The Project Gutenberg EBook of Der Nachsommer, by Adalbert Stifter
#2 in our series by Adalbert Stifter

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Title: Der Nachsommer
       Indian Summer

Author: Adalbert Stifter

Release Date: May, 2005 [EBook #8126]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on June 16, 2003]
[Last updated: November 29, 2017]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER NACHSOMMER ***





This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
(http://www.gutenberg2000.de/stifter/nachsomm/nachsomm.htm), prepared
by Gerd Bouillon.




Der Nachsommer

Eine Erzhlung von
Adalbert Stifter



Inhalt:

Die Huslichkeit
Der Wanderer
Die Einkehr
Die Beherbergung
Der Abschied
Der Besuch
Die Begegnung
Die Erweiterung
Die Annherung
Der Einblick
Das Fest
Der Bund
Die Entfaltung
Das Vertrauen
Die Mitteilung
Der Rckblick
Der Abschlu



Die Huslichkeit

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten
Stockwerkes eines mig groen Hauses in der Stadt, in welchem er zur
Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewlbe, die
Schreibstube nebst den Warenbehltern und anderen Dingen, die er zu
dem Betriebe seines Geschftes bedurfte. In dem ersten Stockwerke
wohnte auer uns nur noch eine Familie, die aus zwei alten Leuten
bestand, einem Manne und seiner Frau, welche alle Jahre ein oder zwei
Male bei uns speisten, und zu denen wir und die zu uns kamen, wenn
ein Fest oder ein Tag einfiel, an dem man sich Besuche zu machen oder
Glck zu wnschen pflegte. Mein Vater hatte zwei Kinder, mich, den
erstgeborenen Sohn, und eine Tochter, welche zwei Jahre jnger war als
ich. Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir
uns unseren Geschften, die uns schon in der Kindheit regelmig
aufgelegt wurden, widmen muten, und in welchem wir schliefen. Die
Mutter sah da nach und erlaubte uns zuweilen, da wir in ihrem
Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergtzen durften.

Der Vater war die meiste Zeit in dem Verkaufsgewlbe und in der
Schreibstube. Um zwlf Uhr kam er herauf, und es wurde in dem
Speisezimmer gespeiset. Die Diener des Vaters speisten an unserem
Tische mit Vater und Mutter, die zwei Mgde und der Magazinsknecht
hatten in dem Gesindezimmer einen Tisch fr sich. Wir Kinder bekamen
einfache Speisen, der Vater und die Mutter hatten zuweilen einen
Braten und jedesmal ein Glas guten Weines. Die Handelsdiener bekamen
auch von dem Braten und ein Glas desselben Weines. Anfangs hatte der
Vater nur einen Buchfhrer und zwei Diener, spter hatte er viere.

In der Wohnung war ein Zimmer, welches ziemlich gro war. In demselben
standen breite, flache Ksten von feinem Glanze und eingelegter
Arbeit. Sie hatten vorne Glastafeln, hinter den Glastafeln grnen
Seidenstoff, und waren mit Bchern angefllt. Der Vater hatte darum
die grnen Seidenvorhnge, weil er es nicht leiden konnte, da die
Aufschriften der Bcher, die gewhnlich mit goldenen Buchstaben auf
dem Rcken derselben standen, hinter dem Glase von allen Leuten
gelesen werden konnten, gleichsam als wolle er mit den Bchern
prahlen, die er habe. Vor diesen Ksten stand er gerne und fter,
wenn er sich nach Tische oder zu einer andern Zeit einen Augenblick
abkargen konnte, machte die Flgel eines Kastens auf, sah die Bcher
an, nahm eines oder das andere heraus, blickte hinein, und stellte es
wieder an seinen Platz.

An Abenden, von denen er selten einen auer Hause zubrachte, auer
wenn er in Stadtgeschften abwesend war oder mit der Mutter ein
Schauspiel besuchte, was er zuweilen und gerne tat, sa er hufig eine
Stunde, fter aber auch zwei oder gar darber, an einem kunstreich
geschnitzten alten Tische, der im Bcherzimmer auf einem ebenfalls
altertmlichen Teppiche stand, und las. Da durfte man ihn nicht
stren, und niemand durfte durch das Bcherzimmer gehen. Dann kam er
heraus und sagte, jetzt knne man zum Abendessen gehen, bei dem die
Handelsdiener nicht zugegen waren, und das nur in der Mutter und in
unserer Gegenwart eingenommen wurde. Bei diesem Abendessen sprach er
sehr gerne zu uns Kindern und erzhlte uns allerlei Dinge, mitunter
auch scherzhafte Geschichten und Mrchen. Das Buch, in dem er gelesen
hatte, stellte er genau immer wieder in den Schrein, aus dem er es
genommen hatte, und wenn man gleich nach seinem Heraustritte in das
Bcherzimmer ging, konnte man nicht im geringsten wahrnehmen, da eben
jemand hier gewesen sei und gelesen habe. berhaupt durfte bei dem
Vater kein Zimmer die Spuren des unmittelbaren Gebrauches zeigen,
sondern mute immer aufgerumt sein, als wre es ein Prunkzimmer. Es
sollte dafr aber aussprechen, zu was es besonders bestimmt sei. Die
gemischten Zimmer, wie er sich ausdrckte, die mehreres zugleich sein
knnen, Schlafzimmer, Spielzimmer und dergleichen, konnte er nicht
leiden. Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er zu sagen, knne
nur eines sein, dieses aber mu er ganz sein. Dieser Zug strenger
Genauigkeit prgte sich uns ein und lie uns auf die Befehle der
Eltern achten, wenn wir sie auch nicht verstanden. So zum Beispiele
durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer der Eltern betreten.
Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufrumung desselben betraut.

In den Zimmern hingen hie und da Bilder, und es standen in manchen
Gerte, die aus alten Zeiten stammten und an denen wunderliche
Gestalten ausgeschnitten waren, oder in welchen sich aus verschiedenen
Hlzern eingelegte Laubwerke und Kreise und Linien befanden.

Der Vater hatte auch einen Kasten, in welchem Mnzen waren, von denen
er uns zuweilen einige zeigte. Da befanden sich vorzglich schne
Taler, auf welchen geharnischte Mnner standen oder die Angesichter
mit unendlich vielen Locken zeigten, dann waren einige aus sehr alten
Zeiten mit wunderschnen Kpfen von Jnglingen oder Frauen, und eine
mit einem Manne, der Flgel an den Fen hatte. Er besa auch Steine,
in welche Dinge geschnitten waren. Er hielt diese Steine sehr hoch
und sagte, sie stammen aus dem kunstgebtesten Volke alter Zeiten,
nehmlich aus dem alten Griechenlande her. Manchmal zeigte er sie
Freunden; diese standen lange an dem Kstchen derselben, hielten den
einen oder den andern in ihren Hnden und sprachen darber.

Zuweilen kamen Menschen zu uns, aber nicht oft. Manches Mal wurden
Kinder zu uns eingeladen, mit denen wir spielen durften, und fter
gingen wir auch mit den Eltern zu Leuten, welche Kinder hatten, und
uns Spiele veranstalteten. Den Unterricht erhielten wir in dem Hause
von Lehrern, und dieser Unterricht und die sogenannten Arbeitsstunden,
in denen von uns Kindern das verrichtet werden mute, was uns als
Geschft aufgetragen war, bildeten den regelmigen Verlauf der Zeit,
von welchem nicht abgewichen werden durfte.

Die Mutter war eine freundliche Frau, die uns Kinder ungemein liebte,
und die weit eher ein Abweichen von dem angegebenen Zeitenlaufe
zugunsten einer Lust gestattet htte, wenn sie nicht von der Furcht
vor dem Vater davon abgehalten worden wre. Sie ging in dem Hause
emsig herum, besorgte alles, ordnete alles, lie aus der obgenannten
Furcht keine Ausnahme zu und war uns ein ebenso ehrwrdiges Bildnis
des Guten wie der Vater, von welchem Bildnisse gar nichts abgendert
werden konnte. Zu Hause hatte sie gewhnlich sehr einfache Kleider an.
Nur zuweilen, wenn sie mit dem Vater irgend wohin gehen mute, tat
sie ihre stattlichen seidenen Kleider an und nahm ihren Schmuck, da
wir meinten, sie sei wie eine Fee, welche in unsern Bilderbchern
abgebildet war. Dabei fiel uns auf, da sie immer ganz einfache,
obwohl sehr glnzende Steine hatte, und da ihr der Vater nie die
geschnittenen umhing, von denen er doch sagte, da sie so schne
Gestalten in sich htten.

Da wir Kinder noch sehr jung waren, brachte die Mutter den Sommer
immer mit uns auf dem Lande zu. Der Vater konnte uns nicht
Gesellschaft leisten, weil ihn seine Geschfte in der Stadt
festhielten; aber an jedem Sonntage und an jedem Festtage kam er,
blieb den ganzen Tag bei uns und lie sich von uns beherbergen. Im
Laufe der Woche besuchten wir ihn einmal, bisweilen auch zweimal in
der Stadt, in welchem Falle er uns dann bewirtete und beherbergte.

Dies hrte endlich auf, anfnglich weil der Vater lter wurde und die
Mutter, die er sehr verehrte, nicht mehr leicht entbehren konnte;
spter aber aus dem Grunde, weil es ihm gelungen war, in der Vorstadt
ein Haus mit einem Garten zu erwerben, wo wir freie Luft genieen, uns
bewegen und gleichsam das ganze Jahr hindurch auf dem Lande wohnen
konnten.


Die Erwerbung des Vorstadthauses war eine groe Freude. Es wurde nun
von dem alten, finstern Stadthause in das freundliche und gerumige
der Vorstadt gezogen. Der Vater hatte es vorher im allgemeinen
zusammen richten lassen, und selbst, da wir schon darin wohnten,
waren noch immer in verschiedenen Rumen desselben Handwerksleute
beschftigt. Das Haus war nur fr unsere Familie bestimmt. Es wohnten
nur noch unsere Handlungsdiener in demselben und gleichsam als
Pfrtner und Grtner ein ltlicher Mann mit seiner Frau und seiner
Tochter.

In diesem Hause richtete sich der Vater ein viel greres Zimmer
zum Bcherzimmer ein, als er in der Stadtwohnung gehabt hatte, auch
bestimmte er ein eigenes Zimmer zum Bilderzimmer; denn in der Stadt
muten die Bilder wegen Mangels an Raum in verschiedenen Zimmern
zerstreut sein. Die Wnde dieses neuen Bilderzimmers wurden mit
dunkelrotbraunen Tapeten berzogen, von denen sich die Goldrahmen
sehr schn abhoben. Der Fuboden war mit einem mattfarbigen Teppiche
belegt, damit er die Farben der Bilder nicht beirre. Der Vater hatte
sich eine Staffelei aus braunem Holze machen lassen, und diese stand
in dem Zimmer, damit man bald das eine, bald das andere Bild darauf
stellen und es genau in dem rechten Lichte betrachten konnte.

Fr die alten geschnitzten und eingelegten Gerte wurde auch ein
eigenes Zimmer hergerichtet. Der Vater hatte einmal aus dem Gebirge
eine Zimmerdecke mitgebracht, welche aus Lindenholz und aus dem Holze
der Zirbelkiefer geschnitzt war. Diese Decke lie er zusammen legen
und lie sie mit einigen Zutaten versehen, die man nicht merkte, so
da sie als Decke in dieses Zimmer pate. Das freute uns Kinder sehr,
und wir saen nun doppelt gerne in dem alten Zimmer, wenn uns an
Abenden der Vater und die Mutter dahin fhrten, und arbeiteten dort
etwas, und lieen uns von den Zeiten erzhlen, in denen solche Sachen
gemacht worden sind.

Am Ende eines hlzernen Ganges, der in dem ersten Geschosse des Hauses
gegen den Garten hinaus lief, lie er ein glsernes Stbchen machen,
das heit, ein Stbchen, dessen zwei Wnde, die gegen den Garten
schauten, aus lauter Glastafeln bestanden; denn die Hinterwnde waren
Holz. In dieses Stbchen tat er alte Waffen aus verschiedenen Zeiten
und mit verschiedenen Gestalten. Er lie an den Stben, in die das
Glas gefgt war, viel Efeu aus dem Garten herauswachsen, auch im
Innern lie er Efeu an dem Gerippe ranken, da derselbe um die alten
Waffen rauschte, wenn einzelne Glastafeln geffnet wurden, und der
Wind durch dieselben herein zog. Eine groe hlzerne Keule, welche in
dem Stbchen war und welche mit grulichen Ngeln prangte, nannte er
Morgenstern, was uns Kindern gar nicht einleuchten wollte, da der
Morgenstern viel schner war.

Noch war ein Zimmerchen, das er mit kunstreich abgenhten rotseidenen
Stoffen, die er gekauft hatte, berziehen lie. Sonst aber wute man
noch nicht, was in das Zimmer kommen wrde.

In dem Garten war Zwergobst, es waren Gemse- und Blumenbeete, und an
dem Ende desselben, von dem man auf die Berge sehen konnte, welche die
Stadt in einer Entfernung von einer halben Meile in einem groen Bogen
umgeben, befanden sich hohe Bume und Graspltze. Das alte Gewchshaus
hatte der Vater teils ausbessern, teils durch einen Zubau vergrern
lassen.

Sonst hatte das Haus auch noch einen groen Hof, der gegen den Garten
zu offen war, in dem wir, wenn das Gartengras na war, spielen
durften, und gegen welchen die Fenster der Kche, in der die Mutter
sich viel befand, und der Vorratskammern herab sahen.

Der Vater ging tglich morgens in die Stadt in sein Verkaufsgewlbe
und in seine Schreibstube. Die Handelsdiener muten der Ordnung halber
mit ihm gehen. Um zwlf Uhr kam er zum Speisen so wie auch jene
Diener, welche nicht eben die Reihe traf, whrend der Speisestunde in
dem Verkaufsgewlbe zu wachen. Nachmittag ging er grtenteils auch
wieder in die Stadt. Die Sonntage und die Festtage brachte er mit uns
zu.

Von der Stadt wurden nun viel fter Leute mit ihren Kindern zu uns
geladen, da wir mehr Raum hatten, und wir durften im Hofe oder in dem
Garten uns ergtzen. Die Lehrer kamen zu uns jetzt in die Vorstadt,
wie sie sonst in der Stadt zu uns gekommen waren.

Der Vater, welcher durch das viele Sitzen an dem Schreibtische sich
eine Krankheit zuzuziehen drohte, gnnte sich nur auf das Andringen
der Mutter tglich eine freie Zeit, welche er dazu verwendete,
Bewegung zu machen. In dieser Zeit ging er zuweilen in eine
Gemldegalerie oder zu einem Freunde, bei welchem er ein Bild sehen
konnte, oder er lie sich bei einem Fremden einfhren, bei dem
Merkwrdigkeiten zu treffen waren. An schnen Sommerfesttagen fuhren
wir auch zuweilen ins Freie und brachten den Tag in einem Dorfe oder
auf einem Berge zu.

Die Mutter, welche ber die Erwerbung des Vorstadthauses
auerordentlich erfreut war, widmete sich mit gesteigerter
Ttigkeit dem Hauswesen. Alle Samstage prangte das Linnen wei wie
Kirschenblte auf dem Aufhngeplatze im Garten, und Zimmer fr Zimmer
mute unter ihrer Aufsicht gereinigt werden, auer denen, in welchen
die Kostbarkeiten des Vaters waren, deren Abstubung und Reinigung
immer unter seinen Augen vor sich gehen mute. Das Obst, die
Blumen und die Gemse des Gartens besorgte sie mit dem Vater
gemeinschaftlich. Sie bekam einen Ruf in der Umgebung, da
Nachbarinnen kamen und von ihr Dienstboten verlangten, die in unserem
Hause gelernt htten.

Als wir nach und nach heran wuchsen, wurden wir immer mehr in den
Umgang der Eltern gezogen; der Vater zeigte uns seine Bilder und
erklrte uns manches in denselben. Er sagte, da er nur alte habe,
die einen gewissen Wert besitzen, den man immer haben knne, wenn man
einmal gentigt sein sollte, die Bilder zu verkaufen. Er zeigte uns,
wenn wir spazieren gingen, die Wirkungen von Licht und Schatten, er
nannte uns die Farben, welche sich an den Gegenstnden befanden, und
erklrte uns die Linien, welche Bewegung verursachten, in welcher
Bewegung doch wieder eine Ruhe herrsche, und Ruhe in Bewegung sei die
Bedingung eines jeden Kunstwerkes. Er sprach mit uns auch von seinen
Bchern. Er erzhlte uns, da manche da seien, in welchen das
enthalten wre, was sich mit dem menschlichen Geschlechte seit seinem
Beginne bis auf unsere Zeiten zugetragen habe, da da die Geschichten
von Mnnern und Frauen erzhlt werden, die einmal sehr berhmt gewesen
seien und vor langer Zeit, oft vor mehr als tausend Jahren gelebt
haben. Er sagte, da in anderen das enthalten sei, was die Menschen in
vielen Jahren von der Welt und anderen Dingen, von ihrer Einrichtung
und Beschaffenheit in Erfahrung gebracht htten. In manchen sei zwar
nicht enthalten, was geschehen sei, oder wie sich manches befinde,
sondern was die Menschen sich gedacht haben, was sich htte zutragen
knnen, oder was sie fr Meinungen ber irdische und berirdische
Dinge hegen.

In dieser Zeit starb ein Grooheim von der Seite der Mutter. Die
Mutter erbte den Schmuck seiner vor ihm gestorbenen Frau, wir Kinder
aber sein briges Vermgen. Der Vater legte es als unser natrlicher
Vormund unter mndelgemer Sicherheit an und tat alle Jahre die
Zinsen dazu.

Endlich waren wir so weit herangewachsen, da der gewhnliche
Unterricht, den wir bisher genossen hatten, nach und nach aufhren
mute. Zuerst traten diejenigen Lehrer ab, die uns in den
Anfangsgrnden der Kenntnisse unterwiesen hatten, die man heutzutage
fr alle Menschen fr notwendig hlt, dann verminderten sich auch
die, welche uns in den Gegenstnden Unterricht gegeben hatten,
die man Kindern beibringen lt, welche zu den gebildeteren oder
ausgezeichneteren Stnden gehren sollen. Die Schwester mute nebst
einigen Fchern, in denen sie sich noch weiter ausbilden sollte, nach
und nach in die Huslichkeit eingefhrt werden und die wichtigsten
Dinge derselben erlernen, da sie einmal wrdig in die Fustapfen der
Mutter treten knnte. Ich trieb noch, nachdem ich die Fcher erlernt
hatte, die man in unseren Schulen als Vorkenntnisse und Vorbereitungen
zu den sogenannten Brotkenntnissen betrachtet, einzelne Zweige fort,
die schwieriger waren und in denen eine Nachhilfe nicht entbehrt
werden konnte. Endlich trat in Bezug auf mich die Frage heran, was
denn in der Zukunft mit mir zu geschehen habe, und da tat der Vater
etwas, was ihm von vielen Leuten sehr bel genommen wurde. Er
bestimmte mich nehmlich zu einem Wissenschafter im Allgemeinen. Ich
hatte bisher sehr fleiig gelernt und jeden neuen Gegenstand, der von
den Lehrern vorgenommen wurde, mit groem Eifer ergriffen, so da,
wenn die Frage war, wie ich in einem Unterrichtszweige gengt habe,
das Urteil der Lehrer immer auf groes Lob lautete. Ich hatte den
angedeuteten Lebensberuf von dem Vater selber verlangt und er dem
Verlangten zugestimmt. Ich hatte ihn verlangt, weil mich ein gewisser
Drang meines Herzens dazu trieb. Das sah ich wohl trotz meiner Jugend
schon ein, da ich nicht alle Wissenschaften wrde erlernen knnen;
aber was und wie viel ich lernen wrde, das war mir eben so
unbestimmt, als mein Gefhl unbestimmt war, welches mich zu diesen
Dingen trieb. Mir schwebte auch nicht ein besonderer Nutzen vor, den
ich durch mein Bestreben erreichen wollte, sondern es war mir nur, als
mte ich so tun, als liege etwas innerlich Gltiges und Wichtiges in
der Zukunft. Was ich aber im Einzelnen beginnen und an welchem Ende
ich die Sache anfassen sollte, das wute weder ich, noch wuten es die
Meinigen. Ich hatte nicht die geringste Vorliebe fr das eine oder das
andere Fach, sondern es schienen alle anstrebenswert, und ich hatte
keinen Anhaltspunkt, aus dem ich htte schlieen knnen, da ich zu
irgend einem Gegenstande eine hervorragende Fhigkeit bese, sondern
es erschienen mir alle nicht unberwindlich. Auch meine Angehrigen
konnten kein Merkmal finden, aus dem sie einen ausschlielichen Beruf
fr eine Sache in mir htten wahrnehmen knnen.

Nicht die Ungeheuerlichkeit, welche in diesem Beginnen lag, war es,
was die Leute meinem Vater belnahmen, sondern sie sagten, er htte
mir einen Stand, der der brgerlichen Gesellschaft ntzlich ist,
befehlen sollen, damit ich demselben meine Zeit und mein Leben widme,
und einmal mit dem Bewutsein scheiden knne, meine Schuldigkeit getan
zu haben.

Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der
menschlichen Gesellschaft wegen da, sondern seiner selbst willen. Und
wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er
es auch fr die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler
auf dieser Welt geschaffen htte, der wrde der Menschheit einen
schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte:
wenn er der grte Maler wird, so tut er auch der Welt den grten
Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer durch
einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge fhrt, und dem man
folgen soll. Wie knnte man denn sonst auch wissen, wozu man auf der
Erde bestimmt ist, ob zum Knstler, zum Feldherrn, zum Richter, wenn
nicht ein Geist da wre, der es sagt, und der zu den Dingen fhrt, in
denen man sein Glck und seine Befriedigung findet.

Gott lenkt es schon so, da die Gaben gehrig verteilt sind, so da
jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und da nicht
eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. In diesen
Gaben liegen dann auch schon die gesellschaftlichen, und bei groen
Knstlern, Rechtsgelehrten, Staatsmnnern sei auch immer die
Billigkeit, Milde, Gerechtigkeit und Vaterlandsliebe. Und aus solchen
Mnnern, welche ihren innern Zug am weitesten ausgebildet, seien
auch in Zeiten der Gefahr am ftesten die Helfer und Retter ihres
Vaterlandes hervorgegangen.

Es gibt solche, die sagen, sie seien zum Wohle der Menschheit
Kaufleute, rzte, Staatsdiener geworden; aber in den meisten Fllen
ist es nicht wahr. Wenn nicht der innere Beruf sie dahin gezogen hat,
so verbergen sie durch ihre Aussage nur einen schlechteren Grund,
nehmlich da sie den Stand als ein Mittel betrachteten, sich Geld und
Gut und Lebensunterhalt zu erwerben. Oft sind sie auch, ohne weiter
ber eine Wahl mit sich zu Rate zu gehen, in den Stand geraten
oder durch Umstnde in ihn gestoen worden und nehmen das Wohl der
Menschheit in den Mund, das sie bezweckt htten, um nicht ihre
Schwche zu gestehen. Dann ist noch eine eigene Gattung, welche immer
von dem ffentlichen Wohle spricht. Das sind die, welche mit ihren
eigenen Angelegenheiten in Unordnung sind. Sie geraten stets in Nte,
haben stets rger und Unannehmlichkeiten, und zwar aus ihrem eigenen
Leichtsinne; und da liegt es ihnen als Ausweg neben der Hand, den
ffentlichen Zustnden ihre Lage schuld zu geben und zu sagen, sie
wren eigentlich recht auf das Vaterland bedacht, und sie wrden alles
am besten in demselben einrichten. Aber wenn wirklich die Lage kmmt,
da das Vaterland sie beruft, so geht es dem Vaterlande, wie es frher
ihren eigenen Angelegenheiten gegangen ist. In Zeiten der Verirrung
sind diese Menschen die selbstschtigsten und oft auch grausamsten.
Es ist aber auch kein Zweifel. da es solche gibt, denen Gott
den Gesellschaftstrieb und die Gesellschaftsgaben in besonderem
Mae verliehen hat. Diese widmen sich aus innerem Antriebe den
Angelegenheiten der Menschen, erlernen sie auch am sichersten, finden
Freude in den Anordnungen und opfern oft ihr Leben fr ihren Beruf.
Aber in der Zeit, in der sie ihr Leben opfern, sei sie lange oder sei
sie ein Augenblick, empfinden sie Freude, und diese kmmt, weil sie
ihrem innern Andrange nachgegeben haben.

Gott hat uns auch nicht bei unseren Handlungen den Nutzen als Zweck
vorgezeichnet, weder den Nutzen fr uns noch fr andere, sondern
er hat der Ausbung der Tugend einen eigenen Reiz und eine eigene
Schnheit gegeben, welchen Dingen die edlen Gemter nachstreben. Wer
Gutes tut, weil das Gegenteil dem menschlichen Geschlechte schdlich
ist, der steht auf der Leiter der sittlichen Wesen schon ziemlich
tief. Dieser mte zur Snde greifen, sobald sie dem menschlichen
Geschlechte oder ihm Nutzen bringt. Solche Menschen sind es auch,
denen alle Mittel gelten, und die fr das Vaterland, fr ihre Familie
und fr sich selber das Schlechte tun. Solche hat man zu Zeiten,
wo sie im Groen wirkten, Staatsmnner geheien, sie sind aber nur
Afterstaatsmnner, und der augenblickliche Nutzen, den sie erzielten,
ist ein Afternutzen gewesen und hat sich in den Tagen des Gerichtes
als bses Verhngnis erwiesen.

Da bei dem Vater kein Eigennutz herrschte, beweist der Umstand, da
er im Rate der Stadt ein ffentliches Amt unentgeltlich verwaltete,
da er fter die ganze Nacht in diesem Amte arbeitete, und da er bei
ffentlichen Dingen immer mit bedeutenden Summen an der Spitze stand.

Er sagte, man solle mich nur gehen lassen, es werde sich aus dem
Unbestimmten schon entwickeln, wozu ich taugen werde, und welche Rolle
ich auf der Welt einzunehmen htte.


Ich mute meine krperlichen bungen fortsetzen. Schon als sehr kleine
Kinder muten wir so viele krperliche Bewegungen machen, als nur
mglich war. Das war einer der Hauptgrnde, weshalb wir im Sommer auf
dem Lande wohnten, und der Garten, welcher bei dem Vorstadthause war,
war einer der Hauptbeweggrnde, weshalb der Vater das Haus kaufte.

Man lie uns als kleine Kinder gewhnlich so viel gehen und laufen,
als wir selber wollten, und machte nur ein Ende, wenn wir selber aus
Mdigkeit ruhten. Es hatte in der Stadt sich eine Anstalt entwickelt,
in welcher nach einer gewissen Ordnung Leibesbewegungen vorgenommen
werden sollten, um alle Teile des Krpers nach Bedrfnis zu ben, und
ihrer naturgemen Entfaltung entgegen zu fhren. Diese Anstalt durfte
ich besuchen, nachdem der Vater den Rat erfahrener Mnner eingeholt
und sich selber durch den Augenschein von den Dingen berzeugt hatte,
die da vorgenommen wurden. Fr Mdchen bestand damals eine solche
Anstalt nicht, daher lie der Vater fr die Schwester in einem Zimmer
unserer Wohnung so viele Vorrichtungen machen, als er und unser
Hausarzt, der ein Begnstiger dieser Dinge war, fr notwendig
erachteten, und die Schwester mute sich den bungen unterziehen,
die durch die Vorrichtungen mglich waren. Durch die Erwerbung des
Vorstadthauses wurde die Sache noch mehr erleichtert. Nicht nur
hatten wir mehr Raum im Innern des Hauses, um alle Vorrichtungen zu
Krperbungen in besserem und ausgedehnterem Mae anlegen zu knnen.
sondern es war auch der Hofraum und der Garten da, in denen an sich
krperliche bungen vorgenommen werden konnten und die auch weitere
Anlagen mglich machten. Da wir diese Sachen sehr gerne taten,
begreift sich aus der Feurigkeit und Beweglichkeit der Jugend von
selber. Wir hatten schon in der Kindheit schwimmen gelernt und gingen
im Sommer fast tglich, selbst da wir in der Vorstadt wohnten, von
wo aus der Weg weiter war, in die Anstalt, in welcher man schwimmen
konnte. Selbst fr Mdchen waren damals schon eigene Schwimmanstalten
errichtet. Auch auerdem machten wir gerne weite Wege, besonders
im Sommer. Wenn wir im Freien auer der Stadt waren, erlaubten die
Eltern, da ich mit der Schwester einen besonderen Umgang halten
durfte. Wir bten uns da im Zurcklegen bedeutender Wege oder in
Besteigung eines Berges. Dann kamen wir wieder an den Ort zurck, an
welchem uns die Eltern erwarteten. Anfangs ging meistens ein Diener
mit uns, spter aber, da wir erwachsen waren, lie man uns allein
gehen. Um besser und mit mehr Bequemlichkeit fr die Eltern an jede
beliebige Stelle des Landes auerhalb der Stadt gelangen zu knnen,
schaffte der Vater in der Folge zwei Pferde an, und der Knecht, der
bisher Grtner und gelegentlich unser Aufseher gewesen war, wurde
jetzt auch Kutscher. In einer Reitschule, in welcher zu verschiedenen
Zeiten Knaben und Mdchen lernen konnten, hatten wir reiten gelernt
und hatten spter unsere bestimmten Wochentage, an denen wir uns
zu gewissen Stunden im Reiten ben konnten. Im Garten hatte ich
Gelegenheit, nach einem Ziele zu springen, auf schmalen Planken zu
gehen, auf Vorrichtungen zu klettern und mit steinernen Scheiben
nach einem Ziele oder nach grtmglicher Entfernung zu werfen. Die
Schwester, so sehr sie von der Umgebung als Frulein behandelt wurde,
liebte es doch sehr, bei sogenannten grberen huslichen Arbeiten
zuzugreifen, um zu zeigen, da sie diese Dinge nicht nur verstehe,
sondern an Kraft auch die noch bertreffe, welche von Kindheit an
bei diesen Arbeiten gewesen sind. Die Eltern legten ihr bei diesem
Beginnen nicht nur keine Hindernisse in den Weg, sondern billigten es
sogar. Auerdem trieb sie noch das Lesen ihrer Bcher, machte Musik,
besonders auf dem Klaviere und auf der Harfe, zu der sie auch sang,
und malte mit Wasserfarben.

Als ich den letzten Lehrer verlor, der mich in Sprachen unterrichtet
hatte, als ich in denjenigen wissenschaftlichen Zweigen, in welchen
man einen lngeren Unterricht fr ntig gehalten hatte, weil sie
schwieriger oder wichtiger waren, solche Fortschritte gemacht hatte,
da man einen Lehrer nicht mehr fr notwendig erachtete, entstand die
Frage, wie es in Bezug auf meine erwhlte wissenschaftliche Laufbahn
zu halten sei, ob man da einen gewissen Plan entwerfen und zu dessen
Ausfhrung Lehrer annehmen sollte. Ich bat, man mchte mir gar keinen
Lehrer mehr nehmen, ich wrde die Sachen schon selber zu betreiben
suchen. Der Vater ging auf meinen Wunsch ein, und ich war nun sehr
freudig, keinen Lehrer mehr zu haben und auf mich allein angewiesen zu
sein.

Ich fragte Mnner um Rat, welche einen groen wissenschaftlichen Namen
hatten und gewhnlich an der einen oder der andern Anstalt der Stadt
beschftigt waren. Ich nherte mich ihnen nur, wenn es ohne Verletzung
der Bescheidenheit geschehen konnte. Da es meistens nur eine Anfrage
war, die ich in Bezug auf mein Lernen an solche Mnner stellte, und da
ich mich nicht in ihren Umgang drngte, so nahmen sie meine Annherung
nicht bel, und die Antwort war immer sehr freundlich und liebevoll.
Auch waren unter den Mnnern, die gelegentlich in unser Haus kamen,
manche, die in gelehrten Dingen bewandert waren. Auch an diese wandte
ich mich. Meistens betrafen die Anfragen Bcher und die Folge, in
welcher sie vorgenommen werden sollten. Ich trieb Anfangs jene Zweige
fort, in denen ich schon Unterricht erhalten hatte, weil man sie zu
jener Zeit eben als Grundlage einer allgemeinen menschlichen Bildung
betrachtete, nur suchte ich zum Teile mehr Ordnung in dieselben zu
bringen, als bisher befolgt worden war, zum Teile suchte ich mich auch
in jenem Fache auszudehnen, das mir mehr zuzusagen begann. Auf diese
Weise geschah es, da in dem Ganzen doch noch eine ziemliche Ordnung
herrschte, da bei der Unbestimmtheit des ganzen Unternehmens die
Gefahr sehr nahe war, in die verschiedensten Dinge zersplittert und in
die kleinsten Kleinlichkeiten verschlagen zu werden. In Bezug auf die
Fcher, die ich eben angefangen hatte, besuchte ich auch Anstalten in
unserer Stadt, die ihnen frderlich werden konnten: Bchersammlungen,
Sammlungen von Werkzeugen und namentlich Orte, wo Versuche gemacht
wurden, die ich wegen meiner Unreifheit und wegen Mangels an
Gelegenheit und Werkzeugen nie htte ausfhren knnen. Was ich an
Bchern und berhaupt an Lehrmitteln brauchte, schaffte der Vater
bereitwillig an.


Ich war sehr eifrig und gab mich manchem einmal ergriffenen
Gegenstande mit all der entzndeten Lust hin, die der Jugend bei
Lieblingsdingen eigen zu sein pflegt. Obwohl ich bei meinen Besuchen
der ffentlichen Anstalten zu krperlicher oder geistiger Entwicklung,
ferner bei den Besuchen, welche Leute bei uns oder welche wir bei
ihnen machten, sehr viele junge Leute kennen gelernt hatte, so war ich
doch nie dahin gekommen, so ausschlielich auf bloe Vergngungen und
noch dazu oft unbedeutende erpicht zu sein, wie ich es bei der grten
Zahl der jungen Leute gesehen hatte. Die Vergngungen, die in unserem
Hause vorkamen, wenn wir Leute zum Besuche bei uns hatten, waren auch
immer ernsterer Art.

Ich lernte auch viele ltere Menschen kennen; aber ich achtete damals
weniger darauf, weil es bei der Jugend Sitte ist, sich mit lebhafter
Beteiligung mehr an die anzuschlieen, die ihnen an Jahren nher
stehen, und das, was an lteren Leuten befindlich ist, zu bersehen.

Als ich achtzehn Jahre alt war, gab mir der Vater einen Teil meines
Eigentums aus der Erbschaft vom Grooheime zur Verwaltung. Ich hatte
bis dahin kein Geld zu regelmiger Gebarung gehabt, sondern wenn ich
irgend etwas brauchte, kaufte es der Vater, und zu Dingen von minderem
Belange gab mir der Vater das Geld, damit ich sie selber kaufe. Auch
zu Vergngungen bekam ich gelegentlich kleine Betrge. Von nun an
aber, sagte der Vater, werde er mir am ersten Tage eines jeden Monats
eine bestimmte Summe auszahlen, ich solle darber ein Buch fhren, er
werde diese Auszahlungen bei der Verwaltung meines Gesammtvermgens,
welche Verwaltung ihm noch immer zustehe, in Abrechnung bringen, und
sein Buch und das meinige mten stimmen. Er gab mir einen Zettel, auf
welchem der Kreis dessen aufgezeichnet war, was ich von nun an mit
meinen monatlichen Einknften zu bestreiten htte. Er werde mir
nie mehr von seinem Gelde einen Gegenstand kaufen, der in den
verzeichneten Kreis gehre. Ich msse pnktlich verfahren und
haushlterisch sein; denn er werde mir auch nie und nicht einmal unter
den dringendsten Bedingungen einen Vorschu geben. Wenn ich zu seiner
Zufriedenheit eine Zeit hindurch gewirtschaftet htte, dann werde er
meinen Kreis wieder erweitern, und er werde nach billigstem Ermessen
sehen, in welcher Zeit er mir auch vor der erreichten gesetzlichen
Mndigkeit meine Angelegenheiten ganz in die Hnde werde geben knnen.



Der Wanderer

Ich verfuhr mit der Rente, welche mir der Vater ausgesetzt hatte, gut.
Daher wurde nach einiger Zeit mein Kreis erweitert, wie es der Vater
versprochen hatte. Ich sollte von nun an nicht blo nur einen Teil
meiner Bedrfnisse von dem zugewiesenen Einkommen decken, sondern
alle. Deshalb wurde meine Rente vergrert. Der Vater zahlte sie mir
von nun an auch nicht mehr monatlich, sondern vierteljhrlich aus, um
mich an grere Zeitabschnitte zu gewhnen. Sie mir halbjhrlich oder
gar nach ganzen Jahren einzuhndigen wollte er nicht wagen, damit ich
doch nicht etwa in Unordnungen geriete. Er gab mir nicht die ganzen
Zinsen von der Erbschaft des Grooheims, sondern nur einen Teil, den
andern Teil legte er zu der Hauptsumme, so da mein Eigentum wuchs,
wenn ich auch von meiner Rente nichts erbrigte. Als Beschrnkung
blieb die Einrichtung, da ich in dem Hause meiner Eltern wohnen und
an ihrem Tische speisen mute. Es ward dafr ein Preis festgesetzt,
den ich alle Vierteljahre zu entrichten hatte. Jedes andere Bedrfnis,
Kleider, Bcher, Gerte oder was es immer war, durfte ich nach meinem
Ermessen und nach meiner Einsicht befriedigen.

Die Schwester erhielt auch Befugnisse in Hinsicht ihres Teiles
der Erbschaft des Grooheims, in so weit sie sich fr ein Mdchen
schickten.

Wir waren ber diese Einrichtung sehr erfreut und beschlossen, nach
dem Wunsche und dem Willen der Eltern zu verfahren, um ihnen Freude zu
machen.

Ich ging, nachdem ich in den verschiedenen Zweigen der Kenntnisse,
die ich zuletzt mit meinen Lehrern betrieben hatte und welche als
allgemein notwendige Kenntnisse fr einen gebildeten Menschen gelten,
nach mehreren Richtungen gearbeitet hatte, auf die Mathematik ber.
Man hatte mir immer gesagt, sie sei die schwerste und herrlichste
Wissenschaft, sie sei die Grundlage zu allen brigen, in ihr sei alles
wahr, und was man aus ihr habe, sei ein bleibendes Besitztum fr das
ganze Leben. Ich kaufte mir die Bcher, die man mir riet, um von den
Vorkenntnissen, die ich bereits hatte, ausgehen und zu dem Hheren
immer weiter streben zu knnen. Ich kaufte mir eine sehr groe
Schiefertafel, um auf ihr meine Arbeiten ausfhren zu knnen. So sa
ich nun in manchen Stunden, die zum Erlernen von Kenntnissen bestimmt
waren, an meinem Tische und rechnete. Ich ging den Gngen der Mnner
nach, welche die Gestaltungen dieser Wissenschaft nach und nach
erfunden hatten und von diesen Gestaltungen zu immer weiteren gefhrt
worden waren. Ich setzte mir bestimmte Zeitrume fest, in welchen ich
vom Weitergehen ablie, um das bis dahin Errungene wiederholen und
meinem Gedchtnisse einprgen zu knnen, ehe ich zu ferneren Teilen
vorwrts schritt. Die Bcher, welche ich nach und nach durchnehmen
wollte, hatte ich in der Ordnung auf einem Bcherbrett aufgestellt.
Ich war nach einer verhltnismigen Zeit in ziemlich schwierige
Abteilungen des hheren Gebietes dieser Wissenschaft vorgerckt.


Der Vater erlaubte mir endlich, zuweilen im Sommer eine Zeit hindurch
entfernt von den Eltern auf irgend einem Punkte des Landes zu wohnen.
Zum ersten Aufenthalte dieser Art wurde das Landhaus eines Freundes
meines Vaters nicht gar ferne von der Stadt erwhlt. Ich erhielt ein
Zimmerchen in dem obersten Teile des Hauses, dessen Fenster auf die
nahen Weinberge und zwischen ihren Senkungen durch auf die entfernten
Gebirge gingen. Die Frau des Hauses gab mir in sehr kurzen
Zwischenzeiten immer erneuerte schneeweie Fenstervorhnge. Sehr oft
kamen die Eltern heraus, besuchten mich und brachten den Tag auf dem
Lande zu. Sehr oft ging ich auch zu ihnen in die Stadt und blieb
manchmal sogar ber Nacht in ihrem Hause.

Der zweite Aufenthalt im nchst darauf folgenden Sommer war viel
weiter von der Stadt entfernt in dem Hause eines Landmanns. Man hat
hufig in den Husern unserer Landleute, in welchen alle Wohnstuben
und andere Rumlichkeiten ebenerdig sind, doch noch ein Gescho ber
diesen Rumlichkeiten, in welchem sich ein oder mehrere Gemcher
befinden. Unter diesen Gemchern ist auch die sogenannte obere Stube.
Hufig ist sie blo das einzige Gemach des ersten Geschosses. Die
obere Stube ist gewissermaen das Prunkzimmer. In ihr stehen die
schneren Betten des Hauses, gewhnlich zwei, in ihr stehen die
Schreine mit den schnen Kleidern, in ihr hngen die Scheiben- und
Jagdgewehre des Mannes, wenn er dergleichen hat, so wie die Preise,
die er im Schieen etwa schon gewonnen, in ihr sind die schneren
Geschirre der Frau, besonders wenn sie Krge aus Zinn oder etwas aus
Porzellan hat, und in ihr sind auch die besseren Bilder des Hauses und
sonstige Zierden, zum Beispiel ein schnes Jesuskindlein aus Wachs,
welches in weiem feinem Flaume liegt. In einer solchen oberen Stube
des Hauses eines Landmanns wohnte ich. Das Haus war so weit von der
Stadt entfernt, da ich die Eltern nur ein einziges Mal mit Benutzung
des Postwagens besuchen konnte, sie aber gar nie zu mir kamen.

Dieser Aufenthalt brachte Vernderungen in mir hervor. Weil ich mit
den Meinigen nicht zusammen kommen konnte, so lebte die Sehnsucht nach
Mitteilung viel strker in mir, als wenn ich zu Hause gewesen wre und
sie jeden Augenblick htte befriedigen knnen. Ich schritt also zu
ausfhrlichen Briefen und Berichten. Ich hatte bisher immer aus
Bchern gelernt, deren ich mir bereits eine ziemliche Menge in meine
Bcherksten von meinem Gelde gekauft hatte; aber ich hatte mich nie
gebt, etwas selber in grerem Zusammenhange zusammen zu stellen.
Jetzt mute ich es tun, ich tat es gerne, und freute mich, nach
und nach die Gabe der Darstellung und Erzhlung in mir wachsen zu
fhlen. Ich schritt zu immer zusammengesetzteren und geordneteren
Schilderungen.


Auch eine andere Vernderung trat ein.

Ich war schon als Knabe ein groer Freund der Wirklichkeit der Dinge
gewesen, wie sie sich so in der Schpfung oder in dem geregelten
Gange des menschlichen Lebens darstellte. Dies war oft eine groe
Unannehmlichkeit fr meine Umgebung gewesen. Ich fragte unaufhrlich
um die Namen der Dinge, um ihr Herkommen und ihren Gebrauch und konnte
mich nicht beruhigen, wenn die Antwort eine hinausschiebende war. Auch
konnte ich es nicht leiden, wenn man einen Gegenstand zu etwas Anderem
machte, als er war. Besonders krnkte es mich, wenn er, wie ich
meinte, durch seine Vernderung schlechter wurde. Es machte mir
Kummer, als man einmal einen alten Baum des Gartens fllte und ihn in
lauter Kltze zerlegte. Die Kltze waren nun kein Baum mehr, und da
sie morsch waren, konnte man keinen Schemel, keinen Tisch, kein Kreuz,
kein Pferd daraus schnitzen. Als ich einmal das offene Land kennen
gelernt und Fichten und Tannen auf den Bergen stehen gesehen hatte,
taten mir jederzeit die Bretter leid, aus denen etwas in unserem Hause
verfertigt wurde, weil sie einmal solche Fichten und Tannen gewesen
waren. Ich fragte den Vater, wenn wir durch die Stadt gingen, wer die
groe Kirche des heiligen Stephan gebaut habe, warum sie nur einen
Turm habe, warum dieser so spitzig sei, warum die Kirche so schwarz
sei, wem dieses oder jenes Haus gehre, warum es so gro sei, weshalb
sich an einem andern Hause immer zwei Fenster neben einander befnden
und in einem weiteren Hause zwei steinerne Mnner das Sims des
Haustores tragen.

Der Vater beantwortete solche Fragen je nach seinem Wissen. Bei
einigen uerte er nur Mutmaungen, bei anderen sagte er, er wisse
es nicht. Wenn wir auf das Land kamen, wollte ich alle Gewchse und
Steine kennen und fragte um die Namen der Landleute und der Hunde. Der
Vater pflegte zu sagen, ich mte einmal ein Beschreiber der Dinge
werden oder ein Knstler, welcher aus Stoffen Gegenstnde fertigt,
an denen er so Anteil nimmt, oder wenigstens ein Gelehrter, der die
Merkmale und Beschaffenheiten der Sachen erforscht.

Diese Eigenschaft nun fhrte mich, da ich auf dem Lande wohnte, in
eine besondere Richtung. Ich legte die Mathematik weg und widmete
mich der Betrachtung meiner Umgebungen. Ich fing an, bei allen
Vorkommnissen des Hauses, in dem ich wohnte, zuzusehen. Ich lernte
nach und nach alle Werkzeuge und ihre Bestimmungen kennen. Ich ging
mit den Arbeitern auf die Felder, auf die Wiesen und in die Wlder
und arbeitete gelegentlich selber mit. Ich lernte in kurzer Zeit auf
diese Weise die Behandlung und Gewinnung aller Bodenerzeugnisse des
Landstriches, auf dem ich wohnte, kennen. Auch ihre erste lndliche
Verarbeitung zu Kunsterzeugnissen suchte ich in Erfahrung zu bringen.
Ich lernte die Bereitung des Weines aus Trauben kennen, des Garnes und
der Leinwand aus Flachs, der Butter und des Kses aus der Milch, des
Mehles und Brotes aus dem Getreide. Ich merkte mir die Namen, womit
die Landleute ihre Dinge benannten, und lernte bald die Merkmale
kennen, aus denen man die Gte oder den geringeren Wert der
Bodenerzeugnisse oder ihre nchsten Umwandlungen beurteilen konnte.
Selbst in Gesprche, wie man dieses oder jenes auf eine vielleicht
zweckmigere Weise hervorbringen knnte, lie ich mich ein, fand aber
da einen hartnckigen Widerstand.

Als ich diese Hervorbringung der ersten Erzeugnisse in jenem Striche
des Landes, in welchem ich mich aufhielt, kennen gelernt hatte, ging
ich zu den Gegenstnden des Gewerbfleies ber. Nicht weit von meiner
Wohnung war ein weites flaches Tal, das von einem Wasser durchstrmt
war, welches sich durch seine gleichbleibende Reichhaltigkeit und
dadurch, da es im Winter nicht leicht zufror, besonders zum Treiben
von Werken eignete. In dem Tale waren daher mehrere Fabriken
zerstreut. Sie gehrten meistens zu ansehnlichen Handelshusern. Die
Eigentmer lebten in der Stadt und besuchten zuweilen ihre Werke, die
von einem Verwalter oder Geschftsleiter versehen wurden.

Ich besuchte nach und nach alle diese Fabriken und unterrichtete mich
ber die Erzeugnisse, welche da hervorgebracht wurden. Ich suchte
den Hergang kennen zu lernen, durch welchen der Stoff in die Fabrik
geliefert wurde, durch welchen er in die erste Umwandlung, von dieser
in die zweite und so durch alle Stufen gefhrt wurde, bis er als
letztes Erzeugnis der Fabrik hervorging. Ich lernte hier die Gte der
einlangenden Rohstoffe kennen und wurde auf die Merkmale aufmerksam
gemacht, aus denen auf eine vorzgliche Beschaffenheit der endlich in
der Fabrik fertig gewordenen Erzeugnisse geschlossen werden konnte.
Ich lernte auch die Mittel und Wege kennen, durch welche die
Umwandlungen, die die Stoffe nach und nach zu erleiden hatten, bewirkt
wurden.

Die Maschinen, welche hiezu grtenteils verwendet wurden, waren mir
durch meine bereits erworbenen Vorkenntnisse in ihren allgemeinen
Einrichtungen schon bekannt. Es war mir daher nicht schwer, ihre
besonderen Wirkungen zu den einzelnen Zwecken, die hier erreicht
werden sollten, einsehen zu lernen. Ich ging durch die Geflligkeit
der dabei Angestellten alle Teile durch, bis ich das Ganze so vor mir
hatte und zusammen begreifen konnte, als htte ich es als Zeichnung
auf dem Papier liegen, wie ich ja bisher alle Einrichtungen solcher
Art nur aus Zeichnungen kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

In spterer Zeit begann ich, die Naturgeschichte zu betreiben. Ich
fing bei der Pflanzenkunde an. Ich suchte zuerst zu ergrnden, welche
Pflanzen sich in der Gegend befnden, in welcher ich mich aufhielt. Zu
diesem Zwecke ging ich nach allen Richtungen aus und bestrebte mich,
die Standorte und die Lebensweise der verschiedenen Gewchse kennen zu
lernen und alle Gattungen zu sammeln. Welche ich mit mir tragen konnte
und welche nur einiger Maen aufzubewahren waren, nahm ich mit in
meine Wohnung. Von solchen, die ich nicht von dem Orte bringen konnte,
wozu besonders die Bume gehrten, machte ich mir Beschreibungen,
welche ich zu der Sammlung einlegte. Bei diesen Beschreibungen, die
ich immer nach allen sich mir darbietenden Eigenschaften der Pflanzen
machte, zeigte sich mir die Erfahrung, da nach meiner Beschreibung
andere Pflanzen in eine Gruppe zusammen gehrten, als welche von den
Pflanzenkundigen als zusammengehrig aufgefhrt wurden. Ich bemerkte,
da von den Pflanzenlehrern die Einteilungen der Pflanzen nur nach
einem oder einigen Merkmalen, zum Beispiele nach den Samenblttern
oder nach den Bltenteilen, gemacht wurden, und da da Pflanzen in
einer Gruppe beisammen stehen, welche in ihrer ganzen Gestalt und
in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind. Ich behielt
die herkmmlichen Einteilungen bei und hatte aber auch meine
Beschreibungen daneben. In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen
nach sinnflligen Linien und, wenn ich mich so ausdrcken drfte, nach
ihrer Baufhrung beisammen.

Bei den Mineralien, welche ich mir sammelte, geriet ich beinahe in
dieselbe Lage. Ich hatte mir schon seit meiner Kinderzeit manche
Stcke zu erwerben gesucht. Fast immer waren dieselben aus
anderen Sammlungen gekauft oder geschenkt worden. Sie waren schon
Sammlungsstcke, hatten meistens das Papierstckchen mit ihrem Namen
auf sich aufgeklebt.

Auch waren sie womglich immer im Kristallzustande. Das System von
Mohs hatte einmal groes Aufsehen gemacht; ich war durch meine
mathematischen Arbeiten darauf gefhrt worden, hatte es kennen und
lieben gelernt. Allein da ich jetzt meine Mineralien in der Gegend
meines Aufenthaltes suchte und zusammen trug, fand ich sie weit fter
in unkristallisirtem Zustande als in kristallisirtem, und sie zeigten
da allerlei Eigenschaften fr die Sinne, die sie dort nicht haben. Das
Kristallisiren der Stoffe, welches das System von Mohs voraussetzt,
kam mir wieder wie ein Blhen vor, und die Stoffe standen nach
diesen Blten beisammen. Ich konnte nicht lassen, auch hier neben
den Einteilungen, die gebruchlich waren, mir ebenfalls meine
Beschreibungen zu machen.


Ungefhr eine Meile von unserer Stadt liegt gegen Sonnenuntergang hin
eine Reihe von schnen Hgeln. Diese Hgel setzen sich in Stufenfolgen
und nur hie und da von etwas greren Ebenen unterbrochen immer weiter
nach Sonnenuntergang fort, bis sie endlich in hher gelegenes, noch
hgligeres Land, das sogenannte Oberland, bergehen. In der Nhe der
Stadt sind die Hgel mehrfach von Landhusern besetzt und mit Grten
und Anlagen geschmckt, in weiterer Entfernung werden sie lndlicher.
Sie tragen Weinreben oder Felder auf ihren Seiten, auch Wiesen sind
zu treffen, und die Gipfel oder auch manche Rckenstrecken sind mit
laubigen, mehr busch- als baumartigen Wldern besetzt. Die Bche und
sonstigen Gewsser sind nicht gar hufig, und oft traf ich im Sommer
zwischen den Hgeln, wenn mich Durst oder Zufall hinab fhrte, das
ausgetrocknete, mit weien Steinen gefllte Bett eines Baches. In
diesem Hgellande war mein Aufenthalt, und in demselben rckte ich
immer weiter gegen Sonnenuntergang vor. Ich streifte weit und breit
herum und war oft mehrere Tage von meiner Wohnung abwesend. Ich ging
die einsamen Pfade, welche zwischen den Feldern oder Weingelnden
hinliefen und sich von Dorf zu Dorf, von Ort zu Ort zogen und manche
Meilen, ja Tagereisen in sich begriffen. Ich ging auf den abgelegenen
Waldpfaden, die in Stammholz oder Gebschen verborgen waren und
nicht selten im Laubwerk, Gras oder Gestrippe spurlos endeten.
Ich durchwanderte oft auch ohne Pfad Wiesen, Wald und sonstige
Landflchen, um die Gegenstnde zu finden, welche ich suchte. Da
wenige von unseren Stadtbewohnern auf solche Wege kommen, ist
begreiflich, da sie nur kurze Zeit zu dem Genusse des Landlebens sich
gnnen knnen und in derselben auf den breiten herkmmlichen Straen
des Landvergngens bleiben und von anderen Pfaden nichts wissen.
An der Mittagseite war das ganze Hgelland viele Meilen lang von
Hochgebirge gesumt. Auf einer Stelle der Basteien unserer Stadt kann
man zwischen Husern und Bumen ein Fleckchen Blau von diesem Gebirge
sehen. Ich ging oft auf jene Bastei, sah oft dieses kleine blaue
Fleckchen und dachte nichts weiter als: das ist das Gebirge. Selbst
da ich von dem Hause meines ersten Sommeraufenthaltes einen Teil des
Hochgebirges erblickte, achtete ich nicht weiter darauf. Jetzt sah
ich zuweilen mit Vergngen von einer Anhhe oder von dem Gipfel eines
Hgels ganze Strecken der blauen Kette, welche in immer undeutlicheren
Gliedern ferner und ferner dahin lief. Oft, wenn ich durch wildes
Gestrippe pltzlich auf einen freien Abri kam und mir die Abendrte
entgegen schlug, weithin das Land in Duft und roten Rauch legend, so
setzte ich mich nieder, lie das Feuerwerk vor mir verglimmen, und es
kamen allerlei Gefhle in mein Herz.

Wenn ich wieder in das Haus der Meinigen zurckkehrte, wurde ich
recht freudig empfangen, und die Mutter gewhnte sich an meine
Abwesenheiten, da ich stets gereifter von ihnen zurck kam. Sie und
die Schwester halfen mir nicht selten, die Sachen, die ich mitbrachte,
aus ihren Behltnissen auspacken, damit ich sie in den Rumen, die
hiezu bestimmt waren, ordnen konnte.

So war endlich die Zeit gekommen, in welcher es der Vater fr geraten
fand, mir die ganze Rente der Erbschaft des Grooheims zu freier
Verfgung zu bertragen. Er sagte, ich knne mit diesem Einkommen
verfahren, wie es mir beliebe, nur mte ich damit ausreichen. Er
werde mir auf keine Weise aus dem Seinigen etwas beitragen, noch mir
je Vorschsse machen, da meine Jahreseinnahme so reichlich sei, da
sie meine jetzigen Bedrfnisse, selbst wenn sie noch um Vieles grer
wrden, nicht nur hinlnglich decke, sondern da sie selbst auch
manche Vergngungen bestreiten knne, und da doch noch etwas brig
bleiben drfte. Es liege somit in meiner Hand, fr die Zukunft, die
etwa grere Ausgaben bringen knnte, mir auch eine grere Einnahme
zu sichern. Meine Wohnung und meinen Tisch drfe ich nicht mehr, wenn
ich nicht wolle, in dem Hause der Eltern nehmen, sondern wo ich immer
wollte. Das Stammvermgen selber werde er an dem Orte, an welchem
es sich bisher befand, liegen lassen. Er fgte bei, er werde mir
dasselbe, sobald ich das vierundzwanzigste Jahr erreicht habe,
einhndigen. Dann knne ich es nach meinem eigenen Ermessen verwalten.
Ich rate dir aber, fuhr er fort, dann nicht nach einer greren
Rente zu geizen, weil eine solche meistens nur mit einer greren
Unsicherheit des Stammvermgens zu erzielen ist. Sei immer deines
Grundvermgens sicher und mache die dadurch entstehende kleinere Rente
durch Migkeit grer. Solltest du den Rat deines Vaters einholen
wollen, so wird dir derselbe nie entzogen werden. Wenn ich sterbe oder
freiwillig aus den Geschften zurck trete, so werdet ihr beide auch
noch von mir eine Vermehrung eures Eigentums erhalten. Wie gro
dieselbe sein wird, kann ich noch nicht sagen, ich bemhe mich, durch
Vorsicht und durch gut gegrndete Geschftsfhrung sie so gro als
mglich und auch so sicher als mglich zu machen; aber alle stehen
wir in der Hand des Herrn, und er kann durch Ereignisse, welche kein
Menschenauge vorher sehen kann, meine Vermgensumstnde bedeutend
verndern. Darum sei weise und gebare mit dem Deinigen, wie du bisher
zu meiner und zur Befriedigung deiner Mutter getan hast. Ich war
gerhrt ber die Handlungsweise meines Vaters und dankte ihm von
ganzem Herzen. Ich sagte, da ich mich stets bestreben werde, seinem
Vertrauen zu entsprechen, da ich ihn instndig um seinen Rat bitte,
und da ich in Vermgensangelegenheiten wie in anderen nie gegen ihn
handeln, und da ich auch nicht den kleinsten Schritt tun wolle,
ohne nach diesem Rat zu verlangen. Eine Wohnung auer dem Hause
zu beziehen, solange ich in unserer Stadt lebe, wre mir sehr
schmerzlich, und ich bitte, in dem Hause meiner Eltern und an ihrem
Tische bleiben zu drfen, solange Gott nicht selber durch irgend eine
Schickung eine nderung herbei fhre.

Der Vater und die Mutter waren ber diese Worte erfreut. Die Mutter
sagte, da sie mir zu meiner bisherigen Wohnung, die mir doch als
einem nunmehr selbstndigen Manne besonders bei meinen jetzigen
Verhltnissen zu klein werden drfte, noch einige Rumlichkeiten
zugeben wolle, ohne da darum der Preis unverhltnismig wachse. Ich
war natrlicher Weise mit Allem einverstanden. Ich mute gleich mit
der Mutter gehen und die mir zugedachte Vergrerung der Wohnung
besehen. Ich dankte ihr fr ihre Sorgfalt. Schon in den nchsten Tagen
richtete ich mich in der neuen Wohnung ein.

Den Winter benutzte ich zum Teile mit Vorbereitungen, um im nchsten
Sommer wieder groe Wanderungen machen zu knnen. Ich hatte mir
vorgenommen, nun endlich einmal das Hochgebirge zu besuchen, und in
ihm so weit herum zu gehen, als es mir zusagen wrde.


Als der Sommer gekommen war, fuhr ich von der Stadt auf dem krzesten
Wege in das Gebirge. Von dem Orte meiner Ankunft aus wollte ich dann
in ihm lngs seiner Richtung von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang zu
Fue fort wandern. Ich begab mich sofort auf meinen Weg. Ich ging den
Tlern entlang, selbst wenn sie von meiner Richtung abwichen und
allerlei Windungen verfolgten. Ich suchte nach solchen Abschweifungen
immer meinen Hauptweg wieder zu gewinnen. Ich stieg auch auf Bergjoche
und ging auf der entgegengesetzten Seite wieder in das Tal hinab.

Ich erklomm manchen Gipfel und suchte von ihm die Gegend zu sehen und
auch schon die Richtung zu ersphen, in welcher ich in nchster Zeit
vordringen wrde. Im Ganzen hielt ich mich stets, soweit es anging,
nach dem Hauptzuge des Gebirges und wich von der Wasserscheide so
wenig als mglich ab.

In einem Tale an einem sehr klaren Wasser sah ich einmal einen toten
Hirsch. Er war gejagt worden, eine Kugel hatte seine Seite getroffen,
und er mochte das frische Wasser gesucht haben, um seinen Schmerz zu
khlen. Er war aber an dem Wasser gestorben. Jetzt lag er an demselben
so, da sein Haupt in den Sand gebettet war und seine Vorderfe in
die reine Flut ragten. Ringsum war kein lebendiges Wesen zu sehen. Das
Tier gefiel mir so, da ich seine Schnheit bewunderte und mit ihm
groes Mitleid empfand. Sein Auge war noch kaum gebrochen, es glnzte
noch in einem schmerzlichen Glanze, und dasselbe, so wie das Antlitz,
das mir fast sprechend erschien, war gleichsam ein Vorwurf gegen seine
Mrder. Ich griff den Hirsch an, er war noch nicht kalt. Als ich
eine Weile bei dem toten Tiere gestanden war, hrte ich Laute in den
Wldern des Gebirges, die wie Jauchzen und wie Heulen von Hunden
klangen. Diese Laute kamen nher, waren deutlich zu erkennen, und
bald sprang ein Paar schner Hunde ber den Bach, denen noch einige
folgten. Sie nherten sich mir. Als sie aber den fremden Mann bei
dem Wilde sahen, blieben einige in der Entfernung stehen und bellten
heftig gegen mich, whrend andere heulend weite Kreise um mich
zogen, in ihnen dahin flogen und in Eilfertigkeit sich an Steinen
berschlugen und berstrzten. Nach geraumer Zeit kamen auch Mnner
mit Schiegewehren. Als sich diese dem Hirsche genhert hatten und
neben mir standen, kamen auch die Hunde herzu, hatten vor mir keine
Scheu mehr, beschnupperten mich und bewegten sich und zitterten um das
Wild herum. Ich entfernte mich, nachdem die Jger auf dem Schauplatze
erschienen waren, sehr bald von ihm.

Bisher hatte ich keine Tiere zu meinen Bestrebungen in der
Naturgeschichte aufgesucht, obwohl ich die Beschreibungen derselben
eifrig gelesen und gelernt hatte. Diese Vernachlssigung der
leiblichen wirklichen Gestalt war bei mir so weit gegangen, da ich,
selbst da ich einen Teil des Sommers schon auf dem Lande zubrachte,
noch immer die Merkmale von Ziegen, Schafen, Khen aus meinen
Abbildungen nicht nach den Gestalten suchte, die vor mir wandelten.

Ich schlug jetzt einen andern Weg ein. Der Hirsch, den ich gesehen
hatte, schwebte mir immer vor den Augen. Er war ein edler gefallner
Held und war ein reines Wesen. Auch die Hunde, seine Feinde,
erschienen mir berechtigt wie in ihrem Berufe. Die schlanken
springenden und gleichsam geschnellten Gestalten blieben mir ebenfalls
vor den Augen. Nur die Menschen, welche das Tier geschossen hatten,
waren mir widerwrtig, da sie daraus gleichsam ein Fest gemacht
hatten. Ich fing von der Stunde an, Tiere so aufzusuchen und zu
betrachten, wie ich bisher Steine und Pflanzen aufgesucht und
betrachtet hatte. Sowohl jetzt, da ich noch in dem Gebirge war, als
auch spter zu Hause und bei meinen weiteren Wanderungen betrachtete
ich Tiere und suchte ihre wesentlichen Merkmale sowohl an ihrem Leibe
als auch an ihrer Lebensart und Bestimmung zu ergrnden. Ich schrieb
das, was ich gesehen hatte, auf und verglich es mit den Beschreibungen
und Einteilungen, die ich in meinen Bchern fand. Da geschah es
wieder, da ich mit diesen Bchern in Zwiespalt geriet, weil es meinen
Augen widerstrebte, Tiere nach Zehen oder anderen Dingen in einer
Abteilung beisammen zu sehen, die in ihrem Baue nach meiner Meinung
ganz verschieden waren. Ich stellte daher nicht wissenschaftlich, aber
zu meinem Gebrauche eine andere Einteilung zusammen.

Einen besonderen Zweck, den ich bei dem Besuche des Gebirges befolgen
wollte, hatte ich dieses erste Mal nicht, auer was sich zufllig
fand. Ich war nur im Allgemeinen in das Gebirge gegangen, um es zu
sehen. Als daher dieser erste Drang etwas gesttigt war, begab ich
mich auf dem nchsten Wege in das flache Land hinaus und fuhr auf
diesem wieder nach Hause.

Allein der kommende Sommer lockte mich abermals in das Gebirge. Hatte
ich das erste Mal nur im Allgemeinen geschaut, und waren die Eindrcke
wirkend auf mich heran gekommen, so ging ich jetzt schon mehr in das
Einzelne, ich war meiner schon mehr Herr und richtete die Betrachtung
auf besondere Dinge. Viele von ihnen drngten sich an meine Seele.
Ich sa auf einem Steine und sah die breiten Schattenflchen und die
scharfen, oft gleichsam mit einem Messer in sie geschnittenen Lichter.
Ich dachte nach, weshalb die Schatten hier so blau seien und die
Lichter so krftig und das Grn so feurig und die Wsser so blitzend.
Mir fielen die Bilder meines Vaters ein, auf denen Berge gemalt waren,
und mir wurde es, als htte ich sie mitnehmen sollen, um vergleichen
zu knnen. Ich blieb in kleinen Ortschaften zuweilen lnger und
betrachtete die Menschen, ihr tgliches Gewerbe, ihr Fhlen, ihr
Reden, Denken und Singen. Ich lernte die Zither kennen, betrachtete
sie, untersuchte sie und hrte auf ihr spielen und zu ihr singen. Sie
erschien mir als ein Gegenstand, der nur allein in die Berge gehrt
und mit den Bergen Eins ist. Die Wolken, ihre Bildung, ihr Anhngen
an die Bergwnde, ihr Suchen der Bergspitzen so wie die Verhltnisse
des Nebels und seine Neigung zu den Bergen waren mir wunderbare
Erscheinungen.

Ich bestieg in diesem Sommer auch einige hohe Stellen, ich lie mich
von den Fhrern nicht blo auf das Eis der Gletscher geleiten, welches
mich sehr anregte und zur Betrachtung aufforderte, sondern bestieg
auch mit ihrer Hilfe die hchsten Zinnen der Berge. Ich sah die
berreste einer alten, untergegangenen Welt in den Marmoren, die in
dem Gebirge vorkommen und die man in manchen Tlern zu schleifen
versteht. Ich suchte besondere Arten aufzufinden und sendete sie nach
Hause. Den schnen Enzian hatte ich im frheren Sommer schon der
Schwester in meinen Pflanzenbchern gebracht, jetzt brachte ich ihr
auch Alpenrosen und Edelwei. Von der Zirbelkiefer und dem Knieholze
nahm ich die zierlichen Frchte. So verging die Zeit, und so kam ich
bereichert nach Hause.

Ich ging von nun an jeden Sommer in das Gebirge.

Wenn ich von den Zimmern meiner Wohnung in dem Hause meiner Eltern
nach einem dort verbrachten Winter gegen den Himmel blickte und nicht
mehr so oft an demselben die grauen Wolken und den Nebel sah, sondern
fter schon die blauen und heiteren Lfte, wenn diese durch ihre Farbe
schon gleichsam ihre grere Weichheit ankndigten, wenn auf den
Mauern und Schornsteinen und Ziegeldchern, die ich nach vielen
Richtungen bersehen konnte, schon immer krftigere Tafeln von
Sonnenschein lagen, kein Schnee sich mehr blicken lie und an den
Bumen unseres Gartens die Knospen schwollen: so mahnte es mich
bereits in das Freie. Um diesem Drange nur vorlufig zu gengen, ging
ich gerne aus der Stadt und erquickte mich an der offenen Weite der
Wiesen, der Felder, der Weinberge. Wenn aber die Bume blhten und das
erste Laub sich entwickelte, ging ich schon dem Blau der Berge zu,
wenngleich ihre Wnde noch von mannigfaltigem Schnee erglnzten. Ich
erwhlte mir nach und nach verschiedene Gegenden, an denen ich mich
aufhielt, um sie genau kennen zu lernen und zu genieen.

Mein Vater hatte gegen diese Reisen nichts, auch war er mit der
Art, wie ich mit meinem Einkommen gebarte, sehr zufrieden. Es
blieb nehmlich in jedem Jahre ein Erkleckliches ber, was zu dem
Grundvermgen getan werden konnte. Ich sprte desohngeachtet in meiner
Lebensweise keinen Abgang. Ich strebte nach Dingen, die meine Freude
waren und wenig kosteten, weit weniger als die Vergngungen, denen
meine Bekannten sich hingaben. Ich hatte in Kleidern, Speise und Trank
die grte Einfachheit, weil es meiner Natur so zusagte, weil wir
zur Migkeit erzogen waren und weil diese Gegenstnde, wenn ich
ihnen groe Aufmerksamkeit htte schenken sollen, mich von meinen
Lieblingsbestrebungen abgelenkt htten. So ging alles gut, Vater und
Mutter freuten sich ber meine Ordnung, und ich freute mich ber ihre
Freude.


Da verfiel ich eines Tages auf das Zeichnen. Ich knnte mir ja meine
Naturgegenstnde, dachte ich, eben so gut zeichnen als beschreiben,
und die Zeichnung sei am Ende noch sogar besser als die Beschreibung.
Ich erstaunte, weshalb ich denn nicht sogleich auf den Gedanken
geraten sei. Ich hatte wohl frher immer gezeichnet, aber mit
mathematischen Linien, welche nach Rechnungsgesetzen entstanden,
Flchen und Krper in der Mekunst darstellten und mit Zirkel und
Richtscheit gemacht worden waren. Ich wute wohl recht gut, da man
mit Linien alle mglichen Krper darstellen knne, und hatte es an den
Bildern meines Vaters vollfhrt gesehen: aber ich hatte nicht weiter
darber gedacht, da ich in einer andern Richtung beschftigt war. Es
mute diese Vernachlssigung von einer Eigenschaft in mir herrhren,
die ich in einem hohen Grade besa und die man mir zum Vorwurfe
machte. Wenn ich nehmlich mit einem Gegenstande eifrig beschftigt
war, so verga ich darber manchen andern, der vielleicht grere
Bedeutung hatte. Sie sagten, das sei einseitig, ja es sei sogar Mangel
an Gefhl.

Ich fing mein Zeichnen mit Pflanzen an, mit Blttern, mit Stielen,
mit Zweigen. Es war Anfangs die hnlichkeit nicht sehr gro, und die
Vollkommenheit der Zeichnung lie viel zu wnschen brig, wie ich
spter erkannte. Aber es wurde immer besser, da ich eifrig war und vom
Versuchen nicht ablie. Die frher in meine Pflanzenbcher eingelegten
Pflanzen, wie sorgsam sie auch vorbereitet waren, verloren nach und
nach nicht blo die Farbe, sondern auch die Gestalt, und erinnerten
nicht mehr entfernt an ihre ursprngliche Beschaffenheit.

Die gezeichneten Pflanzen dagegen bewahrten wenigstens die
Gestalt, nicht zu gedenken, da es Pflanzen gibt, die wegen ihrer
Beschaffenheit, und selbst solche, die wegen ihrer Gre in ein
Pflanzenbuch nicht gelegt werden knnen, wie zum Beispiele Pilze oder
Bume. Diese konnten in einer Zeichnung sehr wohl aufbewahrt werden.
Die bloen Zeichnungen aber gengten mir nach und nach auch nicht
mehr, weil die Farbe fehlte, die bei den Pflanzen, besonders bei den
Blten, eine Hauptsache ist. Ich begann daher, meine Abbildungen mit
Farben zu versehen und nicht eher zu ruhen, als bis die hnlichkeit
mit den Urbildern erschien und immer grer zu werden versprach.

Nach den Pflanzen nahm ich auch andere Gegenstnde vor, deren Farbe
etwas Auffallendes und Faliches hatte. Ich geriet auf die Falter und
suchte mehrere nachzubilden. Die Farben von minder hervorragenden
Gegenstnden, die zwar unscheinbar, aber doch bedeutsam sind, wie die
der Gesteine im unkristallischen Zustande, kamen spter an die Reihe,
und ich lernte ihre Reize nach und nach wrdigen.

Da ich nun einmal zeichnete und die Dinge deshalb doch viel genauer
betrachten mute, und da das Zeichnen und meine jetzige Bestrebungen
mich doch nicht ganz ausfllten, kam ich auch noch auf eine andere,
viel weiter gehende Richtung.

Ich habe schon gesagt, da ich gerne auf hohe Berge stieg und von
ihnen aus die Gegenden betrachtete. Da stellten sich nun dem gebteren
Auge die bildsamen Gestalten der Erde in viel eindringlicheren
Merkmalen dar und faten sich bersichtlicher in groen Teilen
zusammen. Da ffnete sich dem Gemte und der Seele der Reiz des
Entstehens dieser Gebilde, ihrer Falten und ihrer Erhebungen,
ihres Dahinstreichens und Abweichens von einer Richtung, ihres
Zusammenstrebens gegen einen Hauptpunkt und ihrer Zerstreuungen in die
Flche. Es kam ein altes Bild, das ich einmal in einem Buche gelesen
und wieder vergessen hatte, in meine Erinnerung. Wenn das Wasser in
unendlich kleinen Trpfchen, die kaum durch ein Vergrerungsglas
ersichtlich sind, aus dem Dunste der Luft sich auf die Tafeln unserer
Fenster absetzt, und die Klte dazu kmmt, die ntig ist, so entsteht
die Decke von Fden, Sternen, Wedeln, Palmen und Blumen, die wir
gefrorene Fenster heien. Alle diese Dinge stellen sich zu einem
Ganzen zusammen, und die Strahlen, die Tler, die Rcken, die
Knoten des Eises sind durch ein Vergrerungsglas angesehen
bewunderungswrdig. Eben so stellt sich von sehr hohen Bergen aus
gesehen die niedriger liegende Gestaltung der Erde dar. Sie mu aus
einem erstarrenden Stoffe entstanden sein und streckt ihre Fcher
und Palmen in groartigem Mastabe aus. Der Berg selber, auf dem ich
stehe, ist der weie, helle und sehr glnzende Punkt, den wir in
der Mitte der zarten Gewebe unserer gefrorenen Fenster sehen. Die
Palmenrnder der gefrorenen Fenstertafeln werden durch Abbrcklung
wegen des Luftzuges oder durch Schmelzung wegen der Wrme lckenhaft
und unterbrochen. An den Gebirgszgen geschehen Zerstrungen durch
Verwitterung in Folge des Einflusses des Wassers, der Luft, der
Wrme und der Klte. Nur braucht die Zerstrung der Eisnadeln an den
Fenstern krzere Zeit als der Nadeln der Gebirge. Die Betrachtung der
unter mir liegenden Erde, der ich oft mehrere Stunden widmete, erhob
mein Herz zu hherer Bewegung, und es erschien mir als ein wrdiges
Bestreben, ja als ein Bestreben, zu dem alle meine bisherigen
Bemhungen nur Vorarbeiten gewesen waren, dem Entstehen dieser
Erdoberflche nachzuspren und durch Sammlung vieler kleiner Tatsachen
an den verschiedensten Stellen sich in das groe und erhabene Ganze
auszubreiten, das sich unsern Blicken darstellt, wenn wir von
Hochpunkt zu Hochpunkt auf unserer Erde reisen und sie endlich alle
erfllt haben und keine Bildung dem Auge mehr zu untersuchen bleibt
als die Weite und die Wlbung des Meeres.

Ich begann, durch diese Gefhle und Betrachtungen angeregt, gleichsam
als Schlustein oder Zusammenfassung aller meiner bisherigen Arbeiten
die Wissenschaft der Bildung der Erdoberflche und dadurch vielleicht
der Bildung der Erde selber zu betreiben. Nebstdem, da ich
gelegentlich von hohen Stellen aus die Gestaltung der Erdoberflche
genau zeichnete, gleichsam als wre sie durch einen Spiegel gesehen
worden, schaffte ich mir die vorzglichsten Werke an, welche ber
diese Wissenschaft handeln, machte mich mit den Vorrichtungen, die man
braucht, bekannt, so wie mit der Art ihrer Bentzung.

Ich betrieb nun diesen Gegenstand mit fortgesetztem Eifer und mit
einer strengen Ordnung.

Dabei lernte ich auch nach und nach den Himmel kennen, die Gestaltung
seiner Erscheinungen und die Verhltnisse seines Wetters.

Meine Besuche der Berge hatten nun fast ausschlielich diesen Zweck zu
ihrem Inhalte.



Die Einkehr

Eines Tages ging ich von dem Hochgebirge gegen das Hgelland hinaus.
Ich wollte nehmlich von einem Gebirgszuge in einen andern bersiedeln
und meinen Weg dahin durch einen Teil des offenen Landes nehmen.
Jedermann kennt die Vorberge, mit welchen das Hochgebirge gleichsam
wie mit einem bergange gegen das flachere Land ausluft. Mit Laub-
oder Nadelwald bedeckt ziehen sie in angenehmer Frbung dahin, lassen
hie und da das blaue Haupt eines Hochberges ber sich sehen, sind hie
und da von einer leuchtenden Wiese unterbrochen, fhren alle Wsser,
die das Gebirge liefert und die gegen das Land hinaus gehen, zwischen
sich, zeigen manches Gebude und manches Kirchlein und strecken sich
nach allen Richtungen, in denen das Gebirge sich abniedert, gegen die
bebauteren und bewohnteren Teile hinaus.

Als ich von dem Hange dieser Berge herab ging und eine freiere
Umsicht gewann, erblickte ich gegen Untergang hin die sanften Wolken
eines Gewitters, das sich sachte zu bilden begann und den Himmel
umschleierte. Ich schritt rstig fort und beobachtete das Zunehmen und
Wachsen der Bewlkung. Als ich ziemlich weit hinaus gekommen war und
mich in einem Teile des Landes befand, wo sanfte Hgel mit migen
Flchen wechseln, Meierhfe zerstreut sind, der Obstbau gleichsam in
Wldern sich durch das Land zieht, zwischen dem dunkeln Laube die
Kirchtrme schimmern, in den Talfurchen die Bche rauschen und berall
wegen der greren Weitung, die das Land gibt, das blaue, gezackte
Band der Hochgebirge zu erblicken ist, mute ich auf eine Einkehr
denken; denn das Dorf, in welchem ich Rast halten wollte, war kaum
mehr zu erreichen. Das Gewitter war so weit gediehen, da es in einer
Stunde und bei begnstigenden Umstnden wohl noch frher ausbrechen
konnte.

Vor mir hatte ich das Dorf Rohrberg, dessen Kirchturm von der Sonne
scharf beschienen ber Kirschen- und Weidenbumen hervor sah. Es lag
nur ganz wenig abseits von der Strae. Nher waren zwei Meierhfe,
deren jeder in einer migen Entfernung von der Strae in Wiesen und
Feldern prangte. Auch war ein Haus auf einem Hgel, das weder ein
Bauerhaus noch irgend ein Wirtschaftsgebude eines Brgers zu sein
schien, sondern eher dem Landhause eines Stdters glich. Ich hatte
schon frher wiederholt, wenn ich durch die Gegend kam, das Haus
betrachtet, aber ich hatte mich nie nher um dasselbe bekmmert. Jetzt
fiel es mir um so mehr auf, weil es der nchste Unterkunftsplatz von
meinem Standorte aus war und weil es mehr Bequemlichkeit als die
Meierhfe zu geben versprach. Dazu gesellte sich ein eigentmlicher
Reiz. Es war, da schon ein groer Teil des Landes, mit Ausnahme des
Rohrberger Kirchturmes, im Schatten lag, noch hell beleuchtet und sah
mit einladendem schimmerndem Wei in das Grau und Blau der Landschaft
hinaus.

Ich beschlo also, in diesem Hause eine Unterkunft zu suchen.

Ich forschte dem zu Folge nach einem Wege, der von der Strae auf
den Hgel des Hauses hinauffhren sollte. Nach meiner Kenntnis des
Landesgebrauches war es mir nicht schwer, den mit einem Zaune und
mit Gebsch besumten Weg, der von der Landstrae ab hinauf ging,
zu finden. Ich schritt auf demselben empor und kam, wie ich richtig
vermutet hatte, vor das Haus. Es war noch immer von der Sonne hell
beschienen. Allein da ich nher vor dasselbe trat, hatte ich einen
bewunderungswrdigen Anblick. Das Haus war ber und ber mit Rosen
bedeckt, und wie es in jenem fruchtbaren hgligen Lande ist, da,
wenn einmal etwas blht, gleich alles mit einander blht, so war es
auch hier: die Rosen schienen sich das Wort gegeben zu haben, alle
zur selben Zeit aufzubrechen, um das Haus in einen berwurf der
reizendsten Farbe und in eine Wolke der sesten Gerche zu hllen.

Wenn ich sage, das Haus sei ber und ber mit Rosen bedeckt gewesen,
so ist das nicht so wortgetreu zu nehmen. Das Haus hatte zwei ziemlich
hohe Geschosse.

Die Wand des Erdgeschosses war bis zu den Fenstern des oberen
Geschosses mit den Rosen bedeckt. Der brige Teil bis zu dem Dache war
frei, und er war das leuchtende weie Band, welches in die Landschaft
hinaus geschaut und mich gewissermaen herauf gelockt hatte. Die Rosen
waren an einem Gitterwerke, das sich vor der Wand des Hauses befand,
befestigt. Sie bestanden aus lauter Bumchen. Es waren winzige
darunter, deren Bltter gleich ber der Erde begannen, dann hhere,
deren Stmmchen ber die ersten empor ragten, und so fort, bis die
letzten mit ihren Zweigen in die Fenster des oberen Geschosses hinein
sahen. Die Pflanzen waren so verteilt und gehegt, da nirgends eine
Lcke entstand und da die Wand des Hauses, soweit sie reichten,
vollkommen von ihnen bedeckt war.

Ich hatte eine Vorrichtung dieser Art in einem so groen Mastabe noch
nie gesehen.

Es waren zudem fast alle Rosengattungen da, die ich kannte, und
einige, die ich noch nicht kannte. Die Farben gingen von dem reinen
Wei der weien Rosen durch das gelbliche und rtliche Wei der
bergangsrosen in das zarte Rot und in den Purpur und in das bluliche
und schwrzliche Rot der roten Rosen ber. Die Gestalten und der Bau
wechselten in eben demselben Mae. Die Pflanzen waren nicht etwa nach
Farben eingeteilt, sondern die Rcksicht der Anpflanzung schien nur
die zu sein, da in der Rosenwand keine Unterbrechung statt finden
mge. Die Farben blhten daher in einem Gemische durch einander.

Auch das Grn der Bltter fiel mir auf. Es war sehr rein gehalten, und
kein bei Rosen fter als bei andern Pflanzen vorkommender belstand
der grnen Bltter und keine der hufigen Krankheiten kam mir zu
Gesichte. Kein verdorrtes oder durch Raupen zerfressenes oder durch
ihr Spinnen verkrmmtes Blatt war zu erblicken. Selbst das bei Rosen
so gerne sich einnistende Ungeziefer fehlte. Ganz entwickelt und
in ihren verschiedenen Abstufungen des Grns prangend standen die
Bltter hervor. Sie gaben mit den Farben der Blumen gemischt einen
wunderlichen berzug des Hauses. Die Sonne, die noch immer gleichsam
einzig auf dieses Haus schien, gab den Rosen und den grnen Blttern
derselben gleichsam goldene und feurige Farben.


Nachdem ich eine Weile mein Vorhaben vergessend vor diesen Blumen
gestanden war, ermahnte ich mich und dachte an das Weitere. Ich sah
mich nach einem Eingange des Hauses um. Allein ich erblickte keinen.
Die ganze ziemlich lange Wand desselben hatte keine Tr und kein Tor.
Auch durch keinen Weg war der Eingang zu dem Hause bemerkbar gemacht;
denn der ganze Platz vor demselben war ein reiner, durch den Rechen
wohlgeordneter Sandplatz. Derselbe schnitt sich durch ein Rasenband
und eine Hecke von den angrenzenden, hinter meinem Rcken liegenden
Feldern ab. Zu beiden Seiten des Hauses in der Richtung seiner
Lnge setzten sich Grten fort, die durch ein hohes, eisernes, grn
angestrichenes Gitter von dem Sandplatze getrennt waren. In diesen
Gittern mute also der Eingang sein.

Und so war es auch.

In dem Gitter, welches dem den Hgel heranfhrenden Wege zunchst
lag, entdeckte ich die Tr oder eigentlich zwei Flgel einer Tr, die
dem Gitter so eingefgt waren, da sie von demselben bei dem ersten
Anblicke nicht unterschieden werden konnten. In den Tren waren die
zwei messingenen Schlogriffe und an der Seite des einen Flgels ein
Glockengriff.

Ich sah zuerst ein wenig durch das Gitter in den Garten. Der Sandplatz
setzte sich hinter dem Gitter fort, nur war er besumt mit blhenden
Gebschen und unterbrochen mit hohen Obstbumen, welche Schatten
gaben. In dem Schatten standen Tische und Sthle; es war aber kein
Mensch bei ihnen gegenwrtig. Der Garten erstreckte sich rckwrts um
das Haus herum und schien mir bedeutend weit in die Tiefe zu gehen.

Ich versuchte zuerst die Trgriffe, aber sie ffneten nicht. Dann nahm
ich meine Zuflucht zu dem Glockengriffe und lutete.

Auf den Klang der Glocke kam ein Mann hinter den Gebschen des Gartens
gegen mich hervor. Als er an der innern Seite des Gitters vor mir
stand, sah ich, da es ein Mann mit schneeweien Haaren war, die er
nicht bedeckt hatte. Sonst war er unscheinbar und hatte eine Art
Hausjacke an, oder wie man das Ding nennen soll, das ihm berall
enge anlag und fast bis auf die Knie herabreichte. Er sah mich einen
Augenblick an, da er zu mir herangekommen war, und sagte dann: Was
wollt ihr, lieber Herr?

Es ist ein Gewitter im Anzuge, antwortete ich, und es wird in
Kurzem ber diese Gegend kommen. Ich bin ein Wandersmann, wie ihr an
meinem Rnzchen seht, und bitte daher, da mir in diesem Hause so
lange ein Obdach gegeben werde, bis der Regen, oder wenigstens der
schwerere, vorber ist.

Das Gewitter wird nicht zum Ausbruche kommen, sagte der Mann.

Es wird keine Stunde dauern, da es kmmt, entgegnete ich, ich bin
mit diesen Gebirgen sehr wohl bekannt und verstehe mich auch auf die
Wolken und Gewitter derselben ein wenig.

Ich bin aber mit dem Platze, auf welchem wir stehen, aller
Wahrscheinlichkeit nach weit lnger bekannt als ihr mit dem Gebirge,
da ich viel lter bin als ihr, antwortete er, ich kenne auch seine
Wolken und Gewitter und wei, da heute auf dieses Haus, diesen Garten
und diese Gegend kein Regen niederfallen wird.

Wir wollen nicht lange darber Meinungen hegen, ob ein Gewitter
dieses Haus netzen wird oder nicht, sagte ich; wenn ihr Anstand
nehmet, mir dieses Gittertor zu ffnen, so habet die Gte und ruft den
Herrn des Hauses herbei.

Ich bin der Herr des Hauses.

Auf dieses Wort sah ich mir den Mann etwas nher an. Sein Angesicht
zeigte zwar auch auf ein vorgercktes Alter, aber es schien mir
jnger als die Haare und gehrte berhaupt zu jenen freundlichen,
wohlgefrbten, nicht durch das Fett der vorgerckten Jahre entstellten
Angesichtern, von denen man nie wei, wie alt sie sind. Hierauf sagte
ich: Nun mu ich wohl um Verzeihung bitten, da ich so zudringlich
gewesen bin, ohne weiteres auf die Sitte des Landes zu bauen. Wenn
eure Behauptung, da kein Gewitter kommen werde, einer Ablehnung
gleich sein soll, werde ich mich augenblicklich entfernen. Denkt
nicht, da ich als junger Mann den Regen so scheue; es ist mir zwar
nicht so angenehm, durchnt zu werden als trocken zu bleiben, es ist
mir aber auch nicht so unangenehm, da ich deshalb jemandem zur Last
fallen sollte. Ich bin oft von dem Regen getroffen worden, und es
liegt nichts daran, wenn ich auch heute getroffen werde.

Das sind eigentlich zwei Fragen, antwortete der Mann, und ich mu
auf beide etwas entgegnen. Das Erste ist, da ihr in Naturdingen eine
Unrichtigkeit gesagt habet, was vielleicht daher kmmt, da ihr die
Verhltnisse dieser Gegend zu wenig kennt oder auf die Vorkommnisse
der Natur nicht genug achtet. Diesen Irrtum mute ich berichtigen;
denn in Sachen der Natur mu auf Wahrheit gesehen werden. Das Zweite
ist, da, wenn ihr mit oder ohne Gewitter in dieses Haus kommen wollt,
und wenn ihr gesonnen seid, seine Gastfreundschaft anzunehmen, ich
sehr gerne willfahren werde. Dieses Haus hat schon manchen Gast gehabt
und manchen gerne beherbergt, und wie ich an euch sehe, wird es auch
euch gerne beherbergen und so lange verpflegen, als ihr es fr ntig
erachten werdet. Darum bitte ich euch, tretet ein.

Mit diesen Worten tat er einen Druck am Schlosse des Torflgels,
der Flgel ffnete sich, drehte sich mit einer Rolle auf einer
halbkreisartigen Eisenschiene und gab mir Raum zum Eintreten.

Ich blieb nun einen Augenblick unentschlossen.

Wenn das Gewitter nicht kmmt, sagte ich, so habe ich im Grunde
keine Ursache, hier einzutreten; denn ich bin nur des anziehenden
Gewitters willen von der Landstrae abgewichen und zu diesem Hause
heraufgestiegen. Aber verzeiht mir, wenn ich noch einmal die Frage
anrege. Ich bin beinahe eine Art Naturforscher und habe mich mehrere
Jahre mit Naturdingen, mit Beobachtungen und namentlich mit diesem
Gebirge beschftigt, und meine Erfahrungen sagen mir, da heute ber
diese Gegend und dieses Haus ein Gewitter kommen wird.

Nun mt ihr eigentlich vollends herein gehen, sagte er, jetzt
handelt es sich darum, da wir gemeinschaftlich abwarten, wer von uns
beiden recht hat. Ich bin zwar kein Naturforscher und kann von mir
nicht sagen, da ich mich mit Naturwissenschaften beschftigt habe;
aber ich habe manches ber diese Gegenstnde gelesen, habe whrend
meines Lebens mich bemht, die Dinge zu beobachten und ber das
Gelesene und Gesehene nachzudenken. In Folge dieser Bestrebungen habe
ich heute die unzweideutigen Zeichen gesehen, da die Wolken, welche
jetzt noch gegen Sonnenuntergang stehen, welche schon einmal gedonnert
haben und von denen ihr veranlat worden seid, zu mir herauf zu
steigen, nicht ber dieses Haus und berhaupt ber keine Gegend einen
Regen bringen werden. Sie werden sich vielleicht, wenn die Sonne
tiefer kmmt, verteilen und werden zerstreut am Himmel herum stehen.
Abends werden wir etwa einen Wind spren, und morgen wird gewi wieder
ein schner Tag sein. Es knnte sich zwar ereignen, da einige schwere
Tropfen fallen oder ein kleiner Sprhregen nieder geht, aber gewi
nicht auf diesen Hgel.

Da die Sache so ist, erwiderte ich, trete ich gerne ein und harre
mit euch gerne der Entscheidung, auf die ich begierig bin.

Nach diesen Worten trat ich ein, er schlo das Gitter und sagte, er
wolle mein Fhrer sein.


Er fhrte mich um das Haus herum; denn in der den Rosen
entgegengesetzten Seite war die Tr. Er fhrte mich durch dieselbe
ein, nachdem er sie mit einem Schlssel geffnet hatte. Hinter der Tr
erblickte ich einen Gang, welcher mit Amonitenmarmor gepflastert war.

Dieser Eingang, sagte er, ist eigentlich der Haupteingang; aber da
ich mir nicht gerne das Pflaster des Ganges verderben lasse, halte ich
ihn immer gesperrt, und die Leute gehen durch eine Tr in die Zimmer,
welche wir finden wrden, wenn wir noch einmal um die Ecke des
Hauses gingen. Des Pflasters willen mu ich euch auch bitten, diese
Filzschuhe anzuziehen.

Es standen einige Paare gelblicher Filzschuhe gleich innerhalb der
Tr. Niemand konnte mehr als ich von der Notwendigkeit berzeugt
sein, diesen so edlen und schnen Marmor zu schonen, der an sich
so vortrefflich ist und hier ganz meisterhaft geglttet war. Ich
fuhr daher mit meinen Stiefeln in ein Paar solcher Schuhe, er tat
desgleichen, und so gingen wir ber den glatten Boden. Der Gang,
welcher von oben beleuchtet war, fhrte zu einer braunen getfelten
Tr. Vor derselben legte er die Filzschuhe ab, verlangte von mir, da
ich dasselbe tue, und, nachdem wir uns auf dem hlzernen Antritte der
Tr der Filzschuhe entledigt hatten, ffnete er dieselbe und fhrte
mich in ein Zimmer. Dem Ansehen nach war es ein Speisezimmer; denn in
der Mitte desselben stand ein Tisch, an dessen Bauart man sah, da er
vergrert oder verkleinert werden knne, je nachdem eine grere oder
kleinere Anzahl von Personen um ihn sitzen sollte. Auer dem Tische
befanden sich nur Sthle in dem Zimmer und ein Schrein, in welchem die
Speisegertschaften enthalten sein konnten.

Legt in diesem Zimmer, sagte der Mann, euern Hut, euern Stock und
euer Rnzlein ab, ich werde euch dann in ein anderes Gemach fhren, in
welchem ihr ausruhen knnt.

Als er dies gesagt und ich ihm Folge geleistet hatte, trat er zu einer
breiten Strohmatte und zu Fubrsten, die sich am Ausgange des Zimmers
befanden, reinigte sich an beiden sehr sorgsam seine Fubekleidung
und lud mich ein, dasselbe zu tun. Ich tat es, und da ich fertig war,
ffnete er die Ausgangstr, die ebenfalls braun und getfelt war, und
fhrte mich durch ein Vorgemach in ein Ausruhezimmer, welches an der
Seite des Vorgemaches lag.

Dieses Vorgemach, sagte er, ist der eigentliche Eingang in das
Speisezimmer, und man kmmt von der andern Tr in dasselbe.

Das Ausruhezimmer war ein freundliches Gemach und schien recht eigens
zum Sitzen und Ruhehalten bestimmt. Es befate nichts als lauter
Tische und Sitze. Auf den Tischen lagen aber nicht, wie es hufig in
unsern Besuchzimmern vorkmmt, Bcher oder Zeichnungen und dergleichen
Dinge, sondern die Tafeln derselben waren unbedeckt und waren
ausnehmend gut geglttet und gereinigt. Sie waren von dunklem
Mahagoniholze, das in der Zeit noch mehr nachgedunkelt war. Ein
einziges Gerte war da, welches kein Tisch und kein Sitz war, ein
Gestelle mit mehreren Fchern, welches Bcher enthielt. An den Wnden
hingen Kupferstiche.

Hier knnt ihr ausruhen, wenn ihr vom Gehen mde seid oder berhaupt
ruhen wollt, sagte der Mann, ich werde gehen und sorgen, da man
euch etwas zu essen bereitet. Ihr mt wohl eine Weile allein bleiben.
Auf dem Gestelle liegen Bcher, wenn ihr etwa ein wenig in dieselben
blicken wollet.

Nach diesen Worten entfernte er sich.

Ich war in der Tat mde und setzte mich nieder.

Als ich sa, konnte ich den Grund einsehen, weshalb der Mann vor dem
Eintritte in dieses Zimmer so sehr seine Fubekleidung gereinigt und
mir den Wunsch zu gleicher Reinigung ausgedrckt hatte. Das Zimmer
enthielt nehmlich einen schn getfelten Fuboden, wie ich nie einen
gleichen gesehen hatte. Es war beinahe ein Teppich aus Holz. Ich
konnte das Ding nicht genug bewundern. Man hatte lauter Holzgattungen
in ihren natrlichen Farben zusammengesetzt und sie in ein Ganzes von
Zeichnungen gebracht. Da ich von den Gerten meines Vaters her an
solche Dinge gewohnt war und sie etwas zu beurteilen verstand, sah ich
ein, da man alles nach einem in Farben ausgefhrten Plane gemacht
haben mute, welcher Plan mir selber wie ein Meisterstck erschien.
Ich dachte, da drfe ich ja gar nicht aufstehen und auf der Sache
herum gehen, besonders wenn ich die Ngel in Anschlag brachte, mit
denen meine Gebirgsstiefel beschlagen waren. Auch hatte ich keine
Veranlassung zum Aufstehen, da mir die Ruhe nach einem ziemlich langen
Gange sehr angenehm war.

Da sa ich nun in dem weien Hause, zu welchem ich hinauf gestiegen
war, um in ihm das Gewitter abzuwarten.

Es schien noch immer die Sonne auf das Haus, blickte durch die Fenster
dieses Zimmers schief herein und legte lichte Tafeln auf den schnen
Fuboden desselben.

Als ich eine Weile gesessen war, bemchtigte sich meiner eine seltsame
Empfindung, welche ich mir Anfangs nicht zu erklren vermochte. Es war
mir nehmlich, als sitze ich nicht in einem Zimmer, sondern im Freien,
und zwar in einem stillen Walde. Ich blickte gegen die Fenster, um mir
das Ding zu erklren; aber die Fenster erteilten die Erklrung nicht:
ich sah durch sie ein Stck Himmel, teils rein, teils etwas bewlkt,
und unter dem Himmel sah ich ein Stck Gartengrn von emporragenden
Bumen, ein Anblick, den ich wohl schon sehr oft gehabt hatte. Ich
sprte eine reine, freie Luft mich umgeben. Die Ursache davon war,
da die Fenster des Zimmers in ihren oberen Teilen offen waren.
Diese oberen Teile konnten nicht nach Innen geffnet werden, wie das
gewhnlich der Fall ist, sondern waren nur zu verschieben, und zwar
so, da einmal Glas in dem Rahmen vorgeschoben werden konnte, ein
anderes Mal ein zarter Flor von weigrauer Seide. Da ich in dem Zimmer
sa, war das Letztere der Fall. Die Luft konnte frei herein strmen,
Fliegen und Staub waren aber ausgeschlossen.

Wenn nun gleich die reine Luft eine Mahnung des Freien gab, sah ich
doch hierin nicht vllige Erklrung allein.

Ich bemerkte noch etwas anderes. In dem Zimmer, in welchem ich mich
befand, hrte man nicht den geringsten Laut eines bewohnten Hauses,
den man doch sonst, es mag im Hause noch so ruhig sein, mehr oder
weniger in Zwischenrumen vernimmt. Diese Art Abwesenheit huslichen
Gerusches verbarg allerdings die Nachbarschaft bewohnter Rume,
konnte aber eben so wenig als die freie Luft die Waldempfindung geben.

Endlich glaubte ich auf den Grund gekommen zu sein. Ich hrte nehmlich
fast ununterbrochen, bald nher, bald ferner, bald leiser, bald lauter
vermischten Vogelgesang. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf diese
Wahrnehmung und erkannte bald, da der Gesang nicht blo von Vgeln
herrhre, die in der Nhe menschlicher Wohnungen hausen, sondern auch
von solchen, deren Stimme und Zwitschern mir nur aus den Wldern und
abgelegenen Bebuschungen bekannt war. Dieses wenig auffallende, mir
aus meinem Gebirgsaufenthalte bekannte und von mir in der Tat nicht
gleich beachtete Getn mochte wohl die Hauptursache meiner Tuschung
gewesen sein, obwohl die Stille des Raumes und die reine Luft auch
mitgewirkt haben konnten. Da ich nun genauer auf dieses gelegentliche
Vogelzwitschern achtete, fand ich wirklich, da Tne sehr einsamer und
immer in tiefen Wldern wohnender Vgel vorkamen. Es nahm sich dies
wunderlich in einem bewohnten und wohleingerichteten Zimmer aus.

Da ich aber nun den Grund meiner Empfindung aufgefunden hatte
oder aufgefunden zu haben glaubte, war auch ein groer Teil ihrer
Dunkelheit und mithin Annehmlichkeit verschwunden.

Wie ich nun so fortwhrend auf den Vogelgesang merkte, fiel mir
sogleich auch etwas anderes ein. Wenn ein Gewitter im Anzuge ist und
schwle Lfte in dem Himmelsraume stocken, schweigen gewhnlich die
Waldvgel. Ich erinnerte mich, da ich in solchen Augenblicken oft in
den schnsten, dichtesten, entlegensten Wldern nicht den geringsten
Laut gehrt habe, etwa ein einmaliges oder zweimaliges Hmmern des
Spechtes ausgenommen oder den kurzen Schrei jenes Geiers, den die
Landleute Gievogel nennen. Aber selbst er schweigt, wenn das Gewitter
in unmittelbarer Annherung ist. Nur bei den Menschen wohnende Vgel,
die das Gewitter frchten wie er, oder solche, die im weiten Freien
hausen und vielleicht dessen majesttische Annherung bewundern,
zeigen sein Bevorstehen an. So habe ich Schwalben vor den dicken
Wolken eines heraufsteigenden Gewitters mit ihrem weien Bauchgefieder
kreuzen gesehen und selbst schreien gehrt, und so habe ich Lerchen
singend gegen die dunkeln Gewitterwolken aufsteigen gesehen. Das
Singen der Waldvgel erschien mir nun als ein schlimmes Zeichen fr
meine Voraussagung eines Gewitters. Auch fiel mir auf, da sich noch
immer keine Merkmale des Ausbruches zeigten, welchen ich nicht fr so
ferne gehalten hatte, als ich die Landstrae verlie. Die Sonne schien
noch immer auf das Haus, und ihre glnzenden Lichttafeln lagen noch
immer auf dem schnen Fuboden des Zimmers.


Mein Beherberger schien es darauf angelegt zu haben, mich lange allein
zu lassen, wahrscheinlich, um mir Raum zur Ruhe und Bequemlichkeit zu
geben; denn er kam nicht so bald zurck, als ich nach seiner uerung
erwartet hatte.

Als ich eine geraume Weile gesessen war und das Sitzen anfing, mir
nicht mehr jene Annehmlichkeit zu gewhren wie Anfangs, stand ich
auf und ging auf den Fuspitzen, um den Boden zu schonen, zu dem
Bchergestelle, um die Bcher anzusehen. Es waren aber blo beinahe
lauter Dichter. Ich fand Bnde von Herder, Lessing, Goethe, Schiller,
bersetzungen Shakespeares von Schlegel und Tieck, einen griechischen
Odysseus, dann aber auch etwas aus Ritters Erdbeschreibung, aus
Johannes Mllers Geschichte der Menschheit und aus Alexander und
Wilhelm Humboldt. Ich tat die Dichter bei Seite und nahm Alexander
Humboldts Reise in die quinoctiallnder, die ich zwar schon kannte,
in der ich aber immer gerne las. Ich begab mich mit meinem Buche
wieder zu meinem Sitze zurck.

Als ich nicht gar kurze Zeit gelesen hatte, trat mein Beherberger
herein.

Ich hatte, weil er so lange abwesend war, gedacht, er werde sich etwa
auch umgekleidet haben, weil er doch nun einmal einen Gast habe und
weil sein Anzug so gar unbedeutend war. Aber er kam in den nehmlichen
Kleidern zurck, in welchen er vor mir an dem Gittertore gestanden
war.

Er entschuldigte sein Auenbleiben nicht, sondern sagte, ich mchte,
wenn ich ausgeruht htte und es mir genehm wre, zu speisen, ihm in
das Speisezimmer folgen, es wrde dort fr mich aufgetragen werden.

Ich sagte, ausgeruht htte ich schon, aber ich sei nur gekommen, um
Unterstand zu bitten, nicht aber auch in anderer Weise, besonders in
Hinsicht von Speise und Trank, lstig zu fallen.

Ihr fallt nicht lstig, antwortete der Mann, ihr mt etwas zu
essen bekommen, besonders da ihr so lange da bleiben mt, bis sich
die Sache wegen des Gewitters entschieden hat. Da schon Mittag vorber
ist, wir aber genau mit der Mittagstunde des Tages zu Mittag essen und
von da bis zu dem Abendessen nichts mehr aufgetragen wird, so mu fr
euch, wenn ihr nicht bis Abends warten sollet, besonders aufgetragen
werden. Solltet ihr aber sollen zu Mittag gegessen haben und bis
Abends warten wollen, so fordert es doch die Ehre des Hauses, da euch
etwas geboten werde, ihr mget es dann annehmen oder nicht. Folgt mir
daher in das Speisezimmer.

Ich legte das Buch neben mich auf den Sitz und schickte mich an, zu
gehen.

Er aber nahm das Buch und legte es auf seinen Platz in dem
Bchergestelle.

Verzeiht, sagte er, es ist bei uns Sitte, da die Bcher, die auf
dem Gestelle sind, damit jemand, der in dem Zimmer wartet oder sich
sonst aufhlt, bei Gelegenheit und nach Wohlgefallen etwas lesen kann,
nach dem Gebrauche wieder auf das Gestelle gelegt werden, damit das
Zimmer die ihm zugehrige Gestalt behalte.

Hierauf ffnete er die Tr und lud mich ein, in das mir bekannte
Speisezimmer voraus zu gehen.

Als wir in demselben angelangt waren, sah ich, da in ausgezeichnet
schnen weien Linnen gedeckt sei, und zwar nur ein Gedecke, da sich
eingemachte Frchte, Wein, Wasser und Brot auf dem Tische befanden und
in einem Gefe verkleinertes Eis war, es in den Wein zu tun. Mein
Rnzlein und meinen Schwarzdornstock sah ich nicht mehr, mein Hut aber
lag noch auf seinem Platze.

Mein Begleiter tat aus einer der Taschen seines Kleides ein, wie ich
vermutete, silbernes Glcklein hervor und lutete. Sofort erschien
eine Magd und brachte ein gebratenes Huhn und schnen rot
gesprenkelten Kopfsalat.

Mein Gastherr lud mich ein, mich zu setzen und zu essen.

Da es so freundlich geboten war, nahm ich es an. Obwohl ich wirklich
schon einmal gegessen hatte, so war das vor dem Mittag gewesen, und
ich war durch das Wandern wieder hungrig geworden. Ich geno daher von
dem Aufgesetzten.

Mein Beherberger setzte sich zu mir, leistete mir Gesellschaft, a und
trank aber nichts.

Da ich fertig war und die Egerte hingelegt hatte, bot er mir an,
wenn ich nicht zu mde sei, mich in den Garten zu fhren.

Ich nahm es an.

Er lutete wieder mit dem Glcklein, um den Befehl zu geben, da man
abrume, und fhrte mich nun nicht durch den Gang, durch welchen wir
herein gekommen waren, sondern durch einen mit gewhnlichen Steinen
gepflasterten in den Garten. Er hatte jetzt ein kleines Hubchen von
durchbrochener Arbeit auf seinen weien Haaren, wie man sie gerne
Kindern aufsetzt, um ihre Locken gleichsam wie in einem Netze
einzufangen.

Als wir in das Freie kamen, sah ich, da, whrend ich a, die Sonne
auf das Haus zu scheinen aufgehrt hatte, sie war von der Gewitterwand
berholt worden. Auf dem Garten sowie auf der Gegend lag der warme,
trockene Schatten, wie er bei solchen Gelegenheiten immer erscheint.
Aber die Gewitterwand hatte sich whrend meines Aufenthaltes in dem
Hause wenig verndert und gab nicht die Aussicht auf baldigen Ausbruch
des Regens.


Ein Umblick berzeugte mich sogleich, da der Garten hinter dem Hause
sehr gro sei. Es war aber kein Garten, wie man sie gerne hinter
und neben den Landhusern der Stdter anlegt, nehmlich, da man
unfruchtbare oder hchstens Zierfrchte tragende Gebsche und Bume
pflegt und zwischen ihnen Rasen und Sandwege oder einige Blumenhgel
oder Blumenkreise herrichtet, sondern es war ein Garten, der mich an
den meiner Eltern bei dem Vorstadthause erinnerte. Es war da eine
weitlufige Anlage von Obstbumen, die aber hinlnglich Raum lieen,
da fruchtbare oder auch nur zum Blhen bestimmte Gestruche
dazwischen stehen konnten und da Gemse und Blumen vollstndig zu
gedeihen vermochten. Die Blumen standen teils in eigenen Beeten, teils
liefen sie als Einfriedigung hin, teils befanden sie sich auf eigenen
Pltzen, wo sie sich schn darstellten. Mich empfingen von jeher
solche Grten mit dem Gefhle der Huslichkeit und Ntzlichkeit,
whrend die anderen einerseits mit keiner Frucht auf das Haus denken
und andererseits wahrhaftig auch kein Wald sind. Was zur Rosenzeit
blhen konnte, blhte und duftete, und weil eben die schweren Wolken
am Himmel standen, so war aller Duft viel eindringender und strker.
Dies deutete doch wieder auf ein Gewitter hin.

Nahe bei dem Hause befand sich ein Gewchshaus. Es zeigte uns aber
gegen den Weg, auf dem wir gingen, nicht seine Lnge, sondern seine
Breite hin. Auch diese Breite, welche teilweise Gebsche deckten, war
mit Rosen bekleidet und sah aus wie ein Rosenhuschen im Kleinen.

Wir gingen einen gerumigen Gang, der mitten durch den Garten lief,
entlang. Er war Anfangs eben, zog sich aber dann sachte aufwrts.

Auch im Garten waren die Rosen beinahe herrschend. Entweder stand hie
und da auf einem geeigneten Platze ein einzelnes Bumchen oder es
waren Hecken nach gewissen Richtungen angelegt, oder es zeigten sich
Abteilungen, wo sie gute Verhltnisse zum Gedeihen finden und sich dem
Auge angenehm darstellen konnten. Eine Gruppe von sehr dunkeln, fast
violetten Rosen war mit einem eigenen zierlichen Gitter umgeben, um
sie auszuzeichnen oder zu schtzen. Alle Blumen waren wie die vor
dem Hause besonders rein und klar entwickelt, sogar die verblhenden
erschienen in ihren Blttern noch kraftvoll und gesund.

Ich machte in Einsicht des letzten Umstandes eine Bemerkung.

Habt ihr denn nie eine jener alten Frauen gesehen, sagte mein
Begleiter, die in ihrer Jugend sehr schn gewesen waren und sich
lange krftig erhalten haben? Sie gleichen diesen Rosen. Wenn sie
selbst schon unzhlige kleine Falten in ihrem Angesichte haben, so
ist doch noch zwischen den Falten die Anmut herrschend und eine sehr
schne, liebe Farbe.

Ich antwortete, da ich das noch nie beobachtet htte, und wir gingen
weiter.

Es waren auer den Rosen noch andere Blumen im Garten. Ganze Beete von
Aurikeln standen an schattigen Orten. Sie waren wohl lngst verblht,
aber ihre starken grnen Bltter zeigten, da sie in guter Pflege
waren. Hie und da stand eine Lilie an einer einsamen Stelle, und voll
entwickelte Nelken prangten in Tpfen auf einem eigenen Schragen, an
dem Vorrichtungen angebracht waren, die Blumen vor Sonne zu bewahren.
Sie waren noch nicht aufgeblht, aber die Knospen waren weit
vorgerckt und lieen treffliche Blumen ahnen. Es mochten nur die
auserwhlten auf dem Schragen stehen; denn ich sah die Schule dieser
Pflanzen, als wir etwas weiter kamen, in langen, weithingehenden
Beeten angelegt. Sonst waren die gewhnlichen Gartenblumen da, teils
in Beeten, teils auf kleinen, abgesonderten Pltzen, teils als
Einfassungen. Besonders schien sich auch die Levkoje einer Vorliebe
zu erfreuen, denn sie stand in groer Anzahl und Schnheit sowie in
vielen Arten da. Ihr Duft ging wohltuend durch die Lfte. Selbst in
Tpfen sah ich diese Blume gepflegt und an zutrgliche Orte gestellt.
Was an Zwiebelgewchsen, Hyazinthen, Tulpen und dergleichen vorhanden
gewesen sein mochte, konnte ich nicht ermessen, da die Zeit dieser
Blumen lngst vorber war.

Auch die Zeit der Bltengestruche war vorber, und sie standen nur
mit ihren grnen Blttern am Wege oder an ihren Stellen.

Die Gemse nahmen die weiten und greren Rume ein. Zwischen ihnen
und an ihren Seiten liefen Anpflanzungen von Erdbeeren. Sie schienen
besonders gehegt, waren hufig aufgebunden und hatten Blechtfelchen
zwischen sich, auf denen die Namen standen.

Die Obstbume waren durch den ganzen Garten verteilt, wir gingen an
vielen vorber. Auch an ihnen, besonders aber an den zahlreichen
Zwergbumen, sah ich weie Tfelchen mit Namen.

An manchen Bumen erblickte ich kleine Kstchen von Holz, bald an dem
Stamme, bald in den Zweigen. In unserem Oberlande gibt man den Staren
gerne solche Behlter, damit sie Ihr Nest in dieselben bauen. Die hier
befindlichen Behltnisse waren aber anderer Art. Ich wollte fragen,
aber in der Folge des Gesprches verga ich wieder darauf.

Da wir in dem Garten so fortgingen, hrte ich besonders aus seinem
bebuschten Teile wieder die Vogelstimmen, die ich in dem Wartezimmer
gehrt hatte, nur hier deutlicher und heller.

Auch ein anderer Umstand fiel mir auf, da wir schon einen groen Teil
des Gartens durchwandert hatten; ich bemerkte nehmlich gar keinen
Raupenfra. Whrend meines Ganges durch das Land hatte ich ihn aber
doch gesehen, obwohl er mir, da er nicht auerordentlich war und
keinen Obstmiwachs befrchten lie, nicht besonders aufgefallen war.
Bei der Frische der Belaubung dieses Gartens fiel er mir wieder ein.
Ich sah das Laub deshalb nher an und glaubte zu bemerken, da es
auch vollkommener sei als anderwrts, das grne Blatt war grer und
dunkler, es war immer ganz, und die grnen Kirschen und die kleinen
pfelchen und Birnchen sahen recht gesund daraus hervor. Ich
betrachtete, durch diese Tatsache aufmerksam gemacht, nun auch den
Kohl genauer, der nicht weit von unserm Wege stand. An ihm zeigte
keine kahle Rippe, da die Raupe des Weilings genagt habe. Die
Bltter waren ganz und schn. Ich nahm mir vor, diese Beobachtung
gegen meinen Begleiter gelegentlich zur Sprache zu bringen.


Wir waren mittlerweile bis an das Ende der Pflanzungen gelangt, und
es begann Rasengrund, der steiler anstieg, Anfangs mit Bumen besetzt
war, weiter oben aber kahl fortlief.

Wir stiegen auf ihm empor.

Da wir auf eine ziemliche Hhe gelangt waren und Bume die Aussicht
nicht mehr hinderten, blieb ich ein wenig stehen, um den Himmel zu
betrachten. Mein Begleiter hielt ebenfalls an. Das Gewitter stand
nicht mehr gegen Sonnenuntergang allein, sondern jetzt berall. Wir
hrten auch entfernten Donner, der sich fter wiederholte. Wir hrten
ihn bald gegen Sonnenuntergang, bald gegen Mittag, bald an Orten, die
wir nicht angeben konnten. Mein Mann mute seiner Sache sehr sicher
sein; denn ich sah, da in dem Garten Arbeiter sehr eifrig an den
mehreren Ziehbrunnen zogen, um das Wasser in die durch den Garten
laufenden Rinnen zu leiten und aus diesen in die Wasserbehlter.
Ich sah auch bereits Arbeiter gehen, ihre Giekannen in den
Wasserbehltern fllen und ihren Inhalt auf die Pflanzenbeete
ausstreuen. Ich war sehr begierig auf den Verlauf der Dinge, sagte
aber gar nichts, und mein Begleiter schwieg auch.

Wir gingen nach kurzem Stillstande auf dem Rasengrunde wieder weiter
aufwrts, und zuletzt ziemlich steil.

Endlich hatten wir die hchste Stelle erreicht und mit ihr auch das
Ende des Gartens. Jenseits senkte sich der Boden wieder sanft abwrts.
Auf diesem Platze stand ein sehr groer Kirschbaum, der grte Baum
des Gartens, vielleicht der grte Obstbaum der Gegend. Um den Stamm
des Baumes lief eine Holzbank, die vier Tischchen nach den vier
Weltgegenden vor sich hatte, da man hier ausruhen, die Gegend besehen
oder lesen und schreiben konnte. Man sah an dieser Stelle fast nach
allen Richtungen des Himmels. Ich erinnerte mich nun ganz genau, da
ich diesen Baum wohl frher bei meinen Wanderungen von der Strae
oder von anderen Stellen aus gesehen hatte. Er war wie ein dunkler,
ausgezeichneter Punkt erschienen, der die hchste Stelle der
Gegend krnte. Man mute an heiteren Tagen von hier aus die ganze
Gebirgskette im Sden sehen, jetzt aber war nichts davon zu erblicken;
denn alles flo in eine einzige Gewittermasse zusammen. Gegen
Mitternacht erschien ein freundlicher Hhenzug, hinter welchem nach
meiner Schtzung das Stdtchen Landegg liegen mute.

Wir setzten uns ein wenig auf das Bnklein. Es schien, da man an
diesem Pltzchen niemals vorber gehen konnte, ohne sich zu setzen und
eine kleine Umschau zu halten; denn das Gras war um den Baum herum
abgetreten, da der kahle Boden hervorsah, wie wenn ein Weg um den
Baum ginge. Man mute sich daher gerne an diesem Platze versammeln.

Als wir kaum ein Weilchen ausgeruht hatten, sah ich eine Gestalt aus
den nicht sehr entfernten Bschen und Bumen hervortreten und gegen
uns empor gehen. Da sie etwas nher gekommen war, erkannte ich, da
es ein Gemische von Knabe und Jngling war. Zuweilen htte man meinen
knnen, der Ankommende sei ganz ein Jngling, und zuweilen, er sei
noch ganz ein Knabe. Er trug ein blau- und weigestreiftes Leinenzeug
als Bekleidung, um den Hals hatte er nichts und auf dem Haupte auch
nichts als eine dichte Menge brauner Locken.

Da er herzugekommen war, sagte er: Ich sehe, da du mit einem fremden
Manne beschftigt bist, ich werde dich also nicht stren und wieder in
den Garten hinab gehen.

Tue das, sagte mein Begleiter.

Der Knabe machte eine schnelle und leichte Verbeugung gegen mich,
wendete sich um und ging in derselben Richtung wieder zurck, in der
er gekommen war.

Wir blieben noch sitzen.

Am Himmel nderte sich indessen wenig. Dieselbe Wolkendecke stand da,
und wir hrten denselben Donner. Nur da die Decke dunkler geworden zu
sein schien, so wurde jetzt zuweilen auch ein Blitz sichtbar.

Nach einer Zeit sagte mein Begleiter. Eure Reise hat wohl nicht einen
Zweck, der durch den Aufenthalt von einigen Stunden oder von einem
Tage oder von einigen Tagen gestrt wrde.

Es ist so, wie ihr gesagt habt, antwortete ich, mein Zweck ist,
soweit meine Krfte reichen, wissenschaftliche Bestrebungen zu
verfolgen und nebenbei, was ich auch nicht fr unwichtig halte, das
Leben in der freien Natur zu genieen.

Dieses Letzte ist in der Tat auch nicht unwichtig, versetzte mein
Nachbar, und da ihr euren Reisezweck bezeichnet habt, so werdet ihr
gewi einwilligen, wenn ich euch einlade, heute nicht mehr weiter zu
reisen, sondern die Nacht in meinem Hause zuzubringen. Wnschet ihr
dann am morgigen Tage und an mehreren darauf folgenden noch bei mir zu
verweilen, so steht es nur bei euch, so zu tun.

Ich wollte, wenn das Gewitter auch lange angedauert htte, doch
heute noch nach Rohrberg gehen, sagte ich. Da ihr aber auf eine so
freundliche Weise gegen einen unbekannten Reisenden verfahrt, so sage
ich gerne zu, die heutige Nacht in eurem Hause zuzubringen und bin
euch dafr dankbar. Was morgen sein wird, darber kann ich noch nicht
entscheiden, weil das Morgen noch nicht da ist.

So haben wir also fr die kommende Nacht abgeschlossen, wie ich
gleich gedacht habe, sagte mein Begleiter, ihr werdet wohl bemerkt
haben, da euer Rnzlein und euer Wanderstock nicht mehr in dem
Speisezimmer waren, als ihr zum Essen dahin kamet.

Ich habe es wirklich bemerkt, antwortete ich.

Ich habe beides in euer Zimmer bringen lassen, sagte er, weil
ich schon vermutete, da ihr diese Nacht in unserm Hause zubringen
wrdet.



Die Beherbergung

Nach einer Weile sagte mein Gastfreund: Da ihr nun meine
Nachtherberge angenommen habt, so knnten wir von diesem Baume auch
ein wenig in das Freie gehen, da ihr die Gegend besser kennen
lernet. Wenn das Gewitter zum Ausbruche kommen sollte, so kennen wir
wohl beide die Anzeichen genug, da wir rechtzeitig umkehren, um
ungefhrdet das Haus zu erreichen.

So kann es geschehen, sagte ich, und wir standen von dem Bnkchen
auf.

Einige Schritte hinter dem Kirschbaume war der Garten durch eine
starke Planke von der Umgebung getrennt. Als wir zu dieser Planke
gekommen waren, zog mein Begleiter einen Schlssel aus der Tasche,
ffnete ein Pfrtchen, wir traten hinaus und er schlo hinter uns das
Pfrtchen wieder zu.

Hinter dem Garten fingen Felder an, auf denen die verschiedensten
Getreide standen. Die Getreide, welche sonst wohl bei dem geringsten
Luftzuge zu wanken beginnen mochten, standen ganz stille und
pfeilrecht empor, das feine Haar der hren, ber welches unsere Augen
streiften, war gleichsam in einem unbeweglichen goldgrnen Schimmer.

Zwischen dem Getreide lief ein Fupfad durch. Derselbe war breit und
ziemlich ausgetreten. Er ging den Hgel entlang, nicht steigend und
nicht sinkend, so da er immer auf dem hchsten Teile der Anhhe
blieb. Auf diesem Pfade gingen wir dahin.

Zu beiden Seiten des Weges stand glhroter Mohn in dem Getreide, und
auch er regte die leichten Bltter nicht.

Es war berall ein Zirpen der Grillen; aber dieses war gleichsam eine
andere Stille und erhhte die Erwartung, die aller Orten war. Durch
die ber den ganzen Himmel liegende Wolkendecke ging zuweilen ein
tiefes Donnern, und ein blasser Blitz lftete zeitweilig ihr Dunkel.

Mein Begleiter ging ruhig neben mir und strich manchmal sachte mit der
Hand an den grnen hren des Getreides hin. Er hatte sein Netz von den
weien Haaren abgenommen, hatte es in die Tasche gesteckt und trug
sein Haupt unbedeckt in der milden Luft,

Unser Weg fhrte uns zu einer Stelle, auf welcher kein Getreide stand.
Es war ein ziemlich groer Platz, der nur mit sehr kurzem Grase
bedeckt war. Auf diesem Platze befand sich wieder eine hlzerne Bank
und eine mittelgroe Esche.

Ich habe diesen Fleck freigelassen, wie ich ihn von meinen Vorfahren
berkommen hatte, sagte mein Begleiter, obwohl er, wenn man ihn
urbar machte und den Baum ausgrbe, in einer Reihe von Jahren eine
nicht unbedeutende Menge von Getreide gbe. Die Arbeiter halten hier
ihre Mittagsruhe und verzehren hier ihr Mittagsmahl, wenn es ihnen auf
das Feld nachgebracht wird. Ich habe die Bank machen lassen, weil ich
auch gerne da sitze, wre es auch nur, um den Schnittern zuzuschauen
und die Feierlichkeit der Feldarbeiten zu betrachten. Alte
Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes, sei es auch nur das des
Bestehenden und immer Gesehenen. Hier drfte es aber mehr sein,
weshalb die Stelle unbebaut blieb und der Baum auf derselben steht.
Der Schatten dieser Esche ist wohl ein sparsamer, aber da er der
einzige dieser Gegend ist, wird er gesucht, und die Leute, obwohl sie
roh sind, achten gewi auch auf die Aussicht, die man hier geniet.
Setzt euch nur zu mir nieder und betrachtet das Wenige, was uns heute
der verschleierte Himmel gnnt.

Wir setzten uns auf die Bank unter der Esche, so da wir gegen Mittag
schauten. Ich sah den Garten wie einen grnen Scho schrg unter mir
liegen.

An seinem Ende sah ich die weie mitternchtliche Mauer des Hauses und
ber der weien Mauer das freundliche rote Dach. Von dem Gewchshause
war nur das Dach und der Schornstein ersichtlich.

Weiter hin gegen Mittag war das Land und das Gebirge kaum zu erkennen
wegen des blauen Wolkenschattens und des blauen Wolkenduftes. Gegen
Morgen stand der weie Turm von Rohrberg und gegen Abend war Getreide
an Getreide, zuerst auf unserm Hgel, dann jenseits desselben auf
dem nchsten Hgel und so fort, so weit die Hgel sichtbar waren.
Dazwischen zeigten sich weie Meierhfe und andere einzelne Huser
oder Gruppen von Husern. Nach der Sitte des Landes gingen Zeilen von
Obstbumen zwischen den Getreidefeldern dahin, und in der Nhe von
Husern oder Drfern standen diese Bume dichter, gleichsam wie in
Wldchen, beisammen. Ich fragte meinen Nachbar teils nach den Husern,
teils nach dein Besitzern der Felder.

Die Felder von dem Kirschbaume gegen Sonnenuntergang hin bis zu der
ersten Zeile von Obstbumen sind unser, sagte mein Begleiter. Die
wir von dem Kirschbaum bis hieher durchwandert haben, gehren auch
uns. Sie gehen noch bis zu jenen langen Gebuden, die ihr da unten
seht, welche unsere Wirtschaftsgebude sind. Gegen Mitternacht
erstrecken sie sich, wenn ihr umsehen wollt, bis zu jenen Wiesen mit
den Erlenbschen. Die Wiesen gehren auch uns und machen dort die
Grenze unserer Besitzungen. Im Mittag gehren die Felder uns bis zur
Einfriedigung von Weidorn, wo ihr die Strae verlassen habt. Ihr
knnt also sehen, da ein nicht ganz geringer Teil dieses Hgels von
unserm Eigentume bedeckt ist. Wir sind von diesem Eigentume umringt
wie von einem Freunde, der nie wankt und nicht die Treue bricht.

Mir fiel bei diesen Worten auf, da er vom Eigentume immer die
Ausdrcke uns und unser gebrauchte. Ich dachte, er werde etwa eine
Gattin oder auch Kinder einbeziehen. Mir fiel der Knabe ein, den ich
im Heraufgehen gesehen hatte, vielleicht ist dieser ein Sohn von ihm.

Der Rest des Hgels ist an drei Meierhfe verteilt, schlo er seine
Rede, welche unsere nchsten Nachbarn sind. Von den Niederungen
an, die um den Hgel liegen, und jenseits welcher das Land wieder
aufsteigt, beginnen unsere entfernteren Nachbarn.

Es ist ein gesegnetes, ein von Gott beglcktes Land, sagte ich.

Ihr habt recht gesprochen, erwiderte er, Land und Halm ist eine
Wohltat Gottes. Es ist unglaublich, und der Mensch bedenkt es kaum,
welch ein unermelicher Wert in diesen Grsern ist. Lat sie einmal
von unserem Erdteile verschwinden, und wir verschmachten bei allem
unserem sonstigen Reichtume vor Hunger. Wer wei, ob die heien Lnder
nicht so dnn bevlkert sind und das Wissen und die Kunst nicht so
tragen wie die klteren, weil sie kein Getreide haben. Wie viel selbst
dieser kleine Hgel gibt, wrdet ihr kaum glauben. Ich habe mir einmal
die Mhe genommen, die Flche dieses Hgels, soweit sie Getreideland
ist, zu messen, um auf der Grundlage der Ertrgnisse unserer
Felder und der Ertrgnisfhigkeit der Felder der Nachbarn, die ich
untersuchte, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen, welche
Getreidemenge im Durchschnitte jedes Jahr auf diesem Hgel wchst.

Ihr wrdet die Zahlen nicht glauben, und auch ich habe sie mir vorher
nicht so gro vorgestellt. Wenn es euch genehm ist, werde ich euch die
Arbeit in unserem Hause zeigen. Ich dachte mir damals, das Getreide
gehre auch zu jenen unscheinbaren, nachhaltigen Dingen dieses Lebens
wie die Luft. Wir reden von dem Getreide und von der Luft nicht
weiter, weil von beiden so viel vorhanden ist und uns beide berall
umgeben. Die ruhige Verbrauchung und Erzeugung zieht eine unermeliche
Kette durch die Menschheit in den Jahrhunderten und Jahrtausenden.
berall, wo Vlker mit bestimmten geschichtlichen Zeichnungen
auftreten und vernnftige Staatseinrichtungen haben, finden wir
sie schon zugleich mit dem Getreide, und wo der Hirte in lockeren
Gesellschaftsbanden, aber vereint mit seiner Herde lebt, da sind es
zwar nicht die Getreide, die ihn nhren, aber doch ihre geringeren
Verwandten, die Grser, die sein ebenfalls geringeres Dasein erhalten.
- Aber verzeiht, da ich da so von Grsern und Getreiden rede, es ist
natrlich, da ich da mitten unter ihnen wohne und auf ihren Segen erst
in meinem Alter mehr achten lernte.

Ich habe nichts zu verzeihen, erwiderte ich; denn ich teile eure
Ansicht ber das Getreide vollkommen, wenn ich auch ein Kind der
groen Stadt bin. Ich habe diese Gewchse viel beachtet, habe darber
gelesen, freilich mehr von dem Standpunkte der Pflanzenkunde, und
habe, seit ich einen groen Teil des Jahres in der freien Natur
zubringe, ihre Wichtigkeit immer mehr und mehr einsehen gelernt.

Ihr wrdet es erst recht, sagte er, wenn ihr Besitztmer httet
oder auf euren Besitztmern euch mit der Pflege dieser Pflanzen
besonders abgbet.

Meine Eltern sind in der Stadt, antwortete ich, mein Vater treibt
die Kaufmannschaft, und auer einem Garten besitzt weder er noch ich
einen liegenden Grund.

Das ist von groer Bedeutung, erwiderte er, den Wert dieser
Pflanzen kann keiner vollstndig ermessen, als der sie pflegt.


Wir schwiegen nun eine Weile.

Ich sah an seinen Wirtschaftsgebuden Leute beschftigt. Einige gingen
an den Toren ab und zu, in huslichen Arbeiten begriffen, andere
mhten in einer nahen Wiese Gras und ein Teil war bedacht, das im
Laufe des Tages getrocknete Heu in hochbeladenen Wgen durch die Tore
einzufahren. Ich konnte wegen der groen Entfernung das Einzelne der
Arbeiten nicht unterscheiden, so wie ich die eigentliche Bauart und
die nhere Einrichtung der Gebude nicht wahrnehmen konnte.

Was ihr von den Husern und den Besitzern der Felder gesagt habt, da
ich sie euch nennen soll, fuhr er nach einer Weile fort, so hat dies
seine Schwierigkeit, besonders heute. Man kann zwar von diesem Platze
aus die grte Zahl der Nachbarn erblicken; aber heute, wo der Himmel
umschleiert ist, sehen wir nicht nur das Gebirge nicht, sondern es
entgeht uns auch mancher weie Punkt des untern Landes, der Wohnungen
bezeichnet, von denen ich sprechen mchte. Anderen Teils sind euch die
Leute unbekannt. Ihr solltet eigentlich in der Gegend herumgewandert
sein, in ihr gelebt haben, da sie zu eurem Geiste sprche und ihr die
Bewohner verstndet. Vielleicht kommt ihr wieder und bleibt lnger bei
uns, vielleicht verlngert ihr euren jetzigen Aufenthalt. Indessen
will ich euch im Allgemeinen etwas sagen und von Besonderem
hinzufgen, was euch ansprechen drfte. Ich besuche auch meiner
Nachbarn willen gerne diesen Platz; denn auerdem, da hier auf der
Hhe selbst an den schnsten Tagen immer ein khler Luftzug geht,
auerdem da ich hier unter meinen Arbeitern bin, sehe ich von hier
aus alle, die mich umgeben, es fllt mir manches von ihnen ein,
und ich ermesse, wie ich ihnen ntzen kann oder wie berhaupt das
Allgemeine gefrdert werden mge. Sie sind im Ganzen ungebildete, aber
nicht ungelehrige Leute, wenn man sie nach ihrer Art nimmt und nicht
vorschnell in eine andere zwingen will. Sie sind dann meist auch
gutartig. Ich habe von ihnen manches fr mein Inneres gewonnen und
ihnen manchen ueren Vorteil verschafft. Sie ahmen nach, wenn sie
etwas durch lngere Erfahrung billigen. Man mu nur nicht ermden. Oft
haben sie mich zuerst verlacht und endlich dann doch nachgeahmt. In
Vielem verlachen sie mich noch, und ich ertrage es. Der Weg da durch
meine Felder ist ein krzerer, und da geht Mancher vorbei, wenn ich
auf der Bank sitze, er bleibt stehen, er redet mit mir, ich erteile
ihm Rat, und ich lerne aus seinen Worten. Meine Felder sind bereits
ertragfhiger gemacht worden als die ihrigen, das sehen sie, und das
ist bei ihnen der haltbarste Grund zu mancher Betrachtung. Nur die
Wiese, welche sich hinter unserem Rcken befindet, tiefer als die
Felder liegt und von einem kleinen Bache bewssert wird, habe ich
nicht so verbessern knnen, wie ich wollte; sie ist noch durch die
Erlengestruche und durch die Erlenstcke verunstaltet, die sich
am Saume des Bchleins befinden und selbst hie und da Sumpfstellen
veranlassen; aber ich kann die Sache im Wesentlichen nicht abndern,
weil ich die Erlengestruche und Erlenstcke zu anderen Dingen
notwendig brauche.

Um meine Frage nach dem Einzelnen seiner Nachbarn zu unterbrechen, die
er, wie ich jetzt einsah, nicht beantworten konnte, wenigstens nicht,
wie sie gestellt war, fragte ich ihn, ob denn zu seinem Anwesen nicht
auch Waldgrund gehre.

Allerdings, antwortete er, aber derselbe liegt nicht so nahe, als
es der Bequemlichkeit wegen wnschenswert wre; aber er liegt auch
entfernt genug, da die Schnheit und Anmut dieses Getreidehgels
nicht gestrt wird. Wenn ihr auf dem Wege nach Rohrberg fortgegangen
wret, statt zu unserem Hause heraufzusteigen, so wrdet ihr nach
einer halben Stunde Wanderns zu eurer Rechten dicht an der Strae die
Ecke eines Buchenwaldes gefunden haben, um welche die Strae herum
geht. Diese Ecke erhebt sich rasch, erweitert sich nach rckwrts,
wohin man von der Strae nicht sehen kann, und gehrt einem Walde an,
der weit in das Land hinein geht. Man kann von hier aus ein groes
Stck sehen. Dort links von dem Felde, auf welchem die junge Gerste
steht.

Ich kenne den Wald recht gut, sagte ich, er schlingt sich um eine
Hhe und berhrt die Strae nur mit einem Stcke; aber wenn man ihn
betritt, lernt man seine Gre kennen. Es ist der Alizwald. Er hat
mchtige Buchen und Ahorne, die sich unter die Tannen mischen. Die
Aliz geht von ihm in die Agger. An der Aliz stehen beiderseits hohe
Felsen mit seltenen Krutern, und von ihnen geht gegen Mittag ein
Streifen Landes mit den allerstrksten Buchen talwrts.

Ihr kennt den Wald, sagte er.

Ja, erwiderte ich, ich bin schon in ihm gewesen. Ich habe dort die
grte Doppelbuche gezeichnet, die ich je gesehen, ich habe Pflanzen
und Steine gesammelt und die Felsenlagen betrachtet.

Jener Waldstreifen, der mit den starken Buchen bestanden ist, und
noch mehreres Land jenes Waldes gehrt zu diesem Anwesen, sagte mein
Beherberger. Es ist weiter von da gegen Mittag auch ein Bergbhel
unser, auf dem stellenweise die Birke sehr verkrppelt vorkommt,
welche zum Brennen wenig taugt, aber Holz zu feinen Arbeiten gibt.

Ich kenne den Bhel auch, sagte ich, dort geht der Granit zu Ende,
aus dem der ganze mitternchtliche Teil unseres Landes besteht, und
es beginnt gegen Mittag zu nach und nach der Kalk, der endlich in den
hchsten Gebirgen die Landesgrenze an der Mittagseite macht.

Ja, der Bhel ist der sdlichste Granitblock, sagte mein Begleiter,
er bersetzt sogar die Wsser. Wir knnen hier trotz des Duftes
der Wolken hie und da die Grenze sehen, in der sich der Granit
abschneidet.

Dort ist die Klamspitze, sagte er, die noch Granit hat, rechts der
Gaisbhl, dann die Asser, der Losen und zuletzt die Grumhaut, die noch
zu sehen ist.

Ich stimmte in allem bei.


Der Abend kam indessen immer nher und nher, und der Nachmittag war
bedeutend vorgerckt.

Das Gewitter an dem Himmel war mir aber endlich besonders merkwrdig
geworden.

Ich hatte den Ausbruch desselben, als ich den Hgel zu dem weien
Hause empor stieg, um eine Unterkunft zu suchen, in kurzer Zeit
erwartet; und nun waren Stunden vergangen und es war noch immer
nicht ausgebrochen. ber den ganzen Himmel stand es unbeweglich. Die
Wolkendecke war an manchen Stellen fast finster geworden und Blitze
zuckten aus diesen Stellen bald hher, bald tiefer hervor. Der Donner
folgte in ruhigem, schwerem Rollen auf diese Blitze; aber in der
Wolkendecke zeigte sich kein Zusammensammeln zu einem einzigen
Gewitterballen, und es war kein Anschicken zu einem Regen.

Ich sagte endlich zu meinem Nachbar, indem ich auf die Mnner
zeigte, welche weiter unten in der Niederung, in welcher die
Wirtschaftsgebude lagen, Gras machten: Diese scheinen auch auf kein
Gewitter und auf kein gewhnliches Nachregnen fr den morgigen Tag
zu rechnen, weil sie jetzt Gras mhen, das ihnen in der Nacht ein
tchtiger Regen durchnssen oder morgen eine krftige Sonne zu Heu
trocknen kann.

Diese wissen gar nichts von dem Wetter, sagte mein Begleiter, und
sie mhen das Gras nur, weil ich es so angeordnet habe.

Das waren die einzigen Worte, die er ber das Wetter gesprochen hatte.
Ich veranlate ihn auch nicht zu mehreren.

Wir gingen von diesem Feldersitze, auf dem wir nun schon eine Weile
gesessen waren, nicht mehr weiter von dem Hause weg, sondern, nachdem
wir uns erhoben hatten, schlug mein Begleiter wieder den Rckweg ein.

Wir gingen auf demselben Wege zurck, auf dem wir gekommen waren.

Die Donner erschallten nun sogar lauter und verkndeten sich bald an
dieser Stelle des Himmels, bald an jener.

Als wir wieder in den Garten eingetreten waren, als mein Begleiter das
Pfrtchen hinter sich geschlossen hatte, und als wir von dem groen
Kirschbaume bereits abwrts gingen, sagte er zu mir: Erlaubt, da ich
nach dem Knaben rufe und ihm etwas befehle.

Ich stimmte sogleich zu, und er rief gegen eine Stelle des Gebsches:
Gustav!

Der Knabe, den ich im Heraufgehen gesehen hatte, kam fast an der
nehmlichen Stelle des Gartens zum Vorscheine, an welcher er frher
herausgetreten war. Da er jetzt lnger vor uns stehen blieb, konnte
ich ihn genauer betrachten. Sein Angesicht erschien mir sehr rosig
und schn, und besonders einnehmend zeigten sich die groen schwarzen
Augen unter den braunen Locken, die ich schon frher beobachtet hatte.

Gustav, sagte mein Begleiter, wenn du noch an deinem Tische oder
sonst irgendwo in dem Garten bleiben willst, so erinnere dich an das,
was ich dir ber Gewitter gesagt habe. Da die Wolken ber den ganzen
Himmel stehen, so wei man nicht, wann berhaupt ein Blitz auf die
Erde niederfhrt und an welcher Stelle er sie treffen wird. Darum
verweile unter keinem hheren Baume. Sonst kannst du hier bleiben,
wie du willst. Dieser Herr bleibt heute bei uns, und du wirst zur
Abendspeisestunde in dem Speisezimmer eintreffen.

Ja, sagte der Knabe, verneigte sich und ging wieder auf einem
Sandwege in die Gestruche des Gartens zurck.

Dieser Knabe ist mein Pflegesohn, sagte mein Begleiter, er ist
gewohnt, zu dieser Tageszeit einen Spaziergang mit mir zu machen,
darum kam er, da wir bei dem Kirschbaume saen, von seinem
Arbeitstische, den er im Garten hat, zu uns empor, um mich zu suchen;
allein da er sah, da ein Fremder da sei, ging er wieder an seine
Stelle zurck.

Mir, der ich mich an den einfachen, folgerichtigen Ausdruck gewhnt
hatte, fiel es jetzt abermals auf, da mein Begleiter, der, wenn er
von seinen Feldern redete, fast immer den Ausdruck unser gebraucht
hatte, nun, da er von seinem Pflegesohne sprach, den Ausdruck mein
whlte, da er doch, wenn er etwa seine Gattin einbezog, jetzt auch das
Wort unser gebrauchen sollte.


Als wir von dem Rasengrunde hinab gekommen waren und den bepflanzten
Garten betreten hatten, gingen wir in ihm auf einem anderen Wege
zurck als auf dem wir herauf gegangen waren.

Auf diesem Wege sah ich nun, da der Besitzer des Gartens auch
Weinreben in demselben zog, obwohl das Land der Pflege dieses
Gewchses nicht ganz gnstig ist. Es waren eigene dunkle Mauern
aufgefhrt, an denen die Reben mittelst Holzgittern empor geleitet
wurden. Durch andere Mauern wurden die Winde abgehalten. Gegen Mittag
allein waren die Stellen offen. So sammelte er die Hitze und gewhrte
Schutz. Auch Pfirsiche zog er auf dieselbe Weise, und aus den Blttern
derselben schlo ich auf sehr edle Gattungen.

Wir gingen hier an groen Linden vorber, und in ihrer Nhe erblickte
ich ein Bienenhaus.

Von dem Gewchshause sah ich auf dem Rckwege wohl die Lngenseite,
konnte aber nichts Nheres erkennen, weil mein Begleiter den Weg zu
ihm nicht einschlug. Ich wollte ihn auch nicht eigens darum ersuchen:
ich vermutete, da er mich zu seiner Familie fhren wrde.

Da wir an dem Hause angekommen waren, geleitete er mich bei dem
gemeinschaftlichen Eingange desselben hinein, fhrte mich ber eine
gewhnliche Sandsteintreppe in das erste Stockwerk und ging dort mit
mir einen Gang entlang, in dem viele Tren waren. Eine derselben
ffnete er mit einem Schlssel, den er schon in seiner Tasche in
Bereitschaft hatte, und sagte: Das ist euer Zimmer, solange ihr in
diesem Hause bleibt. Ihr knnt jetzt in dasselbe eintreten oder es
verlassen, wie es euch gefllt. Nur msset ihr um acht Uhr wieder da
sein, zu welcher Stunde ihr zum Abendessen werdet geholt werden. Ich
mu euch nun allein lassen. In dem Wartezimmer habt ihr heute in
Humboldts Reisen gelesen, ich habe das Buch in dieses Zimmer legen
lassen. Wnschet ihr fr jetzt oder fr den Abend noch irgend ein
Buch, so nennt es, da ich sehe, ob es in meiner Bchersammlung
enthalten ist.

Ich lehnte das Anerbieten ab und sagte, da ich mit dem Vorhandenen
schon zufrieden sei, und wenn ich mich auer Humboldt mit noch andern
Buchstaben beschftigen wolle, so habe ich in meinem Rnzchen schon
Vorrat, um teils etwas mit Bleifeder zu schreiben, teils frher
Geschriebenes durchzulesen und zu verbessern, welche Beschftigung ich
auf meinen Wanderungen hufig Abends vornehme.

Er verabschiedete sich nach diesen Worten, und ich ging zur Tr
hinein.

Ich bersah mit einem Blicke das Zimmer. Es war ein gewhnliches
Fremdenzimmer, wie man es in jedem greren Hause auf dem Lande hat,
wo man zuweilen in die Lage kmmt, Herberge erteilen zu mssen. Die
Gerte waren weder neu, noch nach der damals herrschenden Art gemacht,
sondern aus verschiedenen Zeiten, aber nicht unangenehm ins Auge
fallend. Die berzge der Sessel und des Ruhebettes waren gepretes
Leder, was man damals schon selten mehr fand. Eine gesellige Zugabe,
die man nicht hufig in solchen Zimmern findet, war eine altertmliche
Pendeluhr in vollem Gange. Mein Rnzlein und mein Stock lagen, wie der
Mann gesagt hatte, schon in diesem Zimmer.

Ich setzte mich nieder, nahm nach einer Weile mein Rnzlein, ffnete
es und bltterte in den Papieren, die ich daraus hervor genommen
hatte, und schrieb gelegentlich in denselben.

Da endlich die Dmmerung gekommen war, stand ich auf, ging gegen eines
der beiden offenstehenden Fenster, lehnte mich hinaus und sah herum.
Es war wieder Getreide, das ich vor mir auf dem sachte hinabgehenden
Hgel erblickte. Am Morgen dieses Tages, da ich von meiner
Nachtherberge aufgebrochen war, hatte ich auch Getreide rings um mich
gesehen; aber dasselbe war in einem lustigen Wogen begriffen gewesen,
whrend dieses reglos und unbewegt war wie ein Heer von lockeren
Lanzen. Vor dem Hause war der Sandplatz, den ich bei meiner Ankunft
schon gesehen und betreten hatte. Meine Fenster gingen also auf der
Seite der Rosenwand heraus. Von dem Garten tnte noch schwaches
Vogelgezwitscher herber, und der Duft von den Tausenden der Rosen
stieg wie eine Opfergabe zu mir empor.

An dem Himmel, dessen Dmmerung heute viel frher gekommen war, hatte
sich eine Vernderung eingefunden. Die Wolkendecke war geteilt, die
Wolken standen in einzelnen Stcken gleichsam wie Berge an dem Gewlbe
herum, und einzelne reine Teile blickten zwischen ihnen heraus. Die
Blitze aber waren strker und hufiger, die Donner klangen heller und
krzer.


Als ich eine Weile bei dem Fenster hinaus gesehen hatte, hrte ich ein
Pochen an meiner Tr, eine Magd trat herein und meldete, da man mich
zum Abendessen erwarte. Ich legte meine Papiere auf das Tischchen, das
neben meinem Bette stand, legte den Humboldt darauf und folgte der
Magd, nachdem ich die Tr hinter mir gesperrt hatte. Sie fhrte mich
in das Speisezimmer.

Bei dem Eintritte sah ich drei Personen: den alten Mann, der mit mir
den Spaziergang gemacht hatte, einen andern, ebenfalls ltlichen Mann,
der durch nichts besonders auffiel als durch seine Kleidung, welche
einen Priester verriet, und den Pflegesohn des Hausbesitzers in seinem
blaugestreiften Linnengewande.

Der Herr des Hauses stellte mich dem Priester vor, indem er sagte:
Das ist der hochwrdige Pfarrer von Rohrberg, der ein Gewitter
frchtet und deshalb diese Nacht in unserm Hause zubringen wird, und
dann auf mich weisend fgte er bei: Das ist ein fremder Reisender,
der auch heute unser Dach mit uns teilen wird.

Nach diesen Worten und nach einem kurzen stummen Gebete setzten wir
uns zu dem Tische an unsere angewiesenen Pltze. Das Abendessen war
sehr einfach. Es bestand aus Suppe, Braten und Wein, zu welchem, wie
zu dem an meinem Mittagsmahle, verkleinertes Eis gestellt wurde.
Dieselbe Magd, welche mir mein Mittagessen gebracht hatte, bediente
uns. Ein mnnlicher Diener kam nicht in das Zimmer. Der Pfarrer und
mein Gastfreund sprachen fter Dinge, die die Gegend betrafen, und ich
ward gelegentlich einbezogen, wenn es sich um Allgemeineres handelte.
Der Knabe sprach gar nicht.

Die Dunkelheit des Abends wurde endlich so stark, da die Kerzen,
welche frher mit der Dmmerung gekmpft hatten, nun vollkommen die
Herrschaft behaupteten, und die schwarzen Fenster nur zeitweise durch
die hereinleuchtenden Blitze erhellt wurden.

Da das Essen beendet war und wir uns zur Trennung anschickten, sagte
der Hauswirt, da er den Pfarrer und mich ber die nhere Treppe in
unser Zimmer fhren wrde. Wir nahmen jeder eine Wachskerze, die
uns angezndet von der Magd gereicht wurde, whrend dessen sich der
Knabe Gustav empfahl und durch die gewhnliche Tr entfernte. Der
Hauseigentmer fhrte uns bei der Tr hinaus, bei der ich zuerst
herein gekommen war. Wir befanden uns drauen in dem schnen
Marmorgange, von dem eine gleiche Marmortreppe emporfhrte. Wir
durften die Filzschuhe nicht anziehen, weil jetzt ber den Gang und
die Treppe ein Tuchstreifen lag, auf dem wir gingen. In der Mitte der
Treppe, wo sie einen Absatz machte, gleichsam einen erweiterten Platz
oder eine Stiegenhalle, stand eine Gestalt aus weiem Marmor auf einem
Gestelle. Durch ein paar Blitze, die eben jetzt fielen und das Haupt
und die Schultern der Marmorgestalt noch rter beschienen, als es
unsere Kerzen konnten, ersah ich, da der Platz und die Treppe von
oben herab durch eine Glasbedeckung ihre Beleuchtung empfangen muten.

Als wir an das Ende der Treppe gelangt waren, wendete sich der
Hauswirt mit uns durch eine Tr links, und wir befanden uns in jenem
Gange, in welchem mein Zimmer lag. Es war der Gang der Gastzimmer, wie
ich nun zu erkennen vermeinte. Unser Gastfreund bezeichnete eines als
das des Pfarrers und fhrte mich zu dem meinigen.

Als wir in dasselbe getreten waren, fragte er mich, ob ich zu meiner
Bequemlichkeit noch etwas wnsche, besonders, ob mir Bcher aus seinem
Bcherzimmer genehm wren.

Als ich sagte, da ich keinen Wunsch habe und bis zum Schlafen schon
Beschftigung finden wrde, antwortete er: Ihr seid in eurem Gemache
und in eurem Rechte. Schlummert denn recht wohl.

Ich wnsche euch auch eine gute Nacht, erwiderte ich, und sage euch
Dank fr die Mhe, die ihr heute mit mir gehabt habet.

Es war keine Mhe, antwortete er, denn sonst htte ich sie mir ja
ersparen knnen, wenn ich euch gar nicht zu Nacht geladen htte.

So ist es, antwortete ich.

Erlaubt, sagte er, indem er ein kleines Wachskerzchen hervorzog und
an meinem Lichte anzndete.

Nachdem er dieses Geschft vollbracht hatte, verbeugte er sich, was
ich erwiderte, und ging auf den Gang hinaus.


Ich schlo hinter ihm die Tr, legte meinen Rock ab und lftete mein
Halstuch, weil, obgleich es schon spt war, die ruhige Nacht noch
immer eine groe Hitze und Schwle in sich hegte. Ich ging einige
Male in dem Zimmer hin und her, trat dann an ein Fenster, lehnte mich
hinaus und betrachtete den Himmel. So viel die Dunkelheit und die
noch immer hell leuchtenden Blitze erkennen lieen, war die Gestalt
der Dinge dieselbe, wie sie am Abend vor dem Speisen gewesen war.
Wolkentrmmer standen an dem Himmel und, wie die Sterne zeigten, waren
zwischen ihnen reine Stellen. Zu Zeiten fuhr ein Blitz aus ihnen ber
den Getreidehgel und die Wipfel der unbewegten Bume, und der Donner
rollte ihm nach.

Als ich eine Weile die freie Luft genossen hatte, schlo ich mein
Fenster, schlo auch das andere und begab mich zur Ruhe.

Nachdem ich noch eine Zeit lang, wie es meine Gewohnheit war, in
dem Bette gelesen und mitunter sogar mit Bleifeder etwas in meine
Schriften geschrieben hatte, lschte ich das Licht aus und richtete
mich zum Schlafen.

Ehe der Schlummer vllig meine Sinne umfing, hrte ich noch, wie sich
drauen ein Wind erhob und die Wipfel der Bume zu starkem Rauschen
bewegte. Ich hatte aber nicht mehr genug Kraft, mich zu ermannen,
sondern entschlief gleich darauf vllig.

Ich schlief recht ruhig und fest.

Als ich erwachte, war mein Erstes, zu sehen, ob es geregnet habe. Ich
sprang aus dem Bette und ri die Fenster auf. Die Sonne war bereits
aufgegangen, der ganze Himmel war heiter, kein Lftchen rhrte sich,
aus dem Garten tnte das Schmettern der Vgel, die Rosen dufteten und
die Erde zu meinen Fen war vollkommen trocken. Nur der Sand war
ein wenig gegen das Grn des begrenzenden Rasens gefegt worden, und
ein Mann war beschftigt, ihn wieder zu ebnen und in ein gehriges
Gleichgewicht zu bringen.

Also hatte mein Gegner Recht gehabt, und ich war begierig, zu
erfahren, aus welchen Grnden er seine Gewiheit, die er so sicher
gegen mich behauptet hatte, geschpft und wie er diese Grnde entdeckt
und erforscht habe.

Um das recht bald zu erfahren und meine Abreise nicht so lange zu
verzgern, beschlo ich, mich anzukleiden und meinen Gastherrn
ungesumt aufzusuchen.

Als ich mit meinem Anzuge fertig, war und mich in das Speisezimmer
hinab begeben hatte, fand ich dort eine Magd mit den Vorbereitungen zu
dem Frhmahle beschftigt und fragte nach dem Herrn.

Er ist in dem Garten auf der Ftterungstenne, sagte sie.

Und wo ist die Ftterungstenne, wie du es nennst? sprach ich.

Gleich hinter dem Hause und nicht weit von den Glashusern,
erwiderte sie.

Ich ging hinaus und schlug die Richtung gegen das Gewchshaus ein.

Vor demselben fand ich meinen Gastfreund auf einem Sandplatze. Es war
derselbe Platz, von dem aus ich schon gestern das Gewchshaus mit
seiner schmalen Seite und dem kleinen Schornsteine gesehen hatte.
Diese Seite war mit Rosen bekleidet, da das Haus wie ein zweites,
kleines Rosenhuschen hervor sah. Mein Gastfreund war in einer
seltsamen Beschftigung begriffen. Eine Unzahl Vgel befand sich vor
ihm auf dem Sande. Er hatte eine Art von lnglichem geflochtenem
Korbdeckel in der Hand und streuete aus demselben Futter unter die
Vgel. Er schien sich daran zu ergtzen, wie sie pickten, sich
berkletterten, berstrzten und kollerten, wie die gesttigten davon
flogen und wieder neue herbei schwirrten. Ich erkannte es nun endlich,
da auer den gewhnlichen Gartenvgeln auch solche da waren, die mir
sonst nur von tiefen und weit abgelegenen Wldern bekannt waren. Sie
erschienen gar nicht so scheu, als ich mit allem Rechte vermuten
mute. Sie trauten ihm vollkommen. Er stand wieder barhuptig da, so
da es mir schien, da er diese Sitte liebe, da er auch gestern auf
dem Spaziergange seine so leichte Kopfbedeckung eingesteckt hatte.
Seine Gestalt war vorgebeugt und die schlichten, aber vollen weien
Haare hingen an seinen Schlfen herab. Sein Anzug war auch heute
wieder sonderbar. Er hatte wie gestern eine Art Jacke an, die fast bis
auf die Knie hinab reichte. Sie war weilich, hatte jedoch ber die
Brust und den Rcken hinab einen rtlichbraunen Streifen, der fast
einen halben Fu breit war, als wre die Jacke aus zwei Stoffen
verfertigt worden, einem weien und einem roten. Beide Stoffe aber
zeigten ein hohes Alter; denn das Wei war gelblichbraun und das
Rot zu Purpurbraun geworden. Unter der Jacke sah eine unscheinbare
Fubekleidung hervor, die mit Schnallenschuhen endete.

Ich blieb hinter seinem Rcken in ziemlicher Entfernung stehen, um ihn
nicht zu stren und die Vgel nicht zu verscheuchen.

Als er aber seinen Korb geleert hatte und seine Gste fortgeflogen
waren, trat ich nher. Er hatte sich eben umgewendet, um
zurckzugehen, und da er mich erblickte, sagte er: Seid ihr schon
ausgegangen? Ich hoffe, da ihr gut geschlafen habt.

Ja, ich habe sehr gut geschlafen, erwiderte ich, ich habe noch den
Wind gehrt, der sich gestern Abends erhoben hat, was weiter geschehen
ist, wei ich nicht; aber das wei ich, da heute die Erde trocken ist
und da ihr Recht gehabt habet.

Ich glaube, da nicht ein Tropfen auf diese Gegend vom Himmel
gefallen ist, antwortete er.

Wie das Aussehen der Erde zeigt, glaube ich es auch, erwiderte ich;
aber nun mt ihr mir auch wenigstens zum Teile sagen: woher ihr
dies so gewi wissen konntet und wie ihr euch diese Kenntnis erworben
habt; denn das mt ihr zugestehen, da sehr viele Zeichen gegen euch
waren.

Ich will euch etwas sagen, antwortete er, die Darlegung der Sache,
die ihr da verlangt, drfte etwas lang werden, da ich sie euch, der
sich mit Wissenschaften beschftigt, doch nicht oberflchlich geben
kann: verspreche mir, den heutigen Tag und die Nacht noch bei uns
zuzubringen, da kann ich euch nicht nur dieses sagen, sondern noch
vieles Andere, ihr knnt Verschiedenes anschauen, und ihr knnt mir
von eurer Wissenschaft erzhlen.

Dieses offen und freundlich gemachte Anerbieten konnte ich nicht
ausschlagen, auch erlaubte mir meine Zeit recht gut, nicht nur einen,
sondern mehrere Tage zu einer Nebenbeschftigung zu verwenden. Ich
gebrauchte daher die gewhnliche Redeweise von Nichtlstigfallenwollen
und sagte unter dieser Bedingung zu.

Nun so geht mit mir zuerst zu einem Frhmahle, das ich mit euch
teilen will, sagte er, der Herr Pfarrer von Rohrberg hat uns schon
vor Tagesanbruch verlassen, um zu rechter Zeit in seiner Kirche zu
sein, und Gustav ist bereits zu seiner Arbeit gegangen.

Mit diesen Worten wendeten wir uns auf den Rckweg zu dem Hause. Als
wir dort angekommen waren, gab er das, was ich Anfangs fr einen
Korbdeckel gehalten hatte, was aber ein eigens geflochtenes, sehr
flaches und lngliches Ftterungskrbchen war, einer Magd, da sie es
auf seinen Platz lege, und wir gingen in das Speisezimmer.

Whrend des Frhmahles sagte ich: Ihr habt selbst davon gesprochen,
da ich hier Verschiedenes anschauen knne, wre es denn zu
unbescheiden, wenn ich bte, von dem Hause und dessen Umgebung Manches
nher besehen zu drfen. Es ist eine der lieblichsten Lagen, in der
dieses Anwesen liegt, und ich habe bereits so Vieles davon gesehen,
was meine Aufmerksamkeit aufregte, da der Wunsch natrlich ist, noch
Mehreres besehen zu drfen.

Wenn es euch Vergngen macht, unser Haus und einiges Zubehr zu
besehen, antwortete er, so kann das gleich nach dem Frhmahle
geschehen, es wird nicht viele Zeit in Anspruch nehmen, da das Gebude
nicht so gro ist. Es wird sich dann auch das, was wir noch zu reden
haben, natrlicher und verstndlicher ergeben.

Ja freilich, sagte ich, macht es mir Vergngen.

Wir schritten also nach dem Frhmahle zu diesem Geschfte.

Er fhrte mich ber die Treppe, auf welcher die weie Marmorgestalt
stand, hinauf. Heute fiel statt des roten zerstreuten Lichtes der
Kerzen und der Blitze von der vergangenen Nacht das stille weie
Tageslicht auf sie herab und machte die Schultern und das Haupt in
sanftem Glanze sich erhellen. Nicht nur die Treppe war in diesem
Stiegenhause von Marmor, sondern auch die Bekleidung der Seitenwnde.
Oben schlo gewlbtes Glas, das mit feinem Drahte berspannt war, die
Rume. Als wir die Treppe erstiegen hatten, ffnete mein Gastfreund
eine Tr, die der gegenber war, die zu dem Gange der Gastzimmer
fhrte. Die Tr ging in einen groen Saal. Auf der Schwelle, an der
der Tuchstreifen, welcher ber die Treppe empor lag, endete, standen
wieder Filzschuhe. Da wir jeder ein Paar derselben angezogen hatten,
gingen wir in den Saal. Er war eine Sammlung von Marmor. Der Fuboden
war aus dem farbigsten Marmor zusammengestellt, der in unseren
Gebirgen zu finden ist. Die Tafeln griffen so ineinander, da eine
Fuge kaum zu erblicken war, der Marmor war sehr fein geschliffen und
geglttet, und die Farben waren so zusammengestellt, da der Fuboden
wie ein liebliches Bild zu betrachten war. berdies glnzte und
schimmerte er noch in dem Lichte, das bei den Fenstern hereinstrmte.
Die Seitenwnde waren von einfachen, sanften Farben. Ihr Sockel war
mattgrn, die Haupttafeln hatten den lichtesten, fast weien Marmor,
den unsere Gebirge liefern, die Flachsulen waren schwach rot und die
Simse, womit die Wnde an die Decke stieen, waren wieder aus schwach
Grnlich und Wei zusammengestellt, durch welche ein Gelb wie schne
Goldleisten lief. Die Decke war blagrau und nicht von Marmor, nur
in der Mitte derselben zeigte sich eine Zusammenstellung von roten
Amoniten, und aus derselben ging die Metallstange nieder, welche in
vier Armen die vier dunkeln, fast schwarzen Marmorlampen trug, die
bestimmt waren, in der Nacht diesen Raum beleuchten zu knnen. In dem
Saale war kein Bild, kein Stuhl, kein Gerte, nur in den drei Wnden
war jedesmal eine Tr aus schnem, dunklem Holze eingelegt, und in der
vierten Wand befanden sich die drei Fenster, durch welche der Saal bei
Tag beleuchtet wurde. Zwei davon standen offen, und zu dem Glanze des
Marmors war der Saal auch mit Rosenduft erfllt.

Ich drckte mein Wohlgefallen ber die Einrichtung eines solchen
Zimmers aus; den alten Mann, der mich begleitete, schien dieses
Vergngen zu erfreuen, er sprach aber nicht weiter darber.

Aus diesem Saale fhrte er mich durch eine der Tren in eine Stube,
deren Fenster in den Garten gingen.

Das ist gewissermaen mein Arbeitszimmer, sagte er, es hat auer am
frhen Morgen nicht viel Sonne, ist daher im Sommer angenehm, ich lese
gerne hier oder schreibe oder beschftige mich sonst mit Dingen, die
Anteil einflen.


Ich dachte mit Lebhaftigkeit, ich knnte sagen mit einer Art Sehnsucht
auf meinen Vater, da ich diese Stube betreten hatte. In ihr war nichts
mehr von Marmor, sie war wie unsere gewhnlichen Stuben; aber sie war
mit altertmlichen Gerten eingerichtet, wie sie mein Vater hatte und
liebte. Allein die Gerte erschienen mir so schn, da ich glaubte,
nie etwas ihnen hnliches gesehen zu haben. Ich unterrichtete meinen
Gastfreund von der Eigenschaft meines Vaters und erzhlte ihm in
Kurzem von den Dingen, welche derselbe besa. Auch bat ich, die Sachen
nher betrachten zu drfen, um meinem Vater nach meiner Zurckkunft
von ihnen erzhlen und sie ihm, wenn auch nur notdrftig, beschreiben
zu knnen. Mein Begleiter willigte sehr gerne in mein Begehren. Es war
vor allem ein Schreibschrein, welcher meine Aufmerksamkeit erregte,
weil er nicht nur das grte, sondern wahrscheinlich auch das schnste
Stck des Zimmers war. Vier Delphine, welche sich mit dem Unterteil
ihrer Hupter auf die Erde sttzten und die Leiber in gewundener
Stellung emporstreckten, trugen den Krper des Schreines auf diesen
gewundenen Leibern. Ich glaubte Anfangs, die Delphine seien aus Metall
gearbeitet, mein Begleiter sagte mir aber, da sie aus Lindenholz
geschnitten und nach mittelalterlicher Art zu dem gelblich grnlichen
Metalle hergerichtet waren, dessen Verfertigung man jetzt nicht mehr
zuwege bringt. Der Krper des Schreines hatte eine allseitig gerundete
Arbeit mit sechs Fchern. ber ihm befand sich das Mittelstck, das in
einer guten Schwingung flach zurckging und die Klappe enthielt, die
geffnet zum Schreiben diente. Von dem Mittelstcke erhob sich der
Aufsatz mit zwlf geschwungenen Fchern und einer Mitteltr. An den
Kanten des Aufsatzes und zu beiden Seiten der Mitteltr befanden sich
als Sulen vergoldete Gestalten. Die beiden grten zu den Seiten der
Tr waren starke Mnner, die die Hauptsimse trugen. Ein Schildchen,
das sich auf ihrer Brust ffnete, legte die Schlsselffnungen dar.
Die zwei Gestalten an den vorderen Seitenkanten waren Meerfrulein,
die in bereinstimmung mit den Tragfischen jedes in zwei Fischenden
ausliefen. Die zwei letzten Gestalten an den hintern Seitenkanten
waren Mdchen in faltigen Gewndern. Alle Leiber der Fische sowohl als
der Sulen erschienen mir sehr natrlich gemacht. Die Fcher hatten
vergoldete Knpfe, an denen sie herausgezogen werden konnten. Auf
der achteckigen Flche dieser Knpfe waren Brustbilder geharnischter
Mnner oder geputzter Frauenzimmer eingegraben. Die Holzbelegung auf
dem ganzen Schrein war durchaus eingelegte Arbeit. Ahornlaubwerk
in dunkeln Nuholzfeldern, umgeben von geschlungenen Bndern und
geflammtem Erlenholze.

Die Bnder waren wie geknitterte Seide, was daher kam, da sie aus
kleinem, feingestreiftem, vielfarbigem Rosenholz senkrecht auf die
Achse eingelegt waren. Die eingelegte Arbeit befand sich nicht blo,
wie es hufig bei derlei Gerten der Fall ist, auf der Daransicht,
sondern auch auf den Seitenteilen und den Friesen der Sulen.

Mein Begleiter stand neben mir, als ich diesem Gerte meine
Aufmerksamkeit widmete, und zeigte mir Manches und erklrte mir auf
meine Bitte Dinge, die ich nicht verstand.

