Project Gutenberg's Zur Freundlichen Erinnerung, by Oscar Maria Graf

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Zur Freundlichen Erinnerung

Author: Oscar Maria Graf

Posting Date: September 21, 2012 [EBook #7985]
Release Date: April, 2005
First Posted: June 9, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG ***




Produced by Eric Eldred, Marc D'Hooghe, Charles Franks,
and the Online Distributed Proofreading Team










ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG--ACHT ERZHLUNGEN

von

OSCAR MARIA GRAF







INHALT

Zwlf Jahre Zuchthaus.
Sinnlose Begebenheit.
Die Lunge.
Ohne Bleibe.
Etappe.
Michael Jrgert.
Ein dummer Mensch.
Ablauf.




ZWLF JAHRE ZUCHTHAUS


I.

Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe
zwanzigjhrigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als
blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er
erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein
fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs
devote Pnktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei
den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht,
aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal
gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange,
bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg
und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der
Grenze des Mimuts steht--so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch
dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht
gerade krftig, etwas vornbergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein
unfrmiger, zu groer Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas
angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren sa. Das lederne,
scharfe Gesicht machte einen berreizten Eindruck. Die tiefliegenden,
unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen derchen
durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe,
unregelmige Nase wie ein spitzer Hgel. Griesgrmig griff die
massige, verfaltete Stirne von einer Schlfenbucht zur andern.

Das Merkwrdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er
schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so
Hilfloses und Schchternes, da man den Eindruck des Mdchenhaften
nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geffnete kleine,
aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zhne gezeigt
htte. Kam noch hinzu ein ungewhnlich kurzes, fast in den Hals
gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn,
aus dem ein sprder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst htte
man buchstblich der Meinung sein knnen, nach dem Hals ginge der Mund
an.

Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt
genau ableben, htten ein sorgfltig gepflegtes Erinnerungsvermgen
und vergen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht.

Peter Windel hatte keine Erinnerung.

Schlielich, da man irgendwie zur Welt kommt, aufwchst und
allmhlich auf einen Namen hrt, dann, in der Schule, noch auf einen
zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; da es einem
schlecht oder besser geht, da man auf einem Gottesacker unter anderen
Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter
oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester
fallen hrt und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer
und Pfandbriefe zu sehen bekommt,--das erlebt so ziemlich jeder Mensch
auf die eine oder andere Weise.

Ein schepperndes Weckerluten. Es ist noch tiefste Nacht drauen, die
Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hrt auf den
weiten, berschneiten Straen nur seine eigenen Schritte knirschen.
Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Straenbahn,
dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, rgerliches
Pfrtnergesicht, her einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und
ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand,
--herumgezogen--und ratsch! ein ganzer Hauskolo surrt bebend
auf, die Riemen klatschen, chzen, es hmmert, feilt, quietscht,
kracht, klingt, braust--das wute Peter Windel seit ewiger Zeit.
Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Khle und
Dmmerung und etliche schchterne Vogeltriller beim Erwachen. Das
meiste der zwanzig Jahre--: Nchte ber technischen Bchern,
Sonntagnachmittage ber dem Zeichenblock und manchmal ein Zhlen des
ersparten Geldes. fters als wnschenswert Streitigkeiten, Znkereien
mit der halbtauben, beschrnkten Logisfrau knnen noch hinzugezhlt
werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte
nur Interessen.

Wenn nicht--

Und hier beginnt diese Geschichte.


II.

"Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate
keine Bettwsche gewechselt! Wenn das nicht aufhrt, ziehe ich!"
schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an.

Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das Gesichtzu
einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverstndliche
Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unertrglicher.

Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in den
Hof. Windel ri die Schranktre auf, nahm seinen Regenmantel, schob
die Frau beiseite und ging.

Vierzig Mark fr ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnffelte
nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Kche und
lispelte Gebete. Unreinlich war sie nur von Zeit zu Zeit. Man mute
sie dann grob anschreien.--

Auf der Treppe fiel Peter ein, da er "Die Elektrizitt als Nutzkraft"
vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurck. Immer noch
stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte.
Einen Augenblick ma sie Peter verrgert. Dann stampfte er mit dem Fu
auf den Boden.

"Herrgott nochmal!" stie er heraus, warf seinen Mantel hin, ri die
Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und warf
die ganze Wsche der Frau vor die Fe, samt dem schmutzigen Handtuch.
"Gehn Sie doch in die Kche mit Ihrem Lamentieren und legen Sie mir
die Bettwsche dann herein, ich mach's mir selber!" sagte er noch,
nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmi wtend die Tre
zu.

"Meine Lies' ... heut wird's das zweite Jahr!" wimmerte die Frau noch.
Und fiel wieder in ihr wimmerndes Weinen.--

Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie quer
auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen, eine
ziemlich groe Wunde auf der Stirn--reglos, steif.

Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote mute sich
in den hingeworfenen Bettchern mit den Fen verwickelt haben und
dann hingefallen sein.

Peter Windel stand und stand. Er fhlte das Brennen des angesteckten
Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war,
zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und lie es wieder
verglimmen. Stand und stand.

Pltzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, lie
die Tren offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und
totenbleich an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der
Polizeiwache. Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt
zurckkam, waren schon Leute aus den Tren gekommen und musterten ihn,
trippelten nach und blieben an der Eingangstre stehen mit gereckten
Hlsen, brummten, lispelten.

Der eine der Schutzleute schlo endlich die Tre. Man machte Licht in
Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei oder
drei schwarzen, verkohlten Streichholzkpfe auf ein Papier und sagte
zu Windel, der sulenstarr dastand: "Setzen Sie sich."

Der Arzt beugte sich her die Tote, ein Schutzmann prfte die
Waschtischkante. Der Arzt nickte.

"Setzen Sie sich!" sagte ein Schutzmann strenger.

Peter brach endlich in einen Stuhl.

Die drei lispelten in der Ecke.

Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben
die Tote.

Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite
stehen.

"Wann haben Sie die Frau verlassen?" fragte der Schutzmann und
notierte.

Fragte weiter, mit einer gewissen hmischen Herausforderung:

"Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt?"

"Nein."

"Wie lange wohnen Sie hier?"

"Und haben schon fters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?"

"Ja," sagte Peter.

"Und diesmal?"

"Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwsche mehr gab."

"Sie waren also grob zu ihr?"

"Ja."

Und noch, was er Gehalt htte, was er bezahlen msse fr Logis, ob die
Hullinger vielleicht eine grere Hinterlassenschaft in bar irgendwo
aufbewahrt, beziehungsweise ob ihm bekannt wre, in welchen Verhltnissen
die Hullinger gelebt habe.

Peter antwortete meistens mit Ja oder Nein. Seine Stimme klang
zerbrochen und schwer.

"Dann mu ich im Hotel schlafen ... Herr Schutzmann ... wenn die Leiche
hier liegenbleiben mu," sagte er endlich hilflos. Er hatte diese
Anordnung vom Arzt gehrt.

Da stand der Schutzmann selbstbewut auf, sagte: "Sie kommen mit!"-Alle
Menschen waren noch auf dem dunklen Hof, und entsetzte Blicke fielen auf
die Davongehenden.


III.

Wegen dringenden Verdachts, seine Logisfrau ermordet zu haben, wurde
Peter Windel in Untersuchungshaft genommen und in einer Einzelzelle
untergebracht. Vier hohe, glatte, mit kahler, graugrner lfarbe
gestrichene Wnde umgaben ihn von nun ab. Unter der Lichtluke stand
die hlzerne Pritsche, daneben der Abort. Auf dessen Deckel konnte man
bei den Mahlzeiten den Enapf oder die blecherne Wasserkanne stellen.

Die erste Nacht lehnte Peter schlaflos an der kalten Tr. Als die
Wrter in der Frhe aufschlossen, muten sie fest drcken, bis seine
steife Gestalt nachgab und endlich, als sie wtend fluchten, mechanisch
etliche Schritte in den Raum machte. Whrend die Wrter die Brotration
auf die Pritsche legten und den Kaffee in die blecherne Tasse gossen,
stand der Gefangene die ganze Zeit unbeweglich und zusammengeschrumpft
da. Sie achteten nicht weiter darauf und schlossen geruschvoll wieder
die Tr.--

Jetzt war Licht. Die Gefngnisuhr schlug sieben.

Peter schaute schchtern im Raum herum und begann zu gehen. Ging
stoisch die Wnde lang. Immer zehn Schritte der Lnge nach und zwlf
Schritte der Breite nach. Den ganzen Tag, ohne innezuhalten, wenn man
Essen oder Abendbrot brachte.--

Erst als das Licht beim Hereinbruch der zweiten Nacht verlosch, legte
er sich auf die Pritsche, zog die rauhe Decke her sich und schlief
wie immer. Jh erwachte er in der anderen Frhe. Es war stockdunkel.
Er griff in die Gegend des Abortes, als suche er etwas oder wolle
Licht anstecken und stie dabei so hastig an die Wand der Wasserkanne,
da dieselbe mit einem Knall auf den Boden fiel und klatschend die
Flssigkeit aus ihr peitschte. Erschreckt schwang sich Peter von der
Pritsche, hielt seine aufgeknpften Kleider raffend zusammen und
lauschte aufmerksam.--

Jetzt schlug es fnf. Er atmete auf und begann unsicher und vorsichtig
umherzutasten. Auf einmal fhlte er die Nsse an seinen Fen.

"Herrgott! Herrgott!" brummte er mrrisch und besann sich. Aber in
diesem Augenblick rkelte wer an der Tr. Ein Atmen wurde vernehmbar,
das Licht in der hohen Decke flammte auf und wieder standen die kahlen
Mauern ringsherum, das kleine Loch glotzte in den totenstillen Raum.

"Was machen Sie denn da?!... Sind Sie ruhig!" brllte der Wrter
drauen rgerlich. Peters Finger streckten sich und lieen von den
Kleidern. Seine Hose fiel langsam herab. Ein Zittern schttelte seinen
ganzen Krper.

"Es ist schon fnf Uhr vorbei, ich mu weg!" hauchte er gedmpft.
--Aber es war schon wieder dunkel. Und still.--

Erst nach einer Weile brachte Peter die Kraft auf, seine Hose
hochzuziehen, und tastete sich zur Pritsche, legte sich darauf. Sein
Herz schlug hrbar und mit jedem Uhrenschlag erregter. Um sechs Uhr
schwang er sich empor und blieb dann hlzern sitzen.

Das Licht griff endlich wieder von der hohen Decke in den Raum. Die
Tr ffnete sich unter dem Knarren der Schlssel. Ein Wrter stellte
das Frhstck herein und der andere an der Tr warf den Aufwischlumpen
her und beide brummten und schimpften wegen des Wasserumschttens,
hieen Peter aufwischen. Fast froh darber ergriff dieser den Lappen,
kniete hin und wollte alles mglichst in die Lnge ziehen. Aber die
Wrter zeterten und trieben zur Eile.

"Vorwrts! Vorwrts! Glauben Sie, wir sind zu Ihrer Unterhaltung da!
... Marsch! Marsch! ... So ... fertig!"

Sie rissen ihm den Lumpen aus der Hand und waren schon drauen. Wieder
wich die Tr in die Wand zurck. Die Schlssel knirschten. Das Guckloch
starrte wie ein grliches, ausgestochenes Auge in den kahlen Raum.

Peter kniete benommen da. Lange.

Es war still! Still!!

Frchterlich still!

Wie ein aufgescheuchtes Tier hob der Kniende pltzlich den Kopf,
schaute scheu um sich und sprang mit einem Satz an den Abort, hob den
Deckel und schlo ihn hastig wieder, hob und schlo.

Die Splung rauschte. Auf und zu klappte der Deckel. Es krachte,
rauschte. Immer hastiger, schneller, motorisch ri Peter auf und zu,
auf und zu, immerfort, immerzu, nur um die Stille nicht mehr zu hren,
hob und deckte zu, es rauschte, rauschte--bis der Wrter schrie:
"Sie!! ... Sie! Sind Sie verrckt geworden!!--Passen Sie auf! ... Man
ist schon mit anderen fertig geworden! ... Warten Sie, Sie!!"

So erschrocken war Peter, da er noch lange zitterte, dann ging er
hastig wieder die zehn und die zwlf Schritte. Den ganzen Tag.--

Viele, viele Tage, jedesmal um fnf Uhr frh, erwachte Peter so jh.
Immer griff er hinber zum Abortdeckel, wollte Licht anstecken, sprang
auf, brachte seine Kleider in Ordnung,--machte etliche Schritte, stie
an die kalte Tr und prallte zurck.

Neunzehnunddreiviertel Jahre gleichmiges Aufstehen lassen sich
schlielich nicht aus der Gewohnheit auslschen.

Um sechs Uhr pfiff es. Wenn er am Hebel stand undihn herumri, fing
der mchtige Kolo der Fabrik zu surren an, die Riemen klatschten,
quietschten, es krachte, bebte, hmmerte....

Peter war so mit dem Kopf an die Tr gestoen, da er taumelnd
zurckfiel, glatt auf den Boden und liegenblieb.--

Wo!? Wo war man denn? Wo denn! Wo!!?

Auf der Welt? In der Hlle? Tief in der Erde?--

Es war still!

Nirgends war man! Nirgends! Gar nirgends!

In einem Grab, in einem luftleeren, steinernen Sarg! In einer
fressenden Stille! Und durfte langsam, ganz langsam sterben. Niemand
wute, sah und hrte etwas. Es war still! Still!!--Still!!!

Doch--man hrte etwas, zeitweilig ein ganz fernes Klopfen, ein Kratzen
in den Wnden. Aus einer anderen Gruft vielleicht?!--Nein! Es waren
Holz--oder Mauerwrmer, die nagten, nagten, weil sie einen Kadaver
witterten.--

Die dann herabfielen wie Tropfen und langsam in den Leibbohrten,--nagten,
nagten und alles auffraen!--

Das Licht kam wieder. Peter Windel stand auf, ging zehn und zwlf
Schritte. Er a jetzt auch.--


IV.

Endlich nach fnfzehn Wochen Haft fand die Verhandlung gegen Peter
statt.

Stupid folgte der Gefangene den Wrtern durch lange Gnge, dann fhlte
er Luft und bekam Angst, atmete sparsam.

Und dann sa er in einem Saal, sah Gestalten, sah starre Augen und
hrte Redegerusche um sich herum und aus sich heraus.

Zuerst sa er da wie eine leblose Puppe. Dann, mit jedem gehrten
Wort, kam mehr und mehr das Leben in ihn. Sein Gesicht bewegte sich,
als ffne es sich aus einer Erstarrung--und dann lag ein Lcheln die
ganze Zeit auf seinen stoppeligen Falten und blieb.--

Die Dienstmagd vom Vorderhaus sagte aus. Einfach klangen ihre Worte.
Sie sprach nicht zu viel und nicht zu wenig.

Das Gerusch der Worte war erst undeutlich, dann wurde es klarer und
klang.--

Am fraglichen Sonntag nachmittags zwei Uhr vernahm diese Dienstmagd
ein Wimmern aus dem offenen Fenster des Windelschen Zimmers. Dem
folgte ein grobes, kurzes Schimpfen. Dann sah sie den Angeklagten auf
der Treppe, wie er pltzlich innehielt und wieder umkehrte. Und wieder
hrte sie das Wimmern, noch deutlicher sogar und ein wtenden Schimpfen,
dann einen Trzuschlag und Windel mit grimmigem Gesicht die Treppe
hinunterrennen.

Wie ruhig sie das sagte: "Und dann, gleich darauf, habe ich einen
dumpfen Knall und einen kurzen, nicht recht lauten Schrei, der eher
ein Sthnen war, gehrt und das Wimmern hat auf einmal aufgehrt. Ich
wei nicht mehr genau, war's gleich nach dem Trzuschlagen oder ein
wenig spter. Ich bin dann zu meiner Schwester gegangen, weil ich
Ausgang hatte.... Die Leute im Vorderhaus und im Hinterhaus? ... Ja
... soviel ich gesehen habe, die waren fast alle weggegangen ... schon
mittags.... Es war ja auch so schnes Wetter."

Peter Windel sa da und lauschte. Es klang!--

Er begann auf einmal langsam--dann aber stoweise zu schluchzen. Eine
Bewegung kam in den Saal. Eine Glocke lutete. Lauter rief wer!
Ja!--Ja! Das konnte der Vesperruf in der groen Halle sein! Das war
dasselbe, dnne, schrille Luten.--

Dann klangen wieder Stimmen hin und her.

Der Chef, die Arbeiter und Angestellten und die frhere Logisfrau
sagten gnstig ber den Angeklagten aus. Die letztere weinte sogar
buchstblich und sprach erregt, da der Staatsanwalt sich verpflichtet
fhlte, sie zu fragen, wie lange Windel sie kenne, ob er sie zuletzt
noch aufgesucht und ob sie zu ihm in nherer Beziehung gestanden habe.

Die dicke Frau wurde darob sehr schrill, schrie und es lutete
abermals. Peter Windel war wieder ruhig geworden und lchelte
wieder.--

Lchelte, trotz der furchtbaren Anklagerede des Staatsanwalts,
lchelte starr in den Raum, als der Rechtsanwalt redete und redete.--

Man fand keine Absicht in dieser Tat. Die Beweise waren zu mangelhaft.
Der Angeklagte war ein unbescholtener Mensch. Bis in die Schulzeit
hatten die eifrigen Nachforschungen der Behrden zurckgegriffen,
nichts lie auf einen jhzornigen, bswilligen Menschen schlieen,
sondern eher auf einen schchternen, scheuen, dem das Leben stark
mitgespielt hatte.--

"Alles, was die tote Frau Hullinger hinterlassen hat, fand man
unberhrt. Sie haben ein Zeugnis aus der weitaus berwiegenden
Mehrzahl der Aussagenden, da der Angeklagte nie zu einer solchen Tat
fhig sei. Wie kann man annehmen, da ein solcher Mensch wegen einer
geringfgigen Unreinlichkeit einfach eine alte Frau dermaen an den
Waschtisch wirft, da sie augenblicklich tot ist!" rief der Verteidiger.
Und viele nickten. Man hrte deutlich ein Aufatmen, als der Freispruch
bekanntgegeben wurde und sah aufgeheiterte, fast erlste Gesichter.--

Peter Windel war frei.

"Kommen Sie nur gleich wieder!" hatte sein Chef gesagt, als er ihm
beim Weggehen die Hand drckte. Und der Rechtsanwalt hatte einen Blick
wie ungefhr: "Na, das htten wir wieder durchgedrckt!"

Nach fnfzehn Wochen sprten Peters zgernde

Schritte wieder Straen, hrten seine Ohren Trambahnrattern, sahen
seine Augen Menschen, Farben, Fenster, und er wute selber nicht, wie
und weshalb er pltzlich an einen Schalter herantrat und sagte:
"Dritter Klasse! Ja!"

Er stieg auf den Zug und ging nicht in die Kupees. Eine Nacht lang
stand er auf dem eisernen, ratternden Vorplatz eines Wagens und
atmete.--

Der Wind pfiff. Der Zug sauste, ri die Luft auseinander, zog
vorbeifliegende Lichter in die Lnge, bohrte hemmungslos in eine
dunkle, ungewisse Ferne.

Keine Wand mehr, keine zehn und zwlf Schritte, kein Ende--das Toben
und Brausen wieder! Nur diesmal wie ein Flug durch einen unermelichen
Raum.--


V.

Aber--es ist nicht wahr! Man kann nichts wegtrinken, nichts vergessen
machen, nichts auslschen! Man trgt es mit sich wie ein unsichtbares
Schneckenhaus und zuletzt!?--

Es sind immer wieder die kahlen, glatten Mauern, die Tr mit dem
ausgestochenen Aug' in der Mitte, die zehn und zwlf Schritte....

Es klopft.--

Es kratzt in den Wnden. Die Wrmer nagen. Sie warten und fallen
pltzlich in einer Nacht wie schwere Tropfen herab, bohren sich ins
Fleisch, nagen--nagen.--

Peter Windel hatte eine wilde Flucht hinter sich. Durch Stdte und
Drfer war er gefahren, in Hotels und in Wirtschaften, in
Animierkneipen oder am Leib eines Weibes hatte er die Nchte
verbracht. Er trank, warf das Geld weg, a, sa in den Theatern und
den Kinos, in den Bars und Vergngungslokalen jeder Klasse.

Es war immer wieder die Stille, das Stockdunkle, das Grab!--

Er floh und kehrte endlich wieder zurck zu Jank, nahm die Arbeit
wieder auf und wurde ruhiger. Es trat die alte Regelmigkeit in sein
Leben. Ereignislos verliefen die Jahre. Er wurde alt. Gebckt ging er.

Der Chef nahm ihn in die Abteilung fr technische Angelegenheiten ins
Bureau. Da sa er nun jeden Tag auf seinem Drehstuhl und rechnete,
schlug das Buch zu, kam am ndern Tag wieder und rechnete.

Neben ihm sa das Schreibmaschinenfrulein, weiter am Fenster vorne
der Ingenieur und manchmal auch der Chef.

Jahre.--

Pltzlich an einem Nachmittag gegen drei Uhr warf Peter Windel die
Feder weg, ri sich fast soldatisch herum, ging an den Schreibtisch
des Ingenieurs und sagte mit hohler, kalter Stimme: "Die Sache
liegt vollkommen glatt. Fr den Verlust mache ich Sie keinesfalls
haftbar."

Steif stand er einen Augenblick vor dem verblfften Herrn und drehte
sich rasch um, rannte zur Tr und war weg.

Schon nach der Mittagspause hatte er sich den Hut unter den
Schreibtisch gelegt. Und jetzt war er froh, da kein ihm bekannter
Straenbahner den Wagen fhrte, in den er stieg.

Nach der fnften Haltestelle stieg er aus. Er war mitten in der Stadt.
"Das Urteil im Heinold-Proze! Zwlf Jahre Zuchthaus!" schrien die
Zeitungsverkufer und flatterten mit den Extrablttern herum.

Wichtige, gesprchige Gesichter tauchten auf, gedrngte Gruppen
stauten sich um die Anschlagssulen.

Peter bohrte seine Augen sphend in die staubige Luft. Nach einem
regen Ausschreiten blieb er auf einmal stehen, murmelte etliche Worte
heraus, drehte sich mechanisch herum und ging in den Blumenladen,
vor dem er jetzt stand. Nach einer langen Weile kam er mit einem
groen, auffallend schnen Rosenstrau heraus, und ein kaltes Lcheln
lag auf seinen strrischen Zgen.

"Lebenslnglich in einem Grab ... da schon lieber gleich weg," hatte
er gestern beim Treppenhinaufgehen gehrt, und dann sagte eine andere
Frau superklug: "Beantragt erst. Es hngt noch vom Gericht ab."

Heute war niemand im Treppenhaus. Auch die Wohnung war leer. Die
Logisfrau war wahrscheinlich zum Putzen gegangen und ihr Mann kam erst
gegen sieben Uhr abends von der Arbeit.

Peter ffnete rasch und schritt behend in sein Zimmer, legte behutsam
den Rosenstrau auf den Tisch und holte sich in der Kche warmes Wasser
zum Rasieren.--

Als er bereits im Gebrock vor dem Spiegel stand, berfiel ihn auf
einmal ein maloses Zittern, und eine Totenblsse berzog sein
Gesicht. Mit Gewalt straffte er seine Fe. Dann nahm er endlich den
Strau und verlie die Wohnung.

Es war schon dunkel, als er vor der Tr des Staatsanwalts Petersen
stand und lutete.

"Ich mchte gern ... wenn es erlaubt ist ... dem Herrn Staatsanwalt
diese Blumen bringen ... und--und gratulieren," stotterte er dem
Mdchen ins Gesicht. Das lie ihn ein und fhrte ihn in ein
Empfangszimmer. Nach ganz kurzer Zeit tat sich die Mitteltr auf, und
Peter stand vor dem Staatsanwalt. Einen Augenblick hatte der Mann eine
steinern ernste Miene, dann flossen alle Falten in ein Wohlwollen und
er lchelte geschmeichelt.

Mit vielen unbeholfenen Verbeugungen reichte ihm Peter den Rosenstrau
und stotterte devot: "Fr ... fr den auerordentlichen Eindruck, den
ich von Ihrer Anklagerede empfing ... nur eine kleine Erkenntlichkeit
meiner Wenigkeit, Herr ... Herr Staatsanwalt, Herr....!"

Der Staatsanwalt nahm ihm mit aller Freundlichkeit der Herablassung
den Strau aus der Hand, fhrte ihn an die Nase und sog in vollen
Zgen den Duft ein, hob den Kopf wieder, sagte: "Ah ...!" und drehte
sich lchelnd um, zur anderen Tr schreitend: "Das mu ich gleich
meiner Frau sagen...."

Jetzt, da er ihm den Rcken zugewendet hatte, rief Peter pltzlich mit
schneidender Hast: "Eins, zwei, drei! ... einen Augenblick ..." und er
lchelte, wie um sich zu besinnen ... "sind drei ... aber nein, nein!
Das stimmt nicht! ... Zehn und zwlf, verstehn Sie ... sind?"

Der Staatsanwalt hatte sich erschreckt umgedreht, stand unschlssig.
Peters Mund bewegte sich fieberhaft. Schaum stand auf seinen Lippen:
"Verstehn Sie ... zehn und zwlf Schritte! Den ganzen Tag! Den ganzen
Monat--ein Jahr--zwei!--drei!--vier--zwlf Jahre! Zwlf Jahre!!"

Und noch ehe der Staatsanwalt auf ihn zustrzen konnte, stie ihm
Peter mit aller Wucht sein feststehendes Messer in die Brust, da er
lautlos zusammenbrach und vornber hinfiel. Dumpf hallte es. Der
Krper warf sich etliche Male zuckend und blieb dann steif liegen.

Peters Mund ging auf und zu: "Zehn und zwlf Schritte--einen Tag,
einen Monat--ein Jahr--zwlf Jahre, zwlf----"

Die Tr ging auf. Hoch stand ihr Dunkel. Etwas Buntes, Weies
flimmerte dazwischen! Peter schrie in einem Schrei:

"Fr den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar,--Zwlf Jahre Grab!
Verstehn Sie ... Das ausgestochene Aug'! Die Wrmer! Zwlf Jahre ...
Verstehn Sie! Zwlf Jahre Nirgends! Nicht Hlle! Nicht Welt! Zehn und
zwlf Schritte ... die W--rmer!"....

Nach der irren Hast der ersten Worte spaltete sich die Stimme,
berschlug sich und klang zuletzt wie ein keuchendes, ersticktes
Sthnen. Jetzt hielt er inne.

Die hohen Tren standen offen da. Schwarz und dster. Gegen ihn
gerichtet wie drohende Rachen.

Die Gestalten und Gesichter waren fort. Es war still. Still!--Mit weit
aufgerissenen Augen starrte Peter in diese Leere. Sein Krper begann
zu schlottern, aber er ri sich zusammen. Er wich zurck. Sein Kopf
stie dumpf an den Fenstergriff. Erschrocken wandte er sich herum. Die
Helle brach her ihn. Er ffnete rasch.

Jetzt befiel ihn wieder das Zittern. Sein Gesicht verzerrte sich. Er
wollte umsehen und wagte es nicht. Seine Arme umklammerten das
Fensterkreuz.

Furchtbar schrie er: "Hilfe! Hi-ilfe!"

Er schwang sich pltzlich mit einem wilden Satz aufs Fenster und
sprang in die Tiefe.--




SINNLOSE BEGEBENHEIT


Um es ohne Umschweife zu sagen--: Michel Zll hatte heute einen guten
Tag.

Vorgestern, als er stumpfsinnig in der Wrmestube der Arbeitsvermittlung
sa und an dem nassen, verfilzten Zigarrenstummel saugte, den er auf dem
Hergang in der Frhe gefunden hatte, kam sein Weib herein und sagte zu
ihm: "Dein Alter ist gestorben ... Vom Elektrizittswerk haben sie
hergeschickt, da er auf der Strae umgefallen ist.--Schau nach!"

Es stimmte.

Jetzt lag der Tote unter der Erde.

"Ich komm schon!--Nachher!" sagte Michel zu seinem Weib nach dem
Begrbnis und schickte es heim, whrend er zur Logisfrau des
Verstorbenen ging.--

Wie oft hatte Michel es nicht gehrt, wenn Futritte auf ihn traten,
wenn er in eine Ecke flog, wenn die Fuste seines Vaters auf seinen
Kopf niedersausten oder eine Eisenstange, ein Teller, eine Brste:
"Knochen, verstockter!--Der Teufel soll mich kreuzweis' holen, wenn
ich dir einen Pfennig hinterla'! Ertrnkt sollte man dich im ersten
Bad haben, du Nichtsnutz!"

