Die zwei Kaufleute waren spitzbbische
Taschenspieler, bhmische Juden, brachten das wahre Schchtelein
unvermerkt auf die Seit und gaben dem Goldschmied ein anderes
zurck, welches ebenso aussah.  "Goldschmied", sagte der Aktuarius,
"hier ist guter Rat teuer.  Ihr seid ein unglcklicher Mann." Indem
trat wohlgekleidet und ehrbar ein Fremder zur Tre herein und wollte
dem Goldschmied allerlei krummgebogenes Silbergeschirr und
einsechtige (einzelne) Schnallen verkaufen und sah den Spektakel.
"Goldschmied", sagte er, als der Aktuarius fort war, "Euer Lebelang
msst Ihr Euch nicht mit den Schreibern einlassen.  Haltet Euch an
praktische Mnner.  Habt Ihr das Herz, eine Wurst an eine Speckseite
zu setzen, Euch ist zu helfen.  Wenn Euer Schchtelein oder der Wert
dafr noch in der Welt ist: ich schaff Euch die Spitzbuben wieder
ins Haus."--"Wer seid Ihr, um Vergebung?" fragte der Goldschmied.--
"Ich bin der Zundelfrieder", erwiderte der Fremde mit Vertrauen und
mit einem recht liebenswrdig freundlichen Spitzbubengesicht.  Wer
den Frieder nicht persnlich kennt wie der Hausfreund, der kann sich
keine Vorstellung davon machen, wie ehrlich und gutmtig er sich
anstellen und dem vorsichtigsten Menschen so unwiderstehlich das
Herz und das Vertrauen abstehlen kann wie das Geld.  Auch ist er in
der Tat so schlimm nicht, als man ihn zwischen Bhl und Achern dafr
hlt.  Ob nun der Goldschmied noch berdies an das Sprichwort dachte,
dass man Spitzbuben am besten mit Spitzbuben fangen knne, oder ob
er an ein anderes Sprichwort dachte, dass, wer das Ross geholt hat,
der hole auch den Zaum (wegen einer guten Freundin will ihn der
Hausfreund nicht mit Namen nennen), kurz, der Goldschmied vertraut
sich dem Frieder an.  "Aber ich bitte Euch", sagte er, "betrgt mich
nicht." "Verlasst Euch auf mich", sagte der Frieder, "und erschreckt
nicht allzusehr, wenn Ihr morgen frh wieder um etwas klger
geworden seid!" Vielleicht ist der Freister auf einer Spur?  Nein, er
ist noch auf keiner.  Aber wer in selbiger Nacht dem Goldschmied auch
noch vier Dutzend silberne Lffel, sechs silberne Salzbchslein,
sechs goldene Ringe mit kostbaren Steinen holte, das war der
Frieder.  Manch geneigter Leser, der auf ihn nicht viel halten will,
wird denken: "Das geschah dir recht." Desto besser.  Denn dem
Goldschmied war es auch recht.  Nmlich auf dem Tisch fand er von dem
Zundelfrieder einen eigenhndigen Empfangschein, dass er obige
Artikel richtig erhalten habe, und ein Schreiben, wie sich der
Goldschmied nun weiter zu verhalten habe.  Nmlich er zeigt jetzt
nach des Frieders Anleitung den Diebstahl bei Amt an und bat um
einen Augenschein.  Hernach bat er den Amtmann, die verlorenen
Artikel in allen Zeitungen bekannt zu machen.  Hernach bat er, auch
das versiegelte Schchtelein mit seiner ganzen Beschreibung mit in
das Verzeichnis zu setzen, um etwas.  Der Amtmann sah ins Klare und
verwilligte ihm den Wunsch.  "Einem honetten Goldschmied", dachte er,
"kann ein Mann, der eine Haushaltung fhrt, etwas zum Gefallen tun."

Also verlauft es sich in alle Zeitungen, dem Goldschmied sei
gestohlen worden das und das, unter andern ein Schchtelein so und
so mit vielen kostbaren Edelgesteinen, die alle benannt wurden.  Die
Nachricht kam bis nach Augsburg.  "Lb", schmunzelte dort ein
bhmischer Jud dem andern zu, "der Goldschmied wird nie erfahren,
was in dem Schchtelein war.  Weisst du, dass es ihm gestohlen ist?"
- "Desto besser", sagte der Lb, "so muss er uns auch unser Geld
zurckgeben und hat gar nichts." Kurz, die Betrger gehn dem Frieder
in die Falle und kommen wieder zu dem Goldschmied.  "Seid so gut und
gebt uns itzt das Schchtelein!  Nicht wahr, wir haben Euch ein wenig
lange warten lassen?"--"Liebe Herren", erwiderte der Goldschmied,
"euch ist unterdessen ein grosses Unglck geschehen, das
Schchtelein ist euch gestohlen.  Habt ihr's noch in keiner Zeitung
gelesen?" Der Lb erwiderte mit ruhiger Stimme: "Das wre uns leid,
aber das Unglck wird wohl auf Eurer Seite sein.  Ihr liefert uns das
Schchtelein ab, wie wir's Euch in die Hnde gegeben haben, oder Ihr
gebt uns unser vorausbezahltes Geld zurck.  Die Krnung ist ohnehin
vorber."--Man sprach hin, man sprach her, "und das Unglck wird
eben doch auf Euerer Seite sein", nahm wieder der Goldschmied das
Wort.  Denn im nmlichen Augenblick traten jetzt mit seiner Frau vier
Hatschiere in die Stube, handfeste Mnner, wie sie sind, und fassten
die Spitzbuben.  Das Schchtelein war nimmer aufzutreiben, aber das
Zuchthaus und so viel Geld und Geldeswert, als ntig war, den
Goldschmied zu bezahlen.  Aus Dankbarkeit zerriss der Goldschmied
hernach den Empfangschein des Frieders.  Aber der Frieder brachte ihm
alles wieder und verlangte nichts fr seinen guten Rat.  "Wenn ich
einmal etwa von Euerer Ware bentiget bin", sagte er, "so weiss ich
ja jetzt den Weg in Euern Laden und zu Euerm Kstlein.  Wenn ich nur
alle Spitzbuben zu Grunde richten knnte", sagte er, "dass ich der
einzige wre." Denn eiferschtig ist er.



Mancherlei gute Lehren


Die Menschen nehmen oft ein kleines Ungemach viel schwerer auf und
tragen es ungeduldiger als ein grosses Unglck, und der ist noch
nicht am schlimmsten daran, der viel zu klagen hat und alle Tage
etwas anders.  Erfahrung und bung im Unglck lehrt schweigen.  Aber
wenn ihr einen Menschen wisst, der nicht klagt und doch nicht
frhlich sein kann, ihr fragt ihn, was ihm fehle, und er sagt's euch
kurz und gut oder gar nicht, dem sucht ein gutes Zutrauen
abzugewinnen, wenn ihr es wert seid, und ratet und helft ihm, wenn
ihr knnt.



Mancherlei gute Lehren 2


Ist denn der Mensch deswegen so schlimm und so schlecht, weil die
bsen Neigungen zuerst in seinem Herzen erwachen und das Gute nur
durch Erziehung und Unterricht bei ihm anschlgt?  Euer bester
Ackerboden trgt doch auch nur Gras und Unkraut aus eigener Kraft,
und euer Leben lang keine Weizenernte; und ein drres Sandfeld, das
nicht einmal aus eigener Kraft Unkraut treibt, wird auch euern
Fleiss und eure Hoffnung nie mit einer Fruchtgarbe erfreuen.  Aber
wenn ihr den guten Boden anset zu rechter Zeit, sein wartet und
pfleget, wie sich's gebhret, so steigt im Morgentau und Abendregen
doch eine frhliche Saat empor, und die Raden und Kornrosen und
mancherlei taubes Gras mchte gern, aber es kann nicht mehr
emporkommen.  Die gesunde hre schwankt in der Luft und fllt sich
mit kostbaren Krnern.  So ist es mit dem Menschen und mit seinem
Herzen auch.  Was lernen wir daraus?  Man muss nicht unzeitig klagen
und hadern und die Hoffnung aufgeben, ehe sie erfllt werden kann.
Man muss den Fleiss, die Mhe und Geduld, die man an eine Handvoll
Fruchthalmen gerne verwendet, an den eigenen Kindern sich nicht
verdriessen lassen.  Man muss dem Unkraut zuvorkommen und guten
Samen, schne Tugenden in das weiche, zarte Herz hineinpflanzen und
Gott vertrauen, so wird's besser werden.



Mancherlei gute Lehren 3


Man vergisst im menschlichen Leben nichts so leicht als das
Multiplizieren, wenn man es noch so gut in der Schule gelernt hat
und kann.  Und doch lernt man in der Schule fr das Leben, und die
Weisheit besteht nicht im Wissen, sondern in der rechten Anwendung
und Ausbung davon.

Es kann jemand einen Tag in den andern nur einen Groschen
unntigerweise ausgeben.  Mancher, der den Groschen brig hat, tut es
und meint, es sei nicht viel.  Aber in einem Jahr sind es 365
Groschen und in dreissig Jahren 10950 Groschen.  Facit 547 Gulden 30
Kreuzer weggeworfenes Geld, und das ist doch viel.

Ein anderer kann einen Tag in den andern zwei Stunden unntz und im
Mssiggang zubringen und meint jedesmal, fr heute lasse es sich
verantworten.  Das multipliziert sich in einem Jahr zu 730 Stunden
und in dreissig Jahren zu 21900 Stunden.  Facit 912 verlorne Tage
des kurzen Lebens.  Das ist noch mehr als 547 Gulden, wer's bedenkt.
- Die Erde hat 5400 Deutsche Meilen oder 10800 Stunden im Umkreis.
Das ist ein weiter Weg.  Aber wenn man in gerader Linie fortgehen
knnte, und es wollte jemand jeden Tag nur eine Stunde daran
zurcklegen, so knnte er im dreissigsten Jahr bei guter Zeit wieder
daheim sein.  Oder wenn er jeden Tag zehn Stunden auf seine Reise
verwenden wollte, so knnte er in zehn Jahren zehnmal um die ganze
grosse Erde herumkommen.  Daraus ist zu lernen, wie weit ein Mensch
in seinem Leben es nach und nach bringen kann, wenn er zu einem
ntzlichen Geschft jeden Tag nur eine Stunde anwenden will, und
wieviel weiter noch, wenn er alle Tage dazu benutzt, besser und
vollkommener zu werden und sein eigenes Wohl und das Wohl der
Seinigen zu befrdern.  Aber wer nie anfngt, der hrt nie auf, und
wem wenig auf einmal nicht genug ist, der erfhrt nie, wie man nach
und nach zu vielem kommt.



Mancherlei gute Lehren 4


Zum Erwerben eines Glcks gehrt Fleiss und Geduld und zur Erhaltung
desselben gehrt Mssigung und Vorsicht.  Langsam und Schritt fr
Schritt steigt man eine Treppe hinauf.  Aber in einem Augenblick
fllt man hinab und bringt Wunden und Schmerzen genug mit auf die
Erde.



Mancherlei gute Lehren 5


Es sagt ein altes Sprichwort: Selber essen macht fett.  Ich will noch
ein paar dazusetzen: Selber Achtung geben macht verstndig.  Und
selber arbeiten macht reich.  Wer nicht mit eigenen Augen sieht,
sondern sich auf andere verlsst, und wer nicht selber Hand anlegt,
wo es ntig ist, sondern andere tun lsst, was er selber tun soll,
der bringt's nicht weit, und mit dem Fettwerden hat es bald ein
Ende.



Mancherlei gute Lehren 6


Ein anderes Sprichwort heisst so: Wenn man den Teufel an die Wand
malt, so kommt er.  Das sagt mancher und versteht's nicht.  Den bsen
Geist kann man eigentlich nicht an die Wand malen, sonst wre es
kein Geist.  Auch kann er nicht kommen.  Denn er ist mit Ketten der
Finsternis in die Hlle gebunden.  Was will denn das Sprichwort
sagen?  Wenn man viel an das Bse denkt und sich dasselbe in Gedanken
vorstellt oder lang davon spricht, so kommt zuletzt die Begierde zu
dem Bsen in das Herz, und man tut's.  Soll der bse Feind nicht
kommen, so mal' ihn nicht an die Wand!  Willst du das Bse nicht tun,
so denke nicht daran, wo du gehst und stehst, und sprich nicht
davon, als wenn es etwas Angenehmes und Lustiges wre.



Mancherlei gute Lehren 7


Einmal ist keinmal.  Dies ist das verlogenste und schlimmste unter
allen Sprichwrtern, und wer es gemacht hat, der war ein schlechter
Rechnungsmeister oder ein boshafter.  Einmal ist wenigstens einmal
und daran lsst sich nichts abmarkten.  Wer einmal gestohlen hat, der
kann sein Leben lang nimmer mit Wahrheit und mit frohem Herzen
sagen: "Gottlob!  ich habe mich nie an fremdem Gut vergriffen." Und
wenn der Dieb erhascht und gehenkt wird, alsdann ist einmal nicht
keinmal.  Aber das ist noch nicht alles, sondern man kann meistens
mit Wahrheit sagen: Einmal ist zehnmal und hundert- und tausendmal.
Denn wer das Bse einmal angefangen hat, der setzt es gemeiniglich
auch fort.  Wer A gesagt hat, der sagt auch gern B, und alsdann tritt
zuletzt ein anderes Sprichwort ein, dass der Krug so lange zum
Brunnen gehe, bis er bricht.



Mancherlei gute Lehren 8


Nun kommen zwei Sprichwrter, und die sind beide wahr, wenn sie
schon einander widersprechen.  Von zwei unbemittelten Brdern hatte
der eine keine Lust und keinen Mut, etwas zu erwerben, weil ihm das
Geld nicht zu den Fenstern hineinregnete.  Er sagte immer: "Wo nichts
ist, kommt nichts hin." Und so war es auch.  Er blieb sein Leben lang
der arme Bruder Wonichtsist, weil es ihm nie der Mhe wert war, mit
einem kleinen Ersparnis den Anfang zu machen, um nach und nach zu
einem grssern Vermgen zu kommen.  So dachte der jngere Bruder
nicht.  Der pflegte zu sagen: "Was nicht ist, das kann werden." Er
hielt das wenige, was ihm von der Verlassenschaft der Eltern zu teil
geworden war, zu Rat und vermehrte es nach und nach durch eigenes
Ersparnis, indem er fleissig arbeitete und eingezogen lebte.

Anfnglich ging es hart und langsam.  Aber sein Sprichwort: Was nicht
ist, kann werden, gab ihm immer Mut und Hoffnung.  Mit der Zeit ging
es besser.  Er wurde durch unverdrossenen Fleiss und Gottes Segen
noch ein reicher Mann und ernhrt jetzt die Kinder des armen Bruders
Wonichtsist, der selber nichts zu beissen und zu nagen hat.



Mancherlei gute Lehren 9


"Ein Narr fragt viel, worauf kein Weiser antwortet." Das muss
zweimal wahr sein.  Frs erste kann gar wohl der einfltigste Mensch
eine Frage tun, worauf auch der weiseste keinen Bescheid zu geben
weiss.  Denn Fragen ist leichter als Antworten, wie Fordern oft
leichter ist als Geben, Rufen leichter als Kommen.  Frs andere
knnte manchmal der Weise wohl eine Antwort geben, aber er will
nicht, weil die Frage einfltig ist oder wortwitzig, oder weil sie
zur Unzeit kommt.  Gar oft erkennt man ohne Mhe den einfltigen
Menschen am Fragen und den verstndigen am Schweigen.  Da heisst es
alsdann: Keine Antwort ist auch eine Antwort.  Von dem Doktor Luther
verlangte einst jemand zu wissen, was wohl Gott vor Erschaffung der
Welt die lange, lange Ewigkeit hindurch getan habe.  Dem erwiderte
der fromme und witzige Mann: in einem Birkenwald sei der liebe Gott
gesessen und habe zur Bestrafung fr solche Leute, die unntze
Fragen tun, Ruten geschnitten.



Mancherlei gute Lehren 10


"Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden." Damit entschuldigen
sich viele fahrlssige und trge Menschen, welche ihr Geschft nicht
treiben und vollenden mgen und schon mde sind, ehe sie recht
anfangen.  Mit dem Rom ist es aber eigentlich so zugegangen.  Es haben
viele fleissige Hnde viele Tage lang vom frhen Morgen bis zum
spten Abend unverdrossen daran gearbeitet und nicht abgelassen, bis
es fertig war und der Hahn auf dem Kirchturm stand.  So ist Rom
entstanden!  Was du zu tun hast, mach's auch so!



Mancherlei gute Lehren 11


"Frisch gewagt, ist halb gewonnen." Daraus folgt: "Frisch gewagt,
ist auch halb verloren." Das kann nicht fehlen.  Deswegen sagt man
auch: "Wagen gewinnt, Wagen verliert." Was muss also den Ausschlag
geben?  Prfung, ob man auch die Krfte habe zu dem, was man wagen
will, berlegung, wie es anzufangen sei, Benutzung der gnstigen
Zeit und Umstnde, und hintennach, wenn man sein mutiges A gesagt
hat, ein besonnenes B und ein bescheidenes C.  Aber so viel muss wahr
bleiben: wenn etwas Gewagtes soll unternommen werden und kann nicht
anders sein, so ist ein frischer Mut zur Sache der Meister, und der
muss dich durchreissen.  Aber wenn du immer willst und fangst nie an,
oder du hast schon angefangen, und es reut dich wieder und willst,
wie man sagt, auf dem trockenen Lande ertrinken, guter Freund, dann
ist "schlecht gewagt ganz verloren".



Mancherlei gute Lehren 12


Ende gut, alles gut.  Ist nicht so zu verstehen: wenn du ein Jahr
lang in einem Hause zu bleiben hast, so fhre dich 364 Tage lang
bengelhaft auf, und am 31. Dezember werde manierlich.  Sondern es
gibt Leute, die manierlich sein knnen bis ans Ende, und wenn's
nimmer lang whrt, so werden sie ungezogen, trotzig, sagen: "Ich bin
froh, dass es nimmer lang whrt", und die andern denken's auch.  Fr
diese ist das Sprichwort.

Item, es gibt Dinge, ob sie gut oder bs sind, kann erst das Ende
lehren.  Z.  B.  du bist krank, mchtest gern essen, was dir der Arzt
verbietet, gern auf die Gasse giessen, was du trinken musst, aber du
wirst gesund--oder du bist in der Lehre und meinst manchmal, der
Lehrherr sei wunderlich, aber du wirst durch seine Wunderlichkeit
ein geschickter Weissgerber oder Orgelmacher;--oder du bist im
Zuchthaus, der Zuchtmeister knnte dir wohl die Suppe fetter machen,
aber du wirst durch Wasser und Brot nicht nur gesttigt, sondern
auch gebessert.  Dann lehrt das gute Ende, dass alles gut war.



Merkwrdige Gespenstergeschichte


Verwichenen Herbst fuhr ein fremder Herr durch Schliengen, so ein
schner, braver Ort ist.  Den Berg hinauf aber ging er zu Fuss wegen
den Rossen und erzhlte einem Grenzacher folgende Geschichte, die
ihm selber begegnet ist.