Auch eine andere Beobachtung machte ich, da ich mich in diesem Zimmer
befand, die meine Geistesttigkeit in Anspruch nahm. Es kam mir
nehmlich vor, da der Anzug meines Begleiters nicht mehr so seltsam
sei, als er mir gestern und als er mir heute erschienen war, da
ich ihn auf dem Ftterungsplatze gesehen hatte. Bei diesen Gerten
erschien er mir eher als zustimmend und hieher gehrig, und ich begann
die Vermutung zu hegen, da ich vielleicht noch diesen Anzug billigen
werde und da der alte Mann in dieser Hinsicht verstndiger sein
drfte als ich.

Auer dem Schreibschreine erregten noch zwei Tische meine
Aufmerksamkeit, die an Gre gleich waren und auch sonst gleiche
Gestalt hatten, sich aber nur darin unterschieden, da jeder auf
seiner Platte eine andere Gestaltung trug. Sie hatten nehmlich jeder
ein Schild auf der Platte, wie es Ritter und adeliche Geschlechter
fhrten, nur waren die Schilde nicht gleich. Aber auf beiden Tischen
waren sie umgeben und verschlungen mit Laubwerk, Blumen- und
Pflanzenwerk, und nie habe ich die leinen Fden der Halme, der
Pflanzenbrte und der Getreidehren zarter gesehen als hier, und doch
waren sie von Holz in Holz eingelegt. Die brige Gertschaft waren
hochlehnige Sessel mit Schnitzwerk, Flechtwerk und eingelegter Arbeit,
zwei geschnitzte Sitzbnke, die man im Mittelalter Gesiedel geheien
hatte, geschnitzte Fahnen mit Bildern und endlich zwei Schirme von
gespanntem und gepretem Leder, auf welchem Blumen, Frchte, Tiere,
Knaben und Engel aus gemaltem Silber angebracht waren, das wie
farbiges Gold aussah. Der Fuboden des Zimmers war gleich den Gerten
aus Flchen alter eingelegter Arbeit zusammengestellt. Wir hatten
wahrscheinlich wegen der Schnheit dieses Bodens bei dem Eintritte in
diese Stube die Filzschuhe an unsern Fen behalten.

Obwohl der alte Mann gesagt hatte, da dieses Zimmer sein
Arbeitszimmer sei, so waren doch keine unmittelbaren Spuren von Arbeit
sichtbar. Alles schien in den Laden verschlossen oder auf seinen Platz
gestellt zu sein.

Auch hier war mein Begleiter, als ich meine Freude ber dieses Zimmer
aussprach, nicht sehr wortreich, genau so wie in dem Marmorsaale;
aber gleichwohl glaubte ich das Vergngen ihm von seinem Angesicht
herablesen zu knnen.

Das nchste Zimmer war wieder ein altertmliches. Es ging gleichfalls
auf den Garten. Sein Fuboden war wie in dem vorigen eingelegte
Arbeit, aber auf ihm standen drei Kleiderschreine und das Zimmer war
ein Kleiderzimmer. Die Schreine waren gro, altertmlich eingelegt und
jeder hatte zwei Flgeltren. Sie erschienen mir zwar minder schn
als das Schreibgerste im vorigen Zimmer, aber doch auch von groer
Schnheit, besonders der mittlere, grte, der eine vergoldete
Bekrnung trug und auf seinen Hohltren ein sehr schnes Schild-,
Laub- und Bnderwerk zeigte. Auer den Schreinen waren nur noch Sthle
da und ein Gestelle, welches dazu bestimmt schien, gelegentlich
Kleider darauf zu hngen. Die inneren Seiten der Zimmertren waren
ebenfalls zu den Gerten stimmend und bestanden aus Simswerk und
eingelegter Arbeit.

Als wir dieses Zimmer verlieen, legten wir die Filzschuhe ab.

Das nchste Zimmer, gleichfalls auf den Garten gehend, war das
Schlafgemach. Es enthielt Gerte neuer Art, aber doch nicht ganz in
der Gestaltung, wie ich sie in der Stadt zu sehen gewohnt war. Man
schien hier vor Allem auf Zweckmigkeit gesehen zu haben. Das Bett
stand mitten im Zimmer und war mit dichten Vorhngen umgeben. Es war
sehr nieder und hatte nur ein Tischchen neben sich, auf dem Bcher
lagen, ein Leuchter und eine Glocke standen und sich Gerte befanden,
Licht zu machen. Sonst waren die Gerte eines Schlafzimmers da,
besonders solche, die zum Aus- und Ankleiden und zum Waschen
behilflich waren. Die Innenseiten der Tren waren hier wieder zu den
Gerten stimmend.

An das Schlafgemach stie ein Zimmer mit wissenschaftlichen
Vorrichtungen, namentlich zu Naturwissenschaften. Ich sah Werkzeuge
der Naturlehre aus der neuesten Zeit, deren Verfertiger ich entweder
persnlich aus der Stadt kannte oder deren Namen, wenn die Gerte aus
andern Lndern stammten, mir dennoch bekannt waren. Es befanden sich
Werkzeuge zu den vorzglichsten Teilen der Naturlehre hier.

Auch waren Sammlungen von Naturkrpern vorhanden, vorzglich aus dem
Mineralreiche. Zwischen den Gerten und an den Wnden war Raum, mit
den vorhandenen Vorrichtungen Versuche anstellen zu knnen. Das Zimmer
war gleichfalls noch immer ein Gartenzimmer.

Endlich gelangten wir in das Eckzimmer des Hauses, dessen Fenster
teils auf den Hauptkrper des Gartens gingen, teils nach Nordwesten
sahen. Ich konnte aber die Bestimmung dieses Zimmers nicht erraten, so
seltsam kam es mir vor. An den Wnden standen Schreine aus geglttetem
Eichenholze mit sehr vielen kleinen Fchern. An diesen Fchern waren
Aufschriften, wie man sie in Spezereiverkaufsbuden oder Apotheken
findet. Einige dieser Aufschriften verstand ich, sie waren Namen von
Smereien oder Pflanzennamen. Die meisten aber verstand ich nicht.
Sonst war weder ein Stuhl noch ein anderes Gerte in dem Zimmer. Vor
den Fenstern waren wagrechte Brettchen befestigt, wie man sie hat,
um Blumentpfe darauf zu stellen; aber ich sah keine Blumentpfe
auf ihnen, und bei nherer Betrachtung zeigte sich auch, da sie zu
schwach seien, um Blumentpfe tragen zu knnen. Auch wren gewi
solche auf ihnen gestanden, wenn sie dazu bestimmt gewesen wren, da
ich in allen Zimmern, mit Ausnahme des Marmorsaales, an jedem nur
einiger Maen geeigneten Platze Blumen aufgestellt gesehen hatte.

Ich fragte meinen Begleiter nicht um den Zweck des Zimmers, und er
uerte sich auch nicht darber.


Wir gelangten nun wieder in die Gemcher, die an der Mittagseite des
Hauses lagen und ber den Sandplatz auf die Felder hinaus sahen.

Das erste nach dem Eckzimmer war ein Bcherzimmer. Es war gro und
gerumig und stand voll von Bchern. Die Schreine derselben waren
nicht so hoch, wie man sie gewhnlich in Bcherzimmern sieht, sondern
nur so, da man noch mit Leichtigkeit um die hchsten Bcher langen
konnte. Sie waren auch so flach, da nur eine Reihe Bcher stehen
konnte, keine die andere deckte und alle vorhandenen Bcher ihre
Rcken zeigten. Von Gerten befand sich in dem Zimmer gar nichts als
in der Mitte desselben ein langer Tisch, um Bcher darauf legen zu
knnen. In seiner Lade waren die Verzeichnisse der Sammlung. Wir
gingen bei dieser allgemeinen Beschauung des Hauses nicht nher auf
den Inhalt der vorhandenen Bcher ein.

Neben dem Bcherzimmer war ein Lesegemach. Es war klein und hatte nur
ein Fenster, das zum Unterschiede aller anderen Fenster des Hauses mit
grnseidenen Vorhngen versehen war, whrend die anderen grauseidne
Rollzge besaen. An den Wnden standen mehrere Arten von Sitzen,
Tischen und Pulten, so da fr die grte Bequemlichkeit der Leser
gesorgt war. In der Mitte stand, wie im Bcherzimmer, ein groer Tisch
oder Schrein - denn er hatte mehrere Laden -, der dazu diente, da man
Tafeln, Mappen, Landkarten und dergleichen auf ihm ausbreiten konnte.
In den Laden lagen Kupferstiche. Was mir in diesem Zimmer auffiel,
war, da man nirgends Bcher oder etwas, das an den Zweck des Lesens
erinnerte, herumliegen sah.

Nach dem Lesegemache kam wieder ein greres Zimmer, dessen Wnde mit
Bildern bedeckt waren. Die Bilder hatten lauter Goldrahmen, waren
ausschlielich lgemlde und reichten nicht hher, als da man sie
noch mit Bequemlichkeit betrachten konnte. Sonst hingen sie aber
so dicht, da man zwischen ihnen kein Stckchen Wand zu erblicken
vermochte. Von Gerten waren nur mehrere Sthle und eine Staffelei da,
um Bilder nach Gelegenheit aufstellen und besser betrachten zu knnen.
Diese Einrichtung erinnerte mich an das Bilderzimmer meines Vaters.

Das Bilderzimmer fhrte durch die dritte Tr des Marmorsaales wieder
in denselben zurck, und so hatten wir die Runde in diesen Gemchern
vollendet.

Das ist nun meine Wohnung, sagte mein Begleiter, sie ist nicht gro
und von auerordentlicher Bedeutung, aber sie ist sehr angenehm. In
dem anderen Flgel des Hauses sind die Gastzimmer, welche beinahe alle
dem gleichen, in welchem ihr heute Nacht geschlafen habt. Auch ist
Gustavs Wohnung dort, die wir aber nicht besuchen knnen, weil wir
ihn sonst in seinem Lernen stren wrden. Durch den Saal und ber die
Treppe knnen wir nun wieder in das Freie gelangen.

Als wir den Saal durchschritten hatten, als wir ber die Treppe
hinabgegangen und zu dem Ausgange des Hauses gekommen waren, legten
wir die Filzschuhe ab, und mein Begleiter sagte: Ihr werdet euch
wundern, da in meinem Hause Teile sind, in welchen man sich die
Unbequemlichkeit auflegen mu, solche Schuhe anzuziehen; aber es kann
mit Fug nicht anders sein, denn die Fubden sind zu empfindlich,
als da man mit gewhnlichen Schuhen auf ihnen gehen knnte, und die
Abteilungen, welche solche Fubden haben, sind ja auch eigentlich
nicht zum Bewohnen, sondern nur zum Besehen bestimmt, und endlich
gewinnt sogar das Besehen an Wert, wenn man es mit Beschwerlichkeit
erkaufen mu. Ich habe in diesen Zimmern gewhnlich weiche Schuhe mit
Wollsohlen an. In mein Arbeitszimmer kann ich auch ohne allen Umweg
gelangen, da ich in dasselbe nicht durch den Saal gehen mu, wie wir
jetzt getan haben, sondern da von dem Erdgeschosse ein Gang in das
Zimmer hinauffhrt, den ihr nicht gesehen haben werdet, weil seine
beiden Enden mit guten Tapetentren geschlossen sind. Der Pfarrer von
Rohrberg leidet an der Gicht und vertrgt heie Fe nicht, daher
belege ich fr ihn, wenn er anwesend ist, die Treppe oder die Zimmer
mit einem Streifen von Wollstoff, wie ihr es gestern gesehen habt.

Ich antwortete, da die Vorrichtung sehr zweckmig sei und da sie
berall angewendet werden mu, wo kunstreiche oder sonst wertvolle
Fubden zu schonen sind.

Da wir nun im Garten waren, sagte ich, indem ich mich umwendete und
das Haus betrachtete: Eure Wohnung ist nicht, wie ihr sagt, von
geringer Bedeutung. Sie wird, so viel ich aus der kurzen Besichtigung
entnehmen konnte, wenige ihres Gleichen haben. Auch hatte ich nicht
gedacht, da das Haus, wenn ich es so von der Strae aus sah, eine so
groe Rumlichkeit in sich htte.

So mu ich euch nun auch noch etwas anderes zeigen, erwiderte er,
folgt mir ein wenig durch jenes Gebsch.

Er ging nach diesen Worten voran, ich folgte ihm. Er schlug einen Weg
gegen dichtes Gebsch ein. Als wir dort angekommen waren, ging er auf
einem schmalen Pfade durch dessen Verschlingung fort. Endlich kamen
sogar hohe Bume, unter denen der Weg dahin lief. Nach einer Weile tat
sich ein anmutiger Rasenplatz vor uns auf, der wieder ein langes, aus
einem Erdgeschosse bestehendes Gebude trug. Es hatte viele Fenster,
die gegen uns hersahen. Ich hatte es frher weder von der Strae aus
erblickt noch von den Stellen des Gartens, auf denen ich gewesen war.
Vermutlich waren die Bume daran Schuld, die es umstanden.

Da wir uns nherten, ging ein feiner Rauch aus seinem Schornsteine
empor, obwohl, da es Sommer war, keine Einheizzeit, und da es noch so
frh am Vormittage war, keine Kochzeit die Ursache davon sein konnte.
Als wir nher kamen, hrte ich in dem Hause ein Schnarren und
Schleifen, als ob in ihm gesgt und gehobelt wrde. Da wir eingetreten
waren, sah ich in der Tat eine Schreinerwerksttte vor mir, in welcher
ttig gearbeitet wurde. An den Fenstern, durch welche reichliches
Licht hereinfiel, standen die Schreinertische und an den brigen
Wnden, welche fensterlos waren, lehnten Teile der in Arbeit
begriffenen Gegenstnde. Hier fand ich wieder eine hnlichkeit mit
meinem Vater. So wie er sich einen jungen Mann abgerichtet hatte, der
ihm seine altertmlichen Gerte nach seiner Angabe wieder herstellte,
so sah ich hier gleich eine ganze Werksttte dieser Art; denn ich
erkannte aus den Teilen, die herumstanden, da hier vorzglich an der
Wiederherstellung altertmlicher Gertschaften gearbeitet werde. Ob
auch Neues in dem Hause verfertigt werde, konnte ich bei dem ersten
Anblicke nicht erkennen.

Von den Arbeitern hatte jeder einen Raum an den Fenstern fr sich, der
von dem Raume seines Nachbars durch gezogene Schranken abgesondert
war. Er hatte seine Gerte und seine eben notwendigen Arbeitsstcke
in diesem Raume bei sich, das Andere, was er gerade nicht brauchte,
hatte er an der Hinterwand des Hauses hinter sich, so da eine
bersichtliche Ordnung und Einheit bestand. Es waren vier Arbeiter. In
einem groen Schreine, der einen Teil der einen Seitenwand einnahm,
befanden sich vorrtige Werkzeuge, welche fr den Fall dienten, da
irgend eines unversehens untauglich wrde und zu seiner Herstellung
zu viele Zeit in Anspruch nhme. In einem andern Schreine an der
entgegengesetzten Seitenwand waren Flschchen und Bchschen, in denen
sich die Flssigkeiten und andere Gegenstnde befanden, die zur
Erzeugung von Firnissen, Polituren oder dazu dienten, dem Holze eine
bestimmte Farbe oder das Ansehen von Alter zu geben. Abgesondert von
der Werkstube war ein Herd, auf welchem das zu Schreinerarbeiten
unentbehrliche Feuer brannte. Seine Sttte war feuerfest, um die
Werkstube und ihren Inhalt nicht zu gefhrden.

Hier werden Dinge, sagte mein Begleiter, welche lange vor uns, ja
oft mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeit verfertigt worden und in
Verfall geraten sind, wieder hergestellt, wenigstens soweit es die
Zeit und die Umstnde nur immer erlauben. Es wohnt in den alten
Gerten beinahe wie in den alten Bildern ein Reiz des Vergangenen
und Abgeblhten, der bei dem Menschen, wenn er in die hheren Jahre
kmmt, immer strker wird. Darum sucht er das zu erhalten, was der
Vergangenheit angehrt, wie er ja auch eine Vergangenheit hat,
die nicht mehr recht zu der frischen Gegenwart der rings um ihn
Aufwachsenden pat. Darum haben wir hier eine Anstalt fr Gerte
des Altertums gegrndet, die wir dem Untergange entreien,
zusammenstellen, reinigen, gltten und wieder in die Wohnlichkeit
einzufhren suchen.


Es wurde, da ich mich in dem Schreinerhause befand, eben an der
Platte eines Tisches gearbeitet, die, wie mein Begleiter sagte,
aus dem sechzehnten Jahrhunderte stammte. Sie war in Hlzern von
verschiedener, aber natrlicher Farbe eingelegt. Blo wo grnes Laub
vorkam, war es von grngebeiztem Holze. Von auen war eine Verbrmung
von in einander geschlungenen und schneckenartig gewundenen Rollen,
Laubzweigen und Obst. Die innere Flche, welche von der Verbrmung
durch ein Bnderwerk von rotem Rosenholze abgeschnitten war, trug
auf einem Grunde von braunlich weiem Ahorne eine Sammlung von
Musikgerten. Sie waren freilich nicht in dem Verhltnisse ihrer
Gren eingelegt. Die Geige war viel kleiner als die Mandoline, die
Trommel und der Dudelsack waren gleich gro und unter beiden zog sich
die Flte wie ein Weberbaum dahin. Aber im Einzelnen erschienen mir
die Sachen als sehr schn, und die Mandoline war so rein und lieblich,
wie ich solche Dinge nicht schner auf den alten Gemlden meines
Vaters gesehen hatte. Einer der Arbeiter schnitt Stcke aus Ahorn,
Buchs, Sandelholz, Ebenholz, trkisch Hasel und Rosenholz zurecht,
damit sie in ihrer kleineren Gestalt gehrig austrocknen konnten.
Ein anderer lste schadhafte Teile aus der Platte und ebnete die
Grundstellen, um die neuen Bestandteile zweckmig einsetzen zu
knnen. Der dritte schnitt und hobelte die Fe aus einem Ahornbalken
und der vierte war beschftigt, nach einer in Farben ausgefhrten
Abbildung der Tischplatte, die er vor sich hatte, und aus einer Menge
von Hlzern, die neben ihm lagen, diejenigen zu bestimmen, die den
auf der Zeichnung befindlichen Farben am meisten entsprchen. Mein
Begleiter sagte mir, da das Gerste und die Fe des Tisches
verlorengegangen seien und neu gemacht werden muten.

Ich fragte, wie man das einrichte, da das Neue zu dem Vorhandenen
passe.

Er antwortete: Wir haben eine Zeichnung gemacht, die ungefhr
darstellte, wie die Fe und das Gerste ausgesehen haben mgen.

Auf meine neue Frage, wie man denn das wissen knne, antwortete
er: Diese Dinge haben so gut wie bedeutendere Gegenstnde ihre
Geschichte, und aus dieser Geschichte kann man das Aussehen und den
Bau derselben zusammen setzen. Im Verlaufe der Jahre haben sich die
Gestaltungen der Gerte immer neu abgelset, und wenn man auf diese
Abfolge sein Augenmerk richtet, so kann man aus einem vorhandenen
Ganzen auf verlorengegangene Teile schlieen und aus aufgefundenen
Teilen auf das Ganze gelangen. Wir haben mehrere Zeichnungen
entworfen, in deren jede immer die Tischplatte einbezogen war, und
haben uns auf diese Weise immer mehr der mutmalichen Beschaffenheit
der Sache genhert. Endlich sind wir bei einer Zeichnung geblieben,
die uns nicht zu widersprechend schien.

Auf meine Frage, ob er denn immer Arbeit fr seine Anstalt habe,
antwortete er: Sie ist nicht gleich so entstanden, wie ihr sie hier
sehet. Anfangs zeigte sich die Lust an alten und vorelterlichen
Dingen, und wie die Lust wuchs, sammelten sich nach und nach schon die
Gegenstnde an, die ihrer Wiederherstellung entgegen sahen. Zuerst
wurde die Ausbesserung bald auf diesem, bald auf jenem Wege versucht
und eingeleitet. Viele Irrwege sind betreten worden. Indessen wuchs
die Zahl der gesammelten Gegenstnde immer mehr und deutete schon
auf die knftige Anstalt hin. Als man in Erfahrung brachte, da ich
altertmliche Gegenstnde kaufe, brachte man mir solche oder zeigte
mir die Orte an, wo sie zu finden wren. Auch vereinigten sich mit uns
hie und da Mnner, welche auf die Dinge des Altertums ihr Augenmerk
richteten, uns darber schrieben und wohl auch Zeichnungen einsandten.
So erweiterte sich unser Kreis immer mehr.

Ungehrige Ausbesserungen aus frheren Zeiten gaben ebenfalls Stoff
zu erneuerter Arbeit, und da wir anfangs auch an verschiedenen Orten
arbeiten lieen und hufig gentigt waren, die Orte zu wechseln, ehe
wir uns hier niederlieen, so verschleppte sich manche Zeit und die
Arbeitsgegenstnde mehrten sich. Endlich gerieten wir auch auf den
Gedanken, neue Gegenstnde zu verfertigen. Wir gerieten auf ihn durch
die alten Dinge, die wir immer in den Hnden hatten. Diese neuen
Gegenstnde wurden aber nicht in der Gestalt gemacht, wie sie jetzt
gebruchlich sind, sondern wie wir sie fr schn hielten. Wir lernten
an dem Alten; aber wir ahmten es nicht nach, wie es noch zuweilen in
der Baukunst geschieht, in der man in einem Stile, zum Beispiele in
dem sogenannten gothischen, ganze Bauwerke nachbildet. Wir suchten
selbststndige Gegenstnde fr die jetzige Zeit zu verfertigen mit
Spuren des Lernens an vergangnen Zeiten. Haben ja selbst unsere
Vorfahrer aus ihren Vorfahrern geschpft, diese wieder aus den ihrigen
und so fort, bis man auf unbedeutende und kindische Anfnge stt.

berall aber sind die eigentlichen Lehrmeister die Werke der Natur
gewesen.

Sind solche neugemachte Gegenstnde in eurem Hause vorhanden? fragte
ich.

Nichts von Bedeutung, antwortete er, einige sind an verschiedenen
Punkten der Gegend zerstreut, einige sind in einem anderen Orte als
in diesem Hause gesammelt. Wenn ihr Lust zu solchen Dingen habt oder
sie in Zukunft fassen solltet und euer Weg euch wieder einmal hieher
fhrt, so wird es nicht schwer sein, euch an den Ort zu geleiten, wo
ihr mehrere unserer besten Gegenstnde sehen knnt.

Es sind der Wege sehr verschiedene, erwiderte ich, die die Menschen
gehen, und wer wei es, ob der Weg, der mich wegen eines Gewitters zu
euch heraufgefhrt hat, nicht ein sehr guter Weg gewesen ist und ob
ich ihn nicht noch einmal gehe.

Ihr habt da ein sehr wahres Wort gesprochen, antwortete er, die
Wege der Menschen sind sehr verschiedene. Ihr werdet dieses Wort erst
recht einsehen, wenn ihr lter seid.

Und habt ihr dieses Haus eigens zu dem Zwecke der Schreinerei
erbaut? fragte ich weiter.

Ja, antwortete er, wir haben es eigens zu diesem Zwecke erbaut. Es
ist aber viel spter entstanden als das Wohnhaus. Da wir einmal so
weit waren, die Sachen zu Hause machen zu lassen, so war der Schritt
ein ganz leichter, uns eine eigene Werksttte hiefr einzurichten.
Der Bau dieses Hauses war aber bei weitem nicht das Schwerste, viel
schwerer war es, die Menschen zu finden. Ich hatte mehrere Schreiner
und mute sie entlassen. Ich lernte nach und nach selber, und da trat
mir der Starrsinn, der Eigenwille und das Herkommen entgegen. Ich nahm
endlich solche Leute, die nicht Schreiner waren und sich erst hier
unterrichten sollten. Aber auch diese hatten wie die Frhern eine
Snde, welche in arbeitenden Stnden und auch wohl in andern sehr
hufig ist, die Snde der Erfolggengsamkeit oder der Fahrlssigkeit,
die stets sagt: >es ist so auch recht<, und die jede weitere Vorsicht
fr unntig erachtet. Es ist diese Snde in den unbedeutendsten und
wichtigsten Dingen des Lebens vorhanden, und sie ist mir in meinen
frheren Jahren oft vorgekommen. Ich glaube, da sie die grten bel
gestiftet hat. Manche Leben sind durch sie verloren gegangen, sehr
viele andere, wenn sie auch nicht verloren waren, sind durch sie
unglcklich oder unfruchtbar geworden. Werke, die sonst entstanden
wren, hat sie vereitelt und die Kunst und was mit derselben
zusammenhngt wre mit ihr gar nicht mglich. Nur ganz gute Menschen
in einem Fache haben sie gar nicht, und aus denen werden die Knstler,
Dichter, Gelehrten, Staatsmnner und die groen Feldherren. Aber ich
komme von meiner Sache ab. In unserer Schreinerei machte sie blo, da
wir zu nichts Wesentlichem gelangten. Endlich fand ich einen Mann,
der nicht gleich aus der Arbeit ging, wenn ich ihn bekmpfte; aber
innerlich mochte er recht oft erzrnt gewesen sein und ber Eigensinn
geklagt haben. Nach Bemhungen von beiden Seiten gelang es. Die Werke
gewannen Einflu, in denen das Genaue und Zweckmige angestrebt war,
und sie wurden zur Richtschnur genommen. Die Einsicht in die Schnheit
der Gestalten wuchs und das Leichte und Feine wurde dem Schweren
und Groben vorgezogen. Er las Gehilfen aus und erzog sie in seinem
Sinne. Die Begabten fgten sich bald. Es wurde die Chemie und andere
Naturwissenschaften hergenommen, und im Lesen schner Bcher wurde das
Innere des Gemtes zu bilden versucht.


Er ging nach diesen Worten gegen den Mann, der mit dem Aussuchen der
Hlzer nach dem vor ihm liegen den Plane der Tischplatte beschftigt
war, und sagte: Wollt ihr nicht die Gte haben, uns einige
Zeichnungen zu zeigen, Eustach?

Der junge Mann, an den diese Worte gerichtet waren, erhob sich von
seiner Arbeit und zeigte uns ein ruhiges, geflliges Wesen. Er legte
die grne Tuchschrze ab, welche er vorgebunden hatte, und ging aus
seiner Arbeitsstelle zu uns herber. Es befand sich neben dieser
Stelle in der Wand eine Glastr, hinter welcher grne Seide in Falten
gespannt war. Diese Tr ffnete er und fhrte uns in ein freundliches
Zimmer. Das Zimmer hatte einen knstlich eingelegten Fuboden und
enthielt mehrere breite, glatte Tische. Aus der Lade eines dieser
Tische nahm der Mann eine groe Mappe mit Zeichnungen, ffnete sie
und tat sie auf der Tischplatte auseinander. Ich sah, da diese
Zeichnungen fr mich zum Ansehen heraus genommen worden waren und
legte daher die Bltter langsam um. Es waren lauter Zeichnungen
von Bauwerken, und zwar teils im Ganzen, teils von Bestandteilen
derselben. Sie waren sowohl, wie man sich ausdrckt, im Perspective
ausgefhrt, als auch in Aufrissen, in Lngen- und Querschnitten. Da
ich mich selber geraume Zeit mit Zeichnen beschftigt hatte, wenn auch
mit Zeichnen anderer Gegenstnde, so war ich bei diesen Blttern schon
mehr an meiner Stelle als bei den alten Gerten. Ich hatte immer bei
dem Zeichnen von Pflanzen und Steinen nach groer Genauigkeit gestrebt
und hatte mich bemht, durch den Schwarzstift die Wesenheit derselben
so auszudrcken, da man sie nach Art und Gattung erkennen sollte.
Freilich waren die vor mir liegenden Zeichnungen die von Bauwerken.
Ich hatte Bauwerke nie gezeichnet, ich hatte sie eigentlich nie recht
betrachtet. Aber andererseits waren die Linien, die hier vorkamen, die
von groen Krpern, von geschichteten Stoffen und von ausgedehnten
Flchen, wie sie bei mir auch an den Felsen und Bergen erschienen;
oder sie waren die leichten Wendungen von Zieraten, wie sie bei mir
die Pflanzen boten.

Endlich waren ja alle Bauwerke aus Naturdingen entstanden, welche die
Vorbilder gaben, etwa aus Felsenkuppen oder Felsenzacken oder selbst
aus Tannen, Fichten oder anderen Bumen. Ich betrachtete daher die
Zeichnungen recht genau und sah sie um ihre Treue und Sachgemheit
an. Als ich sie schon alle durchgeblttert hatte, legte ich sie wieder
um und schaute noch einmal jedes einzelne Blatt an.

Die Zeichnungen waren smmtlich mit dem Schwarzstifte ausgefhrt. Es
war Licht und Schatten angegeben und die Linienfhrung war verstrkt
oder gemigt, um nicht blo die Krperlichkeit der Dinge, sondern
auch das sogenannte Luftperspective darzustellen. In einigen Blttern
waren Wasserfarben angewendet, entweder, um blo einzelne Stellen zu
bezeichnen, die eine besonders starke oder eigentmliche Farbe hatten,
wie etwa, wo das Grn der Pflanzen sich auffallend von dem Gemuer,
aus dem es sprote, abhob oder wo der Stoff durch Einflu von Sonne
oder Wasser eine ungewhnliche Farbe erhalten hatte, wie zum Beispiele
an gewissen Steinen, die durch Wasser brunlich, ja beinahe rot
werden; oder es waren Farben angewendet, um dem Ganzen einen Ton der
Wirklichkeit und Zusammenstimmung zu geben; oder endlich es waren
einzelne sehr kleine Stellen mit Farben, gleichsam mit Farbdruckern,
wie man sich ausdrckt, bezeichnet, um Flchen oder Krper oder ganze
Abteilungen im Raume zurck zu drngen. Immer aber waren die Farben
so untergeordnet gehalten, da die Zeichnungen nicht in Gemlde
bergingen, sondern Zeichnungen blieben, die durch die Farbe nur noch
mehr gehoben wurden. Ich kannte diese Verfahrungsweise sehr gut und
hatte sie selber oft angewendet.

Was den Wert der Zeichnungen anbelangt, so erschien mir derselbe ein
ziemlich bedeutender. Die Hand, von der sie verfertigt worden waren,
hielt ich fr eine gebte, was ich daraus schlo, da in den vielen
Zeichnungen kein Fortschritt zu bemerken war, sondern da dieser schon
in der Zeit vor den Zeichnungen lag und hier angewendet wurde. Die
Linien waren rein und sicher gezogen, das sogenannte Linearperspective
war, so weit meine Augen urteilen konnten - denn eine mathematische
Prfung konnte ich nicht anlegen -, richtig, der Stoff des
Schwarzstiftes war gut beherrscht, und mit seinen geringen Mitteln war
Haushaltung getroffen, darum standen die Krper klar da und lsten
sich von der Umgebung. Wo die Farbe eine Art Wirklichkeit angenommen
hatte, war sie mit Gegenstndlichkeit und Ma hingesetzt, was, wie ich
aus Erfahrung wute, so schwer zu finden ist, da die Dinge als Dinge,
nicht als Frbungen gelten. Dies ist besonders bei Gegenstnden der
Fall, die minder entschiedene Farben haben, wie Steine, Gemuer und
dergleichen, whrend Dinge von deutlichen Farben leichter zu behandeln
sind, wie Blumen, Schmetterlinge, selbst manche Vgel.

Eine besondere Tatsache aber fiel mir bei Betrachtung dieser
Zeichnungen auf. Bei den Bauverzierungen, welche von Gegenstnden
der Natur genommen waren, von Pflanzen oder selbst von Tieren, kamen
bedeutende Fehler vor, ja es kamen sogar Unmglichkeiten vor, die kaum
ein Anfnger macht, sobald er nur die Pflanze gut betrachtet. Bei den
ganz gleichen Verzierungen an andern Bauwerken in andern Zeichnungen
waren diese Fehler nicht da, sondern die Verzierungen waren in
Hinsicht ihrer Urbilder in der Natur mit Richtigkeit angegeben.
Ich hatte, da ich einmal zeichnete, fter die Bilder meines Vaters
betrachtet und in ihnen, selbst in solchen, die er fr sehr gut hielt,
hnliche Fehler gefunden. Da die Bilder meines Vaters aus alter Zeit
waren, diese Zeichnungen aber auch alte Bauwerke darstellten, so
schlo ich, da sie vielleicht Abrisse von wirklichen Bauten seien
und da die Fehler in den Zieraten der Zeichnungen Fehler in den
wirklichen Zieraten der Bauarten seien, und da die Zieraten, deren
Zeichnungen fehlerlos waren, auch an den Bauwerken keinen Fehler
gehabt haben.

Es gewannen durch diesen Umstand die Zeichnungen in meinen Augen noch
mehr, da er gerade ihre groe Treue bewies.

Auch ein eigentmlicher Gedanke kam mir bei der Betrachtung dieser
Zeichnungen in das Haupt. Ich hatte nie so viele Zeichnungen von
Bauwerken beisammen gesehen, so wie ich Bauwerke selber nicht zum
Gegenstande meiner Aufmerksamkeit gemacht hatte. Da ich nun alle diese
Laubwerke, diese Ranken, diese Zacken, diese Schwingungen, diese
Schnecken in groer Abfolge sah, erschienen sie mir gewissermaen
wie Naturdinge, etwa wie eine Pflanzenwelt mit ihren zugehrigen
Tieren. Ich dachte, man knnte sie eben so zu einem Gegenstande der
Betrachtung und der Forschung machen wie die wirklichen Pflanzen
und andere Hervorbringungen der Erde, wenn sie hier auch nur eine
steinerne Welt sind. Ich hatte das nie recht beachtet, wenn ich auch
hin und wieder an einer Kirche oder an einem anderen Gebude einen
steinernen Stengel oder eine Rose oder eine Distelspitze oder einen
Sulenschaft oder die Vergitterung einer Tr ansah. Ich nahm mir vor,
diese Gegenstnde nun genauer zu beobachten.

Diese Zeichnungen sind lauter Abbildungen von wirklichen Bauwerken,
die in unserem Lande vorhanden sind, sagte mein Begleiter. Wir haben
sie nach und nach zusammen gebracht. Kein einziges Bauwerk unseres
Landes, welches entweder im Ganzen schn ist oder an dem Teile
schn sind, fehlt. Es ist nehmlich auch hier im Lande wie berall
vorgekommen, da man zu den Teilen alter Kirchen oder anderer Werke,
die nicht fertig geworden sind, neue Zubaue in ganz anderer Art
gemacht hat, so da Bauwerke entstanden, die in verschiedenen Stilen
ausgefhrt und teils schn und teils hlich sind. Die Landkirchen,
die auf verschiedenen Stellen in unserer Zeit entstanden sind, haben
wir nicht angenommen.

Wer hat denn diese Zeichnungen verfertigt? fragte ich.

Der Zeichner steht vor euch, antwortete mein Begleiter, indem er auf
den jungen Mann wies.

Ich sah den Mann an, und es zeigte sich ein leichtes Errten in seinem
Angesichte.

Der Meister hat nach und nach die Teile des Landes besucht, fuhr
mein Gastfreund fort, und hat die Baugegenstnde gezeichnet, die ihm
gefielen. Diese Zeichnungen hat er in seinem Buche nach Hause gebracht
und sie dann auf einzelnen Blttern im Reinen ausgefhrt. Auer den
Zeichnungen von Bauwerken haben wir auch die von inneren Ausstattungen
derselben. Seid so gefllig und zeigt auch diese Mappe, Eustach.

Der junge Mann legte die Mappe, die wir eben betrachtet hatten,
zusammen und tat sie in ihre Lade. Dann nahm er aus einer anderen Lade
eine andere Mappe und legte sie mir mit den Worten vor: Hier sind die
kirchlichen Gegenstnde.

Ich sah die Zeichnungen in der Mappe, die er mir geffnet hatte, an,
wie ich frher die der Bauwerke angesehen hatte. Es waren Zeichnungen
von Altren, Chorsthlen, Kanzeln, Sakramentshuschen, Taufsteinen,
Chorbrstungen, Sesseln, einzelnen Gestalten, gemalten Fenstern
und anderen Gegenstnden, die in Kirchen vorkommen. Sie waren wie
die Zeichnungen der Baugegenstnde entweder ganz in Schwarzstift
ausgefhrt oder teils in Schwarzstift, teils in Farben. Hatte ich mich
schon frher in diese Gegenstnde vertieft, so geschah es jetzt noch
mehr. Sie waren noch mannigfaltiger und fr die Augen anlockender als
die Bauwerke. Ich betrachtete jedes Blatt einzeln, und manches nahm
ich noch einmal vor, nachdem ich es schon hingelegt hatte. Als ich
mit dieser Mappe fertig war, legte mir der Meister eine neue vor und
sagte: Hier sind die weltlichen Gegenstnde.

Die Mappe enthielt Zeichnungen von sehr verschiedenen Gerten, die in
Wohnungen, Burgen, Klstern und dergleichen vorkommen, sie enthielt
Abbildungen von Vertflungen, von ganzen Zimmerdecken, Fenster- und
Treinfassungen, ja von eingelegten Fubden. Bei den weltlichen
Gerten war viel mehr mit Farben gearbeitet als bei den kirchlichen
und bei den Bauten; denn die Wohngerte haben sehr oft die Farbe als
einen wesentlichen Gegenstand ihrer Erscheinung, besonders wenn sie
in verschiedenfarbigen Hlzern eingelegt sind. Ich fand in dieser
Sammlung von Zeichnungen Abbildungen von Gegenstnden, die ich in der
Wohnung meines Gastfreundes gesehen hatte. So war der Schreibschrein
und der groe Kleiderschrein vorhanden. Auch der Tisch, an dem noch in
der Schreinerstube gearbeitet wurde, stand hier schon fertig vor uns
auf dem Papiere. Ich bemerkte hiebei, da nur die Platte klar und
krftig ausgefhrt war, das Gerste und die Fe minder, gleichsam
schattenhaft behandelt wurden. Ich erkannte, da man so das Neue, was
zu Gerten hinzukommen mute, bezeichnen wollte. Mir gefiel diese Art
sehr gut.

Die Kirchengerte unseres Landes drften in dieser Sammlung ziemlich
vollstndig sein, sagte mein Gastfreund, wenigstens wird nichts
Wesentliches fehlen. Bei den weltlichen kann man das weniger sagen,
da man nicht wissen kann, was noch hie und da in dem Lande zerstreut
ist.


Als ich diese Mappe auch angesehen hatte, sagte mein Begleiter: Diese
Zeichnungen sind Nachbildungen von lauter wirklichen aus lterer Zeit
auf uns gekommenen Gegenstnden, wir haben aber auch Zeichnungen
selbststndig entworfen, die Gerte oder andere kleinere Gegenstnde
darstellen. Zeigt uns auch diese, Meister.

Der junge Mann legte die Mappe auf den Tisch.

Sie war viel umfassender als jede der frheren und enthielt nicht blo
die vollstndige Darstellung der ganzen Gegenstnde, sondern auch ihre
Quer- und Lngenschnitte und ihre Grundrisse. Es waren Abbildungen von
verschiedenen Gerten, dann von Verkleidungen, Fubden, Zimmerdecken,
Nischen und endlich sogar von Baugegenstnden, Treppenhusern und
Seitenkapellen. Man war mit groer Zweifelsucht und Gewissenhaftigkeit
zu Werke gegangen; manche Zeichnung war vier-, ja fnfmal vorhanden
und jedes Mal verndert und verbessert. Die letzten waren stets mit
Farben angegeben und dies besonders deutlich, wenn die Gegenstnde in
Holz oder Marmor auszufhren waren. Ich fragte, ob einige dieser Dinge
ausgefhrt worden sind.

Freilich, antwortete mein Begleiter, wozu wren denn so viele
Zeichnungen angefertigt worden? Alle Gegenstnde, die ihr fter
gezeichnet sahet und deren letzte Zeichnung in Farben angegeben ist,
sind in Wirklichkeit ausgearbeitet worden. Diese Zeichnungen sind die
Plne und Vorlagen zu den neuen Gerten, auf deren Verfertigung, wie
ich frher sagte, wir geraten sind. Wenn ihr einmal in den Ort, von
dem ich euch gesagt habe, da er mehrere enthlt, kommen solltet, so
wrdet ihr dort nicht nur viele von denen, die hier gezeichnet sind,
sehen, sondern auch solche, die zusammen gehren und ein Ganzes
bilden.

Wenn man diese Zeichnungen betrachtet, sagte ich, und wenn man die
anderen betrachtet, welche ich frher gesehen habe, so kmmt man auf
den Gedanken, da die Bauwerke einer Zeit und die Gerte, welche
in diesen Bauwerken sein sollten, eine Einheit bilden, die nicht
zerrissen werden kann.

Allerdings bilden sie eine, erwiderte er, die Gerte sind ja die
Verwandten der Baukunst, etwa ihre Enkel oder Urenkel, und sind aus
ihr hervorgegangen. Dieses ist so wahr, da ja auch unsere heutigen
Gerte zu unserer heutigen Baukunst gehren. Unsere Zimmer sind
fast wie hohle Wrfel oder wie Kisten, und in solchen stehen die
geradlinigen und geradflchigen Gerte gut. Es ist daher nicht ohne
Begrndung, wenn die viel schneren altertmlichen Gerte in unseren
Wohnungen manchen Leuten einen unheimlichen Eindruck machen, sie
widersprechen der Wohnung; aber hierin haben die Leute Unrecht, wenn
sie die Gerte nicht schn finden, die Wohnung ist es, und diese
sollte gendert werden. Darum stehen in Schlssern und altertmlichen
Bauten derlei Gerte noch am schnsten, weil sie da eine ihnen
hnliche Umgebung finden. Wir haben aus diesem Verhltnisse Nutzen
gezogen und aus unseren Zeichnungen der Bauwerke viel fr die
Zusammenstellung unserer Gerte gelernt, die wir eben nach ihnen
eingerichtet haben.

Wenn man so viele dieser Dinge in so vielen Abbildungen vor sich
sieht, wie wir jetzt getan haben, sagte ich, so kann man nicht
umhin, einen groen Eindruck zu empfinden, den sie machen.

Es haben sehr tiefsinnige Menschen vor uns gelebt, erwiderte er,
man hat es nicht immer erkannt und fngt erst jetzt an, es wieder ein
wenig einzusehen. Ich wei nicht, ob ich es Rhrung oder Schwermut
nennen soll, was ich empfinde, wenn ich daran denke, da unsere
Voreltern ihre grten und umfassendsten Werke nicht vollendet haben.
Sie muten auf eine solche Ewigkeit des Schnheitsgefhles gerechnet
haben, da sie berzeugt waren, die Nachwelt werde an dem weiter
bauen, was sie angefangen haben. Ihre unfertigen Kirchen stehen wie
Fremdlinge in unserer Zeit. Wir haben sie nicht mehr empfunden oder
haben sie durch hliche Aftergebilde verunstaltet. Ich mchte
jung sein, wenn eine Zeit kmmt, in welcher in unserem Vaterlande
das Gefhl fr diese Anfnge so gro wird, da es die Mittel
zusammenbringt, diese Anfnge weiter zu fhren. Die Mittel sind
vorhanden, nur werden sie auf etwas anderes angewendet, so wie man
diese Bauwerke nicht aus Mangel der Mittel unvollendet lie, sondern
aus anderen Grnden.

Ich sagte nach diesen Worten, da ich in dem berhrten Punkte weniger
unterrichtet sei; aber in einem anderen Punkte knnte ich vielleicht
etwas sagen, nehmlich in Hinsicht der Zeichnungen. Ich habe durch
lngere Zeit her Pflanzen, Steine, Tiere und andere Dinge gezeichnet,
habe mich sehr gebt und drfte daher etwa ein Urteil wagen knnen.
Diese Zeichnungen erscheinen mir in Reinheit der Linien, in
Richtigkeit des Perspectives, in kluger Hinstellung jedes Krperteiles
und in passender Anwendung der Farben als ganz vortrefflich, und ich
fhle mich gedrungen, dieses zu sagen.

Der Meister sagte zu diesem Lobe nichts, sondern er senkte den Blick
zu Boden, meinen Gastfreund aber schien mein Urteil zu freuen.

Er bedeutete den Meister, die Mappe zusammen zu binden und in die Lade
zu legen, was auch geschah.


Wir gingen von diesem Zimmer in die weiteren Rume des
Schreinerhauses. Als wir ber die Schwelle schritten, dachte ich,
da ich von altertmlichen Gegenstnden trotz der Sammlungen meines
Vaters, von denen ich doch lebenslnglich umgeben gewesen war,
eigentlich bisher nicht viel verstanden habe und erst lernen msse.

Von dem Zimmer der Zeichnungen gingen wir in das Wohnzimmer des
Meisters, welches neben den gewhnlichen Gertstcken ebenfalls
Zeichnungstische und Staffeleien enthielt. Es war ebenso freundlich
eingerichtet wie das Zimmer der Zeichnungen.

Auch die Zimmer der Gehilfen besuchten wir und betraten dann die
Nebenrume. Es waren dies Rume, die zu verschiedenen Gegenstnden,
die eine solche Anstalt fordert, notwendig sind. Der vorzglichste war
das Trockenhaus, welches hinter der Schreinerei angebracht war, aus
der man in die untere und obere Abteilung desselben gelangen konnte.
Es hatte den Zweck, da in ihm alle Gattungen von Holz, die man hier
verarbeitete, jenen Zustand der Trockenheit erreichen konnten, der
in Gerten notwendig ist, da nicht spter wieder Beschdigungen
eintreten. In dem unteren Raume wurden die greren Holzkrper
aufbewahrt, in dem oberen die kleineren und feineren. Ich konnte
sehen, wie sehr es Ernst mit der Anlegung dieses Werkhauses war;
denn ich fand in dem Trockenhause nicht nur einen sehr groen
Vorrat von Holz, sondern auch fast alle Gattungen der inlndischen
und auslndischen Hlzer. Ich hatte hierin von der Zeit meiner
naturwissenschaftlichen Bestrebungen her einige Kenntnis. Auerdem
war das Holz beinahe durchgngig schon in die vorlufigen Gestalten
geschnitten, in die es verarbeitet werden sollte, damit es auf diese
Weise zu hinreichender Beruhigung austrocknen konnte. Mein Begleiter
zeigte mir die verschiedenen Behltnisse und erklrte mir im
Allgemeinen ihren Inhalt.

In dem unteren Raume sah ich Lrchenholz zu sehr groen seltsamen
Gestalten verbunden, gleichsam zu schlanken Gersten, Rahmen und
dergleichen, und fragte, da ich mir die Sache nicht erklren konnte,
um ihre Bedeutung.

In unserem Lande, antwortete mein Begleiter, sind mehrere
geschnitzte Altre. Sie sind alle aus Lindenholz verfertigt und einige
von bedeutender Schnheit. Sie stammen aus sehr frher Zeit, etwa
zwischen dem dreizehnten und fnfzehnten Jahrhundert, und sind
Flgelaltre, welche mit geffneten Flgeln die Gestalt einer
Monstranze haben. Sie sind zum Teile schon sehr beschdigt und drohen,
in krzerer oder lngerer Zeit zu Grunde zu gehen. Da haben wir nun
einen auf meine Kosten wiederhergestellt und arbeiten jetzt an einem
zweiten. Die Holzgerste, um die ihr fragtet, sind Grundlagen, auf
denen Verzierungen befestigt werden mssen. Die Verzierungen sind noch
ziemlich erhalten, ihre Grundlagen aber sind sehr morsch geworden,
weshalb wir neue anfertigen mssen, wozu ihr hier die Entwrfe sehet.

Hat man euch denn erlaubt, in einer Kirche einen Altar
umzugestalten? fragte ich.

Man hat es uns erst nach vielen Schwierigkeiten erlaubt, antwortete
er, wir haben aber die Schwierigkeiten besiegt. Besonders kam uns das
Mitrauen in unsere Kenntnisse und Fhigkeiten entgegen, und hierin
hatte man Recht. Wohin kme man denn, wenn man an vorhandenen Werken
vorschnell Vernderungen anbringen liee? Es knnten ja da Dinge von
der grten Wichtigkeit verunstaltet oder zerstrt werden. Wir muten
angeben, was wir verndern oder hinzufgen wollten und wie die Sache
nach der Umarbeitung aussehen wrde. Erst da wir dargelegt hatten, da
wir an den bestehenden Zusammenstellungen nichts ndern wrden, da
keine Verzierung an einen andern Platz komme, da kein Standbild an
seinem Angesichte, seinen Hnden oder den Faltungen seines Gewandes
umgestaltet werde, sondern da wir nur das Vorhandene in seiner
jetzigen Gestalt erhalten wollen, damit es nicht weiter zerfallen
knne, da wir den Stoff, wo er gelitten hat, mit Stoff erfllen
wollen, damit die Ganzheit desselben vorhanden sei, da wir an Zutaten
nur die kleinsten Dinge anbringen wrden, deren Gestalt vollkommen
durch die gleichartigen Stcke bekannt wre und in gleichmiger
Vollkommenheit wie die alten verfertigt werden knnte, ferner als wir
eine Zeichnung in Farben angefertigt hatten, die darstellte, wie der
gereinigte und wieder hergestellte Altar aussehen wrde, und endlich
als wir Schnitzereien von geringem Umfange, einzelne Standbilder und
dergleichen in unserem Sinne wieder hergestellt und zur Anschauung
gebracht hatten, lie man uns gewhren. Von Hindernissen, die nicht
von der Obrigkeit ausgingen, von Verdchtigungen und hnlichen
Vorkommnissen rede ich nicht, sie sind auch wenig zu meiner Kenntnis
gekommen.

Da habt ihr ein langwieriges und, wie ich glaube, wichtiges Werk
unternommen, sagte ich.

Die Arbeit hat mehrere Jahre gedauert, erwiderte er, und was die
Wichtigkeit anbelangt, so hat sich wohl niemand mehr den Zweifeln
hingegeben, ob wir die ntige Sachkenntnis besen, als wir selber.
Darum haben wir auch gar keine Vernderung in der Wesenheit der Sache
vorgenommen. Selbst dort, wo es deutlich erwiesen war, da Teile des
Altars in der Zeit in eine andere Gruppe gestellt worden waren, als
sie ursprnglich gewesen sein konnten, lieen wir das Vorgefundene
bestehen. Wir befreiten nur die Gebilde von Schmutz und bertnchung,
befestigten das Zerbltterte und Lediggewordene, ergnzten das
Mangelnde, wo, wie ich gesagt habe, dessen Gestalt vollkommen bekannt
war, fllten alles, was durch Holzwrmer zerstrt war, mit Holz aus,
beugten durch ein erprobtes Mittel den knftigen Zerstrungen dieser
Tiere vor und berzogen endlich den ganzen Altar, da er fertig war,
mit einem sehr matten Firnisse. Es wird einmal eine Zeit kommen, in
welcher vom Staate aus vollkommen sachverstndige Mnner in ein Amt
werden vereinigt werden, das die Wiederherstellung alter Kunstwerke
einleiten, ihre Aufstellung in dem ursprnglichen Sinne bewirken
und ihre Verunstaltung fr kommende Zeiten verhindern wird; denn so
gut man uns gewhren lie, die ja auch eine Verunstaltung htten
hervorbringen knnen, so gut wird man in Zukunft auch andere gewhren
lassen, die minder zweifelschtig sind oder im Eifer fr das Schne
nach ihrer Art verfahren und das Wesen des berkommenen zerstren.

Und glaubt ihr, da ein Gesetz, welches verbietet, an dem Wesen
eines vorgefundenen Kunstwerkes etwas zu ndern, dem Verfalle und der
Zerstrung desselben fr alle Zeiten vorbeugen wrde? fragte ich.

Das glaube ich nicht, erwiderte er; denn es knnen Zeiten so
geringen Kunstsinnes kommen, da sie das Gesetz selber aufheben; aber
auf eine lngere Dauer und auf eine bessere Weise wre doch durch ein
solches Gesetz gesorgt, als wenn gar keines wre. Den besten Schutz
fr Kunstwerke der Vorzeit wrde freilich eine fortschreitende und
nicht mehr erlahmende Kunstempfindung gewhren. Aber alle Mittel,
auch in ihrer grten Vollkommenheit angewendet, wrden den endlichen
Untergang eines Kunstwerkes nicht aufhatten knnen; dies liegt in der
immerwhrenden Ttigkeit und in dem Umwandlungstriebe der Menschen und
in der Vergnglichkeit des Stoffes. Alles, was ist, wie gro und gut
es sei, besteht eine Zeit, erfllt einen Zweck und geht vorber. Und
so wird auch einmal ber alle Kunstwerke, die jetzt noch sind, ein
ewiger Schleier der Vergessenheit liegen, wie er jetzt ber denen
liegt, die vor ihnen waren.

Ihr arbeitet an der Herstellung eines zweiten Altares, sagte ich,
da ihr einen schon vollendet habt; wrdet ihr auch noch andere
herstellen, da ihr sagt, da es mehrere in dem Lande gibt?

Wenn ich die Mittel dazu htte, wrde ich es tun, erwiderte er, ich
wrde sogar, wenn ich reich genug wre, angefangene mittelalterliche
Bauwerke vollenden lassen. Da steht in Grnau hart an der Grenze
unseres Landes an der Stadtpfarrkirche ein Turm, welcher der schnste
unseres Landes ist und der hchste wre, wenn er vollendet wre;
aber er ist nur ungefhr bis zu zwei Drittteilen seiner Hhe fertig
geworden. Dieser altdeutsche Turm wre das Erste, welches ich
vollenden liee. Wenn ihr wieder kommt, so fhre ich euch in eine
Kirche, in welcher auf Landeskosten ein geschnitzter Flgelaltar
wieder hergestellt worden ist, der zu den bedeutendsten Kunstwerken
gehrt, welche in dieser Art vorhanden sind.


Wir traten bei diesen Worten den Rckweg aus dem Trockenhause in die
Arbeitstube an. Mein Begleiter sagte auf diesem Wege: Da Eustach
jetzt vorzugsweise damit beschftigt ist, die im Laufe befindlichen
Werke auszufertigen, so hat er seinen Bruder, der herangewachsen ist,
unterrichtet, und dieser versieht jetzt hauptschlich das Geschft des
Zeichnens. Er ist eben daran, die Verzierungen, die in unserem Lande
an Bauwerken, Holzarbeiten oder sonstwo vorkommen und die wir in
unseren Blttern von greren Werken noch nicht haben, zu zeichnen.
Wir erwarten ihn in kurzer Zeit auf einige Tage zurck. An diesen
Dingen knnte auch die Gegenwart lernen, falls sie lernen will. Nicht
blo aus dem Groen, wenn wir das Groe betrachteten, was unsere
Voreltern gemacht haben und was die kunstsinnigsten vorchristlichen
Vlker gemacht haben, knnten wir lernen, wieder in edlen Gebuden
wohnen oder von edlen Gerten umringt sein, wenigstens wie die
Griechen in schnen Tempeln beten; sondern wir knnten uns auch im
Kleinen vervollkommnen, die berzge unserer Zimmer knnten schner
sein, die gewhnlichen Gerte, Krge, Schalen, Lampen, Leuchter, xte
wrden schner werden, selbst die Zeichnungen auf den Stoffen zu
Kleidern und endlich auch der Schmuck der Frauen in schnen Steinen;
er wrde die leichten Bildungen der Vergangenheit annehmen, statt da
jetzt oft eine Barbarei von Steinen in einer Barbarei von Gold liegt.
Ihr werdet mir Recht geben, wenn ihr an die vielen Zeichnungen
von Kreuzen, Rosen, Sternen denkt, die ihr in unseren Blttern
mittelalterlicher Bauwerke gesehen habt.

Ich bewunderte den Mann, der, da er so redete, in einem sonderbaren,
ja abgeschmackten Kleide neben mir ging.

Wenigstens Achtung vor Leuten, die vor uns gelebt haben, knnte
man aus solchen Bestrebungen lernen, fuhr er fort, statt da wir
jetzt gewohnt sind, immer von unseren Fortschritten gegenber der
Unwissenheit unserer Voreltern reden zu hren. Das groe Preisen von
Dingen erinnert zu oft an Armut von Erfahrungen.


Wir waren bei diesen Worten wieder in die Werkstube gekommen und
verabschiedeten uns von dem Meister. Ich reichte ihm die Hand, die
er annahm, und schttelte die seinige herzlich. Da wir aus dem Hause
getreten waren und ich umschaute, sah ich durch das Fenster, wie er
eben seine grne Schrze herab nahm und wieder umband. Auch hrten wir
das Hobeln und Sgen wieder, das bei unserem Besuche des Werkhauses
ein wenig verstummt war.

Wir betraten den Gebschpfad und kamen wieder in die Nhe des
Wohnhauses.

Ihr habt nun meine ganze Behausung gesehen, sagte mein Gastfreund.

Ich habe ja Kche und Keller und Gesindestuben nicht gesehen,
erwiderte ich.

Ihr sollt sie sehen, wenn ihr wollt, sagte er.

Ich nahm mein mehr im Scherze gesprochenes Wort nicht zurck, und wir
gingen wieder in das Haus.

Ich sah hier eine groe gewlbte Kche, eine groe Speisekammer, drei
Stuben fr Dienstleute, eine fr eine Art Hausaufseher, dann die
Waschstube, den Backofen, den Keller und die Obstkammer. Wie ich
vermutet hatte, war dies alles reinlich und zweckmig eingerichtet.
Ich sah Mgde beschftigt, und wir trafen auch den Hausaufseher in
seinem Tagewerke begriffen. Das flache feine Krbchen, aus welchem
mein Beherberger die Vgel gefttert hatte, lehnte in einer eigenen
Mauernische neben der Tr, welche sein bestimmter Platz zu sein
schien.

Wir gingen von diesen Rumen in das Gewchshaus. Es enthielt sehr
viele Pflanzen, meistens solche, welche zur Zeit gebruchlich waren.
Auf den Gestellen standen Camellien mit gut gepflegten grnen
Blttern, Rhododendren, darunter, wie mir die Aufschrift sagte, gelbe,
die ich nie gesehen hatte, Azaleen in sehr mannigfaltigen Arten und
besonders viele neuhollndische Gewchse. Von Rosen war die Teerose
in hervorragender Anzahl da, und ihre Blumen blhten eben. An das
Gewchshaus stie ein kleines Glashaus mit Ananas. Auf dem Sandwege
vor beiden Husern standen Citronen- und Orangenbume in Kbeln. Der
alte Grtner hatte noch weiere Haare als sein Herr. Er war ebenfalls
ungewhnlich gekleidet, nur konnte ich bei ihm das Ungewhnliche nicht
finden. Das fiel mir auf, da er viel reines Wei an sich hatte,
welches im Vereine mit seiner weien Schrze mich eher an einen Koch
als an einen Grtner erinnerte.

Da die schmale Seite des Gewchshauses von Auen mit Rosen bekleidet
sei, wie die Sdseite des Wohnhauses, fiel mir wieder auf, aber es
berhrte mich nicht unangenehm.

Die alte Gattin des Grtners, die wir in der Wohnung desselben fanden,
war ebenso wei gekleidet wie ihr Mann. An die Grtnerswohnung stieen
die Kammern der Gehilfen.

Ihr habt ihr jetzt alles gesehen, sagte mein Gastfreund, da wir aus
diesen Kammern traten, auer den Gastzimmern, die ich euch zeigen
werde, wenn ihr es verlangt, und der Wohnung meines Ziehsohnes, die
wir aber jetzt nicht betreten knnen, weil wir ihn in seinem Lernen
stren wrden.

Wir wollen das auf eine sptere Stunde lassen, in der ich euch daran
erinnern werde, sagte ich, jetzt habe ich aber ein anderes Anliegen
an eure Gte, das mir nher am Herzen ist.

Und dieses nhere Anliegen? fragte er.

Da ihr mir endlich sagt, antwortete ich, wie ihr zu einer so
entschiedenen Gewiheit in Hinsicht des Wetters gekommen seid.

Der Wunsch ist ein sehr gerechter, entgegnete er, und um so
gerechter, als eure Meinung ber das Gewitter der Grund gewesen ist,
weshalb ihr zu unserem Hause herauf gegangen seid, und als unser
Streit ber das Gewitter der Grund gewesen ist, da ihr lnger da
geblieben seid. Gehen wir aber gegen das Bienenhaus, und setzen wir
uns auf eine Bank unter eine Linde. Ich werde euch auf dem Wege und
auf der Bank meine Sache erzhlen.


Wir schlugen einen breiten Sandpfad ein, der Anfangs von greren
Obstbumen und spter von hohen, schattenden Linden begrenzt war.
Zwischen den Stmmen standen Ruhebnke, auf dem Sande liefen pickende
Vgel und in den Zweigen wurde heute wieder das Singen vollbracht,
welches ich gestern schon wahrgenommen hatte.

Ihr habt die Sammlung von Werkzeugen der Naturlehre in meiner Wohnung
gesehen, fing mein Begleiter an, als wir auf dem Sandwege dahin
gingen, sie erklren schon einen Teil unserer Sache.

Ich habe sie gesehen, antwortete ich, besonders habe ich das
Barometer, Thermometer sowie einen Luftblau- und Feuchtigkeitsmesser
bemerkt; aber diese Dinge habe ich auch, und sie haben eher, da ich
sie vor meiner Wanderung beobachtete, auf einen Niederschlag als auf
sein Gegenteil gedeutet.

Das Barometer ist gefallen, erwiderte er, und wies auf geringeren
Luftdruck hin, mit welchem sehr oft der Eintritt von Regen verbunden
ist.

Wohl, sagte ich.

Der Zeiger des Feuchtigkeitsmessers, fuhr er fort, rckte mehr
gegen den Punkt der grten Feuchtigkeit.

Ja, so ist es gewesen, antwortete ich.

Aber der Electricittsmesser, sagte er, verkndigte wenig
Luftelectricitt, da also eine Entladung derselben, womit in unseren
Gegenden gerne Regen verbunden ist, nicht erwartet werden konnte.

Ich habe wohl auch die nehmliche Beobachtung gemacht, entgegnete
ich, aber die electrische Spannung steht nicht so sehr im
Zusammenhange mit Wettervernderungen und ist meistens nur ihre Folge.
Zudem hat sich gestern gegen Abend Electricitt genug entwickelt, und
alle Anzeichen, von denen ihr redet, verkndeten einen Niederschlag.

Ja, sie verkndeten ihn und er ist erfolgt, sagte mein Begleiter;
denn es bildeten sich aus den unsichtbaren Wasserdnsten sichtbare
Wolken, die ja wohl sehr fein zerteiltes Wasser sind. Da ist der
Niederschlag. Auf die geringe electrische Spannung legte ich kein
Gewicht; ich wute, da, wenn einmal Wolken entstnden, sich auch
hinlngliche Electricitt einstellen wrde. Die Anzeichen, von denen
wir geredet haben, beziehen sich aber nur auf den kleinen Raum, in dem
man sich eben befindet, man mu auch einen weiteren betrachten, die
Blue der Luft und die Gestaltung der Wolken.

Die Luft hatte schon gestern Vormittags die tiefe und finstere
Blue, erwiderte ich, welche dem Regen vorangeht, und die
Wolkenbildung begann bereits am Mittage und schritt sehr rasch
vorwrts.

Bis hieher habt ihr Recht, sagte mein Begleiter, und die Natur hat
euch auch Recht gegeben, indem sie eine ungewhnliche Menge von Wolken
erzeugte. Aber es gibt auch noch andere Merkmale als die wir bisher
besprochen haben, welche euch entgangen sind.

Ihr werdet wissen, da Anzeichen bestehen, welche nur einer gewissen
Gegend eigen sind und von den Eingeborenen verstanden werden, denen
sie von Geschlecht zu Geschlecht berliefert worden sind. Oft vermag
die Wissenschaft recht wohl den Grund der langen Erfahrung anzugeben.
Ihr wit, da in Gegenden ein kleines Wlklein, an einer bestimmten
Stelle des Himmels, der sonst rein ist, erscheinend und dort schweben
bleibend, ein sicherer Gewitteranzeiger fr diese Gegend ist, da ein
trberer Ton an einer gewissen Stelle des Himmels, ein Windsto aus
einer gewissen Gegend her Vorboten eines Landregens sind und da der
Regen immer kmmt. Solche Anzeichen hat auch diese Gegend, und es sind
gestern keine eingetreten, die auf Regen wiesen.

Merkmale, die nur dieser Gegend angehren, erwiderte ich, konnte
ich nicht beobachten; aber ich glaube, da diese Merkmale allein euch
doch nicht bestimmen konnten, einen so entscheidenden Ausspruch zu
tun, wie ihr getan habt.

Sie bestimmten mich auch nicht, antwortete er, ich hatte auch noch
andere Grnde.

Nun?

Alle die Vorzeichen, von denen wir bisher geredet haben, sind sehr
grobe, sagte er, und werden meistens von uns nur mittelst rumlicher
Vernderungen erkannt, die, wenn sie nicht eine gewisse Gre
erreichen, von uns gar nicht mehr beobachtet werden knnen. Der
Schauplatz, auf welchem sich die Witterungsverhltnisse gestalten, ist
sehr gro; dort, wohin wir nicht sehen und woher die Wirkungen auf
unsere wissenschaftlichen Werkzeuge nicht reichen knnen, mgen
vielleicht Ursachen und Gegenanzeigen sein, die, wenn sie uns bekannt
wren, unsere Vorhersage in ihr Gegenteil umstimmen wrden. Die
Anzeichen knnen daher auch tuschen. Es sind aber noch viel feinere
Vorrichtungen vorhanden, deren Beschaffenheit uns ein Geheimnis ist,
die von Ursachen, die wir sonst gar nicht mehr messen knnen, noch
betroffen werden und deren Wirkung eine ganz gewisse ist.

Und diese Werkzeuge?

Sind die Nerven.

Also empfindet ihr durch eure Nerven, wenn Regen kommen wird?

Durch meine Nerven empfinde ich das nicht, antwortete er. Der
Mensch strt leider durch zu starke Einwirkungen, die er auf die
Nerven macht, das feine Leben derselben, und sie sprechen zu ihm nicht
mehr so deutlich, als sie sonst wohl knnten. Auch hat ihm die Natur
etwas viel Hheres zum Ersatze gegeben, den Verstand und die Vernunft,
wodurch er sich zu helfen und sich seine Stellung zu geben vermag. Ich
meine die Nerven der Tiere.

Es wird wohl wahr sein, was ihr sagt, antwortete ich. Die Tiere
hngen mit der tiefer stehenden Natur noch viel unmittelbarer zusammen
als wir. Es wird nur darauf ankommen, da diese Beziehungen ergrndet
werden und dafr ein Ausdruck gefunden wird, besonders, was das
kommende Wetter betrifft.

Ich habe diesen Zusammenhang nicht ergrndet, entgegnete er,
noch weniger den Ausdruck dafr gefunden; beides drfte in dieser
Allgemeinheit wohl sehr schwer sein; aber ich habe zufllig einige
Beobachtungen gemacht, habe sie dann absichtlich wiederholt und daraus
Erfahrungen gesammelt und Ergebnisse zusammen gestellt, die eine
Voraussage mit fast vlliger Gewiheit mglich machen. Viele Tiere
sind von Regen und Sonnenschein so abhngig, ja bei einigen handelt es
sich geradezu um das Leben selber, je nachdem Sonne oder Regen ist,
da ihnen Gott notwendig hat Werkzeuge geben mssen, diese Dinge
vorhinein empfinden zu knnen. Diese Empfindung als Empfindung kann
aber der Mensch nicht erkennen, er kann sie nicht betrachten, weil
sie sich den Sinnen entzieht; allein die Tiere machen in Folge dieser
Vorempfindung Anstalten fr ihre Zukunft, und diese Anstalten kann der
Mensch betrachten und daraus Schlsse ziehen. Es gibt einige, die ihre
Nahrung finden, wenn es feucht ist, andere verlieren sie in diesem
Falle. Manche mssen ihren Leib vor Regen bergen, manche ihre
Brut in Sicherheit bringen. Viele mssen ihre fr den Augenblick
aufgeschlagene Wohnung verlassen oder eine andere Arbeit suchen.
Da nun die Vorempfindung gewi sein mu, wenn die daraus folgende
Handlung zur Sicherung fhren soll, da die Nerven schon berhrt
werden, wenn noch alle menschlichen wissenschaftlichen Werkzeuge
schweigen, so kann eine Voraussage ber das Wetter, die auf eine
genaue Betrachtung der Handlungen der Tiere gegrndet ist, mehr Anhalt
gewhren als die aus allen wissenschaftlichen Werkzeugen zusammen
genommen.

Ihr erffnet da eine neue Richtung.

Die Menschen haben darin schon Vieles erfahren. Die besten
Wetterkenner sind die Insekten und berhaupt die kleinen Tiere. Sie
sind aber viel schwerer zu beobachten, da sie, wenn man dies tun will,
nicht leicht zu finden sind und da man ihre Handlungen auch nicht
immer leicht versteht. Aber von kleineren Tieren hngen oft grere
ab, deren Speise jene sind, und die Handlungen kleinerer Tiere haben
Handlungen grerer zur Folge, welche der Mensch leichter berblickt.
Freilich steht da ein Schlu in der Mitte, der die Gefahr zu irren
grer macht, als sie bei der unmittelbaren Betrachtung und der
gleichsam redenden Tatsache ist. Warum, damit ich ein Beispiel
anfhre, steigt der Laubfrosch tiefer, wenn Regen folgen soll, warum
fliegt die Schwalbe niedriger und springt der Fisch aus dem Wasser?
Die Gefahr, zu irren, wird wohl bei oftmaliger Wiederholung der
Beobachtung und bei sorglicher Vergleichung geringer; aber das
Sicherste bleiben immer die Herden der kleinen Tiere. Das habt ihr
gewi schon gehrt, da die Spinnen Wetterverkndiger sind und da die
Ameisen den Regen vorhersagen. Man mu das Leben dieser kleinen Dinge
betrachten, ihre huslichen Einrichtungen anschauen, oft zu ihnen
kommen, sehen, wie sie ihre Zeit hinbringen, erforschen, welche
Grenzen ihre Gebiete haben, welche die Bedingungen ihres Glckes sind
und wie sie denselben nachkommen. Darum wissen Jger, Holzhauer und
Menschen, welche einsam sind und zur Betrachtung dieses abgesonderten
Lebens aufgefordert werden, das Meiste von diesen Dingen und wie aus
dem Benehmen von Tieren das Wetter vorherzusagen ist. Es gehrt aber
wie zu allem auch Liebe dazu.

Hier ist der Sitz, unterbrach er sich, von welchem ich frher
gesprochen habe. Hier ist die schnste Linde meines Gartens, ich habe
einen bessern Ruheplatz unter ihr anbringen lassen und gehe selten
vorber, ohne mich eine Weile nieder zu setzen, um mich an dem Summen
in ihren sten zu ergtzen. Wollen wir uns setzen?

Ich willigte ein, wir setzten uns, das Summen war wirklich ber unsern
Huptern zu hren, und ich fragte, Habt ihr nun diese Beobachtungen
an den Tieren, wie ihr sagtet, gemacht?

Auf Beobachtungen bin ich eigentlich nicht ausgegangen, antwortete
er; aber da ich lange in diesem Hause und in diesem Garten gelebt
habe, hat sich Manches zusammengefunden; aus dem Zusammengefundenen
haben sich Schlsse gebaut, und ich bin durch diese Schlsse umgekehrt
wieder zu Betrachtungen veranlat worden. Viele Menschen, welche
gewohnt sind, sich und ihre Bestrebungen als den Mittelpunkt der Welt
zu betrachten, halten diese Dinge fr klein; aber bei Gott ist es
nicht so; das ist nicht gro, an dem wir vielmal unsern Mastab
umlegen knnen, und das ist nicht klein, wofr wir keinen Mastab
mehr haben. Das sehen wir daraus, weil er alles mit gleicher Sorgfalt
behandelt. Oft habe ich gedacht, da die Erforschung des Menschen und
seines Treibens, ja sogar seiner Geschichte, nur ein anderer Zweig der
Naturwissenschaft sei, wenn er auch fr uns Menschen wichtiger ist,
als er fr Tiere wre. Ich habe zu einer Zeit Gelegenheit gehabt, in
diesem Zweige Manches zu erfahren und mir Einiges zu merken. Doch ich
will zu meinem Gegenstande zurckkehren. Von dem, was die kleinen
Tiere tun, wenn Regen oder Sonnenschein kommen soll, oder wie ich
berhaupt aus ihren Handlungen Schlsse ziehe, kann ich jetzt nicht
reden, weil es zu umstndlich sein wrde, obwohl es merkwrdig ist;
aber das kann ich sagen, da nach meinen bisherigen Erfahrungen
gestern keines der Tierchen in meinem Garten ein Zeichen von Regen
gegeben hat.

Wir mgen von den Bienen anfangen, welche in diesen Zweigen summen,
und bis zu den Ameisen gelangen, die ihre Puppen an der Planke meines
Gartens in die Sonne legen, oder zu dem Springkfer, der sich seine
Speise trocknet. Weil mich nun diese Tiere, wenn ich zu ihnen kam, nie
getuscht haben, so folgerte ich, da die Wasserbildung, welche unsere
grberen wissenschaftlichen Werkzeuge voraussagten, nicht ber die
Entstehung von Wolken hinausgehen wrde, da es sonst die Tiere gewut
htten. Was aber mit den Wolken geschehen wrde, erkannte ich nicht
genau, ich schlo nur, da durch die Abkhlung, die ihr Schatten
erzeugen mte, und durch die Luftstrmungen, denen sie selber ihr
Dasein verdankten, ein Wind entstehen knnte, der in der Nacht den
Himmel wieder rein fegen wrde.

Und so geschah es auch, sagte ich.

Ich konnte es um so sicherer voraussehen, erwiderte er, weil es
an unserem Himmel und in unserem Garten oft schon so gewesen ist wie
gestern und stets so geworden ist wie heute in der Nacht.

Das ist ein weites Feld, von dem ihr da redet, sagte ich, und da
steht der menschlichen Erkenntnis ein nicht unwichtiger Gegenstand
gegenber. Er beweist wieder, da jedes Wissen Auslufe hat, die man
oft nicht ahnt, und wie man die kleinsten Dinge nicht vernachlssigen
soll, wenn man auch noch nicht wei, wie sie mit den greren
zusammenhngen. So kamen wohl auch die grten Mnner zu den Werken,
die wir bewundern, und so kann mit Hereinbeziehung dessen, von dem ihr
redet, die Witterungskunde einer groen Erweiterung fhig sein.

Diesen Glauben hege ich auch, erwiderte er. Euch Jngeren wird es
in den Naturwissenschaften berhaupt leichter, als es den lteren
geworden ist. Man schlgt jetzt mehr die Wege des Beobachtens
und der Versuche ein, statt da man frher mehr den Vermutungen,
Lehrmeinungen, ja Einbildungen hingegeben war. Diese Wege wurden lange
nicht klar, obgleich sie Einzelne wohl zu allen Zeiten gegangen sind.
Je mehr Boden man auf die neue Weise gewinnt, desto mehr Stoff hat man
als Hilfe zu fernern Erringungen.

Man wendet sich jetzt auch mit Ernst der Pflege der einzelnen Zweige
zu, statt wie frher immer auf das Allgemeine zu gehen; und es
wird daher auch eine Zeit kommen, in der man dem Gegenstande eine
Aufmerksamkeit schenken wird, von dem wir jetzt gesprochen haben. Wenn
die Fruchtbarkeit, wie sie durch Jahrzehnte in der Naturwissenschaft
gewesen ist, durch Jahrhunderte anhlt, so knnen wir gar nicht ahnen,
wie weit es kommen wird. Nur das eine wissen wir jetzt, da das noch
unbebaute Feld unendlich grer ist als das bebaute.

Ich habe gestern einige Arbeiter bemerkt, sagte ich, welche, obwohl
der Himmel voll Wolken war, doch Wasser pumpten, ihre Giekannen
fllten und die Gewchse begossen. Haben diese vielleicht auch
gewut, da kein Regen kommen werde, oder haben sie blo eure Befehle
vollzogen, wie die Mher, die an dem Meierhofe Gras abmhten?

Das Letztere ist der Fall, erwiderte er. Diese Arbeiter glauben
jedes Mal, da ich mich irre, wenn der uere Anschein gegen mich ist,
wie oft sie auch durch den Erfolg belehrt worden sein mgen. Und so
werden sie gewi auch gestern geglaubt haben, da Regen komme. Sie
begossen die Gewchse, weil ich es angeordnet habe und weil es bei
uns eingefhrt ist, da der, welcher wiederholt den Anordnungen nicht
nachkmmt, des Dienstes entlassen wird. Es sind aber endlich auch noch
andere Dinge auer den Tieren, welche das Wetter vorhersagen, nehmlich
die Pflanzen.

Von den Pflanzen wute ich es schon, und zwar besser, als von den
Tieren, erwiderte ich.

In meinem Garten und in meinem Gewchshause sind Pflanzen, sagte er,
welche einen auffallenden Zusammenhang mit dem Luftkreise zeigen,
besonders gegen das Nahen der Sonne, wenn sie lange in Wolken gewesen
war. Aus dem Geruche der Blumen kann man dem kommenden Regen entgegen
sehen, ja sogar aus dem Grase riecht man ihn beinahe. Mir kommen diese
Dinge so zufllig in den Garten und in das Haus; ihr aber werdet sie
weit besser und weit grndlicher kennen lernen, wenn ihr die Wege der
neuen Wissenschaftlichkeit wandelt und die Hilfsmittel bentzt, die es
jetzt gibt, besonders die Rechnung. Wenn ihr namentlich eine einzelne
Richtung einschlage, so werdet ihr in derselben ungewhnlich groe
Fortschritte machen.

Woher schliet ihr denn das? fragte ich.

Aus eurem Aussehen, erwiderte er, und schon aus der sehr bestimmten
Aussage, die ihr gestern in Hinsicht des Wetters gemacht habt.

Diese Aussage war aber falsch, antwortete ich, und aus ihr httet
ihr gerade das Gegenteil schlieen knnen.

Nein, das nicht, sagte er, eure uerung zeigte, weil sie so
bestimmt war, da ihr den Gegenstand genau beobachtet habt, und weil
sie so warm war, da ihr ihn mit Liebe und mit Eifer umfat; da
eure Meinung deohngeachtet irrig war, kam nur daher, weil ihr einen
Umstand, der auf sie Einflu hatte, nicht kanntet und ihn auch nicht
leicht kennen konntet; sonst wrdet ihr anders geurteilt haben.

Ja, ihr redet wahr, ich wrde anders geurteilt haben, antwortete
ich, und ich werde nicht wieder so voreilig urteilen.


Ihr habt gestern gesagt, da ihr euch mit Naturdingen beschftiget,
fuhr er fort, darf ich wohl fragen, ob ihr eine bestimmte Richtung
gewhlt habt und welche.

Ich war durch die Frage ein wenig in Verwirrung gebracht und
antwortete: Ich bin doch im Grunde nur ein gewhnlicher Fureisender.
Ich besitze gerade so viel Vermgen, um unabhngig leben zu knnen,
und gehe in der Welt herum, um sie anzusehen. Ich habe wohl vor Kurzem
alle Wissenschaften angefangen; aber davon bin ich zurckgekommen und
habe mir nur hauptschlich die einzelne Wissenschaft der Erdbildung
zur Aufgabe gemacht. Um die Werke, welche ich hierin lese, zu
ergnzen, suche ich auf den Reisen, die ich in verschiedene
Landesteile mache, zu beobachten, schreibe meine Erfahrungen auf und
verfertige Zeichnungen. Da die Werke vorzglich von Gebirgen handeln,
so suche ich auch vorzglich die Gebirge auf. Sie enthalten sonst auch
Vieles, das mir lieb ist.

Diese Wissenschaft ist eine sehr weite, entgegnete mein Gastfreund,
wenn sie in der Bedeutung der Erdgeschichte genommen wird. Sie
schliet manche Wissenschaften ein und setzt manche voraus. Die Berge
sind wohl jetzt, wo diese Wissenschaft noch jung ist und wo man ihre
ersten und greifbarsten Zge sammelt, von der grten Bedeutung; aber
es wird auch die Ebene an die Reihe kommen, und ihre einfache und
schwerer zu entziffernde Frage wird gewi nicht von geringerer
Wichtigkeit sein.

Sie wird gewi wichtig sein, antwortete ich. Ich habe die Ebene und
ihre Sprache, die sie damals zu mir sprach, schon geliebt, ehe ich
meine jetzige Aufgabe betrieb und ehe ich die Gebirge kannte.

Ich glaube, entgegnete mein Begleiter, da in der gegenwrtigen
Zeit der Standpunkt der Wissenschaft, von welcher wir sprechen, der
des Sammelns ist. Entfernte Zeiten werden aus dem Stoffe etwas bauen,
das wir noch nicht kennen. Das Sammeln geht der Wissenschaft immer
voraus; das ist nicht merkwrdig; denn das Sammeln mu ja vor der
Wissenschaft sein; aber das ist merkwrdig, da der Drang des Sammelns
in die Geister kmmt, wenn eine Wissenschaft erscheinen soll, wenn sie
auch noch nicht wissen, was diese Wissenschaft enthalten wird. Es geht
gleichsam der Reiz der Ahnung in die Herzen, wozu etwas da sein knne
und wozu es Gott bestellt haben mge. Aber selbst ohne diesen Reiz
hat das Sammeln etwas sehr Einnehmendes. Ich habe meine Marmore alle
selber in den Gebirgen gesammelt und habe ihren Bruch aus den Felsen,
ihr Absgen, ihr Schleifen und ihre Einfgungen geleitet. Die Arbeit
hat mir manche Freude gebracht, und ich glaube, da mir nur darum
diese Steine so lieb sind, weil ich sie selber gesucht habe.

Habt ihr alle Arten unsers Gebirges? fragte ich.

Ich habe nicht alle, antwortete er, ich htte sie vielleicht
nach und nach erhalten knnen, wenn ich meine Besuche stetig htte
fortsetzen knnen. Aber seit ich alt werde, wird es mir immer
schwieriger. Wenn ich jetzt zu seltnen Zeiten einmal an den Rand des
Simmeises hinaufkomme, empfinde ich, da es nicht mehr ist wie in der
Jugend, wo man keine Grenze kennt als das Ende des Tages oder die bare
Unmglichkeit. Weil ich nun nicht mehr so groe Strecken durchreisen
kann, um etwa Marmor, der mir noch fehlt, in Blcken aufzusuchen,
so wird die Ausbeute immer geringer; sie wird auch aus dem Grunde
geringer, weil ich bereits so viel habe und die Stellen also seltener
sind, wo ich ein noch Fehlendes finde. Da ich allen Marmor selber
gesammelt habe, so kann ich wohl auch kein Stck an meinem Hause
anbringen, das mir von fremder Hand kme.

Ihr habt also wahrscheinlich das Haus selber gebaut oder es sehr
umgestaltet? fragte ich.

Ich habe es selber gebaut, antwortete er. Das Wohnhaus, welches zu
den umliegenden Grnden gehrt, war frher der Meierhof, an dem ihr
gestern, da wir auf dem Bnkchen der Felderrast saen, Leute Gras
mhen gesehen habt. Ich habe ihn von dem frheren Besitzer sammt allen
Lndereien, die dazu gehren, gekauft, habe das Haus auf dem Hgel
gebaut und habe den Meierhof zum Wirtschaftsgebude bestimmt.

Aber den Garten knnt ihr doch unmglich neu angelegt haben?

Das ist eine eigene Entstehungsgeschichte, erwiderte er. Ich mu
sagen: ich habe ihn neu angelegt, und ich mu sagen: ich habe ihn
nicht neu angelegt.

Ich habe mir mein Wohnhaus fr den Rest meiner Tage auf einen Platz
gebaut, der mir entsprechend schien. Der Meierhof stand in dem Tale,
wie meistens die Gebude dieser Art, damit sie das fette Gras, das man
hufig in den Wirtschaften braucht, um das Gehfte herum haben; ich
wollte aber mit meiner Wohnung auf die Anhhe. Da sie nun fertig war,
sollte der Garten, der an dem Meierhofe stand und nur mit vereinzelten
Bumen oder mit Gruppen von ihnen zu mir langte, heraufgezogen werden.
Die Linde, unter welcher wir jetzt sitzen, sowie ihre Kameraden, die
um sie herum stehen oder einen Gartenweg bilden, stehen da, wo sie
gestanden sind. Der groe alte Kirschbaum auf der Anhhe stand mitten
im Getreide. Ich zog die Anhhe zu meinem Garten, legte einen Weg zu
dem Kirschbaume hinauf an und baute um ihn ein Bnklein herum. Und
so ging es mit vielen andern Bumen. Manche, und darunter sehr
bedeutende, da man es nicht glauben sollte, haben wir bersetzt. Wir
haben sie im Winter mit einem groen Erdballen ausgegraben, sie mit
Anwendung von Seilen umgelegt, hierher gefhrt und mit Hilfe von
Hebeln und Balken in die vorgerichteten, gut zubereiteten Gruben
gesenkt. Waren die Zweige und ste gehrig gekrzt, so schlugen sie im
Frhlinge desto krftiger an, gleichsam als wren die Bume zu neuem
Leben erwacht. Die Gestruche und das Zwergobst ist alles neu gesetzt
worden. In krzerer Zeit, als man glauben sollte, hatten wir die
Freude, zu sehen, da der Garten so zusammengewachsen erschien, als
wre er nie an einem andern Platze gewesen. In der Nhe des Meierhofes
habe ich manchen Rest von Bumen fllen lassen, wenn er dem
Getreidebau hinderlich war; denn ich legte dort Felder an, wo ich die
Bume genommen hatte, um an Boden auf jener Seite zu gewinnen, was ich
auf dieser durch Anlegung des Gartens verloren hatte.

Ihr habt da einen reizenden Sitz, bemerkte ich.

Nicht der Sitz allein, das ganze Land ist reizend, erwiderte er,
und es ist gut da wohnen, wenn man von den Menschen kmmt, wo sie ein
wenig zu dicht an einander sind, und wenn man fr die Krfte seines
Wesens Ttigkeit mitbringt. Zuweilen mu man auch einen Blick in sich
selbst tun. Doch soll man nicht stetig mit sich allein auch in dem
schnsten Lande sein; man mu zu Zeiten wieder zu seiner Gesellschaft
zurckkehren, wre es auch nur, um sich an manche glnzende
Menschentrmmer, die aus unsrer Jugend noch brig sind, zu erquicken,
oder an manchem festen Turm von einem Menschen empor zu schauen, der
sich gerettet hat. Nach solchen Zeiten geht das Landleben wieder wie
lindes l in das geffnete Gemt. Man mu aber weit von der Stadt weg
und von ihr unberhrt sein. In der Stadt kommen die Vernderungen,
welche die Knste und die Gewerbe bewirkt haben, zur Erscheinung:
auf dem Lande die, welche naheliegendes Bedrfnis oder Einwirken der
Naturgegenstnde auf einander hervorgebracht haben. Beide vertragen
sich nicht, und hat man das Erste hinter sich, so erscheint das Zweite
fast wie ein Bleibendes, und dann ruht vor dem Sinne ein schnes
Bestehendes und zeigt sich dem Nachdenken ein schnes Vergangenes, das
sich in menschlichen Wandlungen und in Wandlungen von Naturdingen in
eine Unendlichkeit zurckzieht.

Ich antwortete nichts auf diese Rede, und wir schwiegen eine Weile.

Endlich sagte er wieder: Ihr bleibt noch heute nachmittag und in der
Nacht bei uns?

Nach dem, wie ich hier aufgenommen worden bin, antwortete ich, ist
es ein angenehmes Gefhl, noch den Tag und die Nacht hier zubringen zu
drfen.

So ist es gut, erwiderte er, ihr mt aber auch erlauben, da ich
euch einen Teil des Vormittags allein lasse, weil die Stunde naht, in
der ich zu Gustav gehen und ihm in seinem Lernen beistehen mu.

Tut euch nur keinen Zwang an, entgegnete ich.

So werde ich euch verlassen, antwortete er, geht indessen ein wenig
in dem Garten herum, oder seht das Feld an, oder besucht das Haus.

Ich wnsche fr den Augenblick noch eine Weile unter diesem Baume
sitzen bleiben zu drfen, erwiderte ich.

Tut, wie es euch gefllt, antwortete er, nur erinnert euch, da
ich gestern gesagt habe, da in diesem Hause um zwlf Uhr zu Mittag
gegessen wird.

Ich erinnere mich, sagte ich, und werde keine Unordnung machen.

Eine kleine Weile nach diesen Worten stand er auf, strich sich mit
seiner Hand die Tierchen und sonstigen Krperchen, die von dem Baume
auf ihn herabgefallen waren, aus den Haaren, empfahl sich und ging in
der Richtung gegen das Haus zu.



Der Abschied

Ich sa noch eine geraume Zeit unter dem Baume und legte mir zurecht,
was ich gesehen und vernommen. Die Bienen summten in dem Baume, und
die Vgel sangen in dem Garten. Das Haus, in welches der alte Mann
gegangen war, blickte mit einzelnen Teilen, sei es von der weien
Wand, sei es von dem Ziegeldache durch das Grn der Bume herber,
und zu meiner Rechten ging jenseits der Gebsche, in der Gegend, in
welcher ich das Schreinerhaus vermutete, ein dnner Rauch in die
Luft empor. Das Singen der Vgel und das Summen der Bienen war mir
beinahe eine Stille, da ich durch meine Gebirgswanderungen an solche
andauernde Laute gewohnt war. Die Stille wurde unterbrochen durch
einzelne Laute, welche von den Arbeitern im Garten herrhrten,
entweder da man das Quieken einer Pumpe hrte, mit der man Wasser
pumpte, und mittelst Rinnen in eine Tonne leitete, um es abends zum
Begieen zu verwenden, oder da eine menschliche Rede ferner oder
nher erscholl, die einen Befehl oder eine Auskunft enthielt. Die
verschiedenen Flecke des Himmels, welche durch das Grn der Bume
hereinsahen, waren ganz blau und zeigten, wie sehr mein Gastfreund mit
seiner Voraussage des schnen Wetters Recht gehabt hatte.

Ich ri mich endlich aus meinen Gedanken und ging in dem Garten empor.

Ich ging zu dem groen Kirschbaume. Ich suchte das Freie, weil ich in
dem Garten wegen der beschrnkten Aussicht doch nicht einen genauen
berblick in Hinsicht der Witterungsverhltnisse machen konnte. Hier
oben stand der Himmel als eine groe, ausgedehnte Glocke ber mir,
und in der ganzen Glocke war kein einziges Wlklein. Das Hochgebirge,
welches wir gestern nicht hatten sehen knnen, stand heute in seiner
ganzen Klarheit an der Lnge des sdlichen Himmels dahin. Vor ihm
waren die Vorlande mit manchen weien Punkten von Kirchen und Drfern,
nher zu mir zeigte sich mancher Turm von einer Ortschaft, die ich
kannte, und unter meinen Fen ruhten der Garten und das Haus,
in welchem ich gestern so freundlich aufgenommen worden war. Die
Getreide, welche nicht weit von mir hinter der Planke des Gartens
standen, und die gestern ganz ruhig gewesen waren, befanden sich heute
in einem zwar schwachen, aber frhlichen Wogen. Ich mute denken, da
das Wetter nicht nur jetzt so schn sei, sondern da es noch lange so
schn bleiben werde.

Von dem groen Kirschbaume ging ich wieder in den Garten zurck und
betrachtete verschiedene Gegenstnde.

Ich ging auch noch einmal in das Gewchshaus. Ich konnte nun manches
genauer ansehen, als es mir frher mglich gewesen war, da ich mit
meinem Begleiter das Haus gleichsam nur durchschritten hatte. Der
weie Grtner gesellte sich zu mir, erluterte mir manches, gab mir
ber Verschiedenes Auskunft und beantwortete bereitwillig alle meine
Fragen, wie weit seine Kenntnisse und seine bersicht es zulieen.
Als ich das Gebude verlassen wollte, sagte er mir, er wolle mir noch
etwas zeigen, was der Herr mir zu zeigen vergessen habe. Er fhrte
mich auf einen Platz, der mit Sand bedeckt war, der von allen Seiten
der Sonne zugnglich und doch durch Bume und Gebsche, die ihn in
einer gewissen Entfernung umgaben, vor heftigen Winden geschtzt war.
Mitten auf dem Platze stand ein kleines glsernes Haus, welches zum
Teile in der Erde steckte. Dieser Umstand und dann der, da es von
Bumen umringt war, machten, da ich es frher nicht wahrgenommen
hatte. Als wir nher kamen, sah ich, da es ganz von Glas sei und nur
so viel Gerippe habe, als sich zur Festigkeit der Tafeln notwendig
zeige. Es war auch mit einem starken eisernen Gitter, wahrscheinlich
des Hagels wegen, umspannt. Als wir die einigen Stufen von der Flche
des Gartens in das Innere hinabgestiegen waren, sah ich, da sich
Pflanzen in dem Hause befanden, und zwar nur eine einzige Gattung,
nehmlich lauter Cactus. Mehr als hundert Arten standen in Tausenden
von kleinen Tpfen da. Die niederen und runden standen frei, die
langen, welche Luftwurzeln treiben, hatten Wnde von Baumrinden
neben sich, die mit Erde eingerieben waren, damit die Pflanzen die
Luftwurzeln in sie schlagen konnten. Alle Glastafeln ber unseren
Huptern waren geffnet, da die freie Luft den ganzen Raum
durchdringen konnte und doch die Wirkung der Sonnenstrahlen nicht
beirrt war. Die Tpfe standen in Reihen auf hlzernen Gestellen,
die Gestelle aber waren wieder unterbrochen, so da man in allen
Richtungen herum gehen und alles betrachten konnte. Der Grtner fhrte
mich herum und zeigte mir die Abteilungen und Unterabteilungen, in
welchen die Gewchse beisammenstanden.

Ich sagte, da ich mich freue, da mein Gastfreund auf die Familie
dieser Pflanzen eine solche Sorgfalt wende, da sie gewi besonders und
merkwrdig wren.

Wenn man sie lnger betrachtet und lnger mit ihnen umgeht, werden
sie immer merkwrdiger, antwortete mein Nachbar. Die Stellung
ihrer Bildungen ist so mannigfaltig, die Stacheln knnen zu einer
wahren Zierde und zu einer Bewaffnung dienen, und die Blten sind
verwunderlich wie Mrchen. In einem Monate wrdet ihr sehr schne
sehen, jetzt sind sie noch zu wenig entwickelt.

Ich sagte ihm, da ich schon Blten gesehen habe, nicht blo solche,
die, wie schn sie seien, doch berall wachsen, sondern auch andere,
die selten sind, und solche, die mit der Schnheit den lieblichen Duft
vereinen. Ich sagte ihm, da ich in frheren Zeiten Pflanzenkunde
getrieben habe, zwar nicht in Bezug auf Gartenpflege, sondern zu
meiner Belehrung und Erheiterung, und da die Cactus nicht das Letzte
gewesen wren, dem ich eine Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Wenn der Herr alte Sachen sammelt, sagte er, so wre es wohl auch
recht, wenn er dies auch mit alten Pflanzen tte. Im Inghofe ist in
dem Gewchshause ein Cereus, der strker als ein Mannesarm sammt
seiner Bekleidung ist. Er geht an der Wand empor, biegt sich um
und wchst an der Decke des Hauses hin, an welcher er mit Bndern
befestigt ist. Der untere Teil ist schon Holz geworden, da man Namen
eingeschnitten hat. Ich glaube, es ist ein Cereus peruvianus. Sie
schtzen ihn nicht so hoch, und der Herr sollte den Cereus kaufen,
wenn man auch wegen seiner Lnge drei Wgen aneinander binden mte,
um ihn herber bringen zu knnen. Er ist gewi schon zweihundert Jahre
alt.

Ich antwortete auf diese Rede nicht, um ihm seine Zeitrechnung in
Hinsicht der Cactuspflege in Europa nicht zu stren.

Ich dankte ihm, da ich endlich alles gesehen hatte, fr seine Mhe und
verlie das kleine Haus. Er verabschiedete sieh sehr freundlich und
mit vielen Verbeugungen.

Ich ging nun zu dem Eingangsgitter, durch welches mein Gastfreund mich
gestern hereingelassen hatte, weil ich auch auerhalb des Gartens ein
wenig herumsehen wollte. Ein Arbeiter, welcher in der Nhe beschftigt
war, ffnete mir die Tr, weil ich die Einrichtung des Schlosses nicht
kannte, und ich trat in das Freie. Ich ging auf der Seite des Hgels,
auf welcher ich gestern heraufgekommen war, in mehreren Richtungen
herum. Wenn ich auch die Gegend des Landes, in der ich mich befand, im
Allgemeinen sehr wohl kannte, so hatte ich mich doch nie so lange in
ihr aufgehalten, um in das Einzelne eindringen zu knnen. Ich sah
jetzt, da es ein sehr fruchtbarer, schner Teil sei, der mich
aufgenommen hatte, da sich anmutige Stellen zwischen die Krmmungen
der Hgel hineinziehen und da ein dichtes Bewohntsein der Gegend
etwas sehr Heiteres erteile. Der Tag wurde nach und nach immer wrmer,
ohne hei zu sein, und es war jene Stille, die zur Zeit der Rosenblte
weit mehr als zu einer anderen auf den Feldern ist. In dieser Zeit
sind alle Feldgewchse grn, sie sind im Wachsen begriffen, und wenn
nicht viele Wiesen in der Gegend sind, auf welchen zu jener Zeit die
Heuernte vorkmmt, so haben die Leute keine Arbeit auf den Feldern und
lassen sie allein unter der befruchtenden Sonne.

Die Stille war wie in dem Hochgebirge; aber sie war nicht so einsam,
weil man berall von der Geselligkeit der Nhrpflanzen umgeben war.



Der Klang einer fernen Dorfglocke und meine Uhr, die ich herauszog,
erinnerte mich daran, da es Mittag sei.

Ich ging dem Hause zu, das Gitter wurde mir auf einen Zug an der
Glockenstange geffnet, und ich ging in das Speisezimmer. Dort fand
ich meinen Gastfreund und Gustav, und wir setzten uns zu Tische. Wir
drei waren allein bei dem Mahle.

Whrend des Essens sagte mein Gastfreund: Ihr werdet euch wundern,
da wir so allein unsere Speisen verzehren. Es ist in der Tat sehr zu
bedauern, da die alte Sitte abgekommen ist, da der Herr des Hauses
zugleich mit den Seinigen und seinem Gesinde beim Mahle sitzt. Die
Dienstleute gehren auf diese Weise zu der Familie, sie dienen oft
lebenslang in demselben Hause, der Herr lebt mit ihnen ein angenehmes
gemeinschaftliches Leben, und weil alles, was im Staate und in der
Menschlichkeit gut ist, von der Familie kmmt, so werden sie nicht
blo gute Dienstleute, die den Dienst lieben, sondern leicht auch
gute Menschen, die in einfacher Frmmigkeit an dem Hause wie an einer
unverrckbaren Kirche hngen und denen der Herr ein zuverlssiger
Freund ist. Seit sie aber von ihm getrennt sind, fr die Arbeit
bezahlt werden und abgesondert ihre Nahrung erhalten, gehren sie
nicht zu ihm, nicht zu seinem Kinde, haben andere Zwecke, widerstreben
ihm, verlassen ihn leicht und fallen, da sie familienlos und ohne
Bildung sind, leicht dem Laster anheim. Die Kluft zwischen den
sogenannten Gebildeten und Ungebildeten wird immer grer; wenn noch
erst auch der Landmann seine Speisen in seinem abgesonderten Stbchen
verzehrt, wird dort eine unnatrliche Unterscheidung, wo eine
natrliche nicht vorhanden gewesen wre.

Ich habe, fuhr er nach einer Weile fort, diese Sitte in unserem
hiesigen Hause einfhren wollen; allein die Leute waren auf eine
andere Weise herangewachsen, waren in sich selber hineingewachsen,
konnten sich an ein Fremdes nicht anschlieen und htten nur die
Freiheit ihres Wesens verloren. Es ist kein Zweifel, da sie sich
nach und nach in das Verhltnis wrden eingelebt haben, besonders die
Jngeren, bei denen die Erziehung noch wirkt; allein ich bin so alt,
da das Unternehmen weit ber den Rest meiner Jahre hinausgeht.
Ich befreite daher meine Dienstleute von dem Zwange, und jngere
Nachfolger mgen den Versuch wieder erneuern, wenn sie meine Meinung
teilen.

Mir fiel bei dieser Rede mein Elternhaus ein, in welchem es wohltuend
ist, da wenigstens die Handlungsdiener meines Vaters mit uns an dem
Mittagstische essen.

Die Zeit nach dem Mittagsessen ward dazu bestimmt, den Meierhof zu
besuchen, und Gustav durfte uns begleiten.

Wir gingen nicht den Weg, der an dem groen Kirschbaume vorber
und auf der Hhe der Felder dahin fhrt. Dieser Weg, sagte mein
Gastfreund, sei mir schon bekannt; sondern wir gingen in der Nhe der
Bienenhtte durch ein Pfrtchen in das Freie und gingen auf einem
Pfade ber den sanften Abhang hinab, der noch mit hohen Obstbumen,
die die besseren Arten des Landes trugen und von dem Meierhofgarten
brig geblieben waren, bedeckt war. Die Wiesen, ber die wir
wandelten, waren so gut, wie ich sie selten angetroffen habe.

Da wir zu dem Gebude gekommen waren, sah ich, da es ein weitlufiges
Viereck war wie die greren Landhfe der Gegend, da man aber hie und
da daran gebessert und da man es durch Zubauten erweitert hatte. Der
Hofraum war an den Gebuden herum mit breiten Steinen gepflastert, der
brige Teil desselben war mit grobem Quarzsande bedeckt, der fter
umgearbeitet wurde. Die Gebude, welche diesen Raum umgaben,
enthielten die Stlle, Scheunen, Wagengewlbe und Wohnungen. Das
Vorratshaus stand weiter entfernt in dem Garten. Wir besahen die
Tiere, welche eben zu Hause waren, von den Pferden und Rindern
angefangen bis zu den Schweinen und dem Federvieh hinunter. Fr die
Rinder war hinter dem Hause ein schner Platz eingefangen, auf welchem
sie in freie Luft gelassen werden konnten. Es strmte frisches Wasser
in einer tiefen Steinrinne durch den Platz, von welchem sie trinken
konnten. Ich hatte diese Einrichtung nie gesehen, und sie gefiel mir
sehr.

Ein hnlicher Platz war fr das Federvieh eingefangen, und nicht weit
davon war ein Anger, auf welchem sich die Fllen tummeln konnten. Wir
besuchten auch die Wohnungen der Leute. Hier fielen mir die groen,
schnen Steinrahmen auf, die an den Fenstern gesetzt waren, auch
konnte man leicht die bedeutende Vergrerung der Fenster sehen. In
der Wagenhalle waren nicht blo die Wgen und anderen Fahrzeuge,
sondern auch die brigen Landwirtschaftsgerte in Vorrate
vorhanden. Die Dngersttte, welche auch hier wie in den meisten
Wirtschaftshusern unseres Landes in dem Hofe gewesen war, ist auf
einen Platz hinter dem Hause verwiesen worden, den ringsum hohe
Gebsche umfingen.

Es ist hier noch Vieles im Entstehen und Werden begriffen, sagte
mein Gastfreund, aber es geht langsam vorwrts. Man mu die
Vorurteile der Leute schonen, die unter anderen Umgebungen
herangewachsen und sie gewohnt sind, damit sie nicht durch das Neue
beirrt werden und ihre Liebe zur Arbeit verlieren. Wir mssen uns
beruhigen, da schon so Vieles geschehen ist, und auf das Weitere
hoffen.

Die Leute, welche dieses Haus bewohnten, waren damit beschftigt, das
Heu, welches gestern gemht worden war, einzubringen oder, wo es not
tat, vollkommen zu trocknen. Mein Gastfreund redete mit Manchem und
fragte um Verschiedenes, das sich auf die tglichen Geschfte bezog.

Als wir von der entgegengesetzten Seite des Hauses fortgingen, sahen
wir auch den Garten, in welchem die Gemse und andere Dinge fr den
Gebrauch des Hofes gezogen wurden.

Auf dem Rckwege schlugen wir eine andere Richtung ein, als auf
der wir gekommen waren. Hatten wir auf unserem Herwege den groen
Kirschbaum nrdlich gelassen, so lieen wir ihn jetzt sdlich, so da
es schien, da wir den ganzen Garten des Hauses umgehen wrden. Wir
stiegen gegen jene Wiese hinan, von der mir mein Gastfreund gestern
gesagt hatte, da sie die nrdliche Grenze seines Besitztums sei und
da er sie nicht nach seinem Willen habe verbessern knnen. Der Weg
fhrte sachte aufwrts, und in der Tiefe der Wiese kam uns in vielen
Windungen ein Bchlein, das mit Schilf und Gestrippe eingefat war,
entgegen. Als wir eine Strecke gegangen waren, sagte mein Begleiter:
Das ist die Wiese, die ich euch gestern von dem Hgel herab gezeigt
habe und von der ich gesagt habe, da bis dahin unser Eigentum gehe
und da ich sie nicht habe einrichten knnen, wie ich gewollt htte.
Ihr seht, da die Stellen an dem Bache versumpft sind und saures Gras
tragen. Dem wre leicht abzuhelfen und das mildeste Gras zu erzielen,
wenn man dem Bache einen geraden Lauf gbe, da er schneller abflsse,
die Wnde hie und da mit Steinen ausmauerte und die Niederungen
mit trockener Erde anfllte. Ich kann euch jetzt den Grund zeigen,
weshalb dieses nicht geschieht. Ihr seht an beiden Seiten des Baches
Erlenschlinge wachsen. Wenn ihr nher herzutretet, so werdet ihr
sehen, da diese Schlinge aus dicken Blcken, gleichsam aus Knollen
und Hckern von Holz hervorwachsen, welches Holz teils ber der Erde
ist, teils in dem feuchten Boden derselben steckt.

Wir waren bei diesen Worten zu dem Bache hinzugegangen, und ich sah,
da es so war.

Diese ungestalteten Anhufungen von Holz, fuhr er fort, aus denen
die dnnen Ruten oder krppelhafte ste hervorragen, bilden sich hier
in sumpfigem Boden, sie entstehen aber auch im Sande oder in Steinen
und sind ein Aftererzeugnis des sonst recht schn emporwachsenden
Erlenbaumes. In dem vielteiligen Streben des Holzes, eine Menge
Ruten oder zwietrchtige ste anzusetzen und sich selber dabei zu
vergrern, entsteht ein solches Verwinden und Drehen der Fasern und
Rinden, da, wenn man einen solchen Block auseinandersgt und die
Sgeflche glttet, sich die schnste Gestaltung von Farbe und
Zeichnung in Ringen, Flammen und allerlei Schlangenzgen darstellt,
so da diese Gattung Erlenholz sehr gesucht fr Schreinerarbeiten und
sehr kostbar ist. Als ich das Anwesen hier gekauft, die Wiese besehen
und die Erlenblcke entdeckt hatte, lie ich einen ausgraben,
auseinandersgen und untersuchte ihn dann. Da fand ich, der ich damals
im Erkennen des Holzes schon mehrere bung hatte, da diese Blcke zu
den schnsten gehren, die bestehen, und da die feurige Farbe und der
weiche, seidenartige Glanz des Holzes, auf welche Dinge man besonders
das Augenmerk richtet, kaum ihresgleichen haben drften. Ich lie
mehrere Blcke ausgraben und Bltter aus ihnen schneiden. Ihr werdet
die Verwendung derselben in unserer Nachbarschaft sehen, wenn ihr uns
wieder besuchen wollt und uns Zeit gebt, euch dorthin zu fhren, wo
sie sind. Die brigen Blcke lie ich in dem Boden als einen Schatz,
der da bleiben und sich vermehren sollte. Nur wenn einer derselben
nicht mehr zu treiben, sondern vielmehr abzusterben beginnt, wird er
herausgenommen und wird zu Blttern geschnitten, welche ich dann zu
knftigen Arbeiten aufbewahre oder verkaufe. An seiner Stelle bildet
sich dann leicht ein anderer. Zu dem Entschlusse, diesen Anwuchs zu
pflegen, kam ich, nachdem ich einerseits vorher nach und nach die
Gegend um unser Haus immer nher kennen gelernt, alle Talmulden und
Bachrinnen erforscht und nirgends auch nur annhernd so brauchbares
Erlenholz gefunden hatte, und nachdem anderseits auch das, was mir auf
mein Verlangen aus mehreren Orten eingesendet worden war, sich dem
unseren als nicht gleichkommend gezeigt hatte. Ich lie oberhalb
des Erlenwuchses einen Wasserbau auffhren, um die Pflanzung
vor berschwemmung und berkiesung zu sichern und das zu sehr
anschwellende Wasser in ein anderes Rinnsal zu leiten.

Meine Nachbarn sahen das Zweckdienliche der Sache ein, und zwei
derselben legten sogar in den Grnden, die nicht zu entwssern waren,
solche Erlenpflanzungen an. Mit welchem Erfolge dies geschah, lt
sich noch nicht ermitteln, da die Pflanzen noch zu jung sind.

Wir betrachteten die Reihen dieser Gewchse und gingen dann weiter.

Wir gingen die Wiese entlang, streiften an einem Gehlze hin,
berschritten den Wasserbau, von dem mein Gastfreund gesprochen hatte,
und begannen nicht nur den Garten, sondern den ganzen Getreidehgel,
auf dem das Haus steht, zu umgehen.

Da die Sonne immer wrmer, wenn auch nicht gar hei schien, wunderte
ich mich, da keiner von meinen zwei Begleitern eine Bedeckung auf dem
Haupte trug. Sie waren ohne einer solchen von dem Hause fortgegangen.
Der alte Mann breitete dem Glanz der Sonne die Flle seiner weien
Haare unter, und der Zgling trug auf seinem Scheitel die dichten,
glnzenden braunen Locken. Ich wute nicht, kamen mir die beiden ohne
Kopfbedeckung sonderbar vor oder ich neben ihnen mit meinem Reisehute
auf dem Haupte. Der Jngling hatte wenigstens den Vorteil, da ihm die
Sonne die Wangen noch mehr rtete und noch schner frbte, als sie
sonst waren.

Ich betrachtete ihn berhaupt gerne. Sein leichter Gang war ein
heiterer Frhlingstag gegen den zwar auch noch krftigen, aber
bestimmten und abgemessenen Schritt seines Begleiters, seine schlanke
Gestalt war der frhliche Anfang, die seines Erziehers das Hinneigen
zum Ende. Was sein Benehmen anbelangt, so war er zurckgezogen und
bescheiden und mischte sich nicht in die Gesprche, auer wenn er
gefragt wurde. Ich wendete mich hufig an ihn und fragte ihn um
verschiedene Dinge, besonders um solche, die die Gegend umher betrafen
und deren Kenntnis ich bei ihm voraussetzen mute. Er antwortete
sicher und mit einer gewissen Ehrerbietung gegen mich, obwohl ich ihm
an Jahren nicht so ferne stand als sein Erzieher. Er ging meistens,
auch wenn der Weg breit genug gewesen wre, hinter uns.


Als wir den Hgel vollends umgangen hatten und an mehreren lndlichen
Wohnungen vorbeigekommen waren, stiegen wir auf der nehmlichen Seite
und auf dem nehmlichen Wege gegen das Haus empor, auf welchem ich
gestern gegen dasselbe hinangekommen war. Da wir es erreicht hatten,
traten uns die Rosen entgegen, wie sie mir gestern entgegengetreten
waren. Ich nahm von diesem Anblicke Gelegenheit, meinen Gastfreund der
Rosen wegen zu fragen, da ich berhaupt gesonnen war, dieser Blumen
willen einmal eine Frage zu tun. Ich bat ihn, ob wir denn zu besserer
Betrachtung nicht nher auf den groen Sandplatz treten wollten. Wir
taten es und standen vor der ganzen Wand von Blumen, die den unteren
Teil des weien Hauses deckte.

Ich sagte, er msse ein besonderer Freund dieser Blumen sein, da er so
viele Arten hege, und da die Pflanzen hier in einer Vollkommenheit zu
sehen seien wie sonst nirgends.

Ich liebe diese Blume allerdings sehr, antwortete er, halte sie
auch fr die schnste und wei wirklich nicht mehr, welche von diesen
beiden Empfindungen aus der andern hervorgegangen ist.

Ich wre auch geneigt, sagte ich, die Rose fr die schnste Blume
zu halten. Die Camellia steht ihr nahe, dieselbe ist zart, klar und
rein, oft ist sie voll von Pracht; aber sie hat immer fr uns etwas
Fremdes, sie steht immer mit einem gewissen vornehmen Anstande da: das
Weiche, ich mchte den Ausdruck gebrauchen, das Se der Rose hat sie
nicht. Wir wollen von dem Geruche gar nicht einmal reden; denn der
gehrt nicht hieher.

Nein, sagte er, der gehrt nicht hieher, wenn wir von der Schnheit
sprechen; aber gehen wir ber die Schnheit hinaus und sprechen wir
von dem Geruche, so drfte keiner sein, der dem Rosengeruche an
Lieblichkeit gleichkommt.

Darber knnte nach einzelner Vorliebe gestritten werden, antwortete
ich, aber gewi wird die Rose weit mehr Freunde als Gegner haben. Sie
wird sowohl jetzt geehrt, als sie in der Vergangenheit geehrt wurde.
Ihr Bild ist zu Vergleichen das gebruchlichste, mit ihrer Farbe wird
die Jugend und Schnheit geschmckt, man umringt Wohnungen mit ihr,
ihr Geruch wird fr ein Kleinod gehalten und als etwas Kstliches
versendet, und es hat Vlker gegeben, die die Rosenpflege besonders
schtzten, wie ja die waffenkundigen Rmer sich mit Rosen krnzten.
Besonders liebenswert ist sie, wenn sie so zur Anschauung gebracht
wird wie hier, wenn sie durch eigentmliche Mannigfaltigkeit und
Zusammenstellung erhht und ihr gleichsam geschmeichelt wird. Erstens
ist hier eine wahre Gewalt von Rosen, dann sind sie an der groen
weien Flche des Hauses verteilt, von der sie sich abheben; vor ihnen
ist die weie Flche des Sandes, und diese wird wieder durch das grne
Rasenband und die Hecke, wie durch ein grnes Samtband und eine grne
Verzierung, von dem Getreidefelde getrennt.

Ich habe auf diesen Umstand nicht eigens gedacht, sagte er, als ich
sie pflanzte, obwohl ich darauf sah, da sie sich auch so schn als
mglich darstellten.

Aber ich begreife nicht, wie sie hier so gut gedeihen knnen,
entgegnete ich. Sie haben hier eigentlich die ungnstigsten
Bedingungen. Da ist das hlzerne Gitter, an das sie mit Zwang gebunden
sind, die weie Wand, an der sich die brennenden Sonnenstrahlen
fangen, das berdach, welches dem Regen, Taue und dem Einwirken des
Himmelsgewlbes hinderlich ist, und endlich hlt das Haus ja selber
den freien Luftzug ab.

Wir haben dieses Gedeihen nur nach und nach hervorrufen knnen,
antwortete er, und es sind viele Fehlgriffe getan worden. Wir lernten
aber und griffen die Sache dann der Ordnung nach an. Es wurde die
Erde, welche die Rosen vorzglich lieben, teils von anderen Orten
verschrieben, teils nach Angabe von Bchern, die ich hiezu anschaffte,
im Garten bereitet.

Ich bin wohl nicht ganz unerfahren hieher gekommen, ich hatte auch
vorher schon Rosen gezogen und habe hier meine Erfahrungen angewendet.
Als die Erde bereit war, wurde ein tiefer, breiter Graben vor dem
Hause gemacht und mit der Erde gefllt. Hierauf wurde das hlzerne
Gitter, welches reichlich mit lfarbe bestrichen war, da es von
Wasser nicht in Fulnis gesetzt werden konnte, aufgerichtet, und eines
Frhlings wurden die Rosenpflanzen, die ich entweder selbst gezogen
oder von Blumenzchtern eingesendet erhalten hatte, in die lockere
Erde gesetzt. Da sie wuchsen, wurden sie angebunden, im Laufe der
Jahre versetzt, verwechselt, beschnitten und dergleichen, bis sich die
Wand allgemach erfllte. In dem Garten sind die Vorratsbeete angelegt
worden, gleichsam die Schule, in welcher die gezogen werden, die
einmal hieher kommen sollen. Wir haben gegen die Sonne eine Rolle
Leinwand unter dem Dache anbringen lassen, die durch einige leichte
Zge mit Schnren in ein Dach ber die Rosen verwandelt werden kann,
das nur gedmpfte Strahlen durchlt. So werden die Pflanzen vor der
zu heien Sommersonne und die Blumen vor derjenigen Sonne geschtzt,
die ihnen schaden knnte. Die heutige ist ihnen nicht zu hei, ihr
seht, da sie sie frhlich aushalten. Was ihr von Tau und Regen sagt,
so steht das Gitter nicht so nahe an dem Hause, da die Einflsse des
freien Himmels ganz abgehalten werden. Tau sammelt sich auf den Rosen
und selbst Regen trufelt auf sie herunter. Damit wir aber doch
nachhelfen und zu jener Zeit Wasser geben knnen, wo es der Himmel
versagt, haben wir eine hohle Walze unter der Dachrinne, die mit
uerst feinen Lchern versehen ist und aus Tonnen, die unter dem
Dache stehen, mit Wasser gefllt werden kann. Durch einen leichten
Druck werden die Lcher geffnet, und das Wasser fllt wie Tau auf die
Rosen nieder. Es ist wirklich ein angenehmer Anblick, zu sehen, wie
in Zeiten hoher Not das Wasser von Blttern und Zweigen rieselt und
dieselben sich daran erfrischen. Und damit es endlich nicht an Luft
gebricht, wie ihr frchtet, gibt es ein leichtes Mittel. Zuerst ist
auf diesem Hgel ein schwacher Luftzug ohnehin immer vorhanden und
streicht an der Wand des Hauses. Sollten aber die Blumen an ganz
stillen Tagen doch einer Luft bedrfen, so werden alle Fenster des
Erdgeschosses geffnet, und zwar sowohl an dieser Wand als auch an der
entgegengesetzten. Da nun die entgegengesetzte Seite die nrdliche ist
und dort die Luft durch den Schatten abgekhlt wird, so strmt sie bei
jenen Fenstern herein und bei denen der Rosen heraus. Ihr knnt da an
den windstillsten Tagen ein sanftes Fcheln der Bltter sehen.

Das sind bedeutende Anstalten, erwiderte ich, und beweisen eure
Liebe zu diesen Blumen; aber aus ihnen allein erklrt sich doch noch
nicht die besondere Vollkommenheit dieser Gewchse, die ich nirgends
gesehen habe, so da keine unvollkommene Blume, kein drrer Zweig,
kein unregelmiges Blatt vorkommt.

Zum Teile erklrt sich die Tatsache doch wohl aus diesen Anstalten,
sagte er. Luft, Sonne und Regen sind durch die sdliche Lage des
Standortes und die Vorrichtungen so weit verbessert, als sie hier
verbessert werden knnen. Noch mehr ist an der Erde getan worden.
Da wir nicht wissen, welches denn der letzte Grund des Gedeihens
lebendiger Wesen berhaupt ist, so schlo ich, da den Rosen am
meisten gut tun msse, was von Rosen kmmt. Wir lieen daher seit
jeher alle Rosenabflle sammeln, besonders die Bltter und selbst die
Zweige der wilden Rosen, welche sich in der ganzen Gegend befinden.
Diese Abflle werden zu Hgeln in einem abgelegenen Teile unseres
Gartens zusammengetan, den Einflssen von Luft und Regen ausgesetzt,
und so bereitet sich die Rosenerde. Wenn in einem Hgel sich keine
Spur mehr von Pflanzentum zeigt und nichts als milde Erde vor die
Augen tritt, so wird diese den Rosen gegeben. Die Pflanzen, welche
neu gesetzt werden, erhalten in ihrem Graben gleich so viel Erde, da
sie auf mehrere Jahre versorgt sind. ltere Rosen, welche von ihrem
Standboden lngere Zeit gezehrt haben, werden mit einer Erneuerung
beteilt. Entweder wird die Erde oberhalb ihrer Wurzeln weggetan und
ihnen neue gegeben, oder sie werden ganz ausgehoben und ihr Standpunkt
durchaus mit frischer Erde erfllt. Es ist auffllig sichtbar, wie
sich Blatt und Blume an dieser Gabe erfreuen. Aber trotz der Erde und
der Luft und der Sonne und der Feuchtigkeit wrdet ihr die Rosen hier
nicht so schn sehen, als ihr sie seht, wenn nicht noch andre Sorgfalt
angewendet wrde; denn immer entstehen manche bel aus Ursachen, die
wir nicht ergrnden knnen oder die, wenn sie auch ergrndet sind,
wir nicht zu vereiteln vermgen. Endlich trifft ja die Gewchse wie
alles Lebende der natrliche Tod. Kranke Pflanzen werden nun bei uns
sogleich ausgehoben, in den Garten, gleichsam in das Rosenhospital
getan und durch andere aus der Schule ersetzt. Abgestorbene Bumchen
kommen hier nicht leicht vor, weil sie schon in der Zeit des
Absterbens weggetan werden. Ttet aber eine Ursache eines schnell,
so wird es ohne Verzug entfernt. Eben so werden Teile, die erkranken
oder zu Grunde gehen, von dem Gitter getrennt. Die beste Zeit ist der
Frhling, wo die Zweige blo liegen. Da werden Winkelleitern, die uns
den Zugang zu allen Teilen gestatten, angelegt, und es wird das ganze
Gitter untersucht.

Man reinigt die Rinde, pflegt sie, verbindet ihre Wunden, knpft die
Zweige an und schneidet das Untaugliche weg. Aber auch im Sommer
entfernen wir gleich jedes fehlerhafte Blatt und jede unvollstndige
Blume. Es haben nach und nach alle im Hause eine Neigung zu den Rosen
bekommen, sehen gerne nach und zeigen es sogleich an, wenn sich etwas
Unrechtes bemerken lt. Auch in der Umgegend hat man Wohlgefallen an
diesen Blumen gefunden, man setzt sie in Grten und pflegt sie, ich
schenke den Leuten die Pflanzen aus meinen Vermehrungsbeeten und
unterrichte sie in der Behandlung. Zwei Wegestunden von hier ist ein
Bauer, der wie ich eine ganze Wand seines Hauses mit Rosen bepflanzt
hat.

Je mehr es mir wichtig erscheint, wie ihr mit euren Rosen umgeht,
antwortete ich, und fr je wichtiger ihr sie selbst betrachtet, desto
mehr mu ich doch die Frage tun, warum ihr denn gerade vorzugsweise an
dieser Wand eures Hauses die Rosen zieht, wo ihr Standort doch nicht
so ersprielich ist, und wo man solche Anstalten machen mu, um ihr
vlliges Gedeihen zu sichern. Es ist zwar sehr schn, wie sie sich
hier ausbreiten und darstellen; aber sollte man sie denn im Garten
nicht auch in Stellungen und Gruppen bringen knnen, die eben so schn
oder schner wren als diese hier, und noch den Vorteil htten, da
ihre Pflege viel leichter wre?

Ich habe die Rosen an die Wand des Hauses gesetzt, erwiderte er,
weil sich eine Jugenderinnerung an diese Blume knpft und mir die
Art, sie so zu ziehen, lieb macht. Ich glaube, da mir einzig darum
die Rose so schn erscheint und da ich darum die groe Mhe fr diese
Art ihrer Pflege verwende.

Ihr habt nichts von Ungeziefer gesagt, entgegnete ich. Nun wei ich
aber aus Erfahrung, da kaum eine Pflanzengattung, etwa die Pappel
ausgenommen, so gerne von Ungeziefer heimgesucht wird als die Rose,
die in verschiedenen Arten und Geschlechtern von demselben bewohnt und
entstellt wird. Hier sehe ich von dieser Plage gar nichts, als wre
sie nicht vorhanden oder als wrde die Rose von ihr durch irgendein
knstliches Mittel befreit. Ihr werdet doch nicht so wie jedes kranke
Blatt auch jeden Blattwickler, jede Spinne, jede Blattlaus abnehmen
lassen?

Dieses bringt mich sogar noch auf einen weiteren Umstand, ber den ich
mir eine Frage an euch zu tun vorgenommen habe, welche ich gewi noch
vor meiner Abreise bei einer schicklichen Gelegenheit getan htte,
welche ich mir aber jetzt erlaube, da ihr mit solcher Gte und
Bereitwilligkeit mir die Einsicht in die Dinge dieses Landsitzes
gestattet habt. Bei meiner Wanderung durch das flache Land hatte ich
mehrfach Gelegenheit zu bemerken, da Obstbume hufig kahle ste
haben oder da berhaupt das Laub zerstrt oder verunstaltet war, was
von Raupenfra herrhrte. Mir fiel die Sache nicht weiter auf, da ich
sie von Jugend an zu sehen gewohnt war und da sie sich nicht in einem
ungewhnlichen Grade zeigte; aber das fiel mir auf, da so wie an
diesen Rosen auch in eurem ganzen Garten nichts von dem bel zu sehen
ist, kein drres Reis, kein kahles Zweiglein, kein Stengel eines
abgefressenen Blattes, ja nicht einmal ein verletztes Blatt des
Kohles, dem doch sonst der Weiling so gerne Schaden tut. Im
Angesichte dieses Wohlbefindens kamen mir die Zerstrungen wieder zu
Sinne, die ich in dem Lande gesehen hatte, und ich beschlo, in dieser
Hinsicht eine Frage an euch zu tun, ob ihr denn da eigentmliche
Vorkehrungen habt; denn das Ablesen der Raupen und Insekten hat sich
ja berall als unzulnglich gezeigt.

Wir wrden allerdings durch Ablesen des Ungeziefers weder unsere
Rosen noch die Bume und Gestruche im Garten vor Verunglimpfung
frei halten knnen, antwortete er. Wir haben nun in der Tat andere
Einrichtungen dagegen. Ich mu euch sagen, da es mich freut, da ihr
in meinem Garten die Abwesenheit des Raupenfraes bemerkt habt, und
ich werde euch recht gerne darber Aufklrung geben, und besonders
darum, da es sich auch ausbreiten knne. Die Beantwortung eurer
Frage kann aber am besten in dem Garten geschehen, weil ich euch zur
Bekrftigung gleich manche Vorrichtungen zeigen und die Beweise dartun
kann. Wenn es euch genehm ist, so gehen wir in den Garten, in welchem
auch eine kleine Ruhe auf irgend einem Bnkchen nach dem Gange von dem
Meierhofe herauf nicht unangenehm sein wird.

Einen Augenblick lat mich noch diese Rosen betrachten, sagte ich.

Tut nach eurem Gefallen, antwortete er.

Ich trat zuerst nher an das Gitter, um Einzelnes zu betrachten. Ich
sah nun wirklich die reinliche Erde, in welcher die Stmmchen standen
und die nicht von einem einzigen Grschen bewachsen war. Ich sah das
gutbestrichene Holzgitter, an welchem die Bumchen angebunden und an
welchem ihre Zweige ausgebreitet waren, da sich keine leere Stelle an
der Wand des Hauses zeigte. An jedem Stmmchen hing der Name der Blume
auf Papier geschrieben und in einer glsernen Hlse hernieder. Diese
glsernen Hlsen waren gegen den Regen geschtzt, indem sie oben
geschlossen, unten umgestlpt und mit einer kleinen Abflurinne
versehen waren. Nach dieser Betrachtung in der Nhe trat ich wieder
zurck und besah noch einmal die ganze Wand der Blumen durch mehrere
Augenblicke. Nachdem ich dieses getan hatte, sagte ich, da wir jetzt
in den Garten gehen knnten.

Wir nherten uns dem Torgitter, der alte Mann tat einen Druck wie
gestern, da er mich eingelassen hatte, das Tor ffnete sich und wir
gingen in den Garten.

Dort nherten wir uns einer Bank, die in angenehmem nachmittgigem
Schatten stand. Als wir uns auf ihr niedergesetzt hatten, sagte mein
Gastfreund: Unsere Mittel, die Bume, Gestruche und kleineren
Pflanzen vor Kahlheit zu bewahren, sind so einfach und in der Natur
gegrndet, da es eine Schande wre, sie aufzuzhlen, wenn es
andererseits nicht auch wahr wre, da sie nicht berall angewendet
werden, besonders das letzte. Was nun das Kahlwerden von Bumen und
sten anlangt, so entsteht es nicht immer durch Raupen, sondern oft
auch auf andern Wegen nach und nach. Gegen ein endliches Sterben und
also Entlaubtwerden des ganzen Baumes gibt es so wenig ein Mittel als
gegen den Tod des Menschen; aber so weit darf man es bei einem Baume
im Garten nicht kommen lassen, da er tot in demselben dasteht,
sondern wenn man ihm durch Zurckschneiden seiner ste fter
Verjngungskrfte gegeben hat; wenn aber nach und nach dieses Mittel
anfngt, seine Wirkung nicht mehr zu bewhren, so tut man dem Baume
und dem Garten eine Wohltat, wenn man beide trennt. Ein solcher Baum
steht also in einem nur einiger Maen gut besorgten Garten oder auf
anderem Grunde gar nicht. Damit aber auch nicht Teile eines Baumes
kahl dastehen, haben wir mehrere Mittel. Sie bestehen aber darin, dem
Baume zu geben, was ihm not tut, und ihm zu nehmen, was ihm schadet.
Darum gilt als Oberstes, da man nie einen Baum an eine Stelle setze,
auf der er nicht leben kann. Auf Stellen, die Bumen berhaupt das
Leben versagen, setzt wohl kein vernnftiger Mensch einen. Aber
es gibt auch Stellen, die nur darum nicht taugen, weil sie nicht
bearbeitet sind, oder weil ihnen etwas mangelt, was einem bestimmten
Gewchse notwendig ist. Um nun die Stelle gut zu bearbeiten, haben
wir, ehe wir einen Baum setzten, eine so tiefe Grube gegraben und mit
gelockerter Erde gefllt, da der Baum bedeutend alt werden konnte,
ehe er gentigt war, seine Wurzeln in unbearbeiteten Boden zu treiben.
Selbst alte Stmme, die ich hier gefunden hatte und deren Zustand mir
nicht gefiel, habe ich durch Herausnehmen, Lockern ihres Standortes
und Wiedereinsetzen zu vortrefflichem Gedeihen gebracht. Aber ehe wir
die Grube gegraben haben, ehe wir den Baum in dieselbe gesetzt haben,
haben wir auch durch Erfahrung oder Bcher herauszubringen gesucht,
was ihm auch nebst der Erde noch not tue und welchen Platz er haben
msse. Fr welchen Baum ein geeigneter Platz im Garten nicht ist, der
soll auch im Garten gar nicht sein. Welche Bume viele Luft brauchen,
setzten wir in die Luft, die das Licht lieben, in das Licht, die
den Schatten, in den Schatten. In den Schutz der greren oder
windwiderstandsfhigeren setzten wir diejenigen, welche des Schutzes
bedurften. Die Frost und Reif scheuen, stehen an Wnden oder warmen
Orten. Und auf diese Weise gedeihen nun alle durch ihre Lebenskraft
und natrliche Nahrung. Im Frhlinge wird jeder Stamm und seine
strkeren ste durch eine Brste und gutes Seifenwasser gewaschen und
gereinigt. Durch die Brste werden die fremden Stoffe, die dem Baume
schaden knnten, entfernt, und das Waschen ist ein ntzliches Bad fr
die Rinde, die wie die Haut der Tiere von dem hchsten Belange fr das
Leben ist, und endlich werden die Stmme dadurch auch schn. Unsere
Bume haben kein Moos, die Rinde ist klar und bei den Kirschbumen
fast so fein wie graue Seide.


Ich hatte wohl gesehen, da alle Bume eine sehr gesunde Rinde haben;
aber ich hatte dieses mit ihren schnen Blttern und mit ihrem guten
Gedeihen berhaupt als eine notwendige Folge in Zusammenhang gebracht.

Wenn nun trotz aller Vorsichten doch einzelne Teile der Bume durch
Winde, Klte oder dergleichen kahl werden, fuhr mein Gastfreund
fort, so werden dieselben bei dem Beschneiden der Bume im Frhlinge
entfernt. Der Schnitt wird mit gutem Kitte verstrichen, da keine
Nsse in das Holz dringen und in dem noch gesunden Teile eine
Krankheit erzeugen kann. Und so wrde in einem Garten nie eine
Kahlheit zu erblicken sein, wenn nicht uere Feinde kmen, die eine
solche zu bewirken trachteten. Derlei Feinde sind Hagel, Wolkenbrche
und hnliche Naturerscheinungen, gegen die es keine Mittel gibt. Sie
schaden aber auch nicht so sehr. In unseren Gegenden sind sie selten,
und ihre Wirkungen knnen auch leicht durch schnelles Beseitigen des
Zerstrten, durch Nachwuchs und Nachpflanzungen unbemerkbar gemacht
werden. Aber gefhrlichere Gegner sind die Insekten, diese knnen die
Gte eines Gartens zerstren, knnen seine Schnheit entstellen und
ihm in manchen Jahren einen wahrhaft traurigen Anblick geben. Dies ist
der Umstand, von dem ich sagte, da ich seiner zuletzt Erwhnung tun
werde. Ihr seht, da unser Garten von der Insektenplage, die ihr,
wie ihr sagt, auf eurer Wanderung an anderen Bumen bemerkt habt, in
diesem Jahre frei ist.

Ich habe pfelbume an warmen und stillen Orten fast ganz entlaubt
gesehen, antwortete ich. Es sind mir mehrere Flle dieser Art
vorgekommen. Aber da einzelne ste entlaubt waren, da das Laub von
ganzen Bumen entstellt war, habe ich oft gesehen. Allein ich habe
es fr kein groes bel gehalten, und habe auf kein schlechtes Jahr
geschlossen, weil ich wute, da diese Zerstrungen immer vorkommen
und da ihr Schaden, wenn sie nicht im bermae auftreten, nicht
erheblich ist. Ich betrachtete die Erscheinung als ein Ding, das so
sein mu.

Daran mchtet ihr Unrecht getan haben, sagte mein Gastfreund, einen
Schaden bringt diese Erscheinung immer, und wenn man ihn nach ganzen
Lnderstrichen berechnete, so knnte er ein sehr betrchtlicher sein,
zu dem noch der andere kmmt, da man den entlaubten Baum anschauen
mu. Auch ist das Ding keine Erscheinung, die so sein mu. Es gibt ein
Mittel dagegen, und zwar ein Mittel, das auer seiner Wirksamkeit auch
noch sehr schn ist und also zum Nutzen einen Genu beschert, durch
den uns die Natur gleichsam zu seiner Anwendung leiten will. Aber
dennoch, wie ich frher sagte, wird dieses Mittel unter allen am
wenigsten gebraucht, ja man beeifert sich sogar an vielen Orten, es zu
zerstren. Ihr solltet das Mittel schon wahrgenommen haben.

Ich sah ihn fragend an.

Habt ihr nicht etwas in unserem Garten gehrt, das euch besonders
auffallend war? fragte er.

Den Vogelsang, sagte ich pltzlich.

Ihr habt richtig bemerkt, erwiderte er. Die Vgel sind in diesem
Garten unser Mittel gegen Raupen und schdliches Ungeziefer. Diese
sind es, welche die Bume, Gestruche, die kleinen Pflanzen und
natrlich auch die Rosen weit besser reinigen, als es Menschenhnde
oder was immer fr Mittel zu bewerkstelligen im Stande wren. Seit
diese angenehmen Arbeiter uns Hilfe leisten, hat sich in unserm
Garten so wie im heurigen Jahre auch sonst nie mehr ein Raupenfra
eingefunden, der nur im Geringsten bemerkbar gewesen wre.

Aber Vgel sind ja an allen Orten, entgegnete ich. Sollten sie in
eurem Garten mehr sein, um ihn mehr schtzen zu knnen?

Sie sind auch mehr in unserem Garten, erwiderte er, weit mehr als
an jeder Stelle dieses Landes und vielleicht auch anderer Lnder.

Und wie ist denn diese Mehrheit hieher gebracht worden? fragte ich.

Es ist so, wie ich frher von den Bumen gesagt habe, man mu ihnen
die Bedingungen ihres Gedeihens geben, wenn man sie an einem Orte
haben will; nur da man die Tiere nicht erst an den Ort setzen mu
wie die Bume, sie kommen selber, besonders die Vgel, denen das
bersiedeln so leicht ist.

Und welche sind denn die Bedingungen ihres Gedeihens? fragte ich.

Hauptschlich Schutz und Nahrung, erwiderte er.

Wie kann man denn einen Vogel schtzen? fragte ich.

Ihn kann man nicht schtzen, sagte mein Gastfreund, er schtzt
sich selber; aber die Gelegenheit zum Schutze kann man ihm geben. Die
Singvgel, welche sich nicht mit Waffen verteidigen knnen, suchen
gegen Feinde und Wetter Hhlungen in Bumen, Felsen, Mauern oder
dergleichen auf, die so enge sind, da ihnen ihr meistens grerer
Feind in dieselben nicht folgen kann, und so tief, da er auch nicht
mit einem Schnabel oder einer Tatze bis auf den Grund zu langen vermag
- einige, wie die Spechte, machen sich selber die Hhlungen in die
Bume -, oder sie gehen in solche Dickichte, da Raubvgel, Wiesel und
hnliche Verfolger nicht durchzudringen vermgen. Hiebei ist es ihnen
noch mehr um den Schutz ihrer Jungen, die sie in solchen Orten haben,
als um ihren eigenen zu tun. Erst, wenn so gesicherte Stellen nicht zu
finden sind und die Zeit drngt, begngt sich der Singvogel zum Wohnen
und Brten mit schlechteren Pltzen. Hat eine Gegend hufige solche
Zufluchtsorte, so darf man sicher schlieen, da sie auch, wenn die
andern Bedingungen nicht fehlen, viele Vgel hat. Denkt nur an ein
altes lcheriges Turmdach, wie ist es von Dohlen und Mauerschwalben
umschwrmt. Will man Vgel in eine Gegend ziehen, so mu man solche
Zufluchtsorte schaffen, und zwar so gut als mglich. Wir knnen,
wie ihr seht, nicht Felsen und Baumstmme aushhlen, aber aus Holz
gemachte Hhlungen knnen wir berall auf die Bume aufhngen. Und
dies tun wir auch. Wir machen diese Hhlungen tief genug, richten das
Schlupfloch von der Wetterseite weg meistens gegen Mittag und machen
es gerade so weit, da der Vogel, fr den es bestimmt ist, ein und aus
kann.

Ihr mt ja derlei in den Bumen unseres Gartens gesehen haben?

Ich habe sie gesehen, erwiderte ich, habe dunkel vermutet, wozu sie
dienen knnten, habe aber die Vorstellung in Folge anderer Eindrcke
wieder aus dem Haupte verloren.

Wenn wir etwa noch einmal ein wenig in dem Garten herumgehn, sagte
mein Gastfreund, so werden wir mehrere solche Vogelbehlter sehen.
Den Heckennistern bauen wir ein so dichtes Geflechte von Dornzweigen
und Dornsten in unsere Bsche, da man meinen sollte, es knne kaum
eine Hummel ein- und ausschlpfen; aber der Vogel findet doch einen
Eingang und baut sich sein Nest. Solcher Nester knnt ihr mehrere
sehen, wenn ihr wollt. Sie haben das Angenehme, da man diese
Federfamilien in ihrem Haushalte sieht, was bei den Hhlennistern
nicht angeht. Auf diese Weise schtzen wir die kleineren Vgel, die
wir in unserem Garten brauchen. Die groen, welche sich mit Schnabel,
Krallen und Flgeln verteidigen knnen, sind bei uns eher Feinde als
Freunde und werden nicht geduldet.

Auer dem Schutze, fuhr er nach einer Weile fort, brauchen
die Vgel auch Nahrung. Sie meiden die nahrungsarmen Orte und
unterscheiden sich hierdurch von den Menschen, welche zuweilen groe
Strecken weit gerade dahin wandern, wo sie ihren Unterhalt nicht
finden. Die Vgel, die fr unseren Garten passen, ernhren sich
meistens von Gewrmen und Insekten; aber wenn an einem Platze, der zum
Nisten geeignet ist, die Zahl der Vgel so gro wird, da sie ihre
Nahrung nicht mehr finden, so wandert ein Teil aus und sucht den
Unterhalt des Lebens anderswo. Will man daher an einem Orte eine so
groe Zahl von Vgeln zurckhalten, da man vollkommen sicher ist,
da sie auch in den ungezieferreichsten Jahren hinlnglich sind,
um Schaden zu verhten, so mu man ihnen auer ihrer von der Natur
gegebenen Nahrung auch knstliche mit den eigenen Hnden spenden. Tut
man das, so kann man so viele Vgel an einem Platze erziehen, als man
will. Es kmmt nur darauf an, da man, um seinen Zweck nicht aus den
Augen zu verlieren, nur so viel Almosen gibt, als notwendig ist,
einen Nahrungsmangel zu verhindern. Es ist wohl in dieser Hinsicht im
allgemeinen nicht zu befrchten, da in der knstlichen Nahrung ein
berma eintrete, da den Tieren ohnehin die Insekten am liebsten sind.
Nur wenn diese Nahrung gar zu reizend fr sie gemacht wrde, knnte
ein solches berma erfolgen, was leicht an der Vermehrung des
Ungeziefers erkannt werden wrde. Einige Erfahrung lt einen schon
den rechten Weg einhalten. Im Winter, in welchem einige Arten
dableiben, und in Zeiten, wo ihre natrliche Kost ganz mangelt, mu
man sie vollstndig ernhren, um sie an den Platz zu fesseln. Durch
unsere Anstalten sind Vgel, die im Frhlinge nach Pltzen suchten,
wo sie sich anbauen knnten, in unserem Garten geblieben, sie sind,
da sie die Bequemlichkeit sahen und Nahrung wuten, im nchsten
Jahre wieder gekommen oder, wenn sie Wintervgel waren, gar nicht
fortgegangen. Weil aber auch die Jungen ein Heimatsgefhl haben und
gerne an Stellen bleiben, wo sie zuerst die Welt erblickten, so
erkoren sich auch diese den Garten zu ihrem knftigen Aufenthaltsorte.
Zu den vorhandenen kamen von Zeit zu Zeit auch neue Einwanderer, und
so vermehrt sich die Zahl der Vgel in dem Garten und sogar in der
nchsten Umgebung von Jahr zu Jahr. Selbst solche Vgel, die sonst
nicht gewhnlich in Grten sind, sondern mehr in Wldern und
abgelegenen Gebschen, sind gelegentlich gekommen, und da es ihnen
gefiel, dageblieben, wenn ihnen auch manche Dinge, die sonst der Wald
und die Einsamkeit gewhren, hier abgehen mochten. Zur Nahrung rechnen
wir auch Licht, Luft und Wrme. Diese Dinge geben wir nach Bedarf
dadurch, da wir die Baupltze zu den Nestern an den verschiedensten
Stellen des Gartens anbringen, damit sich die Paare die wrmeren oder
khleren, luftigeren oder sonnigeren aussuchen knnen. Fr welche
keine taugliche Stelle mglich ist, die sind nicht hier. Es sind das
nur solche Vgel, fr welche die hiesigen Landstriche berhaupt nicht
passen, und diese Vgel sind dann auch fr unsere Landstriche nicht
ntig. Zu den geeigneten Zeiten besuchen uns auch Wanderer und
Durchzgler, die auf der Jahresreise begriffen sind.

Sie htten eigentlich keinen Anspruch auf eine Gabe, allein da sie
sich unter die Einwohner mischen, so essen sie auch an ihrer Schssel
und gehen dann weiter.

Auf welche Weise gebt ihr denn den Tieren die ntige Nahrung? fragte
ich.

Dazu haben wir verschiedene Einrichtungen, sagte er. Manche von den
Vgeln haben bei ihrem Speisen festen Boden unter den Fen, wie die
Spechte, die an den Bumen hacken, und solche, die ihre Nahrung auf
der platten Erde suchen; andere, besonders die Waldvgel, lieben das
Schwanken der Zweige, wenn sie essen, da sie ihr Mahl in eben diesen
Zweigen suchen. Fr die ersten streut man das Futter auf was immer fr
Pltze, sie wissen dieselben schon zu finden. Den anderen gibt man
Gitter, die an Schnren hngen, und in denen, in kleine Trge gefllt
oder auf Stifte gesteckt, die Speise ist. Sie fliegen herzu und
wiegen sich essend in dem Gitter. Die Vgel werden auch nach und nach
zutraulich, nehmen es endlich nicht mehr so genau mit dem Tische, und
es tummeln sich Festfler und Schaukler auf der Ftterungstenne, die
neben dem Gewchshause ist, wo ihr mich heute morgen gesehen habt.

Ich habe das von heute morgen mehr fr zufllig als absichtlich
gehalten, sagte ich.

Ich tue es gerne, wenn ich anwesend bin, erwiderte er, obwohl es
auch andere tun knnen. Fr die ganz schchternen, wie meistens die
neuen Ankmmlinge und die ganz und gar eingefleischten Waldvgel sind,
haben wir abgelegene Pltze, an die wir ihnen die Nahrung tun. Fr die
vertraulicheren und umgnglicheren bin ich sogar auf eine sehr bequeme
und annehmliche Verfahrungsweise gekommen. Ich habe in dem Hause ein
Zimmer, vor dessen Fenster Brettchen befestigt sind, auf welche ich
das Futter gebe. Die Federgste kommen schon herzu und speisen vor
meinen Augen. Ich habe dann auch das Zimmer gleich zur Speisekammer
eingerichtet und bewahre dort in Ksten, deren kleine Fcher mit
Aufschriften versehen sind, dasjenige Futter, das entweder in
Smereien besteht oder dem schnellen Verderben nicht ausgesetzt ist.

Das ist das Eckzimmer, sagte ich, das ich nicht begriff, und dessen
Brettchen ich fr Blumenbrettchen ansah und doch fr solche nicht
zweckmig fand.

Warum habt ihr denn nicht gefragt? erwiderte er.

Ich nahm es mir vor und habe wieder darauf vergessen, antwortete
ich.

Da die meisten Snger von lebendigen Tierchen leben, setzte er seine
Erzhlung fort, so ist es nicht ganz leicht, die Nahrung fr alle
zu bereiten. Da aber doch ein groer Teil nebst dem Ungeziefer
auch Smereien nicht verschmht, so sind in der Speisekammer alle
Smereien, welche auf unseren Fluren und in unseren Wldern reifen und
werden, wenn sie ausgehen oder veralten, durch frische ersetzt. Fr
solche, welche die Krner nicht lieben, wird der Abgang durch Teile
unseres Mahles, zartes Fleisch, Obst, Eierstckchen, Gemse und
dergleichen, ersetzt, was unter die Krner gemischt wird. Die
Kohlmeise erhlt sehr gerne, wenn sie ttig ist, und besonders,
wenn sie um ihre Jungen sich gut annimmt, ein Stckchen Speck zur
Belohnung, den sie auerordentlich liebt. Auch Zucker wird zuweilen
gestreut. Fr den Trank ist im Garten reichlich gesorgt. In jede
Wassertonne geht schief ein befestigter Holzsteg, an welchem sie zu
dem Wasser hinabklettern knnen. In den Gebschen sind Steinnpfe, in
die Wasser gegossen wird, und in dem Dickichte an der Abendseite des
Gartens ist ein kleines Quellchen, das wir mit steinernen Rndern
eingefat haben.

Da habt ihr ja Arbeit und Sorge in Flle mit diesen Gartenbewohnern.
sagte ich.

Es bt sich leicht ein, antwortete er, und der Lohn dafr ist sehr
gro. Es ist kaum glaublich, zu welchen Erfahrungen man gelangt, wenn
man durch mehrere Jahre diese gefiederten Tiere hegt und gelegentlich
die Augen auf ihre Geschftigkeit richtet. Alle Mittel, welche die
Menschen ersonnen haben, um die Gewchse vor Ungeziefer zu bewahren,
so trefflich sie auch sein mgen, so fleiig sie auch angewendet
werden, reichen nicht aus, wie es ja in der Lage der Sache gegrndet
ist. Wie viele Hnde von Menschen mten ttig sein, um die
unzhlbaren Stellen, an deren sich Ungeziefer erzeugt, zu entdecken
und die Mittel auf sie anzuwenden. Ja, die ganz gereinigten Stellen
geben auf die Dauer keine Sicherheit und mssen stets von neuem
untersucht worden. In den verschiedensten Zeiten und unbeachtet
entwickeln sich die Insekten auf Stengeln, Blttern, Blten, unter der
Rinde und breiten sich unversehens und schnell aus. Wie knnte man da
die Keime entdecken und vor ihrer Entwicklung vernichten? Oft sind die
schdlichen Tierchen so klein, da wir sie mit unseren Augen kaum zu
entdecken vermgen, oft sind sie an Orten, die uns schwer zugnglich
sind, zum Beispiele in den uersten Spitzen der feinsten Zweige der
Bume. Oft ist der Schaden in grter Schnelligkeit entstanden, wenn
man auch glaubt, da man seine Augen an allen Stellen des Gartens
gehabt, da man keine unbeachtet gelassen und da man seine Leute
zur genauesten Untersuchung angeeifert hat. Zu dieser Arbeit ist von
Gott das Vogelgeschlecht bestimmt worden und insbesondere das der
kleinen und singenden, und zu dieser Arbeit reicht auch nur das
Vogelgeschlecht vollkommen aus. Alle Eigenschaften der Insekten,
von denen ich gesprochen habe, ihre Menge, ihre Kleinheit, ihre
Verborgenheit und endlich ihre schnelle und pltzliche Entwicklung
schtzen sie gegen die Vgel nicht. Sprechen wir von der Menge. Alle
Singvgel, wenn sie auch spter Smereien fressen, nhren doch ihre
Jungen von Raupen, Insekten, Wrmern, und da diese Jungen so schnell
wachsen und so zu sagen unaufhrlich essen, so bringt ein einziges
Paar in einem einzigen Tage eine erkleckliche Menge von solchen
Tierchen in das Nest, was erst hundert Paare in zehn, vierzehn,
zwanzig Tagen! So lange brauchen ungefhr die Jungen zum Flggewerden.
Und alle Stellen, wie zahlreich sie auch sein knnen, werden von den
geschftigen Eltern durchsucht. Sprechen wir von der Kleinheit der
Tierchen. Sie oder ihre Larven und Eier mgen noch so klein sein, von
den scharfen, sphenden Augen eines Vogels werden sie entdeckt. Ja
manche Vgel, wie das Goldhhnchen, der Zaunknig, drfen ihren Jungen
nur die kleinsten Nahrungsstckchen bringen, weil dieselben, wenn sie
dem Ei entschlpft sind, selber kaum so gro wie eine Fliege oder
eine kleine Spinne sind. Gehen wir endlich auf die Abgelegenheit und
Unerreichbarkeit der Aufenthaltsorte der Insekten ber, so sind sie
dadurch nicht vor dem Schnabel der Vgel geschtzt, wenn sie fr
ihre Jungen oder sich Nahrung brauchen. Was wre einem Vogel leicht
unzugnglich? In die hchsten Zweige schwingt er sich empor, an der
Rinde hlt er sich und bohrt in sie, durch die dichtesten Hecken
dringt er, auf der Erde luft er, und selbst unter Blcke und
Steingerlle dringt er. Ja, einmal sah ich einen Buntspecht im Winter,
da die ste zu Stein gefroren schienen, auf einen solchen mit Gewalt
loshmmeren und sich aus dessen Innern die Nahrung holen. Die Spechte
zeigen auf diese Weise - ich sage es hier nebenbei - auch die ste
an, die morsch und vom Gewrme ergriffen sind, und daher weggeschafft
werden mssen.

Was zuletzt den unvorhergesehenen und pltzlichen Raupenfra anlangt,
den der Mensch zu spt entdeckt, so kann er sich nicht einstellen, da
die Vgel berall nachsehen und bei Zeiten abhelfen.

Wie sehr diese Tiere fr das Ungeziefer geschaffen sind, sagte er
nach einer Weile, zeigt sich aus der Beobachtung, da sie die Arbeit
unter sich teilen. Die Blaumeise und die Tannenmeise entdeckt die Brut
der Ringelraupe und anderer Raupengattungen an den uersten Spitzen
der Zweige, wo sie unter der Rinde verborgen ist, indem sie, sich
an die Zweige hngend, dieselben absucht, die Kohlmeise durchsucht
fleiig das Innere der Baumkrone, die Spechtmeise klettert Stamm auf
Stamm ab und holt die versteckten Eier hervor, der Finke, der gerne in
den Nadelbumen nistet, weshalb auch solche Bume in dem Garten sind,
geht gleichwohl gerne von ihnen herab und luft den Gngen der Kfer
und der gleichen nach, und ihn untersttzen oder bertreffen vielmehr
die Ammerlinge, die Grasmcken, die Rotkehlchen, die auf der Erde
unter Kohlpflanzen und in Hecken ihre Nahrung suchen und finden. Sie
beirren sich wechselseitig nicht und lassen in ihrer unglaublichen
Ttigkeit nicht nach, ja sie scheinen sich eher darin einander
anzueifern. Ich habe nicht eigens Beobachtungen angestellt; aber wenn
man mehrere Jahre unter den Tieren lebt, so gibt sich die Betrachtung
von selber.

Auch einen eigentmlichen Gedanken, fuhr er fort, hat das Walten
dieser Tiere in mir erweckt oder vielmehr bestrkt; denn ich hatte
ihn schon lngst. Allen Tatsachen, die wichtig sind, hat Gott
auer unserem Bewutsein ihres Wertes auch noch einen Reiz fr uns
beigesellt, der sie annehmlich in unser Wesen gehen lt.

Diesen Tierchen nun, die so ntzlich sind, hat er, ich mchte sagen,
die goldene Stimme mitgegeben, gegen die der verhrtetste Mensch nicht
verhrtet genug ist. Ich habe in unserem Garten mehr Vergngen gehabt
als manchmal in Slen, in denen die kunstreichste Musik aufgefhrt
wurde, die selten zu hren ist. Zwar singt ein Vogel in einem Kfige
auch; denn der Vogel ist leichtsinnig, er erschrickt zwar heftig, er
frchtet sich; aber bald ist der Schrecken und die Furcht vergessen,
er hpft auf einen Halt fr seine Fe und trllert dort das Lied, das
er gelernt hat und das er immer wiederholt. Wenn er jung und sogar
auch alt gefangen wird, vergit er sich und sein Leid, wird ein Hin-
und Widerhpfer in kleinem Raume, da er sonst einen groen brauchte,
und singt seine Weise; aber dieser Gesang ist ein Gesang der
Gewohnheit, nicht der Lust. Wir haben an unserm Garten einen
ungeheueren Kfig ohne Draht, Stangen und Vogeltrchen, in welchem der
Vogel vor auerordentlicher Freude, der er sich so leicht hingibt,
singt, in welchem wir das Zusammentnen vieler Stimmen hren knnen,
das in einem Zimmer beisammen nur ein Geschrei wre, und in welchem
wir endlich die husliche Wirtschaft der Vgel und ihre Gebrden
sehen knnen, die so verschieden sind und oft dem tiefsten Ernste ein
Lcheln abgewinnen knnen. Man hat uns in diesem Hegen von Vgeln in
einem Garten nicht nachgeahmt. Die Leute sind nicht verhrtet gegen
die Schnheit des Vogels und gegen seinen Gesang, ja diese beiden
Eigenschaften sind das Unglck des Vogels. Sie wollen dieselben
genieen, sie wollen sie recht nahe genieen, und da sie keinen Kfig
mit unsichtbaren Drhten und Stangen machen knnen wie wir, in dem sie
das eigentliche Wesen des Vogels wahrnehmen knnten, so machen sie
einen mit sichtbaren, in welchem der Vogel eingesperrt ist und
seinem zu frhen Tode entgegen singt. Sie sind auf diese Weise nicht
unfhlsam fr die Stimme des Vogels, aber sie sind unfhlsam fr
sein Leiden. Dazu kommt noch, da es der Schwche und Eitelkeit des
Menschen, besonders der Kinder, angenehm ist, eines Vogels, der durch
seine Schwingen und seine Schnelligkeit gleichsam aus dem Bereiche
menschlicher Kraft gezogen ist, Herr zu werden und ihn durch Witz und
Geschicklichkeit in seine Gewalt zu bringen. Darum ist seit alten
Zeiten der Vogelfang ein Vergngen gewesen, besonders fr junge Leute;
aber wir mssen sagen, da es ein sehr rohes Vergngen ist, das man
eigentlich verachten sollte. Freilich ist es noch schlechter und
mu ohne weiteres verabscheut werden, wenn man Singvgel nicht des
Gesanges wegen fngt, sondern sie fngt und ttet, um sie zu essen.
Die unschuldigsten und mitunter schnsten Tiere, die durch ihren
einschmeichelnden Gesang und ihr liebliches Benehmen ohnehin unser
Vergngen sind, die uns nichts anders tun als lauter Wohltaten, werden
wie Verbrecher verfolgt, werden meistens, wenn sie ihrem Triebe
der Geselligkeit folgen, erschossen, oder, wenn sie ihren nagenden
Hunger stillen wollen, erhngt. Und dies geschieht nicht, um ein
unabweisliches Bedrfnis zu erfllen, sondern einer Lust und Laune
willen. Es wre unglaublich, wenn man nicht wte, da es aus Mangel
an Nachdenken oder aus Gewohnheit so geschieht. Aber das zeigt eben,
wie weit wir noch von wahrer Gesittung entfernt sind. Darum haben
weise Menschen bei wilden Vlkern und bei solchen, die ihre Gierde
nicht zu zhmen wuten oder einen hheren Gebrauch von ihren Krften
noch nicht machen konnten, den Aberglauben aufgeregt, um einen Vogel
seiner Schnheit oder Ntzlichkeit willen zu retten. So ist die
Schwalbe ein heiliger Vogel geworden, der dem Hause Segen bringt,
das er besucht, und den zu tten Snde ist. Und selten drfte es ein
Vogel mehr verdienen als die Schwalbe, die so wunderschn ist und so
unberechenbaren Nutzen bringt. So ist der Storch unter gttlichen
Schutz gestellt, und den Staren hngen wir hlzerne Huser in unsere
Bume. Ich hoffe, da, wenn unseren Nachbarn die Augen ber den Erfolg
und den Nutzen des Hegens von Singvgeln aufgehen, sie vielleicht auch
dazu schreiten werden, uns nachzuahmen; denn fr Erfolg und Nutzen
sind sie am empfnglichsten. Ich glaube aber auch, da unsere
Obrigkeiten das Ding nicht gering achten sollten, da ein strenges
Gesetz gegen das Fangen und Tten der Singvgel zu geben wre und
da das Gesetz auch mit Umsicht und Strenge aufrecht erhalten werden
sollte. Dann wrde dem menschlichen Geschlechte ein heiligendes
Vergngen aufbewahrt bleiben, wir wrden durch die Lnder wie durch
schne Grten gehen, und die wirklichen Grten wrden erquickend
dastehen, in keinem Jahre leiden und in besonders unglcklichen nicht
den Anblick der gnzlichen Kahlheit und der traurigen Verdung zeigen.
Wollt ihr nicht auch ein wenig unsere gefiederten Freunde ansehen?

Sehr gerne, sagte ich.


Wir standen von dem Sitze auf und gingen mehr in die Tiefe den Gartens
zurck.

Das vielstimmige Vogelgezwitscher durch den Garten und das helle
Singen in unserer Nhe, welches mir gestern nachmittags da ich es in
das Zimmer hinein gehrt hatte, seltsam gewesen war, erschien mir nun
sehr lieblich, ja ehrwrdig, und wenn ich einen Vogel durch einen Baum
huschen sah oder ber einen Sandweg laufen, so erfllte es mich mit
einer Gattung Freude. Mein Begleiter fhrte mich zu einer Hecke, wies
mit dem Finger hinein und sagte: Seht!

Ich antwortete, da ich nichts she.

Schaut nur genauer, sagte er, indem er mit dem Finger neuerdings die
Richtung wies.

Ich sah nun unter einem uerst dichten Dornengeflechte, welches
in die Hecke gemacht worden war, ein Nest. In dem Neste sa ein
Rotkehlchen, wenigstens dem Rcken nach zu urteilen. Es flog nicht
auf, sondern wendete nur ein wenig den Kopf gegen uns und sah mit
den schwarzen, glnzenden Augen unerschrocken und vertraulich zu uns
herauf.

Dieses Rotkehlchen sitzt auf seinen Eiern, sagte mein Begleiter,
es ist eine Sptehe, wie sie fter vorkommen. Ich besuche es schon
mehrere Tage und lege ihm die Larve des Mehlkfers in die Nhe. Das
wei der Schelm, darum frgt er mich schon darnach und frchtet den
Fremden nicht, der bei mir ist.

In der Tat, das Tierchen blieb ruhig in seinem Neste und lie sich
durch unser Reden und durch unsere Augen nicht beirren.

Man mu eigentlich ehrlich gegen sie sein, sagte mein Gastfreund;
aber ich habe keine Larve in der Hand, darum bitte ich dich, Gustav,
gehe in das Haus und hole mir eine.

Der Jngling wendete sich schnell um und eilte in das Haus.

Indessen fhrte mich mein Begleiter eine Strecke vorwrts und zeigte
mir neuerdings in einer Hecke unter Dornen ein Nest, in welchem eine
Ammer sa.

Diese sitzt auf ihren Jungen, die noch kaum die ersten Hrchen haben,
und erwrmt sie, sagte mein Begleiter. Sie kann nicht viel von ihnen
weg, darum bringt den meisten Teil der Nahrung der Vater herbei. Nach
einigen Tagen aber werden sie schon so stark, da sie der Mutter
berall hervor sehen, wenn sie sich auch zeitweilig auf sie setzt.

Auch die Ammer flog bei unserer Annherung nicht auf, sondern sah uns
ruhig an.

So zeigte mir mein Begleiter noch ein paar Nester, in denen Junge
waren, die, wenn sie sich allein befanden, auf das Gerusch unserer
Annherung die gelben Schnbel aufsperrten und Nahrung erwarteten. In
zwei anderen waren Mtter, die bei unserem Herannahen nicht aufflogen.
Da wir im Vorbeigehen noch eins trafen, bei welchem die Eltern tzten,
lieen sich diese nicht von ihrem Geschfte abhalten, flogen herzu und
nhrten in unserer Gegenwart die Kinder.

Ich habe euch jetzt Nester gezeigt, die noch bevlkert sind, sagte
mein Gastfreund, die meisten sind schon leer, die Jugend flattert
bereits in dem Garten herum und bt sich zur Herbstreise. Die Nester
sind zahlreicher als man vermutet, wir besuchen nur die, die uns bei
der Hand sind.

Indessen war Gustav mit der verlangten Larve gekommen und gab sie dem
alten Manne in die Hand. Dieser ging zu der Hecke, in welcher das Nest
des Rotkehlchens war, und legte die Larve auf den Weg daneben. Kaum
hatte er sich entfernt und war zu uns getreten, die wir in der Nhe
standen, so schlpfte das Rotkehlchen unter den untersten sten der
Hecke heraus, rannte zu der Larve, nahm sie und lief wieder in die
Hecke zurck.

Ich wei nicht, welche tiefe Rhrung mich bei diesem Vorfalle berkam.
Mein Gastfreund erschien mir wie ein weiser Mann, der sich zu einem
niedreren Geschpfe herablt.

Auch der Jngling Gustav war sehr heiter und zeigte Freude, wenn er
in die Bsche blickte, in denen eine Wohnung war. Es war mir dies ein
Beweis, da das Zerstren der Vogelnester durch Wegnahme der Eier
oder der Jungen und das Fangen der Vgel berhaupt den Kindern nicht
angeboren ist, sondern da dieser Zerstrungstrieb, wenn er da ist,
von Eltern oder Erziehern hervorgerufen und in diese Bahn geleitet
wurde, und da er durch eine bessere Erziehung sein Gegenteil wird.

Wir schritten weiter. In einer kleinen Fichte, die am Rande des
Gartens stand, zeigten sie mir noch eine Finkenwohnung, die an dem
Stamme in das Geflechte teils hervorgewachsener, teils knstlich
eingefugter ste und Zweige gebaut war. An anderen Bumen sahen wir
auch in die aufgehngten Behlter Vgel aus- und einschlpfen. Mein
Begleiter sagte, da, wenn ich nur lnger hier wre, mir selbst die
Sitten der Vgel verstndlicher werden wrden.

Ich erwiderte, da ich schon Mehreres aus meinen Reisen im Gebirge und
aus meinen frheren Beschftigungen in den Naturwissenschaften kenne.

Das ist doch immer weniger, sagte mein Gastfreund, als was man
durch das lebendige Beisammenleben inne wird.

Es wurden einige Behlter, die mit aus Ruten geflochtenen Seilen an
Bumen befestigt waren und von denen man wute, da sie nicht mehr
bewohnt seien, herabgenommen und auseinander gelegt, damit ich ihre
Einrichtung she. Es war nur eine einfache Hhlung, die aus zwei
halbhohlen Stcken bestand, die man mittelst Ringen, die enger zu
schrauben waren, aneinanderpressen konnte.

Kein Singvogel, sagte mein Begleiter, geht in ein fertiges Nest,
es mag nun dasselbe in einer frheren Zeit von ihm selber oder einem
anderen Vogel gebaut worden sein, sondern er verfertigt sich sein
Nest in jedem Frhlinge neu. Deshalb haben wir die Behlter aus zwei
Teilen machen lassen, da wir sie leicht auseinander nehmen und die
veralteten Nester heraustun knnen. Auch zum Reinigen der Behlter ist
diese Einrichtung sehr tauglich; denn wenn sie unbewohnt sind, nimmt
allerlei Ungeziefer seine Zuflucht zu diesen Hhlungen, und der Vogel
scheut Unrat und verdorbene Luft und wrde eine unreine Hhlung nicht
besuchen. Im letzten Teile des Winters, wenn der Frhling schon in
Aussicht steht, werden alle diese Behlter herabgenommen, auf das
Sorgfltigste gescheuert und in Stand gesetzt. Im Winter sind sie
darum auf den Bumen, weil doch mancher Vogel, der nicht abreist,
Schutz in ihnen sucht. Die alten Nester werden zerfasert und gegen
den Frhling ihre Bestandteile mit neuen vermehrt in dem Garten
ausgestreut, damit die Familien Stoff fr ihre Huser finden.

Ich sah im Vorbergehen auch die Kletterstbchen in den Wassertonnen,
und im Gebsche fanden wir das kleine rieselnde Wsserlein.


Als wir uns auf dem Rckwege zum Hause befanden, sagte mein Begleiter:
Ich habe noch eine Art Gste, die ich fttere, nicht da sie mir
ntzen, sondern da sie mir nicht schaden. Gleich in der ersten Zeit
meines Hierseins, da ich eine sogenannte Baumschule anlegte, nehmlich
ein Grtchen, in welchem die zur Veredlung tauglichen Stmmchen
gezogen wurden, habe ich die Bemerkung gemacht, da mir im Winter
die Rinde an Stmmchen abgefressen wurde, und gerade die beste und
zarteste Rinde an den besten Stmmchen. Die beltter wiesen sich
teils durch ihre Spuren im Schnee, teils, weil sie auch auf frischer
Tat ertappt wurden, als Hasen aus. Das Verjagen half nicht, weil sie
wieder kamen und doch nicht Tag und Nacht jemand in der Baumschule
Wache stehen konnte. Da dachte ich: die armen Diebe fressen die Rinde
nur, weil sie nichts Besseres haben, htten sie es, so lieen sie die
Rinde stehen. Ich sammelte nun alle Abflle von Kohl und hnlichen
Pflanzen, die im Garten und auf den Feldern brig blieben, bewahrte
sie im Keller auf und legte sie bei Frost und hohem Schnee teilweise
auf die Felder auerhalb des Gartens. Meine Absicht wurde belohnt:
die Hasen fraen von den Dingen und lieen unsere Baumschule in
Ruhe. Endlich wurde die Zahl der Gste immer mehr, da sie die
wohleingerichtete Tafel entdeckten; aber weil sie mit dem
Schlechtesten, selbst mit den dicken Strnken des Kohles, zufrieden
waren und ich mir solche von unseren Feldern und von Nachbarn leicht
erwerben konnte, so fragte ich nichts darnach und ftterte. Ich
sah ihnen oft aus dem Dachfenster mit dem Fernrohre zu. Es ist
possierlich, wenn sie von der Ferne herzulaufen, dem bequem
daliegenden Frae mitrauen, Mnnchen machen, hpfen, dann aber sich
doch nicht helfen knnen, herzustrzen und von dem Zeuge hastig
fressen, das sie im Sommer nicht anschauen wrden. Manche Leute legten
Schlingen, da sie wuten, da hier Hasen zusammenkamen. Aber da wir
sehr sorgfltig nachsprten und die Schlingen wegnehmen lieen, da
ich auch verbot, ber unsere Felder zu gehen, und die Betroffenen
zur Verantwortung zog, verlor sich die Sache wieder. Auch den Vgeln
legten Buben in unserer Nhe Schlingen; aber das half sehr wenig, da
die Vgel in unserem Garten sehr gute Kost hatten und nach der fremden
Lockspeise nicht ausgingen. Die Beute an Vgeln war daher nie gro,
und mit einiger Aufsicht und Wachsamkeit, die wir in den ersten Jahren
einleiteten, geschah es, da dieser Unfug auch bald wieder aufhrte.