Mit sechszehn Jahren noch, als Michel schon im letzten Lehrjahr stand
und eigentlich keine Last mehr war, wollte der Alte den Jungen
wegrumen und bergo ihn beim Heimkommen mit siedendem Kartoffelwasser,
weil er das Vogelfutter fr den Kanarienvogel mitzubringen vergessen
hatte.

Michel mute damals ins Krankenhaus gebracht werden und sah zum
erstenmal, wie ein Bett aussah.

Es war schn in diesen hellen Rumen. Man sah viele fremde Menschen,
die allerhand erzhlten. Michel fate Mut da und ging nach seiner
Entlassung mit dem was er auf dem Leibe trug, auf die Wanderschaft,
schlug sich auf alle mgliche Art und Weise durchs Leben.

Mutter--?! Ein komischer Begriff!

Michel hatte noch so etwas wie eine abgemagerte Frau in einem Haufen
Lumpen im Gedchtnis. Ein Paar spindeldrre Arme wie Stcke. Und
Hsteln.

Und das, was er nun seit ungefhr zwei Jahren unausgesetzt ablebte:
Eben ein Zimmer voll Gerumpel, mit erstickender Luft und einem
Vogelbauer im staubigen Fenster.

Nur--da Michels Weib zwei Kinder hatte und hin und wieder zum Putzen
ging, da das jetzige Zimmer keinen Vogelbauer hatte, ein klein wenig
heller war, aber enger als das frhere.

Vor zwei Jahren war es etwas anders. Damals arbeitete Michel noch in
der Motorenfabrik. Es war guter Verdienst. Aber wie der Teufel sein
wollte, die Firma machte Bankrott, kam noch hinzu, da das damalige
Haus, in dem Michel mit Weib und Kindern in einer Zweizimmerwohnung
hauste, in ein Warenhaus umgewandelt wurde, und die Leute nach langem
Hin und Her auf die Strae gesetzt wurden.

Weshalb soviel Aufhebens machen! Die Entwicklung der Dinge lt sich
leicht denken. Die Hauptsache war immer: Man hatte zur Not ein Dach
her dem Kopf bekommen. Man wute, wo man hingehrte.--

Nun, es ist etwas Wahres dran an dem Sprichwort: "Wo die Not am
grten, ist Hilfe am nchsten."

Trotzdem der Verstorbene sich vielleicht geschworen haben mochte, nie
und nimmermehr fr Michel etwas zu hinterlassen, fiel dem Sohn jetzt
die ganze erraffte Habschaft des Alten zu.--

Es war erst fnf Uhr nachmittags. Michel konnte in aller Ruhe das
Zimmer des Verstorbenen durchstbern und alles mitnehmen. Er fand
auer baren fnftausend Mark einige Anzge, von denen er den besten
sogleich anzog, einen berzieher, den er ebenfalls umlegte, und
allerhand Gerumpel, das er dem Tndler Finsterhofer verkaufte.

Er war gut aufgelegt, der Michel, lachte und gab schlielich dem
drngenden Tndler auch das ganze andere Geschleppe, die brigen
Anzge und was da noch war.

Die Tasche voll Geld schritt er in die dmmernde Stadt.

"Ist doch gut, wenn man wei, wer einen auf die Welt gebracht hat,"
brummte er aufgeheitert und ging in eine der bekannten Wirtschaften
inder Bahnhofsnhe, um noch ein paar Glser zur Feier des Tages zu
trinken.

Es kam ihm merkwrdig vor, als er so unter den anderen Arbeitern,
Zuhltern, Herumlungerern und alten Huren sa.

Einige kannten ihn und maen ihn von der Seite.

"Hast das groe Los gezogen, Michel! He ... gibst was aus?" rief ihm
ein Tisch zu und in jedem Blick war ein konstatierendes Zwinkern.

Michel setzte sich. Es tat ihm wohl, da soviel Freundlichkeit ihn
umgab. Auf seinem Gesicht war sogar eine Art Gnnerhaftigkeit.

"Meinetweg'n ...," rief er und lachte, "trinkt. Mein Alter hat ins
Gras gebissen! Es kommt mir nicht drauf an....!"

Und die Gesichter um ihn zunten sich enger, fingen zu glnzen an.
Man trank sich kameradschaftlich zu.

"Erste Runde ... wer bezahlt!" schrie der martialische Kellner und
Ordnungsmann in den Tisch.

"Daher!" schrie Michel und griff in seine Hosentasche, zog die Scheine
heraus.

"Da gehn schon noch ein paar Runden, Michel?!" riefen mehrere.

"Kameradschaft bleibt Kameradschaft!" bekrftigte ein anderer.

Und Michel legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch: "Soviel soll
genug sein!"

Der Tisch war zufrieden, wurde laut, man brachte Bier und lie Michel
leben!

Dann stand Michel endlich auf. Einige wollten ihn noch halten,
bettelten. Aber ein paar andere mischten sich ein und riefen: "Nein
... richtig gesagt, sind wir zufrieden ... der Michel kommt wieder!"

Und jeder drckte Micheln die Hand.

"Ein kreuzguter Mensch!" hrte dieser noch, als er die Tr hinter sich
zuzog und seine Schritte eiliger straffte.

Die groen Bogenlampen leuchteten schon durch den nachtdurchwobenen
Nebel. Aus den Kaffeehusern griffen die Lichter, die Straenbahnen
flimmerten, surrten und luteten.

Michel stieg nicht ein. Er ging zufrieden dahin und lchelte manchmal.
Es schien, als wolle er noch einmal, ganz fr sich allein, das eben
zuteil gewordene Glck auskosten.

Er griff nach seinem Geld. Er griff hastiger. Nichts.

Seine Knie begannen zu schlottern, sein Herz stand jh still. Er griff
nochmal.

Das ganze Geld war weg. Man hatte es ihm gestohlen.

Er taumelte an eine Hauswand. Griff, suchte--suchte alle Taschen
durch, vorsichtig, zitternd, furchtbar.

Nichts mehr.

Einen Augenblick stand er starr.

Die Trambahn surrte vorbei. Ganz dnner Schnee fiel. Die Lichter
flimmerten. Es rauschte, rauschte--und war doch grauenhaft still. So
als ob alles wie ein flieendes Wasser leise um ihn herumflsse. Er
hrte es nicht und hrte es doch, hrte es wie ein verborgenes, leises
Kichern....

Der Schnee fiel. Michel bewegte sich nicht von der Stelle.

Lange.--

Endlich gab er sich einen Ruck, rannte in die Wirtschaft zurck, auf
den Tisch zu.

Es war keiner mehr da. Er fuhr den Ordnungsmann an. Fragte, flehte,
weinte. Vergebens.

In sich zusammengesunken verlie er die Wirtschaft. Machte sich auf
den Heimweg. Als er vor dem Haus stand, in dem er wohnte,--hielt er
inne. Er griff nochmal in alle Taschen.

Dann, als er die Treppen emporstieg, schien es, als htte sein Gang
wieder die gewhnliche Ruhe und Gleichgltigkeit, mit der er sonst
dahinschritt. Der Dunst des Zimmers schlug ihm tzend entgegen. Es war
still und dster. Die zwei Kinder lagen im Korb, in einem Berg von
Lumpen, und schliefen. Anna sa am Tisch, die Petroleumlampe flammte
rmlich und blulich her ihre Hnde.

Gleichgltig schaute das Weib vom Sockenstopfen auf und rief: "Hast
was gefunden?"

Michel schwieg, drehte sich umstndlich um und schlo die Tr. Dann,
seinem Weib wieder zugewendet, sagte er: "Zuwas stopfst' Socken? ...
Brauchst blo Licht."

"Hast denn solang braucht?" fragte Anna und fixierte nunmehr die
ungewohnte Kleidung ihres Mannes.

"Ja ...," sagte Michel und zog seinen berzieher aus, "ist eine schne
Strecke gewesen...."

"Ist ein schnes Stck Gewand," sagte Anna wieder, als Michel nher
ans Licht getreten war und sich auszuziehen begann, "sonst hat er also
nichts gehabt?"

Der Michel schnaubte ein paarmal auf. Dann rief er einsilbig: "Geh,
leg dich nieder ... fr uns wr's besser gewesen, man htt' uns im
ersten Bad ertrnkt ... leg dich nieder, Alte!"

Und plumpsig lie er sich ins Bett fallen, da die Federn knarzten.
Bald darauf lag auch Anna an seiner Seite.

Am ndern Tage trug Michel den berzieher aufs Leihamt und gab Anna
das Geld.

Wieder wie immer hockte er stumpfsinnig in der Wrmestube der
Arbeitsvermittlung.--




DIE LUNGE


Die Arbeiterin Manztter ist der Lungenschwindsucht erlegen. Sie war
eine stille, fleiige Person. Sie schaffte sich auch etwas.

Vor vier Jahren trat sie in die Zigarettenfabrik Zuccalisto ein.
Bauernmagd war sie vorher gewesen. Eine von den vielen, die die Stadt
anzog, der Verdienst und die Aussicht auf eine baldige, einigermaen
ertrgliche Ehe vielleicht.

Die Mnner auf dem Lande waren plump und bedacht auf offene manchmal
in den Stall, faten sie an der Brust, packten ihr Kinn, leckten ihre
Wangen. Ein rothaariger Knecht setzte ihr aufdringlich zu, stand und
stand berall und schlug einmal sinnlos auf sie ein. Daraufhin floh sie
in die Stadt.

Sie nderte sich nicht, sparte, arbeitete und war fromm ohne
Bigotterie. Noch immer las sie das Wochenblatt jedesmal aus und den
Roman und hielt sich auerdem "Die christliche Dienstmagd". Unter dem
vielen Gemisch von afrikanischen Missionsberichten, fand sie eines
Tages die Geschichte eines Farmers in Sdwestafrika, leis berhaucht
von friedlich-fleiigem Eheidyll.

Einem solchen sparte sie das Geld vielleicht.

Vierhundert Mark hatte sie schon auf der Sparkasse. Noch vielleicht
zwei Jahre oder lngstens drei und es wren tausend gewesen. Tausend
Mark!--

Das ist schlielich nur Angewohnheit, da man zur Vesper fr fnfzig
Pfennig Kse oder ein Stck Wurst haben mu mit Bier. Kaffee mit einer
Semmel geht auch oder Gerstenauflauf von Mittag. Machte schon wieder
zwanzig Pfennig weniger.--

Auerdem kann man sich wchentlich zweimal zu den berstunden melden.
Sind auch wieder drei Mark fnfzig Pfennig fr je eine Stunde. Man
macht jedesmal drei, sind zusammen wchentlich einundzwanzig Mark.
Eineinhalb Tagelohn mehr. Dann, wenn man heimkommt, ist's meistens
schon dunkel, man braucht kein Licht mehr, legt sich einfach gleich
ins Bett und schlft ein, hat gar keinen Hunger mehr.--

Zuletzt waren es schon sechshundert Mark. Sechshundert!

Und da kam die Lunge.

Und kurz darauf htte es eine allgemeine Aufbesserung gegeben, weil
die Zigarettenfabrik Zuccalisto fnfundvierzig Prozent Dividende
verteilen konnte dieses Jahr und auch was tun wollte fr ihre Arbeiter.




OHNE BLEIBE


Es war schneidend kalt.--

Der Schutzmann an der Ecke sah einem angeheiterten Doppelpaar
griegrmig nach und knurrte mrrisch.

Durch den Gedanken, da diese Leute nun in ihre warmen Stuben heimgingen
und vor dem Zubettgehen vielleicht noch heien Tee tranken und eine
Kleinigkeit zu sich nahmen, hatte er sich davon abbringen lassen, weiter
auf und ab zu gehen und seine durchfrorenen Beine durch zeitweiliges
Stampfen einigermaen warm zu erhalten. Jetzt stach die Klte doppelt
qulend in allen seinen Gliedern.

Er knirschte verdrossen, zog seinen Kopf noch tiefer in den
aufgestlpten, starren Mantelkragen, bog mit sichtlicher berwindung
die steifgewordenen Knie und ging wieder weiter.--

Die Stimmen der Sptlinge verschwammen mehr und mehr. Es wurde wieder
still. Wie ausgestorben dehnte sich das verlassene Geviert aus. Dster
und drckend ragten die Hauswnde empor. Der Schnee fiel dicht und
sehr ruhig.--

Mimutig schwenkte der Schutzmann in eine breitere Strae ein. Durch
die gleichmiger verteilte Schneeflche schien es hier heller und
weiter zu sein. Er blickte erleichtert in die weie Eintnigkeit. Eine
strichhaft hagere Gestalt kam auf ihn zu. Der Mann schien weder Kopf
noch Arme zu haben. Nur die Beine warf er mechanisch nach vorne wie
ein aufgezogenes Gespenst. Als er kaum noch fnf Schritte von ihm
entfernt war, hustete der Schutzmann sehr vernehmlich und hob sein
verrgertes Gesicht.

"Sie!" rief er dem Herankommenden gehssig laut entgegen und warf sich
in straffere Haltung.

Die Gestalt blieb stocksteif stehen. Nur der Frost schttelte sie.

"Haben Sie Papiere?" fragte der Schutzmann, noch einen Schritt
machend, und musterte den Mann.

Der rhrte sich nicht.

"Sie!!" brllte der Schutzmann wie fluchend und leuchtete dem Fremden
mit der Taschenlaterne entgegen. Alles an ihm war wieder in bester
dienstlicher Ordnung.

Ein harkiger, abgerissener, verdorrter Baumstamm oder eine arg
ramponierte Sule konnte es sein, was da im Lichtkreis stand. Raschen
Blicks berflog sie der Polizist.

"Ihre Papiere!--Sind Sie denn taub!" schrie er abermals, wtend ber
das Aufgehalten werden bei solcher Klte, und setzte schnell, wie
witternd hinzu: "Oder haben Sie keine?"

Der Fremde zog endlich seine erstarrte Hand aus der tiefen Hosentasche
und reichte ihm die schmutzigen, durchnten Ausweise.

"Karl Pruvik, Klempnergehilfe" stand auf der berleuchteten
Invalidenkarte. Herkunft, Geburts--und letzter Dienstort und Datum
waren verzeichnet. Abgestempelte Marken klebten auf der ersten Hlfte.

Der Schutzmann steckte das Papier unter den blauen Militrpa und
schlug diesen auf.

"Infanterist Pruvik, Karl.--14. Regiment" orientierte die erste Seite.

"Verwundet bei Luneville (Armschu rechts), desgleichen bei Tarnopol
(Knieschu links), verwundet bei Verdun (Schulterschu links)" war im
Anhang eingetragen, und so und soviele Gefechte und Schlachten erwhnte
das nchste Blatt.

Das Gesicht des Schutzmanns verlor mehr und mehr die stiere Hrte, hob
sich etwas hher aus dem Mantelkragen.

"Hm!--Auch Kriegsteilnehmer? ... Ohne Bleibe, was?" sagte er mit
zufriedener Ruhe und streckte dem regungslos Dastehenden die Papiere
him. Dessen Gestalt schwankte ein klein wenig nach vorne.

"Hundeklte das! Warten Sie, es geht schon!" rief da der Schutzmann
noch loyaler und steckte dem Mann die Papiere hilfsbereit in die
Rocktasche: "Ist ja noch nicht so spt. Noch alles offen in der Stadt.
Sie kommen sicher unter!"

"So," sagte er eben, als in nchster Nhe die Uhr zehn schlug. Einen
Augenblick horchte er auf, nickte und entfernte sich eilsamen
Schritts. Schon von weitem ersphte er die Ablsung.

Karl Pruvik ri sich fest zusammen und schritt wieder weiter.

Der Schnee fiel und fiel.

Nach einer langen Weile wurde es endlich etwas lichter. Menschen
stapften vorber. Grelle Autolaternen glotzten her einen freien
Platz. her einem mchtigen Sulenportal leuchteten gro die
Buchstaben "Schauspielhaus".

Vielleicht vom Licht angezogen verschnellerte Karl Pruvik unwillkrlich
seine Schritte, eilte geraden Wegs auf den Theaterausgang zu. Eben
strmte die Besucherschar aus den groen, glitzernden Toren. Er befand
sich im Nu mitten im dichtesten Gemeng und drngte sich vorwrts. Eine
warme Duftwelle schlug ihm entgegen, starkgeschminkte Gesichter tauchten
auf und seltsam khne Reflexe warf das grelle Licht auf glnzende,
rauschende Damentoiletten. berschnell schwirrten geschftige Stimmen
ineinander, Seidenrauschen, Lcheln, Autohupen und das fadendnne Zirpen
slicher Tonflle vermischten sich zu einem betubenden Gerusch.
"Einfach glnzend!" rief wer. "Rhrend, wie die Hohlmann spielt!--Nein,
einfach entzckend!" zwitscherte eine berhelle Stimme. "Huw, dieses
Schweinewetter!-Kommt schnell ins Auto!" lie sich zwischendurch vernehmen.
Und wieder: "Kritisch gewertet--: Eine Glanzleistung in Regie und Spiel!"
Dann das laute, aufdringliche Gekicher der Backfische: "Dieses herrliche
Rschenkleid, Mama!--Hast du gesehen,--den Sonnenschirm!--und das
Biedermeierkostm im dritten Akt? Entzckend!--Du Lilly, weit du was!
So gehen wir heuer im Fasching!--Gell Mammi! Gell!"

Es pltscherte fort und fort, oben, unten, berall. Abschiednehmen,
Handksse, Einladungen fr das morgige Festessen, Lachen, Autovor--und
Abfahren--alles wie ein flimmernder Hexentanz!--

Karl Pruvik war mittlerweile unbemerkt bis an das Eingangstor
gelangt. Noch eine geschickte Finte und er hatte fr heute nacht
ein Dach ber dem Kopf. Sein Herz schlug heftig. Es war wieder Leben
in seine froststarren Glieder gekommen. Behende glitt er an den
aufeinandergedrngten Gestalten vorbei und fhlte auf einmal Raum und
Wrme. Er lugte sphend nach dem betreten Portier, duckte sich mehr
noch zusammen, hielt den Atem an, arbeitete sich an der Wand entlang.

Im selben Augenblick aber stockte die Bewegung des Menschentrupps. Er
zerteilte sich und jh brachen die Reden ab. Durch eine glotzende
Gaffergasse hastete der Portier mit steinernem, finster drohendem
Gesicht auf ihn zu.

"Was suchen Sie denn da?--He! Sie! Sie!" schrie der Trhter. Karl
Pruvik zog wie ein gezchtigter Hund die Schultern hoch und verbarg
den Kopf vllig in seiner schlotternden Brust.

"Was Sie wollen, frag' ich!?" bellte der Portier hinter ihm und packte
ihn heftig am Arm, ri ihn zurck. Ohne Wort und ohne Abwehr lie sich
der Eingedrungene von dem belfernden Trhter und zwei inzwischen
herbeigeeilten Logendienern ins Freie schieben. "Hm, sowas?--Sich ins
Theater einzuschleichen!" sagte jemand von den Stehengebliebenen und
schttelte den Kopf. Der ins Stocken geratene Menschenhaufe bekam
wieder Bewegung und drngte sich durch den Ausgang. Die Tore schlossen
sich finster. Schwtzendtrabten die letzten Paare vorber.

Karl Pruvik stand zgernd und benommen im glitzernden Schneegeflock.
Einen Augenblick hatte es den Anschein, als straffe sich sein Krper,
als hole er zu einem Satz aus und wolle in die vorbeigleitenden,
duftenden, rauschenden, geschwtzigen Menschen springen, aber
schlielich torkelte er doch her die verschneite Freitreppe hinunter
und bog in die Seitengasse ein, die vom Theaterplatz abzweigte. Ein
letztes Auto surrte weg. Die Stimmen verloren sich in der Ferne. Die
erleichternde Helligkeit, die die Beleuchtung des Theaterpalastes nach
allen Seiten him verbreitet hatte, verlosch lautlos. Es war wieder
ringsherum die fahle, unwirkliche Dsternis der Winternacht.--

Karl Pruvik hob den Kopf hilflos. Eine knappe Wurfweite vor ihm ragte
etwas Schwarzes aus dem Schnee und bewegte sich wie schwebend von der
Stelle. Willenlos und ohne Grund folgte er der Erscheinung.

Lange ging er so.

Es mute schon tief nach Mitternacht sein. Trist ghnten die
menschenleeren Straen und Pltze.

Man stand am Rande des Stadtparkes. Die kerzengerade Gestalt verschwand
zwischen den Bumen.

In der aufgeworfenen Bahn der Spur schritt Karl Pruvik weiter. Es war
viel dunkler hier. Die schneebeladenen Baumste lasteten schwer herab.
Nur zeitweilig gab sich eine hellere, freiere Stelle und undeutlich
lieen sich eingemummte Bnke erkennen. Auf einer solchen hockte die
zusammengekauerte Gestalt nun, der er die ganze Zeit gefolgt war.
Stoisch lie sich Karl Pruvik neben ihr nieder und legte wie aus einer
pltzlichen Eingebung heraus seinen steifen Arm um nasse, scharfe
Schultern. Lahm schmiegten sich die beiden Krper aneinander. "Kalt,"
murmelte es kaum hrbar aus dem Kopf, der haltlos auf seine Brust
herabglitt.

"Kalt," brummte Pruvik ebenso leise und schlo seine Augen. Auch sein
Kopf sank herber auf das Genick des anderen.

Kein Schnee fiel mehr. Es war seltsam--: Jetzt, da man schonungslos
der Klte ausgeliefert war, wuteman nicht mehr, war's eine rasende
Hitze oder eine gnzliche Eisigkeit, was in den Gliedern brtete. Der
ganze Krper hatte das Gewicht verloren. Es schien als schwebe er
durch eine unsglich friedliche Stille.... Auf einmal drckte etwas
Hartes an den Arm, umklammerte, zerrte. Es schrie wie durch
Nebelschwaden, dann nher. Es rttelte strker. Das Geschrei schwoll.
Der Kopf' an der Brust bewegte sich stumm.

Karl Pruvik ffnete die Augen. Das grelle Licht einer Taschenlaterne
stach ihm ins Gesicht, blendete, schmerzte.

"He!--He! Was ist da!!" schrie ein Schutzmann, ri erregt am Arm.

"Was ist denn das! Auf! Auf!!"

Alles tat wieder weh. Die zerfrorenen Knochen rhrten sich, schmerzten,
als seien sie alle einzeln abgeschlagen und bewegten sich wie in einem
geplatzten Gipsverband klappernd von dannen.

Erst in der Stube der Polizeistation sah Karl Pruvik, da noch einer
neben ihm stand, genau so reglos und stumpf wie er. Auf den redeten
die zwei Schutzleute ein, fragten, schrien ihn an.

Endlich nach einer Weile schritt man durch eine Tr und das Licht war
aus den Augen. Die beiden lagen auf einer Pritsche, in warme Decken
gewickelt. Die Glieder bewegten sich ohne Schmerz. Wrme kam langsam.
Von Zeit zu Zeit berhrten sich Arm oder Fu.

Nach langer Zeit hrte Karl Pruvik wieder polternde Stimmen und kalte
Luft huschte her sein Gesicht. Die Pritsche knarrte und Schritte
dumpften. Eine Tr fiel zu. Jetzt war es leer neben ihm.--

Es fiel glseriges Tageslicht durch die vergitterte Luke, als er die
Augen ffnete.

Ein etwas ins Rundliche gehender Schutzmann mit gemtlichem, wohlig
gertetem Gesicht stand vor ihm und sagte in friedlichem Ba: "Sie
knnen sich wieder fertig machen. Es liegt nichts vor gegen Sie!"

Karl Pruvik hob seinen bermdeten Oberkrper auf der Pritsche.

"Haben Sie denn den andern gekannt?" fragte der Schutzmann.

Pruvik schttelte dumpf den Kopf.

"Hat ein paarmal eingebrochen," erzhlte der Polizist beilufig und
redete weiter: "Stehn Sie dann auf und kommen Sie. Sie knnen wieder
gehen."

Karl Pruvik sah ihn verstndnislos an.

"Eine harte Zeit jetzt--und hundekalt diesen Winter!" brummte der
Schutzmann und bat Pruvik abermals aufzustehen.

Der erhob sich endlich und ging mit ihm durch die Tr in die
Polizeistube hinaus.

Ein Wachtmeister sa am Tisch und hatte seine Papiere in der Hand, sah
ohne Arg, beinahe mitleidig auf Pruvik.

"Sie knnen wieder gehen," sagte er in dienstlichem Brustton und
reichte ihm Invalidenkarte und Militrpa.

Karl Pruvik stand zgernd da und machte keine Bewegung.

"Es liegt nichts vor gegen Sie!--Da einer keine Bleibe hat, kann
jedem einmal passieren," sagte der Wachtmeister menschlich.

Pruvik nahm mechanisch seine Papiere.

"Gr Gott," sagten die beiden Polizisten und nickten dem Gehenden zu.

Einer ffnete freundlich die Tr.

Karl Pruvik ging.

Es schneite nicht mehr auf den Straen. Das Bleich des Tages tat den
Augen weh. Ein Wind hatte sich erhoben und pfiff schonungslos um die
scharfen Hausriffe. Es war kalt. Es war wirklich grausam kalt....




ETAPPE


I.

Der Stab fr das Eisenbahnbauwesen der Ostarmee lag vor Dnaburg. Es
ging die Rede von einem russischen Durchbruchsversuch. Die Baukompagnie
14 geriet ins Feuer. Es gab Verluste. Der Bau der Feldeisenbahn kam ins
Stocken. Die Verbindung mit der Kampffront blieb auf Tage unterbrochen.
Vom Oberkommando der Armee lief eine Beschwerde beim Stab ein. Drngende
Befehle peitschten zur Beschleunigung. Der Major hatte wieder jenen
gehssigen rger auf seinem finsteren Gesicht, der an den Brckenbau in
Kowno vor der Ankunft des Kaisers erinnerte.

Zwei Tage vorher bereits berwlbte das fertiggebaute, riesige hlzerne
Mittelstck die gesprengte Memelbrcke damals. Die Belastungsprobe war
glatt verlaufen. Allenthalben sah man entspannte, befriedigte Gesichter.
Die ermdete Mannschaft trat schon zum Heimmarsch in die Quartiere
zusammen. Pltzlich murrte ein langgezogenes, ruckendes Grollen ber
den nebeligen Flu. Die Brckenmitte hatte nachgegeben, war fast um
einen halben Meter tiefer gesunken. Eine Totenstille herrschte minutenlang.
Dann bellten abgehackte Befehle durch die Luft. Die erschpften
Abteilungen schwrmten wankend auseinander, wieder auf die Brcke und
ins eisige Wasser. Die ganze Nacht hmmerte, chzte, krachte, schob und
schrie es aus dem sprlich beleuchteten Gerst des Notbaues und aus der
Flutiefe. Fieberhaft, mit verdrossenem, verbissenem Grimm wurde
gearbeitet.

Wie Rudel totgehetzter Ziehtiere trotteten die Kolonnen am Morgen in
die zerschossene Stadt.

Zwanzig Stunden wurde am darauffolgenden Tage gearbeitet. Zweiundzwanzig
ununterbrochen am andern. Die Ruhr brach aus unter der Mannschaft.

Mehr als vierzig Mann starben, fnf ertranken in der Memel.

Als der Kaiser ankam, erhielt der Major das Eiserne Kreuz erster
Klasse.

"Herr Major,--hoffentlich ist es uns allen noch gegnnt, da wir den
Pour le merite ebenso vergngt mit Ihnen feiern drfen," sagte damals
der geschnrte, glatzkpfige Stabsadjutant piepsend.

Und zerschlissen freundlich lchelte der Major: "Wenn Petersburg fllt!"
--Damals ging es unaufhaltsam vor.

Nun stockte es erstmalig whrend des ganzen Feldzugs.--

Die Russen funkten sehr nahe. Die zurckgetriebenen Eisenbahnbaukompagnien
verpendelten die Zeit mit nutzlosen Appellen. Vom Hauptquartier kam Befehl
auf Befehl. Die Offiziere flitzten nervs und gewichtig herum. Bei der
Mannschaft gab es Arreste.