Als der Herr ein halbes Jahr vorher nach Dnemark reiste, kommt er
auf den spten Abend in einen Flecken, wo nicht weit davon auf einer
Anhhe ein sauberes Schlsslein stand, und will ber Nacht bleiben.
Der Wirt sagt, er habe keinen Platz mehr fr ihn, es werde morgen
einer gerichtet, und seien schon drei Scharfrichter bei ihm ber
Nacht.  So erwidert der Herr: "Ich will denn dort in das Schlsslein
gehen.  Der Zwingherr, oder wem es angehrt, wird mich schon
hineinlassen und ein leeres Bett fr mich haben." Der Wirt sagt:
"Manch schnes Bett mit seidenen Umhngen steht aufgeschlagen in den
hohen Gemchern; und die Schlssel hab' ich in Verwahrung.  Aber ich
will es Euch nicht raten.  Der gndige Herr ist schon vor einem
Vierteljahr mit seiner Frau und mit dem Junker auf eine weite Reise
gezogen, und seit der Zeit wten im Schlsslein die Gespenster.  Der
Schlossvogt und das Gesinde konnten nimmer bleiben; und wer seitdem
in das Schlsslein gekommen ist, der geht zum zweiten Mal nimmer
hinein." Darber lchelt der fremde Herr; denn er war ein herzhafter
Mann, der nichts auf die Gespenster hielt, und sagt: "Ich will's
probieren." Trotz aller Widerrede musste ihm der Wirt den Schlssel
geben; und nachdem er sich mit dem Ntigen zu einem Gespensterbesuch
versehen hatte, ging er mit dem Bedienten, so er bei sich hatte, in
das Schloss.  Im Schloss kleidete er sich nicht aus, wollte auch
nicht schlafen, sondern abwarten, was geschieht.  Zu dem Ende stellte
er zwei brennende Lichter auf den Tisch, legte ein Paar geladene
Pistolen daneben, nahm zum Zeitvertreib den Rheinlndischen
Hausfreund, so in Goldpapier eingebunden an einem roten, seidenen
Bndelein unter der Spiegelrahmen hing, und beschaute die schnen
Bilder.  Lange wollte sich nichts spren lassen.  Aber als die
Mitternacht im Kirchturm sich rhrte und die Glocke zwlf schlug,
eine Gewitterwolke zog ber das Schloss weg, und die grossen
Regentropfen schlugen an die Fenster, da klopfte es dreimal stark an
die Tre, und eine frchterliche Gestalt mit schwarzen, schielenden
Augen, mit einer halbellenlangen Nase, fletschenden Zhnen und einem
Bocksbart, zottig am ganzen Leib, trat in das Gemach und brummte mit
frchterlicher Stimme: "Ich bin der Grossherr Mephistopholes.
Willkomm in meinem Palast!  Und habt Ihr auch Abschied genommen von
Frau und Kind?" Dem fremden Herrn fuhr ein kalter Schauer vom
grossen Zehen an ber den Rcken hinauf, bis unter die Schlafkappe,
und an den armen Bedienten darf man gar nicht denken.  Als aber der
Mephistopholes mit frchterlichen Grimassen und hochgehobenen Knien
gegen ihn herkam, als wenn er ber lauter Flammen schreiten msste,
dachte der arme Herr: In Gottes Namen, jetzt ist's einmal so, und
stand herzhaft auf, hielt dem Ungetm die Pistolen entgegen und
sprach: "Halt oder ich schiess'!" Mit so etwas lsst sonst nicht
jedes Gespenst sich schrecken, denn wenn man auch schiessen will, so
geht's nicht los, oder die Kugel fhrt zurck und trifft nicht den
Geist, sondern den Schtz.  Aber Mephistopholes hob drohend den
Zeigfinger in die Hhe, kehrte langsam um und ging mit ebensolchen
Schritten, als er gekommen war, wieder fort.  Als aber der Fremde
sah, dass dieser Satan Respekt vor dem Pulver hatte, dachte er:
Jetzt ist keine Gefahr mehr, nahm in die andere Hand ein Licht und
ging dem Gespenst, das langsam einen Gang hinabschritt, ebenso
langsam nach, und der Bediente sprang, so schnell er konnte, hinter
ihm zum Tempel hinaus und ins Ort, dachte, er wolle lieber bei den
Scharfrichtern ber Nacht sein als bei den Geistern.--Aber auf dem
Gang auf einmal verschwindet der Geist vor den Augen seines khnen
Verfolgers, und war nicht anders, als wre er in den Boden
geschlupft.  Als aber der Herr noch ein paar Schritte weiter gehen
wollte, um zu sehen, wo er hingekommen, hrte auf einmal unter
seinen Fssen der Boden auf, und er fiel durch ein Loch hinab, aus
welchem ihm Feuerglast entgegenkam, und er glaubte selber, jetzt
geh' es an einen andern Ort.  Als er aber ungefhr zehn Fuss tief
gefallen war, lag er zwar unbeschdigt auf einem Haufen Heu in einem
unterirdischen Gewlb.  Aber sechs kuriose Gesellen standen um ein
Feuer herum, und der Mephistopholes war auch da.  Allerlei
wunderbares Gerte lag umher, und zwei Tische lagen gehauft voll
funkelnder Rssleintaler, einer schner als der andere.  Da merkte
der Fremde, wie er daran war.  Denn das war eine heimliche
Gesellschaft von Falschmnzern, so alle Fleisch und Bein hatten.
Diese benutzten die Abwesenheit des Zwingherrn, legten in seinem
Schloss ihre verborgenen Mnzstcke an, und waren vermutlich von
seinen eigenen Leuten dabei, die im Haus Bericht und Gelegenheit
wussten; und damit sie ihr heimlich Wesen ungestrt und unbeschrien
treiben konnten, fingen sie den Gespensterlrmen an, und wer in das
Haus kam, wurde so vergelstert, dass er zum zweiten Mal nimmer kam.
Aber jetzt fand der verwegene Reisende erst Ursache, seine
Unvorsichtigkeit zu bereuen, und dass er den Vorstellungen des Wirts
im Dorf kein Gehr gegeben hatte.  Denn er wurde durch ein enges Loch
hinein in ein anderes finsteres Gehalt geschoben und hrte wohl, wie
sie Kriegsgericht ber ihn hielten und sagten: "Es wird das beste
sein, wenn wir ihn umbringen und danach verlochen." Aber einer sagte
noch: "Wir mssen ihn zuerst verhren, wer er ist, und wie er
heisst, und wo er sich herschreibt." Als sie aber hrten, dass er
ein vornehmer Herr sei und nach Kopenhagen zum Knig reise, sahen
sie einander mit grossen Augen an, und nachdem er wieder in dem
finstern Gewlb war, sagten sie: "Jetzt steht die Sache letz.  Denn
wenn er gemangelt wird, und es kommt durch den Wirt heraus, dass er
ins Schloss gegangen ist und ist nimmer herausgekommen, so kommen
ber Nacht die Husaren, heben uns aus, und der Hanf ist dies Jahr
wohlgeraten, dass ein Strick zum Henken nicht viel kostet." Also
kndigten sie dem Gefangenen Pardon an, wenn er ihnen einen Eid
ablegte, dass er nichts verraten wolle, und drohten, dass sie in
Kopenhagen wollten auf ihn Achtung geben lassen; er musste ihnen auf
den Eid hin sagen, wo er wohne.  Er sagte: "Neben dem Wilden Mann
linker Hand in dem grossen Haus mit grnen Lden." Danach schenkten
sie ihm Burgunderwein ein zum Morgentrunk, und er schaute ihnen zu,
wie sie Rssleintaler prgten bis an den Morgen.  Als aber der Tag
durch die Kellerlcher hinabschien und auf der Strasse die Geisseln
knallten, und der Kuhhirt hrnte, nahm der Fremde Abschied von den
nchtlichen Gesellen, bedankte sich fr die gute Bewirtung und ging
mit frohem Mute wieder in das Wirtshaus, ohne daran zu denken, dass
er seine Uhr und seine Tabakspfeife und die Pistolen habe liegen
lassen.  Der Wirt sagte: "Gottlob, dass ich Euch wieder sehe, ich
habe die ganze Nacht nicht schlafen knnen.  Wie ist es Euch
gegangen?" Aber der Reisende dachte: Ein Eid ist ein Eid, und um
sein Leben zu retten, muss man den Namen Gottes nicht missbrauchen,
wenn man's nicht halten will.  Deswegen sagte er nichts, und weil
jetzt das Glcklein lutete und der arme Snder hinausgefhrt wurde,
so lief alles fort.  Auch in Kopenhagen hielt er nachher reinen Mund
und dachte selber fast nicht mehr daran.  Aber nach einigen Wochen
kam ab der Post ein Kistlein an ihn, und waren darin ein Paar neue,
mit Silber eingelegte Pistolen von grossem Wert, eine neue goldene
Uhr mit kostbaren Demantsteinen besetzt, eine trkische Tabakspfeife
mit einer goldenen Kette daran und eine seidene, mit Gold gestickte
Tabaksblase und ein Brieflein drin.  In dem Brieflein stand: "Dies
schicken wir Euch fr den Schrecken, so Ihr bei uns ausgestanden,
und zum Dank fr Euere Verschwiegenheit.  Jetzt ist alles vorbei, und
Ihr drft es erzhlen, wem Ihr wollt." Deswegen hat's der Herr dem
Grenzacher erzhlt, und das war die nmliche Uhr, die er oben auf
dem Berg herauszog, als es in Hertingen Mittag lutete, und schaute,
ob die Hertinger Uhr recht geht, und sind ihm hernach im Storken zu
Basel von einem franzsischen General 75 neue Dublonen darauf
geboten worden.  Aber er hat sie nicht drum geben.



Merkwrdige Schicksale eines jungen Englnders


Eines Tages reiste ein junger Englnder auf dem Postwagen zum ersten
Mal in die grosse Stadt London, wo er von den Menschen, die daselbst
wohnen, keinen einzigen kannte als seinen Schwager, den er besuchen
wollte, und seine Schwester, so des Schwagers Frau war.  Auch auf dem
Postwagen war neben ihm niemand als der Kondukteur, das ist der
Aufseher ber den Postwagen, der auf alles achthaben und an Ort und
Stelle ber die Briefe und Pakete Red und Antwort geben muss; und
die zwei Reisekameraden dachten damals auch nicht daran, wo sie
einander das nchste Mal wieder sehen wrden.  Der Postwagen kam erst
in der tiefen Nacht in London an.  In dem Posthause konnte der Fremde
nicht ber Nacht bleiben, weil der Postmeister daselbst ein
vornehmer Herr ist und nicht wirtet, und des Schwagers Haus wusste
der arme Jngling in der ungeheuer grossen Stadt bei stockfinsterer
Nacht so wenig zu finden als in einem Wagen voll Heu eine
Stecknadel.  Da sagte zu ihm der Kondukteur: "Junger Herr, kommt Ihr
mit mir!  Ich bin zwar auch nicht hier daheim, aber ich habe, wenn
ich nach London komme, bei einer Verwandten ein Stblein, wo zwei
Betten stehen.  Meine Base wird Euch schon beherbergen, und morgen
knnt Ihr Euch alsdann nach Eures Schwagers Haus erkundigen, wo
Ihr's besser finden werdet." Das liess sich der junge Mensch nicht
zweimal sagen.  Sie tranken bei der Frau Base noch einen Krug
englisches Bier, das noch besser sein soll als das Donaueschinger
oder Sckinger, so doch auch nicht schlecht ist, assen eine
Knackwurst dazu und legten sich dann schlafen.  In der Nacht kam den
Fremden eine Notdurft an, und musst' hinausgehen.  Da war er bler
dran als noch nie.  Denn er wusste in seiner dermaligen
Nachtherberge, so klein sie war, so wenig Bericht, als ein paar
Stunden vorher in der grossen Stadt.  Zum Glck aber wurde der
Kondukteur auch wach und sagte ihm, wie er gehen msse, links und
rechts und wieder links.  "Die Tre", fuhr er fort, "ist zwar
verschlossen, wenn Ihr an Ort und Stelle kommt, und wir haben den
Schlssel verloren.  Aber nehmt in meinem Rockelorsack mein grosses
Messer mit und schiebt es zwischen dem Trlein und dem Pfosten
hinein, so springt inwendig die Falle auf.  Geht nur dem Gehr nach!
Ihr hrt ja die Themse rauschen, und zieht etwas an, die Nacht ist
kalt." Der Fremde erwischte in der Geschwindigkeit und in der
Finsternis das Kamisol des Kondukteurs statt des seinen, zog es an
und kam glcklich an den Platz.  Denn er schlug es nicht hoch an,
dass er unterwegs einmal den Rang zu kurz genommen hatte, so dass er
mit der Nase an ein Eck anstiess und wegen dem hitzigen Bier, so er
getrunken hatte, entsetzlich blutete.  Allein ob dem starken
Blutverlust und der Verkltung bekam er eine Schwche und schlief
ein.  Der nachtfertige Kondukteur wartete und wartete, wusste nicht,
wo sein Schlafkamerad so lange bleibt, bis er auf der Gasse einen
Lrm vernahm; da fiel ihm im halben Schlaf der Gedanke ein: "Was
gilt's, der arme Teufel ist an die Haustre kommen, ist auf die
Gasse hinausgegangen und gepresst worden." Denn wenn die Englnder
viel Volk auf ihre Schiffe brauchen, so gehen unversehens bestellte
starke Mnner nachts in den gemeinen Wirtsstuben, in verdchtigen
Husern und auf der Gasse herum, und wer ihnen alsdann in die Hnde
kommt und tauglich ist, den fragen sie nicht lange: "Landsmann, wer
bist du?" oder "Landsmann, wer seid Ihr?" sondern machen kurzen
Prozess, schleppen ihn--gern oder ungern--fort auf die Schiffe,
und Gott befohlen!  Solch eine nchtliche Menschenjagd nennt man
Pressen; und deswegen sagte der Kondukteur: "Was gilt's, der arme
Teufel ist gepresst worden?"--In dieser Angst sprang er eilig auf,
warf seinen Rockelor um sich und eilte auf die Gasse, um womglich
den armen Schelm zu retten.  Als er aber eine Gasse und zwei Gassen
weit dem Lrmen nachgegangen war, fiel er selber den Pressern in die
Hnde, wurde auf ein Schiff geschleppt--ungern--und den andern
Morgen weiters.  Weg war er.  Nachher kam der junge Mensch im Hause
wieder zu sich, eilte, wie er war, in sein Bette zurck, ohne den
Schlafkameraden zu mangeln, und schlief bis in den Tag.  Unterdessen
wurde der Kondukteur um acht Uhr auf der Post erwartet, und als er
immer und immer nicht kommen wollte, wurde ein Postbedienter
abgeschickt, ihn zu suchen.  Der fand keinen Kondukteur, aber einen
Mann mit blutigem Gewand im Bett liegen, auf dem Gang ein grosses
offenes Messer, Blut bis auf den Abtritt und unten rauschte die
Themse.  Da fiel ein bser Verdacht auf den blutigen Fremdling, er
habe den Kondukteur ermordet und in das Wasser geworfen.  Er wurde in
ein Verhr gefhrt, und als man ihn visitierte und in den Taschen
des Kamisols, das er noch immer anhatte, einen ledernen Geldbeutel
fand mit dem wohlbekannten silbernen Petschaftring des Kondukteurs
am Riemen befestigt, da war es um den armen Jngling geschehn.  Er
berief sich auf seinen Schwager,--man kannte ihn nicht; auf seine
Schwester,--man wusste von ihr nichts.  Er erzhlte den ganzen
Hergang der Sache, wie er selber sie wusste.  Aber die Blutrichter
sagten: "Das sind blaue Nebel, und Ihr werdet gehenkt." Und wie
gesagt, so geschehn, noch am nmlichen Nachmittag nach englndischem
Recht und Brauch.  Mit dem englndischen Brauch aber ist es so: weil
in London der Spitzbuben viele sind, so macht man mit denen, die
gehenkt werden, kurzen Prozess, und bekmmern sich nicht viele Leute
darum, weil man's oft sehen kann.  Die Missetter, soviel man auf
einmal hat, werden auf einen breiten Wagen gesetzt und bis unter den
Galgen gefhrt.  Dort hngt man den Strick in den bsen Nagel ein,
fahrt alsdann mit dem Wagen unter ihnen weg, lsst die schnen
Gesellen zappeln und schaut nicht um.  Allein in England ist das
Hngen nicht so schimpflich wie bei uns, sondern nur tdlich.
Deswegen kommen nachher die nchsten Verwandten des Missetters und
ziehn so lange unten an den Beinen, bis der Herr Vetter oben
erstickt.  Aber unserm Fremdling tat niemand diesen traurigen Dienst
der Liebe und Freundschaft an, bis abends ein junges Ehepaar Arm in
Arm auf einem Spaziergang von ungefhr ber den Richtplatz wandelte
und im Vorbeigehen nach dem Galgen schaute.  Da fiel die Frau mit
einem lauten Schrei des Entsetzens in die Arme ihres Mannes:
"Barmherziger Himmel, da hngt unser Bruder!" Aber noch grsser
wurde der Schrecken, als der Gehenkte bei der bekannten Stimme
seiner Schwester die Augenlider aufschlug und die Augen frchterlich
drehte.  Denn er lebte noch.  (Und das Ehepaar, das vorberging, war
die Schwester und der Schwager.) Der Schwager aber, der ein
entschlossener Mann war, verlor die Besinnung nicht, sondern dachte
in der Stille auf Rettung.  Der Platz war entlegen, die Leute hatten
sich verlaufen, und um Geld und gute Worte gewann er ein paar
beherzte und vertraute Bursche, die nahmen den Gehenkten, mir
nichts, dir nichts, ab, als wenn sie das Recht dazu htten, und
brachten ihn glcklich und unbeschrien in des Schwagers Haus.  Dort
ward er in wenig Stunden wieder zu sich gebracht, bekam ein kleines
Fieber und wurde unter der lieben Pflege seiner getrsteten
Schwester bald wieder vllig gesund.  Eines Abends aber sagte der
Schwager zu ihm: "Schwager!  Ihr knnt nun in dem Land nicht bleiben.
Wenn Ihr entdeckt werdet, so knnt Ihr noch einmal gehenkt werden,
und ich dazu.  Und wenn auch nicht, so habt Ihr ein Halsband an Eurem
Hals getragen, das fr Euch und Eure Verwandten ein schlechter Staat
war.  Ihr msst nach Amerika.  Dort will ich fr Euch sorgen." Das sah
der gute Jngling ein, ging bei der ersten Gelegenheit in ein
vertrautes Schiff und kam nach 80 Tagen glcklich in dem Seehafen
von Philadelphia an.  Als er aber hier an einem landfremden Orte mit
schwerem Herzen wieder an das Ufer stieg, und als er eben bei sich
selber dachte: "Wenn mir doch Gott auch nur einen einzigen Menschen
entgegenfhrte, der mich kennt", siehe, da kam in armseliger
Schiffskleidung der Kondukteur.  Aber so gross sonst die Freude des
unverhofften Wiedersehens an einem solchen fremden Orte ist, so war
doch hier der erste Willkomm schlecht genug.  Denn auf vorstehender
Abbildung kann man sehen: Ziffer 1 den Kondukteur, wie er mit
geballter Faust auf den Ankmmling losgeht; er sagt zu ihm: "Wo
fhrt Euch der Bse her, Ihr verdammter Nachtlufer?  Wisst Ihr, dass
ich wegen Euch bin gepresst worden?" Und Ziffer 2 sieht man den
jungen Englnder, der die Hand auch nicht im Sack hat, der
antwortet: "Goddam, Ihr vermaledeiter berall und Nirgends, wisst
Ihr, dass man wegen Euch mich gehenkt hat?"

Ziffer 3 aber sieht man das Wirtshaus zu den drei Kronen in
Philadelphia.  Dort kamen sie des andern Tages wieder zusammen,
erzhlten sich ihre Schicksale und wurden wieder die besten Freunde;
und der junge Englnder, der in einem Handlungshaus gute Geschfte
machte, ruhte nicht eher, als bis er seinen guten Freund loskaufen
und nach London zurckschicken konnte.  Er selbst wurde in Amerika
ein reicher Kaufmann und wohnt jetzt in der Stadt Washington, in der
verlngerten neuen Herrengasse, Nr. 46.



Merkwrdiges Rechnungsexempel 5


Zwei Schfer auf dem Felde wollten miteinander ihr Abendessen
verzehren; der eine hatte fnf kleine Ziegenkse, der andere drei.
Kommt zu ihnen ein dritter Mann von der Strasse herber.  "Lasst mich
mithalten fr Geld und gute Worte!" Also assen sie selbdritt fnf
und drei, sind acht Kslein, jeder gleichviel.  Hierauf dankt ihnen
der dritte Mann und schenkt ihnen acht Dublonen.

Der eine wollte nach der Anzahl seiner Kse fnf davon behalten und
dem andern geben drei.  Der andere sagte: "So?  der Herr hat uns das
Geld miteinander geschenkt, also gehren jedem vier.  Was deine fnf
Stcke mehr wert sind, will ich dir herausbezahlen." Da sie nicht
einig werden konnten, brachten sie den Handel vor den Richter.  Der
geneigte Leser sinnt nach: welchem von beiden hat der Richter recht
gegeben?  Antwort: Keinem von beiden, sondern er sagt: "Demnach, und
wie ihr mir beide die Sache vorgetragen habt, gehren dem ersten
sieben Dublonen und dem andern eine, und das von Rechts wegen.
Punktum."

Man meint nicht, dass der Urteilsspruch richtig sei, aber es kann
sich nicht fehlen.  Denn wenn man jedes Kslein in drei gleiche Teile
zerschneidet, so viel als Personen waren, so gaben dem ersten seine
5 Kslein 15 Stcke, dem andern seine 3 gaben 9 Stcke, zusammen 24;
davon bekam also ein jeder 8.  Folglich bekam der dritte Mann von den
15 Stcken des ersten 7.  Denn 8 von 15 bleibt 7.  Von den 9 Stcken
des andern aber bekam er nur noch eins. 7 und 1 tut 8.  Also gehrte
auch dem ersten sieben Dublonen von Rechts wegen u
nd dem andern nur
eine.
Der geneigte Leser wird ersucht, hieraus abzunehmen: erstlich, wie
man manchmal meinen kann, ein Richterspruch sei unrecht, weil man
selber nicht weiss, was recht ist; zweitens, wie misslich es sei,
einen Prozess anzufangen, so man auch glaubt, das augenscheinlichste
Recht in den Hnden zu haben.



Merkwrdiges Rechnungsexempel 6


Der Hausfreund will den Herrn Provisern der rheinlndischen
Hausfreundschaft noch ein Rechnungsexempel aufzulsen geben.  Item--
(ein gutes rheinlndisches Rechnungsexempel muss immer mit Item
anfangen und mit Fazit schliessen.) Item der Nachtwchter in
Segringen ging aus und rief die Stunde.  Als er an den Adler kam,
trat der Adlerwirt aus dem Bett an das Fenster.  "Nachtwchter, Ihr
schreit und verfhrt einen Lrmen, dass das halbe Dorf aus dem
Schlaf auffhrt, und doch versteht man Euch nicht.  Auf der Stelle
ruft mir die Stunde noch einmal und deutlich!" Der Nachtwchter
dachte: Soll ich jedem Narren die Stunde besonders rufen?  Ich setze
voraus, dass die Leute schlafen.  Wer heisst Euch wachen?  "Wisst Ihr
was?  Ich will Euch zwei Stunden auf einmal rufen", sagte er zum
Adlerwirt, "damit wir nicht so viel Mhe miteinander haben:

Hrt, Adlerwirt, und lasset Euch sagen;
Die Glocke hat--sie hat geschlagen.
Wenn Ihr die Zahl zur Hlfte brecht,
Den Drittel und den Viertel recht
Dazu addiert, habt Ihr Gewinn.
Es steckt das Ganz' und so viel drin,
Als laut mein unverdrossener Mund
Verknden wird zur nchsten Stund'."

Nmlich das, was die Glocke geschlagen hatte, und was demnach der
Wchter ausrief, ist eine Zahl, die folgende Eigenschaften hat: Wenn
man die Hlfte der Zahl und den dritten Teil und den vierten Teil
der Zahl zusammen addiert, so kommt mehr heraus, als die Zahl selber
ausweist.  Wenn man aber die Zahl selbst, die man zwar noch nicht
weiss, von der addierten Summe abzieht, so bleibt gerade so viel
brig, als der Wchter in der Ordnung rufen muss, wenn er zur
nchsten Stunde wieder kommt.  Diese Zahl wre nach der Regula Falsi
zu rechnen.

Derjenige geneigte rheinlndische Leser, der innerhalb acht Tagen
nach Empfang des Kalenders das Fazit zuerst liefern wird, dessen
Bildnis soll zur Ehrenauszeichnung bei der nchsten Krnungsfeier
oder Feuersbrunst unter den Zuschauern im Kalender abgebildet
werden.



Missverstand


Im neunziger Krieg, als der Rhein auf jener Seite von franzsischen
Schildwachen, auf dieser Seite von schwbischen Kreissoldaten
besetzt war, rief ein Franzose zum Zeitvertreib zu der deutschen
Schildwache herber: "Filu!  Filu!  Das heisst auf gut deutsch:
Spitzbube.  Allein der ehrliche Schwabe dachte an nichts so Arges,
sondern meinte, der Franzose frage: Wieviel Uhr?  und gab gutmtig
zur Antwort: "Halber viuri."



