The Project Gutenberg EBook of Das goldene Vliess, by Franz Grillparzer
#4 in our series by Franz Grillparzer

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Title: Das goldene Vliess

Author: Franz Grillparzer

Release Date: April, 2005 [EBook #7946]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on June 3, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: iso-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS ***




Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen




This Etext is in German.

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Das goldene Vlie

Franz Grillparzer


Inhalt:
  Der Gastfreund
  Die Argonauten
  Medea






Der Gastfreund

Franz Grillparzer

Trauerspiel in einem Aufzug


Personen:

Aietes, Knig von Kolchis
Medea, seine Tochter
Gora, Medeens Amme
Peritta, eine ihrer Jungfrauen
Phryxus
Jungfrauen Medeens
Griechen in Phryxus' Gefolge
Kolcher




Kolchis.  (Wilde Gegend mit Felsen und Bumen, im Hintergrunde das
Meer.  Am Gestade desselben ein Altar, von unbehauenen Steinen
zusammengefgt, auf dem die kolossale Bildsule eines nackten,
brtigen Mannes steht, der in seiner Rechten eine Keule, um die
Schultern ein Widderfell trgt.  Links an den Szenen des
Mittelgrundes der Eingang eines Hauses mit Stufen und rohen Sulen.
Tagesanbruch.)
Medea, Gora, Peritta, Gefolge von Jungfrauen.
(Beim Aufziehen des Vorhanges steht Medea im Vorgrunde mit dem
Bogen in der Hand in der Stellung einer, die eben den Pfeil
abgeschossen.  An den Stufen des Altars liegt ein, von einem Pfeile
durchbohrtes Reh.)

Jungfrauen (die entfernt gestanden, zum Altare hineilend).
Das Opfer blutet!

Medea (in ihrer vorigen Stellung).
Traf's?

Eine der Jungfrauen.
--Gerad' ins Herz!

Medea (indem sie den Bogen abgibt).
Das deutet Gutes; lat uns eilen denn!
Geh' eine hin und spreche das Gebet.

Gora (zum Altar tretend).
Darimba, mchtige Gttin
Menschenerhalterin, Menschentterin
Die den Wein du gibst und des Halmes Frucht
Gibst des Weidwerks herzerfreuende Spende
Und des Todfeinds Blut:
Darimba, reine, magdliche
Tochter des Himmels,
Hre mich!

Chor.
Darimba, mchtige Gttin,
Darimba!  Darimba!

Gora.
Sieh ein Reh hab' ich dir gettet
Den Pfeil schnellend vom starken Bogen
Dein ist's!  La dir gefallen sein Blut!
Segne das Feld und den beutereichen Wald
Gib, da wir recht tun und siegen in der Schlacht
Gib, da wir lieben den Wohlwollenden
Und hassen den, der uns hat.
Mach' uns stark und reich, Darimba,
Mchtige Gttin!

Chor.
Darimba, Darimba!

Gora.
Das Opfer am Altar zuckt und endet,
So mgen deine Feinde enden, Darimba!
Deine Feinde und die unsern!
Es ist Medea, Aietes' Tochter,
Des Herrschers von Kolchis frstliches Kind
Die empor in deine Wohnungen ruft
Hre mich, hre mich
Und erflle was ich bat!

Chor (mit Zimbeln und Handpauken zusammen schlagend).
Darimba, Darimba!
Mchtige Gttin!
Eriho!  Jehu!

Medea.
Und somit genug!  Das Opfer ist gebracht,
Vollendet das zgernde Geschft.
Nun Pfeil und Bogen her, die Hunde vor,
Da von des Jagdlrms hallendem Getos
Der grne Wald ertne nah und fern!
Die Sonne steigt.  Hinaus!  hinaus!
Und die am schnellsten rennt und die am leichtsten springt
Sei Knigin des Tags.--
Du hier Peritta?  Sagt' ich dir nicht,
Da du mich meiden sollst und gehn?  So geh!

Peritta (knieend).
Medea!

Medea.
Kniee nicht!  Du sollst nicht knien!
Hrst du?  In deine Seele schm' ich mich.
So feig, so zahm!--Mich schmerzt nicht dein Verlust,
Mich schmerzt, da ich dich jetzt verachten mu
Und hab' dich einst geliebt!

Peritta.
O wtest du!

Medea.
Was denn?--Stahlst du dich neulich von der Jagd
Und gingst zum Hirten ins Tergener Tal?
Tatst du's?  Sprich nein!  Du Falsche, Undankbare!
Versprachst du nicht du wolltest mein sein, mein
Und keines Manns?  Sag' an, versprachst du's?

Peritta.
Als ich's gelobte wut' ich damals--

Medea.
Schweig!
Was braucht's zu wissen, als da du's versprachst.
Ich bin Aietes' knigliches Kind
Und was ich tu' ist recht weil ich's getan.
Und doch, du Falsche!  htt' ich dir versprochen
Die Hand hier abzuhaun von meinem Arm
Ich tt's; frwahr ich tt's, weil ich's versprach.

Peritta.
Es ri mich hin, ich war besinnungslos,
Und nicht mit meinem Willen, nein--

Medea.
Ei hrt!
Sie wollte nicht und tat's!--Geh du sprichst Unsinn.
Wie konnt' es denn geschehn
Wenn du nicht (wolltest).  Was ich tu' das will ich
Und was ich will--je nu das tu' ich manchmal (nicht).
Geh hin in deines Hirten dumpfe Htte
Dort kaure dich in Rauch und schmutz'gen Qualm
Und baue Kohl auf einer Spanne Grund.
Mein Garten ist die ungemene Erde
Des Himmels blaue Sulen sind mein Haus
Da will ich stehn des Berges freien Lften
Entgegen tragend eine freie Brust
Und auf dich niedersehn und dich verachten.
Hallo!  in Wald!  Ihr Mdchen in den Wald!
(Indem sie abgeben will kmmt von der andern Seite ein) Kolcher.

Kolcher.
Du Knigstochter, hre!

Medea.
Was?  Wer ruft?

Kolcher.
Ein Schiff mit Fremden angelangt zur Stund'!

Medea.
Dem Vater sag' es an.  Was kmmert's mich!

Kolcher.
Wo weilt er?

Medea.
Drin im Haus!

Kolcher.
Ich eile!

Medea.
Tu's!

(Der Bote ab ins Haus.)

Medea.
Da diese Fremden uns die Jagdlust stren!
Ihr Schiff, es ankert wohl in jener Bucht,
Die sonst zum Sammelplatz uns dient der Jagd.
Allein was tut's!  Bringt lange Speere her
Und nahet ein Khner, zahl' er's mit Blut!
Nur Speere her!  doch leise, leise, hrt!
Denn sh's der Vater wehren mcht' er es.
Kommt!--Dort das Mal von Steinen aufgehuft
Seht ihr's dort oben?  Wer erreicht's zuerst?
Stellt euch!--Nichts da!  Nicht vorgetreten!  Weg!
Wer siegt hat auf der Jagd den ersten Schu:
So, stellt euch und wenn ich das Zeichen gebe
Dann wie der Pfeil vom Bogen fort!  Gebt Acht!
Acht!--Jetzt!--
Aietes (ist unterdessen aus dem Hause getreten, mit ihm der) Bote,
(der gleich abgeht.)

Aietes.
Medea!

Medea (sich umwendend aber ohne ihren Platz zu verndern).
Vater!

Aietes.
Du, wohin?

Medea.
In Wald!

Aietes.
Bleib jetzt!

Medea.
Warum?

Aietes.
Ich will's.  Du sollst.

Medea.
So frchtest du, da jene Fremden--

Aietes.
Weit du also?--

(Nher tretend, mit gedmpfter Stimme.)

Angekommen Mnner
Aus fernem Land
Bringen Gold, bringen Schtze,
Reiche Beute.

Medea.
Wem?

Aietes.
Uns, wenn wir wollen.

Medea.
Uns?

Aietes.
's sind Fremde, sind Feinde,
Kommen zu verwsten unser Land.

Medea.
So geh hin und tte sie!

Aietes.
Zahlreich sind sie und stark bewehrt
Reich an List die fremden Mnner,
Leicht tten sie (uns.)

Medea.
So la sie ziehn!

Aietes.
Nimmermehr.
Sie sollen mir--

Medea.
Tu was du willst
Mich aber la zur Jagd!

Aietes.
Bleib, sag' ich, bleibe

Medea.
Was soll ich?

Aietes.
Helfen!  Raten!

Medea.
Ich?

Aietes.
Du bist klug, du bist stark.
Dich hat die Mutter gelehrt
Aus Krutern, aus Steinen
Trnke bereiten,
Die den Willen binden
Und fesseln die Kraft.
Du rufst Geister
Und besprichst den Mond
Hilf mir, mein gutes Kind!

Medea.
Bin ich dein gutes Kind!
Sonst achtest du meiner wenig.
Wenn ich will, willst du (nicht)
Und schiltst mich und schlgst nach mir;
Aber wenn du mein bedarfst
Lockst du mich mit Schmeichelworten
Und nennst mich Medea, dein liebes Kind.

Aietes.
Vergi Medea was sonst geschehn.
Bist doch auch nicht immer wie du solltest.
Jetzt steh mir bei und hilf mir.

Medea.
Wozu?

Aietes.
So hre denn mein gutes Mdchen!--
Das Gold der Fremden all und ihre Schtze--
Gelt lchelst?

Medea.
Ich?

Aietes.
Ei ja, das viele Gold
Die bunten Steine und die reichen Kleider
Wie sollen die mein Mdchen zieren!

Medea.
Ei immerhin!

Aietes.
Du schlaue Bbin, sieh,
Ich wei dir lacht das Herz nach all der Zier!

Medea.
Kommt nur zur Sache, Vater!

Aietes.
Ich--
Hei dort die Mdchen gehn!

Medea.
Warum?

Aietes.
Ich will's!

Medea.
Sie sollen ja mit mir zur Jagd.

Aietes.
Heut keine Jagd'

Medea.
Nicht?

Aietes.
Nein sag' ich und nein!  und nein!

Medea.
Erst lobst du mich und--

Aietes.
Nun, sei gut, mein Kind!
Komm hierher!  Weiter!  hierher, so!
Du bist ein kluges Mdchen, dir kann ich trauen.
Ich--

Medea.
Nun!

Aietes.
Was siehst du mir so starr ins Antlitz?

Medea.
Ich hre Vater!

Aietes.
O ich kenne dich!
Willst du den Vater meistern, Ungeratne?
I ch  entscheide was gut, was nicht.
Du (gehorchst).  Aus meinen Augen Verhate!


(Medea geht.)


Bleib!--Wenn du wolltest, begreifen wolltest--
Ich wei du kannst, allein du willst es nicht!
--So sei's denn, bleib aus deines Vaters Rat
Und diene, weil du dienen willst.

(Man hrt in der Ferne kriegerische Musik.)

Aietes.
Was ist das?  Weh sie kommen uns zuvor!
Siehst du Trin?
Die du schonen wolltest, sie tten uns!
In vollem Zug hierher die fremden Mnner!
Weh uns!  Waffen!  Waffen!

(Der Bote kommt wieder.)

Bote.
Der Fhrer, Herr, der fremden Mnner!--

Aietes.
Was will er?  Meine Krone, mein Leben?
Noch hab' ich Mut, noch hab' ich Kraft
Noch wallt Blut in meinen Adern
Zu tauschen Tod um Tod!

Bote.
Er bittet um Gehr.

Aietes.
Bittet?

Bote.
Freundlich sich mit dir zu besprechen
Zu stiften friedlichen Vergleich.

Aietes.
Bittet?  und hat die Macht in Hnden,
Findet uns unbewehrt, er in Waffen,
Und bittet, der Tor!

Bote.
In dein Haus will er treten,
Sitzen an deinem Tische,
Essen von deinem Brot
Und dir vertrauen
Was ihn hierher gefhrt.

Aietes.
Er komme, er komme.
Hlt er Friede nur zwei Stunden,
Spter frcht' ich ihn nicht mehr.
Sag' ihm, da er nahe,
Aber ohne Schild ohne Speer,
Nur das Schwert an der Seite,
Er und seine Gesellen.
Dann aber geh und biet auf die Getreuen
Rings herum im ganzen Lande
Hei sie sich stellen gewappnet, bewehrt
Mit Schild und Panzer mit Lanz' und Schwert
Und sich verbergen im nahen Gehlz
Bis ich winke, bis ich rufe.--Geh!

(Bote ab.)

Ich will dein lachen du schwacher Tor!
Du aber Medea, sei mir gewrtig!
Einen Trank, ich wei es, bereitest du
Der mit sanfter, schmeichelnder Betubung
Die Sinn' entbindet ihres Diener-Amts
Und ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs.
Geh hin und hole mir von jenem Trank!

Medea.
Wozu?

Aietes.
Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir!
Dann komm zurck.  Ich will sie zhmen diese Stolzen!

(Medea ab.)

Aietes

(gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).)
Peronto, meiner Vter Gott!
La gelingen, was ich sinne
Und teilen will ich, treu und redlich
Was wir gewinnen von unsern Feinden.
(Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grnen
Zweigen in der Hand.  Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand
gleichfalls einen grnen Zweig, in der Rechten ein goldenes
Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.)
Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein.  Die Musik
schweigt.)
(Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der
darauf stehenden Bildsule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen
gefesselt stehn, dann spricht er:)

Phryxus.
Kann ich den Augen traun?--Er ist's, er ist's!
Sei mir gegrt, du freundliche Gestalt,
Die mich durch Wogensturm und Unglcksnacht
Hierher gefhrt an diese ferne Kste,
Wo Sicherheit und einfach stille Ruh
Mit Kindesblicken mir entgegen lcheln.
Dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung
In jener unheilvollen Stunde gabst
Und das, wie der Polarstern vor mir leuchtend,
Mich in den Hafen eingefhrt des Glcks,
Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem Altar
Und beuge betend dir ein frommes Knie,
Der du ein Gott mir warest in der Tat
Wenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht!

(Er knieet.)

Aietes (im Vorgrunde).
Was ist das?
Er beugt sein Knie dem Gott meiner Vter!
Denk' der Opfer, die ich dir gebracht,
Hr' ihn nicht Peronto,
Hre den Fremden nicht!

Phryxus (aufstehend).
Erfllet ist des Dankens se Pflicht.
Nun fhrt zu eurem Knig mich!  Wo weilt er?


(Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus dem
Wege.)



Phryxus (erblickt den Knig, auf ihn zugehend).
In dir gr' ich den Herrn wohl dieses Landes?

Aietes.
Ich bin der Kolcher Frst!

Phryxus.
Sei mir gegrt!
Es fhrte Gttermacht mich in dein Reich,
So ehr' in mir den Gott, der mich beschtzt.
Der Mann, der dort auf jenem Altar thront,
ist er das Bildnis eines der da lebte?
Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen?

Aietes.
Es ist Peronto, der Kolcher Gott.

Phryxus.
Peronto!  Rauher Laut dem Ohr des Fremden,
Wohltnend aber dem Geretteten.
Verehrst du jenen dort als deinen Schtzer
So liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm,
Denn (Brder) sind ja Eines Vaters Shne.

Aietes (der Umarmung ausweichend).
Schtzer er dir?

Phryxus.
Ja, du sollst noch hren.
Doch la mich bringen erst mein Weihgeschenk.

(Er geht zum Altar und stt vor demselben sein Panier in den Boden.)

Medea (kommt mit einem Becher.)

Medea (laut).
Hier Vater ist der Trank!

Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise).
Schweig Trichte!
Siehst du denn nicht?

Medea.
Was?

Aietes.
Den Becher gib der Sklavin
Und schweig!

Medea.
Wer ist der Mann?

Aietes.
Der Fremden Fhrer, schweig!

Phryxus (vom Altare zurckkommend).
Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus!
Doch wer ist dieses blhend holde Wesen,
Das, wie der goldne Saum der Wetterwolke
Sich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt?
Die roten Lippen und der Wange Licht
Sie scheinen Huld und Liebe zu verheien,
Streng widersprochen von dem finstern Aug,
Das blitzend wie ein drohender Komet
Hervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel.
Halb Charis steht sie da und halb Mnade,
Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut.
Wer bist du, holdes Mdchen?

Aietes.
Sprich Medea!

Medea (trocken).
Medea bin ich, dieses Knigs Kind!

Phryxus.
Frwahr ein Kind und eine Knigin!
Ich nehm' dich an als gute Vorbedeutung
Fr eine Zukunft, die uns noch verhllt.
O lchle Mdchenbild auf meinen Eintritt!
Vielleicht, wer wei, ob nicht dein Vater,
Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt,
Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea!

Aietes.
Was also, Fremdling, ist dein Begehr?

Phryxus.
So hre denn was mich hierher gefhrt,
Was ich verloren, Herr, und was ich suche.
Geboren bin ich in dem schnen Hellas,
Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts.
Es lebet niemand, der sich hhrer Abkunft,
Sich edlern Stammes rhmen kann als ich,
Denn Hellas' Gtter nenn' ich meine Vter
Und meines Hauses Ahn regiert die Welt.

Medea (sich abwendend).
Ich gehe Vater um--

Aietes.
Bleib hier und schweig!

Phryxus.
Von Gttern also zieh' ich mein Geschlecht!
Allein mein Vater, alten Ruhms vergessend
Und jung-erzeugter Kinder Recht und Glck,
Erkor zur zweiten Eh' ein niedrig Weib,
Das, neidisch auf des ersten Bettes Sprossen
Und b'rall Vorwurf sehend, weil sie selbst
Sich Vorwurf zu (verdienen) war bewut,
Den Zorn des Vaters reizte gegen mich.
Die Zwietracht wuchs und Hscher sandt' er aus
Den Sohn zu fahn, vielleicht zu tten ihn.
Da ging ich aus der Vter Haus und floh
In fremden Land zu suchen heimisch Glck.
Umirrend kam ich in die Delpherstadt
Und trat, beim Gotte Rat und Hilfe suchend
In Phbos' reiches, weitberhmtes Haus.
Da stand ich in des Tempels weiten Hallen,
Mit Bildern rings umstellt und Opfergaben,
Erglhend in der Abendsonne Strahl.
Vom Schauen matt und von des Weges Last
Schlo sich mein Aug und meine Glieder sanken;
Dem Zug erliegend schlummerte ich ein.
Da fand ich mich im Traum im selben Tempel
In dem ich schlief, doch wachend und allein
Und betend zu dem Gott um Rat.  Urpltzlich
Umflammt mich heller Glanz und einen Mann
In nackter Kraft, die Keule in der Rechten,
Mit langem Bart und Haar, ein Widderfell
Um seine mcht'gen Schultern, stand vor mir
Und lchelte mit milder Huld mich an.
("Nimm Sieg und Rache hin!") sprach er, und lste
Das reiche Vlie von seinen Schultern ab
Und reichte mir's; da, schtternd, wacht' ich auf.
Und siehe!  von dem Morgenstrahl beleuchtet
Stand eine Blende schimmernd vor mir da
Und drin aus Marmor knstlich ausgehaun
Derselbe Mann, der eben mir erschienen
Mit Haar und Bart und Fell, wie ich's gesehn.

Aietes (auf die Bildsule im Hintergrunde zeigend).
Der dort?

Phryxus.
Ihm glich er wie ich mir.
So stand er da in Gtterkraft und Wrde,
Vergleichbar dem Herakles, doch nicht er.
Und an dem Fugestell des Bildes war
Der Name (Kolchis) golden eingegraben.
Ich aber deutete des Gottes Rat;
Und nehmend was er rtselhaft mir bot
Lst' ich, ich war allein, den goldnen Schmuck
Vom Hals des Bildes, und in Eile fort.
Des Vaters Hscher fand ich vor den Toren
Sie wichen scheu des Gottes Goldpanier
Die Priester neigten sich, das Volk lag auf den Knieen
Und vor mir her es auf der Lanze tragend
Kam ich durch tausend Feinde bis ans Meer.
Ein schifft' ich mich und hoch als goldne Wimpel
Flog mir das Vlie am sturmumtobten Mast
Und wie die Wogen schumten, Donner brllten
Und Meer und Wind und Hlle sich verschworen
Mich zu versenken in das nasse Grab
Versehrt ward mir kein Haar und unverletzt
Kam ich hierher an diese Rettungskste
Die vor mir noch kein griech'scher Fu betrat.
Und jetzo geht an dich mein bittend Flehn
Nimm auf mich und die Meinen in dein Land,
Wo nicht so fass' ich selber Sitz und Sttte
Vertrauend auf der Gtter Beistand, die
Mir (Sieg und Rache) durch dies Pfand verliehn!
- Du schweigst?

Aietes.
Was willst du, da ich sage?

Phryxus.
Gewhrst du mir ein Dach, ein gastlich Haus?

Aietes.
Tritt ein, wenn dir's gutdnkt, Vorrat ist
Von Speis' und Trank genug.  Dort nimm und i!

Phryxus.
So rauh bst du des Wirtes gastlich Amt?

Aietes.
Wie du dich gibst so nehm' ich dich.
Wer in des Krieges Kleidung Gabe heischt
Erwarte nicht sie aus des Friedens Hand.

Phryxus.
Den Schild hab' ich, die Lanze abgelegt.

Aietes.
Das Schwert ist, denkst du gegen uns genug?
Doch halt' es wie du willst.

(Leise zu Medea.)

Begehr' sein Schwert!

Phryxus.
Noch eins!  An reichem Schmuck und kstlichen Gefen
Bring' ich so manches, was ich sichern mchte.
Du nimmst es doch in deines Hauses Hut?

Aietes.
Tu, wie du willst!

(Zu Medea.)

Sein Schwert sag' ich begehr'!

Phryxus.
Nun denn, Gefhrten, was wir hergebracht
Gerettet aus des Glckes grausem Schiffbruch,
Bringt es hierher in dieser Mauern Umfang
Als Grundstein eines neuen, festern Glcks.

Aietes (zu Medea).
Des Fremden Schwert!

Medea.
Wozu?

Aietes.
Sein Schwert sag' ich!

Medea (zu Phryxus).
Gib mir dein Schwert!

Phryxus.
Was sagst du holdes Kind?

Aietes.
Fremd ist dem Mdchen eurer Waffen Anblick
Bei uns geht nicht der Friedliche bewehrt.
Auch ist's euch lstig.

Phryxus (zu Medeen).
Sorgest du um mich?

(Medea wendet sich ab.)

Sei mir nicht bs!  Ich weigr' es dir ja nicht!

(Er gibt ihr das Schwert.)

Den Himmlischen vertrau' ich mich und dir!
Wo du bist da ist Frieden.  Hier mein Schwert!
Und jetzo in dein Haus, mein edler Wirt!

Aietes.
Geht nur, ich folg' euch bald!

Phryxus.
Und du Medea?
La mich auch dich am frohen Tische sehn!
Kommt Freunde teilt die Lust wie ehmals die Gefahr!

(Ab mit seinen Gefhrten.)

(Medea setzt sich auf eine Felsenbank im Vorgrunde und beschftigt
sich mit ihrem Bogen, den sie von der Erde aufgehoben hat.  Aietes
steht auf der andern Seite des Vorgrundes und verfolgt mit den
Augen die Diener des Phryxus, die Gold und reiche Gefe ins Haus
tragen.--Lange Pause.)

Aietes.
Medea!

Medea.
Vater!

Aietes.
Was denkst du?

Medea.
Ich?  Nichts!

Aietes.
Vom Fremden mein' ich,

Medea.
Er spricht und spricht;
Mir widert's!

Aietes (rasch auf sie zugehend).
Nicht wahr?  Spricht und gleit
Und ist ein Bsewicht,
Ein Gottverchter, ein Tempelruber!
Ich tt' ihn!

Medea.
Vater!

Aietes.
Ich tu's!
Soll er davon tragen all den Reichtum
Den er geraubt, dem Himmel geraubt?
Erzhlt' er nicht selbst, wie er im Tempel
Das Vlie gelst von der Schulter des Gottes,
Des Donnerers, Perontos,
Der Kolchis beschtzt.
Ich will dir ihn schlachten Peronto!
Rache sei dir, Rache!

Medea.
Tten willst du, den Fremden, den Gast?

Aietes.
Gast?
Hab' ich ihn geladen in mein Haus?
Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht
Und geheien sitzen auf meinem Stuhl?
Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten,
Er nahm sich's, b' er's der Tor!

Medea.
Vater!  Peronto rchet den Mord!

Aietes.
Peronto (gebeut) ihn.
Hat der Freche nicht an ihm gefrevelt?
Sein Bild beraubt in der Delpherstadt?
Fhrt der Erzrnte ihn nicht selbst her
Da ich ihn strafe, da ich rche
Des Gottes Schmach und meine?
Das Vlie dort am glnzenden Speer,
Des Gottes Kleid, der Kolcher Heiligtum
Soll's ein Fremder, ein Frevler entweihn?
Mein ist's, mein!  Mir sendet's der Gott
Und (Sieg und Rache) geknpft an dies Pfand
Den Unsern werd' es zu Teil!
Tragt nur zu des kostbaren Guts!
Ihr fhret die Ernte mir ein!
Sprich nicht und komm!  da er uns nicht vermit
Gefahrlos sei die Rach' und ganz!
Komm, sag' ich, komm!

(Beide ab ins Haus.)

(Ein Kolchischer Hauptmann mit Bewaffneten tritt auf.)

Hauptmann.
Hierher beschied man uns.  Was sollen wir?

Ein Kolcher

(aus dem Hause).)
Heda!

Hauptmann.
Hier sind wir!

Kolcher.
Leise!

Hauptmann.
Sprich!  Was soll's?

Kolcher.
Verteilt euch rechts und links und wenn ein Fremder--
Doch still jetzt!  Einer naht!--Kommt!  hrt das Weitre!

(Alle ab.)

Phryxus (mit ngstlichen Schritten aus dem Hause).
Ihr Gtter!  Was ist das?  Ich ahne Schreckliches.
Es murmeln die Barbaren unter sich
Und schaun mit hhn'schen Lcheln hin auf uns.
Man geht, man kommt, man winkt, man lauert.
Und die Gefhrten, einer nach dem andern
Sinkt hin in dumpfen Schlaf; ob Mdigkeit,
Ob irgend ein verruchter Schlummertrank
Sie einlullt wei ich nicht.  Gerechte Gtter!
Habt ihr mich hergefhrt, mich zu verderben?
Nur eines bleibt mir noch: Flucht auf mein Schiff.
Dort samml' ich die Zurckgebliebenen,
Und dann zur Rettung her, zur Hilfe--Horch!

(Schwertgeklirr und dumpfe Stimmen im Hause.)

Man ficht!--Man ttet!--Weh mir, weh!--zu spt!
Nun bleibt nur Flucht.  Schnell eh die Mrder nahn!

(Er will gehn.)

Krieger (mit gefllten Spieen treten ihm entgegen).
Zurck!

Phryxus.
Ich bin verraten!--Hier!

(Von allen Seiten treten Bewaffnete mit gesenkten Speeren ihm
entgegen.)

Gewaffnete.
Zurck!

Phryxus.
Umsonst!  Es ist vorbei!--Ich folg' euch Freunde!

(An den Altar hineilend.)

Nun denn, du Hoher, der mich hergefhrt,
Bist du ein Gott, so schirme deinen Schtzling!
Aietes (mit bloem Schwert aus dem Hause.) Medea (hinter ihm.)
Gefolge.

Aietes.
Wo ist er?

Medea.
Vater, hre!

Aietes.
Wo, der Fremdling?
Dort am Altar.  Was suchst du dort?

Phryxus.
Schutz such' ich!

Aietes.
Gegen wen?  Komm mit ins Haus!

Phryxus.
Hier steh' ich und umklammre diesen Altar,
Den Gttern trau' ich; o da ich es dir!

Medea.
O Vater hre mich!

Phryxus.
Du auch hier Schlange?
Warst du so schn und locktest du so lieblich
Mich zu verderben hier im Todesnetz?
Mein Herz schlug dir vertrauensvoll entgegen,
Mein Schwert, den letzten Schutz gab ich in deine Hand
Und du verrtst mich?

Medea.
Nicht verriet ich dich!
Gabst du dein Schwert mir, nimm ein andres hier
Und wehre dich des Lebens.

(Sie hat einem der Umstehenden das Schwert entrissen und reicht es
ihm.)

Aietes (ihr das Schwert entreiend).
Trichte!
Vom Altar fort!

Phryxus.
Ich bleibe!

Aietes.
Reit ihn weg!

Phryxus (da einige auf ihn losgehen).
Nun denn, so mu ich sterben?--Ha, es sei!
Doch ungerochen, klaglos fall' ich nicht.

(Er reit das Panier mit dem goldenen Vlie aus der Erde und tritt
damit in den Vorgrund.)

Du unbekannte Macht, die her mich fhrend,
Dies Pfand der Rettung huldvoll einst mir gab
Und (Sieg und Rache) mir dabei verhie;
Zu dir ruf' ich empor nun!  Hre mich!
Hab' ich den (Sieg) durch eigne Schuld verwirkt,
Das Haupt darbietend dem Verrternetz
Und blind dem Schicksal trauend statt mir selber
So la doch (Rache) wenigstens ergehn
Und halte deines Wortes zweite Hlfte!

Aietes.
Was zauderst du?

Phryxus.
Aietes!

Aietes.
Nun was noch?

Phryxus.
Ich bin dein Gast und du verrtst mich?

Aietes.
Mein Gast?  Mein Feind.
Was suchtest du, Fremder, in meinem Land?  Tempelruber!
Hab' ich dir Gastrecht gelobt?  dich geladen in mein Haus?
Nichts versprach ich, Trichter!
Verderbt durch eigne Schuld!

Phryxus.
Damit beschnst du deine Freveltat?
O triumphiere nicht!  Tritt her zu mir!

Aietes.
Was soll's?

Phryxus.
Sieh dieses Banner hier, mein letztes Gut
Die Schtze alle hast du mir geraubt
Dies eine fehlt noch.

Aietes (darnach greifend).
Fehlt?  Wie lange noch?

Phryxus.
Zurck!  Betracht's, es ist mein letztes Gut
Und von ihm scheidend scheid' ich von dem Leben.
Begehrst du's?

Aietes.
Ja!

Phryxus.
Begehrst du's?

Aietes

(die Hand ausstreckend).)
Gib mir es!

Phryxus.
Nimm's hin des Gastes Gut du edler Wirt
Sieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's

(Mit erhhter Stimme.)

Und gibst du's nicht zurcke, unbeschdigt
Nicht mir dem Unbeschdigten zurck
So treffe dich der Gtter Donnerfluch
Der ber dem rollt, der die Treue bricht.
Nun ist mir leicht!  Nun Rache, Rache, Rache!
Er hat mein Gut.  Verwahre mir's getreu!

Aietes.
Nimm es zurck!

Phryxus.
Nein!  Nicht um deine Krone!
Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertraut
Bewahre treu das anvertraute Gut!

Aietes (ihm das Vlie aufdrngend).
Nimm es zurck!

Phryxus (ihm ausweichend).
Du hast mein Gut, verwahr' es treu!
Sonst Rache, Rache, Rache!

Aietes (ihn ber die Bhne verfolgend und ihm das Banner aufdringend).
Nimm es, sag' ich!

Phryxus (ausweichend).

Ich nehm' es nicht.  Verwahre mir's getreu!

(Zur Bildsule des Gottes empor.)

Siehst du?  er hat's, ihm hab' ich's anvertraut
Und gibt er's nicht zurck, treff' ihn dein Zorn!

Aietes.
Nimm es zurck!

Phryxus (am Altar).
Nein, nein!

Aietes.
Nimm's!

Phryxus.
Du verwahrst's!

Aietes.
Nimms!

Phryxus.
Nein!

Aietes.
Nun so nimm dies!

(Er stt ihm das Schwert in die Brust.)

Medea.
Halt Vater halt!

Phryxus (niedersinkend).
Es ist zu spt!

Medea.
Was tatst du?

Phryxus (zur Bildsule empor).
Siehst du's, siehst du's!
Den Gastfreund ttet er und hat sein Gut!
Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschtzest
O rche mich!  Fluch dem treulosen Mann!
Ihm mu kein Freund sein und kein Kind, kein Bruder
Kein frohes Mahl--kein Labetrunk--
Was er am liebsten liebt--verderb' ihn!--
Und dieses Vlie, das jetzt in seiner Hand
Soll niederschaun auf seiner Kinder Tod!--
Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast--
Und vorenthlt--das anvertraute Gut--
Rache!--Rache!--

(Stirbt.  Lange Pause.)

Medea.
Vater!

Aietes (zusammenschreckend).
Was?

Medea.
Was hast du getan!

Aietes (dem Toten das Vlie aufdringen wollend).
Nimm es zurck!

Medea.
Er nimmt's nicht mehr.  Er ist tot!

Aietes.
Tot!--

Medea.
Vater!  Was hast du getan!  Den Gastfreund erschlagen
Weh dir!  Weh uns allen!--Hah!--
Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt
Drei Hupter, blut'ge Hupter
Schlangen die Haare,
Flammen die Blicke
Die hohnlachenden Blicke!
Hher!  hher!--Empor steigen sie!
Entfleischte Arme, Fackeln in Hnden
Fackeln!--Dolche!
Horch!  Sie ffnen die welken Lippen
Sie murren, sie singen
Heischern Gesangs:
Wir hten den Eid
Wir vollstrecken den Fluch!
Fluch dem, der den Gastfreund schlug!
Fluch ihm, tausendfachen Fluch!
Sie kommen, sie nahen
Sie umschlingen mich,
Mich, dich, uns alle!
Weh ber dich!

Aietes.
Medea!

Medea.
ber dich, ber uns!
Weh, weh!

(Sie entflieht.)

Aietes (ihr die Arme nachstreckend).
Medea!  Medea!  (Ende.)






Die Argonauten

Franz Grillparzer

Trauerspiel in vier Aufzgen


Personen:

Aietes, Knig von Kolchis
Medea und Absyrtus, seine Kinder
Gora, Medeens Amme
Peritta, eine ihrer Gespielen
Jason
Milo, sein Freund
Medeens Jungfrauen
Argonauten
Kolcher




Erster Aufzug

(Kolchis.--Wilde Gegend mit Felsen und Bumen.  Im Hintergrunde ein
halbverfallener Turm, aus dessen obersten Stockwerke ein schwaches
Licht flimmert.  Weiter zurck die Aussicht aufs Meer.  Finstere
Nacht.)

Absyrtus (hinter der Szene).
Dorther schimmert das Licht!--Komm hierher Vater!--
Ich bahne dir den Weg!--Noch diesen Stein!--
So!--

(Auftretend und mit dem Schwert nach allen Seiten ins Gebsch
hauend.)

Aus dem Wege unntzes Pack!
Vater, mein Schwert macht klare Bahn!
Aietes (tritt auf, den Helm auf dem Kopfe, ganz in einen dunkeln
Mantel gehllt.)

Absyrtus.
Wir sind an Ort und Stelle, Vater.
Dort der Turm, wo die Schwester haust.
Siehst das Licht aus ihrer Zelle?
Da weilt sie und sinnt Zaubersprche
Und braut Trnke den langen Tag,
Des Nachts aber geht sie gespenstisch hervor
Und wandelt umher und klagt und weint.

(Aietes macht eine unwillige Bewegung.)

Absyrtus.
Ja Vater und weint, so erzhlt der Hirt
Vom Tal da unten, und ringt die Hnde
Da es, spricht er, klglich sei anzusehn!
Was mag sie wohl treiben und sinnen, Vater?

(Aietes geht gedankenvoll auf und nieder.)

Absyrtus.
Du antwortest nicht?--Was hast du Vater?
Trb und dster ist dein Gemt.
Du hast doch nicht Furcht vor den Fremden, Vater?

Aietes.
Furcht Bube?

Absyrtus.
Nu, (Sorge) denn, Vater!
Aber habe nicht Furcht noch Sorge!
Sind uns nicht Waffen und Kraft und Arme?
Ist nicht ein Huflein nur der Fremden?
Wren ihrer doch zehnmal mehr!
La sie nur kommen, wir wollen sie jagen
Eilends heim in ihr dunkles Land
Wo keine Wlder sind und keine Berge,
Wo kein Mond strahlt, keine (Sonne) leuchtet
Die tglich, hat sie sich mde gewandelt,
Zur Ruhe geht in unserem Meer.
La sie nur kommen, ich will sie empfangen,
Du hast nicht umsonst mich wehrhaft gemacht,
Nicht umsonst mir gegeben dies blitzende Schwert,
Und den Speer und den Helm mit dem wogenden Busch,
Waffen  d u , und Mut die (Gtter)!
La die Schwester mit ihren Knsten,
Schwert gegen Schwert, so binden wir an!

Aietes.
Armer Wurm!

Absyrtus.
Ich bin dein Sohn!
Damals als du den Phryxus schlugst--

Aietes.
Schweig!

Absyrtus.
Das ist ja eben warum sie kommen
Her nach Kolchis, die fremden Mnner
Zu rchen, whnen sie, seinen Tod
Und zu stehlen unser Gut, das strahlende Vlie.

Aietes.
Schweig Bube!

Absyrtus.
Was bangst du Vater?
Fest verwahrt in der Hhle Hut
Liegt es das kstliche, goldene Gut.