Unbersehbare Mengen Baumaterialien stapelten sich und muten
liegenbleiben.

Der Major ritt die Bauzge ab, schrie, polterte, teilte Strafen aus.

Fnfzehnhundert Russen, die an der Front gefangengenommen worden waren,
trafen ein. Befehl zur Aufnahme des Weiterbaues der Feldeisenbahn erging.

Langsam rollten die stehengebliebenen Bauzge vorwrts, in die tristen
Schneefelder hinein. Vor, vor--immer noch vor ging es! Bis zu der Stelle,
wo die Arbeit aufgegeben werden mute.

Die Geschosse schwirrten hoch in der schneeigen Luft. Ganz nahe.

Schnee, Schnee. Klte, Klte.

Die Baukompagnie 14, 15 und die Russen marschierten auf die
Arbeitsstellen.

"Mist!--Humbug!--Unsinn!" knurrte von Zeit zu Zeit irgendeiner halblaut.

In kilometerweiter Entfernung schlugen die Geschosse ein, warfen
Kotfontnen.

Schlaggg!--lag alles am Boden.

Man lag die halbe Zeit in Deckung. Die Arbeit machte kaum wesentliche
Fortschritte.

Meldung erging an den zurckliegenden Stab.--

Der Ordonnanzreiter Peter Nirgend ritt durch den peitschenden Schnee.
Das Pferd dampfte. Die Lenden spritzten Blut. Fiebernd bog sich der
furchtsame Rcken im Galopp.--

Hauptmann und Oberleutnant der Baukompagnienempfingen den Heransprengenden
mit mrrischen Gesichtern.

"Meldung vom Stab der Eisenbahntruppen!" keuchte Nirgend. Nur mit Mhe
konnte er sich stramm halten.

Hastig ffnete der Hauptmann den Umschlag, berflog mit unterdrckter
Entrstung das Papier und sah auf den Oberleutnant, reichte es ihm.

"Hm!" brummte er kopfschttelnd. "Hm!" machte der Oberleutnant
gleichfalls achselzuckend und ratlos.

Dann stiegen beide in den Kanzleiwagen.

Peter Nirgend fhrte sein schweitriefendes Pferd auf und ab. Aus den
Quartierwagen der Mannschaft glotzten mimutige Gesichter.

"Geht's vor?" fragte einer.

"Der Hund!" knurrten etliche dumpf, als Nirgend nickte. Der
Kanzleiunteroffizier rief aus dem Wagen, bergab ihm die Rckmeldung
an den Stab. Der gefrorene Boden klapperte unter den ausgreifenden
Hufen des Pferdes. Schneewolken staubten auf und nichts mehr sah
man.--

Ein abermaliger Befehl des Stabes bestimmte unverzgliche Aufnahme der
Arbeit und sofortige Herstellung der Verbindungslinie mit den Fronten.

Schon tags darauf meldeten die vorgeschickten Kompagnien schwere
Verluste. Die fnfzehnhundert Russen weigerten sich, aus ihrem Bauzug
zu gehen. Man prgelte sie heraus. Aber am selben Abend noch muten
die Zge zurckrollen. Viele Wagen waren zerstrt. Die Eisenbahnlinie
berall ramponiert.

Die ganze Nacht schrie es die Zge entlang. Neue Wagen wurden
eingeschoben. Unaufhrlich wurde rangiert.--

Am andern Mittag raunte es von Ohr zu Ohr: "Es geht wieder vor!" Es
ging ein Gercht herum von einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen
Major und Hauptmann. Kurz darauf hie es: "Antreten zum Appell!" Vor
den gepferchten Reihen der zum abermaligen Vorrcken bestimmten
Truppen hakte ein fremder Offizier auf und ab und hielt eine
schwunghafte Rede. "Das deutsche Wesen darf nicht untergehen! Hurra!
Hurra! Hurra!" schlo er und alles brllte mit. Wie ein einziger
Tierlaut klang's.

"Frs Vaterland!" murrte einer zynisch beim Auseinandergehen.

"Fr den Pour le mrite!" brummte ein brtiger Kerl und sah
herausfordernd auf die lethargischen Gesichter der Kameraden.

"Kotze!--Sich den Schwanz verbrennen ist die einzige Rettung!"
murmelte der Mannschaftskoch stoisch.

"Nulpe! Wo denn?--Wenn weit und breit kein Puff ist!?" warf ihm der
Vagabund Tmpel hin und spuckte in groem Bogen durchs offene Fenster.

Tief am Nachmittag chzten die Bauzge abermals finster in die
schneeige, verlassene Gegend hinaus.

Am zweiten Tag, als Nirgend von den Kompagnien zum Stab zurckritt,
knallten Schsse hinter ihm her. Einer davon streifte leicht seinen
rechten Arm.

"Hu-u-und!" surrte es langgedehnt durch die kalten Nebelschwaden und
lief ihm nach wie ein unterirdisches Grollen.

Gegen Morgen tauchten auf einmal die gelben Lichter der Bauzuglokomotiven
auf und kamen zischend nher. Die vierzehnte Kompagnie war his auf zirka
hundert Mann aufgerieben, und die fnfzehnte hatte gleichfalls zahlreiche
Verwundete und Tote. Die Russen hatten in der allgemeinen Panik des
Zurckflutens die Fluchtergriffen und irrten rudelweise in den
Schneefeldern herum.--

Nirgend trat dumpf ins Leutnantszimmer des Stabsbureaus, straffte
seine Glieder und sagte: "Zur Stelle!"

Der schmchtige, elegante Offizier drehte sich wippend, etwas nervs
herum, ma den Hereingetretenen von oben his unten und fragte: "Na,--und?"

"Man hat mich angeschossen," sagte Nirgend unvermittelt.

"Ja--und?"

"Es waren welche von uns, Herr Leutnant."

Die gepflegten, spitzen Augenbrauen des Offiziers griffen zuckend in
die pltzlich streng gefaltete Stirn.

"Quatsch!--Woraus schlieen Sie denn das;" rief er wegwerfend.

"Weil jeder wtend ist," sagte der Meldereiter einfach.

"Halten Sie Ihr Maul, Sie Lmmel!--Was bilden Sie sich eigentlich
ein!" belferte der Leutnant drohend und schnellte auf.

"Ich rede nicht um meinethalben," erzhlte Nirgend ruhig und schaute
dem Schimpfenden entschlossen ins Gesicht, "aber um den Pour le merite
geht keiner mehr vor. Ich reite nicht mehr!"

"Wasss!!" zischte es durch die warme Zimmerluft.

Matratzenfeder. Die Tr des anderen Zimmers wurde ruckhaft aufgerissen.

"Wasss!--Was ist da!?" schnarrte der Major und machte einen Schritt
auf Nirgend zu. Schon ri sich der Leutnant schlank und stramm herum,
wollte melden. Aber der Soldat kam ihm zuvor, sagte, zum Major
gewendet, mit der gleichen, einfachen Ruhe: "Ich reite nicht mehr,
Herr Major! Um einen Pour le mrite geht keiner mehr vor, sagen alle!"

Einen Moment fielen die beiden Offiziere fast auseinander. Dann
schrien sie, bellten drohend: "Hinaus! Hi-naus! Sie Schweinehund!"

Ganz korrekt drehte sich Nirgend um und ging aus dem Zimmer. In der
angrenzenden Schreibstube wurde fieberhaft gearbeitet. Jeder sa
geduckt da und kaum einer wagte aufzuschauen. Nur einige ngstliche
Blicke trafen den Hindurchschreitenden. Der Stab nistete in einem
einstckigen Gelehrtenhaus. In den unteren Rumen waren die Bureaus,
oberhalb die Schlafzimmer der Offiziere und auf dem Dachboden hausten
die Mannschaften. Dort angelangt, legte Nirgend sich so wie er war
aufs Stroh und zndete sich eine Zigarette an.

Es war merkwrdig, heute kam keiner zu Bett. Dster glomm der sprlich
helle Kreis der brennenden Zigarette im Dunkel. Wie in einer
verlassenen Totengruft lag man hier. Langsam fielen die Minuten von
der Decke herab.

Eine lange Zeit verging.

Dann knarrten Schritte die Treppe herauf, kamen nher. Es muten
mehrere Leute sein. Peter Nirgend rhrte sich nicht.

Die Tr wurde geffnet. Im Lichtkreis einer Taschenlaterne tauchte
undeutlich die Gestalt des Leutnants auf. Dahinter muten noch einige
Leute stehen. Zwei Seitengewehre funkelten zur Hhe.

Nirgend erhob sich ohne Hast. Irgendeine dunkle, breite Gestalt tappte
herein, tastete herum und entzndete die Lampe. Jetzt traten der
Leutnant und die zwei Soldaten mit den aufgepflanzten Seitengewehren
an den Tisch, wo der Unteroffizier, der Licht gemacht hatte, stand.
Der Leutnant verlas etwas von sofortiger Inhaftierung und berweisung
an ein Kriegsgericht, faltete den Bogen wieder, sah Nirgend flchtig
an und sagte zum Unteroffizier: "Wenn er in fnf Minuten nicht folgt,
wenden Sie Gewalt an!"

"Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der strammgestandene Korporal.

"Naja!" sagte der Leutnant und ging.

Einige Augenblicke standen sich die Soldaten schweigend gegenber.

"Kamerad!--Mensch?" brachte der Unteroffizier endlich heraus, stockte
aber pltzlich und sagte dumpfer: "Packen Sie Ihre Sachen zusammen und
kommen Sie."

"Seid ihr Vierzehner?" fragte Nirgend unbeweglich. Keine Antwort.
Keine Bewegung der anderen. Starr standen die drei.

"Gestern nacht habt ihr auf mich geschossen--einer von eurer Kompagnie
war's!--Weil ich den Befehl zu euch brachte zum Vorrcken.--Einen
Denkzettel habt ihr dem Major geben wollen--jetzt macht ihr drei
wieder die Handlanger der Ordensjger!" stie Nirgend heraus.

Keine Bewegung. Schweigen. Starr standen die drei. Wie glatte, finstere
Glassturze. Alles rutschte an ihnen herab.

Man stand selber unter einem solchen Glassturz. Gespannt his aufs
uerste mute man an sich halten. Eine einzige Bewegung--und alles
konnte zusammenfallen, klirrte herab. Und--?

Und man stand ohnmchtig, ausgeliefert und vereinsamt zwischen den
anderen. Die nackten Arme halfen nichts. Nicht einmal zu einer
Umschlingung, denn man rutschte ab. Fiel hin und war ein Huflein
nichts.

Und was war geschehen?

Nichts!

Die nackten Arme halfen nichts! Gar nichts!

Nur die Karttschen der Feinde, Hekatomben auseinandergerissener Leiber.
Das Unertrgliche. Die Sinnlosigkeit fhrte zum Sinn zurck.

"Wollen Sie den Befehl befolgen?!" rief der Unteroffizier jetzt.

"Ja!" schrie Nirgend fast berlaut: "Ja--am liebsten wrde ich wieder
hinausreiten zu euch. Immer vor! Immer vor mtet ihr--fr den Pour le
mrite!"

"Los--los!" plapperte der Unteroffizier verrgert, "reden Sie nicht!
Los!"

"Ja!" bellte Nirgend abermals, "das ist das deutsche Wesen!"

"Marsch!" brllte der Unteroffizier: "Vorwrts jetzt!" Und zog ihn in
die Mitte.

Man ging.--


II.

Der Schnee lag tief. Langsam ging es vorwrts.

"Was macht man eigentlich mit mir?" fragte Peter Nirgend auf einmal
steif stehenbleibend. Es antwortete niemand.

"Los--los!" brummte der Unteroffizier vorne wie fr sich. Die Soldaten
schoben den Gefangenen weiter.

"Er hat euch geschunden his aufs Blut.--Ihr habt es selbst gesagt, da
ihr nicht mehr mitmachen wollt," sagte Peter beharrlich und stemmte
sich gegen die schiebenden Hnde.

"Los--los! Wir mchten auch zur Ruh kommen!" stie der Unteroffizier
abermals murmelnd heraus und machte eine halbe Wendung.

Einer der Soldaten setzte dem Hftling das Knie in den Rcken.

"Gibt doch blo Arrest, Mensch!" sagte der Unteroffizier beilufig.

Peter Nirgend lie nach. Man watete wieder weiter.

Die lange, geschwertete Linie eines sprlichen Lichtes stach durchs
Dunkel. Das war das Gemeindehaus, wo der Arrest abgesessen wurde.
Landstrmler versahen dort den Dienst.

"Ihr kriecht, bis man euch die Kugel in den Leib jagt!" knirschte
Peter.

Schweigen.

Der Unteroffizier schlug mit der Faust an die Gemeindehaustr. Mit
hochgehobener Petroleumlampe erschien der verschlafene Sergeant in
ihrem Rahmen. Der Trupp trat in die wohligwarme Wachstube. Zwei
Landstrmler hoben schlfrig ihre Oberkrper auf den Pritschen, rieben
sich die Augen. Einer davon stieg herab und nahm den Schlsselbund,
winkte Peter.

"Kommt vors Kriegsgericht! Befehlsverweigerung!" sagte der Unteroffizier
zum Sergeant, der den Einlieferungsschein unterschrieb. Eine leise
Verachtung schwang mit den Worten mit. Der Landstrmler fhrte den
Hftling in die letzte Zelle. "Kamerad, leg dich gleich hin und wickle
dich fest ein. Es ist kalt," sagte er und trat aus der Zelle, schlo ab.

Peter Nirgend blieb lauschend stehen.

Jetzt hrte man die Leute vorne im Korridor. Er ging an die Tr, schlug
fest mit den Fusten an dieselbe, schrie: "Ich mu dem Herrn Unteroffizier
noch was ausrichten!"

Und sein ganzer Krper zitterte.

Der Trupp kam den Korridor entlang, ffnete.

"Was ist's denn?" fragte der Unteroffizier rgerlich und trat ein. Die
anderen blieben drauen.

"Werde ich erschossen?" fragte Peter unvermittelt.

"Quatsch! Festung wird's geben!" rsonierte der Unteroffizier: "Was
wollen Sie denn?"

"Da--da ist eine Blutlache!" rief Peter hastig und deutete auf die
Bodenflche hinter der Pritsche. Der Unteroffizier trat einen Schritt
nher heran und beugte sich vornber, hinter die Pritschenecke. Jetzt
war der Lichtkreis der Taschenlaterne nur noch ganz klein in der
Nische. Peter machte einen ruckhaften Satz, stemmte blitzschnell sein
Knie auf den Rcken des Korporals und schnitt mit aller Gewalt in
dessen Hals, tiefer--tiefer. Das warme Blut rann her seine Finger.
Der Krper des Ermordeten gab nach, hing schrg her die Pritsche.

Die anderen strzten herein und warfen sich auf Peter, schlugen auf
ihn ein, his er liegenblieb.

Ihn berleuchtend, sagte ein Soldat zum Gefesselten: "Hund! Morgen
stehst du an der Wand!"

Peter Nirgend schlo die Augen.

Nach einer ziemlichen Weile wurde die Tr wieder aufgeriegelt. Wieder
erschien der hochgehobene Arm des Sergeanten mit der Petroleumlampe,
nur diesmal sehr zitternd. Offiziere traten ein. Einer beugte sich
ber den Toten am Boden. Dann trugen zwei Soldaten die Leiche hinaus.

"Was haben Sie denn da gemacht!?" fragte der Major Peter.

Der schwieg. Kopfschtteln. Ein Soldat trat ein, stand stramm, erzhlte
den Hergang.

"Sowas heit sich deutscher Soldat!" schnarrte der Leutnant beflissen.

Inzwischen trug man ein Tischchen herein. Die Lampe wurde daraufgestellt
und der Gerichtsoffizier nahm das Protokoll auf. Nach der Vernehmung des
gnzlich gebeugten, zusammengefallenen Sergeanten und des anderen Soldaten,
trat der Leutnant abermals an Peter heran, stie ihn: "Und Sie?"

"Was haben Sie anzugeben?" rief der Gerichtsoffizier gleichfalls ber
den Tisch.

Keine Antwort kam.

"Kerl!"

Schweigen.

Das Protokoll wurde verlesen.

"Geben Sie das zu?" fragte der Gerichtsoffizier den Angeklagten.

Dieser nickte stumm.

Kopfschttelnd verlieen die Offiziere den Raum. Zwei Soldaten der
Baukompagnie 14 mit bajonettbepflanzten Gewehren blieben zurck. Der
Tisch mit der Petroleumlampe gleichfalls.--

"Schuft!" knurrte einer der Wchter und versetzte Peter einen Sto in
den Leib. "Du sollst unsere berstunden schmecken, Hund!" fluchte der
andere und schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Mde geworden, setzten sich die zwei Wachhabenden auf das trockene
Flecklein des Bodens und zndeten sich Zigaretten an.

"Kamerad! Einen Zug! Einen Zug!" wimmerte mit einem Male Peter
flehend.

"Ah?" rief der Raucher hmisch, ging an den Gefesselten heran und
hielt ihm die rauchende Zigarette unter die Nase: "Riecht gut, Herr
Halsabschneider, hm?"

"La ihn doch! Er ist nicht wert, da man ihn anschaut!" brummte der
andere Soldat. Aber der Angesprochene lie sich nicht abhalten.

Da reckte sich Peter stemmend, schrie: "Hasenfe!"

"Halt die Fresse, Hund!" fielen die beiden ihn an und warfen ihn
zurck, da die Pritsche knarrte. "Hasenfe!" plrrte Peter wilder.

Die beiden hielten die Gewehrlufe drohend auf ihn gerichtet: "Noch
ein Wort und wir knallen dich nieder!"

"Hasenfe!" schrie Peter noch greller. Die Wchter schlugen sinnlos
auf ihn ein.

"Hasenfe!" bellte der Gefesselte aus Leibeskrften: "Hasenfe!
Hasenfe!"

Da schossen sie. Das Gehirn peitschte an die Wand.

Als der Sergeant und die Landstrmer schlotternd angestrmt kamen,
standen sie wie geistesabwesend stramm. Erst als kurz darauf der
Leutnant eintrat, meldeten sie zugleich: "Melden Herrn Leutnant, da
wir ihn erschossen haben, weil er uns Hasenfe genannt hat."

Der Leutnant warf einen flchtigen Blick auf die Leiche, drehte sich
herum und sagte befehlsmig: "Gut! Abtreten!"--

Tags darauf diktierte er dem Kanzleiunteroffizier folgende Meldung an
das Oberkommando der stlichen Streitkrfte in die Maschine:

"Meldereiter Peter Nirgend, zugeteilt dem Stab der Eisenbahntruppen,
wurde wegen Befehlsverweigerung inhaftiert. Weiterleitung des Verfahrens
war dem Kriegsgericht der Etappenkommandantr bergeben. Nirgend
ermordete kurz nach seiner Einlieferung in die Arrestanstaltin seiner
Zelle den Unteroffizier der Eisenbahnbaukompagnie 14 Joseph Thiele durch
Durchschneidung des Halses. Sofortige Protokollaufnahme durch den
Gerichtsoffizier ergab Mord. Exekution wurde auf andern Tag 9 Uhr
festgelegt. Infolge fortgesetzter Widersetzlichkeiten gegen die
Wachhabenden und Verhhnung des Feldheeres, muten die Pioniere
Traugott Schloch und Otto Flemming von der Eisenbahnbaukompagnie 14
von der Waffe Gebrauch machen, was den Tod des Nirgend zur Folge
hatte."--

Wegen Nachlssigkeit im Dienst wurde der Arrestsergeant strafversetzt.--

Einige Wochen spter stand in einem Tagesbericht des Oberkommandos:
"Wegen pflichtmiger Ausfhrung eines Befehls wurden ausgezeichnet
mit dem Militrverdienstkreuz zweiter Klasse laut Beschlu des O.K.d.
O.A.: der Pionier Traugott Schloch bei der Eisenbahnbaukompagnie 14,
der Pionier Otto Flemming bei der Eisenbahnbaukompagnie 14."




MICHAEL JRGERT


I.

"Alle Dinge sind eitel." Immer kehrt dieses Wort wieder, wenn der Name
Michael Jrgert in meiner Erinnerung auftaucht. Viele Male habe ich
nachdenkend dieses Leben umschritten wie einen verfallenen, traurigen,
rtselhaften Garten. Unruhig suchte ich nach dem Sinn dieses Ablaufs,
trachtete danach, all die widerstrebenden Geschehnisse folgerichtig
aneinanderzureihen, um mglicherweise ein erklrendes Bild zu finden,
einen Abschlu, eine befriedigende Lsung.

Es gelang nicht.

Hoffend, da mir vielleicht eine Stunde doch noch die Erleuchtung
bringt, habe ich--so gut es ging--vorerst nur das nackte Tatschliche
aus diesem Leben aufgeschrieben, alles so, wie es sich zugetragen hat.
Und hier ist es:

Michael Jrgert kannte seinen Vater nicht. Als er sieben Jahre alt
war, erfuhr er von seiner Mutter so etwas wie ein Gestorbensein durch
einen merkwrdigen Unfall. Und einmal beim Maitanz warf ein Knecht in
sein Ohr, da sein Vater "im Suff ertrunken sei". Darum, so hie es,
se ja seine Mutter schon all die Jahre im Gemeindehaus und wisse
nicht, von was sie leben sollte.

Der Bruder von Michaels Vater, der wegen einer Weibergeschichte "ins
Amerika durch sei", hte sich wohlweislich, etwas von sich hren zu
lassen, raunten sich die Drfler zu, wenn die Rede von den Jrgerts
ging.--

Nach seiner Schulentlassung kam der etwas schwchliche Knabe als
Knecht in den Reinaltherhof. Es waren vier Knechte und zwei Mgde da.
Fnf Jahre sthlten den wachsenden Krper, ergossen versteckten und
offenen Spott auf Michael.

Auf Maria Lichtme, als er zwanzig Jahre zhlte, wechselte er seinen
Dienstplatz und trat beim Peter Sllinger ein, dessen Gehft auf der
runden Anhhe vor dem Dorfe lag.

Rechts vom Sllingerhof, nah am Waldrand, hockte die baufllige Htte
des Gtlers Johann Pfremdinger, den man im ganzen Umkreis den "Letzten
Mensch" hie, weil er die bigotte alte Pfanningerin zur Haushlterin
hatte und im allgemeinen sehr schlecht auf die Weiber zu sprechen war.
Wenn man ihn rgern wollte, brauchte man blo eine junge Dorfmagd oder
Bauerstochter des Sonntags an seinem Haus vorbeigehen zu lassen.--

Rundherum lagen die Felder Sllingers, weit verstreut die zwei Tagwerk
Pfremdingers und oft, wenn der alte Husler zur Erntezeit schwerfllig
und mhsam auf den Fuwegen durch die Wiesen des Bauern ging, um auf
seine Grundstcke zu gelangen, sagte der letztere mrrisch zu ihm:
"Bist saudumm!--Wennst tauschen ttst mit mein' Rainacker, httst
alles ums Haus ... Aber mit dir kann man ja nicht reden!"

"Auf'm Rainacker wachst das nicht wie bei mir," gab ihm der "Letzte
Mensch" stets mit der gleichen Beharrlichkeit zurck und trottete
weiter.--

Die Jahre gingen, schwiegen. Der Peter Sllinger wurde unterdessen zum
Brgermeister gewhlt und kam eines Tages in den Stall zu Michael,
sagte: "Das geht jetzt nimmer, da die Gemeinde deine Mutter aushlt.
Bist ein Mordstrumm Mannsbild worden und kannst selber fr sie
aufkommen. Der 'Letzt' Mensch' wird sterben. Die Pfanningerin mssen
wir ins Gemeindehaus tun."

Michael nickte stumm.

"Da drauen kann's nicht bleiben, die Pfanningerin," fuhr der Bauer
fort, indem er eine verchtliche Geste in die Gegend des
Pfremdingerhauses machte, "die alte Kalupp' pat grad noch fr ein'
Heustadel."

Und wieder nickte Michael stumm.

"Herrgott, bist du ein Stock!" stie der Bauer heraus und ging
kopfschttelnd und brummend aus dem Stall. Die Knechte lachten.--

Michael ging nach Feierabend zu seiner Mutter ins Gemeindehaus und
brachte ihr die Nachricht. Die alte Frau sah ihm nur in die Augen.
Dann sagte sie: "Ja ja, ist ja auch wahr, die alte Pfanningerin ist ja
auch lter als ich."--

Spt, nachdem seine Mutter lngst schlief, zhlte Michael sein
erspartes Geld. Zhlte, zhlte. Dachte, dachte. Rechnete, rechnete.

Am andern Tag, whrend der Arbeit, hielt er manchmal inne und schaute
starr ins Leere. Des fteren sah man ihn jetzt am Abend in die
Pfremdinger-Htte gehen. "Was er nur immer beim 'Letzten Mensch'
anfngt, das Hornvieh!? Mcht wohl gar Husler werden?" spttelten die
Knechte, und Sllinger schaute dem fast furchtsam Davonschleichenden
mit finsterem Blick nach.--

Die Sterbeglocken klangen dnn durch die Luft. Mit dem alten
Pfremdinger ging es zu Ende. Die Pfanningerin, der Pfarrer--und
Michael Jrgert standen in der niederen Kammer um das Bett. Dann kam
noch die Jrgertin.

Ganz zuletzt erst wlzte sich der Husler nochmal herum. Schon drehten
sich seine Augen.

"Er soll's haben, Hochwrden! Aber die Hlft' gehrt der Kirch'!"
hauchte er schon rchelnd mit letzter Kraft heraus.

"In Ewigkeit, Amen," murmelte sich bekreuzigend die alte Pfanningerin.
und der Pfarrer sah Michael an, nickte ihm zu.

"Hab's denkt, da er's kriegt, wenn er fleiig in die Kirch' rennt und
um den Pfarrer herumscharwenzelt recht bigott! Sowas tragt immer was
ein!" war ungefhr die bliche Bauern-Nachrede, als es verlautbarte,
da Michael das Pfremdinger-Anwesen vom "Herrn Hochwrden zudiktiert"
bekommen habe.

Acht Tage nach dem Begrbnis fuhr Michael auf einem Schubkarren die
sprliche Habschaft seiner Mutter ins Pfremdingerhaus und am
darauffolgenden Tag die Sachen der alten Pfanningerin ins Gemeindehaus.
Hinter manchem Fenster stand ein spttischspitzes Gesicht und sagte
ungefhr: "Der hat's leicht. Kann sein Zeug auf dem Schubkarren fahren."

Gut ein Vierteljahr war Stille.

Wenn die Mher beim Morgendmmern auf die Felder gingen, sang immer
schon die Sense Michaels unter dem flinken Schleifstein.--

Dann kam das Unglck.

Die einzige Kuh, die im Jrgertstall stand, ging ein. Notschlachtung
mute vorgenommen werden.

Die Bauern kamen, musterten das Fleisch mitrauisch, kauften,
schimpften: "Ob er vielleicht nicht wisse, da die Suppenbeine als
Zuwag' dreingingen?" Und einige wieder sagten in beinahe mitleidigem
Tonfall: "Ja, mein Gott, Bauer sein ist nicht so einfach! ... Sonst
tt's ja jeder machen."

Drei Wochen nachher begrub man die alte Jrgertin.

"Wrst' Knecht geblieben, wr gescheiter gewesen," sagte Sllinger zu
seinem ehemaligen Knecht, "wenn's einmal angeht, hrt's nicht mehr
auf."--

Michael strzte sich in die Arbeit. Der Pfarrer kam ein paarmal ins
Haus, sah nach.

"Eine Kuh halt, eine Kuh, Herr Hochwrden!" murmelte Michael hin und
wieder dumpf.

"Der Herr hat's gegeben--der Herr hat's wieder genommen," antwortete
der Geistliche nur.--

Und Michael verkaufte Heu und die zwei letzten Scke Korn. Droben auf
dem schmalen Streifen, ber den Sllingerfeldern, hatte er dieses im
letzten Jahr noch gebaut. Vom Reinalther lieh er sich damals den
Fuchsen und den Pflug, ackerte. Und seine Mutter humpelte hinterdrein
und ste.--

Es war Ferkelmarkt in Greinau. Die ganzen Bauern aus der Umgegend
standen gruppenweise auf dem Platz vor der Gastwirtschaft "Zur Post",
handelten hartnckig herum mit den Hndlern und kauften endlich. Die
eingepferchten Jungschweine machten einen Heidenlrm, die Pferde
scharrten ungeduldig und wurden unsanft zurckgerissen. Die Wirtsstube
war vollbesetzt. Aus und ein ging man, redete, schmauste, und knarrend
und knirschend, in scharfem Trab, rollten die Wgelchen davon.