Missverstand


Von drei Schlafkameraden war der eine eben am sssen Einschlummern,
als der zweite zum dritten sprach: "Joachim, was soll das heissen,
dass du seit am Montag nichts mehr mit mir redest, so wir doch unser
Leben lang gute Freunde gewesen sind?  Hast du etwas gegen mich, so
sag's."--Der dritte erwiderte dem zweiten: "Wer mit mir nicht
redet, mit dem rede ich auch nicht, mein guter Bartenstein.  Wie man
in den Wald schreit, so schreit's wider." Darauf sagte der zweite:
"So, du nennst mich mit meinem Zunamen?  Ich kann dich auch mit
deinem Zunamen nennen, mein guter Marbacher.  Wie man in den Wald
schreit, so schreit's auch wider." Der dritte sagte wieder zum
zweiten: "So war's nicht gemeint, Bastian.  brigens halte ich den
Geschlechtsnamen meines seligen Vaters fr keinen Schimpf.  Ich
hoffe, er hat dich als ein ehrlicher Mann zur Taufe gehoben." Darauf
entgegnete der zweite: "Ich den meinigen auch nicht.  Ich hoffe,
deine Mutter hat einen ehrlichen Mann zum Beistand.  Aber man erkennt
etwas daran." Der dritte sagt: "Dein Vater ist ein braver Mann, der
meiner Mutter mit gutem Rat redlich an die Hand geht." Der zweite
sagt: "Dein Vater war auch ein braver Mann und hat mir viel Gutes
erwiesen.  Aber sie redeten miteinander." Der dritte fuhr gegen den
zweiten fort: "Eben darum.  An einem andern htt' es mich nicht
verdrossen, dass du mir den Montag keine Antwort gabst, als ich dich
zum zweiten Mal fragte, warum dich dein Meister fortgejagt hat."
Als endlich der erste des Zwistes mde war, weil er gern htte
schlafen mgen und nicht dazu kommen konnte, fuhr er unwillig auf
und sagte: "Hat jetzt euer Disputat bald ein Ende, oder soll ich
aufstehen und den Wirt holen, dass er Frieden schaffe, oder soll
ich's selber tun?" Dem erwiderte der dritte, weil er am Wort war:
"Seid doch nicht wunderlich, Herr Landsmann, Ihr hrt ja, wir
explizieren uns nur, warum keiner von uns mit dem andern redet."



Mittel gegen Zank und Schlge


Zwei Eheleute nicht weit von Segringen lebten miteinander in Friede
und Liebe, abgerechnet, dass sie bisweilen einen kleinen Wortwechsel
bekamen, wenn der Mann einen Stich hatte.  Alsdann gab ein Wort das
andere.  Das letzte aber gab gewhnlich blaue Flecke.  Zum Beispiel:
"Frau", sagte der Mann, "die Suppe ist wieder nicht genug gesalzen,
und ich hab' dir's doch schon so oft gesagt." Die Frau sagt: "Mir
ist sie so eben recht." Der Mann bekommt etwas Rte im Gesicht.  "Du
unverstndiges Maul, ist das eine Antwort einer Frau gegen ihren
Mann?  Soll ich mich nach dir richten?" Die Frau erwidert: "Draussen
in der Kche ist das Salzfass.  Ein ander Mal koch' dir selber, oder
sieh, wer dir kocht." Der Mann wird flammenrot und wirft der Frau
die Suppe samt dem Teller vor die Fsse.  "Da, friss die Trnke
selber!" Jetzt geht's der Frau auf, wie wenn man ein Stellbrett
aufzieht, und das Wasser fliesst in die Lufe, und alle Mhlenrder
gehn an, und sie berschttet ihn mit Schmhungen und Schimpfnamen,
die kein Mann gern hrt, am wenigsten von einer Frau, am
allerwenigsten von seiner eigenen.  Der Mann aber sagt: "Ich seh'
schon, ich muss dir den Rcken wieder ein wenig blau anstreichen mit
dem hegebuchenen Pinsel."--Solcher Liebkosungen endlich mde, ging
die Frau zu dem Pfarrherrn und klagte ihm ihre Not.  Der Herr
Pfarrer, der ein feiner und kluger junger Mann war, merkte bald,
dass die Frau durch Widersprechen und Schimpfen gegen ihren Mann
selber schuld an seinen Misshandlungen sei.  "Hat Euch mein seliger
Vorfahr nie von dem geweihten Wasser gegeben?" sagte er.  "Kommt in
einer Stunde wieder zu mir!" Unterdessen goss er reines, frisches
Brunnenwasser in ein Flschlein, das ungefhr einen Schoppen hielt,
verssste es mit Zucker und liess ein Trpflein Rosenl darein
trufeln, dass es einen lieblichen Geruch gewann.  "Dieses
Flschlein", sagte er zu ihr, "msst Ihr in Zukunft immer bei Euch
tragen, und so Euer Mann wieder aus dem Wirtshaus kommt und will
Euch Vorwrfe machen, so nehmt ein Schlcklein davon und behaltet's
im Munde, bis er wieder zufrieden ist.  Alsdann wird seine
Wunderlichkeit nie mehr in Zorn ausbrechen, und er wird Euch keine
Schlge mehr geben knnen." Die Frau befolgte den Rat; das geweihte
Wasser bewhrte seine Kraft, und die Nachbarsleute sagten oft
zusammen: "Unsere Nachbarn sind ganz anders geworden.  Man hrt
nichts mehr."--Merke!



Mohammed


Dem Mohammed wollten es anfnglich nicht alle von seinen Landsleuten
glauben, dass er ein Prophet sei, weil er noch kein Wunder getan
hatte wie Elias.  Dazu sagte Mohammed ganz gleichgltig, wie einer,
der eine Pfeife Tabak raucht und etwas dazu redet, "das Wunder",
sagte er, "macht den Propheten noch nicht aus.  Wenn ihr's aber
verlangt, so werden ich und jener Berg dort geschwind beieinander
sein." Nmlich, er deutete auf einen Berg, der eine Stunde weit oder
etwas entfernt war, und rief ihm mit gebietender Stimme, dass der
Berg sich soll von seiner Sttte erheben und zu ihm kommen.  Als aber
dieser keine Bewegung machen und keine Antwort geben wollte, wiewohl
keine Antwort ist auch eine, so ergriff Mohammed sanftmtig seinen
Stab und ging zum Berg, womit er ein merkwrdiges und
nachahmungswertes Beispiel gab, auch fr solche Leute, die keine
Propheten zu sein verlangen, nmlich, dass man dasjenige, was man
selbst tun kann, nicht von einem wunderbaren Verhngnis oder von
Zeit und Glck oder von andern Menschen verlangen soll.  Z.B. hast
du etwas Notwendiges und Wichtiges mit jemand zu reden, so warte
nicht, bis er zu dir kommt.  Weit geschwinder und vernnftiger gehst
du zu ihm.  Ein hbscher Kirschenbaum in dem Garten wre eine schne
Sache.  Das Pltzchen schickte sich dazu.  Warte nicht, bis er selber
wchst, sondern setze einen.  Ferner, ein Abzugsgraben, ein guter Weg
durch das Dorf, wenigstens ein trockener Fussweg, ein Gelnder am
Wasser oder an einem schmalen Steg, damit die Kinder nicht
hineinfallen, kommt viel geschwinder zustande, wenn man ihn macht,
als wenn man ihn nicht macht.  Man sollte nicht glauben, dass es
Leute gibt, denen erst ein arabischer Prophet oder ein
Kalenderschreiber so etwas muss begreiflich machen.

Selbst der Kalenderschreiber, der doch einem Propheten nicht viel
nachgibt,--es liesse sich noch ein Wort mehr sagen,--verlangt
nicht, dass das alte Jahr fortdauern soll, bis der neue Kalender
fertig ist, sondern er schreibt den neuen, wenn das alte noch
whret.

Summa Summarum:

Schick dich in die Welt hinein,
Denn dein Kopf ist viel zu klein,
Dass die Welt sich schick' in ihn hinein.



Moses Mendelssohn


Moses Mendelssohn war jdischer Religion und Handlungsbedienter bei
einem Kaufmann, der das Pulver nicht soll erfunden haben.  Dabei war
er aber ein sehr frommer und weiser Mann und wurde daher von den
angesehensten und gelehrtesten Mnnern hochgeachtet und geliebt.  Und
das ist recht.  Denn man muss um des Bartes willen den Kopf nicht
verachten, an dem er wchst.  Dieser Moses Mendelssohn gab unter
anderm von der Zufriedenheit mit seinem Schicksal folgenden Beweis.
Denn als eines Tages ein Freund zu ihm kam und er eben an einer
schweren Rechnung schwitzte, sagte dieser: "Es ist doch schade,
guter Moses, und ist unverantwortlich, dass ein so verstndiger
Kopf, wie Ihr seid, einem Manne ums Brot dienen muss, der Euch das
Wasser nicht bieten kann.  Seid Ihr nicht am kleinen Finger
gescheiter, als er am ganzen Krper, so gross er ist?" Einem andern
htt' das im Kopf gewurmt, htte Feder und Tintenfass mit ein paar
Flchen hinter den Ofen geworfen und seinem Herrn aufgekndigt auf
der Stelle.  Aber der verstndige Mendelssohn liess das Tintenfass
stehen, steckte die Feder hinter das Ohr, sah seinen Freund ruhig an
und sprach zu ihm also: "Das ist recht gut, wie es ist, und von der
Vorsehung weise ausgedacht.  Denn so kann mein Herr von meinen
Diensten viel Nutzen ziehen und ich habe zu leben.  Wre ich der Herr
und er mein Schreiber, ihn knnte ich nicht brauchen."



Pieve


Jedermann kennt die Bilder- und Landkartenhndler, die im Land herum
ihre Waren, Bildnisse von Heiligen, Bildnisse von Kaisern und
Knigen und Kriegsschaupltzen feil tragen.  Aber fr manchen kommen
sie wie die Storken ins Land, das heisst, er weiss nicht, woher sie
kommen.  Von Pieve kommen sie, im Kanton Tessino, im Welschtirol, und
dieses Pieve dient zum Beweistum, was aus einem armen Dorfe werden
kann, wenn auf unverdrossene und sparsame Vter ebenso brave Shne
und Enkel folgen.  Und deswegen ist an einem solchen Bildermann mehr
zu sehen als an seinen Bildern allen.  Pieve hat eine unfruchtbare
Gemarkung.  Der Boden nhrt seine Einwohner nicht.  Lange behalfen
sich daher die armen Leute mhsam und kmmerlich mit einem Handel
von Feuersteinen, der eben nicht viel eintrug.  Als aber der Besitzer
der berhmten Buch- und Kupferstichhandlung Remondini in Bassano
sah, wie unverdrossen und fleissig diese Leute waren, so vertraute
er ihnen anfangs schlechte, alsdann immer bessere Kupferstiche und
Helgen an, um damit einen bessere Handel zu treiben.  Damit
durchzogen sie nun Tirol, die Schweiz und das angrenzende
Deutschland, und es ging schon besser.  Sie hatten an den gemalten
Kaisern und Knigen, Propheten und Aposteln selber mehr Freude als
an den plumpen Feuersteinen.  Sie trugen auch leichter daran und
hatten mehr Gewinn.  Bald brachten sie es so weit, dass sie den
Kupferstichhandel aus dem Fundament verstanden und mit eigenem Gelde
treiben konnten.  Und was fast unglaublich ist, sie bildeten in
kurzer Zeit stehende Handelsgesellschaften in Augsburg, Strassburg,
Amsterdam, in Hamburg, Lbeck, Kopenhagen, Stockholm, Warschau und
Berlin.  In allen diesen und noch mehrern Stdten sind sie jahraus
jahrein mit grossen Vorrten von sehr kostbaren Kupferstichen und
Landkarten zu finden.  Ja, eine Gesellschaft kam sogar bis nach
Tobolsk in Asien, und eine andere, welche aber missglckte, bis nach
Philadelphia in Amerika, lauter Leute aus dem armen Drflein Pieve.
Neben diesen stehenden Bilderhandlungen aber durchwandern noch viele
andere von ihnen alle Lnder von Europa, besonders Deutschland,
Polen, Preussen, Holland, Dnemark, Schweden, Russland, England und
Frankreich.  Alle Mannsleute in Pieve kennen diesen Handel und
beschftigen sich damit.  Vor der franzsischen Revolution, als ihre
Geschfte am glcklichsten vonstatten gingen, war zur Zeit des
Sommers ausser Kindern und alten Greisen keine mnnliche Person
daheim, aber alle kamen mit wohlerworbenem Gewinn zurck.  Die Weiber
trieben unterdessen den Feldbau.  Seit der Revolution und des Kriegs
an allen Enden und Orten hat dieser lebhafte Handel sehr gelitten.
Dennoch hat noch jede Familie von Pieve unaufhrlich einen Mann auf
der Reise.  Schon in der frhen Jugend begleitet der Sohn den Vater
auf seinen Zgen, und wird dieser alt, so berlsst er dem Sohn das
Geschft und bringt seine Jahre daheim in Ruhe und Wohlstand und mit
Ehren zu.

Das sind nun die Bilderhndler von Pieve.  Der Rheinische Hausfreund
kennt fast alle, die am Rhein auf und ab auf den Strassen sind und
zieht vor jedem den Hut ab.



Reise nach Frankfurt


Zu ehemaligen Reichszeiten bestand auch ein grosses
Reichskammergericht zu Wetzlar, welches noch manchem geneigtem Leser
in teuerem und wertem Andenken sein kann, wenigstens in teuerem.

Viel weltberhmte Rechtsgelehrte, Advokaten und Schreiber sassen
dort von Rechts wegen beisammen.  Wer daheim einen grossen Prozess
verloren hatte, an dem nichts mehr zu sieden und zu braten war,
konnte ihn in Wetzlar noch einmal anbrhen lassen und noch einmal
verlieren.  Mancher hessische, wrttembergische und badische Batzen
ist dorthin gewandelt und hat den Heimweg nimmer gefunden.

Als aber im Jahr 1806 der grosse Schlag auf das deutsche Reich
geschah, strzte auch das Reichskammergericht zusammen, und alle
Prozesse, die darin lagen, wurden totgeschlagen, maustot, und keiner
gab mehr ein Zeichen von sich, ausgenommen im Jahr 1817 in Gera in
Sachsenland hat einer wieder gezuckt.

Ein Leinwandweber daselbst liest in der Dresdner Zeitung, dass der
Bundestag in Frankfurt sich mit dem Unterhalt der Angehrigen des
Reichskammergerichts lebhaft beschftige.  Nmlich, dass der
Bundestag fr den Unterhalt und die Schadloshaltung der Rte,
Advokaten und Schreiber sorgen wollte, welche seit 1806 keinen Sold
mehr zogen und nichts mehr zu verdienen hatten, ob sie gleich
tglich, wie die andern, Mittag luten hrten und schne Schilde
sahen an den Wirtshusern.

Auf dem Speicher des Leinewebers aber fing es auf einmal an in den
Akten zu rauschen, fast wie in den Totenbeinen, von welchen der
Prophet Ezechiel schreibt.  Der Leineweber glaubte nmlich nichts
anders, als das Reichskammergericht habe nur einen neuen Rock
angezogen und heisse nun Bundestag, und der Bundestag habe nichts
Wichtigeres zu tun, als die alten Prozesse, wenigstens seinen,
wieder anzuzetteln.

Also liess er sich einen guten Pass nach Frankfurt schreiben, und
mit Akten schwer beladen trat er die lange Reise an.  Als er aber in
Frankfurt angekommen war, war sein erstes, er fragte die Schildwache
am Tor, wo der Bundestag sich angesetzt habe in Frankfurt.  Die
Schildwache erwiderte, sie stehe da so nebendraus und erfahre nicht
viel, was im Innern der Stadt geschehe.  Ihres Wissens aber, seit sie
dastehe, seie kein Bundestag einpassiert.  Da fing der Leineweber im
Fortgehen an sich zu betrben und zu ergrimmen: "O Deutsche, sagte
er in seinem Innern, .wie tief seid ihr gesunken!  Ein Deutscher zu
sein, noch dazu eine Frankfurter Schildwache, und nichts vom
Bundestag wissen!" "Guter Freund", sagte er zu einem Vorbeigehenden,
"knnt Ihr mir auch nicht sagen, wo der Bundestag sein Wesen hat?"
Der Vorbergehende konnte es auch nicht sagen.  "O Patriotismus",
fuhr er mit sich selber fort, "wohin bist du verschwunden?" Fast
msse man sich schmen, ein Deutscher zu heissen, wenn man nicht
unter seinesgleichen wre.

"Guter Freund", redete er einen Dritten an, "wisst auch Ihr nicht,
wo hier der Bundestag einquartiert ist?"--"Lieber guter Mann",
entgegnete der Dritte, "hier ist kein Bundestag einquartiert.  Hier
ist Frankfurt an der Oder.  Der Bundestag ist in Frankfurt am Main."
- Der wohlerfahrene Leser weiss nmlich zum voraus schon, dass es
zwei Frankfurt gibt, die nicht weniger als 66 Meilen voneinander
entfernt sind, und der Leineweber war im unrechten.  "Ihr habt
brigens nur noch 66 Meilen nach Frankfurt", fuhr der Dritte fort,
"und wenn Ihr da her seid, wo Ihr sagt, so seid Ihr ber hier nur 63
Meilen weit umgegangen." "Das ist jetzt ein Tun", sagte der
Leineweber.  "Hab' ich A gesagt, so will ich auch B sagen.

Zwanzigtausend Taler sind Geld, ohnehin bin ich es meinem seligen
Grossvater schuldig.  Hat er den Prozess angefangen und ist ein armer
Mann daran geworden, so ist es meine Schuldigkeit, dass ich ihn
fortsetze und wieder reich werde." "Ha ha", sagte der Dritte, "was
gilt's, das sind Akten, die Ihr da aufgepackt habt und fast drunter
zusammenbrecht?"--"Es sind auch noch ein wenig Lebensmittel dabei",
versetzte der Weber in kleinmtiger Stimme, "aber nimmer viel." Der
geneigte Leser fngt an, einigen Spass an der Sache zu finden.  Von
hier an aber bis nach Frankfurt am Main geht die Reise etwas langsam
von statten.  Derselbe darf herzhaft einstweilen noch ein gutes
Pfeiflein stopfen, wiewohl er kann zum voraus sehen, wie alles gehen
und enden wird.  Denn die Chronik will wissen, dass, als einst die
Phnizier erforschen wollten, ob der grosse Weltteil Afrika zu
Wasser knne umfahren werden, rechneten sie die erforderliche Zeit
der Reise auf ungefhr zwei Jahre; gleichwohl, als sie hinter
gypten in dem Roten Meere sich einschifften, der bibelfeste Leser
kennt's von Moses' Zeiten her, nahmen sie nicht sonderlich viel
Lebensvorrat mit, aber etwas Ackergerte.  Sahen sie nun, dass die
Lebensmittel bald zu Ende gehen wollten, stiegen sie an das Land,
sten von Getreide und Gemsegattungen, was die Jahreszeit mit sich
brachte, wiewohl in Afrika ist fast immer Sommer und ein schneller,
krftiger Trieb in allem Wachstum.  Alsdann warteten sie die Reifung
ab und brachten jedes Mal nach wenigen Wochen einen neuen Vorrat in
das Schiff und zogen wieder weiter, kamen auch richtig nach zwei
Jahren wieder zum Vorschein durch die Meerenge von Gibraltar hinein,
die der zeitungskundige Leser ebenfalls noch kennt von General
Elliots Zeiten her, dessen Andenken noch bis auf diese Stunde auf
Tabakspapieren gefeiert wird.  Also auch der Weber auf seiner langen
Reise wusste sich zu helfen, wenn Geld und Vorrat zu Ende war;
"Kunst bettelt nicht", sagte er zu sich selbst im stolzen Gefhl,
"Kunst geht nach Brot." Demnach, wenn er mittags oder abends in
einem Stdtlein oder Flecken eintraf, erkundigte er sich nach einem
Zunftgenossen, und "habt Ihr nichts fr mich zu weben", redet er den
Meister an, "um Atzung und um einiges Zehrgeld?" Stellte ihn nun der
Meister ein, so blieb er einige Tage bei ihm, bis er sich
ausgefttert und wieder einige Batzen verdient hatte, und webte sich
solchergestalt glcklich an dem Main hinauf und nach Frankfurt.  In
Frankfurt pochte ihm das Herz hoch vor Freuden, dass er nun an dem
Ziele seiner Reise sei und so nahe an seiner Geldquelle, die er
jetzt nur anbohren drfe, und als er in die Bundeskanzlei kam,
gleich in der vordersten Stube, wo die Herrn sitzen, die am
schnsten schreiben knnen, grsste er sie freundlich und vertraut.
"Findet man euch endlich einmal", sagte er, "und seid ihr jetzt
hier?" Einer von den Herrn, der Vornehmste von ihnen, nimmt die
Feder aus dem Mund und legt sie auf den Tisch.  "Wir sind noch
niemand aus dem Weg gegangen", sagte er, "und was habt Ihr hier zu
schaffen?  Was bringt Ihr Neues, Viereckigtes in Eurem Hngkorb?  Eine
Bundeslade?  Es fehlt uns noch eine." "Spass", erwiderte der Weber,
"meinen Prozess von Anno eintausendsiebenhundertsiebenundsechzig."--
Es ist nunmehr nichts weiter an der Sache zu erzhlen.  Natrlich
nahm sich niemand seines Prozesses an, weil der Bundestag sich mit
Prozessen nicht gemein macht, und die lange, beschwerliche Reise war
umsonst getan.  Die Erzhlung nimmt daher ein kahles Ende, der
Hausfreund fhlt es.  Fast soll er noch was anschiften.  Statt dessen
aber will er hieneben eine Abbildung des Leinewebers stiften, wie er
auf der Heimreise einmal ausruht und eine Standrede hlt.

"Es ist mir in diesen sechs Wochen vieles klar geworden", sagte er.
"Man muss einem deutschen Manne nicht sogleich Vorwrfe machen, wenn
er in Vaterlandssachen ein wenig unwissend und kaltsinnig ist.  Denn
man ist selber einer.  Was siehest du aber den Splitter in deines
Bruders Auge?  Lerne zuerst selber und werde warm.  Den guten Leuten
in Frankfurt an der Oder ist von mir Tort geschehen.  In Frankfurt am
Main aber mir.

Wenn ihr in der Zeitung etwas leset oder im Plakat oder im
Kruterbuch, und versteht es nicht, lasst euch raten, achtbare
Zuhrer, und geht um verstndige Belehrung aus, ehe ihr etwas
unternehmet, besonders wenn es ein Prozess ist.

Der beste Prozess ist ein schlechter, und auf dem Lager bessert er
sich nicht.  Der Habich ist besser als der Httich.  Friede ernhrt,
Unfriede zerstrt.

Und nun, geliebte Akten, die ich jetzt hier ablege, gehabt euch wohl
und seid dem Mann empfohlen, der euch finden und vielleicht
glcklicher mit euch sein wird als ich."