Aietes

(den Mantel vom Gesicht reiend und ans Schwert greifend).
Soll ich dich tten, schwatzender Tor?

Absyrtus.
Was ist dir?

Aietes.
Schweig!--Dort sieh zum Busch!

Absyrtus.
Warum?

Aietes.
Mir deucht es raschelt dort
Und regt sich.--Man behorcht uns.

Absyrtus

(zum Gebsch hingehend und an die Bume schlagend).
He da!--Steht Rede!--Es regt sich Niemand!

(Aietes wirft sich auf ein Felsenstck im Vorgrunde.)

Absyrtus (zurckkommend).
Es ist nichts, Vater!  Niemand lauscht.

Aietes

(aufspringend und ihn hart anfassend).
Ich sage dir, wenn du dein Leben liebst
Sprich nicht davon!

Absyrtus.
Wovon?

Aietes.
Ich sage dir, begrab's in deiner Brust
Es ist kein Knabenspielzeug, Knab'!  Doch alles still hier!
Niemand empfngt mich;
Recht wie es ziemt der Widerspenst'gen Sitz.

Absyrtus.
Hoch oben am Turme flackert ein Licht.
Dort sitzt sie wohl und sinnt und tichtet.

Aietes.
Ruf ihr!  Sie soll heraus!

Absyrtus.
Gut Vater!


(Er geht dem Turme zu).
Komm herab du Wandlerin der Nacht
Du Spt-Wachende bei der einsamen Lampe!
Absyrtus ruft, deines Vaters Sohn!

(Pause.)

Sie kommt nicht, Vater!

Aietes.
Sie soll!  Ruf lauter!

Absyrtus

(ans Tor schlagend).
Holla ho!  Hier der Knig!  Heraus ihr!

Medeas Stimme (im Turm).
Weh!

Absyrtus.
Vater!

Aietes.
Was?

Absyrtus (zurckkommend).
Hast du gehrt?
Weh rief's im Turm!  War's die Schwester die rief?

Aietes.
Wer sonst!  Geh, deine Torheit steckt an.
Ich will rufen und sie soll gehorchen!

(Zum Turme gehend.)

Medea!

Medea (im Turm).
Wer ruft?

Aietes.
Dein Vater ruft und dein Knig!
Komm herab!

Medea.
Was soll ich?

Aietes.
Komm herab, sag' ich!

Medea.
O la mich!

Aietes.
Zgre nicht!  Du reizest meinen Zorn!
Im Augenblicke komm!

Medea.
Ich komme!

(Aietes verhllt sich und wirft sich wieder auf den Felsensitz.)

Absyrtus.
Wie klglich, Vater, ist der Schwester Stimme.
Was mag ihr fehlen?  Sie dauert mich!--
Dich wohl auch, weil du so schmerzlich schweigst,
Das arme Mdchen!--

(Ihn anfassend.)

Schlfst du, Vater?

Aietes (aufspringend).
Trichte Kinder sind der Vter Fluch!
Du und sie,  i h r  ttet mich,
Nicht meine Feinde!

Absyrtus.
Still!  Horch!--Der Riegel klirrt!--Sie kommt!--Hier ist sie!
Medea (in dunkelroter Kleidung, am Saume mit goldenen Zeichen
gestickt, einen schwarzen, nachschleppenden Schleier der an einem,
gleichfalls mit Zeichen gestickten Stirnbande befestigt ist, auf
dem Kopfe, tritt, eine Fackel in der Hand, aus dem Turme.)

Medea.
Was willst du, Herr?

Absyrtus.
Ist das die Schwester, Vater?
Wie anders doch als sonst, und ach, wie bleich!

Aietes (zu Absyrtus).
Schweig jetzt!

(Zu Medeen.)

Tritt nher!--nher!--
Doch erst Lsch' deine Fackel, sie blendet mir das Aug!

Medea

(die Fackel am Boden ausdrckend).
Das Licht ist verlscht, es ist Nacht, o Herr!

Aietes.
Jetzt komm!--Doch erst sag' an wer dir erlaubt,
Zu fliehn, des vterlichen Hauses Hut
Und hier, in der Gesellschaft nur der Wildnis
Und deines wilden Sinns, Gehorsam weigernd,
Zu trotzen meinem Worte, meinem Wink?

Medea.
Du fragst?

Aietes.
Ich frage!

Medea.
Reden soll ich?

Aietes.
Sprich!

Medea.
So hre wenn du kannst und zrne wenn du darfst.
O knnt' ich schweigen, ewig schweigen!
Verhat ist mir dein Haus
Mit Schauder erfllt mich deine Nhe.
Als du den Fremden erschlugst,
Den Gtterbeschtzten, den Gastfreund
Und raubtest sein Gut,
Da trugst du einen Funken in dein Haus,
Der glimmt und glimmt und nicht verlschen wird,
Gssest du auch darber aus
Was an Wasser die heil'ge Quelle hat,
Der Strme und Flsse unnennbare Zahl
Und das ohne Grenzen gewaltige Meer.
Ein trichter Schtze ist der Mord,
Schiet seinen Pfeil ab ins dunkle Dickicht,
Gewinnschtig, beutegierig,
Und was er fr ein Wild gehalten,
Fr frohen Jagdgewinn,
Es war sein Kind, sein eigen Blut,
Was in den Blttern rauschte, Beeren suchend.
Unglcksel'ger was hast du getan?
Feuer geht aus von dir
Und ergreift die Sttzen deines Hauses
Das krachend einbricht
Und uns begrbt.--

Aietes.
Unglcksbotin was weit du?

Medea.
In der Schreckensstunde
Als sie geschehn war die Tat,
Da ward mein Aug geffnet
Und ich sah sie, sah die Unnennbaren
Geister der Rache.
Spinnenhnlich,
Grlich, scheulich,
Krochen sie her in abscheulicher Unform
Und zogen Fden, blinkende Fden,
Einfach, doppelt, tausendfach,
Rings um ihr verfallen Gebiet.
Du whnst dich frei und du bist gefangen,
Kein Mensch, kein Gott lset die Bande
Mit denen die Untat sich selber umstrickt.
Weh dir, weh uns allen!

Aietes.
Verkaufst du mir Trume fr Wirklichkeit?
Deines Gleichen magst du erschrecken,
Trin!  Nicht mich!
Hast du die Zeichen, die Sterne gefragt?

Medea.
Glaubst du ich knnt's, ich vermcht' es?
Hundertmal hab' ich aufgeblickt
Zu den glnzenden Zeichen
Am Firmament der Nacht.
Und alle hundertmale
Sanken meine Blicke
Von Schreck getroffen, unbelehrt.
Es schien der Himmel mir ein aufgerolltes Buch
Und (Mord) darauf geschrieben, tausendfach,
Und (Rache) mit demantnen Lettern
Auf seinen schwarzen Grund.
O frage nicht die Sterne dort am Himmel,
Die Zeichen nicht der schweigenden Natur,
Des Gottes Stimme nicht im Tempel:
Betracht' im Bach die irren Wandelsterne,
Die scheu dir blinken aus den dstern Brau'n
Die Zeichen die die Tat dir selber aufgedrckt,
Des Gottes Stimme in dem eignen Busen,
Sie werden dir Orakel geben,
Viel sicherer als meine arme Kunst,
Aus dem was ist und war, auf das was werden wird.

Absyrtus.
Der Vater schweigt.  Du bist so seltsam Schwester
Sonst warst du rasch und heiter, frohen Muts;
Mich dnkt du bist dreifach gealtert
In der Zeit als ich dich nicht gesehn!

Medea.
Es hat der Gram sein Alter, wie die Jahre
Und wer der Zeit (vorauseilt), guter Bruder,
Kommt frh ans Ziel.

Absyrtus.
Du weit wohl also schon
Von jenen Fremden die--

Medea.
Von Fremden--?

Aietes.
Halt!
Ich gebot dir zu schweigen!  Schweig denn, Schwtzer!
Medea, la uns klug sprechen und besonnen,
Das Gegenwrt'ge aus der Gegenwart
Und nicht aus dem betrachten was Vergangen.
Wiss' es denn.  Fremde sind angekommen, Hellenen,
Sie begehren zu rchen Phryxus' Blut,
Verlangen die Schtze des Erschlagnen
Und des Gottes Banner, das goldene Vlie.

Medea

(aufschreiend).
Es ist geschehn!  Der Streich gefallen!  Weh!

(Will in den Turm zurck.)

Aietes (sie zurckhaltend).
Medea, Halt!--Bleib, Unsinnige!

Medea.
Gekommen die Rcher, die Vergelter!

Aietes.
Willst du mich verlassen, da ich dein bedarf?
Willst du sehen des Vaters Blut?
Medea ich beschwre dich
Sprich!  Rate!  Rette!  Hilf!
Gib mich nicht Preis meinen Feinden!
Argonauten nennen sie sich
Weil Argo sie trgt, das schnelle Schiff.
Was das Hellenenland an Helden nhrt,
An Tapfern vermag, sie haben's versammelt
Zum Todesstreich auf deines Vaters Haupt.
Hilf Medea!  Hilf meine Tochter!

Medea.
I ch  soll helfen, hilf du selbst!
Gib heraus was du nahmst, Vershnung bietend!

Aietes.
Verteilt sind die Schtze den Helfern der Tat;
Werden sie wiedergeben das Empfangne?
Besitzen sie's noch?  die trichten Schwelger,
Die leicht vertan das leicht erworbne.
Soll ich herausgeben das glnzende Vlie,
Des Gottes Banner, Perontos Gut?
Nimmermehr!  Nimmermehr!  Und tt' ich's
Wrden sie drum schonen mein und eurer?
Um desto sichrer wrgten sie uns,
Rchend des Freundes Tod,
Geschtzt durch das heilige Pfand des Gottes.
Deine Kunst befrage, gib andern Rat!

Medea.
Rat dir geben, ich selber ratlos!

Aietes.
Nun wohl, so verharre, du Ungeratne!
Opfre dem Tod deines Vaters Haupt.
Komm mein Sohn, wir wollen hinaus,
Den Streichen bieten das nackte Haupt,
Und fallen unter der Fremden Schwertern.
Komm mein Sohn, mein einzig Kind!

Medea.
Halt Vater!

Aietes.
Du willst also?

Medea.
Hr' erst!
Ich will's versuchen, die Gtter zu fragen,
Was sie gebieten was sie gestatten.
Und nicken sie zu, so steh' ich dir bei,
Helfe dir bekmpfen den Feind,
Helfe dir schmieden den Todespfeil
Den du abdrcken willst ins dunkle Gebsch,
Nicht wissend, armer Schtze, wen du triffst.
Es sei!  Du gebeutst, ich gehorche!

Aietes.
Medea, mein Kind, mein liebes Kind!

Medea.
Frohlocke nicht zu frh, noch fehlt das Ende.
Ich bin bereit; allein versprich mir erst,
Da, wenn die Tat gelang, dein Land befreit,
Zu hoffen wag' ich's kaum, allein wenn doch,--
Du mich zurckziehn lt, in diese Wildnis
Und nimmer mehr mich strst, nicht du, nicht andre.

Aietes.
Warum?

Medea.
Versprich's!

Aietes.
Es sei!

Medea.
Wohlan denn Herr,
Tritt ein bei deiner Magd, ich folge dir!

Aietes.
Ins Haus?

Medea.
Drin wird's vollbracht.

Aietes (zu Absyrtus).
So komm denn Sohn!

(Beide ab in den Turm.)

Medea.
Da gehn sie hin, hin die Verblendeten!--
Ein tricht Wesen dnkt mich der Mensch;
Treibt dahin auf den Wogen der Zeit
Endlos geschleudert auf und nieder,
Und wie er ein Fleckchen Grn erspht
Gebildet von Schlamm und stockendem Moor
Und der Verwesung grnlichem Moder,
Ruft er: (Land)!  und rudert drauf hin
Und besteigt's--und sinkt--und sinkt--
Und wird nicht mehr gesehn!
Armer Vater, armer Mann!
Es steigen auf vor meinen Blicken
Dstrer Ahnungen Schauergestalten,
Aber verhllt und abgewandt
Ich kann nicht erkennen ihr Antlitz!
Zeigt euch mir (ganz), oder verschwindet
Und lat mir Ruh, trumende Ruh!
Armer Vater!  Armer Mann!--
 Aber der Wille kann viel--und ich will.
Will ihn erretten, will ihn befrein
Oder untergehn mit ihm!
Dunkle Kunst, die mich die Mutter gelehrt
Die den Stamm du treibst in des Lebens Lfte
Und die Wurzeln geheimnisvoll
Hinabsenkst zu den Klften der Unterwelt,
Sei mir gewrtig!--Medea (will)!
Ans Werk denn!

(Zu einigen Jungfrauen die am Eingange des Turmes erscheinen.)

Und ihr des Dienstes Befline
Bereitet die Hhle, bereitet den Altar!
Medea will zu den Geistern rufen,
Zu den dstern Geistern der schaurigen Nacht
Um Rat, um Hilfe, um Strke, um Macht!

(Ab in den Turm.)

(Pause.  Dann tritt) Jason (rasch auf.)

Jason.
Hier hrt' ich Stimmen!--Hier mu--Niemand hier?

Milo (hinter der Szene).
Holla!

Jason.
Hierher!

Milo (eben so).
Jason!

Jason.
Hier Milo, hier!

Milo (der keuchend auftritt).
Mein Freund, such' dir 'nen anderen Begleiter!
Dein Kopf und deine Beine sind zu rasch,
Sie laufen, statt zu gehn.  Ein groer belstand!
Von Beinen mag's noch sein, da hilft das Alter,
Allein ein Kopf der luft!--Glck auf die Reise!
Such' einen andern sag' ich, ich bin's satt!

(Setzt sich.)

Jason.
Wir haben, was wir suchten!--Hier ist Licht!

Milo.
Ja Lichts genug um uns da zu beleuchten
Und zu entdecken und zu schlachten, wenn's beliebt.

Jason.
Ei, Milo Furcht?

Milo

(rasch aufstehend).
Furcht?--Lieber Freund, ich bitte
Wg' deine Worte eh du sprichst!

(Jason fat entschuldigend seine Hand.)

Milo.
Schon gut!
Wir laufen, nu, die Worte laufen mit!
Doch ernst.  Was suchst du hier?

Jason.
Kannst du noch fragen?
Die Freunde, sie, die mir hierher gefolgt,
Ihr Heil vertrauend meines Glckes Stern
Und Jasons Sache machend zu der ihren,
Sie schmachten, kaum dem schwarzen Schiff entstiegen,
Hier ohne Nahrung ohne Labetrunk
In dieser Kste unwirtbaren Klippen,
Kein Fhrer ist, der Wegeskunde gbe
Kein Landmann bietend seines Speichers Vorrat
Und von der Herde triftgenhrter Zucht.
Soll ich die Hnde legen da in Scho
Und mig zusehn wie die Freunde schmachten?
Beim Himmel!  Ihnen soll ein Fhrer werden
Und Trank und Speise, sollt' ich auf sie wiegen
Mit meinem Blut!

Milo.
Das treue, wackre Herz!
O da du nicht des Freundes Rat gefolgt
Und weggeblieben bist von dieser Kste!

Jason.
Warum denn auch?  Was sollt' ich wohl daheim?
Der Vater tot, mein Oheim auf dem Thron
Scheelschtig mich, den knft'gen Feind, betrachtend.
Mich litt es lnger nicht, ich mute fort.
Htt' er nicht selbst, der Falsche, mir geboten
Hierher zu ziehn in dieses Inselland
Das goldne Gtterkleinod abzuholen
Von dem man spricht, so weit die Erde reicht
Und das dem Gttersohne Phryxus einst,
Ihn selber ttend, raubten die Barbaren,
Ich wre selbst gegangen, freien Willens,
Dem eckelhaften Treiben zu entfliehn.
Ruhmvoller Tod fr ruhmentbltes Leben
Mag's tadeln wer da will, mich lockt der Tausch!
Da dich, o Freund, ich mitzog und die andern,
Das ist wohl schlimm, allein ihr wolltet's so!

Milo.
Ja freilich wollt' ich so und will noch immer
Denn sieh, ich glaub', du hast mir's angetan,
So lieb' ich dich und all dein Tun und Treiben.

Jason.
Mein guter Milo!

Milo.
Nein!  's ist unrecht sag' ich,
Ich sollt' der Klgre sein, ich bin der ltre.
Httst du mich hingefhrt, wohin auch immer,
Nur nicht in dieses gottverlane Land.
Kommt irgend sonst ein Mann in Fhrlichkeit,
Nu Schwert heraus und Mut voran.  Doch hier
In dieses Landes feuchter Nebelluft
Legt Rost sich, wie ans Schwert, so an den Mut.
Hrt man in einem fort die Wellen brausen,
Die Fichten rauschen und die Winde tosen,
Sieht kaum die Sonne durch der dichten Nebel
Und rauhen Wipfel schaurigen Versteck,
Kein Mensch rings, keine Htte, keine Spur,
Da wird das Herz so weit, so hohl, so nchtern
Und man erschrickt wohl endlich vor sich selbst.
Ich, der als Knabe voll Verwundrung horchte,
Wenn man erzhlte, 's gb' ein Ding
Die (Furcht) genannt, hier seh' ich fast Gespenster
Und jeder drre Stamm scheint mir ein Riese
Und jedes Licht ein Feuermann.  's ist seltsam.
Was unbedenklich sonst, erscheint hier schreckhaft
Und was sonst greulich wieder hier gemein.
Nur krzlich sah ich einen Br im Walde,
So gro vielleicht als keinen ich gesehn
Und doch kams fast mir vor, ich sollt' ihn streicheln,
Wie einen Schohund streicheln mit der Hand,
So klein, so unbedeutend schien das Tier
Im Abstich seiner schaurigen Umgebung.
Du hrst nicht?

Jason (der indes den Turm betrachtet hat).
Ja ich will hinein!

Milo.
Wohin?

Jason.
Dort in den Turm.

Milo.
Mensch, bist du rasend?

(Ihn anfassend). Hre!

Jason (sich losmachend und das Schwert ziehend).
Ich will, wer hlt mich?  Hier mein Schwert!  Es schtzt mich
Vor Feinden wie vor berlst'gen Freunden.
Die erste Spur von Menschen find' ich hier
Ich will hinein.  Mit vorgehaltnen Eisen
Zwing' einen ich von des Gebuds Bewohnern,
Zu folgen mir, zu fhren unsre Schar
Auf sichern Pfad aus dieses Waldes Umfang,
Wo Hunger sie und Feindeshinterhalt
Weit sichrer trifft als mich hier die Gefahr.
Sprich nicht!  Ich bin entschlossen.  Geh zurck
Ermutige die Schar.  Bald bring' ich Rettung!

Milo.
Bedenk'!

Jason.
Es ist bedacht!  Wer kann hier weilen
Im kleinen Hause, wst und abgeschieden?
Ein Haushalt von Barbaren und was mehr?
Ich denk' du kennst mich!  Hier ist nicht Gefahr
Als im Verweilen.--Keine Worte weiter!

Milo.
Doch wie gelangst du hin?

Jason.
Siehst du dort drben
Ghnt weit ein Spalt im alternden Gemuer.
Das Meer leiht seinen Rcken bis da hin
Und leicht erreich' ich's schwimmend.

Milo.
Hre doch!

Jason.
Leb' wohl!

Milo.
La mich statt dir!

Jason.
Auf Wiedersehn!

(Springt von einer Klippe ins Meer)

Milo.
Er wagt es doch!--Dort schwimmt er!--Tut es (doch),
Und lt mich schmlen hier nach Herzenslust!
Ein wackres Herz, doch jung, gewaltig jung!
Hier will ich stehn und seiner Rckkehr harren:
Und geht's auch schief, wir hauen uns heraus.

(Er lehnt sich an einen Baum.)

(Ein dsteres Gewlbe im Innern des Turms.  Links im Hintergrunde
die Bildsule eines Gottes auf hohem Fugestell, im Vorgrunde
rechts eine Felsenbank.)
(Jungfrauen mit Fackeln bringen einen kleinen Altar und Opfergefe
und stellen alles ordnend umher.)

(Eine Jungfrau tritt ein und spricht an der Tre:)

Jungfrau.
Genug!  Es naht Medea!  Strt sie nicht!

(Alle ab mit den Lichtern.)

Jason (tritt durch einen Seiteneingang links auf mit bloem
Schwerte.)

Jason.
Ein finsteres Gewlb'.--Ich bin im Innern!
Mehr Menschen fat das Haus, scheint's, als ich glaubte,
Doch immerhin!  wird nur mein Ziel erreicht.
Behutsam sph ich, bis ein Einzelner
Mir aufstt, dann das Schwert ihm auf die Brust
Und mit mir soll er, will er nicht den Tod.

(Er spht mit vorgehaltenem Schwerte umher.)

Ist da kein Ausgang?--Halt!--Ein Block von Stein
Das Fugestell wohl eines Gtterbildes.
Ehrt man hier Gtter und verhhnt das Recht?
Doch horch!--ein Futritt!--Bleiche Helle gleitet
Fortschreitend an des Ganges engen Bogen.
Man kommt!--Wohin--?--Verbirg mich dunkler Gott!

(Er versteckt sich hinter die Bildsule.)

Medea (kommt, einen schwarzen Stab in der Rechten, eine Lampe in
der Linken.)

Medea.
Es ist so schwl hier, so dumpf!
Feuchter Qualm drckt die Flamme der Lampe,
Sie brennt ohne zu leuchten.

(Sie setzt die Lampe hin.)
--Horch!--Es ist mein eignes Herz,
Das gegen die Brust pocht mit starken Schlgen!
Wie schwach, wie tricht!--Auf Medea!
Es gilt des Vaters Sache, der Gtter!
Sollen die Fremden siegen, Kolchis untergehn?
Nimmermehr!  Nimmermehr!
Ans Werk denn!
Seid mir gewrtig Gtter, hret mich,
Und gebt Antwort meiner Frage!

(Mit dem Stabe Zeichen in die Luft machend.)

Die ihr einhergeht im Gewande der Nacht
Und auf des Sturmes Fittigen wandelt
Furchtbare Frsten der Tiefe,
Denen der Entschlu gefllt
Und die beflgelte Tat,
Die ihr bei Leichen weilt
Und euch labt am Blut der Erschlagnen,
Die ihr das Herz kennt und lenkt den Willen,
Die ihr zhlt die Halme der Gegenwart
Sorglich bewahrt des Vergangenen hren
Und durchblickt der Zukunft sprossende Saat,
Euch ruf' ich an!
Gebt mir Kunde, sichere Kunde
Von dem was uns droht, von dem was uns lacht!
Bei der Macht, die mir ward,
Bei dem Dienst, den ich tat,
Bei dem Wort, das ihr kennt
Ruf' ich euch,
Erscheinet, erscheint!

(Pause.)

Was ist das?--Alles schweigt!
Sie zeigen sich nicht?
Zrnt ihr mir, oder betrat ein Fu,
Eines Frevlers Fu
Die heilige Sttte?
Angst befllt mich, Schauer fat mich!

(Mit steigender Stimme.)

Allgewaltige!  Lauscht meinem Rufen,
Hrt Medeens Stimme!
Eure Freundin ist's die ruft.
Ich fleh' ich verlang' es
Erscheinet, erscheint!
Jason (springt hinter der Bildsule hervor.)

Medea (zurckfahrend).
Ha!

Jason.
Verfluchte Zauberin, du bist am Ende,
Erschienen ist, der dich vernichten wird.

(Indem er mit vorgehaltenem Schwerte hervorspringt verwundet er
Medeen am Arme.)

Medea (den verwundeten rechten Arm mit der linken Hand fassend).
Weh mir!

(Strzt auf den Felsensitz hin, wo sie schwer atmend leise chzt.)

Jason.
Du fliehst?  Mein Arm wird dich ereilen!

(Im Dunkeln herum blickend.)

Wo ist sie hin!

(Er nimmt die Lampe und leuchtet vor sich hin.)

Dort!--Du entgehst mir nicht!

(Hinzutretend.)

Verruchte!

Medea (sthnend).
Ah!

Jason.
Sthnst du?  Ja zittre nur!
Mein Schwert soll deine dunkeln Netze lsen!

(Sie mit der Lampe beleuchtend).
Doch seh' ich recht?  Bist du die Zauberin,
Die dort erst heischre Flche murmelte?
Ein weiblich Wesen liegt zu meinen Fen,
Verteidigt durch der Anmut Freiheitsbrief,
Nichts zauberhaft an ihr, als ihre Schnheit.
(Bist) du's?--Doch ja!  Der weie Arm, er blutet,
Verletzt von meinem mitleidslosen Schwert!
Was hast du angerichtet?  Weit du wohl,
Ich htt' dich tten knnen, holdes Bild,
Beim ersten Anfall in der dunkeln Nacht?
Und Schade wr's, frwahr, um so viel Reiz!
Wer bist du, doppeldeutiges Geschpf?
Scheinst du so schn und bist so arg, zugleich
So liebenswrdig und so hassenswert,
Was konnte dich bewegen, diesen Mund,
Der, eine Rose, wie die Rose auch
Nur hauchen sollte ser Worte Duft,
Mit schwarzer Sprche Greuel zu entweihn?
Als die Natur dich dachte, schrieb sie: (Milde)
Mit holden Lettern auf das erste Blatt
Wer malte Zauberformeln auf die andern?
O geh!  ich hasse deine Schnheit, weil sie
Mich hindert deine Tcke recht zu hassen!
Du atmest schwer.  Schmerzt dich dein Arm?  Ja, siehst du
Das sind die Frchte deines argen Treibens!
Es blutet!  La doch sehn!

(Nimmt ihre Hand.)

Du zitterst, Mdchen,
Die Pulse klopfen, jede Fiber zuckt.
Vielleicht bist du so arg nicht, als du scheinst,
Nur angesteckt von dieses Landes Wildheit,
Und Reue wohnt in dir und fromme Scheu.
Heb auf das Aug und blicke mir ins Antlitz,
Da ich die dunkeln Rtsel deines Handelns
Erlutert seh' in deinem klaren Blick.--
Du schweigst!--O wrst du stumm, und jene Laute,
Die mir ertnten, fluchenswerten Inhalts,
Gesprochen htte sie ein andrer Mund,
Der minder lieblich, Mdchen, als der deine.
Du seufzest!--Sprich!--La deine Worte tnen;
Vertrau' den Lften sie, als Boten, an,
Sonst holt mein Mund sie ab von deinen Lippen.

(Er beugt sich gegen sie.)
(Man hrt Waffengeklirr und Stimmen in der Ferne.)

Horch!--Stimmen!

(Er lt sie los.)

Nher!

(Medea steht auf.)

Deine Freunde kommen
Und ich mu fort.  Des freuest du dich wohl?
Allein ich seh' dich wieder, glaube mir!
Ich mu dich sprechen hren, gtig sprechen,
Und kostet' es mein Leben!--Doch man naht.
Glaub' nicht, da ich Gefahr und Waffen scheue,
Doch auch ein Tapfrer weicht der berzahl,
Und meiner harren Freunde.--Leb' denn wohl.
(Er geht dem Seiteneingange zu, durch den er gekommen ist.  Aus
diesem, so wie aus dem Haupteingange strzen) Bewaffnete (herein,
mit ihnen) Absyrtus.

Absyrtus.
Zurck!

Jason.
So gilt's zu fechten!--Gebet Raum!

Absyrtus.
Dein Schwert!

Jason.
Dir in die Brust, nicht in die Hand!

Absyrtus.
Fangt ihn!

Jason (sich in Stellung werfend).
Kommt an!  Ihr alle schreckt mich nicht!

Absyrtus.
La uns versuchen denn!

(Strzt auf Jason los.)

Medea (macht eine abhaltende Bewegung gegen ihn).

Absyrtus (zurcktretend).
Was hltst du mich Schwester?

Jason.
Du sorgst um mich?  Hab' Dank, du holdes Wesen,
Nicht fr die Hilfe, ich bedarf sie nicht,
Fr diese Sorge Dank.  Leb' wohl, o Mdchen,

(Sie bei der Hand fassend und rasch kssend.)

Und dieser Ku sei dir ein sichres Pfand,
Da wir uns wiedersehn!--Gebt Raum!

(Er schlgt sich durch.)

Absyrtus.
Auf ihn!

(Jason durch die Seitentre fechtend ab.)

Absyrtus.
Ihm nach!  Er soll uns nicht entrinnen!

(Eilt Jason nach mit den Bewaffneten.)

Medea (die unbeweglich mit gesenktem Haupt gestanden, hebt jetzt
Kopf und Augen empor).
Gtter!

(Ihre Jungfrauen stehen um sie.)

(Der Vorhang fllt.)




Zweiter Aufzug

(Halle wie am Ende des vorigen Aufzuges.  Es ist Tag.)
Gora, Peritta.  Jungfrauen.

Gora.
Ich sage dir, sprich lieber Medeen nicht.
Ob der Ereignung zrnt sie der heutigen Nacht
Und sie spricht sich nicht gut, wenn sie zrnt; das weit du!
Auch gebot sie dir, ihr Antlitz zu fliehn.

Peritta.
Was soll ich tun?  Wer hilft, wenn sie nicht?
Gefangen der Gatte, die Htte verbrannt.
Alles geraubt von den fremden Mnnern
Wem klag' ich mein Leid, wer rettet, wenn sie nicht?

Gora.
Tu wie du willst, ich hab' dich gewarnt,
Auch ist's recht und billig nur, da sie dich hrt,
Aber der Mensch tut nicht immer was recht.

Peritta.
Ach, ich Unselige!

Gora.
Klage nicht!  Was hilft's
berleg' und handle, das tut dir Not!
Doch wo weilt Medea?  komm in ihr Gemach.
(Eine) Jungfrau (strzt atemlos herein.)

Jungfrau.
O berma des Unglcks!

Gora (an der Tre umkehrend).
Wohl nur der Torheit, will ich hoffen!
Was neues gibt's?

Jungfrau.
Der Frstin Lieblingspferd.--

Gora.
Das herrliche Tigerro--

Jungfrau.
Es ist entflohn!

Gora.
So?

Jungfrau.
In der Verwirrung der heutigen Nacht
Da die Pforte offen, wir alle voll Angst,
Entkam es dem Stall und ward nimmer gesehn!
Weh mir!

Gora.
Ja wohl!

Jungfrau.
Wie entflieh' ich der Frstin Zorn?
Wird sie's ertragen--?

Gora.
Das (wie) ist ihre Sache
Doch tragen mu sie's, da es (ist).
Nur rat' ich dir geh frs erste ihr aus dem Auge!
Doch horch!  Sie naht schon!  Peritta tritt zu mir.
Medea (kommt in Gedanken versunken aus der Tre rechts.)

Gora (nach einer Pause).
Medea--

Jungfrau (ihr zuvorkommend und zu Medeens Fen strzend).
O Knigin verzeih!

Medea (den Kopf emporhebend).
Was ist?

Jungfrau.
Vernichte mich nicht in deinem Zorn!
Dein Leibro--Dein Liebling!--Es ist entflohn.

(Pause whrend welcher sie Medeen voll Erwartung ins Gesicht sieht).

Nicht meine Schuld war's frwahr.  Der Schrecken heut Nacht
Das Getmmel, der Lrm--Da geschah's--
Du sprichst nicht?--Zrne Frstin--

Medea.
Es ist gut!

(Jungfrau steht auf.)

Gora (sie bei Seite ziehend).
Was sprach sie?

Jungfrau (freudig).
Es sei gut.

Gora.
Das ist (nicht) gut!
Trgt sie so leicht, was sie sonst schwer ertrug,
Das begnstigt unsre Sache, Peritta!
Fast ist mir's unlieb, da sie so mild gestimmt
Ich hatte mich drauf gefreut, wie sie sich struben wrde
Und endlich berwinden mte zu tun was sie soll.
Nu komm denn, komm, fr dich ist's besser so.
Medea hier ist noch jemand den du kennst!

Medea.
Wer?

Gora.
Kennst deine Gespielin, Peritta, nicht?
Zrnst du ihr gleich--

Medea.
Peritta bist du's;
Sei mir gegrt, sei herzlich mir gegrt!

(Sie mit dem Arm umschlingend und sich auf sie sttzend.)

Wir haben frohe Tage zusammen gelebt.
Seit dem ist viel bles geschehn.
Viel bles seit der Zeit, Peritta!
Hast du deine Herde verlassen und dein Haus
Und kommst wieder zu mir, Peritta?
Sei mir willkommen, du bist sanft und gut,
Du sollst mir die Nchste sein im Kreis meiner Frauen!

Peritta.
Kein Haus hab' ich mehr und keine Herde
Alles verloren, mein Gatte gefangen,
Dahin meine Ruhe, mein Segen, mein Glck.

Medea.
So ist er dahin, ist tot!
Du dauerst mich armes, armes Kind!
War so jung, so krftig, so glnzend, so schn,
Und ist tot und kalt!  Du dauerst mich
Ich knnte weinen, so rhrst du mich.

(Legt ihre Stirne auf Perittas Schulter.)

Peritta.
Nicht tot, nur gefangen ist mein Gatte
Drum kam ich zu flehn, da du bittest den Vater
Ihn zu lsen, zu retten, zu befrein--
 Medea hrst du?--

(Zu Gora.)

Sie spricht nicht!  Was sinnt sie?

Gora.
Mich berrascht sie nicht minder als dich
Das ist sonst nicht Medeens Sitte.

Peritta.
Was ist das?  Trau' ich meinen Sinnen?
Feucht fhl' ich dein Antlitz auf meiner Schulter!
Medea Trnen?--O du Milde, du Gute!

(Kt Medeens herabhngende Hand.)

(Medea reit sich empor, fat rasch mit der rechten Hand die
gekte Linke und sieht Peritten starr ins Gesicht.  Dann entfernt
sie sich rasch von ihr, sie immer starr betrachtend und nhert sich
der Amme.)

Medea.
Gora!

Gora.
Frau?

Medea.
Hei sie gehn!

Gora.
So willst du--

Medea.
Hei sie gehn!

Gora

(winkt Peritten mit der Hand Entfernung zu).
(Peritta hlt flehend ihr die Hnde entgegen.)
(Gora winkt ihr beruhigend zu, sich zu entfernen.)
(Peritta von zwei Mdchen gefhrt, ab.)

Medea (unterdessen).
Ah!--es ist hei hier.--Schwle Luft.

(Reit gewaltsam den Grtel entzwei und wirft ihn weg.)

Gora.
Sie ist fort!.

Medea (zusammenfahrend).
Fort?

Gora.
Peritta ist fort.

Medea.
Gora!

Gora.
Gebieterin!

Medea (halblaut, sie bei Seite fhrend).
Warst du zugegen heut Nacht?

Gora.
Wo?

Medea (Sieht ihr fremd ins Gesicht.)

Gora.
Ah hier?  Freilich!

Medea (mit freudeglnzenden Blicken).
Ich sage dir es war ein Gott!

Gora.
Ein Gott?

Medea.
Ich habe lange darber nachgedacht,
Nachgedacht und getrumt die lange Nacht,
Aber 's war ein Himmlischer, des bin ich gewi.
Als er mit einemmal dastand, zrnenden Muts,
Hochaufleuchtend, einen Blitz in der Hand
Und zwei andre im flammenden Blick,
Da fhlt' ich's am Sinken des Muts, an meiner Vernichtung,
Da ihn kein sterbliches Weib gebar.

Gora.
Wie?  so--

Medea.
Du hast mir wohl selbst erzhlet,
Oft, da Menschen, die nah dem Sterben,
(Heimdar) sich zeige, der furchtbare Gott,
Der die Toten fhrt in die schaurige Tiefe.
Sieh, der war es glaub' ich, o Gora!
(Heimdar) war es, der Todesgott.
Bezeichnet hat er sein dunkles Opfer,
Bezeichnet mich mit dem ladenden Ku
Und Medea wird sterben, hinuntergehn
Zu den Schatten der schweigenden Tiefe.
Glaub' mir, ich fhle das, gute Gora,
An diesem Bangen, an diesem Verwelken der Sinne,
An dieser Grabessehnsucht fhl' ich es,
Da mir nicht fern das Ende der Tage!

Gora.
Was hat deinen Sinn so sehr umwlkt,
Da du trb schaust, was klar und deutlich?
Ein Mensch war's, ein bermt'ger, ein Frecher
Der hier eindrang

Medea (zurckfahrend).
Ha!

Gora.
Der die Nacht bentzend--

Medea.
Schweig!

Gora.
Deine Angst

Medea.
Verruchte schweig.

Gora.
Schweigen kann ich wenn du's gebietest,
Einst mein Pflegling, jetzt meine Frau.
Aber drum ist's nicht anders als ich sagte.

Medea.
Sieh wie du albern bist und tricht!
Wie km' ein Fremder in diese Mauern?
Wie htt' ein Sterblicher sich erfrecht,
Zu drngen sich vor Medeas Antlitz,
Sie zu sprechen, ihr zu drohn, mit seinen Lippen--
Geh Unselige, geh
Da ich dich nicht tte,
Nicht rche deine Torheit
An deinem Leben.
Ein Sterblicher?  Scham und Schmach!
Entferne dich, Verrterin!
Geh!  sonst trifft dich mein Zorn.