Der alte Mann lud mich ein, in das Haus zu gehen und die
Ftterungskammer anzusehen.

Auf dem Wege dahin sagte er: Unter die Feinde der Snger gehren auch
die Katzen, Hunde, Iltisse, Wiesel, Raubvgel. Gegen letzte schtzen
die Dornen und die Nestbehlter, und Hunde und Katzen werden in unserm
Hause so erzogen, da sie nicht in den Garten gehen, oder sie werden
ganz von dem Hause entfernt.


Wir waren indessen in das Haus gekommen und gingen in das Eckzimmer,
in welchem ich die vielen Fcher gesehen hatte. Mein Begleiter zeigte
mir die Vorrte, indem er die Fcher herauszog und mir die Smereien
wies. Die Speisen, welche eben nicht in Smereien bestehen, wie Eier,
Brot, Speck, werden beim Bedarfe aus der Speisekammer des Hauses
genommen.

Meine Nachbaren uerten schon, sagte mein Begleiter, da auer der
Mhe, die das Erhalten der Singvgel macht, auch die Kosten zu ihrer
Ernhrung in keinem Verhltnisse zu ihrem Nutzen stehen. Aber das ist
unrichtig. Die Mhe ist ein Vergngen, das wird der, welcher einmal
anfngt, bald inne werden; so wie der Blumenfreund keine Mhe, sondern
nur Pflege kennt, welche zudem bei den Blumen viel mehr Ttigkeit in
Anspruch nimmt als das Ziehen der Gesangvgel im Freien; die Kosten
aber sind in der Tat nicht ganz unbedeutend; allein wenn ich die
edlen Frchte eines einzigen Pflaumenbaumes, welchen mir die Raupen
der Vgel wegen nicht abgefressen haben, verkaufe, so deckt der
Kaufschilling die Nahrungskosten der Snger ganz und gar. Freilich ist
der Nutzen desto grer, je edler das Obst ist, welches in dem Garten
gezogen wird, und dazu, da sie edles Obst in dieser Gegend ziehen,
sind sie schwer zu bewegen, weil sie meinen, es gehe nicht. Wir mssen
ihnen aber zeigen, da es geht, indem wir ihnen die Frchte weisen und
zu kosten geben, und wir mssen ihnen zeigen, da es ntzt, indem wir
ihnen Briefe unserer Handelsfreunde weisen, die uns das Obst abgekauft
haben. Von den Stmmchen, die in unserer Obstschule wachsen, geben wir
ihnen ab und unterrichten sie, wie und auf welchen Platz sie gesetzt
werden sollen.

Wenn wieder einmal ein Jahr kommen sollte wie das, welches wir vor
fnf Jahren hatten, fuhr er fort, es war ein schlimmes Jahr, hei
mit wenig Regen und ungeheurem Raupenfra. Die Bume in Rohrberg, in
Regau, in Landegg und Pludern standen wie Fegebesen in die Hhe, und
die grauen Fahnen der Raupennester hingen von den entwrdigten sten
herab. Unser Garten war unverletzt und dunkelgrn, sogar jedes Blatt
hatte seine natrliche Rnderung und Ausspitzung. Wenn noch einmal
ein solches Jahr kme, was Gott verhte, so wrden sie wieder ein
Stckchen Erfahrung machen, das sie das erste Mal nicht gemacht
haben.

Ich sah unterdessen die Smereien und die Anstalten an, fragte manches
und lie mir manches erklren.

Wir verlieen hierauf das Zimmer, und da wir auf dem Gange waren und
gegen Gustavs Zimmer gingen, sagte er: Da auch unntze Glieder
herbeikommen, Miggnger, Strefriede, das begreift sich. Ein groer
Hndelmacher ist der Sperling. Er geht in fremde Wohnungen, balgt
sich mit Freund und Feind, ist zudringlich zu unsern Smereien und
Kirschen. Wenn die Gesellschaft nicht gro ist, lasse ich sie gelten
und streue ihnen sogar Getreide. Sollten sie hier aber doch zu viel
werden, so hilft die Windbchse, und sie werden in den Meierhof
hinabgescheucht. Als einen bsen Feind zeigte sich der Rotschwanz.
Er flog zu dem Bienenhause und schnappte die Tierchen weg. Da half
nichts, als ihn ohne Gnade mit der Windbchse zu tten. Wir lieen
beinahe in Ordnung Wache halten und die Verfolgung fortsetzen, bis
dieses Geschlecht ausblieb. Sie waren so klug, zu wissen, wo Gefahr
ist, und gingen in die Scheunen, in die Holzhtte des Meierhofes und
die Ziegelhtte, wo die groen Wespennester unter dem Dache sind. Wir
lassen auch darum im Meierhofe und anderen entfernteren Orten die
grauen Kugeln solcher Nester, die sich unter den Latten und Sparren
der Dcher oder Dachvorsprnge ansiedeln, nicht zerstren, damit sie
diese Vgel hinziehen.


Whrend dieses Gesprches waren wir in dem Gange der Gastzimmer zu der
Tr gekommen, die in Gustavs Wohnung fhrte. Mein Gastfreund fragte,
ob ich diese Wohnung nicht jetzt besehen wollte, und wir traten ein,

Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, einem Arbeitszimmer und einem
Schlafzimmer. Beide waren, wie es bei solchen Zimmern selten der Fall
ist, sehr in Ordnung. Sonst war ihr Gerte sehr einfach. Bcherksten,
Schreib- und Zeichnungsgerte, ein Tisch, Schreine fr die Kleider,
Sthle und das Bett. Der Jngling stand fast errtend da, da ein
Fremder in seiner Wohnung war. Wir entfernten uns bald, und der
Bewohner machte uns die leichte, feine Verbeugung, die ich gestern
schon an ihm bemerkt hatte, weil er uns nicht mehr begleiten, sondern
in den Zimmern zurckbleiben wollte, in welchen er noch Arbeit zu
verrichten hatte.

Ihr knnt nun auch die Gastzimmer besuchen, sagte mein Begleiter,
dann habt ihr alle Rume unseres Hauses gesehen.

Ich willigte ein. Er nahm ein kleines silbernes Glcklein aus seiner
Tasche und lutete.

Es erschien in kurzem eine Magd, von welcher er die Schlssel der
Zimmer verlangte. Sie holte dieselben und brachte sie an einem Ringe,
von welchem einzelne los zu lsen waren. Jeder trug die Zahl seines
Zimmers auf sich eingegraben. Nachdem mein Beherberger die Magd
verabschiedet hatte, schlo er mir die einzelnen Zimmer auf. Sie waren
einander vollkommen gleich. Sie waren gleich gro, jedes hatte zwei
Fenster, und jedes hatte hnliche Gerte wie das meine.

Ihr seht, sagte er, da wir in unserem Hause nicht so ungesellig
sind und bei dessen Anlegung schon auf Gste gerechnet haben. Es
knnen im uersten Notfalle noch mehr untergebracht werden als die
Zimmer anzeigen, wenn wir zwei in ein Gemach tun und noch andere
Zimmer, namentlich die im Erdgeschosse, in Anspruch nehmen. Es ist
aber in der Zeit, seit welcher dieses Haus besteht, der Notfall noch
nicht eingetreten.

Als wir an die stliche Seite des Hauses gekommen waren, an die Seite,
die seiner Wohnung gerade entgegengesetzt lag, ffnete er eine Tr,
und wir traten nicht in ein Zimmer wie bisher, sondern in drei, welche
sehr schn eingerichtet waren und zu lieblichem Wohnen einluden. Das
erste war ein Zimmer fr einen Diener oder eigentlich eine Dienerin;
denn es sah ganz aus wie das Zimmer, in welchem die Mdchen meiner
Mutter wohnten. Es standen groe Kleiderksten da, mit grnem Zitz
verhngte Betten, und es lagen Dinge herum wie in dem Mdchenzimmer
meiner Mutter. Die zwei anderen Gemcher zeigten zwar nicht solche
Dinge, im Gegenteile, sie waren in der musterhaftesten Ordnung; aber
sie wiesen doch eine solche Gestalt, da man schlieen mute, da sie
zu Wohnungen fr Frauen bestimmt sind. Die Gerte des ersten waren
von Mahagoniholz, die des zweiten von Cedern. berall standen
weichgepolsterte Sitze und schne Tische herum. Auf dem Fuboden lagen
weiche Teppiche, die Pfeiler hatten hohe Spiegel, auerdem stand in
jedem Zimmer noch ein beweglicher Ankleidespiegel, an den Fenstern
waren Arbeitstischchen, und in der Ecke jedes Zimmers stand, von
weien Vorhngen dicht und undurchdringlich umgeben, ein Bett. Jedes
Gemach hatte ein Blumentischchen, und an den Wnden hingen einige
Gemlde.

Als ich diese Zimmer eine Weile betrachtet hatte, ffnete mein
Begleiter im dritten Zimmer mittelst eines Drckers eine Tapetentr,
die sich den Blicken nicht gezeigt hatte, und fhrte mich noch in ein
viertes, kleines Zimmer mit einem einzigen Fenster. Das Zimmerchen war
sehr schn. Es war ganz in sanft rosenfarbener Seide ausgeschlagen,
welche Zeichnungen in derselben, nur etwas dunkleren Farbe hatte. An
dieser schwach rosenroten Seide lief eine Polsterbank von lichtgrauer
Seide hin, die mit mattgrnen Bndern gerndert war. Sessel von
gleicher Art standen herum. Die Seide, grau in Grau gezeichnet, hob
sich licht und lieblich von dem Rot der Wnde ab, es machte fast einen
Eindruck, wie wenn weie Rosen neben roten sind. Die grnen Streifen
erinnerten an das grne Laubblatt der Rosen. In einer der hinteren
Ecken des Zimmers war ein Kamin von ebenfalls grauer, nur dunklerer
Farbe mit grnen Streifen in den Simsen und sehr schmalen Goldleisten.
Vor der Polsterbank und den Sesseln stand ein Tisch, dessen Platte
grauer Marmor von derselben Farbe wie der Kamin war. Die Fe des
Tisches und der Sessel so wie die Fassungen an der Polsterbank und den
anderen Dingen waren von dem schnen veilchenblauen Amarantholze; aber
so leicht gearbeitet, da dieses Holz nirgends herrschte. An dem mit
grauen Seidenvorhngen gesumten Fenster, welches zwischen grnen
Baumwlbungen auf die Landschaft und das Gebirge hinaussah, stand ein
Tischchen von demselben Holze und ein reichgepolsterter Sessel und
Schemel, wie wenn hier der Platz fr eine Frau zum Ruhen wre. An
den Wnden hingen nur vier kleine, an Gre und Rahmen vollkommen
gleiche lgemlde. Der Fuboden war mit einem feinen grnen Teppiche
berspannt, dessen einfache Farbe sich nur ein wenig von dem Grn der
Bnder abhob. Es war gleichsam der Rasenteppich, ber dem die Farben
der Rosen schwebten. Die Schrzange und die anderen Gerte an dem
Kamine hatten vergoldete Griffe, auf dem Tische stand ein goldenes
Glcklein.

Kein Merkmal in dem Gemache zeigte an, da es bewohnt sei. Kein Gerte
war verrckt, an dem Teppiche zeigte sich keine Falte und an den
Fenstervorhngen keine Verknitterung.

Als ich eine Zeit diese Dinge mit Staunen betrachtet hatte, ffnete
mein Begleiter wieder die Tapetentr, die man auch im Innern dieses
Zimmers nicht sehen konnte, und fhrte mich hinaus. Er hatte in dem
Rosenzimmerchen nicht ein Wort gesprochen, und ich auch nicht. Als
wir durch die anderen Zimmer gegangen waren und er sie hinter uns
zugeschlossen hatte, sagte er mir ebenfalls ber den Zweck dieser
Wohnung nichts, und ich konnte natrlich nicht darum fragen.

Als wir auf den Gang hinausgekommen waren, sagte er: Nun habt ihr
mein ganzes Haus gesehen; wenn ihr wieder einmal in der Zukunft
vorberkommt oder euch gar in der Ferne desselben erinnert, so knnt
ihr euch gleich vorstellen, wie es im Inneren aussieht.

Bei diesen Worten nestelte er den Ring mit den Schlsseln in irgend
eine Tasche seines seltsamen Obergewandes.

Es ist ein Bild, erwiderte ich auf seine Rede, das sich mir tief
eingeprgt hat und das ich nicht so bald vergessen werde.

Ich habe mir das beinahe gedacht, antwortete er.

Da wir in die Nhe meines Zimmers gekommen waren, verabschiedete er
sich, indem er sagte, da er nun einen groen Teil meiner Zeit in
Anspruch genommen habe und da er, um mich nicht noch mehr einzuengen,
mir nichts weiter davon entziehen wolle.

Ich dankte ihm fr seine Geflligkeit und Freundlichkeit, mit welcher
er mir einen Teil des Tages gewidmet und mir seine Huslichkeit
gezeigt habe, und wir trennten uns. Ich nahm den Schlssel aus meiner
Tasche und ffnete mein Zimmer, um einzutreten; ihn aber hrte ich die
Treppe hinabgehen.

Ich blieb nun bis gegen Abend in meinem Gastgemache, teils weil ich
ermdet war und wirklich einige Ruhe ntig hatte, teils weil ich
meinem Gastfreunde nicht weiter lstig sein wollte.

Am Abende ging ich wieder ein wenig auf die Felder auerhalb des
Gartens hinaus und kam erst zur Speisestunde zurck. Ich hatte bei
dieser Gelegenheit gelernt, mir selber das Gitter zu ffnen und zu
schlieen.

Es war kein Gast da, und beim Abendessen wie beim Mittagessen waren
nur mein Gastfreund, Gustav und ich. Die Gesprche waren ber
verschiedene gleichgltige Dinge, wir trennten uns bald, ich verfgte
mich auf mein Zimmer, las noch, schrieb, entkleidete mich endlich,
lschte das Licht und begab mich zur Ruhe.


Der nchste Morgen war wieder herrlich und heiter. Ich ffnete
die Fenster, lie Duft und Luft hereinstrmen, kleidete mich an,
erfrischte mich mit reichlichem Wasser zum Waschen, und ehe die Sonne
nur einen einzigen Tautropfen hatte aufsaugen knnen, stand ich
schon mit meinem Rnzlein auf dem Rcken und mit meinem Hute und dem
Schwarzdornstocke in der Hand im Speisezimmer. Der alte Mann und
Gustav warteten meiner bereits.

Nachdem das Frhmahl verzehrt worden war, wobei ich trotz der
Forderung mein Rnzlein nicht abgelegt hatte, dankte ich noch einmal
fr die groe Freundlichkeit und Offenheit, mit welcher ich hier
aufgenommen worden war, verabschiedete mich und begab mich auf meinen
Weg.


Der alte Mann und Gustav begleiteten mich bis zum Gittertore des
Gartens. Der Alte ffnete, um mich hinauszulassen, so wie er
vorgestern geffnet hatte, um mir den Eingang zu gestatten. Beide
gingen mit mir durch das geffnete Tor hinaus. Als wir auf dem
Sandplatze vor dem Hause, angeweht von dem Dufte der Rosen, standen,
sagte mein Beherberger: Nun lebt wohl und geht glcklich eures Weges.
Wir kehren durch unser Gitter wieder in unseren Landaufenthalt und zu
unseren Beschftigungen zurck. Wenn ihr in einer anderen Zeit wieder
in die Nhe kommt und es euch gefllt, uns zu besuchen, so werdet ihr
mit Freundlichkeit aufgenommen werden. Wenn ihr aber gar, ohne da
euch euer Weg hier vorberfhrt, freiwillig zu uns kommt, um uns zu
besuchen, so wird es uns besonders freuen. Es ist keine Redensart,
wenn ich sage, da es uns freuen wrde, ich gebrauche diese
Redensarten nicht, sondern es ist wirklich so. Wenn ihr das einmal
wollt, so lebt in diesem Hause, so lange es euch zusagt, und lebt so
ungebunden als ihr wollt, so wie auch wir so ungebunden leben werden
als wir wollen. Wenn ihr uns die Zeit vorher etwa durch einen Boten
wissen machen knntet, wre es gut, weil wir, wenn auch nicht oft,
doch manchmal abwesend sind.

Ich glaube, da ihr mich freundlich aufnehmen werdet, wenn ich wieder
komme, antwortete ich, weil ihr es sagt und euer Wesen mir so
erscheint, da ihr nicht eine unwahre Hflichkeit aussprechen wrdet.
Ich begreife zwar den Grund nicht, weshalb ihr mich einladet, aber da
ihr es tut, nehme ich es mit vieler Freude an und sage euch, da ich
im nchsten Sommer, wenn mich auch mein gewhnlicher Weg nicht hieher
fhrt, freiwillig in diese Gegend und in dieses Haus kommen werde, um
eine kleine Zeit da zu bleiben.

Tut es, und ihr werdet sehen, da ihr nicht unwillkommen seid, sagte
er, wenn ihr auch die Zeit ausdehnt.

Ich werde vielleicht das Letztere tun, antwortete ich, und so lebet
wohl.

Lebt wohl.

Bei diesen Worten reichte er mir die Hand und drckte sie.

Ich reichte meine Hand, da er sie losgelassen hatte, auch an den
Knaben Gustav, welcher sie annahm, aber nichts sprach, sondern mich
blo mit seinen Augen freundlich ansah.

Hierauf schieden wir, indem sie durch das Gitter zurckgingen, ich
aber den Hut auf dem Haupte den Weg hinabwandelte, den ich vor zwei
Tagen heraufgegangen war.

Ich fragte mich nun, bei wem ich denn diesen Tag und die zwei Nchte
zugebracht habe. Er hat um meinen Namen nicht gefragt und hat mir den
seinigen nicht genannt. Ich konnte mir auf meine Frage keine Antwort
geben.


Und so ging ich denn nun weiter. Die grnen hren gaben jetzt in der
Morgensonne feurige Strahlen, whrend sie bei meinem Heraufgehen im
Schatten des herandrohenden Gewitters gestanden waren.

Ich sah mich noch einmal um, da ich zwischen den Feldern hinabging,
und sah das weie Haus im Sonnenscheine stehen, wie ich es schon fter
hatte stehen gesehen, ich konnte noch den Rosenschimmer unterscheiden
und glaubte, noch das Singen der zahlreichen Vgel im Garten vernehmen
zu knnen.

Hierauf wendete ich mich wieder um und ging abwrts, bis ich zu der
Hecke und der Einfriedigung der Felder kam, bei der ich vorgestern
von der Strae abgebogen hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, noch
einmal umzusehen. Das Haus stand jetzt nur mehr wei da, wie ich es
fter bei meinen Wanderungen gesehen hatte.

Ich ging nun auf der Landstrae in meiner Richtung vorwrts.

Den ersten Mann, welcher mir begegnete, fragte ich, wem das weie Haus
auf dem Hgel gehre und wie es hiee.

Es ist der Aspermeier, dem es gehrt, antwortete der Mann, ihr seid
ja gestern selber in dem Asperhofe gewesen und seid mit dem Aspermeier
herumgegangen.

Aber der Besitzer jenes Hauses ist doch unmglich ein Meier? fragte
ich; denn mir war wohlbekannt, da man in der Gegend jeden greren
Bauern einen Meier nannte.

Er ist anfangs nicht der Aspermeier gewesen, antwortete der Mann,
aber er hat von dem alten Aspermeier den Asperhof gekauft, und das
Haus hat er gebaut, welches in dem Garten steht und zu dem Asperhof
gehrt, und jetzt ist er der Aspermeier; denn der alte ist lngst
gestorben.

Hat er denn nicht auch einen andern Namen? fragte ich.

Nein, wir heien ihn den Aspermeier, antwortete er.

Ich sah, da der Mann nichts Weiteres von meinem Gastfreunde wisse und
sich nicht um denselben gekmmert habe, ich gab daher bei ihm jedes
weitere Forschen auf.

Es begegneten mir noch mehrere Menschen, von denen ich dieselbe
Antwort erhielt. Alle kehrten das Verhltnis um und sagten, das Haus
im Garten gehre zu dem Asperhofe. Ich beschlo daher, vorlufig jedes
Forschen zu unterlassen, bis ich zu einem Menschen gekommen sein
wrde, von dem ich berechtigt war, eine bessere Auskunft zu erwarten.

Da mir aber der Name Aspermeier und Asperhof nicht gefiel, nannte
ich das Haus, in welchem ein solcher Rosendienst getrieben wurde, in
meinem Haupte vorlufig da Rosenhaus.

Es begegnete mir aber niemand, den ich noch einmal htte fragen
knnen.

Ich lie, da ich so meines Weges weiter wandelte, die Dinge des
letzten Tages in mir vorbergehen. Mich freute es, da ich in dem
Hause eine so groe Reinlichkeit und Ordnung getroffen hatte, wie
ich sie bisher nur in dem Hause meiner Eltern gesehen hatte. Ich
wiederholte, was der alte Mann mir gezeigt und gesagt hatte, und es
fiel mir ein, wie ich mich viel besser htte benehmen knnen, wie ich
auf manche Reden bessere Antworten geben und berhaupt viel bessere
Dinge htte sagen knnen.


In diesen Betrachtungen wurde ich unterbrochen. Als ich ungefhr
eine Stunde auf dem Wege gewandert war, kam ich an die Ecke des
Buchenwaldes, von dem wir vorgestern abends gesprochen hatten, der zu
den Besitzungen meines Gastfreundes gehrt und in welchem ich einmal
eine Gabelbuche gezeichnet hatte. Der Weg geht an dem Walde etwas
steiler hinan und biegt um die Ecke desselben herum. Da ich bis zu
der Biegung gelangt war, kam mir ein Wagen entgegen, welcher mit
eingelegtem Radschuhe langsam die Strae herabfuhr. Er mochte darum
langsamer als gewhnlich fahren, weil sich diejenigen, welche in ihm
saen, Vorsicht zum Gesetze gemacht haben konnten. Es saen nehmlich
in dem offenen und des schnen Wetters willen ganz zurckgelegten
Wagen zwei Frauengestalten, eine ltere und eine jngere. Beide hatten
Schleier, welche von den Hten ber die Schultern niedergingen. Die
ltere hatte den Schleier ber das Angesicht gezogen, welches aber
doch, da der Schleier wei war, ein wenig gesehen werden konnte. Die
jngere hatte den Schleier zu beiden Seiten des Angesichts zurckgetan
und zeigte dieses Angesicht der Luft. Ich sah sie beide an und
zog endlich zu einer hflichen Begrung meinen Hut. Sie dankten
freundlich, und der Wagen fuhr vorber. Ich dachte mir, da der Wagen
immer tiefer ber den Berg hinabging, ob denn nicht eigentlich das
menschliche Angesicht der schnste Gegenstand zum Zeichnen wre.

Ich sah dem Wagen noch nach, bis er durch die Biegung des Weges
unsichtbar geworden war. Dann ging ich an dem Waldrande vorwrts und
aufwrts.

Nach drei Stunden kam ich auf einen Hgel, von welchem ich in die
Gegend zurcksehen konnte, aus der ich gekommen war. Ich sah mit
meinem Fernrohre, das ich aus dem Rnzlein genommen hatte, deutlich
den weien Punkt des Hauses, in welchem ich die letzten zwei Nchte
zugebracht hatte, und hinter dem Hause sah ich die duftigen Berge. Wie
war nun der Punkt so klein in der groen Welt.

Ich kam bald in den Ort, in welchem ich, da ich bisher nirgends
angehalten hatte, mein Mittagsmahl einzunehmen gesonnen war, obwohl
die Sonne bis zum Scheitel noch einen kleinen Bogen zurckzulegen
hatte.

Ich fragte in dem Orte wieder um den Besitzer des weien Hauses und
beschrieb dasselbe und seine Lage, so gut ich konnte. Man nannte mir
einen Mann, der einmal in hohen Staatsmtern gestanden war; man nannte
mir aber zwei Namen, den Freiherrn von Risach und einen Herrn Morgan.
Ich war nun wieder ungewi wie vorher.

Am andern Tage morgens kam ich in den Gebirgszug, welcher das Ziel
meiner Wanderung war und in welchen ich von dem anderen Gebirgszuge
durch einen Teil des flachen Landes berzusiedeln beschlossen hatte.
Am Mittage kam ich in dem Gasthofe an, den ich mir zur Wohnung
ausgewhlt hatte. Mein Koffer war bereits da, und man sagte mir,
da man mich frher erwartet habe. Ich erzhlte die Ursache meiner
verspteten Ankunft, richtete mich in dem Zimmer, das ich mir
bestellt hatte, ein und begab mich an die Geschfte, welche in diesem
Gebirgsteile zu betreiben ich mir vorgesetzt hatte.



Der Besuch

Ich blieb ziemlich lange in meinem neuen Aufenthaltsorte. Es
entwickelte sich aus den Arbeiten ein Weiteres und Neues und hielt
mich fest. Ich drang spter noch tiefer in das Gebirgstal ein
und begann Dinge, die ich mir fr diesen Sommer gar nicht einmal
vorgenommen hatte.

Im spten Herbste kehrte ich zu den Meinigen zurck. Es erging mir auf
dieser Reise, wie es mir auf jeder Heimreise ergangen war. Als ich das
Gebirge verlie, waren die Bergahornbltter und die der Birken und
Eschen nicht nur schon lngst abgefallen, sondern sie hatten auch
bereits ihre schne gelbe Farbe verloren und waren schmutzig schwarz
geworden, was nicht mehr auf die Kinder der Zweige erinnerte, die sie
im Sommer gewesen waren, sondern auf die befruchtende Erde, die sie
im Winter fr den neuen Nachwuchs werden sollten; die Bewohner der
Bergtler und der Halden, die wohl gelegentlich in jeder Jahreszeit
Feuer machen, unterhielten es schon den ganzen Tag in ihrem Ofen,
um sich zu wrmen, und an heiteren Morgen glnzte der Reif auf den
Bergwiesen und hatte bereits das Grn der Farrenkruter in ein drres
Rostbraun verwandelt: da ich aber in die Ebene gelangt war und die
Berge mir am Rande derselben nur mehr wie ein blauer Saum erschienen,
und da ich endlich gar auf dem breiten Strome zu unserer Hauptstadt
hinabfuhr, umfchelten mich so weiche und warme Lfte, da ich meinte,
ich htte die Berge zu frh verlassen. Es war aber nur der Unterschied
der Himmelsbeschaffenheit in dem Gebirge und in den entfernten
Niederungen. Als ich das Schiff verlassen hatte und an den Toren
meiner Heimatstadt angekommen war, trugen die Akazien noch ihr Laub,
warmer Sonnenschein legte sich auf die Umfassungsmauern und auf die
Huser, und schngekleidete Menschen lustwandelten in den Stunden
des Nachmittages. Die liebliche rtliche und dunkelblaue Farbe
der Weintrauben, die man an dem Tore und auf dem Platze innerhalb
desselben feil bot, brachte mir manchen freundlichen und frhlichen
Herbsttag meiner Kindheit in Erinnerung.

Ich ging die gerade Gasse entlang, ich bog in ein paar Nebenstraen
und stand endlich vor dem wohlbekannten Vorstadthause mit dem Garten.

Da ich die Treppe hinangegangen war, da ich die Mutter und die
Schwester gefunden hatte, war die erste Frage nach Gesundheit und
Wohlbefinden aller Angehrigen. Es war alles im besten Stande, die
Mutter hatte auch meine Zimmer ordnen lassen, alles war abgestaubt,
gereinigt und an seinem Platze, als htte man mich gerade an diesem
Tage erwartet.

Nach einem kurzen Gesprche mit der Mutter und der Schwester kleidete
ich mich, ohne meinen Koffer zu erwarten, von meinen zurckgelassenen
Kleidern auf stdtische Weise an, um in die Stadt zu gehen und den
Vater zu begren, der noch auf seiner Handelsstube war. Das Gewimmel
der Leute in den Gassen, das Herumgehen geputzter Menschen in den
Baumgngen des grnen Platzes zwischen der Stadt und den Vorstdten,
das Fahren der Wgen und ihr Rollen auf den mit Steinwrfeln
gepflasterten Straen und endlich, als ich in die Stadt kam, die
schnen Warenauslagen und das Ansehnliche der Gebude befremdeten und
beengten mich beinahe als ein Gegensatz zu meinem Landaufenthalte;
aber ich fand mich nach und nach wieder hinein, und es stellte sich
als das Langgewohnte und Allbekannte wieder dar. Ich ging nicht zu
meinen Freunden, an deren Wohnung ich vorberkam, ich ging nicht in
die Buchhandlung, in der ich manche Stunde des Abends zuzubringen
gewohnt war und die an meinem Wege lag, sondern ich eilte zu meinem
Vater. Ich fand ihn an dem Schreibtische und grte ihn ehrerbietig
und wurde auch von ihm auf das Herzlichste empfangen. Nach kurzer
Unterredung ber Wohlbefinden und andere allgemeine Dinge sagte er,
da ich nach Hause gehen mchte, er habe noch Einiges zu tun, werde
aber bald nachkommen, um mit der Mutter, der Schwester und mir den
Abend zuzubringen.

Ich ging wieder gerades Weges nach Hause. Dort machte ich einen Gang
durch den Garten, sprach einige liebkosende Worte zu dem Hofhunde, der
mich mit Heulen und Freudensprngen begrte, und brachte dann noch
eine Weile bei der Mutter und der Schwester zu. Hierauf ging ich in
alle Zimmer unserer Wohnung, besonders in die mit den alten Gerten,
den Bchern und Bildern. Sie kamen mir beinahe unscheinbar vor.


Nach einiger Zeit kam auch der Vater. Es war heute in dem Stbchen, in
welchem die alten Waffen hingen und um welches der Epheu rankte, zum
Abendessen aufgedeckt worden. Man hatte sogar bis gegen Abend die
Fenster offen lassen knnen. Da whrend meines Ganges in die Stadt
mein Koffer und meine Kisten von dem Schiffe gekommen waren, konnte
ich die Geschenke, welche ich von der Reise mitgebracht hatte, in das
Stbchen schaffen lassen: fr die Mutter einige seltsame Tpfe und
Geschirre, fr den Vater ein Amonshorn von besonderer Gre und
Schnheit, andere Marmorstcke und eine Uhr aus dem siebenzehnten
Jahrhunderte, und fr die Schwester das gewhnliche Edelwei,
getrockneten Enzian, ein seidenes Bauertchlein und silberne
Brustkettlein, wie man sie in einigen Teilen des Gebirges trgt. Auch
was man mir als Geschenke vorbereitet hatte, kam in das Stblein:
von der Mutter und Schwester verfertigte Arbeiten, darunter eine
Reisetasche von besonderer Schnheit, dann smtliche Arten guter
Bleifedern, nach den Abstufungen der Hrte in einem Fache geordnet,
besonders treffliche Federkiele, glattes Papier, und von dem Vater ein
Gebirgsatlas, dessen ich schon einige Male Erwhnung getan und den
er fr mich gekauft hatte. Nachdem alles mit Freuden gegeben und
empfangen worden war, setzte man sich zu dem Tische, an dem wir
heute Abend nur allein waren, wie es nach und nach bei jeder meiner
Zurckknfte nach einer lngeren Abwesenheit der Gebrauch geworden
war. Es wurden die Speisen aufgetragen, von denen die Mutter
vermutete, da sie mir die liebsten sein knnten. Die Vertraulichkeit
und die Liebe ohne Falsch, wie man sie in jeder wohlgeordneten Familie
findet, tat mir nach der lngeren Vereinsamung auerordentlich wohl.


Als die ersten Besprechungen ber alles, was zunchst die Angehrigen
betraf und was man in der jngsten Zeit erlebt hatte, vorber waren,
als man mir den ganzen Gang des Hauswesens whrend meiner Abwesenheit
auseinandergesetzt hatte, mute ich auch von meiner Reise erzhlen.
Ich erklrte ihren Zweck und sagte, wo ich gewesen sei und was ich
getan habe, ihn zu erreichen. Ich erwhnte auch des alten Mannes und
erzhlte, wie ich zu ihm gekommen sei, wie gut ich von ihm aufgenommen
worden sei und was ich dort gesehen habe. Ich sprach die Vermutung
aus, da er, seiner Sprache nach zu urteilen, aus unserer Stadt sein
knnte. Mein Vater ging seine Erinnerungen durch, konnte aber auf
keinen Mann kommen, der dem von mir beschriebenen hnlich wre. Die
Stadt ist gro, meinte er, es knnten da viele Leute gelebt haben,
ohne da er sie htte kennen lernen knnen. Die Schwester meinte,
vielleicht htte ich ihn auch der Umgebung zufolge, in welcher ich ihn
gefunden habe, schon in einem anderen und besonderen Lichte gesehen
und in solchem dargestellt, woraus er schwerer zu erkennen sei. Ich
entgegnete, da ich gar nichts gesagt habe, als was ich gesehen htte
und was so deutlich sei, da ich es, wenn ich mit Farben besser
umzugehen wte, sogar malen knnte. Man meinte, die Zeit werde die
Sache wohl aufklren, da er mich auf einen zweiten Besuch eingeladen
habe und ich gewi nicht anstehen werde, denselben abzustatten. Da
ich ihn nicht geradezu um seinen Namen gefragt habe, billigten alle
meine Angehrigen, da er weit mehr getan, nehmlich mich aufgenommen
und beherbergt habe, ohne um meinen Namen oder um meine Herkunft zu
forschen.

Der Vater erkundigte sich im Laufe des Gesprches genauer nach manchen
Gegenstnden in dem Hause des alten Mannes, deren ich Erwhnung getan
hatte, besonders fragte er nach den Marmoren, nach den alten Gerten,
nach den Schnitzarbeiten, nach den Bildsulen, nach den Gemlden und
den Bchern.

Die Marmore konnte ich ihm fast ganz genau beschreiben, die alten
Gerte beinahe auch. Der Vater geriet ber die Beschreibung in
Bewunderung und sagte, es wrde fr ihn eine groe Freude sein, einmal
solche Dinge mit eigenen Augen sehen zu knnen. ber Schnitzarbeiten
konnte ich schon weniger sagen, ber die Bcher auch nicht viel, und
das wenigste, beinahe gar nichts, ber Bildsulen und Gemlde. Der
Vater drang auch nicht darauf und verweilte nicht lange bei diesen
letzteren Gegenstnden - die Mutter meinte, es wre recht schn, wenn
er sich einmal aufmachte, eine Reise in das Oberland unternhme und
die Sachen bei dem alten Manne selber anshe. Er sitze jetzt immer
wieder zu viel in seiner Schreibstube, er gehe in letzter Zeit auch
alle Nachmittage dahin und bleibe oft bis in die Nacht dort. Eine
Reise wrde sein Leben recht erfrischen, und der alte Mann, der
den Sohn so freundlich aufgenommen habe, wrde ihn gewi herzlich
empfangen und ihm als einem Kenner seine Sammlungen noch viel lieber
zeigen als einem andern. Wer wei, ob er nicht gar auf dieser Reise
das eine oder andere Stck fr seine Altertumszimmer erwerben knnte.
Wenn er immer warte, bis die dringendsten Geschfte vorber wren
und bis er sich mehr auf die jngeren Leute in seiner Arbeitsstube
verlassen knne, so werde er gar nie reisen; denn die Geschfte seien
immer dringend, und sein Mitrauen in die Krfte der jngeren Leute
wachse immer mehr, je lter er werde und je mehr er selber alle Sachen
allein verrichten wolle.

Der Vater antwortete, er werde nicht nur schon einmal reisen,
sondern sogar eines Tages sich in den Ruhestand setzen und keine
Handelsgeschfte weiter vornehmen.

Die Mutter erwiderte, da dies sehr gut sein und da ihr dieser Tag
wie ein zweiter Brauttag erscheinen werde.

Ich mute dem Vater nun auch die einzelnen Holzgattungen angeben, aus
denen die verschiedenen Gerte in dem Rosenhause eingelegt seien,
aus denen die Fubden bestanden, und endlich aus welchen geschnitzt
wrde. Ich tat es so ziemlich gut, denn ich hatte bei der Betrachtung
dieser Dinge an meinen Vater gedacht und hatte, mir mehr gemerkt, als
sonst der Fall gewesen sein wrde. Ich mute ihm auch beschreiben, in
welcher Ordnung diese Hlzer zusammengestellt seien, welche Gestalten
sie bildeten und ob in der Zusammenstellung der Linien und Farben
ein schner Reiz liege. Ebenso mute ich ihm auch noch mehr von den
Marmorarten erzhlen, die in dem Gange und in dem Saale wren, und
mute darstellen, wie sie verbunden wren, welche Gattungen an
einander grenzten und wie sie sich dadurch abhben. Ich nahm hufig
ein Stck Papier und die Bleifeder zur Hand, um zu versinnlichen,
was ich gesehen htte. Er tat auch weitere Fragen, und durch ihre
zweckmige Aufeinanderfolge konnte ich mehr beantworten, als ich mir
gemerkt zu haben glaubte.

Als es schon spt geworden war, mahnte die Mutter zur Ruhe, wir
trennten uns von dem Waffenhuschen und begaben uns zu Bette.

Am anderen Tage begann ich meine Wohnung fr den Winter einzurichten.
Ich packte nach und nach die Sachen, welche ich von meiner Reise
mitgebracht hatte, aus, stellte sie nach gewohnter Art und Weise auf
und suchte sie in die vorhandenen einzureihen. Diese Beschftigung
nahm mehrere Tage in Anspruch.


Am ersten Sonntage nach meiner Ankunft war ein Bewillkommungsmahl.
Alle Leute von dem Handelsgeschfte meines Vaters waren besonders
eingeladen worden, und es wurden bessere Speisen und besserer Wein
auf den Tisch gesetzt. Auch die zwei alten Leute, die in dem dunkeln
Stadthause unsere Wohnungsnachbarn gewesen waren, sind zu diesem Mahle
geladen worden, weil sie mich sehr lieb hatten und weil die Frau
gesagt hatte, da aus mir einmal groe Dinge werden wrden. Diese
Mahle waren schon seit ein paar Jahren Sitte, und die alten Leute
waren jedesmal Gste dabei.

Als ich mit dem Hauptschlichsten in der Anordnung meiner Zimmer
fertig war, besuchte ich auch meine Freunde in der Stadt und brachte
wieder manche Abenddmmerung in der Buchhandlung zu, welche mir ein
lieber Aufenthalt geworden war. Wenn ich durch die Gassen der Stadt
ging, war es mir, als htte ich das, was ich von dem alten Manne
wute, in einem Mrchenbuche gelesen; wenn ich aber wieder nach Hause
kam und in die Zimmer mit den altertmlichen Gegenstnden und mit
den Bildern ging, so war er wieder wirklich und pate hieher als
Vergleichsgegenstand.

Die Spuren, welche mit einer Ankunft nach einer lngeren Reise in
einer Wohnung immer unzertrennlich verbunden sind, namentlich wenn man
von dieser Reise viele Gegenstnde mitgebracht hat, welche geordnet
werden mssen, waren endlich aus meinem Zimmer gewichen, meine Bcher
standen und lagen zum Gebrauche bereit, und meine Werkzeuge und
Zeichnungsgertschaften waren in der Ordnung, wie ich sie fr den
Winter bedurfte. Dieser Winter war aber auch schon ziemlich nahe. Die
letzten schnen Sptherbsttage, die unserer Stadt so gerne zu Teil
werden, waren vorber, und die neblige, nasse und kalte Zeit hatte
sich eingestellt.

In unserem Hause war whrend meiner Abwesenheit eine Vernderung
eingetreten. Meine Schwester Klotilde, welche bisher immer ein Kind
gewesen war, war in diesem Sommer pltzlich ein erwachsenes Mdchen
geworden. Ich selber hatte mich bei meiner Rckkehr sehr darber
verwundert, und sie kam mir beinahe ein wenig fremd vor.

Diese Vernderung brachte fr den kommenden Winter auch eine
Vernderung in unser Haus. Unser Leben war fr die Hauptstadt eines
groen Reiches bisher ein sehr einfaches und beinah lndliches
gewesen. Der Kreis der Familien, mit denen wir verkehrten, hatte keine
groe Ausdehnung gehabt, und auch da hatten sich die Zusammenknfte
mehr auf gelegentliche Besuche oder auf Spiele der Kinder im Garten
beschrnkt. Jetzt wurde es anders. Zu Klotilden kamen Freundinnen,
mit deren Eltern wir in Verbindung gewesen waren, diese hatten wieder
Verwandte und Bekannte, mit denen wir nach und nach in Beziehungen
gerieten. Es kamen Leute zu uns, es wurde Musik gemacht, vorgelesen,
wir kamen auch zu anderen Leuten, wo man sich ebenfalls mit Musik und
hnlichen Dingen unterhielt. Diese Verhltnisse bten aber auf unser
Haus keinen so wesentlichen Einflu aus, da sie dasselbe umgestaltet
htten. Ich lernte auer den Freunden, die ich schon hatte und an
deren Art und Weise ich gewhnt war, noch neue kennen. Sie hatten
meistens ganz andere Bestrebungen als ich und schienen mir in den
meisten Dingen berlegen zu sein. Sie hielten mich auch fr besonders,
und zwar zuerst darum, weil die Art der Erziehung in unserem Hause
eine andere gewesen war als in anderen Husern, und dann, weil ich
mich mit anderen Dingen beschftigte als auf die sie ihre Wnsche
und Begierden richteten. Ich vermutete, da sie mich wegen meiner
Sonderlichkeit geringer achteten als sich unter einander selbst.

Sie erwiesen meiner Schwester groe Aufmerksamkeiten und suchten ihr
zu gefallen. Die jungen Leute, welche in unser Haus kommen durften,
waren nur lauter solche, deren Eltern zu uns eingeladen waren, die wir
auch besuchten und an deren Sitten sich kein Bedenken erhob. Meine
Schwester wute nicht, da ihr die Mnner gefallen sollten, und sie
achtete nicht darauf. Ich aber kam in jenen Tagen, wenn mir einfiel,
da meine Schwester einmal einen Gatten haben werde, immer auf den
nehmlichen Gedanken, da dies kein anderer Mann sein knne als der so
wre wie der Vater.

Auch mich zogen diese jungen Mnner und andere, die nicht eben der
Schwester willen in das Haus kamen, fter in ihre Gesprche; sie
erzhlten mir von ihren Ansichten, Bestrebungen, Unterhaltungen und
manche vertrauten mir Dinge, welche sie in ihrem geheimen Inneren
dachten. So sagte mir einmal einer namens Preborn, welcher der Sohn
eines alten Mannes war, der ein hohes Amt am Hofe bekleidete und fter
in unser Haus kam, die junge Tarona sei die grte Schnheit der
Stadt, sie habe einen Wuchs, wie ihn niemand von der halben Million
der Einwohner der Stadt habe, wie ihn nie irgend jemand gehabt habe,
und wie ihn keine Knstler alter und neuer Zeit darstellen knnten.
Augen habe sie, welche Kiesel in Wachs verwandeln und Diamanten
schmelzen knnten. Er liebe sie mit solcher Heftigkeit, da er manche
Nacht ohne Schlaf auf seinem Lager liege oder in seiner Stube herum
wandle. Sie lebe nicht hier, komme aber fter in die Stadt, er werde
sie mir zeigen, und ich msse ihm als Freund in seiner Lage beistehen.

Ich dachte, da vieles in diesen Worten nicht Ernst sein knne. Wenn
er das Mdchen so sehr liebe, so htte er es mir oder einem andern gar
nicht sagen sollen, auch wenn wir Freunde gewesen wren. Freunde waren
wir aber nicht, wenn man das Wort in der eigentlichen Bedeutung nimmt,
wir waren es nur, wie man es in der Stadt mit einer Redeweise von
Leuten nennt, die einander sehr bekannt sind und mit einander fter
umgehen. Und endlich konnte er ja keinen Beistand von mir erwarten,
der ich in der Art mit Menschen umzugehen nicht sehr bewandert war und
in dieser Hinsicht weit unter ihm selber stand.

Ich besuchte zuweilen auch den einen oder den anderen dieser jungen
Leute auer der Zeit, in der wir in Begleitung unserer Eltern
zusammenkamen, und da war ebenfalls fter von Mdchen die Rede. Sie
sagten, wie sie diese oder jene lieben, sich vergeblich nach ihr
sehnen oder von ihr Zeichen der Gegenneigung erhalten htten. Ich
dachte, das sollten sie nicht sagen; und wenn sie eine mutwillige
Bemerkung ber die Gestalt oder das Benehmen eines Mdchens
ausdrckten, so errtete ich, und es war mir, als wre meine Schwester
beleidigt worden.

Ich ging nun fter in die Stadt und betrachtete aufmerksamer den alten
Bau unseres Erzdomes. Seit ich die Zeichnungen von Bauwerken in dem
Rosenhause so genau und in solcher Menge angesehen hatte, waren mir
die Bauwerke nicht mehr so fremd wie frher. Ich sah sie gerne an, ob
sie irgend etwas hnliches mit den Gegenstnden htten, die ich in den
Zeichnungen gesehen hatte. Auf meiner Reise von dem Rosenhause in das
Gebirgstal, in welchem ich mich spter aufgehalten hatte, und von
diesem Gebirgstale bis zu dem Schiffe, das mich zur Heimreise
aufnehmen sollte, war mir nichts besonders Betrachtenswertes
vorgekommen. Nur einige Wegsulen sehr alter Art erinnerten an die
reinen und anspruchlosen Gestalten, wie ich sie bei dem Meister auf
dem reinen Papier mit reinen Linien gesehen hatte. Aber in der Nische
der einen Wegsule war statt des Standbildes, das einst darinnen
gewesen war und auf welches der Sockel noch hinwies, ein neues Gemlde
mit bunten Farben getan worden, in der anderen fehlte jede Gestalt.
Auf meiner Stromesfahrt kam ich wohl an Kirchen und Burgen vorber,
die der Beachtung wert sein mochten, aber mein Zweck fhrte mich in
dem Schiffe weiter. An dem Erzdome sah ich beinahe alle Gestalten von
Verzierungen, Simsen, Bgen, Sulen und greren Teilwerken, wie ich
sie auf dem Papier im Rosenhause gesehen hatte. Es ergtzte mich, in
meiner Erinnerung diese Gestalten mit den gesehenen zu vergleichen und
sie gegenseitig abzuschtzen.


Auch in Beziehung der Edelsteine fiel mir das ein, was der alte Mann
in dem Rosenhause ber die Fassung derselben gesagt hatte. Es gab
Gelegenheit genug, gefate Edelsteine zu sehen. In unzhligen
Schaufenstern der Stadt liegen Schmuckwerke zur Ansicht und zur
Verlockung zum Kaufe aus. Ich betrachtete sie berall, wo sie mir auf
meinem Wege aufstieen, und ich mute denken, da der alte Mann recht
habe. Wenn ich mir die Zeichnungen von Kreuzen, Rosen, Sternen,
Nischen und dergleichen Dingen an mittelalterlichen Baugegenstnden,
wie ich sie im Rosenhause gesehen hatte, vergegenwrtigte, so waren
sie viel leichter, zarter und, ich mchte den Ausdruck gebrauchen,
inniger als diese Sachen hier, und waren doch nur Teile von Bauwerken,
whrend diese Schmuck sein sollten. Mir kam wirklich vor, da sie, wie
er gesagt hatte, unbeholfen in Gold und unbeholfen in den Edelsteinen
seien. Nur bei einigen Vorkaufsorten, die als die vorzglichsten
galten, fand ich eine Ausnahme. Ich sah, da dort die Fassungen sehr
einfach waren, ja da man, wenn die Edelsteine einmal eine grere
Gestalt und einen hheren Wert annahmen, schier gar keine Fassung
mehr machte, sondern nur so viel von Gold oder kleinen Diamanten
anwendete, als unumgnglich ntig schien, die Dinge nehmen und an dem
menschlichen Krper befestigen zu knnen. Mir schien dieses schon
besser, weil hier die Edelsteine allein den Wert und die Schnheit
darstellen sollten. Ich dachte aber in meinem Herzen, da die
Edelsteine, wie schn sie auch seien, doch nur Stoffe wren, und da
es viel vorzglicher sein mte, wenn man sie, ohne da ihre Schnheit
einen Eintrag erhielte, doch auch mit einer Gestalt umgbe, welche
auer der Lieblichkeit des Stoffes auch den Geist des Menschen sehen
liee, der hier ttig war und an dem man Freude haben knnte. Ich nahm
mir vor, wenn ich wieder zu meinem alten Gastfreunde kme, mit ihm
ber die Sache zu reden. Ich sah, da ich in dem Rosenhause etwas
Ersprieliches gelernt hatte.

Ich wurde bei jener Gelegenheit zufllig mit dem Sohne eines
Schmuckhndlers bekannt, welcher als der vorzglichste in der Stadt
galt. Er zeigte mir fter die wertvolleren Gegenstnde, die sie in dem
Verkaufsgewlbe hatten, die aber nie in einem Schaufenster lagen, er
erklrte mir dieselben und machte mich auf die Merkmale aufmerksam, an
denen man die Schnheit der Edelsteine erkennen knne. Ich getraute
mir nie, meine Ansichten ber die Fassung derselben darzulegen. Er
versprach mir, mich nher in die Kenntnis der Edelsteine einfhren,
und ich nahm es recht gerne an.

Weil ich durch meine Gebirgswanderungen an viele Bewegung gewhnt war,
so ging ich alle Tage entweder durch Teile der Stadt herum, oder ich
machte einen Weg in den Umgebungen derselben. Das Zutrgliche der
starken Gebirgsluft ersetzte nur hier die Herbstluft, die immer rauher
wurde, und ich ging ihr sehr gerne entgegen, wenn sie mit Nebeln
gefllt oder hart von den Bergen her wehte, die gegen Westen die
Umgebungen unserer Stadt sumten.

Ich fing auch in jener Zeit an, das Theater zuweilen zu besuchen.
Der Vater hatte, so lange wir Kinder waren, nie erlaubt, da wir
ein Schauspiel zu sehen bekmen. Er sagte, es wrde dadurch die
Einbildungskraft der Kinder berreizt und berstrzt, sie behingen
sich mit allerlei willkrlichen Gefhlen und gerieten dann in
Begierden oder gar Leidenschaften. Da wir mehr herangewachsen waren,
was bei mir schon seit lngerer Zeit, bei der Schwester aber kaum
seit einem Jahre der Fall war, durften wir zu seltenen Zeiten das
Hoftheater besuchen. Der Vater whlte zu diesen Besuchen jene Stcke
aus, von denen er glaubte, da sie uns angemessen wren und unser
Wesen frderten. In die Oper oder gar in das Ballet durften wir
nie gehen, eben so wenig durften wir ein Vorstadttheater besuchen.
Wir sahen auch die Auffhrung eines Schauspiels nie anders als in
Gesellschaft unserer Eltern. Seit ich selbststndig gestellt war,
hatte ich auch die Freiheit, nach eigener Wahl die Schauspielhuser
zu besuchen. Da ich mich aber mit wissenschaftlichen Arbeiten
beschftigte, hatte ich nach dieser Richtung hin keinen mchtigen Zug.
Aus Gewohnheit ging ich manchmal in eines von den nehmlichen Stcken,
die ich schon mit den Eltern gesehen hatte. In diesem Herbste wurde es
anders. Ich whlte zuweilen selber ein Stck aus, dessen Auffhrung im
Hoftheater ich sehen wollte.

Es lebte damals an der Hofbhne ein Knstler, von dem der Ruf sagte,
da er in der Darstellung des Knigs Lear von Shakespeare das Hchste
leiste, was ein Mensch in diesem Kunstzweige zu leisten im Stande
sei. Die Hofbhne stand auch in dem Rufe der Musteranstalt fr ganz
Deutschland. Es wurde daher behauptet, da es in deutscher Sprache auf
keiner deutschen Bhne etwas gbe, was jener Darstellung gleich kme,
und ein groer Kenner von Schauspieldarstellungen sagte in seinem
Buche ber diese Dinge von dem Darsteller des Knigs Lear auf unserer
Hofbhne, da es unmglich wre, da er diese Handlung so darstellen
knnte, wie er sie darstellte, wenn nicht ein Strahl jenes wunderbaren
Lichtes in ihm lebte, wodurch dieses Meisterwerk erschaffen und mit
unbertrefflicher Weisheit ausgestattet worden ist.

Ich beschlo daher, da ich diese Umstnde erfahren hatte, der nchsten
Vorstellung des Knig Lear auf unserer Hofbhne beizuwohnen.


Eines Tages war in den Zeitungen, die tglich zu dem Frhmahle
des Vaters kamen, fr die Hofbhne die Auffhrung des Knig Lear
angekndigt und als Darsteller des Lear der Mann genannt, von dem ich
gesprochen habe und der jetzt schon dem Greisenalter entgegen geht.
Die Jahreszeit war bereits in den Winter hinein vorgerckt. Ich
richtete meine Geschfte so ein, da ich in der Abendzeit den Weg
zu dem Hoftheater einschlagen konnte. Da ich gerne das Treiben der
Stadt ansehen wollte, wie ich auf meinen Reisen die Dinge im Gebirge
untersuchte, ging ich frher fort, um langsam den Weg zwischen der
Vorstadt und der Stadt zurck zu legen. Ich hatte einen einfachen
Anzug angelegt, wie ich ihn gerne auf Spaziergngen hatte, und eine
Kappe genommen, die ich bei meinen Reisen trug. Es fiel ein feiner
Regen nieder, obwohl es in der unteren Luft ziemlich kalt war. Der
Regen war mir nicht unangenehm, sondern eher willkommen, wenn er mir
auch auf meinen Anzug fiel, an dem nicht viel zu verderben war. Ich
schritt seinem Rieseln mit Gemessenheit entgegen. Der Weg zwischen den
Bumen auf dem freien Raume vor der Stadt war durch das Eis, welches
sich bildete, gleichsam mit Glas berzogen, und die Leute, welche vor
und neben mir gingen, glitten hufig aus. Ich war an schwierige Wege
gewhnt und ging auf der Mitte der Eisbahn ohne Beschwerde fort.
Die Zweige der Bume glnzten in der Nachbarschaft der brennenden
Laternen, sonst war es berall finstere Nacht, und der ganze Raum und
die Mauern der Stadt waren in ihrer Dunkelheit verborgen. Als ich von
dem Gehwege in die Fahrstrae einbog, rasselten viele Wgen an mir
vorber, und die Pferde zerstampften und die Rder zerschnitten die
sich bildende Eisdecke. Die meisten von ihnen, wenn auch nicht alle,
fuhren in das Theater. Mir kam es beinahe sonderbar vor, da sie und
ich selber in diesem unfreundlichen Wetter einem Raume zustrebten, in
welchem eine erlogene Geschichte vorgespiegelt wird. So kam ich in die
erleuchtete berwlbung, in der die Wgen hielten, ich wendete mich
von ihr in den Eingang, kaufte meine Karte, steckte meine Kappe in die
Tasche meines berrocks, gab diesen in das Kleiderzimmer und trat in
den hellen ebenerdigen Raum des Darstellungssaales. - Ich hatte von
meinem Vater die Gewohnheit angenommen, nie von oben herab oder
von groer Entfernung die Darstellung eines Schauspieles zu sehen,
weil man den Menschen, welche die Handlung darstellen, in ihrer
gewhnlichen Stellung nicht auf die obere Flche ihres Kopfes oder
ihrer Schultern sehen soll und weil man ihre Mienen und Geberden
soll betrachten knnen. Ich blieb daher ungefhr am Ende des ersten
Drittteiles der Lnge des Raumes stehen und wartete, bis sich der Saal
fllen wrde und die Glocke zum Beginne des Stckes tnte.

Sowohl die gewhnlichen Sitze als auch die Logen fllten sich sehr
stark mit geputzten Leuten, wie es Sitte war, und wahrscheinlich von
dem Rufe des Stckes und des Schauspielers angezogen strmte heute
eine weit grere und gemischtere Menge, wie man bei dem ersten Blicke
erkennen konnte, in diese Rume. Mnner, die neben mir standen,
sprachen dieses aus, und in der Tat war in der Versammlung manche
Gestalt zu sehen, die von den entferntesten Teilen der Vorstdte
gekommen sein mute. Die meisten, da endlich gleichsam Haupt an Haupt
war, blickten neugierig nach dem Vorhange der Bhne.

Es war damals nicht meine Gewohnheit, und ist es jetzt auch noch
nicht, in berfllten Rumen die Menge der Menschen, die Kleider, den
Putz, die Lichter, die Angesichter und dergleichen zu betrachten.
Ich stand also ruhig, bis die Musik begann und endete, bis sich der
Vorhang hob und das Stck den Anfang nahm.

Der Knig trat ein und war, wie er spter von sich sagte, jeder Zoll
ein Knig. Aber er war auch ein bereilender und bedaurungswrdiger
Tor. Regan, Goneril und Cordelia redeten, wie sie nach ihrem Gemte
reden muten, auch Kent redete so, wie er nicht anders konnte. Der
Knig empfing die Reden, wie er nach seinem heftigen, leichtsinnigen
und doch liebenswrdigen Gemte ebenfalls mute. Er verbannte die
einfache Cordelia, die ihre Antwort nicht schmcken konnte, der er
desto heftiger zrnte, da sie frher sein Liebling gewesen war, und
gab sein Reich den beiden anderen Tchtern, Regan und Goneril, die
ihm auf seine Frage, wer ihn am meisten liebe, mit bertriebenen
Ausdrcken schmeichelten und ihm dadurch, wenn er der Betrachtung
fhig gewesen wre, schon die Unechtheit ihrer Liebe dartaten, was
auch die edle Cordelia mit solchem Abscheu erfllte, da sie auf die
Frage, wie _sie_ den Vater liebe, weniger zu antworten wute, als sie
vielleicht zu einer anderen Zeit, wo das Herz sich freiwillig ffnete,
gesagt htte. Gegen Kent, der Cordelia verteidigen wollte, wtete er
und verbannte ihn ebenfalls, und so sieht man bei dieser heftigen und
kindischen Gemtsart des Knigs blen Dingen entgegen.

Ich kannte dieses Schauspiel nicht und war bald von dem Gange der
Handlung eingenommen.

Der Knig wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei
der einen Tochter, um im zweiten dann bei der anderen zu sein und
so abwechselnd fortzufahren, wie es bedungen war. Die Folgen dieser
schwachen Maregel zeigten sich auch im Lande. In dem hohen Hause
Glosters emprt sich ein unehelicher Sohn gegen den Vater und den
rechtmigen Bruder und ruft unnatrliche Dinge in die Welt, da auch
in des Knigs Hause unnatrliche und unzweckmige Dinge geschahen. In
dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt eingepflanzten
zweiten Hofhaltung des Knigs und seiner hundert Ritter entstehen
Anstnde und Widrigkeiten, und die Entgegnungen der Tochter gegen das
Tun des Knigs und seines Gefolges sind sehr begreiflich, aber fast
unheimlich. Beinahe herzzerreiend ist nun die treuherzige, fast blde
Zuversicht des Knigs, womit er die eine Tochter, die mit schnden
Worten seinen Handlungen entgegen getreten war, verlt, um zu der
anderen, sanfteren zu gehen, die ihn mit noch hrterem Urteile
abweist. Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen, er selber
findet keine Aufnahme, weil man nicht vorbereitet ist, weil man die
andere Schwester erwartet, die man aufnehmen mu, man rt dem Knig,
zu der verlassenen Tochter zurckzukehren und sich ihren Maregeln zu
fgen. Bei dem Knige war vorher blindes Vertrauen in die Tchter,
bereilung im Urteile gegen Cordelia, Leichtsinn in Vergebung der
Wrden: jetzt entsteht Reue, Scham, Wut und Raserei. Er will nicht
zu der Tochter zurckkehren, eher geht er in den Sturm und in das
Ungewitter auf die Haide hinaus, die gegen ihn wten drfen, denen er
ja nichts geschenkt hat. Er tritt in die Wste bei Nacht, Sturm und
Ungewitter, der Greis gibt die weien Haare den Winden preis, da
er auf der Haide vorschreitet, von niemandem begleitet als von dem
Narren, er wirft den Mantel in die Luft, und da er sich in Ausdrcken
erschpft hat, wei er nichts mehr als die Worte - Lear! Lear! Lear!
aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene Geschichte
und liegen seine ganzen gegenwrtigen Gefhle. Er wirft sich spter
dem Narren an die Brust und ruft mit Angst: Narr, Narr! ich werde
rasend - ich mchte nicht rasend werden - nur nicht toll! Da er die
drei letzten Worte milder sagte, gleichsam bittend, so flossen mir
die Trnen ber die Wangen herab, ich verga die Menschen herum und
glaubte die Handlung als eben geschehend. Ich stand und sah unverwandt
auf die Bhne. Der Knig wird nun wirklich toll, er krnzt sich in den
Tagen nach jener Sturmnacht mit Blumen, schwrmt auf den Hgeln und
Haiden und hlt mit Bettlern einen hohen Gerichtshof. Es ist indessen
schon Botschaft an seine Tochter Cordelia getan worden, da Regan
und Goneril den Vater schnd behandeln. Diese war mit Heeresmacht
gekommen, um ihn zu retten. Man hatte ihn auf der Haide gefunden, und
er liegt nun im Zelte Cordelias und schlft. Whrend der letzten Zeit
ist er in sich zusammengesunken, er ist, whrend wir ihn so vor uns
sahen, immer lter, ja gleichsam kleiner geworden. Er hatte lange
geschlafen, der Arzt glaubt, da der Zustand der Geisteszerrttung nur
in der bermannenden Heftigkeit der Gefhle gelegen war und da sich
sein Geist durch die lange Ruhe und den erquickenden Schlaf wieder
stimmen werde. Der Knig erwacht endlich, blickt die Frau an, hat
nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen,
und sagt im Mitrauen auf seinen Geist mit Verschmtheit, er halte
diese fremde Frau fr sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der
Wahrheit seiner Vorstellung berzeugt, gleitet er ohne Worte von dem
Bette herab und bittet knieend und hndefaltend sein eigenes Kind
stumm um Vergebung. Mein Herz war in dem Augenblicke gleichsam
zermalmt, ich wute mich vor Schmerz kaum mehr zu fassen. Das hatte
ich nicht geahnt, von einem Schauspiele war schon lngst keine Rede
mehr, das war die wirklichste Wirklichkeit vor mir. Der gnstige
Ausgang, welchen man den Auffhrungen dieses Stckes in jener Zeit
gab, um die frchterlichen Gefhle, die diese Begebenheit erregt, zu
mildern, tat auf mich keine Wirkung mehr, mein Herz sagte, da das
nicht mglich sei, und ich wute beinahe nicht mehr, was vor mir und
um mich vorging. Als ich mich ein wenig erholt hatte, tat ich fast
scheu einen Blick auf meine Umgebung, gleichsam um mich zu berzeugen,
ob man mich beobachtet habe. Ich sah, da alle Angesichter auf die
Bhne blickten und da sie in starker Erregung gleichsam auf den
Schauplatz hingeheftet seien. Nur in einer ebenerdigen Loge sehr nahe
bei mir sa ein Mdchen, welches nicht auf die Darstellung merkte,
sie war schneebleich, und die Ihrigen waren um sie beschftigt. Sie
kam mir unbeschreiblich schn vor. Das Angesicht war von Trnen
bergossen, und ich richtete meinen Blick unverwandt auf sie. Da die
bei ihr Anwesenden sich um und vor sie stellten, gleichsam um sie vor
der Betrachtung zu decken, empfand ich mein Unrecht und wendete die
Augen weg.

Das Stck war indessen aus geworden, und um mich entstand die Unruhe,
die immer mit dem Fortgehen aus einem Schauspielhause verbunden ist.
Ich nahm mein Taschentuch heraus, wischte mir die Stirne und die Augen
ab und richtete mich zum Fortgehen. Ich ging in das Kleiderzimmer,
holte mir meinen berrock und zog ihn an. Als ich in den Vorsaal kam,
war dort ein sehr starres Gedrnge, und da er mehrere Ausgnge hatte,
wogten die Menschen vielfach hin und her. Ich gab mich einem greren
Zuge hin, der langsam bei dem Hauptausgange ausmndete. Pltzlich war
es mir, als ob sich meinen Blicken, die auf den Ausgang gerichtet
waren, ganz nahe etwas zur Betrachtung aufdrngte. Ich zog sie zurck,
und in der Tat hatte ich zwei groe, schne Augen den meinigen
gegenber, und das Angesicht des Mdchens aus der ebenerdigen Loge war
ganz nahe an dem meinigen. Ich blickte sie fest an, und es war mir,
als ob sie mich freundlich anshe und mir lieblich zulchelte. Aber in
dem Augenblicke war sie vorber. Sie war mit einem Menschenstrome aus
dem Logengange gekommen, dieser Strom hatte unseren Zug gekreuzt und
strebte bei einem Seitenausgange hinaus. Ich sah sie nur noch von
rckwrts und sah, da sie in einen schwarzseidenen Mantel gehllt
war. Ich war endlich auch bei dem Hauptausgange hinaus, kommen. Dort
zog ich erst meine Kappe aus der Tasche des berrockes, setzte sie auf
und blieb noch einen Augenblick stehen und sah den abfahrenden Wgen
nach, die ihre roten Laternenlichter in die trbe Nacht hinaustrugen.
Es regnete noch viel dichter als bei meinem Hereingehen. Ich schlug
den Weg nach Hause ein. Ich gelangte aus den fahrenden Wgen,
ich gelangte aus dem greren Strome der Menschen und bog in den
vereinsamteren Weg ein, der im Freien durch die Reihen der Bume der
Vorstadt zufhrte. Ich schritt neben den dsteren Laternen vorbei, kam
wieder in die Gassen der Vorstadt, durchging sie und war endlich in
dem Hause meiner Eltern.

Es war beinahe Mitternacht geworden. Die Mutter, welche es sich bei
solchen Gelegenheiten nicht nehmen lt, besonders auf die Gesundheit
der Ihrigen bedacht zu sein, war noch angekleidet und wartete meiner
im Speisezimmer. Die Magd, welche mir die Wohnung geffnet hatte,
sagte mir dieses und wies mich dahin. Die Mutter hatte noch ein
Abendessen fr mich in Bereitschaft und wollte, da ich es einnehme.
Ich sagte ihr aber, da ich noch zu sehr mit dem Schauspiele
beschftigt sei und nichts essen knne. Sie wurde besorgt und sprach
von Arznei. Ich erwiderte ihr, da ich sehr wohl sei und da mir gar
nichts als Ruhe not tue.

Nun, wenn dir Ruhe not tut, so ruhe, sagte sie, ich will dich nicht
zwingen, ich habe es gut gemeint.

Gut gemeint wie immer, teure Mutter, antwortete ich, darum danke
ich auch.

Ich ergriff ihre Hand und kte sie. Wir wnschten uns gegenseitig
eine gute Nacht, nahmen Lichter und begaben uns auf unsere Zimmer.

Ich entkleidete mich, legte mich auf mein Bett, lschte die Lichter
aus und lie mein heftiges Herz nach und nach in Ruhe kommen. Es war
schon beinahe gegen Morgen, als ich einschlief.

Das erste, was ich am andern Tage tat, war, da ich den Vater um die
Werke Shakespeares aus seiner Bchersammlung bat und sie, da ich sie
hatte, in meinem Zimmer zur Lesung fr diesen Winter zurecht legte.
Ich bte mich wieder im Englischen, damit ich sie nicht in einer
bersetzung lesen msse.

Als ich im vergangenen Sommer von meinem alten Gastfreunde Abschied
genommen hatte und an dem Saume seines Waldes auf der Landstrae dahin
ging, waren mir zwei in einem Wagen fahrende Frauen begegnet. Damals
hatte ich gedacht, da das menschliche Angesicht der beste Gegenstand
fr das Zeichnen sein drfte. Dieser Gedanke fiel mir wieder ein, und
ich suchte mir Kenntnisse ber das menschliche Antlitz zu verschaffen.
Ich ging in die kaiserliche Bildersammlung und betrachtete dort alle
schnen Mdchenkpfe, welche ich abgemalt fand. Ich ging fter hin und
betrachtete die Kpfe. Aber auch von lebenden Mdchen, mit denen ich
zusammentraf, sah ich die Angesichter an, ja ich ging an trockenen
Wintertagen auf ffentliche Spaziergnge und sah die Angesichter der
Mdchen an, die ich traf. Aber unter allen Kpfen, sowohl den gemalten
als auch den wirklichen, war kein einziger, der ein Angesicht
gehabt htte, welches sich an Schnheit nur entfernt mit dem htte
vergleichen knnen, welches ich an dem Mdchen in der Loge gesehen
hatte. Dieses eine wute ich, obwohl ich mir das Angesicht eigentlich
gar nicht mehr vorstellen konnte und obwohl ich es, wenn ich es
wieder gesehen htte, nicht erkannt htte. Ich hatte es in einer
Ausnahmsstellung gesehen, und im ruhigen Leben mute es gewi ganz
anders sein.

Mein Vater hatte ein Bild, auf welchem ein lesendes Kind gemalt war.
Es hatte eine so einfache Miene, nichts war in derselben als die
Aufmerksamkeit des Lesens, man sah auch nur die eine Seite des
Angesichtes, und doch war alles so hold. Ich versuchte das Angesicht
zu zeichnen; allein ich vermochte durchaus nicht die einfachen Zge,
von denen noch dazu das Auge nicht zu sehen war, sondern durch das Lid
beschattet wurde, auch nur entfernt mit Linien wieder zu geben. Ich
durfte mir das Bild herabnehmen, ich durfte ihm eine Stellung geben,
wie ich wollte, um die Nachahmung zu versuchen; sie gelang nicht,
wenn ich auch alle meine Fertigkeit, die ich im Zeichnen anderer
Gegenstnde bereits hatte, darauf anwendete.

Der Vater sagte mir endlich, da die Wirkung dieses Bildes vorzglich
in der Zartheit der Farbe liege, und da es daher nicht mglich sei,
dieselbe in schwarzen Linien nachzuahmen. Er machte mich berhaupt,
da er meine Bestrebungen sah, mehr mit den Eigenschaften der Farben
bekannt, und ich suchte mich auch in diesen Dingen zu unterrichten und
zu ben.

Sonderbar war es, da ich nie auf den Gedanken kam, meine Schwester
zu betrachten, ob ihre Zge zum Nachzeichnen geeignet wren, oder den
Wunsch hegte, ihr Angesicht zu zeichnen, obgleich es in meinen Augen
nach dem des Mdchens in der Loge das schnste auf der Welt war. Ich
hatte nie den Mut dazu. Oft kam mir auch jetzt noch der Gedanke, so
schn und rein wie Klotilde knne doch nichts mehr auf der Erde sein;
aber da fielen mir die Zge des weinenden Mdchens ein, das die
Ihrigen zu beruhigen gestrebt hatten und von dem ich mir einbildete,
da es mich im Vorsaale des Theaters freundlich angeblickt habe, und
ich mute sie vorziehen. Ich konnte sie mir zwar nicht vorstellen;
aber es schwebte mir ein unbestimmtes, dunkles Bild von Schnheit vor
der Seele. Die Freundinnen meiner Schwester oder andere Mdchen, mit
denen ich gelegentlich zusammen kam, hatten manche liebe, angenehme
Eigenschaften in ihrem Angesichte, ich betrachtete sie und dachte mir,
wie dieses oder jenes zu zeichnen wre; aber ich mochte sie ebenfalls
nie ersuchen, und so kam ich nicht dazu, ein lebendes, vor mir
befindliches Angesicht zu zeichnen. Ich wiederholte also die Zge in
der Erinnerung oder zeichnete nach Gemlden. Man machte mich endlich
auch darauf aufmerksam, da ich immer Mdchenkpfe entwerfe. Ich war
beschmt und begann spter Mnner, Greise, Frauen, ja auch andere
Teile des Krpers zu zeichnen, so weit ich sie in Vorlagen oder
Gipsabgssen bekommen konnte.

Trotz dieser Bestrebungen, welchen nach dem Grundsatze unseres Hauses
kein Hindernis in den Weg gelegt wurde, vernachlssigte ich meine
Hauptbeschftigung doch nicht. Es tat mir sehr wohl, zu Hause unter
meinen Sammlungen herum zu gehen, ich dachte oft an die Worte des
alten Mannes in dem Rosenhause, und im Gegensatze zu den Festen,
zu denen ich geladen war, oder selbst zu Spaziergngen und
Geschftsbesuchen war mir meine Wohnung wie eine holde,
bedeutungsvolle Einsamkeit, die mir noch lieber wurde, weil ihre
Fenster auf Grten und wenig geruschvolle Gegenden hinausgingen.


Die Heiterkeiten wurden in der Stadt immer grer, je nher der Winter
seinem Ende zuging, und ich hatte in dieser Hinsicht und oft auch in
anderer mehr Ursache und Pflicht, zu dieser oder jener Familie einen
Gang zu tun.

Bei einer solchen Gelegenheit ereignete sich mit mir ein Vorfall, der
mich nach dem Beiwohnen bei der Auffhrung des Lear in jenem Winter am
meisten beschftigte.

Wir waren seit Jahren mit einer Familie sehr befreundet, welche in
der Hofburg wohnte. Es war die Wittwe und Tochter eines berhmten
Mannes, der einmal in groem Ansehen gestanden war. Da der Vater ein
bedeutendes Hofamt bekleidet hatte, wurde die Tochter nach seinem
Tode auch ein Hoffrulein, weshalb sie mit der Mutter in der Burg
wohnte. Von den Shnen war einer in der Armee, der andere bei einer
Gesandtschaft. Wenn das Frulein nicht eben im Dienste war, wurde
zuweilen abends ein kleiner Kreis zur Mutter geladen, in welchem etwas
vorgelesen, gesprochen oder Musik gemacht wurde. Da die Mutter etwas
lter wurde, spielte man sogar zuweilen Karten. Wir waren fter an
solchen Abenden bei dieser Familie. In jenem Winter hatte ich ein
Buch, welches mir von der Mutter des Hoffruleins war geliehen worden,
lnger behalten, als es eigentlich die Hflichkeit erlaubte. Deshalb
ging ich eines Mittags hin, um das Buch persnlich zu berbringen und
mich zu entschuldigen. Als ich von dem ueren Burgplatze durch das
hohe Gewlbe des Gehweges in den inneren gekommen war, fuhren eben
aus dem Hofe zu meiner Rechten mehrere Wgen heraus, die meinen Weg
kreuzten und mich zwangen, eine Weile stehen zu bleiben. Es standen
noch mehrere Menschen neben mir, und ich fragte, was diese Wgen
bedeuteten.

Es sind Glckwnsche, welche dem Kaiser nach seiner Wiedergenesung
von groen Herren abgestattet worden sind und welche er eben
angenommen hatte, sagte ein Mann neben mir.

Der letzte der Wgen war mit zwei Rappen bespannt, und in ihm sa ein
einzelner Mann. Er hatte den Hut neben sich liegen und trug die weien
Haare frei in der winterlichen Luft. Der berrock war ein wenig offen,
und unter ihm waren Ordenssterne sichtbar. Als der Wagen bei mir
vorberfuhr, sah ich deutlich, da mein alter Gastfreund, der mich in
dem Rosenhause so wohlwollend aufgenommen hatte, in demselben sitze.
Er fuhr schnell vorbei, wie es bei Wgen dieser Art Sitte ist, und
schlug die Richtung nach der Stadt ein. Er fuhr bei dem Tore aus der
Burg, an welchem die zwei Riesen als Simstrger angebracht sind. Ich
wollte jemand von meinen Nachbaren fragen, wer der Mann sei; aber da
von den Wgen, welche die Fugnger aufgehalten hatten, der seinige
der letzte gewesen und der Weg sodann frei war, so waren alle
Nachbaren bereits ihrer Wege gegangen, und diejenigen, welche jetzt
neben mir waren, hatten die Wgen nicht in der Nhe gesehen.

Ich ging daher ber den Hof und stieg, ber die sogenannte
Reichskanzleitreppe empor.

Ich traf die alte Frau allein, bergab ihr das Buch und sagte meine
Entschuldigungen.

Im Verlaufe des Gesprches erwhnte ich des Mannes, den ich in dem
Wagen gesehen hatte und fragte, ob sie nicht wisse, wer er sei. Sie
wute von gar nichts.

Ich habe nicht bei den Fenstern hinabgeschaut, sagte sie, es geht
Vieles auf dem groen Hofe vor, ich achte nicht darauf. Ich habe gar
nicht gewut, da bei dem Kaiser eine Vorfahrt gewesen ist, er war
vorgestern noch nicht ganz gesund. Da mein Mann noch lebte, haben wir
immer die Aussicht auf den groen Platz der Hofburg gehabt, und wie
bedeutende Dinge da auch vorgehen, so wiederholen sich doch immer die
nehmlichen, wenn man viele Jahre zuschaut; und endlich schaut man gar
nicht mehr zu und hat herinnen ein Buch oder sein Strickzeug, wenn
drauen in das Gewehr gerufen wird, oder Reiter zu hren sind, oder
Wagen rollen.

Wer ist denn von denen, die in der Aufwartung bei dem Kaiser
wegfuhren, in dem letzten Wagen gesessen, Henriette? fragte sie ihre
eben eintretende Tochter, das Hoffrulein.

Das ist der alte Risach gewesen, antwortete diese, er ist eigens
hereingekommen, um sich Seiner Majestt vorzustellen und seine Freude
ber dessen Wiedergenesung auszudrcken.


Ich hatte in meiner Jugend fter den Namen Risach nennen gehrt,
allein ich hatte damals so wenig darauf geachtet, was ein Mann, dessen
Namen ich hrte, tue, da ich jetzt gar nicht wute, wer dieser Risach
sei, Ich fragte daher mit jener Rcksicht, die man bei solchen Fragen
immer beobachtet, und erfuhr, da der Freiherr von Risach zwar nicht
die hchsten Staatswrden bekleidet habe, da er aber in der wichtigen
und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden Kaisers in den
belangreichsten Dingen ttig gewesen sei, da er mit den Mnnern,
welche die Angelegenheiten Europas leiteten, an der Schlichtung
dieser Angelegenheiten gearbeitet habe, da er von fremden Herrschern
geschtzt worden sei, da man gemeint habe, er werde einmal an die
Spitze gelangen, da er aber dann ausgetreten sei. Er lebe meistens
auf dem Lande, komme aber fter herein und besuche diesen oder jenen
seiner Freunde. Der Kaiser achte ihn sehr, und es drfte noch jetzt
vorkommen, da hie und da nach seinem Rate gefragt werde. Er soll
reich geheiratet, aber seine Frau wieder verloren haben. berhaupt
wisse man diese Verhltnisse nicht genau.

Alles dieses hatte mir das Hoffrulein gesagt.

Siehst du, meine liebe Henriette, sprach die alte Frau, wie sich
die Dinge in der Welt verndern. Du weit es noch nicht, weil du noch
jung bist und weil du nichts erfahren hast. Das Niedrige wird hoch,
das Hohe wird niedrig, Eines wird so, das Andere wird anders, und ein
Drittes bleibt bestehen. Dieser Risach ist sehr oft in unser Haus
gekommen. Da uns der Vater noch zuweilen in dem alten Doktorwagen, den
er hatte, und der dunkelgrn und schwarz angestrichen war, spazieren
fahren lie, ist er nicht einmal, sondern oft auf dem Kutschbocke
gesessen, oder er ist gar, wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute
nicht sehen konnten, hinten aufgestanden wie ein Leibdiener, denn der
Wagen des Vaters hat ein Dienerbrett gehabt. Wir waren kaum anders
als Kinder, er war ein junger Student, der wenig Bekanntschaft hatte,
dessen Herkunft man nicht wute und um den man auch nicht fragte. Wenn
wir in dem Garten auf dem Landhause waren, sprang er mit den Brdern
auf den hlzernen Esel, oder sie jagten die Runde in das Wasser oder
setzten unsere Schaukel in Bewegung. Er brachte deinen Vater zu meinen
Brdern als Kameraden in das Haus. Man wute damals kaum, wer schner
gewesen sei, Risach oder dein Vater. Aber nach einer Zeit wurde Risach
weniger gesehen, ich wei nicht warum, es vergingen manche Jahre, und
ich trat mit deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe. Die Brder
waren als Staatsdiener zerstreut, die Eltern waren endlich tot, von
Risach wurde oft gesprochen, aber wir kamen wenig zusammen. Der Vater
begann seine Ttigkeit hauptschlich erst dann, als Risach schon
ausgetreten war. Da sitze ich jetzt nun wieder, aber in einem anderen
Teile der Burg, dein Vater hat die Erde verlassen mssen, du bist
nicht einmal mehr ein Kind, dienst deiner hohen, gtigen Herrin, und
da von Risach die Rede war, meinte ich, es seien kaum einige Jahre
vergangen, seit er die Schaukel in unserem Garten bewegt hat.

Ich fragte, ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe.

Man sagte mir, da er dort eine habe.

Ich wollte nicht weiter fragen, um nicht die ganze Darlegung meiner
Einkehr in diesem Sommer machen zu mssen.

Als ich aber nach Hause gekommen war, erzhlte ich die heutige
Begegnung meinen Angehrigen bei dem Mittagessen. Der Vater kannte den
Freiherrn von Risach sehr gut. Er war in frherer Zeit mehrere Male
mit ihm zusammengekommen, hatte ihn aber jetzt schon lange nicht
gesehen. Als Anhaltspunkte, da mein Beherberger in dem Rosenhause der
Freiherr von Risach gewesen sei, dienten, da ich ihn, wenn mich nicht
in der Schnelligkeit des Fahrens eine hnlichkeit getuscht hat,
selber gesehen habe, da er im Oberlande eine Besitzung hat, da er
wohlhabend sei, was mein Beherberger sein msse, und da er hohe
Geistesgaben besitze, die mein Beherberger auch zu haben scheine.
Man beschlo, in dieser Sache nicht weiter zu forschen, da mein
Beherberger mir seinen Namen nicht freiwillig genannt habe, und die
Dinge so zu belassen, wie sie seien.

Auer diesen zwei Begebenheiten, die wenigstens fr mich von Bedeutung
waren, ereignete sich nichts in jenem Winter, was meine Aufmerksamkeit
besonders in Anspruch genommen htte. Ich war viel beschftigt, mute
oft Stunden der Nacht zu Hilfe nehmen, und so ging mir der Winter weit
schneller vorber, als es in frheren Jahren der Fall gewesen war. Im
allgemeinen aber befriedigten mich besonders die Hilfsmittel, die eine
groe Stadt zur Ausbildung gibt und die man sonst nicht leicht findet.

Als die Tage schon lnger wurden, als die eigentliche Stadtlust schon
aufgehrt hatte und die stillen Wochen der Fastenzeit liefen, fragte
ich eines Tages Preborn, weshalb er mir denn die Grfin Tarona nicht
gezeigt habe, die er so liebe, die so schn sein soll, und zu deren
Gewinnung er meinen Beistand angerufen habe.

Erstens ist sie keine Grfin, antwortete er mir, ich wei nicht
genau ihren Stand, ihr Vater ist tot, und sie lebt in der Gesellschaft
einer reichen Mutter; aber das wei ich, da sie nicht von Adel ist,
was mir sehr zusagt, da ich es auch nicht bin - und zweitens ist sie
und ihre Mutter in diesem Winter nicht in die Stadt gekommen. Das
ist die Ursache, da ich sie dir nicht zeigen konnte und da du
Gelegenheit fandest, einen Spott gegen mich zu richten. Du mut sie
aber vorerst sehen. Alle, denen heuer Schnheiten gesagt worden sind,
alle, die man gerhmt hat, alle, die geblendet haben, sind nichts, ja
sie sind noch weniger als nichts gegen sie.

Ich antwortete ihm, da ich nicht spotten, sondern die Sache einfach
habe sagen wollen.


Wie sich der Frhling immer mehr nherte, rstete ich mich zu meiner
Reise. Ich wollte heuer frher reisen, weil ich mir vorgenommen hatte,
ehe ich in die Berge ginge, einen Besuch in dem Rosenhause zu machen.
Mit jedem Jahre wurden meine Zurstungen weitlufiger, weil ich
in jedem Jahre mehr Erfahrungen hatte und meine Entwrfe weiter
hinaus gingen. Heuer hatte ich auch beschlossen, umfassendere
Zeichnungswerkzeuge und sogar Farben mitzunehmen. Wie es mit jeder
Gewohnheit ist, war es auch bei mir. Wenn ich mich in jedem Herbste
nach der Huslichkeit zurck sehnte, war es mir in jedem Frhlinge wie
einem Zugvogel, der in jene Gegenden zurckkehren mu, die er in dem
Herbste verlassen hatte.

Als sich im Mrz in der Stadt schon recht liebliche Tage einstellten,
welche die Menschen in das Freie und auf die Wlle lockten, war ich
mit meinen Vorbereitungen fertig, und nachdem ich von den Meinigen den
gewhnlichen herzlichen Abschied genommen hatte, reisete ich eines
Morgens ab.

Mir war damals, so wie jetzt noch, jedes Fortfahren von den
Angehrigen in der Nacht sowie das Antreten irgend einer Reise in der
Nacht sehr zuwider. Die Post ging aber damals in das Oberland erst
abends ab, darum fuhr ich lieber in einem Mietwagen. Die Landhuser
auer der Stadt, welche reichen Bewohnern derselben gehrten, waren
noch im Winterschlafe. Sie waren teilweise in ihren Umhllungen mit
Stroh oder mit Brettern befangen, was einen groen Gegensatz zu dem
heiteren Himmel und zu den Lerchen machte, welche schon berall
sangen. Ich fuhr nur durch die Ebene. Da ich in den Bereich der Hgel
gelangte, verlie ich den Wagen und setzte meinen Weg nach meiner
gewhnlichen Art in kurzen Fureisen fort.

Ich betrachtete wieder berall die Bauwerke, wo sie mir als
betrachtenswert aufstieen. Ich habe einmal irgendwo gelesen, da der
Mensch leichter und klarer zur Kenntnis und zur Liebe der Gegenstnde
gelangt, wenn er Zeichnungen und Gemlde von ihnen sieht, als wenn er
sie selber betrachtet, weil ihm die Beschrnktheit der Zeichnung alles
kleiner und vereinzelter zusammen fat, was er in der Wirklichkeit
gro und mit Genossen vereint erblickt. Bei mir schien sich dieser
Ausspruch zu besttigen. Seit ich die Bauzeichnungen in dem Rosenhause
gesehen hatte, fate ich Bauwerke leichter auf, beurteilte sie
leichter, und ich begriff nicht, warum ich frher auf sie nicht so
aufmerksam gewesen war.

Im Oberlande war es noch viel rauher, als ich es in der Stadt
verlassen hatte. Als ich eines Morgens an der Ecke des Buchenwaldes
meines Gastfreundes ankam, in welchem der Alizbach in die Agger fllt,
war noch manches Wsserchen mit einer Eisrinde bedeckt. Da ich das
Rosenhaus erblickte, machte es einen ganz anderen Eindruck als damals,
da ich es als weie Stelle in dem gesttigten und dunkeln Grn der
Felder und Bume unter einem schwlen und heien Himmel gesehen
hatte. Die Felder hatten noch, mit Ausnahme der grnen Streifen der
Wintersaat, die braunen Schollen der nackten Erde, die Bume hatten
noch kein Knspchen, und das Wei des Hauses sah zu mir herber, als
she ich es auf einem schwach veilchenblauen Grunde.

Ich ging auf der Strae in der Nhe von Rohrberg vorber und kam
endlich zu der Stelle, wo der Feldweg von ihr ber den Hgel zu dem
Rosenhause hinauffhrt. Ich ging zwischen den Zunen und nackten
Hecken dahin, ich ging auf der Hhe zwischen den Feldern und stand
dann vor dem Gitter des Hauses. Wie anders war es jetzt. Die Bume
ragten mit dem schwarzen oder braunlichen Gezweige nackt in die
dunkelblaue Luft. Das einzige Grn waren die Gartengitter. ber die
Rosenbumchen an dem Hause war eine schngearbeitete Decke von Stroh
herabgelassen. Ich zog den Glockengriff, ein Mann erschien, der mich
kannte und einlie, und ich wurde zu dem Herrn gefhrt, der sich eben
in dem Garten befand.

Ich traf ihn in einer Kleidung wie im Sommer, nur da sie von wrmerem
Stoffe gemacht war. Die weien Haare hatte er wieder wie gewhnlich
unbedeckt.

Er schien mir wieder so sehr ein Ganzes mit seiner Umgebung, wie er es
mir im vorigen Sommer geschienen hatte.

Man war damit beschftigt, die Stmme der Obstbume mit Wasser und
Seife zu reinigen. Auch sah ich, wie hie und da Arbeiter auf Leitern
neben den Bumen waren, um die abgestorbenen und berflssigen ste
abzuschneiden. Als ich im vorigen Sommer fort gegangen war, hatte
mein Gastfreund gesagt, da ich meine Wiederkunft vorher durch eine
Botschaft anzeigen mge, damit ich ihn zu Hause treffe. Er hatte
aber wahrscheinlich nicht bedacht, da dieses Schwierigkeiten habe,
indem ich in der Regel selber nicht wissen kann, wie sich durch
Witterungsverhltnisse oder andere Umstnde meine Vorhaben zu ndern
gezwungen sein drften. Ich habe ihm also eine Botschaft nicht
geschickt und ihn auf meine Gefahr hin berrascht. Er aber nahm mich
so freundlich auf, da er mich auf sich zuschreiten sah, wie er mich
bei dem vorigjhrigen Aufenthalte in seinem Hause freundlich behandelt
hat.

Ich sagte, er mge es sich selber zuschreiben, da ich ihn schon so
frh im Jahre in seinem Hause berfalle; er habe mich so wohlwollend
eingeladen, und ich habe mir es nicht versagen knnen, hieher zu
kommen, ehe die Tler und die Fuwege in dem Gebirge so frei wren,
da ich meine Beschftigungen in ihnen anfangen knnte.

Wir haben eine ganze Reihe von Gastzimmern, wie ihr wit, sagte er,
wir sehen Gste sehr gerne, und ihr seid gewi kein unlieber unter
ihnen, wie ich euch schon im vergangenen Sommer gesagt habe.

Er wollte mich in das Haus geleiten, ich sagte aber, da ich heute
erst drei Stunden gegangen sei, da meine Krfte sich noch in sehr
gutem Zustande befnden und da er erlauben mge, da ich hier bei ihm
in dem Garten bleibe. Ich bitte ihn nur um das einzige, da er mein
Rnzlein und meinen Stock in mein Zimmer tragen lasse.

Er nahm das silberne Glcklein, das er bei sich trug, aus der Tasche
und lutete. Der Klang war selbst im Freien sehr durchdringend, und
es erschien auf ihn eine Magd aus dem Hause, welcher er auftrug, mein
Rnzlein, das ich mittlerweile abgenommen hatte, und meinen Stock, den
ich ihr darreichte, in mein Zimmer zu tragen. Er gab ihr noch ferner
einige Weisungen, was in dem Zimmer zu geschehen habe.


Ich fragte nach Gustav, ich fragte nach dem Zeichner in dem
Schreinerhause, und ich fragte sogar nach dem weien alten Grtner
und seiner Frau. Gustav sei gesund, erhielt ich zur Antwort, er
vervollkommne sich an Geist und Krper. Er sei eben in seiner
Arbeitsstube beschftigt, er werde sich gewi sehr freuen, mich zu
sehen. Der Zeichner lebe fort wie frher und sei sehr eifrig, und
was die Grtnersleute anbelange, so verndern sich diese schon seit
mehreren Jahren gar nicht mehr und seien heuer wie ich sie im vorigen
Sommer gesehen habe. Ich fragte endlich auch noch nach dem Gesinde,
den Gartenarbeitern und den Meierhofleuten. Sie seien alle ganz
wohl, wurde geantwortet, es sei seit meinem vorjhrigen Besuche kein
Krankheitsfall vorgekommen, und es habe auch keines der Leute eine
grndliche Ursache zur Unzufriedenheit gegeben.

Nach mehreren gleichgltigen Gesprchen namentlich ber die
Beschaffenheit der Wege, auf denen ich hieher gekommen war, und ber
das Vorrcken der Wintersaaten auf den Feldern wendete er sich wieder
mehr der Arbeit, die vor ihm geschah, zu, und auch ich richtete meine
Aufmerksamkeit auf dieselbe. Ich hatte mir einmal, da er mir erzhlte,
da er die Baumstmme waschen lasse, die Sache sehr umstndlich
gedacht. Ich sah aber jetzt, da sie mittelst Doppelleitern und
Brettern sehr einfach vor sich gehe. Mit den langstieligen Brsten
konnte man in die hchsten Zweige emporfahren, und da die Leute
von der Zweckmigkeit der Maregel fest berzeugt waren und emsig
arbeiteten, so schritt das Werk mit einer von mir nicht geahnten
Schnelligkeit vor. In der Tat, wenn man einen gewaschenen und
gebrsteten Stamm ansah, wie er rein und glatt in der Luft stand,
whrend sein Nachbar noch rauh und schmutzig war, so meinte man, da
dem einen sehr wohl sein msse und da der andere verdrossen aussehe.
Mir fiel die stolze uerung ein, die mein Gastfreund im vergangenen
Sommer zu mir getan hatte, da ich mir den Stamm jenes Kirschbaumes
ansehen solle, ob seine Rinde nicht ausshe wie feine graue Seide. Sie
war wirklich wie Seide und mute es gerade immer mehr werden, da sie
in jedem Jahre aufs Neue gepflegt wurde.

Als wir nach einer Weile weiter in den Garten zurckgingen, sah ich
auch noch andere Arbeiten. Die Hecken wurden gebunden und geordnet,
das Dornenreisig zu den Nestern der Vgel unter ihnen hergerichtet,
die Wege von den Schden des Winters ausgebessert, unter den
Zwergbumen, die schon beschnitten waren, die Erde gelockert und
bei den schwcheren, welche Stbe hatten, nachgesehen, ob diese
festhielten und nicht etwa in der Erde abgefault wren. Es wurden
losgegangene Bnder wieder geknpft, im Gemsegarten umgegraben,
Fenster an Winterbeeten gelftet oder zugedeckt, die Pumpen
ausgebessert, mancher Nagel eingeschlagen und endlich hie und da ein
Behltnis fr die Vgel gereinigt und befestigt.

Ich verabschiedete mich von meinem Gastfreunde, da er sehr mit der
Leitung der Arbeiten beschftigt war, und ging allein in dem Garten
herum, in Teilen, in die ich wollte. Die Vgel waren schon zahlreich
da, sie schlpften durch die laublosen Zweige der Bume, und es begann
schon hie und da ein Laut oder ein Zwitschern. Besonders lieblich und
hell schallte der Gesang der aufsteigenden Lerchen von den den Garten
umgebenden Feldern herein. Die Vorrichtungen zur Ernhrung und
Trnkung der Vgel waren wegen der Blattlosigkeit der Bume und
Gestruche mehr sichtbar, auch schaute ich mehr nach ihnen aus als bei
meiner ersten Ankunft, da ich jetzt bereits von ihnen wute. Ich sah
mehrere zum Aufstecken von Kernen dienende Gitter, von denen mir mein
Gastfreund erzhlt hatte.

Ich betrachtete auch die Zweige. Die Knospen der Bltter und der
Blten waren schon sehr geschwollen und harrten der Zeit, in welcher
sie aufbrechen wrden.

Ich stieg bis zu dem groen Kirschbaume empor und sah ber den Garten,
ber das Haus und auf die Berge. Eine ganz heitere dunkelblaue Luft
war ber alles ausgegossen. Dieser schne Tag, deren es in der
frhen Jahreszeit noch ziemlich wenige gibt, war es auch, der meinen
Gastfreund bewog, so viele Arbeiten in dem Garten zu veranlassen.
Unter der heiteren Luft lag die Erde noch in bedeutender de.
Ich wollte auch zu der Felderrast hinber gehen; allein der Weg,
der am Morgen gefroren gewesen sein mochte, war jetzt weich und
tief durchfeuchtet, da das Gehen auf ihm sehr unangenehm und
verunreinigend gewesen wre. Ich sah die dunkeln Wintersaaten und die
nackten Schollen der neben ihnen liegenden Felder eine Weile an und
ging dann wieder hinab.

Ich ging zu den Grtnerleuten. Mir kam es nicht vor, wie mein
Gastfreund gesagt hatte, da sie sich nicht verndert htten. Der Mann
schien mir noch weier geworden zu sein. Seine Haare unterschieden
sich nicht mehr von der Leinwand. Die Frau aber war unverndert. Sie
mute von einer sehr reinlichkeitliebenden Familie stammen, weil sie
das Huschen so nett hielt und den alten Mann so fleckenlos und knapp
heraus kleidete. Er machte mir ganz genau wieder den nehmlichen
Eindruck wie im vergangenen Jahre, als ob er einer ganz anderen
Beschftigung angehrte.

Da ich von dem Gewchshause gegen die Ftterungstenne ging, begegnete
mir Gustav. Er lief mit einem Rufe auf mich zu und grte mich.

Der Knabe hatte sich in kurzer Zeit sehr gendert. Er stand sehr schn
neben mir da, und gegen die rauhe Art der Natur, die noch kein Laub,
kein Gras, keinen Stengel, keine Blume getrieben hatte, sondern der
Jahreszeit gem nur die braunen Schollen, die braunen Stmme und die
nackten Zweige zeigte, war er noch schner; wie ich oft beim Zeichnen
bemerkt hatte, da zum Beispiele Augen der Tiere in struppigen Kpfen
noch glnzender erschienen und da feine Kinderangesichtchen, wenn sie
von Pelzwerk umgeben sind, noch feiner aussehen. Ein sanftes Rot war
auf seinen Wangen, braune Haarflle um die Stirne, und die groen
schwarzen Augen waren wie bei einem Mdchen. Es war, obwohl er sehr
heiter war, fast etwas Trauerndes in ihnen.

Wir gingen dem Platze zu, auf welchem sein Ziehvater beschftigt war.
Ich erzhlte ihm auf dem Wege von meinen Angehrigen; von meiner
Mutter, von meinem Vater und von meiner lieblichen Schwester. Auch
erzhlte ich ihm von der Stadt, wie man dort lebe, was sie fr
Vergngungen biete, was sie fr Unannehmlichkeiten habe und wie ich in
ihr meine Zeit hinbringe.

Er sagte mir, da er jetzt schon in die Naturlehre eingerckt sei, da
ihm der Vater Versuche zeige und da ihn die Sache sehr freue.

Wir blieben eine Weile bei dem Ziehvater. Gustav zeigte mir allerlei
und machte mich bald auf diese, bald auf jene Vernderung aufmerksam,
welche sich seit meiner frheren Anwesenheit ergeben habe.

Der Mittag vereinigte uns in dem Hause.

Da ich so, da die Speisen erschienen, meinem alten Gastfreunde
gegenber sa, fiel mir pltzlich auf, was der Mann fr schne Zhne
habe. Sehr dicht, wei, klein und mit einem feinen Schmelze berzogen
saen sie in dem Munde, und kein einziger fehlte. Seine Wangen hatten
durch den vielen Aufenthalt in der freien Luft ein gutes und gesundes
Rot, nur seine Haare schienen mir wie bei dem Grtner noch weier
geworden zu sein.

Nach dem Essen begab ich mich ein wenig in mein Zimmer. Es war
sehr freundlich hergerichtet worden, und in dem Ofen brannte ein
erwrmendes Feuer.

Nachmittags gingen wir in das Schreinerhaus. Eustach begrte mich aus
seiner Stelle tretend sehr heiter, und ich erwiderte seinen Gru auf
das herzlichste. Auch die andern Arbeiter gaben zu erkennen, da sie
mich noch kannten. Ich besah zuerst die Dinge nur flchtig und im
allgemeinen. Der schne Tisch war sehr weit vorgerckt; aber er war
noch lange nicht fertig. Es waren wieder ein paar neue Erwerbungen
gemacht worden. Man zeigte sie mir und machte mich darauf aufmerksam,
was aus ihnen werden knne. Auch Plane zu selbststndigen Arbeiten
waren wieder gemacht worden, und man legte mir in kurzem die
Grundansichten auseinander. Ich bat Eustach, da er erlaube, da ich
ihn whrend meiner Anwesenheit ein paar Male besuche. Er gestand es
sehr gerne zu.

Nach diesem Besuche machten wir trotz der sehr schlechten Wege einen
weiten Spaziergang. Da ich davon sprach, da ich schon die Vgel in
dem Garten bemerkt habe, sagte mein Gastfreund: Wenn ihr lnger bei
uns wret, so wrdet ihr jetzt eine ganze Lebensgeschichte dieser
Tiere erfahren. Die Zurckgebliebenen fangen schon an, sich zu
erheitern, die fortgezogen sind, treffen bereits allmhlich ein und
werden mit Geschrei empfangen. Sie drngen sich sehr an die Tafel und
sputen sich, bis die in der Fremde erfahrnen Nahrungssorgen verwunden
sind; denn dort werden sie schwerlich einen Brotvater finden, der
ihnen gibt. Von da an werden sie immer inniger und singen tglich
schner. Dann wird ein Gekose in den Zweigen, und sie jagen sich.
Hieran schliet sich die Huslichkeit. Sie sorgen fr die Zukunft und
schleppen sich mit nrrischen Lappen zu dem Nesterbau. Ich lasse ihnen
dann allerlei Fden zupfen, sie nehmen sie aber nicht immer, sondern
ich sehe manchmal einen, wie er an einem kotigen Halme zerrt. Nun
kmmt die Zeit der Arbeit wie bei uns in den Mnnerjahren. Da werden
die leichtsinnigen Vgel ernsthaft, sie sind rastlos beschftigt,
ihre Nachkommen zu fttern, sie zu erziehen und zu unterrichten, da
sie zu etwas Tchtigem tauglich werden, namentlich zu der groen
bevorstehenden Reise. Gegen den Herbst kmmt wieder eine freiere Zeit.
Da haben sie gleichsam einen Nachsommer und spielen eine Weile, ehe
sie fort gehen.

Als wir von dem Spaziergange zurckgekehrt waren und es Abend wurde,
versammelten wir uns an dem Kamine des Speisezimmers, in welchem ein
lustiges Feuer brannte. Auch Eustach wurde herber geholt, und der
weie Grtner mute kommen und sagen, welche Fortschritte die Pflanzen
in den Winterbeeten und in den Gewchshusern gemacht hatten. Die
Haushlterin Katharina setzte hie und da ein warmes Getrnke auf ein
Tischchen.


Am andern Tage morgens ging ich zu meinem Gastfreunde in das
Ftterungszimmer, um zuzusehen. Er suchte sich alle Gattungen Nahrung
aus den Fchern zurecht, ffnete dann die Fenster und tat das Futter
auf die Brettchen. Er blieb an dem Fenster stehen und ich bei ihm.
Trotzdem kamen die Vgel in Bgen oder geraden Linien herbei geflogen.
Ihn frchteten sie nicht, weil sie ihn als den Nhrvater kannten,
und mich nicht, weil ich bei ihm stand. Sie drngten sich, pickten,
zwitscherten und balgten sich sogar mitunter.

Ich gebe im spteren Frhlinge und Sommer den Weibchen sehr gerne
noch eine leckere Draufgabe, sagte er, weil manches Mal eine
bedrngte Mutter unter ihnen sein kann. Die so hastig und zugleich so
erschreckt fressen, sind Fremde. Sie wrden um keinen Preis zu einem
Menschen herzu gehen, wenn sie nicht der bitterste Hunger ntigte. Ich
habe in harten Wintern schon die seltensten Vgel auf diesen Brettern
gesehen.

Als alles vorber war und sich keine Gste mehr einfanden, schlo er
die Fenster.

Ich stieg von da auf den Dachboden des Hauses empor, weil er gesagt
hatte, da jetzt auch den Hasen auerhalb des Gartens Futter gestreut
wrde und da man sie von da sehen knnte. Sie haben noch nichts als
die karge Wintersaat und Nadelreiser, weshalb man noch nachhelfen
msse. Da die Magd die Bltter ausgestreut und sich entfernt hatte,
kamen schon Hasen herzu. Ich schraubte ein Fernrohr an einen Balken,
und es war lcherlich anzusehen, worauf mich Gustav aufmerksam machte,
wenn ein riesiger Hase in dem Fernrohre sa, mit schreckhaften Augen
auf das verdchtige Mahl sah und schnell die Lippen bewegte, als fre
er schon. Da ich auch dies gesehen hatte, stieg ich wieder herunter
und ging mit Gustav in das Zimmer, in welchem die Gerte zur
Naturlehre standen.

Es sollte nun erst das Frhmahl eingenommen werden. Dasselbe wurde
zur Winterszeit immer in dem Zimmer der naturwissenschaftlichen
Gertschaften genommen, weil man, da man einen Teil des Vormittages
in seinen Zimmern zubrachte, nicht eigens dazu in das Speisezimmer
hinabsteigen wollte und weil in derselben Zeit in den andern
Wohngemchern des alten Mannes, im Arbeitszimmer und Schlafzimmer,
eben aufgerumt und gelftet wurde.

Mein Gastfreund erwartete mich und Gustav schon, denn er war nicht mit
uns auf den Dachboden hinauf gestiegen. Das Gemach war sanft erwrmt,
und in der Nhe des Ofens stand ein Tisch, der gedeckt und mit
allen Gerten versehen war, ein angenehmes Frhmahl zu bereiten. Er
stand auf einem freien Raume, um den herum sich die Werkzeuge der
Wissenschaft befanden.

Da wir nach dem Frhmahle nun so saen, da eine anmutige Wrme das
Zimmer erfllte, da von dem Widerscheine der ganz schief die Fenster
treffenden Morgensonne das Messing, das Glas und das Holz der
verschiedenartigen Werkzeuge erglnzte, sagte ich zu meinem alten
Gastfreunde: Es ist seltsam, da ich von eurer Besitzung in die Stadt
und ihre Bestrebungen kam, lag mir euer Wesen hier wie ein Mrchen in
der Erinnerung, und nun, da ich hier bin und das Ruhige vor mir sehe,
ist mir dieses Wesen wieder wirklich und das Stadtleben ein Mrchen.
Groes ist mir klein, Kleines ist mir gro.

Es gehrt wohl Beides und Alles zu dem Ganzen, da sich das Leben
erflle und beglcke, antwortete er. Weil die Menschen nur ein
Einziges wollen und preisen, weil sie, um sich zu sttigen, sich in
das Einseitige strzen, machen sie sich unglcklich. Wenn wir nur in
uns selber in Ordnung wren, dann wrden wir viel mehr Freude an den
Dingen dieser Erde haben. Aber wenn ein berma von Wnschen und
Begehrungen in uns ist, so hren wir nur diese immer an und vermgen
nicht die Unschuld der Dinge auer uns zu fassen. Leider heien wir
sie wichtig, wenn sie Gegenstnde unserer Leidenschaften sind, und
unwichtig, wenn sie zu diesen in keinen Beziehungen stehen, whrend es
doch oft umgekehrt sein kann.

Ich verstand dieses Wort damals noch nicht so ganz genau, ich war noch
zu jung und hrte selber oft nur mein eigenes Innere reden, nicht die
Dinge um mich.


Gegen Mittag kam derjenige meiner Koffer, den ich in das Rosenhaus
bestellt hatte. Ich packte ihn aus und zeigte Gustav, der mich
besuchte, manche Bcher, Zeichnungen und andere Dinge, die er
enthielt, und richtete mich in meinem Zimmer huslich ein.

So gingen nun mehrere Tage dahin.

In diesem Hause war jeder unabhngig und konnte seinem Ziele
zustreben. Nur durch die gemeinsame Hausordnung war man gewissermaen
zu einem Bande verbunden. Selbst Gustav erschien vllig frei. Das
Gesetz, welches seine Arbeiten regelte, war nur einmal gegeben, es
war sehr einfach, der Jngling hatte es zu dem seinigen gemacht, er
hatte es dazu machen mssen, weil er verstndig war, und so lebte er
darnach.

Gustav bat mich sehr, ich mchte einmal seinem Unterrichte in der
Naturlehre beiwohnen. Ich sagte es meinem Gastfreunde, und dieser
hatte nichts dawider. So war ich dann nicht einmal, sondern mehrere
Male bei diesem Unterrichte zugegen. Mein alter Gastfreund sa in
einem Lehnsessel und erzhlte. Er beschrieb eine Erscheinung, er
machte die Erscheinung recht deutlich, zeigte sie, wenn es mglich
war, mit den Vorrichtungen seiner Sammlung oder, wo dies nicht
mglich war, suchte er sie durch Zeichnung oder Versinnbildlichung
darzustellen. Dann erzhlte er, auf welchem Wege die Menschen zur
Kenntnis dieser Erscheinung gekommen waren. Wenn er dieses vollendet
hatte, tat er das gleiche mit einer zweiten, verwandten Erscheinung.
Und wenn er nun einen Kreis von zusammengehrigen Erscheinungen, der
ihm hinlnglich schien, ausgefhrt hatte, dann hob er dasjenige,
was allen Erscheinungen gleichartig ist, hervor und stellte die
Grunderscheinung oder das Gesetz dar.

Bei diesem Unterrichte, wurde nicht ein gewisses Buch zu Grunde
gelegt, sondern Gustav schrieb spter das, was ihm erzhlt worden war,
aus dem Gedchtnisse auf, der alte Mann besserte es dann in seiner
Gegenwart aus, und so erhielt der Knabe nicht nur ein Handbuch der
Naturwissenschaft, sondern lernte den Stoff selber schon durch das
Aufschreiben und Ausbessern. Was sich Gustav angeeignet hatte, wurde
zu Zeiten gleichsam in freundlichen Gesprchen durchgenommen. Die
Sprache des Unterrichtes war stets so einfach und klar, da ich
meinte, ein Kind msse diese Dinge verstehen knnen. Mir fiel es
jetzt erst recht auf, wie ungehrig manche Lehrer in der Stadt in
dieser Wissenschaft verfahren, welche sie gewissermaen in eine
wissenschaftliche Necksprache kleiden, die ein Schler nicht versteht
und mit welcher sie die Mathematik so in eins verflechten, da beide
beides nicht sind und ein Ganzes auch nicht darstellen. Ich sah, da
Gustav auch die Rechnung auf die Naturlehre anwandte, aber wo er es
tat, erkannte ich, da er es stets mit Sachkenntnis und Klarheit tat,
und da er immer die Rechnung nicht als Hauptsache, sondern hier
als Dienerin der Natur betrachtete. Ich urteilte aus meinen eigenen
frheren Arbeiten, da er auch in diesem Fache einen grndlichen
Unterricht erhalten haben mute. Ich fragte ihn einmal darnach und
erfuhr, da auch hierin sein Ziehvater sein Lehrer gewesen sei.

Ich besuchte spter auch den Unterricht in der Lnderkunde. Hier fiel
mir auf, da gezeichnete Karten gebraucht wurden, welche alle den
nehmlichen Mastab hatten, so da Ruland in einer auerordentlich
groen, die Schweiz in einer sehr kleinen Karte dargestellt war.
Mir leuchtete der Zweck dieser Maregel ein, damit nehmlich
bei der lebhaften jugendlichen Einbildungskraft ein Bild der
Grenverhltnisse dauernd eingeprgt werde. Ich erinnerte mich bei
dieser Gelegenheit einer Wette, die wir Kinder um eine Kleinigkeit
ber die Frage abgeschlossen hatten, ob Philadelphia nicht beinahe so
sdlich wie Rom liege, was die meisten mit Lachen verneinten. Eine
herbeigebrachte Karte zeigte, da es sdlicher als Neapel liege.

Allgemein sagten damals auch die groen Leute, die zugegen waren,
da bei Kindern dieser Irrtum, durch die Raumverhltnisse, in denen
unsere gewhnlichen Karten gezeichnet seien, veranlat werden mute.
Die Karten, welche Gustav gebrauchte, waren von dem Zeichner im
Schreinerhause nach Karten unserer sogenannten Atlasse verfertigt
worden.

Ich fragte meinen Gastfreund, ob Gustav auch Geschichte lerne, worauf
er erwiderte: Man nimmt sehr hufig mit jungen Schlern gleich
zur Erdbeschreibung auch Geschichte vor; ich glaube aber, da man
hierin Unrecht tut. Wenn man in der Erdbeschreibung nicht blo die
geschichtliche Einteilung der Erde und Lnder vor Augen hat, was ich
auch fr einen Fehler halte, sondern wenn man auf die bleibenden
Gestaltungen der Erde sieht, auf denen sich eben durch ihren Einflu
verschiedenartige Vlker gebildet haben, so ist die Erde ein
Naturgegenstand und Erdbeschreibung zum groen Teile ein Bestandteil
der Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaften sind uns aber viel
greifbarer als die Wissenschaften der Menschen, wenn ich ja Natur und
Menschen gegenber stellen soll, weil man die Gegenstnde der Natur
auer sich hinstellen und betrachten kann, die Gegenstnde der
Menschheit aber uns durch uns selber verhllt sind.

Man sollte meinen, da das Gegenteil statthaben solle, da man sich
selber besser als Fremdes kennen solle, viele glauben es auch; aber
es ist nicht so. Tatsachen der Menschheit, ja Tatsachen unseres
eigenen Innern werden uns, wie ich schon einmal gesagt habe, durch
Leidenschaft und Eigensucht verborgen gehalten oder mindestens
getrbt. Glaubt nicht der grte Teil, da der Mensch die Krone der
Schpfung, da er besser als Alles, selbst das Unerforschte sei? Und
meinen die, welche aus ihrem Ich nicht heraus zu schreiten vermgen,
nicht, da das All nur der Schauplatz dieses Ichs sei, selbst die
unzhligen Welten des ewigen Raumes dazu gerechnet? Und dennoch drfte
es ganz anders sein. Ich glaube daher, da Gustav erst nach Erlernung
der Naturwissenschaften zu den Wissenschaften des Menschen bergehen
soll und da er da ungefhr die Reihe beobachten soll: Krperlehre,
Seelenlehre, Denklehre, Sittenlehre, Rechtslehre, Geschichte. Hierauf
mag er etwas von den Bchern der sogenannten Weltweisheit lesen, dann
aber mu er in das Leben selber hinaus kommen.

Zum Unterrichte fr Gustav waren gewisse Stunden festgesetzt, welche
der alte Mann nie versumte, andere Stunden waren fr die Selbstarbeit
bestimmt, welche Gustav wieder gewissenhaft hielt. Die brige Zeit war
zu freier Beschftigung berlassen.

In solchen Zeiten waren wir manches Mal in dem Lesezimmer. Mein
Gastfreund kam auch fter und gelegentlich auch Eustach oder der eine
und der andere Arbeiter. Fr Gustav waren nach der Wahl seines Lehrers
die Bcher, die er lesen durfte, bestimmt. Er benutzte sie fleiig,
ich sah aber nie, da er nach einem anderen langte. Eustach und die
anderen Leute hatten freie Auswahl, und natrlich ich auch. Da ich
das erste Mal in diesem Hause war, hatte ich es getadelt, da das
Bcherzimmer von dem Lesezimmer abgesondert sei, es erschien mir
dieses als ein Umweg und eine Weitschweifigkeit. Da ich aber jetzt
lnger bei meinem Gastfreunde war, erkannte ich meine Meinung als
einen Irrtum. Dadurch, da in dem Bcherzimmer nichts geschah, als
da dort nur die Bcher waren, wurde es gewissermaen eingeweiht; die
Bcher bekamen eine Wichtigkeit und Wrde, das Zimmer ist ihr Tempel,
und in einem Tempel wird nicht gearbeitet. Diese Einrichtung ist auch
eine Huldigung fr den Geist, der so mannigfaltig in diesen gedruckten
und beschriebenen Papieren und Pergamentblttern enthalten ist. In dem
Lesezimmer aber wird dann der wirkliche und der freundliche Gebrauch
dieses Geistes vermittelt, und seine Erhabenheit wird in unser
unmittelbares und irdisches Bedrfnis gezogen. Das Zimmer ist auch
recht lieblich zum Lesen. Da scheint die freundliche Sonne herein,
da sind die grnen Vorhnge, da sind die einladenden Sitze und
Vorrichtungen zum Lesen und Schreiben. Selbst da man jedes Buch nach
dem zeitlichen Gebrauche wieder in das Bcherzimmer an seinem Platz
tragen mu, erschien mir jetzt gut; es vermittelt den Geist der
Ordnung und Reinheit und ist gerade bei Bchern wie der Krper
der Wissenschaft das System. Wenn ich mich jetzt an Bcherzimmer
erinnerte, die ich schon sah, in welchen Leitern, Tische, Sessel,
Bnke waren, auf denen allen etwas lag, seien es Bcher, Papiere,
Schreibzeuge oder gar Gerte zum Abfegen, so erschienen mir solche
Bchersle wie Kirchen, in denen man mit Trdel wirtschaftet.

Ich ging auch fter zu Eustach in das Schreinerhaus. An einem der
ersten sehr heiteren Tage nahm ich alle Zeichnungen mit seiner
Erlaubnis heraus und sah sie noch einmal mit groer Mue und
Genauigkeit an. Ich konnte es fast kaum glauben, wie sehr mich meine
Zeichnungsbungen whrend des vergangenen Winters gefrdert hatten.
Ich verstand jetzt Vieles, was ich da vorfand, besser als im Sommer,
und es gefielen mir die meisten Dinge auch mehr. Ich teilte ihm
manches von meinen Zeichnungen mit, namentlich von Zeichnungen von
Pflanzen, deren ich dieses Mal eine grere Anzahl in meinem Koffer
mitgebracht hatte.

Bei meiner ersten Anwesenheit hatte ich in dem Rnzchen nur einige
Schriften, ein Fernrohr und andere Sachen getragen, die in ein so
kleines Behltnis gehen, Zeichnungen aber nicht. Er hatte eine
Freude an diesen Dingen; aber sonderbar war es anzusehen, wie er die
Pflanzenzeichnungen nicht als Pflanzenfreund und Kenner anblickte,
sondern als Baumeister, der ihre Gestalt verwenden kann. Er versuchte
spter selber auch Zeichnungen nach lebenden Pflanzen; aber hier trat
der Unterschied von einem Pflanzenfreunde noch mehr hervor: die Bilder
wurden ihm allgemach durch unmerkliche Zustze aus Gewchsen schne
Verzierungen. Er suchte sich auch in der Regel solche Vorbilder aus,
die zu seinem Berufe in nherer Beziehung standen oder in eine solche
gebracht werden konnten. In Bezug auf die anderen Dinge, die in dem
Schreinerhause gearbeitet wurden, zeigte er mir Alles und erklrte mir
Manches, wenn ich nach Erklrung verlangte. Auch hierin glaubte ich
seit dem vorigen Sommer Fortschritte gemacht zu haben, namentlich da
ich die Gegenstnde, die mein Vater besa, wohl genau betrachtet und
mir eingeprgt hatte, um ihre Bilder hieher bertragen und mit dem,
was sich hier befand, vergleichen zu knnen.

Die Gestalten gingen jetzt leichter in mein Wesen ein, mir gefiel
Vieles mehr als im vorigen Sommer, und ich wurde auf Manches
aufmerksam, was ich damals nicht beachtet hatte. Wir saen zuweilen in
dem freundlichen Zimmer Eustachs, wenn die Vormittagssonne durch die
geschlossenen Vorhnge sanft hereinblickte, und redeten von allerlei
Dingen.

An Nachmittagen, besonders wenn trbes Wetter war und die Geschfte im
Freien nicht eine groe Ausdehnung hatten, versammelte man sich in dem
Arbeitszimmer meines Gastfreundes. Dieses Zimmer war an Nachmittagen,
wo es sehr zusammengerumt und wo mehr Mue war, der Vereinigungspunkt
der kleinen Gesellschaft, wenn sie sich berhaupt vereinigte. Mein
alter Gastfreund hatte sich dieses Gemach sehr wohnlich, wenn auch
fr Einsamkeit geeignet, herrichten lassen, wie er berhaupt, wenn er
nicht eigens Menschen um sich versammelte, die Einsamkeit liebte. Er
hatte neben seinem Sessel einen Glockenzug, der durch den Fuboden in
die Gesindezimmer hinab ging, um schnell einen Diener rufen zu knnen.
In dem Schlafzimmer war etwas hnliches. Dort befanden sich auer
dem gewhnlichen Glockenzuge an den Seitenbrettern des Bettes zwei
Platten, die durch das leiseste Auflegen einer Hand eine laut und
lange tnende Glocke in Bewegung setzten, damit man, wenn dem alten
Manne etwas zustiee, schnell zu Hilfe eilen knnte. Zwei Diener
hatten immer die Schlssel zu seinen Gemchern, um auch in der Nacht
von auen aufsperren zu knnen. Diese Vorrichtungen waren eine
Erfindung Eustachs, weil der alte Mann jede Einschrnkung durch
Dienerschaft, ja die Nhe derselben nicht wollte, um nicht gestrt zu
werden. Er lie auch nicht zu, da Gustav in einem Zimmer neben ihm
schlafe, um sich nicht an ihn zu gewhnen und ihn dann zu vermissen,
da der Jngling doch einmal fort msse. Wenn man in dem Arbeitszimmer
meines Gastfreundes versammelt war, besprach man gewhnlich
Angelegenheiten des Besitztums, Vernderungen, die notwendig sind,
Arbeiten, die man vornehmen msse, und Gegenstnde der Kunst. Hieher
wurden die Plne und Entwrfe von Dingen gebracht, die man entweder in
Holz ausfhren wollte oder die Anlagen in dem Garten oder Umnderungen
an Gebuden betrafen. Es war gut, diese Entwrfe gerade in dieses
Zimmer zu bringen, weil sie da eine sehr schne und ausgezeichnete
Umgebung antrafen, und sich daher jeder Fehler und jede
Unzulnglichkeit, wenn derlei in dem Entwurfe waren, sogleich
aufzeigte und verbessert werden konnte. An dem Tage, wo mehrere
Menschen in das Arbeitszimmer des alten Mannes kamen, war immer ein
Teppich ber den auserlesenen Fuboden desselben gebreitet, damit er
keine Beschdigung erleide.


Wenn trockene Wege waren, gingen wir fter in den Meierhof. Dort
wurden die Arbeiten, welche der erste Frhling bringt, rstig
betrieben. Das Ganze war seit meiner vorjhrigen Anwesenheit in
Ordnung und Flle sehr vorgeschritten. Man mute bis spt in den
Herbst hinein und selbst im Winter, soweit es tunlich war, fleiig
gearbeitet haben. Im Innern des Hofes war nicht mehr blo die schne
Pflasterung an den Gebuden herum und der reinliche Sand ber den
ganzen Hofraum, sondern es war in der Mitte desselben ein kleiner
Springquell, der mit drei Strahlen in ein Becken fiel und eine
Blumenanlage um sich hatte.

Auf das alles sahen die hellen Fenster des Hofes ringsum heraus. So
sah dieser Teil des Gebudes, obwohl zwei Seiten des Hofes Stlle und
Scheunen waren, wie ein Edelsitz aus. Ich fragte meinen Gastfreund,
ob er neues Mauerwerk habe auffhren lassen, da ich den Meierhof viel
vollkommener sehe als im vergangenen Jahre, und da er auch schner
sei, als sie hier im Lande gebaut wrden.

Ich habe keine Mauern auffhren lassen, antwortete er, nur die
letzten ueren Verschnerungen habe ich angebracht, und die Fenster
habe ich vergrert, der Grund war schon da. Die Meierhfe und
greren Bauerhfe unserer Gegend sind nicht so hlich gebaut, als
ihr meint. Nur sind sie stets bis auf ein gewisses Ma fertig, weiter
nicht; die letzte Vollendung, gleichsam die Feile, fehlt, weil sie in
dem Herzen der Bewohner fehlt. Ich habe blo dieses Letzte gegeben.
Wenn man mehrere Beispiele aufstellte, so wrden sich im Lande die
Ansichten ber das notwendige Aussehen und die Wohnbarkeit der Huser
ndern. Dieses Haus soll so ein Beispiel sein.

Die Wege um den Hof und dessen Wiesen und Felder waren auch nicht mehr
so, wie sie grtenteils in dem vorigen Sommer gewesen waren. Sie
waren fest, mit weiem Quarze belegt und scharf und wohl abgegrenzt.

An schnen Mittagen, die bereits auch immer wrmer wurden, sa ich
gerne auf dem Bnkchen, das um den groen Kirschbaum lief, und sah auf
die unbelaubten Bume, auf die frisch geeggten Felder, auf die grnen
Tafeln der Wintersaat, die schon sprossenden Wiesen und durch den
Duft, der in dem ersten Frhlinge gerne aus Grnden quillt, auf die
Hochgebirge, die mit dem Glanze des noch in ungeheurer Menge auf
ihnen liegenden Schnees spielten. Gustav schlo sich an mich viel an,
wahrscheinlich weil ich unter allen Bewohnern des Hauses ihm an Alter
am nchsten war. Er sa deshalb gerne bei mir auf dem Bnkchen. Wir
gingen manches Mal auf die Felderrast hinber, und er zeigte mir einen
Strauch, auf dem bald Blten hervor kommen wrden, oder eine sonnige
Stelle, auf der das erste Grn erschien, oder Steine, um die schon
verfrhte Tierchen spielten.

Eines Tages entdeckte ich in den Schreinen der Natursammlung eine
Zusammenstellung aller inlndischen Hlzer. Sie waren in lauter
Wrfeln aufgestellt, von denen zwei Flchen quer gegen die Fasern,
die brigen vier nach den Fasern geschnitten waren. Von diesen vier
Flchen war eine rauh, die zweite glatt, die dritte poliert und die
vierte hatte die Rinde. Im Innern der Wrfel, welche hohl waren und
geffnet werden konnten, befanden sich die getrockneten Blten, die
Fruchtteile, die Bltter und andere merkwrdige Zugehre der Pflanze,
zum Beispiel gar die Moose, die auf gewissen Orten gewhnlich wachsen.
Eustach sagte mir, der alte Herr - so nannten alle Bewohner des Hauses
meinen Gastfreund, nur Gustav nannte ihn Ziehvater - habe diese
Sammlung angelegt und die Anordnung so ausgedacht. Sie soll nach dem
Willen des alten Herrn noch einmal gemacht und der Gewerbschule zum
Geschenke gegeben werden.

Seine seltsame Kleidung und seine Gewohnheit, immer barhuptig zu
gehen, welch beides mir Anfangs sehr aufgefallen war, beirrte mich
endlich gar nicht mehr, ja es stimmte eigentlich zu der Umgebung
sowohl seiner Zimmer als der um ihn herum wohnenden Bevlkerung, von
der er sich nicht als etwas Vornehmes abhob, der er vielmehr gleich
war und von der er sich doch wieder als etwas Selbststndiges
unterschied. Mir fiel im Gegenteile ein, da manches nicht
geschmackvoll sei, was wir so heien, am wenigstens der Stadtrock und
der Stadthut der Mnner.

In die Zimmer, welche nach Frauenart eingerichtet waren, wurde
ich einmal auf meine Bitte gefhrt. Sie gefielen mir wieder sehr,
besonders das letzte, kleine, welchem ich jetzt den Namen die Rose
gab. Man konnte in ihm sitzen, sinnen und durch das liebliche Fenster
auf die Landschaft blicken. Da ich nicht um den Gebrauch dieser
Zimmer fragte, begreift sich.

Ich erzhlte meinem Gastfreunde oft von meinem Vater, von der Mutter
und von der Schwester. Ich erzhlte ihm von allen unsern huslichen
Verhltnissen und beschrieb ihm mehrfach, so genau ich es konnte, die
Dinge, die mein Vater in seinen Zimmern hatte und auf welche er einen
Wert legte. Meinen Namen nannte ich hiebei nicht, und er fragte auch
nicht darnach.

Ebenso wute ich, obwohl ich nun lnger in seinem Hause gewesen war,
noch immer seinen Namen nicht. Zufllig ist er nicht genannt worden,
und da er ihn nicht selber sagte, so wollte ich aus Grundsatz
niemanden darum fragen. Von Gustav oder Eustach wre er am leichtesten
zu erfahren gewesen; aber diese zwei mochte ich am wenigsten fragen,
am allerwenigsten Gustav, wenn er unzhlige Male unbefangen den
Namen Ziehvater aussprach. Der Mann war sehr gut, sehr lieb und sehr
freundlich gegen mich, er nannte seinen Namen nicht, ich konnte auch
nicht mit Gewiheit voraussetzen, da er meine, ich kenne denselben;
daher beschlo ich, gar nicht, selbst nicht in der grten Entfernung
von diesem Orte, um den Namen des Besitzers des Rosenhauses zu fragen.


Nach und nach nderte sich die Zeit immer mehr und immer gewaltiger.
Die Tage waren viel lnger geworden, die Sonne schien schon sehr warm,
die Fristen, in denen der Himmel sich klar und wolkenlos zeigte,
wurden bereits lnger als die, in denen er umwlkt oder neblich war;
die Erde sprote, die Bume knospten, an den Rosenbumchen vor dem
Hause wurde sehr fleiig gearbeitet, alles war heiter, und der
Frhling war in seine ganze Flle eingetreten. Diese Zeit war schon
lange als diejenige bestimmt gewesen, in welcher ich abreisen wrde.
Ich sagte dieses noch einmal meinem Gastfreunde, und da ich Anstalten
getroffen hatte, meinen Koffer fort zu senden, wurde der Tag der
Abreise festgesetzt.

Wir hatten frher noch die Verabredung getroffen, da ich meine
Arbeiten so einrichten wolle, da ich zur Zeit der Rosenblte
wiederkommen und wieder lngere Zeit in dem Hause verbleiben knne. Da
ich sah, da ich gerne aufgenommen werde und da ich in Hinsicht der
ueren Mittel keine Last in dem Hause sei, und da mein Gemt sich
auch diesem Orte zugeneigt fhlte, so war mir diese Verabredung ganz
nach meinem Sinne. Nur, meinte mein Gastfreund, mte ich dann in den
Gebirgstlern schon zur Herreise aufbrechen, wenn dort kaum die Rosen
vllige Knospen htten, weil sie hier der bessern Erde und der bessern
Pflege willen frher blhten als an allen Teilen des Landes. Ich sagte
es zu, und so war alles in Ordnung.

Am Tage vor meiner Abreise kam Eustachs Bruder zurck. Er mochte
zwanzig und einige Jahre alt sein, war schn gewachsen, hatte braune
Wangen und dunkle Locken und ein klein wenig aufgeworfene Lippen.
Mir war, als wre ich dem Manne schon einige Male auf meinen Reisen
begegnet. Er brachte in seinem Buche viele und darunter schne
Zeichnungen mit, welche mit Anteil betrachtet wurden. Sie sollten nun
auf grerem Papiere und in knstlerischer Richtung ausgefhrt werden.

Als ich am Abende vor der Abreise noch im Meierhofe gewesen war, als
ich am Morgen derselben zu Eustach und den Grtnersleuten gegangen
war, als ich den Hausbewohnern Lebewohl gesagt und von meinem
Gastfreunde und von Gustav vor dem Hause Abschied genommen hatte, ging
ich den Hgel hinunter, und ich hrte schon von dem Garten und von den
Hecken und aus den Saaten den krftigen Frhlingsgesang der Vgel.



Die Begegnung

Auf der Reise nach dem Orte meiner Bestimmung zeichnete ich ein
schnes Standbild, welches ich in der Nische einer Mauertrmmer fand.
Ich hatte dazu mein Zeichnungsbuch aus dem Rnzlein genommen, in
welchem ich es jetzt immer trug. Dies war die einzige Unterbrechung
und der einzige Aufenthalt auf dieser Reise gewesen.

Als ich an meinem Bestimmungsorte angelangt war, war das erste, was
ich tat, da ich meine Zeit besser zu Rate hielt als frher. Ich
mute mir bekennen, da die Art, wie in dem Rosenhause das Tagewerk
betrieben wurde, auf mich von groem Einflusse sein solle. Da dort der
Wert der Zeit sehr hoch angeschlagen und dieses Gut sehr sorgfltig
angewendet wurde, so fing ich, wenn ich mir auch bisher einen groen
Vorwurf nicht hatte machen knnen, dennoch an, mit viel mehr Ordnung
als bisher nach einem einzigen Ziele whrend einer bestimmten Zeit
hinzuarbeiten, whrend ich frher, durch augenblickliche Eindrcke
bestimmt, mit den Zielen fter wechselte und, obwohl ich eifrig
strebte, doch eine dem Streben entsprechende Wirkung nicht jederzeit
erreichte. Ich machte mir nun zur Aufgabe, eine bestimmte Strecke zu
durchforschen und im Verlaufe berhaupt nichts liegen zu lassen, was
von Wesenheit wre, aber auch nichts auf eine gelegenere Zukunft zu
verschieben, so da, sollte ich bis zur Rosenzeit mit der vorgesetzten
Strecke nicht fertig werden, wenigstens der Teil, den ich vollendete,
wirklich fertig wre und ich auf genau umschriebene Ergebnisse zu
deuten im Stande wre. Das sah ich nach dem Beginne der Arbeiten sehr
bald, da ich mir den Raum zu gro ausgesteckt hatte; aber auch das
sah ich sehr bald, da der kleinere Raum, den ich berwinden wrde,
mir mehr an Erfolg sicherte, als wenn ich wie in meiner Vergangenheit
durch geraume Zeit den Blick so ziemlich auf Alles gespannt htte.
Hiezu kam auch eine gewisse Zufriedenheit, die ich fhlte, wenn ich
sah, da sich Glied an Glied zu einer Ordnung aneinander reihte,
whrend frher mehr ein ansprechender Stoff durcheinander lag, als da
eine aus dem Stoffe hervorgehende Gestaltung sich entwickelt htte.

Meine Kisten fllten sich und stellten sich an einander.

Meine Fhrer und meine Trger gewannen auch einen Halt in der neuen
Ordnung und es wuchs ihnen ein Zutrauen zu mir. Ich bekam eine Neigung
zu ihnen, die sie erwiderten, so da sich ein frhliches Zusammenleben
immer mehr gestaltete und die Arbeit heiter und darum auch zweckmig
wurde. Oft, wenn wir abends in der Wirtsstube um den groen
viereckigen Ahorntisch oder, da die Tage endlich heier wurden, statt
an den toten Brettern des Tisches drauen unter den lebenden und
rauschenden Ahornen saen, um welche ein fichtener Tisch zusammen
gezimmert war und auf welche das vielfenstrige Gasthaus heraus sah,
rechneten sie sich vor, was heute, was seit vierzehn Tagen geschehen
sei, wie viel wir, wie sie sich ausdrckten, abgetan haben, und wie
viel Gebirge zusammen gestellt worden sei. Sie fingen auch bald an,
die Sache nach ihrer Art zu begreifen, ber Vorkommnisse in den
Gebirgszgen zu reden und zu streiten und mir zuzumuten, da, wenn ich
mir merken knnte, woher alle die gesammelten Stcke seien, und wenn
ich die Hhe und die Mchtigkeit der Gebirge zu messen im Stande
wre, ich das Gebirge im Kleinen auf einer Wiese oder auf einem Felde
aufstellen knnte. Ich sagte ihnen, da das ein Teil meines Zweckes
sei, und wenn gleich das Gebirge nicht auf einer Wiese oder auf
einem Felde zusammengestellt werde, so werde es doch auf dem Papiere
gezeichnet und werde mit solchen Farben bemalt, da jeder, der sich
auf diese Dinge verstnde, das Gebirge mit allem, woraus es bestehe,
vor Augen habe. Deshalb merke ich mir nicht nur, woher die Stcke
seien und unter welchen Verhltnissen sie in den Bergen bestehen,
sondern schreibe es auch auf, damit es nicht vergessen werde, und
beklebe auch die Stcke mit Zetteln, auf denen alles Notwendige stehe.
Diese Stcke, in ihrer Ordnung aufgestellt, seien dann der Beweis
dessen, was auf dem Papiere oder der Karte, wie man das Ding nenne,
aufgemalt sei. Sie meinten, da dieses sehr klug getan sei, um, wenn
einer einen Stein oder sonst etwas zu einem Baue oder dergleichen
bedrfe, gleich aus der Karte heraus lesen zu knnen, wo er zu finden
sei. Ich sagte ihnen, da ein anderer Zweck auch darin bestehe, aus
dem, was man in den Gebirgen finde, schlieen zu knnen, wie sie
entstanden seien.

Die Gebirge seien gar nicht entstanden, meinte einer, sondern seien
seit Erschaffung der Welt schon dagewesen.

Sie wachsen auch, sagte ein anderer, jeder Stein wchst, jeder
Berg wchst wie die anderen Geschpfe. Nur, setzte er hinzu, weil er
gerne ein wenig schalkhaft war, wachsen sie nicht so schnell wie die
Schwmme.

So stritten sie lnger und fter ber diesen Gegenstand, und so
besprachen wir uns ber unsere Arbeiten. Sie lernten durch den bloen
Umgang mit den Dingen des Gebirges und durch das ftere Anschauen
derselben nach und nach ein Weiteres und Richtigeres, und lchelten
oft ber eine irrige Ansicht und Meinung, die sie frher gehabt
hatten.

Mein Tagebuch der Aufzeichnungen zur Festhaltung der Ordnung dehnte
sich aus, die Bltter mehrten sich und gaben Aussicht zu einer
umfassenden und regelmigen Zusammenstellung des Stoffes, wenn die
Wintertage oder sonst Tage der Mue gekommen sein wrden.

An Sonntagen oder zu anderen Zeiten, wo die Arbeit minder drngte, gab
es noch Gelegenheit zu manchen angenehmen Freuden und zu strkender
Erholung.

Eines Tages fanden wir ein Stck Marmor, von dem ich dachte, da ihn
mein Gastfreund in seinem Rosenhause noch gar nicht habe. Er war von
dem reinsten Wei, Rosenrot und Strohgelb in kleiner und lieblicher
Mischung. Seine Art ist eine der seltensten, und hier war sie in einem
so groen Stcke vorhanden, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich
beschlo, diesen Marmor meinem Gastfreunde zum Geschenke zu machen.
Ich versuchte, mir ein Eigentumsrecht darber zu erwerben, und als
mir dieses gelungen war, ging ich daran, das Stck, soweit seine
Festigkeit ununterbrochen war, heraus nehmen und in eine Gestalt
schneiden zu lassen, deren es fhig war. Es zeigte sich, da eine
schne Tischplatte aus diesem Stoffe zu verfertigen wre. Von den
losen Schuttstcken nahm ich mehrere der besseren mit, um allerlei
Dinge der Erinnerung daraus machen zu lassen. Eines lie ich zu
einer Tafel schleifen und dieselbe gltten, da mein Gastfreund die
Zeichnung und die Farbe des Marmors auf das beste sehen knne.


So war eine Strecke abgetan, als in den Tlern sich die kleinen
Knospen der Rosen zu zeigen anfingen und selbst an dem Hagedorn, der
in Feldgehegen oder an Gebirgssteinen wuchs, die Bllchen zu der
schnen, aber einfachen Blume sich entwickelten, die die Ahnfrau
unserer Rosen ist. Ich beschlo daher, meine Reise in das Rosenhaus
anzutreten. Ich habe mich kaum mit grerem Vergngen nach einem
langen Sommer zur Heimreise vorbereitet, als ich mich jetzt nach einer
wohlgeordneten Arbeit zu dem Besuche im Rosenhause anschickte, um dort
eine Weile einen angenehmen Landaufenthalt zu genieen.

Eines Nachmittages stieg ich zu dem Hause empor und fand die Rosen
zwar nicht blhend, aber so berfllt mit Knospen, da in nicht mehr
fernen Tagen eine reiche Blte zu erwarten war.

Wie hat sich alles verndert, sagte ich zu dem Besitzer, nachdem ich
ihn begrt hatte, da ich im Frhlinge von hier fortging, war noch
alles de, und nun blttert, blht und duftet alles hier beinahe in
solcher Flle wie im vorigen Jahre zu der Zeit, da ich zum ersten Male
in dieses Haus heraufkam.

Ja, erwiderte er, wir sind wie der reiche Mann, der seine Schtze
nicht zhlen kann. Im Frhlinge kennt man jedes Grschen persnlich,
das sich unter den ersten aus dem Boden hervor wagt, und beachtet
sorgsam sein Gedeihen, bis ihrer so viele sind, da man nicht mehr
nach ihnen sieht, da man nicht mehr daran denkt, wie mhevoll sie
hervor gekommen sind, ja da man Heu aus ihnen macht und gar nicht
darauf achtet, da sie in diesem Jahre erst geworden sind, sondern
tut, als stnden sie von jeher auf dem Platze.

Man hatte mir eine eigene Wohnung machen lassen und fhrte mich
in dieselbe ein. Es waren zwei Zimmer am Anfange des Ganges der
Gastzimmer, welche man durch eine neugebrochene Tr zu einer einzigen
Wohnung gemacht hatte. Das eine war bedeutend gro und hatte
ursprnglich die Bestimmung gehabt, mehrere Personen zugleich zu
beherbergen. Es war jetzt ausgeleert, an seinen Wnden standen Tische
und Gestelle herum, sowie in seiner Mitte ein langer Tisch angebracht
war, damit ich meine Sachen, die ich etwa von dem Gebirge brchte,
ausbreiten knnte. Das zweite Zimmer war kleiner und war zu meinem
Schlaf- und Wohngemache hergerichtet. Der alte Mann reichte mir die
Schlssel zu dieser Wohnung. Auch zeigte man mir in der leichten
gemauerten Htte, die nicht weit hinter der Schreinerei an der
westlichen Grenze des Gartens lag und in frheren Zeiten zu den
Steinarbeiten benutzt worden war, einen Raum, den man ausgeleert hatte
und in welchen ich Gegenstnde, die ich gesammelt htte, bis auf
weitere Verfgung niederlegen knnte. Sollte ich mehr brauchen, so
knne noch mehr gerumt werden, da jetzt die Arbeiten mit den Steinen
fast beendigt seien und selten etwas gesgt, geschliffen oder
geglttet werde. Ich war ber diese Aufmerksamkeiten so gerhrt, da
ich fast keinen Dank dafr zu sagen vermochte. Ich begriff nicht, was
ich mir denn fr Verdienste um den Mann oder seine Umgebung erworben
habe, da man solche Anstalten mache. Das Eine gereichte zu meiner
Beruhigung, da ich aus diesen Vorrichtungen sah, da ich in dem Hause
nicht unwillkommen sei, denn sonst wre man nicht auf den Gedanken
derselben geraten. Dieses Bewutsein versprach meinen Bewegungen in
den hiesigen Verhltnissen viel mehr Freiheit zu geben. Ich stattete
endlich doch meinen Dank ab und man nahm ihn mit Vergngen auf.


Da ich in meiner Wohnung meine Wandersachen abgelegt hatte und
die ersten allgemeinen Gesprche vorber waren, wollte ich einen
bersichtlichen Gang durch den Garten machen. Ich ging bei der
Seitentr des Hauses hinaus, und da ich auf den kleinen Raum kam, der
hier eingefat ist, kam der groe Hofhund auf mich zu und wedelte.
Als ich sah, da der alte Hilan mich erkenne und begre, war ich so
kindisch, mich darber zu freuen, weil es mir war, als sei ich kein
Fremder, sondern gehre gewissermaen zur Familie.

Am nchsten Tage nach meiner Ankunft erschien der Wagen mit meinem
Gepcke und mit der Marmorplatte. Ich lie abladen und bergab die
Platte meinem Gastfreunde mit dem Bedeuten, da ich ihm in derselben
eine Erinnerung aus dem Gebirge bringe. Zugleich hndigte ich ihm
das kleinere geschliffene Stck zur genaueren Einsicht in die Natur
des Marmors ein. Er besah das Stck und dann auch die Platte sehr
sorgfltig. Hierauf sagte er: Dieser Marmor ist auerordentlich
schn, ich habe ihn noch gar nicht in meiner Sammlung, auch scheint
die Platte dicht und ohne Unterbrechung zu sein, so da ein reiner
Schliff auf ihr mglich sein wird, ich bin sehr erfreut, in dem
Besitze dieses Stckes zu sein und danke euch sehr dafr. Allein in
meinem Hause kann er als Bestandteil desselben nicht verwendet werden,
weil dort nur solche Stcke angebracht sind, welche ich selber
gesammelt habe, und weil ich an dieser Art der Sammlung und an der
Verbuchung darber eine solche Freude habe, da ich auch in der
Zukunft nicht von diesem Grundsatze abgehe. Es wird aber ganz gewi
aus diesem Marmor etwas gemacht werden, das seiner nicht unwert ist,
ich hege die Hoffnung, da es euch gefallen wird, und ich wnsche, da
die Gelegenheit seiner Verwendung euch und mir zur Freude gereiche.

Ich hatte ohnehin ungefhr so etwas erwartet und war beruhigt.

Der Marmor wurde in die Steinhtte gebracht, um dort zu liegen, bis
man ber ihn verfgen wrde. Meine brigen Dinge aber lie ich in
meine Wohnung bringen.

Ich ging im Sommer immer sehr leicht gekleidet, entweder in
ungebleichtem oder gestreiftem Linnen. Den Kopf bedeckte meistens ein
leichter Strohhut. Um nun hier nicht aufzufallen und um weniger von
der einfachen Kleidung der Hausbewohner abzustechen, nahm ich ein paar
solcher Anzge sammt einem Strohhute aus dem Koffer, kleidete mich in
einen und legte dafr meinen Reiseanzug fr eine knftige Wanderung
zurck,

Mein Gastfreund hatte auf seiner Besitzung eine etwas eigentmliche
Tracht teils eingefhrt, teils nahmen sie die Leute selber an. Die
Dienerinnen des Hauses waren in die Landestracht gekleidet, nur dort,
wo diese, wie namentlich in unserem Gebirge, ungefllig war oder in
das Hliche ging, wurde sie durch den Einflu des Hausbesitzers
gemildert und mit kleinen Zutaten versehen, die mir schn erschienen.
Diese Zutaten fanden im Anfange Widerstand, aber da sie von dem alten
Herrn geschenkt wurden und man ihn nicht krnken wollte, wurden sie
angenommen und spter von den Umwohnerinnen nicht nur beneidet,
sondern auch nachgeahmt. Die Mnner, welche in dem Hause dienten oder
in dem Meierhofe arbeiteten oder in dem Garten beschftigt waren,
trugen gefrbtes Linnen, nur war dasselbe nicht so dunkel, als es
bei uns im Gebirge gebruchlich ist. Eine Jacke oder eine andere Art
berrock hatten sie im Sommer nicht, sondern sie gingen in lediglichen
Hemdrmeln, und um den Hals hatten sie ein loses Tuch geschlungen. Auf
dem Haupte trugen einige wie der Hausherr nichts, andere hatten den
gewhnlichen Strohhut. Eustach schien in seiner Kleidung niemanden
nachzuahmen, sondern sie selbst zu whlen. Er ging auch in gestreiftem
Linnen, meistens rostbraun mit grau oder wei; aber die Streifen waren
fast handbreit, oder es hatte der ganze Stoff nur zwei Farben, die
Hlfte des Lngenblattes braun, die Hlfte wei. Oft hatte er einen
Strohhut, oft gar nichts auf dem Haupte. Seine Arbeiter hatten
hnliche Anzge, auf denen selten ein Schmutzfleck zu sehen war; denn
bei der Arbeit hatten sie groe grne Schrzen um. Unter allen diesen
Leuten hoben sich der Grtner und die Grtnerin heraus, welche blo
schneewei gingen.

Ich zeigte meinem Gastfreunde und Eustach die Zeichnung, welche ich
von dem Standbilde in der Mauernische gemacht hatte. Sie freuten sich,
da ich auf derlei Dinge aufmerksam sei, und sagten, da sie dasselbe
Bild auch unter ihren Zeichnungen htten, nur da es jetzt mit
mehreren anderen Blttern auer Hause sei.

Ich betrachtete nun alles, was mir in dem Garten und auf dem Felde
im vorigen Jahre in derselben Jahreszeit merkwrdig gewesen war.
Die Bltter der Bume, die Bltter des Kohles und die von anderen
Gewchsen waren vom Raupenfrae frei, und nicht nur die im Garten,
sondern auch die in der nchsten und in der in ziemliche Ferne
reichenden Umgebung. Ich hatte bei meiner Herreise eigens auf diesen
Umstand mein Augenmerk gerichtet. Dennoch entbehrte der Garten nicht
des schnen Schmuckes der Faltern; denn einerseits konnten die Vgel
doch nicht alle und jede Raupen verzehren und andererseits wehte
der Wind diese schnen lebendigen Blumen in unsern Garten oder sie
kamen auf ihren Wanderungen, die sie manchmal in groe Entfernungen
antreten, selber hieher. Der Gesang der Vgel war mir wieder wie im
vorigen Jahre eigentmlich, und er war mir wieder ganz besonders
schmelzend.

Dadurch, da sie in verschiedenen Fernen sind, die Laute also
mit ungleicher Strke an das Ohr schlagen, dadurch, da sie sich
gelegenheitlich unterbrechen, da sie inzwischen allerlei zu tun haben,
eine Speise zu haschen, auf ein Junges zu merken, wird ein reizender
Schmelz veranlat wie in einem Walde, whrend die besten Singvgel in
vielen Kfigen nahe bei einander nur ein Geschrei machen, und dadurch,
da sie in dem Garten sich doch wieder nher sind als im Walde, wird
der Schmelz krftiger, whrend er im Walde zuweilen dnn und einsam
ist. Ich sah die Nester, besuchte sie und lernte die Gebruche dieser
Tiere kennen.

In meinen Zimmern richtete ich mich ein, ich tat die Bcher und
Papiere, die ich mitgebracht hatte, heraus, um zu lesen, einzuzeichnen
und zu ordnen. Ich legte auch auf den groen Tisch und auf die
Gestelle an den Wnden kleinere Gegenstnde, die ich mitgebracht
hatte, besonders Versteinerungen oder andere deutlichere berreste, um
sie zu benutzen.

Gustav kam hufig zu mir, er nahm Anteil an diesen Dingen, ich
erklrte ihm manches, und mein Gastfreund sah es nicht ungern, wenn
ich mit ihm, entweder ein Buch in der Hand unter den schattigen Linden
des Gartens oder ohne Buch auf groen Spaziergngen - denn der alte
Mann liebte die Bewegung noch sehr - von meiner Wissenschaft sprach.
Er erzhlte mir dagegen von der seinigen, und ich hrte ihm freundlich
zu, wenn er auch Dinge brachte, die mir schon besser bekannt waren.
Zeiten, in denen ich ohne Beschftigung und allein war, brachte ich
auf Gngen in den Feldern oder auf einem Besuche in dem Schreinerhause
oder in dem Gewchshause oder bei den Cactus zu.

Die wogenden Felder, die ich im vorigen Jahre um dieses Anwesen
getroffen hatte, waren auch heuer wogende und wurden mit jedem Tage
schner, dichter und segensreicher, der Garten hllte sich in die
Menge seiner Bltter und der nach und nach schwellenden Frchte, der
Gesang der Vgel wurde mir immer noch lieblicher und schien die Zweige
immer mehr zu erfllen, die scheuen Tiere lernten mich kennen, nahmen
von mir Futter und frchteten mich nicht mehr. Ich lernte nach und
nach alle Dienstleute kennen und nennen, sie waren freundlich mit
mir, und ich glaube, sie wurden mir gut, weil sie den Herrn mich mit
Wohlwollen behandeln sahen. Die Rosen gediehen sehr, Tausende harrten
des Augenblicks, in dem sie aufbrechen wrden. Ich half oft an den
Beschftigungen, die diesen Blumen gewidmet wurden, und war dabei,
wenn die Rosenarbeiten besichtigt wurden und ausgemittelt ward, ob
alles an ihnen in gutem Stande sei. Ebenso ging ich gerne zum Besehen
anderer Dinge mit, wenn auf Wiesen oder im Walde gearbeitet wurde, in
welch letzterem man jetzt daran war, das im Winter geschlagene Holz zu
verkleinern oder zum Baue oder zu Schreinerarbeiten herzurichten. Ich
trug oft meinen Strohhut, wenn der alte Mann und Gustav neben mir
barhuptig gingen, in der Hand, und ich mute bekennen, da die Luft
viel angenehmer durch die Haare strich, als wenn sie durch einen Hut
auf dem Haupte zurck gehalten wurde, und da die Hitze durch die
Locken so gut wie durch einen Hut von dem bloen Haupte abgehalten
wurde.


Eines Tages, da ich in meinem Zimmer sa, hrte ich einen Wagen zu dem
Hause herzufahren. Ich wei nicht, weshalb ich hinabging, den Wagen
ankommen zu sehen. Da ich an das Gitter gelangte, stand er schon
auerhalb desselben. Er war von zwei braunen Pferden herbeigezogen
worden, der Kutscher sa noch auf dem Bocke und mute eben angehalten
haben. Vor der Wagentr, mit dem Rcken gegen mich gekehrt, stand
mein Gastfreund, neben ihm Gustav und neben diesem Katharina und zwei
Mgde. Der Wagen war noch gar nicht geffnet, er war ein geschlossener
Glserwagen und hatte an der innern Seite seiner Fenster grne
zugezogene Seidenvorhnge. Einen Augenblick nach meiner Ankunft
ffnete mein Gastfreund die Wagentr. Er geleitete an seiner Hand eine
Frauengestalt aus dem Wagen. Sie hatte einen Schleier auf dem Hute,
hatte aber den Schleier zurckgeschlagen und zeigte uns ihr Angesicht.
Sie war eine alte Frau.

Augenblicklich, da ich sie sah, fiel mir das Bild ein, welches mein
Gastfreund einmal ber manche alternde Frauen von verblhenden Rosen
hergenommen hatte. Sie gleichen diesen verwelkenden Rosen. Wenn sie
schon Falten in ihrem Angesichte haben, so ist doch noch zwischen den
Falten eine sehr schne, liebe Farbe, hatte er gesagt, und so war es
bei dieser Frau. ber die vielen feinen Fltchen war ein so sanftes
und zartes Rot, da man sie lieben mute und da sie wie eine Rose
dieses Hauses war, die im Verblhen noch schner sind als andere Rosen
in ihrer vollen Blte. Sie hatte unter der Stirne zwei sehr groe
schwarze Augen, unter dem Hute sahen zwei sehr schmale Silberstreifen
des Haares hervor, und der Mund war sehr lieb und schn. Sie stieg von
dem Wagentritte herab und sagte die Worte: Gott gre dich, Gustav!

Hiebei neigte sich der alte Mann gegen sie, sie neigte ihr
Angesicht gegen ihn und die beiderseitigen Lippen kten sich zum
Willkommensgrue.

Nach dieser Frau kam eine zweite Frauengestalt aus dem Wagen.
Sie hatte auch einen Schleier um den Hut und hatte ihn auch
zurckgeschlagen. Unter dem Hute sahen braune Locken hervor, das
Antlitz war glatt und fein, sie war noch ein Mdchen. Unter der
Stirne waren gleichfalls groe schwarze Augen, der Mund war hold und
unsglich gtig, sie schien mir unermelich schn. Mehr konnte ich
nicht denken; denn mir fiel pltzlich ein, da es gegen die Sitte
sei, da ich hinter dem Gitter stehe und die Aussteigenden anschaue,
whrend die, die sie empfangen, mir den Rcken zuwenden und von meiner
Anwesenheit nichts wissen. Ich ging um die Ecke des Hauses zurck und
begab mich wieder in mein Wohnzimmer.

Dort hrte ich nach einiger Zeit an Tritten und Gesprchen, da die
ganze Gesellschaft an meinem Zimmer vorbei den ganzen Gang entlang
wahrscheinlich in die schnen Gemcher an der stlichen Seite des
Hauses gehe.

Was weiter an dem Wagen geschehen sei, ob noch eine oder zwei Personen
aus demselben gestiegen seien, konnte ich nicht wissen; denn auch
nicht einmal beim Fenster wollte ich nun hinabsehen. Da aber
Gegenstnde von demselben abgepackt und in das Haus gebracht wurden,
konnte ich an dem Reden und Rufen der Leute erkennen. Auch den Wagen
hrte ich endlich fortfahren, wahrscheinlich wurde er in den Meierhof
gebracht.

Ich blieb immer in der Tiefe des Zimmers sitzen. Ich ging weder zu dem
Fenster, noch ging ich in den Garten, noch verlie ich berhaupt das
Zimmer, obwohl eine ziemlich lange Zeit ruhig und still verflo. Ich
wollte lesen oder schreiben und tat es dann doch wieder nicht.


Endlich, da vielleicht ein paar Stunden vergangen waren, kam Katharina
und sagte, der alte Herr lasse mich recht schn bitten, da ich in das
Speisezimmer kommen mge, man erwarte mich dort.

Ich ging hinab.

Als ich eingetreten war, sah ich, da mein Gastfreund in einem
Lehnsessel an dem Tische sa, neben ihm sa Gustav. An der
entgegengesetzten Seite sa die Frau. Ihr Sessel war aber ein wenig
von dem Tische abgewendet und der Tr, durch welche ich eintrat,
zugekehrt. Hinter ihr und um eine Sesselhlfte seitwrts sa das
Mdchen.

Sie waren nun ganz anders gekleidet, als da ich sie aus dem Wagen
steigen gesehen hatte. Statt des stdtischen Hutes, den sie da
getragen hatten, deckte jetzt ein Strohhut mit nicht gar breiten
Flgeln, so da sie eben genug Schatten gaben, das Haupt, die brigen
Kleider bestanden aus einem einfachen, lichten, mattfrbigen Stoffe
und waren ohne alle besonderen Verzierungen verfertigt, so wie der
Schnitt nichts Aufflliges hatte, weder eine zur Schau getragene
Lndlichkeit noch ein zu strenge festgehaltenes stdtisches Wesen.

Es standen mehrere Diener herum, so wie Katharina, die mich geholt
hatte, auch wieder hinter mir in das Zimmer gegangen war und sich zu
den dastehenden Mgden gesellt hatte. Selbst der Grtner Simon war
zugegen.

Als ich in die Nhe des Tisches gekommen war, stand mein Gastfreund
auf, umging den Tisch, fhrte mich vor die Frau und sagte: Erlaube,
da ich dir den jungen Mann vorstelle, von dem ich dir erzhlt habe.
Hierauf wandte er sich gegen mich und sagte: Diese Frau ist Gustavs
Mutter, Mathildis.

Die Frau sagte in dem ersten Augenblicke nichts, sondern richtete ein
Weilchen die dunkeln Augen auf mich.

Dann wies er mit der Hand auf das Mdchen und sagte: Diese ist
Gustavs Schwester Natalie.

Ich wute nicht, waren die Wangen des Mdchens berhaupt so rot oder
war es errtet. Ich war sehr befangen und konnte kein Wort hervor
bringen. Es war mir uerst auffallend, da er jetzt, wo er den Namen
beinahe mit Notwendigkeit brauchte, weder um den meinigen gefragt noch
den der Frauen genannt hatte. Ehe ich recht mit mir zu Rate gehen
konnte, ob zu der Verbeugung, welche ich gemacht hatte, etwas gesagt
werden solle oder nicht, fuhr er in seiner Rede fort und sagte: Er
ist ein freundlicher Hausgenosse von uns geworden und schenkt uns
einige Zeit in unserer lndlichen Einsamkeit. Er strebt die Berge
und das Land zu erforschen und zur Kenntnis des Bestehenden und zur
Herstellung der Geschichte des Gewordenen etwas beizutragen. Wenn auch
die Taten und die Frderung der Welt mehr das Geschft des Mannes
und des Greises sind, so ziert ein ernstes Wollen auch den Jngling,
selbst wo es nicht so klar und so bestimmt ist wie hier.

Mein Freund hat mir von euch erzhlt, sagte die Frau zu mir, indem
sie mich wieder mit den dunkeln glnzenden Augen ansah, er hat mir
gesagt, da ihr im vergangenen Jahre bei ihm waret, da ihr ihn im
Frhlinge besucht habt und da ihr versprochen habt, zur Zeit der
Rosenblte wieder eine Weile in diesem Hause zuzubringen. Mein Sohn
hat auch sehr oft von euch gesprochen.

Er scheint nicht ganz ungerne hier zu sein, sagte mein Gastfreund;
denn sein Angesicht wenigstens hat noch nicht, bei dem frheren so
wie bei deinem jetzigen Besuche, die Heiterkeit verloren.

Ich hatte mich whrend dieser Reden gesammelt und sagte: Wenn ich
auch aus der groen Stadt komme, so bin ich doch wenig mit fremden
Menschen in Verkehr getreten und wei daher nicht, wie mit ihnen um
zugehen ist. In diesem Hause bin ich, da ich irrtmlich ein Gewitter
frchtete und um einen Unterstand herauf ging, sehr freundlich
aufgenommen worden, ich bin wohlwollend eingeladen worden, wieder zu
kommen und habe es getan. Es ist mir hier in Kurzem so lieb geworden
wie bei meinen teuren Eltern, bei welchen auch eine Regelmigkeit
und Ordnung herrscht wie hier. Wenn ich nicht ungelegen bin und die
Umgebung mir nicht abgeneigt ist, so sage ich gerne, wenn ich auch
nicht wei, ob man es sagen darf, da ich immer mit Freuden kommen
werde, wenn man mich einladet.

Ihr seid eingeladen, erwiderte mein Gastfreund, und ihr mt aus
unsern Handlungen erkennen, da ihr uns sehr willkommen seid. Nun
werden auch Gustavs Mutter und Schwester eine Weile in diesem Hause
zubringen, und wir werden erwarten, wie sich unser Leben entwickeln
wird. Wollt ihr euch nicht ein wenig zu mir setzen und abwarten, bis
der Willkommensgru von allen, die da stehen, vorber ist?

Er ging wieder um den Tisch herum zurck, und ich folgte ihm. Gustav
machte mir Platz neben seinem Ziehvater und sah mich mit der Freude
an, welche ein Sohn empfindet, der in der Fremde den Besuch der Mutter
empfngt.

Natalie hatte kein Wort gesprochen.

Ich konnte jetzt, da ich ein wenig gegen die Frauen hin zu blicken
vermochte, recht deutlich sehen, da hier Gustavs Mutter und Schwester
zugegen seien; denn beide hatten dieselben groen schwarzen Augen wie
Gustav, beide dieselben Zge des Angesichtes, und Natalie hatte auch
die braunen Locken Gustavs, whrend die der Mutter die Silberfarbe des
Alters trugen. Sie gingen nun, recht schn geordnet, in einem viel
breiteren Bande an beiden Seiten der Stirne herab, als sie es unter
dem Reisestrohhute getan hatten.

Vor Mathilde war, whrend wir unsere Sitze eingenommen hatten, die
Haushlterin Katharina getreten.

Die Frau sagte: Sei mir vielmal gegrt, Katharina, ich danke dir, du
hast deinen Herrn und meinen Sohn in deiner besonderen Obhut und bst
viele Sorgfalt an ihnen aus. Ich danke dir sehr. Ich habe dir etwas
gebracht, nur als eine kleine Erinnerung, ich werde es dir schon
geben.

Als Katharina zurck getreten war, als sich die anderen insgesammt
nherten, sich verbeugten und mehrere Mdchen der Frau die Hand
kten, sgte sie: Seid mir alle von Herzen gegrt, ihr sorgt alle
fr den Herrn und seinen Ziehsohn. Sei gegrt, Simon, sei gegrt,
Klara, ich danke euch allen und habe allen etwas gebracht, damit ihr
seht, da ich keines in meiner Zuneigung vergessen habe; denn sonst
ist es freilich nur eine Kleinigkeit.

Die Leute wiederholten ihre Verbeugung, manche auch den Handku, und
entfernten sich. Sie hatten sich auch vor Natalie geneigt, welche den
Gru recht freundlich erwiderte.

Als alle fort waren, sagte die Frau zu Gustav: Ich habe auch dir
etwas gebracht, das dir Freude machen soll, ich sage noch nicht was;
allein ich habe es nur vorlufig gebracht, und wir mssen erst den
Ziehvater fragen, ob du es schon ganz oder nur teilweise oder noch gar
nicht gebrauchen darfst.

Ich danke dir, Mutter, erwiderte der Sohn, du bist recht gut,
liebe Mutter, ich wei jetzt schon, was es ist, und wie der Ziehvater
ausspricht, werde ich genau tun.

So wird es gut sein, antwortete sie.

Nach dieser Rede waren alle aufgestanden.

Du bist heuer zu sehr guter Zeit gekommen, Mathilde, sagte mein
Gastfreund, keine einzige der Rosen ist noch aufgebrochen; aber alle
sind bereit dazu.

Wir hatten uns whrend dieser Rede der Tr genhert, und mein
Gastfreund hatte mich gebeten, bei der Gesellschaft zu bleiben.

Wir gingen bei dem grnen Gitter hinaus und gingen auf den Sandplatz
vor dem Hause. Die Leute muten von diesem Vorgange schon unterrichtet
sein; denn ihrer zwei brachten einen gerumigen Lehnsessel und
stellten ihn in einer gewissen Entfernung mit seiner Vorderseite gegen
die Rosen.

Die Frau setzte sich in den Sessel, legte die Hnde in den Scho und
betrachtete die Rosen.

Wir standen um sie. Natalie stand zu ihrer Linken, neben dieser
Gustav, mein Gastfreund stand hinter dem Stuhle und ich stellte mich,
um nicht zu nahe an Natalie zu sein, an die rechte Seite und etwas
weiter zurck.

Nachdem die Frau eine ziemliche Zeit gesessen war, stand sie
schweigend auf, und wir verlieen den Platz. Wir gingen nun in das
Schreinerhaus. Eustach war nicht bei der allgemeinen Bewillkommnung im
Speisezimmer gewesen. Er mute wohl als Knstler betrachtet worden,
dem man einen Besuch zudenke. Ich erkannte aus dem ganzen Benehmen,
da das Verhltnis in der Tat so sei und als das richtigste empfunden
werde. Eustach mute das gewut haben; denn er stand mit seinen Leuten
ohne die grnen Schrzen vor der Tr, um die Angekommenen zu begren.
Die Frau dankte freundlich fr den Gru aller, redete Eustach herzlich
an, fragte ihn um sein und seiner Leute Wohlbefinden, um ihre Arbeiten
und Bestrebungen, und sprach von vergangenen Leistungen, was ich, da
mir diese fremd waren, nicht ganz verstand. Hierauf gingen wir in die
Werksttte, wo die Frau jede der einzelnen Arbeiterstellen besah. In
dem Zimmer Eustachs sprach sie die Bitte aus, da er ihr bei ihrem
lngeren Aufenthalte manches Einzelne zeigen und nher erklren mge.

Von dem Schreinerhause gingen wir in die Grtnerwohnung, wo die Frau
ein Weilchen mit den alten Grtnerleuten sprach.

Hierauf begaben wir uns in das Gewchshaus, zu den Ananas, zu den
Cacteen und in den Garten.

Die Frau schien alle Stellen genau zu kennen; sie blickte mit
Neugierde auf die Pltze, auf denen sie gewisse Blumen zu finden
hoffte, sie suchte bekannte Vorrichtungen auf und blickte sogar in
Bsche, in denen etwa noch das Nest eines Vogels zu erwarten war. Wo
sich etwas seit frher verndert hatte, bemerkte sie es und fragte um
die Ursache. So waren wir durch den ganzen Garten bis zu dem groen
Kirschbaume und zu der Felderrast gekommen. Dort sprach sie noch etwas
mit meinem Gastfreunde ber die Ernte und ber die Verhltnisse der
Nachbarn.