Indem er aber die Akten absetzen wollte, klopft ihm von hinten her
ein Mann auf die Achsel, der auch desselben Wegs ging.  (Man sieht
ihn aber kaum auf der Abbildung, nichtsdestoweniger ist's der
Gewrzkrmer aus dem nchsten Stdtlein--) "Guter Freund", sagte er,
"mit wem redet Ihr da so allein?" "Mit niemand", erwiderte der
Weber, "wenn Ihr mir aber meinen Prozess abkaufen wollt, mit Euch.
Lupft ihn einmal!  Was gebt Ihr mir dafr?" Der Mann sagte:

"Anderthalb Kreuzer fr das Pfund, wenn das Papier daran gut ist.
Kommt mit mir." Also verkaufte er dem Gewrzhndler die Akten fr
einen Gulden vierundzwanzig Kreuzer, die vollends zum Rest der Reise
hinreichten, und kam mit leerem Korb und Beutel wieder in der Heimat
an.  "An meine Frankfurter Reise", sagte er, "will ich denken.
Diesmal in Frankfurt gewesen."



Rettung einer Offiziersfrau


Es muss manchmal recht wild und blutig in der Welt hergehen, dass
die edle Denkungsart eines Menschen bekannt werde, den man nicht
drum ansieht.

In Tirol, wo es whrend des letzten Krieges recht wild und blutig
herging, da hatten sie eben einen bayerischen Stabsoffizier
ermordet, und mit noch blutigen Sbeln und Mistgabeln drangen sie in
das Gemach, wo seine Gattin mit ihrem Kind in dem Schoss weinte und
ihr Leid Gott klagte, und wollten sie auch ermorden.  "Ja", fuhr sie
einer von ihnen wtend an und war der allerrgste, "fr Eurer Leben
gibt es kein Lsegeld, und Euer Brschlein da hat auch bayerisch
Blut in den Adern.  In einer Stunde msst Ihr sterben, zuerst Euer
kleiner Sadrach, hernach Ihr.--Lasst ihr eine Stunde Zeit", sagte
er zu den andern, "dass sie noch beten kann; sie ist eine
katholische Christin."

Nach einer Viertelstunde aber, als sie allein war und betete, kam er
wieder und sagte: "Gndige Frau, Ihr kennt mich noch, so bitte ich
Euch, Ihr wollt ob mir nicht erschrecken und nicht in Bsem
aufnehmen, was ich in guter Meinung gesagt habe.  Gebt mir Euer Kind
unter den Mantel, so will ich es retten und zu meiner Mutter
bringen, und zieht unterdessen dieses Plunder an", das er unter dem
Mantel hervorzog, "so will ich's probieren, ob ich Euch mit Gottes
und unserer Frauen Hilfe auch kann retten." Als er das Kind in
Sicherheit gebracht hatte und wieder kam, stand sie schon da
angekleidet wie ein Tiroler.  Da drckte er ihr den schlappen Hut
recht ins Gesicht, richtete ihr den Hosentrger besser zurecht und
gab ihr seine Mistgabel in die Hand, als wenn sie auch ein Rebeller
wre und zu den Leibgardisten und Hellebardieren des Sandwirt Hofers
gehrte.  "Kommt denn jetzt", sagte er, "in Gottes Namen, und tretet
herzhaft auf, wenn Ihr hinaus kommt, und macht Euch ein wenig
breit." Als sie aber miteinander die Treppe hinabgingen, kamen die
andern wieder, und: "Hast du ihr den Treff schon gegeben, Seppel?"
fragte ihn einer.  Da sagte er: "Nein, sie hat die Tre zugeschlossen
und gebetet.  Jetzt kann sie fertig sein.  Ich hab' sie durchs
Schlsselloch gesehen, und sie stand eben auf, als ich durchsah."
Also ging er mit ihr die Treppe hinab, und die andern strmten an
ihr vorbei, die Treppe hinauf, und whrend sie vor der
verschlossenen Tre lrmten und pochten und in das leere Gemach
hinein riefen: "Seid Ihr bald fertig?  Die Tre soll bald eingetreten
sein", brachte er sie auch zu seiner Mutter und gab ihr ihr Kindlein
wieder, und das Kindlein lchelte, aber sie weinte und drckte es
brnstig an ihr Gesicht und an ihren Busen.  Also hatte sie der edle
Tiroler glcklich und mit Gottes Hilfe aus den Hnden ihrer Mrder
errettet und hat sie hernach die Nacht hindurch auf heimlichen Wegen
fortgefhrt und bis an ein bayerisch Pikett gebracht, als eben die
Sonne aufging.  Auf nebenstehender Figur kann man sehen, wie die
Sonne eben aufgeht, indem er sie ihren Landsleuten bergibt und
nichts annehmen will fr seine Wohltat und fr seine Mhe, als ein
Trnklein Bier.  Nro. 1 ist der Seppel und Nro. 2 die Offiziersfrau.



Rettung vom Hochgericht


Eines Tages sagte zu sich selbst ein einfltiger Mensch: "Dumm bin
ich; wenn ich mich nun auf pfiffige Streiche lege, so wird kein
Mensch vermuten, dass ich's bin." Also legte er sich aufs Stehlen.
Aber schon nach dem ersten Diebstahl wurde er als Tter entdeckt und
berwiesen, weil er die goldene Uhr, die er gestohlen hatte, selber
trug und alle Augenblicke herauszog.  Einige Ratsherrn meinten, man
knnte wegen seiner Einfalt etwas glimpflicher mit ihm verfahren als
mit andern und ihn auf ein Jahr oder etwas ins Zuchthaus schicken.
"So?" sagten die andern, "ist's nicht genug, dass so viele
verschmitzte Halunken das saubere Handwerk treiben?  Soll man fr die
dummen auch noch Prmien aussetzen, damit alles stiehlt?" und sechs
gegen fnf sagten: Er muss an den Galgen.  Auf der Leiter, als ihm
der Henker den Hals visitierte, sagte er zu ihm: "Guter Freund, Ihr
habt's ziemlich dick da herum sitzen, noch dicker als hinter den
Ohren.  Fast htt' ich einen lngern Strick nehmen sollen." Denn
wirklich war dem armen Schelm das Kinn ziemlich stark mit dem Hals
verwachsen, und als der Henker den Strick ohnehin ungeschickt
angebracht hatte und den armen Snder von der Leiter hinabstiess,
glitschte dieser mit dem Kopf aus der Schlinge heraus und fiel
unversehrt herab auf die Erde.  Einige Zuschauer lachten, aber der
grsste Teil erschrak und tat einen lauten Schrei, als ob sie
frchteten, es mchte dem Malefikanten, den sie doch wollten sterben
sehn, etwas am Leben schaden.  Aber der Henker stand einige
Augenblicke wie versteinert oben auf dem Seigel und sagte endlich:
"So etwas ist mir in meinem Leben noch nie passiert." Da sagte der
Malefikant unten auf der Erde kaltbltig und mit gequetschter
Stimme: "Mir auch nicht", und alle, die es hrten, vergassen die
Ernsthaftigkeit einer Hinrichtung, und dass auf dem Weg ber das
Hochgericht ein armes, verschuldetes Gewissen an seinen ewigen
Richter abgeliefert wird, und mussten lachen.  Der Blutrichter selber
hielt das Schnupftuch vor den Mund und sah auf die Seite.  Die
glimpflichern Ratsherren aber ermahnten die strengern: "Lasst jetzt
den armen Ketzer laufen.  Am Galgen ist er gewesen, und mehr habt ihr
nicht verlangt, und Todesangst hat er ausgestanden." Also liessen
sie den armen Ketzer laufen.



Schlechter Gewinn


Ein junger Kerl tat vor einem Juden gewaltig gross, was er fr einen
sichern Hieb in der Hand fhre, und wie er eine Stecknadel der Lnge
nach spalten knne mit einem Zug.  "Ja, gewiss, Mauschel Abraham",
sagte er, "es soll einen Siebzehner gelten, ich haue dir in freier
Luft das Schwarze vom Nagel weg auf ein Haar und ohne Blut." Die
Wette galt, denn der Jude hielt so etwas nicht fr mglich, und das
Geld wurde ausgesetzt auf den Tisch.  Der junge Kerl zog sein Messer
und hieb und verlor's, denn er hieb dem armen Juden in der
Ungeschicklichkeit das Schwarze vom Nagel und das Weisse vom Nagel
und das vordere Gelenk mit einem Zuge rein von dem Finger weg.  Da
tat der Jude einen lauten Schrei, nahm das Geld und sagte: "Au weih,
ich hab's gewonnen!"

An diesen Juden soll jeder denken, wenn er versucht wird, mehr auf
einen Gewinn zu wagen, als derselbe wert ist.

Wie mancher Prozesskrmer hat auch schon so sagen knnen!  Ein
General meldete einmal seinem Monarch den Sieg mit folgenden Worten:
"Wenn ich noch einmal so siege, so komme ich allein heim." Das
heisst mit andern Worten auch: "O weih, ich hab's gewonnen!"



Schlechter Lohn


Als im letzten Krieg der Franzos nach Berlin kam, in die
Residenzstadt des Knigs von Preussen, da wurde unter anderm viel
knigliches Eigentum weggenommen und fortgefhrt oder verkauft.  Denn
der Krieg bringt nichts, er holt.  Was noch so gut verborgen war,
wurde entdeckt und manches davon zur Beute gemacht, doch nicht
alles.  Ein grosser Vorrat von kniglichem Bauholz blieb lange
unverraten und unversehrt.  Doch kam zuletzt noch ein Spitzbube von
des Knigs eigenen Untertanen, dachte: Da ist ein gutes Trinkgeld zu
verdienen und zeigte dem franzsischen Kommandanten mit
schmunzelnder Miene und spitzbbischen Augen an, was fr ein schnes
Quantum von eichenen und tannenen Baustmmen noch da und da
beisammen liege, woraus manch Tausend Gulden zu lsen wre.  Aber der
brave Kommandant gab schlechten Dank fr die Verrterei und sagte:
"Lasst Ihr die schnen Baustmme nur liegen, wo sie sind.  Man muss
dem Feind nicht sein Notwendigstes nehmen.  Denn wenn Euer Knig
wieder ins Land kommt, so braucht er Holz zu neuen Galgen fr so
ehrliche Untertanen, wie Ihr einer seid."

Das muss der Rheinlndische Hausfreund loben und wollte gern aus
seinem eigenen Wald ein paar Stammeln auch hergeben, wenn's fehlen
sollte.



Schreckliche Unglcksflle in der Schweiz


[Hat jede Gegend ihr Liebes, so hat sie auch ihr Leides, und wer
manchmal erfhrt, was an andern Orten geschieht, findet wohl
Ursache, zufrieden zu sein mit seiner Heimat.  Hat z.  B.  die Schweiz
viel herdenreiche Alpen, Kse und Butter und Freiheit, so hat sie
auch Lawinen.] Der zwlfte Dezember des vergangenen Winters brachte
fr die hohen Bergtler der Schweiz eine frchterliche Nacht und
lehrt uns, wie ein Mensch wohl tglich Ursache hat, an das
Sprchlein zu denken "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod
umfangen." Auf allen hohen Bergen lag ein tiefer, frisch gefallener
Schnee.  Der zwlfte Dezember brachte Tauwind und Sturm.  Da dachte
jedermann an grosses Unglck und betete.  Wer sich und seine Wohnung
fr sicher hielt, schwebte in Betrbnis und Angst fr die Armen, die
es treffen wird, und wer sich nicht fr sicher hielt, sagte zu
seinen Kindern: "Morgen geht uns die Sonne nimmer auf", und
bereitete sich zu einem seligen Ende.  Da rissen sich auf einmal und
an allen Orten von den Firsten der hchsten Berge die Lawinen oder
Schneeflle los, strzten mit entsetzlichem Tosen und Krachen ber
die langen Halden herab, wurden immer grsser und grsser, schossen
immer schneller, toseten und krachten immer frchterlicher und
jagten die Luft vor sich her so durcheinander, dass im Sturm, noch
ehe die Lawine ankam, ganze Wlder zusammenkrachten und Stlle,
Scheuern und Waldungen wie Spreu davonflogen, und wo die Lawinen
sich in den Tlern niederstrzten, da wurden stundenlange Strecken
mit allen Wohngebuden, die darauf standen, und mit allem
Lebendigen, was darin atmete, erdrckt und zerschmettert, wer nicht
wie durch ein gttliches Wunder gerettet wurde.

Einer von zwei Brdern in Uri, die miteinander hauseten, war auf dem
Dach, das hinten an den Berg anstosst, und dachte: Ich will den
Zwischenraum zwischen dem Berg und dem Dchlein mit Schnee ausfllen
und alles eben machen, auf dass, wenn die Lawine kommt, so fahrt sie
ber das Huslein weg, dass wir vielleicht--und als er sagen
wollte: dass wir vielleicht mit dem Leben davonkommen--da fhrte
ihn der pltzliche Windbraus der vor der Lawine hergeht, vom Dach
hinweg und hob ihn schwebend in der Luft, wie einen Vogel ber einem
entsetzlichen Abgrund.  Und als er eben in Gefahr war, in die
unermessliche Tiefe hinabzustrzen, und wre seines Gebeins nimmer
gefunden worden, da streifte die Lawine an ihm vorbei und warf ihn
seitwrts an eine Halde.  Er sagt, es habe ihm nicht wohlgetan, aber
in der Betubung umklammerte er noch einen Baum, an dem er sich
festhielt, bis alles vorber war, und kam glcklich davon und ging
wieder heim zu seinem Bruder, der auch noch lebte, obgleich der
Stall neben dem Huslein wie mit einem Besen weggewischt war.  Da
konnte man wohl auch sagen: "Der Herr hat seinen Engeln befohlen
ber dir, dass sie dich auf den Hnden tragen.  Denn er macht
Sturmwinde zu seinen Booten und die Lawinen, dass sie seine Befehle
ausrichten."

Anders erging es im Sturnen, ebenfalls im Kanton Uri.  Nach dem
Abendsegen sagte der Vater zu der Frau und den drei Kindern: "Wir
wollen doch auch noch ein Gebet verrichten fr die armen Leute, die
in dieser Nacht in Gefahr sind." Und whrend sie beteten, donnerte
schon aus allen Tlern der ferne Widerhall der Lawinen, und whrend
sie noch beteten, strzte pltzlich der Stall und das Haus zusammen.
Der Vater wurde vom Sturmwind hinweggefhrt, hinaus in die
frchterliche Nacht, und unten am Berg abgesetzt und von dem
nachwehenden Schnee begraben.  Noch lebte er; als er aber den andern
Morgen mit unmenschlicher Anstrengung sich hervorgegraben und die
Sttte seiner Wohnung wieder erreicht hatte und sehen wollte, was
aus den Seinigen geworden sei, barmherziger Himmel!  da war nur
Schnee und Schnee und kein Zeichen einer Wohnung, keine Spur des
Lebens mehr wahrzunehmen.  Doch vernahm er nach langem, ngstlichem
Rufen, wie aus einem tiefen Grab, die Stimme seines Weibes unter dem
Schnee herauf.  Und als er sie glcklich und unbeschdiget
hervorgegraben hatte, da hrten sie pltzlich noch eine bekannte und
liebe Stimme: "Mutter, ich wre auch noch am Leben," rief ein Kind,
"aber ich kann nicht heraus." Nun arbeitete Vater und Mutter noch
einmal und brachten auch das Kind hervor, und ein Arm war ihm
gebrochen.  Da ward ihr Herz mit Freude und Schmerzen erfllt, und
von ihren Augen flossen Trnen des Dankes und der Wehmut.  Denn die
zwei andern Kind wurden auch noch herausgegraben, aber tot.
In Pilzeig, ebenfalls im Kanton Uri, wurde eine Mutter mit zwei
Kindern fortgerissen und unten in der Tiefe vom Schnee verschttet.

Ein Mann, ihr Nachbar, den die Lawine ebenfalls dahin geworfen
hatte, hrte ihr Wimmern und grub sie hervor.  Vergeblich war das
Lcheln der Hoffnung in ihrem Antlitz.  Als die Mutter halb nackt
umherschaute, kannte sie die Gegend nicht mehr, in der sie war.  Ihr
Retter selbst war ohnmchtig niedergesunken.  Neue Hgel und Berge
von Schnee und ein entsetzlicher Wirbel von Schneeflocken fllten
die Luft.  Da sagte die Mutter: "Kinder, hier ist keine Rettung
mglich; wir wollen beten und uns dem Willen Gottes berlassen." Und
als sie beteten, sank die siebenjhrige Tochter sterbend in die Arme
der Mutter, und als die Mutter mit gebrochenem Herzen ihr zusprach
und ihr Kind der Barmherzigkeit Gottes empfahl, da verliessen sie
ihre Krfte auch.  Sie war eine 14tgige Kindbetterin, und sie sank
mit dem teuern Leichnam ihres Kindes in dem Schoss ebenfalls leblos
darnieder.  Die andere, elfjhrige Tochter hielt weinend und
hnderingend bei der Mutter und Schwester aus, bis sie tot waren,
drckte ihnen alsdann, eh' sie auf eigene Rettung bedacht war, mit
stummem Schmerz die Augen zu und arbeitete sich mit unsglicher Mhe
und Gefahr erst zu einem Baum, dann zu einem Felsen herauf und kam
gegen Mitternacht endlich an ein Haus, wo sie zum Fenster hinein
aufgenommen und mit den Bewohnern des Hauses erhalten wurde.
Kurz, in allen Bergkantonen der Schweiz, in Bern, Glarus, Uri,
Schwyz, Graubnden, sind in einer Nacht und fast in der nmlichen
Stunde durch die Lawinen ganze Familien erdrckt, ganze Viehherden
mit ihren Stallungen zerschmettert, Matten und Gartenland bis auf
den nackten Felsen hinab aufgeschrft und weggefhrt und ganze
Wlder zerstrt worden, also dass sie ins Tal gestrzt sind; oder
die Bume liegen bereinander zerschmettert und zerknickt wie die
Halmen auf einem Acker nach dem Hagelschlag.  Sind ja in dem einzigen
kleinen Kanton Uri fast mit einem Schlag 11 Personen unter dem
Schnee begraben worden und sind nimmer auferstanden, gegen 30 Huser
und mehr als 150 Heustlle zerstrt und 359 Huptlein Vieh
umgekommen, und man weiss gar nicht, auf wie vielmal hunderttausend
Gulden soll man den Schaden berechnen ohne die verlornen Menschen.
Denn das Leben eines Vaters oder einer Mutter oder frommen Gemahls
oder Kindes ist nicht mit Gold zu schtzen.



Seinesgleichen


Ein kunstreicher Instrumentenmacher, aber ein eingebildeter und
unfeiner Mann, hielt sich schon einige Zeit in einem namhaften
Stdtlein auf und genoss dann und wann im Lwen abends eine Flasche
Wein und einen halben Vierling Ks.  Eines Abends, als sich die
meisten Gste schon frher denn gewhnlich verlaufen hatten und der
Instrumentenmacher oben noch allein sass, rckt zu ihm der bekannte
Zirkelschmied mit seinem Schoppen Siebenzehner hinauf.  "Euer
Wohlgeboren", sagte er, "redeten da vorhin an Ihre Nachbarn ber die
Quadratur des Zirkels.  Ich hatte keine Freude zur Sache.  Leute
unsersgleichen", sagte er, "knnen von so etwas wohl unter sich
sprechen und einander Gedanken geben.  Ich z.  B.  wre Euerer Meinung
nicht gewesen." Der geneigte Leser kennt den Zirkelschmied, dass er
immer auf eine Schelmerei ausgeht.  Unter andern macht er sich gern
an Fremde, die etwas gleich sehen, um hernach bei andern mit ihrer
Bekanntschaft grosszutun, wie am Ende dieser Erzhlung auch
geschehen wird, und die Leute breitzuschlagen, wie man sagt.  Der
Instrumentenmacher aber betrachtete ihn mit einem vornehmen,
verachtenden Blick und sagt: "Wenn Ihr bei Leuten Euresgleichen sein
wollt, so kommt nicht zu mir; oder wer seid Ihr?" Der Zirkelschmied,
des Schimpfes und der Schande gewhnt, erwidert: "Sollte Euer
Wohlgeboren aus meiner Rede nicht erkennen, dass zwei Knstler
miteinander sprechen?" Des erboste sich der andere.  noch mehr.  "Ihr
ein Knstler?" fragte er ihn, "ein Kammacher oder ein Besenbinder?
Wollt Ihr ein Almosen von mir?" Der Zirkelschmied erwidert: "Herr
Christlieb, das beugt mich, weniger wegen meiner, als wegen der
Kunst.  Leute unsersgleichen pflegen sich sonst eben so sehr durch
feine Sitten auszuzeichnen als durch Kenntnisse und
Geschicklichkeit." Da stand der Instrumentenmacher auf: "Sprecht Ihr
mir schon wieder von Euresgleichen", sagt er.  "Hr' ich's zum
dritten Mal von Euch, so werf' ich Euch den Stuhl an den Kopf", und
lupfte ihn bereits ein wenig in die Hhe.  Der Wirt aber, der bisher
ruhig am Ofen stand, trat hervor und sagte: "Jetzt, Zirkelschmied,
reist!"

Der Zirkelschmied aber erbost sich darber auch und geht aus dem
Lwen ins Rsslein gerad gegenber, und "stellt euch vor", sagte er
dort zu seinen anwesenden Bekannten, "was sich der hergelaufene
Instrumentenmacher, der Brotdieb, einbildet.  Der hochmtige Gesell
nimmt's fr einen Affrunt auf, dass ich zweimal zu ihm sagte: Leute
unsersgleichen, und ich sag's zum dritten Mal, wenn er's hren will,
der Flegel, der impertinente, der gemeine Kerl."

Der geneigte Leser lacht ein wenig, dass der Zirkelschmied darauf
beharrt, ein Mann, den er fr einen Flegel und gemeinen Kerl
ausgibt, sei seinesgleichen.

Lerne erstens am Zirkelschmied: Man muss nie schimpfen, wenn man im
Zorn ist, sonst schimpft und verunehrt man sich selbst.

Lerne zweitens an dem Instrumentenmacher: Man muss sich, wenn man
etwas ist, mit liederlichen Leuten nie in Grobheiten gemein machen,
sonst macht man sich wirklich zu ihresgleichen.  Der Zirkelschmied
hatte insofern recht.