Schchtern kam tief am Nachmittag Michael an. Die Bauern stieen
einander, zwinkerten, tuschelten spttisch.

"Jesus! Jesus! Jetzt wird's besser, der Michl kauft Ferkel!" lachte
der pralle Postwirt aus einer Gruppe und alle richtetengeringschtzige
Blicke auf den Husler. Schweigsam und scheu umschritt der die
Ferkelsteigen. Es wurde schon leerer auf dem Platz.

"Pa fein auf, da sie dir nicht im Sack ersticken, Michl!" warf der
Sllinger rlpsend auf den Wagen steigend Michel zu, als er sah, da
dieser zwei lautgrunzende Jungschweine in seinen Sack zog. Sein
hmisches Lachen schnitt die Luft auseinander.--

Dmmer stieg schon von den Feldern auf. Nacht sickerte gelassen vom
Himmel. Michael schritt beschwerlich aus. Die Schweine rumorten
immerzu im Sack auf seinem Rcken. Er mute fest zuhalten, da ein
lahmer Krampf langsam in seine Arme rieselte. Aber die bogen sich wie
aus Eisen von der Brust ber die Schulter.--

Die Schritte hallten vereinsamt.

Stille.--

Jetzt waren auch die Schweine still geworden, ganz still. Auf einmal
merkte es Michael. Ein Schreck durchfuhr ihn. Jhe Mattigkeit fiel
bleischwer in seine Kniegelenke. Er rttelte den Sack vorsichtig, fast
wie einer, der zwischen Hoffnung und Angst vor der Gewiheit schwankt
und nicht mehr aus noch ein wei.

Nichts.

Er rttelte strker.

Nichts.--

Inzwischen war er an der schmalen Brcke, nah vor dem Hgel angelangt,
auf dem das Sllingergehft mit gelben Augen sa.

Der Bach murmelte gleichmig versunken.

Schweitriefend zerrte Michael den Sack auf die Brcke, wollte--in
unseliger Verzweiflung blitzhaft an den Spott Sllingers denkend
--nachsehen. Da--da--wupp!--fiel der Sack in die Tiefe. Es platschte.
Breite Ringe warf das Wasser und jetzt plrrten pltzlich die Schweine
heulend auf. Es gurgelte etliche Male und war jh grauenhaft still.

Mit einem furchtbaren Aufschrei sprang Michael ins Wasser, tappte wie
ein schwimmender Hund ungelenk auf der Oberflche herum, weinte,
hustete, tauchte, schrie, brllte.--

Am ndern Tage fischten die zwei Knechte des Brgermeisters den leeren
zerrissenen Sack mit den Heugabeln aus dem Wasser und spieten ihn auf
einen Zaunpfahl vor Michaels Huschen. Dann klopften sie. Aber niemand
gab an.--

Das ganze Dorf lachte knisternd.

Als man drei Tage niemanden aus--und eingehen sah beim Jrgert, schickte
Sllinger den Nachtwchter und Gemeindediener Peter Gsott hinaus. Der
klopfte wieder und wieder, drohte mit wtenden Flchen, als niemand
angab und holte dann den Schmied zum Trffnen.

Die beiden fanden Michael in der Schlafkammer ganz starr auf dem
Bettrand sitzend und wie irr ins Leere glotzend. Einen Augenblick
zwang ihnen dieser Zustand Schweigen ab. Endlich sagte der Schmied:
"Was hast' denn, da' dich einsperrst, Michl?"

Aber der Angesprochene machte nur mit der Hand eine lahme, wegwerfende
Geste. "Deinen leeren Sack haben die Sllingerknecht' gefunden! Die
Ferkel selber sind ersoffen," sagte dann der Gemeindediener. Als beide
sahen, da Michael beharrlich mit der gleichen Apathie antwortete,
gingen sie und meldeten dem Brgermeister, da der "spinnerte Kerl"
schon noch lebe. Er sei, meinten sie, nur ein wenig irr noch.--

Im Dorf ging daraufhin die Rede: "Der Michl hat's Spinnen angefangen
wegen der ersoffenen Ferkel."

Michael sah man nur ganz selten seit diesem Vorfall. Hchstenfalls bog
er einmal scheu ums Hauseck und eilte dem Wald zu.--

Um diese Zeit kam zum Brgermeister Sllinger eine seltsame Nachricht
aus Amerika, betreffend die Familie Jrgert und deren Nachkommen. Der
Bauer, der sich, wie er sich ausdrckte, "darin nicht rechtauskannte",
schickte zum Pfarrer und dieser entzifferte endlich, da die Familie
Jrgert (berlebende oder Nachkommen) infolge des Todes eines Bruders
des verstorbenen Vaters Michaels zur Generalerbin einer auerordentlich
hohen Hinterlassenschaft in barem Geld eingesetzt sei und den Betrag
von einer Bank in Hamburg einverlangen knnte, sobald der Nachweis der
Erbberechtigung erbracht sei.--

Als der Pfarrer, der selber ein wenig zitterte, dies dem Sllinger
auseinandersetzte, erbleichte dieser sichtlichund sank wie vom Schlag
getroffen in einen Stuhl.

"Ruhig beibringen, ist das beste. Ich geh' selber zu ihm hinaus,"
sagte der Geistliche nach einigem Schweigen, nahm seinen Hut, steckte
das Papier zu sich und begab sich zu Michael.

Ins Haus getreten, bemerkte er diesen dsig neben dem Herd hockend,
und als der geistliche Herr in sanftem, vorsichtigem Tonfall seinen
Namen rief, sprang er pltzlich auf, schlpfte, so schnell es nur
ging, furchtgepackt in das ruige Holzloch unter dem Ofen und gab
keinen Laut von sich. Eine gute Weile stand der Geistliche ratlos da.
Endlich fand er wieder zum Entschlu zurck.

"Geh heraus, Michl," sagte er sanft, "wir wollen wieder eine Kuh kaufen
und Ferkel."

Michael rkelte sich erst und schlpfte dann vollends aus dem Loch.
Seine Blicke waren mit einer schmerzvollen Bitthaftigkeit auf den
Pfarrer gerichtet.

"Und dein Husl, Michl, das werden wir auch wieder richten lassen. Es
ist arg baufllig," ermunterte dieser den Zgernden. Und als Michael
endlich aufrecht stand, nahm ihn der Gottesmann mild am Arm und zog
ihn sacht hinaus ins Freie.

Frische Frhe lag her den Feldern. Die Wiesen dufteten schwer. Die
Sonne stieg langsam in die Mittagshhe.--

Wie zwei Kranke schritten die beiden dahin. Der Sllinger wagte nicht
herauszutreten, als sie vorbeikamen. Er lugte nur schweigend durchs
Fenster.

Im Pfarrhaus angekommen, sagte der Geistliche zu Michael: "Du mut
jetzt eine Zeitlang bei mir bleiben. Die Marie wird dir ein Zimmer
einrichten, bis dein Husl fertig ist. Bis dahin ist auch wieder
Viehmarkt in Greinau."

Und als verstnde er von alledem nichts, als hre er nur eine
erleichternde Melodie aus den Worten, stand Michael da und schwieg.
Allmhlich glttete sich sein bangvolles Gesicht und eine aufatmende
Ruhe glnzte in seinen Augen.

Drei stille Wochen glitten him. Jeden Tag saen die zwei zusammen in
der Pfarrstube oder gingen wohl manchmal im Garten umher. Langsam
wurde Michael ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit konnte man ein bses
Aufblitzen auf seinem knchernen, schweigend gefalteten Gesicht
wahrnehmen. Die vterliche Arglosigkeit seines Pflegers aber machte
ihn nach und nach etwas zutraulicher und offener. Manchmal des Abends,
wenn der Geistliche aus einem Betbuch laut einige Stellen vorlas, hob
der Husler den Kopf und lauschte sichtlich aufmerksamer. Ein
friedlicher Hauch hob Stck fr Stck von dem Feindseligen ab, das
hinter den Falten brtete, und lebendiger kreisten seine Augen.

Endlich nach einem Monat erffnete der Pfarrer seinem Pflegling die
Nachricht aus Amerika.

Michael hrte stumm zu. Er schien anfnglich nicht zu begreifen. Dies
erkennend, legte der Geistliche das Papier auf den Tisch.

"Du bist jetzt ein reicher, sehr reicher Mann geworden, Michl," sagte
er, "du kannst dir hundert Khe kaufen, ein Haus und soviel Ferkel,
als du willst. Es ist von jetzt ab keiner mehr im ganzen Umkreis, der
nur ein Drittel soviel Geld hat wie du. Begreifst du? Gott hat dir
geholfen. Es geht alles seinen gerechten Gang, wenn er es will."

Michael schien die letzten Worte nicht mehr zu hren. Seine Augen
waren auf einmal weit geworden. Eine Gier flackerte in ihnen und der
ganze Ausdruck seines Gesichts war pltzlich vllig verndert.

"Ich--ich kann also auch das Sllingerhaus und das vom Reinalther
kaufen?" fragte er hastig und gedmpft.

"Das kannst du, wenn sie wollen," nickte der Geistliche, "du kannst
zehn solche Huser kaufen, wenn du willst."

"Zehn....!?" stie Michael lauernd heraus und bohrte seine Blicke in
die Augen des Pfarrers.

"Es ist sehr viel Geld," gab der zurck.

"Und," fuhr Michael noch leiser, fiebernd vor Unruhe, scheu, als
lausche an den Wnden irgendein ungebetener Gast, fort: "Und ich
krieg' das ganze Geld in die Hand. Ich brauch' nur schreiben lassen?"

"Ja, wenn Du willst."

"Ja ...!! Ja, gleich! Gleich! Ich will!" schrie Michael verhalten.

"Gut," sagte der Pfarrer und ging an den Tisch, "ich schreibe."

"Und ... und die Huser vom Sllinger und--und vom Reinalther?" fragte
Michael beharrlich.

"Die ...? Ich kann mit ihnen reden," antwortete der Geistliche, whrend
er schrieb. Dann lie er Michael unterzeichnen.--


II.

Im Dorf ging ein Schweigen um. Langsam verbreitete sich die Kunde von
Michaels Erbschaft. Betroffenen Gesichts raunten sich die Bauern die
Neuigkeit zu.--

Der Baumeister von Greinau, Michael Lindinger mit Namen, wurde ins
Pfarrhaus geladen. Michael lchelte schrg, als der Mann eintrat und
beauftragte ihn, einen Plan fr ein neues Haus zu bringen. Trotz der
Einwendungen des Pfarrers wurde der Umbau des alten Anwesens abgelehnt.

Michaels Rede war jetzt sicher geworden, fast bestimmt.

"Ein neues Haus mu her!" sagte er beharrlich.

Und der andere Michael erwiderte pfiffig: "Ja--schon lieber was Neues
als Flickwerk. Das taugt ein paar Jahr', dann geht's wieder von vorn'
an."

Diese Beipflichtung entwaffnete den Geistlichen. Der Plan wurde
gefertigt. Der Auftrag gegeben. Die ehemalige Pfremdinger-Htte
krachte zusammen mit allem, was sie barg. So hatte es Michael
gewnscht, steif und fest. Alles Dawider des Pfarrers ntzte nichts.

Krachte zusammen.

Und die Drfler standen herum, schwiegen, staunten, starrten. Vom
Pfarrhausfenster aus berschaute Michael den Vorgang.

Auf einmal begann der Hausrist zu wanken, brckelte, krachte. Die
Herumstehenden rannten auseinander und zuletzt war minutenlang eine
ungeheure Staubwolke. Dann, als es wieder lichter geworden war, lag
ein riesiger Trmmerhaufen da.

Deutlich sah Michael, wie einige die Kpfe schttelten. Eine Weite
dehnte seine Brust.

"Das ist nicht recht," rief der Pfarrer hinter ihm. Michael hatte ihn
nicht eintreten hren und ri sich erschrocken herum. Reglos und stumm
standen sich die beiden gegenber.--

Seitdem begegnete Michael seinem Pfleger mit verstocktem Schweigen.
Mied ihn.--

Der Bau wurde begonnen. Jeden Abend kam Lindinger ins Pfarrhaus und
berichtete ber den Stand, machte Vorschlge, legte Rechnungen vor.

Sein fast beteuerndes, sich immer wiederholendes: "S'ist wahnwitzig
teuer, die Sach', wahnwitzig teuer," lie Michel lcheln.

"Macht nichts, macht gar nichts," erwiderte er stets.

"Ja--es ist gut, da' wieder Arbeit gibt," meinte dann der
Maurermeister meistens und ging. Kaum war er drauen, schrumpfte
Michaels Gestalt im Lehnstuhl zusammen. Das Kinn schob sich vor. Nur
die Pupillen kreisten im Raum.--

An einem der Abende, als eben der Maurermeister das Zimmer Michaels
verlassen hatte, trat der Pfarrer ein. Michael erhob sich und wandte
ihm den Rcken zu.--

"Gelobt sei Jesus Christus!" brachte der Geistliche nach einigem
Schweigen heraus.

Ohne sich umzuwenden, nickte Michael. Dann ging er ans Fenster,
deutete in die Talmulde, die der erste Mond silbern bestrich.

"Hhh--h! Wird hoch der Turm, hoch!" keuchte er, reckte den Kopf
strrisch vor, nahe an die Scheibe: "Wenn man ganz droben ist, mssen
schon die Wolken angehen!"

Unschlssig stand der Geistliche. Schwieg.

"Zum Sllinger kann ich hinunterschaun und aufs ganze Dorf!" redete
Michael weiter, ohne ihn zu achten.

"Die zwei Kirchenfenster?" fragte endlich der Geistliche fast
schchtern und hielt pltzlich mitten im Wort inne, als sich Michael
nunmehr hastig umwandte.

"Zwei ...?! Sechs! Sechs Fenster ...--und neue Glocken, damit ich's
hr' in der Frh!" berflgelte dieser ihn, "da mu die Luft zittern,
wenn die luten!--Schafft sie an! Morgen! Gleich! Gleich! Und drei
neue Megewnder!--Mssen fertig sein zum Jahrtag meiner Mutter!
Bestellt's! Bestellt's auch gleich!--Gleich!"

Wie von einem wilden Strudel dahergetragen strzten die Worte
heraus.--

Mit sehr ernstem Gesicht verlie der Pfarrer fast traumwandlerisch das
Zimmer. Lange noch hrte ihn die Marie im Zimmer auf- und abgehen und
laut beten.

Klare, kalte Mrztage zeigten das hereinbrechende Frhjahr an.

Michael ging manchmal aus. Selten suchte er den Bau auf. Nie beschritt
er ihn. Immer bog er scheu ums Dorf und stapfte auf die Sandgrube zu,
aus der man den Kies fr sein Haus holte. Es schien ihn dort etwas zu
interessieren. Er stand meistens oben am Rand und berschaute die
zackige Mulde.

Bhmen und Italiener arbeiteten auf Taglohn dort und sprengten hin und
wieder einen Felsen, wenn an einer Stelle der Kies ausging.--

Eben lud man wieder. Michael war ganz nah herangekommen, stand wie
witternd, mit sphendem, vorgebeugtem Kopf da und sah aufmerksam auf
jede Bewegung des Lademeisters.

"Und das--das reit alles ein?--Mit einem Krach?" fragte er diesen
gespannt. Der Mann nickte und murmelte ein paar unverstndliche Worte.

Dann entzndete er ein Streichholz und steckte die Zndschnur an.
Alles rannte aus der Grube, wartete bis es knallte.

Als dies geschehen war und die Leute wieder in die Grube zurckgingen,
sah man Michael im Trrahmen des Werkmeisterhauses stehen. Er lie
sich das Pulver zeigen, rieb es merkwrdig lange auf seiner flachen
Hand und sagte harmlos zum Werkmeister: "Und so ein Staub hat's
drinnen, da alles in die Luft fliegt?--Hm--hm--hm!" Ging wieder.--

Der Nachtwchter Peter Gsott glaubte bemerkt zu haben, da eine
mnnliche Gestalt am Rand der Sandgrube auftauchte, sich schwarz vom
bleichen Mondhimmel abhob, dann aber pltzlich, wie in den Erdboden
gesunken, verschwand.

Der Werkmeister schimpfte die Sprenger, da sie soviel Pulver
brauchten. Es entstand ein Streit. Ein Italiener brllte, da die
ganze Grube hallte. Auf einmal kam man ins Handgemenge. Ein
furchtbares Raufen entstand. Der Werkmeister bekam einen Schlag auf
den Kopf und mute ins Krankenhaus gebracht werden. Am ndern Tag
verhafteten die Gendarmen von Greinau zwei Bhmen und einen Italiener,
der beim Sllinger auf der Tenne logierte. Er hatte sich im
Taubenschlag verkrochen und als man ihn herunterholte, stie er
furchtbare Drohungen auf den Brgermeister aus, die aber niemand
verstand. Anscheinend glaubte er, die Leute htten ihn verraten.

Michael begegnete der Haftkolonne und sah sich die drei Burschen sehr
genau an. Spter trat er ins Brgermeisterhaus und ffnete die
Stubentr hastig. Der Sllinger war im Augenblick so erstaunt, da er
frmlich aufschrak und kein Wort fand. Sulenstarr stand er da und
heftete seinen Blick auf den nhertretenden Michael. Gemessen kam
dieser heran, ganz nahe und eine ungeheure Spannung lag in seinem
Gang.

"Gibst dein Haus nicht her?" fragte er den stummen Bauern lauernd.

"Nicht?" wiederholte er, als der verneinte und ma ihn scharf von der
Brust bis zur Stirn.

"Ich ...!?" fand endlich der Sllinger das Wort.

"Ja?"

"Solang ich leb' nicht!" schrie der Brgermeister schroff, als wolle
er sagen: "Was willst denn du auf einmal bei mir?"

"Es pat mir nicht vor meinem Turm," sagte Michael tonlos und sprde
und lchelte hhnisch in sich hinein. Drauen, vor der Tr, hrte er
noch den Schlag der Sllingerfaust auf die Tischplatte.


III.

Richtig, der eine von den Bhmen lud damals den Felsen, erinnerte sich
Michael. Und der Italiener, der aus Sllingers Taubenschlag geholt
worden war, stand neben ihm, als es krachte. Dem konnte man nichts
nachweisen und mute ihn nach vier Tagen wieder aus dem
Amtsgerichtsgefngnis entlassen. Nun strolchte er mit finsterem
Gesicht herum, und da bei den Bauern von alt her der Aberglaube
herrschte, da solche Kerle mit ihren Verwnschungen kraft einer
innewohnenden dmonischen Macht Schaden und Unglck anrichten knnten,
so wagte keiner etwas gegen sein Kampieren in Heustdeln und Tennen
einzuwenden.--

An einem Aprilnachmittag traf ihn Michael auf der Waldstrae, ging
entschlossen auf ihn zu und sprach ihn an.

"Habt's keine Arbeit mehr kriegt?"

Offenbar verstand der Angesprochene dies, denn er nickte finster.

"Geht's zu meinem Bau. Verlangt's den Lindinger und sagt's, ich hab
Euch geschickt," sagte Michael.

Am ndern Tag schleppte der Italiener auf dem Bau Mrtel.--

Das Haus wuchs. Der Turm der Vorderfront bedurfte nur noch des
Dachstuhls. Beim Sllinger wurde eingebrochen. Man nahm wieder den
Italiener fest, obwohl ihn niemand angezeigt hatte. Da man ihm aber
nichts nachweisen konnte, entlie man ihn abermals. Michael traf ihn
am Pfarrhaus, nickte schon von weitem grend und hatte ein Lcheln
wie ungefhr: "Gut so!" Und wieder arbeitete der Italiener auf dem
Bau, finster gegen jedermann, verschlossen und wortkarg, nur etwas
aufgetaner zu Michael.--Die Kirche war nun jeden Sonntag drckend
voll. Die sechs Fenster strahlten ihren vielfarbigen Prunk ber die
Kpfe der Betenden. Einen Monat spter erschollen die neuen Glocken
erstmalig. Und in der Luft schwang ein Surren weithin. Wenn man jetzt
Michael sah, lag ber seinem Gesicht etwas wie ein leuchtender,
verschwiegener Triumph.

Der April zerging in Regen, Schneegestber und flchtigen Sonnentagen.
Die ersten Maitage lieen die grauweien Wnde des Neubaus sehr
schroff leuchten. Man konnte Michael manchmal mit dem Baumeister durch
die Rume schreiten sehen. Die Schreiner brachten Mbel. Es ging dem
Vollenden zu.

Es war wahr, was der erste Knecht vom Reinalther sagte: "Einen solchen
Stall trifft man so schnell nicht mehr." Und: "Eine Lust msse es
sein, dort zu arbeiten."

Aber der Sllinger warf verchtlich hin: "Was hilft ihm das schne
Haus und alles, wenn er kein Grundstck hat!"

Und aus den Reden der Drfler am Biertisch konnte man deutlich
heraushren, da keiner bereit war, auch nur ein Tagwerk von seinen
Grnden abzugeben.

"Unser Heu bleibt unser Heu," sagte der Gleimhans. Und alle nickten.

"Der kommt schon und will einen Grund!--Aber da bleibt ihm der
Schnabel sauber!" brummte der Reinalther.

Der Sllinger blickte dster drein und schwieg.--

Pfarrer und Ministrant gingen mit Michael durch die Rume des neuen
Hauses, beweihrucherten und besprenkelten alles. Eine Woche spter
trieben drei Viehtreiber wohl an die zwanzig Khe auf der Strae von
Greinau her ins Dorf und lieferten sie bei Michael ab. Der wohnte
schon vier Tage in seinem Haus. Zwei fremde Mgde, ein Knecht und
jener Italiener, den man von der Sandgrube davongetrieben und
verhaftet hatte, waren da. Und Heufuhren kamen an. Ganz fremde
Gesichter blickten von den leeren Wagen herunter, die durchs Dorf
ratterten.

"Wenn er jeden Pfifferling kaufen mu, wird die Herrlichkeit bald ein
End' haben," brummten die Bauern, "mit den paar lumpigen Wiesen kann
er grad' eine Kuh fttern."

Nach etlichen Wochen kam eine Magd Michaels zum Reinalther und zum
Gleimhans und richtete aus, die Bauern sollten zu ihm kommen.

"So--!? Sonst nichts....?!" rief der Reinalther hhnisch und schaute
das dralle Frauenzimmer hmisch an, "sagst, er soll sich einen ndern
Dummen suchen!"

Und--: "Der hat grad so weit zu mir her!" fertigte der Gleimhans die
Botschaftbringerin ab.--

Gleichsam, als htte man sie ohne jeden Grund persnlich beleidigt,
kam die Magd zurck und berichtete Michael das Verhalten der beiden
Bauern.

"Geh!--Ist schon gut!" schnitt dieser ihr das Wort ab, als sie
gesprchiger werden wollte. Seine Zge vernderten sich nicht. Nur
seine Augen glommen einmal funkelnd auf.--

In der Wirtsstube Simon Lechls herrschte diesen Abend ein belebteres
Gesprch.

"Jetzt wird er langsam angekrochen kommen und Grnd' wollen," brummte
der Reinalther.

"Da kann er alt werden!" erwiderte der Gleimhans. Und alle nickten.
"Mit seinem Geldhaufen ist er gar nichts!" sagte der Lechlwirt:
"Grnd' machen den Bauern!"

"Das ist's!" besttigte der Sllinger.

Und wieder nickten alle.--


IV.

Die Jahre verstrichen. Das kahle, grell leuchtende Haus am Waldrand
nahm mehr und mehr eine verwitterte Farbe an. Bisweilen, wenn die
Scheune leer war, sah man die schwarze Kutsche Michaels in scharfem
Trab aus dem Dorf rollen, Greinau zu. Vorne auf dem Bock sa der
Italiener mit finster gefaltetem Gesicht und schaute nicht nach links
und nicht nach rechts.

An den darauffolgenden Tagen knarrten dann meistens schwerbeladene
Heufuhren auf der Greinauer Strae daher und fuhren durchs Hoftor
Michaels.

"Nette Wirtschaft!" brummten die Bauern: "Jeden Bschel Futter mu er
kaufen!" Und halb war es Mimut, halb Schadenfreude, was auf ihren
Gesichtern stand. Die Ernten in dieser Gegend waren mehr als
berreichlich. Die Aufkufer, die aus der Stadt kamen, hatten es
leicht und konnten anmaend sein. Sie minderten die Preise, wo und wie
immer es nur ging. Die Transportkosten his zum Bestimmungsort muten
die Bauern tragen. Es kostete stets einen ganzen Tag Zeit, wenn ein
Drfler seinen verkauften Hafer, sein Korn oder Heu nach Greinau auf
den Bahnhof fuhr und dort in den Waggon lud. In die "Ferkelburg" aber,
wie man Michaels Haus nannte, fuhren fremde Heuwagen!--

Michael war fast nie zu sehen. Er sa in seiner Turmkammer und sann.
Grbelte, als warte er auf etwas. Gleichmig und ereignislos verlief
die Zeit.

Durch irgendeinen findigen Kopf angeregt, war die ganze Drflerherde
um Greinau darauf gekommen, da eine Eisenbahnlinie gerade in dieser
Gegend notwendig sei. Eine Vereinigung bildete sich, wurde "Lokalverband
der Eisenbahninteressenten" genannt. Eine Eingabe um die andere
bestrmte das Ministerium. Die Regierung nahm endlich Kenntnis davon,
der Landtag sprach sich befrwortend aus. Die Eisenbahnlinie wurde
genehmigt.--

Michael verfolgte die Berichte im "Greinauer Wochenblatt" eifrig. Man
sah ihn jetzt fters am Gemeindekasten vor dem Brgermeisterhaus
stehen und die Anschlge lesen. Vom Sllingerhgel aus konnte man das
ganze hingebreitete Land bersehen.

Da stand er auch.

Und nicht selten. Oft sogar lange.--

An jenem Tag, da die amtliche Bekanntmachung von der Genehmigung der
Eisenbahnlinie angeschlagen war, wandte er sich behend, wie von einer
verhaltenen Freude ergriffen, herum und berblickte die Weiten.

"Hm!--Jetzt!" stie er pltzlich heraus, nickte etliche Male und ging
zuversichtlicher von dannen.

Erst nachdem er in der Tr der Ferkelburg verschwunden war, trat der
Brgermeister aus seinem Haus und heftete die Bekanntmachung der
groen Versammlung im Gasthaus "Zur Post" in Greinau in den Kasten.

Am darauffolgenden Sonntag war der Tanzsaal der Postwirtschaft zum
Bersten voll. Die Bauern aus der Ganzen Umgebung waren zusammengestrmt.
Die bejahende Entschlieung der Regierung wurde bekanntgegeben. Die
ganze Versammlung brllte und klatschte begeistert.

"Eine Bahn mu her!" erscholl von allen Seiten. Es gab schwere
Rusche.--

Schon nach einer knappen Woche erschienen die Vermessungsbeamten im
Dorf und wurden mit ehrwrdiger Neugier empfangen, durchschritten die
Felder, steckten wei-rote Stangen auf, kamen immer nher an die
Huser heran, zogen eine Linie durch Reinalthers Garten, ber das
Gehft Sllingers hinweg.--

Die Hnde in den Hosentaschen, schweigend und gewichtig, sahen ihnen
die Bauern erst zu.

"Also so ging's?" fragte der Gleimhans einen Vermesser.

"Jawohl, ganz so," erwiderte dieser und war schon wieder weiter.

"Hm!" brummte der Gleimhans, hob den Kopf und sah den Reinalther
verwundert an.

"Mt also mein halber Garten weg?" sagte dieser und sah den Geometern
nach. Die entfernten sich mehr und mehr. Weiter ging es--ber das
Gehft Sllingers hinweg.

"Hoi--Hoi! Da wr demnach das ganze Brgermeisterhaus im Weg!" stie
jetzt der Reinalther fast entsetzt heraus und sah betroffen, mit
offenem Maul, auf Gleimhans.

"Das wird sauber!--Gibt's nicht!" schrie dieser wtend und straffte
seine Gestalt.

"Und--schau nur!--durch meine schnsten Grnd' gings'!" rief der
Reinalther, als eben die Vermesser die Linie durch seine Weizenlande
zogen, fustete seine Hnde drohend und polterte gleichfalls: "Gibt's
nicht!"