Gora.
Ich rede was ist und nicht was du willst.
Gehn soll ich?  ich gehe.

Medea.
Gora, bleib!
Hast du kein freundlichs Wort, du Gute?
Fhlst du denn nicht, so ist's so mu es sein,
(Heimdar) war es, der stille Gott,
Und nun kein Wort mehr, kein Wort, o Gora!

(Wirft sich ihr an den Hals und verschliet mit ihrem Munde Goras
Lippen.)

(Nach einer Pause.)


Medea.
Horch!

Gora.
Tritte nahen!

Medea.
Man kommt!  Fort!

Gora.
Bleib!  Dein Bruder ist's und dein Vater!  Sieh!
Aietes und Absyrtus (strzen herein.)

Aietes.
Entkommen ist er, des trgst du die Schuld!

(Zu Medeen.)

Warum hemmtest den Streich des Bruders,
Da er ihn tten wollte, den Frevler?

Absyrtus.
Vater, scheltet sie nicht darum
War doch angstvoll und bang ihre Seele!
Denkt!  ein Fremder, allein, bei Nacht,
Eingedrungen in ihre Kammer;
Sollte sie da nicht zagen, Vater?
Und nicht wei die Furcht was sie tut.
Doch der Grieche--

Medea.
Grieche?

Aietes.
Wer sonst?
Einer der Fremden war's, der Hellenen,
Die gekommen an Kolchis' Kste,
Argonauten, auf Argo dem Schiff,
Zu verwsten unsere Tler
Und zu rauben unser Gut.

Medea

(Goras Hand fassend).
Gora!

Gora.
Siehst du?  es ist so, wie ich sagte.

Absyrtus.
bermtig sind sie und stark
Ja, bei Peronto!  Stark und khn!
Setzt' ich nicht nach ihm, ich und die Meinen
Hart ihn drngend, nach auf den Fersen?
Aber er fhrte in Kreisen sein Schwert
Keiner von uns kam ihm nah zu Leibe.
Jetzt zum Strom gekommen, warf er
Raschen Sprungs sich hinein.
Dumpf ertnte die Gegend dem Sturze,
Hoch auf spritzten die schumenden Wasser
Und er verschwand in umhllende Nacht.

Aietes.
Ist er entkommen dieses Mal
Frder soll es ihm nicht gelingen!
Die khnen Fremdlinge stolz und trotzig
Haben Zweisprach begehrt mit mir.
Zugesagt hab' ich's, den Groll verbergend
Den tdlichen Ha in der tiefen Brust
Aber gelingt mir, was ich sinne,
Und bist du mir gewrtig mit deiner Kunst,
So soll sie der frevelnde Mut gereuen,
So endet der Streit noch eh er begann.
Auf Medea, komm!  Mach' dich fertig
Gut zu machen, was du gefehlet
Und zu rchen die eigene Schmach
(Deine) Sache ist's nun geworden
Haben sie doch an dir auch gefrevelt,
Gefrevelt durch jenes Khnen Tat,
Denn wahr ist's doch, was Absyrtus mir sagte,
Da er's gewagt mit entehrendem Ku--

Medea.
Vater schweig, ich bitte dich--

Aietes.
Ist's wahr?

Medea.
Frage mich nicht was wahr, was nicht!
La dir's sagen die Rte meiner Wangen
La dir's sagen--Was soll ich?  Gebeut!
Willst du vernichten die Schar der Frevler?
Sage nur wie, ich bin bereit!

Aietes.
So recht Medea, so mag ich's gern
So erkenn' ich in dir mein Kind
Zeig' da dir fremd war des Frechen Erkhnen
La sie nicht glauben, du habest gewut
Selber gewut um die frevelnde Tat!

Medea.
Gewut?  Wer glaubt das, Vater und von wem?

Aietes.
Wer?  der's sah, der's hrte, Kind!
Wer Zeuge war wie Aletes' frstliche Tochter
Den Ku duldete von des Frevlers Lippe.

Medea.
Vater!

Aietes.
Was ist?

Medea.
Du ttest mich!

Aietes.
(Ich) glaub's (nicht), Medea!

Medea.
Wirklich nicht?
La uns gehn!

Aietes.
Wohin?

Medea.
Wohin du willst
Zu vernichten, zu tten, zu sterben!

Aietes.
Du versprichst mir also?

Medea.
Ich hab' es gesagt!
Aber la uns gehn!

Aietes.
Hr' erst!

Medea.
Nicht hier!
Hohnzulachen scheint mir des Gottes Bild
Des Gewlbes Steine formen sich mir
Zu lachenden Mulern und grinsenden Larven.
Hinweg von dem Orte meiner Schmach!
Nimmer betret' ich ihn.  Vater komm!
Was du willst, wie du willst, doch fort von hier!

Aietes.
So hre!

Medea.
Fort!

Aietes.
Medea!

Medea.
Fort!

(Eilt ab.)

Aietes.
Medea!

(Mit Absyrtus ihr nach.)

(Freier Platz mit Bumen.  Links im Hintergrunde des Knigs Zelt.)
Acht Abgeordnete der Argonauten (treten auf von einem) Kolchischen
Hauptmanne (geleitet.)

Hauptmann.
Hier sollt ihr weilen ist des Knigs Befehl
Bald naht er selbst.

Erster Argonaut.
Befehl?  Nichtswrdiger Barbar,
Fr dich mag's sein, doch uns Befehl?
Wir harren deines Knigs weil wir wollen,
Doch eil' er sich, sonst suchen wir ihn auf!

Zweiter Argonaut.
La ihn!  Die Knechtesrede ziemt dem Knecht!

(Kolcher ab.)

So sind wir hier; erreicht des Strebens Ziel!
Nach mancher Fhrlichkeit zu Land und See
Umfngt uns Kolchis' dstre Mrchenwelt,
Von der man spricht so weit die Sonne leuchtet.
Was keinem mglich deuchte ist geschehn;
Durchsegelt ist ein unbekanntes Meer,
Das zrnend Untergang dem ersten Schiffer drohte,
Zu neuen Vlkern und zu neuen Lndern
Tat sich der Weg, und was oft schwerer noch,
Tat auch der Rckweg sich uns gnstig auf:
Wir sind in Kolchis, unsrer Reise Ziel.
So weit hat gndig uns ein Gott gefhrt;
Doch jetzo frcht' ich wendet er sich ab!
Wir stehn in Feindes Land, von Tod umgeben
Fremd, ohne Rat und Fhrer--Jason fehlt.
Er, der zum Zug geworben, ihn gefhrt,
Er, dessen eigne Sache wir verfechten,
Mit Milo hat er sich vom Zug entfernt,
Heut Nacht entfernt und ward nicht mehr gesehn.
Ob er im Wald verirrt, verlassen schmachtet,
Ob er ins Netz gefallen der Barbaren,
Ob ihn aus Hinterhalt der Tod ereilt
Ich wei es nicht, doch jedes steht zu frchten.
So aufgelst, vereinzelt, ohne Band,
Ist jeder nun sein eigner Rat und Fhrer
Drum frag' ich euch, die Ersten unsrer Schar:
Was ist zu tun?

(Alle schweigen mit gesenkten Huptern.)

Ihr schweigt.  Jetzt gilt's Entschlu!
Geladen von dem Knig dieses Landes
Zur Zweisprach, zum Versuch der Gtlichkeit,
Schien's uns gefhrlich, ob des Fhrers Abgang
Den Aufruf abzulehnen, der geschehn,
Und zu enthllen unsre Not und Schwche.
Wir gingen, wir sind hier!--Was nun zu tun?
Wer Rat wei, spreche nun!

Dritter Argonaut.
Du bist der ltste
Sprich du!

Zweiter Argonaut.
Der ltste ist der Erste nicht
Wo's Kraft gilt und Entschlu.  Fragt einen andern!

Erster Argonaut.
Lat uns die Schwerter nehmen in die Hand
Den Knig tten und sein treulos Volk
Dann fort, doch erst die Beut' ins Schiff gebracht!

Zweiter Argonaut.
Nicht auch das Land und heimgebracht zur Schau?
Dein Rat ist unreif Freund wie deine Jahre.
Gebt andern!

Dritter Argonaut.
Rate du, wir folgen dir!

Zweiter Argonaut.
Mein Rat ist Rckkehr!  Murrt ihr?  Nun wohlan
Sprech' einer Besseres, ich stimme bei!
Ihr schweigt gesamt und Niemand tritt hervor.
So hrt, und strt nicht oder berzeugt mich!
Nicht eignes Streben hat uns hergefhrt
Was kmmert Kolchis uns mit seinen Wundern?
Dem Mut, dem Glcke Jasons folgten wir
Den Arm ihm leihend zum gebotnen Werk;
Er tat des Oheims Willen, wir den seinen.
Wer ist, der treten mag an Jasons Stelle,
Hat ihn der Tod, wie mglich, hingerafft?
Wem liegt daran das Wundervlie zu rauben
Das Tod umringt und druende Gefahr?
Habt ihr gehrt?  im Schlund der Hhle liegt's,
Bewacht von eines Drachen gift'gen Zhnen,
Vom Graun verteidigt schwarzer Zauberei,
Beschtzt von allem was verrucht und greulich;
Wer wagt's von euch, wer hebt den goldnen Schatz?
Wie Keiner?  Nun, so woll' auch keiner (scheinen)
Was keiner Kraft und Willen hat zu (sein).
Hier leg' ich von mir Schild und Speer
Und geh' zum Knig als ein Mann des Friedens.
Drei Tage gnn' er uns zu harren Zeit,
Und kehrt dann Jason nicht, so ziehn wir heim.
Wer mit mir gleichdenkt, tue so wie ich.
Ein Held ist wer das Leben Groem opfert
Wer's fr ein Nichts vergeudet ist ein Tor!

(Die meisten stoen ihre Speere in den Boden.)

Nun kommt zu Kolchis' Knig.  Gerne tauscht er
Die eigne Sicherheit wohl aus fr unsre!

Erster Argonaut.
Halt noch.  Dort nahn zwei Griechen!  Milo ist's
Der fort mit Jason ging und--

(schreiend)

Jason selber!
Jason!

Mehrere.
Jason!

Alle (tumultuarisch).
Jason!

Milo

(hinter der) Szene).
Hier Gefhrten!
Hier Jason, Argonauten!

Erster Argonaut (zum zweiten).
Was sagst du nun?

Zweiter Argonaut.
Da Jason da ist, sag' ich Freund wie du.
Statt meines Rates gibt er euch die Tat.
Nur da er fort war hatt' ich eine Meinung!
Milo (tritt auf), Jason (an der Hand fhrend.)

Milo.
Hier habt ihr ihn!  Hier ist er ganz und gar!
Nun seht euch satt an ihm und schreit und jubelt!

(Die Argonauten drngen sich um Jason, fassen seine Hnde und
drcken ihre Freude aus.)

Vermischte Stimmen.
Willkommen--Jason!--Freund!--Willkommen Bruder!

Jason.
Habt ihr um mich gebangt?  Hier bin ich wieder!

(Indem er den Andrngenden die Hnde reicht.)

Milo (den nchststehenden umarmend).
Freund siehst du, er ist da?  Gesund und rstig!
Und's ging ihm nah ans Leben, ei beim Himmel!
Ein Haar!  und ihr saht Jason nimmer mehr!
Er wagte sich, allein--ich durft' nicht mit--
Um euretwillen Freunde wagt' er sich,
Im dichten Wald, allein, in einen Turm,
Der voll Barbaren steckte bis zum Giebel.
Da hie es fechten.

Jason.
Ja frwahr es galt!
Verloren war ich, wenn ein Mdchen nicht--

Milo.
Ein Mdchen?  Ein Barbarenmdchen?

Jason.
Ja!

Milo.
Sieh davon sagtest du mir frher nichts!
Und war sie schn?

Jason.
So schn so reizend so--
Doch eine arge, bse Zauberin.--
Ihr dank' ich dies mein Leben!

Milo.
Wackres Mdchen!

Jason.
Ich schlug mich durch und--doch genug, ich lebe
Und bin bei euch!--Doch was fhrt euch hierher?

Zweiter Argonaut.
Zur Zweisprach lie uns laden Kolchis' Knig
Vernehmen will er unsre Forderung
Und dann entscheiden.

Jason.
Hier?

Zweiter Argonaut.
Hier ist sein Sitz!

Jason.
Ich will ihn sprechen.  Fgt er sich in Frieden
Gut denn!  wenn nicht, dann mag das Schwert entscheiden.

(Auf die seitwrts gestellten Speere zeigend.)

Doch diese Waffen!--Seid ihr hier so sicher
Da ihr des Schutzes selber euch beraubt?

(Sie nehmen beschmt die weggelegten Speere wieder auf.)

Ihr schweigt und schlagt beschmt die Augen nieder?
Habt ihr?--

(Zu Milo.)

Oh sieh, sie meiden meinen Blick!
Unglckliche!  es war doch nicht die Furcht--
Die (Furcht) Hellenen, die den Speer euch nahm?
Es war's nicht--?

(Zu Milo.)

Ach es war's!  Die Unglcksel'gen
Sie wagen's nicht der Lge mich zu zeihn.
Was hat euch denn verblendet arme Brder?--
Es war die (Furcht)!--

(Zu einem der sprechen will.)

Ich bitte dich, sprich nicht
Ich kann mir denken was du fhlst.  Sprich nicht!
Mach' nicht, da ich mich schme vor mir selbst!
Denn, o nicht ohne Trnen knnt' ich schauen
In ein von Scham gertet Mnnerantlitz.
Ich will's vergessen wenn ich kann.

(Ein Kolcher tritt auf.)

Kolcher.
Der Knig naht!

Jason.
So lat uns stark sein und entschlossen, Freunde
Nicht ahne der Barbar, was hier geschehn!
Aietes (tritt auf mit) Gefolge.

Aietes.
Wer ist der das Wort fhrt fr die Fremden!

Jason (vortretend).
Ich!

Aietes.
Beginn!

Jason.
Hochmtiger Barbar, du wagst--?

Aietes.
Was willst du?

Jason.
Achtung!

Aietes.
Achtung?

Jason.
Meiner Macht,
Wenn meinem Namen nicht!

Aietes.
Wohlan, so sprich!

Jason.
Thessaliens Beherrscher, Pelias,
Mein Oheim und mein Herr, schickt mich zu dir,
Mich, Jason, dieser Mnner Kriegeshaupt,
Zu dir zu reden, wie ich jetzo rede!
Gekommen ist die Kunde bers Meer,
Da Phryxus, ein Hellene, hohen Stammes,
Den Tod gefunden hier in deinem Reich!

Aietes.
Ich schlug ihn nicht.

Jason.
Warum verteidigst du dich,
Eh ich dich noch beschuldigt?  Hr' mich erst.
Mit Schtzen und mit Gute reich beladen
War Phryxus' Schiff.  Das blieb in deiner Hand
Als er verblich geheimnisvollen Todes!
Sein Haus ist aber nahverwandt dem meinen,
Drum in dem Namen meines Ohms und Herrn
Fordr' ich, da du erstattest, was sein eigen,
Und was nun mein und meines Frstenhauses.

Aietes.
Nichts wei ich von Schtzen.

Jason.
La mich enden.
Das Kstlichste von Phryxus' Gtern aber
Es war ein kstliches, geheimnisvolles Vlie,
Des er entkleidete in Delphis hoher Stadt
Das Bildnis eines unbekannten Gottes
Das dort seit grauen Jahren aufgestellt,
Man sagt, von den Urvtern unsers Landes,
Die fernher kommend, und von Oben stammend,
Das Land betraten und der Menschheit Samen
Weitbreitend in die leere Wildnis streuten,
Und Hellas' Vter wurden, unsre Ahnen
Von ihnen sagt man stamme jenes Zeichen,
Ein teures Pfand fr Hellas' Heil und Glck.
Vor allem nun dies Vlie fordr' ich von dir,
Da es ein Kleinod bleibe der Hellenen
Und nicht in trotziger Barbaren Hand
Zum Siegeszeichen diene wider sie.
Sag' was beschlieest du?

Aietes.
Ich hab's nicht!

Jason.
Nicht?
Das goldne Vlie?

Aietes.
Ich hab's nicht, sag' ich dir!

Jason.
Ist dies dein letztes Wort?

Aietes.
Mein letztes!

Jason.
Wohlan!

(Wendet sich zu gehn.)

Aietes.
Wo willst du hin?

Jason.
Fort, zu den Meinen,
Sie zu den Waffen rufen, um zu sehen,
Ob du der Macht unnahbar wie dem Recht.

Aietes.
Ich lache deiner Drohungen!

Jason.
Wie lange?

Aietes.
Tollkhner!  Mit einem Hufchen Abenteurer
Willst du trotzen dem Knig von Kolchis?

Jason.
Ich will's versuchen!

(Will gehen.)

Aietes.
Halt!  Du rasest glaub' ich.
Ist wirklich der Gtter Huld geknpft an jenes Zeichen
Und ist dem Sieg und Rache, der's besitzt,
Wie kannst du hoffen zu bestehen gegen mich,
In dessen Hand--

Jason.
Ha, so besitzest du's?

Aietes.
Wenn's wre, mein' ich, wie du glaubst.

Jason.
Ich wei genug!
Schwachsinniger Barbar, und darauf sttzest
Du deiner Weigrung unhaltbaren Trotz?
Du glaubst zu siegen, weil in deiner Hand--
Nicht gut nicht schlimm ist, was die Gtter geben
Und der Empfnger erst macht das Geschenk.
So wie das Brot, das uns die Erde spendet,
Den Starken strkt, des Kranken Siechtum mehrt,
So sind der Gtter hohe Gaben alle,
Dem Guten gut, dem Argen zum Verderben.
In meiner Hand fhrt jenes Vlie zum Siege
In deiner sichert's dir den Untergang.
Sprich selbst, wirst du es wagen zu berhren
Besprtzt wie's ist mit deines Gastfreunds Blut,--

Aietes.
Schweig!

Jason.
Sag' gibst du's heraus?--ja oder nein!

Aietes.
So hre mich!

Jason.
Ja oder nein!

Aietes.
Du rascher!
Warum uns zanken ohne Not
La uns friedlich berlegen
Und dann entscheiden was zu geschehn!

Jason.
Du gibst es denn heraus?

Aietes.
Was?--Ei la das!
Wir wollen uns erst kennen und verstehn.
Dem Freunde gibt man, nicht dem Fremden!
Tritt ein bei mir und ruhe von der Fahrt.

Jason.
Ich trau' dir nicht!

Aietes.
Warum nicht?
Ist auch rauh meine Sprache, frchte nichts.
La dir's wohl sein in meinem Lande.
Liebst du den Becher?  Wir haben Tranks die Flle.
Jagd?  Wildreich sind unsre Forste.
Magst du dich freun in der Weiber Umarmung?
Kolchis hat--

(Nher zu ihm tretend.)

Liebst du die Weiber?

Jason.
(Eure) Weiber?  und doch--

Aietes.
Liebst du die Weiber?

Jason.
Kennst einen Turm du dort im nahen Walde,
Der--doch wo bin ich!  Komm zur Sache Knig!
Gibst du das Vlie?

Aietes

(zu einem Kolcher).
Ruf Medeen und bring' Wein!

Jason.
Noch einmal, gibst du mir das Vlie?

Aietes.
Sei ruhig!
Erst gezecht dann zum Rat, so halten wir's.

Jason.
Ich will von deinen Gaben nichts.

Aietes.
Du sollst!
Ungespeist geht keiner aus Aietes' Hause!
Sieh man kommt, la dir's gefallen, Fremdling!
Medea (kmmt verschleiert einen Becher in der Hand, mit ihr) Diener
(die Pokale tragen.)

Aietes.
Hier trink, mein edler Gast!

(Zu Medeen.)

Ist er bereitet?

Medea.
O frage nicht!

Aietes.
So geh und biet ihn an!
Erlabe dich mein Gast!

Jason.
Ich trinke nicht!

(Medea fhrt beim Klang von Jasons Stimme zusammen.  Sie blickt
empor, erkennt ihn und tritt einige Schritte zurck.)

Aietes (zu Jason).
Warum nicht?

(Zu Medeen.)

Hin zu ihm.  Tritt nher sag' ich!

Jason.
Was seh' ich?--Diese Kleider!--Mdchen bleib!
Dein Kleid erneuert mir ein holdes Bild
Das ich nur erst--Gib deinen Becher mir,
Ich wag's auf deine Auenseite!  Gib!

(Er nimmt den Becher aus ihrer Hand.)

Ich leer' ihn auf dein Wohl!

Medea.
Halt ein!

Jason.
Was ist?

Medea.
Du trinkst Verderben!

Jason.
Wie?

Aietes.
Medea!

Jason

(indem er den Becher wegwirft).
Knig
Das deine Freundschaft?  Rache dir Barbar!
Doch du, wer bist du?  die so sonderbar
Mit Grausamkeit vereinet Mitleids Milde?
La mich dich schaun!

(Er reit ihr den Schleier ab.)

Sie ist's!  Es ist dieselbe!

Aietes.
Medea fort!

Jason.
Medea heiest du?
So sprich Medea denn!

Medea.
Was willst du?

Jason.
Wie?
So mild dein Tun und rauh dein Wort, Medea?
Nur zweimal sah ich dich und beidemal
Verdank' ich dir mein Leben.  Habe Dank!
Es scheint die Gtter haben uns ersehn
Uns Freund zu sein, nicht Feinde, o Medea!
Noch einmal diesen Blick, o sieh nicht weg!
Schau' mir ins Aug, ich mein' es rein und gut.

(Erfat ihre Hand und wendet sie gegen sich.)

La mich in deinem Blick die Kunde lesen

(Medea entreit ihm die Hand.)

Jason.
Halt ein!

Medea (sich emporrichtend).
Verwegner wagst du's?--Weh!

(Sie begegnet seinem Blicke, fhrt zusammen und entflieht.)

Jason.
Medea!

(Medea ab.)
(Er eilt ihr nach.)

Aietes.
Zurck!

Jason.
Du selbst zurck, Barbar!--Medea!
(Indem er ins Zelt dringen will und Aietes sich ihm abwehrend in
den Weg stellt, fllt der Vorhang.)




Dritter Aufzug

(Das Innere von des Knigs Zelte.  Der hintere Vorhang desselben
ist so, da man durch denselben, ohne die drauen befindlichen
Personen genau unterscheiden zu knnen, doch die Umrisse derselben
erkennen kann.)
Medea, Gora, Jungfrauen (im Zelte.) Jason, Aietes (und) Alle
Personen des letzten Aktschlusses (auer demselben.)
(Medea steht links im Vorgrunde aufgerichtet, die linke Hand auf
einen Tisch gesttzt, die Augen unbeweglich vor sich gerichtet in
der Stellung einer die hrt was auen vorgeht.  Gora sie
beobachtend auf der andern Seite des Tisches.  Jungfrauen teils
knieend, teils stehend um sie gruppiert.  Einige) Krieger (im
Hintergrunde des Zeltes an den Seiten aufgestellt.)

Jason (von auen).
Ich will hinein!

Aietes (auen).
Zurck!

Jason.
Denkst du's zu wehren?
Vom Schwert die Hand!  die Hand vom Schwerte sag' ich,
Das meine zuckt, ich kann nicht drohen sehn!
Ich will hinein!  Gib Raum!

Aietes.
Zurck Verwegner!

Gora (zu Medeen).
Er rast der Freche!

Jason (auen).
Hrst du mich Medea?
Gib mir ein Zeichen wenn du hrst!

Gora.
Vernahmst du?

Jason.
Dringt bis zu dir mein Ruf, so gib ein Zeichen.
Erwhlte!

(Medea, die bis jetzt unbeweglich gestanden fhrt zusammen und legt
die Hand auf die tiefatmende Brust.)

Jason.
Sieh, mein Arm ist offen.  Komm!

(Jasons Stimme kommt immer nher.)

Ich hab' dein Herz erkannt!  Erkenn' das meine
Medea komm!

Aietes.
Zurck!

Gora.
Er dringt herein!

(Medea reit sich aus den Armen ihrer Jungfrauen los und flieht auf
die andere Seite des Vorgrunds.)

Jason.
Ich rufe dir!  Ich liebe dich, Medea.

Gora (Medeen folgend).
Hast du gehrt?

Medea (verhllt die Augen mit der Hand).

Gora (dringend).
Unglckliche das also war's?
Daher die Bewegung, daher deine Angst
O Schmach und Schande, wr' es wirklich?

Medea (aufgerichtet, sie mit Hoheit anblickend).
Was?

Jason (indem er die Vorhnge des Zeltes aufreit).
Ich mu sie sehn!--Da ist sie!--Komm Medea!

Gora.
Er naht!  Entflieh!

Medea (zu den Soldaten im Zelte).
Steht ihr so mig
Braucht die Waffen, helft eurem Herrn!

Aietes (der indes mit Jason am Eingange gerungen hat).
Mit meinem Tod erst dringst du hinein!

(Die Soldaten im Zelte strzen auf die Streitenden los.  Jason wird
weggedrngt.  Die Vorhnge fallen wieder zu.)

Jason (drauen).
Medea!--Wohl so mag das Schwert entscheiden!

Absyrtus' Stimme.
Schwerter blo!  Hier ist das Meine!

(Waffengeklirr von auen.)

Gora.
Sie fechten!  Gtter strkt der Unsern Arm!

(Medea steht wieder bewegungslos da.)

Milos Stimme (von auen).
Jason zurck!  Wir werden bermannt
Zwlf unsre Schar und hunderte der Feinde!
Barbaren brecht ihr den geschwornen Stillstand?

Jason.
La sie nur kommen, ich empfange sie!

Aietes.
Haut sie nieder, weichen sie nicht!

(Das Waffengeklirr entfernt sich.)

Gora.
Die Fremden werden zurckgedrngt, die Unsern siegen!
Medea fasse dich.  Dein Vater naht.
Aietes und Absyrtus kommen.

Aietes.
Wo ist sie?--Hier!  Verrterin
Wagst du's zu stehn deines Vaters Blick?

Medea (ihm entgegen).
Nicht zu Worten ist's jetzt Zeit, zu Taten!

Aietes.
Das sagst du mir nach dem was geschehn,
Jetzt, da das Schwert noch blo in meiner Hand?

Medea.
Nichts weiter von Vergleich, von Unterredung
Von gtlichen Vertrags fruchtlosem Versuch.
Bewaffne die Krieger, versammle die Deinen
Und jetzt auf sie hin, hin auf die Fremden
Eh sie's vermuten, eh sie sich fassen.
Hinaus mit ihnen, hinaus aus deinem Land
Rettend entfhre sie ihr schnelles Schiff
Oder der Tod ihnen allen--allen!

Aietes.
Whnst du mich zu tuschen, Betrgerin?
Wenn du sie hassest, was warfst du den Becher,
Der mir sie liefern sollte, Jason liefern sollte,
Jason--sich mir ins Antlitz.  Du wendest dich ab?

Medea.
Was liegt dir an meiner Beschmung,
Rat bedarfst du, ich  g e b e  dir Rat.
Noch einmal also, verjag' sie die Fremden
Sto sie hinaus aus den Marken des Reichs
Der grauende Morgen, der kommende Tag
Sehe sie nicht mehr in Kolchis' Umfang.

Aietes.
Du machst mich irre an dir, Medea.

Medea.
War ich es lange nicht, lange nicht selbst?

Aietes.
So wnschest du da ich vertreibe die Fremden?

Medea.
Flehend, knieend bitt' ich dich drum.

Aietes.
Alle?

Medea.
Alle!

Aietes.
Alle?

Medea.
Frage mich nicht!

Aietes.
Nun wohlan denn ich waffne die Freunde!
Du gehst mit!

Medea.
Ich?

Aietes.
Seltsame, du!
Sieh ich wei, nicht den Pfeil nur vom Bogen,
Schleuderst den Speer auch, die mchtige Lanze,
Schwingest das Schwert in krftiger Hand.
Komm mit, wir verjagen die Feinde!

Medea.
Nimmermehr!

Aietes.
Nicht?

Medea.
Mich sende zurck
In das Innre des Landes Vater,
Tief, wo nur Wlder und dunkles Geklft,
Wo kein Aug hindringt, kein Ohr, keine Stimme,
Wo nur die Einsamkeit und ich.
Dort will ich fr dich zu den Gttern rufen
Um Beistand fr dich, um Kraft, um Sieg.
Beten Vater, doch kmpfen nicht.
Wenn die Feinde verjagt, wenn kein Frevler mehr hier,
Dann komm' ich zurck und bleibe bei dir
Und pflege dein Alter sorglich und treu
Bis der Tod herankommt, der freundliche Gott
Und leise beschwichtigend, den Finger am Mund,
Auf seinem Kissen von Staub und Moos
Die Gedanken schlafen heit und ruhn die Wnsche.

Aietes.
Du willst nicht mit und ich soll dir glauben?
Ungeratene zittre!--Jason?

Medea.
Was fragst du mich wenn du's weit.
Oder willst du's hren aus meinem Mund
Was ich bis jetzt mir selber verbarg,
Ich mir verbarg?  die Gtter mir bargen.
La dich nicht stren die flammende Glut,
Die mir, ich fhl' es die Wangen bedeckt,
Du willst es hren und ich sag' es dir.
Ich kann nicht im Trben ahnen und zagen
Klar mu es sein um Medea, klar!
Man sagt--und ich fhle es ist so!--
Es gibt ein Etwas in des Menschen Wesen,
Das, unabhngig von des Eigners Willen,
Anzieht und abstt mit blinder Gewalt;
Wie vom Blitz zum Metall, vom Magnet zum Eisen,
Besteht ein Zug, ein geheimnisvoller Zug
Vom Menschen zum Menschen, von Brust zu Brust.
Da ist nicht Reiz, nicht Anmut, nicht Tugend nicht Recht
Was knpft und losknpft die zaub'rischen Fden,
Unsichtbar geht der Neigung Zauberbrcke
So viel sie betraten hat keiner sie gesehn!
Gefallen mu dir was dir gefllt
So weit ist's Zwang, rohe Naturkraft:
Doch steht's nicht bei dir die Neigung zu (rufen)
Der Neigung zu (folgen) steht bei dir,
Da beginnt des Wollens sonniges Reich
Und ich will nicht

(Mit aufgehobener Hand.)

Medea will (nicht)!
Als ich ihn sah, zum erstenmale sah,
Da fhlt' ich stocken das Blut in meinen Adern,
Aus seinem Aug, seiner Hand, seinen Lippen
Gingen sprhende Funken ber mich aus
Und flammend loderte auf mein Innres.
Doch verhehlt' ich's mir selbst.  Erst als er's aussprach,
Aussprach in der Wut seines tollen Beginnens,
Da er liebe--
Schner Name
Fr eine fluchenswerte Sache!--
Da ward mir's klar und (darnach) will ich handeln.
Aber verlange nicht, da ich ihm begegne,
La mich ihn fliehn--Schwach ist der Mensch
Auch der strkste, schwach!
Wenn ich ihn sehe drehn sich die Sinne
Dumpfes Bangen berschleicht Haupt und Busen
Und ich bin nicht mehr, die ich bin.
Vertreib ihn, verjag' ihn, tt' ihn,
Ja, weicht er nicht, tt' ihn Vater
Den Toten will ich (schaun), wenn auch mit Trnen schaun
Den Lebenden nicht.

Aietes.
Medea!

Medea.
Was beschlieest du?

Aietes (indem er ihre Hand nimmt).
Du bist ein wackres Mdchen!

Absyrtus (ihre andre Hand nehmend).
Arme Schwester!

Medea.
Was beschlieest du?

Aietes.
Wohl, du sollst zurck.

Medea.
Dank!  tausend Dank!  Und nun ans Werk mein Vater!

Aietes.
Absyrtus whl' aus den Tapfern des Heers
Und geleite die Schwester nach der Felsenkluft--
Weit du?--wo wir's aufbewahrten--das goldne Vlie!

Medea.
Dorthin?  Nein!

Aietes.
Warum nicht?

Medea.
Nimmermehr!
Dorthin, an den Ort unsers Frevels?
Rache strahlet das schimmernde Vlie.
So oft ich's versuch' in die Zukunft zu schauen
Flammt's vor mir wie ein blut'ger Komet,
Droht mir Unheil, findet's mich dort!

Aietes.
Trin!  Kein sichrerer Ort im ganzen Lande
Auch bedarf ich dein, zu hten den Schatz
Mit deinen Knsten, deinen Sprchen,
Dorthin oder mit mir!

Medea.
Es sei, ich gehorche!
Aber einen Weg sende mich, wo kein Feind uns trifft.

Aietes.
Zwei Wege sind.  Einer nah am Lager des Feindes
Der andre rauh und beschwerlich, wenig betreten,
ber die Brcke fhrt er am Strom, den nimm Absyrtus!
Nun geht!--Hier der Schlssel zum Falltor
Das zur Kluft fhrt!  Nimm ihn, Medea.

Medea.
Ich?  Dem Bruder gib ihn!

Aietes.
Dir!

Medea.
Vater!

Aietes.
Nimm ihn, sag' ich und reize mich nicht
Deiner trichten Grillen bin ich satt.

Medea.
Nun wohl ich nehme!

Aietes.
Lebe wohl!

Medea.
Vater!

Aietes.
Was?

(Medea wirft sich lautschluchzend in seine Arme.)

Aietes (weicher).
Trichtes Mdchen!

(Er kt sie.)

Leb' wohl mein Kind.

Medea.
Vater auf Wieder- Wiedersehn
Auf baldiges, frohes Wiedersehn!

Aietes.
Nun ja, auf frohes Wiedersehn.

(Sie mit der Hand von sich entfernend.)

Nun geh!

Medea (die Augen mit der Hand verhllend).
Leb' wohl!

(Ab mit Absyrtus.)




(Aietes bleibt nach dem Abgehen der Medea einige Augenblicke mit
gesenktem Haupt hinbrtend stehen.  Pltzlich rafft er sich auf
blickt einige Male rasch um sich her und geht schnell ab.)

(Eine waldichte Gegend an der Strae, die zum Lager der Argonauten
fhrt.)
Jason, Milo und Andre Argonauten kommen.


Milo.
Hier lat uns halten Freunde.  Die Barbaren
Verfolgen uns nicht mehr.  Der Ort hier scheint bequem
Zum Angriff so, wie zur Verteidigung.
Auch ist's der einz'ge Weg, der, seit der Sturm
Die Brcken abgerissen heute Nacht,
Vom Sitze fhrt des Knigs nach dem Innern
Und lagern wir uns hier, so schneiden wir
Ihm jeden Hilfszug ab, den er erwartet.
Geh' einer hin zur Schar der Rckgebliebnen
Und leite sie hierher.  Wir warten ihrer.

(Erster Argonaut ab.)
(Zu Jason der mit gekreuzten Armen auf und nieder geht.)

Was berdenkst du Freund?

Jason.
Gar mancherlei!

Milo.
Gesteh' ich's dir?  Du hast mich berrascht
Du zeigtest eine Falte deines Innern heut
Die neu mir ist.

Jason.
Htt' ich doch bald gesagt:
Mir auch!

Milo.
So liebst du sie denn wirklich?

Jason.
Lieben?

Milo.
Du sagtest heut es mind'stens laut genug!

Jason.
Der Augenblick entri mir's--und gesteh!
Sie rettete mir zweimal nun das Leben.

Milo.
Wie?  zweimal?

Jason.
Erst im Turm!--

Milo.
Das also war's
Was dir den Turm so teuer machte?

Jason.
Das war's.

Milo.
Ja so.

Jason.
Nun denk' dir; so vollglt'gen Anspruch
Auf meinen Dank und--Milo sie ist schn--

Milo.
Ja, doch eine Barbarin--

Jason.
Sie ist gut--

Milo.
Und eine Zauberin dazu.

Jason.
Ja wohl!

Milo.
Ein furchtbar Weib mit ihren dunkeln Augen!

Jason.
Ein herrlich Weib mit ihren dunkeln Augen!

Milo.
Und was gedenkst du nun zu tun?

Jason.
Zu tun?
Das Vlie zu holen, so mein Wort zu lsen,
Das andre aber heimzustellen jenen
Die oben walten ber dir und mir.

Milo.
So mag ich's gern!  Beim Zeus so denkst du recht!
(Ein) Argonaut (kommt).

Argonaut.
Links her vom Flu sieht man sich Staub erheben,
Ein Huflein Feinde naht heran.

Jason.
Wie viele?

Argonaut.
An vierzig oder fnfzig, kaum wohl mehr.

Jason.
Lat uns zurckziehn und am Weg verbergen,
Denn shn sie uns, sie kmen nicht heran.
Verschwunden ist die Hoffnung zum Vergleich
So mgen denn die Schwerter blutig walten
Und die dort nahn, den Reihen fhren an.
Zieht euch zurck, und haltet bis ich's sage.

Milo.
Nur leis und sacht, da sie uns nicht ersphn.

(Ziehen sich alle zurck und ab.)

(Absyrtus und Kolchische Krieger treten auf, Medea verschleiert
in ihrer Mitte.)

Absyrtus.
Die Waffen haltet bereit zum Schlagen,
Leicht knnten wir treffen 'ne Feindesschar,
Der Weg hier fhrt vorbei an ihrem Lager.