Natalie sprach uerst wenig.

Als wir in das Haus zurck gekommen waren, begaben wir uns, da das
Mittagsmahl nahe war, auf unsere Zimmer. Mein Gastfreund sagte mir
noch vorher, ich mge mich zum Mittagessen nicht umkleiden; es sei
dieses in seinem Hause selbst bei Besuchen von Fremden nicht Sitte,
und ich wrde nur auffallen.

Ich dankte ihm fr die Erinnerung.

Als ich, da die Hausglocke zwlf Uhr geschlagen hatte, in das
Speisezimmer hinunter gegangen war, fand ich in der Tat die
Gesellschaft nicht umgekleidet. Mein Gastfreund war in den Kleidern,
wie er sie alle Tage hatte, und die Frauen trugen die nehmlichen
Gewnder, in denen sie den Spaziergang gemacht hatten. Gustav und ich
waren wie gewhnlich.

Am oberen Ende des Tisches stand ein etwas grerer Stuhl und vor ihm
auf dem Tische ein Sto von Tellern. Mein Gastfreund fhrte, da ein
stummes Gebet verrichtet worden war, die Frau zu diesem Stuhle, den
sie sofort einnahm. Links von ihr sa mein Gastfreund, rechts ich,
neben meinem Gastfreunde Natalie und neben ihr Gustav. Mir fiel es
auf, da er die Frau als ersten Gast zu dem Platze mit den Tellern
gefhrt hatte, den in meiner Eltern Hause meine Mutter einnahm und
von dem aus sie vorlegte. Es mute aber hier so eingefhrt sein; denn
wirklich begann die Frau sofort die Teller der Reihe nach mit Suppe zu
fllen, die ein junges Aufwartemdchen an die Pltze trug.

Mich erfllte das mit groer Behaglichkeit. Es war mir, als wenn das
immer bisher gefehlt htte. Es war nun etwas wie eine Familie in
dieses Haus gekommen, welcher Umstand mir die Wohnung meiner Eltern
immer so lieb und angenehm gemacht hatte.

Das Essen war so einfach, wie es in allen Tagen gewesen war, die ich
in dem Rosenhause zugebracht hatte.

Die Gesprche waren klar und ernst, und mein Gastfreund fhrte sie mit
einer offenen Heiterkeit und Ruhe.

Nach dem Essen kam ein groer Korb, welchen Arabella, das
Dienstmdchen Mathildens, welches mit den Frauen gekommen war, welches
ich aber nicht mehr hatte aussteigen gesehen, herein gebracht hatte.
Auer dem Korbe wurde auch ein Pack in grauem Papiere und mit schnen
Schnren zugeschnrt gebracht und auf zwei Sessel gelegt, die an
der Wand standen. In dem Korbe befanden sich die Geschenke, welche
Mathilde den Leuten mitgebracht hatte und welche jetzt ausgepackt
waren. Ich sah, da diese Geschenkausteilung gebruchlich war und
fter vorkommen mute. Das Gesinde kam herein, und jede der Personen
erhielt etwas Geeignetes, sei es ein schwarzes seidnes Tuch fr ein
Mdchen oder eine Schrze oder ein Stoff auf ein Kleid, oder sei
es fr einen Mann eine Reihe Silberknpfe auf eine Weste oder eine
glnzende Schnalle auf das Hutband oder eine zierliche Geldtasche. Der
Grtner empfing etwas, das in sehr feine Metallbltter gewickelt war.
Ich vermutete, da es eine besondere Art von Schnupftabak sein msse.


Als schon alles ausgeteilt war, als sich schon alle auf das beste
bedankt und aus dem Zimmer entfernt hatten, wies Mathilde auf den
Pack, der noch immer auf den Sesseln lag, und sagte: Gustav, komme
her zu mir.

Der Jngling stand auf und ging um den Tisch herum zu ihr. Sie nahm
ihn freundlich bei der Hand und sagte: Was noch da liegt, gehrt dir.
Du hast mich schon lange darum gebeten, und ich habe es dir lange
versagen mssen, weil es noch nicht fr dich war. Es sind Goethes
Werke. Sie sind dein Eigentum. Vieles ist fr das reifere Alter, ja
fr das reifste. Du kannst die Wahl nicht treffen, nach welcher du
diese Bcher zur Hand nehmen oder auf sptere Tage aufsparen sollst.
Dein Ziehvater wird zu den vielen Wohltaten, die er dir erwies, auch
noch die fgen, da er fr dich whlt, und du wirst ihm in diesen
Dingen ebenso folgen, wie du ihm bisher gefolgt hast.

Gewi, liebe Mutter, werde ich es tun, gewi߫, sagte Gustav.

Die Bcher sind nicht neue und schn eingebundene, wie du vielleicht
erwartest, fuhr sie fort. Es sind dieselben Bcher Goethes, in
welchen ich in so mancher Nachtstunde und in so mancher Tagesstunde
mit Freude und mit Schmerzen gelesen habe und die mir oft Trost und
Ruhe zuzufhren geeignet waren. Es sind meine Bcher Goethes, die ich
dir gebe. Ich dachte, sie knnten dir lieber sein, wenn du auer dem
Inhalte die Hand deiner Mutter daran fndest, als etwa nur die des
Buchbinders und Druckers.

O lieber, viel lieber, teure Mutter, sind sie mir, antwortete
Gustav, ich kenne ja die Bcher, die mit dem feinen braunen Leder
gebunden sind, die feine Goldverzierung auf dem Rcken haben und in
der Goldverzierung die niedlichen Buchstaben tragen, die Bcher, in
denen ich dich so oft habe lesen gesehen, weshalb es auch kam, da ich
dich schon wiederholt um solche Bcher gebeten habe.

Ich dachte es, da sie dir lieber sind, sagte die Frau, und darum
habe ich sie dir gegeben. Da ich aber auch wohl noch gerne fr
den berrest meines Lebens ein Wort von diesem merkwrdigen Manne
vernehmen mchte, werde ich mir die Bcher neu kaufen, fr mich haben
die neuen die Bedeutung wie die alten. Du aber nimm die deinigen in
Empfang und bringe sie an den Ort, der dir dafr eingerumt ist.

Gustav kte ihr die Hand und legte seinen Arm wie in unbeholfener
Zrtlichkeit auf die Schulter ihres Gewandes. Er sprach aber kein
Wort, sondern ging zu den Bchern und begann, ihre Schnur zu lsen.

Als ihm dies gelungen war, als er die Bcher aus den Umschlagpapieren
gelst und in mehreren geblttert hatte, kam er pltzlich mit einem
in der Hand zu uns und sagte: Aber siehst du, Mutter, da sind manche
Zeilen mit einem feinen Bleistifte unterstrichen und mit demselben
feingespitzten Stifte sind Worte an den Rand geschrieben, die von
deiner Hand sind. Diese Dinge sind dein Eigentum, sie sind in den
neugekauften Bchern nicht enthalten, und ich darf dir dein Eigentum
nicht entziehen.

Ich gebe es dir aber, antwortete sie, ich gebe es dir am liebsten,
der du jetzt schon von mir entfernt bist und in Zukunft wahrscheinlich
noch viel weiter von mir entfernt leben wirst. Wenn du in den Bchern
liesest, so liesest du das Herz des Dichters und das Herz deiner
Mutter, welches, wenn es auch an Werte tief unter dem des Dichters
steht, fr dich den unvergleichlichen Vorzug hat, da es dein
Mutterherz ist. Wenn ich an Stellen lesen werde, die ich unterstrichen
habe, werde ich denken, hier erinnert er sich an seine Mutter,
und wenn meine Augen ber Bltter gehen werden, auf welche ich
Randbemerkungen niedergeschrieben habe, wird mir dein Auge
vorschweben, welches hier von dem Gedruckten zu dem Geschriebenen
sehen und die Schriftzge von Einer vor sich haben wird, die deine
beste Freundin auf der Erde ist. So werden die Bcher immer ein Band
zwischen uns sein, wo wir uns auch befinden. Deine Schwester Natalie
ist bei mir, sie hrt fter als du meine Worte, und ich hre auch oft
ihre liebe Stimme und sehe ihr freundliches Angesicht.

Nein, nein, Mutter, sagte Gustav, ich kann die Bcher nicht nehmen,
ich beraube dich und Natalie.

Natalie wird schon etwas anderes bekommen, antwortete die Mutter.
Da du mich nicht beraubst, habe ich dir schon erklrt, und es war
seit lngerer Zeit mein wohldurchdachter Wille, da ich dir diese
Bcher geben werde.

Gustav machte keine Einwendungen mehr. Er nahm ihre Rechte in seine
beiden Hnde, drckte sie, kte sie und ging dann wieder zu den
Bchern.

Als er alle ausgepackt hatte, holte er einen Diener und lie sie durch
ihn in seine Wohnung tragen.


Nach dem Essen war es im Plane, da wir uns zerstreuen sollten und
jeder sich nach seinem Sinne beschftige.

Ich hatte es whrend des Vorganges mit den Bchern nicht vermocht, auf
das Angesicht Nataliens zu schauen, was etwa in ihr vorgehen mge und
was sich in den Zgen spiegle. Ich mute mir nur denken, sie werde
von dem hchsten Beifalle ber die Handlung ihrer Mutter durchdrungen
sein. Als wir uns aber von dem Tische erhoben, als wir das stumme
Gebet gesprochen und uns wechselweise verneigt hatten, wobei ich meine
Augen immer nur auf meinen alten Gastfreund und auf die Frau gerichtet
hatte, und als wir uns jetzt anschickten, das Zimmer zu verlassen, und
Natalie den Arm Gustavs nahm und beide Geschwister sich umkehrten, um
der Tr zuzugehen, wagte ich es, den Blick zu dem Spiegel zu erheben,
in dem ich sie sehen mute. Ich sah aber fast nichts mehr als die vier
ganz gleichen schwarzen Augen sich in dem Spiegel umwenden.

Wir traten alle in das Freie.

Mein Gastfreund und die Frau begaben sich in eine Wirtschaftstube.

Natalie und Gustav gingen in den Garten, er zeigte ihr Verschiedenes,
das ihm etwa an dem Herzen lag oder worber er sich freute, und sie
nahm gewi den Anteil, den die Schwester an den Bestrebungen des
Bruders hat, den sie liebt, auch wenn sie die Bestrebungen nicht ganz
verstehen sollte und sie, wenn es auf sie allein ankme, nicht zu den
ihrigen machen wrde. So tut es ja auch Klotilde mit mir in meiner
Eltern Hause.

Ich stand an dem Eingange des Hauses und sah den beiden Geschwistern
nach, so lange ich sie sehen konnte. Einmal erblickte ich sie, wie sie
vorsichtig in ein Gebsch schauten. Ich dachte mir, er werde ihr ein
Vogelnest gezeigt haben und sie sehe mit Teilnahme auf die winzige
befiederte Familie. Ein anderes Mal standen sie bei Blumen und
schauten sie an. Endlich sah ich nichts mehr. Das lichte Gewand der
Schwester war unter den Bumen und Gestruchen verschwunden, manche
schimmernde Stellen wurden zuweilen noch sichtbar und dann nichts
mehr. Ich ging hierauf in meine Zimmer.

Mir war, als msse ich dieses Mdchen schon irgendwo gesehen haben;
aber da ich mich bisher viel mehr mit leblosen Gegenstnden oder
mit Pflanzen beschftigt hatte als mit Menschen, so hatte ich
keine Geschicklichkeit, Menschen zu beurteilen, ich konnte mir die
Gesichtszge derselben nicht zurecht legen, sie mir nicht einprgen
und sie nicht vergleichen; daher konnte ich auch nicht ergrnden, wo
ich Natalie schon einmal gesehen haben knnte.

Ich blieb den ganzen Nachmittag in meiner Wohnung.

Als die Hitze des Tages, welcher ganz heiter war, sich ein wenig
gemildert hatte, wurde ich aufgefordert, einen Spaziergang mit zu
machen. An demselben nahmen mein Gastfreund, Mathilde, Natalie,
Gustav und ich Teil. Wir gingen durch eine Strecke des Gartens. Mein
Gastfreund, Mathilde und ich bildeten eine Gruppe, da sie mich in
ihr Gesprch gezogen hatten, und wir gingen, wo es die Breite des
Sandweges zulie, neben einander. Die andere Gruppe bildeten Natalie
und Gustav, und sie gingen eine ziemliche Anzahl Schritte vor uns.
Unser Gesprch betraf den Garten und seine verschiedenen Bestandteile,
die sich zu einem angenehmen Aufenthalte wohltuend ablsten, es betraf
das Haus und manche Verzierungen darin, es erweiterte sich auf die
Fluren, auf denen wieder der Segen stand, der den Menschen abermals
um ein Jahr weiter helfen sollte, und es ging auf das Land ber,
auf manche gute Verhltnisse desselben und auf anderes, was der
Verbesserung bedrfte. Ich sah den zwei holen Gestalten nach, die
vor uns gingen. Gustav ist mir heute pltzlich als vllig erwachsen
erschienen. Ich sah ihn neben der Schwester gehen und sah, da er
grer sei als sie. Dieser Gedanke drngte sich mir mehrere Male auf.
War er aber auch grer, so war ihre Gestalt feiner und ihre Haltung
anmutiger. Gustav hatte wie sein Ziehvater nichts auf dem Haupte als
die Flle seiner dichten braunen Locken, und als Natalie den sanft
schattenden Strohhut, den sie wie ihre Mutter auf hatte, abgenommen
und an den Arm gehngt hatte, so zeigten ihre Locken genau die Farbe
wie die Gustavs, und wenn die Geschwister, die sich sehr zu lieben
schienen, sehr nahe an einander gingen, so war es von ferne, als she
man eine einzige braune, glnzende Haarflle und als teilen sich nur
unten die Gestalten.

Wir gingen bei der Pforte hinaus, die gegen den Meierhof fhrt, gingen
aber nicht in den Meierhof, sondern machten einen groen Bogen durch
die Felder und kamen dann schief ber den sdlichen Abhang des Hgels
wieder zu dem Hause hinauf.

Da die Tage sehr lang waren, so leuchtete noch die Abendrte, wenn
wir von unserem Abendessen, das pnktlich immer zur gleichen Zeit
sein mute, aufstanden. Wir gingen daher heute auch noch nach dem
Abendessen in den Garten. Wir gingen zu dem groen Kirschbaume empor.
Dort setzten wir uns auf das Bnklein. Mein Gastfreund und Mathilde
saen in der Mitte, so da ihre Angesichter gegen den Garten hinab
gerichtet waren. Links von meinem Gastfreunde sa ich, rechts von der
Mutter saen Natalie und Gustav. Die Lfte dunkelten immer mehr, ein
blasser Schein war ber die Wipfel des Gartens, der jetzt schwieg, und
ber das Dach des Hauses gebreitet. Das Gesprch war heiter und ruhig,
und die Kinder wendeten oft ihr Angesicht herber, um an dem Gesprche
Anteil zu nehmen und gelegentlich selber ein Wort zu reden.

Da sich der eine und der andere Stern an dem Himmel entzndete und
in den Tiefen der Gartengestruche schon die vllige Dunkelheit
herrschte, gingen wir in das Haus und in unsere Zimmer.

Ich war sehr traurig. Ich legte meinen Strohhut auf den Tisch, legte
meinen Rock ab und sah bei einem der offenen Fenster hinaus. Es war
heute nicht wie damals, da ich zum ersten Male in diesem Hause ber
dem Rosengitter aus dem offenen Fenster in die Nacht hinausgeschaut
hatte. Es standen nicht die Wolken am Himmel, die ihn nach Richtungen
durchzogen und ihm Gestaltung gaben, sondern es brannte bereits ber
dem ganzen Gewlbe der einfache und ruhige Sternenhimmel. Es ging kein
Duft der Rosen zu meiner Nachtherberge herauf, da sie noch in den
Knospen waren, sondern es zog die einsame Luft kaum fhlbar durch die
Fenster herein, ich war nicht von dem Verlangen belebt wie damals, das
Wesen und die Art meines Gastfreundes zu erforschen, dies lag entweder
aufgelst vor mir oder war nicht zu lsen. Das einzige war, da wieder
Getreide auerhalb des Sandplatzes vor den Rosen ruhig und unbewegt
stand; aber es war eine andere Gattung und es war nicht zu erwarten,
da es in der Nacht im Winde sich bewegen und am Morgen, wenn ich die
geklrten Augen ber die Gegend wendete, vor mir wogen wrde.

Als die Nacht schon sehr weit vorgerckt war, ging ich von dem Fenster
und obwohl ich jeden Abend gewohnt war, ehe ich mich zur Ruhe begab,
zu meinem Schpfer zu beten, so kniete ich doch jetzt vor dem
einfachen Tischlein hin und tat ein heies, inbrnstiges Gebet zu
Gott, dem ich alles und jedes, besonders mein Sein und mein Schicksal
und das Schicksal der Meinigen, anheim stellte.

Dann entkleidete ich mich, schlo die Schlsser meiner Zimmer ab und
begab mich zur Ruhe.

Als ich schon zum Entschlummern war, kam mir der Gedanke, ich wolle
nach Mathilden und ihren Verhltnissen eben so wenig eine Frage tun,
als ich sie nach meinem Gastfreunde getan habe.

Ich erwachte sehr zeitig; aber nach der Natur jener Jahreszeit war es
schon ganz licht, ein blauer, wolkenloser Himmel wlbte sich ber die
Hgel, das Getreide unter meinen Fen wogte wirklich nicht, sondern
es stand unbewegt, mit starkem Taue wie mit feurigen Funken angetan,
in der aufgehenden Sonne da.

Ich kleidete mich an, richtete meine Gedanken zu Gott und setzte mich
zu meiner Arbeit.

Nach geraumer Zeit hrte ich durch meine Fenster, welche ich bei
weiter fortschreitendem Morgen geffnet hatte, da auch am uersten
Ende des Hauses gegen Osten Fenster erklangen, welche geffnet wurden.
In jener Gegend wohnten die Frauen in den schnen, nach weiblicher Art
eingerichteten Gemchern. Ich ging zu meinem Fenster, schaute hinaus
und sah wirklich, da alle Fensterflgel an jenem Teile des Hauses
offen standen. Nach einer Zeit, da es bereits zur Stunde des
Frhmahles ging, hrte ich weibliche Schritte an meiner Tr vorber
der Marmortreppe zugehen, welche mit einem weichen Teppiche belegt
war. Ich hatte auch, obwohl sie gedmpft war, wahrscheinlich, um mich
nicht zu stren, Gustavs Stimme erkannt.

Ich ging nach einer kleinen Weile auch ber die Marmortreppe an dem
Marmorbilde der Muse vorber in das Speisezimmer hinunter.

Der Tag verging ungefhr wie der vorige, und so verflossen nach und
nach mehrere.

Die Ordnung des Hauses war durch die Ankunft der Frauen fast gar
nicht gestrt worden, nur da solche Vorrichtungen vorgenommen werden
muten, welche die Aufmerksamkeit fr die Frauen verlangte. Die
Unterrichts- und Lernstunden Gustavs wurden eingehalten wie frher,
und ebenso ging die Beschftigung meines Gastfreundes ihren Gang.
Mathilde beteiligte sich nach Frauenart an dem Hauswesen. Sie sah auf
das, was ihren Sohn betraf, und auf alles, was das husliche Wohl des
alten Mannes anging. Sie wurde gar nicht selten in der Kche gesehen,
wie sie mitten unter den Mgden stand und an den Arbeiten Teil nahm,
die da vorfielen. Sie begab sich auch gerne in die Speisekammer, in
den Keller oder an andere Orte, die wichtig waren. Sie sorgte fr die
Dinge, welche den Dienstleuten gehrten, insoferne sie sich auf ihre
Nahrung bezogen oder auf ihre Wohnung oder auf ihre Kleider und
Schlafstellen. Sie legte das Linnen, die Kleider und anderes Eigentum
des alten Herrn und ihres Sohnes zurecht und bewirkte, da, wo
Verbesserungen notwendig waren, dieselben eintreten knnten. Unter
diesen Dingen ging sie manches Mal des Tages auf den Sandplatz vor dem
Hause und betrachtete gleichsam wehmtig die Rosen, die an der Wand
des Hauses empor wuchsen. Natalie brachte viele Zeit mit Gustav zu.
Die Geschwister muten sich auerordentlich lieben. Er zeigte ihr alle
seine Bcher, namentlich die neu zu den alten hinzu gekommen waren,
er erklrte ihr, was er jetzt lerne, und suchte sie in dasselbe
einzuweihen, wenn sie es auch schon wute und frher die nehmlichen
Weg gegangen war. Wenn es die Umstnde mit sich brachten, schweiften
sie in deinem Garten herum und freuten sich all des Lebens, was in
demselben war, und freuten sich des gegenseitigen Lebens, das sich
an einander schmiegte und dessen sie sich kaum als eines gesonderten
bewut wurden. Die Zeit, welche alle frei hatten, brachten wir hufig
gemeinschaftlich mit einander zu. Wir gingen in den Garten oder saen
unter einem schattigen Baume oder machten einen Spaziergang oder waren
in dem Meierhofe. Ich vermochte nicht in die Gesprche so einzugehen,
wie ich es mit meinem Gastfreunde allein tat, und wenn auch Mathilde
recht freundlich mit mir sprach, so wurde ich fast immer noch stummer.


Die Rosen fingen an, sich stets mehr zu entwickeln, sehr viele waren
bereits aufgeblht und stndlich ffneten andere den sanften Kelch.
Wir gingen sehr oft hinaus und betrachteten die Zierde, und es
mute manchmal eine Leiter herbei, um irgend etwas Strendes oder
Unvollkommenes zu entfernen.

Die Mittage waren lieb und angenehm. Auch das, da Mathilde und
Natalie so fein und passend, wenn auch einfach angezogen waren, wie
ich es von meiner Mutter und Schwester gewohnt war, gab dem Mahle
einen gewissen Glanz, den ich frher vermit hatte. Die Vorhnge waren
gegen die unmittelbare Sonne jederzeit zu, und es war eine gebrochene
und sanfte Helle in dem Zimmer.

Die Abende nach dem Abendessen brachten wir immer im Freien zu, da
noch lauter schne Tage gewesen waren. Meistens saen wir bei dem
groen Kirschbaume oben, welches bei weitem der schnste Platz zu
einem Abendsitze war, obgleich er auch zu jeder andern Zeit, wenn die
Hitze nicht zu gro war, mit der grten Annehmlichkeit erfllte.
Mein Gastfreund fhrte die Gesprche klar und warm, und Mathilde
konnte ihm entsprechend antworten. Sie wurden mit einer Milde und
Einsicht gefhrt, da sie immer an sich zogen, da ich gerne meine
Aufmerksamkeit hin richtete und, wenn sie auch Gewhnliches betrafen,
etwas Neues und Eindringendes zu hren glaubte. Der alte Mann fhrte
dann die Frau im Sternenscheine oder bei dem schwachen Lichte der
schmalen Mondessichel, die jetzt immer deutlicher in dem Abendrote
schwamm, ber den Hgel in das Haus hinab, und die schlanken Gestalten
der Kinder gingen an den dunkeln Bschen dahin.

Das war alles so einfach, klar und natrlich, da es mir immer war,
die zwei Leute seien Eheleute und Besitzer dieses Anwesens, Gustav
und Natalie seien ihre Kinder, und ich sei ein Freund, der sie hier
in diesem abgeschiedenen Winkel der Welt besucht habe, wo sie den
stilleren Rest ihres Daseins in Unscheinbarkeit und Ruhe hinbringen
wollten.

Eines Tages wurde eine feierliche Mahlzeit in dem Speisezimmer
gehalten. Es war Eustach, dann der Hausaufseher, der alte Grtner
mit seiner Frau, der Verwalter des Meierhofes und die Haushlterin
Katharina geladen worden. Statt Katharinen mute ein anderes die
Herrschaft in der Kche fhren. Es mute, wie ich aus allem entnahm,
jedes Mal bei der Anwesenheit Mathildens die Sitte sein, ein solches
Gastmahl abzuhalten; die Leute fanden sich auf eine natrliche Art
in die Sache, und die Gesprche gingen mit einer Gemheit vor sich,
welche auf bung deutete. Mathilde konnte sie veranlassen, etwas zu
sagen, was pate und was daher dem Sprechenden ein Selbstgefhl gab,
das ihm den Aufenthalt in der Umgebung angenehm machte. Eustach
allein erhielt die Auszeichnung, da man das bei ihm nicht fr ntig
erachtete, er sprach daher auch weniger und nur in allgemeinen
Ausdrcken ber allgemeine Dinge. Er empfand, da er der hheren
Gesellschaft zugezhlt werde, wie ich es auch, da ich ihn nher kennen
gelernt hatte, ganz natrlich fand, whrend die anderen nicht merkten,
da man sie empor hebe. Der Grtner und seine Frau waren in ihrem
weien, reinlichen Anzuge ein sehr liebes greises Paar, welches auch
die anderen mit einer gewissen Auszeichnung behandelten. An Speisen
war eine etwas reichlichere Auswahl als gewhnlich, die Mnner bekamen
einen guten Gebirgswein zum Getrnke, fr die Frauen wurde ein ser
neben die Backwerke gestellt.

Da die Rosen immer mehr der Entfaltung entgegen gingen, wurden einmal
Sessel und Sthle in einem Halbkreise auf dem Sandplatze vor dem Hause
aufgestellt, so da die ffnung des Kreises gegen das Haus sah, und
ein langer Tisch wurde in die Mitte gestellt. Wir setzten uns auf die
Sessel, der Grtner Simon war gerufen worden, Eustach kam, und von den
Leuten und Gartenarbeitern konnte kommen, wer da wollte. Sie machten
auch Gebrauch davon.

Die Rosen wurden einer sehr genauen Beurteilung unterzogen. Man fragte
sich, welche die schnsten seien oder welche dem einen oder dem
anderen mehr gefielen. Die Aussprche erfolgten verschieden und jedes
suchte seine Meinung zu begrnden. Es lagen Druckwerke und Abbildungen
auf dem Tische, zu denen man dann seine Zuflucht nahm, ohne eben jedes
Mal ihrem Ausspruche beizupflichten. Man tat die Frage, ob man nicht
Bumchen versetzen solle, um eine schnere Mischung der Farben zu
erzielen. Der allgemeine Ausspruch ging dahin, da man es nicht tun
solle, es tte den Bumchen wehe, und wenn sie gro wren, knnten sie
sogar eingehen; eine zu ngstliche Zusammenstellung der Farben verrate
die Absicht und stre die Wirkung; eine reizende Zuflligkeit sei
doch das Angenehmste. Es wurde also beschlossen, die Bume stehen zu
lassen, wie sie standen. Man sprach sich nun ber die Eigenschaften
der verschiedenen Bumchen aus, man beurteilte ihre Trefflichkeit
an sich, ohne auf die Blumen Rcksicht zu nehmen, und oft wurde der
Grtner um Auskunft angerufen. ber die Gesundheit der Pflanzen und
ihre Pflege konnte kein Tadel ausgesprochen werden, sie waren heuer so
vortrefflich, wie sie alle Jahre vortrefflich gewesen waren. Auf den
Tisch wurden nun Erfrischungen gestellt und alle jene Vorrichtungen
ausgebreitet, die zu einem Vesperbrote notwendig sind. Aus den Reden
Mathildens sah ich, da sie mit allen hier befindlichen Rosenpflanzen
sehr vertraut sei und da sie selbst kleine Vernderungen bemerkte,
welche seit einem Jahre vorgegangen sind. Sie mute wohl Lieblinge
unter den Blumen haben, aber man erkannte, da sie allen ihre Neigung
in einem hohen Mae zugewendet habe. Ich schlo aus diesem Vorgange
wieder, welche Wichtigkeit diese Blumen fr dieses Haus haben.


Gegen Abend desselben Tages kam ein Besuch in das Rosenhaus. Es war
ein Mann, welcher in der Nhe eine bedeutende Besitzung hatte, die er
selber bewirtschaftete, obwohl er sich im Winter eine geraume Zeit
in der Stadt aufhielt. Er war von seiner Gattin und zwei Tchtern
begleitet, Sie waren auf der Rckfahrt von einem Besuche begriffen,
den sie in einem entfernteren Teile der Gegend gemacht hatten, und
waren wie sie sagten, zu dem Hause herauf gefahren, um zu sehen, ob
die Rosen schon blhten und um die gewhnliche Pracht zu bewundern.
Sie hatten im Sinne, am Abende wieder fort zu fahren, allein da die
Zeit schon so weit vorgerckt war, drang mein Gastfreund in sie,
die Nacht in seinem Hause zuzubringen, in welches Begehren sie
auch einwilligten. Die Pferde und der Wagen wurden in den Meierhof
gebracht, den Reisenden wurden Zimmer angewiesen.

Sie gingen aus denselben aber wieder sehr bald hervor, man begab sich
auf den Sandplatz vor dem Hause, und die Rosenschau wurde aufs neue
vorgenommen. Es waren zum Teile noch die Sthle vorhanden, die man
heute herausgetragen hatte, obwohl der Tisch schon weggerumt war. Die
Mutter setzte sich auf einen derselben und ntigte Mathilden, neben
ihr Platz zu nehmen. Die Mdchen gingen neben den Rosen hin, und man
redete viel von den Blumen und bewunderte sie.

Vor dem Abendessen wurde noch ein Gang durch den Garten und einen Teil
der Felder gemacht, dann begab sich alles auf seine Zimmer.

Da die Stunde zu dem Abendmahle geschlagen hatte, versammelte man sich
wieder in dem Speisesaale. Der Fremde und seine Begleiterinnen hatten
sich umgekleidet, der Mann erschien sogar im schwarzen Fracke,
die Frauen hatten einen Anzug, wie man ihn in der Stadt bei nicht
festlichen, aber freundschaftlichen Besuchen hat. Wir waren in unseren
gewhnlichen Kleidern. Aber gerade durch den Anzug der Fremden, an dem
sachgem nichts zu tadeln war, was ich recht gut beurteilen konnte,
weil ich solche Gewnder an meiner Mutter und Schwester oft sah
und auch oft Urteile darber hrte, wurden unsere Kleider nicht in
den Schatten gestellt, sondern sie taten eher denen der Fremden,
wenigstens in meinen Augen, Abbruch. Der geputzte Anzug erschien mir
auffallend und unnatrlich, whrend der andere einfach und zweckmig
war. Es gewann den Anschein, als ob Mathilde, Natalie, mein alter
Gastfreund und selbst Gustav bedeutende Menschen wren, indes jene
einige aus der groen Menge darstellten, wie sie sich berall
befinden.

Ich betrachtete whrend der Zeit des Essens und nachher, da wir
uns noch eine Weile in dem Speisezimmer aufhielten, sogar auch die
Schnheit der Mdchen. Die ltere von den beiden Tchtern der Fremden
- wenigstens mir erschien sie als die ltere - hie Julie. Sie hatte
braune Haare wie Natalie. Dieselben waren reich und waren schn um die
Stirne geordnet. Die Augen waren braun, gro und blickten mild. Die
Wangen waren fein und ebenmig, und der Mund war uerst sanft und
wohlwollend. Ihre Gestalt hatte sich neben den Rosen und auf dem
Spaziergange als schlank und edel, und ihre Bewegungen hatten sich als
natrliche und wrdevolle gezeigt. Es lag ein groer hinziehender Reiz
in ihrem Wesen. Die jngere, welche Appolonia hie, hatte gleichfalls
braune, aber lichtere Haare als die Schwester. Sie waren ebenso
reich und wo mglich noch schner geordnet. Die Stirne trat klar und
deutlich von ihnen ab, und unter derselben blickten zwei blaue Augen
nicht so gro wie die braunen der Schwester, aber noch einfacher,
gtevoller und treuer hervor. Diese Augen schienen von dem Vater zu
kommen, der sie auch blau hatte, whrend die der Mutter braun waren.
Die Wangen und der Mund erschienen noch feiner als bei der Schwester
und die Gestalt fast unmerkbar kleiner. War ihr Benehmen minder
anmutig als das der Schwester, so war es treuherziger und lieblicher.
Meine Freunde in der Stadt wrden gesagt haben, es seien zwei
hinreiende Wesen, und sie waren es auch. Natalie - ich wei nicht,
war ihre Schnheit unendlich grer oder war es ein anderes Wesen
in ihr, welches wirkte -, ich hatte aber dieses Wesen noch in einem
geringen Mae zu ergrnden vermocht, da sie sehr wenig zu mir
gesprochen hatte, ich hatte ihren Gang und ihre Bewegungen nicht
beurteilen knnen, da ich mir nicht den Mut nahm, sie zu beobachten,
wie man eine Zeichnung beobachtet - aber sie war neben diesen zwei
Mdchen weit hher, wahr, klar und schn, da jeder Vergleich
aufhrte. Wenn es wahr ist, da Mdchen bezaubernd wirken knnen, so
konnten die zwei Schwestern bezaubern; aber um Natalie war etwas wie
ein tiefes Glck verbreitet.

Mathilde und mein Gastfreund schienen diese Familie sehr zu lieben und
zu achten, das zeigte das Benehmen gegen sie.

Die Mutter der zwei Mdchen schien ungefhr vierzig Jahre alt zu sein.
Sie hatte noch alle Frische und Gesundheit einer schnen Frau, deren
Gestalt nur etwas zu voll war, als da sie zu einem Gegenstande der
Zeichnung htte dienen knnen, wie man wenigstens in Zeichnungen gerne
schne Frauen vorstellt. Ihr Gesprch und ihr Benehmen zeigte, da sie
in der Welt zu dem sogenannten vorzglicheren Umgang gehre. Der Vater
schien ein kenntnisvoller Mann zu sein, der mit dem Benehmen der
feineren Stnde der Stadt die Einfachheit der Erfahrung und die Gte
eines Landwirtes verband, auf den die Natur einen sanften Einflu
bte. Ich hrte seiner Rede gerne zu. Mathilde erschien bedeutend
lter als die Mutter der zwei Mdchen, sie schien einstens wie Natalie
gewesen zu sein, war aber jetzt ein Bild der Ruhe und, ich mchte
sagen, der Vergebung. Ich wei nicht, warum mir in den Tagen dieser
Ausdruck schon mehrere Male einfiel. Sie sprach von den Gegenstnden,
welche von den Besuchenden vorgebracht wurden, brachte aber nie ihre
eigenen Gegenstnde zum Gesprche. Sie sprach mit Einfachheit, ohne
von den Gegenstnden beherrscht zu werden und ohne die Gegenstnde
ausschlielich beherrschen zu wollen. Mein Gastfreund ging in die
Ansichten seines Gutsnachbars ein und redete in der ihm eigentmlichen
klaren Weise, wobei er aber auch die Hflichkeit beging, den Gast die
Gegenstnde des Gesprches whlen zu lassen.

So saen diese zwei Abteilungen von Menschen an demselben Tische und
bewegten sich in demselben Zimmer, wirklich zwei Abteilungen von
Menschen.

Daraus, da sie gerade zur Rosenblte herauf gefahren waren, erkannte
ich, da die Nachbarn meines Gastfreundes nicht blo um seine Vorliebe
fr diese Blumen wuten, sondern da sie etwa auch Anteil daran
nahmen.

Es wurde nach dem Essen nicht mehr ein Spaziergang gemacht, wie in
diesen Tagen, sondern man blieb in Gesprchen bei einander und ging
spter, als es sonst in diesem Hause gebruchlich war, zur Ruhe.

Am anderen Morgen wurde das Frhmahl in dem Garten eingenommen, und
nachdem man sich noch eine Weile in dem Gewchshause aufgehalten
hatte, fuhren die Gste mit der wiederholt vorgebrachten Bitte fort,
sie doch auch recht bald auf ihrem Gute zu besuchen, was zugesagt
wurde.

Nach dieser Unterbrechung gingen die Tage auf dem Rosenhause dahin,
wie sie seit der Ankunft der Frauen dahin gegangen waren. Die Zeit,
welche jedes frei hatte, brachten wir wieder fter gemeinschaftlich
zu. Ich wurde nicht selten in diesen Zeiten ausdrcklich zur
Gesellschaft geladen. Natalie hatte auch ihre Lernstunden, welche sie
gewissenhaft hielt. Gustav sagte mir, da sie jetzt Spanisch lerne und
spanische Bcher mit hieher gebracht habe. Ich hatte doch den Raum,
welchen man mir in dem sogenannten Steinhause eingerumt hatte,
benutzt und hatte mehrere meiner Gegenstnde dort hingebracht. Gustav
las bereits in den Bchern von Goethe. Sein Ziehvater hatte ihm
Hermann und Dorothea ausgewhlt und ihm gesagt, er solle das Werk so
genau und sorgfltig lesen, da er jeden Vers vllig verstehe, und wo
ihm etwas dunkel sei, dort solle er fragen. Mir war es rhrend, da
die Bcher alle in Gustavs Zimmer aufgestellt waren und da man das
Zutrauen hatte, da er kein anderes lesen werde, als welches ihm von
dem Ziehvater bezeichnet worden sei. Ich kam oft zu ihm, und wenn ich
nach der Kenntnis, die ich bereits von seinem Wesen gewonnen hatte,
nicht gewut htte, da er sein Versprechen halten werde, so htte ich
mich durch meine Besuche von dieser Tatsache berzeugt. Mathilde und
Natalie standen oft dabei, wenn mein Gastfreund fr seine gefiederten
Gste auf der Ftterungstenne Krner streute, und nicht selten, wenn
ich des Morgens von einem Gange durch den Garten zurckkam, sah
ich, da bei der Ftterung in dem Eckzimmer, an dessen Fenstern die
Ftterungsbrettchen angebracht waren, eine schne Hand ttig sei, die
ich fr Nataliens erkannte. Wir besuchten manchmal die Nester, in
welchen noch gebrtet wurde oder sich Junge befanden. Die meisten
aber waren schon leer, und die Nachkommenschaft wohnte bereits in
den Zweigen der Bume. Oft befanden wir uns in dem Schreinerhause,
sprachen mit den Leuten, betrachteten die Fortschritte der Arbeit und
redeten darber.

Wir besuchten sogar auch Nachbarn und sahen uns in ihrer
Wirtschaftlichkeit um. Wenn wir in dem Hause waren, befanden wir uns
in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes, es wurde etwas gelesen, oder
es wurde ein geistansprechender Versuch in dem Zimmer der Naturlehre
gemacht, oder wir waren in dem Bilderzimmer oder in dem Marmorsaale.
Mein Gastfreund mute oft seine Kunst ausben und das Wetter
voraussagen. Immer, wenn er eine bestimmte Aussage machte, traf sie
ein. Oft verweigerte er aber diese Aussage, weil, wie er erklrte, die
Anzeigen nicht deutlich und verstndlich genug fr ihn seien.

Zuweilen waren wir auch in den Zimmern der Frauen. Wir kamen dahin,
wenn wir dazu geladen waren. Das kleine letzte Zimmerchen mit der
Tapetentr gehrte insbesondere Mathilden. Ich hatte es Rosenzimmer
genannt, und es wurde scherzweise der Name beibehalten. Mir war es
ein anmutiger Eindruck, da ich sah, wie liebend und wie hold dieses
Zimmer fr die alte Frau eingerichtet worden war. Es herrschte eine
zusammenstimmende Ruhe in diesem Zimmer mit den sanften Farben
Blarot, Weigrau, Grn, Mattveilchenblau und Gold. In all das sah die
Landschaft mit den lieblichen Gestalten der Hochgebirge herein.

Mathilde sa gerne auf dem eigentmlichen Sessel am Fenster und sah
mit ihrem schnen Angesichte hinaus, dessen Art mein Gastfreund einmal
mit einer welkenden Rose verglichen hatte.

In den Zimmern las zuweilen Natalie etwas vor, wenn mein Gastfreund es
verlangte. Sonst wurde gesprochen. Ich sah auf ihrem Tische Papiere in
schner Ordnung und neben ihnen Bcher liegen. Ich konnte es nie ber
mich bringen, auch nur auf die Aufschrift dieser Bcher zu sehen, viel
weniger gar eines zu nehmen und hinein zu schauen. Es taten dies auch
andere nie. An dem Fenster stand ein verhllter Rahmen, an dem sie
vielleicht etwas arbeitete; aber sie zeigte nichts davon. Gustav,
wahrscheinlich aus Neigung zu mir, um mich mit den schnen Dingen zu
erfreuen, die seine Schwester verfertigte, ging sie wiederholt darum
an. Sie lehnte es aber jedes Mal auf eine einfache Art ab. Ich hatte
einmal in einer Nacht, da meine Fenster offen waren, Zithertne
vernommen. Ich kannte dieses Musikgert des Gebirges sehr gut, ich
hatte es bei meinen Wanderungen sehr oft und von den verschiedensten
Hnden spielen gehrt, und hatte mein Ohr fr seine Klnge und
Unterschiede zu bilden gesucht. Ich ging an das Fenster und hrte zu.
Es waren zwei Zithern, die im stlichen Flgel des Hauses abwechselnd
gegen einander und mit einander spielten. Wer bung im Hren dieser
Klnge hat, merkt es gleich, ob auf derselben Zither oder auf
verschiedenen, und von denselben Hnden oder verschiedenen gespielt
wird. In den Gemchern der Frauen sah ich spter die zwei Zithern
liegen. Es wurde aber in unserer Gegenwart nie darauf gespielt. Mein
Gastfreund verlangte es nicht, ich ohnehin nicht, und in dieser
Angelegenheit beobachtete auch Gustav eine feste Enthaltung.


Indessen war nach und nach die Zeit herangerckt, in welcher die Rosen
in der allerschnsten Blte standen. Das Wetter war sehr gnstig
gewesen. Einige leichte Regen, welche mein Gastfreund vorausgesagt
hatte, waren dem Gedeihen bei weitem frderlicher gewesen, als es
fortdauernd schnes Wetter htte tun knnen. Sie khlten die Luft von
zu groer Hitze zu angenehmer Milde herab und wuschen Blatt, Blume und
Stengel viel reiner von dem Staube, der selbst in weit von der Strae
entfernten und mitten in Feldern gelegenen Orten doch nach lange
andauerndem schnem Wetter sich auf Dchern, Mauern, Zunen, Blttern
und Halmen sammelt, als es die Sprhregen, die mein Gastfreund ein
paar Male durch seine Vorrichtung unter dem Dache auf die Rosen hatte
ergehen lassen, zu tun im Stande gewesen waren. Unter dem klarsten,
schnsten und tiefsten Blau des Himmels standen nun eines Tages
Tausende von den Blumen offen, es schien, da keine einzige Knospe im
Rckstande geblieben und nicht aufgegangen ist. In ihrer Farbe von dem
reinsten Wei in gelbliches Wei, in Gelb, in blasses Rot, in feuriges
Rosenrot, in Purpur, in Veilchenrot, in Schwarzrot zogen sie an der
Flche dahin, da man bei lebendiger Anschauung versucht wurde, jenen
alten Vlkern Recht zu geben, die die Rosen fast gttlich verehrten
und bei ihren Freuden und Festen sich mit diesen Blumen bekrnzten.
Man war tglich, teils einzeln, teils zusammen, zu dem Rosengitter
gekommen, um die Fortschritte zu betrachten, man hatte gelegentlich
auch andere Rosenteile und Rosenanlagen in dem Garten besucht;
allein an diesem Tage erklrte man einmtig, jetzt sei die Blte am
schnsten, schner vermge sie nicht mehr zu werden und von jetzt an
msse sie abzunehmen beginnen. Dies hatte man zwar auch schon einige
Tage frher gesagt; jetzt aber glaubte man sich nicht mehr zu irren,
jetzt glaubte man auf dem Gipfel angelangt zu sein.

So weit ich mich auf das vergangene Jahr zu erinnern vermochte, in
welchem ich auch diese Blumen in ihrer Blte angetroffen hatte, waren
sie jetzt schner als damals.

Es kamen wiederholt Besuche an, die Rosen zu sehen. Die Liebe zu
diesen Blumen, welche in dem Rosenhause herrschte, und die zweckmige
Pflege, welche sie da erhielten, war in der Nachbarschaft bekannt
geworden, und da kamen manche, welche sich wirklich an dem
ungewhnlichen Ergebnisse dieser Zucht ergtzen wollten, und andere,
die dem Besitzer etwas Angenehmes erzeigen wollten, und wieder
andere, die nichts Besseres zu tun wuten, als nachzuahmen, was
ihre Umgebung tat. Alle diese Arten waren nicht schwer von einander
zu unterscheiden. Die Behandlung derselben war von Seite meines
Gastfreundes so fein, da ich es nicht von ihm vermutet hatte und da
ich diese Eigenschaft an ihm erst jetzt, wo ich ihn unter Menschen
beobachten konnte, entdeckte.

Auch Bauern kamen zu verschiedenen Zeiten und baten, da sie die Rosen
anschauen drfen. Nicht nur die Rosen wurden ihnen gezeigt, sondern
auch alles andere im Hause und Garten, was sie zu sehen wnschten,
besonders aber der Meierhof, insoferne sie ihn nicht kannten oder
ihnen die letzten Vernderungen in demselben neu waren.

Eines Tages kam auch der Pfarrer von Rohrberg, den ich bei meinem
vorjhrigen Besuche in dem Rosenhause getroffen hatte. Er zeichnete
sich einige Rosen in ein Buch, das er mitgebracht hatte, und wendete
sogar Wasserfarben an, um die Farben der Blumen so getreu, als nur
immer mglich ist, nachzuahmen. Die Zeichnung aber sollte keine
Kunstabbildung von Blumen sein, sondern er wollte sich nur solche
Blumen anmerken und von ihnen den Eindruck aufbewahren, deren Art er
in seinen Garten zu verpflanzen wnschte. Es bestand nehmlich schon
seit lange her zwischen meinem Gastfreunde und dem Pfarrer das
Verhltnis, da mein Gastfreund dem Pfarrer Pflanzen gab, womit
dieser seinen Garten zieren wollte, den er teils neu um das Pfarrhaus
angelegt, teils erweitert hatte.

Unter allen aber schien Mathilde die Rosen am meisten zu lieben. Sie
mute berhaupt die Blumen sehr lieben; denn auf den Blumentischen in
ihren Zimmern standen stets die schnsten und frischesten des Gartens,
auch wurde gerne auf dem Tische, an welchem wir speisten, eine Gruppe
von Gartentpfen mit ihren Blumen zusammengestellt. Abgebrochen oder
abgeschnitten und in Glser mit Wasser gestellt durften in diesem
Hause keine Blumen werden, auer sie waren welk, so da man sie
entfernen mute. Den Rosen aber wendete sie ihr meistes Augenmerk zu.
Nicht nur ging sie zu denen, welche im Garten in Struchen, Bumchen
und Gruppen standen, und bekmmerte sich um ihre Hegung und Pflege,
sondern sie besuchte auch ganz allein, wie ich schon frher bemerkt
hatte, die, welche an der Wand des Hauses blhten. Oft stand sie lange
davor und betrachtete sie. Zuweilen holte sie sich einen Schemel,
stieg auf ihn und ordnete in den Zweigen. Sie nahm entweder ein welkes
Laubblatt ab, das den Blicken der andern entgangen war, oder bog eine
Blume heraus, die am vollkommenen Aufblhen gehindert war, oder las
ein Kferchen ab oder lftete die Zweige, wo sie sich zu dicht und zu
buschig gedrngt hatten. Zuweilen blieb sie auf dem Schemel stehen,
lie die Hand sinken und betrachtete wie im Sinnen die vor ihr
ausgebreiteten Gewchse.

Wirklich war der Tag, den man als den schnsten der Rosenblte
bezeichnet hatte, auch der schnste gewesen. Von ihm an begann sie
abzunehmen, und die Blumen fingen an zu welken, so da man fter die
Leiter und die Schere zur Hand nehmen mute, um Verunzierungen zu
beseitigen.

Auch zwei fremde Reisende waren in das Rosenhaus gekommen, welche
sich eine Nacht und einen Teil des darauf folgenden Vormittages in
demselben aufgehalten hatten. Sie hatten den Garten, die Felder und
den Meierhof besehen. In seine Zimmer und in die Schreinerei hatte sie
mein Gastfreund nicht gefhrt, woraus ich die mir angenehme Bemerkung
zog, da er mir bei meiner ersten Ankunft in seinem Hause eine
Bevorzugung gab, die nicht jedem zu Teil wurde, da ich also eine Art
Zuneigung bei ihm gefunden haben mute.

Gegen das Ende der Rosenblte kam Eustachs Bruder Roland in das Haus.
Da er sich mehrere Tage in demselben aufhielt, fand ich Gelegenheit,
ihn genauer zu beobachten. Er hatte noch nicht die Bildung seines
Bruders, auch nicht dessen Biegsamkeit; aber er schien mehr Kraft zu
besitzen, die seinen Beschftigungen einen wirksamen Erfolg versprach.
Was mir auffiel, war, da er mehrere Male seine dunkeln Augen lnger
auf Natalien heftete, als mir schicklich erscheinen wollte. Er hatte
eine Reihe von Zeichnungen gebracht und wollte noch einen entfernteren
Teil des Landes besuchen, ehe er wiederkehrte, um den Stoff vollkommen
zu ordnen.


Ehe Mathilde und Natalie das Rosenhaus verlieen, mute noch der
versprochene Besuch auf dem Gute des Nachbars, welches Ingheim hie
und von dem Volke nicht selten der Inghof genannt wurde, gemacht
werden. Es wurde hingeschickt und ein Tag genannt, an dem man kommen
wollte, welcher auch angenommen wurde. Am Morgen dieses Tages wurden
die braunen Pferde, mit denen Mathilde gekommen war und die sie die
Zeit ber in dem Meierhofe gelassen hatte, vor den Wagen gespannt,
der die Frauen gebracht hatte, und Mathilde und Natalie setzten sich
hinein. Mein Gastfreund, Gustav und ich, der ich eigens in die Bitte
des Gegenbesuchs eingeschlossen worden war, stiegen in einen anderen
Wagen, der mit zwei sehr schnen Grauschimmeln meines Gastfreundes
bespannt war. Eine rasche Fahrt von einer Stunde brachte uns an den
Ort unserer Bestimmung. Ingheim ist ein Schlo, oder eigentlich sind
zwei Schlsser da, welche noch von mehreren anderen Gebuden umgeben
sind. Das alte Schlo war einmal befestigt. Die grauen, aus groen
viereckigen Steinen erbauten runden Trme stehen noch, ebenso die
graue aus gleichen Steinen erbaute Mauer zwischen den Trmen.
Beide Teile beginnen aber oben zu verfallen. Hinter den Trmen und
Mauern steht das alte, unbewohnte, ebenfalls graue Haus, scheinbar
unversehrt; aber von den mit Brettern verschlagenen Fenstern schaut
die Unbewohntheit und Ungastlichkeit herab. Vor diesen Werken des
Altertums steht das neue weie Haus, welches mit seinen grnen
Fensterlden und dem roten Ziegeldache sehr einladend aussieht. Wenn
man von der Ferne kmmt, meint man, es sei unmittelbar an das alte
Schlo angebaut, welches hinter ihm emporragt. Wenn man aber in dem
Hause selber ist und hinter dasselbe geht, so sieht man, da das alte
Gemuer noch ziemlich weit zurck ist, da es auf einem Felsen steht
und da es durch einen breiten, mit einem Obstbaumwald bedeckten
Graben von dem neuen Hause getrennt ist. Auch kann man in der Ferne
wegen der ungewhnlichen Gre des alten Schlosses die Gerumigkeit
des neuen Hauses nicht ermessen. Sobald man sich aber in demselben
befindet, so erkennt man, da es eine bedeutende Rumlichkeit habe und
nicht blo fr das Unterkommen der Familie gesorgt ist, sondern auch
eine ziemliche Zahl von Gsten noch keine Ungelegenheit bereitet. Ich
hatte wohl den Namen des Schlosses fter gehrt, dasselbe aber nie
gesehen. Es liegt so abseits von den gewhnlichen Wegen und ist durch
einen groen Hgel so gedeckt, da es von Reisenden, welche durch
diese Gegend gewhnlich den Gebirgen zugehen, nicht gesehen werden
kann. Als wir uns nherten, entwickelten sich die mehreren Bauwerke.
Zuerst kamen wir zu den Wirtschaftsgebuden oder der sogenannten
Meierei. Dieselben standen, wie es bei vielen Besitzungen in unserem
Lande der Brauch ist, ziemlich weit entfernt von dem Wohnhause und
bildeten eine eigene Abteilung. Von da fhrte der Weg durch eine Allee
uralter groer Linden eine Strecke gegen das neue Haus. Die Allee ist
ein Bruchstck von derjenigen, die einmal gegen die Zugbrcke des
alten Schlosses hinauf gefhrt hatte; sie brach daher ab, und wir
fuhren die brige Strecke durch schnen grnen Rasen, der mit
einzelnen Blumenhgeln geschmckt war, dem Hause zu. Dasselbe war von
weilich grauer Farbe und hatte sulenartige Streifen und Friese. Alle
Fenster, soweit die geffneten Lden eine Einsicht zulieen, zeigten
von Innen schwere Vorhnge. Als der Wagen der Frauen unter dem
berdache der Vorfahrt hielt, stand schon der Herr von Ingheim
sammt seiner Gattin und seinen Tchtern am Ende der Treppe zur
Bewillkommnung. Sie waren alle mit Geschmack gekleidet, sowie die
Dienerschaft, die hinter ihnen stand, in Festkleidern war. Der
Herr half den Frauen aus dem Wagen, und da wir mittlerweile auch
ausgestiegen und herzugekommen waren, wurden wir von der ganzen
Familie begrt und die Treppe hinauf geleitet.

Man fhrte uns in ein groes Empfangszimmer und wies uns Pltze an.
Mathilde und Natalie hatten zwar festlichere Kleider an, als sie im
Rosenhause trugen, aber dieselben, so edel der Stoff war, zeigten doch
keine bermige Verzierung oder gar berladung. Mein Gastfreund,
Gustav und ich waren gekleidet, wie man es zu lndlichen Besuchen zu
sein pflegt. So lieen wir uns in die prachtvollen Polster, die hier
berall ausgelegt waren, nieder. Auf einem Tische, ber den ein
schner Teppich gebreitet war, standen Erfrischungen verschiedener
Art. Andere Tische, die noch in dem Zimmer standen, waren unbedeckt.
Die Gerte waren von Mahagoniholz und schienen aus der ersten
Werksttte der Stadt zu stammen. Ebenso waren die Spiegel, die
Kronleuchter und andere Dinge des Zimmers. Eine Ecke an einem Fenster
nahm ein sehr schnes Clavier ein. Die ersten Gesprche betrafen die
gewhnlichen Dinge ber Wohlbefinden, ber Wetter, ber Gedeihen
der Feld- und Gartengewchse. Die Mnner nannten sich wechselweise
Nachbar, die Frauen benannten sich gar nicht.

Als man etwas Weniges von den dastehenden Speisen genommen hatte,
erhob man sich, und wir gingen durch die Zimmer. Es war eine Reihe,
deren Fenster grtenteils gegen Mittag auf die Landschaft hinaus
gingen. Alle waren sehr schn nach neuer Art eingerichtet, besonders
reich waren die Palisandergerte im Empfangszimmer der Frau, in
welchem, so wie in dem Arbeitszimmer der Mdchen, wieder Claviere
standen. Der Herr des Hauses fhrte besonders mich in den Rumen
herum, dem sie noch fremd waren. Die brige Gesellschaft folgte uns
gelegentlich in das eine oder andere Gemach.

Aus den Zimmern ging man in den Garten. Derselbe war wie viele
wohlgehaltene und schne Grten in der Nhe der Stadt. Schne
Sandgnge, grne ausgeschnittene Rasenpltze mit Blumenstcken,
Gruppen von Zier- und Waldgebschen, ein Gewchshaus mit
Camellien, Rhododendren, Azaleen, Eriken, Calceolarien und vielen
neuhollndischen Pflanzen, endlich Ruhebnke und Tische an geeigneten
schattigen Stellen. Der Obstgarten als Ntzlichkeitsstck war nicht
bei dem Wohnhause, sondern hinter dem Meierhofe.

Von dem Garten gingen wir, wie es bei lndlichen Besuchen zu geschehen
pflegt, in die Meierei. Wir gingen durch die Reihen der glatten
Rinder, die meistens wei gestirnt waren, wir besahen die Schafe, die
Pferde, das Geflgel, die Milchkammer, die Ksebereitung, die Brauerei
und hnliche Dinge. Hinter den Scheuern trafen wir den Gemsegarten
und den sehr weitlufigen Obstgarten an. Von diesen gingen wir in die
wohlbestellten Felder und in die Wiesen. Der Wald, welcher zu der
Besitzung gehrt, wurde mir in der Ferne gezeigt.

Nachdem wir unsern ziemlich bedeutenden Spaziergang beendigt hatten,
wurden wir in eine ebenerdige groe Speisehalle gefhrt, in welcher
der Mittagtisch gedeckt war. Ein einfaches, aber ausgesuchtes Mahl
wurde aufgetragen, wobei die Dienerschaft hinter unseren Sthlen
stehend bediente. Hatte sich die Familie Ingheim schon bei dem Besuche
auf dem Rosenhause als unter die gebildeten gehrig gezeigt, so war
dies bei unserem Empfange in ihrem eigenen Hause wieder der Fall.
Sowohl bei Vater und Mutter als auch bei den Mdchen war Einfachheit,
Ruhe und Bescheidenheit. Die Gesprche bewegten sich um mehrere
Gegenstnde, sie rissen sich nicht einseitig nach einer gewissen
Richtung hin, sondern schmiegten sich mit Ma der Gesellschaft an.
Einen Teil der Zeit nach dem Mittagessen brachten wir in den Zimmern
des ersten Stockwerkes zu. Es wurde Musik gemacht, und zwar Clavier
und Gesang. Zuerst spielte die Mutter etwas, dann beide Mdchen
allein, dann zusammen. Jedes der Mdchen sang auch ein Lied. Natalie
sa in den seidenen Polstern und hrte aufmerksam zu. Als man sie aber
aufforderte, auch zu spielen, verweigerte sie es.

Gegen Abend fuhren wir wieder in das Rosenhaus zurck.

Als Gustav aus unserem Wagen gesprungen war, als mein Gastfreund und
ich denselben verlassen hatten, und ich die edle, schlanke Gestalt
Nataliens gegen die Marmortreppe hinzu gehen sah, blieb ich ein
Weilchen stehen und begab mich dann auch in meine Zimmer, wo ich bis
zum Abendessen blieb.

Dieses war wie gewhnlich, man machte aber nach demselben an diesem
Tage keinen Spaziergang mehr.

Ich ging in mein Schlafzimmer, ffnete die Fenster, die man trotz des
warmen Tages, weil ich abwesend gewesen war, geschlossen gehalten
hatte, und lehnte mich hinaus. Die Sterne begannen sachte zu glnzen,
die Luft war mild und ruhig und die Rosendfte zogen zu mir herauf.
Ich geriet in tiefes Sinnen. Es war mir wie im Traume, die Stille der
Nacht und die Dfte der Rosen mahnten an Vergangenes; aber es war doch
heute ganz anders.

Nach diesem Besuche auf dem Inghofe folgten mehrere Regentage, und
als diese beendigt waren und wieder dem Sonnenscheine Platz machten,
war auch die Zeit heran genaht, in welcher Mathilde und Natalie das
Rosenhaus verlassen sollten. Es war schon Mehreres gepackt worden, und
darunter sah ich auch die beiden Zithern, die man in sammtene Fcher
tat, welche ihrerseits wieder in lederne Behltnisse gesteckt wurden.

Endlich war der Tag der Abreise festgesetzt worden.

Am Abende vorher war schon das Hauptschlichste, was mitgenommen
werden sollte, in den Wagen geschafft, und die Frauen hatten
am Nachmittage in mehreren Stellen Abschied genommen: bei den
Grtnerleuten, in der Schreinerei und im Meierhofe.

Am andern Morgen erschienen sie bei dem Frhmahle in Reisekleidern,
whrend noch Arabella, das Dienstmdchen Mathildens, diejenigen
Sachen, die bis zu dem letzten Augenblicke im Gebrauch gewesen waren,
in den Wagen packte.

Nach dem Frhmahle, als die Frauen schon die Reisehte aufhatten,
sagte Mathilde zu meinem Gastfreunde:

Ich danke dir, Gustav, lebe wohl, und komme bald in den Sternenhof.

Lebe wohl, Mathilde, sagte mein Gastfreund.

Die zwei alten Leute kten sich wieder auf die Lippen, wie sie es bei
der Ankunft Mathildens getan hatten.

Lebe wohl, Natalie, sagte er dann zu dem Mdchen.

Dasselbe erwiderte nur leise die Worte: Dank fr alle Gte.

Mathilde sagte zu dem Knaben: Sei folgsam und nimm dir deinen
Ziehvater zum Vorbilde.

Der Knabe kte ihr die Hand.

Dann, zu mir gewendet, sprach sie: Habet Dank fr die freundlichen
Stunden, die ihr uns in diesem Hause gewidmet habt. Der Besitzer wird
euch fr euren Besuch wohl schon danken. Bleibt meinem Knaben gut, wie
ihr es bisher gewesen seid, und lat euch seine Anhnglichkeit nicht
leid tun. Wenn es eure schne Wissenschaft zult, so seid unter
denen, die von diesem Hause aus den Sternenhof besuchen werden. Eure
Ankunft wird dort sehr willkommen sein.

Den Dank mu wohl ich zurckgeben fr alle die Gte, welche mir
von euch und von dem Besitzer dieses Hauses zu Teil geworden ist,
erwiderte ich. Wenn Gustav einige Zuneigung zu mir hat, so ist
wohl die Gte seines Herzens die Ursache, und wenn ihr mich von
dem Sternenhofe nicht zurck weiset, so werde ich gewi unter den
Besuchenden sein.

Ich empfand, da ich mich auch von Natalien verabschieden sollte; ich
vermochte aber nicht, etwas zu sagen, und verbeugte mich nur stumm.
Sie erwiderte diese Verbeugung ebenfalls stumm.

Hierauf verlie man das Haus und ging auf den Sandplatz hinaus.
Die braunen Pferde standen mit dem Wagen schon vor dem Gitter. Die
Hausdienerschaft war herbei gekommen, Eustach mit seinen Arbeitern
stand da, der Grtner mit seinen Leuten und seiner Frau und der Meier
mit dem Groknechte aus dem Meierhofe waren ebenfalls gekommen.

Ich danke euch recht schn, liebe Leute, sagte Mathilde, ich danke
euch fr eure Freundschaft und Gte, seid fr euren Herrn treu und
gut. Du, Katharina, sehe auf ihn und Gustav, da keinem ein Ungemach
zustt.

Ich wei, ich wei߫ fuhr sie fort, als sie sah, da Katharina reden
wollte, du tust Alles, was in deinen Krften ist, und noch mehr, als
in deinen Krften ist; aber es liegt schon so in dem Menschen, da er
um Erfllung seiner Herzenswnsche bittet, wenn er auch wei, da sie
ohnehin erfllt werden, ja da sie schon erfllt worden sind.

Kommt recht gut nach Hause, sagte Katharina, indem sie Mathilden die
Hand kte und sich mit dem Zipfel ihrer Schrze die Augen trocknete.

Alle drngten sich herzu und nahmen Abschied. Mathilde hatte fr
ein jedes liebe Worte. Auch von Natalien beurlaubte man sich, die
gleichfalls freundlich dankte.

Eustach, verget den Sternenhof nicht ganz, sagte Mathilde zu diesem
gewendet, besucht uns mit den anderen. Ich will nicht sagen, da euch
auch die Dinge dort notwendig haben knnten, ihr sollt unsertwegen
kommen.

Ich werde kommen, hochverehrte Frau, erwiderte Eustach.

Nun sprach sie noch einige Worte zu dem Grtner und seiner Frau und zu
dem Meier, worauf die Leute ein wenig zurck traten.

Sei gut, mein Kind, sagte sie zu Gustav, indem sie ihm ein Kreuz
mit Daumen und Zeigefinger auf die Stirne machte und ihn auf dieselbe
kte. Der Knabe hielt ihre Hand fest umschlungen und kte sie. Ich
sah in seinen groen schwarzen Augen, die in Trnen schwammen, da er
sich gerne an ihren Hals wrfe; aber die Scham, die einen Bestandteil
seines Wesens machte, mochte ihn zurck halten.

Bleibe lieb, Natalie, sagte mein Gastfreund.

Das Mdchen htte bald die dargereichte Hand gekt, wenn er es
zugelassen htte.

Teurer Gustav, habe noch einmal Dank, sagte Mathilde zu meinem
Gastfreunde. Sie hatte noch mehr sagen wollen; aber es brachen Trnen
aus ihren Augen. Sie nahm ein feines, weies Tuch und drckte es fest
gegen diese Augen, aus denen sie heftig weinte.

Mein Gastfreund stand da und hielt die Augen ruhig; aber es fielen
Trnen aus denselben herab.

Reise recht glcklich, Mathilde, sagte er endlich, und wenn bei
deinem Aufenthalte bei uns etwas gefehlt hat, so rechne es nicht
unserer Schuld an.

Sie tat das Tuch von den Augen, die noch fortweinten, deutete auf
Gustav und sagte: Meine grte Schuld steht da, eine Schuld, welche
ich wohl nie werde tilgen knnen.

Sie ist nicht auf Tilgung entstanden, erwiderte mein Gastfreund.
Rede nicht davon, Mathilde, wenn etwas Gutes geschieht, so geschieht
es recht gerne.

Sie hielten sich noch einen Augenblick bei den Hnden, whrend ein
leichtes Morgenlftchen einige Bltter der abgeblhten Rosen zu ihren
Fen wehte.

Dann fhrte er sie zu dem Wagen, sie stieg ein, und Natalie folgte
ihr.

Es war nach den mehreren Regentagen ein sehr klarer, nicht zu warmer
Tag gefolgt. Der Wagen war offen und zurck gelegt. Mathilde lie den
Schleier von dem nehmlichen Hute, den sie bei ihrer Herfahrt gehabt
hatte, ber ihr Angesicht herabfallen; Natalie aber legte den ihrigen
zurck und gab ihre Augen den Morgenlften. Nachdem auch noch Arabella
in den Wagen gestiegen war, zogen die Pferde an, die Rder furchten
den Sand und der Wagen ging auf dem Wege hinab der Hauptstrae zu.

Wir begaben uns wieder in das Haus zurck.

Jeder ging in sein Zimmer und zu seinen Geschften.


Nachdem ich eine Weile in meiner Wohnung gewesen war, suchte ich den
Garten auf. Ich ging zu mehreren Blumen, die in einer fr Blumen schon
so weit vorgerckten Jahreszeit noch blhten, ich ging zu den Gemsen,
zu dem Zwergobste und endlich zu dem groen Kirschbaume hinauf. Von
demselben ging ich in das Gewchshaus. Ich traf dort den Grtner,
welcher an seinen Pflanzen arbeitete. Als er mich eintreten sah,
kam er mir entgegen und sagte: Es ist gut, da ich allein mit euch
sprechen kann, habt ihr ihn gesehen?

Wen? fragte ich.

Nun, ihr waret ja auf dem Inghofe, antwortete er, da werdet ihr
wohl den Cereus peruvianus angeschaut haben.

Nein, den habe ich nicht angeschaut, erwiderte ich, indem ich mich
wohl des Gesprches erinnerte, in welchem er mir erzhlt hatte, da
sich eine so groe Pflanze dieser Art in dem Inghofe finde, ich habe
auf ihn vergessen.

Nun, wenn ihr ihn vergessen habt, so wird ihn wohl der Herr
angeschaut haben, sagte er.

Ich glaube, da uns niemand auf diese Pflanze aufmerksam gemacht hat,
als wir in dem Gewchshause waren, erwiderte ich; denn wenn jemand
anderer sich eigens zu dieser Pflanze gestellt htte, so htte ich es
gewi bemerkt und htte sie auch angesehen.

Das ist sehr sonderbar und sehr merkwrdig, sagte er; nun, wenn ihr
vergessen habt, den Cereus peruvianus anzusehen, so mt ihr einmal
mit mir hinbergehen; wir brauchen nicht zwei Stunden, und es ist ein
angenehmer Weg. So etwas seht ihr nicht leicht anders wo. Sie bringen
ihn nie zur Blte. Wenn ich ihn hier htte, so wrde er bald so wei
wie meine Haare blhen, natrlich viel weier. Die unseren sind noch
viel zu klein zum Blhen.

Ich sagte ihm zu, da ich einmal mit ihm in den Inghof hinbergehen
werde, ja sogar, wenn es nicht eine Unschicklichkeit sei und nicht zu
groe Hindernisse im Wege stehen, da ich auch versuchen werde, dahin
zu wirken, da diese Pflanze zu ihm herberkomme.

Er war sehr erfreut darber und sagte, die Hindernisse seien gar
nicht gro, sie achten den Cereus nicht, sonst htten sie ja die
Gesellschaft zu ihm hingefhrt, und der Herr wolle sich vielleicht
keine Verbindlichkeit gegen den Nachbar auflegen. Wenn ich aber eine
Frsprache mache, so wrde der Cereus gewi herber kommen.

Wie doch der Mensch berall seine eigenen Angelegenheiten mit sich
herum fhrt, dachte ich, und wie er sie in die ganze brige Welt
hineintrgt. Dieser Mann beschftigt sich mit seinen Pflanzen und
meint, alle Leute mten ihnen ihre Aufmerksamkeit schenken, whrend
ich doch ganz andere Gedanken in dem Haupte habe, whrend mein
Gastfreund seine eigenen Bestrebungen hat und Gustav seiner Ausbildung
obliegt. Das eine Gute hatte aber die Ansprache des Grtners fr mich,
da sie mich von meinen wehmtigen und schmerzlichen Gefhlen ein
wenig abzog und mir die berzeugung brachte, wie wenig Berechtigung
sie haben und wie wenig sie sich fr das Einzige und Wichtigste in der
Welt halten drfen.

Ich blieb noch lnger in dem Gewchshause und lie mir Mehreres von
dem Grtner zeigen und erklren. Dann ging ich wieder in meine Wohnung
und setzte mich zu meiner Arbeit.

Wir kamen bei dem Mittagessen zusammen, wir machten am Nachmittage
einen Spaziergang, und die Gesprche waren wie gewhnlich.


Die Zeit auf dem Rosenhause flo nach dem Besuche der Frauen wieder so
hin, wie sie vor demselben hingeflossen war.

Ich hatte die Mue, welche ich mir von meinen Arbeiten im Gebirge
zu einem Aufenthalte bei meinem Gastfreunde abgedungen hatte,
beinahe schon erschpft. Das, was ich mir in dem Rosenhause als
Ergnzungsarbeit zu tun auferlegt hatte, rckte auch seiner Vollendung
entgegen. Ich lie mir aber deohngeachtet einen Aufschub gefallen,
weil man verabredet hatte, einen Besuch auf dem Sternenhofe zu machen,
was, wie ich einsah, Mathildens Wohnsitz war, und weil ich bei diesem
Besuche zugegen sein wollte. Auch war es im Plane, da wir eine Kirche
besuchen wollten, die in dem Hochlande lag und in welcher sich ein
sehr schner Altar aus dem Mittelalter befand. Ich nahm mir vor,
das, was mir an Zeit entginge, durch ein lnger in den Herbst hinein
fortgesetztes Verweilen im Gebirge wieder einzubringen.

Mein Gastfreund hatte in dem Meierhofe wieder Bauarbeiten beginnen
lassen und beschftigte dort mehrere Leute. Er ging alle Tage hin, um
bei den Arbeiten nachzusehen. Wir begleiteten ihn sehr oft. Es war
eben die letzte Einfuhr des Heues aus den hheren, in dem Alizwalde
gelegenen Wiesen, deren Ertrag spter als in der Ebene gemht wurde,
im Gange. Wir erfreuten uns an dieser duftenden, wrzigen Nahrung der
Tiere, welche aus den Waldwiesen viel besser war als aus den fetten
Wiesen der Tler; denn auf den Bergwiesen wachsen sehr mannigfaltige
Kruter, die aus den sehr verschiedenartigen Gesteingrundlagen die
Stoffe ihres Gedeihens ziehen, whrend die gleichartigere Gartenerde
der tiefen Grnde wenigere, wenngleich wasserreichere Arten hervor
bringt. Mein Gastfreund widmete diesem Zweige eine sehr groe
Aufmerksamkeit, weil er die erste Bedingung des Gedeihens der
Haustiere, dieser geselligen Mitarbeiter der Menschen ist. Alles,
was die Wrze, den Wohlgeruch und, wie er sich ausdrckte, die
Nahrungslieblichkeit beeintrchtigen konnte, mute strenge
hintan gehalten werden, und wo durch Versehen oder Ungunst der
Zeitverhltnisse doch dergleichen eintrat, mute das minder Taugliche
ganz beseitigt oder zu andern Wirtschaftszwecken verwendet werden.
Darum konnte man aber auch keine schneres, glatteren, glnzenderen
und frhlicheren Tiere sehen als auf dem Asperhofe. Der
Wirtschaftsvorteil lag auerdem noch als Zugabe bei; denn da das
Schlechtere gar nicht verwendet werden durfte, wurde bei der
Behandlung und Einbringung die grte Sorgfalt von den Leuten
beobachtet, abgesehen davon, da mein Gastfreund bei seiner Kenntnis
der Witterungsverhltnisse weniger Schaden durch Regen oder
dergleichen erlitt als die meisten Landwirte, die sich um diese
Kenntnis gar nicht bekmmerten. Und der Nachteil der Nichtanwendung
des Schlechteren wurde weit durch den Vorteil des besseren Gedeihens
der Tiere aufgewogen. In dem Asperhofe konnte man immer mit einer
geringeren Anzahl Tiere grere Arbeiten ausfhren als in anderen
Gehften. Hiezu kam noch eine gewisse Frhlichkeit und Heiterkeit
der untergeordneten Leute, die bei jeder sachgemen Fhrung eines
Geschftes, bei dem sie beteiligt sind, und bei einer wenn auch
strengen, doch stets freundlichen Behandlung nicht ausbleibt. Ich
hrte bei meiner jetzigen Anwesenheit fter von benachbarten Leuten
die uerung, das htte man dem alten Asperhofe nicht angesehen, da
das noch heraus kommen knnte.

Es wurde, da wieder mehrere Gewitter niedergegangen waren, die Luft
sich gereinigt hatte und einige schne Tage erwartet werden konnten,
die Reise zu der Kirche mit dem sehenswrdigen Altare festgesetzt.

Im Norden unseres herrlichen Stromes, welcher das Land in einen
nrdlichen und sdlichen Teil teilt, erhebt sich ein Hochland, welches
viele Meilen die nrdlichen Ufer des Stromes begleitet. In seinem
Sden ist eine acht bis zehn Meilen breite, verhltnismig ebene
Gegend von groer Fruchtbarkeit, die endlich von dem Zuge der Alpen
begrenzt ist. Ich war bisher nur vorzugsweise in die Alpen gegangen,
die nrdlichen Hochlande hatte ich blo ein einziges Mal betreten und
nur eine kleine Ecke derselben durchwandert. Jetzt sollte ich mit
meinem Gastfreunde eine Fahrt in das Innere derselben machen; denn die
Kirche, welche das Ziel unserer Reise war, steht weit nher an der
nrdlichen als an der sdlichen Grenze des Hochlandes. Wir fuhren
in der Begleitung Eustachs von dem Stromesufer die staffelartigen
Erhebungen empor und fuhren dann in dem hohen vielgehgelten Lande
dahin. Wir fuhren oft mit unseren Gespann langsam bis auf die hchste
Spitze eines Berges empor, dann auf der Hhe fort, oder wir senkten
uns wieder in ein Tal, umfuhren oft in Windungen abwrts die Dachung
des Berges, legten eine enge Schlucht zurck, stiegen wieder empor,
vernderten recht oft unsere Richtung und sahen die Hgel, die Gehfte
und andere Bildungen von verschiedenen Seiten. Wir erblickten oft von
einer Spitze das ganze flache gegen Mittag gelegene Land mit seiner
erhabenen Hochgebirgskette, und waren dann wieder in einem Talkessel,
in welchem wir keine Gegenstnde neben unserem Wagen hatten als eine
dunkle, weitstige Fichte und eine Mhle. Oft, wenn wir uns einem
Gegenstande gleichsam auf einer Ebene nhern zu knnen schienen, war
pltzlich eine tiefe Schlucht in die Ebene geschnitten, und wir muten
dieselbe in Schlangenwindungen umfahren.

Ich hatte bei meinem ersten Besuche dieses Hochlandes die Bemerkung
gemacht, da es mir da stiller und schweigsamer vorkomme, als wenn ich
durch andere, ebenfalls stille und schweigende Landschaften zog. Ich
dachte nicht weiter darber nach. Jetzt kam mir dieselbe Empfindung
wieder. In diesem Lande liegen die wenigen greren Ortschaften sehr
weit von einander entfernt, die Gehfte der Bauern stehen einzeln auf
Hgeln oder in einer tiefen Schlucht oder an einem nicht geahnten
Abhange. Herum sind Wiesen, Felder, Wldchen und Gestein. Die Bche
gehen still in den Schluchten, und wo sie rauschen, hrt man ihr
Rauschen nicht, weil die Wege sehr oft auf den Hhen dahin fhren.
Einen groen Flu hat das Land nicht, und wenn man die ausgedehnte
sdliche Ebene und das Hochgebirge sieht, so ist es nur ein sehr
groer, aber stiller Gesichtseindruck. In den Alpen geht der
Straenzug meistens nur in den Talrinnen, an den Flssen oder
Wildbchen dahin, er kann sich wenig verzweigen, der Verkehr ist auf
ihn zusammengedrngt, und es regt sich auf ihm, und es wehet und
rauscht an ihm.

In diesem Lande sind noch viele wertvolle Altertmer zerstreut und
aufbewahrt, es haben einmal reiche Geschlechter in ihm gewohnt, und
die Krieges- und Vlkerstrme sind nicht durch das Land gegangen.

Wir kamen in den kleinen Ort Kerberg. Er liegt in einem sehr
abgeschiedenen Winkel und ist von keinerlei Bedeutung. Nicht einmal
eine Strae von nur etwas lebhaftem Verkehre fhrt durch, sondern
nur einer jener Landwege, wie sie zum Austausche der Erzeugnisse der
Bevlkerung dienen und von dem guten Sand- und Steinstoffe des Landes
sehr gut gebaut sind. Nur die Lage ist schn, da hier die Bildungen
etwas grer sind und, mit dmmerigem Walde teilweise bekleidet,
anmutig zusammentreten. Und doch steht in diesem Orte die Kirche,
zu welcher wir auf der Reise waren. Hinter dem Orte, ungefhr nach
Mitternacht, liegt ein weitlufiges Schlo auf einem Berge, welches
groe Garten- und Waldanlagen um sich hat. Auf diesem Schlosse hat
einmal ein reiches und mchtiges Geschlecht gewohnt. Einer von ihnen
hatte in dem kleinen Orte die Kirche bauen und auszieren lassen. Er
hat die Kirche im altdeutschen Stile gebaut, Spitzbogen schlieen
sie, schlanke Sulen aus Stein teilen sie in drei Schiffe, und hohe
Fenster mit Steinrosen in ihren Bgen und mit den kleinen vieleckigen
Tfelchen geben ihr Licht. Der Hochaltar ist aus Lindenholz
geschnitzt, steht wie eine Monstranze auf dem Priesterplatze und ist
von fnf Fenstern umgeben. Viele Zeiten sind vorbergegangen. Der
Grnder ist gestorben, man zeigt sein Bild aus rotem Marmor in
Halbarbeit auf einer Platte in der Kirche. Andere Menschen sind
gekommen, man machte Zutaten in der Kirche, man bemalte und bestrich
die steinernen Sulen und die aus gehauenen Steinen gebauten Wnde,
man ersetzte die zwei Seitenaltre, von deren Gestalt man jetzt nichts
mehr wei, durch neue, und es geht die Sage, da schne Glasgemlde
die Monstranze umstanden haben, da sie fortgekommen seien und da
gemeine viereckige Tafeln in die fnf Fenster gesetzt wurden. Sie
verunzieren in der Tat noch jetzt die Kirche. Die neuen Besitzer des
Schlosses waren nicht mehr so reich und mchtig, andere Zeiten hatten
andere Gedanken bekommen, und so war der geschnitzte Hochaltar von
Vgeln, Fliegen und Ungeziefer beschmutzt worden, die Sonne, die
ungehindert durch die viereckigen Tafeln hereinschien, hatte ihn
ausgedrrt, Teile fielen herab und wurden willkrlich wieder hinauf
getan und durcheinander gestellt, und in Arme, Angesichter und
Gewnder bohrte sich der Wurm.

Darum haben die Behrden des Landes den Altar wieder hergestellt, und
zu diesem gingen wir.


Eustach geleitete uns in die Kirche, es war ein sonniger Vormittag,
kein Mensch war zugegen, und wir traten vor das Schnitzwerk. Eustach
konnte vieles aus den Regeln der alten Kunst und aus der Geschichte
derselben erklren. Er sprach ber das Mittelfeld, in welchem drei
ganze, berlebensgroe Gestalten auf reich verzierten Gestellen unter
reichen berdchern standen. Es waren die Gestalten des heiligen
Petrus, des heiligen Wolfgang - beide in Bischofsgewndern - und des
heiligen Christophorus, wie er das Jesuskindlein auf der Schulter
trgt, und wie dasselbe nach der Legende dem riesenhaft starken Manne
schwer wie ein Weltball wird und seine Krfte erschpft, welche
Erschpfung in der Gestalt ausgedrckt ist. Sehr viele kleine
Gestalten waren noch nach der Sitte unserer Vorltern in dem Raume
zerstreut. An dem Mittelfelde waren in gezierten Rahmen zwei Flgel,
auf welchen Bilder in halberhabener Arbeit sich befanden: die
Verkndigung des Engels, die Geburt des Heilandes, die Opferung der
drei Knige und der Tod Marias. Oberhalb des Mittelstckes war ein
Giebel mit der emporstrebenden durchbrochenen Arbeit, die man, wie
Eustach meint, flschlich die gothische nennt, da sie vielmehr
mittelalterlich deutsch sei. In diese durchbrochene Arbeit waren
mehrere Gestalten eingestreut. Zu beiden Seiten hinter den Flgeln
standen die Gestalten des heiligen Florian und des heiligen Georg in
mittelalterlicher Ritterrstung empor.

Der heilige Florian hatte das Sinnbild des brennenden Hauses und der
heilige Georg das des Drachen zu seinen Fen. Eustach behauptete,
da sich nur aus der Ansicht eines Sinnbildes die Kleinheit solcher
Beigaben zu altertmlichen Gestalten erklre, da unsere kunstsinnigen
Altvordern gewi nicht den groen Fehler der Unverhltnismigkeit der
Krper der Gegenstnde gemacht haben wrden. Mein Gastfreund sagte,
ohne die Meinung Eustachs verwerfen zu wollen, da man die Sache auch
etwa so auslegen knne, da man durch die ber alles Ma hinausgehende
Gre der Gestalten, gegen welche ein Haus oder ein Drache klein sei,
ihre bernatrlichkeit habe ausdrcken wollen.

Mein Gastfreund sagte, es mten einmal nicht nur viel kunstsinnigere
Zeiten gewesen sein als heute, sondern es mte die Kunst auch ein
allgemeineres Verstndnis bis in das unterste Volk hinab gefunden
haben; denn wie wren sonst Kunstwerke in so abgelegene Orte wie
Kerberg gekommen, oder wie befnden sich solche in noch kleineren
Kirchen und Kapellen des Hochlandes, die oft einsam auf einem Hgel
stehen oder mit ihren Mauern aus einem Waldberge hervor ragen, oder
wie wren kleine Kirchlein, Feldkapellen, Wegsulen, Denksteine
alter Zeit mit solcher Kunst gearbeitet: so wie heut zu Tage der
Kunstverfall bis in die hheren Stnde hinauf rage, weil man nicht nur
in die Kirchen, Grber und heiligen Orte abscheuliche Gestalten, die
eher die Andacht zerstren als befrdern, von dem Volke stellen lt,
sondern auch bis zu sich hinauf in das herrschaftliche Schlo so oft
die leeren und geistesarmen Arbeiten einer ohnmchtigen Zeit zieht.
Meines Gastfreundes und Eustachs bemchtigte sich bei diesen
Betrachtungen eine Traurigkeit, welche ich nicht ganz begriff.

Wir betrachteten nach dem Altare auch noch die Kirche, betrachteten
das Steinbild des Mannes, der sie hatte erbauen lassen. und
betrachteten noch andere alte Grabdenkmale und Inschriften. Es zeigte
sich hier, da die fnf Fenster des Priesterplatzes nicht wie die
Fenster des Kirchenschiffes in ihren Spitzbogen Steinrosen hatten, was
als neuer Beweis galt, da das Glas aus diesen Fenstern einmal heraus
genommen worden war, und da man zu besserer Gewinnung der Gemlde
in den Spitzbogen oder gar zu bequemerer Einsetzung der viereckigen
Tafeln die steinernen Fassungen weggerumt habe.

Ich ging mit manchem Gedanken bereichert neben meinen zwei Begleitern
aus der Kirche.

Auf der Rckfahrt schlugen wir einen anderen Weg ein, damit ich auch
noch andere Teile des Landes zu sehen bekme. Wir besuchten noch ein
paar Kirchen und kleinere Bauwerke, und Eustach versprach mir, da
er mir, wenn wir nach Hause gekommen wren, die Zeichnungen von den
Dingen zeigen wrde, welche wir gesehen hatten. Die Mnner sprachen
auf der Rckreise auch von der mutmalichen Zeit, in welcher die
Kirche, die das Ziel unserer Reise gewesen war, entstanden sein
knnte. Sie schlossen auf diese Zeit aus der Art und Weise des Baues
und aus manchen Verzierungen. Sie bedauerten nur, da man Nheres
darber aus Urkunden nicht erfahren knne, da das Schriftgewlbe des
alten Schlosses unzugnglich gehalten werde.

Wir fuhren am Mittage des nchsten Tages wieder die staffelartigen
Erhebungen hinab und gelangten in spter Nacht in das Rosenhaus.

Ich mahnte in ein paar Tagen darauf den Grtner an unsern verabredeten
Gang nach Ingheim. Er freute sich ber meine Achtsamkeit, wie er es
nannte, und an einem freundlichen Nachmittage gingen wir in das Schlo
hinber. Wir sagten die Ursache unseres Besuches und wurden mit
Zuvorkommenheit empfangen.

Wir gingen sogleich in das Gewchshaus, und es war in Wirklichkeit
eine sehr schne und zu ansehnlicher Gre ausgebildete Pflanze, zu
der mich der Grtner Simon gefhrt hatte. Ich kannte nicht genau, wie
weit sich diese Pflanzen berhaupt entwickeln und welche Gre sie zu
erreichen vermgen; aber eine grere habe ich nirgends gesehen. Da
man sie in Ingheim nicht viel achte, erkannte ich ebenfalls; denn der
Winkel des Gewchshauses, in welchem sie in freiem Boden stand, war
der vernachlssigteste, es lagen Blumenstbe, Bastbnder, welke
Bltter und dergleichen dort, und man hatte ihn mit Gestellen, auf
welchen andere Pflanzen standen, verstellt, da sein Anblick den Augen
entzogen werde. Man konnte den grnen Arm dieser Pflanze wohl an der
Decke des Hauses hingehen sehen, ich hatte aber dort hinauf bei meiner
ersten Anwesenheit nicht geschaut. Mein Begleiter erkannte jetzt, da
es ein Cereus peruvianus sei und erklrte mir seine Merkmale. Sonst
aber konnten wir keine Cactus in Ingheim entdecken. Nach mancher
Aufmerksamkeit, die uns in dem Schlosse noch zu Teil wurde, begaben
wir uns gegen Abend wieder auf den Rckweg, und ich trstete meinen
alten Begleiter mit den Worten, da ich glaube, da es nicht schwer
sein werde, diese Pflanze in das Rosenhaus zu bringen. Dort wrde sie
die Sammlung ergnzen und zieren, whrend sie in Ingheim allein ist.
Auch wird man wohl einem Wunsche meines Gastfreundes willfhrig sein,
und ich werde die Sache schon zu frdern trachten.


Nach kurzer Zeit traten wir unsere Weg zum Besuche in dem Sternenhofe
an. Dieses Mal fuhr auer Eustach auch Gustav mit. Die Grauschimmel
wurden vor einen greren Wagen gespannt, als wir in den Hochlanden
gehabt hatten, und wir fuhren mit ihnen ber den Hgel hinab. Es war
sehr frh am Morgen, noch lange vor Sonnenaufgang. Wir fuhren auf der
Hauptstrae gegen Rohrberg zu und fuhren endlich auf der Anhhe an dem
Alizwalde empor. Da die Pferde langsam den Weg hinan gingen, sagte
mein Gastfreund: Es ist mglich, da ihr im vorigen Jahre an dieser
Stelle Mathilden und Natalien gesehen habt. Sie erzhlten mir, als sie
zu Besuche der Rosenblte zu mir kamen, und ich ihnen von euch, von
eurer Anwesenheit bei mir und von eurer an dem Morgen ihrer Ankunft
erfolgten Abreise sagte, da sie einem Fureisenden auf der Alizhhe
begegnet seien, der dem ungefhr gleich gesehen habe, den ich ihnen
beschrieben.

Pltzlich war es mir ganz klar, da wirklich Mathilde und Natalie
die zwei Frauen gewesen waren, welchen ich an jenem Morgen an dieser
Stelle begegnet bin. Mir waren jetzt deutlich dieselben Reisehte vor
Augen, die sie auch dieses Mal aufgehabt hatten, ich sah die Zge
Nataliens wieder, und auch der Wagen und die braunen Pferde kamen
mir in die Erinnerung. Darum also war mir Natalie immer als schon
einmal gesehen vorgeschwebt. Ich hatte ja sogar damals gedacht,
da das menschliche Angesicht etwa der edelste Gegenstand fr die
Zeichnungskunst sein drfte, und hatte sie als unbeholfener Mensch,
der im Zurechtlegen aller Eindrcke geschickter ist als in dem der
menschlichen, doch wieder aus meiner Vorstellungskraft verloren. Ich
sagte zu meinem Gastfreunde, da er durch seine Bemerkung meinem
Gedchtnisse zu Hilfe gekommen sei, da ich jetzt alles klar wisse und
da mir auf dieser Anhhe Mathilde und Natalie begegnet seien, und da
ich ihnen, da der Wagen langsam den Berg hinab fuhr, nachgesehen habe.

Ich habe mir es gleich so gedacht, erwiderte er.

Aber auch etwas anderes fiel mir ein und machte, da mein Angesicht
errtete. Also hatte mein Gastfreund von mir mit den Frauen
gesprochen, und mich sogar beschrieben. Er hatte also einen Anteil an
mir genommen. Das freute mich von diesem Manne sehr.

Als wir auf der Hhe des Berges angekommen waren, lie mein Gastfreund
an einer Stelle, wo das Seitengebsch des Weges eine Durchsicht
erlaubte, halten, stand im Wagen auf und bat mich, das gleiche zu tun.
Er sagte, da man an dieser Stelle das Stck des Alizwaldes, das zu
dem Asperhofe gehre, bersehen knne. Er wies mir mit dem Zeigefinger
an den Farbunterschieden des Waldes, die durch die Mischung der
Buchen und Tannen, durch Licht und Schatten und durch andere Merkmale
hervorgebracht wurden, die Grenzen dieses Besitztumes nach. Als ich
dies genugsam verstanden und ihm auch mit dem Finger ungefhr die
Stellen des Waldes gezeigt hatte, an denen ich schon gewesen war,
setzten wir uns wieder nieder und fuhren weiter.

Es war bei dieser Gelegenheit das erste Mal gewesen, da ich aus
seinem Munde den Namen Asperhof gehrt habe, mit dem er sein Besitztum
bezeichnete.

Nach kurzer Fahrt trennten wir uns von der nach Osten gehenden
Hauptstrae und schlugen einen gewhnlichen Verbindungsweg nach Sden
ein. Wir fuhren also dem Hochgebirge nher. Am Mittage blieben wir
eine ziemlich lange Zeit zur Erquickung und zum Ausruhen der Pferde,
auf deren Pflege mein Gastfreund sehr sah, in einem einzeln stehenden
Gasthofe, und es war schon am Abende in tiefer Dmmerung, als mir mein
Gastfreund die Umrisse des Sternenhofes zeigte. Ich war schon zweimal
in der Gegend gewesen, erinnerte mich sogar im allgemeinen auf das
Gebude und wute genau, da am Fue des Hgels, auf welchem es stand,
sehr schne Ahorne wuchsen. Ich hatte aber nie Ursache gehabt, mich
weiter um diese Gegenstnde zu kmmern.

Wir kamen bei Sternenscheine zu den mir bekannten Ahornen, fuhren
einen Hgel empor, legten einen Torweg zurck und hielten in einem
Hofe. In demselben standen vier groe Bume, an deren eigentmlichen,
gegen den dunkeln Nachthimmel gehaltenen Bildungen ich erkannte, da
es Ahorne seien. In ihrer Mitte pltscherte ein Brunnen. Auf das
Rollen des Wagens unter dem hallenden Torwege kamen Diener mit
Lichtern herbei, uns aus dem Wagen zu helfen. Gleich darauf erschien
auch Mathilde und Natalie in dem Hofe, um uns zu begren. Sie
geleiteten uns die Treppe hinan in einen Vorsaal, in welchem die
Begrungen im allgemeinen wiederholt wurden und von wo aus man uns
unsere Zimmer anwies.

Das meinige war ein groes freundliches Gemach, in welchem bereits
auf dem Tische zwei Kerzen brannten. Ich legte, da der Diener die
Tr hinter sich geschlossen hatte, meinen Hut auf den Tisch, und das
Nchste, was ich tat, war, da ich mehrere Male schnell in dem Zimmer
auf und nieder ging, um die durch das Fahren ersteiften Glieder wieder
ein wenig einzurichten. Als dieses ziemlich gelungen war, trat ich an
eines der offenen Fenster, um herum zu schauen. Es war aber nicht viel
zu sehen. Die Nacht war schon zu weit vorgerckt und die Lichter im
Zimmer machten die Luft drauen noch finsterer. Ich sah nur so viel,
da meine Fenster ins Freie gingen. Nach und nach begrenzten sich
vor meinen Augen die dunkeln Gestalten der am Fue des Hgels
stehenden Ahorne, dann kamen Flecken von dunkler und fahler Farbe,
wahrscheinlich Abwechslung von Feld und Wald, weiter war nichts zu
unterscheiden als der glnzende Himmel darber, der von unzhligen
Sternen, aber nicht von dem geringsten Stckchen Mond beleuchtet war.

Nach einer Zeit kam Gustav und holte mich zu dem Abendessen ab. Er
hatte eine groe Freude, da ich in dem Sternenhofe sei. Ich ordnete
aus meinem Reisesacke, der heraufgeschafft worden war, ein wenig meine
Kleider und folgte dann Gustav in das Speisezimmer. Dasselbe war fast
wie das in dem Rosenhause. Mathilde sa wie dort in einem Ehrenstuhle
oben an, ihr zur Rechten mein Gastfreund und Natalie, ihr zur Linken
ich, Eustach und Gustav. Auch hier besorgte eine Haushlterin und eine
Magd den Tisch. Der Hergang bei dem Speisen war der nehmliche wie an
jenen Abenden bei meinem Gastfreunde, an denen wir alle beisammen
gewesen waren.

Um von der Reise ausruhen zu knnen, trennte man sich bald und suchte
seine Zimmer.

Ich entschlief unter Unruhe, sank aber nach und nach in festeren
Schlummer und erwachte, da die Sonne schon aufgegangen war.

Jetzt war es Zeit, herum zu schauen.

Ich kleidete mich so schnell und so sorgfltig an, als ich konnte,
ging an ein Fenster, ffnete es und sah hinaus. Ein ganz gleicher,
sehr schn grner Rasen, der durch keine Blumengebsche oder
dergleichen unterbrochen war, sondern nur den weien Sandweg enthielt,
breitete sich ber die gedehnte Dachung des Hgels, auf der das
Gebude stand, hinab. Auf dem Sandwege aber gingen Natalie und Gustav
herauf. Ich sah in die schnen jugendlichen Angesichter, sie aber
konnten mich nicht sehen, weil sie ihre Augen nicht erhoben. Sie
schienen in traulichem Gesprche begriffen zu sein, und bei ihrer
Annherung - an dem Gange, an der Haltung, an den groen dunklen
Augen, an den Zgen der Angesichter - sah ich wieder recht deutlich,
da sie Geschwister seien. Ich sah auf sie, so lange ich sie erblicken
konnte, bis sie endlich der dunkle Torweg aufgenommen hatte.

Jetzt war die Gegend sehr leer.

Ich blickte kaum auf sie.

Allgemach entwickelten sich aber wieder freundlich Felder, Wldchen
und Wiesen im Gemisch, ich erblickte Meierhfe rings herumgestreut,
hie und da erglnzte ein weier Kirchturm in der Ferne und die Strae
zog einen lichten Streifen durch das Grn. Den Schlu machte das
Hochgebirge, so klar, da man an dem untern Teile seiner Wand die
Talwindungen, an dem obern die Gestaltung der Kanten und Flchen und
die Schneetafeln wahrnehmen konnte.

Sehr gro und schn waren die Ahorne, die unten am Hgel standen,
deshalb mochten sie schon frher bei meinen Reisen durch diese Gegend
meine Aufmerksamkeit erregt haben. Von ihnen zogen sich Erlenreihen
fort, die den Lauf der Bche anzeigten.

Das Haus mute weitlufig sein; denn die Wand, in der sich meine
Fenster befanden und die ich, hinausgebeugt, bersehen konnte, war
sehr gro. Sie war glatt mit vorspringenden steinernen Fenstersimsen
und hatte eine grauweiliche Farbe, mit der sie offenbar erst in
neuerer Zeit bertncht worden war.

Hinter dem Hause mute vielleicht ein Garten oder ein Wldchen sein,
weil ich Vogelgesang herber hrte. Auch war es mir zuweilen, als
vernhme ich das Rauschen des Hofbrunnens.

Der Tag war heiter.

Ich harrte nun der Dinge, die kommen sollten.


Ein Diener rief mich zu dem Frhmahle. Es war zu derselben Zeit wie
im Rosenhause. Als ich in das Speisezimmer getreten war, sagte mir
Mathilde, da es sehr lieb von mir sei, da ich ihre Freunde und ihren
Sohn in den Sternenhof begleitet habe, sie werde sich bemhen, da es
mir in demselben gefalle, wozu ihr ihr Freund, der mir den Asperhof
anziehend mache, beistehen msse.

Ich antwortete, da ich mich auf die Reise in den Sternenhof sehr
gefreut habe und da ich mich freue, in demselben zu sein. Von einer
Bedeutung sei es nicht, da mir eine Rcksicht zu Teil werde, ich
bitte nur, da man, wenn ich etwas fehle, es nachsehe.

Nach mir trat Eustach ein. Mathilde begrte auch ihn noch einmal.

Gustav, der schon zugegen war, gesellte sich zu mir.

Die Frauen waren huslich und schn, aber minder einfach als in dem
Rosenhause gekleidet. Meinen Gastfreund sah ich zum ersten Male in
ganz anderen Kleidern als auf seiner Besitzung und auf dem Besuche zu
Ingheim. Er war schwarz, mit einem Fracke, der einen etwas weiteren
und bequemeren Schnitt hatte als gewhnlich, und sogar einen leichten
Biberhut trug er in der Hand.

Nach dem Frhmahle sagte Mathilde, sie wolle mir ihre Wohnung zeigen.
Die andern gingen mit. Wir traten aus dem Speisezimmer in einen
Vorsaal. Am Ende desselben wurden zwei Flgeltren aufgetan, und ich
sah in eine Reihe von Zimmern, welche nach der ganzen Lnge des Hauses
hinlaufen mute. Als wir eingetreten waren, sah ich, da in den
Zimmern alles mit der grten Reinheit, Schnheit und Zusammenstimmung
geordnet war. Die Tren standen offen, so da man durch alle
Zimmer sehen konnte. Die Gerte waren passend, die Wnde waren mit
zahlreichen Gemlden geziert, es standen Glasksten mit Bchern, es
waren musikalische Gerte da, und auf Gestellen, die an den rechten
Orten angebracht waren, befanden sich Blumen. Durch die Fenster sah
die nhere Landschaft und die ferneren Gebirge herein.

Es zeigte sich, da diese Zimmer ein schner Spaziergang seien, der
unter dem Dache und zwischen den Wnden hinfhrte. Man konnte sie
entlang schreiten, von angenehmen Gegenstnden umgeben sein und die
Klte oder das Ungestm des Wetters oder Winters nicht empfinden,
whrend man doch Feld und Wald und Berg erblickte. Selbst im Sommer
konnte es Vergngen gewhren, hier bei offenen Fenstern gleichsam halb
im Freien und halb in der Kunst zu wandeln. Da ich meinen Blick mehr
auf das Einzelne richtete, fielen mir die Gerte besonders auf. Die
waren neu und nach sehr schnen Gedanken gebildet. Sie schickten sich
so in ihre Pltze, da sie gewissermaen nicht von Auen gekommen,
sondern zugleich mit diesen Rumen entstanden zu sein schienen. Es
waren an ihnen sehr viele Holzarten vermischt, das erkannte ich sehr
bald, es waren Holzarten, die man sonst nicht gerne zu Gerten nimmt,
aber sie schienen mir so zu stimmen, wie in der Natur die sehr
verschiedenen Geschpfe stimmen.

Ich machte in dieser Hinsicht eine Bemerkung gegen meinen Gastfreund,
und er antwortete: Ihr habt einmal gefragt, ob Gegenstnde, die wir
in unserem Schreinerhause neu gemacht haben, in meinem Hause vorhanden
seien, worauf ich geantwortet habe, da nichts von Bedeutung in
demselben sei, da sich aber einige gesammelt in einem anderen Orte
befinden, in den ich euch, wenn ihr Lust zu solchen Dingen httet,
geleiten wrde. Diese Zimmer hier sind der andere Ort, und ihr seht
die neuen Gerte, die in unserem Schreinerhause verfertigt worden
sind.

Es ist aber zu bewundern, wie sehr sie in ihren Abwechslungen und
Gestalten hieher passen, sagte ich.

Als wir einmal den Plan gefat hatten, die Zimmer Mathildens nach
und nach mit neuen Gerten zu bestellen, erwiderte er, so wurde die
ganze Reihe dieser Zimmer im Grund- und Aufrisse aufgenommen, die
Farben bestimmt, welche die Wnde der einzelnen Zimmer haben sollten,
und diese Farben gleich in die Zeichnungen getragen. Hierauf wurde zur
Bestimmung der Gre, der Gestalt und der Farbe, mithin der Hlzer der
einzelnen Gerte geschritten. Die Farbezeichnungen derselben wurden
verfertigt und mit den Zeichnungen der Zimmer verglichen. Die
Gestalten der Gerte sind nach der Art entworfen worden, die wir vom
Altertume lernten, wie ich euch einmal sagte, aber so, da wir nicht
das Altertum geradezu nachahmten, sondern selbststndige Gegenstnde
fr die jetzige Zeit verfertigten mit Spuren des Lernens an
vergangenen Zeiten. Wir sind nach und nach zu dieser Ansicht gekommen,
da wir sahen, da die neuen Gerte nicht schn sind und da die alten
in neue Rume zu wohnlicher Zusammenstimmung nicht paten. Wir haben
uns selber gewundert, als die Sachen nach vielerlei Versuchen,
Zeichnungen und Entwrfen fertig waren, wie schn sie seien. In der
Kunst, wenn man bei so kleinen Dingen von Kunst reden kann, ist eben
so wenig ein Sprung mglich als in der Natur. Wer pltzlich etwas so
Neues erfinden wollte, da weder den Teilen noch der Gestaltung nach
ein hnliches da gewesen ist, der wrde so tricht sein wie der,
der fordern wrde, da aus den vorhandenen Tieren und Pflanzen sich
pltzlich neue, nicht dagewesene entwickeln. Nur da in der Schpfung
die Allmhlichkeit immer rein und weise ist; in der Kunst aber, die
der Freiheit des Menschen anheim gegeben ist, oft Zerrissenheit, oft
Stillstand, oft Rckschritt erscheint. Was die Hlzer anbelangt, so
sind da fast alle und die schnsten Bltter verwendet worden, die wir
aus den Knollen der Erlen geschnitten haben, die in unserer Sumpfwiese
gewachsen sind. Ihr knnt sie dann betrachten. Wir haben uns aber auch
bemht, Hlzer aus unserer ganzen Gegend zu sammeln, die uns schn
schienen, und haben nach und nach mehr zusammengebracht, als wir
anfnglich glaubten. Da ist der schneeige, glatte Bergahorn, der
Ringelahorn, die Bltter der Knollen von dunkelm Ahorn - alles aus den
Alizgrnden -, dann die Birke von den Wnden und Klippen der Aliz,
der Wachholder von der drren, schiefen Haideflche, die Esche, die
Eberesche, die Eibe, die Ulme, selbst Knorren von der Tanne, der
Haselstrauch, der Kreuzdorn, die Schlehe und viele andere Gestruche,
die an Festigkeit und Zartheit wetteifern, dann aus unseren Grten
der Wallnubaum, die Pflaume, der Pfirsich, der Birnbaum, die Rose.
Eustach hat die Bltter der Hlzer alle gemalt und zur Vorgleichung
zusammengestellt, er kann euch die Zeichnung einmal im Asperhofe
zeigen und die vielen Arten noch angeben, die ich hier nicht genannt
habe. In der Holzsammlung mssen sie ja auch vorhanden sein.

Ich betrachtete die Sachen genauer. Die Erlenbltter, von denen mir
mein Gastfreund im vorigen Jahre gesagt hatte, da sie an einem
anderen Orte verwendet worden seien, waren in der Tat auerordentlich,
so feurig und fast erhaben, auch ungemein gro; alles andere Holz,
wie zart, wie schn in der Zusammenstellung, da man gar nicht ahnen
sollte, da dies in unseren Wldern ist. Und die Gestalten der Gerte,
wie leicht, wie fein, wie anschmiegend, sie waren ganz anders als
die jetzt verfertigt werden, und waren doch neu und fr unsere Zeit
passend. Ich erkannte, welch ein Wert in den Zeichnungen liege, die
Eustach habe. Ich dachte an meinen Vater, der solche Dinge so liebt.
Ach, wenn er nur hier wre, da er sie sehen knnte! Mir war, als
gingen mir neue Kenntnisse auf. Ich wagte einen Blick auf Natalie, ich
wendete ihn aber schnell wieder weg; sie stand so in Gedanken, da ich
glaube, da sie errtete, als ich sie anblickte.

Mathilde sagte zu Eustach: Es ist im Verlaufe der Zeit, ohne da eine
absichtliche Strung vorgekommen wre, manches hier anders geworden
und nicht mehr so schn als anfangs. Wir werden es einmal, wenn ihr
Zeit habt und herber kommen wollt, ansehen, ihr knnt die Fehler
erkennen und Mittel zur Abhilfe an die Hand geben.

Wir gingen nun weiter. Durch eine geffnete Tr gelangten wir in
Zimmer, welche in einer anderen Richtung des Hauses lagen. Die
durchwanderten hatten nach Sd gesehen, diese sahen nach West. Es
waren ein groer Saal und zwei Seitengemcher. Waren die frheren
Zimmer lieb und wohnlich gewesen, so waren diese wahrhaft prachtvoll.
Der Saal war mit Marmor gepflastert, die Zimmer hatten altertmliche
Wandbekleidung, altertmliche Fenstervorhnge und altertmliche
Gerte, der Fuboden des Saales enthielt die schnsten, seltensten und
zahlreichsten Gattungen unsers Marmors, nach einer Zeichnung eingelegt
und so geglttet, da er alle Dinge spiegelte. Es war der ernsteste
und feurigste Teppich. Wir muten hier auch Filzschuhe anlegen. Auf
diesem Spiegelboden standen die schnsten und wohlerhaltensten alten
Schreine und andere Einrichtungsstcke. Es waren hier die grten
versammelt. In den zwei anstoenden Gemchern standen auf feurig
farbigen Holzteppichen die kleineren, zarteren und feineren. Waren
gleich die altertmlichen Gerte nicht schner als die bei meinem
Gastfreunde - ich glaube, schnere wird es kaum geben -, so zeigte
sich hier eine Zusammenstimmung, als mten die, welche diese Dinge
ursprnglich hatten herrichten lassen, in ihren einstigen Trachten
bei den Tren hereingehen. Es ergriff einen ein Gefhl eines
Bedeutungsvollen.

Die Marmore, sagte mein Gastfreund, sind aller Orten erworben,
geschliffen, geglttet und nach einer altertmlichen Zeichnung vieler
Kirchenfenster eingesetzt worden.

Aber da ihr die Gerte so zusammen gefunden habt, da sie wie ein
Einziges stimmen, ist zu verwundern, sagte ich.

Also empfindet ihr, da sie stimmen? erwiderte er. Seht, das ist
mir lieb, da ihr das sagt. Ihr seid ein Beobachter, der nicht von der
Sucht nach Altem befangen ist, wie uns unsere Gegner vorwerfen. Ihr
empfangt also das Gefhl von den Gegenstnden und tragt es nicht in
dieselben hinein, wie auch unsere Gegner von uns sagen. Die Sache aber
ist nur so: als man die Nichtigkeit und Leere der letztvergangenen
Zeiten erkannte und wieder auf das Alte zurck wies und es nicht
mehr als Plunder und Trdel ansah, sondern Schnes darin suchte: da
geschahen freilich trichte Dinge. Man sammelte wieder Altes und nur
Altes. Statt der neuen Mode mit neuen Gegenstnden kam die neueste
mit alten Gegenstnden. Man raffte Schreine, Betschemel, Tische und
dergleichen zusammen, weil sie alt waren, nicht weil sie schn waren,
und stellte sie auf. Da standen nun Dinge beisammen, die in ihren
Zeiten weit von einander ablagen, es konnte nicht fehlen, da ein
Widerwrtiges herauskam und da die Feinde des Alten, wenn sie Gefhl
hatten, sich abwenden muten. Nichts aber kann so wenig passen, als
alte Dinge von sehr verschiedenen Zeiten. Die Vorltern legten so sehr
einen eigentmlichen Geist in ihre Dinge - es war der Geist ihres
Gemtes und ihres allgemeinen Gefhlslebens -, da sie diesem Geiste
sogar den Zweck opferten. Man bringt Linnen, Kleider und dergleichen
in neue Gerte zweckmiger unter als in alte. Man kann daher alte
Gerte von ziemlich gleicher Zeit, aber verschiedenem Zwecke ohne
groe Strung des Geistes der Traulichkeit und Innigkeit, der in ihnen
wohnt, zusammenstellen, whrend von unseren Gerten, die keinen Geist,
aber einen Zweck haben, sogleich ein Widersinniges ausgeht, wenn man
Dinge verschiedenen Gebrauches in dasselbe Zimmer tut, wie etwa den
Schreibtisch, den Waschtisch, den Bcherschrein und das Bett. Die
grte Wirkung erzielt man freilich, wenn man alte Gerte aus
derselben und guten Zeit, die also denselben Geist haben, und auch
Gerte des nehmlichen Zweckes, in ein Zimmer bringt. Da spricht nun in
der Wirklichkeit etwas ganz anderes als bei unseren neuen Dingen.

Und das scheint mir hier der Fall zu sein, sagte ich.

Es ist nicht Alles alt, erwiderte er. Viele Dinge sind so
unwiederbringlich verloren gegangen, da es fast unmglich ist, eine
ganze Wohnung mit Gegenstnden aus der selben Zeit einzurichten, da
kein notwendiges Stck fehlt. Wir haben daher lieber solche Stcke im
alten Sinn neu gemacht, als alte Stcke von einer ganz anderen Zeit
zugemischt. Damit aber Niemand irre gefhrt werde, ist an jedem
solchen altneuen Stcke ein Silberplttchen eingefgt, auf welchem die
Tatsache in Buchstaben eingegraben ist.

Er zeigte mir nun jene Gegenstnde, welche in dem Schreinerhause als
Ergnzung hinzugemacht worden sind.

Trotzdem war bei mir der Eindruck immer derselbe, und ich hatte
bestndig und bestndig den Gedanken an meinen Vater in dem Haupte.
Man fhrte mich auch zu den alten, schweren, mit Gold und Silber
durchwirkten Fenstervorhngen und zeigte mir dieselben als echt, so
auch die ledernen, mit Farben und Metallverzierungen versehenen Belege
der Zimmerwnde. Nur hat man da in dem Leder nachhelfen und ihm
Nahrung geben mssen.

Als ich diese ernsten und feierlichen Gemcher genugsam betrachtet
hatte, ffnete Mathilde das schwere Schlo der Ausgangstr, und wir
kamen in mehrere unbedeutende Rume, die nach Norden sahen, worunter
auch der allgemeine Eintrittssaal und das Speisezimmer waren. Von da
gelangten wir in den Flgel, dessen Fenster die Morgensonne hatten.
Hier waren die Wohnzimmer Mathildens und Nataliens. Jede hatte ein
greres und ein kleineres Gemach. Sie waren einfach mit neuen Gerten
eingerichtet und drckten durch Dinge unmittelbaren Gebrauches die
Bewohntheit aus, ohne da ich die vielen Spielereien sah, mit denen
gerne, zwar nicht bei meinen Eltern, aber an anderen Orten unserer
Stadt, die Zimmer der Frauen angefllt sind. In jeder der zwei
Wohnungen sah ich eine der Zithern, die in dem Rosenhause gewesen
waren. Bei Natalien herrschten besonders Blumen vor. Es standen
Gestelle herum, auf welche sie von dem Garten herauf gebracht worden
waren, um hier zu verblhen. Auch standen grere Pflanzen, namentlich
solche, welche schne Bltter oder einen schnen Bau hatten, in einem
Halbkreise und in Gruppen auf dem Fuboden.

In einem Vorsaale, der den Eintritt zu diesen Wohnungen bildete,
befand sich ein Clavier.

Die Zimmer im zweiten Stockwerke des Hauses waren geblieben, wie sie
frher gewesen waren. Sie sahen so aus, wie sie gerne in weitlufigen
alten Schlssern auszusehen pflegen. Sie waren mit Gerten vieler
Zeiten, die meistens ohne Geschmack waren, mit Spielereien vergangener
Geschlechter, mit einigen Waffen und mit Bildern, namentlich
Bildnissen, die nach der Laune des Tages gemacht waren, angefllt.
Namentlich waren an den Wnden der Gnge Abbildungen aufgehngt
von groen Fischen, die man einmal gefangen, nebst beigefgter
Beschreibung, von Hirschen, die man geschossen, von Federwild, von
Wildschweinen und dergleichen. Auch Lieblingshunde fehlten nicht. In
diesem Stockwerke waren nach Sden die Gastzimmer, und der Flgel
derselben war geordnet worden. Hier befand sich auch mein Zimmer nebst
dem Gustavs.

Nach der Besichtigung der Zimmer gingen wir in das Freie. Die breite
Haupttreppe aus rotem Marmor fhrte in den Hof hinab. Derselbe zeigte,
wie gro das Gebude sei. Er war von vier ganz gleichen, langen
Flgeln umschlossen. In seiner Mitte war ein Becken von grauem Marmor,
in welches sich aus einer Verschlingung von Wassergttinnen vier
Strahlen ergossen. Um das Becken standen vier Ahorne, welche gewi
nicht kleiner waren als die, welche den Schlohgel sumten. Auf
dem Sandplatze unter den Ahornen waren Ruhebnke, ebenfalls aus
grauem Marmor. Von diesem Sandplatze liefen Sandwege wie Strahlen
auseinander. Der brige Raum war gleichfrmiges Rasen, nur da an den
Mauern des Hauses eine Pflasterung von glatten Steinen herum fhrte.

Von dem Hofe gingen wir bei dem groen Tore hinaus. Ich wendete mich,
da wir drauen waren, unwillkrlich um, um das Gebude zu betrachten.
ber dem Tore war ein ziemlich umfangreiches steinernes Schild
mit sieben Sternen. Sonst sah ich nichts, als was ich bei meinem
Morgenausblicke aus dem Fenster schon gesehen hatte. Wir gingen auf
einem Sandwege des grnen Rasens, wir umgingen das Haus und gelangten
hinter demselben in den Garten. Hier sah ich, was ich mir schon
frher gedacht hatte, da das Gebude, welches man wohl ein Schlo
nennen mute, nur aus den vier groen Flgeln bestehe, welche ein
vollkommenes Viereck bildeten. Die Wirtschaftsgebude standen ziemlich
weit entfernt in dem Tale.

Der Garten begann mit Blumen, Obst und Gemse, zeigte aber, da er in
der Entfernung mit etwas endigen msse, das wie ein Laubwald aussah.
Alles war rein und schn gehalten. Der Garten war auch hier mit
gefiederten Bewohnern bevlkert, und man hatte hnliche Vorrichtungen
wie im Asperhofe. Die Bume standen daher auch vortrefflich und
gesund. Rosen zeigten sich ebenfalls viele, nur nicht in so besonderen
Gruppierungen wie bei meinem Gastfreunde. Die Gewchshuser des
Gartens waren ausgedehnt und weit grer und sorgfltiger gepflegt
als auf dem Asperhofe. Der Grtner, ein junger und, wie es schien,
unterrichteter Mann, empfing uns mit Hflichkeit und Ehrfurcht am
Eingange derselben. Er zeigte mir mit mehr Genauigkeit seine Schtze,
als ich mit der Rcksicht auf meine Begleiter, denen nichts neu
war, fr vereinbarlich hielt. Es waren viele Pflanzen aus fremden
Weltteilen da, sowohl im warmen als im kalten Hause. Besonders erfreut
war er ber seine reiche Sammlung von Ananas, die einen eigenen Platz
in einem Gewchshause einnahmen.

Nicht weit hinter dem Gewchshause stand eine Gruppe von Linden,
welche beinahe so schn und so gro waren wie die in dem Garten des
Asperhofes. Auch war der Sand unter ihrem Schattendache so rein
gefegt, und um die hnlichkeit zu vollenden, liefen auf demselben
Finken, Ammern, Schwarzkehlchen und andere Vgel so traulich hin, wie
auf dem Sande des Rosenhauses. Da Bnke unter den Linden standen, ist
natrlich. Die Linde ist der Baum der Wohnlichkeit. Wo wre eine Linde
in deutschen Landen - und gewi ist es in andern auch so - unter der
nicht eine Bank stnde oder auf der nicht ein Bild hinge oder neben
welcher sich nicht eine Kapelle befnde. Die Schnheit ihres Baues,
das berdach ihres Schattens und das gesellige Summen des Lebens in
ihren Zweigen ladet dazu ein. Wir gingen in den Schatten der Linden.

Das ist eigentlich der schnste Platz in dem Sternenhofe, sagte
Mathilde, und jeder, der den Garten besucht, mu hier ein wenig
ruhen, daher sollt ihr auch so tun.

Mit diesen Worten wies sie auf die Bnke, die fast in einem Bogen
unter den Stmmen der Linden standen und hinter denen sich eine Wand
grnen Gebsches aufbaute. Wir setzten uns nieder. Das Summen, wie es
jedes Mal in diesen Bumen ist, war gleichmig ber unserm Haupte,
das stumme Laufen der Vgel ber den reinen Sand war vor unsern Augen
und ihr gelegentlicher Aufflug in die Bume tnte leicht in unsere
Ohren.

Nach einiger Zeit bemerkte ich, da auch mit Unterbrechungen ein
leises Rauschen hrbar sei, gleichsam als wrde es jetzt von einem
leichten Lftchen hergetragen, jetzt nicht. Ich uerte mich darber.

Ihr habt recht gehrt, sagte Mathilde, wir werden die Sache gleich
sehen.

Wir erhoben uns und gingen auf einem schmalen Sandpfade durch die
Gebsche, die sich in geringer Entfernung hinter den Linden befanden.
Als wir etwa vierzig oder fnfzig Schritte gegangen waren, ffnete
sich das Dickicht und ein freier Platz empfing uns, der rckwrts mit
dichtem Grn geschlossen war. Das Grn bestand aus Epheu, welcher
eine Mauer von groen Steinen bekleidete, die an ihren beiden Enden
riesenhafte Eichen hatte. In der Mitte der Mauer war eine groe
ffnung, oben mit einem Bogen begrenzt, gleichsam wie eine groe
Nische oder wie eine Tempelwlbung. Im Innern dieser Wlbung,
die gleichfalls mit Eppich berzogen war, ruhte eine Gestalt von
schneeweiem Marmor - ich habe nie ein so schimmerndes und fast
durchsichtiges Wei des Marmors gesehen, das noch besonders merkwrdig
wurde durch das umgebende Grn. Die Gestalt war die eines Mdchens,
aber weit ber die gewhnliche Lebensgre, was aber in der Epheuwand
und neben den groen Eichen nicht auffiel. Sie sttzte das Haupt mit
der einen Hand, den anderen Arm hatte sie um ein Gef geschlungen,
aus welchem Wasser in ein vor ihr befindliches Becken rann. Aus dem
Becken fiel das Wasser in eine in den Sand gemauerte Vertiefung, von
welcher es als kleines Bchlein in das Gebsch lief.

Wir standen eine Weile, betrachteten die Gestalt und redeten ber sie.
Eustach und ich kosteten auch mittelst einer alabasternen Schale, die
in einer Vertiefung des Epheus stand, von dem frischen Wasser, welches
sich aus dem Gefe ergo.


Hierauf gingen wir hinter der Eppichwand ber eine Steintreppe empor
und erstiegen einen kleinen Hgel, auf welchem sich wieder Sitze
befanden, die von verschiedenen Gebschen beschattet waren. Gegen das
Haus zu aber gewhrten sie die Aussicht. Wir muten uns hier wieder
ein wenig setzen. Zwischen den Eichen, gleichsam wie in einem grnen,
knorrigen Rahmen erschien das Haus. Mit seinem hohen, steilen Dache
von altertmlichen Ziegeln und mit seinen breiten und hochgefhrten
Rauchfngen glich es einer Burg, zwar nicht einer Burg aus den
Ritterzeiten, aber doch aus den Jahren, in denen man noch den Harnisch
trug, aber schon die weichen Locken der Percke auf ihn herabfallen
lie. Die Schwere einer solchen Erscheinung sprach sich auch in dem
ganzen Bauwerke aus. Zu beiden Seiten des Schlosses sah man die
Landschaft und hinten das liebliche Blau der Gebirge. Die dunkeln
Gestalten der Linden, unter denen wir gesessen waren, befanden sich
weiter links und strten die Aussicht nicht.

Man hat sehr mit Unrecht in neuerer Zeit die Mauern dieses Schlosses
mit der weigrauen Tnche berzogen, sagte mein Gastfreund,
wahrscheinlich um es freundlicher zu machen, welche Absicht man sehr
gerne zu Ende des vorigen Jahrhunderts an den Tag legte. Wenn man
die groen Steine, aus denen die Hauptmauern errichtet sind, nicht
bestrichen htte, so wrde das natrliche Grau derselben mit
dem Rostbraun des Daches und dem Grn der Bume einen sehr
zusammenstimmenden Eindruck gemacht haben. Jetzt aber steht das Schlo
da wie eine alte Frau, die wei gekleidet ist. Ich wrde den Versuch
machen, wenn das Schlo mein Eigentum wre, ob man nicht mit Wasser
und Brsten und zuletzt auf trockenem Wege mit einem feinen Meiel
die Tnche beseitigen knnte. Alle Jahre eine mige Summe darauf
verwendet, wrde jhrlich die Aussicht, des widrigen Anblickes
erledigt zu werden, angenehm vermehren.

Wir knnen ja den Versuch nahe an der Erde machen und aus der Arbeit
einen ungefhren Kostenanschlag verfertigen, sagte Mathilde; denn
ich gestehe gerne zu, da mich auch der Anblick dieser Farbe nicht
erfreut, besonders, da die Auenseite der Mauern ganz von Steinen ist,
die mit feinen Fugen an einander stoen, und man also bei Erbauung des
Hauses auf keine andere Farbe als die der Steine gerechnet hat. Jetzt
ist das Schlo von Innen viel natrlicher und, wenn auch nicht an eine
Kunstzeit erinnernd, doch in seiner Art zusammenstimmender als von
Auen.

Das Grau der Mauer mit den grauen Steinsimsen der Fenster, die nicht
ungeschickt gegliedert sind, mit der Hhe und Breite der Fenster,
deren Verhltnis zu den festen Zwischenrumen ein richtiges ist,
wrde, glaube ich, dem Hause ein schneres Ansehen geben, als man
jetzt ahnt, sagte Eustach.

Mir fielen bei dieser uerung die Worte ein, welche mein Gastfreund
einmal zu mir gesagt hatte, da alte Gerte in neuen Husern nicht
gut stehen. Ich erinnerte mich, da in dem Saale und in den alt
eingerichteten Gemchern dieses Schlosses die hohen Fenster, die
breiten Rume zwischen ihnen und die eigentmlich gestalteten
Zimmerdecken den Gerten sehr zum Vorteile gereichten, was in Zimmern
der neuen Art gewi nicht der Fall gewesen wre.


Als wir so sprachen, kamen Natalie und Gustav, die bei der Nymphe des
Brunnens zurckgeblieben waren, die Steintreppe zu uns empor. Die
Angesichter waren sanft gertet, die dunkeln Augen blickten heiter in
das Freie, und die beiden jugendlichen Gestalten stellten sich mit
einer anmutigen Bewegung hinter uns.

Von diesem Hgel der Eichenaussicht gingen wir weiter in den Garten
zurck und gelangten endlich in das Gemisch von Ahornen, Buchen,
Eichen, Tannen und anderen Bumen, welches wie ein Wldchen den Garten
schlo. Wir gingen in den Schatten ein, und die Freudenuerungen
und das Geschmetter der Vgel war kaum irgendwo grer als hier. Wir
besuchten Stellen, wo man der Natur nachgeholfen hatte, um diese
Abteilung noch angenehmer zu machen, und Gustav zeigte mir Bnke,
Tischchen und andere Pltze, wo er mit Natalien gesessen war, wo
sie gelernt, wo sie als Kinder gespielt hatten. Wir gingen an den
wunderbar von Licht und Schatten gesprenkelten Stmmen dahin, wir
gingen ber die dunkeln und die leuchtenden Stellen der Sandwege, wir
gingen an reichen grnenden Bschen, an Ruhebnken und sogar an einer
Quelle vorbei und kamen durch Wendungen, die ich nicht bemerkt hatte,
an einer Stelle wieder in den freien Garten zurck, die an der
entgegengesetzten Seite von der lag, bei welcher wir das Wldchen
betreten hatten.

Wir lieen jetzt die zwei groen Eichen links, ebenso die Linden und
gingen auf einem anderen Wege in das Schlo zurck.

Das Mittagessen wurde an dem uerst schnen Grn des Hgels
unmittelbar vor dem Hause unter einem Dache von Linnen eingenommen.

Am Nachmittage besprachen sich Mathilde und Eustach vorlufig ber
das, was in Hinsicht der Beschdigungen geschehen knnte, welche die
neuen Gerte in den Sdzimmern sowie die Fubden und zum Teile auch
die alten Gerte in den Westzimmern in der Zeit erlitten hatten. Gegen
Abend wurden der Meierhof und die Wirtschaftsgebude besucht.

So wie Mathilde in dem Rosenhause um den weiblichen Anteil des
Hauswesens sich bekmmert, alles, was dahin einschlug, besehen und
Anleitungen zu Verbesserungen gegeben hatte: so tat es mein Gastfreund
in dem Sternenhofe mit allem, was auf die uere Verwaltung des
Besitzes Bezug hatte, worin er mehr Erfahrung zu haben schien als
Mathilde. Er ging in alle Rume, besah die Tiere und ihre Verpflegung
und besah die Anstalten zur Bewahrung oder Umgestaltung der
Wirtschaftserzeugnisse. War mir dieses Verhltnis schon in dem
Rosenhause ersichtlich gewesen, so war es hier noch mehr der Fall. In
den Handlungen meines Gastfreundes und in dem kleinen Teile, den ich
von seinen Gesprchen mit Mathilde ber husliche Dinge hrte, zeigte
er sich als ein Mann, der mit der Bewirtschaftung eines groen
Besitzes vertraut ist und die Pflichten, die ihm in dieser Hinsicht
zufallen, mit Eifer, mit Umsicht und mit einem Blicke ber das Ganze
erfllt, ohne eben deshalb die Grenzen zu berhren, innerhalb welcher
die Geschfte einer Frau liegen. Das geschah so natrlich, als mte
es so sein und als wre es nicht anders mglich.

Von dem Meierhofe gingen wir in die Wiesen und auf die Felder, welche
zu der Besitzung gehrten. Wir gingen endlich ber die Grenzen des
Besitztumes hinaus, gingen ber den Boden anderer Menschen, die wir
zum Teile arbeitend auf den Feldern trafen und mit denen wir redeten.
Wir gelangten endlich auf eine Anhhe, die eine groe Umsicht
gewhrte. Wir blieben hier stehen. Das erste, auf das wir blickten,
war das Schlo mit seinem grnen Hgel und im Schoe seiner
umgrtenden Ahorne und des begrenzenden Gartenwaldes. Dann gingen wir
auf andere Punkte ber.

Man zeigte und nannte mir die einzelnen Huser, die zerstreut in der
Landschaft lagen und durch die Linien von Obstbumen, die hier berall
durch das Land gingen, wie durch grne Ketten zusammenhingen. Dann kam
man auf die entfernteren Ortschaften, deren Trme hier zu erblicken
waren. In diesem Stoffe konnte ich schon mehr mitreden, da mir die
meisten Orte bekannt waren. Als wir aber mit unsern Augen in die
Gebirge gelangten, war ich fast der Bewandertste. Ich geriet nach und
nach in das Reden, da man mich um verschiedene Punkte fragte, und sah,
da ich Antwort zu geben wute. Ich nannte die Berge, deren Spitzen
erkennbar hervortraten, ich nannte auch Teile von ihnen, ich
bezeichnete die Tler, deren Windungen zu verfolgen waren, zeigte die
Schneefelder, bemerkte die Einsattlungen, durch welche Berge oder
ganze Gebirgszge zusammenhingen oder getrennt waren, und suchte die
Richtungen zu verdeutlichen, in denen bekannte Gebirgsortschaften
lagen oder bekannte Menschenstmme wohnten. Natalie stand neben mir,
hrte sehr aufmerksam zu und fragte sogar um Einiges.

Als die Sonne untergegangen war und die sanfte Glut von den Gipfeln
der Hochgebirge sich verlor, gingen wir in das Schlo zurck.

Das Abendessen wurde in dem Speisezimmer eingenommen.

So brachten wir mehrere Tage in freundlichem Umgange und in heiteren,
mitunter belehrenden Gesprchen hin.

Endlich rsteten wir uns zur Abreise. Am frhesten Morgen war der
Wagen bespannt. Mathilde und Natalie waren aufgestanden, um uns
Lebewohl zu sagen. Mein Gastfreund nahm Abschied von Mathilde und
Natalie, Eustach und Gustav verabschiedeten sich, und ich glaubte auch
einige Worte des Dankes fr die gtige Aufnahme an Mathilde richten zu
mssen. Sie gab eine freundliche Antwort und lud mich ein, bald wieder
zu kommen. Selbst zu Natalie sagte ich ein Wort des Abschiedes, das
sie leise erwiderte.

Wie sie so vor mir stand, begriff ich wieder, wie ich bei ihrem ersten
Anblicke auf den Gedanken gekommen war, da der Mensch doch der
hchste Gegenstand fr die Zeichnungskunst sei, so s gehen ihre
reinen Augen und so lieb und hold gehen ihre Zge in die Seele des
Betrachters.

Wir stiegen in den Wagen, fuhren den grnen Rasenhgel hinab, wendeten
unsern Weg gegen Norden und kamen spt in der Nacht im Rosenhause an.

Mein Bleiben war nun in diesem Hause nicht mehr lange; denn ich hatte
keine Zeit mehr zu verlieren. Ich packte meine Sachen ein, bezeichnete
die Kisten und Koffer, welchen Weg sie zu nehmen htten, besuchte
alle, von denen ich glaubte, Abschied nehmen zu mssen, dankte
meinem Gastfreunde fr alle Gte und Freundlichkeit, leistete das
Versprechen, wieder zu kommen, und wanderte eines Tages ber den
Rosenhgel hinunter. Da es zu einer Zeit geschah, in welcher Gustav
frei war, begleiteten er und Eustach mich eine Stunde Weges.



Die Erweiterung

Ich ging an den Ort, wo ich meine Arbeiten abgebrochen hatte. Die
Leute, welche von meiner Absicht, wieder zu kommen, unterrichtet
waren, hatten mich schon lange erwartet. Der alte Kaspar, welcher mein
treuester Begleiter auf meinen Gebirgswanderungen war und meistens in
einem Ledersacke die wenigen Lebensmittel trug, welche wir fr einen
Tag brauchten, hatte schon mehrere Male in dem Ahornwirtshause um mich
gefragt und war gewhnlich, wie mir die Wirtin sagte, ehe er eintrat,
ein wenig auf der Gasse stehen geblieben und hatte auf die vielen
Fenster, welche von der hlzernen Zimmerung des Hauses auf die Ahorne
hinausschauten, empor geblickt, um zu sehen, ob nicht aus einem
derselben mein Haupt hervorrage. Jetzt sa er wieder bei mir an dem
langen Eichtentische unter den grnen Bumen, und die andern, denen er
Botschaft getan hatte, fanden sich ein. Ich war sehr erfreut und es
rhrte mein Herz, als ich sah, da diese Leute mit Vergngen mein
Wiederkommen ansahen und sich schon auf die Fortsetzung der Arbeit
freuten.

Ich ging sehr rstig daran, gleichsam als ob mich mein Gewissen
drngte, das, was ich durch die lngere Abwesenheit versumt hatte,
einzubringen. Ich arbeitete fleiiger und ttiger als in allen
frheren Zeiten, wir durchforschten die Bergwnde lngs ihrer
Einlagerungen in die Talsohlen und in ihren verschiedenen Hhepunkten,
die uns zugnglich waren oder die wir uns durch unsere Hmmer und
Meiel zugnglich machten. Wir gingen die Tler entlang und sphten
nach Spuren ihrer Zusammensetzungen, und wir begleiteten die Wasser,
die in den Tiefen gingen, und untersuchten die Gebilde, welche von
ihnen aus entlegenen Stellen hergetragen und immer weiter und weiter
geschoben wurden. Der Hauptsammelplatz fr uns blieb das Ahornhaus,
und wenn wir auch oft lnger von demselben abwesend waren und in
anderen Gebirgswirtshusern oder bei Holzknechten oder auf einer Alpe
oder gar im Freien bernachteten, so kamen wir in Zwischenrumen
doch immer wieder in das Ahornhaus zurck, wir wurden dort als
Eingebrgerte betrachtet, meine Leute fanden ihre Schlafstellen im
Heu, ich hatte mein bestndiges wohleingerichtetes Zimmer und hatte
ein Gela, in welches ich meine gesammelten Gegenstnde konnte bringen
lassen.

Oft, wenn ich von dem Arbeiten ermdet war oder wenn ich glaubte,
in dem Einsammeln meiner Gegenstnde genug getan zu haben, sa
ich auf der Spitze eines Felsens und schaute sehnschtig in die
Landschaftsgebilde, welche mich umgaben, oder blickte in einen der
Seen nieder, wie sie unser Gebirge mehrere hat, oder betrachtete die
dunkle Tiefe einer Schlucht, oder suchte mir in den Mornen eines
Gletschers einen Steinblock aus und sa in der Einsamkeit und schaute
auf die blau oder grne oder schillernde Farbe des Eises. Wenn
ich wieder talwrts kam und unter meinen Leuten war, die sich
zusammenfanden, war es mir, als sei mir alles wieder klarer und
natrlicher.

Von einem Jgersmanne, welcher aber mehr ein Herumstreicher war, als
da er an einem Platze durch lange Zeit als ein mit dem Bezirke und
mit dem Wildstande vertrauter Jger gedient htte, lie ich mir eine
Zither ber die Gebirge herber bringen. Er kannte, eben weil er
nirgends lange blieb und an allen Orten schon gedient hatte, das ganze
Gebirge genau und wute, wo die besten und schnsten Zithern gemacht
wrden. Er konnte dies darum auch am besten beurteilen, weil er
der fertigste und berhmteste Zitherspieler war, den es im Gebirge
gab. Er brachte mir eine sehr schne Zither, deren Griffbrett von
rabenschwarzem Holze war, in welchem sich aus Perlenmutter und
Elfenbein eingelegte Verzierungen befanden, und auf welchem die Stege
von reinem glnzenden Silber gemacht waren. Die Bretter, sagte mein
Bote, knnten von keiner singreicheren Tanne sein; sie ist von dem
Meister gesucht und in guten Zeichen und Jahren eingebracht worden.
Die Flein der Zither waren elfenbeinerne Kugeln. Und in der Tat,
wenn der Jgersmann auf ihr spielte, so meinte ich, nie einen seren
Ton auf einem menschlichen Gerte gehrt zu haben. Selbst was Mathilde
und Natalie in dem Rosenhause gespielt hatten, war nicht so gewesen;
ich hatte weit und breit nichts gehrt, was an die Handhabung der
Zither durch diesen Jgersmann erinnerte. Ich lie ihn gerne in meiner
Gegenwart auf meiner Zither spielen, weil ihm keine so klang wie diese
und weil er sagte, sie msse eingespielt werden.

Er wurde mein Lehrer im Zitherspiele, und ich nahm mir vor, da ich
sah, da er meine Zither allen anderen vorzog, ihm, wenn ich Ursache
htte, mit unseren Lehrstunden zufrieden zu sein, eine gleiche zu
kaufen.

Er hatte nehmlich erzhlt, da der Meister mehrere aus dem gleichen
Holze wie die meinige und in gleicher Art gefertigt habe. Da sie
nun ziemlich teuer gewesen war, so schlo ich, da der Meister die
gleichen nicht so schnell werde verkaufen knnen und da noch eine
werde brig sein, wenn ich meinem Lehrer zu dem gewhnlichen Lohne,
den ich ihm in Geld zugedacht habe, noch dieses Geschenk wrde
hinzufgen wollen.


Ich begann in demselben Sommer auch, mir eine Sammlung von Marmoren
anzulegen. Die Stcke, die ich gelegentlich fand oder die ich mir
erwarb, wurden zu kleinen Krpern geschliffen, gleichsam dicken
Tafeln, die auf ihren Flchen die Art des Marmors zeigten. Wenn ich
grere Stcke fand, so bestimmte ich sie auer dem, da ich die
gleiche Art in Tafeln in die Sammlung tat, zu allerlei Gegenstnden,
zu kleinen Dingen des Gebrauches auf Schreibtischen, Schreinen,
Waschtischen oder zu Teilen von Gerten oder zu Gerten selbst. Ich
hoffte, meinem Vater und meiner Mutter eine groe Freude zu machen,
wenn ich nach und nach als Nebengewinn meiner Arbeiten eine Zierde in
ihr Haus oder gar in den Garten brchte; denn ich sann auch darauf,
aus einem Blocke, wenn ich einen fnde, der gro genug wre, ein
Wasserbecken machen zu lassen.

Im Lauterthale fand ich einmal Roland, den Bruder Eustachs. Er hatte
in einer alten Kirche gezeichnet und war jetzt damit beschftigt, im
Gasthause des Lauterthales diese Zeichnungen und einige andere, welche
er in der Nhe entworfen hatte, mehr in das Reine zu bringen. Es
befand sich nehmlich nicht weit von Lauterthal ein einsamer Hof
oder eigentlich mehr ein festes, steinernes, schloartiges Haus,
welches einmal einer Familie gehrt hatte, die durch Handel mit
Gebirgserzeugnissen und durch immer ausgedehnteren Verkehr in viele
Gegenden der Erde wohlhabend und durch Entartung ihrer Nachkommen,
durch den Leichtsinn derselben und durch Verschwendung wieder arm
geworden war. Einer dieses Geschlechtes hatte das groe steinerne Haus
gebaut. Es gehrte jetzt einem fremden Herrn aus der Stadt, welcher
es seiner Lage und seiner Seltenheiten willen gekauft hatte und
es zuweilen besuchte. In dem Hause waren schne Bauwerke, schne
Steinarbeiten und schne Arbeiten aus Holz, teils in Zimmerdecken,
Tren und Fubden, teils in Gerten. Die Holzarbeit mute einmal im
Gebirge viel blhender gewesen sein als jetzt. Von diesen Gegenstnden
durfte nichts aus dem Hause gebracht werden, auch wurde von ihnen
nichts verkauft. Roland hatte die Erlaubnis erhalten, zu zeichnen, was
ihm als zeichnungswrdig erscheinen wrde. Dieses Zweckes halber hielt
er sich im Lanterthalwirtshause auf. Ich besuchte mit ihm fter das
Haus, und wir gerieten in mannigfache Gesprche, namentlich, wenn
wir abends, nachdem wir beide unser Tagewerk getan hatten, an dem
Wirtstische in der groen Stube zusammen kamen. Ich fand in ihm einen
sehr feurigen Mann von starken Entschlssen und von heftigem Begehren,
sei es, da ein Gegenstand der Kunst sein Herz erfllte oder da er
sonst etwas in den Bereich seines Wesens zu ziehen strebte. Er verlie
diese Sttte frher als ich.

Ehe mich meine Geschfte aus der Gegend fhrten, fand ich noch etwas,
das mich meines Vaters willen sehr freute. Kaspar hatte fters meinen
und Rolands Gesprchen zugehrt und mitunter sogar in die Zeichnungen
geblickt. Einmal sagte er mir, da, wenn ich an alten Dingen so ein
Vergngen htte, er mir etwas zeigen knne, das sehr alt und sehr
merkwrdig wre.

Es gehre einem Holzknechte, der ein Haus, einen Garten und
ein kleines Feldwesen habe, das von seinem Weibe und seinen
heranwachsenden Kindern besorgt werde. Wir gingen einmal auf meine
Anregung in das Haus hinauf, das jenseits eines Waldarmes mitten in
einer trockenen Wiese nicht weit von kleinen Feldern und hart an einem
groen, vereinzelten Steinblocke lag, wie sie sich losgerissen oft im
Innern von fruchtbaren Grnden befinden. Das alte Werk, welches ich
hier traf, war die Vertfelung von zwei Fensterpfeilern, ungefhr
halbmanneshoch. Es war offenbar der Rest einer viel greren
Vertfelung, welche in der angegebenen Hhe auf dem Fuboden lngs der
ganzen Wnde eines Zimmers herum gelaufen war. Hier bestanden nur mehr
die Verkleidungen von zwei Fensterpfeilern; aber sie waren vollkommen
ganz. Halberhabne Gestalten von Engeln und Knaben, mit Laubwerk
umgeben, standen auf einem Sockel und trugen zarte Simse. Der Besitzer
des Huschens hatte die zwei Verkleidungen in seiner Prunkstube so
aufgestellt, da sie mit der unverzierten Hhlung gegen die Stube
schauten. In diese Hhlung hatte er geschnitzte und bemalte
Heiligenbilder aus neuerer Zeit gestellt. Vermutlich war das Werk
einmal in dem steinernen Hause gewesen und war dort weggekommen, da
etwa Nachfolger Vernderungen machten und Gegenstnde verschleuderten.
Der Besitzer des Wiesenhauses sagte uns, da sein Grovater die
Dinge in einer Versteigerung der Hagermhle gekauft habe, die wegen
Verschwendung des Mllers war eingeleitet worden. Meine Nachfragen um
die Ergnzungen zu diesen Verkleidungen waren vergeblich, und durch
Vermittlung Kaspars erkaufte ich von dem Besitzer die bergebliebenen
Reste. Ich lie Kisten machen, legte die gefugten Teile auseinander,
packte sie selber ein und sendete sie unterdessen in das Ahornhaus zu
meinen anderen Dingen.


Ich blieb wirklich in jenem Herbste sehr lange im Gebirge. Es lag
nicht nur der Schnee schon auf den Bergen, sondern er deckte auch
bereits das ganze Land, und man fuhr schon in Schlitten statt in
Wgen, als ich von dem Ahornhause Abschied nahm. Ich hatte alle meine
Sachen gepackt und hatte sie voraus gesendet, weil ich im knftigen
Jahre nicht mehr in diesem freundlichen Hause, sondern irgend wo
anders meinen Aufenthalt wrde aufschlagen mssen. Ich sagte allen
meinen Leuten Lebewohl und ging auf der glattgefrorenen Bahn neben dem
rauschenden Flusse, der schon Stcke Ufereis ansetzte, in die ebneren
Lnder hinaus. Mein Weg fhrte mich in seinem Verlaufe auf Anhhen
dahin, von welchen ich im Norden die Gegend des Rosenhauses und im
Sden die des Sternenhofes erblicken konnte. In dem weien Gewande,
welches sich ber die Gefilde breitete und welches von den
dunkeln Bndern der Wlder geschnitten war, konnte ich kaum die
Hgelgestaltungen erkennen, innerhalb welcher das Haus meines Freundes
liegen mute, noch weniger konnte ich die Umgebungen des Sternenhofes
unterscheiden, da ich nie im Winter in dieser Gegend gewesen war. Das
aber wute ich mit Gewiheit, in welcher Richtung das Haus liegen
msse, an dem im vergangenen Sommer so viele Rosen geblht haben und
in welcher das Schlo, hinter dem die alten Linden standen und die
Quelle flo, an der die weibliche Gestalt aus weiem Marmor Wache
hielt. Die wohltuenden Fden, die mich nach beiden Richtungen zogen,
wurden von dem strkeren Bande aufgehoben, das mich zu den lieben,
teuren Meinigen fhrte.

Als ich das flache Land erreicht hatte und an dem Orte eingetroffen
war, in welchem mich meine Kisten erwarten sollten, bergab ich
dieselben, die ich unverletzt vorfand, meinem Frchter zur Befrderung
an den Strom und empfahl sie ihm, besonders die mit den Altertmern,
auf das Angelegentlichste. Am anderen Tage reiste ich in einem Wagen
nach. Am Strome lie ich die Kisten sorgfltig in ein Schiff bringen
und fuhr am nchsten Morgen mit dem nehmlichen Schiffe meiner
Vaterstadt zu.

Ich langte glcklich dort an, lie meine Habseligkeiten in unser Haus
schaffen, packte zuerst die Kiste mit den Altertmern aus und war
beruhigt, als die Holzschnitzereien unversehrt daraus hervor gingen.
Die Freude meines Vaters war auerordentlich, die Mutter freute sich
des Vaters willen, und die Schwester, deren glnzende Augen bald auf
mich, bald auf den Vater schauten, zeigte, da sie mit mir zufrieden
sei. Dieses lie mir manches vergessen, das beinahe wie eine Sorge in
meinem Herzen war. Ich befand mich wieder bei meinen Angehrigen, die
mit allen Krften ihrer Seele an meinem Wohle Anteil nahmen, und dies
erfllte mich mit Ruhe und einer sen Empfindung, die mir in der
letzten Zeit beinahe fremd geworden war.

Ich sah am anderen Tage, als ich in das Speisezimmer ging, den Vater,
wie er vor den Verkleidungen stand und sie betrachtete. Bald neigte er
sich nher zu ihnen, bald kniete er nieder und befhlte manches mit
der Hand oder untersuchte es genauer mit den Augen.

Mir klopfte das Herz vor Freude, und die weien Haare, welche unter
den dunkeln immer hufiger auf seinem Haupte zum Vorschein kamen,
erschienen mir doppelt ehrwrdig, und die leichte Falte der Sorge
auf seiner Stirne, die in der Arbeit fr uns auf diesem Sitze seiner
Gedanken entstanden war, whrend ich meiner Freude nachgehen und die
Welt und die Menschen genieen konnte, und whrend meine Schwester wie
eine prachtvolle Rose erblhen durfte, erfllte mich beinahe mit einer
Andacht. Die Mutter kam dazu, er zeigte ihr manches, er erklrte ihr
die Stellungen der Gestalten, die Fhrung und die Schwingung der
Stengel und der Bltter und die Einteilung des Ganzen. Die Mutter
verstand diese Dinge durch die langjhrige bung viel besser als ich,
und ich sah jetzt, da ich dem Vater etwas weit Schneres gebracht
habe, als ich wute. Ich nahm mir vor, im nchsten Frhlinge viel
genauer nach den zu diesen Verkleidungen noch gehrenden Teilen zu
forschen; ich hatte frher nur im allgemeinen gefragt, jetzt wollte
ich aber auf das Sorgfltigste in der ganzen Gegend suchen. Nachdem
wir noch eine Weile ber das Werk geredet hatten, fhrte mich die
Mutter durch alle meine Zimmer und zeigte mir, was man whrend meiner
Abwesenheit getan habe, um mir den Winteraufenthalt recht angenehm zu
machen. Die Schwester kam dazu, und da die Mutter fortgegangen war,
schlang sie beide Arme um meinen Hals, kte mich und sagte, da ich
so gut sei und da sie mich nach Vater und Mutter unter allen Dingen,
die auf der Welt sein knnen, am meisten und am auerordentlichsten
liebe. Mir wren bei dieser Rede bald die Trnen in die Augen
getreten.

Als ich spter in meinem Zimmer allein auf und ab ging, wollte mir
mein Herz immer sagen: Jetzt ist alles gut, jetzt ist alles gut.

Ich kaufte mir am andern Tage eine spanische Sprachlehre, welche mir
ein Freund, der sich seit mehreren Jahren mit diesen Dingen abgegeben
hatte, anriet. Ich begann neben meinen anderen Arbeiten vorerst fr
mich in diesem Buche zu lernen, mir vorbehaltend, spter, wenn ich es
fr ntig halten sollte, auch einen Lehrer im Spanischen zu nehmen.
Auch fuhr ich nicht nur fort, in den Schauspielen Shakespeares zu
lesen, sondern ich wendete die Zeit, die mir von meinen Arbeiten brig
blieb, auch der Lesung anderer dichterischer Werke zu. Ich suchte die
Schriften der alten Griechen und Rmer wieder hervor, von denen ich
schon Bruchstcke whrend meiner Studienjahre als Pflichterfllung
hatte lesen mssen. Damals waren mir die Gestaltungen dieser Vlker,
die ich mit ruhigen und khlen Krften hatte erfassen knnen, sehr
angenehm gewesen, deshalb nahm ich jetzt die Bcher dieser Art wieder
vor.

Meine Zither gereichte der Schwester zur Freude. Ich spielte ihr die
Dinge vor, die ich bereits auf diesen Saiten hervorzubringen im Stande
war, ich zeigte ihr die Anfangsgrnde, und als fr uns beide in dieser
bung auch ein Meister aus der Stadt in das Haus kam, lieh ich ihr die
Zither und versprach ihr, eine eben so schne und gute oder eine noch
schnere und bessere fr sie aus dem Gebirge zu schicken, wenn sie zu
bekommen wre. Ich erzhlte ihr, da der Mann, der mir in dem Gebirge
Unterricht im Zitherspiele gebe, bei weitem schner, wenn auch nicht
so geknstelt spiele als der Meister in der Stadt. Ich sagte, ich
wolle in dem Gebirge sehr fleiig lernen und ihr, wenn ich wieder
komme, Unterricht in dem erteilen, was ich unterdessen in mein
Eigentum verwandelt htte.

Unter diesen Beschftigungen und unter andern Dingen, welche schon
frhere Winter eingeleitet hatten, ging die kltere Jahreszeit dahin.
Als die Frhlingslfte wehten und die Erde abzutrocknen begann, trat
ich meine Sommerwanderung wieder an. Ich whlte doch abermals das
Ahornhaus zu meinem Aufenthalte, wenn ich auch wute, da ich oft weit
von ihm weggehen und lange von ihm wrde entfernt bleiben mssen.
Es war nur schon zur Gewohnheit geworden, und es war mir lieb und
angenehm in ihm.

Das erste, was ich vernahm, war, da ich Botschaft nach meinem
Zitherspieljgersmanne aussandte. Da er berall zu finden ist,
kam er sehr bald, und wir verabredeten, wie wir unsere bungen
im Zitherspiele fortsetzen wrden. Gleichzeitig begann ich die
Forschungen nach jenen Teilen der Wandverkleidungen, welche zu den
meinem Vater berbrachten Pfeilerverkleidungen als Ergnzung gehrten.
Ich forschte in dem Hause nach, in welchem Roland im vergangenen
Sommer gezeichnet hatte, ich forschte bei dem Holzknechte, von welchem
mir die Pfeilerverkleidungen waren verkauft worden, ich dehnte meine
Forschungen in alle Teile der umliegenden Gegend aus, gab besonders
Mnnern Auftrge, welche oft in die abgelegensten Winkel von Husern
und anderen Gebuden kommen, wie zum Beispiele Zimmerleuten, Maurern,
da sie mir sogleich Nachricht gben, wenn sie etwas aus Holz
Geschnitztes entdeckten, ich reiste selber an manche Stellen, um
nachzusehen: allein es fand sich nichts mehr vor. Als beinahe
nicht zu bezweifeln stellte sich heraus, da die von mir gekauften
Verkleidungen einmal zu dem steinernen Hause der ausgestorbenen
Gebirgskaufherren gehrt haben, in welchem sie die Unterwand eines
ganzen Saales umgeben haben mochten. Bei einer einmal vorgenommenen
sogenannten Verschnerung spterer, verschwenderisch gewordener
Nachkommen hat man sie wahrscheinlich weg getan und sie fremden Hnden
berlassen, die sie in abwechselnden Besitz brachten.

Die Pfeilerverkleidungen, welche gleichsam Nischen bildeten, in die
man Heiligenbilder tun konnte, sind brig geblieben, die anderen
geraden Teile sind verkommen oder sogar mutwillig zerschlagen oder
verbrannt worden.

Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes ging ich auch mit
meinem Jgersmanne von dem Ahornhause ber das Echergebirge in das
Echertal, wo der Meister wohnte, von dem der Jger die Zither fr mich
gekauft hatte und von dem ich auch eine fr meine Schwester kaufen
wollte. Dieser Mann verfertigte Zithern fr das ganze umliegende
Gebirge und zur Versendung. Er hatte noch zwei mit der meinigen ganz
gleiche. Ich whlte eine davon, da in der Arbeit und in dem Tone gar
keine Verschiedenheit wahrgenommen werden konnte. Der Meister sagte,
er habe lange keine so guten Zithern gemacht und werde lange keine
solchen mehr machen. Sie seien alle drei von gleichem Holze, er habe
es mit vieler Mhe gesucht und mit vielen Schwierigkeiten gefunden. Er
werde vielleicht auch nie mehr ein solches finden. Auch werde er kaum
mehr so kostbare Zithern machen, da seine entfernten Abnehmer nur
oberflchliche Ware verlangten und auch die Gebirgsleute, die wohl die
Gte verstehen, doch nicht gerne teure Zithern kauften.

Von dem Zitherspiele, welches mein Jger mit mir bte, schrieb ich mir
so viel auf, als ich konnte, um es der Schwester zum Einlernen und zum
Spielen zu bringen.


Gegen die Zeit der Rosenblte ging ich in den Asperhof und fand die
zwei Zimmer schon fr mich hergerichtet, welche ich im vorigen Sommer
bewohnt hatte.

Am ersten Tage erzhlte mir schon der Grtner Simon, der von seinem
Gewchshause zu mir herber gekommen war, da der Cereus peruvianus in
dem Asperhofe sei. Der Herr habe ihn von dem Inghofe gekauft, und da
ich gewi Ursache dieser Erwerbung sei, so msse er mir seinen Dank
dafr abstatten. Ich hatte allerdings mit meinem Gastfreunde ber den
Cereus geredet, wie ich es dem Grtner versprochen hatte; aber ich
wute nicht, wie viel Anteil ich an dem Kaufe htte, und sagte daher,
da ich den Dank nur mit Zurckhaltung annehmen knne. Ich mute dem
Grtner in das Cactushaus folgen, um den Cereus anzusehen. Die Pflanze
war in freien Grund gestellt, man hatte fr sie einen eigenen Aufbau,
gleichsam ein Trmchen von doppeltem Glas, auf dem Cactushause
errichtet und hatte durch Sttzen oder durch Lenkung der
Sonnenstrahlen auf gewisse Stellen des Gewchses Anstalten getroffen,
da der Cereus, der sich an der Decke des Gewchshauses im Inghofe
hatte krmmen mssen, wieder gerade wachsen knne. Ich htte nicht
gedacht, da diese Pflanze so gro sei und da sie sich so schn
darstellen wrde.

Weil mein Vater an altertmlichen Dingen eine so groe Freude hatte,
weil ihn die Verkleidungen so sehr erfreut hatten, welche ich ihm im
vergangenen Herbste gebracht hatte, so tat ich an meinen Gastfreund,
da ich eine Weile in seinem Hause gewesen war, eine Bitte. Ich hatte
die Bitte schon lnger auf dem Herzen gehabt, tat sie aber erst jetzt,
da man gar so gut und freundlich mit mir in dem Rosenhause war. Ich
ersuchte nehmlich meinen Gastfreund, da er erlaube, da ich einige
seiner alten Gerte zeichnen und malen drfe, um meinem Vater die
Abbilder zu bringen, die ihm eine deutlichere Vorstellung geben
wrden, als es meine Beschreibungen zu tun im Stande wren.

Er gab die Einwilligung sehr gerne und sagte: Wenn ihr eurem Vater
ein Vergngen bereiten wollet, so zeichnet und malet, wie ihr wollt,
ich habe nicht nur nichts dagegen, sondern werde auch Sorge tragen,
da in den Zimmern, die ihr bentzen wollt, gleich alles zu eurer
Bequemlichkeit hergerichtet werde. Sollte euch Eustach an die Hand
gehen knnen, so wird er es gewi sehr gerne tun.

Am folgenden Tage war in dem Zimmer, in welchem sich der groe
Kleiderschrein befand. mit dem ich anfangen wollte, eine Staffelei
aufgestellt und neben ihr ein Zeichnungstisch, ob ich mich des einen
oder des andern bedienen wollte. Der Schrein war von seiner Stelle weg
in ein besseres Licht gerckt, und alle Fenster bis auf eines waren
mit ihren Vorhngen bedeckt, damit eine einheitliche Beleuchtung auf
den Gegenstand geleitet wurde, der gezeichnet werden sollte. Eustach
hatte alle seine Farbstoffe zu meiner Verfgung gestellt, wenn etwa
die von mir mitgebrachten irgendwo eine Lcke haben sollten. Das
zeigte sich sogleich klar, da die Zeichnungen jedenfalls mit Farben
gemacht werden mten, weil sonst gar keine Vorstellung von den
Gegenstnden htte erzeugt werden knnen, die aus verschiedenfarbigem
Holze zusammengestellt waren.

Ich ging sogleich an die Arbeit. Mein Gastfreund hatte auch fr meine
Ruhe gesorgt. So oft ich zeichnete, durfte niemand in das Zimmer
kommen, in dem ich war, und so lange sich berhaupt meine
Gertschaften in demselben befanden, durfte es zu keinem andern
Gebrauche verwendet werden. Um desto mehr glaubte ich meine Arbeit
beschleunigen zu mssen.


Es waren indessen Mathilde und Natalie in dem Asperhofe angekommen,
und sie lebten dort, wie sie im vorigen Jahre gelebt hatten.

Ich zeichnete fleiig fort. Niemand stellte das Verlangen, meine
Arbeit zu sehen. Eustach hatte ich gebeten, da ich ihn zuweilen um
Rat fragen drfe, was er bereitwillig zugestanden hatte. Ich fhrte
ihn daher zu Zeiten in das Zimmer, und er gab mir mit vieler
Sachkenntnis an, was hie und da zu verbessern wre. Nur Gustav lie
Neugierde nach der Zeichnung blicken; nicht da ihm geradezu eine
uerung in dieser Hinsicht entfallen wre; aber da er sich so an mich
angeschlossen hatte und da sein Wesen sehr offen und klar war, so
erschien es nicht schwer, den Wunsch, den er hegte, zu erkennen. Ich
lud ihn daher ein, mich in dem Zimmer zu besuchen, wenn ich zeichnete,
und ich richtete es so ein, da meine Zeichnungszeit in seine freien
Stunden fiel. Er kam fleiig, sah mir zu, fragte um allerlei und
geriet endlich darauf, auch ein solches Gemlde versuchen zu wollen.
Da mein Gastfreund nichts dawider hatte, so berlie ich ihm meine
Farben zur Bentzung, und er begann auf einem Tische neben mir sein
Geschft, indem er den nehmlichen Schrein abbildete wie ich. Im
Zeichnen war er sehr unterrichtet, Eustach war sein Lehrmeister;
dieser hatte aber bisher noch immer nicht zugegeben, da sein Zgling
den Gebrauch der Farben anfange, weil er von dem Grundsatze ausging,
da zuvor eine sehr sichere und behende Zeichnung vorhanden sein
msse. Die Spielerei aber mit dem Schreine - denn es war nichts weiter
als eine Spielerei - lie er als eine Ausnahme geschehen.

Ich wurde in Kurzem mit der ersten Arbeit fertig. Das Bild sah in den
genau und gewissenhaft nachgeahmten Farben fast noch lieblicher und
reizender aus als der Gegenstand selber, da alles ins Kleinere und
Feinere zusammengerckt war.

Da ich die Zeichnung vollendet hatte, legte ich sie meinem Gastfreunde
und Mathilde vor. Sie billigten dieselbe und schlugen einige kleine
nderungen vor. Da ich die Notwendigkeit derselben einsah, nahm ich
sie sogleich vor. Hierauf wurde von ihnen so wie von Eustach die
Abbildung fr fertig erklrt.

Nach dem Kleiderschreine nahm ich den Schreibtisch mit den Delphinen
vor.

Weil ich durch die erste Zeichnung schon einige Fertigkeit erlangt
hatte, so ging es bei der zweiten schneller, und alles geriet mit mehr
Leichtigkeit und Schwung. Ich war fertig geworden und legte auch diese
Abbildung Mathilden, meinem Gastfreunde und Eustach vor. Gustav hatte
in der Zeit auch seine Zeichnung des groen Schreines vollendet und
brachte sie herbei. Er wurde ein wenig ausgelacht, und andererseits
wurden ihm auch Dinge angegeben, die er noch zu verndern und hinein
zu machen htte. Auch bei mir wurden Verbesserungen vorgeschlagen. Als
wir beide mit unsern Ausfeilungen fertig waren, wurden in dem Zimmer,
in welchem wir gezeichnet hatten, die Gerte wieder an den Platz
gerckt, und die Staffelei und unsere Malergertschaften wurden daraus
entfernt. Ich hatte mir in diesem Zimmer nur die zwei Gegenstnde
abzubilden vorgenommen.

Hierauf versuchte ich noch einige kleinere Gegenstnde.

Unterdessen waren manche Leute zum Besuche in das Rosenhaus gekommen,
wir selber hatten auch einige Nachbarn aufgesucht, hatten Spaziergnge
gemacht, und an mehreren Abenden saen wir im Garten oder vor den
Rosen oder unter dem groen Kirschbaume und es wurde von verschiedenen
Dingen gesprochen.


Eustach sagte mir einmal, da ich von den Gerten in dem Sternenhofe
redete und die uerung machte, da meinen Vater Abbildungen von ihnen
sehr freuen wrden, es knne keinen Schwierigkeiten unterliegen, da
ich in dem Sternenhofe ebenso zeichnen drfe wie in dem Asperhause.
Ich ging auf die Sache nicht ein, da ich nicht den Mut hatte, mit
Mathilde darber zu sprechen. Am andern Tage zeigte mir Eustach die
Einwilligung an, und Mathilde lud mich auf das Freundlichste ein und
sagte, da mir in ihrem Hause jede Bequemlichkeit zu Gebote stehen
wrde. Ich dankte sehr freundlich fr die Gte, und nach mehreren
Tagen fuhr ich mit den Pferden meines Gastfreundes in den Sternenhof,
whrend Mathilde und Natalie noch in dem Rosenhause blieben.

Im Sternenhofe fand ich zu meiner berraschung schon alles zu meinem
Empfange vorbereitet. Da Bilder in dem Schlosse waren, hatte man auch
mehrere Staffeleien, welche man mir zur Auswahl in das groe Zimmer
gestellt hatte, in welchem die altertmlichen Gerte standen. Auch ein
Zeichnungstisch mit allem Erforderlichen war in das Zimmer geschafft
worden. Ich whlte unter den Staffeleien eine und lie die brigen
wieder an ihre gewhnlichen Orte bringen. Den Zeichnungstisch behielt
ich zur Bequemlichkeit neben der Staffelei bei mir. Es war nun zum
Malen beinahe alles so eingerichtet wie im Asperhofe. Auch durfte ich
mir die Gerte, die ich zu zeichnen vorhatte, in das Licht rcken
lassen wie ich wollte. Zum Wohnen und Schlafen hatte man mir das
nehmliche Zimmer hergerichtet, in welchem ich bei meinem ersten
Besuche gewesen war. Zum Speisen wurde mir der Saal, in dem ich
arbeitete, oder mein Wohnzimmer frei gestellt. Ich whlte das Letzte.

Ich betrachtete mir vorerst die Gerte und whlte diejenigen aus, die
ich abbilden wollte. Hierauf ging ich an die Arbeit. Ich malte sehr
fleiig, um die Unordnung, welche meine Arbeiten notwendig in dem
Hause machen muten, so kurz als mglich dauern zu lassen. Ich blieb
daher den ganzen Tag in dem Saale, nur des Abends, wenn es dmmerte,
oder Morgens, ehe die Sonne aufging, begab ich mich in das Freie oder
in den Garten, um einen Gang in der erquickenden Luft zu machen oder
gelegentlich auch, stille stehend oder auf einer Ruhebank sitzend, die
weite Gegend um mich herum zu betrachten. Oft, wenn ich die Pinsel
gereinigt und all das unter Tags gebrauchte Malergerte geordnet und
an seinen Platz gelegt hatte, sa ich unter den alten hohen Linden
im Garten und dachte nach, bis das spte Abendrot durch die Bltter
derselben herein fiel und die Schatten auf dem Sandboden so tief
geworden waren, da man die kleinen Gegenstnde, die auf diesem Boden
lagen, nicht mehr sehen konnte. Noch fter aber war ich auf dem Platze
hinter der Epheuwand, von welchem aus das Schlo in die groen Eichen
eingerahmt zu erblicken war und neben und hinter dem Schlosse sich die
Gegend und die Berge zeigten. Es war die Stille des Landes, wenn der
heitere Spthimmel sich ber das Schlo hinzog, wenn die Spitzen von
dessen Dachfhnchen glnzten, sich in Ruhe das Grn herum lagerte und
das Blau der Berge immer sanfter wurde.

Zuweilen, in besonders heien Tagen, ging ich auch in die Grotte, in
welcher die Marmornymphe war, freute mich der Khle, die da herrschte,
sah das gleiche Rinnen des Wassers und sah den gleichen Marmor, auf
dem nur zuweilen ein Lichtchen zuckte, wenn sich ein spter Strahl in
dem Wasser fing und auf die Gestalt geworfen wurde.

In dem Schlosse war es sehr einsam, die Diener waren in ihren
abgelegenen Zimmern, ganze Reihen von Fenstern waren durch
herabgelassene Vorhnge bedeckt, und zu dem Hofbrunnen ging selten
eine Gestalt, um Wasser zu holen, daher er zwischen den groen Ahornen
eintnig fortrauschte. Diese Stille machte, da ich desto mehr der
Bewohnerinnen dachte, die jetzt abwesend waren, da ich meinte, ihre
Spuren entdecken zu knnen, und da ich dachte, ihren Gestalten
irgendwo begegnen zu mssen. Besser war es, wenn ich in die Landschaft
hinausging. Dort lebten die Klnge der Arbeit, dort sah ich heitere
Menschen, die sich beschftigten, und regsame Tiere, die ihnen halfen.