Seltene Liebe


Mit dem Leichnam eines jungen Mannes im Schweizerland, der
erschlagen wurde in einem Gefecht nicht weit vom Vierwaldsttter
See, mit dem Leichnam ging es wunderbar zu.  Dass er nach dem Gefecht
war begraben worden nchst der Wahlstatt, wussten mehr als zwanzig
Mnner aus dem nmlichen Ort, die es taten und dabei waren und ein
Kreuz, wie man in der Geschwindigkeit eines machen kann, auf sein
Grab steckten, dass, wer vorberginge, auch ein Vaterunser fr seine
Seele beten sollte.  Item, am Dienstag darauf, als der Sigrist frhe
morgens in die Kirche gehn und das Morgengebet anluten wollte, lag
der nmliche Leichnam daheim auf dem Kirchhof, vor der Kirchtre.
Man begrub ihn noch einmal mit allen Gebruchen und Gebeten der
Kirche in die geweihte Erde.  Item, als es noch einmal Dienstag
wurde, war der nmliche Leichnam wieder aus dem Grab und von dem
Kirchhof weg verschwunden.  Sonst tut der Glaube Wunder.  Diesmal aber
tat's des Glaubens fromme Schwester, die Liebe.  Er war als
Freiwilliger mitgezogen, weil ihm die Gemeinde auf den Fall das
Brgerrecht angeboten hatte.  Denn er war nur Hintersass und seiner
Arbeit ein Maurer, was zwar nicht zur Sache, aber zur Wahrheit
gehrt.  Seine junge Frau aber ngstete sich daheim und weinte und
betete, und jeder Schuss, den sie hrte, ging ihr schauerhaft durchs
Herz, denn sie frchtete, er gehe durch das seinige.  Einer ging da
durch, und als die andern am dritten oder vierten Tag wohlbehalten
nach Hause kamen, brachten sie ihr das blutige Gewand ihres Mannes,
sein Gebetbchlein und seinen Rosenkranz.  "Dein Mann", sagten sie,
"hat jetzt ein anderes Brgerrecht angetreten.  Er liegt im obern
Ried.  Ein Kreuz steht auf seinem Grab.  Es htte jeden treffen
knnen", sagten sie.  Die arme Frau verging fast in Trnen und
Wehklagen.  "Mein Mann erschossen", sagte sie, "mein einziges und
alles--und im Ried begraben, in ungeweihter Erde!" Da raffte sie
sich pltzlich auf, und in der Nacht, als alles schlief, ging sie
allein mit einer Schaufel und mit einem Sack in das Ried hinauf,
suchte das Grab und die geliebte Leiche und trug sie heim auf den
Kirchhof.  Solche Herzhaftigkeit und Strke hatte ihr der Schmerz und
die Liebe gegeben.  Als sie aber hernachmals Tag und Nacht sich fast
nimmer von dem Grabe entfernen und nicht essen und trinken wollte,
sondern unaufhrlich das Grab mit ihren Trnen benetzte und mit dem
Verstorbenen redete, als ob er sie hren knnte, alle Vorstellungen
waren fruchtlos, da sagte endlich der Vorsteher des Ortes, es sei
kein anderes Mittel brig, als man grabe den Toten heimlicherweise
noch einmal aus und bringe ihn auf einen andern Kirchhof, sonst
vergehe noch die arme Frau.  Also brachte man sie mit viel Zureden
und Mhe in ihre leere Wohnung zurck und brachte in der Nacht den
Leichnam auf einen andern Kirchhof.  Nur wenige Menschen wussten
davon, wohin er gebracht worden.  Den frommen Leser rhrt diese
Geschichte, und er sagt, solcher beispiellosen ehelichen Liebe und
Treue knnen nur noch Schweizerherzen fhig sein.  Fehl gesprochen!
Beide, die unglckliche Frau und ihr verstorbener Gatte waren
Fremdlinge, und zwar aus Deutschland.  Doch kein Schmerz dauert ohne
Ende, der heftigste am wenigsten.  Die nmliche Frau gewann in der
Folge einen zweiten braven Gatten, ebenfalls einen Deutschen, und
die Gemeinde erteilte--diesem das Brgerrecht, das sein Vorfahrer
mit seinem Leben erkauft hatte.

Diese Geschichte hat dem Hausfreund und seinen Reisegefhrten auf
dem See zwischen Winkel und Stansstad ein Augenzeuge erzhlt, und
von ferne den Ort gezeigt, wo sie vorgefallen war.



Seltsame Ehescheidung


Ein junger Schweizer aus Ballstall kam in spanische Dienste, hielt
sich gut und erwarb sich einiges Vermgen.  Als es ihm aber zu wohl
war, dachte er: will ich oder will ich nicht?--Endlich wollte er,
nahm eine hbsche, wohlhabende Spanierin zur Frau und machte damit
seinen guten Tagen ein Ende.--Denn in den spanischen Haushaltungen
ist die Frau der Herr, ein guter Freund der Mann, und der Mann ist
die Magd.

Als nun das arme Blut der Sklaverei und Drangsalierung bald mde
war, fing er an, als wenn er nichts damit meinte, und rhmte ihr das
frhliche Leben in der Schweiz und die goldenen Berge darin, er
meinte die Schneeberge im Sonnenglast jenseits der Klus; und wie man
lustig nach Einsiedeln wallfahrten knne und schn beten in Sasseln
am Grabe des heiligen Bruders Niklas von der Flue, und was fr ein
grosses Vermgen er daheim besitze, aber es werde ihm nicht
verabfolgt aus dem Land.  Da wsserte endlich der Spanierin der Mund
nach dem schnen Land und Gut, und es war ihr recht, ihr Vermgen zu
Geld zu machen und mit ihm zu ziehen in seine goldene Heimat.  Also
zogen sie miteinander ber das grosse pyrenische Gebirg bis an den
Grenzstein, der das Reich Hispania von Frankreich scheidet; sie mit
dem Geld auf einem Esel, er nebenher zu Fuss.  Als sie aber vorber
an dem Grenzstein waren, sagte er: "Frau, wenn's dir recht ist, bis
hieher haben wir's spanisch miteinander getrieben, von jetzt an
treiben wir's deutsch.  Bist du von Madrid bis an den Markstein
geritten und ich bin dir zu Fuss nachgetrabt den langen Berg hinauf,
so reit' ich jetzt von hier weg bis gen Ballstall, Kanton Solothurn,
und das Fussgehen ist an dir." Als sie darber sich ungebrdig
stellte und schimpfte und drohte und nicht von dem Tierlein herunter
wollte: "Frau, das verstehst du noch nicht", sagte er, "und ich
nehme dir's nicht bel", sondern hieb an dem Weg einen tchtigen
Stecken ab und las ihr damit ein langes Kapitel aus dem Ballstaller
Ehe- und Mnnerrecht vor, und als sie alles wohlverstanden hatte,
fragte er sie: "Willst du jetzt mit, welsche Hexe, und guttun, oder
willst du wieder hin, wo du hergekommen bist?" Da sagte sie
schluchzend: "Wo ich hergekommen bin!" und das war ihm auch das
Liebste.  Also teilte mit ihr der ehrliche Schweizer das Vermgen und
trennten sich voneinander an diesem Grenzstein weiblicher Rechte,
wie einmal ein bekanntes Bchlein in der Welt geheissen hat, und
jedes zog wieder in seine Heimat.  "Deinen Landsmann," sagte er, "auf
dem du hergeritten bist, kannst du auch wieder mitnehmen."

Merke: Im Reich Hispania machen's die Weiber zu arg, aber in
Ballstall doch auch manchmal die Mnner.  Ein Mann soll seine Frau
nie schlagen, sonst verunehrt er sich selber.  Denn ihr seid ein
Leib.



Seltsamer Spazierritt


Ein Mann reitet auf seinem Esel nach Haus und lsst seinen Buben zu
Fuss nebenher laufen.  Kommt ein Wanderer und sagt: "Das ist nicht
recht, Vater, dass Ihr reitet und lasst Euern Sohn laufen; Ihr habt
strkere Glieder." Da stieg der Vater vom Esel herab und liess den
Sohn reiten.  Kommt wieder ein Wandersmann und sagt: "Das ist nicht
recht, Bursche, dass du reitest und lssest deinen Vater zu Fuss
gehen.  Du hast jngere Beine." Da sassen beide auf und ritten eine
Strecke.  Kommt ein dritter Wandersmann und sagt: "Was ist das fr
ein Unverstand: zwei Kerle auf einem schwachen Tier?  Sollte man
nicht einen Stock nehmen und euch beide hinabjagen?" Da stiegen
beide ab und gingen selbdritt zu Fuss, rechts und links der Vater
und Sohn, und in der Mitte der Esel.  Kommt ein vierter Wandersmann
und sagt: "Ihr seid drei kuriose Gesellen.  Ist's nicht genug, wenn
zwei zu Fuss gehen?  Geht's nicht leichter, wenn einer von euch
reitet?" Da band der Vater dem Esel die vordern Beine zusammen, und
der Sohn band ihm die hintern Beine zusammen, zogen einen starken
Baumpfahl durch, der an der Strasse stand, und trugen den Esel auf
der Achsel heim.

So weit kann's kommen, wenn man es allen Leuten will recht machen.



Suwarow


Der Mensch muss eine Herrschaft ber sich selber ausben knnen,
sonst ist er kein braver und achtungswrdiger Mensch, und was er
einmal fr allemal als recht erkennt, das muss er auch tun, aber
nicht einmal fr allemal, sondern immer.  Der russische General
Suwarow, den die Trken und Polacken, die Italiener und die
Schweizer wohl kennen, der hielt ein scharfes und strenges Kommando.
Aber was das Vornehmste war, er stellte sich unter sein eigenes
Kommando, als wenn er ein anderer und nicht der Suwarow selber wre,
und sehr oft mussten ihm seine Adjutanten dies und jenes in seinem
eigenen Namen befehlen, was er alsdann pnktlich befolgte.  Einmal
war er wtend aufgebracht ber einen Soldaten, der im Dienst etwas
versehen hatte, und fing schon an ihn zu prgeln.  Da fasste ein
Adjutant das Herz, dachte, er wolle dem General und dem Soldaten
einen guten Dienst erweisen, eilte herbei und sagte: "Der General
Suwarow hat befohlen, man solle sich nie vom Zorn bernehmen
lassen." Sogleich liess Suwarow nach und sagte: "Wenn's der General
befohlen hat, so muss man gehorchen."



Teure Eier


Als zu seiner Zeit ein fremder Frst nach Frankreich reiste, wurde
ihm unterwegs d im Magen, und liess sich in einem gemeinen
Wirtshaus, wo sonst dergleichen Gste nicht einkehren, drei
gesottene Eier geben.  Als er damit fertig war, fordert der Wirt
dafr 300 Livres.  Der Frst fragte, ob denn hier die Eier so rar
seien.  Der Wirt lchelte und sagte: "Nein, die Eier nicht, aber die
grossen Herren, die so etwas dafr bezahlen knnen." Der Frst
lchelte auch und gab das Geld, und das war gut.  Als aber der
damalige Knig von Frankreich von der Sache hrte (es wurde ihm als
ein Spass erzhlt), nahm er's sehr bel, dass ein Wirt in seinem
Reich sich unterstand, solche unverschmte berforderungen zu
machen, und sagte dem Frsten: "Wenn Sie auf ihrer Rckreise wieder
an dem Wirtshaus vorbeifahren, werden Sie sehen, dass Gerechtigkeit
in meinem Lande herrscht." Als der Frst auf seiner Rckreise wieder
an dem Wirtshaus vorbeifuhr, sah er keinen Schild mehr dran, aber
die Tren und Fenster waren zugemauert, und das war auch gut.



Teures Spsslein


Man muss mit Wirten keinen Spass und Mutwillen treiben, sonst kommt
man unversehens an den Unrechten.  Einer in Basel will ein Glas Bier
trinken, das Bier war sauer, zog ihm den Mund zusammen, dass ihm die
Ohren bis auf die Backen hervorkamen.  Um es auf eine witzige Art an
den Tag zu legen und den Wirt vor den Gsten lcherlich zu machen,
sagte er nicht: "das Bier ist sauer", sondern "Frau Wirtin", sagte
er, "knnt' ich nicht ein wenig Salat und l zu meinem Bier haben?"
Die Wirtin sagte: "In Basel kann man fr Geld alles haben", strickte
aber noch ein wenig fort, als wenn sie's wenig achtete, denn sie war
eben am Zwickel.  Nach einigen Minuten, als unterdessen die Gste
miteinander diskurierten, und einer sagte: "Habt ihr gestern das
Kamel auch gesehen und den Affen?" ein anderer sagte: "Es ist kein
Kamel, es ist ein Trampeltier", sagte die Wirtin: "Mit Erlaubnis"
und deckte eine schneeweisse Serviette vom feinsten Gebilde auf den
Tisch.  Jeder glaubte, der andere habe ein Bratwrstlein bestellt
oder etwas, und "es ist doch ein Kamel", sagte ein dritter, "denn es
ist weiss, die Trampeltiere sind braun." Unterdessen kam die Wirtin
wieder mit einem Teller voll zarter Kukmmerlein aus dem
markgrfischen Garten, aus dem Treibhaus, fein geschnitten wie
Postpapier, und mit dem kostbarsten genuesischen Bauml angemacht,
und sagte zu dem Gast mit spttischem Lcheln: "Ist's gefllig?"
Also lachten die andern nicht mehr den Wirt aus, sondern den Gast,
und wer wohl oder bel seinen Spass mit zehn Batzen fnf Rappen
Baseler Whrung bezahlen musste, war er.



Tod vor Schrecken


Als einmal der Hausfreund mit dem Doktor von Brassenheim an dem
Kirchhof vorbeiging, deutete der Doktor auf ein frisches Grab und
sagte: "Selbiger ist mir auch entwischt.  Den haben seine Kameraden
geliefert."

Im Wirtshaus, wo die Schreiber beisammen sassen bei einem lebhaften
Disputat, schlug einer von ihnen auf den Tisch.  "Und es gibt doch
keine!" sagte er,--nmlich keine Gespenster und Erscheinungen.--
"Und ein altes Weib", fuhr er fort, "ist der, der sich erschrecken
lsst." Da nahm ihn ein anderer beim Wort und sagte: "Buchhalter,
vermiss dich nicht; gilt's sechs Flaschen Burgunderwein, ich
vergelstere dich und sag dir's noch vorher." Der Buchhalter schlug
ein: "Es gilt."

Jetzt ging der andere Schreiber zum Wundarzt: "Herr Land-Chirurgus,
wenn Ihr einmal einen Leichnam zum Verschneiden bekommt, von dem Ihr
mir einen Vorderarm aus dem Ellenbogengelenk lsen knntet, so sagt
mir's." Nach einiger Zeit kam der Chirurgus: "Wir haben einen toten
Selbstmrder bekommen, einen Siebmacher.  Der Mller hat ihn
aufgefangen am Rechen", und brachte dem Schreiber den Vorderarm.
"Gibt's noch keine Erscheinungen, Buchhalter?"--"Nein, es gibt noch
keine." Jetzt schlich der Schreiber heimlich in des Buchhalters
Schlafkammer und legte sich unter das Bett, und als sich der
Buchhalter gelegt hatte und eingeschlafen war, fuhr er ihm mit
seiner eigenen warmen Hand ber das Gesicht.  Der Buchhalter fuhr auf
und sagte, dann er wirklich ein besonnener und beherzter Man war:
"Was sind das fr Possen?  Meinst du, ich merke nicht, dass du die
Wette gewinnen willst?" Der Schreiber war mausstille.  Als der
Buchhalter wieder eingeschlafen war, fuhr er ihm noch einmal ber
das Gesicht.  Der Buchhalter sagte: "Jetzt lass es genug sein, oder
wenn ich dich erwische, so schaue zu, wie es dir geht." Zum dritten
Mal fuhr ihm der Schreiber langsam ber das Gesicht; und als er
schnell nach ihm haschte, und als er sagen wollte: "Hab' ich dich?"
blieb ihm eine kalte, tote Hand und ein abgelster Armstmmel in den
Hnden, und der kalte, ttende Schrecken fuhr ihm tief in das Herz
und in das Leben hinein.  Als er sich wieder erholt hatte, sagte er
mit schwacher Stimme: "Ihr habt, Gott sei es geklagt, die Wette
gewonnen." Der Schreiber lachte und sagte: "Am Sonntag trinken wir
den Burgunder." Aber der Buchhalter erwiderte: "Ich trink ihn nimmer
mit." Kurz, den andern Morgen hatte er ein Fieber, und den siebenten
Morgen war er eine Leiche.  "Gestern frh", sagte der Doktor zum
Hausfreund, "hat man ihn auf den Kirchhof getragen; unter selbigem
Grab liegt er, das ich Euch gezeigt habe."



Unglck der Stadt Leiden


Diese Stadt heisst schon seit undenklichen Zeiten Leiden und hat
noch nie gewusst, warum, bis am 12. Jnner des Jahres 1807.  Sie
liegt am Rhein in dem Knigreich Holland und hatte vor diesem Tag
elftausend Huser, welche von 40 000 Menschen bewohnt waren, und war
nach Amsterdam wohl die grsste Stadt im ganzen Knigreich.  Man
stand an diesem Morgen noch auf wie alle Tage; der eine betete sein:
"Das walt' Gott", der andere liess es sein, und niemand dachte
daran, wie es am Abend aussehen wird, obgleich ein Schiff mit
siebenzig Fssern voll Pulver in der Stadt war.  Man ass zu Mittag,
und liess sich's schmecken wie alle Tage, obgleich das Schiff noch
immer da war.  Aber als nachmittags der Zeiger auf dem grossen Turm
auf halb fnf stand--fleissige Leute sassen daheim und arbeiteten,
fromme Mtter wiegten ihre Kleinen, Kaufleute gingen ihren
Geschften nach, Kinder waren beisammen in der Abendschule, mssige
Leute hatten Langeweile und sassen im Wirtshaus beim Kartenspiel und
Weinkrug, ein Bekmmerter sorgte fr den andern Morgen, was er
essen, was er trinken, womit er sich kleiden werde, und ein Dieb
steckte vielleicht gerade einen falschen Schlssel in eine fremde
Tre--und pltzlich geschah ein Knall.  Das Schiff mit seinen
siebenzig Fssern Pulver bekam Feuer, sprang in die Luft, und in
einem Augenblick (ihr knnt's nicht so geschwind lesen, als es
geschah), in einem Augenblick waren ganze lange Gassen voll Huser
mit allem, was darin wohnte und lebte, zerschmettert und in einen
Steinhaufen zusammengestrzt oder entsetzlich beschdigt.  Viele
hundert Menschen wurden lebendig und tot unter diesen Trmmern
begraben oder schwer verwundet.  Drei Schulhuser gingen mit allen
Kindern, die darin waren, zugrunde, Menschen und Tiere, welche in
der Nhe des Unglcks auf der Strasse waren, wurden von der Gewalt
des Pulvers in die Luft geschleudert und kamen in einem klglichen
Zustand wieder auf die Erde.  Zum Unglck brach auch noch eine
Feuersbrunst aus die bald an allen Orten wtete, und konnte fast
nimmer gelscht werden, weil viele Vorratshuser voll l und Tran
mit ergriffen wurden.  Achthundert der schnsten Huser strzten ein
oder mussten niedergerissen werden.  Da sah man denn auch, wie es am
Abend leicht anders werden kann, als es am frhen Morgen war, nicht
nur mit einem schwachen Menschen, sondern auch mit einer grossen und
volkreichen Stadt.  Der Knig von Holland setzte sogleich ein
namhaftes Geschenk auf jeden Menschen, der noch lebendig gerettet
werden konnte.  Auch die Toten, die aus dem Schutt hervorgegraben
wurden, wurden auf das Rathaus gebracht, damit sie von den Ihrigen
zu einem ehrlichen Begrbnis konnten abgeholt werden.  Viele Hilfe
wurde geleistet.  Obgleich Krieg zwischen England und Holland war, so
kamen doch von London ganze Schiffe voll Hilfsmittel und grosse
Geldsummen fr die Unglcklichen, und das ist schn--denn der Krieg
soll nie ins Herz der Menschen kommen.  Es ist schlimm genug, wenn er
aussen vor allen Toren und vor allen Seehfen donnert.



Unglck in Kopenhagen


Das sollte man nicht glauben, dass eine Granate, die in den
unglcklichen Septembertagen 1807 nach Kopenhagen geworfen wurde,
noch im Juli 1808 losgehen werde.  Zwei Knaben fanden sie unter der
Erde.  Einer von ihnen wollte sie mit einem Nagel von dem anhngenden
Grunde reinigen.  Pltzlich geriet sie in Brand, zersprang, ttete
den einen auf der Stelle, nahm dem andern die Beine weg und
zerquetschte der Mutter, die mit einem Sugling an der Brust sorglos
zusah, den Arm.  Dies lehrt vorsichtig sein mit alten Granaten und
Bombenkugeln.



Untreue schlgt den eigenen Herrn


Als in dem Krieg zwischen Frankreich und Preussen ein Teil der
franzsischen Armee nach Schlesien einrckte, waren auch Truppen vom
Rheinischen Bundesheer dabei, und ein bayerischer oder
wrttembergischer Offizier wurde zu einem Edelmann einquartiert und
beikam eine Stube zur Wohnung, wo viele sehr schne und kostbare
Gemlde hingen.  Der Offizier schien recht grosse Freude daran zu
haben, und als er etliche Tage bei diesem Mann gewesen und
freundlich behandelt worden war, verlangte er einmal von seinem
Hauswirt, dass er ihm eins von diesen Gemlden zum Andenken schenken
mchte.  Der Hauswirt sagte, dass er das mit Vergngen tun wollte,
und stellte seinem Gaste frei, dasjenige selber zu whlen, welches
ihm die grsste Freude machen knnte.

Nun, wenn man die Wahl hat, sich selber ein Geschenk von jemand
auszusuchen, so erfordern Verstand und Artigkeit, dass man nicht
gerade das vornehmste und Kostbarste wegnehme, und so ist es auch
nicht gemeint.  Daran schien dieser Mann auch zu denken, denn er
whlte unter allen Gemlden fast das schlechteste.  Aber das war
unserm schlesischen Edelmann nichts desto lieber, und er htte ihm
gern das kostbarste dafr gelassen.  "Mein Herr Obrist", so sprach er
mit sichtbarer Unruhe, "warum wollen Sie gerade das geringste
whlen, das mir noch dazu wegen einer andern Ursache wert ist?

Nehmen Sie doch lieber dieses hier oder jenes dort." Der Offizier
gab aber darauf kein Gehr, schien auch nicht zu merken, dass sein
Hauswirt immer mehr und mehr in Angst geriet, sondern nahm geradezu
das gewhlte Gemlde herunter.  Jetzt erschien an der Mauer, wo
dasselbe gewesen war, ein grosser feuchter Fleck.  "Was soll das
sein?" sprach der Offizier wie erzrnt zu seinem todblassen Wirt,
tat einen Stoss, und auf einmal fielen ein paar frisch gemauerte und
bertnchte Backsteine zusammen, hinter welchen alles Geld und Gold
und Silber des Edelmannes eingemauert war.  Der gute Mann hielt nun
freilich sein Eigentum fr verloren, wenigstens erwartete er, dass
der feindliche Kriegsmann eine namhafte Teilung ohne Inventarium und
ohne Kommissarius vornehmen werde, ergab sich geduldig darein und
verlangte nur von ihm zu erfahren, woher er habe wissen knnen, dass
hinter diesem Gemlde sein Geld in der Mauer verborgen war.  Der
Offizier erwiderte: "Ich werde den Entdecker sogleich holen lassen,
dem ich ohnehin Belohnung schuldig bin"; und in kurzer Zeit brachte
sein Bedienter--sollte man's glauben--den Maurermeister selber,
den nmlichen, der die Vertiefung in der Mauer zugemauert und die
Bezahlung dafr erhalten hatte.