Medea

(den Schleier zurckschlagend und vortretend).
Am Feindeslager?  Warum diesen Weg?
Warum nicht den andern, mein Bruder?

Absyrtus.
Der Sturm hat die Brcken abgerissen heut Nacht;
Jetzt erst erfuhr ich's.  Aber sorge nicht!
Ich verteidige dich mit meinem Blut.
Wrst du nicht hier, ich forderte sie heraus.

Medea.
Um aller Gtter willen--

Absyrtus.
Ich sagte: wrst du nicht hier;
Aber nun, da du hier bist, tu' ich's nicht.
Nicht um den hchsten Preis, nicht um Kampf und Sieg,
Setzt' ich dich in Gefahr, meine Schwester!

Medea.
So la uns eilig vorberziehn.

Absyrtus.
Kommt denn!

Jason

(hinter der Szene).
Jetzt ist es Zeit!  Greift an, ihr Freunde!

(Hervorspringend.)

Halt!

Medea (aufschreiend).
Er!

(Zu Absyrtus.)

La uns fliehen, Bruder!

Absyrtus.
Fliehen?  Fechten!

Jason (zu den andringenden Argonauten).
Wenn sie sich widersetzen, haut sie nieder!

(Zu den Kolchern.)

Zu Boden die Waffen!

Absyrtus.
Du selber zu Boden!
Schliet euch Gefhrten!  Haltet sie aus!

Medea.
Bruder!  Hltst du so dein Versprechen?

Absyrtus.
Versprach ich zu fliehn so verzeihn mir die Gtter,
Nicht da ich's breche, da ich's gab das Wort!

(Zu den Seinen).

Weicht nicht!  Der Vater ist nah, er sendet uns Hilfe!

Jason (Medeen erblickend).
Bist du's Medea?  Unverhofftes Glck!
Komm hierher!

Medea (zu den Kolchern).
Schtzet mich!

Jason (die sich ihm entgegenstellenden Kolcher angreifend).
Ihr!  aus dem Wege!
Eu'r Eisen hlt nicht ab, zieht an den Blitzstrahl.

(Die Kolcher werden zurckgedrngt, die Griechen verfolgen sie.)

Jason.
Die Deinen fliehn.  Du bist in meiner Macht!

Medea.
Du lgst!  In der Gtter Macht, in meiner.
Verlt mich alles, ich selber nicht!

(Sie entreit einem fliehenden Kolcher die Waffen und dringt mit
vorgehaltenem Schild und gesenktem Speer auf Jason ein.)


Stirb oder tte!

Jason (indem er schonend zurckweicht).
Medea was tust du?

Medea (nher dringend).
Tte oder stirb!

Jason (mit einem Schwertstreich ihre Lanze zertrmmernd).
Genug des Spiels!

(Das Schwert in die linke Hand nehmend, in welcher er den Schild
hlt.)

Was nun?

Medea.
Treulose Gtter!

(Die abgebrochene Lanze samt dem Schild hinwerfend und einen Dolch
ziehend.)

Noch sind mir Waffen!

Jason (indem er Schild und Schwert von sich wirft und vor sie hintritt).
Tte mich wenn du kannst.

Medea (mit abgewandten Gesicht, den Dolch in der Hand).
Kraft!

Jason (weich).
Tte mich Medea, wenn du kannst!

Medea (steht erstarrt).

Jason.
Siehst du, du kannst's nicht, du vermagst es nicht!
Und nun zu mir!  Genug des Widerstrebens!
Und weigerst du's?  Versuch' es wenn du kannst.

(Sie rasch anfassend und auf seinem Arm in die Hhe haltend.)

So fass' ich dich, so halt' ich dich empor
Und trage dich durch unsrer Vlker Streit,
Durch Ha und Tod, durch Kampfes blut'ge Wogen.
Wer wagt's zu wehren?  Wer entreit dich mir?

Medea.
La mich!

Jason.
Nicht eher bis du gtig sprichst,
Nicht eher bis ein Wort, ein Wink, ein Laut
Verrt da du mir weichst, da du dich gibst.

(Zu ihr empor blickend und heftig schttelnd.)

Medea, dieses Zeichen!

Medea

(leise).
Jason!  la mich!

Jason.
"Jason!"--Da sprachst du meinen Namen aus,
Zum ersten Male aus!  O holder Klang!
"Jason!" wie ist der Name doch so schn
Seit du ihn sprachst mit deinen sen Lippen.
Hab' Dank Medea, hab' den besten Dank!

(Er hat sie auf den Boden niedergelassen.)

Medea, Jason; Jason und Medea
O schner Einklang!  Dnket dir's nicht auch?
Du zitterst!  Setz' dich hier!  Erhole dich!


(Er fhrt Medeen zu einer Rasenbank.  Sie folgt ihm und sitzt mit
vorhngendem Leibe, die Augen vor sich starr auf dem Boden, die
Hnde, in denen noch der Dolch, gefaltet im Schoe.)

Jason (steht vor ihr).
Noch immer stumm, noch immer trb und dster?
O zage nicht; du bist in Freundes Hand.
Zwar geb' ich leicht dem Vater dich nicht wieder,
Ein teures Unterpfand ist mir sein Kind;
Doch soll dir's drum bei mir nicht schlimm ergehn,
Nicht schlimmer wenigstens als mir bei dir.
Wenn ich so vor dir steh' und dich betrachte,
Beschleicht mich ein fast wunderbar Gefhl.
Als htt' des Lebens Grenz' ich berschritten
Und stnd' auf einem unbekannten Stern,
Wo anders die Gesetze alles Seins und Handelns,
Wo ohne Ursach' was geschieht und ohne Folge,
Da seiend weil es ist.
Dahergekommen durch ein wildes Meer,
Aus Lndern, so entfernt, so abgelegen,
Da (Wnsche) kaum vorher die Reise wagten,
Auf Kampf und Streit gestellt, lang' ich hier an,
Und sehe dich und bin mit dir bekannt.
Wie eine Heimat fast dnkt mir dies fremde Land,
Und, abenteuerlich ich selbst, schau' ich
Verwundrungslos, als knnt' es so nur sein,
Die Abenteuer dieses Wunderbodens.
Und wieder, ist das Fremde mir bekannt,
So wird dafr mir, was bekannt, ein Fremdes.
Ich selber bin mir (Gegenstand) geworden,
Ein andrer denkt in mir, ein andrer handelt.
Oft sinn' ich meinen eignen Worten nach,
Wie eines Dritten, was damit gemeint,
Und kommt's zur Tat, denk' ich wohl bei mir selber,
Mich soll's doch wundern, was er tun wird und was nicht.
Ein einz'ges ist mir licht und das bist du,
Ja du Medea, scheint's auch noch so fremd.
Ich ein Hellene, du Barbarenbluts,
Ich frei und offen, du voll Zaubertrug,
Ich Kolchis' Feind, du seines Knigs Kind
Und doch Medea, ach und dennoch, dennoch!
Es ist ein schner Glaub' in meinem Land,
Die Gtter htten doppelt einst geschaffen
Ein jeglich Wesen und sodann geteilt;
Da suche jede Hlfte nun die andre
Durch Meer und Land und wenn sie sich gefunden,
Vereinen sie die Seelen, mischen sie
Und sind nun eins!--Fhlst du ein halbes Herz
Ist's schmerzlich dir gespalten in der Brust,
So komm--doch nein da sitzt sie trb und dster,
Ein rauhes Nein auf meine milde Deutung,
Den Dolch noch immer in geschloner Hand.
O fort!

(Ihre Hand fassend und den Dolch entwendend.)

Lat los ihr Finger!  Bunte Krnze,
Geschmeid und Blumen ziemt euch zu berhren,
Nicht diesen Stahl, gemacht fr Mnnerhand.

Medea (aufspringend).
Fort!

Jason (sie zurckhaltend).
Bleib!

Medea.
Von hier!

Jason.
Bleib da, ich bitte dich!
Ich sage dir: bleib da!  Hrst du, du sollst!
Du sollst, beim Himmel, glt' es auch dein Leben!
Wagt es das Weib, dem Mann zu bieten Trotz?
Bleib!

(Er fat ihre Arme mit beiden Hnden.)

Medea.
La!

Jason.
Wenn du gehorchst, sonst nimmermehr!

(Er ringt mit der Widerstrebenden.)

Mich lstet deines Starrsinns Ma zu kennen!

Medea (in die Kniee sinkend).
Weh mir!

Jason.
Siehst du?  du hast es selbst gewollt.
Erkenne deinen Meister, deinen Herrn!

(Medea liegt auf einem Kniee am Boden, auf das andre sttzt sie den
Arm, das Gesicht mit der Hand bedeckend.)



Jason (hinzutretend).
Steh auf!--Du bist doch nicht verletzt?--Steh auf!
Hier sitz und ruh', (vermagst) du es zu ruhn!

(Er hebt sie vom Boden auf, sie sitzt auf der Rasenbank.)

Jason.
Umsonst versend' ich alle meine Pfeile
Rckprallend treffen sie die eigne Brust.
Wie hass' ich dieses Land, sein rauher Hauch
Vertrocknete die schnste Himmelsblume,
Die je im Garten blhte der Natur.
Wrst du in Griechenland, da wo das Leben
Im hellen Sonnenglanze heiter spielt,
Wo jedes Auge lchelt wie der Himmel,
Wo jedes Wort ein Freundesgru, der Blick
Ein wahrer Bote wahren Fhlens ist,
Kein Ha als gegen Trug und Arglist, kein--
Und doch, was sprech ich?  Sieh, ich wei es wohl
Du bist nicht was du scheinen willst, Medea,
Umsonst verbirgst du dich, ich kenne dich!
Ein wahres, warmes Herz trgst du im Busen,
Die Wolken hier, sie decken eine Sonne.
Als du mich rettetest, als dich mein Ku--
Erschrickst du?--Sich mich an!--Als dich mein Ku!--
Ja deine Lippen hat mein Mund berhrt,
Eh ich dich kannt', eh ich dich fast gesehn
Nahm ich mir schon der Liebe hchste Gabe;
Da fhlt' ich (Leben) mir entgegen wallen
Und du gibst trgerisch dich nun fr (Stein)!
Ein wahres, warmes Herz schlgt dir im Busen
Du (liebst) Medea!

(Medea will aufspringen.)

Jason (sie niederziehend).
Bleib!--du liebst Medea!
Ich seh's am Sturmeswogen deiner Brust
Ich seh's an deiner Wangen Flammenglut
Ich fhl's an deines Atems heiem Wehn,
An diesem Beben fhl' ich es--du liebst,
Liebst (mich)!  (Mich) wie ich (dich)!--ja wie ich (dich)!

(Er kniet vor ihr.)

Schlag deine Augen auf und leugne wenn du's kannst!
Blick' mich an und sag' nein!--du liebst Medea!

(Erfat ihre beiden Hnde und wendet die sich Strubende gegen sich,
ihr fest ins Gesicht blickend.)

Jason.
Du weinst!  Umsonst, ich kenne Mitleid nicht
Mir Aug ins Aug, und sage: nein!--du liebst!
Ich liebe dich, du mich!  Sprich's aus Medea!

(Er hat sie ganz gegen sich gewendet.  Ihr Auge trifft das seinige.
Sie schaut ihm mit einem tiefen Blick ins Auge.)

Jason.
Dein Auge hat's gesagt, nun auch der Mund!
Sprich's aus Medea, sprich es aus: ich liebe!
Fllt dir's so schwer ich will dich's lehren, Kind.
Sprich's nach: ich liebe dich!

(Er zieht sie an sich; sie verbirgt dem Zuge folgend das Gesicht in
seinen Haaren.)

--Und noch kein Wort!
Kein Wort, obschon ich sehe, wie der Sturm
An deines Innern festen Sulen rttelt.
Und doch kein Wort!

(Aufspringend.)

So hab' es Strrische!
Geh!  Du bist frei, ich halte dich nicht mehr!
Kehr' wieder zu den Deinigen zurck,
Zu ihren Menschenopfern, Todesmahlen,
In deine Wildnis, Wilde kehr' zurck,
Geh!  Du bist frei; ich halte dich nicht mehr!

Aietes (von innen).
Hierher, Kolcher, hierher!

Jason.
Dein Vater naht.
Sei froh, ich weigre dich ihm nicht.
Argonauten (kommen weichend.
Hinter ihnen) Aietes, Absyrtus (und) Kolcher(, die sie verfolgen.)

Aietes (auftretend).
Braucht eure Waffen, wackre Genossen!
Wo ist mein Kind?

Absyrtus.
Dort Vater sitzt sie.

Aietes (zu Jason).
Verruchter Ruber, mein Kind gib mir zurck!

Jason.
Wenn du mich bittest, nicht wenn du mir drohst.
Dort ist dein Kind.  Nimm sie und fhr' sie heim.
Nicht weil Du willst, weil sie will und weil ich will.

(Zu Medeen hintretend und sie anfassend.)

Steh auf Medea!  Komm!  Hier ist dein Vater!
Du sehntest dich nach ihm; hier ist er nun.
Verhten es die Gtter, da ich hier
Zurck dich hielte wider deinen Willen.
Was zitterst du?  du hast es selbst gewollt.

(Er fhrt die Wankende zu ihrem Vater und gibt sie ihm in die Arme.)

Hier Vater ist dein Kind.

Aietes (Medeen empfangend, die das Gesicht auf seiner Schulter verbirgt).
Medea!

Absyrtus.
Schwester!

Jason.
Nun Knig, rste dich zum Todeskampf!
Die Bande, die mich hielten sind gesprengt,
Zerronnen ist der schmeichelhafte Wahn,
Der mir der Tatkraft Sehnen abgespannt.
Mit ihr, die jetzo ruht in deinem Arm,
Legt' ich den Frieden ab und atme Krieg.
Auf, rste dich, es gilt dein Heil und Leben!

(Zu Medeen.)

Du aber, die hier stumm und bebend liegt,
Das Angesicht so feindlich abgewandt,
Leb' wohl!  Wir scheiden jetzt auf immerdar.
Es war ein Augenblick, wo ich gewhnt,
Du knntest fhlen, knntest mehr als hassen,
Wo ich geglaubt, die Gtter htten uns
Gewiesen an einander, dich und mich.
Das ist nunmehr vorbei.  So fahre hin!
Du hast das Leben zweimal mir gerettet,
Das dank' ich dir und werd' es nie vergessen.
In ferner Heimat und nach langen Jahren
Will ich's erzhlen in dem Kreis der Freunde.
Und frgt man mich und forscht: wem gilt die Trne,
Die fremd dir da im Mnnerauge funkelt?
Dann sprech' ich wohl in schmerzlicher Erinnrung:
Medea hie sie; schn war sie und herrlich,
Allein ihr Busen barg kein Herz.

Aietes.
Medea
Was ist?  Feucht liegt dein Gesicht auf meiner Schulter.
Weinst du?

Jason.
Du weinst?  La mich die Trnen sehn,
O la mich's glauben, da du weinen kannst.
Blick' noch einmal nach mir, es ist das letztemal;
Ich will den Blick mittragen in die Ferne.
Denk' doch, es ist zum letzten- letztenmal.

(Er fat ihre herabhngende Hand.)

Aietes.
Wagst du's, zu berhren ihre Hand?

Jason (indem er ihre Hand fahren lt).
Sie will nicht.  Nun wohlan, so sei es denn!
Du siehst mich nimmermehr auf dieser Erde.
Leb' wohl Medea, leb' auf ewig wohl!

(Er geht rasch.)

Medea (das Gesicht hinwendend und den Arm ihm nachstreckend).
Jason!

Jason (umkehrend).
Das war's!  Medea!  Komm zu mir!

(Auf sie zueilend und ihre Hand fassend.)

Zu mir!

Aietes (sie an der andern Hand haltend).
Verwegner, fort!

Jason (Aietes' Hand wegschleudernd und Medeen an sich reiend).
Wagst du's Barbar!
Sie ist mein Weib!

Aietes.
Sein Weib?--Du schweigst Verworfne?

Jason (Medeen auf die andere Seite fhrend).
Hierher Medea, fort von diesen Wilden.
Von nun an bist du mein und keines Andern!

Aietes.
Medea, du weigerst dich nicht?  du folgst ihm?
Stt ihm nicht den Stahl in die frevelnde Brust?
Verruchte, war's vielleicht dein eignes Werk?

(Auf Jason eindringend.)

Meine Tochter gib mir, mein verlocktes Kind!

Medea (sich zwischen beide werfend).
Vater, tt' ihn nicht!  Ich lieb' ihn!

Jason.
Er konnte dir's entreien und ich nicht!

Aietes.
Schamlose!  Du selbst gestehst's?  Gestehst deine Schande?
O, da ich nicht merkte die plumpe List,
Da ich selbst sie sandte in seinen Arm,
Vertrauend der Vter Blut in ihren Adern!

Jason.
Darfst du sie schmhen?

Medea.
Hre mich Vater!
Es ist geschehn was ich frchtete.  Es ist.
Aber la uns klar sein, Vater, klar!
In schwarzen Wirbeln dreht sich's um mich
Aber ich will hindurch, empor aus Dunkel und Nacht.
Noch lt sich's wenden, ab sich wenden.  Hre mich!

Aietes.
Was soll ich hren?  Ich habe gesehn!

Medea.
Vater!  Vernicht' uns nicht alle.
Lse den Zauber, beschwichtige den Sturm!
Hei ihn dableiben, den Fhrer der Fremden,
Nimm ihn auf, nimm ihn an!
An deiner Seite herrsch' er in Kolchis,
Dir befreundet, dein Sohn!

Aietes.
Mein Sohn?  Mein Feind.
Tod ihm, und dir, wenn du nicht folgst!
Willst du mit mir?  Sprich!  Willst du oder nicht?

Medea.
Hre mich.

Aietes.
Willst du, oder nicht?

Absyrtus.
Gnn' ihr zu sprechen, Vater!

Aietes.
Ja oder nein?
La mich Sohn!--Willst du?--Sie kommt nicht.--Schlange!

(Er holt mit dem Schwert aus.)

Jason (sich vor sie hinstellend).
Du sollst sie nicht verletzen!

Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend).
Vater, was tust du?

Aietes.
Du hast recht.  Nicht sterben soll sie, leben;
Leben in Schmach und Schande; verstoen, verflucht,
Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Gtter!

Medea.
Vater!

Aietes.
Du hast mich betrogen, verraten.
Bleib!  Nicht mehr betreten sollst du mein Haus.
Ausgestoen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis,
Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein.
Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat,
Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach;
Leb' im fremden Land, eine Fremde,
Verspottet, verachtet, verhhnt, verlacht;
Er selbst, fr den du hingibst Vater und Vaterland
Wird dich verachten, wird dich verspotten,
Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier;
Dann wirst du stehn und die Hnde ringen,
Sie hinberbreiten nach dem Vaterland,
Getrennt durch weite, brandende Meere,
Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!

Medea (knieend).
Vater!

Aietes.
Zurck!  Ich kenne dich nicht!
Komm, mein Sohn!  Ihr Anblick verpestet,
Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr.
Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte!
Sieh ihn dort, ihn, den du gewhlt;
Ihm bergeb' ich dich;
Er wird mich rchen, er wird dich strafen,
Er selber, frher als du denkst.

Medea.
Vater!

Aietes

(indem er die Knieende von sich stt, da sie halbliegend
zurcksinkt).
Weg deine Hand, ich kenne dich nicht!
Fort mein Sohn, mein einziges Kind!
Fort mein Sohn aus ihrer Nhe!

(Ab mit Absyrtus und Kolchern.)

Jason.
Flieh nur Barbar, der Rach' entgehst du nicht!

(Zu den Argonauten.)

Nun Freunde gilt's; die Waffen haltet fertig
Zum letzten Streich, der Sieg bringt oder Tod.

(Auf Medeen zeigend.)

Sie kennt das Vlie, den Ort, der es verbirgt,
Mit ihr vollbringen wir's und dann zu Schiff.

(Zu Medeen hintretend, die noch auf eine Hand gesttzt, die andre
ber die Stirne gelegt am Boden liegt.)

Steh auf Medea, er ist fort.--Steh auf!

(Er hebt sie auf.)

Hier bist du sicher.

Medea (die sich in seinen Armen aufgerichtet hat, aber mit einem Kniee
noch am Boden liegt).
Jason, sprach er wahr?

Jason (sie ganz aufhebend).
Denk' nicht daran!

Medea (scheu an ihn geschmiegt).
O Jason, sprach er wahr?

Jason.
Vergi was du gehrt, was du gesehn,
Was du gewesen bist auf diese Stunde.
Aietes' Kind ist Jasons Weib geworden,
An dieser Brust hngt deine Pflicht, dein Recht.
Und wie ich diesen Schleier von dir reie,
Durchwoben mit der Unterird'schen Zeichen,
So rei' ich dich von all den Banden los,
Die dich geknpft an dieses Landes Frevel.
Hier Griechen eine Griechin!  Gret sie!

(Er reit ihr den Schleier ab.)

Medea (darnach fassend).
Der Gtter Schmuck!

Jason.
Der Unterird'schen!  Fort!
Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn;
So frei und offen bist du Jasons Braut.  Nun nur noch eins und dann
zu Schiff und fort.
Das Vlie, du kennst's, zeig' an mir, wo es liegt!

Medea.
Ha schweig!

Jason.
Warum?

Medea.
Sprich nicht davon!

Jason.
Mein Wort hab' ich gegeben, es zu holen
Und ohne Siegespreis kehrt Jason nicht zurck.

Medea.
Ich sage dir, sprich nicht davon!
Ein erzrnter Gott hat es gesendet,
Unheil bringt es, (hat) es gebracht!
Ich bin dein Weib!  Du hast mir's entrissen,
Aus der Brust gerissen das zagende Wort,
Ich bin dein, fhre mich wohin du willst
Aber kein Wort mehr von jenem Vlie!
In vorahnender Trume dmmerndem Licht
Haben mir's die Gtter gezeigt
Gebreitet ber Leichen,
Besprtzt mit Blut,
Meinem Blut!
Sprich nicht davon!

Jason.
Ich aber mu, nicht sprechen nur davon,
Ich mu es holen, folge was da wolle.
Drum la die Furcht und fhr' mich hin zur Stelle
Da ich vollende, was mir auferlegt.

Medea.
Ich?  Nimmermehr!

Jason.
Du willst nicht?

Medea.
Nein!

Jason.
Und weigerst du mir Beistand, hol' ich's selbst.

Medea.
So geh!

Jason (sich zum Fortgehen wendend.)
Ich gehe.

Medea (dumpf).
Geh--in deinen Tod!

Jason.
Kommt Freunde, lat den Ort uns selbst erkunden!

(Er geht.)

Medea.
Jason!

Jason (wendet sich um).
Was ist?

Medea.
Du gehst in deinen Tod!

Jason.
Kam ich hierher und frchtete den Tod?

Medea (auf ihn zueilend und seine Hand fassend).
Ich sage dir, du stirbst.

(Halblaut.)

In der Hhle liegt's verwahrt,
Verteidigt von allen Greueln
Der List und der Gewalt.
Labyrinthische Gnge,
Sinnverwirrend,
Abgrnde, trgerisch bedeckt,
Dolche unterm Futritt,
Tod im Einhauch,
Mord in tausendfacher Gestalt,
Und das Vlie, am Baum hngt's,
Giftbestrichen,
Von der Schlange gehtet,
Die nicht schlft,
Die nicht schont,
Unnahbar.

Jason.
Ich hab' mein Wort gegeben und ich ls' es.

Medea.
Du gehst?

Jason.
Ich geh'!

Medea

(sich ihm in den Weg werfend).
Und wenn ich hin mich werfe
Flehend deine Kniee umfass' und rufe:
Bleib!  bleib!

Jason.
Nichts hlt mich ab!

Medea.
O Vater, Vater!
Wo bist du?  Nimm mich mit!

Jason.
Was klagst du?
Wohl eher wr' das Recht zu klagen mir.
Ich tue was ich mu, du hast zu whlen.
Du weigerst dich und so geh' ich allein.

(Er geht.)

Medea.
Du gehst?

Jason.
Ich geh'!

Medea.
Trotz allem was ich bat,
Doch gehst du?

Jason.
Ja!

Medea (aufspringend).
So komm!

Jason.
Wohin?

Medea.
Zum Vlie,
Zum Tod!--Du sollst (allein) nicht sterben,
Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben!

Jason (sich ihr nhernd).
Medea!

Medea (ausweichend).
Die Liebkosung la
Ich habe sie erkannt!--O Vater!  Vater!
So komm, la uns holen was du suchst;
Reichtum, Ehre,
Fluch, Tod!
In der Hhle liegt's verwahrt
Weh dir, wenn sich's offenbart!
Komm!

Jason (ihre Hand fassend).
Was qult dich?

Medea (indem sie ihre Hand aufschreiend wegzieht).
Ah!--Phryxus!--Jason!

Jason.
Um aller Gtter willen!

Medea.
Komm!  Komm!

(Huscht fort mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend.
Die andern folgen.)

(Der Vorhang fllt.)




Vierter Aufzug

(Das Innere einer Hhle.  Kurzes Theater.  Im Vorgrunde rechts das
Ende einer von oben herabfhrenden Treppe.  In der Felsenwand des
Hintergrunds ein groes, verschlossenes Tor.)


Medea (steigt, in der einen Hand einen Becher in der andern eine Fackel
die Treppe herab).
Komm nur herab!  Wir sind am Ziel!

Jason (oben, noch hinter der Szene).
Hierher das Licht!

Medea (die Stiege hinaufleuchtend).
Was ist?

Jason (mit gezogenem Schwerte auftretend und die Stiege eilig
herabsteigend).
Es strich an mir vorbei!  Halt!  Dort!

Medea.
Was?

Jason.
An der Pforte steht's den Eingang wehrend.

Medea (hinleuchtend).
Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang,
Wenn du nicht selbst.

(Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am
Treppengelnder.)

Jason.
Du bist so ruhig.

Medea.
Und du bist's nicht!

Jason.
Als es noch nicht begonnen
Als ich's nur wollte, bebtest du, und nun--

Medea.
Mir graut, da du es willst, nicht da du's tust.
Bei dir ist's umgekehrt.

Jason.
Mein Aug ist feig,
Mein Herz ist mutig.--Rasch ans Werk!--Medea!

Medea.
Was starrst du ngstlich?

Jason.
Bleicher Schatten, weiche!
La frei die Pforte, du hltst mich nicht ab.

(Auf die Pforte zugehend.)

Ich geh' trotz dir, durch dich zum Ziel--nun ist er fort!
Wie ffnet man das Tor?

Medea.
Ein Schwerthieb an die Platte
Dort in der Mitte ffnet es.

Jason.
Gut denn!
Du wartest meiner hier.

Medea.
Jason!

Jason.
Was noch?

Medea (weich und schmeichelnd).
Geh nicht!

Jason.
Du reizest mich!

Medea.
Geh nicht o Jason!

Jason.
Hartnckige kann nichts dich denn bewegen,
Zu opfern meinem Entschlu deinen Wahn?

Medea.
Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt.

Jason.
Genug nunmehr, ich will!

Medea.
Du willst?

Jason.
Ich will.

Medea.
Und nichts vermag dagegen all mein Flehn?

Jason.
Und nichts vermag dagegen all dein Flehn.

Medea.
Und auch mein Tod nichts?

(Sie entreit ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.)

Sieh!  dein eignes Schwert
Gekehrt ist's gegen meine Brust.  Ein Schritt noch weiter
Und vor dir liegt Medea kalt und tot.

Jason.
Mein Schwert!

Medea.
Zurck!  Du ziehst's aus meiner Brust!
Kehrst du zurck?

Jason.
Nein!

Medea.
Und wenn ich mich tte?

Jason.
Beweinen kann ich dich, rckkehren nicht.
Mein Hchstes fr mein Wort und wr's dein Leben!

(Auf sie zugehend.)

Gib Raum, Weib, und mein Schwert!

Medea (indem sie ihm das Schwert gibt).
So nimm es hin
Aus meiner Hand, du ser Brutigam!
Und tte dich und mich!--Ich halte dich nicht mehr!

Jason (auf die Pforte zugehend).
Wohlan!

Medea.
Halt!  Eins noch!  Willst du jetzt schon sterben?
Das Vlie, am heiligen Baum
Ein Drache htet's, grimm,
Unverwundbar seine Schuppenhaut,
Alldurchdringend sein Eisenzahn,
Du besiegst ihn nicht.

Jason.
Ich ihn, oder er mich.

Medea.
Grausamer, Unmenschlicher!
Oder er dich!  und du gehst?

Jason.
Wozu die Worte?

Medea.
Halt!
Den Becher hier nimm!
Vom Honig des Berges
Dem Tau der Nacht,
Und der Milch der Wlfin
Brauset drin gegoren ein Trank.
Setz' ihn hin wenn du eintrittst,
In der Ferne stehend.
Und der Drache wird kommen,
Nahrung suchend,
Zu schlrfen den Trank.
Dann tritt hin zum Baume
Und nimm das Vlie--Nein, nimm's nicht,
Nimm's nicht und bleib!

Jason.
Trin!  Her den Trank!  Gib!

(Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.)

Medea (um seinen Hals fallend).
Jason!--So kss' ich dich und so, und so, und so!
Geh in dein Grab und la auch Raum fr mich!
Bleib!

Jason.
La mich Weib!  Mir schallt ein hhrer Ruf!

(Gegen die Pforte zugehend.)

Und brgest du des Tartarus Entsetzen,
Ich steh' dir!

(Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.)

Tut euch auf, ihr Pforten!--Ah!

(Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmlere Hhle,
seltsam beleuchtet.  Im Hintergrunde ein Baum.  An ihm hngt
hellglnzend das goldene Vlie.  Um Baum und Vlie windet sich eine
ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem
Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und zngelnd vor sich hin
blickt.)

(Jason fhrt aufschreiend zurck und kommt wieder in den Vorgrund.)



Medea (wild lachend).
Bebst du?  Schauert dir das Gebein?
Hast's ja gewollt, warum gehst du nicht?
Starker, Khner, Gewaltiger!
Nur gegen mich hast du Mut?
Bebst vor der Schlange?  Schlange!
Die mich umwunden, die mich umstrickt,
Die mich verderbt, die mich gettet!
Blick' hin, blick's an das Scheusal
Und geh und stirb!

Jason.
Haltet aus meine Sinne, haltet aus!
Was bebst du Herz?  Was ist's mehr als sterben?

Medea.
Sterben?  Sterben?  Es gilt den Tod!
Geh hin mein ser Brutigam,
Wie zngelt deine Braut!

Jason.
Von mir weg, Weib, in deiner Raserei!
Mein Geist geht unter in des deinen Wogen!

(Gegen das Tor zu.)

Blick' nur nach mir; du findest deinen Mann!
Und wrst du zehnmal scheulicher, hier bin ich!

(Er geht drauf los.)

Medea.
Jason!

Jason.
Hinein!

Medea.
Jason!

Jason.
Hinein!

(Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.)

Medea (schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstrzend).
Er geht!  Er stirbt.

Jason (von innen).
Wer schlo die Pforte zu?

Medea.
Ich nicht!

Jason.
Mach' auf!

Medea.
Ich kann nicht.--Um aller Gtter willen!
Setz' hin die Schale, zaudre nicht!
Du bist verloren wenn du zauderst.
--Jason!--Hrst du mich?--Setz' hin die Schale!--
Er hrt mich nicht!--Er ist am Werk!
Am Werk!--Hilfe, Ihr dort oben!
Schaut herab auf uns, ihr Gtter!
Doch nein, nein, schaut nicht herab
Auf die schuldige Tochter,
Der Schuldigen Gemahl;
Ich schenk' euch die Hilfe, ihr mir die Rache!
Kein Gtteraug seh' es,
Dunkel hlle die Nacht
Unser Tun und uns!
Jason lebst du?--Antwort gib!
Gib Antwort!--Alles stumm
Alles tot!--Ha?--Er ist tot!
Er spricht nicht, ist tot.--tot.

(Sie sinkt an der Tre nieder.)

Liegst du mein Brutigam?  La Raum,
Raum fr die Braut!

Jason (inwendig, schreckhaft).
Ah!

Medea (aufspringend).
Das war seiner Stimme Klang!  Er lebt!
Ist in Gefahr!  Zu ihm!  Auf, Pforte, auf!
Whnst du zu widerstehn?  Ich spotte dein!
Auf!

(Sie reit mit einem Zuge gewaltsam beide Torflgel auf.)

Jason (strzt wankend heraus, das Vlie als Banner auf einer Lanze
tragend.)

Medea.
Lebst du?

Jason.
Leben?--Leben?--Ja!--Zu!  zu da!

(Er schliet ngstlich die Pforte zu.)

Medea.
Und hast das Vlie?

Jason (es weit von sich weghaltend).
Berhr's nicht!  Feuer!  Feuer!

(Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.)

Sieh hier die Hand--wie ich's berhrt--verbrannt!

Medea (seine Hand nehmend).
Das ist ja Blut!

Jason.
Blut?

Medea.
Auch am Haupte Blut.
Hast dich verletzt?

Jason.
Wei ich's?--Nun komm!  Nun komm!

Medea.
Hast du's vollfhrt, wie ich's gesagt?

Jason.
Ja wohl.
Die Schale stellt' ich hin, mich selber seitwrts
Und harrte schnaufend.  Rufen hrt' ich, doch
Nicht zu erwidern wagt' ich vor dem Tier.
Das hob sich blinkend auf und, und schon whnt' ich
Auf mich hin schieb' es rauschend seine Ringe;
Allein der Trank war's, den das Untier suchte,
Und weit gestreckt in durstig langen Zgen
Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank.
Bald, trunken oder tot lag's unbeweglich.
Ich rasch hervor vom marternden Versteck,
Zum Baum hin und das Vlie--hier ist's--Nun fort!

Medea.
So komm, und schnell!

Jason.
Als ich's vom Baume holte,
Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Bltter
Und hinter mir riefs: Wehe!
Ha?--Wer ruft?

Medea.
Du selbst!

Jason.
Ich?

Medea.
Komm!

Jason.
Wohin?

Medea.
Fort!

Jason.
Fort, ja fort!
Geh du voran, ich folge mit dem Vlie
Geh nur!  Geh, zaudre nicht!  Voraus!  Voran!

(Beide ab, die Treppe hinauf.)

(Freier Platz vor der Hhle.  Im Hintergrunde die Aussicht aufs
Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hgel
verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile
sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.)
Milo, Argonauten, (teils mit Arbeiten des Einschiffens beschftigt,
teils als Wachen und ruhend gruppiert.)

Milo.
Das Schiff ist hergezogen.  Gut.  Doch hrt!
Nicht Anker ausgeworfen!  Hrt ihr?  (Nicht)!
Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen
Und ob's zum lichten Zeit dann, wei ich nicht.

(Auf und ab gehend.)

Er kommt noch immer nicht.  Da er ihr traute!
Ich hab' ihn wohl gewarnt.  Doch hrt er Warnung?
Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede
Und tat auch was ihm riet mein treuer Mund
So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann.
Doch hier ist er verwandelt ganz und gar
Verwandelt gleich--uns allen, sagt' ich schier,
Vom gift'gen Anhauch dieses Zauberbodens.
O dieses Weib!  Mir graut denk' ich an sie.
Wie sie so dastand mit den dunkeln Brauen
Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn,
Das Augenlid gesenkt, im dstern Sinnen:
Nun hob sich's und wie Wetterleuchten fuhr
Der Blick hervor und fat' und schlug und traf.--
Ihn traf er!--Nu die Gtter mgen's wenden.  Was bringen dort die
Beiden.  Griechen sind's.
Ein Weib!  Gebunden!  Memmen ihr!--Holla!

Zwei Griechen (treten auf,)
Gora (mit gebundenen Hnden in ihrer Mitte.)

Milo.
Was ist?  Was bindet ihr das Weib!--Gleich lst sie!

Soldat.
Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr
Und fragte nach--nu nach der Kolcherin
Die heut wir fingen.

Gora.
Kolcherin?
Ha Sklav', Medea ist's,
Des Kolcherfrsten Tochter.
Wo habt ihr sie?

Soldat.
Wir wollten sie nicht lassen, da sie nicht
Dem Feinde Kundschaft gb' von unsrer Lagrung
Allein sie wehrt' es und fast mnnlich, Herr.
Da banden wir sie, weil sie sich nicht fgte,
Und bringen sie euch her!

Milo.
Lst ihre Bande!

(Es geschieht.)

Gora.
Wo ist Medea?  Wo ist mein Kind?

Milo.
Dein Kind?

Gora.
Ich hab' sie gesugt gepflegt.
Als eine Mutter mein Kind.  Wo habt ihr sie?
Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben
Bei euch in eures Lagers Umfang;
Aber 's ist Lge, ich kenne Medea
Ich kenne mein Kind.
Gefangen haltet ihr sie zurck.
Gebt sie heraus!  Wo ist sie?

Milo.
Ganz gut kommst als Genossin du fr sie
Leicht fnde sie sich einsam unter Menschen.
Bringt sie ins Schiff!

Gora.
So weilt sie dort?

Milo.
Geh nur!
Zu bald wirst du sie noch erblicken!--Geh!

Gora (die abgefhrt wird).
Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich tuscht.

(Ab.)