Und auf der Stelle gingen die beiden zum Sllinger hinauf und erhoben
lebhaften Einspruch gegen dieses Vermessen.

"Dein Haus soll weg! Dein Haus, Sllinger! Und unsere schnsten Grnd'
wollen's!" schrie der Reinalther aufgebracht. Und der Gleimhans, der
sich schon wieder ermannt hatte, sagte drohend: "Sollen kommen und mir
durch meinen Acker bauen!"

Der Brgermeister war wutrot his hinter die Ohren, schlug gewaltig in
den Tisch und rief ebenfalls: "Gibt's nicht! Gleich morgen fahren wir
zum Bezirksamtmann!"

Als die beiden Bauern aus dem Brgermeisterhaus traten, stand Michael
am Rande des Hgelrckens und sah den Vermessern gespannt nach.

"Hm,--der Michl!" brummte erstaunt der Reinalther.

"Den freut's, weil's ihm keine Grnd' nehmen knnen!" stie der
Gleimhans wtend heraus.--

Das ganze Dorf war am nchsten Tag in Aufruhr. Man ri berall die
wei-roten Stangen heraus, zerbrach sie. In aller Frhe schon fuhren
Sllinger, der Gleimhans und Reinalther nach Greinau zum Bezirksamtmann
und verlangten schimpfend eine sofortige Regelung der Angelegenheit.
Sie schrien, fluchten und drohten zuletzt auf das gefhrlichste. Der
Bezirksamtmann rannte erregt in seinem Arbeitszimmer auf und ab,
gewann aber dann die Ruhe wieder und zuckte mit den Achseln: "Ja,
meine Herren, wenn keiner durch seinen Acker die Linie laufen lt,
dann gibt es eben keine Bahnstrecke!"

"Wir pfeifen auf eine!" riefen die drei Bauern zugleich.

Der Bezirksamtmann machte ihnen klar, da der Beschlu der Regierung
nicht rckgngig gemacht werden knne, da doch angemessen entschdigt
werde und da "die Herren der betreffenden Instanzen doch keine
Kindskpfe seien und doch--"

"Das ist uns gleich! Die Bahn kommt nicht! So nicht!" fuhr ihm der
Sllinger ins Wort und vertrat starrkpfig den Standpunkt seiner
Begleiter.

Schlielich nach langem Hin und Her wurde beschlossen, eine Versammlung
der "Eisenbahninteressenten" einzuberufen.--

Bis auf die Strae heraus standen am nchsten Sonntag die Bauern, die
sich beim Postwirt in Greinau zusammengefunden hatten. Zeitweilig
entstand ein gefhrliches Gedrnge nach der Saaltr. Furchtbar
strmisch ging es zu. Ein Regierungsvertreter war erschienen. Er wurde
niedergeschrien, als er betonte, da "wenn die Abgabe der Grnde nicht
gutwillig geschhe, einfach abgeschtzt wrde."

Einfach abgeschtzt!--Einfach abgeschtzt!!! Was sollte denn das heien?
Etwa gar, da einem einfach die cker genommen wrden!?

Die Bauern wurden wild, standen auf, richteten sich drohend gegen die
Tribne. Die auf der Strae Stehenden zwngten sich gewaltsam herein.

"Gibt's nicht!" schrie der ganze Chorus. Ein ungeheurer Lrm erhob
sich. Alles machte Miene anzugreifen. Der Bezirksamtmann fuchtelte
vllig ratlos mit den Armen. Der Assessor schwang wehrlos die Glocke.
Es half alles nichts. Der Lrm wurde nur noch rger.

"'naus!--'naus! 'naus aus unserm Gau!" brllte der ganze Saal. Saftige
Grobheiten flogen den Herren da droben an den Kopf.

Als nichts mehr auf die tobende Schar einwirken konnte, schrie der
Bezirksamtmann heiser: "Die Versammlung ist geschlossen!" und
verschwand eiligst mit dem Herrn von der Regierung. Die rebellischen
Bauern wurden allmhlich wieder ruhiger, betranken sich weidlich und
hielten die Sache fr gewonnen.

Ohne besonderen Zwischenfall verliefen die nchsten Tage.--

In seinem Turmzimmer ging Michael auf und ab, blieb hie und da stehen,
hob rasch den Kopf und lchelte schmal. Und frh am Morgen, him und
wieder, schritt er her die nebeligen Felder.--

Inzwischen wurde der Bau der Eisenbahn im Landtag zum Beschlu erhoben.
Soweit lie man sich noch ein, da man Sllingers Haus umkreiste.
Dafr aber lief jetzt die Linie durch seine besten Getreidecker.
Und war beschlossene Sache! Nchstes Frhjahr sollte die Strecke in
Angriff genommen werden.

Beim Sllinger liefen die amtlichen Schriftstcke ber die
abzutretenden Grundstcke ein. Die Bauern standen vor den Anschlgen
mit verbissenen Gesichtern, brummten und fluchten. Eine furchtbare
Erbitterung hatte das ganze Dorf ergriffen. Aber es half alles nichts.
Alles nichts!

Und die Schtzpreise waren spottniedrig.

Es gab kein Zurck mehr. Mimutig fgten sich die Bauern.

"Eine Bahn! Eine Bahn! hat alles geschrien!--Jetzt haben wir's!"
polterte der Gleimhans beim Lechl; "ich hab's immer schon gesagt: es
kommt nichts Besseres nach! Wo man mit der Regierung zu tun hat, ist
Schwindel!"

Und die anderen, die am Tisch saen, sahen ihn finster an. Finster und
besiegt, berlistet und ratlos.

"Mssen ja doch! Hilft uns alles nichts!" brummte der Reinalther und
spuckte wtend aus. Und manchmal sagte ein Verrgerter: "Ach was,--ich
verkauf mein ganzes Zeug dem Jrgert und mach' ihm einen saftigen Preis!
Dann kann der sich mit der Regierung herumstreiten!"

Kaum einer--so schien es--hrte darauf. Aber dann wiederholte es sich
des fteren. Schchtern klang es erst. Allmhlich erzeugte es
nachdenkliche Gesichter und dann--dann sah man eines Tages den
Reinalther aus der "Ferkelburg" herausgehen. Keiner fragte nach dem
Grund dieses Besuches. Zwei-, dreimal wiederholte er sich und wieder
einmal fuhr die schwarze Kutsche aus dem Tor der "Ferkelburg".
Reinalther und Michael saen hinten drinnen, der Italiener auf dem
Bock. Es ging Greinau zu.

"Warum hast deine Alte nicht mitgenommen?" fragte Michael im
Dahinfahren.

"Brummt und brummt blo! Hat keinen Verstand fr so was!" antwortete
der Bauer mit leichtem rger.

"Hat's doch schn jetzt! Kann sich in die Stub'n sitzen und
privatisieren!" meinte Michael fast ermunternd.

"Freilich! Das hab ich ihr doch schon hundertmal gesagt! Aber sie
meint halt immer: 'Der Feschl! Der Feschl--wenn er von der Fremd'
kommt--knnt' eine schne Metzgerei aufmachen und hat jetzt auf einmal
keine Heimat mehr!" redete der Reinalther in die Luft, als sprche er
mit sich selbst.

"Aber Geld hat er! Einen Batzen Geld!" erwiderte Michael darauf. Und
der Bauer nickte: "Das mein' ich eben auch!"

Nachdem sie das Notariat verlassen hatten, lag auf Michaels Gesicht
eine freudig erregte Farbe. Er lud den Reinalther sogar zu einem
richtigen Schmaus ein und der wurde nach dem zweiten Krug schon
gesprchig.

"Wren noch andere im Dorf, die ihr Zeug anbringen mchten, sag ich
dir, Michl, brauchst dich blo dranmachen," schwatzte er vertraulich
ber den Tisch.

"Brauchen blo kommen,--alle nimm' ich!" gab ihm Michael zurck.

ber Reinalthers Gesicht huschte eine wohlige Rte. Offen und richtig
freundschaftlich betrachtete er seinen ehemaligen Knecht.

"Wei dich noch, wie'st mein Knecht warst, Michl," erzhlte er,
"htt'st dir auch den Buckl krumm gearbeit', wenn dein Amerikaner
nicht ins Gras 'bissen htt'!"

Und Michael nickte und schlo mit einem: "Jaja, so ist's auf der Welt
hie und da!" Dann fuhren sie wieder ins Dorf zurck.

Der Reinalther durfte in seinem Haus bleiben und sa von jetzt ab Tag
fr Tag beim Simon Lechl in der Wirtsstube. Oft kam er angeheitert
nach Hause. Dann brummte sein Weib: "Wirst noch grad so wie der
ersoffene Jrgert."

"Hab'ns doch, Alte! Hab'ns doch!" grhlte dann der Bauer bierselig
heraus.--


V.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten, griff die Vernderung der Sachlage
mehr und mehr in das Leben eines Teiles der Drfler ein. Die Kleinhusler
fristeten hierzulande ein hartes Dasein. Ihre krglichen Feldstreifen
trugen wenig. Jeder von ihnen war gezwungen, zur Erntezeit und whrend
des Winters, beim Holzen, bei den Bauern auf Taglohn zu arbeiten. Dieser
Verdienst war, wie man sich auszudrcken pflegte, "zum Leben zu wenig
und zum Sterben zu viel."

Diesen Leuten kam der Bahnbau gelegen. Es gab ertrgliche Lhne dort.

"Da hab ich meinen Batzen Geld, basta!--Und brauch' nicht bitten und
betteln bei den Bauern," uerte sich der Fendt, dessen baufllige Htte
am Dorfausgang stand. "Ich bleib' berhaupt nicht mehr da," sagte der
Rieminger, "ich verkauf mein Husl dem Jrgertmichl und mach' eine
Wscherei auf in der Stadt. Da hab' ich auf niemand aufzupassen!"

Und so geschah's auch.

Kaum ein halbes Jahr rann him, da hatte Michael auch das Fendthusl
und den bauflligen Reishof gekauft. Die beiden Husler bekamen eine
saftige Summe und konnten in ihren Husern bleiben. Michael verlangte
nicht einmal Mietzins von ihnen. Das trug sich herum von Ohr zu Ohr.
Mit einer gewissen Achtung sprach man davon.--

Der Bahnbau war in vollem Gange. Durch Gleimhansens cker trampelten
die Arbeiter, dicht hinter dem Sllingergehft, in den Weizenlanden
whlten sie den Kot aus der Erde. Mit verbissenen Gesichtern schauten
die Bauern auf ihre verwsteten cker. Viel Fremdvolk war unter den
Arbeitern. Italiener und Bhmen. Es gab Einbrche, nchtliche
Raufereien und Messerstechereien.--

Die Sllingerin bekam die letzte lung. Nach einigen Tagen starb sie.
Das ganze Dorf und viele Bauern aus der Umgebung standen um das Grab.
Die Glocken trugen ihr Luten durch die Luft.

Der Reinalther sagte beim Leichenschmaus im Wirtshaus zum Sllinger:
"Was hast' von dei'm Leben, Brgermeister? Deine zwei Shn' sind ja
doch schon stdtisch, da will keiner mehr an die Mistgabel und an den
Pflug!"

Finster sah der Sllinger ins Leere und erwiderte kein Wort. Seine
zwei Shne, der Martin und der Joseph, saen da und schwiegen
gleichfalls. Zwei flotte Burschen waren sie, sahen gar nicht mehr
burisch aus, studierten in der Stadt und hatten runde, selbstbewute
Gesichter, auf denen ein berheblicher Stolz glnzte.

Der Brgermeister stand auf einmal auf und ging.

Es war Erntezeit. Die Strae fhrte an den ehemaligen Reinaltherfeldern
vorbei und an der Breite des Ignatz Reis. Da arbeiteten die Knechte
Michaels und der Italiener beaufsichtigte sie. Er war ein schweigsamer,
finsterer Geselle mit unheimlich tiefglimmenden Augen. Wenn er wo
auftauchte, griffen alle unwillkrlich hastiger zu. Der Sllinger blieb
einen Augenblick stehen, bi die Zhne aufeinander und schlug,
weitergehend, den Hirschgriffstock fester auf den Boden.--

Den Michael sah man jetzt tagsber fast nie. Nur am Abend stelzte er
her den Sllingerhgel, blieb manchmal stehen und sah wie prfend der
Bahnlinie nach. Gebckt ging er. Er trug meistens einen breiten Mantel
und hielt einen Stock in der Rechten.

Manchmal wenn ein Heimkehrender an ihm vorbeiging, lag ein verglommenes
Lcheln auf seinen faltigen Zgen. Pltzlich aber verfinsterten sie sich,
sein Kopf senkte sich und hastig trottete er weiter.

Einmal traf es sich, da er dem Sllinger begegnete. Er blieb fest
stehen und sah dem Bauern lauernd in die Augen. Es war gerade an der
Stelle, wo der Bahndamm sich hob, nah' am Bachbrcklein.

"Grad' deine schnsten cker haben's hergenommen," sagte Michael.

"Hm!" nickte der Brgermeister und wute nicht, wo er hinschauensollte.

"Wirst alt jetzt, Sllinger! Gib's her, dein Anwesen!" begann Michael
wieder.

Der Bauer schttelte nur den Kopf strrisch und ging wortlos weiter.
Aber dieses Mal sah Michael noch tief in der Nacht die Stubenfenster
im Brgermeisterhaus leuchten.

Einige Tage spter geriet der Heustadel hinter dem Sllingerhof in
Brand und nur mit Mhe konnte die Feuerwehr das berschlagen der
Flamme aufs Bauernhaus verhindern.

Der Italiener Rotti und der Bhme Zdrenka hatten es auf die
Brgermeister-Magd abgesehen. In einer Nacht erstach der Bhme den
Italiener. Zwei Gendarmen von Greinau kamen. Unruhig wurde es im
Sllingerhaus.

Der Brgermeister schlug wtend auf den Tisch: "Ich mag nicht mehr!"
Und resolut rannte er zur Tr hinaus, geradewegs auf die "Ferkelburg"
zu.

Michael empfing ihn freundlich und ruhig. Er bot eine Summe, da der
Bauer seine Augen weit aufri.

Der Handel kam zustande.

Der Sllinger gab sein Brgermeisteramt auf und zog zum Schmied.

"Verkauf deine Kalupp'!" sagten jetzt jeden Abend der Reinalther und
er in der Lechlstube zum griesgrmigen Gleimhans.

"Hast deine Ruh' und einen schnen Batzen Geld und der Michl lt dich
drinn, solang als du willst!" bekrftigte der Lechlwirt.

"Solang' ich leb, nicht!" gab der Gleimhans einsilbig zurck und
schttelte beharrlich den Kopf.--

Michael kaufte das Schmiedanwesen. Der Schmied zog in die Stadt.--

"Kauft das ganze Dorf," brummte der Gleimhans, "und hat uns zuletzt
alle in der Mausfall'n!"

"Soll er, wenn's ihm gefllt!--Er kann sich's leisten, zahlt gut und
ist nicht zuwider!--Lt mit sich reden!" verteidigten der Wirt und
der Reinalther den Herrn von der "Ferkelburg". Und dumpf nickte der
Sllinger.--

Aber am nchsten Tag trat Michael ins Reinaltherhaus. Der Bauer
empfing ihn aufgerumt und freundlich, ohne jegliches Arg.

"Im Frhjahr mt's raus! Hab' einen Pchter," sagte da auf einmal
Michael kurz.

Dem Bauern gab es einen Ruck. Er sah ihn gro an.

"Bringt aber sein Zeug schon bernchst's Monat!" sagte Michael wieder
und wandte sich zum Gehen.

Der Reinalther wurde jh bleich. Sein Kinn bebte. Seine Unterlippe
rutschte etwas herunter.

Hilflos und bittend sah er auf Michael.

"Geht's gar nicht, da wir die paar Kammern hinten kriegen knnten und
bleiben drfen!" brachte er kleinlaut heraus.

Michael schttelte schweigend den Kopf.

"Gar nicht?"

Michael drehte sich um, sah ihn kalt an: "Knnt's ja am End zum Schmied
einzieh'n. Obenauf sind noch drei Kammern. Nachher seid's mit'm Sllinger
beieinand! berleg' dir's und la mir's wissen!"

Und ehe der Bauer etwas erwidern konnte, war er drauen.

Eine Weile stand der Reinalther wie besinnungslos da. Dann ging er zum
Lechlwirt hinber.

Der Gleimhans und der Sllinger saen da. Schchtern und ganz von auen
herum erkundigte sich Reinalther nach den Rumlichkeiten im Schmiedhaus.

"Mut' raus?" fragte der Lechl.

Stumm nickte der Befragte.

"Ins Schmiedhaus?"

"Schier," erwiderte der Bauer und setzte hinzu: "Hat einen Pchter frs
Frhjahr."

Gleimhansens Augen glnzten listig. Er hob den Kopf und lchelte
schadenfroh.

"Vom Schmiedhaus ist gar nicht mehr weit ins Gemeindehaus!" warf er
boshaft him.

Der Sllinger rckte sein Gesicht empor.

"Ja--!" sagte der Gleimhans, ihn messend, "samt eurem Geld jagt er
Euch in die Mausfall'n, wenn's ihm pat!"

Die beiden anderen Bauern saen dumpf da und starrten schweigend ins
Leere. Der eine erhob sich, und der andere. Und beide gingen ohne ein
Wort.--


VI.

Wiederholte Male hatte Michael zum Gleimhans geschickt. Er selbst kam,
der Italiener kam, die Magd kam. Es half alles nichts. Der Bauer gab
sein Anwesen nicht her.

"Wenn nochmal einer kommt, kann er seine Knochen vor der Tr
zusammenkratzen!" brllte er das letztemal wild. Es kam keiner mehr.

Michael hatte nach und nach das ganze Dorf aufgekauft. Die Gehfte und
Huser lagen brach und still da. Die ehemaligen Besitzer waren entweder
fortgezogen, gestorben oder arbeiteten gegen Taglohn auf der Bahnstrecke.
Die Grundstcke wurden von den Ferkelburgleuten beackert, bebaut und
bewirtschaftet.

Im ehemaligen Reishof logierte eine Hausiererin und fhrte einen
Kramladen. In den sonstigen Husern wohnten Arbeiter oder auch die
frheren Besitzer, gingen in der Frhe heraus und abends hinein. Die
Mauern brckelten ab, die Grten verwahrlosten, alles lag verdet und
ruinenhaft da.

Michael selbst sa den ganzen Tag in seinem Turmzimmer, her die
Protokolle und Urkunden gebeugt, die er beim jedesmaligen Kauf eines
Anwesens vom Notariat ausgehndigt bekam. Nur der Italiener und die
Magd, die ihm das Essen brachte, sahen ihn. Alt und verfallen sah er
aus. Zusammengeschrumpft war seine Gestalt.

Nachts, wenn der Mond silbern her die Talmulde glitt, stand er am
Turmfenster und berschaute seinen Besitz. Dann glomm manchmal in
seinen Augen etwas wie Triumph. Nur wenn sein Blick auf das
Gleim-Anwesen fiel, wurde es finster auf seinem Gesicht.--

Aus der Erde brach der Frhling. Die Magd kam zum Reinalther und
brachte die Botschaft, der Bauer solle sich zum Ausziehen
bereitmachen.

"Jaja, in Gott's Nam'! Sagt's nur, ich will ins Schmiedhaus!" gab ihr
der Bauer als Antwort mit in die "Ferkelburg".

Am selben Tag trottete Michael eilsam auf den Kramladen zu und
verschwand scheu in dessen Tr. Die Krmerin schrak frmlich zusammen,
als er so dastand.

Aus einem grauenhaft gelben Gesicht starrten verkohlte Augen auf sie.

"Gib mir zwei Kalbstrick, Irlingerin, aber gute!" sagte Michael kurz.

Die Krmerin legte einen Packen Stricke hin.

Michael prfte sorgfltig einen um den andern.

"Die!" stie er hastig heraus, warf das Geld him und nahm zwei
Stricke.

"Tragen denn gleich zwei Kh' diesmal?" fragte die Krmerin endlich.

Aber Michael nickte nur und ging. Eilig stelzte er durchs Dorf.

Als er die Tr seines Turmzimmers zuschlo, zog er die Stricke aus
seiner Brusttasche, prfte sie nochmal und legte sie in den Schrank,
schlo ab. Offenbar befriedigt atmete er auf, trat an den Schreibtisch
und las wieder die Urkunden.--

Gegen Abend kam der Pfarrer, der lange nicht mehr dagewesen war, in
die Ferkelburg. Mitrauisch und etwas verwirrt empfing ihn Michael.

"Das Kloster Sankt Marien mchte den Sllingerhof, Michl?" sagte nach
einer Weile Schweigens der Geistliche.

Michael schttelte den Kopf.

"Ist nicht recht, da alles so tot daliegt, Michl!" ermahnte der Pfarrer.

"So?" sagte Michael hartnckig, und seine Falten zuckten fast hhnisch.

"Wirst ein alter Mann, Michl! Was tust mit den vielen Husern!" murmelte
der Geistliche hilfloser.

"G'richt halten!" stie Michael gedmpft heraus und heftete seine Blicke
funkelnd auf den Pfarrer. Der stand beklommen da und atmete schwer.

"Unser Herrgott wird dir Dank wissen, Michl!" fand er endlich das Wort
wieder und erinnerte abermals an den Sllingerhof.

"Steht zu arg in der Sonn'", murmelte Michael noch leiser und
unheimlich heraus, "und wirft mir den ganzen Schatten in die unteren
Stuben!"

Er stand gespannt da, bewegte sich nicht. Der Geistliche wurde
pltzlich bla, als er das eingeschrumpfte, gelbe Gesicht im matten
Licht sah.

Jetzt funkelten Michaels Augen wieder und seine Lippen gingen auf und
zu:

"Hat einmal meinem Vater gehrt, nicht?! ... Und der Sllinger hat es
ihm abgekauft, nicht?! ... Und--der Gleimhans hat ihm Geld 'geben.
--Vieh hat er dazumal geschachert, der Sllinger, nicht?! Und-und
hat's meinem Vater langsam abgekauft--langsam, nicht?! ... War ja ein
Httl, damals--nicht!?--"

Er hielt inne. Der Pfarrer stand wortlos da.

"Und nachher hat er das Saufen angefangen, mein Vater, nicht?!"
keuchte Michael fortfahrend heraus: "Und dann haben's meine Mutter ins
Gemeindehaus, und--und nachher haben sie sie auslogiert--ist
gestorben, weil unsere Kuh krepiert ist! Hat's nicht mehr erleben
knnen ... nicht!?"--

Jetzt stockte er pltzlich, hielt die Worte zurck und erbleichte.
Wieder bohrte er seine mitrauischen Blicke in das Gesicht des
Pfarrers. Eine Unruhe fieberte auf seinen Falten.

Auf einmal, ohne des Pfarrers zu achten, stie er heraus: "So dunkel
ist's da unterm Turm wie im Gemeindehaus bei meiner Mutter
dazumal....!?"--

"Michl!" rief der Pfarrer nur mehr. Dann ging er.--

Michael stand eine Zeitlang in der gleichen Haltung da, dann zuckte er
erschreckt zusammen und brach in seinen Lehnstuhl.

Spter rief er den Italiener. Es war schon Nacht drauen. Er steckte
die Kerze an und zog die dichte Gardine vor.

"Hast immer geladen in der Sandgrube, nicht?" fragte er den Italiener.

Der nickte.

"Bist krank, Guisepp'! Mut Ruh' haben," redete Michael gut auf ihn
ein und lie ihn nicht aus den Augen.

Guiseppe stand verlegen und verstndnislos da.

"Das Sllingerhaus da drben, Guisepp', das soll dir gehren, wenn'st
--wenn'st nochmal sprengst, blo mehr dies einzige Mal!" sagte Michael
aschfahl und ffnete seinen Schreibtisch, legte drei Pulverscke aufs
Pult.

Der Italiener starrte ihn gro und schweigend an.

Als dies Michael bemerkte, sprudelte er fast bittend und hastig
heraus: "Haben dich nie erwischt, Guisepp', nie! Hast dich immer
rausgemacht--wirst's auch diesmal fertigbringen!"--

Und dann setzte er ihm den Plan auseinander.

Mitten im Gesprch horchte er jh auf. Fern aus dem Dorf hrte man
Wagengeknatter und "H"-Rufe. Der Gleimhans fuhr die Habe Reinalthers
ins Schmiedhaus.

"Geh!" sagte Michael hastig zum Italiener. Mechanisch verlie dieser
das Zimmer.--

Bis tief in die Nacht hinein schleppten der Gleimhans, der Sllinger
und die Reinalther-Eheleute die Mbel in die wackeligen Kammern im
ersten Stock des Schmiedhauses.

Es war eine windige, unruhige, stockdunkle Nacht. Manchmal trug eine
Windwelle Laute und abgerissene Stze herber zur "Ferkelburg".

Michael ging zitternd im Turm auf und ab. Auf und ab. Von Zeit zu Zeit
neigte er sich ber den Schreibtisch und schrieb noch ein Wort oder
einen Satz auf einen aufgeschlagenen Bogen Papier.

Jetzt ri der Wind die Schlge der Kirchturmuhr auseinander. Michael
tappte ans Fenster, hob die Gardine ganz schmal beiseite und band den
Strick an den Fenstergriff.

Und sah scharf und sphend ins Dunkel hinaus.

Da krachte es furchtbar. Ein riesiger Feuerklumpen brach in der Gegend
des Schmiedhauses schleudernd in die Schwrze der Nacht.--

Und um die runde Anhhe hetzte eine lange Gestalt auf die Ferkelburg
zu.

Michael fate den Strick und legte seinen Hals in die Schlinge. Dann
brach er ins Knie und hob seine ineinandergerungenen Hnde zur Hhe.
Sank.--

Mit jener grauenhaften Blsse, die oft jh von furchtbarer Ahnung
Erschtterte befllt, sagte der Pfarrer am andern Tag vor der Leiche
des Erhngten: "Alle Dinge sind eitel!" Und hob den Blick gen Himmel.

Auf dem Schreibtisch lag ein Testament, das Guiseppe die ganzen
Besitzungen und Hinterlassenschaften Michaels zuerkannte.--




EIN DUMMER MENSCH


I.

Seltsam sind Menschenwege. Kalt ist der Winter, hei der Sommer, die
Zeit luft weg und Alter und Verbitterung hocken in den Knochen, eh'
man sich richtig umsieht. Und schlielich--was ist's gewesen, wenn man
nachdenkt?--

Misere, Misere, Misere!

Zufall ist alles--und nichts.--

Vor zweieinhalb Monaten noch--hol der Teufel diese kalten, widerwrtig
regnerischen Herbsttage!--trottete Adam Hgl verdrielich durch die
dumpfen Straen, berlas ein um das anderemal die Karte des
Arbeitsamtes, die ihm anbefahl, da er sich beim Kranenwerk als
Erdarbeiter zu melden htte, zerknllte sie ebensooft in der Tasche
und trat gedankenlos in die Kneipe der engagementslosen Artisten "Zur
wilden Rosa."

Widerlich, wie er jetzt auf einmal noch qulender die kalte Nsse an
seinen Gliedern herabrieseln fhlte! Und ausgerechnet mute noch dazu
die selbstspielende Geige unausgesetzt kratzen, da es durch Mark und
Bein ging!

Die rauchige Luft war zum Schneiden dick hier und ein Lrm herrschte
an allen Tischen wie auf einem Jahrmarkt.

Knirschend und ohne sich um die geschwtzige Gesellschaft zu kmmern,
lie sich der Eingetretene auf einen Stuhl fallen und schwang seinen
patschnassen Hut ein paarmal derart wtend him und her, da die
herausgepeitschten Tropfen wie aus einem Weihwasserpinsel herumflogen.

"Pilsner oder Most?" schrie der Kellner her die Kpfe hinweg.

"Pilsner!" brummte Hgl finster zurck und machte sich breit. "Hoho!"
murrte jemand beinahe drohend am Tisch, und rgerliche Gesichter hoben
sich. Auf einmal rief eine bekannte Stimme: "Mensch! Hgl!" und Adam
Hgl sah verwundert auf.

"Hgl! Mensch! Adam!" schrie es abermals und ein Herr mit rundem,
lachendem Gesicht tauchte an der anderen Tischseite auf, beugte sich
behend in die gedrngten Leute: "Erinnerst du dich? Krull, vierte
Kompagnie, Zimmer achtundzwanzig!? Bauchreden!" Adam Hgl faltete
schnell die Stirn.