Das ist nun einer von den grssten Spitzbubenstreichen, die der
Teufel auf ein Sndenregister setzen kann.  Denn ein Handwerksmann
ist seinen Kunden die grsste Treue, und in Geheimnissen, wenn es
nichts Unrechtes ist, so viel Verschwiegenheit schuldig, als wenn er
einen Eid darauf htte.

Aber was tut man nicht um des Geldes willen!  Oft gerade das
nmliche, was man um der Schlge oder um des Zuchthauses willen tut
oder fr den Galgen, obgleich ein grosser Unterschied dazwischen
ist.  So etwas erfuhr unser Meister Spitzbub.  Denn der brave Offizier
liess ihn jetzt hinaus vor die Stube fhren und ihm von frischer
Hand 100, sage hundert Prgel bar ausbezahlen, lauter gute Valuta,
und war kein einziger falsch darunter.  Dem Edelmann aber gab er
unbetastet sein Eigentum zurck.--Das wollen wir beides gutheissen
und wnschen, dass jedem, der Einquartierung haben muss, ein so
rechtschaffener Gast und jedem Verrter eine solche Belohnung zuteil
werden mge.



Unverhofftes Wiedersehen


In Falun in Schweden kte vor guten fnfzig Jahren und mehr ein
junger Bergmann seine junge, hbsche Braut und sagte zu ihr: "Auf
Sankt Luci wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet.  Dann
sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein." --"Und
Friede und Liebe soll darin wohnen", sagte die schne Braut mit
holdem Lcheln, "denn du bist mein einziges und alles, und ohne dich
mchte ich lieber im Grab sein als an einem andern Ort." Als sie
aber vor Sankt Luci der Pfarrer zum zweiten Male in der Kirche
ausgerufen hatte: "So nun jemand Hindernis wte anzuzeigen, warum
diese Personen nicht mchten ehelich zusammenkommen", da meldete
sich der Tod.  Denn als der Jngling den andern Morgen in seiner
schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann
hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an
ihrem Fenster und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend
mehr.  Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurck, und sie saumte
vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand fr
ihn zum Hochzeitstag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg
und weinte um ihn und verga ihn nie.  Unterdessen wurde die Stadt
Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstrt, und der
Siebenjhrige Krieg ging vorber, und Kaiser Franz der Erste starb,
und der Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die
Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet,
Amerika wurde frei, und die vereinigte franzsische und spanische
Macht konnte Gibraltar nicht erobern.  Die Trken schlossen den
General Stein in der Veteraner Hhle in Ungarn ein, und der Kaiser
Joseph starb auch.  Der Knig Gustav von Schweden eroberte
Russisch-Finnland, und die Franzsische Revolution und der lange
Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab.
Napoleon eroberte Preuen, und die Englnder bombardierten
Kopenhagen, und die Ackerleute seten und schnitten.  Der Mller
mahlte, und die Schmiede hmmerten, und die Bergleute gruben nach
den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.  Als aber die
Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis
zwischen zwei Schachten eine ffnung durchgraben wollten, gute
dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schutt
und Vitriolwasser den Leichnam eines Jnglings heraus, der ganz mit
Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverndert war,
also da man seine Gesichtszge und sein Alter noch vllig erkennen
konnte, als wenn er erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig
eingeschlafen wre an der Arbeit.  Als man ihn aber zu Tag
ausgefrdert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren
schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jngling kennen
oder etwas von seinem Unglck wissen, bis die ehemalige Verlobte des
Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und
nimmer zurckkehrte.  Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer
Krcke an den Platz und erkannte ihren Brutigam; und mehr mit
freudigem Entzcken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche
nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des
Gemts erholt hatte, "es ist mein Verlobter", sagte sie endlich, "um
den ich fnfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch
einmal sehen lt vor meinem Ende.  Acht Tage vor der Hochzeit ist er
auf die Grube gegangen und nimmer gekommen." Da wurden die Gemter
aller Umstehenden von Wehmut und Trnen ergriffen, als sie sahen die
ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen
Alters und den Brutigam noch in seiner jugendlichen Schne, und wie
in ihrer Brust nach fnfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe
noch einmal erwachte; aber er ffnete den Mund nimmer zum Lcheln
oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den
Bergleuten in ihr Stbchen tragen lie, als die einzige, die ihm
angehre und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerstet sei auf
dem Kirchhof.  Den andern Tag, als das Grab gerstet war auf dem
Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schlo sie ein Kstlein auf,
legte ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um und
begleitete ihn in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag
und nicht der Tag seiner Beerdigung wre.  Denn als man ihn auf dem
Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: "Schlafe nun wohl, noch einen
Tag oder zehn im khlen Hochzeitbett, und la dir die Zeit nicht
lang werden.  Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald
wirds wieder Tag.  Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie
zum zweiten Male auch nicht behalten", sagte sie, als sie fortging
und noch einmal umschaute.



Unverhofftes Wiedersehen


In Falun in Schweden ksste vor guten fnfzig Jahren und mehr ein
junger Bergmann seine junge hbsche Braut und sagte zu ihr: "Auf
Sankt Luci wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet.  Dann
sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein.--"Und
Friede und Liebe soll darin wohnen", sagte die schne Braut mit
holdem Lcheln, "denn du bist mein Einziges und Alles, und ohne dich
mchte ich lieber im Grab sein als an einem andern Ort.  Als sie aber
vor St.  Luci der Pfarrer zum zweiten Male in der Kirche ausgerufen
hatte: "So nun jemand Hindernis wusste anzuzeigen, warum diese
Personen nicht mchten ehelich zusammenkommen", da meldete sich der
Tod.  Denn als der Jngling den andern Morgen in seiner schwarzen
Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbei ging, der Bergmann hat sein
Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster
und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr.  Er kam
nimmer aus dem Bergwerk zurck, und sie saumte vergeblich selbigen
Morgen ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand fr ihn zum
Hochzeittag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte
um ihn und vergass ihn nie.  Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in
Portugal durch ein Erdbeben zerstrt, und der Siebenjhrige Krieg
ging vorber, und Kaiser Franz der Erste starb, und der
Jesuitenorden wurde aufgehoben und Polen geteilt, und die Kaiserin
Maria Theresia starb, und der Struensee wurde hingerichtet, Amerika
wurde frei, und die vereinigte franzsische und spanische Macht
konnte Gibraltar nicht erobern.  Die Trken schlossen den General
Stein in der Veteraner Hhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph
starb auch.  Der Knig Gustav von Schweden eroberte russisch
Finnland, und die franzsische Revolution und der lange Krieg fing
an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab.  Napoleon
eroberte Preussen, und die Englnder bombardierten Kopenhagen, und
die Ackerleute seten und schnitten.  Der Mller mahlte, und die
Schmiede hmmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in
ihrer unterirdischen Werkstatt.  Als aber die Bergleute in Falun im
Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schachten eine
ffnung durchgaben wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem
Boden, gruben sie aus dem Schutt und Vitriolwasser den Leichnam
eines Jnglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen,
sonst aber unverwest und unverndert war, also dass man seine
Gesichtszge und sein Alter noch vllig erkennen konnte, als wenn er
erst vor einer Stunde gestorben oder ein wenig eingeschlafen wre an
der Arbeit.  Als man ihn aber zu Tag ausgefrdert hatte, Vater und
Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch
wollte den schlafenden Jngling kennen oder etwas von seinem Unglck
wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines
Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurckkehrte.  Grau und
zusammengeschrumpft kam sie an einer Krcke an den Platz und
erkannte ihren Brutigam; und mehr mit freudigem Entzcken als mit
Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie
sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemts erholt hatte, "es
ist mein Verlobter", sagte sie endlich, "um den ich fnfzig Jahre
lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen lsst vor
meinem Ende.  Acht Tage vor der Hochzeit ist er auf die Grube
gegangen und nimmer gekommen." Da wurden die Gemter aller
Umstehenden von Wehmut und Trnen ergriffen, als sie sahen die
ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen
Alters und den Brutigam noch in seiner jugendlichen Schne, und wie
in ihrer Brust nach fnfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe
noch einmal erwachte; aber er ffnete den Mund nimmer zum Lcheln
oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den
Bergleuten in ihr Stblein tragen liess, als die einzige, die ihm
angehre und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerstet sei auf
dem Kirchhof.  Den andern Tag, als das Grab gerstet war auf dem
Kirchhof und ihn die Bergleute holten, (schloss sie ein Kstlein
auf), legte (sie) ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen
um und begleitete ihn in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr
Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wre.  Denn als man
ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: "Schlafe nun wohl,
noch einen Tag oder zehn im khlen Hochzeitbett, und lass dir die
Zeit nicht lang werden.  Ich habe nur noch wenig zu tun und komme
bald, und bald wird's wieder Tag.  Was die Erde einmal wiedergegeben
hat, wird sie zum zweiten Male auch nicht behalten", sagte sie, als
sie fortging und noch einmal umschaute.



Vereitelte Rachsucht (Eine wahre Geschichte)


Der Amtmann in Nordheim liess im Krieg in den neunziger Jahren fnf
Gauner henken, und waren's in der ersten Viertelstunde so gut
gewohnt, dass keiner mehr herabverlangte, und je nachdem der Wind
ging, exerzierten sie miteinander zum Zeitvertreib, rechtsum, links
um, ohne Flgelmann.  Aber einem seine Beiluferin, die einen Buben
von ihm hatte, sagte: "Wart', Amtmann, ich will dir's eintrnken."
Ein paar Tage darauf reitet die sterreichische Patrouille gegen das
Stdtlein am Galgen vorbei; da sagt einer zu dem andern: "Es luft
dir eine Spinne am Hut, so gross wie ein Taubenei." So zieht der
andere vor den Gehenkten den Hut ab, und die Gehenkten, weil eben
der Wind aus Westen ging, drehten sich und machten Front.  Indem
schleicht von weitem ein Bblein von der Strasse ab hinter eine
Hecke, wie einer, der keine guten Briefe hat.  Aber das Bblein hatte
gar keine, weder gute noch schlechte.  Denn als einer von den
Dragonern auch um die Hecke ritt, fiel der Junge vor ihm auf die
Knie und sagte mit Zittern und mit Beben: "Pardon!  Ich hab' sie alle
ins Wasser geworfen." Der Dragoner sagte: "Was hast du ins Wasser
geworfen?"--"Die Briefe."--"Was fr Briefe?"--"Die Briefe vom
Amtmann an die Franzosen.  Wenn sterreicher ins Land kommen," sagte
der Bursche, "muss ich dem Amtmann Boten laufen ins franzsische
Lager.  Diesmal hatte ich drei Briefe, einen an den Drrmaier." Also
holten die Dragoner, mir nichts dir nichts, den Amtmann ab, wie er
ging und stand, und musste in den Pantoffeln zwischen den Pferden im
Kot mitlaufen und spritzte die Rosse nicht sehr, aber die Rosse ihn,
und der Bube musste auch mit.  Der Amtmann war so unschuldig als der
rmische Kaiser selbst, htte sich fr die sterreichischen Waffen
lebendig schinden lassen, hatte sechs Kinder, eins schner als das
andere, und eine schwangere Frau.  Aber das war die Rache, die ihm
die Gaunerin zugedacht hatte, als sie sagte: "Wart', Amtmann, ich
will dir's gedenken." Im Lager, als er zu dem General gefhrt wurde,
und die Hohenzollerer-Krassiere und Kaiser-Dragoner und
Erddi-Husaren sahen ihn vorbeifhren, sagte einer von der
Patrouille seinem Kameraden vom Pferd herab: "Es ist ein Spion." Der
Kamerad sagte: "Strick ist sein Lohn", und der Offizier, an den sie
ihn ablieferten, war auch der Meinung und bestellte spottweise schon
bei ihm einen Gruss an des Teufels Grossmutter.  Dem Hausfreund ist's
aber bei dieser Geschichte nicht halb so angst als dem geneigten
Leser, denn ohne seinen Willen kann der Amtmann nicht sterben;
sondern, als er vor das Verhr gefhrt wurde, schaute ihn der
Hauptmann Auditor mit Verwunderung und Bedauernis an und sagte:
"Seid Ihr nicht der nmliche, der mich vor einem Jahre drei Tage
lang im Keller hinter dem Sauerkrautstande vor den Franzosen
verborgen hat, und habt Schlge genug von ihnen bekommen, und als
sie Euch oben den Speck verzehrten, ass ich unten das Sauerkraut
dazu samt den Gumbistpfeln." Der Amtmann sagte: "Gott erkennt's,
und ich bin so unschuldig als die Mutter Gottes in der Kirche, so
doch von Lindenholz ist und ihr Leben lang noch keinen Buchstaben
geschrieben hat." Indem kamen auch mehrere gute Freunde und
angesehene Brger von Nordheim ins Hauptquartier und bezeugten seine
Rechtschaffenheit und Treue, und was er schon fr Drangsalierung von
den Franzosen habe ausstehen mssen, und wie auf seine Anordnung der
letzte Sieg der sterreicher mit Katzenkpfen gefeiert wurde, dass
der Kirchturm wackelte, und er selber habe keinen Rausch gehabt,
aber einen Stich.  Der Hauptmann Auditor, der noch immer daran
dachte, wie er drei Tage lang in des Amtmanns Keller in der
verborgenen Garnison lag hinter dem Schanzkorb, hinter dem
Sauerkrautstande, war geneigter Ja zu glauben als Nein.  Also liess
er den Amtmann hinausfhren und den Buben herein und tat ein paar
verfngliche Fragen an ihn, sagte ihm aber nicht, dass sie
verfnglich sind.  Deswegen war der Bursche, so sehr er die
Spitzbubenmilch an der Mutter Brsten eingesogen hatte, mit seinem
Ja und Nein so unvorsichtig, dass er in wenig Minuten nimmer links,
nimmer rechts auszuweichen wusste und alles gestand.  Also bekam er
links und rechts fnfzehn Hiebe vom Profoss und begleitete
freiwillig die Mutter ins Zuchthaus nach Heiligenberg.  Der Amtmann
aber ass mit dem Hauptmann Auditor bei dem General-Feldmarschall zu
Nacht und den andern Tag bei seiner Frau und Kindern zu Mittag, und
der Hausfreund tut auch einen Freudentrunk, dass er wieder ein
Exempel der Gerechtigkeit statuiert hat.  Das Doneschinger Bier dazu
hat er geschenkt bekommen vom Herrn Kusel.



Verloren oder gefunden


An einem schnen Sommerabend fuhr der Herr Vogt von Trudenbach in
seinem Kaleschlein noch spt vom Brassenheimer Fruchtmarkt zurck,
und das Rsslein hatte zwei zu ziehen, nmlich den Herrn Vogt und
seinen Rausch.  Unterwegs am Strasswirtshaus schauten noch ein paar
lustige Kpfe zum Fenster heraus, ob der Herr Vogt nicht noch ein
wenig einkehren und eines Bescheid tun wolle; die Nacht sei
mondhell.  Der Herr Vogt scheute sich weniger vor dem Bescheid als
vor dem Ab- und Aufsteigen in das Kaleschlein, massen es ihm schon
am Morgen schwer wird, aber am Abend fast unmglich.  Der Herr
Theodor meinte zwar: "Wir wollen das Kaleschlein auf die Seite
umlegen und ihn abladen", aber krzer war es doch, man ging mit der
Flasche zu ihm hinaus.  Aus einer Flasche wurden vier, und die
Redensarten mankierten ihm immer mehr, bis ihm der Schlaf die Zunge
und die letzte Besinnung band.  Als er aber eingeschlafen war,
fhrten die lustigen Kpfe das Rsslein in den Stall und liessen ihn
auf der Strasse sitzen.  Frh aber, als ihn vor dem Fenster des Wirts
die Wachtel weckte, kam er sich kurios vor und wusste lange nicht,
wo er sei und wo er sich befinde.  Denn nachdem er sich eine Zeitlang
umgesehen und die Augen ausgerieben hatte, sagte er endlich: "Jetzt
kommt alles darauf an, ob ich der Vogt von Trudenbach bin oder
nicht.  Denn bin ich's, so hab' ich ein Rsslein verloren, bin ich's
aber nicht, so hab' ich ein Kaleschlein gefunden."



Wasserlufer


Bekanntlich will es Leute geben, die im Wasser nicht untergehen.
Einer erzhlte in einem Wirtshaus, er sei in Italien von der Insel
Capri aus eine halbe Stunde weit aufrecht durch das Mittellndische
Meer gegangen, und das Wasser sei ihm nicht hher gegangen als an
die Brust.  Mit der linken Hand habe er Tabak geraucht, nmlich die
Pfeife gehalten, und mit der rechten ein wenig gerudert.

Ein anderer sagte: "Das ist eine Kleinigkeit.  Im Krieg in den
neunziger Jahren ist ein ganzes Bataillon Rotmntler oberhalb
Mannheim aufrecht ber den Rhein marschiert, und das Wasser reichte
keinem hher als bis an die Knie."

Ein Dritter sagte: "Solches war keine Kunst.  Denn sie hatten
selbigen Tag, als sie am Rhein ankamen, schon einen Marsch von 20
Stunden zurckgelegt.  So haben sie davon solche Blasen an den Fssen
bekommen, dass es ihnen nicht mglich war, tiefer als so im Wasser
zu sinken."



Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und
glcklich ber die Grenzen kam


Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein
gefunden hatte, und dachte: "Ich will so spt den Zuchtmeister
nimmer wecken", und als schon auf allen Strassen Steckbriefe
voranflogen, gelangte er abends noch unbeschrien an ein Stdtlein an
der Grenze.  Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei
und wie er hiesse und was er im Schilde fhre: "Knnt Ihr polnisch?"
fragte herzhaft der Frieder die Schildwache.  Die Schildwache sagt:
"Auslndisch kann ich ein wenig, ja!  Aber Polnisches bin ich noch
nicht darunter gewahr worden."--"Wenn das ist," sagte der Frieder,
"so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren knnen." Ob
kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei?  Die Schildwache holt den
Torwchter, es sei ein Polack an dem Schlagbaum, gegen den sie sich
schlecht explizieren knne.  Der Torwchter kam zwar, entschuldigte
sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht.  "Es geht
hiezuland nicht stark ab," sagte er, "und es wird im ganzen Stdtel
schwerlich jemand sein, der kapabel wre, es zu dolmetschen."--
"Wenn ich das wsste," sagte der Frieder und schaute auf die Uhr,
die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, "so wollte ich
ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nchste Stadt.

Um neun Uhr kmmt der Mond." Der Torhter sagte: " Es wre unter
diesen Umstnden fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet,
ohne Euch aufzuhalten; das Stdtel ist ja nicht gross", und war
froh, dass er seiner los ward.  Also kam der Frieder glcklich durch
das Tor hinein.  Im Stdtlein hielt er sich nicht lnger auf, als
ntig war, einer Gans, die sich auf der Gasse versptet hatte, ein
paar gute Lehren zu geben.  "In euch Gnse", sagte er, "ist keine
Zucht zu bringen.  Ihr gehrt, wenn's Abend ist, ins Haus oder unter
gute Aufsicht." Und so packte er sie mit sicherm Griff am Hals und,
mir nichts, dir nichts, unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs
von einem Unbekannten geliehen hatte.  Als er aber an das andere Tor
gelangte und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte
von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Sldner rhrte, schrie
der Frieder mit herzhafter Stimme: "Wer da!" der Sldner antwortete
in aller Gutmtigkeit: "Gut Freund!" Also kam der Frieder glcklich
wieder zum Stdtlein hinaus und ber die Grenzen.



Wie der Zundelfrieder und sein Bruder dem roten Dieter abermal einen
Streich spielen


Als der Zundelheiner und der Zundelfrieder wieder aus dem Turn
kamen, sprach der Heiner zum Frieder: "Bruder, wir wollen doch den
roten Dieter besuchen, sonst meint er, wir sitzen ewig in dem kalten
Hundsstall beim Herr Vater auf der Herberge."--"Wir wollen ihm
einen Streich spielen", sagte der Frieder zum Heiner, "ob er's
merkt, dass wir es sind." Also empfing der Dieter ein Brieflein ohne
Unterschrift: "Roter Dieter, seid heute nacht auf Eurer Hut, denn es
haben zwei Diebsgesellen eine Wette getan: einer will Eurer Frau das
Leintuch unter dem Leibe weg holen, und Ihr sollt es nicht hindern
knnen." Der Dieter sagte: "Das sind zwei rechte Spitzbuben
aneinander.  Der eine wettet, er wolle das Leintuch holen, und der
andere macht einen Bericht, damit sein Kamerad die Wette nicht
gewinnt.  Wenn ich nicht gewiss wsste, dass der Heiner und der
Frieder im Zuchthaus sitzen, so wollt' ich glauben, sie seien's." In
der Nacht schlichen die Schelmen durch das Hanffeld heran.  Der
Heiner stellte eine Leiter ans Fenster, also, dass der rote Dieter
es wohl hren konnte, und steigt hinauf, schiebt aber einen
ausgestopften Strohmann vor sich her, der aussah wie ein Mensch.  Als
inwendig der rote Dieter die Leiter anstellen hrte, stand er leise
auf und stellte sich mit einem dicken Bengel neben das Fenster,
"denn das sind die besten Pistolen", sagte er zu seiner Frau, "sie
sind immer geladen"; und als er den Kopf des Strohmanns
heraufwackeln sah, und meinte, der sei es, riss er schnell das
Fenster auf und gab ihm eins auf den Kopf aus aller Kraft, also,
dass der Heiner den Strohmann fallen liess und einen lauten Schrei
tat.  Der Frieder aber stand unterdessen mausstill hinter einem
Pfosten vor der Haustre.  Als aber der rote Dieter den Schrei hrte,
und es war alles auf einmal still, sagte er: "Frau, es ist mir, die
Sache sei nicht gut; ich will doch hinuntergehen und schauen, wie es
aussieht." Indem er zur Haustr hinausgeht, schleicht der Frieder,
der hinter dem Pfosten war, hinein, kommt bis vor das Bett, nimmt
wieder, wie im vormjhrigen Kalender, des roten Dieters Stimme an,
und es ist wieder ebenso wahr.  "Frau", sagte er mit ngstlicher
Stimme, "der Kerl ist maustot, und denk' nur, es ist des
Schultheissen Sohn.  Jetzt gib mir geschwind das Leintuch, so will
ich ihn darin forttragen in den Wald und will ihn dort einscharren,
sonst geht's zu bsen Husern." Die Frau erschrickt, richtet sich
auf und gibt ihm das Leintuch.  Kaum war er fort, so kommt der rechte
Dieter wieder und sagt ganz getrstet: "Frau, es ist nur ein dummer
Bubenstreich gewesen, und der Dieb ist von Stroh." Als aber die Frau
ihn fragte: "Wo hast du denn das Leintuch?" und lag auf dem blossen
Spreuersack, da gingen dem Dieter erst die Augen auf, und sagte: "O
ihr vermaledeiten Spitzbuben!  Jetzt ist's doch der Frieder gewesen
und der Heiner, und kein anderer."