Milo

(ihr nachschauend).
Ha!  bringen wir die wilden Tiere alle
Nach Griechenland, ich sorge, man erdrckt uns,
Die Seltenheit zu sehn!--Und Er kommt nicht!

(Man hrt dumpfe Schlge unter der Erde.)

Was ist das?--Horch!--Speit auch der Boden Wunder?
Versucht's der Feind?--

(Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.)

Holla!  zur Hand!

(Die Krieger greifen nach ihren Waffen.)

Milo.
Die Erde hebt sich!--Was geschieht noch alles?
(Eine Falltre ffnet sich am Boden.) Medea (steigt herauf.)

Medea.
Hier ist der Tag.

(Nachdem sie ganz heroben ist.)

Und hier die Deinen.
Ich hielt was ich versprach.
Jason (mit dem Vlie-Banner steigt auch herauf.
Medea lt die Falltre nieder.)

Milo

(auf ihn zueilend und seine Hand nehmend).
Du bist es Jason!
Du!

Jason (der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend).
Jason!--Wo?--Ja so!  Ja, ja!

(Ihm die linke Hand reichend.  In der rechten hlt er das Banner.)

Freund Milo!

Milo (im Vortreten).
Und mit dem Vlie?

Jason (schreckhaft sich umsehend).
Ha!--Mit dem Vlie!--

(Es hinhaltend.)

Hier ist's!

(Sich noch einmal umsehend.)

Ein widerlicher Mantel dort, der graue
Und drein gehllt der Mann bis an die Zhne.

(Auf ihn zugehend.)

Borg' mir den Mantel, Freund!

(Der Soldat gibt den Mantel.)

Ich kenne dich
Du bist Archytas aus Korinth.  Ja, ja
Ein lust'ger Kauz, ein (Geist) mit Fleisch und Blut!

(Ihn an der Schulter anfassend.)

Mit Fleisch und Blut!

(Widerlich lachend.)

Ha!  ha!--Ich dank' dir Freund!

Milo.
Wie sonderbar--

Jason

(den Mantel um das Vlie hllend).
Wir wollen das verhllen,
So--und hier aufbewahren bis wir's brauchen.

(Er legt das Vlie hinter ein Felsenstck, auf das sich Medea
sinnend gesetzt hat.)

Was sinnest du Medea, sinnest jetzt?
La uns die berlegung aufbewahren
Als Zeitvertreib auf langer berfahrt.
Komm her mein Weib, mir angetraut
Bei Schlangenzischen unterm Todestor.

Milo (sich zu Medea wendend).
Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl.
Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend
Ward eingebracht--

Medea.
Gora.--Zu ihr!

Jason (rauh).
Bleib da!

(Medea erschrocken die Hnde auf Brust und Stirn legend, bleibt
stehen.)

Jason (milder).
Ich bitte dich bleib da!

(Indem er sie zurckfhrt.)

Geh nicht Medea!

(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.)

Entwhne dich vom Umgang jener Wilden
Dafr an unseren gewhne dich!
Wir sind jetzt Eins, wir mssen einig denken.

Milo.
Kommt jetzt zu Schiff!

Jason.
Ja, ja!  Komm mit Medea!
Wie lau die Feinde sind!  Ich htte Lust
Zu fechten, fechten.  Doch sie schlafen scheint es!

Absyrtus

(hinter der Szene).
Hierher!

Milo.
Sie schlafen nicht.

Jason.
So besser!  Schliet euch!
Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurck.
Wir wollen unser Angedenken ihnen
Zum Abschied noch erneun auf immerdar.

(Er rafft das verhllte Vlie auf.)

Medea, in den Kreis und zittre nicht!
Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.)

Absyrtus.
Hier ist sie!  Komm zu mir!  Medea!  Schwester!

Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkrlich einige
Schritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend).
Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!

Jason.
Was weilst du dort?  Tritt wieder her zu uns!

Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend).
So wr' es wahr denn, was sie alle sagen
Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt.
Du wolltest ziehen mit den fremden Mnnern?
Verlassen unsre Heimat, unsern Herd
Den Vater und mich Medea
Mich, der dich so liebt, du arme Schwester!

Medea (an seinen Hals strzend).
O Bruder!  Bruder!

(Mit trnenerstickter Stimme.)

O mein Bruder!

Absyrtus.
Nein es ist nicht wahr!--Du weinst!
Ich mu auch weinen.  Doch was tut's?
Ich schme mich der Trnen nicht Genossen
Im  K a m p f  will ich zeigen, was ich wert.
Weine nicht Schwester, komm mit mir!

Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich).
O knnt' ich gehn mit dir!

Jason (hinzutretend).
Du willst mit ihm?

Medea (furchtsam).
Ich?

Jason.
Du sagtest's!

Medea.
Sagt' ich etwas Bruder?
Nein, ich sagte nichts!

Absyrtus.
Wohl sagtest du's, und komm, o komm,
Ich fhre dich zum Vater, er verzeiht!
Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht;
Gewi verzeiht er, noch ist nichts geschehn,
Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vlie.

Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreiend).
Nicht?

(Schaudernd.)

Sie haben's!

Jason (indem er die Hlle von dem Vlie reit und es
hochgeschwungen vorzeigt).
Hier!

Absyrtus.
Das Vlie!

(Zu Medeen.)

So hast du uns denn doch verraten
Geh hin in Unheil denn und in Verderben!

(Zu Jason.)

Behalt sie, doch das Vlie gib mir heraus!

Jason.
Du schwrmst mein junger Fant!  Mach' dich von hinnen,
Und sag' dem Vater was du hier gesehn.
Nehm' ich die Tochter, schenk' ich ihm den Sohn!

Absyrtus.
Das Vlie!

Jason.
Ich will dein Blut nicht.  Schweig und geh!
Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kmpfen,
Mit Toren nicht wie Du: Geh sag' ich geh!

Absyrtus (eindringend).
Das Vlie.

Jason (ausweichend).
Mir zu begegnen ist gefhrlich,
Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu.

Absyrtus.
Das Vlie!

Jason.
So hab's!

(Er haut, ber die linke Schulter ausholend mit einem grimmigen
Seitenhieb auf Absyrtus, da Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd
entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd
niederstrzt.)

Medea

(bei dem Fallenden auf die Kniee strzend und sein Haupt in ihrem
Scho verbergend).
Halt ein!

Jason.
Ich tt' ihn nicht!
Allein gehorchen mu er, (mu--gehorchen)!

Medea (Absyrtus aufrichtend).
Steh auf!

(Er ist aufgestanden und lehnt sich betubt an ihre Brust.)

Medea.
Bist du verletzt?

Absyrtus (matt).
Es schmerzt!--Die Stirn!

Medea (ihre Lippen auf seine Stirne pressend).
Mein Bruder!

Milo

(der frher sphend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurck).
Auf!  Die Feinde nahen!  Auf!
In groer Zahl, der Knig an der Spitze!

Medea (ihren Bruder fester an sich drckend).
Mein Vater!

Absyrtus (matt).
Unser Vater!

Jason (zu den Beiden).
Ihr, zurck!

Milo (auf Absyrtus zeigend).
Der Sohn sei Geisel gegen seinen Vater
Bringt ihn dort auf die Hh' zum Schiff hinauf!

Absyrtus (matt die ihn Anfassenden abwehren wollend).
Berhrt ihr mich?

Medea.
O la uns gehn, mein Bruder!

(Sie werden auf die Hhe gebracht.)

Jason.
Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf.
Aietes (kommt mit bewaffneten) Kolchern.

Aietes (hereinstrzend).
Haltet ein!  Meine Kinder!  Mein Sohn!

Absyrtus (oben am Hgel sich loszumachen strebend).
Mein Vater!

Jason (den Hgel hinauf rufend).
Haltet ihn!

(Zu Aietes.)

Er bleibt bei mir,
Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich.
Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgt
So strzt dein Sohn hinab ins Wellengrab!
Erst wenn erreicht ist Kolchis' letzte Spitze,
Setz' ich ihn aus und send' ihn her zu dir.
Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekmpfen!

Aietes.
Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen?

Absyrtus (fruchtlos sich loszuwinden strebend).
La mich!

Medea.
Mein Bruder!--Vater!

Jason.
Haltet ihn!

Aietes.
Komm, Sohn!

Jason.
Umsonst!

Aietes.
So komm' ich, Sohn, zu dir!
Mir nach ihr Kolcher, folget eurem Knig!

Jason.
Zurck!

Aietes (vordrngend).
Glaubst du, du schreckest mich?

Jason.
Zurck!
Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst.
Kein Haar wird ihm gekrmmt, ich schwr' es dir!
Bringt ihn an Bord!

Absyrtus (ringend).
Mich?  Nimmermehr!

Aietes.
Mein Sohn!

Absyrtus.
Fall sie an, befrei' den Sohn, o Vater!

Aietes.
Kann ich's?  sie tten dich, wenn ich's tue!

Absyrtus.
Lieber frei sterben, als leben gefangen
Fall' ich auch, wenn nur sie fallen mit!

Jason.
An Bord mit ihm!

Aietes.
Sohn komm!

Absyrtus (der sich losgerissen hat).
Ich komme Vater!
Frei bis zum Tod!  Im Tode rche mich!

(Er springt von der Klippe ins Meer.)

Medea.
Mein Bruder!  Nimm mich mit!

(Sie wird zurckgehalten und sinkt nieder.)

Aietes.
Mein Sohn!

Jason.
Er stirbt!
Die hohen Gtter ruf' ich an zu Zeugen
Da  d u  ihn hast gettet und nicht ich!

Aietes.
Mein Sohn!--Nun Rache!  Rache!

(Auf Jason eindringend.)

Stirb!

Jason.
La mich!
Soll ich dich tten?

Aietes.
Mrder stirb!

Jason.
Ich Mrder?
Mrder du selber!

(Das Vlie einem Nebenstehenden entreiend, dem er es frher zu
halten gegeben.)

Kennst du dies?

Aietes (schreiend zurcktaumelnd).
Das Vlie!

Jason

(es ihm vorhaltend).
Kennst du's?
Und kennst du auch das Blut, das daran klebt?
's ist Phryxus' Blut!--Dort deines Sohnes Blut!
Du Phryxus' Mrder, Mrder deines Sohns!

Aietes.
Verschling mich Erde!  Grber tut euch auf.

(Strzt zur Erde.)

Jason.
Zu spt, sie decken deinen Frevel nicht.
Als Werkzeug einer hheren Gewalt
Steh' ich vor dir.  Nicht zittre fr dein Leben,
Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spt,
Damit noch fernen Enkeln kund es werde,
Da sich der Frevel rcht auf dieser Erde.
Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet auf
Zurck ins Vaterland!

Aietes (an der Erde).
Weh mir weh
Legt mich ins Grab zu meinem Sohn!
(Indem die Kolcher sich um den Knig gruppieren und Jason mit den
Argonauten das Schiff besteigt fllt der Vorhang.)






Medea

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fnf Aufzgen


Personen:

Kreon, Knig von Korinth
Kreusa, seine Tochter
Jason
Medea
Gora, Medeens Amme
Ein Herold der Amphiktyonen
Ein Landmann
Diener und Dienerinnen
Medeens Kinder




Erster Aufzug

(Vor den Mauern von Korinth.  Links im Mittelgrunde ein Zelt
aufgeschlagen.  Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer
Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht.  Frher Morgen noch vor
Tages Anbruch.  Dunkel.)

(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der
Schaufel grabend und Erde auswerfend.  Medea auf der andern Seite,
vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche
sie mancherlei Gert whrend des Folgenden hineinlegt.)

Medea.
Bist du zu Ende?

Sklave.
Gleich, Gebieterin!

(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.)

Medea.
Zuerst den Schleier und den Stab der Gttin;
Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier.
Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei
Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes,
Es mu geschehn am offnen Strahl des Lichts.
Dann dies Gef: geheime Flammen birgt's,
Die den verzehren, der's unkundig ffnet;
Dies andere, gefllt mit ghem Tod;
Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nhe!
Noch manches Kraut, manch dunkel-krft'ger Stein,
Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.

(Aufstehend.)

So.  Ruhet hier vertrglich und auf immer!
Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.

(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und
sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschftigung abwartend,
gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer
Lanze befestigten, Verhlltem, das an einem Baume hinter Medeen
lehnt; die Hlle fllt auseinander, das Banner mit dem Vliese
leuchtet strahlend hervor.)

Sklave (das Banner anfassend).
Ist's dieses hier?

Medea.
Halt ein!  Enthll es nicht!--
La dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk!
Du Zeuge von der Meinen Untergang,
Besprtzt mit meines Vaters, Bruders Blut,
Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.

(Sie tritt mit dem Fue auf den Schaft, da er entzweibricht.)

So brech ich dich und senke dich hinab
In Scho der Nacht, dem druend du entstiegen.

(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gert in die Kiste
und schliet den Deckel.)

Gora (vortretend).
Was tust du hier?

Medea (umblickend).
Du siehst's.

Gora.
Vergraben willst du
Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab
Und noch dir geben kann?

Medea.
Der Schutz mir gab?
Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab,
Vergrab ich sie.  Ich bin geschtzt genug.

Gora.
Durch deines Gatten Liebe?

Medea (zum Sklaven).
Bist du fertig?

Sklave.
Gebiet'rin ja!

Medea.
So komm!

(Sie fat die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern,
und so tragen beide sie zur Grube.)

Gora (von ferne stehend).
O der Beschftigung
Fr eines Frsten frstlich hohe Tochter!

Medea.
Scheint's dir fr mich zu hart, was hilfst du nicht?

Gora.
Jasons Magd bin ich, nicht die deine;
Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Medea (zum Sklaven).
Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!

(Der Sklave lt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der
Schaufel Erde darber.  Medea kniet dabei.)

Gora (im Vorgrunde stehend).
O lat mich sterben, Gtter meines Landes,
Damit ich nicht mehr sehn mu was ich sehe!
Doch vorher schleudert euren Rachestrahl
Auf den Verrter, der uns dies getan!
Lat mich ihn sterben sehn, dann ttet mich!

Medea.
Es ist getan.  Nun stampf den Boden fest
Und geh!  Ich wei, du wahrest mein Geheimnis,
Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.

(Der Sklave geht.)

Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend).
Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!--
Hast du vollendet?

Medea (zu ihr tretend).
Ja.--Nun bin ich ruhig.

Gora.
Und auch das Vlies vergrubst du?

Medea.
Auch das Vlies.

Gora.
So liet ihr es in Jolkos nicht zurck
Bei deines Gatten Ohm?

Medea.
Du sahst es hier.

Gora.
Es blieb dir also und du vergrubst es
Und so ist's abgetan und aus!
Weggehaucht die Vergangenheit,
Alles Gegenwart, ohne Zukunft.
Kein Kolchis gab's und keine Gtter sind,
Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:
Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen!
So denk denn auch, du seist nicht elend, denk
Dein Gatte, der Verrter, liebte dich;
Vielleicht geschieht es!

Medea (heftig).
Gora!

Gora.
Was?
Meinst du ich schwiege?
Die Schuldige mag schweigen und nicht ich!
Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat
In deines trotz'gen Buhlen Sklaverei,
Wo ich, in Fesseln meine freien Arme,
Die langen Nchte kummervoll verseufze,
Und jeden Morgen zu der neuen Sonne
Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage,
Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung,
An allem Mangel leidend als an Schmerz,
So mut du mich auch hren, wenn ich rede.

Medea.
So sprich!

Gora.
Was ich vorhergesagt, es ist geschehen!
Kaum ist's ein Mond, da euch das Meer von sich stie,
Unwillig, den Verfhrer, die Verfhrte,
Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu.
Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke,
Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mchte,
Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurck
Und flucht dir.  Mg' der Fluch sie selber treffen!
Auch den Gemahl, der Kolcherfrstin Gatten,
Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen.
Der Oheim schlo die Tr ihm seines Hauses,
Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt,
Als jener Oheim starb, man wei nicht wie,
Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Sttte:
Was denkst du nun zu tun?

Medea.
Ich bin sein Weib!

Gora.
Und denkest nun zu tun?

Medea.
Zu folgen ihm
In Not und Tod.

Gora.
In Not und Tod, ja wohl!
Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus!

Medea.
La uns die Gtter bitten um ein einfach Herz,
Gar leicht ertrgt sich dann ein einfach Los!

Gora (grimmig lachend).
Haha!  Und dein Gemahl?

Medea.
Es tagt.  Komm fort!

Gora.
Weichst du mir aus?  Ha, du entgehst mir nicht!
Der einz'ge lichte Punkt in meinem Jammer
Ist, da ich seh, an unserm Beispiel seh,
Da Gtter sind und da Vergeltung ist.
Bewein dein Unglck und ich will dich trsten,
Allein verkennen sollst du's frevelnd nicht
Und leugnen die Gerechtigkeit da droben,
Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz.
Auch mu ein bel klar sein, will man's heilen!
Dein Gatte, sprich!  ist er derselbe noch?

Medea.
Was sonst?

Gora.
O spiel mit Worten nicht!
Ist er derselbe, der dich strmend freite,
Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter,
Derselbe, der auf langer berfahrt,
Den Widerstand besiegte der Betrbten,
Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend,
Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut?
Ist er derselbe noch?  Ha bebst du?  Bebe!
Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, hat dich,
Wie du die Deinen, so verrt er dich!
Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat,
Die Tat begrbst du nicht!

Medea.
Schweig!

Gora.
Nein!

Medea (sie hart am Arm anfassend).
Schweig, sag ich!--
Was rasest du in deiner tollen Wut?
La uns erwarten was da kommt, nicht rufen.
So wr' denn immer da, was einmal dagewesen
Und alles Gegenwart?--Der Augenblick,
Wenn er die Wiege einer Zukunft ist
Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit?
Geschehen ist, was nie geschehen sollte,
Und ich bewein's und bittrer als du denkst,
Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten?
Klar sei der Mensch und einig mit der Welt!
In andre Lnder, unter andre Vlker
Hat uns ein Gott gefhrt in seinem Zorn,
Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht,
Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Ha;
So la uns denn auch ndern Sitt' und Rede
Und drfen wir nicht sein mehr was wir wollen,
So la uns, was wir knnen mind'stens sein.
Was mich geknpft an meiner Vter Heimat
Ich hab es in die Erde hier versenkt;
Die Macht, die meine Mutter mir vererbte,
Die Wissenschaft geheimnisvoller Krfte,
Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder
Und schwach, ein schutzlos, hilfbedrftig Weib
Werf ich mich in des Gatten offne Arme;
Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin
Wird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt.
Der Tag bricht an--mit ihm ein neues Leben!
Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben!
Du aber milde, mtterliche Erde
Verwahre treu das anvertraute Gut.

(Sie gehen auf das Zelt zu; es ffnet sich und Jason tritt heraus
mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.)

Jason.
Sprachst du den Knig selbst?

Landmann.
Jawohl, o Herr!

Jason.
Was sagtest du?

Landmann.
Es harre jemand auen,
Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar,
Doch der nicht eher trete bei ihm ein,
Umringt von Feinden, von Verrat umstellt,
Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit.

Jason.
Und seine Antwort?

Landmann.
Er wird kommen, Herr!
Ein Fest Poseidons feiern sie hier auen,
Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend,
Der Knig folgt dem Zug mit seiner Tochter,
Da, im Vorbergehen, spricht er dich.

Jason.
So, es ist gut!  Hab Dank!

Medea (hinzutretend).
Sei mir gegrt!

Jason.
Du auch.

(Zum Sklaven.)

Ihr aber geht, du und die andern,
Und brechet grne Zweige von den Bumen,
Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden.
Und haltet ruhig euch und, still.  Hrst du?
Genug!

(Der Landmann und der Sklave gehen.)

Medea.
Du bist beschftigt?

Jason.
Ja.

Medea.
Du gnnst
Dir keine Ruh'!

Jason.
Ein Flchtiger und Ruh'?
Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flchtig.

Medea.
Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus
Und walltest einsam durch die Finsternis.

Jason.
Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'.

Medea.
Auch sandtest Boten du zum Knig hin;
Nimmt er uns auf?

Jason.
Erwartend weil ich hier.

Medea.
Er ist dir freund.

Jason.
Er war's.

Medea.
Willfahren wird er.

Jason.
Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.--
Du weit ja doch, da alle Welt uns flieht
Da selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod,
Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwrgte,
Da mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten,
Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande?
Weit du es nicht?

Medea.
Ich wei.

Jason.
Wohl Grunds genug,
Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!--
Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor?
Was suchst du in der Finsternis?--Ei ja!
Riefst alte Freund' aus Kolchis?

Medea.
Nein.

Jason.
Gewi nicht?

Medea.
Ich sagte: nein.

Jason.
Ich aber sage dir,
Du tust sehr wohl wenn du es unterlt!
Brau nicht aus Krutern Sfte, Schlummertrank,
Sprich nicht zum Mond, str nicht die Toten,
Man hat das hier und ich--ich ha es auch!
In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland,
Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen!  Allein ich wei, du tust's
von nun nicht mehr,
Du hast's versprochen und du hltst es auch.
Der rote Schleier da auf deinem Haupt,
Er rief vergangne Bilder mir zurck.
Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes?
Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund,
Sei eine Griechin du in Griechenland.
Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?
Von selbst erinnert es sich schon genug!

(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.)

Gora (halbleise).
Verachtest du dein Land um seinetwillen?

Jason (erblickt Gora).
Du auch hier?--Dich ha ich vor allen, Weib!
Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn,
Steigt Kolchis' Kste dmmernd vor mir auf.
Was drngst du dich in meines Weibes Nhe?
Geh fort!

Gora (murrend).
Warum?

Jason.
Geh fort!

Medea.
Ich bitt dich, geh!

Gora (dumpf).
Hast mich gekauft?  da du mir sprichst als Herr?

Jason.
Die Hand zuckt nach dem Schwert.  Geh weil's noch Zeit ist;
Mich hat's schon oft gelstet, zu versuchen,
Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.

(Medea fhrt die Widerstrebende begtigend fort.)

Jason (der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat,
auf die Brust schlagend).
Zerspreng dein Haus, und mach dir brechend Luft!  Da liegen sie,
die Trme von Korinth,
Am Meeresufer ppig hingelagert,
Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit!
Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet,
Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt.
Ihr Gtter!  warum war so schn mein Morgen,
Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt.
O wr' es Nacht!

(Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und fhrt sie an der
Hand vor Jason.)

Medea.
Hier sind zwei Kinder,
Die ihren Vater gren.

(Zu dem Knaben.)

Gib die Hand!
Hrst du?  Die Hand!

(Die Kinder stehen scheu seitwrts.)

Jason (die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend).
Das also wr' das Ende?
Von trotz'gen Wilden Vater und Gemahl!

Medea

(zu dem Kinde).
Geh hin!

Knabe.
Bist du ein Grieche, Vater?

Jason.
Und warum?

Knabe.
Es schilt dich Gora einen Griechen!

Jason.
Schilt?

Knabe.
Es sind betrgerische Leut' und feig.

Jason (zu Medea).
Hrst du?

Medea.
Es macht sie Gora wild.  Verzeih ihm!

(Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise
ins Ohr.)

Jason.
Gut!  Gut!

(Er ist aufgestanden.)

Da kniet sie, die Unselige
Und trgt an ihrer Last und an der meinen.

(Auf und ab gehend.)


Die Kinder; la sie jetzt und komm zu mir!

Medea.
Geht nur und seid vertrglich.  Hrt ihr?

(Die Kinder gehen.)

Jason.
Halt mich fr hart und grausam nicht, Medea!
Glaub mir, ich fhl dein Leid so tief als meines.
Getreulich wlzest du den schweren Stein,
Der rck sich rollend immer wiederkehrt
Und jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg.
Hast (du's) getan?  hab' (ich's)?--Es ist (geschehn).

(Eine ihrer Hnde fassend und mit der andern ber ihre Stirne
streichend.)

Du liebst mich.  Ich verkenn es nicht Medea;
Nach deiner Art zwar--dennoch liebst du mich,
Nicht blo der Blick, mir sagt's so manche Tat.

(Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.)

Ich wei, dein Haupt ist schwer von manchem Leid
Und Mitleid regt sich treulich hier im Busen.
Drum la uns reif und sorglich berlegen
Wie wir entfernen, was so nah uns droht.
Die Stadt hier ist Korinth.  In frhrer Zeit,
Als ich, ein halb gereifter Jngling noch,
Vor meines Oheims wildem Grimme floh,
Nahm mich der Knig dieses Landes auf,
Ein Gastfreund noch von meinen Vtern her
Und wahrte mein, wie eines teuern Sohns.
In seinem Hause lebt' ich sicher manches Jahr.
Nun auch--

Medea.
Du schweigst?

Jason.
Nun auch, da mich die Welt,
Verstt, verlt, in blindem Grimm verfolgt,
Nun auch hoff ich von diesem Knig Schutz:
Nur eines frcht ich und nicht ohne Grund.

Medea.
Was ist's?

Jason.
Mich nimmt er auf, ich wei es wohl,
Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen,
Nur dich--

Medea.
Nimmt er die Kinder, weil sie dein,
Behlt er als die Deine wohl auch mich.

Jason.
Hast du vergessen, wie's daheim erging,
In meiner Vter Land, bei meinem Ohm,
Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht?
Vergessen jenen Hohn, mit dem der Grieche
Herab auf die Barbarin sieht, auf--dich?
Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen,
Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder,
Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich.

Medea.
Der Schlu der herben Rede, welcher ist's?

Jason.
Es ist des Menschen hchstes Unglck dies:
Da er bei allem was ihn trifft im Leben
Sich still und ruhig hlt, (bis) es (geschehn)
Und (wenn's) geschehen, nicht.  Das la uns meiden.
Ich geh zum Knig, wahre meines Rechts
Und rein'ge vom Verdacht mich, der uns trifft;
Du aber mit den Kindern bleib indes
Fern von der Stadt verborgen, bis--

Medea.
Bis wann?

Jason.
Bis--Was verhllst du dich?

Medea.
Ich wei genug.

Jason.
Wie deutest du so falsch, was ich gesagt!

Medea.
Beweise mir, da ich es falsch gedeutet.
Der Knig naht--sprich, wie dein Herz dir's heit.

Jason.
So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht.

(Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte.  Medea stellt sich
zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.)
(Der Knig tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mdchen
begleitet, die Opfergert tragen.)

Knig.
Wo ist der Fremde?--Ahnend sagt mein Herz
Er ist es, der Verbannte, der Vertriebne--
Der Schuldige vielleicht.--Wo ist der Fremde?

Jason.
Hier bin ich, und gebeugt tret ich vor dich;
Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet.
Ein Hilfesuchender, ein Flehender.
Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoen
Fleh ich zum Gastfreund um ein schtzend Dach.

Kreusa.
Frwahr er ist's!  Sieh Vater es ist Jason!

(Einen Schritt ihm entgegen.)

Jason (ihre Hand fassend).
Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa,
Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend.
O fhre mich zu deinem Vater hin,
Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandt
Und zgert mit dem Gegengru, ich wei nicht
Ob Jason zrnend oder seiner Schuld.

Kreusa (Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend).
Sieh Vater, es ist Jason!

Knig.
Sei gegrt!

Jason.
Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt.
Hin werf ich mich vor dir und fa dein Knie,
Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm;
Gewhre was ich bat, gib Schutz und Zuflucht!

Knig.
Steh auf!

Jason.
Nicht eher bis--

Knig.
Ich sage dir, steh auf!

(Jason steht auf.)

Knig.
So kehrtest du vom Argonautenzug?

Jason.
Kaum ist's ein Mond da mich das Land empfing.

Knig.
Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir?

Jason.
Er ward dem Oheim, der die Tat gebot.

Knig.
Und warum fliehst du deiner Vter Stadt?

Jason.
Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos.

Knig.
Des Bannes Ursach' aber, welche war's?

Jason.
Verruchten Treibens klagte man mich an!

Knig.
Mit Recht, mit Unrecht?  dies sag mir vor allem!

Jason.
Mit Unrecht, bei den Gttern schwr ich es!

Knig (ihn rasch bei der Hand fassend und vorfhrend).
Dein Oheim starb?

Jason.
Er starb.

Knig.
Und wie?

Jason.
Nicht durch mich!
So wahr ich leb und atme, nicht durch mich!

Knig.
Doch sagt's der Ruf und streut's durchs ganze Land.

Jason.
So lgt der Ruf, das ganze Land mit ihm.

Knig.
Der einzelne will Glauben gegen alle?

Jason.
Der eine den du kennst, gen alle die dir fremd.

Knig.
Wie aber fiel der Knig?

Jason.
Seine Kinder,
Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand.

Knig.
Entsetzlich.  Sprichst du wahr?

Jason.
Die Gtter wissen's!

Knig.
Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr,
Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel.

(Laut.)

Ich wei genug fr jetzt, das andre spter:
Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert.

Kreusa (hinzutretend).
Hast, Vater, ihn gefragt?  Nicht wahr?  Es ist nicht?

Knig.
Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu.

Kreusa.
Du hast gezweifelt, weit du?  Niemals ich,
In meiner Brust, im eignen Herzen fhlt' ich's,
Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzhlten:
Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm?
O wtest du, wie alle von dir sprachen.
So arg, so schlimm.  Ich hab geweint, da Menschen
So bse, so verleumd'risch knnen sein.
Du warst kaum fort, da scholl's im ganzen Lande
Von grlich wilden Taten, die geschehn,
In Kolchis lieen sie dich Greuel ben,
Zuletzt verbanden sie als Gattin dir
Ein grlich Weib, giftmischend, vatermrd'risch.
Wie hie sie?--Ein Barbarenname war's--

Medea (mit ihren Kindern vortretend).
Medea!
Ich bin's!

Knig.
Ist sie's?

Jason (dumpf).
Sie ist's.

Kreusa (an den Vater gedrngt).
Entsetzen!

Medea (zu Kreusen).
Du irrst; den Vater hab ich nicht gettet;
Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich?

(Auf Jason deutend.)

Auf Trnke, Heil bereitend oder Tod
Versteh ich mich und wei noch manches andre,
Allein ein Ungeheuer bin ich nicht
Und keine Mrderin.

Kreusa.
O grlich!  Grlich!

Knig.
Und sie dein Weib?

Jason.
Mein Weib.

Knig.
Die Kleinen dort--

Jason.
Sind meine Kinder.

Knig.
Unglckseliger!

Jason.
Ich bin's.--Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen,
Reicht sie dem Knig dar und fleht um Schutz!

(Sie an der Hand hinfhrend.)

Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoen!

Knabe (den Zweig hinhaltend).
Da nimm!

Knig (die Hnde auf ihre Hupter legend).
Du arme, kleine, nestentnommne Brut!

Kreusa (zu den Kindern niederkniend).
Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen,
Wie frhe ruht das Unglck schon auf euch;
So frh und ach, so unverschuldet auch.
Du siehst wie sie--du hast des Vaters Zge.

(Sie kt das Kleinere.)

Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein!

Medea.
Was nennst du sie verwaist und klagst darob?
Hier steht ihr Vater, der sie Seine nennt
Und keiner andern Mutter braucht's, solange
Medea lebt.

(Zu den Kindern.)

Hierher zu mir!  Hierher!

Kreusa (zu ihrem Vater emporblickend).
La ich sie hin?

Knig.
Sie ist die Mutter.

Kreusa (zu den Kindern).
Geht zur Mutter!

Medea.
Was zgert ihr?

Kreusa (zu den Kindern die sie um den Hals gefat) (haben).
Die Mutter ruft.  Geht hin!

(Die Kinder gehen.)

Jason.
Und was entscheidest du?

Knig.
Ich hab's gesagt.

Jason.
Gewhrst du Schutz mir?

Knig.
Ja.

Jason.
Mir und den Meinen?

Knig.
Ich habe (dir) ihn zugesagt.--So folge!
Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus.

Jason (zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen).
Gnnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa?

Kreusa.
Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst.

Medea.
Sie gehn und lassen mich allein.  Ihr Kinder
Kommt her zu mir, umschlingt mich!  Fester!  Fester!

Kreusa (umkehrend, vor sich hin sprechend).
Noch eine fehlt.  Warum folgt sie uns nicht?

(Zurckkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.)

Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?

Medea.
Die Ungeladnen weist man vor die Tr.

Kreusa.
Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.

Medea.
Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.

Kreusa (nhertretend).
Beleidigt hab ich dich.  Ich wei.  Verzeih!

Medea (sich rasch gegen sie kehrend).
O holder Klang!--Wer sprach das milde Wort?
Sie haben mich beleidigt oft und tief,
Doch keiner fragte noch, ob's weh getan?
Hab Dank!  und wenn du einst in Jammer bist, wie ich,
Gnn' dir ein Frommer, wie du's mir gegnnt,
Ein sanftes Wort und einen milden Blick.

(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurck.)

O weich nicht aus!  Die Hand verpestet nicht.
Ein Knigskind, wie du, bin ich geboren,
Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn
Das Rechte blind erfassend mit dem Griff.
Ein Knigskind wie du, bin ich geboren,
Wie du vor mir stehst, schn und hell und glnzend,
So stand auch ich einst neben meinem Vater,
Sein Abgott und der Abgott meines Volks.
O Kolchis!  o du meiner Vter Land!
Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!

Kreusa (ihre Hand lassend).
Du Arme!

Medea.
Du blickst fromm und mild und gut
Und bist's auch wohl; doch hte, hte dich!
Der Weg ist glatt, (ein) Tritt gengt zum Fall!
Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten,
Dich haltend an des Ufers Bltenzweigen,
Von Silberwellen hin und her geschaukelt,
So hltst du dich fr eine Schifferin?
Dort weiter drauen braust das Meer
Und wagst du dich vom sichern Ufer ab,
Reit dich der Strom in seine grauen Weiten.
Du blickst mich an?  Du schauderst jetzt vor mir.
Es war 'ne Zeit, da htt' ich selbst geschaudert,
Htt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!

(Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.)

Kreusa.
Sie ist nicht wild.  Sieh Vater her, sie weint.

Medea.
Weil eine Fremd' ich bin, aus fernem Land
Und unbekannt mit dieses Bodens Bruchen,
Verachten sie mich, sehn auf mich herab,
Und eine scheue Wilde bin ich ihnen,
Die Unterste, die Letzte aller Menschen,
Die ich die Erste war in meiner Heimat.
Ich will ja gerne tun was ihr mir sagt,
Nur sagt mir was ich tun soll, statt zu zrnen.
Du bist, ich seh's, von sittig mildem Wesen,
So sicher deiner selbst und eins mit dir;
Mir hat ein Gott das schne Gut versagt.
Doch lernen will ich, lernen, froh und gern.
Du weit was ihm gefllt, was ihn erfreut,
O lehre mich, wie Jason ich gefalle
Ich will dir dankbar sein.--

Kreusa.
O sieh nur, Vater!

Knig.
Nimm sie mit dir!

Kreusa.
Willst du mit mir, Medea?

Medea.
Ich gehe gern, wohin du mich geleitest,
Nimm dich der Armen, der Verlanen an,
Und schtze mich vor jenes Mannes Blick!

(Zum Knig.)

Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht,
Obgleich, ich seh's, du sinnest was nicht gut.
Dein Kind ist besser, als sein Vater!

Kreusa.
Komm!
Er will dir wohl!--Und ihr kommt auch, ihr Kleinen!

(Fhrt Medeen und die Kinder fort.)

Knig.
Hast du gehrt?

Jason.
Ich hab.

Knig.
Und sie dein Weib?
Schon frher gab uns Kunde das Gercht,
Doch glaubt' ich's nicht und nun, da ich's gesehn,
Glaub ich's fast minder noch!--Dein Weib!

Jason.
Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht,
Und nur von diesen lt sich jener richten.
Ich zog dahin in frischer Jugendkraft,
Durch fremde Meere zu der khnsten Tat,
Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken.
Das Leben war, die Welt war aufgegeben
Und nichts war da, als jenes helle Vlies,
Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme schien.
Der Rckkehr dachte niemand und als wr'
Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen,
Der letzte unsers Lebens, strebten wir.
So zogen wir, ringfertige Gesellen,
Im bermut des Wagens und der Tat,
Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen,
Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod.
Was grlich sonst, schien leicht und fromm und mild,
Denn die Natur war rger als der rgste;
Im Streit mit ihr und mit des Wegs Barbaren
Umzog sich hart des Mild'sten weiches Herz;
Der Mastab aller Dinge war verloren,
Nur an sich selbst ma jeder was er sah.
Was allen uns unmglich schien, geschah:
Wir sahen Kolchis' wundervolles Land,
O httest du's gesehn in seinen Nebeln!
Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen,
Die Menschen aber finstrer als die Nacht.
Da fand ich sie, die dir so greulich dnkt;
Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl,
Der durch den Spalt in einen Kerker fllt.
Ist sie hier dunkel, dort erschien sie licht
Im Abstich ihrer nchtlichen Umgebung.

Knig.
Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut.

Jason.
Der Obern einer wandt' ihr Herz mir zu;
Sie stand mir bei in mancher Fhrlichkeit.
Ich sah die Neigung sich in ihr empren,
Doch strrisch legt' sie ihr den Zgel an,
Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts.
Da fat' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an,
Da sie's verschwieg, das eben reizte mich,
Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr und wie
Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe.
Sie fiel mir zu.  Ihr Vater fluchte ihr.
Nun war sie mein--htt' ich's auch nicht gewollt.
Durch sie ward mir das rtselvolle Vlies,
Sie fhrte mich in jene Schauerhhle,
Wo ich's gewann, dem Drachen abgewann.
Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke,
Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen,
Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib.
Wir fuhren ab.  Ihr Bruder fiel.