Ja, es stimmte: Im Zimmer achtundzwanzig der vierten Kompagnie lag er
neben Ferdinand Krull und betrieb als Liebhaberei die gelegentlich
erlernte Kunst des Bauchredens. Er entsann sich ganz deutlich, und
unwillkrlich, fast von selbst entquollen ihm einige Laute. Er sa
gerade aufgerichtet da, mitten im pltzlich verstummten Kreis der
Gesichter, mit geschlossenem Mund--nur der herausgedrckte Punkt
seines Halses bewegte sich etwas auf und ab--und tief unten in seinem
Bauch redete es.

"Mensch, du kannst noch!? Komm sofort mit! Du wirst meine beste
Nummer!" jubelte jetzt der ehemalige Barkellner Ferdinand Krull, und
ehe die verblffte Schar sich's richtig versah, trabten die beiden
eilsamen Schrittes aus der Kneipe, stiegen in das bereitstehende Auto
und weg waren sie.--

Am selben Abend schon stand Adam Hgl auf der grell beleuchteten,
gerumigen Bhne des Krullschen "Paradies-Kasinos" und johlte seine
Bauchstimmen-Witze in das bunte, glnzende Publikum, das sich
allabendlich hier zusammenfand.

Flchtig zurechtgemacht, im zu groen, faltigen Frack des beleibteren
Krull, mit viel zu weitem Kragen, der sich wie ein schmaler weier
Kummet um seinen drren, langen Hals wand, in einer karierten,
schnrenden Weste, einer billigen gestreiften Hose und den qulend
drckenden Lackschuhen des Wirtes--so stand Adam Hgl, eine beachtete,
wichtig gewordene Einzelperson,--wie aus einer tiefen sumpfigen
Finsternis pltzlich auf einen strahlenden, weithin sichtbaren Gipfel
gehoben--inmitten der sorglosen, groen, prchtigen Welt.

Musik fiel ein, suselte se, schmeichelnde Melodien durch den Raum,
tuschte, brach ab--der Vorhang peitschte in die Hhe. Vereinzeltes
Sthlercken noch, leise verschwingendes Glserklirren und andchtige
Stille minutenlang. Adam Hgl ri die Augen weit auf. In der
blauberleuchteten, abgedmpften Zuschauergruft tauchten puppige
Herrenrcken auf, khngekleidete Damen, ebenmige, gepflegte,
wunderbar abgetnte Gesichter und lange, glitzernd beringte Hnde
mit Elfenbeinfarbene Nacken bogen sich waghalsig.

Herausfordernde, runde, nackte Arme bewegten sich lssig
undentblte, leicht gertete Brste hoben und senkten sich wie
weiche, mrchenseltsame Lichtflchen, die ein fchelnder Wind
arglos um schwirrte.--

Mit Gewalt mute Adam Hgl an sich halten. Der Atem stand ihm still.
Schwei war auf seiner Stirn. Mhsam prete er endlich die ersten
Laute heraus.

Es rkelte.

Sein Herz klopfte auf einmal wie im Galopp. Mit ganzer Kraft straffte
er sich, grhlte unbeholfen den ersten Witz heraus, begann ohne
Zwischenpause den zweiten.

Es rkelte schon wieder. Seine Knie begannen zu schlottern. Er bi die
Zhne fest aufeinander, prete--prete die Laute, die auf der Kehle
saen, wieder zurck, hinunter in den Bauch und hatte endlich den
zweiten Witz.

Das Rkeln verstrkte sich, verflachte zu einer allgemeinen
Bewegung. Schon drohte er umzufallen--da brach ein berstender,
frenetischer Jubel her ihn her, ein Gelchter wie aus einer
vielstimmigen Riesentrompete, ein betubendes Klatschen, als sei hoch
auf einem Berge die Schleuse eines gehemmten Flusses mit einem Male
jh aufgerissen worden und die ganze Wasserlast falle sausend in die
Tiefe.

Er war gerettet.

Er atmete auf, hielt inne, lie den Jubel verrauschen und jetzt flo
sein ganzer Mut und Witz berckend sicher aus ihm heraus, hinab in die
Gruft und wieder zurck an seine schweinasse Brust wie
verhundertfachter, brausender Dank.

Er hatte gesiegt.

Einen solchen aus allen Geleisen geratenen Beifall hatte das
"Paradies-Kasino" noch nie erlebt.--

Vollkommen erschpft schleppte sich Adam Hgl am Arm seines ehemaligen
Regimentskameraden immer wieder durch die getrmten Blumenhaufen, vor
bis an die Rampe, kaum noch fhig, sich zu verbeugen. Und immer, immer
wieder zuckte der Vorhang, fuhr sausend auseinander und in die Hhe.

Zuletzt sah es aus, als htten sich alle Menschen da unten
bereinandergeworfen und in das wste, kreischende Plrren mischte
sich endlich die Musik undschwoll an zu einem mchtigen Choral. Und
regelmiger, breit und den ganzen Raum erbeben lassend sang es aus
allen Kehlen zur Hhe: "Ooo du Pa--a--aradies! Pa--a-aradies
--Kasi--ino--o--o!" da Adam Hgl buchstblich wie halbtot seinem
Kameraden in die Arme sank und aus tiefstem Glck erschttert auf
johlte: "Pa--a--aradies!"--

Einige Tage spter konnte er an allen Litfassulen in halbmetergroen
Buchstaben seinen Namen lesen und darunter stand: "Die groe Nummer".
Und jeden Abend erntete er den gleichen Beifall. Schon in der Mitte
des zweiten Monats war auf allen Plakaten, quer her "Die groe
Nummer" geklebt, zu lesen: "Zum dritten Male prolongiert!"--


II.

Ohne es selber recht innezuwerden, rckte Adam Hgl in eine andere
Menschen schicht hinauf. Er trug nunmehr seidegeftterte Anzge der
besten Schneider, ging mit gelassener Selbstsicherheit durch die
Straen und grte mit ausnehmender Vorliebe auffllig gestikulierend
und so geruschvoll, da alles stehen blieb und lachen mute, vornehme
Gste des "Paradies-Kasinos". Fast jeden Abend nach seinem Auftreten
sa er an irgendeinem Tisch, inmitten einer fidelen Gesellschaft,
trank je nach der Art seiner Gastgeber entweder herablassend beilufig
oder mit einigen Brusttnen lobender Aufmerksamkeit ltesten Wein,
Bekanntesten franzsischen Sekt, jeden Nerv kitzelnde Likre und sog,
immer witzgerecht, mit gebt buerlicher, biederer Bescheidenheit alle
Bewunderung der Gste in sich hinein.

Seine berechnete Natrlichkeit wirkte bestechend bei Damen, alten
Lebemnnern und Industriellen. Er zotete, wenn ihn ein abflliger,
herabmindernder Witz traf, her alles hinweg mit jenerunerschtterlichen,
nie angreifbaren, hmischen Trockenheit, die entwaffnet. Mit dem ganzen
unterdrckten Instinkt eines Menschen, demdie Angst vor dem
Wiederzurcksinken in den Sumpf Spannkraft gibt, beobachtete er, erwog
die Mglichkeiten neuer Bekanntschaften, erlistetesich notwendige
Gebrden und Manieren, machte sich gutwirkende Kniffe zunutze
und galt bald als der gewiegteste Weinkenner und groartigste,
bewunderungswrdigste Zecher, mit dem es eine Lust war, Gelage zu halten.

Freilich, es gab auch Abende ohne Einladung, wo er am Knstlertisch in
der zerwetzten Nische sa und sich mit Kollegen und Kolleginnen, die
mit ihm das Programm ausfllten, unterhielt. Artisten aus aller Herren
Lnder, dicke Sngerinnen, zierliche Chansonetten und schwergebaute
Ringkmpfer waren da. Intrigen, Neid und Intimitten gab es da,
Vertraulichkeiten und Klatsch. Mit teilweise unverhohlenem oder auch
leisem, verstecktem, stechendem Spott sahen diese weltbereisten, mit
allen Wassern gewaschenen Leute auf den Neuling herab. Es war
unerquicklich und feindselig in dieser Nische, alles deutete zurck in
die Misere.

Drauen, im Zuschauerraum, vertrugen sich die dickaufgetragenen
Freundlichkeiten vorbergehender Kollegen fast lcherlich leicht.
Whrend er nicht selten, wenn er spt nachts den Knstlertisch
verlassen hatte und heimwrts ging, zukunftsbesorgt und entmutigt war,
lebte er als Gast an den Tischen der Kasinobesucher stets auf, schaute
den vorbergehenden Kollegen khn und dreist in die Augen, warf ihnen
treffsichere Zoten zu und lchelte unverschmt, wenn er auf ihren
Gesichtern die nur schwer zurckgehaltene Wut aufsteigen sah. Hier, in
diesem Meer, dessen Wellen ihn unausgesetzt emporhoben, fhlte er sich
vllig geborgen, unverfolgbar und mchtig.

Adam Hgl war kein Optimist. "Nichts dauert ewig und jeder mu sich
nach der Decke strecken," sagte er bei jeder Gelegenheit mit leiser
Ironie, doch handelte er danach.

Gelegentlich eines wsten Gelages mit dem Millionr van Haarskerk und
seiner Gesellschaft in einem abgedmpften Hinterraum des
Paradies-Kasinos lie er sich kaltes Wasser kbelweise her den Kopf
schtten, spielte mit Meisterschaft den vllig Betrunkenen, trank
gesalzenen Sekt ohne eine Miene zu verziehen, ertrug zur Steigerung
des Vergngens viele, viele Ste in den hingehaltenen Bauch und
tanzte zuguterletzt patschig und negerhaft wie ein Eunuch im Hemd
herum, da sich die ganze Gesellschaft vor Lachen wlzte.

Von da ab sa er jeden Abend am Tische van Haarskerks, duzte sich mit
diesem. Der Millionr war eine besondere Art von Mensch, Er hatte der
kleinen Kabarett-Diva Yvonne eine Villa drauen an der Peripherie der
Stadt gebaut und vertrieb sich die Zeit damit, mit ihren frheren
Bekannten Gelage zu halten, ausgesuchte Gerichte zu kochen und
Autotouren zu machen. Durch sein Verhltnis mit der Diva war er im
Laufe einer ganz kurzen Frist zu einer Art Stadtbekanntheit geworden.
Meistens kam er mit zwei oder drei vollbesetzten Autos im
Paradies-Kasino an. Allerhand zweifelhaft gekleidete Leute begleiteten
ihn, alles frhere Geliebte Yvonnes--: abgewirtschaftete Studenten,
die sich Dichter nannten, einige Kunstmaler, ehemalige Kabarettleute,
undefinierbare Witzbolde und schlielich noch einige Herren, die stets
neueste Mode am Leibe trugen, gepudert waren und das Einglas ins Auge
geklemmt hatten. Nach Schlu der Vorstellung fuhr man nicht selten mit
noch Hinzugekommenen, momentan die Langeweile vertreibenden
Eingeladenen nach Hause, um dort weiterzutrinken, zu diskutieren oder
Bakkarat zu spielen, his die Frhe fahl ihr Licht durch das dicke
Glasdach des Wintergartens auf die Zecher herabfallen lie.

Adam Hgl fate festesten Fu in diesem Hause, ja, zhlte geradezu zur
Familie, lernte fabelhafte Tafeln kennen, berschttete die gelassene
Gleichgltigkeit, mit der man hier Unsummen in die Spieltischmitte
schob und wieder wegzog, mit seinen herabmindernden Spen, trank
ebenso whlerisch wie selbstverstndlich Whisky pur wie Kognak von
1875, Mit dem ihm eigenen Geschick sekundierte er, wenn Yvonne ihre
tausendmal erzhlten Bettgeschichten und anzglichen Witze erzhlte.
Sein trainiertes Gelchter ri jedesmal mit und erleichterte den nur
mit Mhe die Langeweile verbergenden, devot Beifall spendenden
Gnstlingen ihre schwierige Aufgabe auf das angenehmste.

Oft und oft kam es vor, da die berreizte Diva eine Vase durch eine
Glastr warf, Unheil stand drohend--da auf einmal trompetete das
Lachen Hgls und glttete im Nu den Sturm.

Es gab Nchte in diesem Hause mit ihm, die begannen mit einem wsten
Balgen zwischen Yvonne und van Haarskerk, mit einem Zusammenschlagen
kostbarster chinesicher Zierrate, mit einem Demolieren von Tren und
Mbeln und endeten wie etwa eine unvergleichlich lustige Sylvesterfeier.

Hier war ein reicher Fischplatz. Adam Hgl warf vorsichtig seine
Angeln und Netze aus.--

"Denn nichts dauert ewig und jeder mu sich nach der Decke strecken!"


III.

Die Tage und die Nchte liefen davon. Viel zu schnell. Sie schwebten
vorbei, ohne sich voneinander zu unterscheiden. Es war ein
unaufhaltsames Flieen. Es gab keinen festen Punkt, kein Nachdenken,
keinen Widerstand.

Allmhlich, mit jedem Tag bemerkbarer, lie der Beifall nach. Es brach
jetzt kein pltzliches Gelchter mehr aus. Es war keine Stille mehr in
der Zuschauergruft, wenn Hgl auftrat. Man sandte auch kein resolutes
"Pst!" mehr aus aufmerksamen, lauschenden Tischen, wenn die Kellner
servierten. Gelangweilte Gesichter sah man ringsum. Es schwtzte
jedermann whrend des Vertrags. Wie ein bses Gewissen rieselte durch
den erschauernden Krper jene penetrante Peinlichkeit, die immer
einsetzt, wenn man sich hilflos einer strkeren Macht gegenbersieht
und es sich nicht eingestehen will.

Es war acht Tage vor dem Ende des dritten Monats, und nichts wieder
hatte Krull von abermaliger Prolongierung erwhnt. Adam Hgl stand
benommen hinter dem eben herabgefallenen Vorhang und wischte sich den
Schwei von der Stirn. Es klatschte mig. Der Vorhang zuckte fast
mitleidig und wurde rasch noch einmal hochgezogen. Es klatschte etwas
mehr, als Hgl dankte. Der Vorhang fiel wieder herab. Bagg--bagg--bagg
--bagg!--schon schwammen die Redegerusche, das Klirren der Glser,
das Sthlercken und Surren der Ventilatoren darber hinweg, und alles
verebbte zu einem gleichmigen Gepltscher. In acht Tagen vielleicht
stand Krull, der in der letzten Zeitmerkwrdig schchtern auswich und
sich selten sehen lie, vor ihm und sagte ungefhr: "Adam, du weit!
Mein Publikum will Abwechslung. Ichbin Wirt, ich mu mich nach ihm
richten."

Man war ihn satt!--Er konnte wo anders hingehen?--Schlielich--er
hatte noch etwas Geld, Anzge. Es ging eine Zeitlang. Dann?--

Der Boden schwankte, man glitt aus, man lie sich dahintreiben, dumpf
und verbittert auf einen nchsten jhen Zufall wartend. Die fast
mrchenhafte Leichtigkeit, mit der man her Nacht so hoch getragen
worden war, hatte die Energie vernichtet.--Adam Hgl knirschte und
sah scheu rundherum. Die Angst kam von der Magengegend zur Gurgel
heraufgekrochen. Mit einem Ruck ri er sich zusammen und schritt zur
Tr. Da kam der schlanke Kellner und bat ihn in die Loge des
Millionrs. Er atmete erleichtert auf. "Ich komme gleich," sagte er
schnell und ging in die Garderobe.

Nach einigen Minuten schritt er die Logenreihen entlang und hatte
schon wieder die breitlachende, humorvolle Miene, die man an ihm
gewohnt war. Aus verschiedenen Tischen nickten ihm Leute grend zu,
und scheinbar ganz in seligster Wonne erwiderte er.

Die Haarskerksche Loge war wie gewhnlich gepfropft voll. Jeder der
Herren lachte bereits das knallige Lachen Adam Hgls. Das gab Mut.
Noch war man also nicht ausgelscht.--

"Ah--haha!!" krchzte der Millionr aufstehend und machte Platz.

"Was machst du?" fragte Yvonne den Angekommenen.

"Einen schlechten Eindruck," erwiderte Hgl trocken. Die Unterhaltung
belebte sich, wurde aufdringlich laut.

"Psst! Psst!" zischte es aus den gegenberliegenden Tischen, denn eben
trat die neuengagierte Sngerin auf und trillerte die ersten Laute.

"Ah--a--a--ah--ah--a--a--aa!" sang Hgl boshaft mit angestrengtester
Kopfstimme nach und der ganze Tisch kreischte hellauf.

"Psst! Psst!" Adam Hgl entdeckte mit einem flchtigen Blick drben in
einer dunklen Ecke Krull mit finsterem Gesicht, wandte sich schnell
wieder weg.

"Ein Trteltubchen! Ein Tubchenturtel!" grhlte er sehr laut.

"Ru--u--uhee! Psst!" brummte es noch energischer und emprt gehobene
Gesichter tauchten auf.

"Mistkfer! Schweinebande!" knirschte Yvonne dumpf in den Tisch und
rief lauter: "Anton zahl'! Wir wollen gehen! Sofort!"

Der Kellner kam eilends herangeflitzt. Sehr geruschvoll bezahlte der
Millionr und die ganze Loge erhob sich. Alle tappten im Gnsemarsch
knatternd auf den Ausgang zu.

"Psst! Psst! Ru--uhe!" surrte es ihnen nach. An der Tr stand Krull,
verbeugte sich devot und wollte entschuldigen.

"Schon gut! Schon gut! Wir werden's uns merken!" schrie Yvonne und
befahl resolut: "Kommt! Lat euch nicht aufhalten!" Der Trupp strzte
hinaus. "Ich mchte heut' nur Hgl, Kotlehm und Raming, Anton! La die
andern nach Hause fahren! Wir wollen unter uns sein!" sagte Yvonne vor
dem Auto. Der Millionr rannte auf die anderen Begleiter zu, sagte
ihnen dies, kam wieder zurck, stieg rasch ins volle Auto und gab das
Zeichen zum Abfahren.

"So sind alle Wirte, weit du! Pack! Pack!" schimpfte Yvonne whrend
des Dahinfahrens.

"Eben! Eben!" brummte Hgl in tiefem Ba.

"Ein solches Miststck mit ihrem Geplrr! Na, ich danke!"

"Eben! Eben!" sekundierte Hgl befriedigt.

Der Maler Kotlehm lachte gewaltsam.

"Und diese Presackbrste, pw! Diese Wurstfinger, h!" zeterte Yvonne.

"Gulasch! Gulasch mit Kartoffel!" murmelte Hgl. Man lachte
allenthalben. Yvonne warf ihre Arme hingerissen um Hgls Nacken und
drckte ihr kaltes geschminktes Gesicht an seine Wange, kte ihn
breit und feucht, da es schnalzte: "Hgl, Du bist mein Mann!"

Die Stimmung war wiederhergestellt.

"Was trinken wir?" fragte van Haarskerk.

"Sekt! Sekt!--Ich mchte heute schwimmen im Sekt--und dann Whisky!"
rief Yvonne emphatisch.

Das Auto fuhr surrend durchs Tor.


IV.

Die Dienerschaft war zu Bett gegangen. Es war still. berall herrschte
ein Geruch nach Zigaretten, Parfm und Alkohol. Man lie sich in die
tiefen, nachgiebigen Fauteuils um den offenen Kamin im Rauchzimmer
fallen. Jener Punkt war erreicht, wo alles de, langweilig, dumm und
trist zu sein scheint. Die Stimmung war zweideutig und unentschieden.
Es hie geschickt eine Krise zu vermeiden, die scharfen, vorgeschobenen
Riffe der berreiztheit gewandt zu umsegeln. Noch zwei oder drei
schweigende Minuten und man stand vielleicht auf, ghnte dsig und ging
zu Bett--oder aber auch Yvonne stie zufllig mit dem Fu wo an,
knirschte gehssig und schmi eine Vase kaputt. Es gab Skandal und alles
war verloren, verhunzt. "Ich hab' Hunger," sagte Yvonne bereits bedrohlich.

Adam Hgl ergriff die Gelegenheit und brummte trocken: "Ein frugales
Mittelstck! Sehr richtig! Weder Frh--noch Nachtstck--ein Mittelstck,
ein Stck in der Mitte!" Man lachte lahm. Der Maler Kotlehm und der Lyriker
Raming bewegten sich etwas aufgefrischter: "Ja, das wre nicht dumm!"

"Geht!" befahl Yvonne Hgl und dem Millionr. Die beiden waren
aufgestanden. "Komm! Kommen Sie, Herr Kchenchef! Wir wollen--Na, die
Herrschaften, na--na!?" trompetete Hgl in seinem breiten Ba, als er
mit van Haarskerk in die Kche ging. Whrend der Hausherr eineinhalb
Dutzend Eier kochte, schmierte Hgl Butterbrote, strich Kaviar darauf,
schnitt Schinken und Seelachs.

Der Sekt war bereits abgekhlt.

Als er die Glser und das Tablett mit den Speisen in das Rauchzimmer
trug, hatte sich Adam Hgl wieder ganz in der Gewalt und bediente
behend wie ein Servierkellner. Man griff gierig zu, schmatzte. Die
Stimmung hob sich.

"Und ick?!--Ick hock mir ins Klosette rin und kotze alle Spucke
rinn!--rinn!--rinn!--" johlte Hgl wie ein Grammophon mit wsserigem
Mund. Und: "--rinn!--rinn!--" wiederholte der ganze Chorus.

Zufllig warf der Millionr seine Eierschalen in groem Bogen zur
Decke. Sie fielen in den Spiegel oberhalb des Kamins und zischten
auseinander. Belustigt darber schleuderte Yvonne ihr Ei in die
glitzernde Flche. Benng! klatschte es spritzend auseinander. Einen
Moment gafften alle unschlssig.

"Hoi--j! Hoi--j!" brllte Hgl unverblfft wie ein Ausrufer und warf
ebenfalls sein Ei in den Spiegel. Das gefhrliche Riff war umschifft.
Alles grhlte mit einem Male mitgerissen. Patsch--Patsch--Patsch!
Jeder warf sein Ei in den Spiegel. Es klatschte um die Wette. Yvonne
schttelte sich berstend. Adam Hgl hpfte vor Vergngen. Wie doch
alles einfach ist!--"Das ist--um es richtig zu sagen--der Kampf mit
dem Spiegel oder der verspritzte Eidotter auf dem Kamingesims!"
plapperte Raming rlpsend.

"Hahaha--ha! Der Lyriker wird witzig!" stichelte der Millionr.

"Der Spiegelkrieg! Das Krieglspielchen! Das Spielchen mit dem
Kriegl-Spiegl!" gluckerte Hgls Bauchstimme. Ein hemmungsloses
Gelchter peitschte auf. Man trank berschnell und mit vollstem
Behagen. Adam Hgls Gesicht glnzte triumphierend. Sehr gewandt
spuckte er seinen Mund voll Sekt zur Decke. Ein dicker Strahl war's.
Im Nu folgten die ndern.

Die Stimmung hatte einen ersten Hhepunkt erreicht. Es galt, ihn zu
halten. Adam Hgl begann zu zoten.

--Dem Lyriker Raming gab der Millionr seit einem Jahr ein Stipendium,
weil Yvonne dessen bastardhaft verfaltetes Gesicht gelegentlich einmal
als "angeilend" bezeichnet hatte. Des Malers Kotlehm vulgre Schnheit
entzckte die Diva dergestalt, da sie van Haarskerk veranlate, ihm
ein Atelier zu bauen. Von anderen noch wute Adam Hgl, da sie
betrchtliche Summen wegen eines Witzes oder dergleichen erhalten
hatten.

Und er hatte sich Wasser kbelweise her den Kopf schtten lassen.

In den Bauch treten lassen!

Und in acht Tagen?--

Raming rlpste, lie den Kopf haltlos auf seine Brust herabgleiten,
sank zusammen und schlief ein.

"Der ausgewundene Strumpf zieht sich in die Vorhaut zurck!" rief Hgl
breit, berprfte unbemerkt die Gesichter der ndern.

"Die Inspiration kommt im Schlaf!" warf der Millionr beilufig him.

"Weit du, Anton," sagte die Diva schnell und aufgerumt, "ein
Spielchen wre jetzt richtig angebracht!"

"Ein Bakkarat?--Ja, das wr' jetzt sehr nett!" sagte der Maler Kotlehm
ebenso.

"Sehr richtig! Gewi die Damen! Gewi die Herren! Die Dammenherren,
die Herrendammen!" plapperte Hgl und verbeugte sich wie ein Lakai:
"Adam Hgl bernimmt die Saufregie, bitte, bitte meine Herrschaften,
bitte!"

Das Schnarchen Ramings sgte friedlich und gleichmig. Yvonne,
Kotlehm und der Millionr setzten sich um das Spieltischchen, legten
die Banknoten in die Mitte.

"Prost, Herr Kunstmaler, Herr Kotstengel!" rief Hgl hmisch, hob das
volle Sektglas und schluckte hastig den ganzen Inhalt hinunter.

Van Haarskerk gab die Karten.

Hgl, der nicht spielen konnte, ging auf und ab und brmmelte leise
singend vor sich him. Von Zeit zu Zeit lugte er flchtig auf den
getrmten Haufen der Banknoten, die sich in der Tischmitte sammelten.
Lssig zog man die Scheine weg oder warf neue him.

Mattblauer Tag lag schon auf den Gesimsen. Die Grten drauen
bleichten. Stare zwitscherten leise auf. Tau stieg von der Erde hoch.
Unbehaglich tappte Adam Hgl auf und ab, schielte manchmal auf die
Spieler, dann wieder durch die Fenster.

Lstig! Die Umstnde hatten einen kaltgestellt. Alles entglitt
wieder.--Jetzt verspielte Kotlehm. Erwar darauf gekommen, an jenem
Abend im abgedmpften Hinterraum des "Paradies-Kasinos", da man auch
in den Bauch stoen knnte. Adam Hgl umspannte ihn unbemerkt mit
seinen dsteren, hassenden Blicken.

"A--ah--ach!" stie van Haarskerk mit boshafter Befriedigung heraus,
als der Maler abermals einen Geldschein auf den Tisch warf.

"Prost!" rief Hgl schadenfroh.

"Donner und Doria!" lachte der Maler etwas nervs und legte die Karte
auf den Tisch. Abermals Hundert!

Adam Hgl lie eine saftige Zote vom Stapel. Yvonne lachte.

Wie um sich zu wehren, nahm Kotlehm das Glas und schrie feldwebelmig:
"He! Kuli! Einschenken!" Adam Hgl scho das Blut zu Kopf. Aber er fate
sich schnell und hob die Karaffe: "Besser zielen!--Vorbeigeschissen!" Er
zitterte ein wenig, als er eingo und schttete daneben.

"Hehe! Du! Kuli!" schrie Kotlehm und stie ihn in den Bauch. Erquickt
schnellte der Millionr auf, nahm ihm die Karaffe. Adam Hgl zog
verwirrt die Schultern hoch. Van Haarskerk lachte stoweise und
schttete den Rest ber seinen geduckten Schdel. Eiskalt rann der
Sekt den Rcken herunter.

Adam Hgl raffte seine letzen Krfte zusammen. Ratlosigkeit, Wut und
Verzweiflung standen auf einmal da. Wie von schwirrenden Peitschen
umsummt brummte der zerrttete Kopf.--

Er drohte zu fallen, drckte noch einmal mit ganzer Gewalt den Bauch
heraus und grunzte endlich wieder. Wieder bellte das Gelchter.

Der Maler Kotlehm sprang auf und fuchtelte mit den Armen herum wie ein
peitschenschwingender Tierbndiger.

Das Spiel war zerrissen. Die neue Sensation hatte die Langeweile im Nu
ausgelscht. Man umtanzte, umjohlte Adam Hgl, der wie ein blinder Br
herumtappte. Gutgezielte Ste sausten in dessen Bauch. Van Haarskerk
kam mit einer gefllten Karaffe, schttete, go, go.

Adam Hgls Schuhe pfiffen.

"Schurken! Sadistische Hunde!" schrie Yvonne machtlos in den
betubenden Lrm. Raming hob schlfrig den Oberkrper und lie sich
wieder zurckfallen. Das wste Gebrll zerspaltete die verrauchten
Bume. Zwischendurch gluckste wie das Rcheln eines Verendenden Hgls
Bauchstimme.--Heute noch! Noch einmal! Dann war vielleicht die
Rettung da. Man war geborgen. Eine Nacht Wasser ber den Kopf--und
keine Misere mehr.--

Die Hose platzte, als er sich bckte. Kotlehm ri das Hemd heraus.