Aber auf dem Heimweg sagte der Frieder zum Heiner: "Aber jetzt,
Bruder, wollen wir's bleiben lassen.  Denn im Zuchthaus ist doch auch
alles schlecht, was man bekommt, ausgenommen die Prgel, und zum
Fensterlein hinaus auf der Landstrasse hat man etwas vor den Augen,
das auch nicht aussieht, als wenn man gern dran hngen mchte." Also
wurde auch der Frieder wieder ehrlich.  Aber der Heiner sagte: "Ich
geb's noch nicht auf."



Wie einmal ein schnes Ross um fnf Prgel feil gewesen ist


Wenn nicht in Salzwedel, doch anderswo, hat sich folgende wahrhafte
Geschichte zugetragen, und der Hausfreund hat's schriftlich.

Ein Kavallerieoffizier, ein Rittmeister, kam in ein Wirtshaus.
Einer, der schon drin war und ihn hatte vom Pferd absteigen gesehn,
ein Hebrer, sagte: "Dass das gar ein schner Fuchs ist, wo Ihro
Gnaden drauf hergeritten sind."

"Gefllt er Euch, Sohn Jakobs?" fragte der Offizier.
"Dass ich hundert Stockprgel aushielte, wenn er mein wre",
erwiderte der Hebrer.

Der Offizier wedelte mit der Reitpeitsche an den Stiefeln.  "Was
braucht's hundert", sagte er.  "Ihr knnt ihn um fnfzig haben."
Der Hebrer sagte: "Tun's fnfundzwanzig nicht auch?"
"Auch fnfundzwanzig", erwiderte der Rittmeister.  "Auch fnfzehn,
auch fnf, wenn Ihr daran genug habt."

Niemand wusste, ob es Spass oder Ernst ist.  Als aber der Offizier
sagte: "Meinetwegen auch fnf", dachte der Hebrer: Hab' ich nicht
schon zehn Normalprgel vor dem Amtshaus in Gnzburg ausgehalten und
bin doch noch koscher?

"Herr", sagte er, "Sie sind ein Offizier.  Offiziersparole?" Der
Rittmeister sprach: "Traut Ihr meinen Worten nicht?  Wollt Ihr's
schriftlich?"

"Lieber wr's mir", sagte der Hebrer.

Also beschied der Offizier einen Notarius und liess durch ihn dem
Hebrer folgende authentische Ausfertigung zustellen: "Wenn der
Inhaber dieses von gegenwrtigem Herrn Offizier fnf Prgel mit
einem tchtigen Stock ruhig ausgehalten und empfangen hat, so wird
ihm der Offizier seinen bei sich habenden Reitgaul, den Fuchs, ohne
weitere Lasten und Nachforderung alsogleich als Eigentum zustellen.
So geschehen da und da, den und den."

Als der Hebrer die Ausfertigung in der Tasche hatte, legte er sich
ber einen Sessel, und der Offizier hieb ihm mit einem hispanischen
Rohr mitten auf das Hinterteil dergestalt, dass der Hebrer bei sich
selbst dachte: Der kann's noch besser als der Gerichtsdiener in
Gnzburg, und lautauf Auweih schrie, so sehr er sich vorgenommen
hatte, es zu verbeissen.

Der Offizier aber setzte sich und trank ruhig ein Schpplein.  "Wie
tut's, Sohn Jakobs?" Der Hebrer sagte: "Na, wie tut's, gebt mir die
andern auch, so bin ich absolviert.

"Das kann geschehen", sprach der Offizier und setzte ihm den zweiten
auf, dergestalt, dass der erste nur eine Lockspeise dagegen zu sein
schien; darauf setzte er sich wieder und trank noch ein Schpplein.
Also tat er beim dritten Streich, also beim vierten.  Nach dem
vierten sagte der Hebrer: "Ich weiss nicht, soll ich's Euer Gnaden
Dank wissen oder nicht, dass Sie mich einen nach dem andern
geniessen lassen.  Geben Sie mir zum vierten den fnften gleich, so
bin ich des Genusses los, und der Fuchs weiss, an wen er sich zu
halten hat."

Da sagte der Offizier: "Sohn Jakobs, auf den fnften knnt Ihr lange
warten", und stellte das hispanische Rohr ganz ruhig an den Ort, wo
er es genommen hatte, und alles Bitten und Betteln um den fnften
Prgel war vergebens.

Da lachten alle Anwesende, dass man fast das Haus untersttzen
musste, der Hebrer aber wendete sich an den Notarius, er solle ihm
zum fnften Prgel verhelfen, und hielt ihm die Verschreibung vor.
Der Notarius aber sagte: "Jekeffen, was tu' ich damit?  Wenn's der
Herr Baron nicht freiwillig tut, in der Verschreibung steht nichts
davon, dass er muss." Kurz, der Hebrer wartet noch auf den fnften
und auf den Fuchs.

Der Hausfreund aber wollt' diesen Mutwillen nicht loben, wenn sich
der Hebrer nicht angeboten htte.

Merke: Wer sich zu fnf Schlgen hergibt um Gewinns willen, der
verdient, dass er vier bekommt ohne Gewinn.  Man muss sich nie um
Gewinns willen freiwillig misshandeln lassen.



Wie man aus Barmherzigkeit rasiert wird


In eine Barbierstube kommt ein armer Mann mit einem starken,
schwarzen Bart, und statt eines Stcklein Brotes bittet er, der
Meister soll so gut sein und ihm den Bart abnehmen um Gottes willen,
dass er doch auch wieder aussehe wie ein Christ.  Der Meister nimmt
das schlechteste Messer, wo er hat, denn er dachte: Was soll ich ein
gutes daran stumpfhacken fr nichts und wieder nichts?  Whrend er an
dem armen Teufel hackt und schabt, und er darf nichts sagen, weil's
ihm der Schinder umsonst tut, heult der Hund auf dem Hof.  Der
Meister sagt: "Was fehlt dem Mopper, dass er so winselt und heult?"
Der Christoph sagt: "Ich weiss nicht." Der Hans Frieder sagt: "Ich
weiss auch nicht." Der arme Teufel unter dem Messer aber sagt: "Er
wird vermutlich auch um Gottes willen balbiert wie ich."



Wie man in den Wald schreit, also schreit es daraus


Ein Mann, der etwas gleichsah, aber nicht viel Komplimente machte,
kommt in ein Wirtshaus.  Alle Gste, die da waren, zogen hflich den
Hut oder die Kappe vor ihm ab, bis auf einen, der ihn nicht kommen
sah, weil er gerade die Stiche zhlte, die er im Mariaschen von
seinem Nachbar gewonnen hatte.  Und als er eben das Herz-Ass durch
die Finger schob und sagte: "Zweiundfnfzig und elf sind
dreiundsechzig", und bemerkte immer den Fremden noch nicht, der
etwas gleichsah, fragte ihn der Fremde: "Herr, fr was sehet Ihr
mich an?" Der Gast sagte: "Fr einen honetten Mann; was weiss ich
von Euch?" Der Fremde sagte: "Das dank' Euch der Teufel!" Da stand
der Gast vom Spieltisch auf und fragte: "Fr was sieht denn der Herr
mich an?" Der Fremde sagte: "Fr einen Flegel." Darauf sagte der
Gast: "Das danke dem Herrn auch der Teufel!  Ich merke, dass wir
einander beide fr den Unrechten angesehen haben." Als aber die
andern Gste merkten, dass doch auch in einem feinen Rock ein grober
Mensch stecken knne, setzten sie alle die Hte wieder auf, und der
Fremde konnte nichts machen, als ein ander Mal manierlicher sein.



Wie sich der Zundelfrieder hat beritten gemacht


Als der Zundelfrieder bald alle listigen Diebsstreiche durchgemacht
und fast ein berleid daran bekommen hatte, denn der Zundelfrieder
stiehlt nie aus Not oder aus Gewinnsucht oder aus Liederlichkeit,
sondern aus Liebe zur Kunst und zur Schrfung des Verstandes; hat er
nicht dem Brassenheimer Mller den Schimmel selber wieder an die
Tre gebunden?  Was will der geneigte Leser oder des Hausfreunds
Reisegefhrte nach Lenzkirch mehr verlangen?  Eines Abends, als er,
wie gesagt, fast alles durchgemacht hatte, dachte er: "Jetzt will
ich doch auch einmal probieren, wie weit man mit der Ehrlichkeit
kommt." Also stahl er in selbiger Nacht eine Geiss, drei Schritte
von der Scharwache, und liess sich attrapieren.  Den andern Tag im
Verhr gestand er alles.  Wie er aber bald merkte, dass ihm der
Richter fnfundzwanzig oder etwas zum Andenken wollte mitgeben
lassen, dachte er: Ich bin noch nicht ehrlich genug.  Deswegen
verschnappte er sich noch ein wenig in den Redensarten und gestand
bei der weitern Untersuchung nach kurzem Widerstand, wie er von
jeher ein halber Kakerlak gewesen sei, das heisst, ein Mensch, der
bei Nacht fast besser sieht als am Tag, und als ihn der Richter aufs
Eis fhren wollte, ob er nicht noch von ein paar andern Diebsthlen
wisse, die krzlich begangen worden, sagte er, allerdings wisse er
davon, und er sei derjenige.  Als ihm den andern Morgen der Spruch
publiziert wurde, er msse ins Zuchthaus, und der Stadtsoldat, der
ihn begleiten sollte, stand schon vor der Tr, denn es war zwanzig
Stunden weit, sagte er ganz reumtig: "Recht findet seinen Knecht.
Was ich verdient habe, wird mir werden." Unterwegs erzhlte er dem
Stadtsoldaten, er sei auch schon Militr gewesen.  "Bin ich nicht
sechs Jahre bei Klebeck Infanterie in Dienst gewesen?  Knnt' ich
Euch nicht sieben Wunden zeigen aus dem Scheldekrieg, den der Kaiser
Joseph mit den Hollndern fhren wollte?" Der treuherzige Begleiter
sagte: "Ich hab's nie weiter bringen knnen als zum Stadtsoldaten.
Eigentlich wr' ich ein Nagelschmied.  Aber die Zeiten sind schlimm."
--"Im Gegenteil", sagte der Frieder, "ein Stadtsoldat ist mir
respektabler als ein Feldsoldat.  Denn Stadt ist mehr als Feld,
deswegen avanciert der Feldsoldat in seinem Alter noch zum
Stadtsoldaten.  Zudem, der Stadtsoldat wacht fr seiner Mitbrger
Leben und Eigentum, fr eigen Weib und Kind.  Der Kriegssoldat zieht
hinaus ins Feld und kmpft, er weiss nicht fr wen und nicht fr
was.  Zudem", sagte er, "kann ein Stadtsoldat, wenn er nichts
Ungeschicktes begangen hat, mit Ehren sterben, wann er will.

Unsereiner muss sich schon drum totstechen lassen.  Ich versichere
Euch", fuhr er fort, "ich und meine Feinde (er meinte die
Strickreiter) wir haben wenig Ehre davon, dass ich noch lebe." Der
Nagelschmied wurde ber diese ehrenvolle Vergleichung so gerhrt,
dass er bei sich selbst dachte, einen so gtigen und herablassenden
Arrestanten habe er noch nicht leicht transportiert, und der Frieder
ging immer mit grossen Schritten voraus, um den Nagelschmied recht
mde und trocken zu machen in der Sonnenhitze.  "Darin unterscheiden
sich die Feldsoldaten von den Stadtsoldaten", sagte er, "dass sie an
einen weiten Schritt gewhnt sind von dem Marsch." Abends um 4. Uhr,
als sie in ein Drflein kamen und an ein Wirtshaus, "Kamerad", sagte
der Frieder, "wollen wir nicht einen Schoppen trinken?"--"Herr
Kamerad", erwiderte der Nagelschmied, "was Ihm recht ist, ist mir
auch recht." Also tranken sie miteinander einen Schoppen, auch eine
halbe Mass, auch eine Mass, auch zwei, und Brderschaft ohnehin, und
der Frieder erzhlte immerfort von seinen Kriegsaffren, bis der
Nagelschmied vor Schwere des Weins und Mdigkeit einschlief.  Als er
nach einigen Stunden wieder aufwachte und den Frieder nimmer sah,
war sein erster Gedanke: "Was gilt's, der Herr Bruder ist alsgemach
vorausgegangen." Nein, er stand nur ein wenig draussen vor der Tre,
denn der Frieder geht nicht leicht leer fort.  Als er wieder
hereinkam, sagte er: "Herr Bruder, der Mond will bald aufgehen.  Wenn
es dir recht ist, so bleiben wir lieber hier ber Nacht." Der
Nagelschmied, schlfrig und trge, sagte: "Wie der Herr Bruder
meint." In der Nacht, als der Nagelschmied fest schlief und alle
Tne aus dem Bass in den Diskant und wieder in den Bass
durchschnarchte, der Frieder aber nicht schlafen konnte, stand der
Frieder auf, visitierte fr Zeitvertreib des Herrn Bruders Taschen
und fand unter andern das Schreiben, das wegen seiner dem
Stadtsoldaten an den Zuchthausverwalter war mitgegeben worden.
Hierauf probierte er fr Zeitvertreib des Herrn Bruders neue
Monturstiefeln an.  Sie waren ihm recht.  Hierauf liess er sich fr
Zeitvertreib durch das Fenster auf die Gasse herab und ging des
geraden Wegs fort, so weit ihm der Mond leuchtete.  Als der
Nagelschmied frh erwachte und den Herr Bruder nimmer gewahr wurde,
dachte er: "Er wird wieder ein wenig draussen sein." Freilich war er
wieder ein wenig draussen, und als er den Tag erlaufen hatte, im
ersten Dorf, das ihm am Weg war, weckte er den Schulzen.  "Herr
Schulz, es ist mir ein Unglck passiert.  Ich bin ein Arrestant, und
der Stadtsoldat von da und da, der mich transportieren sollte, ist
mir abhanden gekommen.  Geld hab' ich keins.  Weg und Steg kenn' ich
nicht, also lasst mir auf Gemeindekosten eine Suppe kochen und
verschafft mir einen Wegweiser in die Stadt ins Zuchthaus." Der
Schulz gab ihm eine Bollete an den Gemeindswirt auf eine Mehlsuppe
und einen Schoppen Wein und schickte nach einem armen Mdchen.  "Geh
ins Wirtshaus und zeige dem Mann, der dort frhstckt, wenn er
fertig ist, den Weg und die Stadt; er will ins Zuchthaus." Als der
Frieder mit dem Mdchen aus dem Wald und ber die letzten Hgel
gekommen war und in der Ebene von weitem die Trme der Stadt
erblickt hatte, sagte er zu dem Mdchen: "Geh jetzt nur nach Haus,
mein Kind, jetzt kann ich nimmer verirren." In der Stadt bei den
ersten Husern fragte er ein Bblein auf der Gasse: "Bblein, wo ist
das Zuchthaus?" und als er es gefunden und vor den
Zuchthausverwalter gekommen war, bergab er ihm das Schreiben, das
er dem Nagelschmied aus der Tasche genommen hatte.  Der Verwalter las
und las und schaute zuletzt den Frieder mit grossen Augen an.  "Guter
Freund", sagte er, "das ist schon recht.  Aber wo habt Ihr dann den
Arrestanten?  Ihr sollt ja einen Arrestanten abliefern." Der Frieder
antwortete ganz verwundert: "Ei, der Arrestant, der bin ich selber."
Der Verwalter sagte: "Guter Freund, es scheint, Ihr wollt Spass
machen.  Hier spasst man nicht.  Gesteht's, Ihr habt den Arrestanten
entwischen lassen!  Ich seh es aus allem." Der Frieder sagte: "Wenn
Sie es aus allem sehen, so will ich's nicht leugnen.  Wenn mir aber
Ihro Exzellenz", sagte er zu dem Verwalter, "einen Brittenen
mitgeben wollen, so getrau' ich mir, den Vagabunden noch
einzufangen.  Denn es ist kaum eine Viertelstunde, dass.  er mir aus
den Augen gekommen ist."--"Einfltiger Tropf", sagte der Verwalter,
"was ntzt dem Berittenen die Geschwindigkeit des Rosses, wenn er
mit einem Unberittenen reiten soll?  Knnt Ihr reiten?" Der Frieder
sagte: "Bin ich nicht sechs Jahre Wrttemberger Dragoner gewesen?"--
"Gut", erwiderte der Verwalter, "man wird fr Euch ebenfalls ein
Ross satteln lassen, und zwar fr Euer eigen gutes Geld; ein ander
Mal gebt Achtung", und verschaffte ihm in der Eile ein offenes
Ausschreiben an alle Ortsvorgesetzte, auf dass, wenn er Mannschaft
ntig habe zum Streif.  Also ritten der Strickreiter und der
Zundelfrieder miteinander dahin, um den Zundelfrieder aufzusuchen,
bis an einen Scheideweg.  An dem Scheideweg sagte der Frieder dem
Strickreiter, auf welchem Weg der Strickreiter reiten soll, und auf
welchem er selber reiten wolle.  "Am Rhein an der Fahrt kommen wir
wieder zusammen." Als sie aber einander aus den Augen verloren
hatten, wendete sich der Frieder wieder rechts und machte mit seinem
Ausschreiben in allen Drfern Lrm und liess die Sturmglocken
anziehen, der Zundelfrieder sei im Revier, bis er an der Grenze war.

An der Grenze aber gab er dem Rsslein einen Fitzer und ritt
hinber.

So etwas knnte hierzuland nicht passieren.



Willige Rechtspflege


Als ein neu angehender Beamter zuzeiten der Republik das erste Mal
zu Recht sass, trat vor die Schranken seines Richterstuhles der
untere Mller, vortragend seine Beschwerden gegen den obern in
Sachen der Wasserbaukosten.  Als er fertig war, erkannte der Richter:
"Die Sache ist ganz klar.  Ihr habt recht." Es verging eine Nacht und
ein Ruschlein, kam der obere Mller und trug sein Recht und seine
Verteidigung auch vor, noch mundfertiger als der untere.  Als er
ausgeredet hatte, erkannte der Richter: "Die Sache ist so klar als
mglich.  Ihr habt vollkommen recht." Hierauf, als der Mller
abgetreten war, nahte dem Richter der Amtsdiener.  "Gestrenger Herr",
sagte der Amtsdiener, "also hat Euer Herr Vorfahrer nie gesprochen,
solange wir Urteil und Recht erteilten.  Auch werden wir dabei nicht
bestehen.  Es knnen nicht beide Parteien den Prozess gewinnen, sonst
mssen ihn auch beide verlieren, welches nicht gehn will." Darauf
antwortete der Beamte: "So klar war die Sache noch nie.  Du hast auch
recht."



Willige Rechtspflege


Als ein neu angehender Beamter zu Zeiten der Republik das erste Mal
zu Recht sa, trat vor die Schranken seines Richterstuhls der untere
Mller, vortragend seine Beschwerden gegen den obern in Sachen der
Wasserbaukosten.  Als er fertig war, erkannte der Richter: "Die Sache
ist ganz klar.  Ihr habt recht." Es verging eine Nacht und ein
Ruschlein, kam der obere Mller und trug sein Recht und seine
Verteidigung auch vor, noch mundfertiger als der untere.  Als er
ausgeredet hatte, erkannte der Richter: "Die Sache ist so klar als
mglich.  Ihr habt vollkommen redet." Hierauf, als der Mller
abgetreten war, nahte dem Richter der Amtsdiener.  "Gestrenger Herr",
sagte der Amtsdiener, "also hat Euer Herr Vorfahrer nie gesprochen,
solange wir Urteil und Recht erteilten.  Auch werden wir dabei nicht
bestehen.  Es knnen nicht beide Parteien den Proze gewinnen, sonst
mssen ihn auch beide verlieren, welches nicht gehn will." Darauf
antwortete der Beamte: "So klar war die Sache noch nie.  Du hast auch
recht."



Zwei Erzhlungen


Wie leicht sich manche Menschen oft ber unbedeutende Kleinigkeiten
rgern und erzrnen, und wie leicht die nmlichen oft durch einen
unerwarteten spasshaften Einfall wieder zur Besinnung knnen
gebracht werden, das haben wir im alten Kalender an dem Herrn
gesehen, der die Suppenschssel aus dem Fenster warf, und an seinem
witzigen Bedienten.  Das nmliche lehren folgende zwei Beispiele.
Ein Gassenjunge sprach einen gut und vornehm gekleideten Mann, der
an ihm vorbeiging, um einen Kreuzer an, und als dieser seiner Bitte
kein Gehr geben wollte, versprach er ihm, um einen Kreuzer zu
zeigen, wie man zu Zorn und Schimpf und Hndeln kommen knne.
Mancher, der dies liest, wird denken, das zu lernen sei keinen
Heller, noch weniger einen Kreuzer wert, weil Schimpf und Hndel
etwas Schlimmes und nichts Gutes sind.  Aber es ist mehr wert, als
man meint.  Denn wenn man weiss, wie man zu dem Schlimmen kommen
kann, so weiss man auch, vor was man sich zu hten hat, wenn man
davor bewahrt bleiben will.  So mag dieser Mann auch gedacht haben,
denn ergab dem Knaben den Kreuzer.  Allein dieser forderte jetzt den
zweiten, und als er den auch erlangt hatte, den dritten und vierten
und endlich den sechsten.  Als er aber noch immer mit dem Kunststck
nicht herausrcken wollte, ging doch die Geduld des Mannes aus.  Er
nannte den Knaben einen unverschmten Burschen und Betteljungen,
drohte, ihn mit Schlgen fortzujagen, und gab ihm am Ende auch
wirklich ein paar Streiche.  "Ihr grober Mann, der Ihr seid", schrie
jetzt der Junge, "schon so alt und noch so unverstndig!  Hab' ich
Euch nicht versprochen zu lehren, wie man zu Schimpf und Hndeln
kommt?  Habt Ihr mir nicht sechs Kreuzer dafr gegeben?  Das sind ja
jetzt Hndel, und so kommt man dazu.  Was schlagt Ihr mich denn?" So
unangenehm dem Ehrenmann dieser Vorfall war, so sah er doch ein,
dass der listige Knabe recht und er selber unrecht hatte.  Er
besnftigte sich, nahm sich's zur Warnung, nimmer so aufzufahren,
und glaubte, die gute Lehre, die er da erhalten habe, sei wohl sechs
Kreuzer wert gewesen.