Knig (rasch).
Durch sie?

Jason.
Er fiel der Gtter Hand.--Ihr alter Vater,
Ihr fluchend, mir und unsern knft'gen Tagen, grub
Mit blut'gen Ngeln sich sein eignes Grab
Und starb, so heit es, gen sich selber wtend.

Knig.
Mit bsen Zeichen fing die Eh' dir an.

Jason.
Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort.

Knig.
Wie war's mit deinem Ohm?  erzhl mir dies.

Jason.
Vier Jahr' verschob die Rckkehr uns ein Gott,
Durch Meer und Land uns in der Irre treibend.
In Schiffes Enge, stndlich ihr genber,
Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders;
Geschehn war, was geschehn--Sie ward mein Weib.

Knig.
Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim?

Jason.
Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild,
Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin,
Zog stolz ich ein in meiner Vter Stadt.
Im Angedenken noch des Volkes Jubel
Bei meiner Abfahrt, hofft' ich freudiger
Noch den Empfang, da ich als Sieger kehrte.
Doch still war's in den Gassen, als ich kam,
Und scheu wich der Begegnende mir aus.
Was dort geschehn in jenem dunkeln Land,
Vermehrt mit Greueln, hatt' es das Gercht
Gest in unsrer Brger furchtsam Ohr;
Man floh mich und verachtete mein Weib--
(Mein) war sie, (mich) verschmhte man in ihr.
Mein Oheim aber nhrte schlau die Stimmung
Und als ich forderte das Erbe meiner Vter,
Das er mir nahm und tckisch vorenthielt,
Da hie er mich mein Weib von mir zu senden,
Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben,
Wo nicht, sein Land, der Vter Land zu meiden.

Knig.
Du aber?

Jason.
Ich?  Sie war mein Weib;
Sie hatte meinem Schutz sich anvertraut
Und der sie forderte, es war mein Feind.
Htt' er auch Billiges begehrt, beim Himmel,
Er htt' es nicht erlangt: so minder dies.
Ich schlug es ab.

Knig.
Und er?

Jason.
Er sprach den Bann.
Desselben Tags noch sollt' ich Jolkos meiden.
Ich aber wollte nicht und blieb.
Da wird der Knig pltzlich krank.  Gemurmel
Luft durch die Stadt, gar Seltsames verkndend.
Wie vor dem Hausaltar er sitze, wo
Das Wundervlies man weihend aufgehngt,
Mit unverwandtem Aug' es starr betrachtend.
Oft schrie er auf: sein Bruder schau' ihn an,
Mein Vater, den er tckisch einst gettet
Beim Wortstreit ob des Argonautenzugs,
Er schau' ihn an aus jenes Goldes Flimmer,
Das er mich holen hie, der falsche Mann
Aus fernem Land, auf da ich drob verderbe.
Als nun die Not des Knigs Haus bedrngte,
Da traten seine Tchter vor mich hin,
Um Heilung flehend von Medeens Kunst.
Ich aber sagte.  Nein!  Sollt' ich den Mann erretten,
Der mein Verderben sann und all der Meinen?
Da gingen sie, die Mdchen, weinend hin,
Ich aber schlo mich ein, nichts weiter achtend.
Und ob sie wiederholt gleich flehend kamen
Ich blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein!
Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief,
Hr ich Geschrei an meines Hauses Pforten,
Akastos ist's, des bsen Oheims Sohn.
Der strmt mein Tor mit lauten Pbelhaufen
Und nennt mich Mrder, Mrder seines Vaters,
Der erst gestorben, in derselben Nacht.
Auf stand ich und zu reden sucht' ich, doch
Umsonst, das Volksgebrll verschlang mein Wort.
Und schon begann mit Steinen man den Krieg.
Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch.
Seitdem irr ich durch Hellas' weite Stdte,
Der Menschen Greuel, meine eigne Qual,
Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner!

Knig.
Ich hab dir's zugesagt und halt es auch.
Doch sie--

Jason.
Eh' du vollendest hre mich!
Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr!
Mein Leben wr' erneut, wt' ich sie fort,
Doch mu ich schtzen, was sich mir vertraut.

Knig.
Die Knste, die sie wei, sie schrecken mich,
Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen,
Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat.

Jason.
Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus,
Verjag sie, tte sie, und mich--uns alle.
Doch bis dahin gnn ihr noch den Versuch,
Ob sie's vermag zu weilen unter Menschen.
Beim Zeus, der Fremden Schtzer, bitt ich es,
Und bei dem Gastrecht fordr' ich's, das die Vter
In lngstentschwundner Zeit uns aufgerichtet,
In Jolkos und Korinthos, solcher Schickungen
Mit klugem Sinn in vorhinein gedenkend.
Gewhre mir's, damit nicht einst den Deinen
In gleichem Unheil, gleiche Weigrung werde.

Knig.
Den Gttern weich ich, gegen meinen Sinn.
Sie bleibe.  Doch verrt mir nur ein Zug
Die Rckkehr ihres alten, wilden Sinns,
So treib ich sie aus meiner Stadt hinaus
Und liefere sie denen, die sie suchen.  Hier aber, wo ich dich
zuerst gesehn,
Erhebe sich ein heiliger Altar.
Der Fremden Schtzer, Zeus, sei er geweiht
Und Pelias', deines Oheims blut'gen Manen.
Dort wollen wir vereint die Gtter bitten,
Da sie den Eintritt segnen in mein Haus,
Und gndig wenden, was uns bles droht.  Und nun komm mit in meine
Knigsburg.

(zu seinen Begleitern, die sich jetzt nhern.)

Ihr aber richtet aus, was ich befahl.

(Indem sie sich zum Abgehen wenden, fllt der Vorhang)




Zweiter Aufzug

(Halle in Kreons Knigsburg) zu (Korinth.)
(Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eine
Leier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.)

Kreusa.
Hier diese Saite nimm, die zweite, diese!

Medea.
So also?

Kreusa.
Nein.  Die Finger mehr gelst.

Medea.
Es geht nicht.

Kreusa.
Wohl.  Wenn du's nur ernstlich nimmst.

Medea.
Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht.

(Sie legt die Leier weg und steht auf.)

Nur an den Wurfspie ist die Hand gewhnt
Und an des Weidwerks ernstlich rauh Geschft.

(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.)


Da ich sie strafen knnte diese Finger, strafen!

Kreusa.
Wie du nun bist!  Da hatt' ich mich gefreut
Da du ihn berraschen solltest, Jason,
Mit deinem Lied.

Medea.
Ja so, ja du hast recht.
Darauf verga ich.  La noch mal versuchen!
Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen?

Kreusa.
Gewi.  Er sang das Liedchen schon als Knabe,
Als er bei uns, in unserm Hause lebte.
Sooft ich's hrte, sprang ich frhlich auf,
Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr.

Medea.
Das Liedchen aber?

Kreusa.
Wohl so hr mir zu
Es ist nur kurz und eben nicht sehr schn
Allein er wut' es gar so hbsch zu singen,
So bermtig, trotzend, spttisch fast.          O ihr Gtter,
Ihr hohen Gtter!
Salbt mein Haupt
Wlbt meine Brust,
Da den Mnnern
Ich obsiege
Und den zierlichen
Mdchen auch.

Medea.
Ja, ja, sie haben's ihm gegeben!

Kreusa.
Was?

Medea.
Des kurzen Liedchens Inhalt.

Kreusa.
Welchen Inhalt?

Medea.
Da den Mnnern er obsiege
Und den zierlichen Mdchen auch.

Kreusa.
Daran hatt' ich nun eben nie gedacht.
Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hrte.

Medea.
So stand er da an Kolchis' fremder Kste;
Die Mnner strzten nieder seinem Blick,
Und mit demselben Blick warf er den Brand
In der Unsel'gen Busen, die ihn floh,
Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg empor
Und Ruh' und Glck und Frieden prasselnd sanken
Von Rauchesqualm und Feuersglut umhllt.
So stand er da in Kraft und Schnheit prangend,
Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte,
Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet,
Dann warf er's hin und niemand hob es auf.

Kreusa.
Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm?

Medea.
Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz.
Nur (er) ist da, (er) in der weiten Welt
Und alles andre nichts als Stoff zu Taten.
Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns,
Spielt er mit seinem und der andern Glck.
Lockt's ihn nach Ruhm so schlgt er einen tot,
Will er ein Weib, so holt er eine sich,
Was auch darber bricht, was kmmert's ihn!
Er tut nur Recht, doch recht ist was er will.
Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz
Und denk ich an die Dinge, die geschehn,
Ich knnt' ihn sterben sehn und lachen drob.

Kreusa.
Leb wohl!

Medea.
Du gehst?

Kreusa.
Soll ich dich lnger hren?
Ihr Gtter!  Spricht die Gattin so vom Gatten?

Medea.
Nach dem er ist: der Meine tat darnach!

Kreusa.
Beim hohen Himmel, htt' ich einen Gatten,
So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist,
Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild,
Ich wollt' sie lieben, tteten sie mich.

Medea.
Das sagt sich gut, allein es bt sich schwer.

Kreusa.
Es wr' wohl minder s, bt' es sich leichter.
Doch tue was dir gutdnkt, ich will gehn.
Zuerst lockst du mit holdem Wort mich an
Und fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallen
Und nun brichst du in Ha und Schmhung aus.
Viel bles hab an Menschen ich bemerkt,
Das Schlimmste aber ist ein unvershnlich Herz.
Leb wohl und lerne besser sein.

Medea.
Du zrnst?

Kreusa.
Beinahe.

Medea.
O gib nicht auch (du) mich auf,
Verla mich nicht sei du mein Schirm und Schutz!

Kreusa.
Nun bist du mild und erst warst du voll Ha.

Medea.
Der Ha gilt mir und Jason gilt die Liebe.

Kreusa.
So liebst du deinen Gatten?

Medea.
Wr' ich hier sonst?

Kreusa.
Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht.
Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut,
Und sage dir wohl sichre Mittel an,
Die Launen, die er hat, ich wei es wohl,
Wie Wolken zu zerstreun.  La uns nur machen.
Ich sah es, er war morgens trb und dster,
Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehn
Wie schnell er frhlich wird.  Hier ist die Leier.
Nicht eher la ich ab, bis du es weit.

(Sie sitzt.)

Was kommst du nicht?  Was stehst und zgerst du?

Medea.
Ich seh dich an und seh dich wieder an
Und kann an deinem Anblick kaum mich stt'gen.
Du Gute, Milde, schn an Leib und Seele,
Das Herz wie deine Kleider hell und rein.
Gleich einer weien Taube schwebest du,
Die Flgel breitend, ber dieses Leben
Und netzest keine Feder an dem Schlamm,
In dem wir ab uns kmpfend mhsam weben.
Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit
In diese wunde, schmerzzerrine Brust.
Was Gram und Ha und Unglck hingeschrieben
O lsch es aus mit deiner frommen Hand
Und setze deine reinen Zge hin.
Die Strke, die mein Stolz von Jugend war,
Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen
O lehre mich, was stark die Schwche macht.

(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Fen.)

Zu deinen Fen will ich her mich flchten
Und will dir klagen, was sie mir getan;
Will lernen, was ich lassen soll und tun.
Wie eine Magd will ich dir dienend folgen,
Will weben an dem Webstuhl, frh zur Hand,
Und alles Werk, das man bei uns verachtet,
Den Sklaven berlt und dem Gesind',
Hier aber bt die Frau und Herrin selbst,
Vergessend, da mein Vater Kolchis' Knig,
Vergessend, da mir Gtter sind als Ahnen,
Vergessend was geschehn und was noch droht--

(Aufstehend und sich entfernend.)

Doch das vergit sich nicht.

Kreusa (ihr folgend).
Was ficht dich an?
Was Schlimmes auch in frhrer Zeit geschehn,
Der Mensch vergit, ach und die Gtter auch.

Medea

(an ihrem Halse).
Meinst du?  O da ich's glauben knnte, glauben!

(Jason kommt.)

Kreusa (sich gegen ihn wendend).
Hier dein Gemahl.  Sieh Jason, wir sind Freunde!

Jason.
So, so.

Medea.
Sei mir gegrt.--Sie ist so gut,
Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin.

Jason.
Viel Glck zu dem Versuch!

Kreusa.
Was bist du ernst?
Wir wollen hier recht frohe Tage leben.
Ich, meine Sorge zwischen meinem Vater
Und euch verteilend; du und sie, Medea--

Jason.
Medea!

Medea.
Was gebeutst du, mein Gemahl?

Jason.
Sahst du die Kinder schon?

Medea.
Ach, ja nur erst.
Sie sind recht munter.

Jason.
Sieh doch noch einmal!

Medea.
Nur kaum erst war ich dort.

Jason.
Sieh (doch), sieh (doch!)

Medea.
Wenn du es willst.

Jason.
Ich wnsch es.

Medea.
Wohl, ich gehe.

(Ab.)

Kreusa.
Was sendest du sie fort?  Sie sind ja wohl.

Jason.
Ah!  So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen!
Ihr Anblick schnrt das Innre mir zusammen
Und die verhehlte Qual erwrgt mich fast.

Kreusa.
Was hr ich?  O ihr allgerechten Gtter!
So spricht nun er und so sprach vorher sie.
Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich?

Jason.
Ja wohl, wenn nach genutzter Jugendzeit
Der Jngling auf ein Mdchen wirft den Blick
Und sie zur Gttin macht von seinen Wnschen.
Er spht nach ihrem Aug', ob es ihn trifft
Und trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn.
Zum Vater geht er und zur Mutter hin
Und wirbt um sie und jene sagen's zu.
Da ist ein Fest und die Verwandten kommen
Die ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil.
Mit Krnzen reich geschmckt und lichten Blumen
Fhrt er die Braut zu Tempel und Altar.
Errtend und in holdem Schauer bebend
Vor dem was sie doch wnscht, tritt sie einher;
Der Vater aber legt die Hnde auf
Und segnet sie und ihr entfernt Geschlecht.
Die so zur Freite gehn, die lieben sich.
Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht.
Was hab ich denn getan, gerechte Gtter,
Da ihr mir nahmt, was ihr dem rmsten gebt
Ein Schmerzasyl an seinem eignen Herd
Und zur Vertrauten, die ihm angetraut.

Kreusa.
So hast du nicht gefreit wie andre freien,
Der Vater hob die Hand nicht segnend auf?

Jason.
Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnet
Und statt des Segens gab er uns den Fluch.
Allein ich hab ihm's tchtig rckgegeben;
Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot--
Sein Fluch nur lebt--zum mind'sten scheint es so.

Kreusa.
Wie knnen wen'ge Jahre doch verwandeln!
Wie warst du mild und wie bist nun so rauh.
Ich selber bin dieselbe die ich war,
Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt,
Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch,
Was tadelnswert mu ich noch jetzo tadeln.
Mit dir scheint's anders.

Jason.
Ja, auch das, auch das!
Es ist des Unglcks eigentlichstes Unglck,
Da selten drin der Mensch sich rein bewahrt.
Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen,
Hier rckt das Recht ein Haar und dort ein Gran,
Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer,
Als der man war, da man den Lauf begann.
Und dem Verlust der Achtung dieser Welt
Fehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung.
Ich habe nichts getan was schlimm an sich,
Doch viel gewollt, gemocht, gewnscht, getrachtet;
Still zugesehen, wenn es andre taten;
Hier bles nicht gewollt, doch zugegriffen
Und nicht bedacht da bel sich erzeuge.
Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandet
Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan!
O Jugend, warum whrst du ewig nicht!
Beglckend Whnen, seliges Vergessen,
Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab.
Wie pltschert' ich im Strom der Abenteuer,
Die Wogen teilend mit der starken Brust.
Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten,
Da flieht der Schein: die nackte Wirklichkeit
Schleicht still heran und brtet ber Sorgen.
Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr,
In dessen Schatten man genieend ruht,
Sie ist ein unangreifbar Samenkorn,
Das man vergrbt, da eine Zukunft sprosse.
Was wirst du tun?  wo wirst du sein und wohnen?
Was wird aus dir?  Und was aus Weib und Kind?
Das fllt uns an und qult uns ab und ab.

(Er setzt sich.)

Kreusa.
Was sorgst du denn?  es ist fr dich gesorgt.

Jason.
Gesorgt?  O ja, wie man dem Bettler wohl
Den Napf mit Abhub an die Schwelle reicht.
Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge?
Mu unter fremden Tisch die Fe setzen
Mit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid?
Mein Vater war ein Frst, ich bin es auch
Und wer ist, der dem Jason sich vergleicht?
Und doch--

(Er ist aufgestanden.)

Ich kam den lauten Markt entlang
Und durch die weiten Gassen eurer Stadt
Weit du noch, wie durch sie ich prangend schritt
Als ich, vor jenem Argonautenzug,
Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen?
Da wallten sie in dichtgedrngten Wogen
Von Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt.
Die Dcher trugen Schauende, die Trme,
Und wie um Schtze stritt man sich den Raum.
Die Luft ertnte von der Zimbel Lrm
Und von dem Lrm der heilzuschreinden Menge.
Dicht drngt' sie sich rings um die edle Schar,
Die reich geschmckt, in Panzers hellem Leuchten,
Der mindeste ein Knig und ein Held,
Den edlen Fhrer ehrfurchtsvoll umgaben--
Und ich war's der sie fhrte, ich ihr Hort,
Ich, den das Volk in lautem Jubel grte--
Jetzt als ich durch dieselben Straen ging,
Traf mich kein Aug', kein Gru, kein Wort.
Nur als ich stand, und rings her um mich sah,
Meint' einer, es sei schlechte Sitte, so
In Weges Mitte stehn und andre stren.

Kreusa.
Du wirst dich wieder heben, wenn du willst.

Jason.
Mit mir ist's aus!  ich hebe mich nicht mehr.

Kreusa.
Ich wei ein Mittel wie dir's wohl gelingt.

Jason.
Das Mittel wt' ich wohl, doch schaffst du mir's?
Mach da ich nie der Vter Land verlassen,
Da ich bei euch hier in Korinthos blieb,
Da ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen,
Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib.
Mach, da sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes Land
Und die Erinnrung mitnimmt, da sie dagewesen,
Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein.

Kreusa.
Das wr's allein?  Ich wei ein andres Mittel:
Ein einfach Herz und einen stillen Sinn.

Jason.
Ja, wer von dir das lernen knnte, Gute!

Kreusa.
Die Gtter geben's jedem, der nur will.
Auch dir war's einst und kann es wieder werden.

Jason.
Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit?

Kreusa.
Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie.

Jason.
Wie wir ein Herz und eine Seele waren.

Kreusa.
Ich machte milder dich und du mich khn.
Weit du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte?

Jason.
Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt,
Mit kleinen Hnden ob den goldnen Locken.
Kreusa, es war eine schne Zeit!

Kreusa.
Und wie mein Vater sich darber freute,
Er nannt' uns fter scherzend Brutigam und Braut.

Jason.
Es kam nicht so.

Kreusa.
Wie manches anders kommt,
Als man's gedacht.  Allein was tut's?
Wir wollen drum nicht minder frhlich sein!

(Medea kommt zurck.)

Medea.
Die Kleinen sind besorgt.

Jason.
Nun, es ist gut.

(Fortfahrend.)

Die schnen Orte unsrer Jugendlust,
An die Erinnrung knpft mit leisen Fden,
Ich hab sie durchgegangen, da ich kam,
Und Brust und Lippen khlend eingetaucht
Im frischen Born der hellen Kinderzeit.
Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte,
Das rasche Ro dem Ziel entgegentrieb,
Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang,
Indes du standst und sahst, erschrakst und zrntest,
Um meinetwillen jedem Gegner feind.
Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten,
Hier nur allein einander uns vergessend,
Und unsre Lippen zu den Gttern sandten
Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz.

Kreusa.
So weit du denn das alles noch so gut?

Jason.
Ich sauge Labung draus mit vollen Zgen

Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat).
Jason, ich wei ein Lied!

Jason.
Und dann der Turm!
Weit du den Turm dort an der Meereskste
Wo du mit deinem Vater standst und weintest,
Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug.
Ich hatte da kein Aug' fr deine Trnen
Denn nur nach Taten drstete mein Herz.
Ein Windsto lste deinen Schleier los
Und warf ihn in die See, ich sprang darnach
Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedchtnis.

Kreusa.
Hast du ihn noch?

Jason.
Denk nur, so manches Jahr
Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich.
Der Wind hat ihn verweht.

Medea.
Ich wei ein Lied.

Jason.
Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.

Kreusa.
Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrt!

Medea.
Jason, ich wei ein Lied.

Kreusa.
Sie wei ein Lied,
Das du einst sangst, hr zu, sie soll dir's singen.

Jason.
Ja so!  Wo war ich denn?  Das klebt mir an
Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner,
Da gern ich manchmal trumen mag und schwatzen
Von Dingen die nicht sind und die nicht werden.
Denn wie der Jngling in der Zukunft lebt
So lebt der Mann mit der Vergangenheit.
Die Gegenwart wei keiner recht zu leben.
Da war ich jetzt ein tatenkrft'ger Held
Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut
Und einen Ort wo meine Kinder schlafen.
Was also willst du denn?

(Zu Medea.)

Kreusa.
Ein Lied dir singen,
Das du in deiner Jugend sangst bei uns.

Jason.
Und das singst du?

Medea.
So gut ich kann.

Jason.
Ja wohl!
Willst du mit einem armen Jugendlied
Mir meine Jugend geben und ihr Glck?
La das.  Wir wollen aneinander halten
Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt.
Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!

Kreusa.
La sie's doch singen.  Sie hat sich geplagt
Bis sie's gewut und nun--

Jason.
So singe, sing!

Kreusa.
Die zweite Saite, weit du noch?

Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend).
Vergessen.

Jason.
Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht!
An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt,
Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf.
Und das klang anders als dein reines Lied.

Kreusa (einflsternd).
O ihr Gtter
Ihr hohen Gtter--

Medea (nachsagend).
O ihr Gtter--
Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Gtter!

(Die Leier entfllt ihr, sie schlgt beide Hnde vor die weinenden
Augen.)

Kreusa.
Sie weint.  Wie kannst du doch so hart sein und so wild.

Jason (sie zurckhaltend).
La sie!  Kind, du verstehst uns beide nicht!
Es ist der Gtter Hand, was sie nun fhlt,
Auch hier grbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen.
Greif du nicht in der Gtter Richteramt!
Httst du sie dort gesehn im Drachenhorst,
Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bumte,
Voll Gift der Zunge Doppelpfeile scho,
Und Ha und Tod aus Flammenaugen blinkte,
Dein Busen wr' gesthlt gen ihre Trnen.
Nimm du die Leier und sing mir das Lied
Und bann den Dmon, der mich wrgend qult.
Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.

Kreusa.
Recht gern.

(Sie will die Leier aufheben.)

Medea

(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend).
Halt ein!

(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.)

Kreusa.
Recht gern, spielst du es selber.

Medea.
Nein!

Jason.
Gibst du sie nicht denn?

Medea.
Nein.

Jason.
Auch mir nicht?

Medea.
Nein!

Jason

(hinzutretend und nach der Leier greifend).
Ich aber nehme sie.

Medea (ohne sich vom Platz zu bewegen, die Leier zurckziehend).
Umsonst!

Jason (ihre zurckziehenden Hnde mit den seinigen verfolgend).
Gib!

Medea

(die Leier im Zurckziehen zusammendrckend, da sie krachend
zerbricht).
Hier!
Entzwei!

(Die zerbrochene Leier vor Kreusa hinwerfend.)

Entzwei die schne Leier!

Kreusa (entsetzt zurckfahrend).
Tot!

Medea (rasch umblickend).
Wer?--(Ich) lebe!  (lebe)!

(Sie steht da hoch emporgehoben vor sich hinstarrend.)

(Von auen ein Trompetensto.)

Jason.
Ha, was ist das?--Was stehst du siegend da?
Dich reut noch, glaub ich, dieser Augenblick.

(Noch ein Trompetensto.)
(Der Knig kommt rasch zur Tre herein.)

Jason (ihm entgegen).
Was kndigt an der kriegerische Schall?

Knig.
Unglcklicher, du fragst?

Jason.
Ich frage, Herr!

Knig.
Der Streich, den ich gefrchtet ist gefallen,
Ein Herold steht vor meines Hauses Pforten,
Gesandt vom Stuhl der Amphiktyonen.
Er frgt nach dir, und hier nach deinem Weib,
Den Bann ausrufend in des Himmels Lfte!

Jason.
Auch das noch!

Knig.
Also ist's.  Doch still, er naht!

(Die Pforten ffnen sich.  Ein Herold tritt herein; hinter ihm zwei
Hornblser, weiter zurck mehreres Gefolge.)

Herold.
Die Gtter und ihr Schutz in dieses Haus!

Knig (feierlich).
Wer bist du und was suchst du hier bei mir?

Herold.
Ein Gottesherold bin ich, abgesandt
Vom Altgericht der Amphiktyonen,
Das spricht in Delphis hochgefreiter Stadt;
Mit Bann verfolg ich und mit Rachespruch
Die schuldigen Verwandten Knig Pelias',
Der einst auf Jolkos sa, nun aber tot ist.

Knig.
Suchst du die Schuld'gen, suche sie nicht hier,
In seinem Haus, bei seinen Kindern such sie!

Herold.
Ich fand sie hier und so sprech ich sie an:
Fluch Jason dir!  Fluch dir und deinem Weib!
Verruchter Knste bist du angeklagt,
Der Schuld an deines Oheims dunkeln Tod.

Jason.
Du lgst, nicht wei ich um des Knigs Sterben.

Herold.
Frag diese dort, die wei es besser wohl.

Jason.
Tat sie's?

Herold.
Nicht mit der Hand, durch Knste, die ihr kennt,
Die ihr herberbrachtet aus dem fremden Lande.
Denn als der Knig krank--vielleicht schon da ein Opfer,
So seltsam waren seiner Krankheit Zeichen--
Da traten seine Tchter zu Medeen hin,
Um Heilung flehend von der Heilerfahrnen.
Sie aber sagt' es zu und ging mit ihnen.

Jason.
Halt!  sie ging nicht!  Ich wehrt' es, und sie blieb.

Herold.
Das erstemal.  Doch als die Mdchen drauf,
Dir unbewut, zum zweitenmal ihr nahten,
Da ging sie mit, allein das goldne Vlies,
Das ihr ein Greu'l sei, ein verderblich Zeichen,
Als Preis der sichern Rettung sich bedingend.
Die Mdchen aber sagen's ihr voll Freude zu.
Und sie tritt ein beim Knig, wo er schlief.
Geheimnisvolle Worte sprach sie aus
Und immer tiefer sinkt der Knig in den Schlaf.
Das bse Blut zu bannen, heit dem Herrn sie
Die Adern ffnen und auch das geschieht;
Er atmet leichter als man ihn verband
Und froh sind schon die Tchter der Genesung.
Da ging Medea fort, von dannen wie sie sagte,
Und auch die Tchter gehn, da jener schlief.
Mit eins ertnt Geschrei aus seiner Kammer,
Die Mdchen eilen hin und--grlich!  greulich!
Der Alte lag am Boden, wild verzerrt,
Gesprungen die Verbande seiner Adern,
In schwarzen Gssen strmend hin sein Blut.
Am Altar lag er, wo das Vlies gehangen,
Und das war fort.  Die aber ward gesehen,
Den goldnen Schmuck um ihre Schultern tragend,
Zur selben Stunde schreitend durch die Nacht.

Medea (dumpf vor sich hin).
Es war mein Lohn.
Mich schaudert, denk ich an des alten Mannes Wut!

Herold.
Damit nun solcher Greu'l nicht lnger whre
Und unser Land mit seinem Hauch vergifte,
So sprech ich aus hiemit den groen Bann
Ob Jason dem Thessalier, Aesons Sohn,
Geno einer Verruchten, selbst verrucht
Und treib ihn aus, kraft meines heil'gen Amts,
Aus, von der Griechen gottbetretnen Erde,
Und weis ihn in das Irrsal, in die Flucht,
Mit ihm sein Weib und seines Bettes Sprossen.
Kein Teil sei ihm am vaterlnd'schen Boden,
An vaterlnd'schen Gttern ihm kein Teil,
Kein Teil an Schutz und Recht des Griechenlandes.

(Nach den Himmelsgegenden.)

Verbannt Jason und Medea!
Medea und Jason verbannt!
Verbannt!
Jason und Medea!  Wer aber ihn beherbergt, ihn beschtzt,
Von hier nach dreien Tagen und drei Nchten,
Dem knd ich Tod, wenn es ein Einzelmann,
Und Krieg, wenn's eine Stadt, wenn es ein Knig!
So fgt's der Spruch der Amphiktyonen
Und so verknd ich es zu Recht,
Damit ein jeder wisse sich zu wahren.  Die Gtter und ihr Schutz in
dieses Haus!

(Er wendet sich zum Abgehen.)

Jason.
Was steht ihr da, ihr Mauern?  strzet ein,
Erspart die Mh' dem Knig, mich zu tten!

Knig.
Halt ein, o Herold, und vernimm noch dies!

(Zu Jason gewendet.)

Glaubst du, mich reute schon was ich gelobt?
Hielt' ich fr schuldig dich, und wrst du auch mein Sohn,
Ich gbe hin dich jenen, die dich suchen;
Doch du bist's nicht und so beschtz ich dich,
Bleib hier.  Wer aber wagt es Kreons Freund,
Fr dessen Unschuld er sein Wort verpfndet,--
Wer wagt es meinen Eidam anzutasten?
Ja Herold, meinen Eidam, meiner Tochter Gatten!
Was einst beschlossen ward in frhern Tagen,
In Tagen seines Glcks, ich fhr es aus
Jetzt da des Unglcks Wogen ihn umbranden.
Sie sei dein Weib, du bleibst bei deinem Vater.
Also vertret ich's vor den Amphiktyonen;
Und wer beschuldigt noch wen Kreon freisprach,
Freisprach durch seiner eignen Tochter Hand?  Das sag du jenen, die
dich hergesandt
Und in der Gtter Schutz sei nun entlassen.

(Der Herold geht.)

Doch diese, die die Wildnis ausgespieen,
Zu deinem, aller Frommen Untergang,
Sie, die die Greu'l verbt, der man dich zeiht,
Sie bann ich aus des Landes Grenzen fort
Und Tod ihr, trifft der Morgen sie noch hier.
Zieh hin aus meiner Vter frommen Stadt
Und reinige die Luft, die du verpestest!

Medea.
Das also wr's?  Mir glt' es, mir allein?
Ich aber sag euch, ich hab's nicht getan!

Knig.
Genug hast du verbt, seit er dich sah.
Hinweg aus meinem Haus, aus meiner Stadt.

Medea (zu Jason).
Und mu ich fort, nun wohl, so folge mir!
Gemeinsam wie die Schuld, sei auch die Strafe!
Weit noch den alten Spruch?  Allein soll keines sterben,
Ein Haus, ein Leib und ein Verderben!
Im Angesicht des Todes schwuren wir's;
Jetzt halt es, komm!

Jason.
Berhrst du mich?
La ab von mir, du meiner Tage Fluch!
Die mir geraubt mein Leben und mein Glck,
Die ich verabscheut, wie ich dich gesehn,
Nur tricht Liebe nannte meines Wesens Ringen!
Heb dich hinweg, zur Wildnis, deiner Wiege,
Zum blut'gen Volk, dem du gehrst und gleichst.
Doch vorher gib mir wieder was du nahmst
Gib Jason mir zurcke, Frevlerin!

Medea.
Zurck willst du den Jason?--Hier!--Hier nimm ihn!
Allein wer gibt Medeen mir, wer mich?
Hab ich dich aufgesucht in deiner Heimat?
Hab ich von deinem Vater dich gelockt?
Hab ich dir Liebe auf-, ja aufgedrungen?
Hab ich aus deinem Lande dich gerissen,
Dich preisgegeben Fremder Hohn und Spott?
Dich aufgereizt zu Freveln und Verbrechen?
Du nennst mich Frevlerin?--Weh mir!  ich bin's!
Doch wie hab ich gefrevelt und fr wen?
La diese mich mit gift'gem Ha verfolgen,
Vertreiben, tten, diese tun's mit Recht,
Denn ich bin ein entsetzlich, greulich Wesen,
Mir selbst ein Abgrund und ein Schreckensbild,
Die ganze Welt verwnsche mich, nur (du) nicht!
Du nicht, der Greuel Stifter, einz'ger Anla, du!
Weit du noch, wie ich deine Knie umfate,
Als du das blut'ge Vlies mir stehlen hieest:
Ich mich zu tten eher mich verma
Und du mit kaltem Hohne herrschtest: Nimm's!
Weit du, wie ich den Bruder hielt im Arm,
Der todesmatt von deinem grimmen Streich,
Bis er sich losri von der Schwester Brust
Und deinem Trotz entrinnend Tod in Wellen suchte?
Weit du?--Komm her zu mir!--Weich mir nicht aus!
Verbirg nicht hinter jene dich vor mir!

Jason

(vortretend).
Ich hasse, doch ich scheu dich nicht!

Medea.
So komm!

(Halblaut.)

Weit du?--Sieh mich nicht so verachtend an!--
Wie du den Tag vor deines Oheims Tod,
Da eben seine Tchter von mir gingen,
Die ratlos ich auf dein Gehei entlie,
Wie du zu mir in meine Kammer tratst
Und mit den Augen so in meine schauend,--
Als sh' ein Vorsatz, scheu in dir verborgen,
Nach seinesgleichen aus in meiner Brust--
Wie du da sagtest: Da zu mir sie kmen
Um Heilung fr des argen Vaters Krankheit,
Ich wollt' ihm einen Labetrank bereiten,
Der (ihn) auf immer heilen sollt' und (mich)!
Weit du?  Sieh mir ins Antlitz wenn du's wagst!

Jason.
Entsetzliche!  Was rasest du gen mich?
Machst mir zu Wesen meiner Trume Schatten,
Hltst mir mein Ich vor in des deinen Spiegel
Und rufst meine Gedanken wider mich?
Nichts wei ich, nichts von deinem Tun und Treiben,
Verhat war mir von Anfang her dein Wesen,
Verflucht hab ich den Tag, da ich dich sah,
Und Mitleid nur hielt mich an deiner Seite.
Nun aber sag ich mich auf ewig von dir los
Und fluche dir, wie alle Welt dir flucht.

Medea.
Nicht so, mein Gatte, mein Gemahl!

Jason.
Weg da!

Medea.
Als mir's mein greiser Vater drohte,
Versprachst du, nie mich zu verlassen.  Halt's!

Jason.
Selbst hast du das Versprechen dir verwirkt,
Ich gebe hin dich deines Vaters Fluch!

Medea.
Verhater komm!  Komm mein Gemahl!

Jason.
Zurck!

Medea.
In meinen Arm, so hast du's ja gewollt!

Jason.
Zurck!  Sieh hier mein Schwert!  Ich tte dich
Wenn du nicht weichst!

Medea (immer nher tretend).
Sto zu!  Sto zu!

Kreusa (zu Jason).
Halt ein!
La sie in Frieden ziehn!  Verletz sie nicht!

Medea.
Du auch hier?  weie, silberhelle Schlange?
O zische nicht mehr, zngle nicht so lieblich!
Du hast ja, was du wolltest, den Gemahl!
War's darum, da du dich so schmeichelnd wandst
Und deine Ringe schlangst um meinen Hals?
O htt' ich einen Dolch, ich wollte dich
Und deinen Vater, den gerechten Knig!
Darum sangst du so holde Weisen?
Darum gabst du mir Saitenspiel und Kleid?

(Ihren Mantel abreiend.)

Hinweg!  Fort mit den Gaben der Verruchten!

(Zu Jason.)

Sieh!  Wie ich diesen Mantel durch hier reie
Und einen Teil an meinen Busen drcke,
Den andern hin dir werfe vor die Fe,
Also zerrei ich meine Liebe, unsern Bund.
Was draus erfolgt, das werf ich dir zu, dir,
Dem Frevler an des Unglcks heil'gem Haupt.
Gebt meine Kinder mir und lat mich gehn!

Knig.
Die Kinder bleiben hier.

Medea.
Nicht bei der Mutter?

Knig.
Nicht bei der Frevlerin!

Medea (zu Jason).
So sagst auch du?

Jason.
Auch ich.

Medea (gegen die Tre).
So hrt ihr Kinder mich!

Knig.
Zurck!

Medea.
Allein gehn heit ihr mich?  Wohlan es sei!
Doch sag ich euch: bevor der Abend graut
Gebt ihr die Kinder mir.  Fr jetzt genug!
Du aber, die hier gleisend steht, und heuchelnd
In falscher Reinheit niedersieht auf mich,
Ich sage dir, du wirst die weien Hnde ringen,
Medeens Los beneiden gegen deins.

Jason.
Wagst du's?

Knig.
Hinweg.

Medea.
Ich geh doch komm ich wieder
Und hole das was mir, und bring was euch gebhrt.

Knig.
Was soll sie drohen uns ins Angesicht?
Wenn Worte nicht

(zu den Trabanten)

lat eure Lanzen sprechen!

Medea.
Zurck!  Wer wagt's Medeen anzurhren!
Merk auf die Stunde meines Scheidens, Knig
Du sahst noch keine schlimmre, glaube mir!
Gebt Raum!  Ich geh!  Die Rache nehm ich mit!