"Hoij! Hoij!" zischte es von allen Seiten. Man nahm Hgl in die Mitte
und stampfte durch den Wintergarten ins Freie. Schwerfllig, plumpsig
bewegte sich der Tro an den ersten Gemsebeeten vorbei. Der Millionr
schob hinten, Kotlehm zog und zerrte an den Armen Hgls. Yvonne
kreischte unaufhrlich.

"A--ahach Mensch, la mich doch schnaufen!" sthnte Hgl und ri
seinen Mund weit auf. Dicker Schwei rann ihm herunter.

"Hoij! Hoij!" schrie es wieder. Zog, zerrte. Adam Hgl prustete,
hauchte. Der Maler Kotlehm ri einen Rettich aus dem Gemsebeet und
stopfte ihn mit aller Gewalt in Hgls Mund.

Die Zhne krachten. Der Schlund kmpfte gegen das Ersticken. Blau lief
der Kopf an. Adam Hgl stemmte sich wrgend, spuckte, erhob beide Arme
furchtbar, stie in die leere Luft. Es war auf einmal frei um ihn. Wie
Kettenlast fiel etwas ab. Der wachgewordene Krper straffte sich, als
renne er stahlhart gegen eine Wand und stiee sie durch.

So leicht atmete es sich.

Eine groe Stille stand unfabar wei ringsherum.--

Nach langer Zeit, als er die Augen ffnete, saugte die Klte der
feuchten Erde an allen seinen Gliedern. Er lag langgestreckt in einem
Gemsebeet. Schmutz und Blut klebten auf seinen zerschundenen Wangen.
Er schlo den Mund, schluckte. Die Gurgel wrgte. Ein wster Ekel
stieg vom Magen auf.--

Wie eine gemeine, grne Qualle hockte das Haus in den zertrampelten
Beeten. Das zrtliche Rot des frhen Tages beleckte die Fenster, die
ausdruckslos vor sich hinglotzten. Es roch nach Verwesung.--

Taumelnd sprang er auf und rannte entsetzt aus dem Garten. Schwankend
wie ein Wrack trieb er ber die Wiesen, der Stadt zu. Eine grliche
Schwche fieberte in ihm. Angstvoll schleuderte er zuletzt seine Fe
nach vorne, lief, lief, was er konnte.

Erst als er die ersten Huser erreicht hatte, hielt er inne und wischte
sich aufatmend Kot und Blut aus dem Gesicht.

Ruhig und nchtern griff die Strae aus. Arbeiter gingen vorber und
beachteten ihn kaum. Sie bewegten sich und redeten wie Menschen, die
nichts anficht. Es strmte eine seltsame Festigkeit aus ihren Gebrden
und Worten.

Verlassen, nutzlos, ein jmmerlicher Wicht stand Adam Hgl da.
Unerbittlich brach die Scham der letzten Wochen aus ihm, stieg, stieg.
Bettelnd, hilflos blickte er auf alle Menschen.

Endlich gab er sich einen Ruck und ging wieder weiter. Sein Gesicht
bekam langsam eine grere Ausgeglichenheit. Fester, entschlossener,
mit dem erleicherten Ernst eines Menschen, der sich durch eine groe
Erschtterung die Ruhe wieder zurckerobert hat, schritt er frba.--




ABLAUF


I.

Man sagt, wenn sich die zwanziger Jahre aus einem Menschenleben
winden, fangen die Reibungen an zwischen natrlichem Denken und
dunklem Trieb. Es beginnt ein Aufruhr im Innern. ber die Dmme, die
die Erziehung notdrftig aufgebaut hat, bricht das Blut und je nach
der Festigkeit des Betroffenen folgt einer solchen Krise eine
Zerrttung, ja nicht selten ein zeitweiser gnzlicher Zusammenbruch
und nur langsam, unter Weh und Qual, stellt sich das Gleichgewicht
wieder ein.--

Glcklich derjenige, der von frh auf Menschen, Bcher, Winke,
Erfahrungen und Anleitungen kennenlernte, die seinen Horizont
erweiterten und ihm einigermaen dazu verhalfen, solchen
Erschtterungen nicht ganz wehrlos zu begegnen.

Alle aber, die von Kind auf nichts anderes kennenlernen, als da
dieser oder jener geschickte Handgriff, diese Finte oder jene schwer
erlernbare Krperhaltung die Mhe der Arbeit erleichtern, haben wenig
Zeit, sich gegen solche innere berflle zu wappnen. Es ist wahr, auch
sie berwinden. Aber sie leiden mehr darunter und werden rger
mitgenommen von solchen Qualen. Der Schmerz fllt hier mit schwererer
Wucht nieder auf arglose, unvorbereitete Herzen. Die Jahre verflieen
verbraucht und wenig sinnvoll fr solche Menschen. Sie stehen meist
unvermerktmitten im Gestrpp pltzlich hervorbrechender Gefhle,
kmpfen blindlings gegen ihre Dmonie, werden berwltigt davon und
fallen schlielich in gnzliche Lethargie.--

Johann Krill fiel so in den Rachen der Welt.

Sein Vater war Zimmermann auf einem Dorfe, seine Mutter Bauernmagd.
Auf einmal war dieses Kind da und man mute notgedrungen heiraten. Man
frettete sich gerade so durch gegen Taglohn. Wenn das Akkordmhen zur
Erntezeit anfing, war es am besten. Zimmererarbeiten gab es wenig. Hin
und wieder Baumfllen und Holzspalten im staatlichen Forst, das war
ziemlich alles.

Es hie eben: "Nicht krank sein!" und "Sich nach der Decke strecken!"
--Kinder solcher Eltern, noch dazu "ledige", haben nichts Gutes bei den
Bauern. Es heit aufstehen mit den Knechten um vier Uhr frh, zugreifen
und den anderen an Flinkheit nichts nachgeben und den Mund halten. Die
Knochen schmerzen am Anfang, aber das verliert sich mit der Zeit.--

Nach seiner Schulentlassung kam Johann zu einem Schlosser im nahen
Marktflecken zur Lehre. Jetzt waren es Hammerstiele und Eisenstangen
oder Wellblechstcke, mit denen man warf oder zuschlug. Und wehe, wenn
der Vater eine Klage hrte! Sein Ochsenziemer, der stets neben dem
Handtuch am Ofen hing, war furchtbar.

Nun, es kam schlielich die Gesellenprfung und der Achtzehnjhrige
ging auf die Wanderschaft. Als gutgelernter, sehniger Arbeiter landete
er dann nach ungefhr fnf Jahren in dieser Stadt und fand Stellung in
einer Fabrik. Es war ein Riesenwerk, man verdiente gut und hatte keinen
schweren Posten geschnappt.

An einem Abend--es war Sommer und Samstag--kam Johann in seinem Zimmer
an, wusch sich, zog seinen Sonntagsanzug an und steckte Geld zu sich.
Er bummelte erstmalig wie ein freier Mensch in aufgefrischter Stimmung
durch die Straen, besah sich das bunte Treiben, trank in verschiedenen
Lokalen und als diese geschlossen wurden, trottete er, auf einmal
merkwrdig berwach und unruhig, die "Fleischgasse" auf und nieder.
Diese Strae hie eigentlich "Fleuschgasse", getauft nach dem
Namen eines verdienten Ehrenbrgers der Stadt, aber seitdem die
Polizei verfgt hatte, da sich nur hier die professionellen
Prostituierten auf und ab bewegen durften, hatten Volksmund und ble
Nachrede den harmlosen Namen "Fleusch" in den anzglichen "Fleisch"
umgewandelt.

Johann Krill brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen. Schon nach
kurzer Zeit redete ihn eine sliche Stimme an und besinnungslos
folgte er. Zum erstenmal in seinem Leben fiel der junge Mann in eine
vollkommene Verwirrung. Eine ganz fremde Luftschicht umschwelte ihn.
Er wute nicht mehr, ging oder schwebte er. Durch all seine Glieder
flog und flammte es. Er sah alles doppelt, hrte jedes Gerusch wie
aus weiter Ferne und wute nicht, was es war. Wie ein Hitzklumpen fiel
sein Krper auf eine schwammige Teigmasse und ertrank darin. Es bi
sich jemand fest an ihm. Es lachte.

Langsam kehrte alles wieder zurck, wurde deutlicher und war ein
grnliches Zimmer, ein Gesicht, das breit auseinandergeflossen vor ihm
lag.

Schlielich, als er die Besinnung wieder hatte, verzog auch er das
Gesicht zu einem Lachen, wollte reden, begann zu schlottern, schmi
seinen Kopf in ihre Brust und verschluckte das Weinen.

Erquickt darber prete ihn das Mdchen wild an ihre Brste, nahm
seinen zerwhlten Kopf und hob ihn auf, zog ihn kosend immer wieder an
ihren dicklippigen Mund und kte ihn unausgesetzt, da er zuletzt
gnzlich machtlos mit sich geschehen lie und auf einmal weinerlich
und wimmernd anfing, sein Leben zu erzhlen. Stockend kamen ihm die
Worte, so, als besinne er sich immer erst, bevor er sie ber die
Lippen lasse. Und beruhigt, fast ein wenig staunend sa das halbnackte
Mdchen da und hrte zu. Aber auf einmal stockte es wieder--und endete
und wieder griffen seine Arme aus, er umspannte sie, ri und zerrte an
ihr, da sie aufkreischte.

"Nimm alles! Tu alles!" murmelte er verhalten, als sie seine Geldbrseaus
der Hose zog, drngte es ihr auf, dieses Geld, und beleckte ungeschlacht
ihren ganzen Leib wie ein durstiger Hirsch.

Und nicht nur das. Pltzlich klang sein Gemurmel wieder weinerlich und
in einem fort sthnte er: "Du! Du! Ich hab dich so gern! Du--du! Ich
mcht dich heiraten. Ich arbeit', ich mach' alles. Du hast es gut bei
mir! Du! Du!"

Anfnglich schien es, als belustige sich das Mdchen ber ihn. Sie zog
ihn an den Haaren und kitzelte ihn lachend. Dann aber, als seine
Wildheit immer mehr anschwoll und seine Zge einen fast irren,
dsteren Ausdruck annahmen, lie sie das Spielen. In ihren schlaffen
Krper stieg mit einem Male eine Wrme. berwltigt, zuckend sank sie
zurck, ihn umfangend. Sie, ber die vielleicht Hunderte
hinweggegangen waren, umschlang diesen plumpen, ungeschlachten
Menschen und kte ihn mit dem ganzen, hingegebenen Ernst echter
Liebe....

In der Frhe nach dieser wsten Nacht rannte Johann in seinen
Sonntagskleidern zur Fabrik, wankte wie betrunken durch das zufllig
offene Tor und erschrak derart, als ihn der Portier anrief und fragte,
was er denn an einem Feiertag hier wolle, da er sich wie ein
pltzlich ertappter Dieb umdrehte und wortlos davonjagte. Er lief
durch die Straen mit eingezogenem Kopf, ging wieder langsamer, setzte
sich in irgendeine versteckte Nische und hielt seinen erhitzten Kopf
fest. Immer wieder mndete er in die "Fleischgasse", wagte es aber
nicht, hinaufzugehen zu seiner auf so eigentmliche Weise gewonnenen
Geliebten. Der Abend kam. Die Nacht fiel herab und er stellte sich an
die Ecke, wo er sie getroffen hatte, wartete und wartete. Und es
geschah etwas, was niemand gedacht htte, etwas, was ebenso
unglaubwrdig wie wunderlich klingt--: Anna kam nicht. Sie stand an
keiner Ecke, war berhaupt nicht auf der ganzen Strae zu sehen. Sie
lag droben--so wie er sie verlassen hatte--im Bett, verstrt,
zerbrochen und bekam erst wieder vlliges Leben, als er nach langem
Kampf und mit vielen Finten zu ihr gelangt war.

Aufgefrischt schwang sie sich aus ihrer Lagerstatt, streichelte ihn
zrtlich und begehrend und sagte zuletzt muttergtig: "Ja, dich mcht
ich heiraten."

Beide standen benommen voreinander, ein jedes zitterte und sagte
nichts mehr.--

Seit dieser Zeit hate man Johann in der Fabrik. Er verhielt sich wie
vllig verstummt und hatte stetsein Gesicht, als wolle er die ganze
Welt umbringen. Er arbeitete fr drei. Und jeden Tag verlie er fast
fluchtartig nach der Arbeit die Fabrik und kam zu Anna. Als es endlich
ruchbar wurde, da er sich verheiraten wolle und man es ihm sagte, ihn
beglckwnschte und leichte Anzglichkeiten machte, wurde er rot his
hinter die Ohren und schlug verwirrt die Augen nieder.

"Ja! Ja!" schrie er dann auf wie ein brllendes, gereiztes Tier, da
die Fragenden halb verrgert und halb verblfft "Oho!" herausstieen
und sich alle mit ihm verfeindeten.

Alle wunderten sich, da er gar keine Anstalten zur Hochzeit traf. Er
hielt bei keinem seiner Arbeitskollegen um die Brautzeugenschaft an.
Finster hockte er whrend der Vesperzeit da und starrte dumm ins
Leere. Niemand wute, ob er um einen freien Tag zur Erledigung seiner
Verehelichung gebeten hatte.

Drei Tage vor seiner Hochzeit kam er nicht mehr und wurde entlassen,
weil er auch kein Entschuldigungsschreiben schickte.--

II.

Die ersten Wochen der Krillschen Ehe verliefen--wenn man so sagen
darf--unterirdisch glcklich. Mit Hilfe Bekannter fand Anna schon
einige Tage vor ihrer Hochzeit eine annehmbare, freundliche
Dreizimmerwohnung in einem anderen Viertel. Mit den Ersparnissen
Johanns wurden Mbel auf Teilzahlung beschafft und zum Schlu hatte
man, wei Gott wie, noch Geld brig. Man sah das Paar nicht mehr in
der alten Gegend. Auerdem vermied es Johann auf der Strae, Leuten,
die er zu kennen glaubte, zu begegnen. Furchtsam wich er aus, machte
groe Bogen vor frheren Bekannten, ja, scheute sogar nicht,
ihrethalben groe Umwege zu machen. Zu Hause erst, in der Verborgenheit
der vier Wnde, kam Beruhigung ber ihn. Mit zufriedenem Gefhl
durchtappte er immer wieder die Rume und bestaunte seine Habschaften
und am Ende stand er stets mit verschwommenen Augen vor seinem stndig
adrett gekleideten, beweglichen Weib.

Vorerst dachten die beiden nicht ans Verdienen. Mit tausend
Kleinigkeiten verzettelten sich die Tage. Es gab kein geregeltes
Dahinleben mehr, keine bestimmte Mittagszeit, kein Weckerluten in der
frischen Frhe, keine Mdigkeit am Abend. Die Nacht war kurz, lstig
kurz und oft noch um zehn Uhr vormittags verdsterten die
herabgezogenen Jalousien das dumpfige Schlafzimmer. Und man blieb
liegen und liegen.

Mit der bewuten Neugier, mit der wilden, noch einmal vllig
auflodernden, durstigen Liebe erfahrener Frauen, ber die das zu frhe
Altern schon ihre ersten Schatten geworfen, liebte Anna Johann. Jede
ihrer Bewegungen, jedes Wort waren eine stumme, begehrende Aufforderung.
Ihre Nhe benahm den Atem, zerrttete die eben gefaten Gedankengnge.
Wie eine warme, unsagbar wohltuende Gischtwelle ergo sich ihre
Atmosphre unaufhrlich ber Johann.

Er _war_ nicht mehr!

Zerschmolzen, zerronnen liefen die Zungen seiner Brunst ohne Unterla
her das Meer ihres Krpers.

Die Zeit war weggeweht, alles schwirrte, rann, floh.--

Erst ganz langsam wieder festigte sich seine Gestalt, stckweise
beinahe. Und es schien, als seien es andere Teile, die sich nun
vereinigten. Ein immer klarer werdendes Begreifen keimte auf, wuchs
ohne berstrzung, vermittelte Halt und Festigkeit. Alle Scheu, alle
Furcht und Unsicherheit wichen. Auf einmal war Johann Krill ein
anderer.

Jetzt erst kam ihm die Besinnung. Jetzt erst war er eigentlich
verheiratet, hatte ein Fundament, besa Weib und Mbel und so weiter.

Er erinnerte sich genau. Es war nirgends anders. Im Dorf nicht. In der
Stadt nicht. Es war immer das gleiche. Der Bauer, bei dem er zuletzt
auf dem Dorfe war, hatte drei Tchter. Ringsum standen grere und
kleinere Huser.

"Dahinein gehrst du, das ist was Handfestes," lie er einmal beim
Abendessen fallen, der Bauer, und deutete dabei auf den mchtigen
Grillhof hinber. Und die ltere Tochter sah ihn ohne Verblffung an
und sagte: "Der Grillhans braucht blo kommen." Zur Erntezeit lie man
die ltere Tochter daheim und an einem Abend sagte sie: "Hat schon
geschnappt!" Etliche Wochen spter gab es eine saftige Hochzeit.

"Ein' schne Sach', Hans, ein schner Hof. Der ist so einen Brocken
Weib wert," lachte der Bauer bei der Hochzeit und schaute seinem
Schwiegersohn in die Augen. Und: "Ja--ja, hast mir's ja auch leicht
gemacht," brummte der Grillhans bierselig.

Dann kamen die beiden anderen Tchter an die Reihe. Bei der einen
vollzog sich die Sache leicht, und bei der jngsten, die etwas
hochnsig war, ging es schwerer. "Herrgott, Rindvieh!--um so einen Hof
ziert man sich doch nicht so! Besinn dich nicht so lang', sag' ich!"
brllte der Bauer sie an und als zufllig an einem der darauffolgenden
Abende der gewnschte Werber kam, sagte er zu diesem: "Bleib nur
beieinander mit der Zenz. Wir legen uns nieder."

Und Bauer und Buerin gingen schlafen.

"Ist's so weit?" fragte der Bauer beim Mittagessen andern Tags seine
Tochter. Und diese sagte nickend: "Im Frhjahr, meint er. Er will noch
den Stall bauen lassen."

"In Gottesnamen, die paar Monat' sind gleich vergangen. Meinetwegen!"
brummte der Bauer und die Sache nahm ihren gewhnlichen Verlauf. Im
Frhjahr gab es wieder eine breite Hochzeit.--

Es war also nirgends recht viel anders. Johann Krill war mit dieser
Erkenntnis zufrieden. Das Neue, das Unerwartete, was ihn einmal in
Brand und Aufruhr gesetzt hatte, war verloschen. Ohne Staunen stand er
nunmehr auf dem Boden der Welt und achtete nichts mehr auf ihr.
Kurzum, er wurde--gemtlich. Kam eine angenehme Sache, war es gut, kam
sie nicht, war es auch gut.--

An einem Nachmittag, als sie beim Kaffeetrinken in der Kche saen,
sagte Anna: "Es wird Zeit, da wir wieder um Verdienst schauen."

Und Johann nickte stumm. Er begann wieder Stellung zu suchen.

Umsichtig und resolut wie sie war, machte sich aber auch Anna auf die
Suche und an einem Tag kam sie freudig an und sagte: "Die Rienken will
mich frs Bfett. Ich kann gleich anfangen, sagt sie. S'ist ein gutes
Lokal.--Was meinst du?--Unser Geld ist weg und mit einer Stellung fr
dich wird's noch eine Zeitlang dauern. Jetzt kannst du auch mit aller
Ruhe suchen."

Das leuchtete ein. Johann nickte wieder.

"Die Rienken? Wo ist denn das?" fragte er dann weiter.

Anna begann von einer Bar "Tip-Top" zu erzhlen.

"In der Quergasse," berichtete sie geschftiger, "die Rienken kenn'
ich schon lang. Ist eine nette Person. Es verkehren massenhaft Gste
dort, nur bessere Leute. Nicht so allerhand, von Hinz bis Kunz. Lauter
Stammgste... Na, was sag' ich--Fabrikbesitzer, Beamte und so Leute.
Wer wei, man kann ein gutes Geld machen, braucht sich nicht
abzuschinden und kann schlielich auch fr dich was ausfindig
machen,--wie meinst du?"

Johann Krill glotzte stumpf in ihre Augen.

"Na, so hr doch, du--Patsch, hr doch!--Und die Rienken ist eine gute
Person, steht zu einem," redete Anna weiter und rttelte ihren Mann
schmeichelhaft, begann wieder ihr siegendes Lachen und kte ihn.

"Das ist--also wieder--das Alte," sagte Johann endlich. Nachdenklich,
schwerfllig.

"A--aber geh doch, Tolpatsch! Keine Rede davon! Wer sagt denn _davon_
was! Ich bin doch nur hinterm Bfett--nu ja, nu ja, wenn schon einer
mal zu tappen anfngt und mir ein Glschen bezahlt, Herrgott--das ist
doch kein Weltuntergang," beruhigte ihn Anna und fuhr fort: "Sieh
mal--Ware sind wir nun ein fr allemal, ob so oder so--ob du in die
Fabrik gehst oder ob ich--was anderes mache. Es kommt immer nur darauf
an, da wir uns die Sache mglichst leicht machen, da wir noch was
wegschnappen fr unseren Komfort!"

Johann Krill hatte jetzt ein wenig klarere Augen. Es war etwas wie ein
aufgegangenes Licht auf seinem Gesicht. Er nickte.

"Stimmt schon," sagte er.

"Also sag' ich der Rienken, da ich komme?" fragte Anna.

"Ich mu dann auch was suchen," gab Johann statt jeder Antwort zurck.

"Ach, du bist ja verdreht!--Ja freilich, freilich,--sofort denkt er,
er mu nun wieder rackern von frh bis spt und fr die Familie
sorgen! Ach du, du!" lachte Anna und knllte seinen Kopf in ihre Brust.

Jeden Nachmittag um vier Uhr ging Anna nunmehr zur Bar "Tip-Top" der
Sylvia Rienke. Spt in der Nacht kam sie stets nach Hause, roch nach
Zigaretten und Alkohol. Manchmal war sie auch leicht betrunken,
brachte allerhand zu essen und zu trinken mit, und dann saen die
beiden Eheleute nicht selten his zum Morgengrauen in der besten Laune
beisammen und lieen sich's gut gehen.--

In der letzten Zeit war Johann Krill etwas einsilbiger. Er sa meistens
in Hemdsrmeln im Schlafzimmer und schien schwerfllig immer ber das
gleiche nachzudenken.--

Ja, alles war ausgelscht. Langweilig und trist vertropften die
Stunden. Es war ungemtlich. Wenn man den ganzen Tag in der Fabrik
arbeitete, verging wenigstens die Zeit schneller.

Aber Anna zerstreute ihn immer wieder.

Wenn sie nachmittags weggegangen war, verlie auch er die Wohnung und
lungerte entschlulos in der Stadt herum oder setzte sich in
irgendeine Kneipe. Und jetzt, da er sich alleingelassen sah,
unterhielt er sich auch wieder mit seinesgleichen.

"Maschinenschlosser?" fragte ihn eines Tages ein lterer Arbeiter am
Kneipentisch.

"Ja," antwortete Krill. "Eventuell auch zum Maschinisten zu
gebrauchen?"

"Bei Schall und Weber war ich Maschinist."

"Mensch, bei uns sucht man solche. Geh hin. Du kannst sofort
anfangen," erzhlte der Arbeiter und berprfte Krill.

Der nickte.

Etliche Tage nachher schlief Johann schon, als Anna heimkam. Sein
Gesicht war ruig. Er schwitzte. Anna wollte ihn aufwecken, aber er
drehte sich schlfrig um und schnarchte weiter. Verrgert legte sie
sich ins Bett.

In der Frhe, als pltzlich der Wecker schrillte, schrak sie empor und
sah erstaunt auf ihren Mann, der sich eben wusch.

"Arbeitest du denn wieder?" fragte sie.

"Ja."

"Dumm!--Ich htte jetzt etwas fr dich.--Ein schner Posten," sagte
sie und richtete sich vollends auf im Bett.

Einige Augenblicke stummten sie einander an.

"Der Fabrikmensch, der immer Schwedenpunsch schmeit, hat mir's
versprochen ... La doch das andere fahren, da verkommst du ja blo,"
begann Anna wieder und wollte eben aus dem Bett springen.

"Jetzt ist's schon wie's ist!" knurrte er und ging.


III.

Es gab rgerlichkeiten bei Krills. Dadurch, da nun auch Johann seiner
Arbeit nachging, vernachlssigte der Haushalt. Anna, die oft erst
gegen zwei oder drei Uhr nach Hause kam, schlief bis tief in den
Mittag hinein. Schlielich meldeten sich die Wanzen. Man putzte,
schrubbte, streute belriechende Pulver aus. Aber es half nichts. Es
war unertrglich zuletzt.

"Das ist eine verschobene Sache, wenn du ins Geschft gehst und hier
mu alles verkommen," sagte Johann zu Anna.

"Fr wen tu' ich's denn?--" erwiderte sie, "man braucht soviel und die
Lhne sind zum Verhungern."

Sie kam schlielich auf alles zu sprechen. Da man sich doch nicht
umsonst von unten herausgewunden habe, da man doch nicht zu den
Nchstbesten gehre und man msse jetzt eine neue Wohnung haben. Was
der Umzug schon koste! Alles klang wie ein zaghafter Vorwurf.
"Warten httest du sollen. Der Herr mit dem Schwedenpunsch ist so
nett. Du knntest da gut unterkommen."

Eine Zeitlang ging es auf solche Weise hin und her. Johann war die
ganze Rederei schon widerwrtig.

"Was du doch alles erzhlst! Sind wir denn wei der Teufel was?!"
sagte er endlich fester: "Mein Vater hat sein Leben lang gearbeitet.
Meine Mutter stand noch mit siebzig Jahren frh um vier Uhr auf--und
wir, wir bilden uns auf einmal ein, etwas Besonderes zu sein!" Whrend
des Redens schon bekam sein Gesicht langsam eine bestimmtere Haltung.

Schlielich, als aller Spruch und Widerspruch allmhlich erlahmte,
einigte man sich aber doch, und Johann willigte beilufig ein, sich in
der Fabrik des Herrn, der bei der Rienken jeden Abend Schwedenpunsch
bezahle, vorzustellen.

Mit jedem Tag wurde er nun auch mivergngter. Es gefiel ihm nicht
mehr in seiner Fabrik. Er wurde mrrisch gegen jedermann und kam
zuletzt pltzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen stellte er sich in
dem anderen Betrieb vor. Er wurde merkwrdig freundlich empfangen und
ging besinnungslos darauf ein, Nachtschicht zu machen.

Anna behandelte ihn zrtlicher als je, wenn er frhmorgens ankam.
Nicht lange darauf fand sie auch eine Wohnung im dritten Stock des
Rienkeschen Hauses und alles machte einen glcklichen Anlauf. Sie
brachte jetzt immer mehr mit. Pasteten, kalte Hhnerschenkel, Blumen,
Zigaretten, halbe Flaschen Wein, ja zuletzt sogar Stoffe, Halsketten,
einen Ring.

Sie war in der frhlichsten Laune jedesmal und erzhlte von diesem und
jenem Herrn, von den guten Gsten bei Rienkes und konnte sich nicht
genug tun, den Chef Johanns zu loben.

"Und was ich dir sage--er ist ein Mensch, der das Leben kennt. Er ist
fr die Arbeiter. Er lt leben neben sich," plauderte sie.

Und Johann lchelte hlzern und sah auf ihre Brste, die schwammig und
verbraucht nach unten sich sackten.

"Ist fr die Arbeiter--?" sagte er und sah sie dumm an.

"Ist ein anstndiger Mensch. Keiner von den Ausntzern, gar nicht so
eingebildet und hochnsig--und fidel, sag ich dir, fidel,--na ich
danke, wenn der anfngt. Man kann sich schief lachen," erwiderte Anna
und lachte auf, als erinnere sie sich an etwas sehr Drolliges.

"Und--der gibt dir--so--solche Sachen?"

Annas Mund zuckte ein wenig. Sie schlug schnell die Augen nieder und
fand das Wort nicht gleich.

"Hmhm," brachte sie dann heraus und schluckte etwas hinunter, setzte
rasch hinzu: "Und die Rienken ist so nett zu mir."

"So," brummte Johann nur noch, "nu ja, es geht immer rundum."