In einer andern Stadt ging ein Brger schnell und ernsthaft die
Strasse hinab.  Man sah ihm an, dass er etwas Wichtiges an einem Ort
zu tun habe.  Da ging der vornehme Stadtrichter an ihm vorbei, der
ein neugieriger und dabei ein gewaltttiger Mann muss gewesen sein,
und der Gerichtsdiener kam hinter ihm drein.  "Wo geht Ihr hin so
eilig?" sprach er zu dem Brger.  Dieser erwiderte ganz gelassen:
"Gndiger Herr, das weiss ich selber nicht."--"Aber Ihr seht doch
nicht aus, als ob Ihr nur fr Langeweile herumgehen wolltet.  Ihr
msst etwas Wichtiges an einem Orte vorhaben." "Das mag sein", fuhr
der Brger fort, "aber wo ich hingehe, weiss ich wahrhaftig nicht."
Das verdross den Stadtrichter sehr.  Vielleicht kam er auch auf den
Verdacht, dass der Mann an einem Ort etwas Bses ausben wollte, das
er nicht sagen drfe.  Kurz, er verlangte jetzt ernsthaft, von ihm zu
hren, wo er hingehe, mit der Bedrohung, ihn sogleich von der
Strasse weg in das Gefngnis fhren zu lassen.  Das half alles
nichts; und der Stadtrichter gab dem Gerichtsdiener zuletzt wirklich
den Befehl, diesen widerspenstigen Menschen wegzufhren.  Jetzt aber
sprach der verstndige Mann: "Da sehen Sie nun, hochgebietender
Herr, dass ich die reine, lautere Wahrheit gesagt habe.  Wie konnte
ich vor einer Minute noch wissen, dass ich in den Turm gehen werde
--, und weiss ich denn jetzt gewiss, ob ich drein gehe?" "Nein",
sprach jetzt der Richter, "das sollt Ihr nicht." Die witzige Rede
des Brgers brachte ihn zur Besinnung.  Er machte sich stille
Vorwrfe ber seine Empfindlichkeit und liess den Mann ruhig seinen
Weg gehen.

Es ist doch merkwrdig, dass manchmal ein Mensch, hinter welchem man
nicht viel sucht, einem andern noch eine gute Lehre geben kann, der
sich fr erstaunend weise und verstndig hlt.



Zwei Gehilfen des Hausfreunds


Es wird in Zukunft bisweilen von einem Adjunkt die Rede sein, was
der geneigte Leser nicht verstehen knnte, wenn es ihm nicht erklrt
wrde.  Als nmlich der Hausfreund den Rheinlndischen Kalender noch
schrieb, er schreibt ihn noch, hat er den Bezirk seiner
Hausfreundschaft diesseits Rheins, wie die Franzosen das Land
jenseits Rheins, in zwei Provinzen geteilt, in die untere und in die
obere, und hat in die untere einen Statthalter gesetzt, einen
Prfekt, der aber nicht will genannt sein, denn er ist kein
Landskind.  Auch nennt ihn der Hausfreund selber nicht leicht
Statthalter, und niemand, sondern Adjunkt, denn selten ist jeder auf
seinem Posten, sondern sitzen beieinander un schreiben miteinander
neue, hochdeutsche Reimen oder sinnreiche Rtsel.  "Zum Exempel,
Adjunkt", sagt der Hausfreund: "Ratet hin, ratet her, was ist das?"

Der arme Tropf
Hat keinen Kopf;
Das arme Weib
Hat keinen Leib;
Die arme Kleine
Hat keine Beine.

Sie ist ein langer Darm,
Doch schlingt sie einen Arm
Bedchtig in den andern ein.
Was mag das fr ein Weiblein sein?

"Hausfreund", sagt der Adjunkt, "wenn Ihr mir einen Groschen leiht,
so will ich Euch fr dieses Rtsel ein paar Bretzeln kaufen.  Den
Wein, den wir dazu trinken, bezahlt Ihr.  Ratet hin, ratet her, was
ist aber das?

Holde, die ich meine.
Niedliche und Kleine,
Ich liebe dich, und ohne dich
Wird mir der Abend weinerlich.

Auch gnnst du mir,
Nachrhm' ich's dir,
Wohl manchen lieblichen Genuss;
Doch bald bekommst du's berdruss

Und laufst zu meiner tiefen Schmach
Ein feiles Mensch den Juden nach.
Und dennoch, Falsche aus und ein,
Hrst du nicht auf, mir lieb zu sein.

Ihr erratet's nicht", sagt der Statthalter, "wenn ich's Euch nicht
expliziere.  Es ist eine Adjunktsbesoldung, zum Exempel meine eigene,
die ich von Euch bekomme."

Allein der Adjunkt hat selber wieder eine Adjunktin, nmlich seine
Schwiegermutter, die Tochter hat er noch nicht, bekommt sie auch
nicht; und der Hausfreund hat an ihm einen ganz andern Glckszug
getan, als sein guter Freund, der Doktor, auf seiner Heimreise aus
Spanien an der Madrider Barbiergilde.  Denn als er aus der grossen
Stadt Madrid heraustritt, seinem Tierlein wuchsen in dem warmen Land
und bei der ppigen Nahrung die Haare so krftig, dass er nach
Landesart zwei Barbiere mitnehmen musste, die auch ritten, und wenn
sie abends in die Herberge kamen, so rasierten sie sein Tierlein.
Weil sie aber selber keine gemeine Leute waren und die ganze Nacht
Arbeit genug hatten, bis das Tierlein eingeseift und rasiert und
wieder mit Lavendell eingerieben war, so nahm jeder wieder fr sein
eigenes Tierlein zwei Barbiere mit, die ebenfalls ritten, und diese
wieder.  Als nun der Doktor oben auf dem pyrenischen Berg zum ersten
Mal umschaute und mit dem Perspektiv sehen wollte, wo er hergekommen
war, als er mit Verwunderung und Schrecken den langen Zug seiner
Begleiter gewahr wurde, und wie noch immer neue Barbiere zum
Stadttor von Madrid herausritten und inwendig wieder aufsassen,
sagte er bei sich selbst: Was hab' ich denn ntig, lnger zu reiten;
es geht nun jetzt bergunter,--und ging frh am Tag in aller Stille
zu Fuss nach Montlouis.

Also hat der Hausfreund mit seinem Adjunkte auch die Adjunktin des
Adjunkten gewonnen, ist aber nicht erschrocken und davon gelaufen.
Wer's noch nie erlebt hat, wie sie allen Leuten Red' und Antwort gab
und schne Schweizerlieder vom Rigiberg singen und wie sie sich
verstellen kann, bald meint man, man sehe eine Heilige mitten aus
dem gelobten Land heraus, bald die heidnische Zauberin Medea, und
noch viel, wer's nicht gesehen hat, stellt sich's nicht vor.
Der freundlichen Schwiegermutter des Adjunkts soll dieses Bchlein
zum Dank und zur Freundschaft gewidmet sein.



Zwei honette Kaufleute


Zwei Besenbinder hatten nebeneinander feil in Hamburg.  Als der eine
schon fast alles verkauft hatte, der andere noch nichts, sagte der
andere zu dem einen: "Ich begreife nicht, Kamerad, wie du deine
Besen so wohlfeil geben kannst.  Ich stehle doch das Reis zu den
meinigen auch und verdiene gleichwohl den Taglohn kaum mit dem
Binden." "Das will ich dir wohl glauben, Kamerad", sagte der erste;
"ich stehle die meinigen, wenn sie schon gebunden sind."



Zwei Kriegsgefangene in Bobruisk


Wer viel merkwrdige Begebenheiten aus dem russischen Feldzug wissen
will, der muss ihn entweder selbst mitgemacht haben oder aber, er
muss mit vornehmen Kriegshauptleuten bekannt sein, die dabei waren.
Der Kalendermann rhmt sich dessen, und wenn er mittags ber den
Paradeplatz geht zum Hofapotheker, grssen sie ihn.  Mitgemacht den
Feldzug hat er nicht.

Folgendes ist ein seltener Beweis von Edelmut und Leichtsinn und
noch einmal von Edelmut.  Zwei polnische Offiziere wurden als
Kriegsgefangene in einem russischen Dorf bis den andern Morgen
einquartiert.  Sonst sollen die Polen und die Russen auf den blossen
Namen hin nicht immer die besten Freunde sein.  Allein der russische
Edelmann, der in demselben Dorf wohnt, dachte daran in seinem
schnen Schloss und in seiner warmen Stube, wie er auch einmal in
seiner Jugend Kriegsgefangener gewesen war in fremdem Lande ohne
Geld, ohne Freund, ohne Trost, und wie er in dem Hause eines edlen
Menschen eine freundliche Aufnahme gefunden hatte, und wie solches
dem Herzen wohltut.  Also suchte er sogleich die Gefangenen auf, nahm
sie in sein Schloss, bewirtete sie wie Brder oder Freunde und
suchte sie durch Trost und teilnehmende Reden zu erheitern.  Denn das
ist ein schnes und heiliges Schuld- und Wechselrecht, das in dem
Herzen aller gutgearteten Menschen aufgerichtet ist, dass, wer
einmal unter fremden Leuten in der Not und Betrbnis eine Liebe oder
Wohltat erfahren hat, sieht sie als ein empfangenes Darlehen an und
zahlt sie, wenn er daheim ist, wieder an einen andern Fremdling
heim, der in gleicher Not und Betrbnis zu ihm kommt, als eine
Schuldigkeit, ob er gleich keine Handschrift darber ausgestellt
hat, und das nicht einmal, sondern zehnmal, wenn er kann, wie ein
ausgestreutes Saatkorn nicht allein, sondern selbzehnt oder
fnfzehnt aus der Erde zurckkehrt.

"Wisst ihr schon", fragte die Gefangenen der Edelmann, "wo der Ort
eures Aufenthaltes sein wird?" Die Gefangenen sagten, "in den
kaukasischen Gebirgen."--"Seid ihr denn auch mit etwas Reisegeld
versehen auf einen so langen Weg?" Die Gefangenen zuckten die
Achseln.  Hierauf sprach der Edelmann ihnen mit heiterer Miene zu, zu
essen und zu trinken und wohl bei ihm zu schlafen, und des andern
Morgens, als der Transport weiterging und sie nun von ihrem
Wohltter Abschied nahmen, schenkte er ihnen fnfhundert Rubel
russischen Geldes auf die Reise.  Nein, er wollte nicht einmal den
Namen haben, dass er es ihnen schenkte.  "Ich will es euch leihen",
sagte er; "wenn euch einst Gott in euere Heimat und zu den Eurigen
zurckfhrt, so knnt ihr mir's wieder schicken."

Die Geschichte knnte hier aus sein.  Sie wre schon des Erzhlens
wert gewesen.  Allein sie fngt jetzt erst recht an.  Der nchste
Tagmarsch der Kriegsgefangenen ging nach einer altrussischen
Grenzfestung namens Bobruisk.  Man muss schon ein fertiges Mundwerk
haben, wenn man so einen russischen Namen mit Leichtigkeit will
aussprechen knnen.  Der Hausfreund kann's.  In Bobruisk aber, wo die
Gefangenen bei guter Tagszeit anlangten, gingen die zwei Polen noch
ein wenig herum, die Stadt zu besehen, und als sie an ein schnes,
grosses Wirtshaus kamen, dachten sie, "wollen wir nicht ein wenig
hineingehen und unserm Wohltter seine Gesundheit trinken?" In dem
Wirtshaus aber sassen viele russische Herrn und Edelleute, die
redeten oder tranken miteinander oder spielten Pharao.  Pharao aber
ist ein sehr gefhrliches Spiel, in welchem man viel Geld verspielen
kann, also, dass man es nicht Pharao nennen sollte, sondern das Rote
Meer, weil viele, die hineingehen, drin ertrinken, ausgenommen die
Kinder Israel.

Selbigen Tages aber kam auch der wohlttige russische Edelmann nach
Bobruisk, um bei seinen guten Freunden daselbst einen vergngten
Abend zuzubringen, und indem er in das nmliche Wirtshaus
hineintritt, was geschieht, wen sieht er mitten unter seinen reichen
Freunden und Bekannten am Spieltische sitzen?  Wen sieht er ein
Dutzend Rubel nach dem andern setzen und verspielen?  Seine
leichtsinnigen Gste, die zwei Polen.  Die Polen htten auch fast
lieber einen Wolf als ihn gesehen und spielten nicht um das besser
oder glcklicher, als er sich ebenfalls an den langen Spieltisch
setzte und ein Dutzend Rubel nach dem andern gewann, wren gerne
davongeschlichen, wenn sie nicht die gute Hlfte ihres Geldes htten
mssen im Stich lassen, das sie wieder zu gewinnen hofften.  Als sie
aber in kurzer Zeit ganz vom Samen waren und die letzte Kopeke dahin
war und jetzt trostlos und verzweifelnd zur Tr hinausschlichen,
ging ihnen der russische Edelmann nach, und mancher geneigte Leser,
dem man nicht so kommen drfte, freut sich schon, wie er Justiz
machen und den russischen Stab wird walten lassen.  Nichts nutz!  Ein
Kriegsgefangener ist ohne Schlge geschlagen genug, und Strafe
erbittert nur, aber Grossmut kann beschmen und bessern.  alleine
Freunde", sagte er zu ihnen sanft und gtig, "ihr msst wohl besser
bei Geld sein, als ich gestern geglaubt habe.  Nehmt mir meine
Voreiligkeit nicht bel auf.  Ich danke euch, dass ihr mein
gutgemeintes Anerbieten nicht beschmt habt." Die Gefangenen aber
waren nicht imstande, eine Silbe zu antworten, ausgenommen sie
schlugen die Augen nieder, als wenn sie sagen wollten, dass er sich
gestern nicht an ihnen versehen habe, aber jetzt.  Da sprach er zu
ihnen: "Ihr seid nunmehr gewitziget, und ich hoffe, meine Gte sei
zum zweiten Mal besser an euch angewendet als zum erstenmal"; und
als er ihnen mit einem guten Wechselbrief von fnfhundert Rubel
ihren ganzen Verlust ersetzte, konnten sie noch weniger als vorher
sprechen, sondern kssten ihm mit Trnen des Dankes und der Rhrung
die Hnde.  Hernach aber hat er nichts mehr von ihnen erfahren.  Diese
Erzhlung ist unversehrt aus Russland herausgekommen und hat ihre
Wahrheit.



Zwei Sprichwrter


aus: Schatzkstlein des rheinischen Hausfreundes
Ich kenne zwei Sprichwrter, und die sind beide wahr, wenn sie schon
einander widersprechen. Von zwei unbemittelten Brdern hatte der
eine keine Lust und keinen Mut, etwas zu erwerben, weil ihm das Geld
nicht zu den Fenstern hereinregnete. Er sagte immer: "Wo nichts ist,
kommt nichts hin." Und so war es auch. Er blieb sein Leben lang der
arme Bruder Wonichtsist, weil es ihm nie der Mhe wert war, mit
einer kleinen Ersparnis den Anfang zu machen und nach und nach zu
einem greren Vermgen zu kommen. So dachte der jngere Bruder
nicht. Der pflegte zu sagen: "Was nicht ist, das kann werden." Er
hielt das wenige, was ihm von der Hinterlassenschaft der Eltern
zuteil geworden war, zusammen und vermehrte es nach und nach durch
eigene Ersparnisse, indem er fleiig arbeitete und zurckgezogen
lebte. Anfnglich ging es hart und langsam. Aber sein Sprichwort:
"Was nicht ist, das kann werden" gab ihm immer Mut und Hoffnung. Mit
der Zeit ging es besser. Er wurde durch unverdrossenen Flei und
Gottes Segen noch ein reicher Mann und ernhrt jetzt die Kinder des
armen Bruders Wonichtsist, der selber nichts zu beien und zu nagen
hat.



Zwei Weissagungen


Die erste ist sehr merkwrdig, wenn sie wahr ist, und man
behauptet's.  Als vor Jahr und Tag viele vornehme polnische Herren
bei Spiel und Tanz sich erlusteten, trat ein leichtes, wegfertiges
Weibsbild, eine Zigeunerin, in den lustigen Saal und bot ihnen ihre
Weissagungen an.  Da kam auch ein feines junges Herrlein, der
nachmalige Frst Poniatowsky, der nach der Leipziger Schlacht am 19.
Oktober 1813 das Leben verloren hat, und streckte ihr die zarte Hand
entgegen: "Weissage mir auch etwas Gutes, Mtterlein!  Was, meinst
du, will aus mir werden?" Da sah die Hexe den jungen Frsten freudig
und wieder mitleidig an.  "Ei, du schmuckes Herrlein", sagte sie, "du
gelangst einst zu seltsamen Stand und Ehren!  Mchte die Freude daran
nur auch lnger whren!  Nimm vor den Elstern dich wohl in Acht!  Eine
Elster dir den Garaus macht." Darob und ob andern Weissagungen
dieses Weibes lachten sie lange, und wie eine Elster daherflog,
sagten zu Poniatowsky seine Freunde: "Nehmt Euch in acht, Prinz!

Seht Ihr, was dort fliegt?" Aber Poniatowsky erwiderte: "Seltsam Amt
und Ehre ist noch nicht da." Als aber Polen von den drei Adlern
zernichtet war, richteten die Polen ihre Augen und ihre Hoffnungen
auf Frankreich, und viele nahmen franzsische Dienste, hoffend, dass
durch Frankreich ihre knigliche Republik wieder sollte zu Leben
kommen.  Also hatte auch Poniatowsky diese Wahl ergriffen und kmpfte
in den Tagen der Leipziger Schlacht unter den Augen Napoleons, ein
achtbarer Streitgenosse, mit Tapferkeit und Glck, soviel der 16.
Oktober erleiden mochte, also dass ihn der Kaiser Napoleon selbiges
Tages zum Marschall von Frankreich ernannte.  Das war seltsam Stand
und Wrde.  Aber schon am 19.  auf der Flucht, als alles drunter und
drber ging, ertrank der neue Marschall in der Elster.  Elster heisst
der Fluss, in welchem er ertrank.  Mancher wohlbewanderte Leser wird
sie kennen.  Also ward auf eine unerwartete Weise die Prophezeiung
der Zigeunerin erfllt.  Den Leichnam des Ertrunkenen hat nachher mit
allen seinen goldenen Ringen und Kostbarkeiten ein Fischer im Wasser
gefunden und um Geld gezeigt, aber von allen Kostbarkeiten an seinen
Fingern und in seinen Taschen hat er nichts entwendet, sondern ein
Angehriger des Prinzen hat ihn nachher in Empfang genommen und den
Fischer mit einer ansehnlichen Geldsumme belohnt.

Die zweite Weissagung lsst sich zwar ganz natrlich erklren.  Nicht
minder aber ist sie merkwrdig.

Bekanntlich konnte man dem grossen Knig Friederich von Preussen
nicht nachreden, dass er leichtglaubig gewesen sei in Ansehung der
bernatrlichen Dinge.  Vielmehr hatte er manchmal gern seinen Spass
mit solchen, die es waren, aber nicht immer gelang es ihm.  Eines
Tages versicherte man ihn von einem Prediger, dass er weissagen
knnte.  Alles, was er vorhersage, treffe ein.  Der Knig befahl, den
neuen Propheten vor ihn zu bringen.  Unterdessen erkundigte sich der
Knig, ob kein Soldat im Arrest sei, der das Leben verwirkt habe.
Ja, es war einer drinnen.  Also befahl er, den Delinquenten auf die
bestimmte Stunde vor sein knigliches Wohnzimmer auf die Schildwache
zu stellen.  Als aber der Prediger kam, "habt Ihr den heiligen Geist
empfangen?" fragte ihn der Knig.--"Ihro Majestt", sagte der
Prediger, "es wre gut, wenn ihn alle htten."--"Besitzt Ihr die
Gabe der Weissagung?"--"Etwas davon, wie die Leute sagen."--"Zum
Exempel",--fuhr der Knig fort,--"was soll ich geschwind fragen?--
Man bringe den Burschen herein, der draussen Schildwache steht!  Wie
alt wird dieser Mensch werden", fragte er den Prediger, "woran wird
er sterben?" Der Prediger erwiderte, dieser Mensch werde nach vielen
Jahren in einem hohen Alter sterben.--"Ihr seid in Eurer Probe
schlecht bestanden", versetzte hinwiederum der Knig.  "Wisst Ihr",
sagte er, dass ich morgenden Tages diesen Burschen henken lasse?  Er
ist ein Delinquent."--Der Prediger sagte: "Es wre der erste, der
meiner Weissagung entliefe." Item, der Delinquent wurde den andern
Morgen zur Hinrichtung aus Potsdam hinausgefhrt.  Item, die
Schwestern des Knigs, die Herzogin von Braunschweig und die
Prinzessin Amalia, fuhren desselbigen Morgens nach Potsdam hinein,
dass sie dem Knig einen guten Morgen sagen und ihm mit ihrem Besuch
eine unvermutete Freude machen wollten.  Denn derselbige Morgen war
schn, fast zu schn zum Henken.  Als sie aber an dem Zug
vorbeifuhren und den armen Menschen auf seinem schweren Todesgang
erblickten, zuckte durch ihre frstlichen Seelen ein zarter Schmerz.
"Was soll mit diesem armen Menschen werden?"--"Ihre Hoheit, nimmer
viel.  Er wird gehenkt."--"Was hat er begangen?"--"Das und das."--
Es war zum Henken und zum Laufenlassen, wie man wollte.  Die
Prinzessin befahl, mit der Hinrichtung noch innezuhalten, bis neue
Ordre kme.  Der Knig aber empfing seine Schwestern mit brderlicher
Freude.  "Wir haben eine Bitte an Euch, geliebter Bruder", sagten
sie, "die Ihr uns wohl gewhren mget, so Ihr wollt.  Gebt uns darauf
Euer knigliches Wort!" Der Knig war in guter Laune und tat's.
"Wenn's mglich ist", sagte er, "so soll's nicht Nein sein." Denn er
meinte, sie seien deswegen gekommen und wollten etwas verlangen fr
sich.  Sie baten aber zu seinem Erstaunen um die Begnadigung des
Delinquenten.--Was war zu tun?  Das Wort war gegeben.  Also schickte
er einen Adjutanten mit einem weissen Tchlein hinaus, dass man den
Delinquenten wieder zurckbrchte.  Der Knig segnete das Zeitliche
den 17. August 1786.

Der Musketier kann in diesem Augenblicke noch leben.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Schatzkstlein des rheinischen
Hausfreundes (Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen), von Johann
Peter Hebel.





End of the Project Gutenberg EBook of Schatzkaestlein des rheinischen
Hausfreundes, by Johann Peter Hebel

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