(Ab.)

Knig.
Die Strafe wenigstens, sie folget dir!

(Zu Kreusen.)


Du zittre nicht, wir schtzen dich vor ihr!

Kreusa.
Ich sinne nur, ob recht ist, was wir tun;
Denn tun wir recht, wer knnte dann uns schaden?

(Der Vorhang fllt.)




Dritter Aufzug

(Vorhof von Kreons Burg.  Im Hintergrunde der Eingang von der
Wohnung des Knigs; rechts an den Seitenwnden ein Sulengang zu
Medeens Aufenthalt fhrend.)
(Medea im Vorgrunde stehend, Gora weiter zurck mit einem Diener
des Knigs sprechend.)

Gora.
Sag du dem Knige:
Medea nehme Botschaft von Sklaven nicht,
Hab' er Werbung an sie,
Komm' er selbst,
Vielleicht hrt sie ihn.

(Der Diener ab.)

Gora (vortretend).
Sie meinen, du wrdest gehn,
Den Ha bezhmend und die Rache.
Die Trichten!
Oder wirst du es?  Wirst du's?
Fast glaub ich, du tust's,
Denn nicht Medea bist du mehr,
Des Kolcherknigs kniglicher Spro,
Der erfahrnen Mutter, erfahrnere Tochter;
Httest du sonst geduldet, getragen
So lange, bis jetzt?

Medea.
Hrt ihr's Gtter?  Geduldet!  getragen!  So lange!  bis jetzt!

Gora.
Ich riet dir zu weichen,
Da du noch weilen wolltest,
Verblendet, umgarnt;
Als noch nicht gefallen der Streich,
Den ich vorhersah, warnend dir zeigte:
Aber nun sag ich: bleib!
Sie sollen nicht lachen der Kolcherin,
Nicht spotten des Bluts meiner Knige,
Herausgeben die Kleinen,
Die Schlinge der gefllten Knigseiche;
Oder sterben, fallen,
In Grauen, in Nacht!--Wo hast du dein Gert?
Oder was beschlieest du?

Medea.
Erst meine Kinder will ich haben,--
Das andre findet sich.

Gora.
So gehst du denn?

Medea.
Ich wei es nicht.

Gora.
Lachen werden sie dein!

Medea.
Lachen?  Nein!

Gora.
Was also sinnest du?

Medea.
Ich gebe mir Mh', nichts zu wollen, zu denken.
ob dem schweigenden Abgrund
Brte die Nacht.

Gora.
Und wenn du flhest, wohin?

Medea (schmerzlich).
Wohin?  Wohin?

Gora.
Hier Lands ist nicht Raum fr uns,
Die Griechen, sie hassen, sie tten dich.

Medea.
Tten?  Sie mich?  Ich will sie tten, ich!

Gora.
Auch daheim in Kolchis wartet Gefahr.

Medea.
O Kolchis!  Kolchis!  O Vaterland!

Gora.
Du hast wohl gehrt, dir ward wohl Kunde,
Da dein Vater gestorben, bald darnach,
Als du Kolchis verlieest, dein Bruder fiel?
(Gestorben?) es klang anders, deucht' mir,
Da er den Schmerz anfassend wie ein Schwert,
Gen sich selber wtend, den Tod sich gab.

Medea.
Was trittst du in Bund mit meinen Feinden
Und ttest mich?

Gora.
Nun siehst du wohl.
Ich hab dir's gesagt, dich gewarnt.
Flieh die Fremden, sagt' ich dir
Vor allen aber ihn, der sie fhrt,
Den glattzngigen Heuchler, den Verrter.

Medea.
Den glattzngigen Heuchler, den Verrter!--
Sagtest du so?

Gora.
Wohl sagt' ich's.

Medea.
Und ich glaubte dir nicht?

Gora.
Glaubtest mir nicht und gingst ins Todesnetz
Das nun zusammenschlgt ber dir.

Medea.
Glattzngiger Heuchler!  Das ist das Wort.
Httest du so gesagt, ich htt's erkannt;
Aber du nanntest ihn: Feind und verhat und abscheulich,
Er aber war schn und freundlich und ich hat' ihn (nicht)!

Gora.
So liebst du ihn?

Medea.
Ich?  Ihn?
Ich ha ihn, verabscheu ihn,
Wie die Falschheit, den Verrat,
Wie das Entsetzlichste, wie mich!

Gora.
So straf ihn, triff ihn,
Rche den Vater, den Bruder,
Unser Vaterland, unsre Gtter,
Unsre Schmach, mich, dich!

Medea.
Erst meine Kinder will ich haben,
Das andre deckt die Nacht.--
Was glaubst du?  wenn er daherzg'
In feierlichem Brautgeleit
Mit ihr, die ich hasse,
Und vom Giebel des Hauses entgegen
Flg' ihm Medea zerschmettert, zerschellt.

Gora.
Der schnen Rache!

Medea.
Oder an Brautgemachs Schwelle
Lge sie tot in ihrem Blut,
Bei ihr die Kinder, Jasons Kinder, tot.

Gora.
Dich selber trifft deine Rache, nicht ihn.

Medea.
Ich wollt' er liebte mich,
Da ich mich tten knnte, ihm zur Qual!--
Oder (sie?) Die Falsche!  Die Reine!

Gora.
Nher triffst du schon!

Medea.
Still!  still!
Hinab, wo du herkamst, Gedanke,
Hinab in Schweigen, hinunter in Nacht!

(Sie verhllt sich.)

Gora.
Die andern alle, die mit ihm zogen
Den frevelnden Argonautenzug,
Alle haben sie, rchend, strafend,
Die vergeltenden Gtter erreicht,
Alle fielen in Tod und Schmach;
Er nur fehlt noch--und wie lang?
Tglich hr ich, emsig horchend
Hoch mich erlabend, wie sie fallen,
Fallen der Griechen strahlende Shne,
Die aus Kolchis, vom Raube gekehrt.
Den Orpheus erschlugen thrakische Weiber;
Hylas versank im Wellengrab;
Theseus, Pirithous stiegen hinab
In des Aides finstere Wohnung,
Der Schatten gewaltigem Herrn zu rauben
Die strahlende Gattin, Persephoneia,
Doch der fing sie und hlt sie gefangen
In ehernen Ketten, in ewiger Nacht.

Medea (rasch den Mantel vom Gesicht ziehend).
Weil sie kamen das Weib zu rauben?
Gut!  Gut!--So tat auch er, tat mehr noch!

Gora.
Dem Herakles, der sein Weib verlie,
Von anderer Liebe gelockt,
Sandte sie rchend ein leinen Gewand;
Als er das antat, sank er dahin
In Qual und Angst und Todesschmerz,
Denn sie hatt' es heimlich bestrichen
Mit argem Gift und schnellem Tod.
Hin sank er und des ta waldiger Rcken,
Sah ihn vergehn, in Flammen vergehn.

Medea.
Und sie selbst webt' es, das Gewand?
Das tdliche?

Gora.
Sie selbst!

Medea.
Sie selbst!

Gora.
Des Meleager rauhe Gewalt,
Des kaledonischen Eberbezwingers,
Ttet' Althea, die Mutter das Kind.

Medea.
Verlie sie der Gemahl?

Gora.
Er erschlug ihren Bruder.

Medea.
Der Gatte?

Gora.
Der Sohn!

Medea.
Und als sie's getan, starb sie?

Gora.
Sie lebt.

Medea.
Tat es und (lebt)!  Entsetzlich!--
So viel wei ich und so viel ist mir klar:
Unrecht erduld ich nicht ungestraft.
Aber (was) geschieht, wei ich nicht, will's nicht wissen!
Verdient hat er alles, das rgste verdient,
Aber--schwach ist der Mensch;
Billig gnnt man zur Reue Zeit!

Gora.
Reue?--Frag ihn selbst ob's ihn reut;
Denn dort naht er mit eilendem Schritt.

Medea.
Mit ihm der Knig, mein arger Feind
Der ihn verlockt, der ihn verfhrt.
Ihm entweich ich, nicht zhmt' ich den Ha!

(Geht rasch dem Hause zu.)

Aber will (er), will Jason mich sprechen,
So hei ihn treten zu mir ins Gemach,
Dort will ich reden zu ihm, nicht hier,
An der Seite des Manns, der mein Feind.
Sie nahen.  Fort!

(Ab ins Haus.)

Gora.
Da geht sie hin!
Ich aber soll reden mit dem Mann
Der mein Kind verderbt, der gemacht,
Da ich mein Haupt legen mu auf fremde Erde,
Des bittern Kummers Trnen verbergen mu,
Da nicht drber lacht fremder Mnner Mund.

(Der Knig und Jason kommen.)

Knig.
Was flieht uns deine Frau?  Das ntzt ihr nichts.

Gora.
So floh sie denn?  Sie ging.  Weil sie dich hat.

Knig.
Ruf sie heraus!

Gora.
Sie kommt nicht.

Knig.
Doch sie soll!

Gora.
Geh selbst hinein und sag ihr's, wenn du's wagst.

Knig.
Wo bin ich denn und (wer)?  da dieses Weib
In ihrer Wildheit mir zu trotzen wagt?
Die Magd frwahr das Bild der Frau, und beide
Das Bild des dunkeln Landes, das sie zeugte.
Noch einmal: ruf sie her!

Gora (auf Jason zeigend).
(Den) will sie sprechen
Und hat er Mut dazu, tret' er ins Haus.

Jason.
Verwegne geh!  mein Ha von Anfang her!
Und sag ihr, da sie komme, die dir gleicht.

Gora.
O gliche sie mir doch!  ihr trotztet nicht!
Doch sie wird's noch erkennen und dann weh euch!

Jason.
Ich will sie sprechen!

Gora.
Geh hinein.

Jason.
Das nicht!
Sie soll heraus!  und du geh hin und sag ihr's!

Gora.
Nun wohl ich geh, euch lnger nicht zu sehn,
Und sag ihr's an, doch kommt sie nicht, das wei ich,
Zu sehr fhlt sie die Krnkung und sich selbst.

(Ab ins Haus.)

Knig.
Nicht einen Tag duld ich sie in Korinth.
(Die) sprach nur aus, was jene finster brtet;
Allzu gefhrlich dnkt mir solche Nhe!
Auch deine Zweifel, hoff ich, sind besiegt.

Jason.
Verfahre, Herr, in deinem Richteramt!
Sie kann nicht lnger stehen neben mir,
So gehe sie; noch mild ist diese Strafe.
Denn wahrlich, minder schuldig doch als sie,
Trifft mich ein hrtres Los, ein schwerers.
Sie zieht hinaus in angeborne Wildnis,
Und wie ein Fllen, dem das Joch entnommen
Strebt sie hinfort in ungezhmten Trotz:
Ich aber mu hier still und ruhig weilen,
Belastet mit der Menschen Hohn und Spott,
Dumpf wiederkuend die verflone Zeit.

Knig.
Du wirst dich wieder heben, glaube mir's.
Dem Bogen gleich, der raschen Schwunges losschnellt
Und fliegend zu dem Ziele schickt den Pfeil,
Sobald entfernt was seinen Rcken beugte,
Wirst du erstarken, ist nur sie erst fern.

Jason.
Ich fhle nichts in mir, das solcher Hoffnung Brgschaft.
Verloren ist mein Name und mein Ruf,
Ich bin nur Jasons Schatten, nicht er selbst.

Knig.
Die Welt, mein Sohn, ist billiger, als du.
Des reifen Mannes Fehltritt ist Verbrechen,
Des Jnglings Fehltritt ein verfehlter Tritt,
Den man zurckzieht und ihn besser macht.
Was du in Kolchis tatst, ein rascher Knabe,
Vergessen ist's, zeigst du dich nun als Mann.

Jason.
Knnt' ich dir glauben, selig wr' ich dann!

Knig.
La sie erst fort sein und du sollst es sehn.
Hin vor's Gericht der Amphiktyonen
Tret ich fr dich, verfechte deine Sache
Und zeige, da nur sie es war, Medea,
Die das verbt, was man an dir verfolgt;
Da sie die Dunkle, sie die Frevlerin.
Gelset wird der Bannspruch, und wenn nicht,
Dann stehst du auf in deiner vollen Kraft,
Schwingst hoch das goldne Banner in die Luft,
Das du geholt vom uersten der Lnder,
Und stromweis' wird die Jugend Griechenlands
Um dich sich scharen gegen jedermann,
Um den Gereinigten, den Neuerhobnen,
Den starken Hort, des Vlieses mcht'gen Held.
Du hast es doch?

Jason.
Das Vlies?

Knig.
Jawohl!

Jason.
Ich nicht!

Knig.
Doch nahm's Medea mit aus Pelias' Haus.

Jason.
So hat denn sie's!

Knig.
Sie mu es geben, (mu).
Dir ist's der knft'gen Gre Unterpfand.
Du sollst mir gro noch werden, gro und stark,
Du meines alten Freundes einz'ger Sohn!
Es hat der Knig Kreon Macht und Gut,
Und gern teilt er's mit seinem Tochtermann.

Jason.
Auch meiner Vter Erbe fordr' ich dann,
Vom Sohn des Oheims, der mir's vorenthielt.
Ich bin nicht arm, wird alles mir zurck.

Knig.
Sie kommt, die uns noch strt, bald ist's getan.

(Medea kommt mit Gora aus dem Hause.)

Medea.
Was willst du mir?

Knig.
Die Diener, die ich sandte,
Du schicktest sie mit harten Worten fort
Und von mir selbst verlangtest du zu hren
Was ich geboten und was dir zu tun.

Medea.
So sag's.

Knig.
Nichts Fremdes, Neues knd ich dir.
Ich wiederhole nur den schon gesprochnen Bann
Und fge zu, da du (noch heute gehst.)

Medea.
Und warum heute noch?

Knig.
Die Drohungen,
Die du gesprochen gegen meine Tochter--
Denn die gen mich veracht ich allzusehr,--
Der wilde Sinn, den du nur erst gezeigt
Sie nennen mir gefhrlich deine Nhe
Und darum sollst du heute mir noch gehn.

Medea.
Gib mir die Kinder und ich tu's vielleicht.

Knig.
Du tust's (gewi).--Die Kinder aber bleiben!

Medea.
Wie, meine Kinder?  Doch, wem sag ich das?
Mit (dem) da la mich sprechen, mit dem Gatten!

Knig (zu Jason).
Tu's nicht!

Medea (zu Jason).
Ich bitte dicht

Jason.
Wohlan, es seit
Damit du siehst, da ich dein Wort nicht scheue.
La uns, o Knig, hren will ich sie.

Knig.
Ich tu es ungern; schlau ist sie und listig.

(Er geht.)

Medea.
So, er ist fort.  Kein Fremder strt uns mehr,
Kein Dritter drngt sich zwischen Mann und Weib;
Wir knnen reden, wie das Herz gebeut.
Und nun sag an mir, was du denkst?

Jason.
Du weit's.

Medea.
Ich wei wohl was du willst, nicht was du meinst.

Jason.
Das erstere gengt, denn es entscheidet.

Medea.
So soll ich gehen?

Jason.
Gehn!

Medea.
Noch heute?

Jason.
Heute!

Medea.
Das sagst du und stehst ruhig mir genber
Und Scham senkt nicht dein Aug' und rtet nicht die Stirn?

Jason.
Errten mt' ich, wenn ich anders sprche.

Medea.
Das ist recht gut und sprich nur immer so,
Wenn du vor andern dich entschuld'gen willst,
Doch mir genber la den eiteln Schein!

Jason.
Die Scheu vor Greueln nennst du eiteln Schein?
Verdammt hat dich die Welt, verdammt die Gtter,
Und so geb ich dich ihrem Urteil hin.
Denn wahrlich unverdient trifft es dich nicht!

Medea.
Wer ist der Fromme denn, mit dem ich spreche?
Ist das nicht Jason?  und der wr' so mild?
Du Milder, kamst du nicht nach Kolchis hin
Und warbst mit Blut um seines Knigs Kind?
Du Milder!  schlugst du meinen Bruder nicht?
Fiel nicht mein Vater dir, du Frommer, Milder?
Verlssest du das Weib nicht, das du stahlst
Du Milder, du Entsetzlicher, Verruchter!

Jason.
Du schmhest.  Das zu hren ziemt mir nicht.
Du weit nun was zu tun, und so leb wohl!

Medea.
Noch wei ich's nicht, drum bleibe, bis ich's wei.
Bleib!  Ruhig will ich sein.  Ruhig wie du.
Verbannung wird mir also?  und was dir?
Mich dnkt auch dich traf ja des Herolds Spruch?

Jason.
Sobald bekannt, da ich am Frevel rein
Am Tod des Oheims, lst der Bann sich auf.

Medea.
Und du lebst froh und ruhig frder dann?

Jason.
Ich lebe still, wie's Unglcksel'gen ziemt.

Medea.
Und ich?

Jason.
Du trgst das Los das du dir selbst bereitet.

Medea.
Das ich bereitet!  Du wrst also rein?

Jason.
Ich bin's!

Medea.
Und um den Tod des Oheims hast
Du nicht gebetet?

Jason.
Ihn befrdert nicht!

Medea.
Mich nicht versucht, ob ich's nicht ben wollte?

Jason.
Der erste Zorn spricht manches sprudelnd aus
Was reifer berdacht er nimmer bt.

Medea.
Einst klagtest du dich selber dessen an
Nun ist gefunden, der die Schuld dir trgt.

Jason.
Nicht der Gedanke wird bestraft, die Tat!

Medea

(rasch).
Ich aber tat es nicht!

Jason.
Wer sonst?

Medea.
Ich nicht!
Hr mein Gemahl und dann erst richte mich.
Als ich an die Pfoste trat,
Das Vlies zu holen,
Der Knig auf seinem Lager;
Da hr ich schreien; hingewendet
Seh ich den Mann vom Lager springen
Heulend, bumend sich umwindend.
Kommst du Bruder, schreit er,
Rache zu nehmen, Rache an mir!
Noch einmal sollst du sterben, noch einmal!
Und springt hin und fat nach mir,
In deren Hand das Vlies.
Ich erbebte und schrie auf
Zu den Gttern, die ich kenne.
Das Vlies hielt ich mir vor als Schild.
Da zuckt Wahnsinns Grinsen durch seine Zge,
Heulend fat er die Bande seiner Adern,
Sie brechen, in Gssen strmt hin sein Blut
Und als ich um mich schaue, entsetzt, erstarrt,
Liegt der Knig zu meinen Fen
Im eignen Blut gebadet,
Kalt und tot.

Jason.
Das sagst du mir, Zaub'rische!  Grliche?
Hebe dich weg von mir!  Fort!
Mir graut vor dir!  Da ich dich je gesehn!

Medea.
Du hast es ja gewut.  Das erstemal
Als du mich sahst, sahst mich in meinem Dienst.
Und doch verlangtest, strebtest du nach mir.

Jason.
Ein Jngling war ich, ein verwegner Tor
Der Mann verwirft was Knaben wohlgefllt.

Medea.
O schilt das goldne Jugendalter nicht!
Der Kopf ist rasch, allein das Herz ist gut!
O wrst du, der du warst, mir wre besser!
Nur einen Schritt komm in die schne Zeit,
Da wir in unsrer Jugend frischem Grnen
Uns fanden an des Phasis Blumenstrand.
Wie war dein Herz so offen und so klar
Das meine trber und in sich verschloner
Doch du drangst durch mit deinem milden Licht
Und hell erglnzte meiner Sinne Dunkel.
Da ward ich dein, da wardst du mein.  O Jason!
So ist dir ganz dahin, die schne Zeit,
So hat die Sorge dir fr Haus und Herd
Fr Ruf und Ruhm dir ganz gettet
Die schnen Blten von dem Jugendbaum?
O sieh, in Schmerz und Jammer, wie ich bin,
Denk ich noch oft der schnen Frhlingszeit
Und warme Lfte wehn mir draus herber.
War dir Medea damals lieb und wert
Wie ward sie dir denn grlich und abscheulich?
Du kanntest mich und suchtest dennoch mich,
Du nahmst mich wie ich war, behalt mich, wie ich bin!

Jason.
Der Dinge denkst du nicht, die seither sind geschehn!

Medea.
Entsetzlich sind sie, ja ich geb es zu,
Am Vater hab ich schlimm, am Bruder schlimm getan!
Und ich verdamme selber mich darob
Man strafe mich, ich will ja gerne ben,
Doch du sollst mich nicht strafen, Jason, du nicht!
Denn was ich tat, zu Liebe tat ich's dir.
Komm, la uns fliehn, vereint, mitsammen fliehn!
Es nehm' uns auf ein fernes Land!

Jason.
Und welches?
Wohin?

Medea.
Wohin?

Jason.
Du rasest und du schiltst mich,
Da ich mit dir nicht rase.  Es ist aus.
Die Gtter haben unsern Bund verflucht,
Als einen der mit Greueltat begann
Und in Verbrechen wuchs und Nahrung suchte.
La sein, da du den Knig nicht gettet;
Wer war dabei, wer sah's, wer glaubt dir?

Medea.
Du!

Jason.
Und wenn auch ich, was kann ich?  was vermag ich?
Drum la uns weichen dem Geschick, nicht trotzen!
Die Strafe nehme jedes bend hin,
Du, da du fliehst, wo du nicht bleiben kannst,
Ich, da ich bleibe, wo ich fliehen mchte.

Medea.
Den schwerem Teil hast du dir nicht erwhlt!

Jason.
So wr' es leicht, zu leben als ein Fremdling
In fremden Haus, von fremden Mitleids Gaben?

Medea.
Dnkt's dir so schwer, was whlst du nicht die Flucht?

Jason.
Wohin und wie?

Medea.
Einst warst du minder sorglich,
Als du nach Kolchis kamst, die Vaterstadt verlassend,
Und eitelm Ruhme nach durch ferne Lnder zogst.

Jason.
Ich bin nicht der ich war, die Kraft ist mir gebrochen,
Und in der Brust erstorben mir der Mut.
Das dank ich dir.  Erinnrung des Vergangnen
Liegt mir wie Blei auf meiner bangen Seele
Das Aug' kann ich nicht heben und das Herz.
Auch ist der Knabe Mann seit dem geworden,
Und nicht mehr kindisch mit den Blten spielend,
Greift er nach Frucht, nach Wirklichkeit, Bestand.
Die Kinder sind mir und kein Ort fr sie,
Besitztum mu ich meinen Enkeln werben.
Soll Jasons Stamm, wie trocknes Heidekraut,
Am Wege stehn, vom Wanderer getreten?
Hast du mich je geliebt, war ich dir wert,
So zeig es, da du mich mir selber gibst
Und mir ein Grab gnnst in der heim'schen Erde!

Medea.
Und auf der heimischen Erd' ein neues Ehebett?
Nicht so?

Jason.
Was soll das!

Medea.
Hab ich's nicht gehrt
Wie er Verwandt dich hie und Sohn und Eidam?
Kreusa locket dich, und darum bleibst du?
Nicht also?  Hab ich dich?

Jason.
Du hattest nie mich,
Und hast auch jetzt mich nicht.

Medea.
(So) willst du ben?
Und darum soll Medea fort von dir?
Stand ich denn nicht dabei, dabei in Trnen,
Wie du mit ihr vergangne Zeit durchgingst
Bei jedem Schritte stillstandst, s verweilend,
Zum Echo schwandest der Erinnerung?
Ich aber geh nicht, (nicht!)

Jason.
So ungerecht,
So hart und wild wie immer!

Medea.
Ungerecht?
So wnschest du sie nicht zum Weib?  Sag: Nein!

Jason.
Den Ort such ich, mein Haupt zur Ruh' zu legen;
Was sonst kommt wei ich nicht!

Medea.
Ich aber wei es,
Und denk es noch zu wehren, hilft ein Gott.

Jason.
Du kannst nicht ruhig sprechen, leb denn wohl.

(Er geht.)

Medea.
Jason!

Jason (umkehrend).
Was ist?

Medea.
Es ist das letztemal
Das letztemal vielleicht, da wir uns sprechen!

Jason.
So la uns scheiden ohne Ha und Groll.

Medea.
Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich?

Jason.
Ich mu.

Medea.
Du hast den Vater mir geraubt
Und raubst mir den Gemahl?

Jason.
Gezwungen nur.

Medea.
Mein Bruder fiel durch dich, du nahmst mir ihn,
Und fliehst mich?

Jason.
Wie er fiel, gleich unverschuldet.

Medea.
Mein Vaterland verlie ich, dir zu folgen.

Jason.
Dem eignen Willen folgtest du, nicht mir.
Htt's dich gereut, gern lie ich dich zurck!

Medea.
Die Welt verflucht um deinetwillen mich,
Ich selber hasse mich um deinetwillen,
Und du verlt mich?

Jason.
Ich verla dich nicht,
Ein hhrer Spruch treibt mich von dir hinweg.
Hast du dein Glck verloren, wo ist meins?
Nimm als Ersatz mein Elend fr das deine!

Medea.
Jason!

(Sie fllt auf die Knie.)

Jason.
Was ist?  Was willst du weiter?

Medea (aufstehend).
Nichts!
Es ist vorbei!--Verzeihet meine Vter,
Verzeiht mir Kolchis' stolze Gtter
Da ich mich selbst erniedriget und euch.
Das Letzte galt's.  Nun habt ihr mich!

(Jason wendet sich zu gehen.)

Medea.
Jason!

Jason.
Glaub nicht mich zu erweichen!

Medea.
Glaub nicht ich wollt' es.  Gib mir meine Kinder!

Jason.
Die Kinder?  Nimmermehr!

Medea.
Es sind die Meinen!

Jason.
Des Vaters Namen fgt man ihnen bei
Und Jasons Name soll nicht Wilde schmcken.
Hier in der Sitte Kreis erzieh ich sie.

Medea.
Gehhnt von Stiefgeschwistern?  Sie sind mein!

Jason.
Mach nicht, da sich mein Mitleid kehr' in Ha!
Sei ruhig, das nur mildert dein Geschick.

Medea.
Wohl denn, so will ich mich auf Bitten legen!--
Mein Gatte!--Nein, das bist du ja nicht mehr--
Geliebter!--Nein, das bist du nie gewesen--
Mann!--wrst du Mann und brchst dein heilig Wort--
Jason!--pfui!  das ist ein Verrtername--
Wie nenn ich dich?  Verruchter!--Milder!  Guter!
Gib meine Kinder mir und la mich gehn!

Jason.
Ich kann nicht, sagt' ich dir, ich kann es nicht.

Medea.
So hart?  Der Gattin nimmst du ihren Gatten,
Und weigerst nun der Mutter auch ihr Kind!

Jason.
Nun wohl, da du als billig mich erkennst,
Der Knaben einer ziehe denn mit dir!

Medea.
Nur einer?  Einer?

Jason.
Fordre nicht zuviel!
Das wen'ge fast verletzt schon meine Pflicht.

Medea.
Und welcher?

Jason.
Ihnen selbst, den Kindern sei die Wahl.
Und welcher will, den nimmst du mit dir fort

Medea.
O tausend Dank, du Gtiger, du Milder!
Der lgt frwahr, der dich Verrter nennt.

(Knig kommt.)

Jason.
O Knig komm!

Knig.
So ist es abgetan?

Jason.
Sie geht.  Der Kinder eines geb ich ihr.

(Zu einem, der mit dem Knige kam.)

Du eile, bring die Kleinen zu uns her!

Knig.
Was tust du?  Beide bleiben sie zurck!

Medea.
Was mir so wenig scheint, dnkt dir zuviel?
Die Gtter frchte, allzu strenger Mann!

Knig.
Die Gtter auch sind streng der Freveltat.

Medea.
Doch sehn sie auch was uns zur Tat gebracht.

Knig.
Des Herzens bses Trachten treibt zum Bsen.

Medea.
Was sonst zum beln treibt, zhlst du fr nichts?

Knig.
Ich richte selbst mich streng, drum kann ich's andre.

Medea.
Indem du Frevel strafst verbst du sie.

Jason.
Sie soll nicht sagen, da ich allzuhart,
Drum hab ich eins der Kinder ihr gewhrt,
In Leid und Not der Mutter lieber Trost.

(Kreusa kommt mit den Kindern.)

Kreusa.
Die Kinder fordert man, ward mir gesagt
Was will man denn, und was soll denn geschehn?
O sieh, sie lieben mich, nur erst gekommen,
Als ob wir jahrelang uns shn und kennten.
Mein mildes Wort, den Armen ungewohnt,
Gewann mir sie, wie mich ihr Unglck ihnen.

Knig.
Der Kinder eines soll der Mutter folgen.

Kreusa.
Verlassen uns?

Knig.
So ist's, so will's der Vater!

(Zu Medeen, die in sich versunken dagestanden ist.)

Die Kinder, sie sind hier, nun la sie whlen!

Medea.
Die Kinder!  Meine Kinder!  Ja, sie sind's!
Das einz'ge was mir bleibt auf dieser Erde.
Ihr Gtter, was ich schlimmes erst gedacht,
Verget es und lat sie mir beide, beide!
Dann will ich gehn und eure Gte preisen,
Verzeihen ihm und--nein (ihr) nicht!--(Ihm) auch nicht!
Hierher ihr Kinder, hier!--Was steht ihr dort
Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust?
O wtet ihr was sie mir angetan,
Bewaffnen wrdet ihr die kleinen Hnde,
Zu Krallen krmmen eure schwachen Finger,
Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berhrt.
Verlockst du meine Kinder?  La sie los!

Kreusa.
Unselig Weib, ich halte sie ja nicht.

Medea.
Nicht mit der Hand, doch hltst du, wie den Vater,
Sie mit dem heuchlerischen, falschen Blick.
Lachst du?  Du sollst noch weinen, sag ich dir!

Kreusa.
O strafen mich die Gtter, lacht' ich jetzt!

Knig.
Brich nicht in Zorn und Schmhung aus, o Weib
Tu ruhig was dir zukommt, oder geh!

Medea.
Du mahnest recht, o mein gerechter Knig
Nur nicht so gtig, scheint es, als gerecht.
Wie oder auch?  Nun ja, wohl beides gleich!
Ihr Kinder seht, man schickt die Mutter fort,
Weit ber Meer und Land, wer wei wohin?
Die gt'gen Menschen, euer Vater aber
Und der gerechte, gute Knig da,
Sie haben ihr erlaubt, von ihren Kindern,
Der Mutter von den Kindern eines, eins--
Ihr hohen Gtter hrt ihr's?  (Eines) nur!--
Mit sich zu nehmen auf die lange Fahrt.
Wer nun von beiden mich am meisten liebt,
Der komm' zu mir, denn beide drft ihr nicht.
Der andre mu zurck beim Vater bleiben
Und bei des falschen Mannes falscher Tochter!--
Hrt ihr?--Was zgert ihr?

Knig.
Sie wollen nicht!

Medea.
Das lgst du, falscher, ungerechter Knig!
Sie wollen, doch dein Kind hat sie verlockt!
Hrt ihr mich nicht?--Verruchte!  Grliche!
Der Mutter Fluch, des Vaters Ebenbild!

Jason.
Sie wollen nicht!

Medea.
La jene sich entfernen!
Die Kinder lieben mich, bin ich nicht Mutter?
Doch sie winkt ihnen zu und lockt sie ab.

Kreusa.
Ich trete weg, ist gleich dein Argwohn falsch.

Medea.
Nun kommt zu mir!--Zu mir!--Natterbrut!

(Sie geht einige Schritte auf sie zu; die Kinder fliehen zu Kreusen.)

Medea.
Sie fliehn mich!  Fliehn!

Knig.
Du siehst Medea nun,
Die Kinder wollen nicht, und also geh!

Medea.
Sie wollen nicht?  Die Kinder die Mutter nicht?
Es ist nicht wahr, unmglich!--
Ason, mein ltester, mein Liebling!
Sieh deine Mutter ruft dir, komm zu ihr!
Ich will nicht mehr rauh sein und hart
Du sollst mein Kostbarstes sein, mein einzigs Gut
Hre die Mutter!  Komm!--
Er wendet sich ab!  Er kommt nicht!
Undankbarer!  Ebenbild des Vaters!
Ihm hnlich in den falschen Zgen
Und mir verhat wie er!
Bleib zurck, ich kenne dich nicht!--
Aber du Absyrtus, Schmerzenssohn,
Mit dem Antlitz des beweinten Bruders,
Mild und sanft wie er,
Sieh deine Mutter liegt hier knieend
Und fleht zu dir.
La sie nicht bitten umsonst!
Komm zu mir, mein Absyrtus
Komm zur Mutter!--
Er zgert!--Auch du nicht?--
Wer gibt mir einen Dolch?
Ein Dolch fr mich und sie!

(Sie springt auf.)

Jason.
Dir selber dank es, da dein wildes Wesen
Die Kleinen abgewandt, zur Milde hin.
Der Kinder Ausspruch war der Gtter Spruch!
Und so geh hin, nie aber bleiben da.

Medea.
Ihr Kinder hrt mich!

Jason.
Sieh!  sie hren nicht!

Medea.
Kinder!

Knig (zu Kreusen).
Fhr sie ins Haus zurck
Nicht (hassen) sollen sie, die sie gebar.

(Kreusa mit den Kindern zum Abgang gewendet.)

Medea.
Sie fliehn, (meine) Kinder fliehn vor mir!

Knig (zu Jason).
Komm!  Das Notwendige beklagt man fruchtlos!

(Sie gehen.)

Medea.
Meine Kinder!  Kinder!

Gora (die hereingekommen ist).
Bezwinge dich
Gnne nicht deinen Feinden ihres Sieges Anblick!

Medea (die sich zur Erde wirft).
Ich bin besiegt, vernichtet, zertreten
Sie fliehn mich, fliehn!
Meine Kinder fliehn!

Gora (ber sie gebeugt).
Stirb nicht!

Medea.
La mich sterben!
Meine Kinder!

(Der Vorhang fllt.)




Vierter Aufzug

(Vorhof vor Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge.  Abenddmmerung.)
(Medea liegt hingestreckt auf die Stufen, die zu ihrer Wohnung
fhren.  Gora steht vor ihr.)

Gora.
Steh auf Medea und sprich!
Was liegst du da, starrst schweigend vor dich hin?
Steh auf und sprich!
Rate unserm Jammer!

Medea.
Kinder!  Kinder!

Gora.
Fort sollen wir, eh' dunkelt die Nacht,
Und schon senkt sich der Abend.
Auf!  Rste dich zur Flucht!
Sie kommen, sie tten uns!

Medea.
O meine Kinder!

Gora.
Steh auf, Unglckselige
Und tte mich nicht mit deinem Jammer!
Htt'st mir gefolgt, mich gehrt,
Wren wir daheim in Kolchis,
Die Deinen lebten, alles wr' gut.
Steh auf!  Was hilft Weinen?  Steh auf!

Medea (sich halb aufrichtend und nur mit den Knien auf den Stufen
liegend).
So kniet' ich, so lag ich,
So streckt' ich die Hnde aus,
Aus nach den Kindern und bat
Und flehte: Eines nur,
Ein einziges von meinen Kindern--
Gestorben wr' ich, mut' ich das zweite missen!--
Aber auch das eine nicht!--Keines kam.
Flchtend bargen sie sich im Scho der Feindin

(aufspringend)

(Er aber lachte drob und sie!)

Gora.
O des Jammers!  Des Wehs!

Medea.
Nennt ihr das Vergeltung, Gtter?
Liebend folgt' ich, das Weib dem Mann;
Starb mein Vater, hab (ich) ihn gettet?
Fiel mein Bruder, fiel er durch (mich)?
Beklagt hab ich sie, in Qualen beklagt.
Glhende Trnen go ich aus
Zum Trankopfer auf ihr fernes Grab.
Wo kein Ma ist, ist keine Vergeltung.

Gora.
Wie du die Deinen, verlassen sie dich!

Medea.
So will ich sie treffen, wie die Gtter mich!
Ungestraft sei kein Frevel auf der Erde,
Mir lat die Rache, Gtter!  ich fhre sie aus!

Gora.
Denk auf dein Heil, auf andres nicht!

Medea.
Und was hat dich denn so weich gemacht?
Schnaubtest erst Grimm, und nun so zagend?

Gora.
La mich!  Als ich die Kinder fliehn sah
Den Arm der Mutter, der Pflegerin,
Da erkannt' ich die Hand der Gtter,
Da brach mir das Herz,
Da sank mir der Mut.
Hab sie gewartet, gepflegt,
Sie meine Freude, mein Glck.
Die einz'gen reinen Kolcher sie,
An die ich wenden konnte
Die Liebe fr mein fernes Vaterland.
Du warst mir lngst entfremdet, lngst;
In ihnen sah ich Kolchis wieder,
Den Vater dein und deinen Bruder,
Mein Knigshaus und (dich,)
Wie du (warst), nicht wie du (bist.)
Hab sie gehtet, gepflegt,
Wie den Apfel meines Auges
Und nun--

Medea.
Lohnen sie dir, wie der Undank lohnt!

Gora.
Schilt nicht die Kinder, sie sind gut!