Es war eine Art von Verwalter in dem Schlosse, der den Auftrag haben
mute, fr mich zu sorgen, wenigstens tat er alles, was er zu meiner
Bequemlichkeit fr ntig erachtete. Er fragte oft nach meinen
Wnschen, lie mehr Speisen und Getrnke auf meinen Tisch stellen als
ntig war, sorgte stets fr frisches Wasser, Kerzen und andere Dinge,
lie eine Menge Bcher, die er aus der Bchersammlung des Schlosses
genommen haben mochte, in mein Zimmer bringen und meinte zuweilen, da
es die Hflichkeit erfordere, da er mehrere Minuten mit mir spreche.
Ich machte so wenig als mglich Gebrauch von allen fr mich in diesem
Schlosse eingeleiteten Anstalten und ging nicht einmal in die Meierei,
in welcher es sehr lebhaft war, um durch meine Gegenwart oder durch
mein Zuschauen nicht jemanden in seiner Arbeit zu beirren.

Als ich mit den ausgewhlten Gegenstnden fertig war, hrte ich nicht
auf; denn aus ihnen entwickelten sich wieder andere Arbeiten, was
seinen Grund darin hatte, da ein Gegenstand den andern verlangte,
was wieder daher rhrte, da die Gerte dieses Zimmers und der
Nebengemcher ein Ganzes bildeten, welches man nicht zerstckt denken
konnte. Was mir aber zu statten kam, war die groe bung, die ich nach
und nach erlangte, so da ich endlich in einem Tage mehr vor mich
brachte als sonst in dreien.

Eustach kam einmal herber, mich zu besuchen. Ich sah darin ein
Zeichen, da man mir Gelegenheit geben wollte, mich seines Rates zu
bedienen. Ich tat dieses auch, freute mich der Worte, die er sprach,
und folgte den Ansichten, die er entwickelte. Er erzhlte mir auch,
da Mathilde und Natalie noch lange in dem Asperhofe zu bleiben
gedchten. Da, wie ich wute, ihr Besuch in dem vorigen Sommer im
Rosenhause viel krzer gewesen war, so verfiel ich auf den Gedanken,
ob sie nicht etwa gerade darum heuer lnger in demselben verweilten,
um mir Mue zu meinen Arbeiten in dem Sternenhofe zu geben. Ob es nun
so sei oder nicht, wute ich nicht, es konnte aber so sein, und darum
beschlo ich, mein Malen abzukrzen. Endlich mute ich doch einmal
schlieen, da ich doch nicht alle Gegenstnde abbilden konnte. Ich
sagte Eustach die Zeit, in der ich fertig sein wrde. Er blieb zwei
Tage in dem Schlosse, verma Manches, untersuchte Einiges in manchen
Zimmern und kehrte dann wieder in das Rosenhaus zurck.

Ehe ich ganz fertig war, kamen alle vom Asperhofe herber und blieben
einige Tage. Auch Eustach kam wieder mit. Ich legte vor, was ich
gemacht hatte, und es geschah das Nehmliche, was in dem Rosenhause
geschehen war. Man billigte im Allgemeinen die Arbeit und stellte
hie und da etwas aus, was zu verbessern wre. Ich hatte schon zu der
Abbildung der Gerte im Asperhofe lfarben angewendet, weil ich in
Behandlung derselben nach und nach eine grere Fertigkeit erlangt
hatte als in der der Wasserfarben und weil die Wirkung eine viel
grere war. Die Gerte des Sternenhofes hatte ich nun auch mit
lfarben abgebildet, und diese Abbildungen waren viel gelungener als
die im Rosenhause. Ich erkannte die Vorschlge, welche mir gemacht
worden waren, an und bemerkte mir sie zur Ausfhrung.

Eustach ging von dem Sternenhofe wieder in das Rosenhaus zurck; mein
Gastfreund, Mathilde, Natalie und Gustav machten eine kleine Reise.

Auch mein Bleiben war nicht mehr lange in dem Schlosse. Ich machte
noch fertig, was fertig zu machen war, ich verbesserte, was zu
verbessern vorgeschlagen worden war und was mir selber noch in der
Zeit als verberungswrdig einfiel und wartete dann ab, bis alles gut
getrocknet wre, um es einpacken und fr den Vater in Bereitschaft
halten zu knnen. Da dies geschehen war, dankte ich dem Verwalter sehr
verbindlich fr alle seine Aufmerksamkeit, gab den Mdchen, die fr
mich zu tun gehabt hatten, Geschenke, welche ich mir zu diesem Zwecke
schon frher angeschafft hatte, und bestieg den Wagen, den mir der
Verwalter zu meiner Zurckfahrt in das Rosenhaus zur Verfgung
gestellt hatte.

Als ich in dem Rosenhause ankam, traf ich meinen Gastfreund und seine
Gesellschaft von der Reise schon zurckgekehrt an. Ich blieb noch
mehrere Tage bei ihnen, nahm dann Abschied und begab mich in das
Ahornhaus zu meinen Arbeiten zurck.


Ich suchte diese Arbeiten rasch zu betreiben; aber alles war jetzt
anders und nahm eine andere Frbung in meinem Herzen an.

Als ich in dem Frhling die Hauptstadt verlassen hatte und dem langsam
ber einen Berg empor fahrenden Wagen folgte, war ich einmal bei einem
Haufen von Geschiebe stehen geblieben, das man aus einem Flubette
genommen und an der Strae aufgeschttet hatte, und hatte das Ding
gleichsam mit Ehrfurcht betrachtet. Ich erkannte in den roten, weien,
grauen, schwarzgelben und gesprenkelten Steinen, welche lauter
plattgerundete Gestalten hatten, die Boten von unserem Gebirge, ich
erkannte jeden aus seiner Felsenstadt, von der er sich losgetrennt
hatte und von der er ausgesendet worden war. Hier lag er unter
Kameraden, deren Geburtssttte oft viele Meilen von der seinigen
entfernt ist, alle waren sie an Gestalt gleich geworden, und alle
harrten, da sie zerschlagen und zu der Strae verwendet wrden.

Besonders kamen mir die Gedanken, wozu dann alles da sei, wie es
entstanden sei, wie es zusammenhnge, und wie es zu unserem Herzen
spreche.

Einmal gelangte ich zu dem See hinunter und betrachtete an dem
sonnigen Nachmittage die Tatsache, da die Schnheit der absteigenden
Berge meistens gegen einen Seespiegel am grten ist. Kmmt das aus
Zufall, haben die abstrzenden, dem See zueilenden Wsser die Berge
so schn gefurcht, gehhlt, geschnitten, geklftet, oder entspringt
unsere Empfindung von dem Gegensatze des Wassers und der Berge, wie
nehmlich das erste eine weiche, glatte, feine Flche bildet, die durch
die rauhen absteigenden Riffe, Rinnen und Streifen geschnitten wird,
whrend unterhalb nichts zu sehen ist und so das Rtsel vermehrt wird?
Ich dachte bei dieser Gelegenheit: wenn das Wasser durchsichtiger
wre, zwar nicht so durchsichtig wie die Luft, doch beinahe so, dann
mte man das ganze innere Becken sehen, nicht so klar wie in der
Luft, sondern in einem grnlichen, feuchten Schleier. Das mte sehr
schn sein. Ich blieb in Folge dieses Gedankens lnger an dem See,
mietete mich in einem Gasthofe ein und machte mehrere Messungen der
Tiefe des Wassers an verschiedenen Stellen, deren Entfernung vom Ufer
ich mittelst einer Meschnur bezeichnete. Ich dachte, auf diese Weise
knnte man annhernd die Gestalt des Seebeckens ergrnden, knnte
es zeichnen und knnte das innere Becken von dem ueren durch eine
sanftere, grnlichere Farbe unterscheiden. Ich beschlo, bei einer
ferneren Gelegenheit die Messungen fortzusetzen.

Diese Bestrebungen brachten mich auf die Betrachtung der Seltsamkeiten
unserer Erdgestaltungen. In dem Seegrunde sah ich ein Tal, in
dessen Sohle, die sich bei andern Tlern mit dem vieltausendfachen
Pflanzenreichtume und den niedergestrzten Gebirgsteilen fllt und
so einen schnen Wechsel von Pflanzen und Gestein darstellt, kein
Pflanzengrund sich entwickelt, sondern das Gerlle sich sachte mehrt,
der Boden sich hebt und die ursprnglichen Klftungen ausfllt.
Dazu kommen die Stcke, die unmittelbar von den Wnden in den See
strzen, dazu kommen die Hgel, die auer der gewhnlichen Ordnung
von bedeutenden Hochwassern in den See geschoben und von dem
nachtrglichen Wellenschlage wieder abgeflacht werden. In
Jahrtausenden und Jahrtausenden fllt sich das Becken immer mehr, bis
einmal, mgen hundert oder noch mehr Jahrtausende vergangen sein,
kein See mehr ist, auf der ungeheuren Dicke der Gerllschichten der
menschliche Fu wandelt, Pflanzen grnen und selbst Bume stehen. So
kannte ich manche Stellen, die einst Seegrund gewesen waren.

Der Flu, der Vater des Sees, hatte sich in seinem Weiterlaufe tiefer
gewhlt, er hatte den Seespiegel niederer gelegt, der Seegrund hatte
sich gehoben, bis nichts mehr war als ein Tal, an dem jetzt die Ufer
als grne Wlle in langen Strecken stehen, mit krftigen Krutern,
blhenden Bschen und mancher lachenden Wohnung von Menschen prangen,
whrend das, was einmal ein mchtiges Wasser gebildet hatte, jetzt
als ein schmales Bndlein in glnzenden Schlangenlinien durch die
Landschaft geht.

Ich betrachtete vom See aus die Schichtungen der Felsen. Was bei
Kristallen der Bltterdurchgang ist, das zeigt sich hier in groen
Zgen. An manchen Stellen ist die Neigung diese, an manchen ist sie
eine andere. Sind diese ungeheuren Bltter einst gestrzt worden,
sind sie erhoben worden, werden sie noch immer erhoben? Ich zeichnete
manche Lagerungen in ihren schnen Verhltnissen und in ihren
Neigungen gegen die wagrechte Flche. Wenn ich so die Bltter
durchging und die Gestaltungen ansah, war es mir wie eine unbekannte
Geschichte, die ich nicht entrtseln konnte und zu der es doch
Anhaltspunkte geben mute, um die Ahnungen in Nahrung zu setzen.

Wenn ich die Stcke unbelebter Krper, die ich fr meine Schreine
sammelte, ansah, so fiel mir auf, da hier diese Krper liegen, dort
andere, da ungeheure Mengen desselben Stoffes zu groen Gebirgen
aufgetrmt sind und da wieder in kleinen Abstnden kleine Lagerungen
mit einander wechseln. Woher sind sie gekommen, wie haben sie sich
gehuft? Liegen sie nach einem Gesetze, und wie ist dieses geworden?
Oft sind Teile eines greren Krpers in Menge oder einzeln an
Stellen, wo der Krper selber nicht ist, wo sie nicht sein sollen,
wo sie Fremdlinge sind. Wie sind sie an den Platz gekommen? Wie ist
berhaupt an einer Stelle gerade dieser Stoff entstanden und nicht ein
anderer? Woher ist die Berggestalt im Groen gekommen? Ist sie noch in
ihrer Reinheit da oder hat sie Vernderungen erlitten, und erleidet
sie dieselben noch immer? Wie ist die Gestalt der Erde selber
geworden, wie hat sich ihr Antlitz gefurcht, sind die Lcken gro,
sind sie klein?

Wenn ich auf meinen Marmor kam - wie bewunderungswrdig ist der
Marmor! Wo sind denn die Tiere hin, deren Spuren wir ahnungsvoll in
diesen Gebilden sehen? Seit welcher Zeit sind die Riesenschnecken
verschwunden, deren Andenken uns hier berliefert wird? Ein Andenken,
das in ferne Zeiten zurck geht, die niemand gemessen hat, die
vielleicht niemand gesehen hat und die lnger gedauert haben als der
Ruhm irgend eines Sterblichen.


Eine Tatsache fiel mir auf. Ich fand tote Wlder, gleichsam
Gebeinhuser von Wldern, nur da die Gebeine hier nicht in eine Halle
gesammelt waren, sondern noch aufrecht auf ihrem Boden standen. Weie,
abgeschlte, tote Bume in groer Zahl, so da vermutet werden mute,
da an dieser Stelle ein Wald gestanden sei. Die Bume waren Fichten
oder Lrchen oder Tannen. Jetzt konnte an der Stelle ein Baum gar
nicht mehr wachsen, es sind nur Kriechhlzer um die abgestorbenen
Stmme, und auch diese selten. Meistens bedeckt Gerlle den Boden oder
grere, mit gelbem Moose berdeckte Steine. Ist diese Tatsache eine
vereinzelte, nur durch vereinzelte Ortsursachen hervorgebracht? Hngt
sie mit der groen Weltbildung zusammen? Sind die Berge gestiegen, und
haben sie ihren Wlderschmuck in hhere, todbringende Lfte gehoben?
Oder hat sich der Boden gendert, oder waren die Gletscherverhltnisse
andere? Das Eis aber reichte einst tiefer: wie ist das alles geworden?

Wird sich vieles, wird sich alles noch einmal ganz ndern? In welch
schneller Folge geht es? Wenn durch das Wirken des Himmels und seiner
Gewsser das Gebirge bestndig zerbrckelt wird, wenn die Trmmer
herabfallen, wenn sie weiter zerklftet werden und der Strom sie
endlich als Sand und Geschiebe in die Niederungen hinausfhrt, wie
weit wird das kommen? Hat es schon lange gedauert? Unermeliche
Schichten von Geschieben in ebenen Lndern bejahen es. Wird es noch
lange dauern? So lange Luft, Licht, Wrme und Wasser dieselben
bleiben, so lange es Hhen gibt, so lange wird es dauern. Werden
die Gebirge also einstens verschwunden sein? Werden nur flache,
unbedeutende Hhen und Hgel die Ebenen unterbrechen, und werden
spelbst diese auseinander gewaschen werden? Wird dann die Wrme in den
feuchten Niederungen oder in tiefen, heien Schluchten verschwinden,
so wie die kalte Luft in Hhen auf die Erde ohne Einflu sein wird,
so da alle Glieder in unsern Lndern von demselben lauen Stoffe
umflossen sind und sich die Verhltnisse aller Gewchse ndern? Oder
dauert die Ttigkeit, durch welche die Berge gehoben wurden, noch
heute fort, da sie durch innere Kraft an Hhe ersetzen oder
bertreffen, was sie von Auen her verlieren? Hrt die Hebungskraft
einmal auf? Ist nach Jahrmillionen die Erde weiter abgekhlt, ist ihre
Rinde dicker, so da der heie Flu in ihrem Innern seine Kristalle
nicht mehr durch sie empor zu treiben vermag? Oder legt er langsam und
unmerklich stets die Rnder dieser Rinde auseinander, wenn er durch
sie seine Geschiebe hinan hebt? Wenn die Erde Wrme ausstrahlt
und immer mehr erkaltet, wird sie nicht kleiner? Sind dann die
Umdrehungsgeschwindigkeiten ihrer Kreise nicht geringer? ndert das
nicht die Passate? Werden Winde, Wolken, Regen nicht anders? Wie viele
Millionen Jahre mssen verflieen, bis ein menschliches Werkzeug die
nderung messen kann?

Solche Fragen stimmten mich ernst und feierlich, und es war, als wre
in mein Wesen ein inhaltreicheres Leben gekommen. Wenn ich gleich
weniger sammelte und zusammentrug als frher, so war es doch,
als wrde ich in meinem Innern bei weitem mehr gefrdert als in
vergangenen Zeiten.

Wenn eine Geschichte des Nachdenkens und Forschens wert ist, so ist
es die Geschichte der Erde, die ahnungsreichste, die reizendste,
die es gibt, eine Geschichte, in welcher die der Menschen nur ein
Einschiebsel ist und wer wei es, welch ein kleines, da sie von
anderen Geschichten vielleicht hherer Wesen abgelset werden kann.
Die Quellen zu der Geschichte der Erde bewahrt sie selber wie in einem
Schriftengewlbe in ihrem Inneren auf, Quellen, die vielleicht in
Millionen Urkunden niedergelegt sind und bei denen es nur darauf
ankmmt, da wir sie lesen lernen und sie durch Eifer und Rechthaberei
nicht verflschen. Wer wird diese Geschichte einmal klar vor Augen
haben? Wird eine solche Zeit kommen oder wird sie nur der immer ganz
wissen, der sie von Ewigkeit her gewut hat?


Von solchen Fragen flchtete ich zu den Dichtern. Wenn ich von langen
Wanderungen in das Ahornhaus zurck kam oder wenn ich ferne von dem
Ahornhause in irgend einem Stbchen eines Alpengebudes wohnte, so
las ich in den Werken eines Mannes, der nicht Fragen lste, sondern
Gedanken und Gefhle gab, die wie eine Lsung in holder Umhllung
waren und wie ein Glck aussahen. Ich hatte mannigfaltige solcher
Mnner. Unter den Bchern waren auch solche, in denen Schwulst
enthalten war. Sie gaben die Natur in und auer dem Menschen nicht so
wie sie ist, sondern sie suchten sie schner zu machen und suchten
besondere Wirkungen hervorzubringen. Ich wendete mich von ihnen ab.
Wem das nicht heilig ist was ist, wie wird der Besseres erschaffen
knnen als was Gott erschaffen hat? In der Naturwissenschaft war ich
gewohnt geworden, auf die Merkmale der Dinge zu achten, diese Merkmale
zu lieben und die Wesenheit der Dinge zu verehren. Bei den Dichtern
des Schwulstes fand ich gar keine Merkmale, und es erschien mir
endlich lcherlich, wenn einer schaffen wollte, der nichts gelernt
hat.

Die Mnner gefielen mir, welche die Dinge und die Begebenheiten mit
klaren Augen angeschaut hatten und sie in einem sicheren Mae in dem
Rahmen ihrer eigenen inneren Gre vorfhrten. Andere gaben Gefhle in
schner Sittenkraft, die tief auf mich wirkten. Es ist unglaublich,
welche Gewalt Worte ben knnen; ich liebte die Worte und liebte
die Mnner und sehnte mich oft nach einer unbestimmten, unbekannten
glcklichen Zukunft hinaus.

Die Alten, die ich einst zu verstehen geglaubt hatte, kamen mir doch
jetzt anders vor als frher. Es schien mir, als wren sie natrlicher,
wahrer, einfacher und grer als die Mnner der neuen Zeit und als
lasse sie der Ernst ihres Wesens und die Achtung vor sich selbst nicht
zu den berschreitungen gelangen, welche sptere Zeiten fr schn
hielten. Ich trug Homeros, schylos, Sophokles, Thukydides fast
auf allen Wanderungen mit mir. Um sie zu verstehen, nahm ich alle
griechischen Sprachwerke, die mir empfohlen waren, vor und lernte
in ihnen. Am frderlichsten im Verstehen war aber das Lesen selber.
Bei den Alten nahm ich Geschichtschreiber gerne unter Dichter, sie
schienen mir dort einander nher zu stehen als bei den Neuen.

Da geriet auch ich auf das Malen. Die Gebirge standen im Reize und im
Ganzen vor mir, wie ich sie frher nie gesehen hatte. Sie waren meinen
Forschungen stets Teile gewesen. Sie waren jetzt Bilder, so wie frher
blo Gegenstnde. In die Bilder konnte man sich versenken, weil sie
eine Tiefe hatten, die Gegenstnde lagen stets ausgebreitet zur
Betrachtung da. So wie ich frher Gegenstnde der Natur fr
wissenschaftliche Zwecke gezeichnet hatte, wie ich bei diesen
Zeichnungen zur Anwendung von Farben gekommen war, wie ich ja vor
Kurzem erst Gerte gezeichnet und gemalt hatte: so versuchte ich jetzt
auch, den ganzen Blick, in dem ein Hintereinanderstehendes, im Dufte
Schwebendes, vom Himmel sich Abhebendes enthalten war, auf Papier oder
Leinwand zu zeichnen und mit lfarben zu malen. Das sah ich sogleich,
da es weit schwerer war als meine frheren Bestrebungen, weil es
sich hier darum handelte, ein Rumliches, das sich nicht in gegebenen
Abmessungen und mit seinen Naturfarben, sondern gleichsam als die
Seele eines Ganzen darstellte, zu erfassen, whrend ich frher nur
einen Gegenstand mit bekannten Linienverhltnissen und seiner ihm
eigentmlichen Farbe in die Mappe zu bertragen hatte. Die ersten
Versuche milangen gnzlich. Dieses schreckte mich aber nicht ab,
sondern eiferte mich vielmehr noch immer strker an. Ich versuchte
wieder und immer wieder. Endlich vertilgte ich die Versuche
nicht mehr, wie ich frher getan hatte, sondern bewahrte sie zur
Vergleichung auf. Diese Vergleichung zeigte mir nach und nach, da
sich die Versuche besserten und die Zeichnung leichter und natrlicher
wurde. Es war ein gewaltiger Reiz fr das Herz, das Unnennbare, was
in den Dingen vor mir lag, zu ergreifen, und je mehr ich nach dem
Ergreifen strebte, desto schner wurde auch dieses Unnennbare vor mir
selbst.

Ich blieb so lange in dem Gebirge, als es nur mglich wurde und als
die zunehmende Klte einen Aufenthalt im Freien nicht ganz und gar
verbot.

Im sptesten Herbste ging ich noch einmal zu meinem Gastfreunde in
das Rosenhaus. Es war zur Zeit, da in dem Gebirge schon mannigfaltige
Schneelasten auf den Hhen lagen und das flache Land sich schon jedes
Schmuckes entuert hatte. Der Garten meines Freundes war kahl,
die Bienenhtte war in Stroh eingehllt, in den laublosen Zweigen
schrillte mir noch manche vereinzelte Kohlmeise oder ein Wintervogel,
und ber ihnen zogen in dem grauen Himmel die grauen Dreiecke der
Gnse nach dem Sden. Wir saen in den langen Abenden bei dem Feuer
des Kamins, arbeiteten unter Tags an der Einhllung und Einwinterung
der Gegenstnde, die es bedurften, oder machten an manchem Nachmittage
einen Spaziergang, wenn der regsame Nebel die Hgel und die Tler und
die Ebenen umwandelte.

Ich zeigte meinem Gastfreunde meine Versuche im landschaftlichen
Malen, weil ich es gewissermaen fr eine Falschheit gehalten htte,
ihm nichts von der Vernderung zu sagen, die in mir vorgegangen war.
Ich scheute mich sehr, die Versuche vorzulegen, ich tat es aber doch,
und zwar zu einer Zeit, da auch Eustach zugegen war. Als Einleitung
erklrte ich, wie ich nach und nach dazu gekommen wre, diese Dinge zu
machen.

Es geht allen so, welche die Gebirge fter besuchen und welche
Einbildungskraft und einiges Geschick in den Hnden haben, sagte mein
Gastfreund, ihr braucht euch deshalb nicht beinahe zu entschuldigen,
es war zu erwarten, da ihr nicht blo bei eurem Sammeln von Steinen
und Versteinerungen bleiben werdet, es ist so in der Natur, und es ist
so gut.

Die Entwrfe wurden mit viel mehr Ernst und Genauigkeit durchgenommen,
als sie verdienten. Da sowohl mein Gastfreund als auch Eustach
jedes Blatt fter betrachtet hatten, sprachen sie mit mir
darber. Ihr Urteil ging einstimmig darauf hinaus, da mir das
Naturwissenschaftliche viel besser gelungen sei als das Knstlerische.
Die Steine, die sich in den Vordergrnden befnden, die Pflanzen, die
um sie herum wuchsen, ein Stck alten Holzes, das da lge, Teile von
Gerlle, die gegen vorwrts sen, selbst die Gewsser, die sich
unmittelbar unter dem Blicke befnden, htte ich mit Treue und mit den
ihnen eigentmlichen Merkmalen ausgedrckt. Die Fernen, die groen
Flchen der Schatten und der Lichter an ganzen Bergkrpern und das
Zurckgehen und Hinausweichen des Himmelsgewlbes seien mir nicht
gelungen. Man zeigte mir, da ich nicht nur in den Farben viel zu
bestimmt gewesen wre, da ich gemalt htte, was nur mein Bewutsein
an entfernten Stellen gesagt, nicht mein Auge, sondern da ich auch
die Hintergrnde zu gro gezeichnet htte, sie wren meinen Augen
gro erschienen, und das htte ich durch das Hinaufrcken der Linien
angeben wollen. Aber durch Beides, durch Deutlichkeit der Malerei
und durch die Vergrerung der Fernen htte ich die letzteren nher
gerckt und ihnen das Groartige benommen, das sie in der Wirklichkeit
besen. Eustach riet mir, eine Glastafel mit Canadabalsam zu
berziehen, wodurch sie etwas rauher wrde, so da Farben auf ihr
haften, ohne da sie die Durchsichtigkeit verlre und durch diese
Tafel Fernen mit den an sie grenzenden nheren Gegenstnden mittelst
eines Pinsels zu zeichnen, und ich wrde sehen, wie klein sich die
grten und ausgedehntesten entfernten Berge darstellen und wie gro
das zunchstliegende Kleine wrde. Dieses Verfahren aber empfehle
er nur, damit man zur berzeugung der Verhltnisse komme und einen
Mastab gewinne, nicht aber, da man dadurch knstlerische Aufnahmen
von Landschaften mache, weil durch einen solchen Vorgang die
knstlerische Freiheit und Leichtigkeit verloren wrde, welche in
Bezug auf Darstellung das Wesen und das Herz der Kunst sei. Das Auge
soll nur gebt und unterrichtet werden, die Seele msse schaffen, das
Auge soll ihr dienen. In Hinsicht der Farbgebung der Fernen riet er
mir, dort, wo ich einen Zweifel htte, ob ich etwas she oder nur
wisse, es lieber nicht anzugeben und berhaupt in der Farbe lieber
unbestimmter als bestimmter zu sein, weil dadurch die Gegenstnde an
Groartigkeit gewinnen. Sie werden durch die Unbestimmtheit ferner
und durch dieses allein grer. Durch Linien des Zeichnenstiftes auf
dem kleinen Papiere oder der kleinen Leinwand knne man nichts gro
machen. Durch Verdeutlichung werden die Krper nher gerckt und
verkleinert. Wenn berhaupt ein Fehler gegen die Genauigkeit gemacht
werden msse - und kein Mensch knne Dinge, namentlich Landschaften,
in ihrer vlligen Wesenheit geben -, so sei es besser, die Gegenstnde
groartiger und bersichtlicher zu geben als in zu viele einzelne
Merkmale zerstreut. Das erste sei das Knstlerischere und Wirksamere.

Ich sah sehr gut ein, was sie sagten, und wute auch, woher die Fehler
kmen, von denen sie redeten. Ich hatte bisher alle Gegenstnde in
Hinblick auf meine Wissenschaft gezeichnet, und in dieser waren
Merkmale die Hauptsache. Diese muten in der Zeichnung ausgedrckt
sein und gerade die am schrfsten, durch welche sich die Gegenstnde
von verwandten unterschieden. Selbst bei meinem Zeichnen von
Angesichtern hatte ich deren Linien, ihr Krperliches, ihre Licht- und
Schattenverteilung unmittelbar vor mir.

Daher war mein Auge gebt, selbst bei fernen Gegenstnden das, was sie
wirklich an sich hatten, zu sehen, wenn es auch noch so undeutlich
war, und dafr auf das, was ihnen durch Luft, Licht und Dnste
gegeben wurde, weniger zu achten, ja diese Dinge als Hindernisse der
Beobachtung eher weg zu denken als zum Gegenstande der Aufmerksamkeit
zu machen. Durch das Urteil meiner Freunde wurde mir der Verstand
pltzlich geffnet, da ich das, was mir bisher immer als wesenlos
erschienen war, betrachten und kennen lernen msse. Durch Luft,
Licht, Dnste, Wolken, durch nahe stehende andere Krper gewinnen die
Gegenstnde ein anderes Aussehen, dieses msse ich ergrnden, und die
veranlassenden Dinge msse ich, wenn es mir mglich wre, so sehr zum
Gegenstande meiner Wissenschaft machen, wie ich frher die unmittelbar
in die Augen springenden Merkmale gemacht hatte. Auf diese Weise
drfte es zu erreichen sein, da die Darstellung von Krpern gelnge,
die in einem Mittel und in einer Umgebung von anderen Krpern
schwimmen. Ich sagte das meinen Freunden, und sie billigten meinen
Entschlu. Wenn der Nebel oder berhaupt die trbe Jahreszeit einen
Blick in die Ferne gestattete, wurde das, was mit Worten gesagt wurde,
auch an wirklichen Beispielen errtert, und wir sprachen ber die Art
und Weise, wie sich die entfernten Gebirge oder Teile von ihnen oder
nher gehende von der Hauptkette sich ablsende Grnde darstellten.
Es ist unglaublich, wie sehr ich in jenem kurzen Herbstaufenthalte
unterrichtet wurde.


Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern, welche ich
las, und erzhlte ihm von dem groen Eindrucke, welchen ihre Worte auf
mich machten. Wir gingen bei Gelegenheit einmal in sein Bcherzimmer,
er fhrte mich vor die Schreine, in welchen die Dichter standen, und
zeigte mir, was er in dieser Hinsicht besa. Er sagte auch, ich mchte
whrend des Aufenthaltes in seinem Hause von den Bchern Gebrauch
machen, wie ich wollte; ich knnte sie im Lesezimmer bentzen oder
auch in meine Wohnung mit hinbernehmen. Es waren Werke in den
ltesten Sprachen da, von Indien bis nach Griechenland und Italien,
es waren Werke der neueren Zeiten da und auch der neuesten. Am
zahlreichsten waren natrlich die der Deutschen.

Ich habe diese Bcher gesammelt, sagte er, nicht als ob ich sie
alle verstnde; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd;
aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt, da die Dichter, wenn
sie es im rechten Sinne sind, zu den grten Wohlttern der Menschheit
zu rechnen sind. Sie sind die Priester des Schnen und vermitteln
als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten ber Welt, ber
Menschenbestimmung, ber Menschenschicksal und selbst ber gttliche
Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglckende. Sie geben
es uns im Gewande des Reizes, der nicht altert, der sich einfach
hinstellt und nicht richten und verurteilen will. Und wenn auch alle
Knste dieses Gttliche in der holden Gestalt bringen, so sind sie
an einen Stoff gebunden, der diese Gestalt vermitteln mu: die Musik
an den Ton und Klang, die Malerei an die Linien und die Farbe, die
Bildnerkunst an den Stein, das Metall und dergleichen, die Baukunst an
die groen Massen irdischer Bestandteile, sie mssen mehr oder minder
mit diesem Stoffe ringen; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen
Stoff mehr, ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung,
das Wort ist nicht der Stoff, es ist nur der Trger des Gedankens, wie
etwa die Luft den Klang an unser Ohr fhrt. Die Dichtkunst ist daher
die reinste und hchste unter den Knsten. Da ich nun meine, da
es so ist, wie ich sage, so habe ich die Mnner, welche die Stimme
der Zeiten als groe in der Kunst des Dichtens bezeichnete, hier
zusammengestellt. Ich habe Dichter in fremden Sprachen, die ich nicht
verstand, dazu getan, wenn ich nur wute, da sie in der Geschichte
ihres Volkes vorzglich genannt werden, und wenn ich von einem
Fachmanne das Zeugnis hatte, da ich in dem Buche den Dichter besitze,
den ich meine. Sie mgen unverstanden hier stehen oder es mag wohl
einer oder der andere in diesen Saal kommen, der manchen versteht
und liest. Ich habe wohl auch solche Bcher hieher gestellt, die
mir gefallen, das Urteil der Zeit mag anders lauten oder erst
festzustellen sein. In diesen Bchern habe ich viel Glck gefunden und
in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die Jugend
die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzcken
aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwrmerei und mit
Sehnsucht in dem Busen trgt, so ist es doch fast stets mehr die
Wrme des eigenen Gefhles, die sie empfindet, als da sie die fremde
Weisheit und Gre in ein besonnenes, betrachtendes, abwgendes Herz
aufnehmen knnte. Ihr seid selber jung, und die Tiefe und Innigkeit
der Dichtung mag euch frdern und euer Herz jedem knftigen Groen
ffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber
ihr werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die
verglhende Sonne des Alters in die Gre eines fremden Geistes
leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem
Glanze frbt, so wie es eine Tatsache ist, da die innige, wahre und
treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglckt als
die lodernde Leidenschaft der jungen, schnen, schimmernden Braut.
Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und
Unendlichkeit der Zukunft, diese verhllt die Mngel und ersetzt das
Abgngige. Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt.
Daher kmmt die Erscheinung, da Werke von bedeutend verschiedener
Geltung die Jugend auf gleiche Art entzcken knnen, und da
Erzeugnisse hchster Gre, wenn sie keine Wiederspieglung der
Jugendblte sind, nicht erfat werden knnen. In dem Alter werden
selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen,
wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und
Grenzenlosigkeit, oder wie die holde und berauschende Seligkeit der
Gegenliebe, oder die Trume knftiger Taten und knftiger Gre, der
Blick in ein unendliches, erst kommendes Leben, oder wie das erste
Stammeln in irgend einer Kunst, von dem Greise in dem sanften Spiegel
seiner Erinnerung beglckender aufgefat als von dem Jnglinge, der
sie in dem Brausen seines Lebens berhrt, und an der grauen Wimper
mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Trne hngen als
der feurige Funke, der in berwltigender Empfindung aus dem Auge des
Jnglings springt und keine Spur hinterlt. Ich lese jetzt selten
mehr die grten Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es
wohl, weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind -, aber
ich lese immer in ihnen und werde wohl bis zu meinem Lebensende in
ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit groen
Erquickungen durch den Rest meines Lebens und werden mir wohl, wie ich
ahne, an der dunkeln Pforte Krnze aufhngen, als wren sie von meinen
eigenen Rosen geflochten. Deshalb gebe ich auch kein Buch aus dem
Hause, weil ich nicht wei, ob ich es nicht in nchster Zeit selber
brauchen werde. Im Hause stehen sie jedem, der davon Gebrauch machen
will, zu Gebote. Nur fr Gustav wird eine Auswahl getroffen, weil er
noch zu jung ist und nicht alles sondern kann. Er wrde hier zwar
nichts gnzlich Schlechtes finden; aber nicht alles Gute wrde er
verstehen, und dann wre die daran gewendete Zeit verloren; oder er
knnte es miverstehen, und dann wre der Erfolg ein unrichtiger. Das
Schlechte, das sich Dichtkunst nennt, ist der Jugend sehr gefhrlich.
In der Wissenschaft zeigt es sich viel leichter auf. In der Mathematik
liegt es in der Darstellung, da solche Werke wohl kaum vorkommen
drften, in denen sogar der Stoff fehlerhaft wre, in der
Naturwissenschaft liegt es in der Darstellung wie im Stoffe, in welch
letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht; nur
in der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie
in der Dichtkunst, weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen
gestellt ist und wirkt: aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst
versteckt es sich vor dem blhenden Gemte des Jnglings, dieser
breitet seine Blten und seine Begierden darber und saugt das Gift in
sich. Ein klarer Verstand, der sich von Kindheit an eben zur Klarheit
hingebt hat, und ein gutes, reines Herz sind Schutzwehren vor
Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen, weil der klare
Verstand den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz
die Unsittlichkeit ablehnt. Aber Beides geschieht nur gegen die
Entschiedenheit des Schlechten. Wo es in Reize verhllt ist und mit
Reinem gemischt, dort ist es am bedenklichsten, und da mssen Ratgeber
und vterliche Freunde zu Hilfe stehen, da sie teils aufklren,
teils von vornherein die Annherung des bels aufhatten. Gegen die
Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht
man kein Mittel als sie selber. Ihr seid zwar noch jung; aber ihr
seid nicht so jung zu dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten
unserer Jnglinge, und ihr habt so viel in Wissenschaften gelernt, da
ich glaube, da man euch alle Dichter in die Hnde geben kann, ohne
Gefahr zu befrchten, selbst bei solchen, die in ihrem Amte sehr
zweifelhaft sind. Euer Geist wird sich wohl heraus finden und gerade
dadurch noch mehr klren. Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche
man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem
griechischen Worte Philosophie bezeichnet, mu ich euch sagen, was ihr
wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mgt,
da ich nicht gar sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen
und eigentmlichen Gewande auftritt. Ich habe alte und neue Werke
derselben mit gutem Willen durchgenommen; aber ich habe mich zu viel
mit der Natur abgegeben, als da ich auf ledigliche Abhandlungen ohne
gegebener Grundlage viel Gewicht legen knnte, ja sie sind mir sogar
widerwrtig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem
Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie
nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbchern, am wenigsten aus den
neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt, sondern ich habe sie
aus Dichtern genommen oder aus der Geschichte, die mir am Ende wie die
gegenstndlichste Dichtung vorkmmt.


Als ich meinen Gastfreund so reden hrte, erinnerte ich mich, da ich
ihn in der Tat viel lesen gesehen habe. Oft war er mit einem Buche
unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf
einer sonnigen Bank, oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang
begeben, er ist sehr hufig in dem Lesezimmer gewesen, und er trug
Bcher in seine Arbeitsstube. Als wir die letzte Fahrt in den
Sternenhof gemacht hatten, hatte er Bcher mitgenommen, und ich glaube
von Gustav gehrt zu haben, da er auf jede Reise Bcher einpacke.

Ich ging bei meinem jetzigen Aufenthalte in dem Rosenhause sehr oft in
das Bcherzimmer, und wie ich frher vor den Schrnken gestanden war,
die die Werke der Naturwissenschaften enthielten, und wie ich damals
manches Buch in das Lesezimmer mitgenommen hatte, so stand ich jetzt
vor den Schreinen mit den Dichtern, sah viele einzelne der vorhandenen
Bcher an, trug manches in das Lesezimmer oder mit Bewilligung meines
Gastfreundes in meine Stube und schrieb mir die Aufschrift von manchem
in mein Gedenkbuch, um es mir, wenn ich nach Hause gekommen wre, zu
kaufen.

Gegen das Ende meines Aufenthaltes, da noch einige sonnige Tage kamen,
zeichnete und malte ich auch mehrere Stcke der schnen getfelten
Fubden, die in diesem Hause anzutreffen waren. Ich tat dies, um
dem Vater von allen Dingen, welche ich gesehen hatte, einiger Maen
Abbildungen bringen zu knnen.

Als es schon bald zu meiner Abreise kam, sagte mein Gastfreund, er
htte noch etwas mit mir zu reden, und er sprach: Weil euch euere
Natur selber zum Teile aus dem Kreise herausgezogen hat, den ihr um
euch gesteckt habt, weil ihr zu euren frheren Bestrebungen noch
den Einblick in die Dichtungen gesellt habt, so wie ja schon das
Landschaftsmalen als ein bergang in das Kunstfach ein Schritt aus
eurem Kreise war, so erlaubet mir, da ich als Freund, der euch wohl
will, ein Wort zu euch rede. Ihr solltet zu eurem Wesen eine breitere
Grundlage legen. Wenn die Krfte des allgemeinen Lebens zugleich in
allen oder vielen Richtungen ttig sind, so wird der Mensch, eben weil
alle Krfte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfllt, als wenn
eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. Das Wesen wird
dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet. Das Streben in
einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das
Nebenliegende zu sehen und fhrt ihn in das Abenteuerliche. Spter,
wenn der Grund gelegt ist, mu der Mann sich wieder dem Einzigen
zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird
dann nicht mehr in das Einseitige verfallen. In der Jugend mu man
sich allseitig ben, um als Mann gerade dann fr das Einzelne tauglich
zu sein. Ich sage nicht, da man sich in das Tiefste des Lebens
in allen Richtungen versenken msse, wie zum Beispiele in allen
Wissenschaften, wie ihr ja selber einmal angefangen habt, das wre
berwltigend oder ttend, ohne dabei mglich zu sein; sondern da
man das Leben, wie es uns berall umgibt, aufsuche, da man seine
Erscheinungen auf sich wirken lasse, damit sie Spuren einprgen,
unmerklich und unbewut, ohne da man diese Erscheinungen der
Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das natrliche
Wissen des Geistes, zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege
desselben. Er wird nach und nach gerecht fr die Vorkommnisse des
Lebens. Ihr habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zug erfat,
unterbrecht ihn ein wenig, ihr werdet ihn dann freier und groartiger
wieder aufnehmen. Schaut auch die unbedeutenden, ja nichtigen
Erscheinungen des Lebens an. Geht in die Stadt, sucht euch deren
Vorkommnisse zurecht zu legen, kommt dann zu uns auf das Land,
lebt einmal eine Weile mig bei uns, das heit tut, was euch der
Augenblick und die Neigung eingibt, wir wollen dieses Haus und den
Garten genieen, wollen den Nachbar Ingheim besuchen, wollen auch
zu anderen entfernteren Nachbarn gehen und die Dinge an uns vorber
flieen lassen, wie sie flieen.

Ich dankte ihm fr seine Bemerkungen, sagte, da ich selber so etwas
hnliches in mir empfinde, da ich wohl etwas unbeholfen gegen das
Leben sei, da meine Eltern und wohlmeinenden Freunde wohl Nachsicht
mit mir haben mssen und da ich fr jeden Wink dankbar sei. Besonders
freue mich die Einladung in sein Haus, und ich werde ihr mit vieler
Freude Folge leisten.

Als die Zeit meiner Abreise herangekommen war, packte ich die
Zeichnungen und alles, was ich in dem Rosenhause hatte, ein, nahm den
herzlichsten Abschied von dem alten Manne, Gustav, Eustach, Roland,
der gekommen war, verabschiedete mich von allen Bewohnern des Hauses,
Gartens und Meierhofes und reisete zu meinen Angehrigen in die
Hauptstadt zurck.

Das Erste, was ich dort nach dem innigsten und aufrichtigsten
Bewillkommen sah, war, da mein Vater das teils glserne, teils
hlzerne Huschen, in welchem die alten Waffen hingen, um welches
sich der Epheu rankte und welches im Grunde den uersten Ansatz oder
gleichsam einen Erker des rechten Flgels des Hauses gegen den Garten
bildete, in dem vergangenen Sommer hatte umbauen lassen. Er hatte es
bedeutend vergrert, aber die Leisten, Spangen und Rahmen, in denen
das Glas befestigt war, hatte er in der frheren Art gelassen, nur
waren sie dem Stoffe nach neu gemacht und mit schnen Verzierungen
und Schnitzereien versehen. Die Simse des Daches waren nach
mittelalterlicher Weise verfertigt, schn geschnitzt und verziert.
Der Epheu war wieder an Leisten empor geleitet worden und blickte an
manchen Stellen durch das Glas herein. Die Fenster waren nicht mehr
nach Auen und Innen zu ffnen wie frher, sondern zum Verschieben.
Die grte Vernderung aber war die, da der Vater zwei Sulen hatte
auffhren lassen, whrend frher die beiden Wnde, welche nach Auen
geschaut hatten, aus Glas verfertigt gewesen waren. Diese zwei Pfeiler
hatten genau die Abmessungen, da die zwei Verkleidungen, welche ich
ihm in dem vorigen Herbste gebracht hatte, auf dieselben paten. Die
Verkleidungen waren aber noch nicht auf ihnen, weil das Mauerwerk
zuerst austrocknen mute, da das Holz an demselben keinen Schaden
nehmen konnte. Der Vater hatte mir nur den ganzen Plan und die
Vorrichtungen zu seiner Ausfhrung gesagt. So wie es mich einerseits
freute, da der Vater das Holzkunstwerk so schtzte, da er eigens zu
dem Zwecke, es anbringen zu knnen, das Huschen hatte umbauen lassen,
so war es mir andererseits erst recht schmerzlich, da ich die
Ergnzungen zu den Verkleidungen nicht aufzufinden im Stande gewesen
war. Ich sagte dem Vater von meinen Bemhungen und von meinem
Leidwesen wegen des schlechten Erfolges. Er und die Mutter trsteten
mich und sagten, es sei alles auch in der vorhandenen Gestalt recht
schn, was verschwunden ist und nicht mehr erlangt werden kann,
msse man nicht eigensinnig anstreben, sondern sich an dem, was eine
gute Gunst uns noch erhalten habe, freuen. Das Huschen werde eine
Erinnerung sein, und so oft man sich in demselben, wenn es vollkommen
in den Stand gesetzt sein werde, befinden werde, werde einem die Zeit
vorschweben, in welcher das Holzwerk gemacht worden sei, und die,
in welcher ein lieber Sohn es zur Freude des Vaters ans dem Gebirge
gebracht habe.

Ich mute mich wohl, obgleich ungern, beruhigen. Es erschien mir
jetzt erst recht schn, wenn die Verkleidungen am ganzen Innern des
Huschens herum liefen und ber ihnen einerseits die Pfeiler und
andererseits die Fenster schimmerten.

Nach einigen Tagen, in welchen die ersten Besprechungen gefhrt
wurden, die nach einer Reise eines Familiengliedes im Schoe
einer Familie immer vorfallen, wenn auch die Reise eine jhrlich
wiederkommende ist, legte ich dem Vater, da unterdessen auch meine
Koffer und Kisten angekommen waren, die Abbildungen vor, welche ich
von den Gerten und Fubden im Rosenhause und im Sternenhofe gemacht
hatte. Ich war auf die Wirkung sehr neugierig. Ich hatte einen Sonntag
abgewartet, an welchem er Zeit hatte und an welchem er gerne nach dem
Mittagessen eine geraume Weile in dem Kreise seiner Familie zubrachte.
Ich legte die Bltter vor ihm auf einem Tische auseinander. Er schien
mir bei ihrem Anblick - ich kann sagen - betroffen. Er sah die Bltter
genau an, nahm jedes mehrere Male in die Hand und sagte lngere Zeit
kein Wort. Endlich ging seine Empfindung in eine unverhohlene Freude
ber. Er sagte, ich wisse gar nicht, was ich gemacht htte, ich wisse
gar nicht, welchen Wert diese Dinge htten, ich htte in frherer Zeit
die Schnheit und Zusammenstimmigkeit dieser Dinge mit Worten gar
nicht so in das rechte Licht gestellt, wie es sich jetzt in Farbe und
Zeichnung, wenn auch beides mangelhaft wre, beurkunde. Im ersten
Augenblicke hielt der Vater die Gerte, welche ich in dem Sternenhofe
abgebildet hatte, fr wirklich alte; als ich ihn aber auf die
tatschlichen Verhltnisse derselben aufmerksam machte, sagte er, das
msse ein auerordentlicher Mensch sein, der diese Entwrfe gemacht
habe, er msse nicht nur mit der alten Bauart und Zusammenstellung der
Gerte sehr vertraut sein, sondern er msse auch ein ungewhnliches
Schnheitsgefhl haben, um aus der Menge der berlieferten Gestalten
das zu whlen, was er gewhlt habe. Und die Zusammenreihung der Gerte
sei so aus einem Gusse, als wren sie einstens zu einem Zweck und
in einer Zeit verfertigt worden. Auch die wirklich alten Gerte im
Rosenhause seien von einer Schnheit, wie er sie nie gesehen habe,
obgleich ihm die vorzglichsten und berhmtesten Sammlungen der Stadt
und mancher Schlsser bekannt wren. Zwei so auserlesene Stcke wie
den groen Kleiderschrein und den Schreibschrein mit den Delphinen
drfte man kaum irgendwo finden. Sie wren wert, in einem kaiserlichen
Gemache zu stehen.


Ich erzhlte ihm, um den Mann, der die Entwrfe fr den Sternenhof
gemacht hatte, nher zu bezeichnen, da ich viele Bauzeichnungen und
Zeichnungen von anderen Dingen in dem Rosenhause gesehen habe, welche
weit hhere Gegenstnde darstellen und auch mit einer ungleich
greren Vollendung ausgefhrt seien, als ich bei meinen Abbildungen
anzubringen im Stande gewesen wre. Diese Arbeiten seien bei dem Manne
Vorbildungen gewesen, damit er die Entwrfe htte machen knnen, die
er gemacht habe.

Er schien auf meine Worte nicht zu achten, sondern legte irgend ein
Blatt hin, nahm ein anderes auf und betrachtete es.

So weit ich aus den Abbildungen urteilen kann, sagte er, sind die
altertmlichen Gegenstnde, welche du mir da veranschaulicht hast,
nicht nur an sich sehr vortrefflich, sondern sie sind auch hchst
wahrscheinlich, wie Farbe und Zeichnung dartut, sehr zweckmig wieder
hergestellt. Meine Habseligkeiten sinken dagegen zu Unbedeutenheiten
herab, und ich sehe aus diesen Blttern, wie man die Sache anfassen
mu, wenn man die Zeit, die Kenntnisse und die Mittel dazu hat.

Mich freute es jetzt recht sehr, da ich auf den Gedanken gekommen
war, dem Vater diese Dinge nachzubilden, um ihm eine Vorstellung von
ihnen zu geben; mich freute sein Anteil, den er an ihnen nahm, und die
Freude, die er darber hatte.

Es sind nun zwei Wege, die zu gehen sind, meinte die Mutter,
entweder kannst du dir nach diesen Gemlden die Dinge, die sie
darstellen, machen lassen, um dich immerwhrend daran zu ergtzen,
oder du kannst in den Asperhof und Sternenhof reisen und sie in
Wirklichkeit sehen, um eine Freude zu haben, so lange du sie siehst,
und in der Erinnerung dich zu laben, wenn du wieder weggereist bist.

Der Vater antwortete: Die Gerte, die hier gezeichnet sind,
nachmachen zu lassen, ist eine Unzukmmlichkeit; denn erstens mte
hiezu die Einwilligung des Eigentmers erlangt werden, und wenn sie
auch erlangt worden wre, so htten zweitens die nachgebildeten
Gegenstnde in meinen Augen nicht den Wert, den sie haben sollten,
weil sie doch nur, wie die Maler sagen, Copien wren. Es bte sich
auch noch der Gedanke, mit Einwilligung des Eigentmers nach diesen
Abbildungen neue Zusammenstellungen entwerfen und in Wirklichkeit
ausfhren zu lassen; allein das verlangt eine so groe
Geschicklichkeit, welche ich nicht nur mir nicht zutraue, sondern
welche ich auch an den Arbeitern in hnlichen Dingen, die ich in
unserer Stadt kenne, nicht aufzufinden hoffe. Und zuletzt wren die
verfertigten Gegenstnde doch noch immer nichts mehr als halbe Copien.
Das Verfertigen geht also nicht. Was deinen zweiten Weg anbelangt,
Mutter, so werde ich ihn gewi gehen. Ich habe mir schon frher bei
den Erzhlungen von diesen Dingen vorgenommen, die Reise zu ihnen zu
machen; jetzt aber, da ich die Abbildungen sehe, werde ich die Reise
nicht nur um so gewisser, sondern auch in viel nherer Zeit machen,
als es wohl sonst htte geschehen knnen.

Das wird recht schn sein, riefen wir fast alle aus einem Munde.

Die Mutter sagte: Du solltest gleich die Zeit bestimmen und solltest
gleich mit deinem Sohne verabreden, da er dich in derselben zu dem
alten Manne in das Rosenhaus fhre, welcher dich schon auch in den
Sternenhof geleiten wrde.

Nun, so drnget nur nicht, erwiderte er, es wird geschehen, das
ist genug; binden, wit ihr, kann sich ein Mann nicht, der von seinem
Geschfte abhngt und nicht wissen kann, welche Umstnde einzutreten
vermgen, die von ihm Zeit und Handlungen fordern.

Die Mutter kannte ihn zu gut, um weiter in ihn zu dringen, er wrde
bei seinem ausgesprochenen Satze geblieben sein. Sie beruhigte sich
mit dem Erlangten.

Sowohl sie als die Schwester dankten mir, da ich dem Vater die Bilder
gebracht hatte, die ihm ein solches Vergngen bereiteten.

Die Fubden mssen auch vortrefflich sein, rief er aus.

Sie sind viel schner als die ungefhre Malerei andeuten kann,
erwiderte ich, mein Pinsel kann noch immer nicht den Glanz und die
Zartheit und das Seidenartige der Holzfasern ausdrcken, was man alles
dort so liebt, da nur mit Filzschuhen auf diesen Bden gegangen
werden darf.

Das kann ich mir denken, antwortete er, das kann ich mir denken.

Hierauf mute ich ihm alle Hlzer nennen, die hier mit Farben
angegeben waren und aus denen die abgebildeten Gegenstnde bestanden.
Die meisten kannte er ohnehin, was mich freute, weil es der Beweis
war, da ich die Farben nicht unsachgem angewendet habe. Die er
nicht kannte, nannte ich ihm. Ich wute sie fast alle ganz genau
anzugeben.

Er verwunderte sich wieder und immer aufs Neue und suchte sich die
Gegenstnde recht lebhaft vorzustellen.

Die Mutter und Schwester fragten mich, ob ich recht lange zu dieser
Arbeit gebraucht htte und ob ich nicht dabei beklommen gewesen wre.

Ich antwortete, da ich des Zweckes willen sehr fleiig gewesen sei,
da es anfnglich langsam gegangen sei, da ich aber nach und nach
bung erlangt htte und da ich dann weit schneller vorwrtsgekommen
sei, als ich selber geahnt habe. Und was die Beklemmung anbelangt, so
htte ich sie freilich im Anfange gehabt; aber da die Dinge einmal auf
mich gewirkt htten, da ich in Eifer geraten wre, da sich hie und
da ein Gelingen eingestellt htte, namentlich da mir durch die
Entschiedenheit der Erscheinung mancher Holzgattung die Farbe
gleichsam von selber in die Hand gegeben worden wre, so htte sich
bald die Unbefangenheit eingefunden und nach und nach sich die Lust
hinzu gesellt.

Nach diesen Worten zeigte mir der Vater auch manchen Fehler, den ich
in den Arbeiten gemacht htte, und setzte mir auseinander, wie ich
selbe, falls ich wieder hnliche Dinge entwerfen sollte, vermeiden
knnte. Da er Gemlde hatte, da er sich seit Jahren mit denselben
beschftigt hatte, so durfte ihm wohl ein Urteil in dieser Hinsicht
zugewachsen sein, und ich erkannte das, was er sagte, als vollkommen
richtig an und glaubte mich aber auch befhigt zu fhlen, es in
Zukunft besser zu machen.

Nach den Fehlern ging der Vater auch auf die Vorzge der Arbeit ber
und sagte, da er nach den Zeichnungen von Kpfen, die ich vor einiger
Zeit gemacht htte, zu schlieen, von mir nicht erwartet htte, da
ich etwas so Sachgemes in lfarben wrde ausfhren knnen.

Dieser Sonntagsnachmittag war eine sehr liebe, angenehme Zeit.

Die Freundlichkeit der Schwester, die sie besonders an diesem
Nachmittage an den Tag legte, war mir ein schnerer Lohn, als wenn ein
Kenner gesagt htte, da meine Bltter ausgezeichnet seien, das Lob
der Mutter, da ich auf den Vater und das vterliche Haus gedacht habe
und aus Liebe zu beiden, um Freude zu bereiten, eine beschwerliche
Arbeit unternommen habe, erregte mir die angenehmsten Gefhle, und da
auch der Vater mit einigen gewhlten Worten seinen Dank aussprach und
sagte, da er dieses Zartgefhl nicht vergessen werde, konnte ich nur
mit groer Gewalt die Trnen bemeistern.

Ich gab ihm alle Bltter als Eigentum, und er reihte sie seiner
Sammlung von Merkwrdigkeiten ein.

Am nchsten Tage packte ich die Zithern aus, legte beide der Schwester
vor und lie ihr die Wahl, ob sie die meinige oder die neuangekaufte
als fr sie gehrig annehmen wolle. Sie whlte die neue und freute
sich darber sehr. Ich zeigte ihr auch die Stcke, welche ich mir nach
dem Spiele meines Gebirgslehrmeisters geschrieben hatte, und lie sie
ihr in ihrem Zimmer, da sie sie abschreiben lassen knne und da sie
ihre bungen darnach begnne. Ich versprach ihr, in diesem Winter ihr
Lehrer in dieser Kunst zu sein.

Nach einiger Zeit brachte ich auch meine Malereien von
Gebirgslandschaften zum Vorscheine. Ich hatte bis dahin immer nicht
den Mut dazu gehabt; aber endlich machte mir mein Gewissen zu bittere
Vorwrfe, da ich gegen meine Angehrigen Heimlichkeiten habe. Ich
zeigte meinem Vater die Bltter auch an einem Sonntagsnachmittage. Ich
blickte ihm erstaunt in das Angesicht, als er dieselben gesehen hatte
und das Nehmliche sagte, was mein Gastfreund im Rosenhause und was
Eustach gesagt hatten. Bei diesen letzten beiden hatte es mich nicht
gewundert, da ich sie fr Kenner hielt und da sie Gebirgsbewohner
waren. Der Vater aber, der zwar Bilder besa, war ein Kaufherr und
war nie lange in dem Gebirge gewesen. Es erhhte dies meine Ehrfurcht
gegen ihn noch mehr. Er zeigte mir, wo ich unwahr gewesen war,
und setzte mir auseinander, wie es htte sein sollen, was ich
augenblicklich begriff. Das was er lobte und richtig fand, gefiel mir
selber nachher doppelt so wohl.

Klotilden mute ich die Bltter noch einmal und allein in ihrem Zimmer
zeigen. Sie verlangte, da ich ihr beinahe alles erklre. Sie war nie
in hherem oder im Urgebirge gewesen, sie wollte sehen, wie diese
Dinge beschaffen seien, und sie reizten ihre Aufmerksamkeit sehr.
Obgleich meine Malereien keine Kunstwerke waren, wie ich jetzt immer
mehr einsah, so hatten sie doch einen Vorzug, den ich erst spter
recht erkannte und der darin bestand, da ich nicht wie ein Knstler
nach Abrundung noch zusammenstimmender Wirkung oder Anwendung von
Schulregeln rang, sondern mich ohne vorgefater Einbung den Dingen
hingab und sie so darzustellen suchte, wie ich sie sah. Dadurch
gewannen sie, was sie auch an Schmelz und Einheit verloren, an
Naturwahrheit in einzelnen Stcken und gaben dem Nichtkenner und dem,
der nie die Gebirge gesehen hatte, eine bessere Vorstellung als schne
und knstlerisch vollendete Gemlde, wenn sie nicht die vollendetsten
waren, die dann freilich auch die Wahrheit im hchsten Mae trugen.
Aus diesem Grunde sagte mir Klotilde durch eine Art unbewuter Ahnung,
sie wisse jetzt, wie die Berge aussehen, was sie aus vielen und guten
Bildern nicht gewut htte. Sie uerte auch den Wunsch, einmal die
hohen Berge selber sehen zu knnen, und meinte, wenn der Vater die
Reise in das Rosenhaus und in den Sternenhof mache und bei dieser
Gelegenheit auch die Gebirge besuche, werde sie ihn bitten, sie
mitreisen zu lassen. Ich erzhlte ihr nun recht viel von den Bergen,
beschrieb ihr ihre Herrlichkeit und Gre, machte sie mit manchen
Eigentmlichkeiten derselben bekannt und setzte ihr meine
verschiedenen Reisen in denselben und meine Bestrebungen ausfhrlicher
als sonst auseinander. Ich hatte nie so viel von den Gebirgen mit
ihr geredet. Nach diesen Worten verlangte sie auch, da ich sie
unterrichte, ebensolche Abbildungen verfertigen zu knnen, wie sie
hier vor ihr liegen. Sie wolle sich Farben und alle andere dazu
notwendigen Gertschaften verschaffen. Da sie ohnehin ziemlich gut
zeichnen konnte, so war die Sache nicht so schwierig als sie beim
ersten Anscheine ausgesehen hatte. Ich versprach ihr meinen Beistand,
wenn die Eltern einwilligen wrden.

Wir fragten nach einiger Zeit die Eltern. Sie hatten im Ganzen
nichts dagegen, nur die Mutter verlangte ausdrcklich, da diese
Arbeiten nur Nebendinge sein sollen, Dinge zum Vergngen, nicht
Hauptbeschftigungen; denn die Hauptpflicht des Weibes sei ihr Haus,
diese Dinge knnen zwar auch recht wohl in das Haus gehren; aber
einseitig oder gar mit Leidenschaft betrieben, untergraben sie eher
das Haus, als sie es bauen helfen. Klotilde aber sei schon so alt, da
sie sich ihrem knftigen Berufe zuwenden msse.

Wir begriffen das alles und versprachen, nichts ins berma gehen
lassen zu wollen.

Es wurden alle Erfordernisse angeschafft, und wir begannen in
gegnnten Zeiten die Arbeit.

Auch spanisch wollte die Schwester von mir lernen. Ich betrieb es
fort, und da ich ihr voraus war, wurde ich auch hierin ihr Lehrer,
was die Mutter mit derselben Einschrnkung wie das Landschaftsmalen
gelten lie. Es waren also in unserem Hause fr dieses Jahr mehr
Beschftigungen fr mich vorhanden als in anderen Zeiten.

Es war mir in jenem Herbste besonders wunderbar, da weder Vater noch
Mutter genauer nach meinem Gastfreunde fragten. Sie muten entweder
nach meinen Erzhlungen ein entschiedenes Vertrauen in ihn setzen
oder sie wollten durch zu vieles Einmischen die Unbefangenheit meiner
Handlungen nicht stren.


Bei allen huslichen Bestrebungen fing ich bei dem herannahenden
Winter doch ein etwas anderes Leben an, als ich es bisher gefhrt
hatte, und zwar ein etwas mannigfaltigeres. Ich hatte in vergangener
Zeit nur solche Stadtkreise besucht, in welche meine Eltern geladen
worden waren oder in welche ich durch Freunde, die ich gewann, gezogen
wurde. Diese Kreise bestanden grtenteils aus Leuten von hnlichem
Stande mit dem meines Vaters. Ich sprte Neigung in mir, nun auch
Sitten und Gebruche so wie Ansichten und Meinungen solcher Menschen
kennen zu lernen, die sich auf glnzenderen Lebenswegen befanden. Der
Zufall gab bald hier, bald da Gelegenheit dazu, und teils suchte ich
auch Gelegenheiten. Es geschah, da ich Bekanntschaften machte und
mitunter auch fortsetzen konnte. Ich lernte Leute von hherem Adel
kennen, lernte sehen, wie sie sich bewegen, wie sie sich gegenseitig
behandeln und wie sie sich gegen solche, die nicht ihres Standes sind,
benehmen.

Es lebte eine alte, edle, verwittwete Frstin in unserer Stadt, deren
zu frh verstorbener Gemahl den Oberbefehl in den letzten groen
Kriegen gefhrt hatte. Sie war hufig mit ihm im Felde gewesen und
hatte da die Verhltnisse von Kriegsheeren und ihren Bewegungen kennen
gelernt, sie war in den grten Stdten Europas gewesen und hatte
die Bekanntschaft von Menschen gemacht, in deren Hnden die ganzen
Zustnde des Weltteiles lagen, sie hatte das gelesen, was die
hervorragendsten Mnner und Frauen in Dichtungen, in betrachtenden
Werken und zum Teile in Wissenschaften, die ihr zugnglich waren,
geschrieben haben, und sie hatte alles Schne genossen, was die Knste
hervorbringen. Einstens war sie in den hheren Kreisen eine der
auerordentlichsten Schnheiten gewesen, und noch jetzt konnte man
sich kaum etwas Lieblicheres denken als die freundlichen, klugen und
innigen Zge dieses Angesichtes. Ein Mann, der sich viel mit Gemlden
und ihrer Beurteilung abgab und oft in die Nhe der Frstin kam, sagte
einmal, da nur Rembrandt im Stande gewesen wre, die feinen Tne und
die kunstgemen bergnge ihres Angesichtes zu malen. Sie hatte jetzt
eine Wohnung an der Ostgrenze der innern Stadt, damit die Morgensonne
ihre Zimmer fllte und damit sie den freien Blick ber das frische
Grn und auf die entfernten Vorstdte htte. Blhende Shne in hohen
kriegerischen Wrden besuchten die alte, ehrwrdige Mutter hier, so
oft ihr Dienst ihre Anwesenheit in der Stadt gestattete und so oft
whrend dieser Anwesenheit ein Augenblick es erlaubte. Schne Enkel
und Enkelinnen gingen bei ihr aus und ein, und eine zahlreiche
Verwandtschaft wurde bald in diesen, bald in jenen Mitgliedern in
ihren Zimmern gesehen. Aber geistige Erholung oder Anstrengung -
wie man den Ausdruck nehmen will - war ihr ein Bedrfnis geblieben.
Sie wollte nicht blo das wissen, was jetzt noch auf den geistigen
Gebieten hervor gebracht wurde, und in dieser Beziehung, wenn irgend
ein Werk Ruhm erlangte und Aufsehen machte, suchte sie auch an dessen
Pforte zu klopfen und zu sehen, ob sie eintreten knnte; sondern sie
nahm oft auch ein Buch von solchen Personen in die Hand, die in ihre
Jugendzeit gefallen und dort bedeutsam gewesen waren, sie ging das
Werk durch und forschte, ob sie auch jetzt noch die zahlreichen, mit
Rotstift gemachten Zeichen und Anmerkungen wieder in derselben Art
machen oder ob sie andere an ihre Stelle setzen wrde; ja sie nahm
Werke der ltesten Vergangenheit vor, die jetzt die Leute, auer sie
wren Gelehrte, nur in dem Munde fhren, nicht lesen; sie wollte doch
sehen, was sie enthielten, und wenn sie ihr gefielen, wurden sie
nach manchen Zwischenzeiten wieder hervorgeholt. Von dem, was in den
Verhltnissen der Staaten und Vlker vorging, wollte sie bestndig
unterrichtet sein. Sie empfing daher von manchen ihrer Verwandten und
Bekannten Briefe, und die vorzglichsten Zeitungsbltter muten auf
ihren Tisch kommen. Weil aber, obwohl ihre Augen noch nicht so schwach
waren, das viele Lesen, das sie sich hatte auflegen mssen, bei
ihrem Alter doch htte beschwerlich werden knnen, hatte sie eine
Vorleserin, welche einen Teil, und zwar den grten, des Lesestoffes
auf sich nahm und ihr vortrug. Diese Vorleserin war aber keine bloe
Vorleserin, sondern vielmehr eine Gesellschafterin der Frstin, die
mit ihr ber das Gelesene sprach und die eine solche Bildung besa,
da sie dem Geiste der alten Frau Nahrung zu geben vermochte, so
wie sie von diesem Geiste auch Nahrung empfing. Nach dem Urteile
von Mnnern, die ber solche Dinge sprechen knnen, war die
Gesellschafterin von auerordentlicher Begabung, sie war im Stande,
jedes Groe in sich aufzunehmen und wiederzugeben, so wie ihre eigenen
Hervorbringungen, zu denen sie sich zuweilen verleiten lie, zu den
beachtenswertesten der Zeit gehrten. Sie blieb immer um die Frstin,
auch wenn diese im Sommer auf ein Landgut, das in einem entfernten
Teile des Reiches lag und ihr Lieblingsaufenthalt war, ging, oder wenn
sie sich auf Reisen befand oder eine Zeit an einer schnen Stelle
unsers Gebirges weilte, wie sie gerne tat. An manchen Abenden zu der
Zeit, da sie in der Stadt war, sammelte die Frstin einen kleinen
Kreis um sich, in welchem entweder etwas vorgelesen wurde oder in
welchem man ber wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge
oder Dinge der Kunst sprach. Die Kreise waren regelmig an gleichen
Tagen der Woche, sie waren in der Stadt bekannt, wurden sehr hoch
geachtet oder verspottet, wie eben der Beurteilende war, wurden
gesucht und bestanden zuweilen aus sehr bedeutenden Personen. In diese
Kreise hatte ich Zutritt erlangt. Die Frstin hatte mich einige Male
getroffen, es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede gewesen, sie
war sehr neugierig, was man denn von der Geschichte der Erdbildung
wisse und aus welchen Umstnden man seine Schlsse ziehe, und sie
hatte mich in ihre Nhe gezogen. Ich hrte aufmerksam zu, wenn ich an
den bestimmten Abenden in ihrem Gesellschaftszimmer war, sprach selber
wenig und meistens nur, wenn ich dazu aufgefordert wurde. Die Frstin
sa in schwarzem oder aschgrauem Seidenkleide - lichtere trug sie nie
- in ihrem Polsterstuhle und hatte einen Schemel unter ihren Fen.
Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen grnen Schirm und go ihr
Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers, wenn eben
gelesen wurde. Die Andern saen nach ihrer Bequemlichkeit herum.
Meistens bildete sich von selber eine Art Kreis. Man hrte in tiefer
Stille dem Vorlesen zu und nahm an den Gesprchen, die nach dem Lesen
folgten oder die, wenn gar keine Vorlesung war, den ganzen Abend
erfllten, den eifrigsten Anteil. Die Frstin konnte ihnen den
lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben. Es schien, da das, was die
vorzglichsten Mnner in ihrer Gegenwart sprachen, von ihr angeregt
wurde und da ihre grte Gabe darin bestand, das, was in Anderen war,
hervor zu rufen. Sie sa dabei mit ihrer uerst zierlichen Gestalt
auf die anmutigste Weise in ihrem Stuhle und bewegte noch als
hochbetagte Frau die Gesellschaft mit ihrer herrlichen Schnheit.
Zuweilen, wenn sich ihr Inneres erregte, stand sie auf, hielt sich
an ihrem Stuhle und erklrte und sprach zu den Anwesenden mit ihrer
klaren, zarten, wohllautenden Stimme.

Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Frstin
kennen. Zuweilen war es ein hervorragender Knstler, den man dort
sprechen hrte, zuweilen ein Staatsmann, der mit den wichtigsten
Angelegenheiten unseres Landes betraut war, oder es war sonst eine
bedeutende Persnlichkeit der Gesellschaft, oder es waren die Sulen
und die Fhrer unseres tapferen Heeres. Ich hrte bei der Frstin
Aussprche, die ich mir merken wollte, die ich mir aufschrieb und die
mir ein unveruerliches Eigentum bleiben sollten. Ich gestehe es,
da ich nie ohne eine gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den
blaubemalten Wnden und den dunkelblauen Gerten und den einigen
Bildern, worunter mich besonders das anzog, welches ihren Landsitz
darstellte, trat, und ich gestehe es, da ich nie das Zimmer ohne Ruhe
und Befriedigung verlie. Ich empfand, da jene Abende fr mich von
groer Bedeutung, da sie eine Zukunft seien.

Auer den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Frstin
auch noch andere Personen, des hheren Adels unseres Reiches, kennen,
kam manches Mal mit den Kreisen desselben in Berhrung und sah seine
Art, seine Lebensweise und seine Sitten.


Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch
mit anderen zusammen. Es war in der Stadt ein ffentlicher Ort,
welcher hauptschlich von Knstlern aller Art besucht wurde, welche
sich dort besprachen, Erfrischungen zu sich nahmen, Zeitungen lasen
oder sich mit krperlichen Spielen ergtzten. Diesen Ort besuchte ich
gerne. Da war der eine oder der andere Schauspieler von der Hofbhne
oder von der Oper, da war ein Maler, dessen Namen damals hoch
gepriesen wurde, da waren Tonknstler, sowohl ausbende als dichtende,
da waren Bildhauer und Baumeister, vorzglich aber waren es
Schriftsteller und Dichter, und es befanden sich darunter auch
Vorstnde und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten.

Von anderen Personen waren hhere Staatsdiener, Brger, Kaufleute und
berhaupt solche vorhanden, die einen Anteil an Kunst und Wissenschaft
und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen. Wenn auch eigentlich
nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte, wenn auch nur Spiele zu
krperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen
schienen, so waren doch auch Gesprche und, wie es bei solchen Mnnern
zu erwarten war, Gesprche sehr lebhafter Natur im Gange, und waren
doch im Grunde die Hauptsache. Da konnte man in leichten Worten den
tiefen Geist des Einen sehen oder den ruhigen, der alles zersetzt
und in seine Bestandteile auflst, oder den lebhaften, der darber
weggeht, oder den leichtfertigen, der alles verlacht, oder den, dessen
Sitten selbst ein wenig bedenklich waren. Oft war es nur ein Wort, ein
Witz, der den Grund geben konnte, um Schlsse zu bauen. Trotz meiner
Schchternheit, die mich ferne hielt, geriet ich doch in Gesprche
und lernte den einen und andern Mann von denen kennen, die sich hier
einfanden. Selbst das uere Benehmen und Gebaren von Mnnern, die
sonst solche Geltung haben, schien mir nicht gleichgiltig.

Ich besuchte in jenem Winter auch gerne Orte, an welchen sich
viele Menschen zu ihren Vergngungen versammeln, um die Art ihrer
Erscheinung, ihr Wesen und ihr Verhalten als eines Ganzen sehen zu
knnen. Vorzglich ging ich dahin, wo das eigentliche Volk, wie man es
jetzt hufig zum Gegensatze der sogenannten Gebildeten nennt, zusammen
kmmt. Die man gebildet nennt, sind fast berall gleich; das Volk
aber ist ursprnglich, wie ich es bei meinen Wanderungen schon kennen
lernte, und hat seine zugearteten Bruche und Sitten.

Ich ging in die guten Darstellungen von Musikstcken, ich fuhr im
Besuche des Hoftheaters fort, ging jetzt auch in die Oper und besuchte
manche ffentliche wissenschaftliche Vortrge, dann Kunst- und
Bchersammlungen, hauptschlich aber zur Vervollkommnung meiner
eigenen knftigen Arbeiten die Sammlungen von Gemlden.

Den Umgang mit meinem neuen Freunde, dem Sohne des Juwelenhndlers,
setzte ich fort. Wir begannen endlich in der Tat einen eigenen
Unterrichtsgang ber Edelsteine und Perlen. Zwei Tage in der Woche
waren festgesetzt, an denen ich zu einer bestimmten, fr ihn
verfgbaren Stunde kam und so lange blieb, als es eben seine Zeit
gestattete. Er fhrte mich zuerst in die Kenntnis aller jener
Mineralien ein, welche man Edelsteine nennt und vorzglich zu Schmuck
bentzt. Ebenso zeigte er mir alle Gattungen von Perlen. Hierauf
unterrichtete er mich in dem Verfahren, die Juwelen zu erkennen und
von falschen zu unterscheiden. Spter erst ging er auf die Merkmale
der schnen und der minder schnen ber. Bei diesem Unterrichte kamen
mir meine Kenntnisse in den Naturwissenschaften sehr zu statten, ja
ich war sogar im Stande, durch Angaben aus meinem Fache die Kenntnisse
meines Freundes zu erweitern, besonders was das Verhalten der
Edelsteine zum Lichtdurchgang, zur doppelten Brechung und zu der
sogenannten Polarisation des Lichtes anbelangt. Ich hatte aber noch
immer nicht den Mut, ber die gebruchliche Fassung der Edelsteine mit
ihm zu sprechen und meine Gedanken hierber ihm mitzuteilen.

Unter diesen Dingen ging neben meinen eigentlichen Arbeiten der
Unterricht, den ich meiner Schwester gab, regelmig fort. In der
Malerei hatte sie noch viel grere Schwierigkeiten als ich, weil sie
einesteils weniger gebt war und weil sie andernteils die Urbilder
nicht gesehen, sondern nur fehlerhafte Abbilder vor sich hatte. Im
Zitherspiel ging es weit besser. Ich wurde heuer ein wirksamerer
Lehrer, als ich es in dem vergangenen Jahre gewesen war, und konnte
nach dem, was ich gelernt hatte, berhaupt ein besserer Lehrer fr
sie sein, als einer in der Stadt zu finden gewesen wre, obwohl diese
Schwierigkeiten berwanden, deren Besiegung mir und Klotilden eine
Unmglichkeit gewesen wre. Nach meinen Ansichten, die ich in den
Bergen gelernt hatte, kam es aber darauf nicht an. Wir lernten
endlich wechselweise von einander und brachten manche freudige und
empfindungsreiche Stunde an der Zither zu.

Ich mute zuletzt Klotilden auch im Spanischen unterrichten. Da ich
immer einige Schritte von ihr voraus war, so konnte ich allerdings
einen Lehrer fr sie wenigstens in den Anfangsgrnden vorstellen. Wie
es im weiteren Verlaufe zu machen wre, wrde sich zeigen. Wir lebten
uns in ein wechselseitiges Ttigkeitsleben hinein.

So verging der Winter, und ich blieb damals bis ziemlich tief in das
Frhjahr hinein bei den Meinigen in der Stadt.



Die Annherung

Obwohl fast den ganzen Winter hindurch davon die Rede gewesen war,
da mich der Vater in dem nchsten Frhlinge in das Gebirge begleiten
werde und da er bei dieser Gelegenheit den Mann im Rosenhause
besuchen wolle, um dessen Seltenheiten und Kostbarkeiten zu sehen, so
hatte er doch, als der Frhling gekommen war, nicht Zeit, sich von
seinen Geschften zu trennen, und ich mute wie in allen frheren
Jahren meine Reise allein antreten.

Als ich zu meinem Gastfreunde gekommen war, war das Erste, da ich
ihm von den Wandverkleidungen erzhlte. Ich hatte frher ihrer nicht
erwhnt, weil ich sie doch nicht fr so wichtig gehalten hatte. Ich
erzhlte ihm, da ich sie in dem Lauterthale gefunden und gekauft
habe und da sie aus Schnitzarbeit von Gestalten und Verzierungen
bestanden. Der Vater, dem ich sie gebracht, habe eine groe Freude
darber gehabt, habe sie nicht nur mit groem Vergngen empfangen,
sondern habe auch einen Teil eines Nebenbaues unseres Hauses umgebaut,
um die Verkleidungen geschickt anbringen zu knnen. Dieses letztere
habe mir erst gezeigt, wie wert der Vater diese Dinge halte, und
dies habe mich bestimmt, noch genauer nachzuforschen, ob ich denn
die Ergnzungen zu dem Getfel nicht aufzufinden vermge; denn
das, was der Vater habe, seien nur Bruchstcke, und zwar zwei
Pfeilerverkleidungen, das brige fehle. Ich habe wohl schon
Nachforschungen in der besten Art, wie ich glaube, angestellt; aber
ich wolle sie doch noch fortsetzen und versuchen, ob ich nicht noch
neue Mittel und Wege auffinden knne, zu meinem Ziele, wenn es noch
vorhanden sei, zu gelangen oder die grtmgliche Gewiheit zu
erhalten, da das Gesuchte nicht mehr bestehe.

Ich beschrieb meinem Gastfreunde, so gut ich es aus der Erinnerung
konnte, die Vertflungen und machte ihn mit dem Fundorte und den
Nebenumstnden bekannt. Ich verhehlte ihm nicht, da ich das darum
tue, da er mir einen Rat geben mge, wie ich etwa weiter vorzugehen
habe. Es handle sich um einen Gegenstand, der meinem Vater nahe gehe.
Nicht vorzglich, weil diese Dinge schn seien, obwohl dies auch ein
Antrieb fr sich sein knnte, sondern hauptschlich darum suche ich
darnach zu forschen, weil sie dem Vater Freude machen. Je lter er
werde, desto mehr schliee er sich in einem engen Raume ab, sein
Geschftszimmer und sein Haus werden nach und nach seine ganze Welt,
und da seien es vorzglich Werke der bildenden Kunst und die Bcher,
mit denen er sich beschftige und die Wirkung, welche diese Dinge auf
ihn machen, wachse mit den Jahren. Er habe sich von dem Schnitzwerke
in den ersten Tagen kaum trennen knnen, er habe es in allen Teilen
genau betrachtet und sei zuletzt so mit demselben bekannt geworden,
als wre er bei dessen Verfertigung zugegen gewesen. Darum wolle ich
so vorgehen, da ich mich nicht in die Lage setze, mir einen Vorwurf
machen zu mssen, da ich in meinen Nachforschungen etwas versumt
habe. Bisher seien sie freilich fruchtlos gewesen.

Mein Gastfreund fragte mich noch um einige Teile des Werkes und seines
Auffindens, die ich ihm nicht dargestellt hatte oder die ihm dunkel
geblieben waren, und lie sich die rtlichkeiten des Auffindens noch
einmal auf das Umstndlichste beschreiben. Hierauf sagte er mir, ich
mge an meinen Vater ungesumt einen Brief senden und ihn bitten, die
genauen Ausmae des Schnitzwerkes nach Auen und nach Innen zu nehmen
und mir zu schicken. Ich begriff augenblicklich die Zweckmigkeit der
Maregel und schmte mich, da sie mir selber nicht frher eingefallen
war. Er selber wolle vorlufig an Roland schreiben und ihm dann,
wenn sie eingelangt wren, die Ausmae schicken. Auch wolle er seine
Geschftsfhrer in jener Gegend beauftragen, sich um die Sache zu
bemhen. Wenn das Gesuchte zu finden ist, so drfte Roland der
geeignetste Mithelfer sein, und die anderen Mnner, die er noch
auffordern werde, htten sich schon in den verschiedensten
Gelegenheiten sehr erprobt.

Ich dankte meinem Gastfreunde auf das Verbindlichste fr seine
Geflligkeit und versprach, in nichts sumig zu sein.

Am nchsten Morgen trug ein Bote meinen Brief an den Vater und die
Briefe meines Gastfreundes an Roland und andere Mnner auf die nchste
Post. Mein Gastfreund mute bis in die tiefe Nacht geschrieben haben,
denn es war ein ganzes Pckchen von Briefen. Mich rhrte diese Gte
auerordentlich, denn ich wute nicht, wie ich sie verdient hatte.


Da ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes in dem Rosenhause
gleich an alle Orte ging, die mir lieb waren, begreift sich.

In dem Zeichnungszimmer Eustachs fand ich den Musiktisch fertig. Es
war seit seiner Vollendung erst eine kurze Zeit verflossen, deshalb
stand er noch an dieser Stelle. Ich hatte nicht geahnt, da das Werk,
das ich bei Beginn seiner Wiederherstellung gesehen hatte, sich so
darstellen wrde, wenn es fertig wre. Ich hatte Bilder, Bauwerke,
Zeichnungen und dergleichen in jngster Zeit in groer Menge gesehen
und selber hnliche Dinge verfertigt, ich konnte mir daher in solchen
Sachen ein kleines Urteil zutrauen; aber, wenn ich nicht gewut htte,
da der Rahmen und das Gestelle des Tisches neu gemacht worden sei, so
htte ich es nie erkannt, so sehr pate beides im Baue, in der ganzen
Art und selbst in der Farbe des Holzes zu der Platte. Das ganze
Werk stand rein, glnzend und klar vor den Augen. Die Farbe der
verschiedenen Hlzer an den Verzierungen, am Laubwerke, am Obste und
an den Gerten trat unter der Macht des Harzes krftig und scharf
hervor. Selbst die Miverhltnisse der Gren in den verschiedenen
eingelegten Gerten, zum Beispiele zwischen der Flte, der Geige, der
Trommel, welche mir bei meinem ersten Besuche in dem Schreinerhause
Ansto gegeben hatten, erschienen mir jetzt als naiv und hatten etwas
Anziehendes fr mich, welches mir die Tischplatte lieber machte als
wenn sie ganz fehlerfrei oder etwa nach neuen Kunstbegriffen gemacht
gewesen wre. Ich fragte Eustach, wohin der Tisch zu stehen kommen
wrde. Er konnte es mir nicht sagen. Es sei darber nichts erffnet
worden, ob er in dem Hause bleiben oder ob er irgend wohin versendet
werden wrde. Jetzt bleibe er hier stehen, damit alle Nachtrocknungen
in jener allmhlichen Stufenfolge vor sich gehen knnen, wie sie bei
jedem neuverfertigten Gerte eintreten mssen, da es nicht Schaden
leide. Die meisten der neuverfertigten oder wiederhergestellten Werke
seien zu diesem Zwecke in dem Zeichnungszimmer stehen geblieben, wenn
sie anders dort Platz hatten. Ich betrachtete den Tisch noch eine
Weile und ging dann zu andern Gegenstnden ber.

Auch die Grtnerleute besuchte ich, die Leute des Meierhofes, die
Gartenarbeiter, die Dienstleute des Hauses und einige Nachbaren, zu
denen wir frher fter gekommen waren und die ich nher kennen gelernt
hatte.

Obwohl ich nach dem Rate und der Einladung meines Gastfreundes
entschlossen war heuer meine Berufsarbeit, wenigstens jenes Berufes,
den ich mir selber aufgelegt hatte, ruhen zu lassen, sondern einen
Teil des Sommers in dem Rosenhause zu verleben und mich meiner Laune
und dem Augenblicke hinzugeben: hatte ich doch nicht den Willen, gar
nichts zu tun, was mir die grte Qual gewesen wre, sondern mich bei
meinen Handlungen von meinem Vergngen und der Gelegenheit leiten
zu lassen. Mein Gastfreund hatte mir die nehmlichen zwei Zimmer
eingerumt, welche ich bisher stets inne gehabt hatte, und freute
sich, da ich seinen Rat befolgen und einmal auch anderswohin sehen
wolle als immer einseitig auf meine Arbeiten, und da ich einmal
zu einem allgemeineren Bewutsein kommen wolle, als zu dem ich
mich bisher gebannt htte. Ich hatte viele Bcher und Schriften
mitgebracht, hatte alle Werkzeuge zur lmalerei bei mir und hatte doch
aus Vorsicht auch einige Vorrichtungen zu Vermessungen und dergleichen
eingepackt.

Wenn man von dem Rosenhause ber den Hgel, auf dem der groe
Kirschbaum steht, nordwrts geht, so kmmt man in die Wiese, durch
welche der Bach fliet, an dem mein Gastfreund jene Erlengewchse
zieht, welche ihm das schne Holz liefern, das er neben anderen
Hlzern zu seinen Schreinerarbeiten verwendet. Wir waren fter zu
diesem Bache gekommen und seinen Ufern entlang gegangen. Er flo aus
einem Gehlze hervor, in welchem mein Gastfreund einige Wasserwerke
hatte auffhren lassen, um die Wiese vor berschwemmungen zu sichern
und die Verwilderung des Baches zu verhindern. Im Innern des Gehlzes
befindet sich ein ziemlich groer Teich, eigentlich ein kleiner See,
da er nicht mit Kunst angelegt, sondern grtenteils von selber
entstanden war. Nur Geringes hatte man hinzu gefgt, um nicht
Versumpfungen an seinen Rndern und berflutungen bei seinem Ausflusse
entstehen zu lassen. Das Wasser dieses Waldbeckens ist so klar, da
man in ziemlicher Tiefe noch alle die bunten Steine sehen kann, welche
auf dem Grunde liegen. Nur schienen sie grnlich blau gefrbt, wie es
bei allen Wssern der Fall ist, die aus unsern Kalkalpen oder in deren
Nhe flieen. Rings um dieses Wasser ist das Gezweige so dicht, da
man keinen Stein und kaum einen Uferrand sehen kann, sondern die
Zweige aus dem Wasser zu ragen scheinen. Die Bume, die da stehen,
sind eines Teils Nadelholz, das mit seinem Ernste sich in die
Heiterkeit mischt, die auf den sten, Blttern und Wipfeln der
Laubbume ruht, die den vorherrschenden Teil bilden. Vorzugsweise ist
die Erle, der Ahorn, die Buche, die Birke und die Esche vorhanden.
Zwischen den Stmmen ist reichliches Wuchergestrippe. Der Bach in der
Erlenwiese meines Gastfreundes verdankt dem See sein Dasein; aber
da dieser aus Quellzuflssen lebt, so ist der ausflieende Bach
oft so trocken, da man, ohne sich die Sohle zu netzen, ber seine
hervorragenden Steine gehen kann. Wo er aus dem See geht, ist eine
kleine Htte erbaut, die den Hauptzweck hat, da die, welche in dem
See sich baden wollen, in ihr sich entkleiden knnen. Der Seegrund
geht mit seinen schnen Kieseln so sachte in die Tiefe, da man
ziemlich weit vorwrts gehen und das wallende Wasser genieen kann
ohne den Grund zu verlieren. Auch zum Lernen des Schwimmens ist dieser
Teil sehr geeignet, weil man an allen Stellen Grund findet und sich
unbefangener den bungen hingeben kann. Weiter drauen beginnt das
Gebiet derer, die ihrer Arme und ihrer Bewegungen schon vollstndig
Herr sind. Gustav ging an Sommertagen fast jeden zweiten Tag mit
Eustach oder mit jemand anderm oder zuweilen auch mit meinem
Gastfreunde zu dem See hinaus, um in demselben zu schwimmen. Diese
Ttigkeit, so wie die andern Krperbewegungen und bungen, die fr
ihn in dem Rosenhause angeordnet waren, schienen ihm viele Freude zu
machen. Mein Gastfreund hielt auf krperliche bungen sehr viel, da
sie zur Entwicklung und Gesundheit unumgnglich notwendig seien. Er
lobte diese bungen sehr an den Griechen und Rmern, welche beiden
Vlker er auf eine hervorragende Weise ehrte. Das liege auf der Hand,
pflegte er zu sagen, da, so wie die Krankheit des Krpers den Geist
zu etwas anderem mache, als er in der Gesundheit des Krpers ist, ein
krftiger und in hohem Mae entwickelter Krper die Grundlage zu allem
dem abgebe, was tchtig und herzhaft heit. Bei den alten Rmern ist
ein groer Teil ihrer Erfolge in der Geschichte und ihres frheren
Glckes in der Pflege und Entwicklung ihres Krpers zu suchen. Ihr
Glck dauerte auch nur so lange, als die vernnftige Pflege ihrer
Leibesbungen dauerte. In neuen Schulen vernachlssige man diese
Pflege zu sehr, die bei uns um so notwendiger wre, als sich durch
das Zusammengehuftsein in dunstigen und heien Stuben ohnehin bel
erzeugen, die dem Aufenthalte in freier Luft fremd sind. Darum werden
auch die Geisteskrfte von Schlern der neuen Zeit nicht entwickelt
wie sie sollten und wie sie es bei Kindern, die in Wald und Feldern
schweifen, freilich auf Kosten ihres hheren Wesens, wirklich sind.
Daher stamme ein Teil der Schalheit und Trgheit unserer Zeiten. Ich
ging mit Gustav jetzt, da ich viele Mue hatte, sehr fleiig zu dem
Wldchen, und da ich in der Kunst des Schwimmens eine groe Fertigkeit
hatte, so sah er an mir ein Vorbild, dem er nachstreben konnte, und
lernte Gelenkigkeit und Ausdauer mehr, als er es ohne mich gekonnt
htte.

berhaupt gewann Gustav eine immer grere Neigung zu mir. Es mochte,
wie ich mir schon frher gedacht hatte, zuerst der Umstand eingewirkt
haben, da ich ihm an Alter nicht so sehr ferne stand. Dazu mochte
sich gesellt haben, da ich, der ich eigentlich sehr einsam und
abgeschlossen erzogen worden war, viel tiefer in sptere Jahre hinein
die Merkmale der Kindheit bewahrt haben mochte als andere Leute,
die gleichen Alters mit mir waren, und zuletzt konnte jetzt
auch das wirken, da ich bei meiner Geschftlosigkeit viel
mehr Berhrungspunkte mit ihm fand, als es bei meinen frheren
Anwesenheiten in dem Rosenhause der Fall gewesen war.

Ich schrieb nun auf dem Asperhofe mehr Briefe als sonst, ich las in
Dichtern, betrachtete alles um mich herum, schweifte oft weit in die
Gegend hinaus; aber diese Lebensweise wurde mir bald beschwerlich, und
ich suchte etwas hervor, was mich tiefer beschftigte. Die Dichter als
das Edelste, was mir jetzt begegnete, riefen wieder das Malen hervor.
Ich richtete meine Zeichnungsgerte und meine Vorrichtungen zur
Malerei in den Stand und begann wieder meine bungen im Malen der
Landschaft. Ich malte je nach der Laune bald ein Stck Himmel, bald
eine Wolke, bald einen Baum oder Gruppen von Bumen, entfernte Berge,
Getreidehgel und dergleichen. Auch schlo ich menschliche Gestalten
nicht aus und versuchte Teile derselben. Ich versuchte das Antlitz
des Grtners Simon und das seiner Gattin auf die Leinwand zu bringen.
Die beiden Leute hatten eine groe Freude ber das Ding, und ich gab
ihnen die Bilder in ihre Stube, nachdem ich vorher nette Rahmen dazu
bestellt und in der Zeit, bis sie eintrafen, mir Abbilder von den
Kpfen fr meine eigene Mappe gemacht hatte. Ich malte die Hnde oder
Bsten verschiedener Leute, die sich in dem Rosenhause oder in dem
Meierhofe befanden. Meinen Gastfreund oder Eustach oder Gustav zu
bitten, da sie mir als Gegenstand meiner Kunstbestrebungen dienen
sollten, hatte ich nicht den Mut, weil die Erfolge noch gar zu
unbedeutend waren.


Gustav nahm unter allen den grten Anteil an diesen Dingen. So wie er
im vorigen Jahre Gerte mit mir gemalt hatte, versuchte er es heuer
auch mit den Landschaften. Sein Ziehvater und sein Zeichnungslehrer
hatten nichts dagegen, da nur freie Stunden zu diesen Beschftigungen
verwendet wurden, da seine Krperbungen nicht darunter zu leiden
hatten und da sich dadurch das Band zwischen mir und ihm noch mehr
befestigte, was mein Gastfreund nicht ungern zu sehen schien, da
doch zuletzt der Jngling niemanden hatte, an wen er das Gefhl der
Freundschaft leiten sollte, das in seinen Jahren so gerne erwacht und
das sich in sanftem Zuge an einen Gegenstand richtet. Da unter seiner
Hand ein Baum, ein Stein, ein Berg, ein Wsserchen in lieblichen
Farben hervorging, hatte er eine unaussprechliche Freude. Bei Eustach
hatte er nur grtenteils Bau- und Gertezeichnungen gesehen, und
Roland hatte auch nur hnliches von seinen Reisen zurck gebracht. Was
von Landschaften in der Gemldesammlung seines Ziehvaters hing, auf
denen er wohl grne Bume, weie Wolken, blaue Berge beobachten
konnte, hatte er nie um seine Entstehung angeschaut, sondern die Dinge
waren da, wie auch andere Dinge da sind, das Haus, der Getreidehgel,
der Berg, der ferne Kirchturm, und er hatte nicht daran gedacht, da
auch er solche Gegenstnde hervorzubringen vermochte. Er redete auf
Spaziergngen davon, wie dieser Baum sich baue, wie jener Berg sich
runde, und er erzhlte mir, da ihm oft von dem Zeichnen lebhaft
trume.

Man lie den Jngling auch auf grere Entfernungen von dem Rosenhause
mit mir gehen. Seine Arbeiten wurden dabei so eingerichtet, da,
wenn sie auch unterbrochen werden muten, ein wesentlicher Schaden
sich nicht einstellen konnte. Dafr gewann er an Gesundheit und
krperlicher Abhrtung bedeutend. Wir waren nicht selten mehrere Tage
abwesend, und Gustav vergngte es sehr, wenn wir Abends nach unserem
leichten Mahle in einem Gasthause in unser Zimmer gingen, wenn er
durch die Fenster auf eine fremde Landschaft hinausschauen konnte,
wenn er sein Rnzlein und seine Reisesachen auf dem Tische zurecht
richten und dann die ermdeten Glieder auf dem Gastbette ausstrecken
durfte. Wir bestiegen hohe Berge, wir gingen an Felswnden hin, wir
begleiteten den Lauf rauschender Bche und schifften ber Seen.

Er wurde stark, und das zeigte sich sichtbar, wenn wir von einer
Gebirgswanderung - denn fast immer gingen wir in das Gebirge -
zurckkehrten, wenn seine Wangen gebrunt waren, als wollten
sie beinahe schwarz werden, wenn seine Locken die dunkle Stirne
beschatteten und die groen Augen lebhaft aus dem Angesichte hervor
leuchteten. Ich wei nicht, welcher innere Zug von Neigung mich zu dem
Jnglinge hinwendete, der in seinem Geiste zuletzt doch nur ein Knabe
war, den ich ber die einfachsten Dinge tglicher Erfahrung belehren
mute, namentlich, wenn es Wanderungsangelegenheiten waren, und der
mir in seiner Seele nichts bieten konnte, wodurch ich erweitert und
gehoben werden mute, es mte nur das Bild der vollkommensten Gte
und Reinheit gewesen sein, das ich tglich mehr an ihm sehen, lieben
und verehren konnte.

Ich ging auch einige Male zu dem Lautersee. Ich hatte im vorigen Jahre
angefangen, seine Tiefe an verschiedenen Stellen zu messen, um ein
Bild darzustellen, in welchem sich die Berge, die den See umstanden,
sichtbar auch unter der Wasserflche fortsetzten und nur durch einen
tieferen Ton gedmpft waren. Der Reiz, den diese Aufnahme herbei
gefhrt hatte, stellte sich wieder ein, und ich setzte die Messungen
nach einem Plane fort, um die Talsohle des Sees immer richtiger zu
ergrnden und das Bild einer greren Sicherstellung entgegen zu
fhren. Gustav begleitete mich mehrere Male und arbeitete mit den
Mnnern, die ich gedungen hatte, das Schiff zu lenken, die Schnre
auszuwerfen, die Kloben zu richten, an denen sich die Senkgewichte
abwickelten, oder andere Dinge zu tun, die sich als notwendig
erwiesen.

Besondere Freude machte es mir, da ich nach und nach die Feinheiten
des menschlichen Angesichtes immer besser behandeln lernte, besonders,
was mir frher so schwer war, wenn der leichte Duft der Farbe ber die
Wangen schner Mdchen ging, die sich sanft rundeten, schier keine
Abwechslung zeigten und doch so mannigfaltig waren. Mir waren die
Versuche am angenehmsten, das Liebliche, Sittige, Schelmische, das
sich an manchen jungen Land- oder Gebirgsmdchen darstellte, auf der
Leinwand nachzuahmen.


Eines Abends, da Blitze fast um den ganzen Gesichtskreis leuchteten
und ich von dem Garten gegen das Haus ging, fand ich die Tr, welche
zu dem Gange des Amonitenmarmors, zu der breiten Marmortreppe und zu
dem Marmorsaale fhrte, offen stehen. Ein Arbeiter, der in der Nhe
war, sagte mir, da wahrscheinlich der Herr durch die Tr hinein
gegangen sei, da er sich vermutlich in dem steinernen Saale befinden
werde, in welchen er gerne gehe, wenn Gewitter am Himmel stnden, und
da die Tr vielleicht offen geblieben sei, damit Gustav, wenn er
kme, auch hinaufgehen knnte. Ich blickte in den Marmorgang, sah
hinter der Schwelle mehrere Paare von Filzschuhen stehen und beschlo,
auch in den steinernen Saal hinauf zu gehen, um meinen Gastfreund
aufzusuchen. Ich legte ein Paar von passenden Filzschuhen an und ging
den Gang des Amonitenmarmors entlang. Ich kam zu der Marmortreppe
und stieg langsam auf ihr empor. Es war heute kein Tuchstreifen ber
sie gelegt, sie stand in ihrem ganzen feinen Glanze da und erhellte
sich noch mehr, wenn ein Blitz durch den Himmel ging und von der
Glasbedachung, die ber der Treppe war, hereingeleitet wurde. So
gelangte ich bis in die Mitte der Treppe, wo in einer Unterbrechung
und Erweiterung, gleichsam wie in einer Halle, nicht weit von der
Wand die Bildsule von weiem Marmor steht. Es war noch so licht, da
man alle Gegenstnde in klaren Linien und deutlichen Schatten sehen
konnte. Ich blickte auf die Bildsule, und sie kam mir heute ganz
anders vor. Die Mdchengestalt stand in so schner Bildung, wie sie
ein Knstler ersinnen, wie sie sich eine Einbildungskraft vorstellen
oder wie sie ein sehr tiefes Herz ahnen kann, auf dem niedern Sockel
vor mir, welcher eher eine Stufe schien, auf die sie gestiegen war, um
herumblicken zu knnen. ich vermochte nun nicht weiter zu gehen und
richtete meine Augen genauer auf die Gestalt. Sie schien mir von
heidnischer Bildung zu sein. Das Haupt stand auf dem Nacken, als
blhete es auf demselben. Dieser war ein wenig, aber kaum merklich
vorwrts gebogen, und auf ihm lag das eigentmliche Licht, das nur der
Marmor hat und das das dicke Glas des Treppendaches hereinsendete. Der
Bau der Haare, welcher leicht geordnet gegen den Nacken niederging,
schnitt diesen mit einem flchtigen Schatten, der das Licht noch
lieblicher machte. Die Stirne war rein, und es ist begreiflich, da
man nur aus Marmor so etwas machen kann. Ich habe nicht gewut, da
eine menschliche Stirne so schn ist. Sie schien mir unschuldvoll zu
sein und doch der Sitz von erhabenen Gedanken. Unter diesem Throne war
die klare Wange ruhig und ernst, dann der Mund, so feingebildet, als
sollte er verstndige Worte sagen oder schne Lieder singen, und
als sollte er doch so gtig sein. Das Ganze schlo das Kinn wie ein
ruhiges Ma. Da sich die Gestalt nicht regte, schien blo in dem
strengen, bedeutungsvollen Himmel zu liegen, der mit den fernen
stehenden Gewittern ber das Glasdach gespannt war und zur Betrachtung
einlud. Edle Schatten wie schne Hauche hoben den sanften Glanz der
Brust, und dann waren Gewnder bis an die Knchel hinunter. Ich dachte
es sei Nausikae, wie sie an der Pforte des goldenen Saales stand und
zu Odysseus die Worte sagte: Fremdling, wenn du in dein Land kmmst,
so gedenke meiner. Der eine Arm war gesenkt und hielt in den Fingern
ein kleines Stbchen, der andere war in der Gewandung zum Teile
verhllt, die er ein wenig emporhob. Das Kleid war eher eine schn
geschlungene Hlle als ein nach einem gebruchlichen Schnitte
verfertigtes. Es erzhlte von der reinen, geschlossenen Gestalt und
war so stofflich treu, da man meinte, man knne es falten und in
einen Schrein verpacken. Die einfache Wand des grauen Amonitenmarmors
hob die weie Gestalt noch schrfer ab und stellte sie freier. Wenn
ein Blitz geschah, flo ein rosenrotes Licht an ihr hernieder, und
dann war wieder die frhere Farbe da. Mir dnkte es gut, da man diese
Gestalt nicht in ein Zimmer gestellt hatte, in welchem Fenster sind,
durch die alltgliche Gegenstnde herein schauen und durch die
verworrene Lichter einstrmen, sondern da man sie in einen Raum getan
hat, der ihr allein gehrt, der sein Licht von oben bekmmt und sie
mit einer dmmerigen Halle wie mit einem Tempel umfngt. Auch durfte
der Raum nicht einer des tglichen Gebrauchs sein, und es war sehr
geeignet, da die Wnde rings herum mit einem kostbaren Steine
bekleidet sind. Ich hatte eine Empfindung, als ob ich bei einem
lebenden schweigenden Wesen stnde, und hatte fast einen Schauer, als
ob sich das Mdchen in jedem Augenblicke regen wrde. Ich blickte die
Gestalt an und sah mehrere Male die rtlichen Blitze und die graulich
weie Farbe auf ihr wechseln. Da ich lange geschaut hatte, ging
ich weiter. Wenn es mglich wre, mit Filzschuhen noch leichter
aufzutreten als es ohnehin stets geschehen mu, so htte ich es getan.
Ich ging mit dem lautlosen Tritte langsam ber die glnzenden Stufen
des Marmors bis zu dem steinernen Saale hinan. Seine Tr war halb
geffnet. Ich trat hinein.

Mein Gastfreund war wirklich in demselben. Er ging in leichten Schuhen
mit Sohlen, die noch weicher als Filz waren, auf dem gegltteten
Pflaster auf und nieder.

Da er mich kommen sah, ging er auf mich zu und blieb vor mir stehen.

Ich habe die Tr zu dem Marmorgange offen gesehen, sagte ich, man
hat mir berichtet, da ihr hier oben sein knntet, und da bin ich
herauf gegangen, euch zu suchen.

Daran habt ihr recht getan, erwiderte er.

Warum habt ihr mir denn nicht gesagt, sprach ich weiter, da die
Bildsule, welche auf eurer Marmortreppe steht, so schn ist?

Wer hat es euch denn jetzt gesagt? fragte er.

Ich habe es selber gesehen, antwortete ich.

Nun dann werdet ihr es um so sicherer wissen und mit desto grerer
Festigkeit glauben, erwiderte er, als wenn euch jemand eine
Behauptung darber gesagt htte.

Ich habe nehmlich den Glauben, da das Bildwerk sehr schn sei,
antwortete ich, mich verbessernd.

Ich teile mit euch den Glauben, da das Werk von groer Bedeutung
sei, sagte er.

Und warum habt ihr denn nie zu mir darber gesprochen? fragte ich.

Weil ich dachte, da ihr es nach einer bestimmten Zeit selber
betrachten und fr schn erachten werdet, antwortete er.

Wenn ihr mir es frher gesagt httet, so htte ich es frher gewut,
erwiderte ich.

Jemandem sagen, da etwas schn sei, antwortete er, heit nicht
immer, jemandem den Besitz der Schnheit geben. Er kann in vielen
Fllen blo glauben. Gewi aber verkmmert man dadurch demjenigen das
Besitzen des Schnen, der ohnehin aus eigenem Antriebe darauf gekommen
wre. Dies setzte ich bei euch voraus, und darum wartete ich sehr
gerne auf euch.

Aber was mt ihr denn die Zeit her ber mich gedacht haben, da ich
diese Bildsule sehen konnte und ber sie geschwiegen habe? fragte
ich.

Ich habe gedacht, da ihr wahrhaftig seid, sagte er, und ich habe
euch hher geachtet als die, welche ohne berzeugung von dem Werke
reden, oder als die, welche es darum loben, weil sie hren, da es von
Andern gelobt wird.

Und wo habt ihr denn das herrliche Bildwerk hergenommen? fragte ich.

Es stammt aus dem alten Griechenlande, antwortete er, und seine
Geschichte ist sonderbar. Es stand viele Jahre in einer Bretterbude
bei Cum in Italien. Sein unterer Teil war mit Holz verbaut, weil man
den Platz, an dem es stand, und der teils offen, teils gedeckt war, zu
hufigem Ballschlagen verwendete, und die Blle nicht selten in die
Bude der Gestalt flogen. Deshalb legte man von der Brust abwrts einen
dachartigen Schutz an, der die Blle geschickt herab rollen machte und
ber den sich die Gestalt wie eine Bste darstellte. Es waren in dem
Raume, teils an den Bretterbuden, teils an Mauerstcken, aus denen
er bestand, noch andere Gestalten angebracht, ein kleiner Herkules,
mehrere Kpfe und ein altertmlicher Stier von etwa drei Fu Hhe;
denn der Platz wurde auch zu Tnzen benutzt und war an den Stellen,
die keine Wand hatten, mit Schlinggewchsen und Trauben begrenzt, an
andern war er offen und blickte ber Myrten, Lorbeer, Eichen auf die
blauen Berge und den heiteren Himmel dieses Landes hinaus. Gedeckt
waren nur Teile des Raumes, besonders dort, wo die Gestalten standen.
Diese hatten Dcher ber sich wie die niedlichen Tfelchen, welche
italienische Mdchen auf dem Kopfe tragen. Im brigen war die
Bedeckung das Gezelt des Himmels. Mich brachte ein gnstiger Zufall
nach Cum, und zu diesem Ballplatze, auf dem sich eben junges Volk
belustigte. Gegen Abend, da sie nach Hause gegangen waren, besichtigte
ich das Mauerwerk, welches aus Resten alter Kunstbauten bestand, und
die Gestalten, welche smmtlich aus Gips waren, wie sie in Italien
so hufig alten edlen Kunstwerken nachgebildet werden. Den Herkules
kannte ich insbesondere sehr gut, nur war er hier viel kleiner
gebildet. Die Bste des Mdchens - fr eine solche hielt ich die
Gestalt - war mir unbekannt; allein sie gefiel mir sehr. Da ich
mich ber die reizende Lage dieses Pltzchens aussprach, sagte die
Besitzerin, eine wahrhaftige altrmische Sibylle, es werde hier in
Kurzem noch viel schner werden. Ihr Sohn, der sich durch Handel Geld
erworben, werde den Platz in einen Saal mit Sulen verwandeln, es
werden Tische herum stehen, und es werden vornehme Fremde kommen, sich
hier zu ergtzen. Die Gestalten mssen weg, weil sie ungleich seien
und weil Menschen und Tiere unter einander stehen, ihr Sohn habe schon
die schnsten Gipsarbeiten bestellt, die alle gleich gro wren.
Sie fhrte mich zu dem Mdchen und zeigte mir durch eine Spalte der
Bretter, da dasselbe in ganzer Gestalt da stehe und also die andern
Dinge weit berrage. Man habe darum an dem oberen Rande der Balken,
mit denen die Gestalt umbaut ist, einen hlzernen, bemalten Sockel
angebracht, von dem der Oberleib wie eine Bste herab schaue. Dadurch
sei die Sache wieder zu den anderen gestimmt worden. Ich fragte, wann
ihr Sohn hieherkomme und wann das Umbauen beginnen wrde. Da sie mir
das gesagt hatte, entfernte ich mich. Zur Zeit des mir von der Alten
angegebenen Beginnes des Umbaues fand ich mich auf dem Platze wieder
ein. Ich traf den Sohn der Wittwe - eine solche war sie - hier an, und
der Bau hatte schon begonnen. Die alten reizenden Mauerstcke waren
zum Teile abgetragen, und ihre Stoffe waren geschichtet, um zu dem
neuen Baue verwendet zu werden. Die Schlinggewchse und Reben waren
ausgerottet, die Gestruche vor dem Platze vernichtet, und man ebnete
ihre Stelle, um dort Rosen anzulegen. Auf der Sdseite baute man schon
die Sockelmauern, auf welche die Sulen von Ziegeln zu stehen kommen
sollten. Die Gestalt des Mdchens, von der man die Balkenverhllung
weggenommen hatte, lag in einer Htte, welche grtenteils Baugerte
enthielt. Neben ihr lagen der Herkules, der Stier und die Kpfe,
die, wie ich jetzt sah, alte Rmer darstellten. Mir gefiel nun auch
die frher nicht gesehene brige Gestalt des Mdchens, die nicht
wesentlich verletzt war, auerordentlich, und ich erhandelte sie, da
die Dinge zum Zwecke des Verkaufes in der Bretterhtte lagen. Aber
der Verkufer sagte, er gebe von der Sammlung nichts einzeln weg,
und ich mute den Stier, den Herkules und die Kpfe mit kaufen. Der
Kaufschilling war nicht geringe, da mein Gegenmann die Schnheit der
Gestalt recht gut kannte und sie geltend machte; aber ich fgte mich.
Ich lie Kisten machen, um die Dinge fortzuschaffen. Den Stier, den
Herkules und die Kpfe verkaufte ich in Italien um ein Geringes, die
Mdchengestalt sendete ich wohlverpackt, da der Gips nicht leide, an
meinen damaligen Aufenthaltsort; ich kann euch den Namen jetzt nicht
nennen, es war ein kleines Stdtchen an dem Gebirge. Mir fiel schon
damals auf, da das Fahrgeld fr die Gestalt sehr hoch sei und da
man sich ber ihr Gewicht beklagt habe; allein ich hielt es fr
italienische List, um von mir, dem Fremden, etwas mehr heraus zu
pressen. Als ich aber nach Deutschland zurckgekehrt war und als eines
Tages die Gipsgestalt, fr deren gute Verpackung und berbringung ich
durch mir wohlbekannte Versendungsvermittler gesorgt hatte, in dem
Asperhofe ankam, berzeugte ich mich selber von dem ungemeinen
Gewichte der Last. Da der Bretterverschlag, in welchem sich die
Gestalt befand, nicht so schwer sein konnte, so entstand in mir und
Eustach, der damals schon in dem Asperhofe war, der Gedanke, die
Gestalt mchte etwa na geworden sein und durch die Nsse gelitten
haben. Wir lieen das Standbild in die hlzerne Htte schaffen, welche
ich teils zu seinem Empfange, teils zur Reinigung von den vielen
Schmutzflecken, die es an seinem frheren Standorte erhalten hatte,
vor dem Eingange in den Garten hatte aufbauen lassen. Da es dort von
den Brettern und von allen seinen andern Hllen befreit worden war,
sahen wir, da sich unsere Furcht nicht besttigte. Die Gestalt war so
trocken, wie Gips nur berhaupt zu sein vermag. Wir setzten nach und
nach die Vorrichtungen in Gebrauch, durch die wir die Gestalt in die
Nhe der Glaswand der Htte auf eine drehbare Scheibe stellen konnten,
um sie nach Bequemlichkeit betrachten und reinigen zu knnen. Da sie
auf der Scheibe stand und wir uns von der Sicherheit ihres Standes
berzeugt hatten, gingen wir zu ihrer Betrachtung ber. Eustach war
ber ihre Schnheit entzckt und machte mich auf Manches aufmerksam,
was mir auf dem Tanz- und Ballplatze bei Cum und spter in der
Bauhtte entgangen war. Freilich stand die Gestalt jetzt viel
vorteilhafter, da durch die reinen Scheiben der Glaswand das klare
Licht auf sie fiel und alle Schwingungen und Schwellungen der
Gestaltung deutlich machte. Da wir die berzeugung gewonnen hatten,
da ein edles Werk in das Haus gekommen sei, beschlossen wir, sofort
zu dessen Reinigung zu schreiten. Wir nahmen uns vor, dort, wo der
Schmutz nur locker auf der Oberflche liege und dem reinen Wasser und
dem Pinsel weiche, auch nur Wasser und den Pinsel anzuwenden. Leichtes
bertnchen und sanftes Gltten wrde die letzte Nachhlfe geben. Fr
tiefer gehende Verunreinigung wurde die Anwendung des Messers und der
Feile beschlossen; nur sollte die uerste Vorsicht beobachtet und
lieber eine kleine Verunreinigung gelassen werden, als da eine
sichtbare Umgestaltung des Stoffes vorgenommen wrde. Eustach machte
in meiner Gegenwart Versuche, und ich billigte sein Verfahren. Es
wurde nun sogleich ans Werk geschritten und die Arbeit in der nchsten
Zeit fortgesetzt. Eines Tages kam Eustach zu mir herauf und sagte, er
msse mich auf einen sonderbaren Umstand aufmerksam machen. Er sei auf
dem Schulterblatte mit dem feinen Messer auf einen Stoff gestoen, der
nicht das Taube des Gipses habe, sondern das Messer gleiten mache und
etwas wie die Ahnung eines Klanges merken lasse. Wenn die Sache nicht
so unwahrscheinlich wre, wrde er sagen, da der Stoff Marmor sei.
Ich ging mit ihm in die Bretterhtte hinab. Er zeigte mir die Stelle.
Es war ein Platz, mit dem die Gestalt hufig, wenn sie gelegt wurde,
auf den Boden kam und der daher durch diesen Umstand und zum Teile
durch Versendungen, denen die Gestalt ausgesetzt gewesen sein mochte,
mehr abgenutzt war als andere. Ich lie das Messer auf dieser Stelle
gleiten, ich lie es an ihr erklingen, und auch ich hatte das Gefhl,
da es Marmor sei, was ich eben behandle. Weil der Platz, an dem die
Versuche gemacht wurden, doch zu augenfllig war, um weiter gehen
zu knnen und ihn etwa zu verunstalten, so beschlossen wir an einem
unscheinbareren einen neuen Versuch zu machen. In der Ferse des
linken Fues fehlte ein kleines Stckchen, dort mute jedenfalls Gips
eingesetzt werden, dort beschlossen wir zu forschen. Wir drehten die
Gestalt mit ihrer Scheibe in eine Lage, in welcher das helle Licht auf
die Lcke an der Ferse fiel. Es zeigte sich, da neben der kleinen
Vertiefung noch ein Stckchen Gips ledig sei und bei der leisesten
Berhrung herab fallen msse. Wir setzten das Messer an, das Stck
sprang weg, und es zeigte sich auf dem Grunde, der blo wurde, ein
Stoff, der nicht Gips war. Das Auge sagte, es sei Marmor. Ich holte
ein Vergrerungsglas, wir leiteten durch Spiegel ein schimmerndes
Licht auf die Stelle, ich schaute durch das Glas auf sie, und mir
funkelten die feinen Kristalle des weien Marmors entgegen. Eustach
sah ebenfalls durch die Linse, wir versuchten an dem Platze noch
andere Mittel, und es stellte sich fest, da die untersuchte
Flche Marmor sei. Nun begannen wir, um das Unglaubliche vllig zu
beweisen oder unsere Meinung zu widerlegen, auch an andern Stellen
Untersuchungen. Wir fingen an Stellen an, welche ohnehin ein wenig
schadhaft waren und gingen nach und nach zu anderen ber. Wir
beobachteten zuletzt gar nicht mehr so genau die Vorsichten, die wir
uns am Anfange auferlegt hatten, und kamen zu dem Ergebnisse, da an
zahlreichen Stellen unter dem Gipse der Gestalt weier Marmor sei.
Der Schlu war nun erklrlich, da an allen Stellen, auch den nicht
untersuchten, der Gips ber Marmor liege. Das groe Gewicht der
Gestalt war nicht der letzte Grund unserer Vermutung. Durch welchen
Zufall oder durch welch seltsames Beginnen die Marmorgestalt
mit Gips knne berzogen worden sein, war uns unerklrlich. Am
wahrscheinlichsten duchte uns, da es einmal irgend ein Besitzer
getan habe, damit ein fremder Feind, der etwa seine Wohnstadt und ihre
Kunstwerke bedrohte, die Gestalt, als aus wertlosem Stoffe bestehend,
nicht mit sich fort nehme. Weil nun doch der Feind die Gestalt
genommen habe oder weil ein anderer hindernder Umstand eingetreten
sei, habe die Decke nicht mehr weggenommen werden knnen, und der
edle Kern habe undenkbar lange Jahre in der schlechten Hlle stecken
mssen. Wir fingen nun auf dem Wirbel des Hauptes an, den Gips nach
und nach zu beseitigen. Teils, und zwar im Roheren, geschah es mit
dem Messer, teils, und zwar gegen das Ende, wurden Pinsel und das
auflsende Mittel des Wassers angewendet. Wir rckten so von dem
Haupte ber die Gestalt hinunter, und alles und jedes war Marmor.
Durch den Gips war der Marmor vor den Unbilden folgender Zeiten
geschtzt worden, da er nicht das trbe Wasser der Erde oder sonstige
Unreinigkeiten einsaugen mute, und er war reiner als ich je Marmor
aus der alten Zeit gesehen habe, ja er war so wei, als sei die
Gestalt vor nicht gar langer Zeit erst gemacht worden. Da aller Gips
beseitigt war, wurde die Oberflche, welche doch durch die feinsten
zurckgebliebenen Teile des berzuges rauh war, durch weiche, wollene
Tcher so lange geglttet, bis sich der glnzende Marmor zeigte und
durch Licht und Schatten die feinste und zartest empfundene Schwingung
sichtbar wurde. Jetzt war die Gestalt erst noch viel schner als
sie sich in Gips dargestellt hatte, und Eustach und ich waren von
Bewunderung ergriffen. Da sie nicht aus neuer Zeit stamme, sondern
dem alten Volke der Griechen angehre, erkannten wir bald. Ich hatte
so viele und darunter die als die schnsten gepriesenen Bildwerke der
alten Heidenzeit gesehen und vermochte daher zwischen ihren und den
Arbeiten des Mittelalters oder der neuen Zeit zu vergleichen. Ich
hatte alle Abbildungen, welche von den Bildwerken der alten Zeit
zu bekommen waren, in den Asperhof gebracht, so da ich neuerdings
Vergleichungen anstellen konnte, und da auch Eustach, welcher
nicht so viel in Wirklichkeit gesehen hatte, ein Urteil zu gewinnen
vermochte. Nur nach sehr langen und sehr genauen Untersuchungen gaben
wir uns mit Festigkeit dem Gedanken hin, da das Standbild aus der
alten Griechenzeit herrhre. Wir lernten bei diesen Untersuchungen,
zu deren grerer Sicherstellung wir sogar Reisen unternahmen, die
Merkmale der alten und neuen Bildwerke so weit kennen, da wir die
berzeugung gewannen, die besten Werke beider Zeiten gleich bei der
ersten Betrachtung von einander unterscheiden zu knnen. Das Schlechte
ist freilich schwerer in Hinsicht seiner Zeit zu ermitteln. Merkwrdig
ist es, da vllig Wertloses aus der alten Zeit gar nicht auf
uns gekommen ist. Entweder ist es nicht entstanden oder eine
kunstbegeisterte Zeit hat es sogleich beseitigt. Wir haben in jener
Untersuchungszeit viel ber alte Kunst gelernt. Von wem und aus
welchem Zeitabschnitte aber unser Standbild herrhre, konnten wir
nicht ermitteln. Das war jedoch gewi, da es nicht der strengen Zeit
angehre und von der spteren, weicheren stamme. Ehe ich aber das
Bild aus der Htte, in welcher es stand, entfernte, ja ehe ich an den
Platz dachte, auf welchen ich es stellen wollte, mute etwas anderes
geschehen. Ich reiste nach Italien und suchte bei Cum den Verkufer
meines Standbildes auf. Er war mit den Umnderungen seines Platzes
beinahe fertig. Dieser war jetzt eine Halle neuer Art, in welcher
einige Menschen sen roten Wein tranken, in welcher neue Gipsbilder
standen, um welche grner Rasen war und aus welcher man eine schne
Aussicht hatte. Ich erzhlte ihm von der Entdeckung, welche ich
gemacht hatte und sagte, er mge nun nach derselben den Preis des
Bildes bestimmen. Er knnte es zu diesem Zwecke selber in Deutschland
besehen oder es besehen lassen. Er fand Beides nicht fr ntig,
sondern forderte sogleich eine ansehnliche Summe, die den Wert eines
solchen Gegenstandes, deren Preise in den verschiedenen Zeiten sehr
wechseln, darstellen mochte. Ich war damals schon in den Besitz meiner
greren Habe gekommen, die mir durch eine Erbschaft zugefallen war,
und zeigte mich bereit, die Summe zu erlegen, nur mchte ich mich ber
das Herkommen des Standbildes noch nher unterrichten und mir die
Gewiheit ber das Recht verschaffen, das mein Vormann bei so
vernderter Sachlage ber das Bild habe. Meine Forschungen fhrten zu
nichts weiter, als da das Bild seit vielen Menschenaltern schon in
dem Besitze der Familie sei, von welcher ich es habe, da einmal
berreste eines alten Gebudes hier gewesen wren, da man das Gebude
nach und nach abgebrochen habe, da man aus Wasserbecken, niederen
Sulengittern und andern Dingen von weiem Steine Kalk gebrannt, und
da man aus den Resten des Gebudes und mit dem Kalke Huser in den
Umgebungen gebaut habe. Es seien mehrere Standbilder bei den Trmmern
gewesen und seien verkauft worden. Fr das weie Mdchen mit dem Stabe
in der Hand habe man einmal einen Mantel aus Holz gemacht, darber ist
ein Streit in Hinsicht der Zahlung entstanden, und die Schrift, welche
den Grovater des jetzigen Besitzers zur Zahlung verurteilte, ist mir
in dem Amte zur Einsicht und beglaubigten Abschrift gewiesen worden.
Nachdem ich mir noch einen Kaufvertrag ber das Marmorbild von einem
Notar hatte verfassen lassen und mich mit einer gefertigten Abschrift
versehen hatte, erlegte ich die geforderte Summe und reiste wieder
nach Hause. Hier wurde beraten, wohin das nun mit allem Rechte mein
genannte Standbild kommen sollte. Es war nicht schwer, die Stelle
auszufinden. Ich hatte auf der Marmortreppe schon einen Absatz
errichtet, der einerseits die Treppe unterbrechen und ihr dadurch
Zierlichkeit verleihen und andrerseits dazu dienen sollte, da einmal
ein Standbild auf ihm stehe und der Treppe den grten Schmuck
verleihe. Nachdem wir uns durch Messungen berzeugt hatten, da die
Gestalt fr den Platz nicht zu hoch sei, wurde der kleine Sockel
verfertigt, auf dem sie jetzt steht, es wurde eine Vorrichtung gebaut.
sie auf den Platz zu bringen, und sie wurde auf ihn gebracht. Wir
standen nun oft vor der Gestalt und betrachteten sie. Die Wirkung
wurde statt schwcher immer grer und nachhaltiger, und unter allen
Kunstgegenstnden, die ich habe, ist mir dieser der liebste. Das ist
der hohe Wert der Kunstdenkmale der alten, heitern Griechenwelt, nicht
blo der Denkmale der bildenden Kunst, die wir noch haben, sondern
auch der der Dichtung, da sie in ihrer Einfachheit und Reinheit das
Gemt erfllen und es, wenn die Lebensjahre des Menschen nach und nach
flieen, nicht verlassen, sondern es mit Ruhe und Gre noch mehr
erweitern und mit Unscheinbarkeit und Gesetzmigkeit zu immer
grerer Bewunderung hinreien. Dagegen ist in der Neuzeit oft ein
unruhiges Ringen nach Wirkung, das die Seele nicht gefangen nimmt,
sondern als ein Unwahres von sich stt. Es sind manche Mnner
gekommen, das Standbild zu betrachten, manche Freunde und Kenner der
alten Kunst, und der Erfolg ist fast immer derselbe gewesen, ein
Ernst der Anerkennung und der Wrdigung. Wir, Eustach und ich, sind
in den Dingen der alten Kunst sehr hiedurch vorgeschritten, und
beide sind wir von der alten Kunst erst recht zur Erkenntnis der
mittelalterlichen gekommen. Wenn wir die unnachahmliche Reinheit,
Klarheit, Mannigfaltigkeit und Durchbildung der alten Gestaltungen
betrachtet hatten und zu denen des Mittelalters gingen, bei welchen
groe Fehler in diesen Beziehungen walten, so sahen wir hier ein
Inneres, ein Gemt voll Ungeziertheit, voll Glauben und voll
Innigkeit, das uns fast im Stammeln so rhrt wie uns jenes dort im
vollendeten Ausdrucke erhobt. ber die Zeit der Entstehung unseres
Standbildes knnen wir auch jetzt noch nichts Festes behaupten, auch
nicht, ob es mit anderen aus dem Volke von Standbildern, das in Hellas
stand, nach Rom gekommen ist, oder ob es unter den Rmern von einem
Griechen gefertigt worden ist, wie man es in jener Rmerzeit, da
griechische Kunst mit nicht hinlnglichem Verstndnisse ber Italien
ausgebreitet wurde, in den Sitz eines Rmers gebracht hat und wie es
auf ein ganz anderes, entferntes Geschlecht bergegangen ist.

Er schwieg nach diesen Worten, und ich sah den Mann an. Wir waren,
whrend er sprach, in dem Saale auf und nieder gegangen. Ich begriff,
warum er diesen Saal bei Abendgewittern aufsucht. Durch die hellen
Fenster schaut der ganze sdliche Himmel herein, und auch Teile des
westlichen und des stlichen sind zu erblicken. Die ganze Kette der
hiesigen Alpen kann am Rande des Gesichtskreises gesehen werden. Wenn
nun ein Gewitter in jenem Raume entsteht - und am schnsten sind
Gewitterwnde oder Gewitterberge, wenn sie sich ber fernhinziehende
Gebirge lagern oder lngs des Kammes derselben dahin gehen -, so kann
er dasselbe frei betrachten, und es breitet sich vor ihm aus. Zu dem
Ernste der Wolkenwnde gesellt sich der Ernst der Wnde von Marmor,
und da in dem Saale gar keine Gerte sind, vermehrt noch die
Einsamkeit und Gre. Wenn nun vollends schon eine schwache
Abenddmmerung eingetreten ist, so zeigt die Oberflche des Marmors
den Widerschein der Blitze, und whrend wir so auf und nieder gingen,
war einige Male der reine, kalte Marmor wie in eine Glut getaucht, und
nur die hlzernen Tren standen dunkel in dem Feuer oder zeigten ihre
dstere Fgung.

Ich fragte meinen Gastfreund, ob er das Marmorstandbild schon lange
besitze.

Die Zahl der Jahre ist nicht sehr gro߫, antwortete er, ich kann
sie euch aber nicht genau angeben, weil ich sie nicht in meinem
Gedchtnisse behalten habe. Ich werde in meinen Bchern nachsehen und
werde euch morgen sagen, wie lange das Bild in meinem Hause steht.

Ihr werdet wohl erlauben, sagte ich, da ich die Gestalt fter
ansehen darf und da ich mir nach und nach einprge und immer klarer
mache, warum sie denn so schn ist und welches die Merkmale sind, die
auf uns eine solche Wirkung machen.


Ihr drft sie besehen, so oft ihr wollt, antwortete er, den
Schlssel zu der Tr des Marmorganges gebe ich euch sehr gerne, oder
ihr knnt auch von dem Gange der Gastzimmer ber die Marmortreppe
hinabgehen, nur mt ihr sorgen, da ihr immer Filzschuhe in
Bereitschaft habt, sie anzuziehen. Ich freue mich jetzt, da ich den
Marmorgang und die Treppe so habe machen lassen, wie sie gemacht sind.
Ich habe damals schon immer daran gedacht, da auf die Treppe ein Bild
von weiem Marmor wird gestellt werden, da dann am besten das Licht
von oben darauf herabfllt und da die umgebenden Wnde so wie der
Boden eine dunklere, sanfte Farbe haben mssen. Das reine Wei - in
der lichten Dmmerung der Treppe erscheint es fast als ganz rein -
steht sehr deutlich von der umgebenden tieferen Farbe ab. Was aber
die Merkmale anbelangt, an denen ihr die Schnheit erkennen wollt, so
werdet ihr keine finden. Das ist eben das Wesen der besten Werke der
alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der hchsten Kunst
berhaupt, da man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten
findet, von denen man sagen kann, das ist das Schnste, sondern das
Ganze ist schn, von dem Ganzen mchte man sagen, es ist das Schnste;
die Teile sind blo natrlich. Darin liegt auch die groe Gewalt, die
solche Kunstwerke auf den ebenmig gebildeten Geist ausben, eine
Gewalt, die in ihrer Wirkung bei einem Menschen, wenn er altert,
nicht abnimmt, sondern wchst, und darum ist es fr den in der Kunst
Gebildeten so wie fr den vllig Unbefangenen, wenn sein Gemt nur
berhaupt dem Reize zugnglich ist, so leicht, solche Kunstwerke
zu erkennen. Ich erinnere mich eines Beispieles fr diese meine
Behauptung, welches sehr merkwrdig ist. Ich war einmal in einem
Saale von alten Standbildern, in welchem sich ein aus weiem Marmor
verfertigter, auf seinem Sitze zurckgesunkener und schlafender
Jngling befand. Es kamen Landleute in den Saal, deren Tracht
schlieen lie, da sie in einem sehr entfernten Teile des Landes
wohnten. Sie hatten lange Rcke, und auf ihren Schnallenschuhen lag
der Staub einer vielleicht erst heute Morgen vollbrachten Wanderung.
Als sie in die Nhe des Jnglings kamen, gingen sie behutsam auf den
Spitzen ihrer Schuhe vollends hinzu. Eine so unmittelbare und tiefe
Anerkennung ist wohl selten einem Meister zu Teil geworden. Wer aber
in einer bestimmten Richtung befangen ist und nur die Schnheit, die
in ihr liegt, zu fassen und zu genieen versteht, oder wer sich in
einzelne Reize, die die neuen Werke bringen, hineingelebt hat, fr
den ist es sehr schwer, solche Werke des Altertums zu verstehen, sie
erscheinen ihm meistens leer und langweilig. Ihr waret eigentlich auch
in diesem Falle. Wenngleich nicht von der neuen, nur bestimmte Seiten
gebenden Kunst gefangen, habt ihr doch Abbildungen von gewissen
Gegenstnden, besonders denen eurer wissenschaftlichen Bestrebungen,
zu sehr und zu lange in einer Richtung gemacht, als da euer Auge sich
nicht daran gewhnt, euer Gemt sich nicht dazu hingeneigt htte und
ungefger geworden wre, etwas anderes mit gleicher Liebe aufzunehmen,
das in einer anderen Richtung lag, oder vielmehr, das sich in keiner
oder in allen Richtungen befand. Ich habe gar nie gezweifelt, da ihr
zu dieser Allgemeinheit gelangen werdet, weil schne Krfte in euch
sind, die noch auf keinen Afterweg geleitet sind und nach Erfllung
streben; aber ich habe nicht gedacht, da dies so bald geschehen
werde, da ihr noch zu kraftvoll in dem auf seiner Stufe hchst
lobenswerten Streben nach dem Einzelnen begriffen waret. Ich habe
geglaubt, irgend ein groes, allgemeines menschliches Gefhl, das euch
ergreifen wrde, wrde euch auf den Standpunkt fhren, auf dem ich
euch jetzt sehe.

Ich konnte eine geraume Zeit auf diese letzte Rede meines Gastfreundes
nichts antworten. Wir gingen schweigend in dem Saale auf und nieder,
und es war um so stiller, als unsere mit weichen Sohlen bekleideten
Fe nicht das geringste Gerusch auf dem glnzenden Fuboden machten.
Blitze zuckten zuweilen in den Spiegelflchen um und unter uns, der
Donner rollte gleichsam bei den offenen Fenstern herein und die
Wolken bauten sich in Gebirgen oder in Trmmern oder in luftigen
Lnderstrecken durch den weiten Raum auf, den die Fenster des Saales
beherrschten.

Ich sagte endlich, da ich mich jetzt erinnere, wie mein Vater oft
geuert habe, da in schnen Kunstwerken Ruhe in Bewegung sein msse.

Es ist ein gewhnlicher Kunstausdruck, entgegnete mein Gastfreund,
allein es tte es auch ohne ihn. Man versteht gewhnlich unter
Bewegung Bewegbarkeit. Bewegung kann die bildende Kunst, von der wir
hier eigentlich reden, gar nicht darstellen. Da die Kunst in der Regel
lebende Wesen, Menschen, Tiere, Pflanzen - und selbst die Landschaft
trotz der starrenden Berge ist mit ihren beweglichen Wolken und ihrem
Pflanzenschmucke dem Knstler ein Atmendes; denn sonst wird sie
ihm ein Erstarrendes - darstellt, so mu sie diese Gegenstnde so
darstellen, da es dem Beschauer erscheint, sie knnten sich im
nchsten Augenblicke bewegen. Ich will hier wieder aus dem Altertume
ein Beispiel anfhren. Alle Stoffe, mit welchen Menschen sich
bekleiden, nehmen nach der Art der Bewegungen, denen sich verschiedene
Menschen gerne hingeben, verschiedene Gestaltungen an. Ein Freund von
mir erkannte einen alten wohlbekannten und trefflichen Schauspieler
einmal bei einer Gelegenheit, bei welcher er nur ein Stck des Rockes
des Schauspielers sehen konnte. Wenn nun die Gestaltungen der Stoffe,
die sich meistens in Falten kund geben, nach der Wirklichkeit
nachgebildet werden, nicht nach willkrlichen Zurechtlegungen, die man
nach herkmmlichen Schnheitsgesetzen an der Gliederpuppe macht, so
liegt in diesen nachgebildeten Gestaltungen zuerst eine bestimmte
Eigentmlichkeit und Einzelheit, die den Gegenstand sinnlich
hinstellt, und dann drckt die Gestaltung nicht blo den Zustand aus,
in dem sie gegenwrtig ist, sondern sie weist auch auf den zurck,
der unmittelbar vorher war und von dem sich die Gebilde noch leise
vorfinden, und sie lt zugleich den nchstknftigen ahnen, zu dem die
Bildungen neigen. Dies ist es, was bei Gewandungen ganz vorzglich
fr das beschauende Auge den Begriff der Bewegung gibt und mithin
der Lebendigkeit. Dies ist es, da die Alten so gerne nach der Natur
arbeiteten, was sie dort, wo sie Gewnder anbringen, so meisterhaft
handhaben, da der Spruch entstanden ist, sie stellten nicht nur dar,
was ist, sondern auch, was zunchst war und sein wird. Darum bilden
sie in der Gewandung nicht blo die Hauptteile, sondern auch die
entsprechenden Unterabteilungen, und dies mit einer solchen Zartheit
und Genauigkeit, da man auf den Stoff des Werkes vergit und nur den
Stoff der Gewandung sieht und ihn zusammenlegen und in der Hand ballen
zu knnen vermeint. Solcher Bildung gegenber legen manche Neuen
sogenannte edle Falten zurecht, bilden sie im Erze oder Marmor nach,
vermeiden hiebei in sorglichem Mae zu groe Einzelheiten, um nicht
unruhig zu werden, und erzielen hiebei, da man allerdings groe,
edle Massen von Faltungen sieht, da aber in der Falte der Stoff des
Werkes, nicht des Gewandes herrscht, da man die marmorne, die erzene
Falte sieht, da das Gemt erkltet wird und da man meint, der Mann,
der damit angetan ist, knne nicht gehen, weil ihn die erzene Falte
hindere. Wie es mit dem Gewande ist, ist es auch mit dem Leibe,
der das Gewand der Seele ist, und die Seele allein kann ja nur der
Gegenstand sein, welchen der Knstler durch das Bild und Gleichnis
des Leibes darstellt. Hier auch lieen sich die Alten von der
Natur leiten, und wenn sie Snden begingen, die das Auge des
naturforschenden Zergliederers, strenge genommen, tadeln mte, so
begingen sie keine, die das nicht so stofflich blickende Auge der
Kunst zu verdammen gezwungen wre. Dafr zeigt die Schwingung der
Gliederflchen in ihren Teilen und Unterabteilungen eine solche
Ausbildung und Durchfhrung, da die Zustnde von jetzt und von
unmittelbar vorher und nachher sichtbar werden, da die Glieder, wie
ich vorher von der Gewandung sagte, die Vorstellung der Beweglichkeit
geben und da sie leben. Wie bei den Gewndern bilden manche Neue auch
die Glieder ins Grere, Allgemeinere, weniger Ausgefhrte, um nicht
krampfig zu werden, und dann geraten die Muskeln gerne wie glatte,
sprde, unbiegsame Glaskrper, und die Gestalt kann sich nicht rhren.
Das Gesagte mag ungefhr den Begriff von dem geben, was man in der
Kunst unter Bewegung versteht. Was man unter Ruhe begreift, das mag
wohl zuerst darin bestehen, da jeder Gegenstand, den die bildende
Kunst darstellt, genau betrachtet, in Ruhe ist. Der laufende Wagen,
das rennende Pferd, der strzende Wasserfall, die jagende Wolke,
selbst der zuckende Blitz sind in der Abbildung ein Starres,
Bleibendes, und der Knstler kann nur durch die frher von mir
angedeuteten Mittel die Bewegung als Bewegbarkeit, als Tuschung des
Auges darstellen, wodurch er zugleich seinen Gegenstand ber die
Grenzen des unmittelbar Dargestellten hinaushebt und ihm eine ungleich
grere Bedeutung gibt. Aber die dargestellte Bewegung darf nicht zu
gewaltsam sein, sonst helfen die Mittel nicht, der Knstler scheitert
und wird lcherlich. Zum Beispiele Pferde, die von einem Felsen durch
die Luft hinabstrzen, drfen nicht in der Luft fallend gemalt werden
- wenigstens drfte dies leichter eine den Verstand befriedigende
Zeichnung als ein das ganze Kunstvermgen entzckendes Bild werden.
Darum darf der in seinen Gestalten sich stets erneuende Wasserfall mit
weit geringerer Gefahr dargestellt werden als eine Flssigkeit, die
aus einem Gefe gegossen wird, wobei die Einbildungskraft sich mit
dem Gedanken qult, da das Gef nicht leer wird. Der in hohen Lften
auf seinen Schwingen ruhende Geier ist im Bilde erhaben, der dicht
vor unsern Augen auf seine Beute strzende kann sehr milich werden.
Der an Bergen emporsteigende Nebel ist lieblich, der von einer
abgefeuerten Kanone aufsteigende Rauch verletzt uns durch sein
immerwhrendes Bleiben. Es ist begreiflich, da die Grenzen zwischen
dem Darstellbaren in der Bewegung nicht fest zu bestimmen sind und
da grere Begabungen viel weiter hierin gehen drfen als kleinere.
So sah ich schon sehr oft gemalte fahrende Wgen. Die Pferde sind
gewhnlich ihrer Fustellung nach im schnsten Laufe begriffen,
whrend die Speichen der Wagenrder klar und sichtbar in vlliger
Ruhe starren. Der grere Knstler wird uns den Nebel der sausenden
Speichen darstellen und manches Andere zutun und zusammenstellen, da
wir den Wagen wirklich fahren sehen. Auer dem hier gegebenen Begriffe
von stofflicher Ruhe mag wohl unter Ruhe weit fter die knstlerische
zu verstehen sein, die ein Kunstwerk, sei es Bild, Dichtung oder
Musik, nie entbehren kann, ohne aufzuhren, ein Kunstwerk zu sein.
Es ist diese Ruhe jene allseitige bereinstimmung aller Teile zu
einem Ganzen, erzeugt durch jene Besonnenheit, die in hchster
kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf, durch jenes Schweben
ber dem Kunstwerke und das ordnende berschauen desselben, wie stark
auch Empfindungen oder Taten in demselben strmen mgen, die das
Kunstschaffen des Menschen dem Schaffen Gottes hnlich macht und Ma
und Ordnung blicken lt, die uns so entzcken. Bewegung regt an,
Ruhe erfllt, und so entsteht jener Abschlu in der Seele, den wir
Schnheit nennen. Es ist nicht zu zweifeln, da sich Andere vielleicht
Anderes bei diesen Worten denken, da dieses Andere gut oder besser
als das Meinige sein kann - gewhnlich geht es mit solchen Gangwrtern
so, da jeder seinen eigenen Sinn hinein legt. Das Beste ist, da die
schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Stzen
wirkt, sondern das Rechte trifft, weil sie die Kraft ist, und es
desto sicherer trifft, je mehr sie sich auf ihrem eigentmlichen Wege
naturgem ausbildet. Fr das Verstndnis der Kunst, fr solche,
welche ihre Werke beschauen und sich darber besprechen, sind
Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine sehr
ntzliche Sache, nur mu man die Worte nicht zum Hauptgegenstande
machen und auf einen Sinn, den man ihnen beilegt, nicht so bestehen,
da man alles verdammt, was nicht nach diesem Sinne ist. Sonst mte
man ja den grten und einzigen Knstler am meisten tadeln, Gott, der
so unzhlige Gestaltungen erschaffen hat und dessen Werke ja wirklich
von Menschen untergeordneten Geistes getadelt werden, die meinen, sie
htten es anders gemacht.


Bei diesen Worten kam Gustav in den Saal. Die Dmmerung hatte schon
stark zugenommen, es regnete aber noch immer nicht.

Dieser steht noch auf demselben Stande, auf welchem ihr frher
gestanden seid, sagte mein Gastfreund auf Gustav weisend, der auf ihn
zuging.

Wie meinst du das, Vater? fragte der Knabe.

Wir redeten von Kunst, antwortete mein Gastfreund, und da behaupte
ich, da du noch nicht in der Lage bist, Kunstwerke so erkennen und
beurteilen zu knnen wie unser Gast hier.

Wohl, das behaupte ich selber, sagte Gustav, er ist darum auch
teilweise mein Lehrer, und wenn er in der Erkenntnis der Kunst dir
und Eustach und der Mutter nachstrebt, so werde ich meines Teils ihm
wieder nachstreben.

Das ist gut, sagte mein Gastfreund, aber das ist es nicht so ganz,
wovon wir sprachen, allein es tut nichts zur Sache und gehrt auch
nicht zur Wesenheit.

Mit diesen Worten, gleichsam um ferneren Fragen vorzubeugen, trat er
an ein Fenster und wir mit ihm.

Wir betrachteten eine Weile die Erscheinung vor uns, die ber dem
immer dunkler werdenden Gefilde immer groartiger wurde, und gingen
dann, da der Abend beinahe in Finsternis bergehen wollte und die
Stunde des Abendessens gekommen war, ber die Marmortreppe in das
Speisezimmer hinunter.

Das Gewitter war in der Nacht ausgebrochen, hatte einen Teil derselben
mit Donnern und einen Teil mit bloem Regen erfllt und machte dann
einem sehr schnen und heiteren Morgen Platz.

Das Erste, was ich an diesem Tage tat, war, da ich zu dem marmornen
Standbilde ging. Ich hatte es gestern, da wir ber die Treppe
hinabstiegen, nicht mehr deutlich und nur von einem Blitze
oberflchlich beleuchtet gesehen. Die Finsternis war auf der Treppe
schon zu gro gewesen. Heute stand es in der ruhigen und klaren Helle
des Tages, welche das Glasdach auf die Treppe sendete, schmucklos und
einfach da. Ich hatte nicht gedacht, da das Bild so gro sei. Ich
stellte mich ihm gegenber und betrachtete es lange.

Mein Gastfreund hatte Recht, ich konnte keine eigentliche einzelne
Schnheit entdecken, was wir im neuen Sinne Schnheit heien, und ich
erinnerte mich auf der Treppe sogar, da ich oft von einem Buche oder
von einem Schauspiele, ja von einem Bilde sagen gehrt hatte, es sei
voller Schnheiten, und dem Standbilde gegenber fiel mir ein, wie
unrecht entweder ein solcher Spruch sei oder, wenn er berechtigt ist,
wie arm ein Werk sei, das nur Schnheiten hat, selbst dann, wenn es
voll von ihnen ist und das nicht selber eine Schnheit ist; denn ein
groes Werk, das sah ich jetzt ein, hat keine Schnheiten und um so
weniger, je einheitlicher und einziger es ist. Ich geriet sogar auf
den Gedanken und auf die Erfahrung, die ich mir nie klar gemacht
hatte, da, wenn man sagt, dieser Mann, diese Frau habe eine schne
Stimme, schne Augen, einen schnen Mund, eben damit zuleich gesagt
ist, das andere sei nicht so schn; denn sonst wrde man nicht
Einzelnes herausheben. Was bei einem lebenden Menschen gilt, dachte
ich, gilt bei einem Kunstwerke nicht, bei welchem alle Teile gleich
schn sein mssen, so da keiner auffllt, sonst ist es eben als
Kunstwerk nicht rein und ist im strengsten Sinne genommen keines.
Dessenohngeachtet, da ich, oder vielmehr eben darum, weil ich keine
einzelnen Schnheiten an dem Standbilde zu entdecken vermochte,
machte es, wie ich mir jetzt ganz klar bewut war, wieder einen
auerordentlichen Eindruck auf mich. Der Eindruck war aber nicht
einer, wie ich ihn fter vor schnen Sachen hatte, ja selbst vor
Dichtungen, sondern er war, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf,
allgemeiner, geheimer, unentrtselbarer, er wirkte eindringlicher und
gewaltiger; aber seine Ursache lag auch in hheren Fernen, und mir
wurde begreiflich, ein welch hohes Ding die Schnheit sei, wie
schwerer sie zu erfassen und zu bringen sei als einzelne Dinge, die
die Menschen erfreuen und wie sie in dem groen Gemte liege und
von da auf die Mitmenschen hinausgehe, um Groes zu stiften und zu
erzeugen. Ich empfand, da ich in diesen Tagen in mir um Vieles weiter
gerckt werde.

In der nchsten Zeit sprach ich auch mit Eustach ber das Standbild.
Er war sehr erfreut darber, da ich es als so schn erkannte, und
sagte, da er sich schon lange darnach gesehnt habe, mit mir ber
dieses Werk zu sprechen; allein es sei unmglich gewesen, da
ich selber nie davon geredet habe und eine Zwiesprache nur dann
ersprielich werde, wenn man beiderseitig von einem Gegenstande
durchdrungen sei. Wir betrachteten nun miteinander das Bildwerk und
machten uns wechselseitig auf Dinge aufmerksam, die wir an demselben
zu erkennen glaubten. Besonders war es Eustach, der ber das
Marmorbild, so sehr es sich in seiner Einfachheit und seiner tglich
sich vor mir immer staunenswerter entwickelnden Natrlichkeit jeder
Einzelverhandlung zu entziehen schien, doch ber sein Entstehen, ber
die Art seiner Verhltnisse, ber seine Gesetzmigkeit und ber das
Geheimnis seiner Wirkung sachkundig zu sprechen wute. Ich hrte
begierig zu und empfand, da es wahr sei, was er sprach, obgleich ich
ihn nicht immer so genau verstand wie meinen Gastfreund, da er nicht
so klar und einfach zu sprechen wute wie dieser. Ich schritt in der
Erkenntnis des Bildes vor, und es war mir, als ob es nach seinen
Worten immer nher an mich heran gerckt wrde.

Er suchte viele Zeichnungen hervor, auf denen sich Abbildungen
von Standbildern oder andern geschnitzten oder auf anderem Wege
hervorgebrachten Gestalten des Mittelalters befanden. Wir verglichen
diese Gestalten mit der aus dem Griechentume stammenden.

Auch wirkliche Gestaltungen von kleinen Engeln, Heiligen oder anderen
Personen, die sich in dem Rosenhause oder in der Nhe befanden, suchte
er zur Vergleichung herbei zu bringen. Es zeigte sich hier fr meine
Augen, da das wahr sei, was mein Gastfreund ber griechische und
mittelalterliche Kunst gesagt hatte. Es war mir wie ein jugendlicher
und doch mnnlich gereifter Sinn voll Ma und Besonnenheit sowie voll
herrlicher Sinnflligkeit, der aus dem Griechenwerke sprach. In den
mittelalterlichen Gebilden war es mir ein liebes, einfaches, argloses
Gemt, das glubig und innig nach Mitteln griff, sich auszusprechen,
der Mittel nicht vllig Herr wurde, dies nicht wute und doch
Wirkungen hervorbrachte, die noch jetzt ihre Macht auf uns uern und
uns mit Staunen erfllen. Es ist die Seele, die da spricht und in
ihrer Reinheit und in ihrem Ernste uns mit Bewunderung erfllt,
whrend sptere Zeiten, von denen Eustach zahlreiche Abbildungen von
Bildwerken vorlegte, trotz ihrer Einsicht, ihrer Aufgeklrtheit und
ihrer Kenntnis der Kunstmittel nur frostige Gestalten in unwahren
Flattergewndern und bertriebenen Gebrden hervorbrachten, die keine
Glut und keine Innigkeit haben, weil sie der Knstler nicht hatte, und
die nicht einmal irgend eine Seele zeigen, weil der Knstler nicht mit
der Seele arbeitete, sondern mit irgend einer berlegung nach eben
herrschenden Gestaltungsansichten, weshalb er das, was ihm an Gefhl
abging, durch Unruhe und Heftigkeit des Werkes zu ersetzen suchte. Was
die Sinnflligkeit anlangt, so schien mir das Mittelalter nicht nach
Vollendung in derselben gestrebt zu haben. Neben einem Haupte, das in
seiner Einfachheit und Gegenstndlichkeit trefflich und tadellos war,
befinden sich wieder Bildungen und Gliederungen, die beinahe unmglich
sind. Der Knstler sah dies nicht; denn er fand den Zustand seines
Gemtes in dem Ausdrucke seines Werkes, mehr hatte er nicht
beabsichtigt, und nach Verschmelzung des Sinnentumes strebte er nicht,
weil es ihm, wenigstens in seiner Kunstttigkeit ferne lag und er
einen Mangel nicht empfand. Darum stellt sich auch bei uns die Wirkung
der Innerlichkeit ein, obgleich wir, unhnlich dem schaffenden
Knstler des Mittelalters, die sinnlichen Mngel des Werkes empfinden.
Dies spricht um so mehr fr die Trefflichkeit der damaligen Arbeiten.

Es waren recht schne Tage, die ich mit Eustach in diesen
Vergleichungen und diesen Bestrebungen hinbrachte.

Ich wurde auch wieder auf die Gemlde alter und lngstvergangener
Zeiten zurckgefhrt. Ich hatte in meiner frhesten Jugend eine
Abneigung vor alten Gemlden gehabt. Ich glaubte, da in ihnen eine
Dunkelheit und Dsterheit herrsche, die dem frhlichen Reize der
Farben, wie er in den neuen Bildern sich vorstellt und wie ich ihn
auch in der Natur zu sehen meinte, entgegen und weit untergeordnet
sei. Diese Meinung hatte ich zwar fahren gelassen, als ich selber zu
malen begonnen und nach und nach gesehen hatte, da die Dinge der
Natur und selber das menschliche Angesicht die heftigen Farben nicht
haben, die sich in dem Farbekasten befinden, da aber dafr die Natur
eine Kraft des Lichtes und des Schattens besitze, die wenigstens ich
durch alle meine Farben nicht darzustellen vermochte. Deohngeachtet
war mir die Erkenntnis dessen, was die Malerkunst in frheren Zeiten
hervorgebracht hatte, nicht in dem Mae aufgegangen, als es der
Sache nach notwendig gewesen wre. Wenn ich gleich im Einzelnen
vorgesehritten war und Manches in alten Bildern als sehr schn erkannt
hatte, so war ich doch fort und fort zu sehr in meinen Bestrebungen
auf dem Gebiete der Natur befangen, als da ich auf andere Gebilde
als die der Natur mit krftiger Innerlichkeit geachtet htte. Darum
erschienen mir Pflanzen, Faltern, Bume, Steine, Wsser, selbst das
menschliche Angesicht als Gegenstnde, die wrdig wren, von der
Malerkunst nachgebildet zu werden; aber alte Bilder erschienen
mir nicht als Nachbildungen, sondern gewissermaen als kostbare
Gegenstnde, die da sind und auf denen sich Dinge befinden, die man
gewohnt ist als auf Gemlden befindliche zu sehen. Diese Richtung
hatte fr mich den Nutzen, da ich bei meinen Versuchen, Gegenstnde
der Natur zu malen, nicht in die Nachahmung irgend eines Meisters
verfiel, sondern da meine Arbeiten mit all ihrer Fehlerhaftigkeit
etwas sehr Gegenstndliches und Naturwahres hatten; aber es erwuchs
mir auch der Nachteil daraus, da ich nie aus alten Meistern lernte,
wie dieser oder jener die Farben und Linien behandelt habe und da
ich mir alles selber mhevoll erfinden mute und in Vielem gar
zu einem Ziele nicht gelangte. Obwohl ich spter der Betrachtung
mittelalterlicher Gemlde mich mehr zuwandte und sogar im Winter viele
Zeit in Gemldesammlungen unserer Stadt zubrachte, so war doch ein
frherer Zustand noch mehr oder weniger unbewut vorherrschend und die
Kunst des Pinsels fand von mir nicht die Hingabe, die sie verdient
htte. Als ich jetzt mit Eustach die Zeichnungen mittelalterlicher
bildender Kunst durchging, als ich mit ihm ein mir wie ein neues
Wunder aufgegangenes Werk des alten Griechentums betrachtete, als ich
dieses Werk mit den minder alten unserer Vorfahren verglich und die
Unterschiede und Beziehungen einsehen lernte: da fing ich auch an, die
Gemlde meines Gastfreundes anders zu betrachten, als ich bisher sie
und andere Gemlde betrachtet hatte. Ich ging nicht nur oft in sein
Bilderzimmer und verweilte lange Zeit in demselben, sondern ich lie
mir auch das Verzeichnis der Bilder geben, um nach und nach die
Meister kennen zu lernen, die er versammelt hatte, ich bat, da
mir erlaubt werde, mir das eine oder andere Bild, wie ich es eben
wnschte, auf die Staffelei stellen zu drfen, um es so kennen zu
lernen, wie mich ein innerer Drang trieb, und ich brachte oft mehrere
Tage in Untersuchung eines einzigen Bildes zu. Welch ein neues Reich
ffnete sich vor meinen Blicken! Wie die Dichter mir eine Welt der
Seele aufschlossen, so lag hier wieder eine Welt, es war wieder eine
Welt der Seele, wieder dieselbe Welt der hochgehenden Seele der
Dichtkunst; aber mit wie ganz anderen Mitteln war sie hier erstrebt
und erreicht. Welche Kraft, welche Anmut, welche Flle, welche
Zartheit, und wie war dem Schpfer eine hnliche, eine gleiche, aber
menschliche Schpfung nachgeschaffen. Ich lernte die Beziehungen der
alten Malerei - mein Freund hatte fast lauter alte Bilder - zu der
Natur kennen. Ich lernte einsehen, da die alten Meister die Natur
getreuer und liebevoller nachahmten als die neuen, ja da sie im
Erlernen der Zge der Natur eine unsgliche Ausdauer und Geduld
hatten, vielleicht mehr, als ich empfand, da ich selber htte, und
vielleicht mehr, als mancher Kunstjnger der Gegenwart haben mag. Ich
konnte nicht aburteilen, da ich zu wenige Werke der Gegenwart kannte
und so betrachtet hatte, als ich jetzt ltere Bilder betrachtete;
aber es schien mir ein greres Eingehen in das Wesen der Natur kaum
mglich. Ich begriff nicht, wie ich das so lange nicht in dem Mae
hatte sehen knnen, als ich es htte sehen sollen. Wenn aber auch
die Alten, wie ich hier mit ihnen umging, sich der Wirklichkeit sehr
beflissen und sich ihr sehr hingaben, so ging das doch nicht so weit,
als ich bei der Abbildung meiner naturwissenschaftlichen Gegenstnde
geschritten war, von denen ich alle Einzelheiten, so weit es nur
immer mglich gewesen war, zu geben gesucht hatte. Dies wre, wie
ich einsah, der Kunst hinderlich gewesen, und statt einen ruhigen
Gesammteindruck zu erzielen, wre sie in lauter Einzelheiten
zerfallen. Die Meister, welche mein Gastfreund in seiner Sammlung
besa, verstanden es, das Einzelne der Natur in groen Zgen zu fassen
und mit einfachen Mitteln - oft mit einem einzigen Pinselstriche -
darzustellen, so da man die kleinsten Merkmale zu erblicken whnte,
bei nherer Betrachtung aber sah, da sie nur der Erfolg einer groen
und allgemeinen Behandlung waren. Diese groe Behandlung sicherte
ihnen aber auch Wirkungen im Groen, die dem entgehen, welcher die
kleinsten Gliederungen in ihren kleinsten Teilen bildet. Ich sah erst
jetzt, welche schne Gestalten aus dem menschlichen Geschlechte auf
der Malerleinwand lebten, wie edel ihre Glieder sind, wie mannigfaltig
- strahlend, krftig, geistvoll, milde - ihr Antlitz, wie adelig
ihre Gewnder, und wre es eine Bettlerjacke, und wie treffend die
Umgebung. Ich sah, da die Farbe der Angesichter und anderer Teile das
leuchtende Licht menschlicher Gestaltungen ist, nicht der Farbestoff,
mit dem der Unkundige seinen Gebilden ein widriges Rot und Wei gibt,
da die Schatten so tief gehen, wie sie die Natur zeigt, und da die
Umgebung eine noch grere Tiefe hat, wodurch jene Kraft erzielt
wird, die sich der nhert, welche die Schpfung durch wirklichen
Sonnenschein gibt, den niemand malen kann, weil man den Pinsel nicht
in Licht zu tauchen vermag, eine Kraft, die ich jetzt an den alten
Bildern so bewunderte. Von der auermenschlichen Natur sah ich
leuchtende Wolken, klare Himmelsgebilde, ragende, reiche Bume,
gedehnte Ebenen, starrende Felsen, ferne Berge, helle, dahinflieende
Bche, spiegelnde Seen und grne Weiden, ich sah ernste Bauwerke und
ich sah das sogenannte stille Leben in Pflanzen, Blumen, Frchten, in
Tieren und Tierchen. Ich bewunderte das Geschick und den Geist, womit
alles zurechtgelegt und hervorgebracht ist. Ich erkannte, wie unsere
Vorfahren Landschaften und Tiere malten. Ich erstaunte ber den
zarten Schmelz, womit einer mittelst berfarben seinen Gebilden
eine Durchsichtigkeit gab, oder ber die Strke, womit ein anderer
undurchsichtige Farben hinstellte, da sie einen Berg bildeten, der
das Licht fngt und spiegelt und es so zwingt, das Bild mit zu malen,
zu dem ein Licht in dem Farbenkasten nicht war. Ich erkannte, wie der
eine in durchsichtigen Farben untermalte und auf diese seine festen,
krperigen Farben aufsetzte, oder wie ein anderer Farbe auf Farbe mit
breitem Pinsel hinstellt und mit ihm die bergnge vermittelt und mit
ihm die Zeichnung umreit. Da alte Bilder dsterer sind, erschien mir
einleuchtend, da das l die Farben nachdunkeln macht und der Firni
eine dunkle brunliche Farbe erhlt. Beides haben umsichtige Meister
mehr als voreilige zu vermeiden gewut, und mein Gastfreund hatte
Bilder, die in schner Pracht und Farbenherrlichkeit leuchteten,
obwohl auch bei ihnen die Wrde bewahrt blieb, da sie mehr die Kraft
des Tones als auffallende oder etwa gar unwahre Farben brachten. Da
ich schon viel mit Farben beschftigt gewesen war, so verweilte ich
oft lange bei einem Bilde, um zu ergrnden, wie es gemalt ist und auf
welche Weise die Stoffe behandelt worden sind. In dem Rosenzimmerchen
Mathildens, wohin mich mein Gastfreund fhrte, um auch dort die Bilder
zu sehen, hingen vier kleine Gemlde, davon zwei von Tizian waren,
eines von Dominichino und eines von Guido Reni. Sie waren an Gre
fast gleich und hatten gleiche Rahmen. Sie waren die schnsten,
die mein Gastfreund besa. Je mehr man sie betrachtete, desto
mehr fesselten sie die Seele. Ich bat ihn fast zu oft, mir diese
vier Bildchen zu zeigen, und er ermdete nicht, mir immer die
Frauengemcher aufzuschlieen, mich in das Zimmerchen zu fhren, mich
die Bilder betrachten zu lassen und mit mir darber zu sprechen. Er
nahm sie fter herab und stellte sie auf dem Tische oder auf einem
Sessel so auf, da sie in dem besten Lichte standen. Ich brachte
merkwrdige Tage in jener Zeit in dem Rosenhause meines Freundes
zu. Mein Wesen war in einer hohen, in einer edlen und veredelnden
Stimmung.

Ich fragte ihn einmal, woher er denn die Bilder erhalten habe.