Dann legte er sich schlafen.

Am Abend schlpfte er in seine Sonntagskleider und ging nicht in die
Fabrik. Er durchwanderte etliche Male die Quergasse und trat dann in
die "Tip-Top"-Bar.

Es ging bereits fidel zu. Einige Herren in modischem Anzug saen vorne
am Bfett auf den hohen Sthlen und saugten an den Strohhalmen, die in
schlanken gefllten Glsern mit glitzerndem Eis staken. In der einen
Ecke spielte ein Befrackter Klavier und ein hagerer Geiger begleitete
ihn. In den Nischen, die mit knstlichem Efeu zu Laubengngen
hergerichtet waren, tuschelte es und hin und wieder zirpte ein
schrilles Auflachen aus ihrem Dunkel. Eben wollte eine hochbusige
duftende Bedienerin mit zuvorkommender Freundlichkeit auf Johann
zueilen. Da auf einmal schrie es aus einer Nische: "Um Gotteswillen,
Hans!" Und ein hurtiges Getrampel und Knarren wurde hrbar.

Johann wandte schnell den Kopf dahin und sah hinter einer dichten
Weinflaschenparade das pralle, runde, kleinstirnige Gesicht seines
Chefs, die Rienken und das totenblasse, entsetzte Gesicht seiner Frau.
Die Kpfe der drei hingen auseinander wie schwere Dolden. Geradewegs
ging Johann auf sie los und lie sich in einen der gepolsterten Sthle
an ihrem Tisch fallen.

Eine peinliche Stille trat ein. Jeder hielt jetzt fassungslos den Atem
an. Nur Johann schien sicher zu sein.

"Ich bin nicht zur Schicht gegangen, Herr Hochvogel--ich hab' einen
Hllendurst, ich knnt' ein Meer aussaufen," sagte er ohne sichtliche
Erregung und lchelte schnell. Das lste eine Entspannung aus. Man
atmete wieder und nahm langsam die gewhnliche Haltung an. Der
Fabrikherr schnitt ein malitises Gesicht. Er suchte sich zu fassen
und griff zum Weinglas.

"Hei ist's hier," sagte Johann wieder.

"Nicht zur Schicht? Aber Johann!?" brachte nunmehr Anna heraus. Die
Rienken erhob sich und verlie den Tisch.

"Das macht doch nichts, oder? Herr Hochvogel, macht das was aus?"
fragte Johann den Fabrikherrn.

"Na--wissen Sie, meinetwegen,--wir wollen einige gute Schoppen
heben--ich kann's verstehen,--ich drck' gern ein Auge zu--bei Ihnen,
Herr Krill.--Sie sind mir gut--sie arbeiten zuverlssig, da--da--da
bersieht man auch mal einen Seitensprung, Prost!" sprudelte der
Fabrikherr verlegen. Die Worte flossen schnell, fast ngstlich aus
ihm, so, als wren sie wunderliche Ziegelsteine, mit denen man im Nu
eine schtzende Mauer um sich schlieen knnte.

"Zu gtig," lispelte Anna bereits.

Und Herr Hochvogel go das Glas der Rienken voll und schob es behend
dem Arbeiter hin: "Da, trinken Sie!"

Die rgste Gefahr schien behoben zu sein. Man konnte es an den
allmhlich sich wieder aufheiternden Gesichtern sehen. Auch die Wirtin
kam wieder an den Tisch und der Fabrikant bestellte in einem fort.

Johann beachtete das Getue Hochvogels mit seiner Frau auch nicht
weiter. Er trank in vollen Zgen und wurde immer lustiger, lachte und
machte hin und wieder einen dreisten Witz. Dadurch wurde auch Anna
khner. Sie wich nicht von der Seite des Fabrikherrn und streichelte
ihn ein paarmal kosend, warf belustigte Blicke zwischen den beiden
Mnnern hin und her.

"Hab ich nicht gesagt, Hans, da er ein netter Mensch ist?" sagte sie
bermtig und lachte piepsend.

"Ein netter Me--ensch! Ein sehr netter Mensch! Ein Goldmensch!"
brmmelte Johann schon etwas betrunken und summte weiter: "Verbringt
das Geld so gemtlich, so--so--so--" Er wankte bereits him und her und
rlpste ungeniert in den Tisch. Glsern standen seine Augen. Die
anderen kicherten.

"Hat ihn schon mchtig," hrte er Hochvogels Stimme.

"Na, na! Herr Krill, na--!" rief die Rienken.

Johann hob den schweren Kopf und glotzte auf das verschwommene Gemeng
der drei, die im fahlen Lichtschimmer hinter den Weinflaschen sich hin
und her drckten.

"Ein ne--etter Mensch,--eine richtige Qualle--e--iin dummes Vieh!--Ein
geiler Orang--g--kutan, hahahaha--hat den Schwanz eingezogen, weil der
Wrter gekommen ist, haha--a--a!--" Johann sank haltlos zurck.

"Das ist zu stark!" zischte Hochvogel. Der Tisch knarrte. Die
Weinflaschen klirrten gegeneinander. Die zwei Frauen lispelten
besnftigend. Schnell, berschnell mengten sich ihre flehenden Worte
ineinander. Ein Gezerre um den Aufgestandenen begann.

Mit herabhngenden Armen, halb eingeschlafen, zerfallen hing Johann
auf dem Stuhl. "Er ist doch betrunken!" "Bitte, bitte,--er ist's doch
nicht gewohnt!" "Er meint's doch nicht bel, Herr Hochvogel!"
"Bitte!--Hier, trinken Sie. Er schlft ja schon! Seh'n Sie, seh'n
Sie!--Es passiert nie wieder. Ich sag's ihm morgen,--mein Wort, mein
Ehrenwort!" alles zerflo ineinander, bittend, winselnd, aufgeregt,
ngstlich.

Wie ein zischendes Gezirpe umsummte dieses Gepltscher Johanns Kopf.
Als giee irgend jemand kaltes Wasser her ihn.

"Haha! Hat's viellleicht gestoh--lllen und--und wirft's weg,--dadas
Gellldt,--wei--weils brennt in der Tasche, haha,--das dumme Vieh,
haha--das Arschloch!" grunzte der Betrunkene lallend und lachte
ruckweise, immerfort, glucksend.

Da wurde der Tisch weggestoen und stapfend hasteten Schritte vorbei.
Wieder das Gezwitscher. Noch geschftiger. Dann fiel eine Tr krachend
zu.

"Hans!" schrie Anna wtend und ri ihren Mann an der Schulter.

"Saustall!" stie die Rienken heraus.

Krill hob den Kopf und langte lahm nach Anna: "Haha--ha--es ist so
wunderschn auf der We--elt, haha--ha!"

Sein ausgreifender Arm fiel wieder herab. Er sank in die alte Haltung
zurck. Dnner Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Er schnaubte
geruschvoll wie ein Pferd, das von der Kolik geplagt wird.

Unter wstem Gezeter und Gejammer verlie Anna mit ihm die Bar. Sie
mute ihn buchstblich die Stiege hinaufschleppen.


IV.

Dieser unerquickliche Vorfall hatte schlimme Folgen. Am andern Tag,
sehr frh, schellte es. Krill schlief wie ein Sack. Anna schreckte auf
und lief halb angekleidet an die Tr. Der Ausgeher der Hochvogelschen
Fabrik brachte die Papiere und den Lohn fr Johann. In einem sehr
kurzen, rgerlichen Brief stand, da sich Krill nicht mehr sehen
lassen sollte und entlassen sei.

"Ja, ja--ist schon recht!" sagte Anna verwirrt und warf die Tr zu.
Ohne Johann zu wecken, kleidete sie sich an und ging in die Fabrik
hinaus, um Hochvogel zu besnftigen. Auf dem ganzen Wege berlegte sie
sich die besten Worte und bte sich in der Art, wie sie den
Verrgerten wieder dazu bewegen wollte, da er stillschweigend ber
das ble Ereignis hinwegginge.--

Aber sie wurde nicht vorgelassen. Erbittert und erniedrigt trat sie
den Heimweg an.

"Da!--Das hast du gemacht mit deinen Dummheiten!" fuhr sie den
inzwischen erwachten, auf dem Bettrand sitzenden Johann an und warf
ihm das Schreiben Hochvogels him. Der blickte stumpfsinnig zu ihr auf
und sagte kein Wort. Dies erregte sie nur noch mehr. Sie stampfte
schimpfend aus dem Schlafzimmer und rannte zur Rienken hinunter.

Die Wirtin empfing sie sehr khl.

"Herr Hochvogel hat mich wissen lassen, da er nicht mehr kommt. Ich
kann Sie nicht mehr brauchen.--Das ist der Dank dafr, da ich mich
so um Sie angenommen habe," schimpfte sie mit hochgehobenem Kopf. Anna
versuchte auf alle mgliche Art, sie umzustimmen. Vergebens.

"Und berhaupt--glauben Sie, ein solcher Mann wie Hochvogel lt sich
derartige Schmutzigkeiten ins Gesicht sagen! Passen Sie mal auf,--das
hat noch ein gerichtliches Nachspiel. Und ich, was hab' ich von meiner
Gutmtigkeit?--Vor die Gerichte werde ich gezerrt. Mein Lokal verliert
den guten Ruf--ich hab' den Schaden und sitz' in der Patsche,--werden
Sie sehen, ob's nicht so kommt?--Sagen Sie es nur ihrem 'Kerl'--am
liebsten ist's mir, ihr zieht aus. Basta!" zeterte die Bienken immer
bestimmter.

Auch Anna wurde allmhlich rgerlich und schimpfte.

"Geh'n Sie blo aus meinem Lokal, Sie--Sie! So eine krieg' ich alle
Tage!" fauchte die Wirtin wtend, rannte zur Tr und ri sie auf:
"Geh'n Sie blo aus meinem Lokal!" "Geh'n Sie!" schrie sie, da ihr
Kopf blau anlief: "Geh'n Sie! Sie--Sie Ludermensch!"

Auch in Anna platzte die angesammelte Wut nun vollends.

"Was sagen Sie da, was?! Sie Kupplerin, Sie dreckige!" schrie sie
schriller noch. "Solang man sich hergibt, ist man gut, dann kann man
gehen, Sie Dreckfetzen!"

"Geh'n Sie! Geh'n Sie!" pfiff die Wirtin erstickt: "Hinaus da,
hinaus!"

Keifend verlie Anna das Lokal. Zitternd vor Erregung kam sie in ihrer
Wohnung an. "Es ist Schlu mit allem! Ich mag nicht mehr!" sthnte sie
erschpft und sank in einen Kchenstuhl. Unter stoweisem Weinen und
Vorwrfen erzhlte sie Johann ihr Migeschick. Der hatte den Kopf
unter dem Hahn der Wasserleitung und lie immerfort den kalten Strahl
her ihn herabrinnen. Er drehte sich nicht um. Nicht im mindesten lie
er sich stren. Annas Geduld ri vllig. Sie begann wst zu schimpfen.

"Und du!--Du lungerst da heroben herum und lt mich die Fe
ausrennen! Ich kann mich mit den Leuten herumschlagen und die Suppe
ausfressen, die du eingebrockt hast!" bellte sie ihn an. "Du! Du
Lump!"

Er drehte sich endlich um. Kein Wort kam aus ihm.

"So rede doch, Stock!" schrie sie, "was willst du denn jetzt machen?
Ich kann nichts mehr tun! Ich bin kaputt!" Er schwieg immer noch. Da
stand er, tatschlich wie ein Stock. Sie zerbrach an seiner
Gleichgltigkeit und fiel in ein heftiges Weinen. Es schttelte sie
gerade so. Johann sah ohne Niedergeschlagenheit auf ihre
zusammengekauerte, zuckende Gestalt nieder.

"Was ich tun will?" sagte er endlich leichthin, als sei gar nichts
vorgefallen,--"der wird mich schon nicht gleich herauswerfen. Ich gehe
einfach heute wieder zur Schicht und fertig. Und die Rienken--die wird
schon wieder aufhren mit ihrem Geschimpfe, wenn sie md ist." Anna
blickte auf einmal auf zu ihm. "Ist doch ein netter Kerl, dieser
Hochvogel. Mit dem lt sich doch reden," brummte er. Der arglose
Ernst, die Selbstverstndlichkeit dieser Worte bezwangen. Tatschlich
wurde sie vollkommen ruhig und glaubte zuletzt wirklich, da dies der
einzig glckliche Weg sei, mit einem Schlag alles Miliche beheben
wrde.

"Herrgott, ich bin ja auch so dumm! Ich la mich von jedem ins
Bockshorn jagen," schalt sie sich selbst, wischte sich schnell die
Trnen ab und stellte Kaffeewasser auf. Ganz munter wurde sie wieder.

Als sie dann wieder am Tisch saen, begann sie ber die Rienken zu
schimpfen und ber Hochvogel und erzhlte im Laufe des Gesprchs alles
mgliche von den beiden.

"Es war ganz richtig, da du ihm mal heimgeleuchtet hast," sagte sie,
"die ganze Sippschaft glaubt immer, sie knnte Schindluder mit einem
treiben!--Was hat er mir nicht alles angetragen, wenn ich mit ihm
schlafen wrde! Und wie hat die Rienken gekuppelt und jetzt--jetzt
spielt sie sich auf, diese Sau, diese alte!"

Sie blickte immer wieder wie verlegen zu Johann herber, wurde aber,
da er vollkommen ruhig war, immer weitschweifiger und erzhlte mehr
und immer mehr. Sein Gleichmut qulte sie. Sie berichtete dreister,
anzglicher.

"Er hat das Geld gerade so weggeworfen. Die Bluse hat er mir
aufgerissen, einmal. Er hat immer seine Hand unter meinem Rock gehabt,
der Drecksack! Von den Hosen hat er einmal ein halbes Dutzend
dahergebracht und wollte, da ich's vor ihm anziehen soll--und die
Bienken half mit und verschwand immer, wenn er anfing," sagte sie und
fuhr fort: "Einmal wollt' ich ihn schon heraufnehmen in der Frhe und
abwarten, bis du von der Fabrik kmst."

Johann verzog keine Miene.

"Jaja--das Loch und das Geld," brummte er beilufig. "Es geht immer
rundum."

Ihre Hnde bewegten sich in einem fort. Nervs zerrieb sie die
Brotkrumen mit den Fingern. Sie erzhlte nichts mehr. Sie schwieg. Als
er fortgegangen war, fiel ihr Kopf auf den Tisch und ein wstes
Schluchzen brach aus ihr.--

Johann kam ohne Hindernis durch die Fabrikpforte. Im Umkleideraum
trafen ihn bereits befremdende Gesichter. Keiner sprach ihn mehr an
und als er in den Maschinenraum hinuntersteigen wollte, kam der
Schichtmeister rasch auf ihn zu und rief: "Sie sind doch entlassen,
was wollen Sie denn noch hier?" Einige Arbeiter blieben mit
verwunderten Mienen stehen. Das rttelte ihn aus der Fassung. Er sah
beklommen auf den Schichtmeister, auf die Arbeiter und hilflos im Raum
herum.

"Sie sind nun einmal bestimmt entlassen, das wei ich," rief der
Schichtmeister resoluter, "ich kann gar nicht verstehen, da Sie der
Pfrtner hereingelassen hat, der hat es doch gewut! Hat er Sie denn
nicht darauf aufmerksam gemacht?"

Johann schttelte stumm den Kopf, blieb beharrlich stehen, dumm und
kindisch. Die beiden anderen Arbeiter trotteten weiter.

Der Schichtmeister holte den Portier. Zeternd redete er auf denselben
ein, als er mit ihm ankam.

"Wie konnten Sie denn den Mann hereinlassen. Der Chef hat's doch
ausdrcklich gesagt, da er entlassen ist," bellte er.

Der Portier sah verrgert auf Johann und sagte ebenfalls: "Jaja, ich
hab' Sie nur nicht gesehen. Sie sind entlassen. Sie haben hier nichts
mehr zu suchen."

Johann knickte zusammen.

"Ja--ja, nu ja, dann mu ich gehn," stotterte er endlich heraus, ging
in den Ankleideraum und entfernte sich. Niedergedrckt, fast beschmt
trat er durch das groe Fabrikportal ins Freie. Zermrbt kam er zu
Hause an.

"Ja," sagte er tonlos zu Anna, "man hat mich rausgesetzt!"

"Da hast du es nun!" stie diese heraus, "Trottel!" Die Vorwrfe
begannen von neuem.

"Ich mu mich eben wieder um was anderes umsehn," brummte er
rgerlich.

"Und ich?! Wenn die Rienken uns hinaussetzt, was ist dann! Glaubst du,
ich hab' mir umsonst meine Fe ausgerannt, da wir ein wenig
anstndiger leben konnten! Du keine Arbeit, kein Geld, ich nichts zu
tun--ich danke!" belferte sie.

"Nu ja, in Gottesnamen, es wird schon wieder werden!" schlo er und
legte sich zu Bett. Machtlos stand Anna vor diesem Stumpfsinn. Vor
Verbitterung zitterte sie am ganzen Krper und faustete in einem fort
die Hnde.

"Herrgott, es ist ja zum Davonlaufen!" schrie sie auf einmal:
"Meinetwegen--ich geh!" Sie schmi heftig die Tr zu. "Dummes
Frauenzimmer!" Er stieg aus dem Bett, rief ihr nach, aber es
antwortete niemand mehr.

Wegen solcher Dummheiten war man pltzlich aus der Ordnung
gerissen.--Er schlo die Tr wieder.

Der Nachtschlaf war auch zum Teufel.--

Er kleidete sich schlielich an und ging sie suchen.

Ohne nachzudenken, wanderte er zur Fleischgasse und fand sie auch
dort. Bereits stand ein Herr in einem hellen Regenmantel vor ihr und
lispelte. Johann trat an die beiden heran und ri Anna weg: "Unsinn!
Komm!"

"Ich mag nicht!" knirschte sie eigensinnig und wollte sich losmachen.

Der Herr im Regenmantel ergriff ihre Partei und begann zu brllen. Er
schwang schon den Stock und wollte auf Johann einbauen. Da kam ein
Schutzmann eiligen Schrittes angeflitzt, notierte den Namen des Herrn
und nahm die beiden mit auf die Wache.

Alles Gejammer Annas half nichts. Das Erklren Johanns war vergebens.
Sie muten mit.

Hlich, wie das Migeschick die Menschen gemein macht! Auf dem ganzen
Weg berschttete Anna Johann mit den wstesten Schimpfworten und
schlielich ri auch diesem die Geduld.

"Halt das Maul, dummes Vieh, dummes!" fluchte er, "hilft ja doch
nichts! Was lufst du denn davon, so mitten in der Nacht! Jetzt hast
du es."

"Vorwrts! Marsch-marsch!" knurrte der Schutzmann immer wieder.

V. Der Vorfall in der Fleischgasse hatte zur Folge, da man Johann
wegen Zuhlterei in Untersuchung behielt. Ein Verfahren wurde gegen
ihn eingeleitet. Anna entlie man nach ungefhr zehn Tagen. Sie wurde
polizeirztlich untersucht und erhielt die bliche Erlaubniskarte der
Prostituierten wieder. Als sie zu Hause ankam, war sie nicht wenig
erstaunt. Die Rienken, nun einmal rabiat geworden, hatte die
Gelegenheit bentzt und pfnden lassen. Whrend der Haftzeit nmlich
war der Monatserste gekommen, der Dritte, der Fnfte und der Siebente.
So waren wenigstens die ziemlich eindeutigen Briefe der Bar- und
Hausbesitzerin, die im Kasten steckten, datiert. Man sah es den
schiefen, gekratzt-hingeflitzten Buchstaben der Schrift frmlich an,
da Sylvia Rienke das Warten auf den Mietszins satt hatte, das Warten
und diese Mieter. "Diese, wo Kerle haben, die mir meine Gste
verjagen, knnen bei mir ziehen," hie es endlich im Kndigungsbrief
vom Achten. Und Recht behielt sie, die wackere Wirtin. Anna mute
ziehen. Sie verkaufte, was briggeblieben war, und bezog ein Zimmer in
der Nhe der Fleischgasse.

Die drohend gereckten Fuste, die sie am Tage ihres Abzuges, plrrend
und keifend, mit weiem Schaum vor dem Munde, der Rienken
entgegenhielt, und das hmische, restlos rachschtige: "Das streich
ich dir noch an, Mistvettel!" waren ein Anfang fr ihr weiteres
Verhalten. Jetzt gab es fast jeden Tag kleinere oder grere
Unannehmlichkeiten in der Bar "Tip-Top". Anna hetzte Polizei und von
ihr bestochene skandalschtige Gste in das Lokal.

In der ganzen Fleischgasse war sie jetzt die Fleiigste. Mit einem
Eifer, ja, mit einer geradezu fanatischen Selbstvergessenheit, wie man
sie nur bei Verzweifelten oder Bohrend-Hassenden findet, verbi sie
sich ins Verdienen.

"Die?! Hm, die schleppt auf Rekord," lie sich nicht selten eine
andere Prostituierte vernehmen, wenn die Rede auf Anna kam. Und es
stimmte.--

Das Merkwrdigste aber war, da sie nunmehr alle Hebel in Bewegung
setzte, um Johann frei zu bekommen. Sie warf das Geld weg an
Rechtsanwlte, verfate eine Eingabe um die andere, bestrmte die
Instanzen, rannte von Pontius zu Pilatus, ja, sie fate zu guter Letzt
sogar dem romantischen Plan, ihn mit Hilfe einiger Mnner zu befreien,
die ihr das Blaue vom Himmel herunterzuholen versprachen, ihr Geld und
wieder Geld abnahmen und eines Tages verschwanden.

Und Johann?

Er lag den ganzen Tag auf der Pritsche, wurde sogar dick von dem Essen,
das sie ihm schickte, und war stets ruhig und trocken, wenn sie ihn
besuchen durfte. Als sie ihm von dem Auszug aus dem Rienkeschen Hause
erzhlte, hrte er stumm zu--dann, nach einer Weile, lchelte er
und sagte: "Hml Hm,--war doch schn an dem Abend mit Hochvogel,
hmhamhm!"

Er fand nichts Schlimmes daran, da Anna manchmal klagte.

"Es ist--man mte so was aufmachen, wie die Rienken hat," sagte er
ein andermal wie aus einem dumpfen Gedankenkreis heraus.

Und wieder einmal, als Anna jammerte, da alles Essen so teuer wre,
lie er so etwas fallen wie: "Nuja, die Bauern machen sich jetzt
gesund. Hm, die Bauern und die, die was fr'n Magen verkaufen--"

Man sagt, der Weise berwindet und kommt zur vollkommenen Ruhe.

Es gibt Menschen, die ohne Empfindungsvermgen geboren werden. Und es
sind welche, die, wenn die Schmerzen und Erschtterungen ihre Seele
in zu rascher Aufeinanderfolge zermrben, zuletzt in eine vllige
Stumpfheit mnden. Zu diesen gehrte Johann Krill.

"Es war doch schn an dem Abend mit Hochvogel--so gemtlich!" und "So
was wie die Rienken hat, mt' man aufmachen." Das war er!--

Mittlerweile kam der Termin zur Verhandlung gegen ihn. Anna hetzte
noch mehr herum. Sie schlief nicht mehr, sie verga das Essen.

Im Gerichtssaal hustete sie die ganze Zeit. Unstet liefen die Pupillen
ihrer Augen von einem Winkel zum anderen. Auch die Rienken war als
Zeuge geladen. Dummerweise war einer von den letzten Anwlten, die
Anna genommen hatte, darauf gekommen, sie zu laden. Sie trug ein
schwarzes Seidenkleid, dessen schweres Spitzengewirr vom speckigen
Nacken kraus herabrann her den hochgeschnrten, berquellenden Busen.
Ein blutrotes Granatkollier prangte patzig auf der gelben, welken Haut
ihres Halses, dessen blaue derung nur schlecht vom dick aufgetragenen
Puder verwischt war. Ihre Froschhnde waren beteuernd auf den Magen
gepret und spielten manchmal mit dem Schildpatt-Lorgnon, das an einer
breiten goldenen Kette herabhing.

"Ich bin gleich fertig mit meinen Aussagen, Herr Amtsrichter, ich hab'
ein Geschft und viel im Kopf," begann sie, als sie aufgerufen wurde.

"Die?!--Gott sei Dank, ich hab' immer anstndige Bedienerinnen gehabt,"
fuhr sie fort, her Anna befragt, und warf einen seitlichen, herablassenden
Blick auf diese, "aber nun, man tappt auch einmal herein.--Ich hab' es mir
aber--glauben Sie es mir, Herr Amtsrichter, ich bin fnfzehn Jahre auf dem
gleichen Platz und wei, was der Ruf fr ein Geschft ausmacht--ich hab'
es mir geschworen: Rienken, sagt' ich mir, Rienken--von der Fleischgasse
nimmst du keine mehr, nicht um die Welt!" Sie kam immer mehr in Zug.

"Vettel!" schrie Anna schrill und wurde verwarnt. Die Rienken drehte sich
schnell um und dann wieder zum Richter. "Man soll sich nicht rgern, Herr
Amtsrichter?" Und sie schnitt eine weinerliche Miene:

"Wie hab' ich den Leuten geholfen und was hab' ich davon!--Es ist blo
gut, da ich meinen Kopf nie verlier', es ist ja blo gut, da ich
mich nie auf die gleiche Stufe stelle mit--mit--so was."

Und endlich zur Sache gerufen, erzhlte sie weitschweifig, da Johann
die Stellung bei diesem Fabrikherrn nicht umsonst angenommen habe.
"Und Nachtschicht--er wird schon gewut haben, warum. Man kennt
solche--Nachtschichten!" Und Herr Hochvogel?... Sie geriet etwas in
Verwirrung. Nun, der habe bald klar gesehen, ein solcher Herr liee
sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen.

"Der mu her! Der mu Zeuge machen!" schrie Anna, und ihr Rechtsanwalt
brachte es auch fertig. Nun wurde es aber noch ungnstiger. Obwohl dem
Fabrikanten die ganze Sache uerst unangenehm war, obwohl er sich
auerordentlich zurckhielt und nichts gegen Johann eigentlich
vorbringen konnte, als eben jenen blen Vorfall in der Rienkeschen
Bar--es machte alles einen schlechten, sehr schlechten Eindruck
--Johann Krill wurde verurteilt.

Anna bekam einen minutenlangen Schreikrampf. Sie strzte vor und
wollte auf die Rienken los. Es muten sie Schutzleute mit Gewalt
wegbringen.

Johann, der ohne Erregung den Auftritten zusah, nahm alles mit Ruhe
hin. Er lchelte fast verlegen, als ihn die Richter am Schlu fragten,
ob er noch etwas zu sagen wnsche.

"Dumm," brummte er und kratzte sich hinter dem rechten Ohr, "dumm,
Herr Richter, man tappt eben hinein und--und dann passiert allerhand."

Die steinernen Amtsmienen wuten einen Augenblick lang wirklich nicht,
sollten sie lachen oder einige beruhigende Worte des Mitleids aus ihren
Lippen lassen.

Damit war es zu Ende. Anna konnte Johann nun nicht mehr besuchen. Die
beiden waren auseinander.--In ihrer Wut schlug Anna einige Tage
spter die zwei groen Fensterscheiben der Rienkeschen Bar ein und
konnte mit Mhe nur berwltigt werden. Das Beil wurde ihr abgenommen
und der herbeigerufene Schutzmann nahm sie mit.

Und wieder gab es einen Proze. Wegen Bedrohung und Sachbeschdigung
wurde Anna Krill zu zwei Monaten Gefngnis verurteilt.

Hier bricht der Faden ab. Es ist nichts mehr zu berichten.

Eine Million ist viel--eine Milliarde ist mehr.--Johann Krill ist
Legion.

Vielleicht arbeitet Johann Krill wieder irgendwo oder er trinkt, oder
er hat den Halt verloren und sitzt weiter in Gefngnissen.

Anna--Sie wird eines Tages krank sein, wieder gesunden, wieder krank
werden und so fort....

Das einzige, was bestehen bleibt, solange wie diese Gesellschaft,
ist--die Rienken!

Wie lange noch?!









End of Project Gutenberg's Zur Freundlichen Erinnerung, by Oscar Maria Graf

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG ***

***** This file should be named 7985-8.txt or 7985-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/7/9/8/7985/

Produced by Eric Eldred, Marc D'Hooghe, Charles Franks,
and the Online Distributed Proofreading Team


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