Medea.
Gut?  Und flohen die Mutter?
Gut?  Sie sind Jasons Kinder!
Ihm gleich an Gestalt, an Sinn,
Ihm gleich in meinem Ha.
Htt' ich sie hier, ihr Dasein in meiner Hand,
In dieser meiner ausgestreckten Hand,
Und ein Druck vermochte zu vernichten
All was sie sind und waren, was sie werden sein,--
Sieh her!--Jetzt wren sie nicht mehr!

Gora.
Oh, weh der Mutter, die die Kinder hat!

Medea.
Und was ist's auch mehr?  was mehr?
Bleiben sie hier beim Vater zurck,
Beim treulosen, schndlichen Vater,
Welches ist ihr Los?
Stiefgeschwister kommen,
Hhnen sie, spotten ihrer
Und ihrer Mutter,
Der Wilden aus Kolchis.
Sie aber, entweder dienen als Sklaven,
Oder der Ingrimm, am Herzen nagend,
Macht sie arg, sich selbst ein Greuel:
Denn wenn das Unglck dem Verbrechen folgt,
Folgt fter das Verbrechen noch dem Unglck.
Was ist's denn auch zu leben?
Ich wollt', mein Vater htte mich gettet,
Da ich noch klein war,
Noch nichts, wie jetzt, geduldet,
Noch nichts gedacht--wie jetzt.

Gora.
Was schauderst du?  was berdenkst du?

Medea.
Da ich fort mu, ist gewi
Minder aber noch, was sonst geschieht.
Denk ich des Unrechts, das ich erlitt,
Des Frevels, den man an mir verbt,
So entglht in Rache mein Herz
Und das Entsetzlichste ist mir das Nchste.--
Die Kinder liebt er, sieht er doch sein Ich,
Seinen Abgott, sein eignes Selbst
Zurckgespiegelt in ihren Zgen.
Er soll sie nicht haben, soll nicht!
(Ich) aber will sie nicht, die Verhaten!

Gora.
Komm mit hinein, was weilst du hier?

Medea.
Dann leer das ganze Haus und ausgestorben,
Verwstung brtend in den den Mauern,
Nichts lebend als Erinnerung und Schmerz.

Gora.
Bald nahen sie, die uns vertreiben.  Komm!

Medea.
Die Argonauten, sagtest du,
Sie fanden alle ein unselig Grab,
Die Strafe des Verrats, der Freveltat?

Gora.
So ist's und Jason findet es wohl auch.

Medea.
Er wird's, ich sage dir, er wird's!
Den Hylas schlang das Wassergrab hinab,
Den Theseus fing der Schatten dstrer Knig
Und wie hie sie, das Griechenweib,
Die eignes Blut am eignen Blut gercht?
Wie hie sie?  Sag.

Gora.
Ich wei nicht, was du meinst.

Medea.
Althea hie sie.

Gora.
Die den Sohn erschlug?

Medea.
Dieselbe, ja!  Wie kam's, erzhl mir das.

Gora.
Den Bruder schlug er ihr beim Jagen tot.

Medea.
Den Bruder nur, den Vater nicht dazu,
Sie nicht verlassen, nicht verstoen, nicht gehhnt
Und dennoch traf sie ihn zum Tod
Den grimmen Meleager ihren Sohn.
Althea hie sie,--war ein Griechenweib!--
Und als er tot?

Gora.
Hier endet die Geschichte.

Medea.
Sie endet!  Du hast recht der Tod beendet.

Gora.
Was ntzen Worte?

Medea.
Zweifelst an der Tat?
Sieh!  bei den hohen Gttern!  htt' er
Die Kinder (beide) mir gegeben--Nein!
Knnt' ich sie (nehmen), gb' er sie mir auch,
Knnt' ich sie lieben wie ich jetzt sie hasse,
Wr' etwas in der weiten Welt geblieben,
Das er mir nicht vergiftet, nicht zerstrt:
Vielleicht, da ich jetzt ginge, meine Rache
Den Gttern lassend; aber so nicht, nun nicht!
Man hat mich bs genannt, ich war es nicht:
Allein ich fhle, da man's werden kann.
Entsetzliches gestaltet sich in mir,
Ich schaudre--doch ich freu mich auch darob.
Wenn's nun vollendet ist, getan--

(ngstlich)

Gora!

Gora.
Was ist?

Medea.
Komm her!

Gora.
Warum?

Medea.
Zu mir!
Da lagen sie die beiden--und die Braut--
Blutend, tot.--Er daneben rauft sein Haar.
Entsetzlich, grlich!

Gora.
Um der Gtter willen!

Medea.
Ha, ha!  Erschrickst wohl gar?
Nur lose Worte sind es, die ich gebe,
Dem alten Wollen fehlt die alte Kraft.
Ja, wr' ich noch Medea, doch ich bin's nicht mehr!
O Jason!  Warum tatest du mir das?
Ich nahm dich auf, ich schtzte, liebte dich,
Was ich besa, ich gab es fr dich hin,
Warum verlssest und verstt du mich?
Was treibst du mir die guten Geister aus
Und fhrest Rachgedanken in mein Herz?
Mir Rachgedanken, ohne Kraft zur Rache!
Die Macht, die mir von meiner Mutter ward,
Der ernsten Kolcherfrstin Hekate,
Die mir zum Dienste dunkle Gtter band,
Versenkt hab ich sie, dir zulieb' versenkt,
Im finstern Scho der mtterlichen Erde.
Der schwarze Stab, der blutigrote Schleier,
Sie sind dahin und hilflos steh ich da,
Den Feinden, statt ein Schrecken, ein Gesptt!

Gora.
So sprich davon nicht, wenn du's nicht vermagst!

Medea.
Ich wei wohl, wo es liegt.
Da drauen an dem Strand der Meeresflut,
Dort hab ich's eingesargt und eingegraben,
Zwei Handvoll Erde weg--und es ist mein!
Allein im tiefsten Innern schaudr' ich auf
Denk ich daran und an das blut'ge Vlies.
Mir dnkt des Vaters und des Bruders Geist
Sie brten drob und lassen es nicht los.
Weit noch, wie er am Boden lag
Der greise Vater, weinend ob dem Sohn
Und fluchend seiner Tochter?  Jason aber
Schwang hoch das Vlies in grlichem Triumph.
Da schwor ich Rache, Rache dem Verrter,
Der erst die Meinen ttete, nun mich.
Htt' ich mein Blutgert, ich fhrt' es aus
Allein nicht wag ich es zu holen;
Denn sh' ich in des goldnen Zeichens Glut
Des Vaters Zge mir entgegenstarren,
Von Sinnen km' ich, glaube mir!

Gora.
Was also tust du?

Medea.
La sie kommen!
La sie mich tten, es ist aus!
Von hier nicht geh ich, aber sterben will ich,
Vielleicht stirbt er mir nach, von Reu' erwrgt.

Gora.
Der Knig naht, trag Sorge doch fr dich!

Medea.
Erarmt bin ich an Macht, was kann ich tun?
Will er zertreten mich?  er trete nur!

(Der Knig kommt.)

Knig.
Der Abend dmmert, deine Frist ist um!

Medea.
Ich wei.

Knig.
Bist du bereit zu gehn?

Medea.
Du spottest!
Wenn (nicht) bereit, mt' ich drum minder gehn?

Knig.
Mich freut, da ich dich so besonnen finde.
Du machst dir die Erinnrung minder herb
Und sicherst deinen Kindern groes Gut:
Sie drfen nennen, welche sie gebar.

Medea.
Sie drfen?  Wenn sie wollen, meinst du doch?

Knig.
Da sie es wollen, sei die Sorge mein.
Erziehen will ich sie zu knft'gen Helden,
Und einst, wer wei?  fhrt ihre Ritterfahrt
Sie hin nach Kolchis und die Mutter drcken sie,
Gealtert, wie an Jahren, so an Sinn,
Mit Kindesliebe an die Kindesbrust.

Medea.
Weh mir!

Knig.
Was ist dir?

Medea.
Ach, ein Rckfall nur
Und ein Vergessen dessen was geschah.
War dies zu sagen deines Kommens Grund
Wie, oder willst du andres noch von mir?

Knig.
Noch eins verga ich und das sag ich nun.
Von Schtzen nahm dein Gatte manches mit
Aus Jolkos fliehend nach des Oheims Tod.

Medea.
Im Hause liegt's verwahrt, geh hin und nimm's!

Knig.
Wohl ist das goldne Kleinod auch dabei,
Das Vlies, der Preis des Argonautenzugs?
Was wendest du dich ab und gehst?  Gib Antwort!
Ist es darunter?

Medea.
Nein.

Knig.
Wo ist es also?

Medea.
Ich wei es nicht.

Knig.
Du nahmst es aber fort
Aus Pelias' Haus; der Herold sagte so.

Medea.
Hat er's gesagt, so ist's auch wahr.

Knig.
Wo ist es?

Medea.
Ich wei es nicht.

Knig.
Glaub nicht uns zu betrgen!

Medea.
Wenn du mir's gibst, mein Leben zahl ich drum;
Htt' ich's, du stndest drohend nicht vor mir!

Knig.
Nahmst du's von Jolkos nicht mit dir?

Medea.
Ich nahm's.

Knig.
Und nun?

Medea.
Hab ich's nicht mehr.

Knig.
Wer sonst?

Medea.
Die Erde.

Knig.
Versteh ich dich?  das also wr' es, das?

(Zu seinen Begleitern.)

Bringt her was ich gebot.  Ihr wit es ja!

(Sie gehen ab.)

Denkst du zu tuschen uns mit Doppelsinn?
Die Erde hat es; nun versteh ich dich.
Schau nicht hinweg!  nach mir sieh her und hre!
Am Strand des Meers, wo ihr heut nacht gelagert,
Als einen Altar man auf mein Gehei
Dem Schatten Pelias' erbauen wollte,
Fand man--erbleichst du?--frisch im Grund vergraben--
Ein Kistchen, schwarz, mit seltsam fremden Zeichen.

(Die Kiste wird gebracht.)

Sieh zu, ob's dir gehrt?

Medea (drauf losstrzend).
Ja!  Mir gehrt es!--Mein!

Knig.
Ist drin das Vlies?

Medea.
Es ist.

Knig.
So gib's!

Medea.
Ich geb es!

Knig.
Fast reut das Mitleid mich, das ich dir schenkte,
Da hinterlistig du uns tuschen wolltest.

Medea.
Sei sicher, du erhltst, was dir gebhrt.
Medea bin ich wieder, Dank euch Gtter!

Knig.
Schlie auf und gib!

Medea.
Jetzt nicht.

Knig.
Wann sonst?

Medea.
Gar bald;
Zu bald!

Knig.
So send es zu Kreusen hin.

Medea.
Hin zu Kreusen!  Zu Kreusa?--Ja!

Knig.
Enthlt die Kiste andres noch?

Medea.
Gar manches!

Knig.
Dein Eigentum?

Medea.
Doch schenk ich auch davon!

Knig.
Dein Gut verlang ich nicht; behalt was dein!

Medea.
Nicht doch!  ein klein Geschenk erlaubst du mir!
Die Tochter dein war mir so mild und hold,
Sie wird die Mutter meiner Kinder sein,
Gern mcht' ich ihre Liebe mir gewinnen!
Das Vlies lockt (euch), vielleicht gefllt ihr Schmuck.

Knig.
Tu wie du willst, allein bedenk dich selbst.
Kreusa ist dir hold gesinnt, das glaube.
Nur erst bat sie, die Kinder dir zu senden,
Da du sie shest noch bevor du gehst
Und Abschied nhmest fr die lange Fahrt.
Ich schlug es ab, weil ich dich tobend glaubte,
Doch da du ruhig bist, sei dir's gewhrt.

Medea.
O tausend Dank, du gt'ger, frommer Frst!

Knig.
Bleib hier, die Kinder send ich dir heraus!

(Knig ab.)

Medea.
Er geht!  Er geht dahin in sein Verderben!
Verruchte, bebtet ihr denn schaudernd nicht
Als ihr das Letzte nahmt der frech Beraubten?
Doch Dank euch!  Dank!  Ihr gabt mir auch mich selbst.
Schlie auf die Kiste!

Gora.
Ich vermag es nicht.

Medea.
Verga ich doch, womit ich sie verschlo!
Den Schlssel halten Freunde, die ich kenne.

(Gegen die Kiste gewendet.)

Untres herauf
Obres hinab
ffne dich bergendes
Hllendes Grab!

(Die Kiste springt auf.)

Der Deckel springt.  Noch bin ich machtlos nicht!
Da liegt's!  Der Stab!  Der Schleier!  Mein!  Ah, mein!

(Es herausnehmend.)

Ich fasse dich, Vermchtnis meiner Mutter,
Und Kraft durchstrmt mein Herz und meinen Arm!
Ich werfe dich ums Haupt, geliebter Schleier!

(Sich einhllend.)

Wie warm, wie weich!  wie neu belebend!
Nun kommt, nun kommt, ihr Feindesscharen alle
Vereint gen mich!  Vereint in eurem Falle!

Gora.
Da unten blinkt es noch!

Medea.
La blinken, blinken!
Bald lischt der Glanz in Blut!
Hier sind sie, die Geschenke, die ich bringe.
Du aber sei die Botin meiner Huld!

Gora.
Ich?

Medea.
Du.  Du geh zur Knigstochter hin
Sprich sie mit holden Schmeichelworten an
Bring ihr Medeens Gru und was ich sende.

(Die Sachen aus der Kiste nehmend.)

Erst dies Gef; es birgt gar teure Salben,
Erglnzen wird die Braut, erffnet sie's!
Allein sei sorgsam, schttl' es nicht!

Gora.
Weh mir!

(Sie hat das Gef mit der Linken schief gefat.  Da sie mit der
Rechten untersttzend den Deckel fat, wird dieser etwas gehoben
und eine helle Flamme schlgt heraus.)

Medea.
Sagt' ich dir nicht, du sollst nicht schtteln!          Kehr in
dein Haus
Zngelnde Schlange
Bleibst nicht lange
Harre noch aus.  Nun halt es und mit Vorsicht sag ich dir!

Gora.
Mir ahnet Entsetzliches!

Medea.
Fngst an zu merken?  Ei was bist du klug!

Gora.
Und ich soll's tragen?

Medea.
Ja!  Gehorche Sklavin!
Wagst du zu widerreden?  Schweig!  Du sollst.  Du mut.
Hier auf die Schale weit gewlbt von Gold,
Setz ich das zierlich reiche Prachtgef.
Und drber deck ich, was so sehr sie lockt,
Das Vlies--

(Indem sie es darber wirft.)

Geh hin und tu was deines Amts!
Darber aber schlinge sich dies Tuch,
Mit reichem Saum, ein Mantel, kniglich,
Geheimnisvoll umhllend das Geheime.  Nun geh und tu wie ich es dir
befahl,
Bring das Geschenk, das Feind dem Feinde sendet.

(Eine Sklavin kommt mit den Kindern.)

Sklavin.
Die Kinder schickt mein kniglicher Herr,
Nach einer Stunde hol ich sie zurck.

Medea.
Sie kehren frh genug zum Hochzeitschmaus!
Geleite diese hier zu deiner Frstin,
Mit Botschaft geht sie, mit Geschenk von mir.  Du aber denke was
ich dir befahl!
Sprich nicht!  Ich will's!--Geleite sie zur Herrin.

(Gora und die Sklavin ab.)

Medea.
Begonnen ist's, doch noch vollendet nicht.
Leicht ist mir, seit mir deutlich, was ich will.

(Die Kinder, Hand in Hand, wollen der Sklavin folgen.)

Medea.
Wohin?

Knabe.
Ins Haus!

Medea.
Was sucht ihr drin im Haus?

Knabe.
Der Vater hie uns folgen jener dort.

Medea.
Die Mutter aber heit euch bleiben.  Bleibt!
Wenn ich bedenk, da es mein eigen Blut,
Das Kind, das ich im eignen Scho getragen,
Das ich genhrt an dieser meiner Brust,
Da es mein Selbst, das sich gen mich emprt,
So zieht der Grimm mir schneidend durch das Innre,
Und Blutgedanken bumen sich empor.--Was hat denn eure Mutter euch
getan,
Da ihr sie flieht, euch Fremden wendet zu?

Knabe.
Du willst uns wieder fhren auf dein Schiff
Wo's schwindlicht ist und schwl.  Wir bleiben da.
Gelt Bruder?

Kleine.
Ja.

Medea.
Auch du Absyrtus, du?
Allein es ist so besser, besser--ganz!
Kommt her zu mir!

Knabe.
Ich frchte mich.

Medea.
Komm her!

Knabe.
Tust du mir nichts?

Medea.
Glaubst?  httest du's verdient?

Knabe.
Einst warfst mich auf den Boden, weil dem Vater
Ich hnlich bin, allein er liebt mich drum.
Ich bleib bei ihm und bei der guten Frau!

Medea.
Du sollst zu ihr, zu deiner guten Frau!--
Wie er ihm hnlich sieht, ihm, dem Verrter
Wie er ihm hnlich spricht.  Geduld!  Geduld!

Kleinere.
Mich schlfert.

ltere.
La uns schlafen gehn 's ist spt.

Medea.
Ihr werdet schlafen noch euch zu Gengen.
Geht hin dort an die Stufen, lagert euch,
Indes ich mich berate mit mir selbst.---
 Wie er den Bruder sorgsam hingeleitet,
Das Oberkleid sich abzieht und dem Kleinen
Es warm umhllend um die Schulter legt,
Und nun, die kleinen Arme dicht verschlungen,
Sich hinlegt neben ihm.--Schlimm war er nie!---
 O Kinder!  Kinder!

Knabe (sich emporrichtend).
Willst du etwas?

Medea.
Schlaf nur!
Was gb' ich, knnt' ich schlafen so wie du.

(Der Knabe legt sich hin und schlft.  Medea setzt sich gegenber
auf eine Ruhebank.  Es ist nach und nach finster geworden.)

Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf,
Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend;
Dieselben heute, die sie gestern waren
Als wre alles heut, wie's gestern war;
Indes dazwischen doch so weite Kluft
Als zwischen Glck befestigt und Verderben:
So wandellos, sich gleich, ist die Natur
So wandelbar der Mensch und sein Geschick.  Wenn ich das Mrchen
meines Lebens mir erzhle,
Dnkt mir, ein andrer sprch', ich hrte zu,
Ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein!
Dieselbe, der du Mordgedanken leihst,
Lt du sie wandeln in dem Land der Vter,
Von ebendieser Sterne Schein beleuchtet,
So rein, so mild, so aller Schuld entblt
Als nur ein Kind am Busen seiner Mutter?
Wo geht sie hin?  Sie sucht des Armen Htte,
Dem ihres Vaters Jagd die Saat zerstampft
Und bringt ihm Gold und trstet den Betrbten.
Was sucht sie Waldespfade?  Ei sie eilt
Dem Bruder nach, der ihrer harrt im Forst,
Und nun, gefunden, wie zwei Zwillingssterne
Durchziehn sie strahlend die gewohnte Bahn.
Ein andrer naht, die Stirn mit Gold gekrnt;
Es ist ihr Vater, ist des Landes Knig.
Er legt die Hand ihr auf, ihr und dem Bruder
Und segnet sie, nennt sie sein Heil und Glck.
Willkommen holde, freundliche Gestalten
Sucht ihr mich heim in meiner Einsamkeit?
Kommt nher lat mich euch ins Antlitz sehn!
Du guter Bruder, lchelst du mir zu?
Wie bist du schn, du meiner Seele Glck.
Dein Vater zwar ist ernst, doch liebt er mich
Liebt seine gute Tochter!  Gut?  Ha gut!

(Aufspringend.)

's ist Lge!  Sie wird dich verraten Greis!
(Hat) dich verraten, dich und sich.
Du aber fluchtest ihr.
Ausgestoen sollst du sein,
Wie das Tier der Wildnis, sagtest du,
Kein Freund sei dir, keine Sttte
Wo du hinlegest dein Haupt.
Er aber, um den du mich verrtst,
Er selber wird mein Rcher sein,
Wird dich verlassen, verstoen
Tten dich.
Und sieh!  Dein Wort ist erfllt:
Ausgestoen steh ich da,
Gemieden wie das Tier der Wildnis,
Verlassen von ihm, um den ich dich verlie,
Ohne Ruhstatt, leider (nicht) tot,
Mordgedanken im dstern Sinn.
Freust du dich der Rache?
Nahst du mir?--Kinder!  Kinder!

(Hineilend und sie rttelnd.)

Kinder hrt ihr nicht?  Steht auf.

Knabe

(aufwachend).
Was willst du?

Medea

(zu ihnen hingeschmiegt).
Schlingt die Arme um mich her!

Knabe.
Ich schlief so sanft!

Medea.
Wie knnt ihr schlafen?  schlafen?
Glaubt ihr weil eure Mutter wacht bei euch?
In schlimmern Feindes Hand wart ihr noch nie!
Wie knnt ihr schlafen hier in meiner Nhe?
Geht da hinein, da drinnen mgt ihr ruhn!

(Die Kinder gehen in den Sulengang.)

So, sie sind fort!  Nun ist mir wieder wohl!--Und weil sie fort;
was ist wohl besser drum?
Mu ich drum minder fliehn, noch heute fliehn?
Sie hier zurck bei meinen Feinden lassend?
Ist minder drum ihr Vater ein Verrter?
Hlt minder Hochzeit drum die neue Braut?  Morgen wenn die Sonne
aufgeht,
Steh ich schon allein,
Die Welt eine leere Wste,
Ohne Kinder, ohne Gemahl
Auf blutig geritzten Fen
Wandernd ins Elend.--Wohin?
Sie aber freuen sich hier und lachen mein!
Meine Kinder am Halse der Fremden
Mir entfremdet, auf ewig fern.
Duldest du das?
Ist's nicht schon zu spt?
Zu spt zum Verzeihn?
Hat sie nicht schon, Kreusa, das Kleid,
Und den Becher, den flammenden Becher?
--Horch!--Noch nicht!--Aber bald wird's erschallen
Von Jammergeschrei in der Knigsburg.
Sie kommen, sie tten mich!
Schonen auch der Kleinen nicht.
Horch!  jetzt rief's!--Helle zuckt empor!
Es ist geschehn!
Kein Rcktritt mehr!
Ganz sei es vollbracht!  Fort!

(Gora strzt aus dem Palaste.)

Gora.
O Greu'l!  Entsetzen!

Medea

(ihr entgegen).
Ist's geschehen?

Gora.
Weh!  Kreusa tot!  Flammend der Palast.

Medea.
Bist du dahin, weie Braut?
Verlockst du mir noch meine Kinder?
Lockst du sie?  lockst du sie?
Willst du sie haben auch dort?
Nicht dir, den Gttern send ich sie!

Gora.
Was hast du getan?  Man kommt!

Medea.
Kommt man?  Zu spt!

(Sie eilt in den Sulengang.)

Gora.
Weh mir!  Noch in meines Alters Tagen
Mut' ich unbewut dienen, so schwarzem Werk!
Rache riet ich selbst; doch solche Rache!
Aber wo sind die Kinder?  hier lie ich sie!
Medea, wo bist du?  Deine Kinder, wo?

(Eilt in den Sulengang.)

(Der Palast im Hintergrunde fngt an sich von einer innen
aufsteigenden Flamme zu erleuchten.)

Jasons Stimme.
Kreusa!  Kreusa!

Knig (von innen).
Meine Tochter!

Gora (strzt auer sich aus dem Sulengange heraus und fllt in der
Mitte des Theaters auf die Knie, sich das Gesicht mit den Hnden
verhllend).
Was hab ich gesehn?--Entsetzen!

(Medea tritt aus dem Sulengange, in der Linken einen Dolch, mit
der rechten, hocherhobenen Hand Stillschweigen gebietend.)

(Der Vorhang fllt.)




Fnfter Aufzug

(Vorhof von Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge.  Die Wohnung des
Knigs im Hintergrunde ausgebrannt und noch rauchend.  Mannigfach
beschftigtes Volk fllt den Schauplatz.  Morgendmmerung.)
(Der Knig schleppt Gora aus dem Palaste.  Mehrere Dienerinnen
Kreusas hinter ihm her.)

Knig.
Heraus mit dir!  Du warst's, die meiner Tochter
Das Blutgeschenk gebracht, das sie verdarb!
O Tochter!  O Kreusa, du mein Kind!

(Gegen die Dienerinnen.)

Die war's?

Gora.
Ich war's.  Unbewut
Trug ich den Tod in dein Haus.

Knig.
Unbewut?
O glaube nicht, der Strafe zu entgehn!

Gora.
Meinst du, mich schrecket deine Strafe?
Ich hab gesehn mit diesen meinen Augen
Die Kinder liegen tot in ihrem Blut,
Erwrgt von der, die sie gebar,
Von der, die ich erzog, Medea,
Seitdem dnkt Scherz mir jeder andre Greu'l!

Knig.
Kreusa!  Oh, mein Kind!  Du Reine!  Treue!--
Erbebte dir die Hand nicht, Ungeheuer?
Als du den Tod hintrugst in ihre Nhe.

Gora.
Um deine Tochter klag ich nicht.  Ihr ward ihr Recht!
Was griff sie nach des Unglcks letzter Habe?
Ich klag um meine Kinder, meine Lieben,
Die ich gesehn, von Mutterhnden tot.
Ich wollt', ihr lget allesamt im Grab
Mit dem Verrter, der sich Jason nennt,
Ich aber wr' in Kolchis mit der Tochter
Und ihren Kindern; htt' euch nie gesehn,
Nie eure Stadt, die Unheil trifft mit Recht.

Knig.
Du legst den Trotz wohl ab, wenn ich dich treffe!
Allein ist's auch gewi, da tot mein Kind?
So viele sagen's; keine hat's gesehn!
Kann man dem Feuer nicht entrinnen?
Wchst Flamme denn so schnell?  Nur langsam,
Nur zgernd kriecht sie an den Sparren fort.
Wer wei das nicht?  Und dennoch wr' sie tot?
Stand erst so blhend, lebend vor mir da,
Und wr' nun tot?  Ich kann's, ich darf's nicht glauben!
Die Augen wend ich unwillkrlich hin
Und immer glaub ich, jetzt und jetzt und jetzt
Mu sie sich zeigen, wei in ihrer Schnheit
Herniedergleitend durch die schwarzen Trmmer.
Wer war dabei?  Wer sah es?--Du?--So sprich!
Dreh nicht die Augen so im Kopf herum!
Mit Worten tte mich!--Ist sie dahin?

Magd.
Dahin!

Knig.
Du sahst's?

Magd.
Ich sah's.  Sah wie die Flamme,
Hervor sich wlzend aus dem Goldgef,
Nach ihr--

Knig.
Genug!--Sie sah's!--Sie ist nicht mehr!
Kreusa!  O mein Kind!  O meine Tochter!--
Einst--noch als Kind--verbrannte sie die Hand
Am Opferherd und qualvoll schrie sie auf.
Hin strz ich, fasse sie in meinen Arm
Die heien Finger mit den Lippen hauchend.
Da lchelt sie, trotz ihren bittern Trnen
Und leise schluchzend spricht sie: 's ist nicht viel
Was tut der Schmerz?  Nur brennen, (brennen) nicht!
Und nun--

(Zu Gora.)

Wenn ich das Schwert hier zwanzigmal
Dir sto in deinen Leib--was ist's dagegen?
Und wenn ich sie, die Grliche!--Wo ist sie,
Die mir mein Kind geraubt?
ich schttle dir
Die Antwort mit der Seel' aus deinem Mund
Wenn du mir nicht gestehst: wo ist sie hin?

Gora.
Ich wei es nicht und mag es auch nicht wissen!
Geh' unbegleitet sie in ihr Verderben.
Was weilt ihr?  Ttet mich!  Ich mag nicht leben!

Knig.
Das findet sich; doch eher noch gestehst du!

Jason

(hinter der Szene).
Wo ist sie?  Gebt sie mir heraus!  Medea

(mit dem bloen Schwerte in der Hand auftretend)

Man sagt mir, sie ward eingeholt!  Wo ist sie?
Du hier?  Und wo ist deine Herrin?

Gora.
Fort!

Jason.
Hat sie die Kinder?

Gora.
Nein!

Jason.
So sind sie?--

Gora.
Tot!
Ja tot!  du heuchelnder Verrter!--Tot!
Sie wollte sie vor deinem Anschaun retten,
Und da dir nichts zu heilig auf der Erde
Hat sie hinabgeflchtet sie ins Grab.
Steh nur und starre nur den Boden an!
Du rufst es nicht herauf das liebe Paar.
Sie sind dahin und dessen freu ich mich!
Nein dessen nicht!--Doch da du drob verzweifelst
Des freu ich mich!--Du heuchelnder Verrter,
Hast du sie nicht dahin gebracht?  Und du,
Du falscher Knig, mit der Gleisnermiene?--
Habt ihr es nicht umstellt mit Jgernetzen
Des schndlichen Verrats, das edle Wild,
Bis ohne Ausweg, in Verzweiflungswut
Es, berspringend euer Garn, die Krone,
Des hohen Hauptes kniglichen Schmuck
Mibraucht zum Werkzeug ungewohnten Mords.
Ringt nur die Hnde, ringt sie ob euch selbst!

(Zum Knig.)

Dein Kind, was sucht' es einer andern Bett?

(Zu Jason.)

Was stahlst du sie, hast du sie nicht geliebt?
Und liebtest du sie, was verstt du sie?
Lat andre, (mich) lat ihre Tat verdammen
Euch beiden widerfuhr nur euer Recht.
Ihr spottet nun nicht mehr der Kolcherin.--
Ich mag nicht lnger leben auf der Erde
Zwei Kinder tot, das dritte hassenswert.
Fhrt mich nur fort und, wollt ihr, ttet mich.
Auf etwas (Jenseits) hoff ich nun gewi,
Hab ich gesehn doch, da Vergeltung ist.

(Sie geht ab von einigen begleitet.)

(Pause.)

Knig.
Tat ich ihr Unrecht--bei den hohen Gttern
Ich hab es nicht gewollt!--Nun hin zu jenen Trmmern,
Da wir die Reste suchen meines Kindes
Und sie bestatten in der Erde Scho.

(Zu Jason.)

Du aber geh, wohin dein Fu dich trgt.
Befleckter Nhe, merk ich, ist gefhrlich.
Htt' ich dich nie gesehn, dich nie genommen
Mit Freundestreue in mein gastlich Haus.
Du hast die Tochter mir genommen!  Geh
Da du nicht auch der Klage Trost mir nimmst!

Jason.
Du stt mich fort?

Knig.
Ich weise dich von mir.

Jason.
Was soll ich tun?

Knig.
Das wird ein Gott dir sagen!

Jason.
Wer leitet meinen Tritt?  Wer untersttzt mich?
Mein Haupt ist wund, verletzt von Brandes Fall!
Wie, alles schweigt?  Kein Fhrer, kein Geleitet?
Folgt niemand mir, dem einst so viele folgten?
Geht, Schatten meiner Kinder denn voran
Und leitet mich zum Grab, das meiner harrt.

(Er geht.)

Knig.
Nun auf, ans Werk!  Dann Trauer ewiglich!

(Nach der andern Seite ab.)

(Wilde, einsame Gegend von Wald und Felsen umschlossen, mit einer
Htte.  Der Landmann auftretend.)

Landmann.
Wie schn der Morgen aufsteigt.  Gt'ge Gtter!
Nach all den Strmen dieser finstern Nacht
Hebt eure Sonne sich in neuer Schnheit.

(Er geht in die Htte.)

(Jason kommt wankend, auf sein Schwert gesttzt.)

Jason.
Ich kann nicht weiter!  Weh!  Mein Haupt--es brennt--
Es glht das Blut--am Gaumen klebt die Zunge!
Ist niemand da?  Soll ich allein verschmachten?
Hier ist die Htte, die mir Obdach bot
Als ich, ein reicher Mann, ein reicher Vater
Hierherkam, neuerwachter Hoffnung voll!

(Anpochend.)

Nur einen Trunk!  Nur einen Ort zum Sterben!

(Der Landmann kommt heraus.)

Landmann.
Wer pocht?--Wer bist du Armer?  todesmatt?

Jason.
Nur Wasser!  Einen Trunk!--Ich bin der Jason!
Des Wunder-Vlieses Held!  Ein Frst!  Ein Knig!
Der Argonauten Fhrer Jason, ich!

Landmann.
Bist du der Jason?  so heb dich von hinnen.
Beflecke nicht mein Haus, da du's betrittst.
Hast meines Knigs Tochter du gettet
Nicht fordre Schutz vor seines Volkes Tr.

(Er geht hinein, die Tre schlieend.)

Jason.
Er geht und lt mich liegen hier am Weg!
Im Staub, getreten von des Wandrers Fen!
Dich ruf ich: Tod, fhr mich zu meinen Kindern!

(Er sinkt nieder.)

(Medea tritt hinter einem Felsenstck hervor und steht mit einemmal
vor ihm, das Vlies wie einen Mantel um ihre Schultern tragend.)

Medea.
Jason!

Jason

(halb emporgerichtet).
Wer ruft?--Ha!  seh ich recht?  Bist du's?
Entsetzliche!  Du trittst noch vor mich hin?
Mein Schwert!  Mein Schwert!

(Er will aufspringen, sinkt aber wieder zurck.)

O weh mir!  Meine Glieder
Versagen mir den Dienst!--Gebrochen!--Hin!

Medea.
La ab!  Du triffst mich nicht!  Ich bin ein Opfer
Fr eines andern Hand als fr die deine!

Jason.
Wo hast du meine Kinder?

Medea.
Meine sind's!

Jason.
Wo hast du sie?

Medea.
Sie sind an einem Ort
Wo ihnen besser ist, als mir und dir.

Jason.
Tot sind sie, tot!

Medea.
Dir scheint der Tod das Schlimmste;
Ich kenn ein noch viel rgres: elend sein.
Htt'st du das Leben hher nicht geachtet
Als es zu achten ist, uns wr' nun anders.
Drum tragen wir!  Den Kindern ist's erspart!

Jason.
Das sagst du und stehst ruhig?

Medea.
Ruhig?  Ruhig?
Wr' dir mein Busen nicht auch jetzt verschlossen,
Wie er dir's immer war, du shst den Schmerz
Der endlos wallend wie ein brandend Meer
Die einzeln Trmmer meines Leids verschlingt
Und sie, verhllt im Greuel der Verwstung,
Mit sich wlzt in das Unermeliche.
Nicht traur' ich, da die Kinder nicht mehr sind
Ich traure, da sie (waren) und da (wir) sind.

Jason.
O weh mir, weh!

Medea.
Du trage, was dich trifft,
Denn wahrlich, unverdient trifft es dich nicht!
Wie du vor mir liegst auf der nackten Erde,
So lag ich auch in Kolchis einst vor dir,
Und bat um Schonung, doch du schontest nicht!
Mit blindem Frevel griffst du nach den Losen,
Ob ich dir zurief gleich: du greifst den Tod.
So habe denn was trotzend du gewollt:
Den Tod.  Ich aber scheide jetzt von dir;
Auf immerdar.  Es ist das letztemal
In alle Ewigkeit das letztemal
Da ich zu dir nun rede mein Gemahl.
Leb wohl.  Nach all den Freuden frhrer Tage,
In all den Schmerzen, die uns jetzt umnachten,
Zu all dem Jammer, der noch knftig droht
Sag ich dir Lebewohl, mein Gatte.
Ein kummervolles Dasein bricht dir an,
Doch was auch kommen mag: Halt aus!
Und sei im Tragen strker als im Handeln.
Willst du im Schmerz vergehn, so denk an mich
Und trste dich an meinem grern Jammer,
Die ich getan, wo du nur unterlassen.
Ich geh hinweg, den ungeheuern Schmerz
Fort mit mir tragend in die weite Welt.
Ein Dolchsto wre Labsal, doch nicht so!
Medea soll nicht durch Medeen sterben,
Mein frhres Leben, eines bessern Richters
Macht es mich wrdig, als Medea ist.
Nach Delphi geh ich.  An des Gottes Altar
Von wo das Vlies einst Phryxus weggenommen
Hng ich, dem dunkeln Gott das Seine gebend,
Es auf, das selbst die Flamme nicht verletzt
Und das hervorging ganz und unversehrt
Aus der Korintherfrstin blut'gem Brande;
Dort stell ich mich den Priestern dar, sie fragend,
Ob sie mein Haupt zum Opfer nehmen an,
Ob sie mich senden in die ferne Wste
In lngerm Leben findend lngre Qual.
Erkennst das Zeichen du, um das du rangst?
Das dir ein Ruhm war und ein Glck dir schien?
Was ist der Erde Glck?--Ein Schatten!
Was ist der Erde Ruhm?--Ein Traum!
Du Armer!  der von Schatten du getrumt!
Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
Ich scheide nun, leb wohl, mein Gatte!
Die wir zum Unglck uns gefunden,
Im Unglck scheiden wir.  Leb wohl!

Jason.
Verwaist!  Allein!  O meine Kinder!

Medea.
Trage!

Jason.
Verloren!

Medea.
Dulde!

Jason.
Knnt' ich sterben!

Medea.
Be!
Ich geh und niemals sieht dein Aug' mich wieder!

(Indem sie sich zum Fortgehen wendet fllt der Vorhang.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das goldene Vlie, von
Franz Grillparzer.






End of the Project Gutenberg EBook of Das goldene Vliess, by Franz Grillparzer

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS ***

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