Sie sind recht nach und nach in das Haus gekommen, wie es der
Sammelflei und mitunter auch der Zufall gefgt hat, antwortete er.
Ich habe von einem Oheime mehrere geerbt; sie waren aber nicht die
besten, wie ich sie jetzt habe, ich verkaufte einen Teil davon, um
mir andere, wenn auch wenigere, aber bessere zu kaufen. Ich habe euch
schon einmal gesagt, da ich in Italien gewesen bin. Ich habe drei
Reisen in dieses Land gemacht. Da hat sich Manches gefunden. Ich habe
stets nach Bildern gesucht, habe Manches gekauft, Manches wieder
verkauft, Neues gekauft, und so war ein fortlaufender Wechsel, bis
es so wurde, wie es jetzt ist. Nun aber verkaufe oder vertausche ich
nichts mehr, selbst wenn mir etwas Auerordentliches vorkme, das ich
nicht ohne Weggabe eines Frheren erkaufen knnte. Mit dem Alter wird
man so anhnglich an das Gewohnte, da man es nicht missen kann, wenn
es auch verbraucht zu werden beginnt und verschossen und verschollen
ist. Ich lege alte Kleider nicht gerne ab, und wenn ich eines der
Bilder, die mich nun so lange umgeben, aus dem Hause lassen mte, so
wrde ich einem groen Schmerze nicht entgehen. Sie mgen nun bleiben,
wie sie sind und wo sie sind, bis ich scheide. Selbst der Gedanke, da
ein Nachfolger die Bilder so lasse und sie ehre, wie sie hier sind,
hat fr mich etwas sehr Angenehmes, obwohl er tricht ist und ich ihm
aus dem Wege gehe; denn darin besteht das Leben der Welt, da ein
Streben und Erringen und darum ein Wandel ist, welcher Wandel auch
hier eintreten wird. Ich habe auch lngere Zeit schon nichts mehr
gekauft, auer einer recht lieben kleinen Landschaft von Ruysdael, die
neben der Tr im Bilderzimmer hngt und die ihr so gerne anschaut. Ich
wrde nur etwas sehr Wertvolles kaufen, in so ferne es meine Krfte
zulieen. Ich habe oft Jahre lang auf ein Bild warten mssen, das mir
sehr gefiel und das ich zu haben wnschte, entweder, weil der Besitzer
eigensinnig war und, obwohl er das Bild weggeben wollte, doch
Bedingungen an die Hingabe knpfte, die nicht zu erfllen waren,
oder weil er sich von dem Bilde nicht trennen wollte, obgleich er es
mihandelte und zu Grunde gehen lie. Zuweilen mute ich schlechtere
Bilder kaufen, die durch Farbenreiz oder andere Eigenschaften das Auge
ansprachen, um einen Vorrat zum Tausche zu haben. Es gibt nehmlich
Leute, welche Freude an Bildern haben, welche ltere bedeutende Bilder
nicht weggeben, wenn sie solche besitzen, sie aber doch nicht erkennen
und sie durch schlechte Behandlung Schaden leiden lassen. Sie ziehen
ein Gemlde vor, welches sie besser verstehen, welches ihnen mehr
gefllt, wenn es auch im Werte minder ist, und sind zu einem Tausche
bereit. Dieser macht ihnen Freude, und wenn ich ihnen darlegte, da
ihr Gemlde einen hheren Wert habe als das meinige, und wenn ich
diesen Wert nach genauer Schtzung durch Geld ausglich, so war das
Vergngen noch grer; denn sie zweifelten doch immer, ob ich Recht
habe und das alte Bild nicht aus Vorliebe berschtze, da ihnen ja
ihre Augen sagten, da der Unterschied nicht so gro sei. Auf diese
Weise bekam ich manches Angenehme, ohne meinem Billigkeitsgefhle nahe
treten zu mssen, was bei Bildergeschften so leicht der Fall wird.
Die heilige Maria mit dem Kinde, welche euch so wohl gefllt und
welche ich beinahe eine Zierde meiner Sammlung nennen mchte, hat
mir Roland auf dem Dachboden eines Hauses gefunden. Er war dorthin
mit dem Eigentmer gestiegen, um altes Eisenwerk, darunter sich
mittelalterliche Sporen und eine Klinge befanden, zu kaufen. Das Bild
war ohne Blindrahmen und war nicht etwa zusammengerollt, sondern wie
ein Tuch zusammengelegt und lag im Staube. Roland konnte nicht genau
erkennen, ob es einen Wert habe, und kaufte es dem Manne um ein
Geringes ab. Ein Soldat hatte es einmal aus Italien geschickt. Er
hatte es als bloe Packleinwand bentzt und hatte Wsche und alte
Kleider in dasselbe getan, die ihm zu Hause ausgebessert werden
sollten. Darum hatte das Bild Brche, wo nehmlich die Leinwand
zusammengelegt gewesen war, an welchen Brchen sich keine Farbe
zeigte, da sie durch die Gewalt des Umbiegens weggesprungen war. Auch
hatte man, da wahrscheinlich die Flche zum Zwecke einer Umhllung
zu gro gewesen war, Streifen von ihr weggeschnitten. Man sah die
Schnitte noch ganz deutlich, whrend die anderen Rnder sehr alt waren
und noch die Spuren von den Ngeln zeigten, mit denen sie einst an den
Blindrahmen befestigt gewesen waren. Auch war, durch die Mihandlungen
der Zeiten herbeigefhrt, an andern Stellen als an denen der Brche
die Farbe verschwunden, so da man nicht nur den Grund des Gemldes,
sondern hie und da auch die lediglichen nackten Faden der alten
Leinwand sehen konnte. So kam das Bild auf dem Asperhofe an. Wir
breiteten es zuerst auseinander, wuschen es mit reinem Wasser und
muten dann, um es als Flche zu erhalten und es betrachten zu knnen,
Gewichte auf seine vier Ecken legen. So lag es auf dem Fuboden des
Zimmers vor uns. Wir erkannten, da es das Werk eines italienischen
Malers sei, wir erkannten auch, da es aus lterer Zeit stamme; aber
von welchem Knstler es herrhre oder auch nur aus welcher Zeit es
sei, war nach dem Zustande, in welchem die Malerei sich befand,
durchaus nicht zu bestimmen. Teile, welche ganz waren, lieen indessen
ahnen, da das Gemlde einen nicht zu geringen Wert haben drfte.
Wir gingen nun daran, ein Brett zu verfertigen, auf welches das Bild
geklebt werden knnte. Wir bereiten solche Bretter gewhnlich aus
Eichenholz, das aus zwei bereinander liegenden Stcken, deren Fasern
auf einander senkrecht sind, und einem Roste besteht, damit dem
sogenannten Werfen oder Verbiegen des Holzes vorgebeugt werde. Als das
Brett fertig und die Verkittung an demselben vollkommen ausgetrocknet
war, wurde das Gemlde auf dasselbe aufgezogen. Wir hatten dort, wo
die Rnder des Bildes weggeschnitten waren, die Holzflche grer
gemacht und die neu entstandenen Stellen mit passender Leinwand gut
ausgeklebt, um dem Gemlde annhernd wieder eine Gestalt geben zu
knnen, die es ursprnglich gehabt haben mochte und in der es sich
den Augen wohlgefllig zeigte. Hierauf wurde daran gegangen, das Bild
von dem alten, hie und da noch vorfindlichen Firnisse und von dem
Schmutze, den es hatte, zu reinigen. Der Firni war durch die
gewhnlichen Mittel leicht wegzubringen, nicht so leicht aber der
durch Jahrhunderte veraltete Schmutz, ohne da man in Gefahr kam, auch
die Farben zu beschdigen. Das gereinigte, auf der Staffelei stehende
Gemlde wies uns nun eine viel grere Schnheit, als es uns nach der
ersten oberflchlichen Waschung gezeigt hatte; aber es war durch die
vielen Sprnge, Risse und nackten Stellen noch so verunstaltet, da
eine genaue Wrdigung auch jetzt nicht mglich war, selbst wenn wir
bedeutend grere Erfahrungen gehabt htten als wir hatten. Roland und
Eustach schritten zur Ausbesserung. Kein Ding kann schwieriger sein,
und durch keins sind Gemlde so sehr entstellt und entwertet worden.
Ich glaube, wir haben einen nicht unrichtigen Weg eingeschlagen.
Eine ursprngliche Farbe durfte gar nicht bedeckt werden. Zum Glcke
hatte das Bild gar nie eine Ausbesserung oder sogenannte bermalung
erhalten, so da entweder nur die ursprngliche Farbe vorhanden war
oder gar keine. In die farbentblten Stellen wurde die Farbe, welche
die umgrenzenden Rnder zeigten, gleichsam wie ein Stift eingesetzt,
bis die Grube erfllt war. Wir nahmen die Farben so trocken als
mglich und so dicht gerieben, als es der Laufer auf dem Steine, ohne
stecken zu bleiben zuwege bringen konnte. Wenn sich aber doch wieder
nach dem Trocknen eine Vertiefung zeigte, wurde dieselbe neuerdings
mit der nehmlichen Farbe ausgefllt und so fortgefahren, bis eine
Hhlung nicht mehr entstand. Erhhungen, die blieben, wurden mit einem
feinen Messer gleichgeschliffen. Auch ber unausrottbaren Schmutz
wurde die Farbe seiner Umgebung gelegt. Wenn die Farbe nach lngerer
Zeit durch das l, das sie enthielt, und durch andere Ursachen, die
vielleicht noch mitwirken, nachgedunkelt war und sich in dem Gemlde
als Fleck zeigte, wurde mit uerst trockener Farbe und mit der Spitze
eines feinen Pinsels die Stelle so lange gleichsam ausgepunktet, bis
sie sich von der Umgebung durchaus nicht mehr unterschied. Dieses
Verfahren wurde zuweilen mehrere Male wiederholt. Zuletzt konnte man
mit freien Augen die Pltze, an welchen sich neue Farben befanden,
gar nicht mehr erkennen. Nur das Vergrerungsglas zeigte noch die
Ausbesserungen. Wir brachten Jahre mit diesem Verfahren zu, besonders
da Zwischenzeiten waren, die mit andern Arbeiten ausgefllt werden
muten und da unser Vorgehen selber Zwischenzeiten bedingte, in denen
die Farben auszutrocknen hatten oder in denen man ihnen Zeit geben
mute, die Vernderungen zu zeigen, die notwendig bei ihnen eintreten
mssen. Dafr aber war an dem vollendeten Gemlde nicht zu merken, da
es nicht in allen Teilen ein altes sei, es hatte die feinen Sprnge
alter Bilder und hatte alle die Reinheit und Klarheit des Pinsels,
der es ursprnglich geschaffen hatte. Wenn man alte Bilder bei
Ausbesserungen bermalt und dadurch stimmt, so ist nicht selten
ein berzug ber die feinen Linien, welche die Zeit in alte Bilder
sprengt, und dieser berzug zeigt nicht nur, da das Bild ausgebessert
worden ist, sondern er stellt auch einen feinen Schleier dar, der ber
die Farben gebreitet ist und sie trb und undurchsichtig macht. Solche
Bilder geben oft einen dstern, unerfreulichen und schwerlastenden
Eindruck. Es werden Viele unser Tun in Herstellung alter Bilder
unbedeutend und unerheblich nennen, besonders da es so viele Zeit und
so viele Anstalten erforderte; uns aber machte es eine groe und eine
innige Freude. Ihr werdet es gewi nicht tadeln, da ihr einen so
groen Anteil an den Hervorbringungen der Kunst zu nehmen beginnt.
Wenn nach und nach die Gestalt eines alten Meisters vor uns aufstand,
so war es nicht blo das Gefhl eines Erschaffens, das uns beseelte,
sondern das noch viel hhere eines Wiederbelebens eines Dinges, das
sonst verloren gewesen wre und das wir selber nicht htten erschaffen
knnen. Als schon bereits einige Teile des Bildes fertig waren, zeigte
es sich, da die Farben reiner und glnzender seien, als wir gedacht
hatten, und da das Bild einen vorzglicheren Wert habe, als Anfangs
unsere Vermutung war. So lange die vielen Sprnge und farblosen
Stellen und so lange die unreinen Flecke, die wir nicht hatten
beseitigen knnen, auf dem Gemlde waren, bten sie auch auf das
Nichtzerstrte und sogar auf das sehr wohl Erhaltene einen Einflu aus
und lieen es im Ganzen mifrbiger erscheinen, als es war. Nachdem
aber in einer ziemlich groen Flche die widerstreitenden Stellen mit
den entsprechenden Farben zugedeckt waren und die neue Farbe die alte,
statt ihr zu widersprechen, untersttzte, so kam eine Reinheit, ein
Schmelz, eine Durchsichtigkeit und sogar ein Feuer zu Stande, da wir
in Erstaunen gerieten; denn bei starkbeschdigten Bildern kann man die
Folgerichtigkeit der bergnge nicht beurteilen, bis man sie nicht
vollendet vor sich hat. Freilich mochte der besondere Farbenflu sich
noch hher darstellen, da er von den unverbesserten und widerwrtigen
Stellen umgeben und gehoben wurde; aber das war schon vorauszusehen,
da, wenn das ganze Bild fertig sein wrde, seine Stimmung einen
entschieden knstlerischen Eindruck machen msse. Ich hatte whrend
der Arbeit viele Mhe darauf verwendet, die ganze Geschichte und
die Herkunft des Bildes zu erforschen; allein ich kam zu keinem
Ergebnisse. Der Soldat, der die Leinwand aus Italien geschickt hatte,
war lngst gestorben, und es lebte berhaupt niemand mehr, der in
nherer Beziehung zu dem Ereignisse gestanden wre; denn dasselbe
hatte sich weit frher zugetragen, als ich gedacht hatte. Der
Grovater des letzten Besitzers des Bildes hatte fter erzhlt, da
er sagen gehrt habe, da ein aus dem Hause gebrtiger Soldat einmal
seine Strmpfe und Hemden in ein Muttergottesbild eingewickelt aus
Welschland nach Hause geschickt habe. Die Wahrheit der Erzhlung
besttigte sich dadurch, da man noch das alte zerstrte Marienbild
auf dem Dachboden des Hauses fand. Ich konnte auch nicht ergrnden,
welche Gelegenheit es gewesen sei, die jenen deutschen Soldaten nach
Welschland gefhrt hatte. Von dem, herauszufinden, aus welcher Gegend
Italiens das Bild gekommen sei, konnte nun vollends gar keine Rede
mehr sein. Als nach langer Zeit, nach vieler Mhe und mancher
Unterbrechung das Gemlde in einem schnen, altertmlich gearbeiteten
Goldrahmen fertig vor uns stand, war es eine Art Fest fr uns. Roland
war herbei gerufen worden, da er gegen den Schlu des Werkes eine
Reise angetreten und die Vollendung seinem Bruder berlassen hatte.
Mehrere Nachbaren waren geladen worden, ja ein Freund und Kenner alter
Kunst, dem ich die Sache gemeldet hatte, war sogar von ziemlich weiter
Entfernung herzugekommen, um die Wiederherstellung zu sehen, und
Andere, wenn sie auch nicht geladen waren, hatten sich eingefunden,
da sie durch Zufall Kenntnis von der Begebenheit erhalten hatten, und
wuten, da sie auf dem Asperhofe nicht unwillkommen sein wrden. Es
ist nicht wahr, was man fter sagt, da eine schne Frau ohne Schmuck
schner sei als in demselben; und eben so ist es nicht wahr, da
ein Gemlde zu seiner Geltung nicht des Rahmens bedrfe. Ich
hatte zu unserem Marienbilde einen Rahmen nach Zeichnungen aus
mittelalterlichen Gegenstnden bestellt und hatte dessen Ausfhrung
gelegentlich, wenn mich ein Geschft oder mein Wille in die Stadt
brachte, berwacht. Er war weit eher auf dem Asperhofe angekommen, als
das Bild fertig war, und mute die Zeit ber in seiner Kiste verpackt
harren. Wir versuchten auch nicht ein einziges Mal das Bild in ihn
zu fgen, ehe es fertig war, um den Eindruck nicht zu schwchen.
Bei neuen Bildern zeigt freilich der Rahmen erst, da noch Manches
hinzuzufgen und zu ndern ist, und Vieles mu an solchen Bildern erst
gemacht werden, wenn man sie bereits in einem Rahmen gesehen hat.
Bei alten Bildern, die wiederhergestellt werden, ist das anders,
besonders, wenn sie auf unsere Weise hergestellt worden. Da gibt das
Vorhandene den Weg der Herstellung an, man kann nicht anders malen,
als man malt, und die Tiefe, das Feuer und der Glanz der Farben ist
daher durch das bereits auf der Leinwand Befindliche bedingt. Wie dann
das Bild in einem Rahmen aussehen werde, liegt nicht in der Willkr
des Wiederherstellers, und wenn es in dem Rahmen trefflich oder minder
gut steht, so ist das Sache des ursprnglichen Meisters, dessen Werk
man nicht ndern darf. Als unsere Maria, welche noch nicht einmal
einen Firni erhalten hatte, aus den altertmlichen Gestalten des
Rahmens, die sehr paten, heraussah, so war es ein wunderbarer
Anblick, und erst jetzt sahen wir, welche Lieblichkeit und Kraft
der alte Meister in seinem Bilde dargelegt hatte. Obwohl der Rahmen
erhabene Arbeit in Blumen, Verzierungen und sogar in Teilen der
menschlichen Gestalt enthielt und auf demselben Glanzlichter von
starker Wirkung angebracht waren, so erschien das Bild doch nicht
unruhig, ja es beherrschte den Rahmen und machte seinen Reichtum zu
einer anmutigen Mannigfaltigkeit, whrend es selber durch seine Gewalt
sich geltend machte und in den erhebenden Farben von wrdigem Schmucke
umgeben thronte. Ein leiser Ruf entschlpfte den Lippen aller
Anwesenden, und ich freute mich, da ich mich nicht getuscht hatte,
als ich auf die Macht des Bildes rechnend einen so reichen Rahmen fr
dasselbe bestellt hatte. Wir standen lange davor und betrachteten die
Schnheit der Farbengebung an den entblten Teilen so wie die der
Gewandung und der Grnde, was im Vereine mit der Einfachheit und
Hoheit der Linienfhrung und mit der mavollen Anordnung der Flchen
ein so wrdevolles und heiliges Ganzes bildete, da man sich eines
tiefen Ernstes nicht erwehren konnte, der wie wahrhaftige Andacht war.
Erst spter fingen wir zu sprechen an, beredeten dieses und jenes und
kamen, wie es natrlich war, dahin, Vermutungen ber den Meister zu
wagen. Es wurde Guido Reni genannt, es wurde Tizian genannt, es wurde
die Rafaelische Schule genannt. Fr alles hatte man Grnde, und der
Schlu war, wie er es auch noch heute ist, da man nicht wute, von
wem das Bild sei. Roland war auerordentlich vergngt, da er die
Sache in ihrer Entstehung schon geahnt und durch den Kauf eine
so zweckmige Handlung ausgefhrt habe. Damals war er noch
auerordentlich jung, er war bei Weitem nicht so eingebt wie jetzt
und war daher seiner Handlung nicht ganz sicher. Eustach sah man es
an, da ihm, wie der Volksausdruck sagt, das Herz vor Freude lache.
Eine freundliche Bewirtung meiner Gste war damals das Ende des Tages.
Wir suchten in der folgenden Zeit eine Stelle, an welcher das Bild
am vorteilhaftesten aufgehngt werden knnte. Roland erhielt eine
Belohnung in einem Werke, das er sich schon lange gewnscht hatte, und
Eustach, das sah ich wohl, fand seine schnste Befriedigung darin, da
er nher in unsere Kunstkreise gezogen wurde. Dem Manne, von welchem
das Bild in seinem verstmmelten Zustande gekauft worden war, gab ich
noch eine Summe, mit welcher er weit ber seine Erwartung abgefunden
war; denn das Bild htte er doch nie herstellen lassen knnen, er
wre auch auf den Gedanken nicht gekommen, und ohne Roland wre das
Bild nicht verkauft worden, bis es immer mehr verfallen und einmal
vernichtet worden wre. Oft stand ich in spteren Zeiten noch davor
und hatte manche Freude in Betrachtung des Werkes. Ich sah das
Angesicht und die Hnde der Mutter an und sah das teils nackte, teils
durch schne Tcher schicklich verhllte Kind. Ein dem Lande Italien
so hufig zukommendes Zeichen ist es, da das Kind nicht in den Armen
der Mutter gehalten wird, sondern da es mit schnem Hinneigen zu
derselben und von ihr leicht und sanft umfat auf einem erhhten
Gegenstande vor ihr steht. Der Knstler hat dadurch nicht nur
Gelegenheit gefunden, den Krper des Kindes in einer weit schneren
Stellung zu malen, als wenn er von der Mutter an ihren Busen gehalten
gewesen wre, sondern er hat noch den weit hheren Vorteil erreicht,
das gttliche Kind in seiner Kraft und in seiner Freiheit zu zeigen,
was die Wirkung hat, als ehrten wir gleichsam schon die Macht, mit
welcher es einstens handeln wird. Da sdliche Vlker den Heiland als
Kind in so groer sinnlicher Schnheit malen, hat mich immer entzckt,
und wenn auf meinem Bilde das heilige Kind eher wie ein krftiger,
wunderschner Leib des Sdens aussieht, so beirrt mich das nicht,
sehen doch die Jesuskinder und die Johanneskinder des herrlichen
Rafael auch so aus, und die Wirkung ist doch eine so gewaltige. Da
die Mutter, deren Mund so schn ist, die Augen gegen Himmel wendet,
sagt mir nicht ganz zu. Die Wirkung, scheint mir, ist hierin ein
wenig berboten, und der Knstler legt in eine Handlung, die er seine
Gestalt vor uns vornehmen lt, eine Bedeutung, von der er nicht
machen kann, da wir sie in der bloen Gestalt sehen. Wer durch
einfachere Mittel wirkt, wirkt besser. Wenn er die Heiligkeit und
Hoheit statt in die erhobenen Augen in die bloe Gestalt htte legen
knnen, wobei die Augen einfach vor sich hinblickten, so htte er
besser getan. Rafael lt seine Madonnen ruhig und ernst blicken, und
sie werden Himmelskniginnen, whrend so manche andere nur betende
Mdchen sind. Aus diesem mchte ich auch schlieen, da das Bild nicht
aus der Rafaelschen Schule ist, so sehr die herrliche Gestalt des
Kindes daran erinnert. Das Bild hngt nicht mehr dort, wo es Anfangs
war. Wir haben alle Bilder mehrere Male umgehngt, und es gewhrt eine
eigene Freude, zu versuchen, ob in einer andern Anordnung die Wirkung
des Ganzen nicht eine bessere sei. Auch darber haben wir ernste
Beratungen und vielerlei Versuche angestellt, welche Farbe wir den
Wnden geben sollen, da sich die Bilder am besten von ihnen abheben.
Wir blieben dann bei dem rtlichen Braun stehen, das ihr jetzt noch
in dem Gemldezimmer findet. Ich lasse nun nichts mehr ndern. Die
jetzige Lage der Bilder ist mir zu einer Gewohnheit und ist mir lieb
geworden, und ich mchte ohne beln Eindruck die Sache nicht anders
sehen. Sie ist mir eine Freude und eine Blume meines Alters geworden.
Die Erwerbung der Bilder, die, wie ihr schon aus meinen frheren
Worten schlieen knnt, nicht immer so leicht war wie die der heiligen
Maria, stellt eine eigene Linie in dem Gange meines Lebens dar, und
diese Linie ist mit Vielem versehen, was mir teils einen freudigen,
teils einen trben Rckblick gewhrt. Wir sind in manche Verhltnisse
geraten, haben manche Menschen kennen gelernt und haben manche Zeit
mit Wiederherstellung der Bilder, mit Verwindung von Tuschungen,
mit Hineinleben in Schnheiten zugebracht, wir haben auch manche zu
Zeichnungen und Entwrfen von Rahmen verwendet; denn alle Gemlde
haben wir nach und nach in neue, von uns entworfene Rahmen getan,
und so stehen nun die Werke um mich wie alte, hochverehrungswrdige
Freunde, die es tglich mehr werden und die eine Annehmlichkeit und
eine Wonne fr meine noch brigen Tage sind.

Da ich durch die Erzhlung meines Gastfreundes der Sammlung seiner
Bilder noch mehr zugewendet wurde, begreift sich.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit nun auch auf die Kupferstiche meines
Gastfreundes. Da dieselben nicht unter Glas und Rahmen waren, sondern
sich in groen Laden des Tisches im Lesezimmer befanden, so konnte man
sie weit bequemer betrachten als die Gemlde. Ich nahm mir zuerst die
Mappen nach einander heraus und sah alle Kupferstiche der Reihe nach
an. Dann aber ging ich an eine mehr geordnete Betrachtung. So wie mein
Gastfreund nicht Bcher aus dem Hause gab, wohl aber einem Gaste in
sein Zimmer die verlangten bringen lie, so tat er es auch mit den
Kupferstichen, nur gab er immer gleich eine ganze Mappe in ein Zimmer,
nicht aber leicht einzelne Bltter. Er tat dies der Erhaltung und
Schonung willen. Weil ich nun nicht viele Stunden im Lesezimmer
ununterbrochen mit Ansehen von Kupferstichen zubringen mochte, so
lie mir mein Gastfreund die einzelnen Mappen nach und nach in meine
Wohnung bringen, und ich konnte die in ihnen enthaltenen Werke mit
Mue betrachten, konnte diese Beschftigung auch durch Anderes
unterbrechen und konnte, wenn ich die Mappe durch eine beliebige Zeit
in meiner Wohnung gehabt hatte, dieselbe durch eine andere ersetzen.
Spter, da ich alle Mappen genau durchsucht hatte, wobei ich mir
diejenigen Werke aufzeichnete, die mir ganz besonders gefielen oder
die von meinem Gastfreunde und Eustach als vorzglich bezeichnet
waren, schlug ich mir bei Gelegenheit nur die eine oder andere auf, um
das eine oder andere mir sehr liebe Werk des Grabstichels zu besehen.
Ich merkte mir in meinem Gedenkbuche auch diejenigen an, welche ich
mir gleichfalls kaufen wollte, wenn es solche waren, die man noch im
Handel bekommen konnte. Ich lernte bei diesen Untersuchungen die Art
und Weise des Vortrags verschiedener Meister und verschiedener Zeiten
kennen und endlich auch wrdigen, und ich fand wieder, wie es bei den
Gemlden der Fall ist, da mit geringen Ausnahmen auch diese Kunst
eine schnere Vergangenheit gehabt habe, als sie eine Gegenwart habe,
ja bei den Kupferstichen konnte ich dies noch genauer kennen lernen
als bei Gemlden, da mein Freund alte und neue Kupferstiche hatte,
whrend in seinem Bilderzimmer nur sehr wenige neue Bilder hingen, die
Vergleichung also schwieriger war, und ich mich auf die neuen Bilder
weniger erinnerte, welche ich in der Stadt gesehen hatte und welche
ich auch mit anderen Augen mochte angeschaut haben. Ich lernte
die Feinheiten, die Groartigkeit, die Schnheit, die Ruhe in der
Behandlung immer mehr kennen und wrdigen und beschlo, da mir
Kupferstiche weit leichter zu erwerben waren als Gemlde, vorlufig
damit zu beginnen, mir Bltter, die ich fr trefflich hielt, zu kaufen
und eine Sammlung anzubahnen. Es war eine ziemliche Zeit hingegangen,
die ich mit Betrachtung und Einprgung der Kupferstiche und Gemlde
verbrachte. Eustach war hufig bei mir, wir sprachen ber die Dinge,
und ich lernte tglich hher von diesem Manne denken.

Ich kam whrend dieser Zeit auch fter in das Schreinerhaus und andere
Werksttten und sah zu, was da verfertiget werde.

Bei diesen Veranlassungen fiel es mir auf, da mein Gastfreund noch
nicht begonnen hatte, aus dem in Wahrheit gewi auerordentlich
schnen Marmor, den ich ihm gebracht hatte, dessen Schnheit ich ganz
gewi zu beurteilen verstand und der ihm selber viele Freude gemacht
zu haben schien, etwas verfertigen zu lassen. Ich konnte auch
den Marmor in dem Rosenhause gar nicht auffinden. Er war in dem
Vorratshause gelegen, wo sich auch fter Steine von mir befunden
hatten. Jetzt war er nicht mehr dort. War er, um nicht Verletzungen zu
erfahren, in einen anderen, sichereren Ort gebracht worden oder hatte
man ihn doch irgendwohin gesendet, wo an ihm gearbeitet wurde? Das
Letzte war nicht denkbar, da mein Gastfreund alle Dinge aus Holz
und Stein in seinem Hause arbeiten lie, wozu auch nicht nur die
Vorrichtungen und Werkzeuge vorhanden waren, sondern wohin auch zu
jeder Zeit die etwa noch mangelnden Arbeitskrfte gezogen werden
knnen.


Ich machte eines Tages eine Reise in das Lauterthal und hielt mich
einige Zeit in demselben auf. Es war nicht, um meine gewhnliche
Beschftigung dort vorzunehmen, sondern um nach den Arbeiten mit
meinem Marmor zu sehen. In der Nhe des Ahorngasthauses - etwa zwei
Wegestunden von demselben entfernt - befand sich die Anstalt, in
welcher Marmor gesgt und geschliffen wurde und in welcher man
verschiedene Dinge aus Marmor verfertigte. Der Ort hie das Rothmoor,
weshalb, konnte ich nicht ergrnden; denn es war berall Gestein und
rauschendes Wasser, und von einem Moore war auf Meilen in der Lnge
und Breite nichts zu finden; aber der Ort hie so. Es befanden sich
dort mehrere Stcke Marmor von mir, damit aus denselben etwas fr den
Vater gemacht wrde. Das grte Stck war fast rosenrot, und es sollte
daraus ein Wasserbecken fr den Garten werden. Das Becken aber hatte
ich selber entworfen. Aus groer Vorliebe fr Gewchse hatte ich seine
Gestalt aus dem Gewchsreiche genommen. Es war ein Blatt, welches dem
der Einbeere sehr hnlich war, in welchem die glnzende dunkelschwarze
Kugel liegt. Ich hatte das Blatt nach einem wirklichen aus Wachs
gebildet, nur die Auszackung machte ich geringer und die Tiefe grer.
Das Wachsblatt wurde von einem Arbeiter, der des Gestaltens sehr
kundig war, in Gips bedeutend grer nachgebildet, und nach dem
Gipsblatte sollte das Marmorbecken gearbeitet werden. In der Tiefe
desselben sollte wie bei dem Einbeerenblatte die Kugel liegen, und aus
einem Stiele, der sich ber das Blatt erhebt, soll das Wasser in einem
feinen Strahle in das Blatt springen. Das Blatt selber sollte von
Rosenmarmor, der Stamm und Stengel von einem anderen, dunkleren
sein. Ich bestrebte mich in dem Rothmoore nachzusehen, wie weit die
Arbeit gediehen sei, und versuchte durch Besprechungen fr grere
Leichtigkeit und Reinheit einzuwirken. Aus anderem Marmor sollten
andere Dinge verfertigt werden. Zuerst das Pflaster um die Einbeere
herum. Das Blatt sollte sein Wasser auf dieses Pflaster hinabgieen,
dasselbe sollte auf seiner Ebene eine sanfte Rinne bilden, um
das Wasser weiter zu leiten. Die Farbe des Pflasters sollte bla
gelblich sein. Ich hatte eine erkleckliche Anzahl Stcke hiezu
zusammengebracht. Fr eine Laube in dem Garten hatte ich die Platte
eines Tischchens beabsichtigt. Sonst waren noch kleine Tragsteine, ein
paar Simse und Briefbeschwerer im Werke. Die Sachen waren in Arbeit.
Als Daraufgabe war ein Nest, in welchem zwei Eier lagen, deren Marmor
fast tuschend die Farbe von Kibitzeiern hatte.

Ich war mit den Arbeiten, so weit sie jetzt gediehen waren, sehr
zufrieden. Der Stein zu dem Becken war nicht nur in seine allgemeine
Gestalt geschnitten worden, sondern das Blatt war in rohen Umrissen
fertig, so da zur feineren Ausfeilung und zur Glttung geschritten
werden konnte. Es arbeiteten zwei Menschen ausschlielich an diesem
Gegenstande. Mit dem Gipsvorbilde lie ich noch einige Vernderungen
vornehmen. Es war mir nicht leicht genug und zeigte mir nicht
hinlnglich das Weiche des Pflanzenlebens.

Ich ging in die Berge, suchte Pflanzen der Einbeere und brachte sie
sammt ihrer Erde in Tpfen zurck, damit sie nicht zu schnell welkten
und uns lnger als Muster dienen knnten. An diesen Pflanzen suchte
ich zu zeigen, was an dem Vorbilde noch fehle. Ich erklrte, wo ein
Blatteil sich sanfter legen, ein Rand sich weicher krmmen msse,
damit endlich das Steinbild, wenn es fertig wre, nicht den Eindruck
hervorbringe, als ob es gemacht worden, sondern den, als ob es
gewachsen wre. Da ich mich bemhte, die Sache ohne Verletzung des
Mannes, welcher das Gipsvorbild verfertiget hatte, darzulegen und sie
eher in das Gewand einer Beratung einzukleiden, so ging man auf meine
Ansichten sehr gerne ein, und da die ersten Versuche gelangen und das
Becken durch die grere hnlichkeit, die es mit dem Blatte erlangte,
auch sichtbar an Schnheit gewann, so ging man mit Eifer an die
Fortsetzung, suchte sich den Pflanzenmerkmalen immer mehr zu nhern
und erlebte die Freude, da endlich das Werk in ungemein edlerer
Vollendung dastand als frher. Selbst fr knftige Arbeiten hatte man
durch dieses Verfahren einen Anhaltspunkt gewonnen, und Hoffnungen
geschpft, sich in schnere und heiterere Kreise zu schwingen.
Der Werkmeister sprach unverhohlen mit mir ber die Sache. Frher
hatte man nach hergebrachten Gestalten und Zeichnungen Gegenstnde
verfertigt, dieselben versandt und Preise dafr erhalten, die solchen
Waren gewhnlich zukommen, so da die Anstalt bestehen konnte, aber
einer gehbigen und wohlhabenden Blte doch nicht teilhaftig war.
Da man sich an Pflanzen als Vorbilder wenden knne, war ihnen nicht
eingefallen.

Jetzt richtete man den Blick auf sie und fand, da alle Berge voll
von Dingen stnden, die ihnen Fingerzeige geben knnten, wie sie ihre
Werke zu verfertigen und zu veredeln htten.

Ich blieb so lange da, bis das Gipsblatt vollkommen fertig war, und
bis ich mich darber beruhigt hatte, welche Werkzeuge zum Messen
angewendet wrden, damit die Gestalt des Vorbildes mit allen ihren
Verhltnissen in die Nachbildung bergehen knnte.

Nachdem ich noch die Bitte um Beschleunigung der Arbeit angebracht
hatte, damit ich sie so bald als mglich in den Garten des Vaters
bringen knnte, und nachdem ich versprochen hatte, in diesem Sommer
noch einen Besuch in der Anstalt zu machen, trat ich den Rckweg in
das Rosenhaus wieder an.

Ich bestieg auf meiner Wanderung, die ich in den Bergen zu Fue
machte, das Eiskar, setzte mich auf einen Steinblock und sah beinahe
den ganzen Nachmittag in tiefem Sinnen auf die Landschaften, die vor
mir ausgebreitet waren, hinaus.


In dem Rosenhause beschftigte ich mich wieder mit Betrachtung der
Bilder. Ich nahm sogar ein Vergrerungsglas und sah die Gemlde an,
wie denn die verschiedenen alten Meister gemalt haben, ob der eine
einen stumpfen, starren Pinsel genommen habe, der andere einen langen,
weichen, ob sie mit breitem oder spitzigem gearbeitet, ob sie viel
untermalt haben oder gleich mit den schweren, undurchsichtigen Farben
darauf gegangen seien, ob sie in kleinen Flchen fertig gemacht oder
das Groe vorerst angelegt und es in allen Teilen nach und nach der
Vollendung zugefhrt htten.

Mein Gastfreund war in diesen Dingen sehr erfahren und stand mir bei.

Von den Dichtern nahm ich jetzt Calderon vor. Ich konnte ihn bereits
in dem Spanischen lesen und vertiefte mich mit groem Eifer in seinen
Geist.

Wir besuchten mehrere Male den Inghof. Es wurde dort Musik gemacht, es
wurde gespielt, wir besuchten die schnsten Teile der Umgebung oder
besahen, was der Garten oder der Meierhof oder das Haus Vorzgliches
aufzuweisen hatte.

Zur Zeit der Rosenblte kamen Mathilde und Natalie auf den Asperhof.
Wir wuten den Tag der Ankunft und erwarteten sie. Als sie
ausgestiegen waren, als Mathilde und mein Gastfreund sich begrt
hatten, als einige Worte von den Lippen der Mutter zu Gustav
gesprochen worden waren, wendete sie sich zu mir und sprach mit den
freundlichsten Mienen und mit dem liebevollsten Blick ihrer Augen
die Freude aus, mich hier zu finden, zu wissen, da ich mich schon
ziemlich lange bei ihrem Freunde und ihrem Sohne aufgehalten habe,
und zu hoffen, da ich die ganze schne Jahreszeit auf dem Asperhofe
zubringen werde.

Ich erwiderte, da ich heuer beschlossen habe, den ganzen Sommer ber
blo fr mein Vergngen zu leben und da ich es mit groem Danke
anerkennen msse, da mir erlaubt sei, auf diesem Sitze verweilen zu
drfen, der das Herz, den Verstand und das ganze Wesen eines jungen
Mannes so zu bilden geeignet sei.

Natalie stand vor mir, da dieses gesprochen worden war. Sie erschien
mir in diesem Jahre vollkommener geworden und war so auerordentlich
schn, wie ich nie in meinem ganzen Leben ein weibliches Wesen gesehen
habe.

Sie sagte kein Wort zu mir, sondern sah mich nur an. Ich war nicht
im Stande, etwas aufzufinden, was ich zur Bewillkommnung htte sagen
knnen. Ich verbeugte mich stumm, und sie erwiderte diese Verbeugung
durch eine gleiche.

Hierauf gingen wir in das Haus.

Die Tage verflossen wie die in den vergangenen Jahren. Nur eine
einzige Ausnahme trat ein. Man begann nach und nach von den Bildern
zu sprechen, man sprach von der Marmorgestalt, welche auf der schnen
Treppe des Hauses stand, man ging fter in das Bilderzimmer und besah
Verschiedenes, und man verweilte manche Augenblicke in der dmmerigen
Helle der Treppe, auf welche von oben die sanfte Flut des Lichtes
hernieder sank, und vergngte sich an der Herrlichkeit der dort
befindlichen Gestalt und der Pracht ihrer Gliederung. Ich erkannte,
da Mathilde in der Beurteilung der Kunst erfahren sei und da sie
dieselbe mit warmem Herzen liebe. Auch an Natalien sah ich, da sie in
Kunstdingen nicht fremd sei und da sie in ihrer Neigung etwas gelten.
Ich machte also jetzt die Erfahrung, da man in frherer Zeit, da
ich mein Augenmerk noch weniger auf Gemlde und hnliche Kunstwerke
gerichtet hatte und dieselben einen tiefen Platz in meinem Innern noch
nicht einnahmen, mich geschont habe, da man nicht eingegangen sei,
in meiner Gegenwart von den in dem Hause befindlichen Kunstwerken
zu sprechen, um mich nicht in einen Kreis zu ntigen, der in jenem
Augenblicke noch beinahe auerhalb meiner Seelenkrfte lag. Mir kam
jetzt auch zu Sinne, da in gleicher Weise mein Vater nie zu mir auf
eigenen Antrieb von seinen Bildern gesprochen habe und da er sich nur
insoweit ber dieselben eingelassen, als ich selber darauf zu sprechen
kam und um dieses oder jenes fragte. Sie haben also smmtlich einen
Gegenstand vermieden, der in mir noch nicht gelufig war und von dem
sie erwarteten, da ich vielleicht mein Gemt zu ihm hinwenden wrde.
Mich erfllte diese Betrachtung einigermaen mit Scham, und ich
erschien mir gegenber all den Personen, die nun durch meine
Vorstellung gingen, als ungefg und unbehilflich; aber da sie immer so
gut und liebreich gegen mich gewesen waren, so schlo ich aus diesem
Umstande, da sie nicht nachteilig ber mich geurteilt und da
sie meinen Anteil an dem, was ihnen bereits teuer war, als sicher
bevorstehend betrachtet haben. Dieser Gedanke beruhigte mich eines
Teiles wieder. Besonders aber gereichte es mir zur Genugtuung, da sie
mit einer Art von Freude in die Gesprche eingingen, die sich jetzt
ber bildende Kunst entspannen, da also das nicht unsachgem sein
mute, was ich in dieser Richtung jetzt uerte, und da es ihnen
angenehm war, mit mir auf einer Lebensrichtung zusammen zu treffen,
welche fr sie Wichtigkeit hatte.

Eines Tages, da die Blte der Rosen schon beinahe zu Ende war, wurde
ich unfreiwillig der Zeuge einiger Worte, welche Mathilde an meinen
Gastfreund richtete und welche offenbar nur fr diesen allein
bestimmt waren. Ich zeichnete in einer Stube des Erdgeschosses
ein Fenstergitter. Das Erdgescho des Hauses hatte lauter eiserne
Fenstergitter. Diese waren aber nicht jene grostbigen Gitter, wie
man sie an vielen Husern und auch an Gefngnissen anbringt, sondern
sie waren sanft geschweift und hatten oben und unten eine flache
Wlbung, die mitten, gleichsam wie in einen Schlustein, in eine
schne Rose zusammenlief. Diese Rose war von vorzglich leichter
Arbeit und war ihrem Vorbilde treuer, als ich irgendwo in Eisen
gesehen hatte. Auerdem war das ganze Gitter in zierlicher Art
zusammengestellt, und die Stbe hatten nebst der Schlurose noch
manche andere bedeutsame Verzierungen. Es war fast gegen Abend, als ich
mich in einer Stube des Erdgeschosses, deren Fenster auf die Rosen
hinausgingen, befand, um mir vorlufig die ganze Gestalt des Gitters,
die auen zu sehr von den Rosen verdeckt war, zu entwerfen. Die
einzelnen Verzierungen, deren Hauptentwicklung nach auen ging, wollte
ich mir spter einmal von dorther zeichnen. Da ich in meine Arbeit
vertieft war, dunkelte es vor dem Fenster, wie wenn die Laubbltter
vor demselben von einem Schatten bedeckt wrden. Da ich genauer
hinsah, erkannte ich, da jemand vor dem Fenster stehe, den ich aber
der dichten Ranken willen nicht erkennen konnte. In diesem Augenblicke
ertnte durch das geffnete Fenster klar und deutlich Mathildens
Stimme, die sagte: Wie diese Rosen abgeblht sind, so ist unser Glck
abgeblht.

Ihr antwortete die Stimme meines Gastfreundes, welcher sagte: Es ist
nicht abgeblht, es hat nur eine andere Gestalt.

Ich stand auf, entfernte mich von dem Fenster und ging in die Mitte
des Zimmers, um von dem weiteren Verlaufe des Gesprches nicht mehr zu
vernehmen. Da ich ferner berlegt hatte, da es nicht geziemend sei,
wenn mein Gastfreund und Mathilde spter erfhren, da ich zu der
Zeit, als sie ein Gesprch vor dem Fenster gefhrt hatten, in der
Stube gewesen sei, der jenes Fenster angehrte, so entfernte ich mich
auch aus derselben und ging in den Garten. Da ich nach einer Zeit
meinen Gastfreund, Mathilden, Natalie und Gustav gegen den groen
Kirschbaum zugehen sah, begab ich mich wieder in die Stube und holte
mir meine Zeichnungsgerte, die ich dort liegen gelassen hatte;
denn der Abend war mittlerweile so dunkel geworden, da ich zum
Weiterzeichnen nicht mehr sehen konnte.

Als die Rosenblte gnzlich vorber war, beschlossen wir, uns auch
eine Zeit in dem Sternenhofe aufzuhalten. Da wir den Hgel zu ihm
hinan fuhren, sah ich, da Gerste an dem Mauerwerke aufgeschlagen
waren, und als wir uns genhert hatten, erkannte ich, da die
Arbeiter, die sich auf den Gersten befanden, damit beschftigt waren,
die Tnche von den breiten Steinen, welche an die Oberflche der
Mauern gingen, abzunehmen und die Steine zu reinigen. Man hatte vorher
an einem abgelegenen Teile des Hauses einen Versuch gemacht, welcher
sich bewhrte und welcher dartat, da das Haus ohne Tnche viel
schner aussehen werde.

In dem Sternenhofe wurde ich so freundlich behandelt, wie in der
frheren Zeit, ja wenn ich meinem Gefhle trauen durfte und wenn man
so feine Unterscheidungen machen darf, noch freundlicher als frher.
Mathilde zeigte mir selber alles, von dem sie glaubte, da es mir von
einigem Werte sein knnte, und erklrte mir bei diesem Vorgange alles,
von dem sie glaubte, da es einer Erklrung bedrfen knnte. Whrend
dieses meines Aufenthaltes erfuhr ich auch, da Mathilde das Schlo
von einem vornehmen Manne gekauft hatte, der selten auf demselben
gewesen war und es ziemlich vernachlssigt hatte. Vor ihm war es im
Besitze einer Verwandten gewesen, deren Grovater es gekauft hatte. In
der Zeit vorher war ein hufiger Wechsel der Eigentmer gewesen, und
das Gut war sehr herab gekommen. Mathilde fing damit an, da sie die
zum Schlosse gehrigen Untertanen, welche Zehnte und Gaben in dasselbe
zu entrichten hatten, gegen ein vereinbartes Entgelt fr alle Zeiten
von ihren Pflichten entband und sie zu unbeschrnkten Eigentmern auf
ihrem Grunde machte. Das zweite, was sie tat, bestand darin, da sie
die Liegenschaften des Schlosses selber zu bewirtschaften begann,
da sie einen geschlossenen Hausstand von Gesinde und ihrer eigenen
Familie begrndete und mit diesem Hausstande lebte. Sie richtete den
Meierhof zurecht und brachte mit Hilfe ttiger Leute, die sie aufnahm,
die Felder, die Wiesen und Wlder in einen besseren Stand.

Die schnen Zeilen von Obstbumen, welche durch die Fluren liefen und
die mir bei meinem ersten Aufenthalte schon so sehr gefallen hatten,
waren von ihr selber gepflanzt, und wenn sie gute, selbst ziemlich
erwachsene Obstbume irgendwo erhalten konnte, so scheute sie nicht
die Zeit und den Aufwand, sie bringen und auf ihren Grund setzen zu
lassen. Da die Nachbarn dieses Verfahren allmhlich nachahmten, so
erhielt die Gegend das eigentmliche und wohlgefllige Ansehen, das
sie von den umliegenden Lndereien unterschied.

Die Gemlde, welche sich in den Wohnzimmern Mathildens und Nataliens
befanden, hatten nach meiner Meinung im Ganzen genommen zwar nicht den
Wert wie die im Asperhofe, aber es waren manche darunter, welche mir
nach meinen jetzigen Ansichten mit der grten Meisterschaft gemacht
schienen. Ich sagte die Sache meinem Gastfreunde, er besttigte sie
und zeigte mir Gemlde von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese, Van Dyck
und Holbein. Unbedeutende oder gar schlechte Bilder, wie ich sie, so
weit mir jetzt dieses meine Rckerinnerung pltzlich und wiederholt
vor Augen brachte, in manchen Sammlungen, die mir in frheren Jahren
zugnglich gewesen waren, gesehen hatte, befanden sich weder in der
Wohnung Mathildens noch in dem Asperhofe. Wir sprachen auch hier
so wie in dem Rosenhause von den Gemlden, und es gehrte zu den
schnsten Augenblicken, wenn ein Bild auf die Staffelei getan worden
war, wenn man die Fenster, die ein strendes Licht htten senden
knnen, verhllt hatte, wenn das Bild in die rechte Helle gerckt
worden war, und wenn wir uns nun davor befanden. Mathilde und
mein Gastfreund saen gewhnlich, Eustach und ich standen, neben
uns Natalie und nicht selten auch Gustav, welcher bei solchen
Gelegenheiten sehr bescheiden und aufmerksam war. fter sprach
hauptschlich mein Gastfreund von dem Bilde, fter aber auch Eustach,
wozu Mathilde ihre Worte oder einfachen Meinungen gesellte. Man
wiederholte vielleicht oft gesagte Worte, man zeigte sich Manches, das
man schon oft gesehen hatte, und machte sich auf Dinge aufmerksam, die
man ohnehin kannte. So wiederholte man den Genu und verlebte sich in
das Kunstwerk. Ich sprach sehr selten mit, hchstens fragte ich und
lie mir etwas erklren. Natalie stand daneben und redete niemals ein
Wort.


Zur Nymphe des Brunnens, die unter der Eppichwand im Garten war, ging
ich auch fter. Frher hatte ich den wunderschnen Marmor bewundert,
desgleichen mir nicht vorgekommen war; jetzt erschien mir auch die
Gestalt als ein sehr schnes Gebilde. Ich verglich sie mit der auf
der Treppe im Hause meines Gastfreundes stehenden. Wenn auch jenes an
Hoheit, Wrde und Ernst weit den Vorzug in meinen Augen hatte, so war
dieses doch auch fr mich sehr anmutig, weich und klar, es hatte eine
beschwichtigende Ruhe, wie die Gttin eines Quells sollte, und hatte
doch wieder jenes Reine und, ich mchte sagen, Fremde, das ein Gemlde
nicht hat, das aber der Marmor so gerne zeigt. Ich wurde mir dieser
Empfindung des Fremden jetzt klarer bewut, und ich erfuhr auch,
da sie mich schon in frherer Zeit ergriffen hatte, wenn ich mich
Marmorbildwerken gegenber befand. Es wirkte bei dieser Gestalt noch
ein Besonderes mit, was in meiner Beschftigung der Erdforschung
seinen Grund hat, nehmlich, da der Marmor gar so schn und fast
fleckenlos war. Er gehrte zu jener Gattung, die an den Rndern
durchscheinend ist, deren Weie beinahe funkelt und uns verleitet,
zu meinen, man she die zarten Kristalle wie Eisnadeln oder wie
Zuckerkrner schimmern. Diese Reinheit hatte fr mich an der Gestalt
etwas Erhabenes. Nur dort, wo das Wasser aus dem Kruge flo, den die
Gestalt umschlungen hielt, war ein grnlicher Schein in dem Marmor,
und der Staffel, auf dem der am tiefsten herabgehende Fu ruhte, war
ebenfalls grn und von unten durch die herauf dringende Feuchtigkeit
ein wenig verunreinigt. Der Marmor an dem Bilde meines Freundes war
wohl trefflich, es mochte wahrscheinlich parischer sein; aber er hatte
schon einigermaen die Farbe alten Marmors, whrend die Nymphe wie neu
war, als wre der Marmor aus Carrara. Ich dachte mir wohl auch, und
meine Freunde besttigten es, da das Bildwerk neueren Ursprunges sei;
aber wie bei dem meines Gastfreundes wute man auch hier den Meister
nicht. Ich sa sehr gerne in der Grotte bei dem Bildwerke. Es war da
ein Sitz von weiem Marmor in einer Vertiefung, die sich seitwrts von
der Nymphe in das Bauwerk zurck zog und von der aus man die Gestalt
sehr gut betrachten konnte. Es war ein sanftes Dmmern auf dem Marmor,
und im Dmmern war es wieder, als leuchtete der Marmor. Man konnte
hier auch das leise Rinnen des Wassers aus dem Kruge, das Kruseln
desselben in dem Becken, das Hinabtrufeln auf den Boden und das
gelegentliche Blitzen auf demselben sehen.

Zur Wohnung hatte man mir dieselbe Rumlichkeit gegeben, die ich in
den ersten zwei Malen inne hatte, da ich in diesem Schlosse war. Man
hatte sie mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet, auf die man nur
immer denken konnte und deren ich zum grten Teile nicht bedurfte;
denn ich war in meinem Reiseleben gewohnt geworden, in den ueren
Dingen auf das Einfachste vorzugehen.

Da wir von dem Sternenhofe Abschied nahmen, sagte mir Mathilde auf die
liebe, freundliche Weise Lebewohl, mit der sie mich empfangen hatte.

Wir besuchten auf unserer Rckreise mehrere Landwirte, welche in der
Gegend einen groen Ruf genossen, und besahen, was sie auf ihren
Gtern eingefhrt hatten und was sie zum Wohle des Landes auszubreiten
wnschten. Mein Gastfreund nahm Rebstecklinge, Abteilungen von Samen
und Abbildungen von neuen Vorrichtungen mit nach Hause.

Ehe ich die Rckreise zu den Meinigen antrat, ging ich noch einmal in
das Rothmoor, um zu sehen, wie weit die Arbeiten aus meinem Marmor
gediehen wren. Von den kleineren Dingen waren manche fertig. Das
Wasserbecken und die greren Arbeiten muten in das nchste Jahr
hinber genommen werden. Ich billigte diese Anordnung; denn es war mir
lieber, da die Sache gut gemacht wrde, als da sie bald fertig wre.

Das Vollendete packte ich ein, um es mit nach Hause zu nehmen.

In dem Rosenhause fand ich bei meiner Zurckkunft einen Brief
von Roland, der ber die Ergebnisse der Nachforschungen nach den
Ergnzungen zu den Pfeilerverkleidungen meines Vaters sprach. Es war
keine Hoffnung vorhanden, die Ergnzungen zu finden. Im ganzen Gebirge
war nichts, was mit den beschriebenen Verkleidungen hnlichkeit hatte,
berhaupt sind da keine Verkleidungen und Vertflungen vorhanden
gewesen, wohin Roland seit Jahren seine Wanderungen angestellt hatte,
sie mten denn sehr verborgen sein, wornach man ein Auffinden so dem
Zufalle anheim geben msse, wie das durch Zufall entdeckt worden sei,
was ich meinem Vater gebracht htte. In Hinsicht der Vertflungen
aber, um welche es sich hier handle, sei beinahe Gewi vorhanden, da
sie zerstrt worden seien. Die Ausmae, welche ihm ber die in den
Hnden meines Vaters befindlichen Werke zugesendet worden seien,
passen genau auf ein Gemach im Steinhause des Lauterthales, woher
gleich Anfangs der Ursprung der Dinge vermutet worden sei und welches
Gemach jetzt de steht. Es habe zwei Pfeiler, an denen die noch
vorhandenen Verkleidungen gewesen sein mssen. Die Zwischenarbeiten
sind eben so zerstrt worden wie Vieles, was sich in jenem steinernen
Schlchen befunden habe; denn sonst muten sie sich entweder in
dem Gebude oder in der Gegend vorfinden, was beides nicht der Fall
ist, oder sie mten sehr im Verborgenen sein, da doch sonst die
Nachforschungen, welche nun schon durch zwei Jahre angestellt und
bekannt geworden seien, die Leute veranlat haben drften, die Sachen
zum Verkaufe um einen guten Kaufschilling zu bringen. Man msse also
seine Gedanken dahin richten, da nichts zu finden sei, und wenn doch
noch etwas gefunden wrde, so msse man es als eine unverhoffte Gunst
ansehen. Mein Gastfreund und ich sagten, da wir ungefhr auf dieses
Ergebnis gefat gewesen seien.


Als der Herbst ziemlich vorgesehritten war, begab ich mich auf die
Rckreise in meine Heimat. Es war ein sehr heiterer Sonntagsmorgen,
den ich zu meiner Ankunft auserwhlt hatte, weil ich wute, da an
diesem Tage der Vater zu Hause sein wrde und ich daher den Nachmittag
in dem vollen Kreise der Meinigen zubringen konnte. Ich war nicht
wie gewhnlich auf einem Schiffe gekommen, sondern ich hatte meine
Wanderung lngs des ganzen Gebirges gegen Sonnenaufgang unternommen
und war dann mitternachtwrts mit einem Wagen in unsere Stadt
gefahren. Den Vater traf ich sehr heiter an, er schien gleichsam um
mehrere Jahre jnger geworden zu sein. Die Augen glnzten in seinem
Angesichte, als wre ihm eine sehr groe Freude widerfahren. Auch die
anderen sahen sehr vergngt und frhlich aus.

Nach dem Mittagessen fhrte er mich in das glserne Huschen und
zeigte mir, da sich die Verkleidungen bereits auf den Pfeilern
befnden. Es war ein bewunderungswrdiger Anblick, ich htte nie
gedacht, da sich die Schnitzerei so gut darstellen wrde. Sie war
vollkommen gereinigt und schwach mit Firni berzogen worden.

Siehst du, sagte der Vater, wie sich alles schn gestaltet hat.
Die Holzverkleidung fgt sich, als wre sie fr diese Pfeiler gemacht
worden. Es ist fast auch so der Fall; wenn nicht die Holzverkleidung
fr die Pfeiler gemacht worden ist, so sind doch die Pfeiler fr die
Holzverkleidung gemacht worden. Was aber von weit grerer Bedeutung
ist, besteht darin, da das Holzkunstwerk in das ganze Huschen so
pat, als wre sie ursprnglich fr dasselbe bestimmt gewesen - und
dies freut mich am meisten. Ich kann mich daher auch nicht so betrben
wie du, da die anderen Teile der Verkleidungen nicht aufzufinden
gewesen sind. Ich mte das ganze Huschen wieder umbauen, wenn die
Ergnzungen zum Vorscheine gekommen wren; denn schwerlich wrden sie
hieher passen, und zu verstmmeln oder zu vergrern wrden sie ihrer
Natur nach nicht sein. Wir wollen daher das Vorhandene genieen, und
kmmt durch ein Wunder die Ergnzung zum Vorscheine, so wird sich
schon zeigen, was zu tun sei. Du siehst, wir haben uns viele Mhe
gegeben, die Lcken auszufllen und alles in einen natrlichen
Zusammenhang zu bringen.

So war es auch. ber den Verkleidungen befanden sich an den Pfeilern
Spiegel eingesetzt, deren Rahmen die Verzierungen der Verkleidung
fortsetzten und zu den Verzierungen der Fensterstbe und Fensterkreuze
hinber leiteten. Unter den Fenstern waren Simse und Vertflungen so
angebracht, da sie eine ruhigere Flche zwischen den Schnitzwerken
abgaben. Ich sprach gegen meinen Vater meine Bewunderung aus, da man
der Sache eine solche Gestalt zu geben gewut habe.

Es ist uns aber auch ein sehr tchtiger Lehrmeister beigestanden,
erwiderte er, und wir waren in der Lage, nach seinem Rate noch
Manches in unserem begonnenen Werke abzundern; denn sonst wre es
nicht so geworden, wie es geworden ist. Setze dich zu uns, da ich es
dir erzhle.

Er sa mit der Mutter auf einer Bank, die aus feinen Rohrstben
geflochten war, die Schwester und ich nahmen ihnen gegenber auf
Sesseln Platz.

Dein Gastfreund, fing er an, hat uns ausgefunden und hat, als du
zwei Wochen fort warest, seine Bauzeichnungen und die Zeichnungen
vieler anderer Gegenstnde hieher gesendet, da ich sie ansehe. Er
hat mir auch den Antrag gemacht, da ich manche, die mir besonders
gefielen, zu meinem Gebrauche nachzeichnen lassen drfe, nur mchte
ich ihm die Bltter vorher alle senden und die bezeichnen, deren
Nachbildung ich wnschte, er wrde sie mir dann gelegentlich zu diesem
Gebrauche zustellen. Ich lehnte diese Erlaubnis ab, nur Einzelnes von
Verzierungen oder Stben lie ich flchtig heraus zeichnen, in so
fern ich erkannte, da es mir bei meinen nchsten Anordnungen wrde
dienlich sein. Den grten Nutzen aber schpften wir - mein Arbeiter
und ich - aus der Anschauung des Ganzen berhaupt. Wir lernten hier
neue Dinge kennen, wir sahen, da es Schneres gibt, als wir selber
haben, so da wir den Plan und die Ausfhrung zu den Arbeiten in dem
Huschen hier viel besser machten, als wir sonst beides gemacht haben
wrden.

Die Zeichnungen von den Bauwerken, Gerten und anderen Dingen, welche
mir dein Gastfreund gesandt hat, sind so schn, da es vielleicht
wenige gleiche gibt. Ich habe wohl in jngeren Jahren bei meinen
Reisen und Wanderungen sehr schne und hie und da schnere Bauwerke
gesehen; aber Zeichnungen von Bauwerken habe ich nie so vollendet klar
und rein gesehen. Ich hatte eine groe Freude bei dem Anschauen dieser
Dinge, und wer in dem Besitze einer so trefflichen Sammlung der
schnsten, zahlreichen und dabei so mannigfaltigen Gegenstnde ist,
der kann niemals mehr bei seinen Anordnungen in das Unbedeutende,
Leere und Nichtige verfallen, ja er mu bei gehriger Bentzung, und
wenn sein Geist die Dinge in sich aufzunehmen versteht, nur das Hohe
und Reine hervorbringen. Das ist eine seltne Gunst des Schicksales,
wenn ein Mann die Mue, Mittel und Mitarbeiter hat, solche Werke
anlegen zu knnen. Es gehrte zu meinen schnsten Augenblicken, in
diesen Sammlungen blttern zu drfen und mich in die Anschauung
dessen, was mich besonders ansprach, zu vertiefen. Vielleicht gnnt es
doch noch einmal eine sptere Gunst, von dem Anerbieten dieses Mannes
Gebrauch machen zu knnen und hie und da etwas zu Stande zu bringen,
was nicht ganz ein unwerter Zuwachs zu meinen letzten Tagen ist.

Also gefllt dir das, was wir zu unseren Verkleidungen hatten hinzu
machen lassen?

Vater, sehr, erwiderte ich; aber ich habe jetzt andere Dinge zu
reden; ich kann mich von meinem Erstaunen nicht erholen, da mein
Gastfreund seine Zeichnungen hieher gesendet hat, die er so liebt,
die er gewi nicht weniger liebt als seine Bcher, von denen er doch
keines aus seinem Hause gibt. Ich habe eine so groe Freude ber
dieses Ereignis, da ich nicht Worte finde, sie nur halb auszudrcken.
Vater, mein Gefhl hat in jngster Zeit einen solchen Aufschwung
genommen, da ich die Sache selber nicht begreife, ich mu mit dir
darber reden, ich habe sehr viele Dinge mit dir zu reden.

Meinem Gastfreunde mu ich auf das Wrmste und Heieste danken, sobald
ich ihn sehe, er hat mir durch die Sendung der Zeichnungen an dich die
hchste Gunst erzeigt, die er mir nur zu erzeigen im Stande war.

Dann mu ich dich bitten, mit mir zu gehen und noch etwas
anzuschauen, sagte mein Vater.

Er fhrte mich in sein Altertumszimmer. Die Mutter und die Schwester
gingen mit.


An einem Pfeiler, der mit einem langen, altertmlich gefaten Spiegel
geschmckt war, stand der Tisch mit den Musikgerten, den ich im
Rosenhause in der Wiederherstellung befindlich und zu Anfang dieses
Sommers bereits vollendet gesehen hatte.

Ich konnte vor Verwunderung kein Wort sagen.

Der Vater, der mein Gefhl verstand, sagte. Der Tisch ist mein
Eigentum. Er ist mir in diesem Sommer gesendet worden, und es war
die Bitte beigefgt, ich mge ihn unter meinen andern Dingen als
Erinnerung an einen Mann aufstellen, dessen grte Freude es wre,
einem Andern, der seine Neigung gleichen Dingen zuwende wie er, ein
Vergngen zu machen.

Da mu ich nun augenblicklich zu meinem Freunde reisen, rief ich.

Den Dank habe ich ihm wohl schon ausgedrckt, sagte der Vater; aber
wenn du hingehen und es mit dem eigenen Munde tun willst, so freut es
mich um desto mehr.

Die Schwester hpfte oder sprang beinahe in dem Zimmer herum und rief:
Ich habe es mir gedacht, da er so handeln wird, ich habe es mir
gedacht. O der Freude, o der Freude! Wirst du bald abreisen?

Morgen mit dem frhesten Tagesanbruch, erwiderte ich, heute mssen
noch Pferde bestellt werden.

Es ist eine spte Jahreszeit und du bist kaum gekommen, mein Sohn,
sagte die Mutter; aber ich halte dich nicht ab. Der Tisch und noch
mehr die Gesinnung des Mannes, der ihn sendete, haben auf deinen Vater
wie ein Glck gewirkt. Das mssen vortreffliche Menschen sein.

Sie haben ihres Gleichen nicht auf Erden, rief ich. Ohne zu sumen
schickte ich den Knecht auf die Post, um mir auf den nchsten Morgen
um vier Uhr zwei Pferde zu bestellen. Dann sprachen wir noch von dem
Tische. Der Vater breitete sich ber seine Eigenschaften aus, er
erklrte uns dieses und jenes und setzte mir dann in einer lngeren
Beweisfhrung auseinander, warum er gerade auf diesem Platze stehen
msse, auf dem er stehe. Ohne von den Gemlden des Vaters etwas zu
sagen, auf welche ich mich sehr gefreut hatte und von denen ich
mit dem Vater hatte reden wollen, und ohne auf meinen diesjhrigen
Sommeraufenthalt nher einzugehen, lie ich den Rest des Tages
verflieen und erwartete mit Ungeduld den Morgen. Nur gelegentliche
Fragen des Vaters beantwortete ich und hrte zu, wenn er wieder von
dem sprach, was in diesem Sommer ein Ereignis fr ihn gewesen war. Vor
dem Schlafengehen nahmen wir Abschied, und ich begab mich auf meine
Zimmer.

Um drei Uhr des Morgens war ein leichter Lederkoffer gepackt, und
eine halbe Stunde spter stand ich in guten Reisekleidern da. In dem
Speisezimmer, in welchem noch ein Frhstck fr mich bereit stand,
erwarteten mich die Mutter und die Schwester. Der Vater, sagten sie,
schlummre noch sehr sanft. Das Frhmahl war eingenommen, die Pferde
standen vor dem Haustore, die Mutter verabschiedete sich von mir,
die Schwester begleitete mich zu dem Wagen, kte mich dort auf das
Innigste und Freudigste, ich stieg ein und der Wagen fuhr in der noch
berall dicht herrschenden Finsternis davon.

Ich war nie mit eigenen Postpferden gefahren, weil ich die Auslage fr
Verschwendung hielt. Jetzt tat ich es, mir ging die Reise noch immer
nicht schnell genug, und auf jeder Post, wo ich neue Pferde und einen
neuen Wagen erhielt, duchte mir der Aufenthalt zu lange.

Ich hatte den Vater um den Brief nicht gefragt, der mit den
Zeichnungen oder mit dem Tische gekommen war, auch hatte ich mich
nicht um die Art erkundigt, wie diese Dinge eingelangt seien. Der
Vater hatte ebenfalls nichts davon erwhnt. Ich beschlo, meinem
Vorhaben treu zu bleiben und hierber eine Frage nicht zu stellen.


Nach einer nur durch das notwendige Essen von mir unterbrochenen Fahrt
bei Tag und Nacht kam ich gegen den Mittag des zweiten Tages in dem
Rosenhause an. Ich hielt vor dem Gitter, gab einem Knechte, der gar
nicht erstaunt war, weil er an mein Gehen und Kommen in diesem Hause
gewohnt sein mochte, meinen Koffer, sendete Wagen und Pferde auf die
letzte Post, in die sie gehrten, zurck, ging in das Haus und fragte
nach meinem Freunde.

Er sei in seinem Arbeitszimmer, sagte man mir.

Ich lie mich melden und wurde hinaufgewiesen.

Er kam mir lchelnd entgegen, als ich eintrat. Ich sagte, er scheine
zu wissen, weshalb ich komme.

Ich glaube es mir denken zu knnen, antwortete er.

Dann werdet ihr euch nicht wundern, sagte ich, da ich in diesem
Jahre, fr welches ich schon Abschied genommen habe, mittelst einer
sehr eiligen Reise noch einmal in euer Haus komme. Ihr habt meinem
Vater eine doppelte Freude erwiesen, ihr habt zu mir nichts gesagt,
mein Vater hat mir auch nichts geschrieben, wahrscheinlich, um den
Eindruck, wenn ich die Sache selber she, grer zu machen: ich mte
ein sehr unrechtlicher Mensch sein, wenn ich nicht kme und fr den
Jubel, der in mein Herz kam, nicht dankte. Ich wei nicht, wodurch ich
es denn verdient habe, da ihr das getan habt, was ihr tatet; ich wei
nicht, wie ihr denn mit meinem Vater zusammenhnget, da ihr ihm ein
so kostbares Geschenk macht und da ihr mit den Zeichnungen so in
Liebe an ihn dachtet.

Ich danke euch tausendmal und auf das herzlichste dafr. Ich habe euch
fr alles Freundliche, was mir in eurem Hause zu Teil geworden ist, in
meinem Herzen gedankt, ich habe euch auch mit Worten gedankt. Dieses
aber ist das Liebste, was mir von euch gekommen ist, und ich biete
euch den heiesten Dank dafr an, der sich am besten aussprechen
wrde, wenn es mir nur auch einmal gegnnt wre, fr euch etwas tun zu
knnen.

Das drfte sich vielleicht auch einmal fgen, antwortete er, das
Beste aber, was der Mensch fr einen andern tun kann, ist doch immer
das, was er fr ihn ist. Das Angenehmste an der Sache ist mir, da ich
mich nicht getuscht habe und da euer Vater an den Sendungen Freude
hatte und da die Freude des Vaters auch euch Freude machte. Im
brigen ist ja alles sehr einfach und natrlich. Ihr habt mir von den
altertmlichen Dingen erzhlt, welche euer Vater besitzt und welche
ihm Vergngen machen, ihr habt von seinen Bildern gesprochen, ihr habt
ihm Schnitzwerke gebracht, fr welche er eigens einen kleinen Erker
seines Hauses umbauen lie, ihr habt euch groe Mhe gegeben, die
Ergnzungen zu den Schnitzereien zu finden, habt sogar meinen Rat
hiebei eingeholt, und es war euch unangenehm, befrchten zu mssen,
da ihr das Gesuchte trotz alles Strebens nicht finden wrdet. Da
dachte ich, da ich vielleicht mit einem meiner Gegenstnde eurem
Vater ein Vergngen machen knnte, besprach mich mit Eustach und
sandte den Tisch. Das bersenden der Zeichnungen war auch ganz
folgerichtig. Ihr habt im vorigen Jahre mit vieler Mhe hier und im
Sternenhofe Abbildungen von Gerten gemacht, um eurem Vater nur im
Allgemeinen eine Vorstellung von dem zu geben, was hier ist. Wie nahe
lag es also, ihm Zeichnungen zu schicken, in denen noch weit mehr,
weit Umfassenderes und weit Edleres enthalten ist, obgleich sie
nur die Sammlung eines einzelnen Menschen sind und weit hinter dem
zurckstehen, was an Prachtwerken hie und da besteht. Wir haben
vielerlei an alten Gerten hier, wir knnen etwas entbehren, haben
schon Manches weggegeben, und geben gerne etwas einem Manne, der damit
Freude hat und der es zu pflegen und zu achten versteht.

Es wurde mir sehr viel Schmerz machen, sagte ich, wenn ihr nur im
Entferntesten denken knntet, da ich mit meinen Handlungen auf ein
solches Ergebnis habe hinzielen knnen.

Das habe ich nie geglaubt, mein junger Freund, antwortete er, sonst
htte ich die Sachen gar nicht geschickt. Aber es ist die zwlfte
Stunde nahe. Gehet mit mir in das Speisezimmer. Wir wuten zwar von
eurer Ankunft nichts; aber es wird sich schon etwas vorfinden, da
ihr nicht Hunger leiden msset und da auch wir nicht einen Abbruch
leiden.

Mit diesen Worten gingen wir in das Speisezimmer.

Nach dem Essen wurde ich von Gustav in meine Wohnung geleitet, die
immer in reinlichem Stande gehalten wurde und die jetzt von einem
schwachen Feuer wohlttig erwrmt war. Mir tat eine Ruhe etwas not,
und die mige Wrme erquickte meine Glieder.

Im Laufe des Nachmittages sagte mein Gastfreund zu mir. Es ist nie
ein so schner Sptherbst gewesen als heuer, meine Witterungsbcher
weisen keinen solchen seit meinem Hiersein aus, und es sind alle
Anzeichen vorhanden, da dieser Zustand noch mehrere Tage dauern wird.
Nirgends aber sind solche klare Sptherbsttage schner als in unseren
nrdlichen Hochlanden. Whrend nicht selten in der Tiefe Morgennebel
liegen, ja der Strom tglich in seinem Tale Morgens den Nebelstreifen
fhrt, schaut auf die Hupter des Hochlandes der wolkenlose Himmel
herab und geht ber sie eine reine Sonne auf, die sie auch den ganzen
Tag hindurch nicht verlt. Darum ist es auch in dieser Jahreszeit in
dem Hochlande verhltnismig warm, und whrend die rauhen Nebel in
der Tiefgegend schon die Bltter von den Obstbumen gestreift haben,
prangt oben noch mancher Birkenwald, mancher Schlehenstrauch, manches
Buchengehege mit seinem goldenen und roten Schmucke. Nachmittags ist
dann gewhnlich auch die Aussicht ber das ganze Tiefland deutlicher
als je zu irgend einer Zeit im Sommer. Wir haben daher beschlossen,
heuer noch eine Reise in das Hochland zu machen, wie ich es in
frherer Zeit schon in manchen Jahren getan habe. Die Entfernungen
sind dort nicht so gro, und sollten sich die Vorboten melden, da
das Wetter sich zur nderung anschicken so knnen wir jederzeit den
Heimweg antreten und ohne viel Ungemach den Asperhof wieder erreichen.
Morgen wird Mathilde und Natalie eintreffen, sie fahren mit uns, auch
Eustach begleitet uns. Wolltet ihr nicht auch den Weg mit uns machen
und einige Tage der lieblichen Sptzeit mit uns genieen? Kmmt dann
Schnee oder Regen, wenn wir wieder in meinem Hause angelangt sind, so
werdet ihr wohl auf dem Postwagen eure Heimreise machen knnen und das
Wetter wird euch nicht viel anhaben.

Es kann mir nie viel anhaben, entgegnete ich, weil ich gegen seine
Einflsse abgehrtet bin, auch knnte mir in dem Gefhle, welches ich
gegen euch habe, keine grere Annehmlichkeit begegnen, als einige
Zeit in eurer Gesellschaft zu reisen; aber zu Hause wissen sie nichts
davon und erwarten mich wahrscheinlich schon bald.

Ihr knntet sie ja in einem Briefe verstndigen, sagte er.

Das kann ich tun, erwiderte ich. Wenn ich auch gleich nach
meiner Ankunft nach einer viele Monate dauernden Abwesenheit wieder
fortgereist bin, wenn sie mich auch schon in den nchsten Tagen
erwarten, so werden sie doch einsehen, da ein lngerer Aufenthalt in
der Gesellschaft eines Mannes, zu welchem ich in einer Angelegenheit
wie die zwischen uns vorgefallene gereist bin, nur in der Natur der
Sache gegrndet ist. Sie wrden es weit bler nehmen, wenn ich unter
den bestehenden Verhltnissen nach Hause kme, als wenn ich noch eine
Weile bei euch bleibe.

Ich habe euch meine Frage und mein Anerbieten gestellt, antwortete
mein Gastfreund, handelt nach eurem besten Ermessen. Was ihr tut,
wird wohl das Rechte sein.

Ich schreibe sogleich den Brief.

Gut, und ich werde ihn sofort auf die Post senden.


Ich ging in meine Zimmer und schrieb einen Brief an den Vater. Es war
wohl das Rechte, was ich tat. Wie schwer wrden es mir Vater, Mutter
und Schwester verziehen haben, wenn ich mich nicht mit Freude an einen
Mann zu einer kurzen Reise angeschlossen htte, der so an unserm Hause
gehandelt hat.

Als ich mit dem Briefe fertig war, trug ich ihn hinab, und der Knecht,
der gewhnlich zu allen Botengngen verwendet wurde, wartete schon auf
ihn, um nebst anderen Auftrgen ihn an den Ort zu bringen, in welchem
er auf die Post kommen sollte.


Am anderen Tage, schon im Verlaufe des Vormittages, kamen Mathilde und
Natalie. Es schien, da allen die Ursache, weshalb ich, nachdem ich
schon Abschied genommen hatte, wieder in das Rosenhaus gekommen war,
Freude machte. Sie sahen mich freundlicher an. Selbst Natalie, die
mich so gemieden hatte, war anders. Ich glaubte einige Male, wenn ich
abgewendet war, ihren Blick auf mich gerichtet zu wissen, den sie aber
sogleich, wenn ich hinsah, weg wendete. Gustav schlo sich mit ganzem
Herzen an mich an und hatte darber kein Hehl. Ich wute schon, da
er mir immer seine Neigung in groem Mae zugewendet habe, und ich
erwiderte sie aus dem Grunde meiner Seele.

Nachmittags wurden die Vorbereitungen zur Reise gemacht, und am
anderen Morgen noch vor Aufgang der Sonne fuhren wir ab. Mit Mathilde
fuhren Natalie und ein Dienstmdchen, mit meinem Gastfreunde fuhren
Eustach, Gustav und ich. Mit Roland sollten wir irgend wo im Lande
zusammen treffen, er sollte eine Strecke mit uns reisen, und fr
diesen Fall war es dann bestimmt, da Gustav in dem Wagen der Mutter
untergebracht werden mute. Die eigentmliche Art des Hochlandes
erzeugte einen eigentmlichen Plan des Reisens. Wir hatten nehmlich
beschlossen, ber manchen steilen und lnger dauernden Berg hinan zu
gehen, ebenso ber manchen hinab. Dies sollte die ganze Gesellschaft
zuweilen zusammen bringen, zuweilen trennen. Man konnte auf diese Art
Manches gemeinschaftlich genieen, Manches vereinzelt, sich aber in
Krze davon Mitteilungen machen.

Ehe noch die Sonne den hchsten Punkt ihres Bogens erklommen hatte,
waren wir bereits die Dachung empor gekommen, welche das niedrere
Land von dem Hochlande trennt, und fuhren nun in das eigentliche Ziel
unserer Reise hinein.

Mein Gastfreund hatte Recht. In dem milden, sanften Schimmer der
Nachmittagsonne, die hier fast wrmer schien als in den Ebenen und
Tlern des Tieflandes, fuhren wir einem lieblichen Schauplatze
entgegen. Selbst untergeordnete Umstnde vereinigten sich, die Reise
angenehm zu machen. Die sandigen Straen des Oberlandes, welche auch
sehr gut gebaut waren, zeigten sich, ohne staubig zu sein, sehr
trocken, was von den Wegen in der Tiefe nicht gesagt werden konnte,
die teils durch die tglichen Morgennebel getrnkt, teils ihres
schweren Bodens halber schon in langen Strecken feucht, khl und
schmutzig waren. So rollten wir bequem dahin, alles war klar,
durchsichtig und ruhig. Nataliens gelber Reisestrohhut tauchte vor uns
auf oder verschwand, so wie ihr Wagen einen leichten Wall hinan ging
oder jenseits desselben hinab fuhr.

Die Sonne stand an dem wolkenlosen Himmel, aber schon tief gegen
Sden, gleichsam als wollte sie fr dieses Jahr Abschied nehmen. Die
letzte Kraft ihrer Strahlen glnzte noch um manches Gestein und um
die bunten Farben des Gestrippes an dem Gesteine. Die Felder waren
abgeerntet und umgepflgt, sie lagen kahl den Hgeln und Hngen
entlang, nur die grnen Tafeln der Wintersaaten leuchteten hervor.
Die Haustiere, des Sommerzwanges entledigt, der sie auf einen kleinen
Weidefleck gebannt hatte, gingen auf den Wiesen, um das nachsprossende
Gras zu genieen, oder gar auf den Saatfeldern umher. Die Wldchen,
die die unzhligen Hgel krnten, glnzten noch in dieser spten Zeit
des Jahres entweder goldgelb in dem unverlorenen Schmuck des Laubes
oder rtlich oder es zogen sich bunte Streifen durch das dunkle,
bergan klimmende Grn der Fhren empor. Und ber allem dem war doch
ein blasser, sanfter Hauch, der es milderte und ihm einen lieben
Reiz gab. Besonders gegen die Talrinnen oder Tiefen zu war die blaue
Farbe zart und schn. Aus diesem Dufte heraus leuchteten hie und
da entfernte Kirchtrme oder schimmerten einzelne weie Punkte von
Husern. Das Tiefland war von den Morgennebeln befreit, es lag sammt
dem Hochgebirge, das es gegen Sden begrenzte, berall sichtbar da
und sumte weithinstreichend das abgeschlossene Hgelgelnde, auf
dem wir fuhren, wie eine entfernte, duftige, schweigende Fabel. Von
Menschentreiben darin war kaum etwas zu sehen, nicht die Begrenzungen
der Felder, geschweige eine Wohnung, nur das blitzende Band des
Stromes war hie und da durch das Blau gezogen. Es war unsglich, wie
mir alles gefiel, es gefiel mir bei weitem mehr als frher, da ich
das erste Mal dieses Land mit meinem Gastfreunde genauer besah.
Ich tauchte meine ganze Seele in den holden Sptduft, der alles
umschleierte, ich senkte sie in die tiefen Einschnitte, an denen
wir gelegentlich hin fuhren, und bergab sie mit tiefem, innerem
Abschlusse der Ruhe und Stille, die um uns wartete.

Als wir einmal einen langen Berg empor klommen, dessen Weg einerseits
an kleinen Felsstcken, Gestrippe und Wiesen dahinging, andererseits
aber den Blick in eine Schlucht und jenseits derselben auf Berge,
Wiesen, Felder und entfernte Waldbnder gewhrte, als die Wgen voran
gingen und die ganze Gesellschaft langsam folgte, vielfach stehen
bleibend und sich besprechend, geriet ich neben Natalien, die mich,
nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, fragte, ob ich noch das
Spanische betreibe.

Ich antwortete ihr, da ich es erst seit Kurzem zu lernen begonnen
habe, da ich aber seit der Zeit immer darin fortgefahren sei und da
ich zuletzt mich an Calderon gewagt habe.

Sie sagte, von ihrer Mutter sei ihr das Spanische empfohlen worden.
Es gefalle ihr, sie werde nicht davon ablassen, so weit nehmlich ihre
Krfte darin ausreichen, und sie finde in dem Inhalte der spanischen
Schriften, besonders in der Einsamkeit der Romanzen, in den Pfaden der
Maultiertreiber und in den Schluchten und Bergen eine hnlichkeit mit
dem Lande, in dem wir reisen. Darum gefalle ihr das Spanische, weil
ihr dieses Land hier so gefalle. Sie wrde am liebsten, wenn es auf
sie ankme, in diesen Bergen wohnen.

Mir gefllt auch dieses Land, erwiderte ich, es gefllt mir mehr,
als ich je gedacht htte. Da ich zum ersten Male hier war, bte es auf
mich schier keinen Reiz aus, ja mit seinem raschen Wechsel und doch
mit der groen hnlichkeit aller Grnde stie es mich eher ab, als
es mich anzog. Da ich mit unserem Gastfreunde spter einmal einen
greren Teil bereiste, war es ganz anders, ich fand mich zu dieser
Weitsicht und Beschrnktheit, zu dieser Enge und Groartigkeit, zu
dieser Einfachheit und Mannigfaltigkeit hingeneigt. Ich fhlte mich
bewegt, obwohl ich an ganz andere Gestalten gewohnt war und sie
liebte, nehmlich an die des Hochgebirges. Heute aber gefllt mir
alles, was uns umgibt, es gefllt mir so, da ich es kaum zu sagen im
Stande bin.

Seht, das geht immer so, erwiderte sie. Als ich mit meinem Vater
zum ersten Male hier war, freilich befand ich mich noch in den
Kinderjahren, war mir das unaufhrliche Auf- und Abfahren so
unangenehm, da ich mich auf das uerste wieder in unsere Stadt und
in deren Ebenen zurck sehnte. Nach langer Zeit fuhr ich mit der
Mutter durch diese Gegenden und spter wiederholt in derselben
Gesellschaft wie heute, auer euch, und jedes Mal wurde mir das Land
und seine Gestaltungen, ja selbst seine Bewohner lieber. Auch das ist
eigentmlich und angenehm, da man Wagenreisen und Fureisen verbinden
kann. Wenn man, wie wir jetzt tun, die Wgen verlt und einen langen
Berg hinan geht oder ihn hinab geht, wird einem das Land bekannter,
als wenn man immer in dem Wagen bleibt. Es tritt nher an uns. Die
Gestruche an dem Wege, die Steinmauern, die sie hier so gerne um die
Felder legen, ein Birkenwldchen mit den kleinsten Dingen, die unter
seinen Stmmen wachsen, die Wiesen, die sich in eine Schlucht hinab
ziehen, und die Baumwipfel, welche aus der Schlucht herauf sehen, hat
man unmittelbar vor Augen. In Ebenen eilt man schnell vorbei. Hier ist
gerade so eine Schlucht, wie ich sprach.

Wir blieben ein Weilchen stehen und sahen in die Schlucht hinab. Beide
sprachen wir gar nichts. Endlich fragte ich sie, woher sie denn wisse,
da ich die spanische Sprache lerne.

Unser Gastfreund hat es uns gesagt, erwiderte sie, er hat uns auch
gesagt, da ihr Calderon leset.

Nach diesen Worten gingen wir weiter. Die andere Gesellschaft, welche
vor uns gewesen war, blieb im Gesprche stehen, und wir erreichten
sie. Die Gesprche wurden allgemeiner und betrafen meistens die
Gegenstnde, welche man eben, entweder in nchster Nhe oder in groer
Entfernung, sah.

Weil nach Untergang der Sonne gleich groe Khle eintrat und unsere
Reise nicht den Zweck hatte, groe Strecken zurck zu legen, sondern
das zu genieen, was die Zeit und der Weg boten, so wurde, als
die Sonne hinter den Waldsumen hinab sank, Halt gemacht und die
Nachtherberge bezogen. Die Einteilung war schon so gemacht worden, da
wir zu dieser Zeit in einem greren Orte eintrafen. Wir gingen noch
ins Freie. Wie schnell war in Kurzem der Schauplatz gendert! Die
belebende und frbende Sonne war verschwunden, alles stand einfarbiger
da, die Khle der Luft lie sich empfinden, in der Tiefe der
Wiesengrnde zogen sich sehr bald Nebelfden hin, das ferne
Hochgebirge stand scharf in der klaren Luft, whrend das Tiefland
verschwamm und Schleier wurde. Der Westhimmel war ber den dunkeln
Wldern hellgelb, manche Rauchsule stieg aus einer Wohnung gegen
ihn auf, und bald auch glnzte hie und da ein Stern, die feine
Mondessichel wurde ber den Zacken des westlichen Waldes sichtbar, um
in sie zu sinken.

Wir gingen nun in ein Zimmer, das fr uns geheizt worden war,
verzehrten dort unser Abendessen, blieben noch eine Zeit in Gesprchen
sitzen und begaben uns dann in unsere Schlafgemcher.

Am andere Tage war ein klarer Reif ber Wiesen und Felder. Die
Nebelfden unserer Umgebung waren verschwunden, alles lag scharf
und funkelnd da, nur das Tiefland war ein einziger wogender Nebel,
jenseits dessen das Hochgebirge deutlich mit seinen frischen und
sonnigen Schneefeldern dastand.

Kurz nach Aufgang der Sonne fuhren wir fort, und bald waren ihre
milden Strahlen zu spren. Wir empfanden sie, der Reif schmolz weg und
in Kurzem zeigte sich uns die Gegend wieder wie gestern.

Wir besuchten eine Kirche, in welcher mein Gastfreund Ausbesserungen
an alten Schnitzereien machen lie. Es war aber gerade jetzt nicht
viel zu sehen. Ein Teil der Gegenstnde war in das Rosenhaus
abgegangen, ein anderer war abgebrochen und lag zum Einpacken bereit.
Die Kirche war klein und sehr alt. Sie war in den ersten Anfngen
der gothischen Kunst gebaut. Ihre Abbildung befand sich unter den
Bauzeichnungen Eustachs. Als wir alles besehen hatten, fuhren wir
wieder weiter.

Nachmittags gesellte sich Roland zu uns. Er hatte uns in einem
Gasthause erwartet, in welchem unsere Pferde Futter bekamen.

Ich konnte, da wir uns eine Weile in dem Hause aufhielten, und spter
bei einer andern Gelegenheit, da wir eine Strecke zu Fu gingen,
wieder bemerken, da seine Blicke zuweilen auf Natalien hafteten.

Er hatte Zeichnungen in einem Buche, das er bei sich trug, und er
hatte Bemerkungen und Vorschlge in sein Gedenkbuch geschrieben. Er
teilte von beiden Einiges mit, soweit es die Reise gestattete, und
versprach, Abends, wenn wir in der Herberge angelangt sein wrden,
noch Mehreres vorzulegen.

Am nchsten Tage Nachmittags kamen wir nach Kerberg und besahen die
Kirche und den schnen geschnitzten Hochaltar. Mir gefiel er jetzt
viel besser, als da ich ihn in Gesellschaft meines Gastfreundes und
Eustachs zum ersten Male gesehen hatte. Ich begriff nicht, wie ich
damals mit so wenig Anteil vor diesem auerordentlichen Werke hatte
stehen knnen; denn auerordentlich erschien es mir trotz seiner
Fehler, die, wie ich wohl sah, in jedem Werke altdeutscher Kunst zu
finden sein wrden, die ich aber in dem Bildnerwerke, das auf der
Treppe meines Freundes stand, nicht fand. Wir blieben lange in der
Kirche, und ich wre gerne noch lnger geblieben. Vor der Ruhe,
dem Ernste, der Wrde und der Kindlichkeit dieses Werkes kam eine
Ehrfurcht, ja fast ein Schauer in mein Herz, und die Einfachheit der
Anlage bei dem groen Reichtume des Einzelnen beruhigte das Auge und
das Gemt. Wir sprachen ber das Werk, und aus dem Gesprche erkannte
ich jetzt recht deutlich, da frher auch vor diesem Werke die zwei
Mnner auf meine Unkenntnis Rcksicht genommen hatten, und ich dankte
es ihnen in meinem Herzen. Ich nahm mir vor, einmal von dieser
Schnitzarbeit ein genaues Abbild zu machen und es meinem Vater zu
bringen.

Ich uerte mich, wie schn, wie gro einmal die Kunst gewirkt habe
und wie dies jetzt anders geworden scheine.

Es sind in der Kunst viele Anfnge gemacht worden, sagte mein
Gastfreund. Wenn man die Werke betrachtet, die uns aus sehr alten
Zeiten berliefert worden sind, aus den Zeiten der gyptischen
Reiche, des assyrischen, medischen, persischen, der Reiche Indiens,
Kleinasiens, Griechenlands, Roms - Vieles wird noch erst in unsern
Zeiten aus der Erde zu Tage gefrdert, Vieles harrt noch der
zuknftigen Enthllung, wer wei, ob nicht sogar auch Amerika
Schtzenswertes verbirgt -, wenn man diese Werke betrachtet und wenn
man die besten Schriften liest, die ber die Entwicklung der Kunst
geschrieben worden sind: so sieht man, da die Menschen in der
Erschaffung einer Schpfung, die der des gttlichen Schpfers hnlich
sein soll - und das ist ja die Kunst, sie nimmt Teile, grere oder
kleinere, der Schpfung und ahmt sie nach -, immer in Anfngen
geblieben sind, sie sind gewissermaen Kinder, die nachffen. Wer hat
noch erst nur einen Grashalm so treu gemacht, wie sie auf der Wiese
zu Millionen wachsen, wer hat einen Stein, eine Wolke, ein Wasser,
ein Gebirge, die gelenkige Schnheit der Tiere, die Pracht der
menschlichen Glieder nachgebildet, da sie nicht hinter den Urbildern
wie schattenhafte Wesen stehen, und wer hat erst die Unendlichkeit des
Geistes darzustellen gewut, die schon in der Endlichkeit einzelner
Dinge liegt, in einem Sturme, im Gewitter, in der Fruchtbarkeit der
Erde mit ihren Winden, Wolkenzgen, in dem Erdballe selber und dann in
der Unendlichkeit des Alls? Oder wer hat nur diesen Geist zu fassen
gewut? Einige Vlker sind sinniger und inniger geworden, andere haben
ins Grere und Weitere gearbeitet, wieder andere haben den Umri mit
keuscher und reiner Seele aufgenommen und andere sind schlicht und
einfltig gewesen. Nicht ein Einzelnes von diesen ist die Kunst, alles
zusammen ist die Kunst, was da gewesen ist und was noch kommen wird.
Wir gleichen den Kindern auch darin, da, wenn sie ein Haus, eine
Kirche, einen Berg aus Erde nur entfernt hnlich ausgefhrt haben,
sie eine grere Freude darber empfinden, als wenn sie das um
Unvergleichliches schnere Haus, die schnere Kirche oder den
schneren Berg selbst ansehen. Wir haben ein innigeres und seres
Gefhl in unserem Wesen, wenn wir eine durch Kunst gebildete
Landschaft, Blumen oder einen Menschen sehen, als wenn diese
Gegenstnde in Wirklichkeit vor uns sind. Was die Kinder bewundern,
ist der Geist eines Kindes, der doch so viel in der Nachahmung
hervorgebracht hat, und was wir in der Kunst bewundern, ist, da der
Geist eines Menschen, uns gleichsam sinnlich greifbar, ein Gegenstand
unserer Liebe und Verehrung, wenn auch fehlerhaft, doch dem etwas
nachgeschaffen hat, den wir in unserer Vernunft zu fassen streben, den
wir nicht in den beschrnkten Kreis unserer Liebe ziehen knnen und
vor dem die Schauer der Anbetung und Demtigung in Anbetracht seiner
Majestt immer grer werden, je nher wir ihn erkennen. Darum ist die
Kunst ein Zweig der Religion, und darum hat sie ihre schnsten Tage
bei allen Vlkern im Dienste der Religion zugebracht. Wie weit sie
es in dem Nachschaffen bringen kann, vermag niemand zu wissen. Wenn
schne Anfnge da gewesen sind, wie zum Beispiele im Griechentume,
wenn sie wieder zurck gesunken sind, so kann man nicht sagen, die
Kunst sei zu Grunde gegangen; andere Anfnge werden wieder kommen, sie
werden ganz Anderes bilden, wenn ihnen gleich allen das Nehmliche zu
Grunde liegt und liegen wird, das Gttliche; und niemand kann sagen,
was in zehntausend, in hunderttausend Jahren, in Millionen von Jahren
oder in Hunderten von Billionen von Jahren sein wird, da niemand den
Plan des Schpfers mit dem menschlichen Geschlechte auf der Erde
kennt. Darum ist auch in der Kunst nichts ganz unschn, so lange es
noch ein Kunstwerk ist, das heit, so lange es das Gttliche nicht
verneint, sondern es auszudrcken strebt, und darum ist auch nichts in
ihr ohne Mglichkeit der bertreffung schn, weil es dann schon das
Gttliche selber wre, nicht ein Versuch des menschlichen Ausdruckes
desselben. Aus dem nehmlichen Grunde sind nicht alle Werke aus den
schnsten Zeiten gleich schn und nicht alle aus den verkommensten
oder rohesten gleich hlich. Was wre denn die Kunst, wenn die
Erhebung zu dem Gttlichen so leicht wre, wie gro oder klein auch
die Stufe der Erhebung sei, da sie Vielen, ohne innere Gre und
ohne Sammlung dieser Gre bis zum sichtlichen Zeichen, gelnge? Das
Gttliche mute nicht so gro sein, und die Kunst wrde uns nicht so
entzcken. Darum ist auch die Kunst so gro, weil es noch unzhlige
Erhebungen zum Gttlichen gibt, ohne da sie den Kunstausdruck finden,
Ergebung, Pflichttreue, das Gebet, Reinheit des Wandels, woran wir uns
auch erfreuen, ja woran die Freude den hchsten Gipfel erreichen kann,
ohne da sie doch Kunstgefhl wird. Sie kann etwas Hheres sein, sie
wird als Hchstes dem Unendlichen gegenber sogar Anbetung und ist
daher ernster und strenger als das Kunstgefhl, hat aber nicht das
Holde des Reizes desselben. Daher ist die Kunst nur mglich in einer
gewissen Beschrnkung, in der die Annherung zu dem Gttlichen von dem
Banne der Sinne umringt ist und gerade ihren Ausdruck in den Sinnen
findet. Darum hat nur der Mensch allein die Kunst, und wird sie haben,
so lange er ist, wie sehr die uerungen derselben auch wechseln
mgen. Es wre des hchsten Wunsches wrdig, wenn nach Abschlu
des Menschlichen ein Geist die gesammte Kunst des menschlichen
Geschlechtes von ihrem Entstehen bis zu ihrem Vergehen zusammenfassen
und berschauen drfte.

Mathilde antwortete hierauf mit Lcheln: Das wre ja im Groen, was
du jetzt im Kleinen tust, und es drfte hiezu eine ewige Zeit und ein
unendlicher Raum ntig sein.

Wer wei, wie es mit diesen Dingen ist, erwiderte mein Gastfreund,
und es wird hier wie berall gut sein: Ergebung, Vertrauen, Warten.


Eustach ffnete die Mappe, in welcher er die Zeichnung des Altares und
die Zeichnungen von Teilen der Kirche, von der Kirche selber und von
Gegenstnden hatte, die sich in der Kirche befanden.

Wir verglichen die Zeichnung mit dem Altare, es wurde Manches bemerkt,
Manches gelobt, Manches zur Verbesserung der Zeichnung vorgeschlagen.

Wir betrachteten auch die Kirche, wir betrachteten Teile derselben,
wir besahen Grabmler und unter ihnen auch den groen roten Stein, auf
welchem der Mann mit der hohen, schnen Stirne abgebildet ist, der die
Kirche und den Altar gegrndet hatte.

Wie blieben an diesem Tage in Kerberg. Wir stiegen auf den Berg, auf
welchem das alte Schlo lag, und sahen das Schlo und den in dem
tiefsten herbstlichen Zustande stehenden Garten an. Wir gingen auf den
Stellen, auf welchen die alten mchtigen und reichen Leute gegangen
waren, die einst hier gewohnt hatten, und auch der Mann, als dessen
Tat die Kirche in dem Tale steht.

Was alle diese Menschen getan haben, sagte mein Gastfreund, wre
zum Teile in den Papieren und Pergamenten enthalten, die in den
Schlssern und Husern dieses Landes und mitunter auch in entfernten
Stdten liegen. Einige wissen einen Teil dieser Taten, die meisten
sind damit vllig unbekannt, und diejenigen, welche auf den Spuren
herum gehen, die ihre Vorfahren getreten haben, wissen oft nicht, wer
diese gewesen sind. Es wre nicht unziemlich, wenn durch ffnung der
Briefgewlbe in allen Lndern auch Einzelgeschichten von Familien und
Gegenden verfat wrden, die unser Herz oft nher berhren und uns
greiflicher sind als die groen Geschichten der groen Reiche. Man
betritt wohl diesen Weg, aber vielleicht nicht ausreichend und nicht
in der rechten Art.

Von Kerberg aus wendeten wir uns am folgenden Tage den hher gelegenen
Teilen des Landes zu, das dichter und ausgebreiteter bewaldet war
als die bisher befahrenen Gegenden und von dem uns durch das Dmmer
des Vormittages die breiten und weithinziehenden Bergesrcken mit
Nadeldunkel und Buchenrot entgegen sahen.

Mein Gastfreund hatte Recht gehabt. Ein Tag wurde immer schner als
der andere. Nicht der geringste Nebel war auf der Erde, auf welcher
wir reiseten, nicht das geringste Wlkchen am Himmel, der sich ber
uns spannte. Die Sonne begleitete uns freundlich an jedem Tage,
und wenn sie schied, schien sie zu versprechen, morgen wieder so
freundlich zu erscheinen.

Roland blieb drei Tage bei uns, dann verlie er uns, nachdem er vorher
noch Zeichnungen und andere Papiere in den Wagen meines Gastfreundes
gepackt hatte. Er wollte noch bis zum Eintritte des schlechten Wetters
in dem Lande bleiben und dann in das Rosenhaus zurckkehren.

Alles war recht lieb und freundlich auf dieser Reise, die Gesprche
waren traulich und angenehm, und jedes Ding, eine kleine alte Kirche,
in der einst Glubige gebetet, eine Mauertrmmer auf einem Berge, wo
einst mchtige und gebietende Menschen gehaust hatten, ein Baum auf
einer Anhhe, der allein stand, ein Huschen an dem Wege, auf das die
Sonne schien, alles gewann einen eigentmlichen sanften Reiz und eine
Bedeutung.

Am achten Tage wandten wir unsere Wgen wieder gegen Sden, und am
neunten Abend trafen wir in dem Asperhofe ein.

Ehe ich mich zu meiner Heimreise rstete, sah ich noch einmal
Manches der herrlichen Bilder meines Gastfreundes, drckte manches
Auerordentliche der Bcher in meine Seele, sah die geliebten
Angesichter der Menschen, die mich umgaben, und sah manchen Blick der
Landschaft, die sich zu tiefem Ersterben rstete.

Mein Herz war gehoben und geschwellt, und es war, als breitete sich
in meinem Geiste die Frage aus, ob nun ein solches Vorgehen, ob
die Kunst, die Dichtung, die Wissenschaft das Leben umschreibe und
vollende, oder ob es noch ein Ferneres gbe, das es umschliee und es
mit weit grerem Glck erflle.



Der Einblick

Ich fuhr bei sehr schlechtem Wetter, welches mit Wind, Regen und
Schnee nach den hellen und sonnigen Tagen, die wir in dem Hochlande
zugebracht hatten, gefolgt war, von dem Rosenhause ab. Die Pferde
meines Gastfreundes brachten mich auf die erste Post, wo schon ein
Platz fr mich in dem in der Richtung nach meiner Heimat gehenden
Postwagen bestellt war. Mathilde und Natalie waren zwei Tage vor mir
abgereist, da sich schon die Zeichen an dem Himmel zeigten, da die
milden Tage fr dieses Jahr zu Ende gehen wrden. Roland war von
seiner Wanderung in dem Asperhofe eingetroffen. Alles hatte auf
strmische nderung in dem Luftraume hingedeutet. Ich wei nicht,
warum ich so lange geblieben war. Es erschien mir auch einerlei, ob
das Wetter bel sei oder nicht. Ich war von meinen Wanderungen her
an jedes Wetter gewohnt, um so mehr konnte mir dasselbe gleichgltig
sein, wenn ich in einem vollkommen geschtzten Wagen sa und auf einer
wohlgebauten Hauptstrae dahin rollte.

Am dritten Tage Mittags nach meiner Abreise von dem Rosenhause traf
ich bei den Meinigen ein. Die zweite Ankunft in diesem Jahre.

Sie hatten aus meinem Briefe die Versptung meiner Ankunft entnommen,
den Grund vollstndig gebilligt und wren, wie ich ganz richtig
vorausgesehen hatte, unwillig auf mich geworden, wenn ich anders
gehandelt htte. Ich erzhlte nun alles, was sich nach meiner
schnellen Abreise von Hause begeben hatte. Da bei meiner ersten
Ankunft gleich die eine Ursache zur Wiederabreise vorgekommen war,
so konnte ich auch jetzt erst nach und nach erzhlen, was sich im
vergangenen Sommer mit mir zugetragen habe. Der Vater kam sehr
hufig auf die Zeichnungen zurck, die ihm mein Gastfreund gesendet
hatte, und aus seinen Reden war zu entnehmen, wie sehr er die
Geschicklichkeit des Mannes anerkannte, der die Zeichnungen gemacht
hatte, und wie hoch in seiner Achtung der stehe, auf dessen
Veranlassung sie entstanden waren. Er fhrte mich neuerdings zu dem
Musikgerttische, zeigte mir noch einmal, warum er ihn gerade an
diesen Platz gestellt habe, und fragte mich wieder, ob ich mit der
Wahl des Ortes einverstanden sei. Mich wunderte Anfangs die Frage, da
er sonst nicht gewohnt war, mich in solchen Dingen zu Rate zu ziehen.
Nach meiner Ansicht war der Tisch in dem Altertumszimmer an dem
Fensterpfeiler in passender Umgebung sehr gut gestellt und zeigte
seine Eigenschaften in dem besten Lichte. Ich wiederholte daher meine
vollkommene Billigung des Platzes, die ich schon vor meiner Abreise
ausgesprochen hatte. Spter aber sah ich wohl recht deutlich, da es
nur die Freude an diesem Stcke war, was den Vater zur Wiederholung
der Frage ber die Zweckmigkeit des Platzes und zum wiederholten
Zurckkommen zu dem Tische veranlat hatte. Das freudige Wesen,
welches ich bei meiner ersten Ankunft in seiner ganzen Gestalt
ausgedrckt gesehen zu haben glaubte, erschien mir jetzt auch noch
ber ihn verbreitet. Selbst die Mutter und die Schwester schienen mir
vergngter zu sein als in andern Zeiten - ja mir war es, als liebten
mich alle mehr als sonst, so gut, so freundlich, so hingebend waren
sie. Wie sehr dieses Gefhl, von den Seinen geliebt zu sein, das Herz
beseligt, ist mit Worten nicht auszusprechen.

Ich erzhlte meinem Vater von dem Marmorbilde, welches auf der Treppe
im Hause meines Gastfreundes steht, und suchte ihm eine Beschreibung
von diesem Kunstwerke zu machen. Er sah mich sehr aufmerksam an, ja
mir war es einige Male, als she er mich gewissermaen betroffen
an. Er fragte um Manches und veranlate mich neuerdings von dem
Bilderwerke zu sprechen. Es schien ihn sehr angelegentlich zu
berhren.

Ich erzhlte ihm dann auch von der Brunnengestalt in dem Sternenhofe,
verglich sie mit der Treppengestalt im Rosenhause, suchte den
Unterschied hervorzuheben, und suchte fr die Treppengestalt weit den
Vorzug zu gewinnen, obgleich sie der lteren Zeit angehre und die
andere etwa erst im vergangenen Jahrhunderte verfertigt worden sei,
und obgleich diese fast blendend reinen Marmor habe, die andere aber
einen, dem man das hohe Alter schon ansehe. Er fragte auch hier noch
um Vergleichungspunkte, und ich sah, da er die Sache ergriff und
Einsicht von ihr hatte. Ich erzhlte ihm dann auch von den Gemlden
meines Gastfreundes, ich nannte ihm die Meister, von denen Werke
vorhanden wren, und bemhte mich, Beschreibungen von den Bildern zu
geben, welche mich am meisten in Anspruch genommen htten. Er tat auch
in dieser Hinsicht zahlreiche Fragen und machte, da ich mich ber
den Gegenstand weiter ausbreitete, als ich wohl ursprnglich im Sinne
hatte.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft, da wir wieder von diesen Dingen
gesprochen hatten, nahm er mich bei der Hand und fhrte mich in
sein Bilderzimmer. Ich war absichtlich seit meiner Ankunft nicht in
demselben gewesen und hatte mir dessen Besuch auf eine ruhigere Zeit
aufgehoben. Ich hatte die zwei Tage in Gesprchen mit meinen Eltern
hingebracht, zum Teile hatte ich sie auch bentzt, die Dinge, welche
ich ihnen und der Schwester gebracht hatte, zu bergeben. Darunter
waren auch die kleineren Marmorgegenstnde, welche im Rothmoore fertig
geworden waren. Der Rest der Zeit war mit Auspacken, Einrumen und
mit einigen Ankunftsbesuchen ausgefllt worden. Da wir in das Zimmer
getreten waren und die Mitte desselben erreicht hatten, lie er meine
Hand fahren, sagte aber nichts. Ich war im grten Erstaunen. Die
Bilder, welche vorhanden waren und deren Zahl geringe war, weit
geringer als bei meinem Gastfreunde, ja selbst im Sternenhofe,
erschienen mir als auerordentlich schn, als ganz vollendete,
zusammenstimmende Meisterwerke, wie sie, wenn ich dem ersten Eindrucke
trauen durfte, bei meinem Gastfreunde in dieser gleich hohen und
zusammengehrigen Schnheit nicht vorhanden waren. Es befand sich, wie
ich bald entdeckte, kein Bild der neueren oder neusten Zeit darunter,
smmtlich gehrten sie der lteren Zeit an, wenigstens, wie ich
wahrzunehmen glaubte, dem sechzehnten Jahrhunderte. Ein ganz tiefes,
eigentmliches Gefhl kam in meine Seele. Das ist die groe und nicht
zu beschreibende Liebe des Vaters. Diese kostbaren Dinge besa er, an
diesen Dingen hing sein Herz, sein Sohn war vorber gegangen, ohne sie
zu beachten, und der Vater entzog dem Sohne doch kein Teilchen der
Zuneigung, er opferte sich ihm, er opferte ihm fast sein Leben, er
sorgte fr ihn und suchte ihm nicht einmal zu beweisen, wie schn die
Sachen wren. Ich erfuhr, wie sehr ich auch hier geschont worden war.

Das sind ja herrliche Bilder, rief ich in Rhrung aus.

Ich glaube, da sie nicht unbedeutend sind, erwiderte er mit einer
durch Bewegung ergriffenen Stimme.

Dann gingen wir nher, um sie zu betrachten. Es waren in der Tat
lauter alte Gemlde, keines von besonders groen Abmessungen, keines
von kunstwidriger Kleinheit. Ich tat die Bemerkung, da er keine neuen
Bilder habe.

Es hat sich so gefgt, sagte er, ich habe schon einige der hier
befindlichen Stcke von deinem Grovater, der auch ein Freund von
solchen Dingen war, geerbt, und anderes habe ich gelegentlich
erworben.

Die mittelalterliche Kunst steht wohl hher als die neue. In ihr ist
ein grerer Reichtum schner Werke vorhanden als in der neuen, es ist
daher leichter mglich, ein fehlerfreies altes Bild zu erwerben als
ein neues. Wer Bilder unserer Zeiten liebt, gibt solche, die an
Schnheit keinen Tadel verdienen, nicht zum Kaufe, sie sind daher
nicht leicht zu erhalten. Bilder, die von Anfngern oder von solchen
herrhren, die schwach in der Kunst sind, stehen leicht und an vielen
Orten, teils von den Knstlern, teils von Hndlern, wie es auch in
frheren Zeiten gewesen sein wird, zum Kaufen. Zu diesen konnte ich
nie eine Neigung fassen, daher ist es gekommen, da ich lauter alte
Bilder besitze. Es war ein krftiges und gewaltiges Geschlecht, das
damals wirkte. Dann kam eine schwchliche und entartetere Zeit.
Sie meinte es besser zu machen, wenn sie die Gestalten reicher und
verblasener bildete, wenn sie heftiger in der Farbe und weniger tief
im Schatten wrde. Sie lernte das Alte nach und nach miachten, daher
lie sie dasselbe verfallen, ja die mit der Unkenntnis eintretende
Rohheit zerstrte Manches, besonders wenn wilde und verworrene
Zeitlufe eintraten. Man wendete dann wieder um und achtete
allgemeiner wieder das Alte - von allen Seiten miachtet war es
niemals. - Man suchte sogar nachzuahmen, nicht blo in der Malerkunst,
sondern auch, und zwar noch mehr in der Baukunst; man konnte aber das
Vorbild weder in der Grundeinheit noch in der Ausfhrung erreichen, so
gut und treu die neuen Einzelnheiten auch gewesen sein mochten. Es ist
langsam besser geworden, was sich eben in dem Zeichen kund tat, da
man alte Bauwerke wieder schtzte - ich selber wei noch eine Zeit,
in welcher Reisende und Schriftsteller, die man fr gelehrt und
spruchberechtigt achtete, die gothische Bauweise fr barbarisch und
veraltet erklrten -, da man alte Bilder hervor zog, ja alte Gerte
sammelte und in dem Schnitte der Kleider alte Gebilde und Wendungen
teilweise einfhrte. Mge man auf diesem Wege zum Besseren fortfahren
und nicht blo das Alte wieder zu einer Mode machen, die den Geist
nicht kennt, sondern nur die Vernderung liebt. Du kannst es noch
erleben, wenn wieder eine Hhe eintritt; denn ein Schwellen von Tiefe
in Hhe und ein Sinken aus der Hhe in die Tiefe war immer vorhanden.
Wenn die Erkenntnis des Altertums, nicht blo des unsern, sondern
des noch schnern des Griechentums, wie es sich jetzt auszusprechen
scheint, immer fortschreitet und nicht ermattet, so werden wir auch
dahin kommen, da wir eigene Werke werden ersinnen knnen, in denen
die ernste Schnheitsmuse steht, nicht Leidenschaft oder Absicht oder
ein uerlicher Reiz oder ledigliche planlose Heftigkeit, Werke, die
nicht nachgeahmt sind oder in denen nur ein lterer Stil ausgedrckt
ist. Wenn wir dahin gekommen sind, dann drften wir wohl auch
gesellschaftlich auf einer Stufe stehen, da nicht blo Teile unseres
Volkes nach Auen mchtig sind, sondern das ganze Volk, und da es
dann mit seinem Leben gelassen krftig auf das Leben anderer Vlker
wirkt. Ich denke immer, die sind glcklich, die die Lerchen dieses
Frhlings singen hren; aber diese werden den Zustand nicht so
empfinden wie der, der andere gesehen hat, so wie der Unschuldige
seine Unschuld nicht empfindet, der rechtliche Mann seine
Rechtschaffenheit nicht hoch anschlgt und verdorbene Zeiten ihre
Verdorbenheit nicht kennen.

Ich dachte, da mein Vater so sprach, an meinen Gastfreund, der hnlich
fhlt und sich hnlich ausspricht. Aber es ist ja kein Wunder, da
Mnner, die ein hnliches Streben haben, also auch hnlichen Geist
besitzen, auf hnliche Gedanken kommen, besonders, wenn sie an Alter
nicht zu verschieden sind.

Wie betrachteten nun das Einzelne.

Mein Vater hatte Bilder von Tizian, Guido Reni, Paul Veronese,
Annibale Carracci, Dominichino, Salvator Rosa, Nikolaus Poussin,
Claude Lorrain, Albrecht Drer, den beiden Holbein, Lucas Cranach, Van
Dyck, Rembrandt, Ostade, Potter, van der Neer, Wouvermann und Jakob
Ruisdael. Wir gingen von dem einen zu dem andern, betrachteten ein
jedes, taten manches Bild auf die Staffelei und redeten ber ein
jedes. Mein Herz war voll Freude. Es erschien mir jetzt immer
deutlicher, was ich beim ersten Anblicke nur vermutet hatte, da die
Bilder in dem Gemldezimmer meines Vaters lauter vorzgliche seien,
und da sie noch dazu an Wert so sehr zusammen stimmten, da das Ganze
eben den Eindruck eines Auerordentlichen machte. Ich hatte schon so
viel Urteil gewonnen, da ich dachte, nicht gar zu weit mehr in die
Irre geraten zu knnen. Ich uerte mich in dieser Beziehung gegen
meinen Vater, und er versicherte in der Tat, da er glaube, da er
nicht nur gute Meister besitze, sondern auch von diesen Meistern
nach seiner Erfahrung, die er sich in vielen Jahren, in vielen
Gemldesammlungen und im Lesen vieler Werke ber Kunst erworben habe,
bessere von ihren Arbeiten. Ich gab mich den Bildern immer inniger
hin und konnte mich von manchem kaum trennen. Das Kpfchen von einem
jungen Mdchen, das ich mir einmal zu einem Zeichnungsmuster genommen
hatte, stammte von Hans Holbein dem Jngern her. Es war so zart, so
lieb, da es jetzt auch wieder einen Zauber auf mich ausbte, wie es
wohl auch damals ausgebt haben mute; denn sonst htte ich es ja
nicht zum Vorbilde genommen. Kaum waren hier Mittel zu entdecken, mit
denen der Knstler gewirkt hatte. Eine so einfache, so natrliche
Frbung mit wenig Glanz und Vortreten der Farben, so gering scheinende
harmlose Linien und doch eine solche Lieblichkeit, Reinheit,
Bescheidenheit, da man kaum weggehen konnte. Die blonden Haare, die
sich von der Stirn gegen hinten zogen, waren fast mit keinem Aufwande
gemacht, und doch konnte es kaum etwas Schneres geben als diese
blonden Locken. Der Vater erlaubte, da ich mir das Bild zweimal auf
die Staffelei stellen durfte.

Als wir mit dem Anschauen der Bilder fertig waren, zog der Vater eine
flache Lade aus einem Kasten in dem Altertumszimmer, stellte die Lade
auf einen Tisch in der Nhe des Fensters und lud mich ein, hinzu zu
gehen und seine geschnittenen Steine anzusehen.

Ich tat es.

Hier war meine Verwunderung fast noch grer als bei den Bildern. Ich
fand auf den Steinen die Gestalten wieder, wie die eine war, welche
auf der Treppe des Hauses meines Gastfreundes stand.

Das sind lauter antike Bildungen, sagte mein Vater.

Es waren verschiedene Steine von verschiedenem Werte und verschiedener
Gre. Edelsteine, die durch ihren Stoff einen hohen Wert nach unsern
heutigen Begriffen haben, wie Saphire, Rubine, waren nicht dabei;
doch aber mindere, die wohl als Schmuck getragen werden knnen, und,
wie ich mich jetzt deutlich erinnerte, von unserer Mutter auch bei
Gelegenheiten getragen wurden. Es war ein Onyx da, auf welchem eine
Gruppe in der gewhnlichen halb erhabenen Arbeit geschnitten war.
Ein Mann sa in einem altertmlichen Stuhle. Er hatte nur geringe
Bekleidung. Seine Arme ruhten sehr schlicht an seiner Seite und sein
feines Angesicht war nur ein wenig gehoben. Er war noch ein sehr
junger Mann. Frauen, Mdchen, Jnglinge standen seitwrts in
leichterer Arbeit und weniger krftig hervorgehoben, eine Gttin hielt
einen Kranz oberhalb des Hauptes des sitzenden Mannes. Mein Vater
sagte, das sei sein bester wie grter Stein und der sitzende Mann
drfte Augustus sein. Wenigstens stimme sein Halbangesicht, wie es auf
dem Steine sei, mit jenen Halbangesichtern Augustus' zusammen, die man
auf den gut erhaltenen Mnzen dieses Mannes sehe. Die Gestalt, die
Gliederung, die Haltung dieses Mannes, die Gestalten der Mdchen,
Frauen und Jnglinge, ihre Bekleidung, ihre Stellungen in Ruhe und
Einfachheit, die deutliche und naturgeme Ausfhrung der kleinen
Teile in den Gliedern und Gewndern machten auf mich wieder jene
ernste, tiefe, fremde, zauberartige Wirkung, welche die Gestalt auf
der Treppe in dem Hause meines Gastfreundes in mir hervorgebracht
hatte, da ich im vergangenen Sommer whrend des Gewitters zu ihr empor
gestiegen war. Auf den andern Steinen befanden sich Mnner in Helmen,
entweder schne junge Angesichter oder alte mit ehrwrdigen Brten.
Solche, die in mittleren Mannesjahren standen, waren gar nicht
vorhanden. Auch Frauenkpfe waren auf einigen Steinen zu sehen. Auf
mehreren zeigten sich ganze Gestalten, ein Hermes mit den Flgeln an
den Fen, ein schreitender Jngling oder einer, der mit dem Arme zum
Wurfe mit einem Steine ausholt. Diese Gestalten waren so genau und
richtig, da sie das Vergrerungsglas ertrugen. Steine mit andern
Dingen als menschliche Gestalten hatte mein Vater gar nicht. Ich
erinnerte mich, da ich irgendwo - des Ortes, konnte ich mich nicht
mehr entsinnen - Kfer auf Steine geschnitten gesehen hatte.

Ich habe die Steine mit menschlichen Gestalten vorgezogen, sagte
mein Vater, als ich in dieser Hinsicht eine Bemerkung machte, weil
sie mir doch dasjenige schienen, was zu dem Menschen in der nchsten
Beziehung steht. Ich bin nicht reich genug, eine groe Sammlung von
geschnittenen Steinen anlegen zu knnen, in welcher alle Gattungen
enthalten sind, so fern man berhaupt Gelegenheit hat, sie zu kaufen,
und weil ich das nicht konnte, so habe ich mich lediglich auf
menschliche Gestalten beschrnkt und unter diesen wieder auf jene,
deren Erwerb mir ohne Einflu auf mein Hauswesen mglich war; denn
es gibt da Kunstwerke in diesem Fache, welche ein ganzes Vermgen
in Anspruch nehmen, von dessen Rente manche kleine Familie, deren
Ansprche nicht zu bedeutend sind, leben knnte.

Die Mnner in den Helmen trugen diese Kopfbedeckung in der
gewhnlichen Art, wie man sie auf den alten Mnzen sieht und wie ich
sie schon auf Abbildungen von Kunstwerken in halberhabener Arbeit
gesehen habe, die sich auf griechischen oder rmischen Bauten
befanden. Die einfache Art, den Helm zu tragen, wenn er auch eine noch
so kostbare Arbeit ist, habe ich an Abbildungen aus spteren Zeiten,
namentlich aus dem Mittelalter, nicht mehr gefunden. Die Angesichter
hatten Zge, die etwas Fremdes wiesen, das jetzt nicht mehr vorkmmt
und auf eine entlegene Zeit zurckdeutet. Die Zge waren meistens
einfach, ja sogar oft unbegreiflich einfach, und doch waren sie schn,
schner und menschlich richtiger - so schien es mir wenigstens -
als sie jetzt vorkommen. Die Stirnen, die Nasen, die Lippen waren
strenger, ungeknstelter und schienen der Ursprnglichkeit der
menschlichen Gestalt nher. Dies war selbst bei den Abbildungen der
Greise der Fall und sogar da, wo man vermuten durfte, das abgebildete
Haupt sei das Bildnis eines Menschen, der wirklich gelebt hat. Es
konnte diese Gestaltung nicht Eingebung des Knstlers sein, da
offenbar die Steine verschiedenen Zeiten und verschiedenen Meistern
angehrten; sie mute also Eigentum jener Vergangenheit gewesen sein.
Die Kpfe der Frauen waren auch schn, oft berraschend schn; sie
hatten aber auch etwas Eigentmliches, das sich von unsern gewohnten
Vorstellungen entfernte, sei es in der Art, das Haupthaar aufzustecken
und es zu tragen, sei es, wie sich Stirne und Nase zeigten, sei es im
Nacken, im Halse, im Beginne der Brust oder der Arme, wenn diese Teile
noch auf dem Bilde waren, sei es in dem uns fernliegenden Ganzen.
Allgemein aber waren diese Kpfe krftiger und erinnerten mehr an die
Mnnlichkeit als die unserer heutigen Frauen. Sie erschienen dadurch
reizender und ehrfurchterweckender. Die Ausfhrung dieser Abbildungen
zeigte sich so rein, so entwickelt und folgerichtig, da man nirgends,
auch nicht im Kleinsten, versucht wurde, zu denken, da etwas fehle,
ja da man im Gegenteile die Gebilde wie Naturnotwendigkeiten ansah
und da einem in der Erinnerung an sptere Werke war, diese seien
kindliche Anfnge und Versuche. Die Knstler haben also groe und
einfache Schnheitsbegriffe gehabt, sie haben sich diese aus der
Schnheit ihrer Umgebung genommen und diese Schnheit der Umgebung
durch ihre Schnheitsbegriffe wieder verschnert. So sehr mir die
Bilder des Vaters gefielen, so sehr mir die Bilder meines Gastfreundes
gefallen hatten, so sehr wurde ich, wie ich durch die Marmorgestalt
meines Gastfreundes ernster und hher gestimmt worden war als durch
seine Bilder, auch durch die geschnittenen Steine meines Vaters
ernster und hher gestimmt als durch seine Bilder. Er mute das
fhlen. Er sagte nach einer Weile, da wir die Steine angeschaut
hatten, da ich mich in dieselben vertieft und manchen mehrere Male in
meine Hnde genommen hatte: Das, was die Griechen in der Bildnerei
geschaffen haben, ist das Schnste, welches auf der Welt besteht,
nichts kann ihm in andern Knsten und in spteren Zeiten an
Einfachheit, Gre und Richtigkeit an die Seite gesetzt werden, es
wre denn in der Musik, in der wir in der Tat einzelne Satzstcke und
vielleicht ganze Werke haben, die der antiken Schlichtheit und Gre
verglichen werden knnen. Das haben aber Menschen hervorgebracht,
deren Lebensbildung auch einfach und antik gewesen ist, ich will nur
Bach, Hndel, Haydn, Mozart nennen. Es ist sehr schade, da von der
griechischen Malerei nichts brig geblieben ist als Teile von dem, was
in dieser Kunst immer als ein untergeordneter Zweig betrachtet worden
ist, von der Wandmalerei und Gebudeverzierung. Da die griechische
Dichtkunst das Hchste ist, was in dieser Kunstabteilung besteht,
da ihre Baukunst als Muster einfacher Schnheit, besonders fr die
Gestaltung ihres Landes, gilt, da ihre Geschichtschreiber und Redner
kaum ihresgleichen haben, so ist anzunehmen, da ihre Malerei auch
diesen Dingen gleichgeartet gewesen sein msse. Sie sprechen in
Schriften, die bis auf unsere Tage gekommen sind, von ihren Bauwerken,
von ihrer Weltweisheit, Geschichtschreibung, Dichtkunst und
Bildnerkunst nicht hher als von ihrer Malerei, ja nicht selten
scheint es, als zgen sie diese noch vor, also mu auch sie vom
hchsten Belange gewesen sein; denn es ist nicht anzunehmen, da
Schriftsteller, die doch endlich der Ausdruck, wenn auch der gehobenen
ihrer Zeit und ihres Volkes sind, so feine Kenntnisse und so feines
Gefhl in andern Knsten gehabt haben und fr Fehler der Malerei blind
gewesen wren. Wahrscheinlich wrden wir uns an Strenge und Rundung
in ihrer Malerei ergtzen und sie bewundern, wie wir es mit ihren
Bildsulen tun. Ob wir an ihnen fr unsere Malerei etwas lernen
knnten, wei ich nicht, so wie ich nicht wei, wie viel es ist, was
wir an ihrer Bildhauerei gelernt haben.

Diese Steine sind durch viele Jahre mein Vergngen gewesen. Oft in
trben Stunden, wenn Sorgen und Zweifel das Leben seines Duftes
beraubten und es drr vor mich hinzubreiten schienen, bin ich zu
dieser Sammlung gegangen, habe diese Gestalten angeschaut, bin in
eine andere Zeit und in eine andere Welt versetzt worden und bin ein
anderer Mensch geworden.


Ich sah meinen Vater an. Hatte ich frher schon oft Gelegenheit
gehabt, ihn hoch zu achten, und hatte ich zu verschiedenen Zeiten
entdeckt, da er bedeutendere Eigenschaften besitze, als ich geahnt
hatte, so war ich doch nie in der Lage, ihn beurteilen zu knnen, wie
ich ihn jetzt beurteilte. In Geschfte der eintnigsten Art gezwungen
oder vielleicht selber und freiwillig in diese Geschfte gegangen -
denn er fhrte sie mit einer Ordnung, mit einer Rechtlichkeit, mit
einer Ausdauer, mit einer Anhnglichkeit an sie, da man staunen
mute -, hatte er, der unscheinbar seinen brgerlichen Obliegenheiten
nachkam und von dem Viele nur glauben mochten, da er in seinem Hause
einige Spielereien von alten Gerten, Bildern und Bchern habe,
vielleicht einen tieferen und einsameren Kreis um sich gezogen, als
ich jetzt noch erkennen konnte, und hatte ohne Anspruch an diesem
Kreise fort gebaut. Ich empfand Ehrfurcht vor ihm und fragte ihn, ob
er die Schriftsteller, von denen er spreche, griechisch gelesen habe.

Wie knnte ich sie denn anders gelesen haben und noch lesen, wenn ich
sie lieben soll, antwortete er, die alte vorchristliche Welt hat so
ganz andere Vorstellungen als die unsere, die Vlkerwanderung hat so
sehr einen Abschnitt in der Geschichte gemacht, da die Werke der
vorher gewesenen Vlker gar nicht bersetzt werden knnen, weil
unsere Sprachen in ihrem Krper und in ihrem Geiste auf die alten
Vorstellungen nicht passen. Im Lesen in ihrer Sprache und in ihren
Dichtungen und Geschichten wird man nach und nach einer von ihnen und
lernt ihre Art beurteilen, was man sonst nie mehr kann. In unsern
Schulen lernen wir ja rmisch und griechisch, und wenn man in der
Zeit nach der Schule noch etwas nachhilft und fleiig in den alten
Schriften liest, so fgt sich die Sache ohne Mhe und gelingt
leichter, als man etwa das Franzsische, Italienische oder Englische
lernt, wie es ja jetzt die meisten Leute tun.

Du hast ja aber auch diese Sprachen gelernt, sagte ich.

Wie sie auch andere lernen, antwortete er, und wie es mein Stand
forderte.

Ich habe es bis heute nicht gewut, da du in den alten Sprachen
Bcher liesest, sagte ich, und was noch mehr ist, da du dich in
die Dichtkunst, in die Geschichte und Weltweisheit der Vlker, deren
Schriften du liesest, vertiefest. Du weit, da wir uns nie anmaten,
die Bcher zu untersuchen, in denen du liesest.

Es war keine Ursache vorhanden, dir zu erzhlen, was ich lese,
antwortete er, ich dachte, es wird sich schon geben. Deine Mutter
wute es wohl.

Die Hochachtung fr den Vater, der ohne Aufheben mehr war, als der
Sohn geahnt hatte, und der geduldig auf den Sohn gewartet hatte, ob
er auf dem Wege zu ihm stoen werde, war nicht die einzige Frucht
dieses Tages. Ich empfand recht wohl, da der Vater auch mich hher
achtete und da er eine groe Freude habe, da der Sohn nun auch in
Kunstdingen sich ihm nhere. Da wir in einigen wissenschaftlichen
Sachen zusammen trafen, wute ich wohl, da wir ber Gegenstnde der
Geschichte, der Dichtungen und ber andere in jngster Zeit manchmal
gesprochen hatten.

Ich wute aber nie, in wie ferne und auf welchen Wegen der Vater zu
diesen Dingen gekommen war. Heute hatte ich einen groem Einblick
getan, und ich wute nun auch gar nicht, welch eine geregelte
wissenschaftliche Bildung der Vater aus seinen frheren Jahren hinter
sich habe und ob es nicht etwa gar aus dieser wissenschaftlichen
Bildung herzuschreiben sei, da er mich gerade meinen Weg habe gehen
lassen, der mir selber zuweilen abenteuerlich vorgekommen war. Ich
mute jetzt doppelt wnschen, da mein Vater einmal mit meinem
Gastfreunde zusammen kme, um mit ihm ber hnliche Gegenstnde zu
sprechen, wie er heute zu mir gesprochen hatte. Ich konnte doch nicht
hinreichend eingehen und wute auch nicht, in wie ferne er in seinen
Urteilen ber altgriechische Bildnerkunst, Dichtkunst, Malerei und
ber die neuere Musik Recht habe. Allein der Vater arbeitete so
ruhig in seinem Berufsgeschfte weiter, er war in alle Einzelheiten
desselben so vertieft und sorgte fr den regelmigen Fortgang
desselben, da es nicht leicht zu erwarten war, da er sich zu einer
Reise entschlieen wrde.

Gegen das Ende unseres Gesprches kam auch die Mutter und Klotilde
herein. Das Angesicht der Mutter wurde sehr heiter, als sie uns bei
den Steinen stehen sah, als sie sah, da der Vater sie mir zeigte
und erklrte, und als sie auch erkennen mochte, da in dem Wesen des
Vaters eine Freude sei, und da die Annherung, die sie geahnt habe,
wirklich eingetreten sei.

Wir gingen noch einige Male bald in das Bilderzimmer, bald in das
Altertumszimmer, in welchem noch immer die Lade mit den Steinen auf
dem Tische stand, und redeten ber Verschiedenes.

Diese Kunstwerke, sagte der Vater, da er die Steine wieder
verschlossen hatte und da wir uns aus diesem Zimmer entfernten,
knnt ihr in euren Besitz bringen. Wenn ihr Sinn und tiefe Liebe fr
dieselben habet, so werdet ihr sie nach unserem Tode in einer von mir
gemachten und, wie ich glaube, gerechten Teilung empfangen. Sterbe
ich vor eurer Mutter, so bleiben sie als Denkmal unseres friedlichen
Hauses in der Lage, in der sie jetzt sind, und sie werden euch erst
eingehndigt, wenn mir auch die Mutter gefolgt ist. Will Klotilde dir
ihren Anteil abtreten, so ist die Summe schon bestimmt, welche du ihr
dafr geben mut, und so auch umgekehrt. Ist bei beiden nach unserm
Absterben eine solche Liebe zu diesen Bildern und Steinen nicht
vorhanden, da ihr sie unzersplittert bewahret, so ist schon bestimmt,
da auf eure hierin eingeholte Erklrung dieselben gegen ein Entgelt,
das nicht unbillig ist, an einen Ort bergehen, an welchem sie
beisammen bleiben. Ich glaube aber wohl, da diese Neigung in unserm
Hause fortdauern werde.

Wir antworteten auf diese Rede nichts, weil sie einen Gegenstand
berhrte, der, wie entfernt wir ihn uns auch denken muten, doch
schmerzlich auf uns einwirkte.

Ich verlegte mich nach dieser gemachten Erfahrung mit noch grerem
Eifer auf die Kenntnis der Werke der bildenden Kunst. Ich lernte mich
in die Bilder des Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten hinein und
war zu diesem Zwecke sehr oft und zuweilen lange in dem Bilderzimmer,
ich besuchte alle greren zugnglichen Sammlungen und suchte deren
Bilder zu ergrnden, ich besah alle Bildnerwerke, die in unserer
Stadt einen Ruf hatten, und strebte nach einer genauen Kenntnis ihrer
Beschaffenheiten, ich las endlich namhafte Werke ber die Kunst und
verglich meine Gedanken und Gefhle mit den in den Bchern gefundenen.
Ich sprach viel mit meinem Vater ber diese Gegenstnde, wir nherten
uns immer mehr, meine Empfindungen wurden stets inniger, und ich
versenkte meine Seele in sie. Unsern Erzdom bewunderte ich jetzt in
einem hheren Mae als in allen frheren Zeiten, und ich stand manche
Stunde vor seinem ungeheuren Baue. Selbst die Gebilde der Mathematik,
wenn ich wieder zu Zeiten etwas in ihr zu tun hatte, erschienen
mir zuweilen schn und zierlich, was mir namentlich bei einigen
franzsischen Mathematikern geschah. Das Malen schner Kpfe setzte
ich fort und eben so wurde das Zeichnen und Malen von Landschaften,
welches ich im vorigen Jahre mit der Schwester begonnen hatte, nicht
bei Seite gesetzt. Ich nahm mit ihr die Zeichnungen vor, welche sie im
vergangenen Sommer whrend meiner Abwesenheit gemacht hatte, und so
wie ich von meinem Gastfreunde, von Eustach und von dem Vater ber die
Fehler belehrt worden war, die sich in meinen Landschaftsversuchen
befanden, so belehrte ich Klotilden wieder ber die ihrigen.

Seit ich Mathilden kannte, besonders aber jetzt, nachdem ich fter in
ihrer Gesellschaft gewesen war und im Sptherbste die Reise mir ihr
und den andern in das Hochland gemacht hatte, war ich auch auf die
Angesichter ltlicher und alter Frauen aufmerksam geworden. Man tut
sehr Unrecht, und ich bin mir bewut, da ich es auch getan habe, und
gewi handeln andere Leute in ihrer Jugend ebenfalls so, wenn man die
Angesichter von Frauen und Mdchen, sobald sie ein gewisses Alter
erreicht haben, sofort beseitigt und sie fr etwas hlt, das die
Betrachtung nicht mehr lohnt. Ich fing jetzt zu denken an, da es
anders sei. Die groe Schnheit und Jugend reit unsere Aufmerksamkeit
hin und erregt ein tiefstes Gefallen; warum sollten wir aber mit
dem Geiste nicht auch ein Angesicht betrachten, ber welches Jahre
hingegangen sind? Liegt nicht eine Geschichte darin, oft eine
unbekannte voll Schmerzen oder Schnheit, die ihren Widerschein auf
die Zge giet, da wir sie mit Rhrung lesen oder ahnen? Die Jugend
weist auf die Zukunft hin, das Alter erzhlt von einer Vergangenheit.
Hat diese kein Recht auf unsern Anteil? Als ich Mathilden das erste
Mal sah, fiel mir das Bild der verblhenden Rose ein, welches mein
Gastfreund von ihr gebraucht hatte, es fiel mir ein, weil ich es
so treffend fand; und spter oft, wenn ich Mathilden betrachtete,
gesellte sich das Bild wieder zu meinen Gedanken, es erregten sich
neue und es erzeugte sich eine ganze Folge davon. Ich hatte mir einmal
gedacht, da Mathilde aussehe wie ein Bild der Vergebung, und spter
dachte ich es mir fter. Ihr Angesicht mute sehr schn gewesen sein,
vielleicht gar so schn wie jetzt Nataliens, nun ist es ganz anders;
aber es spricht leise von einer Vergangenheit, da wir meinen, wir
mten sie vernehmen knnen, und wir vernhmen sie auch gerne, weil
sie uns so anziehend scheint. Sie mu manche Neigungen gehabt haben,
sie mu manche Freuden erlebt und manches Gut verloren haben, sie hat
Schmerzen und Kummer ertragen; aber sie hat alles Gott geopfert und
hat gesucht, mit sich in das Gleiche zu kommen, sie ist mit den
Menschen gut gewesen, und jetzt ist sie in tiefem Glcke, mit manchem
unerfllten Wunsche und mit mancher kleinern und grern Sorge, die
sie sinnen macht. Als ich einen Mann sagen gehrt hatte, da die
Frstin, in deren Abendgesellschaften ich zuweilen sein durfte, so
schne Tne in dem Angesichte habe, da sie nur Rembrandt zu malen
im Stande wre, wurde ich nicht blo auf die Frstin noch mehr
aufmerksam, die in ihrem hohen Alter noch so schn war, sondern ich
betrachtete auch Mathilden wieder genauer und lernte die Schnheit,
wenn schon manche Jahre ber sie gegangen sind, besser kennen.
Ich fing nun an, Mnner und Frauen, die in hherem Alter sind, zu
betrachten und sie um die Bedeutung ihrer Zge zu erforschen. Dabei
fielen mir die Greisenkpfe auf den Steinen meines Vaters ein. Ich
betrachtete die Steine fter, da mir der Zugang zu denselben erlaubt
war, und verglich die Kpfe, die sich auf ihnen befanden, mit
denjenigen, die mir in dem jetzt lebenden Geschlechte aufstieen.
Beide Arten waren wirklich nicht mit einander vergleichbar und es
zeigten sich in ihnen die Verschiedenheiten menschlicher Geschlechter.
Das Antlitz der Frstin erschien mir nun um vieles schner als in der
frheren Zeit, da ich aber nicht auf den Wunsch geriet, es malen zu
wollen, also noch weniger dem Wunsche einen Ausdruck gab, begreift
sich. In den Angesichtern der Manchen, welche ich jetzt eifriger
betrachtete, fand ich freilich oft etwas, das mir nicht gefiel, sei
es Neid, sei es irgend eine Begierlichkeit, sei es bloe Abgelebtheit
oder Geistlosigkeit, sei es etwas Anderes, ich stellte bei solchen
Gelegenheiten meine Betrachtung bald ein und hegte nicht den Wunsch,
das Gesehene zu malen. Seit ich Gustav besser kennen gelernt hatte und
nher mit ihm befreundet worden war, betrachtete ich auch gerne Kpfe
von Jnglingen, ob sie nicht Gegenstnde zum Malen abgben. Wenn
gleich sein Angesicht ebenfalls nicht jenen schnen und einfachen
Angesichtern auf den Steinen meines Vaters glich, die besonders edel
und merkwrdig aus den Helmen heraus sahen, so war es ihnen doch nher
als alle andern, welche ich jetzt zu erblicken Gelegenheit hatte, und
war berhaupt so schn, wie es selten einen Kopf eines Knaben geben
wird, der eben in das Jnglingsalter bertritt.

Wenn der Ausdruck der Mienen der Jnglinge unserer Stadt oft darauf
hinwies, da ihr Geist verzogen worden sein mag, wenn sie etwas
Weichliches oder etwas zu sehr Herausforderndes oder etwas hatten, das
schon ber ihre Jahre hinausging, ohne doch Kraft zu zeigen, so war
Gustavs Antlitz so krftig, da es vor Gesundheit zu schwellen schien,
es war so einfach, da es gleichsam keinen Wunsch, keine Sorge, kein
Leiden, keine Bewegung aussprach, und doch war es wieder so weich und
gtig, da man, wenn der feurige Blick nicht gewesen wre, in das
Angesicht eines Mdchens zu blicken geglaubt haben wrde.

Ich zeichnete und malte meine Kpfe jetzt anders als noch kurz vorher.
Wenn ich frher, vorzglich bei Beginne dieser meiner Beschftigung,
nur auf Richtigkeit der ueren Linien sah, so weit ich dieselbe
darzustellen vermochte, und wenn ich nur die Farben annherungsweise
zu erringen im Stande war, so glaubte ich, mein Ziel erreicht zu
haben: jetzt sah ich aber auf den Ausdruck, gleichsam, wenn ich das
Wort gebrauchen darf, auf die Seele, welche durch die Linien und die
Farben dargestellt wird. Seit ich die Marmorgestalt in dem Hause
meines Gastfreundes so lieben gelernt hatte und in die Bilder mich
vertiefte, welche ich in dem Rosenhause getroffen hatte und in dem
Hause meines Vaters vorfand, war alles anders als frher, ich suchte
und haschte nach irgend einem Innern, nach irgend etwas, das weit
auer dem Bereiche von Linien und Farben lag, das grer war als diese
Dinge und doch durch sie darzustellen sein mute. Einen Kopf so zu
zeichnen oder gar zu malen, wie ich jetzt wollte, war viel schwerer
als wie ich frher anstrebte, es war, ohne einen Vergleich zuzulassen,
schwerer; aber es war nicht zu umgehen, wenn man berhaupt die Sache
machen wollte, es war dichten, wenn ein Dichtungswerk geliefert sein
sollte. Ich stellte meine Aufgabe kleiner, ich suchte die Zge auf
einem bescheidenen Raume zu entwerfen und begngte mich mit den
Andeutungen in Zeichnung und Farben, wenn nur ein Inneres zu sprechen
begann, ohne da ich darauf beharrte, da aus dem Begonnenen ein
ausgefhrtes Bild werden sollte, was nicht selten, wenn ich es
versuchte, das Innere wieder vertilgte und das Gemlde seelenlos
machte. Mein Vater wurde der Richter und war jetzt ein strenger,
whrend er frher alles einfach hatte gelten lassen, was ich
unternahm. Er pflegte zu sagen, das, was ich jetzt vor Augen habe, sei
das Knstlerische, mein Frheres sei ein Vergngen gewesen. Ich nahm
hufig, wenn ich nicht in das Reine kommen konnte, zu den Bildern
meine Zuflucht und suchte zu ergrnden, wie es dieser und jener
gemacht habe, um zu dem Ausdrucke zu gelangen, den er darstellte. Mein
Vater sagte, das sei der geschichtliche Weg der Kunst, man knne ihn
verfolgen, wenn man groe Bildersammlungen besuche und wenn die Werke
ohne groe Lcken da sind, um sie vergleichen zu knnen. Das sei auch
auer der genauesten Betrachtung der Natur und der Liebe zu ihr der
Weg, auf dem die Kunst wachse und auf dem sie bei den verschiedenen
Anfngen, die sie in verschiedenen Zeiten und Rumen gehabt habe,
gewachsen ist, bis sie wieder versank oder zerstrt wurde, um wieder
zu beginnen und zu versuchen, ob sie steigen knne. Wo der bare
Hochmut auftritt, der alles Gewesene verwirft und aus sich schaffen
will, dort ist es mit der Kunst wie auch mit andern Dingen in dieser
Welt aus, und man wirft sich in das bloe Leere.

Auer dem Zeichnungsunterrichte setzte ich mit der Schwester auch die
bungen in der spanischen Sprache und im Zitherspiele fort. Sie war
ohnehin von Kindheit an geneigt gewesen, alles, was ich tat, ein
wenig nachzuahmen, und ich hatte immer die Lust gehabt, ihr Fhrer zu
werden. Dies blieb jetzt zum Teile auch so fort.


Der Unterricht, welchen mir mein Freund, der Sohn des Juwelenhndlers,
in der Edelsteinkunde gegeben hatte, wurde wieder aufgenommen
und fortgesetzt. Da wir auch auerdem in manchen Stunden einen
freundlichen Umgang mit einander pflegten, so nahm ich mir eines
Tages, obwohl es mir stets schwer wird, jemandem ber seinen ihm
eigentmlichen Beruf etwas zu sagen, doch den Mut, ihn meine Gedanken
ber die Fassung der Edelsteine wissen zu lassen, wie ich nehmlich
glaube, da es nicht richtig sei, wenn die Edelsteine von der Fassung
erdrckt wrden; da ich es aber auch fr nicht richtig halte, wenn
sie keine andere Fassung htten, als die sie brauchten, um an dem
Kleidungsstcke mit dem Halt, den sie bentigen, befestigt worden zu
knnen; und da daher der Mittelweg sich darbiete, da die Schnheit
des Steines durch die Schnheit der Gestaltgebung vergrert werde,
wodurch es sich mglich mache, da der an sich so kostbare Stoff das
Kostbarste wrde, nehmlich ein Kunstwerk. Ich wies hiebei auf die
Gestaltungen hin, welche die Kunst des Mittelalters hege und aus denen
geschpft und weiter fortgeschritten werden knne. Du hast im Grunde
vollkommen Recht, erwiderte mein Freund, wir fhlen das alle
mehr oder minder klar, auer denen, welchen alles gleichgltig und
unwesentlich ist, was nicht unmittelbar zum Erwerbe fhrt; darum sind
auch allerlei Versuche gemacht worden und werden noch gemacht, die
Fassung zu vergeistigen. Sie gelingen insoferne mehr oder weniger, je
nachdem es grere oder kleinere Knstler sind, welche die Entwrfe
machen. Hierin liegt aber eine mehrfache Schwierigkeit. Zuerst sind
die, welche in Juwelen und Perlen arbeiten, sehr selten Knstler, sie
knnen es nicht leicht werden, weil die Vorbereitung dazu zu viel Zeit
und Krfte in Anspruch nehmen wrde; werden sie es aber, so bleiben
sie gleich Knstler, verfertigen Kunstwerke und arbeiten nicht in
Edelsteinen, was ihrem Geiste und ihrem Einkommen abtrglich wre.
Mssen nun Knstler um Entwrfe angegangen werden, so bietet sich
zweitens der belstand, da der Knstler die Juwelen zu wenig kennt
und die Fassung daher zu wenig auf ihre Natur berechnen kann, wozu
sich noch gesellt, da die groen Knstler schwer zugnglich sind,
Entwrfe fr Edelsteinfassungen auszuarbeiten, es mte denn dies eine
besondere Liebhaberei sein; und wenn sie es tun, so kmmt die Fassung
sehr teuer. Deshalb mu man zu geringeren Knstlern seine Zuflucht
nehmen, welche dann auch wieder geringere Entwrfe liefern. Wir haben
die Sache in unserer Handelsstube ganz im Klaren. Wir versuchen auch
von Zeit zu Zeit ein wirkliches Kunstwerk in Perlen und edlen Steinen
darzustellen und warten, ob ein Kenner komme und es bernehme; denn
der Leute, welche Edelsteine brauchen, sind viel mehr als welche
Kunstdinge suchen. Solche Werke in groer Zahl ausfhren zu lassen,
hindert uns der Mangel an zahlreichen trefflichen Entwrfen und der
Mangel an Kufern, da der Juwelenverkauf doch endlich unser Erwerb
ist. Da unsere gewhnlichen Kunden aber doch so viel Geschmack haben,
da sie eine unedle Fassung beleidigen wrde, so whlen wir den
natrlichsten Weg, die Fassung im Stoffe edel und in der Gestalt auf
das Einfachste zu machen, so da die Schnheit der Steine oder der
Perlen allein es ist, was herrscht, und der Anker, an dem es haftet,
sich verbirgt. Was deinen Gedanken von mittelalterlichen Gestaltungen
anbelangt, so ist er nicht neu; man hat schon solche versucht, und der
Freiherr von Risach hat bei uns nach beigebrachten Zeichnungen Dinge
hnlicher Art verfertigen lassen. Mir leuchtete die Sache sehr ein,
und ich konnte sie nicht weiter bereden. Ich betrachtete von nun an
mit noch grerer Sorgfalt und Genauigkeit die Arbeiten, welche mein
Freund in den verschiedenen Werksttten der Stadt machen lie. Sie
waren meistens sehr schn, ja ich glaube, schner, als man sie
irgendwo zu sehen gewohnt ist. Desungeachtet mute ich behaupten, da
wenn nur berhaupt ein edlerer und hherer Sinn fr Kunst vorhanden
wre, diejenigen Leute, welche groe Summen fr Schmuck ausgeben,
dieselben Summen oder vielleicht noch grere dahin verwenden wrden,
da sie gleich wirkliche Kunstwerke in Juwelen bestellten. Dagegen
erwiderte mein Freund, da, wie hoch der Kunstsinn auch stehe und
wie weit er sich verbreite, doch die Zahl derer immer grer bleiben
wrde, welche blo Schmuck als Schmucksachen kaufe, als derer, welche
Kunstwerke in Kleinodien entwerfen und ausfhren lassen, was er
allerdings als die hchste Spitze seines Berufes ansehen wrde. Dazu
komme noch, da mancher, der Kunstsinn habe, von der Schnheit der
Steine sich gefangen nehmen lasse und zuletzt nichts begehre als
diese einzige Schnheit. In dem letzten Grunde hatte mein Freund ganz
besonders Recht; denn je mehr ich selber die Steine betrachtete, je
mehr ich mit ihnen umging, eine desto grere Macht bten sie auf
mich, da ich begriff, da es Menschen gibt, welche blo eine
Edelsteinsammlung ohne Fassung anlegen und sich daran ergtzen. Es
liegt etwas Zauberhaftes in dem feinen sammtartigen Glanze der Farbe
der Edelsteine. Ich zog die farbigen vor, und so sehr die Diamanten
funkelten, so ergriff mich doch mehr das einfache, reiche, tiefe
Glhen der farbigen.

Meinen Beruf, den ich im Sommer bei Seite gesetzt hatte, nahm ich
wieder auf. Ich machte mir gleichsam Vorwrfe, da ich ihn so
verlassen und mich einem planlosen Leben hatte hingeben knnen. Ich
tat das, wozu der Winter gewhnlich ausersehen war, und setzte die
Arbeiten der vorigen Zeiten fort. Das Regelmige der Beschftigung
bte bald seine sanfte Wirkung auf mich; denn was ich trotz der
freudigen Stimmung, in welcher ich aus meinen Erringungen in der Kunst
und in der Wissenschaft war, doch Schmerzliches in mir hatte, das
wich zurck und mute erblassen vor der festen, ernsten, strengen
Beschftigung, die der Tag forderte und die ihn in seine Zeiten
zerlegte.

Ich besuchte auch, wie im vergangenen Winter, meine Kreise, dann
Musik- und Kunstanstalten.

Da das alles vereinigt werden konnte, mute eine genaue
Zeiteinteilung gemacht werden, und ich mute die Zeit richtig
verwenden. Dazu war ich wohl von Kindheit an gewhnt worden, ich stand
sehr frh auf und hatte Manches fr den Tag schon an der Lampe fertig
gemacht, wenn die allgemeine Frhstunde in unserm Hause heran rckte
und man sich zu dem Frhmahle versammelte. Dazu brauchte ich nicht
viel Schlaf und konnte manche Stunde von der beginnenden Nacht nehmen.
Die Ttigkeit strkte, und wenn ein Schwung und eine Erhebung in
meinem Wesen war, so wurde der Schwung und die Erhebung durch die
Ttigkeit noch klarer und fester.

Einer meiner ersten Gnge war nach meiner Zurckkunft zu der Frstin,
um mich ihr vorzustellen.

Sie war selber erst vor wenigen Tagen von ihrem Lieblingslandsitze
in die Stadt zurckgekehrt und noch nicht recht heimisch. Sie
empfing mich sehr freundlich wie immer und fragte mich um meine
Beschftigungen whrend des Sommers. Ich konnte ihr nicht viel sagen
und erzhlte ihr auer den Messungen, die ich am Lautersee vorgenommen
hatte, von meinen Kunstbestrebungen, meiner Kunstneigung und meiner
Liebe zu den Dichtungen. Von den besonderen Verhltnissen zu meinem
Gastfreunde erwhnte ich nur das Allgemeine, weil ich es fr anmaend
gehalten htte, einer alten, wrdigen Frau, deren Beziehungen
ausgebreitet und inhaltsreich waren, unaufgefordert Einzelheiten von
meinem Leben mitzuteilen. Sie ging auch nicht nher darauf ein, dafr
verweilte sie desto eifriger bei der Kunst und bei den Dichtern. Sie
fragte mich, was ich gelesen htte, wie ich es aufgefat htte und
was ich darber dchte. Sie zeigte sich hierbei mit allen den Werken
bekannt, welche ich ihr nannte, nur hatte sie das Griechische, von
dem ich ihr erzhlte, blo in der bersetzung gelesen. Sie ging
im Allgemeinen auf die Gegenstnde ein und verweilte bei manchem
Einzelnen ganz besonders. Unsere Ansichten trafen oft zusammen, oft
gingen sie auch auseinander, und sie suchte ihre Meinung zu begrnden,
was mir zum mindesten immer manche neue Gesichtspunkte gab. In Bezug
auf die Kunst verlangte sie, da ich ihr einige Zeichnungen und
Malereien zeigen mchte, deren Wahl ich selber vornehmen knne, wenn
ich schon nicht alle vor ihre Augen bringen wollte.

Ich sagte, da alle wohl zu viel wren, namentlich, da ich in erster
Zeit so viele blo naturwissenschaftliche Zeichnungen gemacht
habe, und da ich selber die Grenze nicht angeben knne, wo die
naturwissenschaftlichen Zeichnungen in die knstlerisch angelegten
bergingen. Ich wrde aus allen Zeitabschnitten etwas auswhlen und es
ihr bringen. Es wurde ein Tag bestimmt, an welchem ich zur Mittagszeit
zu ihr kommen sollte.

Ich kam an dem Tage, es war niemand als die Vorleserin zugegen, und es
wurde der Befehl gegeben, niemanden vorzulassen; denn ihr allein htte
ich ja die Zeichnungen gebracht, nicht jedem fremden Auge, das dazu
kme. Sie sah alle Bltter an und billigte alle, besonders erregten
naturwissenschaftliche Pflanzenzeichnungen ihre Aufmerksamkeit,
weil sie sich viel mit Pflanzenkunde beschftigt hatte, noch jetzt
Anteil an dieser Wissenschaft nahm und sie besonders bei ihren
Landaufenthalten pflegte. Sie freute sich an der Genauigkeit der
Abbildungen und sagte mir ganz richtig, welche den Urbildern am
meisten entsprchen. Nach diesen Pflanzenzeichnungen sagten ihr am
meisten die der Kpfe zu. An den landschaftlichen Versuchen mochte
ihr die Einseitigkeit aufgefallen sein, da sie gewi eine Kennerin
landschaftlicher Bildungen war, weil sie sehr gerne im Sommer einige
Wochen an irgend einer der schnsten Stellen unseres Landes verweilte.
Sie uerte sich aber in dieser Richtung nicht. Von den Kpfen sagte
sie, da man auf diese Weise eine ganze Sammlung merkwrdiger Menschen
anlegen knnte. Ich erwiderte, darauf sei ich nicht ausgegangen, ich
knnte auch nicht so leicht beurteilen, wer ein merkwrdiger Mensch
sei. Es habe mir nur, da ich lange Zeit Gegenstnde der Natur
gezeichnet hatte, eingeleuchtet, da das menschliche Antlitz der
wrdigste Gegenstand fr Zeichnungen sei, und da habe ich die Versuche
begonnen, es in solchen auszudrcken. Ich habe anfangs dabei unwissend
fast immer die Richtung von Naturzeichnungen verfolgt, bis sich mir
etwas Hheres zeigte, dessen Darstellung darber hinausgeht, das
uns erst die Zge und Mienen recht menschlich macht und dessen
Vergegenwrtigung ich nun anstrebe, in Ungewiheit, ob es gelingen
werde oder nicht.

Sie fragte auch nach denjenigen von meinen wissenschaftlichen
Bestrebungen, die ich im Zusammenhange aufgeschrieben habe, und
lie den Wunsch blicken, etwas Zusammengehriges zu erfahren. Die
Geschichte, wie unsere Erde entstanden sei und wie sie sich bis auf
die heutigen Tage entwickelt habe, mute den grten Anteil erwecken.
Ich entgegnete, da wir nicht so weit seien und da ich am wenigsten
zu denen gehre, welche einen ergiebigen Stoff zu neuen Schlssen
geliefert haben, so sehr ich mich auch bestrebe, fr mich, und wenn
es angeht, auch fr Andere so viel zu frdern, als mir nur immer
mglich ist. Wenn sie davon und auch von dem, was Andere getan haben,
Mitteilungen zu empfangen wnsche, ohne sich eben in die vorhandenen
wissenschaftlichen Werke vertiefen und den Gegenstand als eigenen
Zweck vornehmen zu wollen, so werde sich wohl Zeit und Gelegenheit
finden. Sie zeigte sich zufrieden und entlie mich mit jener Gte und
Anmut, die ihr so eigen war.

Seit dieser Zeit verwandelte sich mein Verhltnis zu ihr in ein
anderes. Da ich nun einmal unter Tags in ihrer Wohnung gewesen
war, geschah dies fter, entweder, wenn wir Werke oder Abbildungen
anzuschauen hatten, wozu das Licht der abendlichen Lampen nicht
ausreichend gewesen wre, oder wenn sie mich zu Gesprchen einladen
lie, die dann gewhnlich zwischen ihr, ihrer Gesellschafterin und
mir vorfielen - selten geschah es, da einer ihrer Shne gelegentlich
anwesend war oder eine Enkelin oder jemand von ihren nheren
Anverwandten - und bei denen meistens die Geschichte der Erde oder
etwas in die Naturlehre Einschlgiges der Gegenstand war. fter machte
ich auch selber einen kurzen Besuch, um mich um den Zustand ihrer
Gesundheit zu erkundigen. Auch die Abende kamen in Bezug auf mich in
eine andere Gestalt. Da wir einmal von Dichtungen geredet hatten, mit
denen ich mich in der letzten Zeit beschftigte und da gerade diese
Dichtungen aus einer vergangenen Zeit stammten, die nichts mit den
Tageserzeugnissen gemein hatte, da die Frstin sich in ihren jetzigen
Jahren mit diesen Dingen nicht beschftigte und die Zeit schon
ziemlich weit hinter ihr lag, in der sie Kenntnis von solchen Werken
genommen hatte, so wurde beschlossen, wieder das eine oder das andere
vorzunehmen und es gemeinschaftlich zu genieen. Das geschah an
Abenden, und ich mute oft die Pflicht des Vorlesers bernehmen,
besonders wenn die Gesellschaft nicht zahlreich war, was sich gerne an
Abenden ereignete, in denen Dichtungen vorgenommen wurden. In diese
Pflicht geriet ich bei Gelegenheit der Vornahme einiger spanischen
Romanzen. Die Frstin, die Gesellschafterin, ich und noch ein
Mann, welcher zugegen war, verstanden schlecht spanisch; doch war
beschlossen worden, die Romanzen in spanischer Sprache zu lesen. Das
Vorlesen wurde mir aufgetragen, und wie schlecht oder gut es ging, wir
verstanden doch mit eingemischten Erklrungen und mit gelegentlichen
Gesprchen in unserer Muttersprache zuletzt die Romanzen. Nach diesem
Vorgange mute ich nun auch fter in deutscher Sprache vorlesen, und
es geschah nicht selten, da ich um meine Meinung ber Teile des
Gelesenen befragt wurde und da man eine Erklrung verlangte. Dies
wurde um so mehr der Fall, als wir uns auch ber Abteilungen aus
Cervantes und Calderon wagten. In andern Sprachen, besonders im
Italienischen des Dante und Tasso, las sehr gerne die Gesellschafterin
der Frstin. Das Alte aus dem Griechischen - es wurde nur die Ilias
und Odysseus, dann einiges aus schylos vorgenommen - mute ich ganz
allein in deutscher bersetzung vorlesen. Es wurde da auch sehr viel
ber das uralte gesellschaftliche Leben der Griechen, ber ihre
huslichen Einrichtungen, ber ihren Staat, ihre Kunst und ber die
Gestalt und Beschaffenheit ihres Landes und ihrer Meere gesprochen.
Ich wurde zu diesen Beschftigungen in diesem Winter weit fter zu der
Frstin eingeladen, als es frher der Fall gewesen war. Der Frhling
und die Zeit, in welcher man wieder den Landaufenthalt zu suchen
pflegt, kam uns zu frh, wir verabredeten noch, was wir in dem
nchsten Winter vorzunehmen gedchten, und die Frstin beurlaubte mich
mit vieler und sehr gewinnender Freundlichkeit.


Die Beschftigungen im Kreise unserer Familie bestanden jetzt in sehr
hufigen Gesprchen zwischen dem Vater und mir ber die Kunst und ber
Bcher. Er erzhlte mir, wie er dazu gekommen wre, Bilder lieb zu
gewinnen und sich Bilder zu sammeln. Er kam hiebei auf seine Jugend,
und da er in einer freudigeren und erregteren Stimmung war, als sonst,
so erzhlte er mir ausfhrlich, wie er dieselbe verlebt habe. Er
stellte mir dar, wie er sich die Mittel, um etwas lernen zu knnen,
selber habe verschaffen mssen, und wie ihm sein lterer Bruder, der
ein sehr begabter Mensch gewesen wre, hierin zwar ein wenig, aber in
der Tat sehr wenig habe beistehen knnen, weil er sich selbst alles
habe herbei schaffen mssen und nur um wenige Jahre lter gewesen sei.
Nach Anweisung vernnftiger Menschen habe er zu lesen begonnen, und
manchen freien Tag in seiner Lehrzeit habe er in seiner Kammer bei den
Bchern zugebracht. Er habe, da er frei wurde und teils in unserer
Stadt, teils in den ersten Handelspltzen Europas Dienste tat, die
Bekanntschaft von Knstlern gemacht, habe sie in ihren Arbeitsstuben
besucht, habe ber die Art zu malen sich Kenntnisse gesammelt und
sei mit diesen Kenntnissen in die berhmtesten Bildersammlungen der
grten Stdte gegangen. Hiebei sei es ihm widerfahren, da er zweimal
im Lernen habe von vorne anfangen mssen. So sei es ihm in Rom, wohin
er sich von Triest aus begeben hatte, um dort ein halbes Jahr fr
sich selber zu leben, klar geworden, da er gar nichts wisse. Er habe
wieder unverdrossen angefangen, und von Rom schreibe sich seine Liebe
fr alte Bilder her. Sein Bruder habe den Weg durch die Staatsschulen
gemacht, und da er ihn sehr liebte, habe er von ihm auch die Liebe zu
den alten Sprachen angenommen. In seinen Diensten habe er mehr freie
Zeit gehabt als da er noch lernte, und diese Zeit habe er zu seinen
Lieblingsneigungen angewendet. Mit einem alten Abte, der die
Verwaltung seines Klosters abgegeben hatte und seine wrdevolle Mue,
wie er sich ausdrckte, im Winter in unserer Stadt geno, habe er alte
Dichter und Geschichtschreiber gelesen. Der Abt sei ein groer Freund
der alten Schriften gewesen, habe bei ihm Neigung zu diesen Dingen
entdeckt und sei ihm mit seinen Kenntnissen beigestanden. Er habe sehr
oft im Zimmer des Abtes laut aus den sogenannten Classikern lesen
mssen. Die Bekanntschaft desselben habe er bei seinem Dienstherrn
in unserer Stadt gemacht, in dessen Hause dem Abte, der einst Lehrer
dieses Dienstherrn gewesen sei, jhrlich ein oder zwei Male ein Fest
gegeben wurde. Der Dienstherr, der letzte, bei dem sich mein Vater
befunden, sei ein Ehrenmann gewesen, der seinen Leuten nicht nur
Gelegenheit verschafft habe, etwas lernen zu knnen, indem er sie zu
den vorkommenden Reisen bentzte, auf denen sie Geschftsfreunde,
Handelsverbindungen, Verkehrswege und dergleichen kennen lernten,
sondern der ihnen auch Zeit gnnte, selber, wenn sie nicht die Mittel
zu groen Geschftsanlagen besaen, mit kleinen Anfngen zu greren
Unternehmungen und zu endlicher Selbststndigkeit schreiten zu knnen.
So habe auch der Vater mit kleinen Ersparnissen begonnen, habe sich
ausgedehnt und sei endlich, da die Anfnge unter den Flgeln seines
Herrn geschehen seien, mit dessen Untersttzung ein selbststndiger
Kaufmann geworden. Was er zu Vergngungen htte verwenden knnen, habe
er bei Seite gelegt und habe sich entweder ein Buch oder ein Kunstwerk
gekauft oder habe eine Reise zu seiner Belehrung gemacht. Da sich
seine Verbindungen mehrten und stets ergiebiger zu werden versprachen,
habe er meine Mutter kennen gelernt und ihre Hand gewonnen. Sie habe
eine nicht unbetrchtliche Mitgift in das Haus gebracht, und so sei
gemeinschaftlich der Grund gelegt worden, da wir Kinder nun nicht nur
frei und unabhngig bei unsern Eltern in ihrem eigenen Hause leben
knnen, sondern auch fr die Zukunft einen Notpfennig zu erwarten
htten, und da er selber sich mit Manchem habe umringen knnen, was
ihm die sanfte Neigung seines Herzens geboten habe und was ihm als
Erheiterung und nach der Liebe seiner Gattin und der Wohlgeratenheit
seiner Kinder auch als Lohn seines Alters dienen werde. Der betagte
Abt habe ihn als seinen letzten Schler noch getraut und sei bald
darauf gestorben. Mit der jungen Frau habe er dreimal seine alten
Eltern, welche ferne in einem waldigen Lande von einer wenig
ergiebigen Feldwirtschaft lebten, besucht, sie seien dann kurz darauf
eins nach dem andern gestorben.

Sein Dienstherr habe uns noch aus der Taufe gehoben, sei dann von den
Geschften zurck getreten, habe bei seinem einzigen Kinde, einer
Tochter, die an einen angesehenen Gterbesitzer verheiratet war,
gelebt und sei bei ihr auch endlich gestorben. So haben sich alle
Verhltnisse gendert. Das heimatliche Waldhaus mit der geringen
Feldwirtschaft haben er und sein Bruder einer Schwester geschenkt,
diese sei ohne Kinder gestorben, und da weder er noch der Bruder das
Haus bewirtschaften konnten, so haben sie eingewilligt, da es an
einen entfernten Verwandten falle. Der Bruder sei whrend unserer
Unmndigkeit gestorben, eben so die Groeltern von mtterlicher Seite
und endlich ein Grooheim von eben dieser Seite, der uns Kinder zu
Erben eingesetzt, und da die Mutter keine Geschwister gehabt habe,
so seien wir nun allein und so sei keine Verwandtschaft weder von
vterlicher noch von mtterlicher Seite brig. Er habe die Liebe,
welche ihm durch den Tod seiner Angehrigen, denen er, besonders dem
Bruder, eine treue Erinnerung weihe, anheimgefallen sei, an die Mutter
und uns bertragen, sein Haus sei nun sein Alles, und wir zwei, die
Schwester und ich, sollten verbunden bleiben und sollten in Neigung
nicht von einander lassen, besonders wenn auch wir allein sein und er
und die Mutter im Kirchhofe schlummern wrden.

Diese Ermahnung zur Liebe war nicht ntig; denn da wir, die Schwester
und ich, uns mehr lieben knnten, als wir taten, schien uns nicht
mglich, nur die Eltern liebten wir beide noch mehr, und wenn eine
Anspielung darauf gemacht wurde, da sie uns einst verlassen sollten,
so betrbte uns das auerordentlich, und wohin wir die Liebe, die uns
dann zurckfallen sollte, wenden wrden, wuten wir sehr wohl, wir
wrden sie an gar nichts wenden, sie wrde von selber ber die
Grabhgel hinaus gegen die verstorbenen Eltern bis an unser Lebensende
fortdauern.


Die andern Vorkommnisse, die zwar auch in unserer Familie, aber nicht
in ihr allein, sondern zugleich in Gesellschaft von geladenen Menschen
vorfielen, waren mir nicht so angenehm als in frheren Zeiten, ja sie
waren mir eher widerwrtig und dnkten mir Zeitverlust. Sie bestanden
beinahe gleichmig wie in frheren Jahren aus abendlichen Kreisen, in
denen gesprochen wurde, oder aus Gesellschaften, in denen etwas Musik
oder gar Tanz vorkam. An dem letzteren nahm ich gar keinen Teil, und
die Schwester, welche, wie ich schon seit lnger wahrnahm, schier alle
meine Neigungen teilte, tat es sehr wenig und flchtete an solchen
Abenden sehr gerne zu mir. Ich hatte die Leute, darunter aber
vorzglich die jungen, welche bei solchen Gelegenheiten zu uns kamen,
schon genau kennen gelernt, und wenn ich in frherer Zeit eine Scheu,
ja sogar eine gewisse Gattung von Ehrfurcht vor ihnen gehabt hatte,
so war dies jetzt nicht mehr der Fall; ich hatte durch Nachdenken und
durch Erfahrungen im Umgange mit andern Menschen einsehen gelernt, da
das, wovor ich besonders eine Scheu hatte, nehmlich ihre Sicherheit
und Vornehmheit, nur ein Ding ist welches man lernt, wenn man sehr
viel in solchen Gesellschaften ist, wie sie bei uns waren, und wenn
man in diesen Gesellschaften viel spricht und in den Vordergrund
tritt. Und da dieses Ding nicht schwer zu erlernen ist, sah ich
daraus, da es solche inne hatten, deren Geisteskrfte hoch zu achten
ich nicht veranlat war. Meine Erfahrungen an Menschen hatte ich aber
nicht blo in hohen Stnden gemacht, sondern auch in niedern, und
in diesen zwar nicht in der Stadt, sondern bei Gebirgsbewohnern und
Landbebauern. In hohen Stnden sah ich junge Leute, namentlich bei
der Frstin war das der Fall, welche jenes Benehmen, das mir sonst so
hoch ber mir schien, nicht hatten, sondern sich einfach und wenig
vortretend gaben, hflich und nicht linkisch waren, und an das Wort,
das ich fter in meiner Jugend gehrt, aber falsch verstanden hatte,
ein junger Mann von guter Erziehung erinnerten. In den untern
Stnden habe ich manchen Mann kennen gelernt, der, wenn er vor solchen
stand, die er fr hher erachtete als sich selbst, nicht die Mhe
bernahm, auch hher in seinem Benehmen sein zu wollen, sondern
der ruhig so sprach, wie er die Sache verstand, und ruhig die Rede
anhrte, die ihm ein Anderer erwiderte. Dieser Mann schien mir auch
von hherer Erziehung als die, welche viele Arten des Benehmens wissen
und ersichtlich machen. Ein gltiges Beispiel gab mein Gastfreund, der
noch einfacher war als jene Mnner, von denen ich sagte, da ich sie
bei der Frstin gesehen habe, und dessen Rede und Tun so klare Achtung
erzeugten. Selbst sein Anzug, der Anfangs auffiel, stimmte zu Allem.
Auch Eustach, Gustav aber ganz gewi, standen im entschiedenen Vorzuge
vor meinen Gesellschaftsleuten. Weil ich nun diese Menschen sehr gut
kannte und weil sie mir keine hohe Rcksichtnahme mehr einflten, war
es mir unersprielich, mit ihnen zu sein, und es erschien mir, da ich
die Zeit besser wrde bentzen knnen. Aber auch die Erfahrungen in
dieser Hinsicht mochte mein Vater fr ntzlich gehalten haben. Ich
machte sie nur an jungen Mnnern. ber Mdchen konnte ich ein Urteil
gar nicht sagen, weil ich sehr wenig mit ihnen sprach und weil mich
natrlich keine in meiner Zurckgezogenheit aufsuchen konnte. Wie
lteren Leuten, Mnnern wie Frauen, kam mir oft jemand entgegen, dem
ich Achtung zollen mute; aber auch zu alten Leuten wie zu Mdchen
konnte ich mich nicht drngen. Unter denen, welchen ich mehr zugetan
war, stand der Sohn des Juwelenhndlers oben an, ich war ihm wirklich
in der eigentlichen Bedeutung ein Freund. Wir brachten auer unseren
Kleinodienlehrstunden manche Zeit mit einander zu, wir besprachen
verschiedene Dinge und lasen auch mitunter kleine Abschnitte von
Schriften mit einander, die wir gemeinschaftlich achteten. Seine
Eltern waren sehr liebenswrdig und fein. Der junge Preborn war mir
auch nicht unangenehm. Er sprach noch fter von der schnen Tarona
und bedauerte sehr, da sie auf weite Reisen gegangen und daher gar
nicht in die Stadt gekommen sei, weswegen er mir sie nie habe zeigen
knnen. An den eigentlichen Vergngungen, die junge Mnner unter sich
anstellten, nahm ich nur ungemein selten Teil. Da ich aber auch
berhaupt viel weniger mit Mnnern meines Alters umging und nicht, wie
es bei vielen jungen Leuten in unserer Stadt der Gebrauch ist, Tage
mit ihnen zubrachte und dies fter wiederholte, rhrte daher, da ich
viele Beschftigungen hatte und da mir daher zu wenig Zeit brig
blieb, sie auf Anderes zu verwenden. Am liebsten war es mir, wenn ich
mit meinen Angehrigen allein war.


Ich ging nach dem Winter ziemlich spt im Frhlinge auf das Land. So
erfreulich der letzte Sommer fr mich gewesen war, so sehr er mein
Herz gehoben hatte, so war doch etwas Unliebes in dem Grunde meines
Innern zurck geblieben, was nichts anders schien als das Bewutsein,
da ich in meinem Berufe nicht weiter gearbeitet habe und einer
planlosen Beschftigung anheim gegeben gewesen sei. Ich wollte das
nun einbringen und den grten Teil des Sommers einer festen und
angestrengten Ttigkeit weihen. Ich nahm alle Gerte und Werke mit,
welche ich zur Fortsetzung meiner Arbeiten brauchte. Freie Stunden,
die nach genauer Zeiteinteilung brig blieben, wollte ich dann meinen
Lieblingsdingen widmen.

Ich kam in das Ahornwirtshaus und bestellte mir da hin auch die Leute,
die ich verwenden wollte, wenn sie sich nehmlich bereit erklrten, mir
in entferntere Teile der Gebirge zu folgen, wohin mich heuer meine
Arbeiten fhren wrden. Der alte Kaspar wollte mitgehen, zwei andere
auch, und so hatte ich genug. Ich erkundigte mich nach meinem
Zitherspiellehrer, er war fort und so gut wie verschollen. Kein Mensch
wute etwas von ihm. Ich ging in das Rothmoor, um nachzusehen, wie
weit die Marmorarbeiten gediehen waren. Sie wurden heuer fertig, und
ich konnte sie im Herbste nach Hause bringen lassen. Da das geschehen
war, verlie ich fr diesen Sommer das Ahornwirtshaus, in welchem ich
nun so lange gewohnt hatte, um mich in die Bergabteilung zu begeben,
die ich durchforschen wollte. Ich ging mit einem wehmtigen Gefhle
von dem Hause fort.

An einer Stelle, wo das Gebirge weit verzweigt und wild verflochten,
aber deohngeachtet bei Weitem nicht so schn war wie das, welches
ich verlassen hatte, setzte ich mich wie in einem Mittelpunkte meiner
Bestrebungen fest. Ich vermite das heitere, fensterschimmernde
Ahornhaus, ich vermite das ganze Tal, in dem ich beinahe heimisch
geworden war. In einem Hause, das an der ffnung dreier Tler lag
und mir daher den geeignetsten Platz abgab, mietete ich mich ein.
Schwarzer Tannenwald sah auf meine Fenster, schritt an den Bchen,
welche aus den drei Tlern kamen, neben feuchten Wiesen und andern
offenen Stellen in die Talgrnde hinein und zog sich auf die Berge.
Die hheren Kuppen oder gar die Schneeberge konnte man wegen der
Enge des Tales ber den finstern Tannen nicht sehen. Das mochte auch
die Ursache sein, da das Haus und die mehreren in den Waldlehnen
zerstreuten und an den Bchen hingehenden Htten die Tann hieen.
Mauern, mit grnem Moose bewachsen, bildeten mein Haus und grenzten
an ein zerfallenes Grtchen, in welchem wenig mehr als Schnittlauch
wuchs. Auf der Gasse war der Boden schwarz, und dieselbe Schwrze zog
sich in das Gras hinein; denn das Einzige, welches hufig an diesem
Wirtshause ankam und da hielt, damit sich Menschen und Tiere
erquickten, waren Kohlenfuhren. In dem ganzen, bei nherer
Besichtigung sich als ungeheuer zeigenden Waldgebiete waren die
Kohlenbrennereien zerstreut, und ganze Zge von den schwarzen
Fuhrwerken und den schwarzen Fuhrmnnern zogen die dstere Strae
hinaus, um die Kohlen gegen die Ebenen zu bringen, von wo sie sogar
bis in unsere Stadt befrdert wurden. Nur ein einziges Zimmer mit
kleinen Fenstern und eisernen Kreuzen daran konnte ich haben. In
demselben war ein Tisch, zwei Sthle, ein Bett und eine bemalte Truhe,
in die ich Kleider und andere Dinge legen konnte. Fr meine greren
Kisten wurde mir ein Verschlag in einem Schuppen eingerumt. Kaspar
und die andern schliefen, wenn wir uns in dem Hause befanden, in der
Scheuer im Heu. Ich lie mein Gepcke grtenteils in meinen Koffern,
hing nur das Ntige an Ngel, die in dem Zimmer waren, legte meine
Schreibgerte, meine wissenschaftlichen Bcher und meine Dichter auf
den Tisch, fllte das Bettgestelle mit meinen von Hause mitgebrachten
Bettstcken, stellte meine Bergstcke in eine Ecke und war
eingerichtet. Die Sonne, welche am spten Vormittage bei einem Fenster
meines Zimmers hereinkam, streifte am Nachmittage das andere, um bald
die Spitzen der Tannen zu vergolden und zu verschwinden. Ich war in
manchen hnlichen Herbergen schon gewesen, war daran gewhnt, fgte
mich und wurde mit dem Wirte, der Wirtin und einer rhrigen Tochter,
einfachen, gutmtigen Leuten, die einen kleinen Gedankenkreis hatten,
bald bekannt. Sonst kam noch manches Mal ein Gebirgsjger, ein
seltener Wandersmann oder ein Hausierer in das Tannwirtshaus. Die
grte Zahl der Gste bestand auer den Kohlenfhrern in Holzknechten,
welche in den groen Wldern zerstreut waren und welche gerne an
Samstagen oder an Tagen vor groen Festen heraus kamen, um zu den
Ihrigen zu gehen. Da verweilten sie denn nun nicht selten gerne
ein wenig in dem Tannwirtshause, um sich ein Gutes zu tun. Die
Hauptbeschftigung aller Bewohner der Tann war die Holzarbeit und ihr
Hauptreichtum waren Khe und Ziegen, welche tglich in die Wlder
gingen und von welchen die jngeren den ganzen Sommer hindurch auf der
Hhe der Waldungen und der Holzschlge blieben.

Von diesem Hause aus fingen wir nun an, unsere Beschftigungen zu
betreiben. Durch die langen und weithingestreckten Waldungen ging
unser Hammer, und die Leute trugen die Zeugen der verschiedenen
Bodenbeschaffenheiten, auf denen die ausgedehnten Waldbestnde
wuchsen, in der Gestalt der mannigfaltigen Gesteine in die Tann. Wenn
auch von unserem Gasthause aus die Felsenberge oder gar das Eis nicht
zu erblicken waren, so waren sie darum nicht weniger vorhanden. Weil
hier Alles groartiger war.

Da wir uns tiefer im Gebirge und nher seinem Urstocke befanden, so
dehnten sich auch die Wlder in mchtigeren Anschwellungen aus, und
wenn man durch eine Reihe von Stunden in dem dunkeln Schatten der
feuchten Tannen und Fichten gegangen war, so wurden endlich ihre
Reihen lichter, ihr Bestand minderte sich, erstorbene Stmme oder
solche, die durch Unflle zerstrt worden waren, wurden hufiger, das
trockene Gestein mehrte sich, und wenn nun freie Pltze mit kurzem
Grase oder Sandgrie oder Knieholz folgten, so sah man dmmerige
Wnde in riesigen Abmessungen vor den Augen stehen, und blitzende
Schneefelder waren in ihnen, oder zwischen auseinanderschreitenden
Felsen schaute ein ganz in Wei gehllter Berg hervor. Die Gesteinwelt
folgte nun in noch greren Ausdehnungen auf die Waldwelt. Uns fhrte
unsere Absicht oft aus der Umschlieung der Wlder in das Freie
der Berge hinaus. Wenn die Bestandteile eines ganzen Gesteinzuges
ergrndet waren, wenn alle Wsser, die der Gesteinzug in die Tler
sendet, untersucht waren, um jedes Geschiebe, das der Bach fhrt, zu
betrachten und zu verzeichnen, wenn nun nichts Neues nach mehrfacher
und genauer Untersuchung sich mehr ergab, so wurde versucht, sich des
Zuges selbst zu bemchtigen und seine Glieder, so weit es die Macht
und Gewalt der Natur zulie, zu begehen. In die wildesten und
abgelegensten Grnde fhrte uns so unser Plan, auf die schroffsten
Grate kamen wir, wo ein scheuer Geier oder irgend ein unbekanntes
Ding vor uns aufflog und ein einsamer Holzarm hervor wuchs, den in
Jahrhunderten kein menschliches Auge gesehen hatte; auf lichte Hhen
gelangten wir, welche die ungeheure Wucht der Wlder, in denen unser
Wirtshaus lag, und die angebauteren Gefilde drauen, in denen die
Menschen wohnten, wie ein kleines Bild zu unsern Fen legten. Meine
Leute wurden immer eifriger. Wie berhaupt der Mensch einen Trieb hat,
die Natur zu besiegen und sich zu ihrem Herrn zu machen, was schon die
Kinder durch kleines Bauen und Zusammenfgen, noch mehr aber durch
Zerstren zeigen und was die Erwachsenen dadurch dartun, da sie die
Erde nicht nur zur nahrungsprossenden machen, wie der Dichter des
Achilleus so oft sagt, sondern sie auch vielfach zu ihrem Vergngen
umgestalten, so sucht auch der Bergbewohner seine Berge, die er lieb
hat, zu zhmen, er sucht sie zu besteigen, zu berwinden und sucht
selbst dort hinan zu klettern, wohin ihn ein weiterer, wichtigerer
Zweck gar nicht treibt. Die Erzhlung solcher bestandener Zge bildet
einen Teil der Wrze des Lebens der Bergbewohner. Meine Leute waren
in einer gesteigerten Freude und Empfindung, wenn wir mit dem Hammer
und Meiel teils Stufen in die glatten Wnde schlugen, teils Lcher
machten, unsere vorrtigen Eisen eintrieben, auf solche Weise Leitern
verfertigten und auf einen Standort gelangten, auf den zu gelangen
eine Unmglichkeit schien.

Wir kamen oft eine Reihe von Tagen nicht in unser Tannwirtshaus hinab.

Ich suchte auch gerne auf die Gipfel hoher Berge zu gelangen, wenn
mich selbst eben meine Beschftigung nicht dahin fhrte. Ich stand auf
dem Felsen, der das Eis und den Schnee berragte, an dessen Fu sich
der Firnschrund befand, den man hatte berspringen mssen oder zu
dessen berwindung wir nicht selten Leitern verfertigten und ber das
Eis trugen, ich stand auf der zuweilen ganz kleinen Flche des letzten
Steines, oberhalb dessen keiner mehr war, und sah auf das Gewimmel der
Berge um mich und unter mir, die entweder noch hher mit den weien
Hrnern in den Himmel ragten und mich besiegten oder die meinen Stand
in anderen Luftebenen fortsetzten oder die einschrumpften und hinab
sanken und kleine Zeichnungen zeigten, ich sah die Tler wie rauchige
Falten durch die Gebilde ziehen und manchen See wie ein kleines
Tfelchen unten stehen, ich sah die Lnder wie eine schwache Mappe vor
mir liegen, ich sah in die Gegend, wo gleichsam wie in einen staubigen
Nebel getaucht die Stadt sein mute, in der alle lebten, die mir
teuer waren, Vater, Mutter und Schwester, ich sah nach den Hhen, die
von hier aus wie blauliche Lmmerwolken erschienen, auf denen das
Asperhaus sein mute und der Sternenhof, wo mein lieber Gastfreund
hauste, wo die gute, klare Mathilde wohnte, wo Eustach war, wo der
frhliche, feurige Gustav sich befand und wo Nataliens Augen blickten.

Alles schwieg unter mir, als wre die Welt ausgestorben, als wre das,
da sich Alles von Leben rege und rhre, ein Traum gewesen. Nicht
einmal ein Rauch war auf die Hhe hinauf zu sehen, und da wir zu
solchen Besteigungen stets schne Tage whlten, so war auch meistens
der Himmel heiter und in der dunkelblauen Finsternis hin eine
endlosere Wste, als er in der Tiefe und in den mit kleinen
Gegenstnden angefllten Lndern erscheint. Wenn wir hinab stiegen,
wenn Kaspar hinter uns die Eisen aus den Steinen zog und in den Sack
tat, den er an einem Stricke um die Schultern hngen hatte, wenn wir
nun die Leiter ber den Firnschrund zurckzogen oder im Falle, da
wir keine Leiter gebraucht hatten, ber den Spalt gesprungen waren,
so zeigte sich in dem Ernste von Kaspars harten Zgen oder in
den Angesichtern der Andern, die uns begleiteten, eine gewisse
Vernderung, so da ich schlo, da der Stand, auf dem wir gestanden
waren, einen Eindruck auf sie gemacht haben mute.

Die Stunden oder Tage, die ich mir von meiner Arbeit abdingen konnte,
weil ich Ruhe brauchte oder das Wetter mich hinderte, wendete ich zur
Entwerfung leichter Landschaftsgebilde an, und die Tiefe der Nacht
wurde, ehe sich die Augen schlossen, durch die groen Worte eines, der
schon lngst gestorben war und der sie uns in einem Buche hinterlassen
hatte, erhellt, und wenn die Kerze ausgelscht war, wurden die Worte
in jenes Reich mit hinber genommen, das uns so rtselhaft ist und das
einen Zustand vorbildet, der uns noch unergrndlicher erscheint.

Wie in der jngstvergangenen Zeit konnte ich auch jetzt nicht mehr mit
der bloen Sammlung des Stoffes meiner Wissenschaft mich begngen,
ich konnte nicht mehr das Vorgefundene blo einzeichnen, da ein Bild
entstehe, wie Alles ber einander und neben einander gelagert ist -
ich tat dieses zwar jetzt auch sehr genau -, sondern ich mute mich
stets um die Ursache fragen, warum etwas sei, um die Art, wie es
seinen Anfang genommen habe. Ich baute in diesen Gedanken fort und
schrieb, was durch meine Seele ging, auf. Vielleicht wird einmal in
irgend einer Zukunft etwas daraus.


Zur Zeit der Rosenblte machte ich einen Abschnitt in meinem Beginnen,
ich wollte mir eine Unterbrechung gnnen und den Asperhof besuchen.

Ich lohnte meine Leute ab, gab ihnen das Versprechen, da ich sie in
Zukunft wieder verwenden werde, legte zu ihrem Lohne noch ein kleines
Heimreisegeld und entlie sie. In dem Tannhause verpackte ich Alles
wohl, was mein Eigentum war, berichtigte das, was ich schuldig
geworden, sagte, da ich wiederkommen werde, da man mir das
Dagelassene unterdessen gut bewahren mge und fuhr in einem
einspnnigen Gebirgswglein durch den tiefen Weg, der von dem
rauschenden Bache des Tannwirtshauses waldaufwrts fhrt, davon. Als
ich die Heerstrae erreicht hatte, sendete ich meinen Fuhrmann zurck
und whlte fr die weitere Fahrt einen Platz im Postwagen. Die Strecke
von der letzten Post zu meinem Freunde legte ich zu Fue zurck. Fr
Nachsendung meines Gepckes trug ich Sorge.

Ich war spter gekommen, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. In der
tiefen Abgeschiedenheit und in der hohen khlen Lage der Tann hatte
ich mich ber das, was drauen geschah, getuscht. In dem freieren
Lande war ein warmer Frhling und ein sehr warmer Frhsommer gewesen,
was ich in den Bergen nicht so genau hatte ermessen knnen. Darum
blhten schon die Rosen mit freudiger Flle in allen Grten, an denen
ich vorber kam. In schner Vollkommenheit schauten die untadeligen
Laubkronen meines Gastfreundes ber das dunkle Dach des Hauses und
standen an den beiden Flgeln des Gartengitters, als ich den Hgel
hinan stieg. Die Fenstervorhnge, welche teils ein wenig geffnet,
teils der Hitze willen geschlossen waren, luden mich gastlich ein, und
der Schmelz des Gesanges der Vgel und mancher lautere vereinzelte Ruf
grte mich wie einen, der hier schon lange bekannt ist.

Da ich die Einrichtung des Gittertores kannte, drckte ich an der
Vorrichtung, der Flgel ffnete sich und ich trat in den Garten.

Mein Gastfreund war bei den Bienen. Ich erfuhr das von dem Grtner,
welcher der erste war, den ich zu sehen bekam. Er ordnete etwas an
einem Geranienbeete in der Nhe des Einganges. Ich schlug den Weg zu
den Bienen ein. Mein Gastfreund stand vor der Htte und erwartete das
Erscheinen einer jungen Familie, die schwrmen wollte. Er sagte mir
dieses, als ich hinzutrat, ihn zu begren. Der Empfang war beinahe
bewegt, wie zwischen einem Vater und einem Sohne, so sehr war meine
Liebe zu ihm schon gewachsen, und eben so mochte auch er schon eine
Zuneigung zu mir gewonnen haben.

Da er doch wohl von seinem Vorhaben nicht weggehen konnte, sagte ich,
ich wolle die andern auch begren, und er billigte es. Er hatte mir
erzhlt, da Mathilde und Natalie in dem Asperhofe seien.

Ich ging gegen das Haus. Gustav hatte es schon erfahren, da ich da
sei, er flog die Treppe herunter und auf mich zu. Gru, Gegengru,
Fragen, Antworten, Vorwrfe, da ich so spt gekommen sei und da
ich in dem Frhlinge doch nicht einige Tage bentzt habe, um in den
Asperhof zu gehen. Er sagte, da er mir sehr viel zu erzhlen habe,
da er mir alles erzhlen wolle und da ich recht lange, lange da
bleiben msse.

Er fhrte mich nun zu seiner Mutter. Diese sa an einem Tische im
Gebsche und las. Sie stand auf, da sie mich nahen sah, und ging mir
entgegen. Sie reichte mir die Hand, die ich, wie es in unserer Stadt
Sitte war, kssen wollte. Sie lie es nicht zu. Ich hatte wohl schon
frher bemerkt, da sie nicht zugab, da ihr die Hand gekt werde;
aber ich hatte in dem Augenblicke nicht daran gedacht. Sie sagte, da
ich ihr sehr willkommen sei, da sie mich schon frher erwartet habe
und da ich nun eine nicht zu kurze Zeit meinen hiesigen Freunden
schenken msse. Wir gingen unter diesen Worten wieder zu dem Tische
zurck, auf den sie ihr Buch gelegt hatte, und sie hie mich an ihm
Platz nehmen. Ich setzte mich auf einen der dastehenden Sthle. Gustav
blieb neben uns stehen. Ihr Angesicht war so heiter und freundlich,
da ich meinte, es nie so gesehen zu haben. Oder es war wohl immer so,
nur in meiner Erinnerung war es ein wenig zurck getreten. Wirklich,
so oft ich Mathilden nach lngerer Trennung sah, erschien sie mir,
obwohl sie eine alternde Frau war, immer lieblicher und immer
anmutiger. Zwischen den Fltchen des Alters und auf den Zgen, welche
auf eine Reihe von Jahren wiesen, wohnte eine Schnheit, welche rhrte
und Zutrauen erweckte. Und mehr als diese Schnheit war es, wie ich
wohl jetzt erkannte, da ich so viele Angesichter so genau betrachtet
hatte, um sie nachzubilden, die Seele, welche gtig und abgeschlossen
sich darstellte und auf die Menschen, die ihr naheten, wirkte. Um die
reine Stirne zog sich das Wei der Haubenkrause, und hnliche weie
Streifen waren um die feinen Hnde.

Auf dem Tische stand ein Blumentopf mit einer dunkeln, fast
veilchenblauen Rose. Sie lehnte sich in dem Rohrstuhle, auf dem sie
sa, zurck, faltete die Hnde auf ihrem Schooe und sagte: Wir
werden in dem Sternenhofe ein kleines Fest feiern. Ihr wit, da wir
begonnen haben, die Tnche, womit die groen Steinflchen, die die
Mauern unsers Hauses bekleiden, in frheren Jahren berstrichen worden
sind, wegzunehmen, weil unser Freund meinte, da dieselbe das Haus
entstelle und da es sich weit schner zeigen wrde, wenn sie
weggenommen und der bloe Stein sichtbar wre. Heuer ist nun die ganze
vordere Flche des Hauses fertig geworden, die Gerste werden eben
abgebrochen, und da werden, wenn die Spuren auch auf dem Boden vor
dem Hause vertilgt sind, wenn der Sand geebnet ist, wenn der Rasen
gereinigt und gewaschen ist, da er keine Kalkflecke, sondern das
reine Grn zeigt, wir alle hinausfahren, um die Sache zu betrachten
und ein Urteil abzugeben, ob das Haus den Gewinn gemacht habe, der
sich uns versprochen hat.

Es werden auch andere Menschen kommen, es werden wahrscheinlich sich
einige Nachbarn einfinden, und da ihr zu unsern Freunden aus dem
Asperhofe gehrt, und da wir alle euer Urteil in Anschlag bringen
mchten, so seid ihr gebeten, auch dabei zu sein und die Gesellschaft
zu vermehren.

Mein Urteil ist wohl sehr geringe, antwortete ich, und wenn es
nicht ganz verwerflich ist, und wenn ich mir einige Kenntnisse und
eine bestimmte Empfindung des Schnen erworben habe, so danke ich
Alles dem Besitzer dieses Hauses, der mich so gtig aufgenommen und
Manches in mir hervor gezogen hat, das wohl sonst nie zu irgend einer
Bedeutung gekommen wre. Ich werde also kaum zur Feststellung der
Sache auf dem Sternenhofe etwas beitragen knnen, und meine Ansicht
wird gewi die meines Gastfreundes und Eustachs sein; aber da ihr mich
so freundlich einladet und da es mir eine Freude macht, in eurem Hause
sein zu knnen, so nehme ich die Einladung gerne an, vorausgesetzt,
da die Zeit nicht zu spt bestimmt ist, da ich doch wohl noch in
diesem Sommer in den Ort meiner jetzigen Ttigkeit zurckkehren und
Einiges vor mich bringen mchte.

Die Zeit ist sehr nahe, erwiderte sie, es ist ohnehin schon seit
lnger her gebruchlich, da nach der Rosenblte, zu welcher ich immer
in diesem Hause eingeladen bin, unsere hiesigen Freunde auf eine Weile
in den Sternenhof hinber fahren. Das wird auch heuer so sein.

Whrend hier die feinen Bltter dieser Blumen sich vollkommen
entwickeln und endlich welken und abfallen, wird unser Hausverwalter
in dem Sternenhofe Alles in Ordnung bringen, da keine Verwirrung mehr
zu sehr sichtbar ist, er wird uns hierber einen Brief schreiben und
wir werden den Tag der Zusammenkunft bestimmen. Von dem Urteile, wenn
irgend eines mit einem berwiegenden Gewichte zu Stande kmmt, wird
es abhngen, ob auch die Kosten zu der Reinigung der andern Teile des
Hauses verwendet werden oder ob der jetzige Zustand, da eine Seite
von der Tnche befreit ist, die brigen aber damit behaftet sind, der
gewi weniger schn ist, als wenn Alles bertncht geblieben wre,
fortbestehen oder ob gar das Befreite wieder bertncht werden solle.
Da ihr brigens eure Ansichten geringe achtet, daran tut ihr Unrecht.
Wenn in der Nhe unsers Freundes Einiges an euch frher zur Blte kam,
so ist dies wohl sehr natrlich; es ist ja Alles an uns Menschen so,
da es wieder von andern Menschen gro gezogen wird, und es ist das
glckliche Vorrecht bedeutender Menschen, da sie in andern auch das
Bedeutende, das wohl sonst spter zum Vorscheine gekommen wre, frher
entwickeln. Wie sicher in euch die Anlage zu dem Hheren und Greren
vorhanden war, zeigt schon die Wahl, mit der ihr aus eigenem Antriebe
auf eine wissenschaftliche Beschftigung gekommen seid, die sonst
unsere jungen Leute in den Jahren, in denen ihr euch entschieden habt,
nicht zu ergreifen pflegen, und da euer Herz dem Schnen zugewendet
war, geht daraus hervor, da ihr schon bald begannet, die Gegenstnde
eurer Wissenschaft abzubilden, worauf der, dem der bildende Sinn
mangelt, nicht so leicht verfllt, er macht sich eher schriftliche
Verzeichnisse, und endlich habt ihr ja in Kurzem die Abbildung anderer
Dinge, menschlicher Kpfe, Landschaften, versucht und habt euch auf
die Dichter gewendet. Da es aber auch nicht ein unglcklicher Tag
war, an welchem ihr ber diesen Hgel herauf ginget, zeigt sich in
einer Tatsache: ihr liebt den Besitzer dieses Hauses, und einen
Menschen lieben knnen ist fr den, der das Gefhl hat, ein groer
Gewinn.

Gustav hatte whrend dieser Rede die Mutter stets freundlich
angesehen.

Ich aber sagte: Er ist ein ungewhnlicher, ein ganz auerordentlicher
Mensch.

Sie erwiderte auf diese Worte nichts, sondern schwieg eine Weile.
Spter fing sie wieder an: Ich habe mir diese Rosenpflanze auf den
Tisch gestellt, gewissermaen als die Gesellschafterin meines Lesens -
gefllt euch die Blume?

Sie gefllt mir sehr, antwortete ich, wie mir berhaupt alle Rosen
gefallen, die in diesem Hause gezogen werden.

Sie ist eine neue Art, sagte sie, ich habe aus England einen Brief
bekommen, in welchem eine Freundin mit Auszeichnung von einer Rose
sprach, die sie in Kew gesehen habe und deren Namen sie hinzu fgte.
Da ich in dem Verzeichnisse unserer Rosen den Namen nicht fand, dachte
ich, da dies eine Art sein drfte, welche unser Freund nicht hat.
Ich schrieb an die Freundin, ob sie mir eine solche Rosenpflanze
verschaffen knne. Mit Hilfe eines Mannes, der uns beide kennt,
erhielt sie die Pflanze, und in diesem Frhlinge wurde sie mir in
einem Topfe, sehr wohl und sinnreich verpackt, aus England geschickt.
Ich pflegte sie, und da die Blumen sich entwickeln wollten, brachte
ich sie unserm Freunde. Die Rosen ffneten sich hier vollends, und
wir sahen - besonders er, der alle Merkmale genau kennt -, da diese
Blume sich in der Sammlung dieses Hauses noch nicht befindet. Eustach
bildete sie ab, da wir sie festhalten und ob die, welche in Zukunft
kommen werden, ihr gleichen. Mein Freund schrieb nach England um
Pfropfreiser fr den nchsten Frhling, diese Pflanze bleibt indessen
in dem Topfe und wird hier besorgt werden.

Whrend sie so sprach, regten sich die Zweige neben einem schmalen
Pfade, der aus dem Gebsche auf den Platz fhrte, und Natalie trat auf
dem Pfade hervor. Sie war erhitzt und trug einen Strau von Feldblumen
in der Hand. Sie mute nicht gewut haben, da ein Fremder bei der
Mutter sei; denn sie erschrak sehr, und mir schien, als ginge durch
das Rot des erwrmten Angesichtes eine Blsse, die wieder mit einem
noch strkeren Rot wechselte. Ich war ebenfalls beinahe erschrocken
und stand auf.

Sie war an der Ecke des Gebsches stehen geblieben, und ich sagte die
Worte: Mich freut es sehr, mein Frulein, euch so wohl zu sehen.

Mich freut es auch, da ihr wohl seid, erwiderte sie.

Mein Kind, du bist sehr erhitzt, sagte die Mutter, du mut weit
gewesen sein, es kmmt schon die Mittagsstunde, und in derselben
solltest du nicht so weit gehen. Setze dich ein wenig auf einen dieser
Sessel, aber setze dich in die Sonne, damit du nicht zu schnell
abkhlest.

Natalie blieb noch ein ganz kleines Weilchen stehen, dann rckte sie
folgsam einen von den herumstehenden Sesseln so, da er ganz von der
Sonne beschienen wurde, und setzte sich auf ihn. Sie hatte den runden
Hut mit dem nicht gar groen Schirme, wie ihn Mathilde und sie
sehr gerne auf Spaziergngen in der Nhe des Rosenhauses und des
Sternenhofes trugen, als sie aus dem Gebsche getreten war, in der
Hand gehabt, jetzt, da die Sonne auf ihren Scheitel schien, setzte sie
ihn auf. Sie legte den Strau von Feldblumen, den sie gebracht hatte,
auf den Tisch und fing an, die einzelnen Gewchse heraus zu suchen und
gleichsam zu einem neuen Straue zu ordnen.

Wo bist du denn gewesen? fragte die Mutter.

Ich bin zu mehreren Rosenstellen in dem Garten gegangen, antwortete
Natalie, ich bin zwischen den Gebschen neben den Zwergobstbumen und
unter den groen Bumen, dann zu dem Kirschbaume empor und von da in
das Freie hinaus gegangen. Dort standen die Saaten und es blhten
Blumen zwischen den Halmen und in dem Grase. Ich ging auf dem schmalen
Wege zwischen den Getreiden fort, ich kam zur Felderrast, sa dort ein
wenig, ging dann auf dem Getreidehgel auf mehreren Rainen ohne Weg
zwischen den Feldern herum, pflckte diese Blumen und ging dann wieder
in den Garten zurck.

Und hast du dich denn lange auf dem Berge aufgehalten, und hast du
alle Zeit zu dem Aufsuchen und Pflcken dieser Blumen verwendet?
fragte Mathilde.

Ich wei nicht, wie lange ich mich auf dem Berge aufgehalten habe;
aber ich meine, es wird nicht lange gewesen sein, antwortete Natalie,
ich habe nicht blo diese Blumen gepflckt, sondern auch auf die
Gebirge geschaut, ich habe auf den Himmel gesehen und auf die Gegend,
auf diesen Garten und auf dieses Haus geblickt.

Mein Kind, sagte Mathilde, es ist kein bel, wenn du in den
Umgebungen dieses Hauses herum gehst; aber es ist nicht gut, wenn du
in der heien Sonne, die gegen Mittag zwar nicht am heiesten ist,
aber immerhin schon hei genug, auf dem Hgel herum gehst, welcher ihr
ganz ausgesetzt ist, welcher keinen Baum - auer bei der Felderrast -
und keinen Strauch hat, der Schatten bieten knnte. Und du weit auch
nicht, wie lange du in der Hitze verweilest, wenn du dich in das
Herumsehen vertiefest oder wenn du Blumen pflckest und in dieser
Beschftigung die Zeit nicht beachtest.

Ich habe mich in das Blumenpflcken nicht vertieft, erwiderte
Natalie, ich habe die Blumen nur so gelegentlich gelesen, wie sie mir
in meinem Dahingehen aufstieen. Die Sonne tut mir nicht so weh, liebe
Mutter, wie du meinst, ich empfinde mich in ihr sehr wohl und sehr
frei, ich werde nicht mde, und die Wrme des Krpers strkt mich
eher, als da sie mich drckt.

Du hast auch dein Hut an dem Arme getragen, sagte die Mutter.

Ja, das habe ich getan, antwortete Natalie, aber du weit, da ich
dichte Haare habe, auf dieselben legt sich die Sonnenwrme wohlttig,
wohlttiger als wenn ich den Hut auf dem Haupte trage, der so hei
macht, und die freie Luft geht angenehm, wenn man das Haupt entblt
hat, an der Stirne und an den Haaren dahin.

Ich betrachtete Natalie, da sie so sprach. Ich erkannte erst jetzt,
warum sie mir immer so merkwrdig gewesen ist, ich erkannte es, seit
ich die geschnittenen Steine meines Vaters gesehen hatte. Mir erschien
es, Natalie sehe einem der Angesichter hnlich, welche ich auf
den Steinen erblickt hatte, oder vielmehr in ihren Zgen war das
Nehmliche, was in den Zgen auf den Angesichtern der geschnittenen
Steine ist. Die Stirne, die Nase, der Mund, die Augen, die Wangen
hatten genau etwas, was die Frauen dieser Steine hatten, das Freie,
das Hohe, das Einfache, das Zarte und doch das Krftige, welches auf
einen vollstndig gebildeten Krper hinweist, aber auch auf einen
eigentmlichen Willen und eine eigentmliche Seele. Ich blickte auf
Gustav, der noch immer neben dem Tische stand, ob ich auch an ihm
etwas hnliches entdecken knnte. Er war noch nicht so entwickelt, da
sich an ihm schon das Wesen der Gestalt aussprechen konnte, die Zge
waren noch zu rund und zu weich; aber es duchte mir, da er in
wenigen Jahren so aussehen wrde, wie die Jnglingsangesichter unter
den Helmen auf den Steinen aussehen, und da er dann Natalien noch
mehr gleichen wrde. Ich blickte auch Mathilden an; aber ihre Zge
waren wieder in das Sanftere des Alters bergegangen; ich glaubte
deohngeachtet, vor nicht langer Zeit mte auch sie ausgesehen haben,
wie die lteren Frauen auf den Steinen aussehen. Natalie stammte also
gleichsam aus einem Geschlechte, das vergangen war und das anders und
selbstndiger war als das jetzige. Ich sah lange auf die Gestalt,
welche beim Sprechen bald die Augen zu uns aufschlug, bald sie wieder
auf ihre Blumen nieder senkte. Da ihr Haupt so antik erschien,
wie der Vater mit einem altrmischen Beiworte von seinen Steinen
sagte, mochte zum Teile auch daher kommen - wenigstens gewann ihre
Erscheinung dadurch -, da es mit einem richtig gebildeten Halse
aus einem ganz einfachen, schmucklosen Kleide hervor sah. Keine
berflssige Zutat von Stoffen und keine Kette oder sonst ein Schmuck
umgab den Hals - dieses macht nur die blo anmutigen Angesichter noch
anmutiger -, sondern das Kleid mit einer nicht auffallenden Farbe und
mit einem nicht auffallenden Schnitte schlo den reinen Hals und ging
an der brigen Gestalt hernieder.

Die Mutter sah Natalien freundlich an, da sie sprach, und sagte dann:
Der Jugend ist alles gut, der Jugend schlgt alles zum Gedeihen
aus, sie wird wohl auch empfinden, was ihr not tut, wie das Alter
empfindet, was es bedarf - Ruhe und Stille -, und unser Freund sagt ja
auch, man soll der Natur ihr Wort reden lassen; darum magst du gehen,
wie du fhlest, da du es bedarfst, Natalie, du wirst kein Unrecht
begehen, wie du es ja nie tust, du wirst keine Maregel auer Acht
lassen, die wir dir gesagt haben, und du wirst dich in deine Gedanken
nicht so vertiefen, da du deinen Krper vergest.

Das werde ich nicht tun, Mutter, entgegnete Natalie, aber lasse
mich gehen, es ist ein Wunsch in mir, so zu verfahren. Ich werde ihn
migen, wie ich kann; ich tue es um deinetwillen, Mutter, da du dich
nicht beunruhigest. Ich mchte auf dem Felderhgel herum gehen, dann
auch in dem Tale und in dem Walde, ich mchte auch in dem Lande gehen
und Alles darin beschauen und betrachten. Und die Ruhe schliet dann
so schn das Gemt und den Willen ab.

Da Natalie doch durch das Wandeln in der heien Sonne unmittelbar
vor der Mittagszeit sich erhitzt habe, zeigte ihr Angesicht. Dasselbe
behielt die Rte, welche es nach dem ersten Erblassen erhalten hatte,
und verlor sie nur in geringem Mae, whrend sie an dem Tische sa,
was doch eine geraume Zeit dauerte. Es blhte dieses Rot wie ein
sanftes Licht auf ihren Wangen und verschnerte sie gleichsam wie ein
klarer Schimmer.

Sie fuhr in ihrem Geschfte mit den Blumen fort, sie legte eine nach
der andern von dem greren Straue zu dem kleineren, bis der kleinere
Strau der grere wurde, der grere aber sich immer verkleinerte.
Sie schied keine einzige Blume aus, sie warf nicht einmal einen
Grashalm weg, der sich eingefunden hatte; es erschien also, da sie
weniger eine Auslese der Blumen machen, als dem alten Straue eine
neue, schnere Gestalt geben wollte. So war es auch, denn der alte
Strau war endlich verschwunden und der neue lag allein auf dem
Tische.

Mathilde hatte ihr Buch immer vor sich auf dem Tische liegen und sah
nicht wieder hinein. Sie frug mich um meinen letzten Aufenthalt und um
meine letzten Arbeiten. Ich setzte ihr beides auseinander.

Gustav hatte sich indessen auch auf einen Sessel, ganz nahe an mir,
gesetzt, und hrte aufmerksam zu.

Als die Sonne im Mittage angekommen war und nachgerade unsern ganzen
Tisch erfllt hatte, erschien Arabella, um uns zum Mittagessen zu
rufen.

Ein Mann, der in dem Garten arbeitete, mute den Blumentopf in das
Haus tragen. Mathilde nahm das Buch und ein Arbeitskrbchen, das neben
ihr auf dem Tische gestanden war, Natalie nahm ihren Blumenstrau,
hing ihren Hut wieder an ihren Arm, und so gingen wir in das Haus. Die
Frauen wandelten vor uns, Gustav und ich gingen hinter ihnen.


Da ich mich gegen meinen Gastfreund, gegen Eustach, gegen Gustav und
selbst gegen die Leute des Hauses verteidigen mute, weil ich heuer so
spt gekommen sei, nahm mich nicht Wunder, da ich immer so freundlich
hier aufgenommen worden war, und da man sich beinahe daran gewhnt
hatte, da ich alle Sommer in das Rosenhaus komme, wie ja auch mir
diese Besuche zur Gewohnheit geworden waren.

Mein Gastfreund und ich sprachen von den Dingen, welche ich im Laufe
des heurigen Sommers unternommen hatte, so wie er mir auch in den
ersten Tagen alles zeigte, was in dem Rosenhause geschah und was sich
in meiner Abwesenheit verndert hatte.

Ich sah, da die Zeit der Rosenblte nicht so lange dauern werde,
weil ich ja auch nicht zu ihrem ersten Anfange, sondern etwas spter
gekommen war.

Die Bilder gaben mir wieder eine se Empfindung, und die hohe Gestalt
auf der Treppe trat mir immer nher, seit ich die geschnittenen Steine
gesehen hatte und seit ich wute, da etwas unter den Lebenden wandle,
das hnlich sei. Ich ging mit Gustav oder allein fter in der Gegend
herum.

Eines Nachmittages waren wir in dem Rosenzimmer. Mathilde sprach
recht freundlich von verschiedenen Gegenstnden des Lebens, von den
Erscheinungen desselben, wie man sie aufnehmen msse und wie sie in
dem Laufe der Jahre sich ablsen. Mein Gastfreund antwortete ihr. Bei
dieser Gelegenheit sah ich erst, wie zart und schn fr das Zimmer
gesorgt worden war; denn die vier an Gre wie an Rahmen gleichen
Gemlde, die in demselben hingen, waren trotz ihrer Kleinheit bei
Weitem das Herrlichste und Auerordentlichste, was es an Gemlden im
Rosenhause gab. Ich hatte mein Urteil doch schon so weit gebildet, um
bei dem groen Unterschiede, der da waltete, das einsehen zu knnen.
Doch leitete ich auch meinen Gastfreund auf den Gegenstand, und er
gab meine Wahrnehmung, freilich in sehr bescheidenen Ausdrcken, weil
Mathilde zugegen war, zu. Wir besahen, nachdem das Gesprch eine
Wendung genommen hatte, die Bilder und machten uns auf das Zarte,
Liebliche und Hohe derselben aufmerksam.

Besuche, wie gewhnlich zur Rosenzeit, kamen auch heuer; aber ich
mischte mich weniger als etwa in frheren Jahren unter die Leute.

Natalie ging wirklich, wie ich jetzt selber wahrnahm, in diesem Sommer
mehr als in vergangenen im Garten und in der Gegend herum, sie ging
viel weiter und ging auch fter allein. Sie ging nicht blo bei dem
groen Kirschbaume fter in das Freie und ging dort zwischen den
Saaten herum, sondern sie ging auch geradewegs ber den Hgel hinab zu
der Strae, oder sie ging in den Meierhof oder lngs der Hgel dahin,
oder sie ging ein Stck auf dem Wege nach dem Inghofe. Wenn sie
zurckgekehrt war, sa sie in ihrem Lehnstuhle und blickte auf das,
was vor ihr oder in ihrer Umgebung geschah.

Eines Tages, da ich selber einen weiten Weg gemacht hatte und gegen
Abend in das Rosenhaus zurck kehrte, sah ich, da ich von dem
Erlenbache hinauf eine krzere Richtung eingeschlagen hatte, auf
bloem Rasen zwischen den Feldern gegangen, auf der Hhe angekommen
war und nun gegen die Felderrast zuging, auf dem Bnklein, das unter
der Esche derselben steht, eine Gestalt sitzen. Ich kmmerte mich
nicht viel um sie und ging meines Weges, welcher gerade auf den Baum
zufhrte, weiter. Ich konnte, wie nahe ich auch kam, die Gestalt nicht
erkennen; denn sie hatte nicht nur den Rcken gegen mich gekehrt,
sondern war auch durch den grten Teil des Baumstammes gedeckt. Ihr
Angesicht blickte nach Sden. Sie regte sich nicht und wendete sich
nicht. So kam ich fast dicht gegen sie heran. Sie mute nun meinen
Tritt im Grase oder mein Anstreifen an das Getreide gehrt haben; denn
sie erhob sich pltzlich, wendete sich um, damit sie mich she, und
ich stand vor Natalien. Kaum zwei Schritte waren wir von einander
entfernt. Das Bnklein stand zwischen uns. Der Baumstamm war jetzt
etwas seitwrts. Wir erschraken beide. Ich hatte nehmlich nicht - auch
nicht im Entferntesten - daran gedacht, da Natalie auf dem Bnklein
sitzen knne, und sie mute erschrocken sein, weil sie pltzlich
Schritte hinter sich gehrt hatte, wo doch kein Weg ging, und weil
sie, da sie sich umwendete, einen Mann vor sich stehen gesehen hatte.
Ich mute annehmen, da sie nicht gleich erkannt habe, da ich es sei.

Ein Weilchen standen wir stumm gegenber, dann sagte ich: Seid
ihr es, Frulein, ich hatte nicht gedacht, da ich euch unter dem
Eschenbaume sitzend finden wrde.

Ich war ermdet, antwortete sie, und setzte mich auf die Bank, um
zu ruhen. Auch drfte es wohl an der Zeit spter geworden sein, als
man gewohnt ist, mich nach Hause kommen zu sehen.

Wenn ihr ermdet seid, sagte ich, so will ich nicht Ursache sein,
da ihr steht, ich bitte, setzet euch, ich will, so schnell ich kann,
durch die Felder und den Garten eilen und euch Gustav herauf senden,
da er euch nach Hause begleite.

Das wird nicht ntig sein, erwiderte sie, es ist ja noch nicht
Abend, und selbst wenn es Abend wre, so droht wohl nirgends
ringsherum eine Gefahr. Ich bin schon viel weiter allein gegangen, ich
bin allein nach Hause zurckgekehrt, meine Mutter und unser Gastfreund
haben deshalb keine Besorgnisse gehabt. Heute bin ich bis auf dem
Raitbhel bei dem roten Kreuze gewesen und bin von dort zu der Bank
hieher zurck gegangen.

Das ist ja fast ber eine Stunde Weges, sagte ich.

Ich wei nicht, wie lange ich gegangen bin, antwortete sie, ich
ging zwischen den Feldern hin, auf denen die ungeheure Menge des
Getreides steht, ich ging an manchem Strauche hin, den der Rain
enthlt, ich ging an manchem Baume vorbei, der in dem Getreide steht,
und kam zu dem roten Kreuze, das aus den Saaten empor ragt.

Wenn ich sehr gut gehe, sagte ich, so brauche ich von hier bis zu
dem roten Kreuze eine Stunde.

Ich habe, wie ich sagte, die Zeit nicht gezhlt, entgegnete sie,
ich bin von hier zu dem Kreuze gegangen, und bin von dem Kreuze
wieder hieher zurck gekehrt.

Whrend dieser Worte war ich aus der ungefgen Stellung im Grase
hinter dem Bnklein auf den freien Raum herber getreten, der sich vor
dem Baume ausbreitet, Natalie hatte eine leichte Bewegung gemacht und
sich wieder auf das Bnkchen gesetzt.

Nach einem solchen Gange bedrft ihr freilich der Ruhe, sprach ich.

Es ist auch nicht gerade deswillen, antwortete sie, weshalb ich
diese Bank suchte. So ermdet ich bin, so knnte ich wohl noch recht
gut den Weg durch die Felder und den Garten nach Hause, ja noch einen
viel weiteren machen; aber es gesellte sich zu dem krperlichen
Wunsche noch ein anderer.

Nun?

Auf diesem Platze ist es schn, das Auge kann sich ergehen, ich bin
bei meinen Gedanken, ich brauche diese Gedanken nicht zu unterbrechen,
was ich doch tun mu, wenn ich zu den Meinigen zurck kehre.

Und darum ruhet ihr hier?

Darum ruhe ich hier.

Seid ihr von eurer Kindheit an gerne allein in den Feldern gegangen?

Ich erinnere mich des Wunsches nicht, antwortete sie, wie es denn
berhaupt einige Zeitabschnitte in meiner Kindheit gibt, an welche
ich mich nicht genau erinnern kann, und da der Wunsch in meinem
Gedchtnisse nicht gegenwrtig ist, so wird auch die Tatsache nicht
gewesen sein, obwohl es wahr ist, da ich als Kind lebhafte Bewegungen
sehr geliebt habe.

Und jetzt fhrt euch eure Neigung fter in das Freie? fragte ich.

Ich gehe gerne herum, wo ich nicht beengt bin, antwortete sie, ich
gehe zwischen den Feldern und den wallenden Saaten, ich steige auf die
sanften Hgel empor, ich wandere an den bltterreichen Bumen vorber
und gehe so fort, bis mich eine fremde Gegend ansieht, der Himmel ber
derselben gleichsam ein anderer ist und andere Wolken hegt. Im Gehen
sinne und denke ich dann. Der Himmel, die Wolken darin, das Getreide,
die Bume, die Gestruche, das Gras, die Blumen stren mich nicht.
Wenn ich recht ermdet bin und auf einem Bnklein wie hier oder auf
einem Sessel in unserem Garten oder selbst auf einem Sitze in unserem
Zimmer ausruhen kann, so denke ich, ich werde nun nicht wieder so weit
gehen. - Und wo seid denn ihr gewesen? fragte sie, nachdem sie sich
unterbrochen und ein Weilchen geschwiegen hatte.

Ich bin nach dem Essen von dem Erlenbache zu dem Teiche hinauf
gegangen, antwortete ich, dann durch das Gehlze auf den Balkhgel
empor, von dem man die Gegend von Landegg sieht und den Turm seiner
Pfarrkirche erblicken kann. Von dem Balkhgel bin ich dann noch auf
den Hhen fortgegangen, bis ich zu den Rohrhusern gekommen bin. Da
ich dort schon zwei starke Wegstunden von dem Asperhofe entfernt
war, schlug ich den Rckweg ein. Ich hatte im Hingehen viele Zeit
verbraucht, weil ich hufig stehen geblieben war und verschiedene
Dinge angesehen hatte, deshalb whlte ich nun einen krzeren Rckgang.
Ich ging auf Feldpfaden und mannigfaltigen Kirchenwegen durch die
Felder, bis ich zwischen Dernhof und Ambach wieder zu dem Seewalde und
zu dem Erlenbache herabkam. Von dort aus waren mir Raine bekannt, die
am krzesten auf die Felderrast herber fhrten. Obwohl auf ihnen kein
Weg fhrt, ging ich doch auf ihrem Grase fort und kam so gegen euch
herzu.

Da mt ihr ja recht mde sein, sagte sie und machte eine Bewegung
auf dem Bnklein, um mir Platz neben sich zu verschaffen.

Ich wute nicht recht, wie ich tun sollte, setzte mich aber doch an
ihrer Seite nieder.

Habt ihr etwa ein Buch mit euch genommen, um auf dieser Bank zu
lesen, fragte ich, oder habt ihr nicht Blumen gepflckt?

Ich habe kein Buch mitgenommen und habe keine Blumen gepflckt,
antwortete sie, ich kann nicht lesen, wenn ich gehe, und kann auch
nicht lesen, wenn ich im freien Felde auf einer Bank oder auf einem
Steine sitze.

Wirklich sah ich auch gar nichts neben ihr, sie hatte kein Krbchen
oder sonst irgend etwas, das Frauen gerne mit sich zu tragen pflegen,
um Gegenstnde hinein legen zu knnen; sie sa mig auf dem Bnklein,
und ihr Strohhut, den sie von dem Haupte genommen hatte, lag neben ihr
in dem Grase.

Die Blumen pflcke ich, fuhr sie nach einem Weilchen fort, wenn sie
bei Gelegenheit an dem Wege stehen. Hier herum ist meistens der Mohn,
der aber wenig zu Struen pat, weil er gerne die Bltter fallen
lt, dann sind die Kornblumen, die Wegnelken, die Glocken und andere.
Oft pflcke ich auch keine Blumen, wenn sie noch so reichlich vor mir
stehen.

Mir war es seltsam, da ich mit Natalien allein unter der Esche der
Felderrast sitze. Ihre Fuspitzen ragten in den Staub der vor uns
befindlichen offenen Stelle hinaus, und der Saum ihrer Kleider
berhrte denselben Staub. In der Krone der Esche rhrte sich kein
Blttchen; denn die Luft war still. Weit vor uns hinabgehend und weit
zu unserer Rechten und Linken hin sowie rckwrts war das grne, der
Reife entgegen harrende Getreide. Aus dem Saume desselben, der uns am
nchsten war, sahen uns der rote Mohn und die blauen Kornblumen an.
Die Sonne ging dem Untergange zu und der Himmel glnzte an der Stelle,
gegen die sie ging, fast weiglhend ber die Saatfelder herber,
keine Wolke war und das Hochgebirge stand rein und scharf geschnitten
an dem sdlichen Himmel.

Und habt ihr bei dem roten Kreuze auch ein wenig geruht? fragte ich
nach einer Weile.

Bei dem roten Kreuze habe ich nicht geruht, antwortete sie,
man kann dort nicht ruhen, es steht fast unter lauter Halmen des
Getreides, ich lehnte mich mit einem Arme an seinen Stamm und sah
auf die Gegend hinaus, auf die Felder, auf die Obstbume und auf die
Huser der Menschen, dann wendete ich mich wieder um und schlug den
Rckweg zu diesem Bnklein ein.

Wenn heiterer Himmel ist und die Sonne scheint, dann ist es in der
Weite schn, sagte ich.

Es ist wohl schn, erwiderte sie, die Berge gehen wie eine Kette
mit silbernen Spitzen dahin, die Wlder sind ausgebreitet, die Felder
tragen den Segen fr die Menschen, und unter all den Dingen liegt das
Haus, in welchem die Mutter und der Bruder und der vterliche Freund
sind; aber ich gehe auch an bewlkten Tagen auf den Hgel oder an
solchen, an denen man nichts deutlich sehen kann. Als Bestes bringt
der Gang, da man allein ist, ganz allein, sich selber hingegeben. Tut
ihr bei euren Wanderungen nicht auch so, und wie erscheint denn euch
die Welt, die ihr zu erforschen trachtet?

Es war zu verschiedenen Zeiten verschieden, antwortete ich; einmal
war die Welt so klar als schn, ich suchte Manches zu erkennen,
zeichnete Manches und schrieb mir Manches auf. Dann wurden alle Dinge
schwieriger, die wissenschaftlichen Aufgaben waren nicht so leicht zu
lsen, sie verwickelten sich und wiesen immer wieder auf neue Fragen
ein. Dann kam eine andre Zeit; es war mir, als sei die Wissenschaft
nicht mehr das Letzte, es liege nichts daran, ob man ein Einzelnes
wisse oder nicht, die Welt erglnzte wie von einer innern Schnheit,
die man auf ein Mal fassen soll, nicht zerstckt, ich bewunderte sie,
ich liebte sie, ich suchte sie an mich zu ziehen und sehnte mich nach
etwas Unbekanntem und Groem, das da sein msse.


Sie sagte nach diesen Worten eine Zeit hindurch nichts; dann aber
fragte sie: Und ihr werdet in diesem Sommer noch einmal in euren
Aufenthaltsort zurck kehren, den ihr euch jetzt zu eurer Arbeit
auserkoren habt?

Ich werde in denselben zurck kehren, antwortete ich.

Und den Winter bringt ihr bei euren lieben Angehrigen zu? fragte
sie weiter.

Ich werde ihn wie alle bisherigen in dem Hause meiner Eltern
verleben, sagte ich.

Und seid ihr in dem Winter im Sternenhofe? fragte ich nach einiger
Zeit.

Wir haben ihn frher zuweilen in der Stadt zugebracht, antwortete
sie, jetzt sind wir schon einige Male in dem Sternenhofe geblieben,
und zwei Mal haben wir eine Reise gemacht.

Habt ihr auer Klotilden keine andere Schwester? fragte sie, nachdem
wir wieder ein Weilchen geschwiegen hatten.

Ich habe keine andere, erwiderte ich, wir sind nur zwei Kinder, und
das Glck, einen Bruder zu besitzen, habe ich gar nie kennen gelernt.

Und mir ist wieder das Glck, eine Schwester zu haben, nie zu Teil
geworden, antwortete sie.

Die Sonne war schon untergegangen, die Dmmerung trat ein, und wir
waren immer sitzen geblieben. Endlich stand sie auf und langte nach
ihrem Hute, der in dem Grase lag. Ich hob denselben auf und reichte
ihn ihr dar. Sie setzte ihn auf und schickte sich zum Fortgehen an.
Ich bot ihr meinen Arm. Sie legte ihren Arm in den meinigen, aber
so leicht, da ich ihn kaum empfand. Wir schlugen nicht den Weg auf
den Anhhen hin zu dem Gartenpfrtchen ein, das in der Nhe des
Kirschbaumes ist, sondern wir gingen auf dem Pfade, der von der
Felderrast zwischen dem Getreide abwrts luft, gegen den Meierhof
hinab. Wir sprachen nun gar nicht mehr. Ihr Kleid fhlte ich sich
neben mir regen, ihren Tritt fhlte ich im Gehen. Ein Wsserlein,
das unter Tags nicht zu vernehmen war, hrte man rauschen, und der
Abendhimmel, der immer goldener wurde, flammte ber uns und ber den
Hgeln der Getreide und um manchen Baum, der beinahe schwarz da stand.
Wir gingen bis zu dem Meierhofe. Von demselben gingen wir ber die
Wiese, die zu dem Hause meines Gastfreundes fhrt, und schlugen den
Pfad zu dem Gartenpfrtchen ein, das in jener Richtung in der Gegend
der Bienenhtte angebracht ist. Wir gingen durch das Pfrtchen in den
Garten, gingen an der Bienenhtte hin, gingen zwischen Blumen, die da
standen, zwischen Gestruch, das den Weg sumte, und endlich unter
Bumen dahin und kamen in das Haus. Wir gingen in den Speisesaal, in
welchem die Andern schon versammelt waren. Natalie zog hier ihren Arm
aus dem meinigen. Man fragte uns nicht, woher wir gekommen wren und
wie wir uns getroffen htten. Man ging bald zu dem Abendessen, da die
Zeit desselben schon heran gekommen war.

Whrend des Essens sprachen Natalie und ich fast nichts.

Als wir uns im Speisesaale getrennt hatten und als jedes in sein
Zimmer gegangen war, lschte ich die Lichter in dem meinigen sogleich
aus, setzte mich in einen der gepolsterten Lehnsthle und sah auf
die Lichttafeln, welche der inzwischen heraufgekommene Mond auf die
Fubden meiner Zimmer legte. Ich ging sehr spt schlafen, las aber
nicht mehr, wie ich es sonst in jeder Nacht gewohnt war, sondern blieb
auf meinem Lager liegen und konnte sehr lange den Schlummer nicht
finden.

In den Tagen, die auf jenen Abend folgten, schien es mir, als weiche
mir Natalie aus. Die Zithern hrte ich wieder in ein paar Nchten, sie
wurden sehr gut gespielt, was ich jetzt mehr empfinden und beurteilen
konnte als frher. Ich sprach aber nichts darber, und noch weniger
sagte ich etwas davon, da ich selber in diesem Spiele nicht mehr
so unerfahren sei. Meine Zither hatte ich nie in das Rosenhaus
mitgenommen.

Endlich nahte die Zeit, in welcher man in den Sternenhof gehen sollte.
Mathilde und Natalie reisten in Begleitung ihrer Dienerin frher
dahin, um Vorkehrungen zu treffen und die Gste zu empfangen. Wir
sollten spter folgen.

In der Zeit zwischen der Abreise Mathildens und der unsrigen tat mein
Gastfreund eine Bitte an mich. Sie bestand darin, da ich ihm in dem
kommenden Winter eine genaue Zeichnung von den Vertflungen anfertigen
mchte, welche ich meinem Vater aus dem Lauterthale gebracht hatte
und welche von ihm in die Pfeiler des Glashuschens eingesetzt
worden waren. Die Zeichnung mchte ich ihm dann im nchsten Sommer
mitbringen. Ich fhlte mich sehr vergngt darber, da ich dem Manne,
zu welchem mich eine solche Neigung zog und dem ich so viel verdankte,
einen Dienst erweisen konnte und versprach, da ich die Zeichnung so
genau und so gut machen werde, als es meine Krfte gestatten.

An einem der folgenden Tage fuhren mein Gastfreund, Eustach, Roland,
Gustav und ich in den Sternenhof ab.



Das Fest

Ein Fest in dem Sinne, wie man das Wort gewhnlich nimmt, war es
nicht, was in dem Sternenhofe vorkommen sollte, sondern es waren
mehrere Menschen zu einem gemeinschaftlichen Besuche eingeladen
worden, und diese Einladungen hatte man auch nicht eigens und
feierlich, sondern nur gelegentlich gemacht. brigens stand es in
Hinsicht des Sternenhofes so wie des Asperhofes jedem Freunde und
jedem Bekannten frei, zu was immer fr einer Zeit einen Besuch machen
und eine Weile zu bleiben.

Als wir am zweiten Tage nach unserer Abreise von dem Asperhofe - wir
hatten einen kleinen Umweg gemacht - in dem Sternenhofe eintrafen,
waren schon mehrere Menschen versammelt. Fremde Diener, zuweilen
seltsam gekleidet, gingen, wie sich das allemal findet, wenn mehrere
Familien zusammen kommen, in der Nhe des Schlosses herum oder auf dem
Wege zwischen dem Meierhofe und dem Schlosse hin und her. Man hatte
einen Teil der Wgen und Pferde in dem Meierhofe untergebracht. Wir
fuhren bei dem Tore hinein, und unser Wagen hielt im Hofe. Ich hatte
schon, da wir den Hgel hinan fuhren und uns dem Schlosse nherten,
einen Blick auf dessen vorderste Mauer geworfen, an der jetzt die
bloen Steine ohne Tnche sichtbar waren, und hatte mein Urteil
schnell gefat. Mir gefiel die neue Gestalt um Auerordentliches
besser als die frhere, an welche ich jetzt kaum zurck denken mochte.
Meine Begleiter uerten sich whrend des Hinzufahrens nicht, ich
sagte natrlich auch nichts. Im Hofe nherten sich Diener, welche
unser Gepcke in Empfang nehmen und Wagen und Pferde unterbringen
sollten. Der Hausverwalter fhrte uns die groe Treppe hinan und
geleitete uns in das Gesellschaftszimmer. Dasselbe war eines von jenen
Zimmern, die in einer Reihe fortlaufen und mit den neuen, im Asperhofe
verfertigten Gerten versehen sind. Die Tren aller dieser Zimmer
standen offen. Mathilde sa an einem Tische und eine ltliche Frau
neben ihr. Mehrere andere Frauen und Mdchen so wie ltere und jngere
Mnner saen an verschiedenen Stellen umher. Auf dem unscheinbarsten
Platze sa Natalie. Mathilde so wie Natalie waren gekleidet, wie
die Frauen und Mdchen von den besseren Stnden gekleidet zu sein
pflegten; aber ich konnte doch nicht umhin, zu bemerken, da ihre
Kleider weit einfacher gemacht und verziert waren als die der anderen
Frauen, da sie aber viel besser zusammen stimmten und ein edleres
Geprge trugen, als man dies sonst findet. Mir war, als she ich den
Geist meines Gastfreundes daraus hervorblicken, und wenn ich an hhere
Kreise unserer Stadt, zu denen ich Zutritt hatte, dachte, so schien es
mir auch, da gerade dieser Anzug derjenige vornehme sei, nach welchem
die Andern strebten. Mathilde stand auf und verbeugte sich freundlich
gegen uns. Das taten die Andern auch, und wir taten es gegen Mathilde
und gegen die Andern. Hierauf setzte man sich wieder, und der
Hausverwalter und zwei Diener sorgten, da wir Sitze bekamen. Ich
setzte mich an eine Stelle, welche sehr wenig auffllig war. Die Sitte
des gegenseitigen Vorstellens der Personen, wie sie fast berall
vorkmmt, scheint in dem Rosenhause und in dem Sternenhofe nicht
strenge gebruchlich sein; denn ich wute schon mehrere Flle, in
denen es unterblieben war; besonders wenn sich mehrere Menschen
zusammen gefunden hatten. Bei der gegenwrtigen Gelegenheit unterblieb
es auch. Man berlie es eher den Bemhungen des Einzelnen, sich die
Kenntnis ber eine Person zu verschaffen, an der ihm gelegen war, oder
man berlie es eher dem Zufalle, miteinander bekannt zu werden, als
da man bei jedem neuen Ankmmlinge das Verzeichnis der Anwesenden
gegen ihn wiederholt htte. Zudem schienen sich hier die meisten
Personen zu kennen. Mich wollte man wahrscheinlich aus dem Spiele
lassen, weil ich nie, wenn fremde Menschen in den Asperhof gekommen
waren, gefragt hatte, wer sie seien. Gustav benahm sich hier auch
beinahe wie ein Fremder. Nachdem er sich gegen seine Mutter sehr artig
verbeugt, in die allgemeine Verbeugung gegen die Andern eingestimmt
und Natalien zugelchelt hatte, setzte er sich bescheiden auf einen
abgelegenen Platz und hrte aufmerksam zu. Mein Gastfreund und Eustach
so wie auch Roland waren in den gebruchlichen Besuchkleidern, ich
ebenfalls. Mir kamen diese Mnner in ihren schwarzen Kleidern fremder
und fast geringer vor als in ihrem gewhnlichen Hausanzuge.

Mein Gastfreund war bald mit verschiedenen Anwesenden im Gesprche.
Allgemein wurde von allgemeinen und gewhnlichen Dingen geredet, und
das Gesprch ging bald zwischen einzelnen, bald zwischen mehreren
Personen hin und wider. Ich sprach wenig und fast ausschlielich nur,
wenn ich angeredet und gefragt wurde. Ich sah auf die Versammlung vor
mir oder auf manchen Einzelnen oder auf Natalien. Roland rckte einmal
seinen Stuhl zu mir und knpfte ein Gesprch ber Dinge an, die uns
beiden nahe lagen. Wahrscheinlich tat er es, weil er sich ebenso
vereinsamt unter den Menschen empfand wie ich.

Nachdem man den Nachmittagstee, bei dem man eigentlich versammelt war,
verzehrt und sich schon zum grten Teile erhoben hatte und in Gruppen
zusammen getreten war, wurde der Vorschlag gemacht, sich in den Garten
zu begeben und dort einen Spaziergang zu machen. Der Vorschlag fand
Beifall. Mathilde erhob sich und mit ihr die lteren Frauen. Die
jngeren waren ohnehin schon gestanden. Ein schner alter Herr,
wahrscheinlich der Gatte der ltlichen Frau, welche neben Mathilden
gesessen war, bot der Hausfrau den Arm, um sie ber die Treppe hinab
zu geleiten, dasselbe tat mein Gastfreund mit der ltlichen Frau.
Einige Paare entstanden noch auf diese Weise, das Andere ging
gemischt. Ich blieb stehen und lie die Leute an mir vorber gehen, um
mich nicht vorzudrngen. Natalie ging mit einem schnen Mdchen an mir
vorber und sprach mit demselben, als sie an mir vorbei ging. Ich war,
mit Roland und Gustav, der letzte, welcher ber die Treppe hinab ging.
Im Garten war es so, wie es bei einer greren Anzahl von Gsten
in hnlichen Fllen immer zu sein pflegt. Man bewegte sich langsam
vorwrts, man blieb bald hier, bald da stehen, betrachtete dieses oder
jenes, besprach sich, ging wieder weiter, lste sich in Teile und
vereinigte sich wieder. Ich achtete auf alles, was gesprochen wurde,
gar nicht. Natalie sah ich mit demselben Mdchen gehen, mit dem sie an
mir in dem Gesellschaftszimmer vorber gegangen war, dann gesellten
sich noch ein paar hinzu. Ich sah sie mit ihrem lichtbraunen
Seidenkleide zwischen andere hervorschimmern, dann sah ich sie wieder
nicht, dann sah ich sie abermals wieder. Gebsche deckten sie dann
ganz. Die jungen Mnner, welche ich in der Gesellschaft getroffen
hatte, gingen bald mit dem lteren Teile, bald mit dem jngeren.
Roland und Gustav gesellten sich zu mir, und wenn Gustav fragte, wie
es dort aussehe, wo ich jetzt gearbeitet habe, ob hohe Berge sind,
weite Tler, und ob es so freundlich ist wie am Lautersee, und ob ich
noch weiter vordringen wolle, und in welche Berge ich dann komme: so
sprach Roland wieder von den Anwesenden und nannte mir manchen und
erzhlte mir von ihren Verhltnissen. Durch seine Reisen in dem Lande,
durch seinen Aufenthalt in Kirchen, Kapellen, verfallenen Schlssern
und allen bedeutenderen Orten erfuhr er mehr, als irgend ein Anderer
erfahren konnte, und durch sein lebhaftes Wesen und sein gutes
Gedchtnis wurde er zur Erforschung angeleitet und war im Stande, das
Erforschte zu bewahren. Die ltliche Frau, welche wir bei unserem
Eintritte in das Gesellschaftszimmer neben Mathilden sitzen gesehen
hatten, war die Besitzerin eines groen Anwesens, etwa eine halbe
Tagereise von dem Sternenhofe entfernt. Ihr Name war Tillburg, wie
auch ihr Schlo hie. Sie hatte sich mit allen Annehmlichkeiten und
mit allem, was prchtig war, umringt. Ihre Gewchshuser waren die
schnsten im Lande, ihr Garten enthielt alles, was in der Zeit
als vorzglich auftauchte und wurde von zwei Grtnern und einem
Obergrtner nebst vielen Gehilfen besorgt, ihre Zimmer wiesen Gerte
und Stoffe von allen Hauptstdten der Welt auf, und ihre Wgen waren
das Bequemste und Zierlichste, was man in dieser Art hatte. Gemlde,
Bcher, Zeitschriften, kleine Spielereien waren in ihren Wohnzimmern
zerstreut. Sie machte Besuche in der Umgegend und empfing auch solche
gerne. Im Winter ist sie selten in ihrem Schlosse und immer nur auf
kurze Zeit, sie macht gerne Reisen und hlt sich besonders oft in
sdlichen Gegenden auf, von denen sie Merkwrdigkeiten zurckbringt.
Sie war die einzige Tochter und Erbin ihrer Eltern, ein Bruder, den
sie hatte, war in der zartesten Jugend gestorben. Der Mann mit dem
freundlichen Angesichte, welcher Mathilden aus dem Saale gefhrt
hatte, war ihr Gatte. Er war ebenfalls das einzige Kind reicher
Eltern, die Verbindung hatte sich ergeben, und so waren zwei groe
Vermgen in eins zusammen gekommen. Er teilte nicht gerade die
Liebhabereien seiner Gattin, war ihnen aber auch nicht entgegen. Er
hatte keine Leidenschaften, war einfach, machte seiner Gattin, die er
sehr liebte, gerne eine Freude und fand in den Reisen derselben, auf
denen er sie begleitete, halb sein eigenes Vergngen, halb eines, weil
er das ihrige teilte. Er verwaltete aber von jeher die Besitzungen
sehr einsichtig. Die Tillburg stammt von ihm. Einer von den jungen
Mnnern, die im Gesellschaftszimmer waren, der schlanke Mann mit den
lebhaften dunkeln Augen ist der Sohn, und zwar das einzige Kind dieser
Eheleute, er ist gut erzogen worden, und man kann nicht wissen, ob von
Tillburg her nicht zartere Beziehungen zu dem Sternenhofe gewnscht
werden.

Gustav machte bei diesen Worten eine leichte Seitenbewegung gegen
Roland, sah ihn an, sagte aber nichts.

Ich erinnerte mich der Tillburg, die ich sehr gut kannte, aber nie
betreten hatte. Ich war fter in ihrer Nhe vorber gekommen und hatte
die vier runden Trme an ihren vier Ecken, denen man in der neueren
Zeit eine lichte Farbe gegeben hatte, eine Tnche, wie man sie gerade
jetzt von dem Sternenhofe wieder weg haben will, nicht angenehm
empfunden, wie sie sich so scharf von dem Grn der nahen Bume und dem
Blau der fernen Berge und des Himmels abhoben, welchen letzteren sie
beinahe finster machten.

Der kleinere Mann mit den weien Haaren, der in der Nhe des
mittleren Fensters gesessen und fter aufgestanden war, fuhr Roland
fort, ist der Besitzer von Haberg. Sein Vater hatte die Besitzung
erst gekauft und sie ursprnglich fr einen jngeren Sohn bestimmt, da
der ltere das Stammgut Weibach erben sollte; allein der jngere Sohn
und der Vater starben, und so hatte der ltere Weibach und Haberg.
Er bergab nach einiger Zeit seinem Sohne das Stammgut und zog sich
nach Haberg zurck. Er ist einer jener Mnner, die immer erfinden und
bauen mssen. In Weibach hat er schon mehrere Bauten aufgefhrt.

In Haberg richtete er eine Musterwirtschaft ein, er verbesserte
die Felder und Wiesen und friedigte sie mit schnen Hecken ein, er
errichtete einen auserlesenen Viehstand und fhrte in geschtzten
Lagen den Hopfenbau ein, der sich unter seine Nachbarn verbreitete
und eine Quelle des Wohlstandes erffnete. Er dmmte dem Ritflusse
Wiesen ab, er mauerte die Ufer des Mhlbaches heraus, er baute eine
Flachsrstanstalt, baute neue Stlle, Scheuern. Trockenhuser,
Brcken, Stege, Gartenhuser, und ndert im Innern des Schlosses
bestndig um. Er ist im Laufe des ganzen Tages mit Nachschauen und
Anordnen beschftigt, zeichnet und entwirft in der Nacht, und wenn
irgendwo im Lande ber Fhrung einer Strae oder Anlegung eines
Bewirtschaftungsplanes oder Errichtung eines Gebudes Rat gepflogen
wird, so wird er gerufen, und er macht bereitwillig die Reisen auf
seine eigenen Kosten. Selbst bei der Regierung des Landes ist sein
Wort nicht ohne Bedeutung. Die Frau mit dem aschgrauen Kleide ist
seine Gattin, und die zwei Mdchen, welche vor Kurzem mit Natalie
gegen die Eichen zugingen, sind seine Tchter. Frau und Tchter reden
ihm zu, er solle sich mehr Ruhe gnnen, da er schon alt wird, er sagt
immer: >Das ist das Letzte, was ich baue<; allein ich glaube, den
letzten Plan zu einem Baue wird er auf seinem Totenbette machen. Unser
Freund hlt in diesen Dingen groe Stcke auf ihn.

Da wir um die Ecke eines Gebsches bogen und gegen die Eichen,
welche an der Eppichwand stehen, zugingen, sahen wir wieder eine
Menschengruppe vor uns. Roland, der einmal im Zuge war, sagte: Der
Mann in dem feinen schwarzen Anzuge, vor dem seine Gattin in dem
nelkenbraunen Seidenkleide geht, ist der Freiherr von Wachten, dessen
Sohn hier ebenfalls zugegen ist, ein Mann von mittelgroer Gestalt,
der im Gesellschaftszimmer so lange am Eckfenster gestanden war, ein
junger Mann von vielen angenehmen Eigenschaften, der aber zu oft in
den Sternenhof kmmt, als da es sich durch bloen Zufall erklren
liee.

Der Freiherr verwaltet seine Besitzungen gut, er hat keine besondere
Vorliebe, hlt alles und jedes in der ihm zugehrigen Ordnung und wird
immer reicher. Da er nur den einzigen Sohn und keine Tochter hat, so
wird die knftige Gattin seines Sohnes eine sehr ansehnliche und sehr
reiche Frau. Die Familie lebt im Winter hufig in der Stadt. Die Gter
liegen etwas zerstreut. Thondorf mit den schnen Wiesen und dem groen
Waldgarten mt ihr ja kennen.

Ich kenne es, antwortete ich.

Auf dem Randek hat er ein zerfallendes Schlo߫, fuhr Roland fort,
in welchem wunderschne Tren sind, die aus dem sechzehnten
Jahrhunderte stammen drften. Der Verwalter rt ihm, die Tren nicht
herzugeben, und so zerfallen sie nach und nach. Sie sind in unsern
Zeichnungsbchern enthalten und wrden Gemcher, im Stile jener Zeit
gebaut und eingerichtet, sehr zieren. Sogar zu Tischen oder anderen
Dingen, falls man sie als Tren nicht verwenden knnte, wrden sie
sehr brauchbar sein. Ich habe auch in der sehr zerfallenen Kapelle von
Randek auerordentlich schne Tragsteine gezeichnet. Meistens wohnt
der Freiherr im Sommer in Wahlstein, schon ziemlich tief in den
Bergen, wo die Elm hervorstrmt.

Ich kenne den Sitz, antwortete ich, und kenne auch die Familie im
Allgemeinen.

Der Mann mit den schneeweien Haaren, sprach Roland weiter, heit
Sandung, er veredelt die Schafzucht, und der eine von den zwei neben
ihm gehenden Mnnern ist der Besitzer des sogenannten Berghofes, ein
allgemein geachteter Mann, und der andere ist der Oberamtmann von
Landegg. Es fehlen noch die vom Inghof, dann sind mehrere Vertreter
der hier herum wohnenden Leute vorhanden. Ich teile sie, wenn ich in
meiner Liebhaberei im Lande herum reise, nach ihren Liebhabereien
in Gruppen ein, und man knnte eine Landmappe so nach diesen
Liebhabereien mit Farben zeichnen, wie ihr die Gebirge mit Farben
zeichnet, um das Vorkommen der verschiedenen Gesteine anzuzeigen.

Da wir wieder eine Wendung machten, ganz nahe an der rechten Seite
der Eppichwand, ging Mathilde mit der Frau von Tillburg auf einem
Nebenwege gegen uns hervor. Sie blieb vor uns stehen und sagte zu mir:
Ihr habt meiner Brunnennymphe nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt
als ihr solltet; ihr zieht die Gestalt auf der Treppe unsers Freundes
zu sehr vor. Sie verdient es wohl; allein ihr mt doch die hiesige
auch ein wenig genauer ansehen und sie mir ein wenig schn heien.

Ich habe sie schn geheien, erwiderte ich, und wenn meine ganz
unbedeutende Meinung etwas gilt, so soll ihr die Anerkennung gewi
nicht entgehen.

Wir besuchen nun ohnehin alle die Grotte, entgegnete sie.

Nach diesen Worten ging sie mit ihrer Begleiterin auf dem Hauptwege
gegen die Eppichwand vor, wir folgten. Die Anderen kamen in
verschiedenen Richtungen herzu, und man ging zu der Marmorgestalt in
der Brunnenhalle.

Einige gingen hinein, Andere blieben mehr am Eingange stehen, und man
redete ber die Gestalt. Diese ruhte indessen in ihrer Lage, und die
Quelle rann sanft und stetig fort. Es waren nur allgemeine Dinge,
welche ber das Bildwerk gesprochen wurden. Mir kam es fremd vor, die
geputzten Menschen in den verschiedenfarbigen Kleidern vor dem reinen,
weien, weichen Marmor stehen zu sehen. Roland und ich sprachen
nichts.

Man entfernte sich wieder von dem Marmor, ging langsam an der
Eppichwand hin und stieg die Stufen zu der Aussicht empor. Auf dieser
verteilte man eine Zeit und ging dann gegen die Linden zurck. Nach
Betrachtung der Linden und des schnen Platzes unter ihnen begab
sich der Zug wieder auf den Rckweg in das Schlo. Eustach hatte ich
beinahe die ganze Zeit nicht gesehen.

Zugleich mit uns kamen im Schlosse Wgen an, in denen die von Ingheim
und noch einige Gste saen. Nachdem man sich bewillkommt hatte und
nachdem die Angekommenen sich von den berflssigen Reisekleidern
befreit hatten, teilte sich, wie es bei hnlichen Gelegenheiten stets
vorkmmt, die Gesellschaft in Gruppen, von denen einige vor dem Hause
standen und plauderten, andere auf den Sandwegen im Rasen herumgingen,
wieder andere gegen den Meierhof wandelten. Als die Abendrte hinter
den Bumen erschien, die in schnen Zeilen im Westen des Schlosses die
Felder sumten, und als ihr Glhen immer blsser wurde und dem Gelb
des Sptabends Platz machte, sammelten sich die Leute wieder. Die
einen kehrten von ihrem Spaziergange, die anderen von ihrem Gesprche,
die dritten von ihrer Betrachtung verschiedener Gegenstnde zurck,
und man begab sich in das Speisezimmer. In demselben begann nun
ein Abend, wie sie auf dem Lande, wo man von dem Umgange mit
Seinesgleichen viel ausgeschlossener ist, zu den vergngtesten
gehren. Ich habe diese Betrachtung, da ich im Sommer immer ferne von
der Stadt war, fter machen knnen. Da man Menschen, mit denen man
gleiche Gesinnungen und gleiche Meinungen hat, auf dem Lande viel
seltener sieht als in der Stadt, da man mit dem Raume nicht so kargen
mu wie in der Stadt, wo jede Familie nur das mit vielen Kosten
erschwingt, was sie fr sich und nchste Angehrige braucht, da die
Lebensmittel auf dem Lande gewhnlich aus der ersten und unmittelbaren
Quelle bei der Hand sind, auch strenge Anforderungen hierin nicht
gemacht werden: so ist man auf dem Lande viel gastfreundlicher als in
der Stadt, und Gelegenheiten, wo man sich in einem Zimmer und um einen
Tisch versammelt, werden da viel frhlicher, ungezwungener und auch
herzliches begangen, weil man sich freut, sich wieder zu sehen, weil
man um alles fragen will, was sich an den verschiedenen Stellen, woher
die Ankmmlinge gekommen sind, zugetragen hat, weil man die eigenen
Erlebnisse mitteilen und weil man seine Ansichten austauschen will.

Der Tisch war schon gedeckt, der Hausverwalter wies allen ihre Pltze
an, die zur Vermeidung von dennoch mglichen Verwirrungen noch
berdies durch von seiner Hand geschriebene Zettel bezeichnet waren,
und man setzte sich. Der Mann hatte gesorgt, da solche, die sich gut
kannten, nahe zusammen kamen.

Deohngeachtet schritt man mit der Freimtigkeit des Landes und alter
Bekannter dazu, die Zettel noch zu verwechseln und sich gegen die
Anordnungen des Mannes zusammen zu setzen. Von der Decke des Zimmers
hing eine sanft brennende Lampe hernieder, und auer ihr wurde die
Tafel noch durch verteilte strahlende Kerzen erhellt. Mathilde nahm
den Mittelsitz ein und richtete ihre Freundlichkeit und ihr ruhiges
Wesen gegen alle, die in ihrem Bereiche waren, und selbst gegen die
entferntesten Pltze suchte sie ihre Aufmerksamkeit zu erstrecken.
Die bekannteren und lteren Gste saen ihr zunchst, die jngeren
entfernter. Julie, die Tochter Ingheims mit den heiteren braunen
Augen, sa mir fast gegenber, ihre Schwester, die blauugige
Apollonia, etwas weiter unten. Sie hatten sehr geschmackvolle Kleider
an, das Geschmeide, das sie trugen, htte, wie ich meinte, etwas
weniger sein sollen. Neben beiden saen die jungen Mnner Tillburg und
Wachten. Natalie sa zwischen Eustach und Roland. Ob es so angeordnet,
ob es ihre eigene Wahl war, wute ich nicht. Man trug ein einfaches
Mahl auf, und frhliche Gesprche belebten es. Man sprach von den
Begebnissen der Gegend, man neckte sich mit kleinen Erlebnissen, man
teilte sich Erfahrungen mit, die man in seinem Kreise gemacht hatte,
man sprach von Bchern, die in der Gegend neu waren, und beurteilte
sie, man erzhlte, was man im Bereiche seiner Liebhaberei Neues
erworben, was man fr Reisen gemacht und was man fr fernere vorhabe.
Auch auf die Geschichte des Landes kam es, auf seine Verwaltung,
auf Verbesserungen, die zu machen wren, und auf Schtze, die
noch ungehoben liegen. Selbst Wissenschaft und Kunst war nicht
ausgeschlossen. Mancher Scherz erheiterte die Anwesenden, und man
schien sehr vergngt, sich so in einen Kreis versammelt zu haben, wo
sich Neues ergab und wo man Altes wieder beleben konnte.

Nach ein paar schnell vergangenen Stunden stand man auf, die Lichter
zu dem Gange in die verschiedenen Schlafgemcher wurden angezndet,
und man begab sich allmhlich zur Ruhe.


Am andern Morgen nach dem Frhmahle, da die hher gestiegene Sonne die
Grser bereits getrocknet hatte, begab man sich in das Freie, um das
Urteil ber die Arbeiten an der Vorderseite des Hauses zu fllen. Alle
gingen mit. Selbst Dienerschaft stand seitwrts in der Nhe, als ob
sie wte, was geschehe - und sie wute es wohl auch - und als ob sie
sich dabei beteiligen sollte. Man ging einige hundert Schritte von
der Vorderseite des Hauses weg, wendete sich dann um, blieb im Grase
stehen und betrachtete die von der Tnche befreite Wand. Hierauf
umging man in einem weiten Bogen eine Ecke des Hauses, um auch eine
Wand zu sehen, auf welcher sich noch die Tnche befand. Nachdem man
Beides wohl angeschaut hatte, nahm man einen Stand ein, der beide
Ansichten gestattete.

Nach und nach wurden Meinungen laut. Man fragte zuerst die lteren und
ansehnlicheren Gste. Diese gaben fast alle ihr Urteil unbestimmt und
mit Vorsicht ab. Beide Einrichtungen htten ihr Gutes, an beiden wird
etwas auszustellen sein, und es komme auf Geschmack und Vorliebe an.
Da das Gesprch allgemeiner wurde, traten schon manche Meinungen
abgeschlossener hervor. Einige sagten, es sei etwas Besonderes und
nicht berall Vorkommendes, die nackten Steine aus einer Wand stehen
zu lassen. Wenn die Kosten nicht zu scheuen sind, mge man es an dem
ganzen Schlosse so machen, und man habe dann etwas sehr Eigenes.
Andere meinten, es sei doch berall Sitte, die Wnde selbst gegen
Auen mit einer Tnche zu bekleiden, ein licht getnchtes Haus sei
sehr freundlich, darum htten auch die Vorbesitzer des Hauses so
getan, um sein Ansehen dem neuen Geschmacke nher zu bringen. Darauf
sagten wieder Andere, die Gedanken der Menschen seien wechselvoll,
einmal habe man die groen viereckigen Steine, aus denen das uere
dieser Wnde bestehe, nackt hervor sehen lassen, spter habe man sie
berstrichen, jetzt sei eine Zeit gekommen, wo man wieder auf das
Alte zurck gehe und es verehre, man knne also die Steine wieder
nacktlegen.

Mein Gastfreund vernahm die Meinungen, und antwortete in unbestimmten
und nicht auf eine einzelne Ansicht gestellten Worten, da alles, was
gesagt wurde, sich ungefhr in demselben Kreise bewegte. Mathilde
sprach nur Unbedeutendes, und Eustach und Roland schwiegen ganz. Von
der feurigen Natur des letzten wunderte es mich am meisten. Ich schlo
aus dieser Tatsache, da meine Freunde ihre Meinung entweder schon
gefat hatten oder da sie dieselbe erst fr sich fassen wollten.
Diese eben abgehaltene Beschau erschien mir also etwas Allgemeines,
Unwesentliches, als eine nachbarliche Artigkeit, als eine Gelegenheit,
zusammen zu kommen, um sich gemeinschaftlich zu sehen und zu sprechen,
wie man es bei andern Anlssen auch tut.

Mir erschien die Blolegung der Steine unbedingt als das Natrlichste.
Wie ich wohl schon erkennen gelernt hatte, ist bei Denkmlern - und je
grer und wrdiger sie sein sollen, um desto mehr ist dies der Fall
- der Stoff nicht gleichgltig, und dann darf er aber nicht mit
Fremdartigem vermengt werden. Ein Siegesbogen, selbst wenn er unter
Dach steht, darf von Marmor sein, weniger schon von Ziegeln oder Holz,
ganz und gar nicht von gegossenem Eisen oder festgeklebtem Papier.
Eine Bildsule kann von Marmor, Metall oder Holz sein, weniger von
groben Steinen, ganz und gar nicht von allerlei zusammengefgten
Bestandteilen. Unsere neuen Huser, die nur bestimmt sind, Menschen
aufzunehmen, um ihnen Obdach zu geben, haben nichts Denkmalartiges,
sei es ein Denkmal fr den Glanz einer Familie, sei es ein Denkmal
der abgeschlossenen und wohlgenossenen Wohnlichkeit fr irgend ein
Geschlecht. Darum werden sie fachartig aus Ziegeln gebaut und mit
einer Schicht berstrichen, wie man auch lackiertes Gerte macht oder
knstliches Gestein malt. Schon die aus bloem Holze zur Wohnung eines
Geschlechtes in unseren Gebirgslndern (nicht zur Spielerei in Grten)
erbauten Huser haben Denkmalartiges, noch mehr die Schlsser, die aus
festen Steinen gefgt sind, die Torbogen, die Pfeiler, die Brcken
und noch mehr die aus Stein gebauten Kirchen. Daraus ergab sich mir
von selber, da diejenigen, die dieses Schlo so bauten, da die
Auenseiten der Wnde fest gefgte viereckige, unbestrichene Steine
sind, Recht gehabt haben, und da die, welche die Steine bestrichen,
im Unrechte waren, und da die, welche sie wieder blo legen, abermals
im Rechte sind. Ich sah, da man an smtlichen Steinen, weil sonst
die Kalktnche nicht zu vertilgen gewesen wre, die Oberflche mit
scharfen Hmmern erneuert hatte. Dies gab wohl den Steinen etwas, das
ein lichteres Grau ist, als die alten Simse und Tragsteine hatten, die
nicht getncht waren; allein durch Zeit und Wetter werden sich auch
die erneuerten Steinoberflchen wieder dunkler frben.


Man ging, da man eine Weile gesprochen hatte, obwohl ein eigentliches
Urteil nicht gefllt worden war, wieder in das Haus zurck, und auch
die Dienerschaft, welche zugeschaut hatte, ging auseinander, gleichsam
als ob die Sache jetzt aus wre.

In dem Hause zerstreuten sich die Gste, manche begaben sich in
Zimmer, manche gingen in das Freie. Ich nahm in meinem Schlafgemache,
wozu mir das nehmliche Zimmer, welches ich frher bewohnt hatte,
angewiesen worden war, einen leichteren Hut und einen bequemeren
Rock und ging dann auch in den Garten. Ich ging ganz allein in einem
dunkeln Gange zwischen Gebschen hin, und es war mir wohl, da ich
allein war. Ich schlug die abgelegenen, wenig gangbaren und auch
weniger im Stande gehaltenen Wege ein, damit ich niemanden begegne und
damit sich niemand zu mir geselle. Es war auch wirklich kein Mensch in
den Gngen, und ich sah nur kleine Vgel, welche ungescheut in ihnen
liefen und Futter von der Erde pickten. Ich umging den Lindenplatz
und kam hinter ihm aus dem Gebsche heraus. Von da ging ich in einem
groen Umwege der Eppichwand zu und hatte vor, in die Nymphengrotte zu
treten, wenn niemand in ihr wre. Als ich schon nahe an der Grotte war
und schief in dieselbe blicken konnte, sah ich, da Natalie auf dem
Marmorbnklein sitze, welches sich seitwrts von der Nymphengestalt
befand. Sie sa an dem innersten Ende des Bnkleins. Ihr blagraues
Seidenkleid schimmerte aus der dunkeln Hhlung heraus. Einen Arm lie
sie an ihrer Gestalt ruhen, den andern hatte sie auf die Lehne des
Bnkleins gesttzt und barg die Stirn in ihrer Hand. Ich blieb stehen
und wute nicht, was ich tun sollte. Da ich nicht in die Grotte gehen
wolle, war mir klar; allein die kleinste Wendung, die ich machte,
konnte ein Gerusch erregen und sie stren. Aber ohne da ich ein
Gerusch machte, sah sie auf und sah mich stehen. Sie erhob sich, ging
aus der Grotte, ging mit beeilten Schritten an der Eppichwand hin und
entfernte sich in das Gebsch. In Kurzem sah ich den Schimmer ihres
Kleides verschwinden. Eine ganz kleine Zeit blieb ich stehen,
dann ging ich in die Grotte hinein. Ich setzte mich auf dieselbe
Marmorbank, auf der sie gesessen war und sah in das Rinnen des
Wassers, sah auf die einsame Alabasterschale, die neben dem Becken
stand, und sah auf den ruhigen, glnzenden Marmor. Ich sa sehr lange.
Da sich Stimmen nherten und da ich vermuten mute, da man die
Brunnengestalt besuchen wrde, stand ich auf, ging aus der Grotte,
ging in das Gebsch und begab mich auf denselben Wegen, auf denen ich
gekommen war, in das Schlo zurck.

Der Mittag vereinigte noch einmal alle Gste bei dem Mahle. Mehrere
von ihnen hatten beschlossen, gleich nach demselben fort zu fahren,
um noch vor der Nacht ihre Heimat zu erreichen. Man brachte einen
frhlichen Trinkspruch aus auf die schne Gestaltung des Schlosses und
einen Dank fr die herzliche Bewirtung. Der Spruch wurde mit einem
Wunsche fr das Wohl der Gesellschaft und fr baldiges Wiedersehen
erwidert. Die heitere Sommersonne verklrte das Zimmer, und die Blumen
des Gartens schmckten es.

Nach dem Mahle fuhren mehrere der Gste fort, und im Laufe des
Nachmittages entfernten sich alle.

Wir, die nach dem Asperhofe muten, hatten beschlossen, morgen frh
abzufahren.

Bei dem Abendessen kam das Gesprch auf das Unternehmen an dem Hause.
Ich sah, da die briggebliebenen schon einig waren. Es sprach nun
mein Gastfreund, es sprachen Eustach und Roland. Sie hatten alle meine
Ansicht. Ich wurde aufgefordert, auch meine Meinung zu sagen. Ich
sprach sie nach meiner innern Empfindung aus. Alle mochten sie wohl
so erwartet haben. ber den Aufwand zur Deckung der knftigen Kosten
sprach mein Gastfreund mit Mathilden besonders. Durch das Abschlagen
der Steine mit scharfen Hmmern hatten sich die Auslagen grer
gezeigt, als man Anfangs vermuten konnte. Mein Gastfreund riet daher,
da man die Arbeit auf lngere Fristen ausdehnen solle, wodurch die
Kosten weniger empfindlich wrden und, da doch das Schaffen des
Schnen das Vergngen bilde, dieses Vergngen sich verlngere. Man
billigte den Vorschlag und freute sich auf das Wachsen des Edleren
und freute sich auf den Augenblick, wenn das Haus in einem wrdigen
Gewande da stehen wrde und man die Beruhigung htte, es so dem
knftigen Besitzer bergeben zu knnen.

Mit dem Anbruche des nchsten Tages fuhren mein Gastfreund, Eustach,
Roland, Gustav und ich auf dem Wege nach dem Rosenhause dahin.

Als ich in Hinsicht der eben zugebrachten Tage etwas ber das
Landleben sagte und die Annehmlichkeiten desselben berhrte, und als
wir eine Zeit ber diesen Gegenstand gesprochen hatten, sagte mein
Gastfreund: Das gesellschaftliche Leben in den Stdten, wenn man es
in dem Sinne nimmt, da man immer mit fremden Personen zusammen ist,
bei denen man entweder mit andern zum Besuche ist, oder die mit andern
bei uns sind, ist nicht ersprielich. Es ist das nehmliche Einerlei
wie das Leben in Orten, die den groen Stdten nahe sind. Man sehnt
sich, ein anderes Einerlei aufzusuchen; denn wohl ist jedes Leben
und jede uerung einer Gegend ein Einerlei, und es gewhrt einen
Abschlu, von dem einen Einerlei in ein anderes ber zu gehen. Aber es
gibt auch ein Einerlei, welches so erhaben ist, da es als Flle die
ganze Seele ergreift und als Einfachheit das All umschliet. Es sind
erwhlte Menschen, die zu diesem kommen und es zur Fassung ihres
Lebens machen knnen.

In der Weltgeschichte kmmt wohl hnliches vor, sagte ich.

In der Weltgeschichte kmmt es vor, antwortete er, wo ein Mensch
durch eine groe Tat, die sein Leben erfllt, diesem Leben eine
einfache Gestalt geben kann, abgelst von allem Kleinlichen - in der
Wissenschaft, wo ein groartiges Feld hchsten Erringens vor dem
Menschen liegt - oder in der Klarheit und Ruhe der Lebensanschauungen,
die endlich Alles auf einige ausgedehnte, aber einfltige Grundlinien
zurck fhrt. Jedoch sind auch hier Mae und Abstufungen wie in allen
andern Dingen des Lebens.

Von den zwei Hauptzeitrumen, welche das menschliche Geschlecht
betroffen haben, erwiderte ich, von dem sogenannten antiken und
dem heutigen, drfte wohl der griechisch-rmische das Meiste von dem
Gesagten aufzuweisen haben.

Wir wissen zuletzt gar nicht, welche Zeitrume es in der Geschichte
gegeben hat, antwortete er. Die Griechen und Rmer sind unserer Zeit
am nchsten, wir sind aus ihnen hervor gegangen und wissen von ihnen
auch das Meiste. Wer wei, wie viele Vlkerabschnitte es gegeben hat
und wie viele unbekannte Geschichtsquellen noch verborgen sind. Wenn
einmal ganze Reihen solcher Vlkerzustnde wie Griechen- und Rmertum
vorliegen, dann lt sich eher ber unsere Frage etwas sagen. Oder
sind etwa solche Reihen nur dagewesen und vergessen worden, und werden
berhaupt die hintersten Stcke der Weltgeschichte vergessen, wenn
sich vorne neue ansetzen und ihrer Entwicklung entgegen eilen? Wer
wird dann nach zehntausend Jahren noch von Hellenen oder von uns
reden? Ganz andere Vorstellungen werden kommen, die Menschen werden
ganz andere Worte haben, mit ihnen in ganz anderen Stzen reden, und
wir wrden sie gar nicht verstehen, wie wir nicht verstehen wrden,
wenn etwas zehntausend Jahre vor uns gesagt worden wre und uns
vorlge, selbst wenn wir der Sprache mchtig wren. Was ist dann jeder
Ruhm? Aber kehren wir zu unserem Gegenstande zurck und sehen wir von
gyptern, Assyrern, Indern, Medern, Hebrern, Persern, von denen Kunde
zu uns herber gekommen ist, ab und vergleichen wir uns nur allein mit
der griechisch-rmischen Welt, so drfte in ihr wirklich mehr einfache
Lebensgre gelegen sein als in der unsern liegt. Ich verwundere mich
oft, wenn ich in der Lage bin, zu entscheiden, welchen von beiden ich
den Preis geben soll, Csars Taten oder Csars Schriften, wie sehr ich
im Schwanken begriffen bin und wie wenig ich es wei. Beides ist so
klar, so stark, so unbeirrt, da wir wenig desgleichen haben drften.

Jene alten Verhltnisse des Handelns und Denkens waren aber, wie ich
glaube, auch weniger verwickelt als die unsrigen, sagte ich.

Sie hatten einen nicht so ausgedehnten Schauplatz wie wir, erwiderte
er, obwohl auch der Platz der Taten zu Csars Zeit - Britannien,
Gallien, Italien, Asien, Afrika -, oder zu Alexanders Zeit -
Griechenland und Orient - nicht ganz klein war. Ihre Verhltnisse nach
Auen gestalteten sich daher leichter; aber im Innern drften sie bei
der groen Zahl der mithandelnden Personen, von denen die meisten
Stimme und Gewalt in Staatsdingen hatten, nicht so leicht gewesen
sein, und die Macht, diese Gemter durch Wort, Erscheinung und
Handlung zu gewinnen und zu leiten, drfte schwierig zu erwerben
gewesen sein und drfte eben dem Wesen eines Mannes die feste Gestalt
aufgedrckt haben, die wir so oft an ihm bewundern. Unsere Zeit ist
eine ganz verschiedene. Sie ist auf den Zusammensturz jener gefolgt
und erscheint mir als eine bergangszeit, nach welcher eine kommen
wird, von der das griechische und rmische Altertum weit wird
bertroffen werden. Wir arbeiten an einem besondern Gewichte der
Weltuhr, das den Alten, deren Sinn vorzglich auf Staatsdinge, auf das
Recht und mitunter auf die Kunst ging, noch ziemlich unbekannt war,
an den Naturwissenschaften. Wir knnen jetzt noch nicht ahnen, was
die Pflege dieses Gewichtes fr einen Einflu haben wird auf die
Umgestaltung der Welt und des Lebens. Wir haben zum Teile die Stze
dieser Wissenschaften noch als totes Eigentum in den Bchern oder
Lehrzimmern, zum Teile haben wir sie erst auf die Gewerbe, auf den
Handel, auf den Bau von Straen und hnlichen Dingen verwendet, wir
stehen noch zu sehr in dem Brausen dieses Anfanges, um die Ergebnisse
beurteilen zu knnen, ja wir stehen erst ganz am Anfange des Anfanges.
Wie wird es sein, wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes
Nachrichten ber die ganze Erde werden verbreiten knnen, wenn
wir selber mit groer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die
verschiedensten Stellen der Erde werden gelangen, und wenn wir mit
gleicher Schnelligkeit groe Lasten werden befrdern knnen? Werden
die Gter der Erde da nicht durch die Mglichkeit des leichten
Austauschens gemeinsam werden, da Allen Alles zugnglich ist? Jetzt
kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie
hat, was sie ist und was sie wei, absperren: bald wird es aber nicht
mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden.
Dann wird, um der Allberhrung gengen zu knnen, das, was der
Geringste wissen und knnen mu, um Vieles grer sein als jetzt. Die
Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich
dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz
vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen knnen. Welche
Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen
erlangen? Diese Wirkung ist bei Weitem die wichtigste. Der Kampf in
dieser Richtung wird sich fortkmpfen, er ist entstanden, weil neue
menschliche Verhltnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich
sprach, wird noch strker werden, wie lange es dauern wird, welche
bel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine
Abklrung folgen, die bermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der
endlich doch siegen wird, eine bloe Macht werden, die er gebraucht,
und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine
Zeit der Gre kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen
ist. Ich glaube, da so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen
werden. Wie weit das geht, wie es werden, wie es enden wird, vermag
ein irdischer Verstand nicht zu ergrnden. Nur das scheint mir sicher,
andere Zeiten und andere Fassungen des Lebens werden kommen, wie sehr
auch das, was dem Geiste und Krper des Menschen als letzter Grund
inne wohnt, beharren mag.

Wir gingen nun in manches Einzelne dieses Stoffes ein, behandelten
es im Fahren und suchten die mglichen Folgen anzugeben. Besonders
wurden Zweige der Naturwissenschaften genannt, welche vorzugsweise
vorgeschritten waren und Einflu zu gewinnen schienen, wie die Chemie
und andere. Roland war entschieden fr Neuerung, wenn sie auch Alles
umstrzte, mein Gastfreund und Eustach hegten den Wunsch, da jenes
Neue, welches bleiben soll, weil es gut ist - denn wie vieles Neue ist
nicht gut -, nur allgemach Platz finden und ohne zu groe Strung sich
einbrgern mchte. So ist der bergang ein lngerer, aber er ist ein
ruhigerer und seine Folgen sind dauernder.

Nach dem Mittagsessen kam das Gesprch auf die Brunnennymphe im
Sternenhofe, und mein Gastfreund erzhlte mir, wie sie erworben worden
war. Ein Mann, der entfernt mit Mathilden verwandt war, hatte zu
seinem groen Vermgen noch Erbschaften gemacht. Er verlegte sich
auf Sammlungen. Er hatte Mnzen, er hatte Siegel, er hatte keltische
und rmische Altertmer, Musikgerte, Tulpen und Georginen, Bcher,
Gemlde und Bildsulen. Er baute in seinem Garten an sein Haus,
welches etwas erhht stand, eine groe Flche, die er mit Steinen
pflasterte und von welcher knstliche steinerne Stufen in mehreren
Richtungen nach dem Garten hinab gingen. Auf die Brstungen dieser
Flche und auf die Einfassungen der Treppen wurden Bildsulen gesetzt.
Es gehrte zu den grten Vergngungen des Mannes, auf der Flche hin
und her zu gehen. Das tat er auch oft, wenn die heieste Sonne am
Himmel stand und das Pflaster in die Sohlen brannte. Auerdem hatte er
auch noch Bildsulen auf den Treppen des Hauses und in den Zimmern.
Die Nymphe, welche jetzt Mathilde besitzt, hatte er in einem
Brunnentempel im Garten. Er hatte sie von seinem Grooheime geerbt.
Sie soll zu den Jugendzeiten desselben von einem italienischen
Bildhauer fr einen Frsten verfertigt worden sein, dessen schneller
Todfall das bergehen an ihre Bestimmung vereitelte. So kam sie
nach mehreren Zufllen an den Grooheim, der Verbindungen mit dem
Knstler hatte. Man sagt, diese Bildsule sei der Anfang zu der
Bildsulenliebhaberei des Vetters Mathildens gewesen. Als dieser
Mann starb, fand sich ein letzter Wille geschrieben vor, da alle
Kunstwerke an Kunstkenner oder Kunstliebhaber, nicht aber an Hndler
verkauft werden und da das Geld dafr und die anderen Dinge, die er
hinterlassen, und zwar letztere nach einem Schtzungswerte, unter
seine entfernten Verwandten verteilt werden sollten; denn Kinder
oder nhere Verwandte hatte er nicht. Da nun die Nymphe weitaus
das schnste Kunstwerk war, welches er besa, da Mathilde es immer
bewundert hatte, da sie schon im Besitze des Sternenhofes war und in
demselben schon schne Gemlde untergebracht hatte: so war es ihr
nicht schwer, sich als eine Kunstliebhaberin auszuweisen und das
Bildwerk anzukaufen. Man gnnte es ihr mehr als einem Fremden, weil
auf diese Weise das Kunstwerk gewissermaen in der Familie blieb und
sie berdies auch mehr in die gemeinschaftliche Erbschaft zahlte, als
ein Fremder getan haben wrde.

Sie brachte das ihr so liebe Werk in den Sternenhof und stellte es
dort in einem Saale auf. Erst lange darnach wurde durch Eustachs und
meines Gastfreundes Bemhungen zwischen den Eichen, die schon standen,
die Eppichwand und die Quellengrotte gebaut und so der Gestalt ein
wrdiger und wirkungsvollerer Aufenthaltsort gegeben, da sie fr den
Saal doch immer zu gro und ihre Stellung und ihre Beschftigung
unpassend gewesen war. Den Krug, aus welchem das Wasser rann, hatte
sie schon, das Becken und die Bank sind neu gemacht worden, die
Alabasterschale hat Mathilde aus ihrem Besitztume dazu gegeben.

Wir kamen am Abende im Rosenhause an. Am andern Tage bat ich meinen
Gastfreund, er mge erlauben, da ich eine Nachzeichnung von der
Zeichnung des Kerberger Altares, die er besitze, mache, und diese
Zeichnung meinem Vater zum Geschenke bringe. Er erlaubte es sehr
gerne. Die Zeichnung war nach dem Vorschlage, welcher auf der Reise in
das Hochland gemacht worden war, von Roland verbessert worden, und so
wurde sie mir bergeben.

Ich schlo mich in mein Zimmer ein und arbeitete mehrere Tage fleiig
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, bis ich mit der Zeichnung
fertig war. Ich verpackte sie nun sehr wohl und gab meinem Gastfreunde
die Urzeichnung zurck.


Nun hielt ich mich nicht mehr lnger in dem Asperhofe auf und eilte in
die Tann.

Ich stieg dort auf Berge, ich arbeitete sehr angestrengt, ich spielte
sehr viel auf meiner Zither und las in meinen Bchern.

Eines Tages gegen den Sptsommer hin hrte ich mit Allem auf. Ich
packte meine Kisten, tat die Werkzeuge und die Schriften, die sich auf
meine Arbeiten bezogen, in ihre Fcher und Koffer, entlie fast alle
Leute, versah die Kisten mit Aufschriften, verordnete ihre Versendung
und ging dann in das Lauterthal. Dort nahm ich nur den alten Kaspar
und von den jungen Mnnern einen, der mir besonders lieb geworden war,
und beschlo, die Messung des Lautersees zu Ende zu bringen.

Ich mietete mich in dem Seewirtshause ein, richtete alle Gerte,
welche mir zu meinem Vorhaben ntig waren, zurecht, lie diejenigen
neu verfertigen, welche ich nicht hatte, und ging ans Werk. Ich
arbeitete recht fleiig. So lange das Licht des Tages leuchtete, waren
wir auf dem Wasser. Nachts - auer einigen Stunden Schlafes - war ich
an dem Papiere teils mit Rechnungen, teils mit Schreiben, teils sogar
mit Zeichnen beschftigt. Ich wiederholte einige Messungen, welche ich
in frheren Zeiten vorgenommen hatte, um mich von der Bestndigkeit
oder Wandelbarkeit des Wasserstandes oder des Seegrundes zu
berzeugen. Da ein durchaus gleicher Wasserstand nicht zu denken ist,
so bezog ich meine Messungen auf einen mittleren Stand und stellte
immer die Frage, wie tief unter diesem Stande die bestimmten Stellen
des Seegrundes liegen. Dieser mittlere Stand, der nach demjenigen
genommen wurde, welcher in der meisten Zeit des Jahres herrscht, war
in meiner Abbildung auch der Wasserspiegel. Ihn nahm ich bei den
Nachmessungen zur Richtschnur. In greren Entfernungen von dem Ufer
hatte sich der Seegrund seit dem Beginne meiner Messungen nicht
gendert, oder wenn er sich gendert hatte, war es so wenig, da es
durch unsere Mewerkzeuge nicht wahrzunehmen war. An jenen Ufern oder
in der Nhe derselben, wo groe Tiefen herrschten und steile, ruhige
Wnde standen, an denen bei Regengssen hchstens schmale Bnder oder
seichte Wasserflchen niederrieseln, war ebenfalls keine Vernderung.
Aber an seichten Stellen bei flacheren Ufern, wo der Regen Gerlle und
andere Dinge einfhrt, fanden sich schon Vernderungen vor. Am meisten
aber waren die Wandlungen und am grten, wo eine Schlucht sich gegen
das Wasser ffnete, aus welcher ein Bergbach hervorstrmte, der, je
nachdem er weiter her flo oder bei Gssen heftiger anschwoll, auch
grere Berge von Gerlle in den See schob und dort liegen lie.

Nach der Wiederholung dieser alten Messungen wurde zu neuen
geschritten, die zur Vollendung der mir zum Ziele gesetzten Kenntnisse
notwendig waren. Ebenso wurden die Zeichnungen der Gebilde, welche
sich auerhalb des Wassers als Ufer befanden, fleiig fortgesetzt.

Zweimal wurde die Arbeit unterbrochen. Ich ging in das Rothmoor, um
nachzusehen, wie weit die Dinge, die aus meinen Marmoren verfertigt
werden sollten, gediehen wren und wie gut sie ausgefhrt wrden.
Die Fortschritte waren zu loben. Man sagte - und ich selber sah die
Mglichkeit ein -, da in diesem Sommer noch alles fertig werden
wrde. Aber in Hinsicht der Gte hatte ich Ausstellungen zu machen.
Ich ordnete mit Bitten, Vorstellungen und Versprechen an, da man das,
was ich angab, so genau und so rein mache, wie ich es wollte.

Wenn Regenzeit war, so da die Wolken an den Bergen herum hingen und
weder diese noch die Gestalt des Sees richtig zu berblicken waren,
so blieb ich zu Hause und zeichnete und malte dasjenige in mein
Hauptblatt, was ich im Freien auf viele Nebenbltter aufgenommen
hatte. So rckte das Unternehmen der Vollendung immer nher.

Endlich waren die Arbeiten im Freien beendigt, und es erbrigte nur
noch, die vielen Angaben, welche in meinen Papieren zerstreut waren
und welche ich bisher nicht hatte bewltigen knnen, in die Zeichnung
einzutragen und die Gestalten, welche ich auf einzelnen Blttern
hatte, teils mit der Hauptzeichnung wegen der Richtigkeit zu
vergleichen, teils diese, wo es nottat, zu ergnzen. Auch Farben
muten auf verschiedene Stellen aufgetragen werden.

Nach langer Arbeit und nach vielen Schwierigkeiten, die ich zur
Erzielung einer groen Genauigkeit zu berwinden hatte, war das
Werk eines Tages fertig, und der ganze Entwurf lag in schwermtiger
Dsterheit und in einer Schnheit vor meinen Augen, die ich selber
nicht erwartet hatte. Ich betrachtete allein die Abbildung eine Weile,
da niemand war, der das Anschauen mit mir geteilt htte, rollte dann
das Blatt auf eine Walze, verpackte es sehr gut in einen Koffer, nahm
von dem See und von allen Bewohnern des Seewirtshauses Abschied und
begab mich auf den Weg in das Ahornhaus des Lauterthales.

Dort siedelte ich mich an. Ich ging nun tglich in das Rothmoor,
blieb den ganzen Tag dort und kehrte Abends zurck, so da ich in der
Dmmerung im Ahornhause ankam. Ich sah im Rothmoore den Arbeiten an
meinen Marmoren zu, dem Schneiden, Feilen, Reiben, Schleifen und
Gltten. Ich gab auch an, wie Manches zu behandeln sei und wie es
einer greren Vollendung, namentlich aber einer grern Genauigkeit
entgegen gefhrt werden knnte.


Das Wasserbecken meines Vaters wurde nach und nach fertig und die
kleineren Dinge, welche gemacht werden sollten, waren ebenfalls
vollendet. Die Sonne schien in die Bauhtte, und das Becken erglnzte
recht rein und schn in derselben. Ich lie von starken Balken
Behltnisse zimmern. In diese wurden die Teile des Beckens mit Winden,
Hebeln und Stricken gepackt und zur Versendung bereitet. Die Wgen
muten eigens vorgerichtet werden, damit die Behltnisse an den Strom
gebracht werden knnten. Diese Vorrichtung war endlich fertig. Das
Aufladen wurde bewerkstelligt, und die Wgen gingen ab. Ich ging
mit ihnen bis an den Strom und verlie sie keinen Augenblick, um wo
mglich jeden Unfall zu verhten. Am Strome wurden die Behltnisse auf
ein Schiff verladen und weiter befrdert. Von dem Landungsplatze vor
unserer Stadt wurden sie endlich wieder durch starke Wgen in unsern
Garten gebracht.

Es wurde nun daran geschritten, das Wasserwerk in diesem Herbste noch
fertig zu machen. Der Vater hatte auf Briefe von mir und auf gesendete
Mae den Dingen bereits vorarbeiten lassen. Es wurden nun noch mehrere
Arbeiter gedungen und ein Wasserbaukundiger genommen, welcher die
Arbeiten zu leiten hatte. Ich war den ganzen Tag bei dem Werke zugegen
und half mit. Der Vater kargte sich ebenfalls alle mgliche Zeit ab,
um zugegen sein und zuschauen zu knnen. Die Rhren wurden gelegt,
die Steigrhre verzapft, der Stengel ber sie gebaut, mit den ntigen
Eisen gestrkt und verltet, und an demselben wurde das Blatt
befestigt. Der Pfropfen, welcher den in das Blatt mndenden Stengel
geschlossen gehalten hatte, wurde gelftet, und der reine Strahl
fiel auf die im Blatte liegende Einbeere hinunter, fllte das Becken
und glitt von demselben, als es gefllt war, auf den sanften gelb
marmornen Fuboden nieder und rieselte in dessen Rinne weiter. Die
Farben stimmten sehr gut zusammen, das Dunkel des Stengels hob sich
von dem Rosenrot des Blattes ab, und das Gelb des Fubodens gab dem
Rosenrot eine schnere Farbe und einen feineren Glanz. Es waren
mehrere Gste zur Erffnung des Werkes geladen worden, und diese sowie
Vater, Mutter und Schwester freuten sich des Gelingens.

Der Vater reichte mir als Gegengeschenk, sehr schn gebunden und auf
den Deckeln mit halberhabener Arbeit versehen, das Nibelungenlied. Ich
dankte ihm sehr dafr.

Es wurde beschlossen, fr den Winter ein Bretterhuschen ber das
Wasserwerk machen zu lassen und dasselbe gut zu verwahren, da keine
Klte eindringen knne. Fr den Frhling wurden Plne entworfen, wie
man die Gartenumgebungen des Beckens einrichten solle, da der ganze
Anblick ein desto wrdigerer und schnerer sei. Man hoffte, bis zum
Eintritte der besseren Jahreszeit mit den Entwrfen im Reinen zu sein
und beginnen zu knnen.

Ich bergab auer dem Becken auch die andern Marmorgegenstnde, welche
in dem Rothmoore waren verfertiget worden. Darunter befanden sich
Sulen und Simse, welche an einer Stelle verwendet werden sollten,
die am Ende des Gartens lag, eine Aussicht auf die Berge und auf die
Umgebung bot und auf welcher der Vater etwas zu errichten vorhatte,
das der Aussicht wrdig wre und sie besser genieen lasse. Ich
meinte, es drfte eine schne Fassung anzulegen sein, die den Platz
begrenzt, die breite Flchen hat, da man sich auf dieselben lehnen
und Dinge auf sie legen knne und an der sich Sitze befnden, auf
welchen man ausruhen knne. Wenn in der Nhe dieser Fassung ein
Tisch wre, wrde es noch besser sein. Auerdem hatte ich Schalen
zu beliebigem Gebrauche gebracht, Ringe, die einen Vorhang fassen,
Tischplatten, Pfeilerverzierungen, Steine von verschiedener Farbe, die
im Vierecke geschliffen waren und die man der Reihe nach auf Papier
oder hnliches legen konnte, und noch mehrere Dinge dieser Art. Dem
Vater zeigte ich die Zeichnung von dem Kerberger Altare und sagte, da
ich sie eigens fr ihn gemacht habe und sie ihm hiemit bergebe. Er
war sehr erfreut darber und dankte mir dafr. Der Altar war ihm zwar
nicht neu, er hatte ihn in frherer Zeit, ehe er wieder hergestellt
worden war, gesehen, und die Zeichnung des wiederhergestellten Altares
war unter den von meinem Gastfreunde dem Vater im vorigen Jahre
gesendeten Zeichnungen gewesen. Deohngeachtet war es ihm sehr
angenehm, die Zeichnung zu besitzen und sie fter und nach Mue
betrachten zu knnen. Er machte mich auf mehrere Dinge aufmerksam, die
er nach wiederholter Betrachtung entdeckt hatte. Zuerst sah er, da
der Altar viel reicher und mannigfaltiger sei, als da er ihn in noch
unverbessertem Zustande vor vielen Jahren in Wirklichkeit gesehen
hatte; dann machte er mich darauf aufmerksam, da dieses Werk schon
die Rundlinie habe, da die Trmchen durch gewundene Stbe in
Gestalten von Pyramiden gebildet und da die menschlichen Gestalten
schon sehr durchgearbeitet seien, was alles darauf hindeuten da das
Werk nicht mehr der Zeit der strengen gothischen Bauart angehre,
sondern derjenigen, wo diese Art sich schon zu verwandeln begonnen
hatte. Auch zeigte er mir, da Teile der Verzierungen im Laufe der
Zeiten an andere Orte gestellt worden seien als an die sie gehren,
da die Bsten sich nicht an dem rechten Platze befinden und da
menschliche Gestalten verloren gegangen sein mssen. Er holte Bcher
aus seinem Bcherschreine herbei, in denen Abbildungen waren und aus
denen er mir die Wahrheit dessen bewies, was er behauptete. Ich sagte
ihm, da mein Gastfreund und Eustach der nehmlichen Meinung sind, da
aber die Wiederherstellungen, welche man an dem Altare gemacht hat,
im strengen Wortverstande nicht Wiederherstellungen gewesen seien,
sondern da man sich zuerst nur zum Zwecke gesetzt habe, den Stoff
zu erhalten und weitere Umnderungen oder grere Ergnzungen einer
ferneren Zeit aufzubewahren, wenn sich berhaupt die Mittel und Wege
dazu fnden. Nur solche Ergnzungen sind gemacht worden, bei denen die
Gestalt des Gegenstandes unzweifelhaft gegeben war.

Die Bcher des Vaters machten mich auf die Sache, die sie behandelten,
mehr aufmerksam, ich bat ihn, da er sie mir in meine Wohnung leihe,
und begann sie durchzugehen. Sie fhrten mich dahin, da ich die
Baukunst und ihre Geschichte vom Anfange an genauer kennen zu lernen
wnschte und mir alle Bcher, die hiezu ntig wagen, nach dem Rate
meines Vaters und Anderer ankaufte.



Der Bund

Der Winter verging wie gewhnlich. Ich richtete meine mitgebrachten
Dinge in Ordnung und holte an Schreibgeschften nach, was im Sommer
wegen der Ttigkeit im Freien und der anderweitig verlorenen Zeit im
Rckstande geblieben war. Der Umgang mit den Meinigen in dem engsten
Kreise des Hauses war mir das Liebste, er war mein grtes Vergngen,
er war meine hchste Freude. Der Vater bezeigte mir von Tag zu Tag
mehr Achtung. Liebe konnte er mir nicht in grerem Mae bezeigen,
denn diese hatte er mir immer hchstmglich bewiesen; aber so wie
er frher bei der zrtlichsten Sorgfalt fr mein Wohl und bei der
Herbeischaffung alles dessen, was zu meinem Unterhalte und meiner
Ausbildung notwendig gewesen ist, mich meine Wege gehen lie, immer
freundlich und liebevoll war und nicht begehrte, da ich mich in
andere Richtungen begebe, die ihm etwa bequemer sein mochten: so war
er zwar dies jetzt alles auch; aber er fragte mich doch hufiger
um meine Bestrebungen und lie sich die Dinge, welche darauf Bezug
hatten, auseinandersetzen, er holte meinen Rat und meine Meinung
in Angelegenheiten seiner Sammlungen oder in denen des Hauses
ein und handelte darnach, er sprach ber Werke der Dichter, der
Geschichtschreiber, der Kunst mit mir, und tat dies fter, als
es in frheren Zeiten der Fall gewesen war. Er brachte in meiner
Gesellschaft manche Zeit bei seinen Bildern, bei seinen Bchern
und bei seinen andern Dingen zu und versammelte uns gerne in dem
Glashuschen, das eine erwrmte Luft durchwehte, die sich traulich um
die alten Waffen, die alten Schnitzwerke und die Pfeilerverkleidungen
ergo. Er sprach von verschiedenen Dingen und schien sich wohl zu
fhlen, den Abend in dem engsten Kreise seiner Familie zubringen zu
knnen. Mir schien es, da er zu der jetzigen Zeit nicht nur frher
aus seiner Schreibstube nach Hause komme als sonst, sondern da er
sich auch mehr innerhalb der Mauern desselben aufhalte als in frheren
Jahren. Die Mutter war sehr freudig ber die Heiterkeit dem Vaters,
sie ging gerne in seine Plne ein und befrderte alles, was sie in
ihrem Kreise zu der Erfllung derselben tun konnte. Sie schien uns
Kinder mehr zu lieben als in jeder vergangenen Zeit. Klotilde wendete
sich immer mehr und mehr zu mir, sie war gleichsam mein Bruder, ich
war ihr Freund, ihr Ratgeber, ihr Gesellschafter. Sie schien gar keine
andere Empfindung als fr unser Haus zu haben. Wir setzten unsere
bungen im Spanischen, im Zitherspielen, im Zeichnen und Malen fort.

Trotz dieser Dinge war sie auch im Hauswesen eifrig, um der Mutter
Folge zu leisten und ihren Beifall zu gewinnen. Wenn etwas in dieser
Art, das eine grere Sorgfalt und Geschicklichkeit erheischte,
besonders gelang und dies erkannt wurde, so war ihre Befriedigung
grer, als wenn sie bei einer ernsten und wichtigen Bewerbung vor
einer ansehnlichen Versammlung den Preis davon getragen htte.

In den Gesellschaften, die in kleineren oder greren Kreisen, nur
seltener als in frheren Jahren, in unserem Hause statt fanden, wurden
jetzt auch mehr Gesprche gefhrt als da wir auch jnger waren. Es
wurden ernsthafte Dinge in Untersuchung gezogen, Angelegenheiten des
Staates, allgemeine ffentliche Unternehmungen oder Erscheinungen, die
von sich reden machten. Man sprach auch von seinen Beschftigungen,
von seinen Liebhabereien oder von dem gewhnlichen Tagesstoffe, wie
etwa das Theater ist oder wie Begebenheiten sind, die sich in den
nchsten Umgebungen zutragen. Im brigen wurde auch zu den bekannten
Vergngungen gegriffen, Musik, Tanz, Liedersingen. Manche jngere
Leute lernten sich da neu kennen, ltere setzten die frher bestandene
Bekanntschaft fort.

Ich besuchte meine Freunde, besprach mich mit ihnen und erzhlte ihnen
im Allgemeinen, womit ich mich eben beschftige. Sie teilten mir
aus dem Kreise ihrer Erlebnisse mit und machten mich auf manche
Persnlichkeiten aufmerksam.

Ich setzte meine Malerei fort, ich betrieb die Edelsteinkunde und
besuchte manches Theater. Das Lesen der Bcher ber Baukunst vergngte
mich sehr, und es erffnete sich mir da ein neues Feld, das manches
Ersprieliche und manche Frderung versprach.

Die Abende bei der Frstin erschienen mir immer wichtiger. Es hatte
sich nach und nach eine Gesellschaft zusammen gefunden, deren
Mitglieder sich hufig und gerne in dem Zimmer der Frstin
versammelten. Es wurden die anziehendsten Stoffe verhandelt, und
man schrak nicht zurck, wenn jemand die Fragen der allerneuesten
Weltweisheit auf die Bahn brachte. Man legte sich die Dinge zurecht,
wie man konnte, man kleidete die eigentmliche Redeweise der
sogenannten Fachmnner in die gewhnliche Sprache und wendete den
gewhnlichen Verstand darauf an. Was durch diese Mittel und durch die
der Gesellschaft herausgebracht werden konnte, das besa man, und wenn
es von der Gesellschaft als ein Gewinn betrachtet wurde, so behielt
man es als einen Gewinn. Wenn aber nur Worte da zu sein schienen, von
denen man eine greifbare Bedeutung nicht ermitteln konnte, so lie man
die Sache dahin gestellt sein, ohne ihr eine Folge zu geben und ohne
ber sie aburteilen zu wollen. Die Dichter und das Spanische wurden
lebhaft fortgesetzt.

Wenn sehr klare Tage waren und eine heitere Sonne ein erhellendes
Licht in den Zimmern vermittelte, so war ich in dem Glashuschen und
arbeitete an den Abbildungen der Pfeilerverkleidungen fr meinen
Gastfreund. Ich wollte sie so gut machen, als es mir nur mglich wre,
um dem Manne, dem ich so viel verdankte und den ich so hoch achtete,
Zufriedenheit abzugewinnen oder ihm gar etwa ein Vergngen zu
bereiten. Ich wollte zuerst Zeichnungen von den Verkleidungen
entwerfen und nach ihnen Bilder in lfarben ausfhren. Ich machte die
Zeichnungen auf lichtbraunes Papier, tiefte die Schatten in Schwarz
ab, erhhte die Lichter in einem helleren Braun und setzte die
hchsten Glanzstellen mit Wei auf. Als ich die Zeichnungen in dieser
Art fertig hatte und durch vielfache Vergleichungen und Abmessungen
berzeugt war, da sie in allen Verhltnissen richtig seien, setzte
ich noch den Mastab hinzu, nach dem sie ausgefhrt waren. Ich schritt
nun zur Verfertigung der Bilder.

Sie wurden etwas kleiner als die Entwrfe gemacht, aber im genauen
Verhltnisse zu denselben. Ich benutzte zum Malen immer die nehmlichen
Vormittagsstunden, um die Glanzpunkte, die Lichter und die Schatten in
ihrer vollen Richtigkeit zu erfassen und auch der Farbe im Allgemeinen
ihre Treue geben zu knnen. Es zeigte sich mir da eine Erfahrung in
den Farben wieder besttigt, die ich schon frher gemacht hatte. Auf
die mit schwachem Firnisse berzogenen Holzschnitzwerke nahmen die
umgebenden Gegenstnde einen solchen Einflu, da sich Schwerter,
Morgensterne, dunkelrotes Faltenwerk, die Fhrung der Wnde, des
Fubodens, die Fenstervorhnge und die Zimmerdecke in unbestimmten
Ausdehnungen und unklaren Umrissen in ihnen spiegelten. Ich merkte
bald, da, wenn alle diese Dinge in die Farbe der Abbildungen
aufgenommen werden sollten, die dargestellten Gegenstnde wohl an
Reichtum und Reiz gewinnen, aber an Verstndlichkeit verlieren wrden,
so lange man nicht das Zimmer mit allem, was es enthlt, mit malt, und
dadurch die Begrndung aufzeigt. Da ich dies nicht konnte und mein
Zweck es auch nicht erheischte, so entfernte ich alles Zufllige und
stark Einwirkende aus dem Zimmer und malte dann die Schnitzereien,
wie sie sich sammt den bergebliebenen Einwirkungen mir zeigten, um
einerseits wahr zu sein und um andererseits, wenn ich jede Einwirkung
der Umgebung weg liee, nicht etwas geradezu Unmgliches an ihre
Stelle zu setzen und den Gegenstand seines Lebens zu berauben, weil er
dadurch aus jeder Umgebung gerckt wrde, keinen Platz seines Daseins
und also berhaupt kein Dasein htte. Was die wirkliche Ortsfarbe der
Schnitzereien sei, wrde sich aus dem Ganzen schon ergeben und mte
aus ihm erkannt worden. Ich wendete bei der Arbeit sehr viele Mhe auf
und suchte sie so genau, als es meiner Kraft und meinen Kenntnissen
mglich war, zu verrichten. Ich erhhte und vertiefte die Farben so
lange und suchte nach dem richtigen Tone und dem erforderlichen Feuer
so lange, bis das Bild, neben die Gegenstnde gestellt, aus der Ferne
von ihnen nicht zu unterscheiden war. Die Zeichnung des Bildes mute
richtig sein, weil sie vollkommen genau nach dem ursprnglichen
Entwurfe gemacht worden war, den ich nach mathematischen Weisungen
zusammen gestellt hatte. Als die Sache nach meiner Meinung fertig war,
zeigte ich sie dem Vater, welcher sie auch mit Ausnahme von kleinen
Anstnden, die er erhob, billigte. Die Anstnde beseitigte ich zu
seiner Zufriedenheit. Hierauf wurde alles in taugliche Fcher gebracht
und zur Vorfhrung bereit gehalten.


Es waren fast die Tage des Vorfrhlings herangekommen, ehe ich mit
diesem Werke fertig war. Dies hatte seinen Grund auch vorzglich
darin, da ich die spteren hellen Wintertage mehr als die frheren
trben hatte bentzen knnen.

Im Frhlinge trat ich meine Reise wieder an.

Ich machte zuerst einen Besuch bei meinem Gastfreunde, brachte ihm die
Fcher, in denen die Abbildungen der Pfeilerverkleidungen enthalten
waren, und hndigte ihm sowohl den Entwurf als auch das Farbenbild der
Schnitzereien ein. Er berief Eustach in seine Stube, in welcher die
Dinge ausgepackt wurden, herber. Beide sprachen sich sehr gnstig
ber die Arbeit aus, und zwar gnstiger als ber jede frhere, die ich
ihnen vorgelegt hatte. Ich war darber sehr erfreut. Eustach sagte,
da man sehr gut die Ortsfarben und die, welche durch fremde
Einwirkungen entstanden waren, unterscheiden knne, und da man aus
den letzten die Beschaffenheit der Umgebungen zu ahnen vermge. Sie
stellten das Bild in die ntige Entfernung und betrachteten es mit
Gefallen. Besonders anerkennend sprach Eustach ber die Richtigkeit
und Brauchbarkeit des unfarbigen Entwurfes.

Ich reiste nach dem kurzen Besuche in dem Rosenhause in die Gegend der
Tann, blieb auch dort nur kurz und drang tiefer in das Gebirge ein,
um eine Mittelstelle zu finden, von der aus ich meine neuen Arbeiten
unternehmen knnte. Als ich eine solche gefunden hatte, ging ich in
das Lauterthal und dort in das Ahornwirtshaus, um meinen Kaspar und
die Andern, welche mir im vorigen Jahre geholfen hatten, auch fr
das heutige zu dingen. Als dies, wie ich glaube zu gegenseitiger
Zufriedenheit, abgetan war, blieb ich noch einige Tage in dem
Ahornhause, teils damit sich meine Leute zu der Abreise rsten
konnten, teils um das mir liebgewordene Haus, das liebgewordene Tal
und die Umgebung wieder ein wenig zu genieen. Ich ging bei dieser
Gelegenheit mehrere Male in das Rothmoor, um dort nachzusehen, was man
eben fr Gegenstnde aus Marmor mache. Mir schien es, als wre die
Anstalt seit einem Jahre sehr gediehen. Ich besprach mich auch dort
ber Arbeiten, die fr mich auszufhren wren, falls ich den hiezu
ntigen Marmor fnde. Erkundigungen, um auf Spuren der Ergnzungen der
Pfeilerverkleidungen meines Vaters, die ich in dieser Gegend gekauft
hatte, zu kommen, waren auch heuer wie in frherer Zeit fruchtlos.

Ein Ereignis trat in dem Lauterthale ein, das mich sehr erheiterte.
Mein Zitherspiellehrer, der einige Zeit gleichsam verschollen war, war
wieder da. Er zeigte viele Freude, mich zu sehen, und sagte, er wolle
mir in das Kargrat folgen, welches jetzt der Mittelpunkt meiner
Arbeiten war, ein Drfchen auf grasigen, baum- und buschlosen Anhhen,
ganz nahe dem ewigen Eise, mit armen Bewohnern und einem vielleicht
noch rmeren, gengsamen Pfarrer. Er sagte, er wolle diejenigen
Arbeiten, die ich ihm auftragen werde, gegen Lohn verrichten, und in
freier Zeit wollen wir auf der Zither spielen. Er habe noch keinen
Schler gehabt, mit dem ihm die bungen auf der Zither so viele Freude
gemacht htten. Ich beschlo, einen Versuch zu wagen, und wir wurden
ber die gegenseitigem Bedingungen einig.

Als alles in Bereitschaft war, gingen wir aus dem Ahornhause in das
Kargrat ab. Ich ging mit den Leuten auf abgelegenen und schneller zum
Ziele fhrenden Gebirgspfaden. Nur einmal hatten wir eine Strecke
gebahnter Strae, auf welcher ich zwei leichte Wgen mietete. Im
Kargrat fand ich ein kleines Zimmerchen. Fr meine Leute wurde eine
Scheune zurecht gerichtet, und zur Aufbewahrung meiner Gegenstnde
wurde aus Brettern ein ganz kleines Huschen eigens erbaut. Wir waren
nun in der Nhe der hchsten Hhen. In mein winziges Fenster sahen die
drei Schneehupter der Leiterkpfe, hinter denen die steile, ziemlich
schlanke, blendend weie Nadel der Karspitze hervorragte, und neben
denen die edelsteinglnzenden Bnke der Stimmen oder des Simmieises
sich dehnten. Um den sehr spitzen Kirchturm des Drfchens wehte die
scharfe, fast harte Gebirgsluft und senkte sich auf unsere Hupter und
Angesichter nieder. Weit ab gegen die Tiefe zu lagen die anderen Berge
und die dichter bewohnten und bevlkerten Lnder.

ber das Zitherspiel meines wiedergefundenen Lehrers war ich wirklich
sehr erfreut. Ich hatte in der Zeit, whrend welcher ich ihn nicht
gesehen hatte, schon beinahe vergessen, wie vortrefflich er spiele.
Alles, was ich seit dem gehrt hatte, erblate zur Unbedeutenheit
gegen sein Spiel, von dem ich den Ausdruck hchste Herrlichkeit
gebrauchen mu. Er scheint von diesem seinem Musikgerte auch
ergriffen und beherrscht zu sein; wenn er spielt, ist er ein anderer
Mensch und greift in seine und in die Tiefen anderer Menschen, und
zwar in gute. Auf diesen Berghhen war das schne Spiel fast noch
schner, noch rhrender und einsamer.

Wie uns im vorigen Jahre Wlder und Wnde eingeschlossen hatten und
nur wenige Stellen uns freien Umblick verschafften, so waren wir heuer
fast immer auf freien Hhen, und nur ausnahmsweise umschlossen uns
Wnde oder Wlder. Der hufigste Begleiter unserer Bestrebungen war
das Eis.

Als die Kalendertage sagten, da die Rosenblte schon beinahe vorber
sein msse, beschlo ich, meine Freunde zu besuchen. Ich ordnete im
Kargrat alles fr meine Abwesenheit und Wiederkunft an und begab mich
auf den Weg.

Als ich in dem Asperhofe ankam, sagten mir der Grtner und die
Dienstleute, da Mathilde, Natalie, mein Gastfreund, Eustach, Roland
und Gustav in den Sternenhof fort seien. Die Rosen waren schon
verblht, und man hatte mich nicht mehr erwartet. Mein Gastfreund
hatte gesagt, da ich, weil ich ihm im Frhlinge mitgeteilt hatte, da
ich heuer ganz nahe an dem Simmieise wohnen werde, wahrscheinlich im
Sommer von dorther den weiten Weg nicht werde haben machen wollen, und
da zu vermuten sei, da ich im Herbst meine Arbeit abkrzen und auf
eine Zeit bei meinen Freunden einsprechen werde. Sollte ich aber
dennoch kommen, so hatten die Leute den Auftrag, zu sagen, da man
mich bitte, in den Sternenhof nachzukommen.

Ich mietete also des andern Tages auf der Post einen leichten Wagen
und schlug die Richtung nach dem Sternenhofe ein.

Als ich in der Umgebung desselben angekommen war, sah ich an Zunen
und in Grten noch manche Rose frisch blhen, obwohl im Asperhofe
weder auf dem Gitter noch im Garten eine zu erblicken gewesen war,
auer mancher welken und gerunzelten Blume, die man abzunehmen
vergessen hatte. Auch auf der Anhhe, die zu dem Schlosse empor
leitete, waren an Rosenbschen, die gelegentlich den Rasen sumten,
weil man im Sternenhofe die Rosen nicht eigens pflegte, sondern sie
nur wie gewhnlich als schnen Gartenschmuck zog, noch Knospen, die
ihres Aufbrechens harrten. Diese Tatsache mag daher kommen, weil der
Sternenhof nher an den Gebirgen und hher liegt als das Rosenhaus
meines Freundes.

In dem Hofe des Hauses nahmen die Leute mein Gepck und die Pferde in
Empfang und wiesen mich die groe Treppe hinan. Da ich gemeldet worden
war, wurde ich in Mathildens Zimmer gefhrt und fand sie in demselben
allein. Sie ging mir fast bis zu der Tr entgegen und empfing mich
mit derselben offenen Herzlichkeit und Freundlichkeit, die ihr immer
eigen war. Sie fhrte mich zu dem Tische, der an einem mit Blumen
geschmckten Fenster stand, wo sie gerne sa, und wies mir ihr
gegenber einen Stuhl an dem Tische an. Als wir uns gesetzt hatten,
sagte sie: Es freut mich sehr, da ihr noch gekommen seid, wir haben
geglaubt, da ihr heuer den weiten Weg nicht machen wrdet.

Wo man mich so freundlich aufnimmt, antwortete ich, und wo man
mich so gtig behandelt, dahin mache ich gerne einen Weg, ich mache
ihn jedes Jahr, wenn er auch weit ist, und wenn ich auch meine
Beschftigung unterbrechen mu.

Und jetzt findet ihr mich und Natalien nur allein in diesem Hause,
erwiderte sie, die Mnner, da sie sahen, da ihr nach dem Abblhen
der Rosen noch nicht gekommen waret, meinten, ihr wrdet im Sommer nun
gar nicht mehr kommen, und haben eine kleine Reise angetreten, die
auch Gustav mitmacht, weil er das Reisen so liebt. Sie besuchen eine
kleine Kirche in einem abgelegenen Gebirgstale, deren Zeichnung Roland
gebracht hat. Die Kirche wurde in der Zeichnung sehr schn befunden,
und zu ihr sind sie nun unter Rolands Fhrung auf dem Wege. Wo sie
nach der Besichtigung derselben hinfahren werden, wei ich nicht; aber
das wei ich, da sie nur einige Tage ausbleiben und in den Sternenhof
zurckkehren werden. Ihr mt sie hier erwarten, sie werden eine
Freude haben, euch zu sehen, und ich werde mich bemhen, alles
Erforderliche einzuleiten, da ihr indessen hier die beste
Bequemlichkeit haben knnet.

Der Bequemlichkeit, erwiderte ich, bin ich weder gewohnt, noch
schlage ich sie hoch an. Ich mchte nur nicht eine Strung in euer
jetziges einsames Hauswesen bringen. Das Hchste, was mir zu Teil
werden kann, habe ich empfangen, eine freundliche Aufnahme.

Wenn auch gewi eine freundliche Aufnahme das Hchste ist, und wenn
ihr auch eine Bequemlichkeit nicht begehret, antwortete sie, so ist
die Freundlichkeit in den Mienen bei der Aufnahme eines Gastes nicht
das Einzige, so schtzenswert sie dort ist, sondern sie mu sich auch
in der Tat uern, und es mu uns erlaubt sein, unsere Pflicht, die
uns lieb ist, zu erfllen, und dem Gaste eine so gute Wohnlichkeit zu
bereiten, als es die Umstnde erlauben, er mag sie nun benutzen oder
nicht.

Was ihr fr eine Pflicht haltet, will ich nicht bestreiten,
antwortete ich, ich will es nicht beirren, nur wnschen mu ich, da
es mit so wenig eigener Aufopferung als mglich verbunden ist.

Diese wird nicht gro sein, sagte sie, auf einige Aufmerksamkeit
in Hinsicht der Genauigkeit und Willigkeit der Leute kmmt es an, und
diese msset ihr mir schon erlauben.

Sie zog mit diesen Worten an einer Glockenschnur und bedeutete den
hereinkommenden Diener, da er ihr den Hausverwalter rufe.

Da dieser erschienen war, sagte sie ihm mit sehr einfachen und kurzen
Worten, da fr einen lngeren Aufenthalt fr mich in dem Hause auf
das Beste gesorgt werden mge. Als er sich entfernen wollte, trug sie
ihm noch auf, vorerst dem Frulein zu sagen, wer gekommen sei, sie
wrde es spter auch selber melden, und zum Abendessen wrden wir in
dem Speisezimmer zusammen kommen.

Der Hausverwalter entfernte sich, und Mathilde sagte, jetzt wre das
Hauptschlichste getan, und es erbrige spter nur noch, sich einen
Bericht ber die Mittel und die Art der Ausfhrung geben zu lassen.

Wir gingen nun auf andere Gesprche ber. Mathilde fragte mich um mein
Befinden und um das Allgemeine meiner Beschftigungen, denen ich mich
in diesem Sommer hingegeben habe.

Ich antwortete ihr, da mein krperliches Befinden immer gleich wohl
geblieben sei. Man habe mich von Kindheit an zu einem einfachen Leben
angeleitet, und dieses, verbunden mit viel Aufenthalt im Freien, habe
mir eine dauernde und heitere Gesundheit gegeben. Mein geistiges
Befinden hnge von meinen Beschftigungen ab. Ich suche dieselben
nach meiner Einsicht zu regeln, und wenn sie geordnet und nach meiner
Meinung mit Aussicht auf einen Erfolg vor sich gehen, so geben sie
mir Ruhe und Haltung. Sie sind aber in den letzten Jahren, was meine
Hauptrichtung anbelangt, fast immer dieselben geblieben, nur der
Schauplatz habe sich gendert. Die Nebenrichtungen sind freilich
andere geworden, und dies werde wohl fortdauern, so lange das Leben
daure.

Hierauf fragte ich nach dem Wohlbefinden aller unserer Freunde.

Mathilde antwortete, man knne hierber sehr befriedigt sein. Mein
Gastfreund fahre in seinem einfachen Leben fort, er bestrebe sich, da
sein kleiner Fleck Landes seine Schuldigkeit, die jedem Landbesitze
zum Zwecke des Bestehenden obliege, bestmglich erflle, er tue seinen
Nachbarn und andern Leuten viel Gutes, er tue es ohne Geprnge und
suche hauptschlich, da es in ganzer Stille geschehe, er schmcke
sich sein Leben mit der Kunst, mit der Wissenschaft und mit
andern Dingen, die halb in dieses Gebiet, halb beinahe in das der
Liebhabereien schlagen, und er suche endlich sein Dasein mit jener
Ruhe der Anbetung der hchsten Macht zu erfllen, die alles Bestehende
ordnet. Was zuletzt auch noch zum Glcke gehrt, das Wohlwollen der
Menschen, komme ihm von selber entgegen. Eustach und der ziemlich
selbstndige Roland haben sich zum Teile an dieses Gewebe von
Ttigkeiten angeschlossen, zum Teile folgen sie eigenen Antrieben und
Verhltnissen. Gustav strebe erst auf der Leiter seiner Jugend empor,
und sie glaube, er strebe nicht unrichtig. Wenn dieses sei, so werde
dann die letzte Sprosse an jede Hhe dieses Lebens anzulegen sein, auf
der ihm einmal zu wandeln bestimmt sein drfte. Was endlich sie selber
und Natalie betreffe, so sei das Leben der Frauen immer ein abhngiges
und ergnzendes, und darin fhle es sich beruhigt und befestigt. Sie
beide htten den Halt von Verwandten und nahen Angehrigen, dem sie
zur Festigung von Natur aus zugewiesen wren, verloren, sie leben
unsicher auf ihrem Besitztume, sie mten Manches aus sich schpfen
wie ein Mann und genieen der weiblichen Rechte nur in dem
Widerscheine des Lebens ihrer Freunde, mit dem der Lauf der Jahre sie
verbunden habe. Das sei die Lage, sie daure ihrer Natur nach so fort
und gehe ihrer Entwicklung entgegen. Mich hatte diese Darstellung
Mathildens beinahe ernst gemacht. Die Stimmung milderte sich wieder,
da wir auf die Erzhlung von Dingen kamen, die sich in diesem Sommer
zugetragen hatten. Mathilde berichtete mir ber die Rosenblte, ber
die Besuche in derselben, ber ihr Leben auf dem Sternenhofe und ber
das Gedeihen alles dessen, was der Jahresernte entgegen sehe. Ich
beschrieb ihr ein wenig meinen jetzigen Aufenthaltsort, erklrte ihr,
was ich anstrebe, und erzhlte ihr, auf welchen Wegen und mit welchen
Mitteln wir es auszufhren versuchen.

Nachdem das Gesprch auf diese Art eine Zeit gedauert hatte, empfahl
ich mich und begab mich in mein Zimmer.

Es war mir dieselbe Wohnung eingerumt und hergerichtet worden, welche
ich jedes Mal, so oft ich in dem Sternenhofe gewesen war, inne gehabt
hatte. Ein Diener hatte mich von dem Vorzimmer Mathildens in dieselbe
gefhrt. Sie hatte beinahe genau dasselbe Ansehen wie frher, wenn ich
ein Bewohner dieses Hauses gewesen war. Sogar die Bcher, welche der
Hausverwalter jedes Mal zu meiner Beschftigung herbeigeschafft hatte,
waren nicht vergessen worden. Nachdem ich mich eine Weile allein
befunden hatte, trat dieser Hausverwalter herein und fragte mich, ob
alles in der Wohnung in gehriger Ordnung sei oder ob ich einen Wunsch
habe. Als ich ihm die Versicherung gegeben hatte, da alles ber meine
Bedrfnisse trefflich sei, und nachdem ich ihm fr seine Mhe und
Sorgfalt gedankt hatte, entfernte er sich wieder.

Ich berlie mich eine Zeit der Ruhe, dann ging ich in den Rumen
herum, sah bald bei dem einen, bald bei dem andern Fenster auf die
bekannten Gegenstnde, auf die nahen Felder und auf die entfernten
Gebirge hinaus und kleidete mich dann zu dem Abendessen anders an.

Zu diesem Abendessen wurde ich bald, da ich spt am Tage in dem
Schlosse angekommen war, gerufen.

Ich begab mich in den Speisesaal und fand dort bereits Mathilden und
Natalien. Mathilde hatte sich anders angekleidet, als ich sie bei
meiner Ankunft in ihrem Zimmer getroffen hatte. Von Natalien wute ich
dies nicht; aber da sie ein hnliches Kleid anhatte wie Mathilde, so
vermutete ich es und mute berzeugt sein, da man ihr meine Ankunft
gemeldet habe. Wir begrten uns sehr einfach und setzten uns zu dem
Tische.

Mir war es uerst seltsam und befremdend, da ich mit Mathilden und
Natalien allein in ihrem Hause bei dem Abendtische sitze.

Die Gesprche bewegten sich um gewhnliche Dinge.

Nach dem Speisen entfernte ich mich bald, um die Frauen nicht zu
belstigen, und zog mich in meine Wohnung zurck.

Dort beschftigte ich mich eine Zeit mit Papieren und Bchern, die
ich aus meinem Koffer hervorgesucht hatte, geriet dann in Sinnen und
Denken und begab mich endlich zur Ruhe.


Der folgende Tag wurde zu einem einsamen Morgenspaziergange bentzt,
dann frhstckten wir mit einander, dann gingen wir in den Garten,
dann beschftigte ich mich bei den Bildern in den Zimmern. Der
Nachmittag wurde zu einem Gange in Teile des Meierhofes und auf die
Felder verwendet, und der Abend war wie der vorhergegangene.

Mit Natalien war ich, da sie jetzt mit ihrer Mutter allein in dem
Schlosse wohnte, beinahe fremder als ich es sonst unter vielen Leuten
gewesen war.

Wir hatten an diesem Tage nicht viel mit einander gesprochen und nur
die allergewhnlichsten Dinge.

Der zweite Tag verging wie der erste. Ich hatte die Bilder wieder
angesehen, ich war in den Zimmern mit den altertmlichen Gerten
gewesen und hatte den Gngen, Gemchern und Abbildungen des oberen
Stockwerkes einen Besuch gemacht.

Am dritten Tage meines Aufenthaltes in dem Sternenhofe, nachmittags,
da ich eine Weile in die Zeilen des alten Homer geblickt hatte, wollte
ich meine Wohnung, in der ich mich befand, verlassen und in den Garten
gehen. Ich legte die Worte Homers auf den Tisch, begab mich in das
Vorzimmer, schlo die Tr meiner Wohnung hinter mir ab und ging ber
die kleinere Treppe im hinteren Teile des Hauses in den Garten.

Es war ein sehr schner Tag, keine einzige Wolke stand an dem Himmel,
die Sonne schien warm auf die Blumen, daher es stille von Arbeiten
und selbst vom Gesange der Vgel war. Nur das einfache Scharren und
leise Hmmern der Arbeiter hrte ich, welche mit der Hinwegschaffung
der Tnche des Hauses in der Nhe meines Ausganges auf Gersten
beschftigt waren. Ich ging neben Gebschen und verspteten Blumen
einem Schatten zu, welcher sich mir auf einem Sandwege bot, der mit
ziemlich hohen Hecken gesumt war. Der Sandweg fhrte mich zu den
Linden, und von diesen ging ich durch eine berlaubung der Eppichwand
zu. Ich ging an ihr entlang und trat in die Grotte des Brunnens. Ich
war von der linken Seite der Wand gekommen, von welcher man beim
Herannahen den schneren Anblick der Quellennymphe hat, dafr aber das
Bnkchen nicht gewahr wird, welches in der Grotte der Nymphe gegenber
angebracht ist. Als ich eingetreten war, sah ich Natalien auf dem
Bnklein sitzen. Sie war sehr erschrocken und stand auf. Ich war
auch erschrocken; dennoch sah ich in ihr Angesicht. In demselben war
ein Schwanken zwischen Rot und Bla, und ihre Augen waren auf mich
gerichtet.

Ich sagte: Mein Frulein, ihr werdet mir es glauben, wenn ich euch
sage, da ich von dem Laubgange an der linken Seite dieser Wand gegen
die Grotte gekommen bin und euch habe nicht sehen knnen, sonst wre
ich nicht eingetreten und htte euch nicht gestrt.

Sie antwortete nichts und sah mich noch immer an.

Ich sagte wieder: Da ich euch nun einmal beunruhigt habe, wenn auch
gegen meinen Willen, so werdet ihr mir es wohl gtig verzeihen, und
ich werde mich sogleich entfernen.

Ach nein, nein, sagte sie.

Da ich schwankte und die Bedeutung der Worte nicht erkannte, fragte
ich: Zrnet ihr mir, Natalie?

Nein, ich zrne euch nicht, antwortete sie, und richtete die Augen,
die sie eben niedergeschlagen hatte, wieder auf mich.

Ihr seid auf diesen Platz gegangen, um allein zu sein, sagte ich,
also mu ich euch verlassen.

Wenn ihr mich nicht aus Absicht meidet, so ist es nicht ein Mssen,
da ihr mich verlasset, antwortete sie.

Wenn es nicht eine Pflicht ist, euch zu verlassen, erwiderte
ich, so mt ihr euren Platz wieder einnehmen, von dem ich euch
verscheucht habe. Tut es, Natalie, setzt euch auf eure frhere Stelle
nieder.

Sie lie sich auf das Bnkchen nieder, ganz vorn gegen den Ausgang,
und sttzte sich auf die Marmorlehne.

Ich kam nun auf diese Weise zwischen sie und die Gestalt zu stehen.
Da ich dieses fr unschicklich hielt, so trat ich ein wenig gegen den
Hintergrund. Allein jetzt stand ich wieder aufrecht vor dem leeren
Teile der Bank in der nicht sehr hohen Halle, und da mir auch dieses
eher unziemend als ziemend erschien, so setzte ich mich auf den
andern Teil der Bank und sagte: Liebt ihr wohl diesen Platz mehr als
andere?

Ich liebe ihn, antwortete sie, weil er abgeschlossen ist und weil
die Gestalt schn ist. Liebt ihr ihn nicht auch?

Ich habe die Gestalt immer mehr lieben gelernt, je lnger ich sie
kannte, antwortete ich.

Ihr ginget frher fter her? fragte sie.

Als ich durch die Gte eurer Mutter manche Gerte in dem Sternenhofe
zeichnete und fast allein in demselben wohnte, habe ich oft diese
Halle besucht, erwiderte ich. Und spter auch, wenn ich durch
freundliche Einladung hieher kam, habe ich nie versumt, an diese
Stelle zu gehen.

Ich habe euch hier gesehen, sagte sie.

Die Anlage ist gemacht, da sie das Gemt und den Verstand erfllet,
antwortete ich, die grne Wand des Eppichs schliet ruhig ab, die
zwei Eichen stehen wie Wchter und das Wei des Steins geht sanft von
dem Dunkel der Bltter und des Gartens weg.

Es ist alles nach und nach entstanden, wie die Mutter erzhlt,
erwiderte sie, der Eppich ist erzogen worden, die Wand vergrert,
erweitert und bis an die Eichen gefhrt. Selbst in der Halle war
es einmal anders. Die Bank war nicht da. Aber da der Marmor so oft
betrachtet wurde, da die Menschen vor ihm standen oder selbst in der
Halle neben ihm, da die Mutter ebenfalls die Gestalt gerne betrachtete
und lange betrachtete: so lie sie aus dem gleichen Stoffe, aus dem
die Nymphe gearbeitet ist, diese Bank machen, und lie dieselbe mit
der kunstreichen, vorchristlich ausgefhrten Lehne versehen, damit sie
einerseits zu dem vorhandenen Werke stimme und damit andererseits das
Werk mit Ruhe und Erquickung angesehen werden knne. Mit der Zeit ist
auch die Alabasterschale hieher gekommen.

Die Menschen werden von solchen Werken gezogen, antwortete ich, und
die Lust des Schauens findet sich.

Ich habe diese Gestalt von meiner Kindheit an gesehen und habe mich
an sie gewhnt, sagte sie, haltet ihr nicht auch den bloen Stein
schon fr sehr schn?

Ich halte ihn fr ganz besonders schn, erwiderte ich.

Mir ist immer, wenn ich ihn lange betrachte, sagte sie, als htte
er eine sehr groe Tiefe, als sollte man in ihn eindringen knnen und
als wre er durchsichtig, was er nicht ist. Er hlt eine reine Flche
den Augen entgegen, die so zart ist, da sie kaum Widerstand leistet
und in der man als Anhaltspunkte nur die vielen feinen Splitter
funkeln sieht.

Der Stein ist auch durchsichtig, antwortete ich, nur mu man eine
dnne Schichte haben, durch die man sehen will. Dann scheint die Welt
fast goldartig, wenn man sie durch ihn ansieht. Wenn mehrere Schichten
bereinander liegen, so werden sie in ihrem Anblicke von Auen wei,
wie der Schnee, der auch aus lauter durchsichtigen kleinen Eisnadeln
besteht, wei wird, wenn Millionen solcher Nadeln auf einander
liegen.

So habe ich nicht unrecht empfunden, sagte sie.

Nein, erwiderte ich, ihr habt recht geahnt.

Wenn die Edelsteine nicht nach dem geachtet werden, was sie kosten,
sagte sie, sondern nach dem, wie sie edel sind, so gehrt der Marmor
gewi unter die Edelsteine.

Er gehrt unter dieselben, er gehrt gewilich unter dieselben,
erwiderte ich. Wenn er auch als bloer Stoff nicht so hoch im Preise
steht wie die gesuchten Steine, die nur in kleinen Stcken vorkommen,
so ist er doch so auserlesen und so wunderbar, da er nicht blo in
der weien, sondern auch in jeder andern Farbe begehrt wird, da man
die verschiedensten Dinge aus ihm macht, und da das Hchste, was
menschliche bildende Kunst darzustellen vermag, in der Reinheit des
weien Marmors ausgefhrt wird.

Das ist es, was mich auch immer sehr ergriff, wenn ich hier sa und
betrachtete, sagte sie, da in dem harten Steine das Weiche und
Runde der Gestaltung ausgedrckt ist, und da man zu der Darstellung
des Schnsten in der Welt den Stoff nimmt, der keine Makel hat. Dies
sehe ich sogar immer an der Gestalt auf der Treppe unsers Freundes,
welche noch schner und ehrfurchterweckender als dieses Bildwerk
hier ist, wenngleich ihr Stoff in der Lnge der vielen Jahre, die er
gedauert hat, verunreinigt worden war.

Es ist gewi nicht ohne Bedeutung, entgegnete ich, da die Menschen
in den edelsten und selbst hie und da ltesten Vlkern zu diesem
Stoffe griffen, wenn sie hohes Gttliches oder Menschliches bilden
wollten, whrend sie Ausschmckungen in Laubwerk, Simsen, Sulen,
Tiergestalten und selbst untergeordnete Menschen- und Gtterbilder
aus farbigem Marmor, aus Sandstein, aus Holz, Ton, Gold oder Silber
verfertigten. Es wre zugnglicherer, behandelbarerer Stoff gewesen:
Holz, Erde, weicher Stein, manche Metalle; sie aber gruben weien
Marmor aus der Erde und bildeten aus ihm. Aber auch die andern
Edelsteine, aus denen man verschiedene Dinge macht, geschnittene
Steine, allerlei Gestalten, Blumen- und Zierwerk, so wie endlich
diejenigen, die man besonders Edelsteine nennt und zum Schmucke der
menschlichen Gestalt und hoher Dinge anwendet, haben in ihrem Stoffe
etwas, das anzieht und den menschlichen Geist zu sich leitet, es ist
nicht blo die Seltenheit oder das Schimmern, das sie wertvoll macht.

Habt ihr auch die Edelsteine kennen zu lernen gesucht? fragte sie.

Ein Freund hat mir Vieles von ihnen gezeigt und erklrt, antwortete
ich.

Sie sind freilich fr die Menschen sehr merkwrdig, sagte sie.

Es ist etwas Tiefes und Ergreifendes in ihnen, antwortete ich,
gleichsam ein Geist in ihrem Wesen, der zu uns spricht, wie zum
Beispiele in der Ruhe des Smaragdes, dessen Schimmerpunkten kein
Grn der Natur gleicht, es mte nur auf Vogelgefiedern, wie das des
Colibri, oder auf den Flgeldecken von Kfern sein - wie in der Flle
des Rubins, der mit dem rosensammtnen Lichtblicke gleichsam als der
vornehmste unter den gefrbten Steinen zu uns aufsieht - wie in dem
Rtsel des Opals, der unergrndlich ist - und wie in der Kraft des
Diamantes, der wegen seines groen Lichtbrechungsvermgens in einer
Schnelligkeit wie der Blitz den Wechsel des Feuers und der Farben
gibt, den kaum die Schneesterne noch der Sprhregen des Wasserfalles
haben. Alles, was den edlen Steinen nachgemacht wird, ist der Krper
ohne diesen Geist, es ist der inhaltleere, sprde, harte Glanz statt
der reichen Tiefe und Milde.

Ihr habt von der Perle nicht gesprochen.

Sie ist kein Edelstein, gesellt sich aber im Gebrauche gerne zu ihm.
In ihrem uern Ansehen ist sie wohl das Bescheidenste; aber nichts
schmckt mit dem so sanft umflorten Seidenglanze die menschliche
Schnheit schner als die Perle. Selbst an dem Kleide eines Mannes, wo
sie etwas hlt, wie die Schleife des Halstuches oder wie die Falte des
Brustlinnens, dnkt sie mich das Wrdigste und Ernsteste.

Und liebt ihr die Edelsteine als Schmuck? fragte sie.

Wenn die schnsten Steine ihrer Art ausgewhlt werden, antwortete
ich, wenn sie in einer Fassung sind, welche richtigen Kunstgesetzen
entspricht, und wenn diese Fassung an der Stelle, wo sie ist, einen
Zweck erfllt, also notwendig erscheint: dann ist wohl kein Schmuck
des menschlichen Krpers feierlicher als der der Edelsteine.

Wir schwiegen nach diesen Worten, und ich konnte Natalien jetzt erst
ein wenig betrachten. Sie hatte ein mattes hellgraues Seidenkleid an,
wie sie es berhaupt gerne trug. Das Kleid reichte, wie es bei ihr
immer der Fall war, bis zum Halse und bis zu den Kncheln der Hand.
Von Schmuck hatte sie gar nichts an sich, nicht das Geringste, whrend
ihr Krper doch so stimmend zu Edelsteinen gewesen wre. Ohrgehnge,
welche damals alle Frauen und Mdchen trugen, hatte weder Mathilde je,
seit ich sie kannte, getragen, noch trug sie Natalie.

In unserem Schweigen sahen wir gleichsam wie durch Verabredung gegen
das rieselnde Wasser.

Endlich sagte sie: Wir haben von dem Angenehmen dieses Ortes
gesprochen und sind von dem edlen Steine des Marmors auf die
Edelsteine gekommen; aber eines Dinges wre noch Erwhnung zu tun, das
diesen Ort ganz besonders auszeichnet.

Welches Dinges?

Des Wassers. Nicht blo, da dieses Wasser vor vielen, die ich kenne,
gut zur Erquickung gegen den Durst ist, so hat sein Spielen und sein
Flieen gerade an dieser Stelle und durch diese Vorrichtungen etwas
Besnftigendes und etwas Beachtungswertes.

Ich fhle wie ihr, antwortete ich, und wie oft habe ich dem schnen
Glnzen und dem schattenden Dunkel dieses lebendigen flchtigen
Krpers an dieser Stelle zugesehen, eines Krpers, der wie die Luft
wohl viel bewunderungswrdiger wre als es die Menschen zu erkennen
scheinen.

Ich halte auch das Wasser und die Luft fr bewunderungswrdig,
entgegnete sie, die Menschen achten nur so wenig auf Beides, weil
sie berall von ihnen umgeben sind. Das Wasser erscheint mir als das
bewegte Leben des Erdkrpers, wie die Luft sein ungeheurer Odem ist.

Wie richtig sprecht ihr, sagte ich, und es sind auch Menschen
gewesen, die das Wasser sehr geachtet haben; wie hoch haben die
Griechen ihr Meer gehalten, und wie riesenhafte Werke haben die Rmer
aufgefhrt, um sich das Labsal eines guten Wassers zuzuleiten. Sie
haben freilich nur auf den Krper Rcksicht genommen und haben
nicht, wie die Griechen die Schnheit ihres Meeres betrachteten, die
Schnheit des Wassers vor Augen gehabt; sondern sie haben sich nur
dieses Kleinod der Gesundheit in bester Art verschaffen wollen. Und
ist wohl etwas auer der Luft, das mit grerem Adel in unser Wesen
eingeht als das Wasser? Soll nicht nur das reinste und edelste
sich mit uns vereinigen? Sollte dies nicht gerade in den
gesundheitverderbenden Stdten sein, wo sie aber nur Vertiefungen
machen und das Wasser trinken, das aus ihnen kmmt? Ich bin in den
Bergen gewesen, in Tlern, in Ebenen, in der groen Stadt und habe
in der Hitze, im Durste, in der Bewegung den kostbaren Kristall des
Wassers und seine Unterschiede kennen gelernt. Wie erquickt der Quell
in den Bergen und selbst in den Hgeln, vorzglich wenn er am reinsten
aus dem reinen Granit fliet, und, Natalie, wie schn ist auerdem der
Quell!

Hatte nun Natalie schon frher einen Durst empfunden und hatte
derselbe ihr Gesprch auf das Wasser gelenkt, oder war durch das
Gesprch ein leichter Durst in ihr hervorgerufen worden: sie stand
nun auf, nahm die Alabasterschale in die Hand, lie sie sich in dem
sanften Strahle fllen, setzte sie an ihre schnen Lippen, trank einen
Teil des Wassers, lie das brige in das tiefere Becken flieen,
stellte die leere Schale an ihren Platz und setzte sich wieder zu mir
auf die Bank.

Mir war das Herz ein wenig gedrckt, und ich sagte: Wenn wir beide
das Schne dieses Ortes betrachtet und wenn wir von ihm und von andern
Dingen, auf die er uns fhrte, gerne gesprochen haben, so ist doch
etwas in ihm, was mir Schmerz erregt.

Was kann euch denn an diesem Orte Schmerz erregen? fragte sie.

Natalie, antwortete ich, es ist jetzt ein Jahr, da ihr mich an
dieser Halle absichtlich gemieden habt. Ihr saet auf derselben Bank,
auf welcher ihr jetzt sitzet, ich stand im Garten, ihr tratet heraus
und ginget von mir mit beeiligten Schritten in das Gebsch.

Sie wendete ihr Angesicht gegen mich, sah mich mit den dunklen Augen
an und sagte: Dessen erinnert euch, und das macht euch Schmerz?

Es macht mir jetzt im Rckblicke Schmerz und hat ihn mir damals
gemacht, antwortete ich.

Ihr habt mich ja aber auch gemieden, sagte sie.

Ich hielt mich ferne, um nicht den Schein zu haben, als drnge ich
mich zu euch, entgegnete ich.

War ich euch denn von einer Bedeutung? fragte sie.

Natalie, antwortete ich, ich habe eine Schwester, die ich im
hchsten Mae liebe, ich habe viele Mdchen in unserer Stadt und in
dem Lande kennen gelernt; aber keines, selbst nicht meine Schwester,
achte ich so hoch wie euch, keines ist mir stets so gegenwrtig und
erfllt mein ganzes Wesen wie ihr.

Bei diesen Worten traten die Trnen aus ihren Augen und flossen ber
ihre Wangen herab.

Ich erstaunte, ich blickte sie an und sagte: Wenn diese schnen
Tropfen sprechen, Natalie, sagen sie, da ihr mir auch ein wenig gut
seid?

Wie meinem Leben, antwortete sie.

Ich erstaunte noch mehr und sprach: Wie kann es denn sein, ich habe
es nicht geglaubt.

Ich habe es auch von euch nicht geglaubt, erwiderte sie.

Ihr konntet es leicht wissen, sagte ich. Ihr seid so gut, so rein,
so einfach. So seid ihr vor mir gewandelt, ihr waret mir begreiflich
wie das Blau des Himmels, und eure Seele erschien mir so tief wie das
Blau des Himmels tief ist. Ich habe euch mehrere Jahre gekannt, ihr
waret stets bedeutend vor der herrlichen Gestalt eurer Mutter und der
eures ehrwrdigen Freundes, ihr waret heute, wie ihr gestern gewesen
waret und morgen wie heute, und so habe ich euch in meine Seele
genommen zu denen, die ich dort liebe, zu Vater, Mutter, Schwester -
nein, Natalie, noch tiefer, tiefer -

Sie sah mich bei diesen Worten sehr freundlich an, ihre Trnen flossen
noch hufiger, und sie reichte mir ihre Hand herber.

Ich fate ihre Hand, ich konnte nichts sagen und blickte sie nur an.

Nach mehreren Augenblicken lie ich ihre Hand los und sagte: Natalie,
es ist mir nicht begreiflich, wie ist es denn mglich, da ihr mir gut
seid, mir, der gar nichts ist und nichts bedeutet?

Ihr wit nicht, wer ihr seid, antwortete sie. Es ist gekommen, wie
es kommen mute. Wir haben viele Zeit in der Stadt zugebracht, wir
sind oft den ganzen Winter in derselben gewesen, wir haben Reisen
gemacht, haben verschiedene Lnder und Stdte gesehen, wir sind in
London, Paris und Rom gewesen. Ich habe viele junge Mnner kennen
gelernt. Darunter sind wichtige und bedeutende gewesen. Ich
habe gesehen, da mancher Anteil an mir nahm; aber es hat mich
eingeschchtert, und wenn einer durch sprechende Blicke oder durch
andere Merkmale es mir nher legte, so entstand eine Angst in mir, und
ich mute mich nur noch ferner halten. Wir gingen wieder in die Heimat
zurck. Da kamet ihr eines Sommers in den Asperhof, und ich sah euch.
Ihr kamet im nchsten Sommer wieder. Ihr waret ohne Anspruch, ich sah,
wie ihr die Dinge dieser Erde liebtet, wie ihr ihnen nach ginget und
wie ihr sie in eurer Wissenschaft hegtet - ich sah, wie ihr meine
Mutter verehrtet, unsern Freund hochachtetet, den Knaben Gustav
beinahe liebtet, von eurem Vater, eurer Mutter und eurer Schwester nur
mit Ehrerbietung sprachet, und da - - da -

Da, Natalie?

Da liebte ich euch, weil ihr so einfach, so gut und doch so ernst
seid.

Und ich liebte euch mehr, als ich je irgend ein Ding dieser Erde zu
lieben vermochte.

Ich habe manchen Schmerz um euch empfunden, wenn ich in den Feldern
herumging.

Ich habe es ja nicht gewut, Natalie, und weil ich es nicht wute, so
mute ich mein Inneres verbergen und gegen jedermann schweigen, gegen
den Vater, gegen die Mutter, gegen die Schwester und sogar gegen mich.
Ich bin fortgefahren, das zu tun, was ich fr meine Pflicht erachtete,
ich bin in die Berge gegangen, habe mir ihre Zusammensetzung
aufgeschrieben, habe Gesteine gesammelt und Seen gemessen, ich bin auf
den Rat eures Freundes einen Sommer beschftigungslos in dem Asperhofe
gewesen, bin dann wieder in die Wildnis gegangen und zu der Grenze des
Eises emporgestiegen. Ich konnte nur eure Mutter, euren Freund und
euren Bruder immer wrmer lieben: aber, Natalie, wenn ich auf den
Hhen der Berge war, habe ich euer Bild in dem heitern Himmel gesehen,
der ber mir ausgespannt war, wenn ich auf die festen, starren Felsen
blickte, so erblickte ich es auch in dem Dufte, der vor denselben
webte, wenn ich auf die Lnder der Menschen hinausschaute, so war es
in der Stille, die ber der Welt gelagert war, und wenn ich zu Hause
in die Zge der Meinigen blickte, so schwebte es auch in denen.

Und nun hat sich alles recht gelset.

Es hat sich wohl gelset, meine liebe, liebe Natalie.

Mein teurer Freund!

Wir reichten uns bei diesen Worten die Hnde wieder und saen
schweigend da.


Wie hatte seit einigen Augenblicken alles sich um mich verndert, und
wie hatten die Dinge eine Gestalt gewonnen, die ihnen sonst nicht
eigen war. Nataliens Augen, in welche ich schauen konnte, standen in
einem Schimmer, wie ich sie nie, seit ich sie kenne, gesehen hatte.
Das unermdlich flieende Wasser, die Alabasterschale, der Marmor
waren verjngt; die weien Flimmer auf der Gestalt und die wunderbar
im Schatten blhenden Lichter waren anders; die Flssigkeit rann,
pltscherte oder pippte oder tnte im einzelnen Falle anders; das
sonnenglnzende Grn von drauen sah als ein neues freundlich herein,
und selbst das Hmmern, mit welchem man die Tnche von den Mauern des
Hauses herabschlug, tnte jetzt als ein ganz verschiedenes in die
Grotte von dem, das ich gehrt hatte, als ich aus dem Hause gegangen
war.

Nach einer geraumen Weile sagte Natalie: Und von dem Abende im
Hoftheater habt ihr auch nie etwas gesprochen.

Von welchem Abende, Natalie?

Als Knig Lear aufgefhrt wurde.

Ihr seid doch nicht das Mdchen in der Loge gewesen?

Ich bin es gewesen.

Nein, ihr seid so blhend wie eine Rose, und jenes Mdchen war bla
wie eine weie Lilie.

Es mute mich der Schmerz entfrbt haben. Ich war kindisch, und es
hat mir damals wohlgetan, in euren Augen allein unter allen denen, die
die Loge umgaben, ein Mitgefhl mit meiner Empfindung zu lesen. Diese
Empfindung wurde durch euer Mitgefhl zwar noch strker, so da
sie beinahe zu mchtig wurde; aber es war gut. Ich habe nie einer
Vorstellung beigewohnt, die so ergreifend gewesen wre. Ich sah es
als einen gnstigen Zufall an, da mir eure Augen, die bei dem Leiden
des alten Knigs bergeflossen waren, bei dem Fortgehen aus dem
Schauspielhause so nahe kamen. Ich glaubte ihnen mit meinen Blicken
dafr danken zu mssen, da sie mir beigestimmt hatten, wo ich sonst
vereinsamt gewesen wre. Habt ihr das nicht erkannt?

Ich habe es erkannt und habe gedacht, da der Blick des Mdchens
wohlwollend sei, und da er ein Einverstndnis ber unsere
gemeinschaftliche Empfindung bei der Vorstellung bedeuten knne.

Und ihr habt mich also nicht wieder erkannt?

Nein, Natalie.

Ich habe euch gleich erkannt, als ich euch in dem Asperhofe sah.

Es ist mir lieb, da es eure Augen gewesen sind, die mir den Dank
gesagt haben; der Dank ist tief in mein Gemt gedrungen. Aber wie
konnte es auch anders sein, da eure Augen das Liebste und Holdeste
sind, was fr mich die Erde hat.

Ich habe euch schon damals in meinem Herzen hher gestellt als die
andern, obwohl ihr ein Fremder waret und obwohl ich denken konnte, da
ihr mir in meinem ganzen Leben fremd bleiben werdet.

Natalie, was mir heute begegnet ist, bildet eine Wendung in meinem
Leben, und ein so tiefes Ereignis, da ich es kaum denken kann. Ich
mu suchen, alles zurecht zu legen und mich an den Gedanken der
Zukunft zu gewhnen.

Es ist ein Glck, das uns ohne Verdienst vom Himmel gefallen, weil es
grer ist als jedes Verdienst.

Drum lasset uns es dankbar aufnehmen.

Und ewig bewahren.

Wie war es gut, Natalie, da ich die Worte Homers, die ich heute
nachmittag las, nicht in mein Herz aufnehmen konnte, da ich das Buch
weglegte, in den Garten ging und da das Schicksal meine Schritte zu
dem Marmor des Brunnens lenkte.

Wenn unsere Wesen zu einander neigten, obgleich wir es nicht
gegenseitig wuten, so wrden sie sich doch zugefhrt worden sein,
wann und wo es immer geschehen wre, das wei ich nun mit Sicherheit.

Aber sagt, warum habt ihr mich denn gemieden, Natalie?

Ich habe euch nicht gemieden, ich konnte mit euch nicht sprechen, wie
es mir in meinem Innern war, und ich konnte auch nicht so sein, als
ob ihr ein Fremder wret. Doch war mir eure Gegenwart sehr lieb. Aber
warum habt denn auch ihr euch ferne von mir gehalten?

Mir war wie euch. Da ihr so weit von mir waret, konnte ich mich nicht
nahen. Eure Gegenwart verherrlichte mir Alles, was uns umgab, aber das
dunkle knftige Glck schien mir unerreichbar.

Nun ist doch erfllet, was sich vorbereitete.

Ja, es ist erfllt.

Nach einem kleinen Schweigen fuhr ich fort: Ihr habt gesagt, Natalie,
da wir das Glck, das uns vom Himmel gefallen ist, ewig aufbewahren
sollen. Wir sollen es auch ewig aufbewahren. Schlieen wir den Bund,
da wir uns lieben wollen, so lange das Leben whrt, und da wir treu
sein wollen, was auch immer komme und was die Zukunft bringe, ob es
uns aufbewahrt ist, da wir in Vereinigung die Sonne und den Himmel
genieen, oder ob jedes allein zu beiden emporblickt und nur des
andern mit Schmerzen gedenken kann.

Ja, mein Freund, Liebe, unvernderliche Liebe, so lange das Leben
whrt, und Treue, was auch die Zukunft von Gunst oder Ungunst bringen
mag.

O Natalie, wie wallt mein Herz in Freude! Ich habe es nicht geahnt,
da es so entzckend ist, euch zu besitzen,- die mir unerreichbar
schien.

Ich habe auch nicht gedacht, da ihr euer Herz von den groen Dingen,
denen ihr ergeben waret, wegkehren und mir zuwenden werdet.

O meine geliebte, meine teure, ewig mir gehrende Natalie!

Mein einziger, mein unvergelicher Freund!

Ich war von Empfindung berwltigt, ich zog sie nher an mich und
neigte mein Angesicht zu ihrem. Sie wendete ihr Haupt herber und gab
mit Gte ihre schnen Lippen meinem Munde, um den Ku zu empfangen,
den ich bot.

Ewig fr dich allein, sagte ich.

Ewig fr dich allein, sagte sie leise.

Schon als ich die sen Lippen an meinen fhlte, war mir, als sei ein
Zittern in ihr und als flieen ihre Trnen wieder.

Da ich mein Haupt wegwendete und in ihr Angesicht schaute, sah ich die
Trnen in ihren Augen.

Ich fhlte die Tropfen auch in den meinen hervorquellen, die ich nicht
mehr zurckhalten konnte. Ich zog Natalien wieder nher an mich, legte
ihr Angesicht an meine Brust, neigte meine Wange auf ihre schnen
Haare, legte die eine Hand auf ihr Haupt und hielt sie so sanft umfat
und an mein Herz gedrckt. Sie regte sich nicht, und ich fhlte
ihr Weinen. Da diese Stellung sich wieder lste, da sie mir in das
Angesicht schaute, drckte ich noch einmal einen heien Ku auf ihre
Lippen zum Zeichen der ewigen Vereinigung und der unbegrenzten Liebe.
Sie schlang auch ihre Arme um meinen Hals und erwiderte den Ku
zu gleichem Zeichen der Einheit und der Liebe. Mir war in diesem
Augenblicke, da Natalie nun meiner Treue und Gte hingegeben, da sie
ein Leben eins mit meinem Leben sei. Ich schwor mir, mit allem, was
gro, gut, schn und stark in mir ist, zu streben, ihre Zukunft zu
schmcken und sie so glcklich zu machen, als es nur in meiner Macht
ist und erreicht werden kann.


Wir saen nun schweigend neben einander, wir konnten nicht sprechen
und drckten uns nur die Hnde als Besttigung des geschlonen Bundes
und des innigsten Verstndnisses.

Da eine Zeit vergangen war, sagte endlich Natalie: Mein Freund, wir
haben uns der Fortdauer und der Unaufhrlichkeit unserer Neigung
versichert, und diese Neigung wird auch dauern; aber was nun geschehen
und wie sich alles Andere gestalten wird, das hngt von unsern
Angehrigen ab, von meiner Mutter, und von euren Eltern.

Sie werden unser Glck mit Wohlwollen ansehen.

Ich hoffe es auch; aber wenn ich das vollste Recht htte, meine
Handlungen selber zu bestimmen, so wurde ich nie auch nicht ein
Teilchen meines Lebens so einrichten, da es meiner Mutter nicht
gefiele; es wre kein Glck fr mich. Ich werde so handeln, so lange
wir beisammen auf der Erde sind. Ihr tut wohl auch so?

Ich tue es; weil ich meine Eltern liebe und weil mir eine Freude nur
als solche gilt, wenn sie auch die ihre ist.

Und noch jemand mu gefragt werden.

Wer?

Unser edler Freund. Er ist so gut, so weise, so uneigenntzig. Er
hat unserm Leben einen Halt gegeben, als wir ratlos waren, er ist uns
beigestanden, als wir es bedurften, und jetzt ist er der zweite Vater
Gustavs geworden.

Ja, Natalie, er soll und mu gefragt werden; aber sprecht, wenn eins
von diesen nein sagt?

Wenn eines nein sagt, und wir es nicht berzeugen knnen, so wird es
Recht haben, und wir werden uns dann lieben, so lange wir leben, wir
werden einander treu sein in dieser und jener Welt; aber wir drften
uns dann nicht mehr sehen.

Wenn wir ihnen die Entscheidung ber uns anheim gegeben haben,
so mute es wohl so sein; aber es wird gewi nicht, gewi nicht
geschehen.

Ich glaube mit Zuversicht, da es nicht geschehen wird.

Mein Vater wird sich freuen, wenn ich ihm sage, wie ihr seid, er wird
euch lieben, wenn er euch sieht, die Mutter wird euch eine zweite
Mutter sein und Klotilde wird sich euch mit ganzer Seele zuwenden.

Ich verehre eure Eltern und liebe Klotilde schon so lange, als ich
euch von ihnen reden und erzhlen hrte. Mit meiner Mutter werde ich
noch heute sprechen, ich knnte die Nacht nicht ber das Geheimnis
herauf gehen lassen. Wenn ihr zu euren Eltern reiset, sagt ihnen, was
geschehen ist, und sendet bald Nachricht hieher.

Ja, Natalie.

Geht ihr von hier wieder in die Berge?

Ich wollte es; nun aber hat sich Wichtigeres ereignet, und ich mu
gleich zu meinen Eltern. Nur auf Kurzes will ich, so schnell es geht,
in meinen jetzigen Standort reisen, um die Arbeiten abzubestellen, die
Leute zu entlassen und Alles in Ordnung zu bringen.

Das mu wohl so sein.

Die Antwort meiner Eltern bringt dann nicht eine Nachricht, sondern
ich selber.

Das ist noch erfreulicher. Mit unserm Freunde wird wohl hier geredet
werden.

Natalie, dann habt ihr eine Schwester an Klotilden und ich einen
Bruder an Gustav.

Ihr habt ihn ja immer sehr geliebt. Alles ist so schn da es fast zu
schn ist.

Dann sprachen wir von der Zurckkunft der Mnner, was sie sagen wrden
und wie unser Gastfreund die schnelle Wendung der Dinge aufnehmen
werde.

Zuletzt, als die Gemter zu einer sanfteren Ruhe zurckgekehrt waren,
erhoben wir uns, um in das Haus zu gehen. Ich bot Natalien meinen Arm,
den sie annahm. Ich fhrte sie der Eppichwand entlang, ich fhrte
sie durch einen schnen Gang des Gartens, und wir gelangten dann in
offnere, freie Stellen, in denen wir eine Umsicht hatten.

Als wir da eine Strecke vorwrts gekommen waren, sahen wir Mathilden
auerhalb des Gartens gegen den Meierhof gehen. Das Pfrtchen, welches
von dem Garten gegen den Meierhof fhrt, war in der Nhe und stand
offen.

Ich werde meiner Mutter folgen und werde gleich jetzt mit ihr
sprechen, sagte Natalie.

Wenn ihr es fr gut haltet, so tut es, erwiderte ich.

Ja, ich tue es, mein Freund. Lebt wohl.

Lebt wohl.

Sie zog ihren Arm aus dem meinigen, wir reichten uns die Hnde,
drckten sie uns, und Natalie schlug den Weg zu dem Pfrtchen ein.

Ich sah ihr nach, sie blickte noch einmal gegen mich um, ging dann
durch das Pfrtchen, und das graue Seidenkleid verschwand unter den
grnen Hecken des Grundes.

Ich ging in das Haus und begab mich in meine Wohnung.

Da lag das Buch, in welchem die Worte Homers waren, die heute die
Gewalt ber mein Herz verloren hatten - es lag, wie ich es auf den
Tisch gelegt hatte. Was war indessen geschehen! Die schnste Jungfrau
dieser Erde hatte ich an mein Herz gedrckt. Aber was will das sagen?
Das edelste, wrmste, herrlichste Gemt ist mein, es ist mir in Liebe
und Neigung zugetan. Wie habe ich das verdient, wie kann ich es
verdienen?!

Ich setzte mich nieder und sah gegen die Ruhe der heitern Luft hinaus.

Ich verlie an diesem Tage gar nicht mehr das Haus. Gegen Abend ging
ich in den Gang, der im Norden des Hauses hinluft, und sah auf den
Garten hinaus. Auf einer freien Stelle, in welcher ein weier Pfad
durch Wiesengrn hingeht, sah ich Mathilden mit Natalien wandeln.

Ich ging wieder in mein Zimmer zurck.

Als es dunkelte, wurde ich zu dem Abendessen gerufen.

Da Mathilde und Natalie in den Speisesaal getreten waren, lud mich
Mathilde mit einem sanften Lcheln und mit der Freundlichkeit, die ihr
immer eigen war, ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen.



Die Entfaltung

Wir waren in dem nehmlichen Zimmer zum Speisen zusammen gekommen, in
dem wir die Zeit her, die ich im Schlosse gewesen war, unser Mahl am
Morgen, Mittag und Abend, wie es die Tageszeit brachte, eingenommen
hatten, der Tisch war mit dem klaren, weien, feinen Linnen gedeckt,
in das schnere und altertmlichere Blumen als jetzt gebruchlich
sind, gleichsam wie Silber in Silber eingewebt waren, der Diener stand
mit den weien Handschuhen hinter uns, der Hausverwalter ging in
dem Zimmer hin und her, und es war an der Wand der Schrein mit den
Fcherabteilungen, in denen die mannigfaltigen Dinge sich befanden,
die in einem Speisezimmer stets ntig sind: aber heute war mir alles
wie feenhaft, Mathilde hatte ein veilchenblaues Seidenkleid mit
dunkleren Streifen an, und um die Schultern war ein Gewebe von
schwarzen Spitzen. Sie kleidete sich jedes Mal, wenn ein Gast da war,
zum Speisen neu an, hatte es bisher meinetwillen auch getan und hatte
es an diesem Abende nicht unterlassen. Mit dem feinen, lieben und
freundlichen Angesichte, das durch die dunkle Seide fast noch feiner
und schner wurde, lie sie sich in ihren Armstuhl zwischen uns
nieder. Natalie war rechts und ich links. Natalie hatte nicht Zeit
gefunden, ihr Kleid zu wechseln, sie hatte dasselbe lichtgraue
Seidenkleid an, das sie am Nachmittage getragen hatte und das mir so
lieb geworden war. Ich getraute mir fast nicht, sie anzusehen, und
auch sie hatte die groen, schnen, unbeschreiblich edlen Augen
grtenteils auf die Mutter gerichtet. So vergingen einige
Augenblicke. Es wurde das Gebet gesprochen, das Mathilde immer in
ihrem Armstuhle sitzend stille mit gefalteten Hnden verrichtete und
das daher die Anderen ebenfalls sitzend und stille vollbrachten. Als
dieses geschehen war, wurden, wie es der Gebrauch in diesem Hause
eingefhrt hatte, die Flgeltren geffnet, ein Diener trat mit einem
Topfe herein, setzte ihn auf den Tisch, der Hausverwalter nahm den
Deckel desselben ab und sagte, wie er immer tat: Ich wnsche sehr
wohl zu speisen.

Mathilde streckte den Arm mit dem dunkeln Seidenkleide aus, nahm den
groen silbernen Lffel und schpfte, wie sie es sich nie nehmen lie
zu tun, Suppe fr uns auf die Teller, welche der Diener darreichte.
Der Hausverwalter hatte, da er alles in Ordnung sah, das Zimmer nach
seiner Gepflogenheit verlassen. Das Abendessen war nun wie alle Tage.
Mathilde sprach freundlich und heiter von verschiedenen Gegenstnden,
die sich eben darboten, und verga nicht, der abwesenden Freunde
zu erwhnen und des Vergngens zu gedenken, das ihre Rckkunft
veranlassen werde. Sie sprach von der Ernte, von dem Segen, der heuer
berall so reichlich verbreitet sei, und wie sich alles, was sich auf
der Erde befinde, doch zuletzt immer wieder in das Rechte wende. Als
die Zeit des Abendessens vorber war, erhob sie sich, und es wurden
die Anstalten gemacht, da sich jedes in seine Wohnung begebe. Mit
derselben sanften Gte, mit der sie mich vor dem Abendessen begrt
hatte, verabschiedete sie sich nun, wir wnschten uns wechselseitig
eine glckliche Ruhe und trennten uns.

Als ich in meinem Zimmer angekommen war, trat ich in der Nacht dieses
Tages, der fr mich in meinem bisherigen Leben am merkwrdigsten
geworden war, an das Fenster und blickte gegen den Himmel. Es stand
kein Mond an demselben und keine Wolke, aber in der milden Nacht
brannten so viele Sterne, als wre der Himmel mit ihnen angefllt und
als berhrten sie sich gleichsam mit ihren Spitzen. Die Feierlichkeit
traf mich erhebender, und die Pracht des Himmels war mir eindringender
als sonst, wenn ich sie auch mit groer Aufmerksamkeit betrachtet
hatte. Ich mute mich in der neuen Welt erst zurecht finden. Ich sah
lange mit einem sehr tiefen Gefhle zu dem sternbedeckten Gewlbe
hinauf. Mein Gemt war so ernst, wie es nie in meinem ganzen Leben
gewesen war. Es lag ein fernes, unbekanntes Land vor mir. Ich ging
zu dem Lichte, das auf meinem Tische brannte und stellte meinen
undurchsichtigen Schirm vor dasselbe, da seine Helle nur in die
hinteren Teile des Zimmers falle und mir den Schein des Sternenhimmels
nicht beirre. Dann ging ich wieder zu dem Fenster und blieb vor
demselben. Die Zeit verflo, und die Nachtfeier ging indessen fort.
Wie es sonderbar ist, dachte ich, da in der Zeit, in der die kleinen,
wenn auch vieltausendfltigen Schnheiten der Erde verschwinden und
sich erst die unermeliche Schnheit des Weltraums in der fernen,
stillen Lichtpracht auftut, der Mensch und die grte Zahl der andern
Geschpfe zum Schlummer bestimmt ist! Rhrt es daher, da wir nur auf
kurze Augenblicke und nur in der rtselhaften Zeit der Traumwelt zu
jenen Gren hinan sehen drfen, von denen wir eine Ahnung haben, und
die wir vielleicht einmal immer nher und nher werden schauen drfen?
Sollen wir hienieden nie mehr als eine Ahnung haben? Oder ist es der
groen Zahl der Menschen nur darum blo in kurzen schlummerlosen
Augenblicken gestattet, zu dem Sternenhimmel zu schauen, damit die
Herrlichkeit desselben uns nicht gewhnlich werde und die Gre sich
nicht dadurch verliere? Aber ich bin ja wiederholt in ganzen Nchten
allein gefahren, die Sternbilder haben sich an dem Himmel sachte
bewegt, ich habe meine Augen auf sie gerichtet gehalten, sie sind
dunkelschwarzen, gestaltlosen Wldern oder Erdrndern zugesunken,
andere sind im Osten aufgestiegen, so hat es fortgedauert,
die Stellungen haben sich sanft gendert und das Leuchten hat
fortgelchelt, bis der Himmel von der nahenden Sonne lichter wurde,
das Morgenrot im Osten erschien und die Sterne wie ein ausgebranntes
Feuerwerksgerste erloschen waren. Haben da meine vom Nachtwachen
brennenden Augen die verschwundene stille Gre nicht fr hher
erkannt als den klaren Tag, der alles deutlich macht? Wer kann wissen,
wie dies ist. Wie wird es jenen Geschpfen sein, denen nur die Nacht
zugewiesen ist, die den Tag nicht kennen? Jenen groen, wunderbaren
Blumen ferner Lnder, die ihr Auge ffnen, wenn die Sonne
untergegangen ist, und die ihr meistens weies Kleid schlaff und
verblht herabhngen lassen, wenn die Sonne wieder aufgeht? Oder
den Tieren, denen die Nacht ihr Tag ist? Es war eine Weihe und eine
Verehrung des Unendlichen in mir.

Trumend, ehe ich entschlief, begab ich mich auf mein Lager, nachdem
ich vorher das Licht ausgelscht und die Vorhnge der Fenster
absichtlich nicht zugezogen hatte, damit ich die Sterne hereinscheinen
she.


Des anderen Morgens sammelte ich mich, um mir bewut zu werden, was
geschehen ist und welche tiefe Pflichten ich eingegangen war. Ich
kleidete mich an, um in das Freie zu gehen und mein Angesicht und
meinen Krper der khlen Morgenluft zu geben.

Als ich mein Zimmer verlassen hatte, suchte ich einen Gang zu
gewinnen, der im sdlichen Teile des Schlosses in der Lnge desselben
dahin luft. Seine Fenster mnden in den Hof und von ihm gehen Tren
in die, gegen Mittag liegenden Zimmer Mathildens und Nataliens. Diese
Tren, einst vielleicht zum Gebrauche fr Gste bestimmt, waren
jetzt meistens geschlossen, weil die Verbindung im Innern der Zimmer
hergestellt war. Ich hatte den Gang darum aufgesucht, weil er an der
Westseite des Schlosses zu einer kleinen Treppe fhrt, die abwrts
geht und in ein Pfrtchen endet, das gewhnlich des Morgens geffnet
wurde und durch das man unmittelbar in die Felder auf breite, trockene
Wege gelangen konnte, die den Wanderer unbemerkter ins Weite fhren,
als es durch den Hauptausgang des Schlosses mglich gewesen wre. Die
Bewohnerinnen der Zimmer, die an den Gang stieen, glaubte ich darum
nicht stren zu knnen, weil das Steinpflaster des Ganges seiner
ganzen Lnge nach mit einem weichen Teppiche belegt war, der keine
Tritte hren lie.

Auerdem hatte die Sonne auch bereits einen so hohen Morgenbogen
zurckgelegt, da zu vermuten war, da alle im Schlosse schon lngst
aufgestanden sein wrden.

Da ich gegen das Ende des Ganges und in die Nhe der Treppe gekommen
war, sah ich eine Tr offen stehen, von der ich vermutete, da sie
zu den Zimmern der Frauen fhren msse. War die Tr offen, weil man
fortgehen wollte oder weil man eben gekommen war? Oder hatte eine
Dienerin in der Eile offen gelassen, oder war irgend ein anderer
Grund? Ich zauderte, ob ich vorbeigehen sollte; allein, da ich wute,
da die Tr doch nur in einen Vorsaal ging und da die Treppe schon so
nahe war, die mich ins Freie fhren sollte, so beschlo ich, vorbei
zu gehen und meine Schritte zu beschleunigen. Ich schritt auf dem
weichen Teppiche fort und trat nur behutsamer auf. Da ich an der Tr
angekommen war, sah ich hinein. Was ich vermutet hatte, besttigte
sich, die Tr ging in einen Vorsaal. Derselbe war nur klein und mit
gewhnlichen Gerten versehen. Aber nicht blo in den Vorsaal konnte
ich blicken, sondern auch in ein weiteres Zimmer, das mit einer groen
Glastr an den Vorsaal stie, welche Glastr noch berdies halb
geffnet war. In diesem Zimmer aber stand Natalie. An den Wnden
hinter ihr erhoben sich edle mittelalterliche Schreine. Sie stand fast
mitten in dem Gemache vor einem Tische, auf welchem zwei Zithern lagen
und von welchem ein sehr reicher altertmlicher Teppich nieder hing.
Sie war vollstndig, gleichsam wie zum Ausgehen gekleidet, nur hatte
sie keinen Hut auf dem Haupte. Ihre schnen Locken waren auf dem
Hinterhaupte geordnet und wurden von einem Bande oder etwas hnlichem
getragen. Das Kleid reichte wie gewhnlich bis zu dem Halse und schlo
dort ohne irgend einer fremden Zutat. Es war wieder von lichtem,
grauem Seidenstoffe, hatte aber sehr feine, stark rote Streifen. Es
schlo die Hften sehr genau und ging dann in reichen Falten bis
auf den Fuboden nieder. Die rmel waren enge, reichten bis zum
Handgelenke und hatten an diesem wie am Oberarme dunkle Querstreifen,
die wie ein Armband schlossen. Natalie stand ganz aufrecht, ja der
Oberkrper war sogar ein wenig zurckgebogen. Der linke Arm war
ausgestreckt und sttzte sich mittelst eines aufrecht stehenden
Buches, auf das sie die Hand legte, auf das Tischchen. Die rechte
Hand lag leicht auf dem linken Unterarm. Das unbeschreiblich schne
Angesicht war in Ruhe, als htten die Augen, die jetzt von den Lidern
bedeckt waren, sich gesenkt und sie dchte nach. Eine solche reine,
feine Geistigkeit war in ihren Zgen, wie ich sie an ihr, die immer
die tiefste Seele aussprach, doch nie gesehen hatte. Ich verstand
auch, was die Gestalt sprach, ich hrte gleichsam ihre inneren Worte:
Es ist nun eingetreten! Sie hatte mich nicht kommen gehrt, weil der
Teppich den Fuboden des Ganges bedeckte und sie konnte mich nicht
sehen, weil ihr Angesicht gegen Sden gerichtet war. Ich beobachtete
nur zwei Augenblicke ihre sinnende Stellung und ging dann leise
vorber und die Treppe hinunter. Es erfllte mich gleichsam mit einem
Meere von Wonne, Natalien von der nehmlichen Empfindung beseelt zu
sehen, die ich hatte, von der Empfindung, sich das errungene, kaum
gehoffte und so hoch gehaltene Gut geistig zu sichern, sich klar zu
machen, was man erhalten hat und in welche neue, unermelich wichtige
Wendung des Lebens man eingetreten sei. Ich konnte es kaum fassen, da
ich es sei, um den eine Gestalt, die das Schnste ausdrckt, was mir
bis jetzt bekannt geworden ist, eine Gestalt, die man wohl auch stolz
geheien, die sich bisher von jeder Neigung abgewendet hatte, in diese
tiefe sinnende Empfindung gesunken sei. Ich dachte mir, da ich, so
lange ich lebe, und sollte mein Leben bis an die uerste Grenze des
menschlichen Alters oder darber hinaus gehen, mit jedem Tropfen
meines Blutes, mit jeder Faser meines Herzens sie lieben werde, sie
mge leben oder tot sein, und da ich sie fort und fort durch alle
Zeiten in der tiefsten Seele meiner Seele tragen werde. Es erschien
mir als das seste Gefhl, sie nicht nur in diesem Leben, sondern in
tausend Leben, die nach tausend Toden folgen mgen, immer lieben zu
knnen. Wie viel hatte ich in der Welt gesehen, wie viel hatte mich
erfreut, an wie Vielem hatte ich Wohlgefallen gehabt: und wie ist
jetzt alles nichts, und wie ist es das hchste Glck, eine reine,
tiefe, schne menschliche Seele ganz sein eigen nennen zu knnen, ganz
sein eigen!


Ich ging durch das Pfrtchen hinaus, das ich nur angelehnt fand, und
ging auf dem Wege fort, der an dieser Seite vor dem Schlosse vorbei
fhrt und dann in die Felder hinaus geht. Er ist breit, mit feinem
Sande belegt und eignet sich daher seiner Trockenheit willen ganz
besonders zu Morgenspaziergngen. Er ist von dem vorigen Besitzer des
Schlosses angelegt und von Mathilden verbessert worden. Er geht von
dem Pfrtchen nach beiden Richtungen, nach Norden und nach Sden,
ziemlich weit fort und bildet auf diese Weise zu dem Schlosse eine
Berhrungslinie. Roland hatte ihn scherzweise auch immer den Berhrweg
genannt. Die Obstbume, die ihn jetzt hufig sumen, hat Mathilde
meistens schon erwachsen an ihn versetzt. Frher war der ganze Weg
eine Allee von Pappeln gewesen; allein, da er ganz gerade durch die
Gegend geht und mit den geraden Bumen bepflanzt war, so erschien
er sehr unschn und fr einen Lustweg, was er sein sollte, wenig
geeignet. Nach Beratungen mit ihren Freunden hatte Mathilde die
Pappeln, welche auerdem auch den Feldern sehr schdlich waren, nach
und nach beseitigt. Sie waren gefllt und ihre Wurzeln ausgegraben
worden. Da man die Obstbume an ihre Stelle setzte, vermied man es
absichtlich, an allen Pltzen, an welchen Pappeln gestanden waren,
Obstbume zu pflanzen, damit nicht wieder statt der Pappelallee eine
Obstbaumallee wrde, was zwar minder unschn als frher gewesen wre,
aber doch immer noch nicht schn. Durch diese Unterbrechung der
Baumpflanzung erhielt der Weg, dessen gerade Richtung schwer zu
beseitigen gewesen wre und die doch sonst zu eigentmlich war,
als da man sie htte abndern sollen, wenn man nicht Alles nach
ganz neuen Gedanken einrichten wollte, die ntige Abwechslung.
Mitternachtwrts von dem Schlosse fhrt er durch Wiesen und Felder an
Gebschen hin, steigt dann zu einem Walde hinan, in welchen er eine
Strecke eindringt. Sdwrts geht er durch Felder, hat dort besonders
schne Apfelbume an seinen Seiten, wlbt sich sanft ber einen
Ackerrcken und gewhrt von ihm eine schne Aussicht in die Gebirge.

Ich schlug die Richtung nach Sden ein, wie ich berhaupt sehr gerne
bei dem Beginne eines Spazierganges so gehe, da ich leicht nach
Mittag sehe, das Licht vor mir habe und in den schneren Glanz und
die lieblichere Frbung der Wolken blicken kann. Der Himmel war wie
gestern ganz heiter, die Sonne stand in seinem stlichen Teile und
begann die Tropfen, welche an allen Grsern und an dem Laube der Bume
hingen, aufzusaugen. Die Morgenkhle war noch nicht vergangen, obwohl
der Einflu der Sonne immer mehr und mehr bemerkbar wurde. Ich sah mit
neuen Augen auf alle Dinge um mich, es schien, als htten sie sich
verjngt und als mte ich mich wieder allmhlich an ihren Anblick
gewhnen. Ich kam auf die Anhhe und sah auf den langen Zug der
Gebirge. Die blauen Spitzen blickten auf mich herber, und die
vielen Schneefelder zeigten mir ihren feinen Glanz. Ich sah auch die
Berghupter an dem Kargrat, wo ich zuletzt gearbeitet hatte. Mir
war, als wre es schon viele Jahre, seit ich in jenen Eisfeldern und
Schneegrnden gewesen war. Ich lie, whrend ich so dastand, die milde
Luft, den Glanz der Sonne und das Prangen der Dinge auf mich wirken.
Sonst hatte ich immer irgend ein Buch in meine Tasche gesteckt, wenn
ich in der Gegend herum gehen wollte; heute hatte ich es nicht getan.

Mir war jetzt nicht, als sollte ich irgend ein Buch lesen. Ich ging
nach einer Weile wieder an den Bumen dahin, an denen schon die
mannigfaltigen pfel hingen, die jeder nach seiner Art brachte und die
schon hie und da ihre eigentmliche Farbe zu erhalten begannen. Ich
ging so lange auf der Anhhe des Felderrckens fort, bis sie sich
leicht zu senken anfing, ber welche Senkung der Weg noch hinabgeht,
um in dem Tale an der Grenze eines fremden Gutes zu enden oder
vielmehr in einen anderen Weg berzugehen, der die Eigenschaften
aller jener Fuwege hat, die in unzhligen Richtungen unser Land
durchziehen und auf deren taugliche Beschaffenheit, Verbesserung oder
Verschnerung niemand denkt. Ich ging auf der Senkung des Weges nicht
mehr hinunter, weil ich nicht talwrts kommen wollte, wo die Blicke
beengt sind.

Ich wendete mich um und hatte den Anblick des Schlosses vor mir,
welches jetzt von solcher Bedeutung fr mich geworden war. Die Fenster
schimmerten in dem Glanze der Sonne, das Grau der von der Tnche
befreiten sdlichen Mauer schaute sanft zu mir herber, das dunkle
Dach hob sich von der Blue der nrdlichen Luft ab, und ein leichter
Rauch stieg von einigen seiner Schornsteine auf.

Ich ging langsam auf dem Rcken des Feldes an den Obstbumen vorber
meines Weges zurck, bis er sachte gegen das Schlo abwrts zu gehen
begann.

An dieser Stelle sah ich jetzt, da mir eine Gestalt, welche mir
frher durch Baumkronen verdeckt gewesen sein mochte, entgegen kam,
welche die Gestalt Nataliens war. Wir gingen beide schneller, als
wir uns erblickten, um uns frher zu erreichen. Da wir nun zusammen
trafen, blickte mich Natalie mit ihren groen dunkeln Augen freundlich
an und reichte mir die Hand. Ich empfing sie, drckte sie herzlich und
sagte einen innigen Gru.

Es ist recht schn, sprach sie, da wir gleichzeitig einen Weg
gehen, den ich heute schon einmal gehen wollte, und den ich jetzt
wirklich gehe.

Wie habt ihr denn die Nacht zugebracht, Natalie? fragte ich.

Ich habe sehr lange den Schlummer nicht gefunden, antwortete sie,
dann kam er doch in sehr leichter, flchtiger Gestalt. Ich erwachte
bald und stand auf. Am Morgen wollte ich auf diesen Weg heraus gehen
und ihn bis ber die Felderanhhe fortsetzen; aber ich hatte ein Kleid
angezogen, welches zu einem Gange auer dem Hause nicht tauglich war.
Ich mute mich daher spter umkleiden und ging jetzt heraus, um die
Morgenluft zu genieen.

Ich sah wirklich, da sie das lichte graue Kleid mit den feinen
tiefroten Streifen nicht mehr an habe, sondern ein einfacheres,
krzeres, mattbraunes trage. Jenes Kleid wre freilich zu einem
Morgenspaziergange nicht tauglich gewesen, weil es in reichen Falten
fast bis auf den Fuboden nieder ging. Sie hatte jetzt einen leichten
Strohhut auf dem Haupte, welchen sie immer bei ihren Wanderungen durch
die Felder trug. Ich fragte sie, ob sie glaube, da noch so viel Zeit
vor dem Frhmahle sei, da sie ber die Felderanhhe hinaus und wieder
in das Schlo zurckkommen knne.

Wohl ist noch so viel Zeit, erwiderte sie, ich wre ja sonst
nicht fortgegangen, weil ich eine Strung in der Hausordnung nicht
verursachen mchte.

Dann erlaubt ihr wohl, da ich euch begleite? sagte ich.

Es wird mir sehr lieb sein, antwortete sie.

Ich begab mich an ihre Seite, und wir wandelten den Weg, den ich
gekommen war, zurck.

Ich htte ihr sehr gerne meinen Arm angeboten; aber ich hatte nicht
den Mut dazu.

Wir gingen langsam auf dem feinen Sandwege dahin, an einem Baumstamme
nach dem andern vorber, und die Schatten, welche die Bume auf den
Weg warfen, und die Lichter, welche die Sonne dazwischen legte, wichen
hinter uns zurck. Anfangs sprachen wir gar nicht, dann aber sagte
Natalie: Und habt ihr die Nacht in Ruhe und Wohlsein zugebracht?

Ich habe sehr wenig Schlaf gefunden; aber ich habe es nicht
unangenehm empfunden, entgegnete ich, die Fenster meiner Wohnung,
welche mir eure Mutter so freundlich hatte einrichten lassen, gehen in
das Freie, ein groer Teil des Sternenhimmels sah zu mir herein. Ich
habe sehr lange die Sterne betrachtet. Am Morgen stand ich frhe auf,
und da ich glaubte, da ich niemand in dem Schlosse mehr stren wrde,
ging ich in das Freie, um die milde Luft zu genieen.

Es ist ein eigenes erquickendes Labsal, die reine Luft des heiteren
Sommers zu atmen, erwiderte sie.

Es ist die erhebendste Nahrung, die uns der Himmel gegeben hat,
antwortete ich. Das wei ich, wenn ich auf einem hohen Berge stehe
und die Luft in ihrer Weite wie ein unausmebares Meer um mich herum
ist. Aber nicht blo die Luft des Sommers ist erquickend, auch die des
Winters ist es, jede ist es, welche rein ist und in welcher sich nicht
Teile finden, die unserm Wesen widerstreben.

Ich gehe oft mit der Mutter an stillen Wintertagen gerade diesen Weg,
auf dem wir jetzt wandeln. Er ist wohl und breit ausgefahren, weil die
Bewohner von Erltal und die der umliegenden Huser im Winter von ihrem
tief gelegenen Fahrwege eine kleine Abbeugung ber die Felder machen
und dann unseren Spazierweg seiner ganzen Lnge nach befahren. Da ist
es oft recht schn, wenn die Zweige der Bume voll von Kristallen
hngen oder wenn sie bereift sind und ein feines Gitterwerk ber ihren
Stmmen und sten tragen.

Oft ist es sogar, als wenn sich der Reif in der Luft befnde und sie
mit ihm erfllt wre. Ein feiner Duft schwebt in ihr, da man die
nchsten Dinge nur wie in einen Rauch gehllt sehen kann. Ein anderes
Mal ist der Himmel wieder so klar, da man alles deutlich erblickt. Er
spannt sich dunkelblau ber die Gefilde, die in der Sonne glnzen, und
wenn wir auf die Hhe der Felder kommen, knnen wir von ihr den ganzen
Zug der Gebirge sehen. Im Winter ist die Landschaft sehr still, weil
die Menschen sich in ihren Husern halten, so viel sie knnen, weil
die Singvgel Abschied genommen haben, weil das Wild in die tieferen
Wlder zurck gegangen ist, und weil selbst ein Gespann nicht den
tnenden Hufschlag und das Rollen der Rder hren lt, sondern nur
der einfache Klang der Pferdeglocke, die man hier hat, anzeigt, da
irgend wo jemand durch die Stille des Winters fhrt. Wir gehen auf der
klaren Bahn dahin, die Mutter leitet die Gesprche auf verschiedene
Dinge, und das Ziel unserer Wanderung ist gewhnlich die Stelle, wo
der Weg in das Tal hinabzugehen anfngt. In der Stadt habt ihr die
schnen Winterspaziergnge nicht, welche uns das Land gewhrt.

Nein, Natalie, die haben wir nicht. Wir haben von der dem Winter als
Winter eigentmlichen Wesenheit nichts als die Klte; denn der Schnee
wird auch aus der Stadt fortgeschafft, erwiderte ich, und nicht blo
im Winter, auch im Sommer hat die Stadt nichts, was sich nur entfernt
mit der Freiheit und Weite des offenen Landes vergleichen liee.
Eine erweiterte Pflege der Kunst und der Wissenschaft, eine erhhte
Geselligkeit und die Regierung des menschlichen Geschlechts sind in
der Stadt, und diese Dinge begreifen auch das, was man in der Stadt
sucht. Einen Teil von Wissenschaft und Kunst aber kann man wohl auch
auf dem Lande hegen, und ob grere Zweige der allgemeinen Leitung der
Menschen auch auf das Land gelegt werden knnten, als jetzt geschieht,
wei ich nicht, da ich hierin zu wenig Kenntnisse habe. Ich trage
schon lange den Gedanken in mir, einmal auch im Winter in das
Hochgebirge zu gehen und dort eine Zeit zuzubringen, um Erfahrungen zu
sammeln. Es ist seltsam und reizt zur Nachahmung, was uns die Bcher
melden, die von Leuten verfat wurden, welche im Winter hochgelegene
Gegenden besucht oder gar die Spitzen bedeutender Berge erstiegen
haben.

Wenn es fr Leben und Gesundheit keine Gefahr hat, solltet ihr es
tun, antwortete sie. Es ist wohl ein Vorrecht der Mnner, das
Grere wagen und erfahren zu knnen. Wenn wir zuweilen im Winter
in groen Stdten gewesen sind und dort das Leben der verschiedenen
Menschen gesehen haben, dann sind wir gerne in den Sternenhof
zurckgegangen. Wir haben hier in manchen greren Zeitrumen alle
Jahreszeiten genossen und haben jeden Wechsel derselben im Freien
kennen gelernt. Wir sind mit Freunden verbunden, deren Umgang uns
veredelt, erhebt, und zu denen wir kleine Reisen machen. Wir haben
einige Ergebnisse der Kunst und in einem gewissen Mae auch der
Wissenschaft, so weit es sich fr Frauen ziemt, in unsere Einsamkeit
gezogen.

Der Sternenhof ist ein edler und ein wrdevoller Sitz, entgegnete
ich, er hat sich ein schnes Teil des Menschlichen gesammelt und mu
nicht das Widerwrtige desselben hinnehmen. Aber es muten auch viele
Umstnde zusammentreffen, da es somit werden konnte, wie es ward.

Das sagt die Mutter auch, erwiderte sie, und sie sagt, sie msse
der Vorsehung sehr danken, da sie ihre Bestrebungen so untersttzt
und geleitet habe, weil wohl sonst das Wenigste zu Stande gekommen
wre.

Wir hatten in der Zeit dieses Gesprches nach und nach die hchste
Stelle des Weges erreicht. Vor uns ging es wieder abwrts. Wir blieben
eine Weile stehen.

Sagt mir doch, begann Natalie wieder, wo liegt denn das Kargrat, in
welchem ihr euch in diesem Teile des Sommers aufgehalten habt? Man mu
es ja von hier aus sehen knnen.

Freilich kann man es sehen, antwortete ich, es liegt fast im
uersten Westen des Teiles der Kette, der von hier aus sichtbar ist.
Wenn ihr von jenen Schneefeldern, die rechts von der sanftblauen
Kuppe, welche gerade ber der Grenzeiche eures Weizenfeldes sichtbar
ist, liegen, und die fast wie zwei gleiche, mit der Spitze nach
aufwrts gerichtete Dreiecke aussehen, wieder nach rechts geht, so
werdet ihr lichte, fast wagrecht gehende Stellen in dem greulichen
Dmmer des Gebirges sehen, das sind die Eisfelder des Kargrats.

Ich sehe sie sehr deutlich, erwiderte sie, ich sehe auch die
Spitzen, die ber das Eis empor ragen. Und auf diesem Eise seid ihr
gewesen?

An seinen Grenzen, die es in allen Richtungen umgeben, antwortete
ich, und auf ihm selber.

Da mt ihr ja auch deutlich hieher gesehen haben, sagte sie.

Die Berggestaltungen des Kargrates, die wir hier sehen, erwiderte
ich, sind so gro, da wir seine Teile wohl von hier aus
unterscheiden knnen; aber die Abteilungen der hiesigen Gegend sind
so klein, da ihre Gliederungen von dort aus nicht erblickt werden
knnen. Das Land liegt wie eine mit Duft berschwebte einfache Flche
unten. Mit dem Fernrohre konnte ich mir einzelne bekannte Stellen
suchen, und ich habe mir die Bildungen der Hgel und Wlder des
Sternenhofes gesucht.

Ach nennt mir doch einige von den Spitzen, die wir von hier aus sehen
knnen, sagte sie.

Das ist die Kargratspitze, die ihr ber dem Eise als hchste seht,
erwiderte ich, und rechts ist die Glommspitze und dann der Ethern und
das Krummhorn. Links sind nur zwei, der Aschkogel und die Sente.

Ich sehe sie, sagte sie, ich sehe sie.

Und dann sind noch geringere Erhhungen, fuhr ich fort, die sich
gegen die weiteren Berghnge senken, die keinen Namen haben und die
man hier nicht sieht.

Da wir noch eine Weile gestanden waren, die Berge betrachtet und
gesprochen hatten, wendeten wir uns um und wandelten dem Schlosse zu.

Es ist doch sonderbar, sagte Natalie, da diese Berge keinen weien
Marmor hervorbringen, da sie doch so viel verschiedenfarbigen haben.

Da tut ihr unseren Bergen ein kleines Unrecht, antwortete ich, sie
haben schon Lager von weiem Marmor, aus denen man bereits Stcke
zu mannigfaltigen Zwecken bricht, und gewi werden sie in ihren
Verzweigungen noch Stellen bergen, wo vielleicht der feinste und
ungetrbteste weie Marmor ist.

Ich wrde es lieben, mir Dinge aus solchem Marmor machen zu lassen,
sagte sie.

Das knnt ihr ja tun, erwiderte ich, kein Stoff ist geeigneter
dazu.

Ich knnte aber nach meinen Krften nur kleine Gegenstnde anfertigen
lassen, Verzierungen und dergleichen, sagte sie, wenn ich die
rechten Stcke bekommen knnte, und wenn meine Freunde mir mit ihrem
Rate beistanden.

Ihr knnt sie bekommen, antwortete ich, und ich selber knnte euch
hierin helfen, wenn ihr es wnscht.

Es wird mir sehr lieb sein, erwiderte sie, unser Freund hat edle
Werke aus farbigem Marmor in seinem Hause ausfhren lassen, und ihr
habt ja auch schne Dinge aus solchem fr eure Eltern veranlat.

Ja, und ich suche noch immer schne Stcke Marmor zu erwerben, um sie
gelegentlich zu knftigen Werken zu verwenden, antwortete ich.

Meine Vorliebe fr den weien Marmor habe ich wohl aus den reichen,
schnen und groartigen Dingen gezogen, entgegnete sie, die ich in
Italien aus ihm ausgefhrt gesehen habe. Besonders wird mir Florenz
und Rom unvergelich sein. Das sind Dinge, die unsere hchste
Bewunderung erregen, und doch, habe ich immer gedacht, ist es
menschlicher Sinn und menschlicher Geist, der sie entworfen und
ausgefhrt hat. Euch werden auch Gegenstnde bei eurem Aufenthalte im
Freien erschienen sein, die das Gemt mchtig in Anspruch nehmen.

Die Kunstgebilde leiten die Augen auf sich, und mit Recht,
antwortete ich, sie erfllen mit Bewunderung und Liebe. Die
natrlichen Dinge sind das Werk einer anderen Hand, und wenn sie
auf dem rechten Wege betrachtet werden, regen sie auch das hchste
Erstaunen an.

So habe ich wohl immer gefhlt, sagte sie.

Ich habe auf meinem Lebenswege durch viele Jahre Werke der Schpfung
betrachtet, erwiderte ich, und dann auch, so weit es mir mglich
war, Werke der Kunst kennen gelernt, und beide entzckten meine
Seele.

Mit diesen Gesprchen waren wir allmhlich dem Schlosse nher gekommen
und waren jetzt bei dem Pfrtchen.

An demselben blieb Natalie stehen und sagte die Worte: Ich habe
gestern sehr lange mit der Mutter gesprochen, sie hat von ihrer Seite
eine Einwendung gegen unseren Bund nicht zu machen.

Ihre feinen Zge berzog ein sanftes Rot, als sie diese Worte zu mir
sprach. Sie wollte nun sogleich durch das Pfrtchen hinein gehen, ich
hielt sie aber zurck und sagte: Frulein, ich hielte es nicht fr
Recht, wenn ich euch etwas verhehlte. Ich habe euch heute schon einmal
gesehen, ehe wir zusammentrafen. Als ich am Morgen ber den Gang
hinter euren Zimmern ins Freie gehen wollte, standen die Tren in
einen Vorsaal und in ein Zimmer offen, und ich sah euch in diesem
letztern an einem mit einem altertmlichen Teppiche behngten
Tischchen, die Hand auf ein Buch gesttzt, stehen.

Ich dachte an mein neues Schicksal, sagte sie.

Ich wute es, ich wute es, antwortete ich, und mgen die
himmlischen Mchte es so gnstig gestalten, als es der Wille derer
ist, die euch wohlwollen.

Ich reichte ihr beide Hnde, sie fate sie, und wir drckten uns
dieselben.

Darauf ging sie in das Pfrtchen ein und ber die Treppe empor.

Ich wartete noch ein wenig.

Da sie oben war und die Tr hinter sich geschlossen hatte, stieg ich
auch die Treppe empor.


Das ganze Wesen Nataliens schien mir an diesem Morgen glnzender, als
es die ganze Zeit her gewesen war, und ich ging mit einem tief, tief
geschwellten Herzen in mein Zimmer.

Dort kleidete ich mich insoweit um, als es ntig war, die Spuren des
Morgenspazierganges zu beseitigen und anstndig zu erscheinen, dann
ging ich, da die Stunde des Frhmahles schon heran nahte, in das
Speisezimmer.

Ich war in demselben allein. Der Tisch war schon gedeckt und Alles zum
Morgenmahle in Bereitschaft gesetzt. Nachdem ich eine Weile gewartet
hatte, kam Mathilde mit Natalie zugleich in das Zimmer. Natalie hatte
sich umgekleidet, sie hatte jetzt ein festlicheres Kleid an als sie
beim Morgenspaziergange getragen hatte, weil sie gleich Mathilden bei
Tische einen Gast durch ein besseres Kleid ehrte. Mit der gewhnlichen
Ruhe und Heiterkeit, aber mit einer fast noch greren Freundlichkeit
als sonst begrte mich Mathilde und wies mir meinen Platz an. Wir
setzten uns. Wir waren nun bei dem Frhmahle, wie wir es die mehreren
Tage her gewohnt waren. Dieselben Gegenstnde befanden sich auf dem
Tische und derselbe Vorgang wurde befolgt wie immer. Obgleich nur ein
Dienstmdchen ab und zu ging und wir in den Zwischenzeiten allein
waren, indem Mathilde nach ihrer Gepflogenheit manche Handlungen,
die bei einem solchen Frhmahle ntig sind, an dem Tische selbst
verrichtete, so wurde doch ber unsere besonderen Angelegenheiten
auch jetzt nicht gesprochen. Gewhnliche Dinge, wie sie sich an
gewhnlichen Tagen darbieten, bildeten den Inhalt der Gesprche. Teils
Kunst, teils die schnen Tage der Jahreszeit, die eben war, und teils
ein Abschnitt des Aufenthaltes whrend der Rosenzeit im Asperhofe
wurden abgehandelt. Dann standen wir auf und trennten uns.

Und so wurde auch am ganzen Tage von dem Verhltnisse, in welches ich
zu Natalien getreten war, nichts gesprochen.

Wir fanden uns noch im Laufe des Vormittags im Garten zusammen.
Mathilde zeigte mir einige Vernderungen, welche sie vorgenommen
hatte. Mehrere zu sehr in geraden Linien gezogene geschorne Hecken,
die sich noch in einem abgelegenen Teile des Gartens befunden hatten,
waren beseitigt worden und hatten einer leichteren und geflligeren
Anlage Platz gemacht. Blumenbeete waren gezogen worden und mehrere
Pflanzen, welche man erst kennen gelernt hatte, welche mein Gastfreund
sehr liebte und unter denen sich auerordentlich schne befanden,
waren in eine Gruppe gestellt worden. Mathilde nannte ihre Namen,
Natalie hrte aufmerksam zu. Am Nachmittage wurde ein Spaziergang
gemacht. Zuerst besuchten wir die Arbeiter, welche mit der
Hinwegschaffung der Tnche von der Steinbekleidung des Hauses
beschftigt waren, und sahen eine Zeit hindurch zu. Mathilde tat
mehrere Fragen und lie sich in Errterungen ber Dinge ein, die diese
Angelegenheit betrafen. Dann gingen wir in einem groen Bogen lngs
des Rckens der Anhhen herum, die zu einem Teile das Tal beherrschen,
in dem das Schlo liegt. Wir kamen an dem Saume eines Wldchens
vorber, von dem man das Schlo, den Garten und die Wirtschaftsgebude
sehen konnte, und gingen endlich durch den nrdlichen Arm desselben
Spazierweges in das Schlo zurck, in dessen sdlichem Teile ich heute
Morgens mit Natalien gewandelt war.

Gegen Abend kam der Wagen mit den Wanderern an.

Mein Gastfreund stieg zuerst heraus, dann folgten fast gleichzeitig
die brigen, jngeren Mnner. Ich wurde von allen gegrt und von
allen getadelt, da ich so spt gekommen sei. Man begab sich in das
gemeinschaftliche Gesellschaftszimmer und besprach sich dort eine
Weile, ehe man sich in die Gemcher verfgen wollte, die fr einen
jeden bestimmt waren.

Mein Gastfreund fragte mich, wo ich mich heuer aufgehalten und welche
Teile des Gebirges ich durchstreift habe. Ich antwortete ihm, da ich
ihm schon im Allgemeinen gesagt habe, da ich an den Simmigletscher
gehen werde, da ich aber meinen besonderen Wohnort im Kargrat
aufgeschlagen habe, in dem mit dem Gebirgsstocke gleichnamigen kleinen
Drflein. Von da aus habe ich meine Streifereien gemacht. Ich nannte
ihm die einzelnen Richtungen, weil er besonders in der Gegend der
Simmen sehr bekannt war. Eustach sprach ber die schnen Naturbilder,
die in jenen Gestaltungen vorkommen. Roland sagte, ich mchte doch
auch einmal die Klamkirche, in der sie gewesen seien, besuchen;
die Zeichnungen werde mir Eustach schon zeigen, damit ich einen
vorlufigen berblick davon zu erlangen vermge. Gustav grte mich
einfach mit seiner Liebe und Freundschaft, wie er es immer getan
hatte. Auf die gelegentliche Frage meines Gastfreundes, ob ich nun
lange in der Gesellschaft meiner Freunde zu bleiben gesonnen sei,
antwortete ich, da mich eine wichtige Angelegenheit vielleicht schon
in sehr kurzer Zeit fortfhren knnte.

Nach diesen allgemeinen Gesprchen begaben sich die Reisenden in
ihre Zimmer, um die Spuren der Reise zu beseitigen, staubige Kleider
abzulegen, sich sonst zu erfrischen oder Mitgebrachtes in eine Ordnung
zu richten.

Wir sahen uns erst bei dem Abendessen wieder.

Dasselbe war so heiter und freundlich, wie es immer gewesen war.

Am anderen Morgen nach dem Frhmahle ging mein Gastfreund eine Zeit
mit Mathilden im Garten spazieren, dann kam er in mein Zimmer und
sagte zu mir: Ihr habt Recht, und es ist sehr gut von euch, da ihr
das, was euren hiesigen Freunden lieb und angenehm ist, euren Eltern
und euren Angehrigen sagen wollt.

Ich erwiderte nichts, errtete und verneigte mich sehr ehrerbietig.

Ich erklrte im Laufe des Vormittages, da ich, sobald es nur immer
mglich wre, abreisen mte. Man stellte mir Pferde bis zur nchsten
Post zur Verfgung, und nachdem ich mein kleines Gepck geordnet
hatte, beschlo ich, noch vor dem Mittage die Reise anzutreten. Man
lie es zu. Ich nahm Abschied. Die klaren, heiteren Augen meines
Gastfreundes begleiteten mich, als ich von ihm hinwegging. Mathilde
war sanft und gtig, Natalie stand in der Vertiefung eines Fensters,
ich ging zu ihr hin und sagte leise: Liebe, liebe Natalie, lebet
wohl.

Mein lieber, teurer Freund, lebet wohl, antwortete sie ebenfalls
leise, und wir reichten uns die Hnde.

Nach einem Augenblicke verabschiedete ich mich auch von den anderen,
die, da sie wuten, da ich abreisen werde, in das Gesellschaftszimmer
gekommen waren. Ich schttelte Eustach und Roland die Hnde und
empfing Gustavs Ku, welche innigere Art des Bewillkommens und
Scheidens schon seit lngerer Zeit zwischen uns blich geworden war
und welche mir heute so besonders wichtig wurde.

Hierauf ging ich die Treppe hinab und bestieg den Wagen.

Mathildens Pferde brachten mich auf die nchste Post. Dort sendete
ich sie zurck und nahm andere in der Richtung nach dem Kargrat. Ich
gnnte mir wenig Ruhe. Als ich dort angekommen war, erklrte ich
meinen Leuten, da Umstnde eingetreten wren, welche die Fortsetzung
der heurigen Arbeiten nicht erlaubten. Ich entlie sie also, hndigte
ihnen aber den Lohn ein, den sie bekommen htten, wenn sie mir in
der ganzen vertragsmigen Zeit gedient htten. Sie waren hierber
zufrieden. Der Jger und Zitherspieler war frher, ehe ich gekommen
war, fortgegangen. Wohin er sich begeben habe, wuten die Leute
selber nicht. Das Verhltnis mit meinen Arbeitern zu ordnen, war mir
das Wichtigste auf meinem Arbeitsplatze gewesen; deshalb war ich
hingereist. Ich hatte ihnen vor meinem Besuche im Asperhofe gesagt,
da ich bald wieder kommen werde, hatte ihnen whrend meiner
Abwesenheit Arbeit aufgetragen und hatte ihnen Arbeit nach meiner
Wiederkunft in Aussicht gestellt. Dieses mute nun umgendert werden.
Da es geschehen war, gab ich meine Sachen im Kargrat so in Verwahrung,
da sie gesichert waren, und reiste sogleich wieder ab. Ich hatte
die Pferde, die ich von dem letzten greren Orte in das Kargrat
mitgenommen hatte, bei mir behalten und fuhr jetzt mit ihnen wieder
fort. Auf dem ersten Postamte verlangte ich eigene Postpferde und
schlug die Richtung zu meinen Eltern ein.

Als ich dort angekommen war, machte mein unvermutetes Erscheinen
beinahe den Eindruck des Erstaunens. Alle Ereignisse waren so schnell
gekommen, da, da einmal meine Abreise zu meinen Eltern festgesetzt
war, ein Brief, der sie von meiner Ankunft benachrichtigt htte,
wahrscheinlich nicht frher zu ihnen gekommen wre als ich selbst.
Sie konnten sich daher nicht erklren, warum ich ohne vorhergegangene
Benachrichtigung nun im Sommer statt im Herbste komme. Ich sagte ihnen
auf ihre Frage, da allerdings ein Grund zu meiner jetzigen Heimreise
vorhanden sei, aber keineswegs ein unangenehmer, da ich in Ungeduld
so schnell abgereist sei und da ich ihnen eine frhere Nachricht von
meiner Ankunft nicht habe zugeben lassen knnen. Hierauf waren sie
beruhigt und, wie es ihre Art war, fragten sie mich nun nicht nach
meinem Grunde.


Am andern Morgen, ehe der Vater in die Stadt ging, begab ich mich
zu ihm in das Bcherzimmer und sagte ihm, da ich zu Natalien, der
Tochter der Freundin meines Gastfreundes, schon seit langer Zeit
her eine Zuneigung gefat habe, da diese Neigung in mir verborgen
geblieben und da es mein Vorsatz gewesen sei, sie, wenn sie ohne
Aussicht wre, zu unterdrcken, ohne da ich je zu irgend jemandem
ein Wort darber sagte. Nun habe aber Natalie auch mich ihres Anteils
nicht fr unwert gehalten, ich habe davon nichts gewut, bis ein
Zufall, da wir von anderen, weit entlegenen Dingen sprachen, die
gegenseitig unbekannte Stimmung zu Tage brachte. Da haben wir nun
einen Bund geschlossen, da wir uns unsere Neigung bewahren wollen, so
lange wir leben, und da wir sie in dieser Art nie einem anderen Wesen
schenken wrden. Natalie habe verlangt, und mein Sinn stimmte diesem
Verlangen vollkommen bei, da wir unseren Angehrigen diese Tatsache
mitteilen sollten, damit wir uns unseres Gutes durch ihre Zustimmung
erfreuen oder, wenn von einem Teile die Billigung versagt wrde,
die Neigung zwar unverndert erhalten, aber den persnlichen Umgang
aufheben. Da nun Nataliens Angehrige nichts eingewendet haben, so sei
ich hier, um die Sache meinen Eltern zu sagen, und ihm sage ich sie
zuerst, der Mutter wrde ich sie spter mitteilen.

Mein Sohn, antwortete er, du bist mndig, du hast das Recht,
Vertrge abzuschlieen und hast einen sehr wichtigen abgeschlossen. Da
ich dich genau kenne, da ich dich seit einiger Zeit noch viel genauer
kennen zu lernen Gelegenheit hatte als ich dich frher kannte, so wei
ich, da deine Wahl einen Gegenstand getroffen hat, der, wenn ihm
auch gewi wie allen Menschen Fehler eigen sind, an Wert und Gte
entsprechen wird. Wahrscheinlich hat er beide Dinge in einem hheren
Mae als die Menschen, wie sie in grerer Menge jetzt berall sind.
In dieser Meinung bestrken mich noch mehrere Umstnde. Eure Neigung
ist nicht schnell entstanden, sondern hat sich vorbereitet, du hast
sie berwinden wollen, du hast nichts gesagt, du hast uns von Natalien
wenig erzhlt, also ist es kein hastiges, fortreiendes Verlangen,
welches dich erfat hat, sondern eine auf dem Grunde der Hochachtung
beruhende Zuneigung. Bei Natalien ist es wahrscheinlich auch so,
weil, wie du gesagt hast, ihre Gegenneigung vorhanden war, ehe du sie
erkennen konntest. Ferner hat bei deinem Gastfreunde die Gesammtheit
deines Wesens eine so entschiedene Frderung erhalten, du hast
nach manchem Besuche bei ihm auch so hervorragende Einzelheiten
zurckgebracht, da ihm eine groe Gte und Bildung eigen sein mu,
die auf seine Umgebung bergeht. Ich habe nichts einzuwenden.

Obgleich ich mir vorgestellt hatte, da mein Vater dem geschlossenen
Bunde kein Hindernis entgegenstellen werde, so war ich doch bei dieser
Unterredung beklommen und ernst gewesen, so wie in der Haltung meines
Vaters eine tiefe Ergriffenheit nicht zu verkennen gewesen war. Jetzt,
da er geredet hatte, kam in mein Herz eine Freudigkeit, die sich auch
in meinen Augen und in meinen Mienen ausgedrckt haben mute. Mein
Vater blickte mich gtig und freundlich an und sagte: Du wirst mit
der Mutter von diesem Gegenstande nicht so leicht sprechen, ich werde
deine Stelle vertreten und ihr von dem geschlossenen Bunde erzhlen,
da du schneller ber die Mitteilung hinwegkmmst. Lasse den Vormittag
vergehen, nach dem Mittagessen werde ich die Mutter in dieses Zimmer
bitten. Klotilde wird dann gelegentlich auch Kenntnis von deinem
Schritte erhalten.

Wir verlieen nun das Bcherzimmer. Mein Vater rstete sich, in
seine Geschftsstube in die Stadt zu gehen, wie er sich jeden Morgen
gerstet hatte. Als er fertig war, nahm er von der Mutter Abschied und
ging fort. Der Vormittag verflo, wie gewhnlich die Zeit nach meiner
Ankunft verflossen war. Die Mutter und Klotilde fragten nicht nach dem
Grunde meines ungewhnlichen Zurckkommens und gingen ihren Geschften
nach. Als das Mittagmahl vorber war, nahm der Vater die Mutter in das
Bcherzimmer und blieb eine Weile mit ihr dort. Als sie wieder zu mir
und Klotilden herauskamen, blickte sie mich freundlich an, sagte aber
nichts.

Sie setzten sich wieder zu uns, und wir blieben noch eine Zeit an dem
Tische sitzen.

Als wir aufgestanden waren, gingen wir in den Garten, welchen ich
jetzt durch eine Reihe von Jahren nicht im Sommer gesehen hatte. Die
Rosen, welche hie und da zerstreut waren, glichen nicht denen meines
Gastfreundes, waren aber auch nicht schlechter als die, welche sich in
dem Sternenhofe befanden. Der Garten, welcher mir in meiner Kindheit
immer so lieb und traulich gewesen war, erschien mir jetzt klein und
unbedeutend, obwohl seine Blumen, die gerade in dieser Sommerzeit noch
blhten, seine Obstbume, seine Gemse, Weinreben und Pfirsichgitter
nicht zu den geringsten der Stadt gehrten. Es zeigte sich nur eben
der Unterschied eines Stadtgartens und des Gartens eines reichen
Landbesitzers. Man wies mir alles, was man fr wichtig erachtete,
und machte mich auf alle Vernderungen aufmerksam. Man schien sich
gleichsam zu freuen, da man mich doch einmal zu Anfang der heieren
Jahreszeit hier habe, whrend ich sonst nur immer am Beginne der
klteren gekommen war, wenn die Bltter abfielen und der Garten sich
seines Schmuckes entuerte. Gegen den Abend ging der Vater wieder in
die Stadt. Wir blieben in dem Garten. Da sich in einem Augenblicke die
Schwester mit dem Aufbinden eines Rebenzweiges beschftigte und ich
mit der Mutter allein an dem Marmorbrunnen der Einbeere stand, in
welchen das kstliche helle Wasser nieder rieselte, sagte sie zu mir:
Ich wnsche, da jedes Glck und jeder Segen vom Himmel dich auf dem
sehr wichtigen Schritte begleiten mge, den du getan hast, mein Sohn.
Wenn du auch sorgsam gewhlt hast, und wenn auch alle Bedingungen zum
Gedeihen vorhanden sind, so bleibt der Schritt doch ein schwerer und
wichtiger, noch steht das Zusammenfinden und das Einleben in einander
bevor.

Mge es uns Gott so gewhren, wie wir glauben, es erwarten zu
drfen, antwortete ich, ich wollte auch kein Glck grnden, ohne da
ich meine Eltern darum fragte und ohne da ihr Wille mit dem meinigen
bereinstimmte. Zuerst mute wohl Gewiheit gesucht werden, ob sich
die Neigungen zusammen gefunden htten. Als dieses erkannt war, mute
der Sinn und die Zustimmung der Angehrigen erforscht werden, und
deshalb bin ich hier.

Der Vater sagt, erwiderte sie, da alles recht ist, da der Weg
sich ebnen wird und da jene Dinge, die in jeder Verbindung und also
auch in dieser im Anfange ungefgig sind, hier eher ihre Gleichung
finden werden als irgendwo. Wenn er es aber auch nicht gesagt htte,
so wte ich es doch. Du bist unter so vortrefflichen Leuten gewesen,
du wrdest auch ohne dem nicht unwrdig gewhlt haben, und hast du
gewhlt, so ist dein Herz gut und wird sich in Krze in ein Frauenherz
finden, wie auch sie ihr Leben in dem deinigen finden wird. Es sind
nicht alle, es sind nicht viele Verbindungen dieser Art glcklich; ich
kenne einen groen Teil der Stadt und habe auch einen nicht zu kleinen
Teil des Lebens beobachtet. Du hast im Grunde nur unsere Ehe gesehen:
mge die deinige so glcklich sein, als es die meine mit deinem
ehrwrdigen Vater ist.

Ich antwortete nicht, es wurden mir die Augen na.

Klotilde wird jetzt einsam sein, fuhr die Mutter fort, sie hat
keine andere Neigung als unser Haus, als Vater und Mutter und als
dich.

Mutter, antwortete ich, wenn du Natalien sehen wirst, wenn du
erfahren wirst, wie sie einfach und gerecht ist, wie ihr Sinn nach dem
Gltigen und Hohen strebt, wie sie schlicht vor uns allen wandelt und
wie sie viel, viel besser ist als ich, so wirst du nicht mehr von
einer Vereinsamung sprechen, sondern von einer Verbindung, Klotilde
wird um eines mehr haben als jetzt, und du und der Vater werdet um
eines mehr haben. Aber auch Mathilde, mein Gastfreund und der Kreis
jener trefflichen Menschen wird in eure Verbindung gezogen werden, ihr
werdet zu ihnen hingezogen werden, und was bis jetzt getrennt war,
wird Einigung sein.

Ich habe mir es so gedacht, mein Sohn, antwortete die Mutter, und
ich glaube wohl, da es so kommen wird; aber Klotilde wird die Art
ihrer Neigung zu dir umwandeln mssen, und mge das alles mit gelindem
Kelche vorbergehen.


Zu dem Ende dieser Worte war auch Klotilde herzu gekommen. Sie brachte
mir eine Rose und sagte mit heiteren Mienen, da sie mir dieselbe blo
darum gebe, um mir einen kleinen Ersatz fr alle die Rosen zu bieten,
welche ich heuer im Asperhofe durch meine Hieherreise versumt habe.

Mir fiel es bei diesen Worten erst auf, da im vterlichen Garten
die Rosen blhten, whrend sie doch in dem hher gelegenen und einer
rauheren Luft ausgesetzten Asperhofe schon verblht waren. Ich sprach
davon. Man fand den Grund bald heraus. Die Asperhofrosen waren den
ganzen Tag der Sonne ausgesetzt, mochten auch besser gepflegt werden
und einen besseren Boden haben, whrend hier teils durch Bume, die
man des kleineren Raumes wegen enger setzen mute, teils durch die
Mauern nherer und entfernterer Huser vielfltig Schatten entstand.

Ich nahm die Rose und sagte, Klotilde wrde meinem Gastfreunde einen
schlechten Dienst tun, wenn sie in seinem Garten eine Rose pflckte.

Dort wrde ich nicht den Mut dazu haben, antwortete sie.

Wir blieben nun eine Weile bei dem Marmorwasserwerke stehen. Klotilde
zeigte mir, was der Vater im Frhlinge habe machen lassen, zum Teile,
um den Wasserzug noch mehr zu sichern, zum Teile, um Verschnerungen
anzubringen. Ich sah, wie trefflich und zweckmig er die Dinge hatte
zubereiten lassen und wie sehr ich von ihm lernen knne. Ich freute
mich schon auf die Zeit, die nicht mehr ferne sein konnte, in welcher
der Vater mit meinem Gastfreunde zusammen kommen wrde.

Als wir von dem Wasserwerke weg gingen, fhrte mich Klotilde nun
zu dem Platze, von welchem eine Aussicht in die Gegend geboten ist
und den man mit einer Brustwehr zu versehen beschlossen hatte. Die
Brustwehr war schon zum Teile fertig. Sie war aufgemauert, war mit den
von mir gebrachten Marmorplatten belegt und war seitwrts mit Marmor
bekleidet, den sich der Vater verschafft hatte. Auch meine Simse und
Tragsteine waren verwendet. Ich sah aber, da noch Vieles an Marmor
fehlte und versprach, da ich suchen werde, zu Stande zu bringen, da
die ganze Brustwehr aus gleichartigen Stcken und in gleicher Weise
knne hergestellt werden.

Du siehst, da wir auch in der Ferne deiner denken und dir etwas
Angenehmes zu bereiten streben, sagte Klotilde.

Ich habe ja nie daran gezweifelt, antwortete ich, und denke auch
eurer, wie meine Briefe beweisen.

Du solltest doch wieder einmal einen ganzen Sommer hier bleiben,
sagte sie.

Wer wei, was geschieht, erwiderte ich.

Als die Dunkelheit bereits mit ihrer vollen Macht hereinzubrechen
anfing, kam der Vater wieder aus der Stadt, und wir nahmen unser
Abendessen in dem Waffenhuschen. Da sehr lange Tage waren und da es
nach dem Eintreten der vlligen Finsternis schon ziemlich spt war,
so konnten wir nach dem Speisen nicht mehr so lange in dem Huschen
mit den glsernen Wnden beim Brennen der traulichen Lichter sitzen
bleiben, wie in dem Herbste, wenn ich nach einer langen Sommerarbeit
wieder zu den Meinigen zurckgekehrt war. Auch hatte man heute in
dem lauen Abende mehrere der Glasabteilungen geffnet, der Eppich
flsterte in einem gelegentlichen Luftzuge, und die Flamme im Innern
der Lampe wankte unerfreulich. Wir trennten uns und suchten unsere
Ruhe.

Am anderen Tage am frhesten Morgen kam Klotilde zu mir. Als ich auf
ihr Pochen geffnet hatte und sie eingetreten war, verkndigte ihr
Angesicht, da die Mutter ber meine Angelegenheit mit ihr gesprochen
habe. Sie sah mich an, ging nher, fiel mir um den Hals und brach in
einen Strom von Trnen aus. Ich lie ihr ein Weilchen freien Lauf und
sagte dann sanft: Klotilde, wie ist dir denn?

Wohl und wehe, antwortete sie, indem sie sich von mir zu einem Sitze
fhren lie, auf den ich mich neben ihr niederlie.

Du weit nun also alles?

Ich wei alles. Warum hast du mir es denn nicht frher gesagt?

Ich mute doch vorher mit den Eltern sprechen, und dann, Klotilde,
hatte ich gegen dich gerade den wenigsten Mut.

Und warum hast du nicht in frheren Sommern etwas gesagt?

Weil nichts zu sagen war. Es ist erst jetzt zu gegenseitiger Kenntnis
gekommen, und da bin ich hergeeilt, mich den Meinigen zu offenbaren.
Als das Gefhl nur das meine war und die Zukunft sich noch verhllte,
durfte ich nicht reden, weil es mir nicht mnnlich schien und weil die
Empfindung, die vielleicht in Kurzem gnzlich weggetan werden mute,
durch Worte nicht gesteigert werden durfte.

Ich habe es immer geahnt, sagte Klotilde, und habe dir immer das
hchste und grte Glck gewnscht. Sie mu sehr gut, sehr lieb, sehr
treu sein. Ich habe nur das Verlangen, da sie dich so liebt wie ich.

Klotilde, antwortete ich, du wirst sie sehen, du wirst sie kennen
lernen, du wirst sie lieben; und wenn sie mich dann auch nicht mit der
in der Geburt gegrndeten schwesterlichen Liebe liebt, so liebt sie
mich mit einer anderen, die auch mein Glck, dein Glck, das Glck der
Eltern vermehren wird.

Ich habe oft gedacht, wenn du von ihr erzhltest, wie wenig du auch
sagtest, und gerade, weil du wenig sagtest, fuhr sie fort, da sich
etwa da ein Band entwickeln knnte, da es sehr zu wnschen wre,
da du ihre Neigung gewnnest und da daraus eine bessere Einigung
entstehen knnte als durch die Verbindung mit einem Mdchen unserer
Stadt oder mit einem anderen.

Und nun ist es so, erwiderte ich.

Warum hast du denn nie ein Bild von ihr gemalt? fragte sie.

Weil ich sie eben so wenig oder noch weniger darum bitten konnte als
dich oder die Mutter oder den Vater. Ich hatte nicht das Herz dazu,
antwortete ich.

Nun sei recht glcklich, sei zufrieden bis in dein hchstes Alter,
und bereue nie, auch nicht im geringsten den Schritt, den du getan
hast, sagte sie.

Ich glaube, da ich ihn nie bereuen werde, und ich danke dir innig
fr deine Wnsche, meine teure, meine geliebte Klotilde, erwiderte
ich.

Sie trocknete ihre Trnen mit dem Tuche, ordnete gleichsam ihr ganzes
Wesen und sah mich freundlich an.

Wer wird jetzt mit mir zeichnen, spanische Bcher lesen, Zither
spielen, wem werde ich alles sagen, was mir in das Herz kmmt? sprach
sie nach einer Weile.

Mir, Klotilde, erwiderte ich, alles, was ich frher war, werde ich
dir bleiben. Lesen, Zeichnen, Zitherspielen wirst du mit Natalien;
auch mitteilen wirst du dich ihr, und mit ihr wirst du das alles
vollfhren, was du bisher mit mir vollfhrt hast. Lerne sie nur erst
kennen, und du wirst begreifen, da es wahr ist, was ich sage.

Ich mchte sie gerne sehr bald sehen, sagte sie.

Du wirst sie bald sehen, antwortete ich, es mu sich jetzt eine
Verbindung unserer Familie mit jenen Menschen, bei denen ich bisher so
hufig gewesen bin, anknpfen; ich wnsche selber, da du sie bald,
sehr bald sehest.

Bis dahin aber mut du mir sehr viel von ihr erzhlen, und wenn es
mglich ist, mut du mir ein Bild von ihr bringen, sagte sie.

Ich werde dir erzhlen, antwortete ich, jetzt, da wir einmal von
der Sache gesprochen haben, werde ich dir sehr gerne erzhlen, ich
werde mit dir leichter von dem Bunde reden als mit ihr selber. Ob
ich dir ein Bild werde bringen oder schicken knnen, wei ich nicht;
wenn es mglich ist, werde ich es tun. Aber es wird nur in dem Falle
sein knnen, wenn ein Bild von ihr da ist und man es mir, oder eine
Abbildung davon berlt. Behalte es dann, bis du mit ihr selber
zusammen kmmst und wir in freundlicher Verbindung mit einander leben.
Endlich aber, Klotilde...

Endlich?

Endlich wird doch auch die Zeit kommen, in welcher du von uns
ausscheiden wirst, zwar nicht mit deinem Geiste, wohl aber mit
einem Teile deiner Beziehungen, wenn nehmlich auch du eine tiefere
Verbindung eingehst.

Nie, nie werde ich das tun, rief sie beinahe heftig, nein, ich
knnte ihm zrnen, ihm, der mein Herz hier wegfhren wrde. Ich liebe
nur den Vater, die Mutter und dich. Ich liebe dieses stille Haus und
alle, die berechtigt in demselben aus und ein gehen, ich liebe das,
was es enthlt, und die Dinge, die sich in ihm allmhlich gestalten,
ich werde Natalien und ihre Angehrigen lieben, aber nie einen
Fremden, der mich von euch ziehen wollte.

Er wird dich aber von uns ziehen, Klotilde, sagte ich, und du wirst
doch da bleiben, er wird berechtigt sein, hier aus und ein zu gehen,
er wird ein Ding sein, das sich in dem Hause allmhlich gestaltet, und
du wirst vielleicht nicht von Vater und Mutter gehen drfen, gewi
aber wird kein Zwang sein, da du sie oder mich weniger lieben
mssest.

Nein, nein, rede mir nicht von diesen Dingen, erwiderte sie, es
peinigt mich und zerstrt mir das Herz, das ich dir mit groer
Teilnahme in der Morgenstunde habe bringen wollen.

Nun, so reden wir nicht mehr davon, Klotilde, sagte ich, sei nur
beruhigt und bleibe bei mir.

Ich bleibe ja bei dir, antwortete sie, und sprich freundlich zu
mir.

Sie hatte die letzte Spur der Trnen von ihrem Angesichte vertilgt,
sie setzte sich auf dem Sitze neben mir noch mehr zurecht, und ich
mute mit ihr sprechen. Sie fragte mich von neuem um Natalien, wie sie
aussehe, was sie tue, wie sie sich zu ihrer Mutter, ihrem Bruder und
zu meinem Gastfreunde verhalte. Ich mute ihr erzhlen, wann ich sie
zum ersten Male gesehen habe, wann ich in dem Sternenhofe gewesen sei,
wann sie den Asperhof besucht habe, wann ein Ahnungsgefhl in mein
Herz gekommen, wie es dort gewachsen sei, wie ich mit mir gekmpft
habe, was dann gekommen sei und wie es sich gefgt habe, da wir
endlich die Worte zu einander gefunden haben.

Ich erzhlte ihr gerne, ich erzhlte ihr immer leichter, und je mehr
sich die Worte von dem Herzen lseten, desto ser wurde mein Gefhl.
Ich hatte nicht geglaubt, da ich von diesem meinem innersten Wesen zu
irgend jemandem sprechen knnte; aber Klotildens Seele war der einzige
liebe Schrein, in welchem ich das Teure niederlegen konnte.

Wir blieben sehr lange sitzen, immer fragte mich Klotilde wieder um
Neues und wieder um Altes. Da kam die Mutter in meine Stube. Da sie
uns in vertraulichem Gesprche sitzen fand, setzte sie sich auch zu
dem Tische, der vor mir und Klotilden stand, und sagte nach einer
kurzen Weile, da sie gekommen sei, uns zum Frhmahle zu holen. Sie
htte Klotilden nirgends gesehen und htte gemeint, da sie an diesem
Morgen bei mir sein msse.

Meine geliebten Kinder, fuhr sie fort, bewahrt euch eure Liebe,
entfremdet euch nie eure Herzen und bleibt euch in allen Lagen
zugewandt, wie ihr euch jetzt und wie ihr den Eltern zugewandt seid;
dann werdet ihr einen Schatz haben, der einer der schnsten im Leben
ist, und der so oft verkannt wird. Ihr werdet in eurer Vereinigung
sittlich stark sein, ihr werdet die Freude eures Vaters bilden, und
mir werdet ihr das Glck meines Alters sein.

Wir antworteten nichts auf diese Rede, weil uns ihr Inhalt so
natrlich war, und folgten der Mutter aus dem Zimmer.


Der Vater harrte schon unser in dem Speisegemache, und da jetzt die
Ursache meiner unvermuteten Nachhausekunft allen bekannt war und
keines sich dagegen erklrte, so sprachen wir nun unverhohlen
gemeinschaftlich von der Angelegenheit. Die Eltern hegten die besten
Erwartungen von dem neuen Bunde und freuten sich der bereinstimmung
zwischen mir und der Schwester. Ich mute ihnen nun, wie ich es schon
gegen Klotilde getan hatte, noch Mehreres von Natalien erzhlen, wie
sie sei, was sie tue, wohin sich ihre Bildung neige und wie sie ihre
Jugend knne zugebracht haben. Auch von Mathilden und dem Sternenhofe
so wie von dem Asperhofe und meinem Gastfreunde mute ich noch Manches
nachholen, was das Bild ergnzen sollte, welches sich die Meinigen
von den dortigen Verhltnissen machten. Ich sagte ihnen auch, da ein
gnstiges Geschick hier walte, da gerade Natalie jenes Mdchen gewesen
sei, welches einmal bei der Auffhrung des Knig Lear in einer
Loge neben mir so ergriffen gewesen sei, welches mir groen Anteil
eingeflt, und mich, der ich den Schmerz im Trauerspiele geteilt
htte, im Herausgehen gleichsam zum Danke freundlich angeblickt habe.
Erst in letzter Zeit sei das aufgeklrt worden.

Der Vater sagte, da die Familien, die durch lngere Zeit gleichsam
durch ein unsichtbares Band verbunden gewesen waren, durch das Band
der geistigen Entwicklung seines Sohnes und des Verkehrs desselben
mit beiden Teilen, auch in der Wirklichkeit sich nhern, sich kennen
lernen und in eine Verbindung treten werden.

Die Mutter entgegnete, das sei jetzt die dringendste Veranlassung,
ja es sei nicht nur eine gesellschaftliche, sondern sogar eine
Familienpflicht, da der Vater, welcher, je lter er werde, mit einer
desto wrmeren Ausdauer, welche unbegreiflich ist, sich an seine
Arbeitsstube kette, nun endlich einmal sich den Geschften entreie,
eine Reise mache und sich in derselben nur mit heiteren und schnen
Dingen beschftige.

Nicht nur ich werde eine Reise machen, antwortete er, sondern auch
du und Klotilde. Wir werden die Menschen dort, welche meinen Sohn so
freundlich aufgenommen haben, besuchen. Aber auch sie werden eine
Reise machen; denn auch sie werden zu uns in die Stadt kommen und in
diesen Zimmern verweilen. Wann aber diese Reisen stattfinden werden,
lt sich jetzt noch gar nicht beurteilen. Jedenfalls mu unser Sohn
zuerst allein wieder hinreisen und mu die Einwilligung seiner Familie
berbringen. Seinem Ermessen und hauptschlich den Ratschlgen seines
lteren Freundes wird es dann anheimgegeben sein, wie die Sachen im
weiteren Verlaufe sich entwickeln sollen. Die Reise unseres Sohnes mu
aber sogleich geschehen; denn so fordert es die neue Pflicht, die er
eingegangen ist. Wir werden abwarten, welche Nachrichten er uns von
seiner Ankunft im Sternenhofe zusenden oder welche Meinung er uns
selber berbringen wird.

Die Reise, mein Vater, entgegnete ich, wnsche ich, so bald es nur
mglich ist, anzutreten, am liebsten sogleich morgen oder wenn ein
Aufschub sein mu, doch bermorgen.

Es wird nicht versptet sein, wenn du bermorgen reisest, da sich
noch Einiges zum Besprechen ergeben kann, antwortete er.

Klotilde uerte ihre Freude, da einmal alle eine Reise antreten
wrden.

Und fr den guten Vater knnte nun fter der Anla gegeben sein,
sagte die Mutter, da er in das Freiere und Weitere komme, da er
reine Luft atme und Berg und Wald und Feld betrachte.

Ich werde doch einmal, meine liebe Therese, mein Buch abschlieen,
erwiderte der Vater, und es wird fr mich der Stillstand der
Geschfte eintreten. Sie mgen in andere Hnde bergehen oder sich
ganz auflsen. Dann wird es Zeit sein, im Anblicke von Berg, Wald und
Feld ein Haus zu mieten oder zu bauen, da wir im Sommer dort und im
Winter hier wohnen, wenn wir nicht gar lieber auch manchen Winter
drauen bleiben wollen.

So hast du oft gesagt, antwortete die Mutter, aber es ist nicht
geschehen.

Wenn Zeit und Ort darnach angetan sind, wird es geschehen, erwiderte
er.

Wenn dann noch deine Gesundheit und dein geistiges Wesen davon den
gewnschten Nutzen ziehen, sagte die Mutter, werde ich jeden Winter
preisen, welchen wir mitten in irgend einem Lande zubringen.

Es wird sich Vieles ereignen, woran wir jetzt nicht denken,
antwortete der Vater.

Wir standen von dem Frhmahle auf, und jedes ging an seine Geschfte.

Im Laufe des Vormittages lie mich die Mutter wieder zu sich bitten
und fragte mich, wie ich es denn zu halten gedenke, wo ich mit
Natalien wohnen wolle. Es sei in dem Hause Platz genug, nur mte
alles gerichtet werden. Auch seien viele andere Dinge zu ordnen,
besonders meine Kleider, in denen ich doch nun anders sein msse. Sie
wnsche meine Meinung zu hren, damit man zu rechter Zeit beginnen
knne, um noch fertig zu werden.

Ich sagte, da ich in der Tat auf diese Angelegenheit nicht gedacht
habe, da ihre Erwgung wohl noch Zeit habe, und da wir vor Allem den
Vater um Rat fragen sollten.

Sie war damit einverstanden.

Als wir nach dem Mittagsessen den Vater fragten, war er meiner
Meinung, da es noch zu frhe sei, an diese Dinge zu denken. Es wrde
schon zu rechter Zeit geschehen, da alles, was not tue, in Ordnung
gesetzt werden knne. Jetzt seien andere Dinge zu besprechen und zu
bedenken. Wenn es an der Zeit sei, werde es die Mutter erfahren, da
sie alle ihre Maregeln ausreichend treffen knne.

Sie war damit zufrieden.


Nachmittags fragte ich in der Stadt im Hause der Frstin an und
erfuhr, da dieselbe zufllig auf mehrere Tage anwesend sei. Sie
habe die Absicht, nach Riva zu gehen, um dort einige Wochen an den
Ufern des blauen Gardasees zu verleben. Sie sei jetzt eben damit
beschftigt, die Vorbereitungen zu dieser Reise zu machen. Ich lie
anfragen, wann ich sie sprechen knnte, und wurde auf den nchsten Tag
um zwlf Uhr bestellt.

Ich nahm zu dieser Zeit eine Mappe mit einigen meiner Arbeiten
zu mir und verfgte mich in ihre Wohnung. Nach den freundlichen
Empfangsworten drckte sie ihre Verwunderung aus, mich jetzt hier zu
finden. Ich gab die Verwunderung fr ihre Person zurck. Sie fhrte
mir als Grund ihre beabsichtigte Reise an, und ich sagte, da
pltzlich gekommene Angelegenheiten meinen Sommeraufenthalt
unterbrochen und mich in die Stadt geleitet htten.

Sie fragte mich um meine Arbeiten whrend der Zeit meiner Abwesenheit.

Ich erklrte ihr dieselben. Als ich von dem Simmigletscher sprach,
nahm sie besonderen Anteil, weil ihr dieses Gebirge aus frherer Zeit
her bekannt war. Ich mute ihr genau beschreiben und zeigen, wo wir
gewesen und was wir getan haben. Ich zog die Zeichnungen, die ich in
Farben von den Eisfeldern, ihren Einrnderungen, ihrer Einbuchtung,
ihrer Abgleitung und ihrem oberen Ursprunge gemacht hatte und in
meiner Mappe mit mir trug, hervor und breitete sie vor ihr aus. Sie
lie sich jedes, auch das Kleinste an diesen Zeichnungen beschreiben
und erklren. Ich mute ihr auch versprechen, bei nchster gnstiger
Gelegenheit meine Zeichnung von dem Grunde des Lautersees ihr
vorzulegen und auf das Genaueste zu errtern. Es sei ihr dies
doppelt wnschenswert, weil sie jetzt selber zu einem See reise, der
einer der merkwrdigsten des sdlichen Alpenabhanges sei. Hierauf
befragte sie mich um meine anderen Bestrebungen auf dem Gebiete
der bildenden Kunst, worauf ich erwiderte, da ich heuer auer den
Gletscherzeichnungen, die doch wieder fast nur wissenschaftlicher
Natur seien, nichts hatte machen knnen, weder in Landschaften noch in
Abbildung menschlicher Kpfe.

Wenn ihr ein sehr schnes jugendliches Angesicht abbilden wollt,
sagte sie, so msset ihr suchen, das Angesicht der jenen Tarona
abbilden zu drfen. Ich bin alt, habe viel erfahren, habe sehr viele
Menschen gesehen und betrachtet, aber es ist mir wenig vorgekommen,
das edler, einnehmender und liebenswrdiger gewesen wre als die Zge
der Tarona.

Ich errtete sehr tief bei diesen Worten.

Sie richtete die klaren, lieben Augen auf mich, lchelte sehr fein und
sagte: Haltet ihr etwa schon Jemanden fr das Schnste?

Ich antwortete nicht, und sie schien auch eine Antwort nicht zu
erwarten. Von Natalien konnte ich ihr nichts sagen, da die Sache nicht
so weit gediehen war, um sie Andern verkndigen zu knnen.

Wir brachen ab, ich verabschiedete mich bald, sie reichte mir gtig
die Hand, welche ich kte, und lud mich ein, ja im knftigen Winter
sehr bald von dem Gebirge zurck zu kommen, da auch sie sehr bald in
der Stadt einzutreffen gedenke.

Ich antwortete, da ich ber jenen Zeitpunkt jetzt durchaus nicht zu
verfgen im Stande sei.

Am zweiten Tage Morgens stand ich reisefertig in meinem Zimmer.
Der Wagen war vor das Haus bestellt worden. Ich hatte mir es nicht
versagen knnen, in einem besonderen Wagen so schnell als mglich in
den Sternenhof zu fahren. Vater, Mutter und Schwester waren in dem
Speisezimmer, um von mir Abschied zu nehmen. Ich begab mich auch in
dasselbe, und wir nahmen ein kleines Frhmahl ein. Nach demselben
sagte ich Lebewohl.

Gott segne dich, mein Sohn, sprach die Mutter, Gott segne dich auf
deinem Wege, er ist der entscheidende, du bist nie einen so wichtigen
gegangen. Wenn mein Gebet und meine Wnsche etwas vermgen, wirst du
ihn nicht bereuen.

Sie kte mich auf den Mund und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
die Stirn.

Der Vater sagte: Du hast von deiner frhen Jugend an erfahren, da
ich mich nicht in deine Angelegenheiten menge; handle selbststndig
und trage die Folgen. Wenn du mich frgst, wie du jetzt getan hast, so
werde ich dir immer beistehen, in so weit es meine grere Erfahrung
vermag. Aber einen Rat mchte ich dir doch in dieser wichtigen
Angelegenheit geben oder vielmehr nicht einen Rat geben, sondern
deine Aufmerksamkeit mchte ich auf einen Umstand leiten, auf den du
vielleicht in der Befangenheit dieser Tage nicht gedacht hast. Ehe
du das ernste Band schlieest, ist noch Manches fr dich notwendig,
deinen Geist und dein Gemt zu strken und zu festigen. Eine Reise in
die wichtigsten Stdte Europas und zu den bedeutendsten Vlkern ist
ein sehr gutes Mittel dazu. Du kannst es, deine Vermgenslage hat sich
sehr gebessert, und ich lege wohl auch etwas dazu, wie ich berhaupt
mit dir Abrechnung halten mu.

Ich war sehr bewegt und konnte nicht sprechen. Ich nahm den Vater nur
bei der Hand und dankte ihm stumm.

Klotilde nahm mit Trnen Abschied und sagte leise, als ich sie an mich
drckte: Gehe mit Gott, es wird Alles recht sein, was du tust, weil
du gut bist und weil du auch klug bist.

Ich sprach die Hoffnung aus, da ich bald wieder kommen werde, und
ging die Treppe hinab.

Meine Reise war sehr schnell, weil berall die Pferde schon bestellt
waren, weil ich nirgends schlief und zum Essen nur die krzeste Zeit
verwendete.

Als ich im Sternenhofe in das Zimmer Mathildens trat, kam sie mir
entgegen und sagte: Seid willkommen, es ist Alles, wie ich gedacht
habe; denn sonst wret ihr nicht zu mir, sondern zu unserem Freunde
gekommen.

Meine Angehrigen ehren euch, ehren unseren Freund und glauben an
unser Glck und an unsere Zukunft, erwiderte ich.

Seid willkommen, Natalie, sagte ich, als diese gerufen worden und
in das Zimmer getreten war, ich bringe freundliche Gre von den
Meinigen.

Seid willkommen, antwortete sie, ich habe immer gehofft, da es so
geschehen und da eure Abwesenheit so kurz sein wird.

Meine Hoffnung war wohl auch dieselbe, erwiderte ich, aber jetzt
ist alles klar, und jetzt ist vllige Beruhigung vorhanden.

Wir blieben bei Mathilden und sprachen einige Zeit miteinander.

Am zweiten Tage nach meiner Ankunft reiste ich zu meinem Gastfreunde.
Mathilde hatte mir einen Wagen und Pferde mit gegeben.

Als ich in das Schreinerhaus gekommen war, in welchem sich mein
Gastfreund bei meiner Ankunft befand, reichte er mir die Hand und
sagte: Ich bin von eurer Rckkunft bereits benachrichtigt; man hat
mir von dem Sternenhofe gleich nach eurem Eintreffen in demselben
geschrieben.

Eustach sah mich seltsam an, so da ich vermutete, er wisse auch
bereits von der Sache.

Wir gingen nun in das Haus, und man ffnete mir meine gewhnliche
Wohnung. Gustav kam nach einer Weile zu mir herauf und konnte seiner
Freude beinahe kein Ende machen, da alles sei, wie es ist. Mein
Gastfreund hatte ihm die Tatsache erst heute erffnet. Er sprach ohne
Rckhalt aus, da ihm die Sache so weit, weit lieber sei, als wenn
Tillburg seine Schwester aus dem Hause gefhrt htte, dessen Wille
wohl immer dahin gerichtet gewesen wre.



Das Vertrauen

Ich blieb einige Zeit bei meinem Gastfreunde, teils, weil er es selber
verlangte, teils, um jene Ruhe zu gewinnen, die ich sonst immer hatte
und die ich brauchte, um in meinen Bestrebungen klar zu sehen und sie
nach gemachter Einsicht zu ordnen.

Die Leute blickten mich fragend oder verwundert an. Vermutlich hatte
es sich ausgebreitet, in welche Beziehung ich zu Personen getreten
bin, welche Freunde des Hauses sind und welche oft in dasselbe als
Besuchende kommen. Nirgends aber trat mir der Anschein entgegen, als
ob man mir das Verhltnis mignnte oder es mit ungnstigen Augen
anshe. Im Gegenteile, die Leute waren fast freundlicher und
dienstwilliger als vorher. Ich kam in das Gartenhaus. Der Grtner
Simon trat mir mit einer Art Ehrerbietung entgegen und rief seine
Gattin Clara herbei, um ihr zu sagen, da ich da sei, und um sie zu
veranlassen, da sie mir ihre Verbeugung mache. Er hatte dies sonst
nie getan. Als diese Art von Vorstellung vorber war, fhrte er
mich erst in den Garten, wie er mit kurzem Ausdrucke blo seine
Gewchshuser nannte. Er zeigte mir wieder seine Pflanzen, erklrte
mir, was neu erworben worden war, was sich besonders schn entwickelt
habe und was in gutem Stande geblieben sei; er erzhlte mir auch,
welche Verluste man erlitten habe, wie die Pflanzen im schnsten
Gedeihen gewesen seien, die man verloren habe und welchen besonderen
Ursachen man ihren Verlust zuschreiben msse. Er bedachte hiebei
nicht, da etwa meine Gedanken anderswo sein knnten, wie er bei einer
frheren Gelegenheit auch nicht geahnt hatte, da mein Gemt abwesend
sei, da er mir ebenfalls mit vieler Lust und groer Umsicht seine
Gewchse erklrt hatte. Besonders eifrig war er in der Darlegung der
Vorzge und Schnheiten der Rose, welche die Frau des Sternenhofes fr
den Herrn des Hauses aus England verschrieben habe. Er fhrte mich zu
ihr und zeigte mir alle Vortrefflichkeiten derselben. Dann mute ich
auch mit ihm in das Cactushaus gehen, wo er mir sogleich den Cereus
Peruvianus wies, der durch meine Gte, wie er sich ausdrckte, in
den Asperhof gekommen sei. Er wachse bereits steilrecht in seinem
Glasfache empor, was durch viele Mhe und Kunst bewirkt worden sei.
Die gelbliche Farbe vom Inghofe sei in die dunkelblau-grne, gleichsam
mit einem Dufte berflogene bergegangen, welche die vllige
Gesundheit der Pflanze beweise. Wenn es so fortgehe, so knne auch
noch die Freude der fabelhaften weien Blumen der lebendigen Sule in
dieses Haus kommen. Er fhrte mich dann zu einigen Cactusgestalten,
die eben im Blhen begriffen waren. Es lag eine ziemlich groe
Sammellinse in der Nhe, um die Blumen und nebstbei auch die Waffen
und die Gestaltungen der Pflanzenkrper unter dem Einflusse des
vollen Sonnenlichtes betrachten zu knnen. Er bat mich, die Linse
zu gebrauchen. Es war eine farblos zeigende und zugleich eine, bei
welcher die Abweichung wegen der Kugelgestalt auf ein Kleinstes
gebracht war. berhaupt wies sie sich als vortrefflich aus. Er
erzhlte mir, da der Herr das Vergrerungsglas eigens zum Betrachten
der Cacteen habe machen, es in das schne Elfenbein fassen und in das
reine Sammetfach habe legen lassen. Heute erst sei er noch in dem
Cactushause gewesen und habe mit dem Glase die Blten und viele
Stacheln angeschaut. Ich bediente mich des Glases und sah in den von
den seidenartigen Blumenblttern umstandenen gelben, weien oder
rosenfarbigen Kelch hinein, wie sie eben vorhanden waren. Da der
Glanz dieser Blumenfarben besonders schn, weit schner als die
feinste Seide und als der der meisten Blumen sei, wute ich ohnehin,
mute es mir aber doch von dem Grtner Simon zeigen lassen, so wie er
auch der schnen, grn oder rosig oder dunkelrotbraun dmmernden Tiefe
des Kelches erwhnte, aus der die Wucht der schlanken Staubfden
aufsteige, die keine Blte so zierlich habe. berhaupt seien die
Cactusblumen die schnsten auf der Welt, wenn man etwa einige
Schmarotzergewchse und ganz wenige andere, vereinzelte Blumen
ausnehme. Er machte mich auch auf einen Umstand aufmerksam, den ich
nicht wute, oder den ich nicht beobachtet hatte, da nehmlich bei
einigen Kugelcactus sich die Blumen stets aus neuen Stachelaugen,
meistens mit ganz kurzem Stengel, entwickeln, whrend sie bei andern
auf einem mehr oder minder hohen Stiele aus vorjhrigen oder noch
lteren Stachelaugen sich erheben. Er sagte, das werde gewi einmal
einen Grund zu einer neuen Einteilung dieser Cactusgestalt geben. Er
zeigte mir an vorhandenen Gewchsen den Unterschied, und ich mute
ihn erkennen. Er sagte, da dies nicht zufllig sei und da er die
Tatsache schon dreiig Jahre beobachte. Damals, als er jung gewesen,
seien kaum einige dieser Gestaltungen bekannt gewesen, jetzt vermehre
sich die Kenntnis derselben bedeutend, seit die Menschen zur Einsicht
ihrer Schnheit gekommen sind und Reisende Pflanzen aus Amerika
senden, wie jener Reisende, der von deutschen Landen aus fast
in der ganzen Welt gewesen sei. Es knne nur Unverstand oder
Oberflchlichkeit oder Kurzsichtigkeit diese Pflanzengattung
ungestaltig nennen, da doch nichts regelmiger und mannigfaltiger und
dabei reizender sei als eben sie. Nur eine erste genaue Betrachtung
und Vergleichung derselben sei ntig, und nur ein sehr kurzes
Fortsetzen dieser Betrachtung, damit die Gegner dieser Pflanzen in
warme Verehrer derselben bergehen - es mte nur ein Mensch berhaupt
kein Freund der Pflanzen sein, welche Gattung es vielleicht in der
Welt nicht gibt. Als ich das Pflanzenhaus verlie, begleitete er mich
bis an die Grenze der Gewchshuser, und auch seine Gattin trat aus
der Tr ihrer Wohnung, um sich von mir zu verabschieden.

In dem Blumengarten und in der Abteilung der Gemse blieben die
Arbeitsleute vor mir stehen, nahmen den Hut ab und grten mich artig.

Eustach war mild und freundlich wie gewhnlich; aber er war noch weit
inniger, als er es in frheren Zeiten gewesen war. Mich freute die
Billigung gerade von diesem Menschen ungemein. Er zeigte mir alles,
was in der Arbeit war und was sich an wirklichen Dingen, was an
Zeichnungen, was an Nachrichten in der jngsten Zeit zu dem bereits
Vorhandenen hinzugefunden hatte. Er sagte, da mein Gastfreund in
Kurzem eine ziemlich weit entfernte Kirche besuchen werde, in welcher
man auf seine Kosten Wiederherstellungen mache, und da er mich zu
dieser Reise einladen wolle. Ich sah unter allen vorhandenen Dingen
und Stoffen den sehr schnen Marmor nicht, den ich meinem Gastfreunde
zum Geschenke gemacht hatte, und war auch nie in Kenntnis gekommen,
da daraus etwas verfertigt worden sei. Es sprach niemand davon, und
ich fragte auch nicht. In mancher Stunde sah ich den Arbeiten zu,
welche in dem Schreinerhause ausgefhrt wurden.

Roland war wie gewhnlich im Sommer nicht in dem Asperhofe anwesend.

Mit Eustach besuchte ich auch die Bilder meines Gastfreundes, seine
Kupferstiche, seine Schnitzereien und seine Gerte. Wir sprachen ber
die Dinge, und ich suchte mir ihren Wert und ihre Bedeutung immer mehr
eigen zu machen. Auch in das Bcherzimmer, den Marmorsaal und das
Treppenhaus meines Gastfreundes ging ich. Wie war die Gestalt auf
der Treppe erhaben, edel und rein gegen die Nymphe in der Grotte des
Gartens im Sternenhofe, die mir in der letzten Zeit so lieb geworden
war. Durch meine Bitte lie sich mein Freund bewegen, mir die
Zimmer aufzuschlieen, in denen Mathilde und Natalie whrend ihres
Aufenthaltes in dem Asperhofe wohnen. Ich blieb lnger als in den
anderen in dem letzten kleinen Gemache mit der Tapetentr, welches ich
die Rose genannt hatte. Mich umwehte die Ruhe und Klarheit, die in
dem ganzen Wesen Mathildens ausgeprgt ist, die in den Farben und
Gestalten des Zimmers sich zeigte und die in den unvergleichlichen
Bildern lag, die hier aufgehngt waren.

Wir gingen auch in den Meierhof. Die Leute begegneten mir
achtungsvoll, sie zeigten mir alle Rume und wiesen, was sich in ihnen
befinde, was dort gearbeitet werde, wozu sie dienen und was sich in
neuerer Zeit gendert habe. Der Meier hatte seine besondere Freude an
der neuen, von ihm selbst verbesserten Zucht der Fllen und an dem
Volke aller von meinem Gastfreunde eingefhrten Gattungen von Hhnern.
Als wir uns von dem Meierhofe entfernten und uns der vielstimmige
Gesang der Vgel aus dem Garten des Hauses entgegen schallte, sah ich
im Rckblicke, da sich unter dem Torwege eine Gruppe von Mgden mit
ihren blauen Schrzen und weien Hemdrmeln gesammelt habe und uns
nachschaue.

Wenn ich auch erkannte, da ich der Gegenstand der Aufmerksamkeit
geworden war, so entschlpfte doch Niemandem ein Wort, welches einen
Grund dieser Aufmerksamkeit angedeutet htte.

Gustav, welcher wohl Anfangs seine Freude gegen mich ausgesprochen
hatte, da es sei, wie es ist, und da keiner von denen, die es
gewollt hatten, seine Schwester fortgefhrt, sprach nun von dem
Gegenstande nicht mehr und schlo sich nur noch herzlicher, wenn
dieses mglich war, an mich an.

Mein Gastfreund sagte mir endlich auch von der Reise nach der Kirche,
von welcher Eustach gesprochen hatte, und lud mich zu derselben ein.
Ich nahm die Einladung an.


Wir fuhren eines Morgens von dem Asperhofe fort, mein Gastfreund,
Eustach, Gustav und ich. Gustav wird, wie mir mein Gastfreund
sagte, auf jede kleinere Reise von ihm mitgenommen. Wenn dies bei
ausgedehnteren Reisen nicht der Fall sein kann, so wird er zu seiner
Mutter in den Sternenhof gebracht. Wir kamen erst am zweiten Tage
bei der Kirche an. Roland, welcher von unserer Ankunft unterrichtet
gewesen war, erwartete uns dort. Die Kirche war ein Gebude im
altdeutschen Sinn. Sie stammte, wie meine Freunde versicherten, aus
dem vierzehnten Jahrhunderte her. Die Gemeinde war nicht gro und
nicht besonders wohlhabend. Die letztvergangenen Jahrhunderte hatten
an dieser Kirche viel verschuldet. Man hatte Fenster zumauern lassen,
entweder ganz oder zum Teile, man hatte aus den Nischen der Sulen
die Steinbilder entfernt und hatte hlzerne, die vergoldet und gemalt
waren, an ihre Stelle gebracht. Weil aber diese grer waren als ihre
Vorgnger, so hat man die Stellen, an die sie kommen sollten, hufig
ausgebrochen, und die frheren berdcher mit ihren Verzierungen
weggeschlagen. Auch ist das Innere der ganzen Kirche mit bunten Farben
bemalt worden. Als dieses in dem Laufe der Jahre auch wieder schadhaft
wurde und sich Ausbesserungsarbeiten an der Kirche als dringlich
notwendig erwiesen, gab sich auch kund, da die Mittel dazu schwer
aufzubringen sein wrden. Die Gemeinde geriet beinahe ber den Umfang
der Arbeiten, die vorzunehmen wren, in groen Hader. Offenbar waren
in frheren Zeiten reiche und mchtige Wohltter gewesen, welche die
Kirche hervorgerufen und erhalten hatten. In der Nhe stehen noch die
Trmmer der Schlsser, in denen jene wohlhabenden Geschlechter gehaust
hatten. Jetzt steht die Kirche allein als erhaltenes Denkmal jener
Zeit auf dem Hgel, einige in neuerer Zeit erbaute Huser stehen um
sie herum, und rings liegt die Gemeinde in den in dem Hgellande
zerstreuten Gehften. Die Besitzer der Schlorainen wohnen in weit
entfernten Gegenden und haben, da sie ganz anderen Geschlechtern
angehren, entweder nie eine Liebe zu der einsamen Kirche gehabt oder
haben sie verloren. Der Pfarrer, ein schlichter, frommer Mann, der
zwar keine tiefen Kenntnisse der Kunst hatte, aber seit Jahren an den
Anblick seiner Kirche gewhnt war und sie, da sie zu verfallen begann,
wieder gerne in einem so guten Zustande gesehen htte, als nur mglich
ist, schlug alle Wege ein, zu seinem Ziele zu gelangen, die ihm nur
immer in den Sinn kamen. Er sammelte auch Gaben. Auf letztem Wege kam
er zu meinem Gastfreunde. Dieser nahm Anteil an der Kirche, die er
unter seinen Zeichnungen hatte, reiste selber hin und besah sie. Er
versprach, da er, wenn man seinen Plan zur Wiederherstellung der
Kirche billige und annehme, alle Kosten der Arbeit, die ber den
bereits vorhandenen Vorrat hinausreichen, tragen und die Arbeit
in einer gewissen Zahl von Jahren beendigen werde. Der Plan wurde
ausgearbeitet und von allen, welche in der Angelegenheit etwas zu
sprechen hatten, genehmigt, nachdem der Pfarrer schon vorher, ohne
ihn gesehen zu haben, sehr fr ihn gedankt und sich berall eifrig
fr seine Annahme verwendet hatte. Es wurde dann zur Ausfhrung
geschritten, und in dieser Ausfhrung war mein Gastfreund begriffen.
Die Fllmauern in den Fenstern wurden vorsichtig weggebrochen, da
man keine der Verzierungen, welche in Mrtel und Ziegeln begraben
waren, beschdige, und dann wurden Glasscheiben in der Art der noch
erhaltenen in die ausgebrochenen Fenster eingesetzt. Die hlzernen
Bilder von Heiligen wurden aus der Kirche entfernt, die Nischen wurden
in ihrer ursprnglichen Gestalt wieder hergestellt. Wo man unter dem
Dache der Kirche oder in anderen Rumen die alten schlanken Gestalten
der Heiligenbilder wieder finden konnte, wurden sie, wenn sie
beschdigt waren, ergnzt, und an ihre mutmalichen Stellen gesetzt.
Fr welche Nischen man keine Standbilder auffinden konnte, die wurden
leer gelassen. Man hielt es fr besser, da sie in diesem Zustande
verharren, als da man eins der hlzernen Bilder, welche zu der Bauart
der Kirche nicht paten, in ihnen zurckgelassen htte. Freilich wre
die Verfertigung von neuen Standbildern das Zweckmigste gewesen;
allein das war nicht in den Plan der Wiederherstellung aufgenommen
worden, weil es ber die zu diesem Werke verfgbaren Krfte meines
Gastfreundes ging. Alle Nischen aber, auch die leeren, wurden,
wenn Beschdigungen an ihnen vorkamen, in guten Stand gesetzt.
Die berdcher ber ihnen wurden mit ihren Verzierungen wieder
hergestellt. Zu der bertnchung des Innern der Kirche war ein Plan
entworfen worden, nach welchem die Farbe jener Teile, die nicht Stein
waren, so unbestimmt gehalten werden sollte, da ihr Anblick dem eines
bloen Stoffes am hnlichsten wre. Die Gewlberippen, deren Stein
nicht mit Farbe bestrichen war, so wie alles Andere von Stein wurde
unberhrt gelassen, und sollte mit seiner blo stofflichen Oberflche
wirken. Die Gerste zu der bertnchung waren bereits dort geschlagen,
wo man mit Leitern nicht auslangen konnte. Freilich wre in der Kirche
noch vieles Andere zu verbessern gewesen. Man hatte den alten Chor
verkleidet und ganz neue Mauern zu einer Emporkirche aufgefhrt, man
hatte ein Seitenkapellchen im neuesten Sinne hinzugefgt, und es
war ein Teil der Wand des Nebenschiffes ausgenommen worden, um eine
Vertiefung zu mauern, in welche ein neuer Seitenaltar zu stehen kam.
Alle diese Fehler konnten wegen Unzulnglichkeit der Mittel nicht
verbessert werden. Der Hauptaltar in altdeutscher Art war geblieben.
Roland sagte, es sei ein Glck gewesen, da man im vorigen
Jahrhunderte nicht mehr so viel Geld gehabt habe als zur Zeit der
Erbauung der Kirche, denn sonst htte man gewi den ursprnglichen
Altar weggenommen und htte einen in dem abscheulichen Sinne des
vergangenen Jahrhunderts an seine Stelle gesetzt. Mein Gastfreund
besah alles, was da gearbeitet wurde, und es ward ein Rat mit Eustach
und Roland gehalten, dem auch ich beigezogen wurde, um zu errtern,
ob alles dem gefaten Plane getreu gehalten werde, und ob man nicht
Manches mit Aufwendung einer migen Summe noch zu dem ursprnglich
Beabsichtigten hinzu tun knnte, was der Kirche not tte und was ihr
zur Zierde gereichte. Die Ansichten vereinigten sich sehr bald, da die
Mnner nach der nehmlichen Richtung hin strebten und da ihre Bildungen
in dieser Hinsicht sich wechselweise zu dem gleichen Ergebnisse
durchdrungen hatten. Ich konnte sehr wenig mitreden, obgleich ich
gefragt wurde, weil ich einerseits zu wenig mit den vorhandenen
Grundlagen vertraut war und weil andererseits meine Kenntnisse in dem
Einzelnen der Kunst, um welche es sich hier handelte, mit denen meiner
Freunde nicht Schritt halten konnten. Der Pfarrer hatte uns sehr
freundlich aufgenommen und wollte uns smmtlich in seinem kleinen
Hause beherbergen. Mein Gastfreund lehnte es ab, und wir richteten
uns, so gut es ging, in dem Gasthofe ein. Der Ehrerbietung und des
Dankes aber konnte der bescheidene Pfarrer gegen meinen Gastfreund
kein Ende finden. Auch kam eine Abordnung mehrerer Gemeindeglieder,
um, wie sie sagten, ihre Aufwartung zu machen und ihren Dank
darzubringen. Wirklich, wenn man die schlanken, edlen Gestaltungen der
Kirche ansah, welche da einsam auf ihrem Hgel in einem abgelegenen
Teile des Landes stand, in dem man sie gar nicht gesucht htte, und
die schon geschehenen Verbesserungen betrachtete, welche ihre feinen
Glieder wieder zu Ansehen und Geltung brachten, so konnte man nicht
umhin, sich zu freuen, da die reinen blauen Lfte wieder den reinen,
einfachen Bau umfchelten, wie sie ihn umfchelt hatten, als er
nach dem Haupte des lngst verstorbenen Meisters aus den Hnden der
Arbeitsleute hervor gegangen war. Und wirklich mute man sich auch zum
Danke verpflichtet fhlen, da es einen Mann gab, wie mein Gastfreund
war, der aus Liebe zu schnen Dingen, und ich mu wohl auch
hinzufgen, aus Liebe zur Menschheit, einen Teil seines Einkommens,
seiner Zeit und seiner Einsicht opferte, um manch Edles dem Verfalle
zu entreien und vor die Augen der Menschen wohlgebildete und hohe
Gestaltungen zu bringen, da sie sich daran, wenn sie dessen fhig
sind und den Willen haben, erheben und erbauen knnen.

Das alles wuten aber die Gemeindeglieder nicht, sie dankten nur, weil
sie meinten, da es ihre Schuldigkeit sei.

Nachdem mein Gastfreund den Bau gut befunden und mit Eustach, dem
eigentlichen Werkmeister, das Nhere angeordnet hatte, und nachdem
auch Roland die Zusicherung gegeben hatte, da er dem Wunsche meines
Gastfreundes gem fter nachsehen und Bericht erstatten werde,
rsteten wir uns, unsere verschiedenen Wege zu gehen. Roland wollte
wieder in das nahe liegende Gebirge zurckkehren, von dem er zu der
Kirche heraus gekommen war, und wir wollten den Weg nach dem Asperhofe
antreten. Roland entfernte sich zuerst. Wir besuchten noch den Inhaber
eines Glaswerkes in der Nhe, der von groem Einflusse war, und
begaben uns dann auf den Weg nach dem Hause meines Freundes.

Auf dem Rckwege kamen wir ber die Bildung des Schnen zu sprechen,
wie es gut sei, da Menschen aufstehen, die es darstellen, da ber
ihre Mitbrder auch dieses sanfte Licht sich verbreite und sie immer
zu hellerer Klarheit fort fhre; da es aber auch gut sei, da
Menschen bestehen, welche geeignet sind, das Schne in sich
aufzunehmen und es durch Umgang auf Andere zu bertragen, besonders,
wenn sie noch, wie mein Gastfreund, das Schne berall aufsuchen, es
erhalten und es durch Mhe und Kraft wieder herzustellen suchen, wo es
Schaden gelitten hatte. Es sei ein ganz eigenes Ding um die Befhigung
und den Drang hiezu.

Wir haben schon einmal ber hnliches gesprochen, sagte mein
Gastfreund, meine Erfahrungen in der Zeit meines Lebens haben mich
gelehrt, da es ganz bestimmte Anlagen zu ganz bestimmten Dingen gibt,
mit denen die Menschen geboren werden. Nur in der Gre unterscheiden
sich diese Anlagen, in der Mglichkeit, sich auszusprechen, und in der
Gelegenheit, krftig zur Wirksamkeit kommen zu knnen. Dadurch scheint
Gott die Mannigfaltigkeit der Taten mit ihrem nachdrcklichsten
Erfolge, wie es auf der Erde notwendig ist, vermitteln zu wollen.
Es erschien mir immer merkwrdig, wo ich Gelegenheit hatte, es zu
beobachten, wie bei Menschen, die bestimmt sind, ganz Ungewhnliches
in einer Richtung zu leisten, sich ihre Anlage bis in die feinsten
Fden ihres Gegenstandes ausspricht und zu ihm hindrngt, whrend sie
in Anderm bis zum Kindlichen unwissend bleiben knnen. Einer, der
ber Kunstdinge trotz aller Belehrung, trotz alles Umganges, trotz
langjhriger tglicher Berhrung mit auserlesenen Kunstwerken nie
Anderes als Ungereimtes sagen konnte, war ein Staatsmann, der die
feinsten Abschattungen seines Gegenstandes durchdrang, der die
Gedanken der Vlker und die Absichten der Menschen und Regierungen,
mit denen er verkehrte, erriet und es verstand, alle Dinge seinen
Zwecken dienstbar machen zu knnen, so da das Anderen wie ein
Zauberwerk eines Geistes erschien, was gleichsam ein Naturgesetz war.
In meiner Jugend kannte ich einen Mann, der mit einem Verstande, ber
den wir uns vor Bewunderung kaum zu fassen wuten, in die Tiefen eines
Kunstwesens, das er besprechen wollte, einging, und Gedanken zu Tage
brachte, von denen wir nicht begriffen, wie sie in das Herz eines
Menschen haben kommen knnen; whrend er die Meinungen und Absichten
ganz gewhnlicher Menschen und gerade solcher, die tief unter ihm
standen, nicht durchschaute und den notwendigen Gang der Staaten nicht
sah, weil ihm das Auge dafr versagt war oder weil er im Drange seiner
Gegenstnde darauf nicht achtete. Ich knnte noch mehrere Beispiele
anfhren: den zum Feldherrn Geborenen im Richtersaale um Mein und
Dein, oder den, der wissenschaftliche Stoffe frdert, in der Bildung
eines Heeres. So hat Gott es auch Manchen gegeben, da sie dem Schnen
nachgehen mssen und sich zu ihm wie zu einer Sonne wenden, von der
sie nicht lassen knnen. Es ist aber immer nur eine bestimmte Zahl von
solchen, deren einzelne Anlage zu einer besonderen groen Wirksamkeit
ausgeprgt ist. Ihrer knnen nicht viele sein, und neben ihnen werden
die geboren, bei denen sich eine gewisse Richtung nicht ausspricht,
die das Alltgliche tun und deren eigentmliche Anlage darin besteht,
da sie gerade keine hervorragende Anlage zu einem hervorragenden
Gegenstande haben. Sie mssen in groer Menge sein, da die Welt in
ihren Angeln bleibt, da das Stoffliche gefrdert werde und alle Wege
im Betriebe sind. Sehr hufig aber kmmt es nun leider auf den Umstand
an, da der rechten Anlage der rechte Gegenstand zugefhrt wird, was
so oft nicht der Fall ist.

Knnte denn nicht die Anlage den Gegenstand suchen, und sucht sie ihn
nicht auch oft? fragte Eustach.

Wenn sie in groer Macht und Flle vorhanden ist, sucht sie ihn,
entgegnete mein Gastfreund, zuweilen aber geht sie in dem Suchen zu
Grunde.

Das ist ja traurig, und dann wird ihr Zweck verfehlt, antwortete
Eustach.

Ich glaube nicht, da ihr Zweck deshalb ganz verfehlt wird, sagte
mein Gastfreund, das Suchen und das, was sie in diesem Suchen frdert
und in sich und Anderen erzeugt, war ihr Zweck. Es mssen eben
verschiedene, und zwar verschieden hohe und verschieden geartete
Stufen erstiegen werden. Wenn jede Anlage mit vlliger Blindheit ihrem
Gegenstande zugefhrt wrde und ihn ergreifen und erschpfen mte,
so wre eine viel schnere und reichere Blume dahin, die Freiheit der
Seele, die ihre Anlage einem Gegenstande zuwenden kann oder sich von
ihm fern halten, die ihr Paradies sehen, sich von ihm abwenden und
dann trauern kann, da sie sich von ihm abgewendet hat, oder die
endlich in das Paradies eingeht und sich glcklich fhlt, da sie
eingegangen ist.

Oft habe ich schon gedacht, sagte ich, da die Kunst so sehr auf die
Menschen wirkt, wie ich an mir selber, wenn auch nur erst kurze Zeit,
zu beobachten Gelegenheit hatte, ob denn der Knstler bei der Anlage
seines Werkes seine Mitmenschen vor Augen habe und dahin rechne, wie
er es einrichten msse, da auf sie die Wirkung gemacht werde, die er
beabsichtiget.

Ich hege keine Zweifel, da es nicht so ist, erwiderte mein
Gastfreund, wenn der Mensch berhaupt seine ihm angeborne Anlage
nicht kennt, selbst wenn sie eine sehr bedeutende sein sollte und wenn
er mannigfaltige Handlungen vornehmen mu, ehe seine Umgebung ihn oder
er sich selber inne wird, ja wenn er zuletzt sich seiner Freiheit
gem seiner Anlage hingeben oder sich von ihr abwenden kann: so wird
er wohl im Wirken dieser Anlage nicht so zu rechnen im Stande sein,
da sie an einem gewissen Punkte anlanden msse; sondern je grer
die Kraft ist, um so mehr, glaube ich, wirkt sie nach den ihr
eigentmlichen Gesetzen, und das dem Menschen inwohnende Groe strebt,
unbewut der uerlichkeiten, seinem Ziele zu und erreicht desto
Wirkungsvolleres, je tiefer und unbeirrter es strebt. Das Gttliche
scheint immer nur von dem Himmel zu fallen. Es hat wohl Menschen
gegeben, welche berechnet haben, wie ein Erzeugnis auf die Mitmenschen
wirken soll, die Wirkung ist auch gekommen, sie ist oft eine groe
gewesen, aber keine knstlerische und keine tiefe; sie haben etwas
Anderes erreicht, das ein Zuflliges und ueres war, das die, welche
nach ihnen kamen, nicht teilten und von dem sie nicht begriffen,
wie es auf die Vorgnger hatte wirken knnen. Diese Menschen bauten
vergngliche Werke und waren nicht Knstler, whrend das durch die
wirkliche Macht der Kunst Geschaffene, weil es die reine Blte der
Menschheit ist, nach allen Zeiten wirkt und entzckt, so lange die
Menschen nicht ihr Kstlichstes, die Menschheit, weggeworfen haben.

Es ist einmal in der Stadt die Frage gestellt worden, sagte ich, ob
ein Knstler, wenn er wte, da sein Werk, das er beabsichtigt, zwar
ein unbertroffenes Meisterwerk sein wird, da es aber die Mitwelt
nicht versteht und da es auch keine Nachwelt verstehen wird, es doch
schaffen msse oder nicht. Einige meinten, es sei gro, wenn er es
tte, er tue es fr sich, er sei seine Mit- und Nachwelt. Andere
sagten, wenn er etwas schaffe, von dem er wisse, da es die Mitwelt
nicht verstehe, so sei er schon tricht und vollends, wenn er es
schaffe und wei, da auch keine Nachwelt es begreifen wird.

Dieser Fall wird wohl kaum sein, antwortete mein Gastfreund, der
Knstler macht sein Werk, wie die Blume blht, sie blht, wenn sie
auch in der Wste ist und nie ein Auge auf sie fllt. Der wahre
Knstler stellt sich die Frage gar nicht, ob sein Werk verstanden
werden wird oder nicht. Ihm ist klar und schn vor Augen, was er
bildet, wie sollte er meinen, da reine, unbeschdigte Augen es nicht
sehen? Was rot ist, ist es nicht allen rot? Was selbst der gemeine
Mann fr schn hlt, glaubt er das nicht fr alle schn? Und sollte
der Knstler das wirklich Schne nicht fr die Geweihten schn halten?
Woher kme denn sonst die Erscheinung, da einer ein herrliches Werk
macht, das seine Mitwelt nicht ergreift? Er wundert sich, weil er
eines andern Glaubens war. Es sind dies die Grten, welche ihrem
Volke voran gehen und auf einer Hhe der Gefhle und Gedanken stehen,
zu der sie ihre Welt erst durch ihre Werke fhren mssen. Nach
Jahrzehnten denkt und fhlt man wie jene Knstler, und man begreift
nicht, wie sie konnten miverstanden werden. Aber man hat durch diese
Knstler erst so denken und fhlen gelernt. Daher die Erscheinung, da
gerade die grten Menschen die naivsten sind.

Wenn nun der frher angegebene Fall mglich wre, wenn es einen wahren
Knstler gbe, der zugleich wte, da sein beabsichtigtes Werk nie
verstanden werden wrde, so wrde er es doch machen, und wenn er es
unterlt, so ist er schon gar kein Knstler mehr, sondern ein Mensch,
der an Dingen hngt, die auer der Kunst liegen. Hieher gehrt auch
jene rhrende Erscheinung, die von manchen Menschen so bitter getadelt
wird, da einer, dem recht leicht gangbare Wege zur Verfgung stnden,
sich reichlich und angenehm zu nhren, ja zu Wohlstand zu gelangen,
lieber in Armut, Not, Entbehrung, Hunger und Elend lebt und immer
Kunstbestrebungen macht, die ihm keinen ueren Erfolg bringen und
oft auch wirklich kein Erzeugnis von nur einigem Kunstwerte sind. Er
stirbt dann im Armenhause oder als Bettler oder in einem Hause, wo er
aus Gnaden gehalten wurde.


Wir waren unseres Freundes Meinung. Eustach ohnehin schon, weil er
die Kunstdinge als das Hchste des irdischen Lebens ansah und ein
Kunststreben als bloes Bestreben schon fr hoch hielt, wie er auch
zu sagen pflegte, das Gute sei gut, weil es gut sei. Ich stimmte bei,
weil mich das, was mein Gastfreund sagte, berzeugte, und Gustav
mochte es geglaubt haben - Erfahrungen hatte er nicht -, weil ihm
alles Wahrheit war, was sein Pflegevater sagte.

Von einem Streben, das gewissermaen sein eigener Zweck sei, vom
Vertiefen der Menschen in einen Gegenstand, dem scheinbar kein uerer
Erfolg entspricht und dem der damit Behaftete doch alles Andere
opfert, kamen wir berhaupt auf Verschiedenes, an das der Mensch sein
Herz hngt, das ihn erfllt und das sein Dasein oder Teile seines
Daseins umschreibt. Nachdem wir wirklich eine grere Zahl von Dingen
durchsprochen hatten, die zu dem Menschen in das von uns angefhrte
Verhltnis treten knnen, als ich je vermutet htte, machte mein
Gastfreund folgenden Ausspruch: Wenn wir hier alle die Dinge
ausschlieen, die nur den Krper oder das Tierische des Menschen
betreffen und befriedigen und deren andauerndes Begehren mit
Hinwegsetzung alles Andern wir mit dem Namen Leidenschaft bezeichnen,
weshalb es denn nichts Falscheres geben kann, als wenn man von edlen
Leidenschaften spricht, und wenn wir als Gegenstnde hchsten Strebens
nur das Edelste des Menschen nennen: so drfte alles Drngen nach
solchen Gegenstnden vielleicht nicht mit Unrecht nur mit einem Namen
zu benennen sein, mit Liebe. Lieben als unbedingte Werthaltung mit
unbedingter Hinneigung kann man nur das Gttliche oder eigentlich nur
Gott; aber da uns Gott fr irdisches Fhlen zu unerreichbar ist, kann
Liebe zu ihm nur Anbetung sein, und er gab uns fr die Liebe auf
Erden Teile des Gttlichen in verschiedenen Gestalten, denen wir uns
zuneigen knnen: so ist die Liebe der Eltern zu den Kindern, die
Liebe des Vaters zur Mutter, der Mutter zum Vater, die Liebe der
Geschwister, die Liebe des Brutigams zur Braut, der Braut zum
Brutigam, die Liebe des Freundes zum Freunde, die Liebe zum
Vaterlande, zur Kunst, zur Wissenschaft, zur Natur, und endlich
gleichsam kleine Rinnsale, die sich von dem groen Strome abzweigen,
Beschftigungen mit einzelnen, gleichsam kleinlichen Gegenstnden,
denen sich oft der Mensch am Abende seines Lebens wie kindlichen
Notbehelfen hingibt, Blumenpflege, Zucht einer einzigen Gewchsart,
einer Tierart und so weiter, was wir mit dem Namen Liebhaberei
belegen. Wen die greren Gegenstnde der Liebe verlassen haben, oder
wer sie nie gehabt hat, und wer endlich auch gar keine Liebhaberei
besitzt, der lebt kaum und betet auch kaum Gott an, er ist nur da.

So fat es sich, glaube ich, zusammen, was wir mit der Richtung
groer Krfte nach groen Zielen bezeichnen, und so findet es seine
Berechtigung.

Jene Zeit, sagte er nach einer Weile, in welcher die Kirchen gebaut
worden sind, wie wir eben eine besucht haben, war in dieser Hinsicht
weit grer als die unsrige, ihr Streben war ein hheres, es war
die Verherrlichung Gottes in seinen Tempeln, whrend wir jetzt
hauptschlich auf den stofflichen Verkehr sehen, auf die
Hervorbringung des Stoffes und auf die Verwendung des Stoffes,
was nicht einmal ein an sich gltiges Streben ist, sondern nur
beziehungsweise, in so fern ihm ein hherer Gedanke zu Grunde
gelegt werden kann. Das Streben unserer lteren Vorgnger war auch
insbesondere darum ein hheres, weil ihm immer Erfolge zur Seite
standen, die Hervorbringung eines wahrhaft Schnen. Jene Tempel waren
die Bewunderung ihrer Zeit, Jahrhunderte bauten daran, sie liebten sie
also, und jene Tempel sind auch jetzt in ihrer Unvollendung oder in
ihren Trmmern die Bewunderung einer wieder erwachenden Zeit, die ihre
Verdsterung abgeschttelt hat, aber zum allseitigen Handeln noch
nicht durchgedrungen ist. Sogar das Streben unserer unmittelbaren
Vorgnger, welche sehr viele Kirchen nach ihrer Schnheitsvorstellung
gebaut, noch mehr Kirchen aber durch zahllose Zubauten, durch
Aufstellung von Altren, durch Umnderungen entstellt und uns eine
sehr groe Zahl solcher Denkmale hinterlassen haben, ist in so
ferne noch hher als das unsere, indem es auch auf Erbauung von
Gotteshusern ausging, auf Darstellung eines Schnen und Kirchlichen,
wenn es sich auch in dem Wesen des Schnen von den Vorbildern
der frheren Jahrhunderte entfernt hat. Wenn unsere Zeit von dem
Stofflichen wieder in das Hhere bergeht, wie es den Anschein
hat, werden wir in Baugegenstnden nicht auch gleich das Schne
verwirklichen knnen. Wir werden Anfangs in der bloen Nachahmung
des als schn Erkannten aus lteren Zeiten befangen sein, dann wird
durch den Eigenwillen der unmittelbar Betrauten manches Ungereimte
entstehen, bis nach und nach die Zahl der heller Blickenden grer
wird, bis man nach einer allgemeineren und begrndeteren Einsicht
vorgeht und aus den alten Bauarten neue, der Zeit eigentmlich
zugehrige, entsprieen.

In der Kirche, welche wir eben gesehen haben, sagte ich, liegt nach
meiner Meinung eine eigentmliche Schnheit, da es nicht begreiflich
ist, wie eine Zeit gekommen ist, in welcher man es verkennen und so
Manches hinzufgen konnte, was vielleicht schon an sich unschn ist,
gewi aber nicht pat.

Es waren rauhe Zeiten ber unser Vaterland gekommen, erwiderte er,
welche nur in Streit und Verwstung die Krfte bten und die tieferen
Richtungen der menschlichen Seele ausrotteten. Als diese Zeiten
vorber waren, hatte man die Vorstellung des Schnen verloren, an
seine Stelle trat die bloe Zeitrichtung, die nichts als schn
erkannte als sich selber und daher auch sich selber berall
hinstellte, es mochte passen oder nicht. So kam es, da rmische oder
korinthische Simse zwischen altdeutsche Sulen gefgt wurden.

Aber auch unter den altdeutschen Kirchen ist diese, welche wir
verlassen haben, wenn ich nach den Kirchen, die ich gesehen habe,
urteilen darf, eine der schnsten und edelsten, sagte ich.

Sie ist klein, erwiderte mein Gastfreund, aber sie bertrifft
manche groe. Sie strebt schlank empor wie Halme, die sich wiegen, und
gleicht auch den Halmen darin, da ihre Bgen so natrlich und leicht
aufspringen wie Halme, die da nicken. Die Rosen in den Fensterbgen,
die Verzierungen an den Sulenknufen, an den Bogenrippen, so wie die
Rose der Turmspitze sind so leicht wie die verschiedenen Gewchse, die
in dem Halmenfelde sich entwickeln.

Darum berkam mich auch wieder ein Gedanke, antwortete ich, den ich
schon fter hatte, da man nehmlich die Fassung von Edelsteinen im
Sinne altdeutscher Baudenkmale einrichten sollte, und da man dadurch
zu schneren Gestaltungen kme.

Wenn ihr den Gedanken so nehmet, erwiderte er, da sich die, welche
Edelsteine fassen, im Sinne der alten Baumeister bilden sollen, welche
Wrdiges und Schnes auf einfache und erhebende Art darstellten,
so drftet ihr, glaube ich, recht haben. Wenn ihr aber meint, da
Gestaltungen, welche an mittelalterlichen Gebuden vorkommen, im
verkleinerten Mastabe sofort als Schmuckdinge zu gebrauchen seien, so
drftet ihr euch irren.

So habe ich es gemeint, sagte ich.

Wir haben schon einmal ber diesen Gegenstand gesprochen, erwiderte
er, und ich habe damals selber auf die altertmliche Kunst als die
Grundlage von Schmuck hingewiesen; aber ich habe damit nicht blo
die Baukunst gemeint, sondern jede Kunst, auch die der Gerte,
der Kirchenstoffe, der weltlichen Stoffe, die Malerkunst, die
Bildhauerkunst, die Holzschneidekunst und hnliches. Auch habe ich
nicht die unmittelbare Nachahmung der Gestaltungen gemeint, sondern
die Erkennung des Geistes, der in diesen Gestaltungen wohnt, das
Erfllen des Gemtes mit diesem Geiste, und dann das Schaffen in
dieser Erkenntnis und in diesem Erflltsein. Es steht der bertragung
der baulichen Gestaltungen auf Schmuck auch ein stoffliches Hindernis
entgegen. Die Gebude, an denen der Schnheitssinn besonders zur
Ausprgung kam, waren immer mehr oder weniger ernste Gegenstnde:
Kirchen, Palste, Brcken und im Altertume Sulen und Bgen. Im
Mittelalter sind die Kirchen weit das berwiegende; bleiben wir also
bei ihnen. Um den Ernst und die Wrde der Kirche darzustellen, ist der
Stoff nicht gleichgltig, aus dem man sie verfertiget. Man whlte den
Stein als den Stoff, aus dem das Groartigste und Gewaltigste von dem,
was sich erhebt, besteht, die Gebirge. Er leiht ihnen dort, wo er
nicht von Wald oder Rasen berkleidet ist, sondern nackt zu Tage
steht, das erhabenste Ansehen. Daher gibt er auch der Kirche die
Gewalt ihres Eindruckes. Er mu dabei mit seiner einfachen Oberflche
wirken und darf nicht bemalt oder getncht sein. Das Nchste unter dem
Emporstrebenden, was sich an das Gebirge anschliet, ist der Wald. Ein
Baum bt nach dem Felsen die grte Macht. Daher ist die Kirche in
Wrde und knstlerischem Ansehen auch noch von Holz denkbar, sobald es
nicht bemalt und nicht bestrichen ist. Eine eiserne Kirche oder gar
eine von Silber knnte nicht anders als widrig wirken, sie wrde nur
wie roher Prunk aussehen, und von einer Kirche aus Papier, gesetzt,
man knnte den Wnden auf die Dauer Widerstand gegen Wetter und den
Verzierungen durch Pressen oder dergleichen die schnsten Gestalten
geben, wendet sich das Herz mit Widerwillen und Verachtung ab. Mit dem
Stoffe hngt die Gestaltung zusammen. Der Stein ist ernst, er strebt
auf und lt sich nicht in die weichsten, feinsten und gewundensten
Erscheinungen biegen. Ich rede von dem Bausteine, nicht von dem
Marmor. Daher hat man die Gestalten der Kirche aus ihm emporstrebend,
einfach und stark gemacht, und wo Biegungen vorkommen, sind sie mit
Ma und mit einem gewissen Adel ausgefhrt und berladen nicht die
Wnde und die andern Bildungen. In der Zeit, als sie das bergewicht
zu bekommen anfingen, hrte auch die strenge Schnheit der Kirchen auf
und die Niedlichkeit begann. Zu den Fassungen unseres Schmuckes nehmen
wir Metall, und zwar meistens Gold. Das Metall aber hat wesentlich
andere Merkmale als der Stein. Es ist schwerer; darf also, ohne uns zu
drcken, nicht in greren Stcken angewendet worden, sondern mu in
zarte Gestaltungen auseinander laufen.

Dabei hat es unter allen Stoffen die grte Biegsamkeit und
Dehnbarkeit, wir glauben ihm daher die khnsten Windungen und
Verschlingungen und fordern sie von ihm. Die Bildungen, besonders
Zieraten aus Gold, knnen daher nicht genau dieselben sein wie die aus
Stein, wenn beide schn sein sollen. Aber aus dem inneren Geiste des
einen, glaube ich, kann man recht gut und soll man den innern Geist
des andern kennen, und es drfte Treffliches heraus kommen.

Ich vermochte gegen diese Ansicht nichts Wesentliches einzuwenden.
Eustach fhrte sie noch genauer durch Beispiele aus, die er von
bekannten Steingestaltungen an Kirchen hernahm. Er zeigte, wie eine
gelufige, leichte, kirchliche Steinbildung, wenn man sie etwa aus
Gold machen lasse, sogleich schwer, trg und unbeholfen werde, und
er zeigte auch, wie man nach und nach die Steingestaltung umwandeln
msse, da sie zu einer fr Gold tauge, und da lebendig und
eigentmlich werde. Er versprach mir, da er mir ber diese
Angelegenheit, wenn wir nach Hause gekommen sein wrden, Zeichnungen
zeigen wrde. Ich sah hieraus, wie sehr meine Freunde ber diesen
Gegenstand nachgedacht haben und wie sie tatschlich in ihn
eingegangen seien.

Es sind aber nicht blo die uerlichkeiten an unserer Kirche sehr
schn, fuhr mein Gastfreund fort, sondern die Gestalten der Heiligen
auf dem Altare und in den Nischen sind schner, als man sie sonst
meistens aus dem Zeitalter, aus welchem die Kirche stammt, zu sehen
gewohnt ist. Wenn ich sagte, da die griechischen Bildergestalten eine
grere sinnliche Schnheit haben als die aus dem Mittelalter, so ist
dieses nicht ausnahmslos so. Es gibt auch hchst liebliche Gestalten
aus dem Mittelalter, und wo keine Verzeichnung ist und wo sich
Sinnlichkeit zeigt, sind sie meistens wrmer als die griechischen. In
der kleinen Kirche ist hnliches vorhanden, deshalb habe ich so gerne
ihre Wiederherstellung bernommen, deshalb bedaure ich, da meine
Mittel nicht so gro sind, die gnzliche Vollendung herbeifhren zu
knnen, und deshalb habe ich so sehr nach den Gestalten, die in den
Nischen fehlen, suchen lassen, um so viel als mglich die Kirche zu
bevlkern, wenn auch der Gedanke Raum hatte, da vielleicht nicht
einmal alle Gestalten fertig geworden und alle Pltze besetzt gewesen
seien. Vielleicht steht einmal eine hhere und allgemeinere Kraft
auf, die diese und noch wichtigere Kirchen wieder in ihrer Reinheit
darstellt.

Wir kamen am zweiten Tage in dem Asperhofe an, und ich sagte, da ich
nun nicht mehr lange da verweilen knne. Mein Gastfreund erwiderte,
da er in einigen Tagen in den Sternenhof fahren werde, da er mich
einlade, ihn zu begleiten und da ich bis dahin noch bei ihm bleiben
mge.

Ich erklrte, da bei mir wohl einige Tage keinen wesentlichen
Unterschied machten, da ich aber doch wnsche, bald zu meinen Eltern
zurckkehren zu knnen.

So war der Abend vor der Abreise in den Sternenhof gekommen, und
mein Gastfreund sagte an demselben in einem gelegenen Augenblicke zu
mir: Ihr tretet nun zu jemandem, der mir nahe ist, in ein inniges
Verhltnis; es ist billig, da ihr alles wisset, wie es in dem
Sternenhofe ist und in welchen Beziehungen ich zu demselben stehe. Ich
werde euch alles darlegen. Damit ihr aber in noch viel grerer Ruhe
seid und mit Klarheit das Mitgeteilte aufnehmen knnet, so werde ich
es euch erzhlen, wenn ihr wieder in den Asperhof kommt. Ihr werdet
jetzt zu euren Eltern gehen, wie ihr sagt, um ihnen zu berichten, wie
ihr aufgenommen worden seid und wie die Angelegenheit steht. Wenn ihr
dann nach eurem beliebigen Willen wieder zu mir kommt, sei es zu was
immer fr einer Zeit, so werdet ihr willkommen sein und bereitwilligen
Empfang finden.


Am anderen Morgen sa ich nebst Gustav mit ihm in dem Wagen, und wir
fuhren dem Sternenhofe zu.

Wir wurden dort so freundlich und heiter aufgenommen wie immer, ja
noch freundlicher und heiterer als sonst. Die Zimmer, welche wir immer
bewohnt hatten, standen fr uns, wie fr Personen, welche zu der
Familie gehrten, in Bereitschaft. Natalie stand mit lieblichen Mienen
neben ihrer Mutter und sah ihren lteren Freund und mich an. Ich
grte mit Ehrerbietung die Mutter und fast mit gleicher Ehrerbietung
die Tochter. Gustav war etwas schchterner als sonst und blickte
bald mich, bald Natalien an. Wir sprachen die gewhnlichen
Bewillkommungsworte und andere unbedeutende Dinge. Dann verfgten wir
uns in unsere Zimmer.

Noch an demselben Tage und am nchsten besah mein Gastfreund
verschiedene Dinge, welche zur Bewirtschaftung des Gutes gehrten,
besprach sich mit Mathilden darber, besuchte selbst ziemlich
entfernte Stellen und ordnete im Namen Mathildens an. Auch die
Arbeiten in der Hinwegschaffung der Tnche von der Auenseite des
Schlosses besah er. Er stieg selber auf die Gerste, untersuchte die
Genauigkeit der Hinwegschaffung der aufgetragenen Kruste und die
Reinheit der Steine. Er prfte die Gre der in einer gewhnlichen
Zeit vollbrachten Arbeit und gab Auftrge fr die Zukunft. Wir waren
bei den meisten dieser Beschftigungen gemeinschaftlich zugegen.

Man behandelte mich auf eine ausgezeichnete Art. Mathilde war so
sanft, so gelassen und milde wie immer. Wer nicht genauer geblickt
htte, wrde keinen Unterschied zwischen sonst und jetzt gewahr
geworden sein. Sie war immer gtig und konnte daher nicht gtiger
sein. Ich empfand aber doch einen Unterschied. Sie richtete das Wort
so offen an mich wie frher; aber es war doch jetzt anders. Sie fragte
mich oft, wenn es sich um Dinge des Schlosses, des Gartens, der
Felder, der Wirtschaft handelte, um meine Meinung, wie einen, der
ein Recht habe und der fast wie ein Eigentmer sei. Sie fragte gewi
nicht, um meine Meinung so grndlich zu wissen; denn mein Gastfreund
gab die besten Urteile ber alle diese Gegenstnde ab, sondern sie
fragte so, weil ich einer der ihrigen war. Sie hob aber diese Fragen
nicht hervor und betonte sie nicht, wie jemand getan htte, bei dem
sie Absicht gewesen wren, sondern sie empfand das Zusammengehrige
unseres Wesens und gab es so. Mir ging diese Behandlung ungemein lieb
in die Seele. Mein Gastfreund war wohl beinahe gar nicht anders; denn
sein Wesen war immer ein ganzes und geschlossenes; aber auch er schien
herzlicher als sonst.

Gustav verlor sein anfngliches schchternes Wesen. Obwohl er auch
jetzt noch kein Wort sagte, welches auf unser Verhltnis anspielte -
das taten auch die anderen nicht, und er hatte eine zu gute Erziehung
erhalten, um, obgleich er noch so jung war, hierin eine Ausnahme zu
machen -, so ging er doch zuweilen pltzlich an meine Seite, nahm mich
bei einem Arme, drckte ihn oder nahm mich bei der Hand und drckte
sie mit der seinen. Nur mit Natalie war es ganz anders. Wir waren
beinahe scheuer und fremder, als wir es vor jenem Hervorleuchten des
Gefhles in der Grotte der Brunnennymphe gewesen waren. Ich durfte
sie am Arme fhren, wir durften mit einander sprechen; aber wenn
dies geschah, so redeten wir von gleichgltigen Dingen, welche weit
entfernt von unseren jetzigen Beziehungen lagen. Und dennoch fhlte
ich ein Glck, wenn ich an ihrer Seite ging, da ich es kaum mit
Worten htte sagen knnen. Alles, die Wolken, die Sterne, die Bume,
die Felder schwebten in einem Glanze, und selbst die Personen ihrer
Mutter und ihres alten Freundes waren verklrter. Da in Natalien
hnliches war, wute ich, ohne da sie es sagte.

Wenn wir an dem Scheunentore des Meierhofes vorbeigingen oder an
einer anderen Tr oder an einem Felde oder sonst an einem Platze, auf
welchem gearbeitet wurde, so traten die Menschen zusammen, blickten
uns nach und sahen uns mit denselben bedeutungsvollen Augen an, mit
denen man mich in dem Asperhofe angeschaut hatte. Es war mir also
klar, da man auch hier wute, in welchen Beziehungen ich zu der
Tochter des Hauses stehe. Ich htte es auch aus der greren
Ehrerbietung der Diener heraus lesen knnen, wenn es mir nicht schon
sonst deutlich gewesen wre. Aber auch hier wie in dem Asperhofe
bemerkte ich, da es etwas Freundliches war, etwas, das wie Freude
aussah, was sich in den Mienen der Leute spiegelte. Sie muten also
auch hier mit dem, was sich vorbereitete, zufrieden sein. Ich war
darber tief vergngt; denn auf welchem Stande der Entwickelung die
Leute immer stehen mgen, so ist es doch gewi, wie ich aus dem
Umgange mit vielen Menschen reichlich erfahren habe, da Geringere die
Hheren oft sehr richtig beurteilen und namentlich, wenn Verbindungen
geschlossen werden, seien es Freundschaften, seien es Ehen, mit
richtiger Kraft erkennen, was zusammen gehrt und was nicht. Da sie
mich also zu Natalien gehrig ansahen, erfllte mich mit nachhaltender
inniger Freude.

Wie Natalie ber diese Kundgebungen der Leute dachte, konnte ich nicht
erkennen.

Nachdem so drei Tage vergangen waren, nachdem wir die verschiedensten
Stellen des Schlosses, des Gartens, der Felder und der Wlder
gemeinschaftlich besucht hatten, nachdem wir auch manchen Augenblick
in den Gemldezimmern und in denen mit den altertmlichen Gerten
zugebracht und an Verschiedenem uns erfreut hatten, nachdem endlich
auch alles, was in Angelegenheiten des Gutes zu besprechen und zu
ordnen war, zwischen Mathilden und meinem Gastfreunde besprochen
und geordnet worden war, wurde auf den nchsten Tag die Abreise
beschlossen. Wir verabschiedeten uns auf eine hnliche Weise, wie wir
uns bewillkommt hatten, der Wagen war vorgefahren, und wir schlugen
die Richtung zurck ein, in der wir vor vier Tagen gekommen waren.


Ich fuhr mit meinem Gastfreunde nur bis an die Poststrae und auf
derselben bis zur ersten Post. Dort trennten wir uns. Er fuhr auf
Nebenwegen dem Asperhofe zu, weil er mir zu lieb einen Umweg gemacht
hatte, ich aber schlug mit Postpferden die Richtung gegen das Kargrat
ein. Ich war entschlossen, im Kargrat fr jetzt ganz abzubrechen und
also die Gegenstnde, die ich noch dort hatte, fortschaffen zu lassen.
Als ich in dem kleinen Orte eingetroffen war, richtete ich meine
Verhltnisse zurecht, lie meine Dinge einpacken und schickte sie
fort. Ich nahm von dem Pfarrer, welchen ich kennen gelernt hatte,
Abschied, verabschiedete mich auch von meinen Wirtsleuten und von den
anderen Menschen, die mir bekannt geworden waren, sagte, da ich nicht
wei, wann ich in das Kargrat zurckkehren werde, um meine Arbeiten,
welche ich wegen eines schnell eingetretenen Umstandes hatte abbrechen
mssen, fortzusetzen, und reiste wieder ab.

Ich ging jetzt in das Lauterthal, um es zu besuchen. Es war in der
Richtung nach meiner Heimat ein geringer Umweg, und ich wollte das
Tal, das mir lieb geworden war, wieder sehen. Besonders aber fhrte
mich ein Zweck dahin. Obwohl ich wenig Hoffnung hatte, da mein
Auftrag, den ich in dem Tale gegeben hatte, zu forschen, ob sich nicht
doch noch die Ergnzungen zu den Vertflungen meines Vaters fnden,
einen Erfolg haben werde, so wollte ich doch nicht nach Hause reisen,
ohne in dieser Hinsicht Nachfrage gehalten zu haben. Die gewnschten
Ergnzungen hatten sie zwar nicht gefunden, auch keine Spur zu
denselben war entdeckt worden; aber manche Leute hatte ich gesehen,
denen ich in frheren Tagen geneigt worden war, Gegenstnde hatte ich
erblickt, von denen ich in vergangenen Jahren zu meinem Vergngen
umringt gewesen war.

Ich ging auch in das Rothmoor. Dort fand ich die Arbeiten noch in
einem hheren Mae entwickelt und im Gange, als sie es bei meiner
letzten Anwesenheit gewesen waren. Von mehreren Orten hatte man
Bestellungen eingesendet, selbst von unserer Stadt, wo das Becken der
Einbeere bekannt geworden war und manchen Beifall gefunden hatte,
waren Briefe geschickt worden. Fremde kamen zu Zeiten in diese
abgelegene Gegend, machten Kufe und hinterlieen Auftrge. Ich sah
also, da sich Manches hier gebessert habe, betrachtete die Arbeiten
und bestellte auch wieder einige neue, weil ich teils noch Stcke
schnen Marmors hatte, aus denen irgend etwas gemacht werden konnte
und weil anderen Teils in dem Garten des Vaters zur Brstung oder zu
anderen Stellen noch Gegenstnde fehlten. Die Leute hatten mich recht
freundlich und zuvorkommend empfangen, sie zeigten mir, was im Gange
war, welche Verbesserungen sie eingefhrt hatten und welche sie noch
beabsichtigen. Sie lieen hiebei nicht unerwhnt, da ich der kleinen
Anstalt immer zugetan gewesen sei und da ich zu den Verbesserungen
manchen Anla und manchen Fingerzeig gegeben habe. Ich drckte meine
Freude ber alles das aus und versprach, da ich, wenn ich in die Nhe
kme, jederzeit recht gerne einen kurzen Besuch in dem Rothmoor machen
wrde.

Nach diesem unbedeutenden Aufenthalte im Lauterthale und im Rothmoor
setzte ich meine Reise zu meinen Eltern ohne weitere Verzgerung fort.



Die Mitteilung

Zu Hause hatten sie mich noch nicht erwartet, weil ich ihnen durch
meinen Brief angezeigt hatte, da ich mit meinem Gastfreunde eine
kleine Reise zu einer altertmlichen Kirche machen wrde. Auch hatten
sie sich vorgestellt, da ich noch einmal in meinen Aufenthaltsort
in das Hochgebirge gehen und mich auf der Rckreise eine Zeit in dem
Sternenhofe aufhatten werde. Sie irrten aber; denn obwohl ich in
beiden Orten war, war ich doch nicht lange dort, und es drngte mein
Herz, den Meinigen zu erffnen, wie meine Angelegenheiten stehen. Als
ich dieses getan hatte, waren sie bei Weitem weniger ergriffen, als
ich erwartet hatte. Sie freuten sich, aber sie sagten, sie htten
gewut, da es so sein werde, ja sie htten seit Jahren die jetzige
Entwicklung schon geahnt. Im Rosenhause und im Sternenhofe, meinten
sie, wrde man mich nicht so freundschaftlich und gtig behandelt
haben, wenn man mich nicht lieb gehabt und wenn man nicht selbst das,
was sich jetzt ereignet hat, als etwas Angenehmes betrachtet htte,
dessen Spuren man ja doch habe entstehen sehen mssen. So lieb mir
diese Ansicht war, weil sie die Gesinnungen meiner Angehrigen gegen
mich ausdrckte, so konnte ich doch nicht umhin, zu denken, da nur
die Meinigen die Sache so betrachten, weil sie eben die Meinigen sind,
und da sie mich auch darum des Empfangenen fr wrdig erachteten. Ich
aber wute es anders, weil ich Natalien und ihre Umgebung kannte und
ihren Wert zu ahnen vermochte. Ich konnte das, was mir begegnete, nur
als ein Glck ansehen, welches mir ein gnstiges Schicksal entgegen
gefhrt hatte und dessen immer wrdiger zu werden ich mich bestreben
msse.

Mein Vater sagte, es sei alles gut, die Mutter lie in wehmtiger und
freudiger Stimmung immer wieder die Worte fallen, da denn so gar
nichts fr ein so wichtiges Verhltnis vorbereitet sei; die Schwester
sah mich fter sinnend und betrachtend an.

Ich sprach die Bitte aus, da die Eltern mir nun beistehen mten,
das, was in den gegenwrtigen Verhltnissen zu tun sei, auf das
Schicklichste zu tun, und ich legte auch den Wunsch dar, da ich nach
des Vaters Ansicht eine grere Reise unternehmen mchte.

Es sind mehrere Dinge ntig, sagte der Vater. Zuerst, glaube ich,
erwartet man von deinen Eltern eine Annherung an sie; denn die
Angehrigen der Braut knnen sich nicht schicklich zuerst den
Angehrigen des Brutigams vorstellen. Auerdem hat mir dein
Gastfreund Liebes erwiesen, was ich ihm noch nicht habe vergelten
knnen. Ferner hat dir dein Gastfreund Mitteilungen zu machen, die
er fr notwendig hlt; und endlich solltest du wirklich, wie du
auch selber wnschest, eine grere Reise machen, um wenigstens im
Allgemeinen Menschen und Welt nher kennen zu lernen. Was deine
Gegenleute tun werden, ist ihre Sache, und wir mssen es erwarten.
Unsere Angelegenheit ist jetzt, das, was uns obliegt, auf solche Weise
zu tun, da wir uns weder vordrngen noch da etwas geschehe, was
wie geringere Achtung dessen ausshe, was uns durch diese Verbindung
geboten wird. Ich glaube, die natrlichste Ordnung wre folgende. Du
mut zuerst die Mitteilungen deines Freundes anhren, weil sie dir
zuerst ohne Bedingung angetragen worden sind. Dann werde ich mit
deiner Mutter eine Reise zur Mutter deiner Braut machen und bei dieser
Gelegenheit deinen Gastfreund besuchen. Endlich magst du den Vorschlag
tun, da du eine Reise zu hherer Ausbildung zu unternehmen wnschest.
Weil aber dein Gastfreund selber gesagt hat, da du, ehe er dir seine
Mitteilungen macht, zu grerer Ruhe kommen sollst, und weil es
andererseits unziemend wre, zu sehr zu drngen, so kannst du nicht
jetzt sogleich zu ihm gehen und ihn um seine Erffnungen bitten,
sondern du mut eine Zeit verflieen lassen und ihn spter, vielleicht
im Winter, besuchen. Dadurch sieht er auch, da du einerseits nicht
zudringlich bist und da du andererseits, da du in ungewohnter
Jahreszeit zu ihm kmmst, doch die Sehnsucht zu erkennen gibst, deine
Sache zu frdern. Und damit du gewisser zu der erforderlichen Ruhe
gelangest, schlage ich dir vor, mich auf einer kleinen Reise in meine
Geburtsgegend zu begleiten, die wir in Krze antreten knnen.

Wenn du dann im Winter zu deinem Gastfreunde kmmst, so kannst du ihm
unsere Gre bringen und ihm sagen, da wir mit Beginn der schneren
Jahreszeit kommen und fr dich um die Hand der Tochter seiner Freundin
werben werden.

Alle waren mit diesem Vorschlage vollkommen einverstanden. Besonders
freute sich die Mutter, als sie hrte, da der Vater von freien
Stcken auf einen Reiseplan gekommen sei, dessen Richtung sie gar
nicht erraten htte.

Ich mu mich ja ben, erwiderte er, wenn ich im Frhlinge eine
Reise in das Oberland bis in die Nhe der Gebirge antreten soll, die
uns auch in den Rosenhof bringt und wei Gott wie weit noch fhren
kann; denn wenn Leute, die immer zu Hause sind, einmal von der
Wanderungslust ergriffen werden, dann knnen sie auch ihres Reisens
kein Ende finden und besuchen Gegend um Gegend.

Ich aber sagte hierauf: Weil Klotilde nie die Gebirge gesehen hat,
weil sie in dieser ganzen Angelegenheit am weitesten zurckgesetzt
ist, weil ich ihr immer versprochen habe, sie in die Berge zu fhren,
und weil die Erfllung dieses Versprechens durch meine grere
Reise wieder hinaus geschoben werden knnte: so mache ich ihr den
Vorschlag, mit mir, wenn ich mit dem Vater von unserer kleinen Reise
zurckgekommen bin, einen Teil des Herbstes in dem Hochgebirge
zuzubringen. Die Tage des Herbstes, selbst die des Sptherbstes,
sind in den Gebirgen meistens sehr schn, und wir knnen in den
klaren Lften weiter herum sehen, als es oft in dem schwlen und
gewitterreichen Dunstkreise der Monate Juni oder Juli mglich ist.

Klotilde nahm diesen Vorschlag mit Freude an, und ich versprach ihr,
in den Tagen, die noch bis zu meiner Abreise mit dem Vater verflieen
werden, alles anzugeben, was sie an Kleidern und sonstigen Dingen zu
der Gebirgsreise bedrfe, welche Gegenstnde sie dann whrend meiner
Abreise vorrichten lassen knne.

Wenn ich zu den Mitteilungen meines Freundes an Ruhe gewinnen mu߫,
setzte ich hinzu, so knnten diese Reisen das beste Mittel dazu
abgeben.

Der Vater und die Mutter waren mit meinem Vorschlage sehr zufrieden.
Die Mutter sagte nur, sie werde an den Vorbereitungen Klotildens
mitarbeiten und besonders darauf sehen, da alles vorhanden sei, was
zu dem Schutze der Gesundheit gehre.

Ich erwiderte, da das sehr gut sei und da ich auch bei der Reise
selber alle Maregeln ergreifen werde, da Klotildens Gesundheit
keinen Schaden leide.

Wir fingen wirklich am andern Tage an, die Dinge zu bereden, welche
Klotilde zur Reise brauche. Sie ging rstig an die Anschaffung. Ich
entwarf ein Verzeichnis der Notwendigkeiten, welches ich nach und
nach ergnzte. Als einige Zeit verflossen war, glaubte ich es so
vervollstndigt zu haben, da nun nicht leicht mehr etwas Wesentliches
vergessen werden konnte.


Indessen rckte auch der Tag heran, an welchem ich mit dem Vater
abreisen sollte.

Am frhen Morgen desselben setzten wir uns in den leichten Reisewagen,
dessen sich der Vater immer bedient hatte, wenn er grere
Entfernungen zurcklegen mute. Jetzt war er lange nicht mehr aus dem
Wagenbehltnis gekommen. Auf Anordnung der Mutter wurde er einige
Tage vorher von Sachkundigen genau untersucht, ob er nicht heimliche
Gebrechen habe, welche uns in Schaden bringen knnten. Als dies
einstimmig verneint worden war, gab sie sich zufrieden. Wir hatten
Postpferde, wechselten dieselben an gehrigen Orten und hielten uns in
ihnen so lange auf, als es uns beliebte. Gegen jeden Abend lie der
Vater noch bei Tageslicht halten, es wurde das Nachtlager bestellt und
wir machten vor dem Abendessen einen Spaziergang. In diesen Tagen, an
denen ich mehr Stunden hintereinander ununterbrochen mit dem Vater
zubrachte, als dies je vorher der Fall gewesen war, sprach ich
auch mehr mit ihm als je zu einer anderen Zeit. Wir sprachen von
Kunstdingen: er erzhlte mir von seinen Bildern, sagte mir Manches
ber ihre Erwerbung, was ich noch nicht wute, und verbreitete sich in
guter Rede ber ihren Kunstwert, er kam auf seine Steine und erklrte
mir Manches; wir ergingen uns in Bchern, die uns beiden gelufig
waren, setzten ihren Wert, wenn er dichterisch oder wissenschaftlich
war, auseinander und erinnerten uns gegenseitig an Teile des Inhaltes;
wir sprachen auch von Zeitereignissen und von der Lage unsers Staates.

Er erzhlte mir endlich von seinem kaufmnnischen Geschfte und machte
mich mit dessen Grundlagen und Stellungen bekannt. Er zeigte mir Teile
der Gegend, durch die wir fuhren, und unterrichtete mich von dem
Schicksale mancher Familie, die in diesem oder jenem Abschnitte der
Landschaft wohnte. Unter diesen Verhltnissen kamen wir am vierten
Tage an dem Orte unserer Bestimmung an. Die Gegend war mir vllig
unbekannt, weil mich meine Wanderungen nie hieher getragen hatten.

Am Saume des Waldes, der den Norden unseres Landes begrenzt, ging ein
Tal hin, das einst Wald gewesen war und das jetzt zerstreute Huser,
einzelne Felder, Wiesen, Felsen, Schluchten und rinnende Wasser in
seinem Bereiche hegte. Eines der Huser, halb aus Holz gezimmert und
halb gemauert, war das Geburtshaus meines Vaters. Es stand am Rande
eines Wldchens, das von dem groen Walde herstammte, der einst diese
ganzen Gegenden bedeckt hatte. Es war gegen West durch eine Gruppe
sehr groer und dicht stehender Buchen gedeckt. da ihm die Winde
von dorther wenig anhaben konnten, hatte gegen Ost den Schutz eines
Felsens, im Norden den des groen Waldbandes und schaute gegen Sden
auf seine nicht unbetrchtlichen Wiesen und Felder, deren Ergiebigkeit
in Getreide gering, in Futterkrutern auerordentlich war, weshalb der
grere Reichtum auch in Herden bestand. Wir fuhren in das Gasthaus
des Tales, lieen unsere Reisedinge abpacken, bestellten uns auf
einige Tage Wohnung und besuchten dann die sehr entfernten Verwandten,
welche jetzt des Vaters Stammhaus bewohnten. Es war gegen Mittag.
Sie nahmen uns, da wir uns entdeckt hatten, sehr freundlich auf und
verlangten, da wir unser Gepcke holen lassen und bei ihnen wohnen
sollten. Nur auf die dringenden Vorstellungen des Vaters, da wir
ihnen die Bequemlichkeit nhmen und selber keine gewnnen, gaben sie
nach und verlangten nur noch, da wir zum bevorstehenden Mittagessen
bei ihnen bleiben sollten, was wir annahmen.

Da wir nun in der groen Wohnstube saen, zeigte mir der Vater den
gerumigen Ahorntisch, bei dem er und seine Geschwister ihre Nahrung
eingenommen hatten. Der Tisch war alt geworden, aber der Vater sagte,
da er noch in derselben Ecke stehe, von den zwei Fenstern beglnzt
und von der hereinscheinenden Sonne beleuchtet wie einst. Er zeigte
mir seine gewesene, neben der Stube befindliche Schlafkammer.

Dann gingen wir hinaus, er wies mir die Treppe, die auf den hlzernen
Gang fhrte, welcher rings um den Hof lief, und den Quell, der sich
noch immer mit hellem Wasser in den Granittrog ergo, welchen schon
sein Urgrovater hatte hauen lassen, er wies mir den Stall, die
Scheune und hinter ihr den Waldweg, auf dem er, noch ein halbes Kind,
mit einem Stabe in der Hand die Heimat verlassen habe, um in der
Fremde sein Glck zu suchen. Wir gingen sogar in das Freie und dort
herum. Der Vater blieb hufig stehen und erinnerte sich noch der
Fruchtgattungen, welche auf verschiedenen Stellen gestanden waren,
als er mit einem Tfelchen, darauf sich rote und schwarze Buchstaben
befanden, in das eine Viertelstunde entlegene hlzerne Haus ging, das
an der Strae stand, von Buchen umgeben war und die Schule fr alle
Kinder des Tales vorstellte. Er sagte, es sei alles noch wie zur Zeit
seiner Kindheit, die nehmlichen Begrenzungen, die nehmlichen kleinen
Feldwege und dieselben Wassergrben und Quellrinnsale. Er sagte, es
sei ihm, als stnden sogar dieselben Arnicablumen auf der Wiese, die
er als Knabe angeschaut habe, und da er mich zu dem Steinbhl gefhrt
hatte, der am Rande der Felder lag, so ragten die Himbeerzweige
empor, rankten sich die dornenreichen Brombeerreben um die Steine und
wucherten die Erdbeerbltter, gerade wie die, von denen er als Knabe
gepflckt hatte. Vom Steinbhl gingen wir zu dem einfachen Essen, das
wir mit unsern Verwandten verzehrten. Nach demselben besuchten wir mit
dem jetzigen Eigentmer alle Besitzungen. Der Vater sagte, dort habe
sein Vater gepflgt, geeggt, gegraben, hier habe seine Mutter mit der
Schwester, der Magd und den Tagelhnern Heu gemacht, dort seien die
Khe und Ziegen gegen den Wald hinan gegangen wie sie jetzt gehen, und
die Seinigen haben ausgesehen wie die Leute jetzt aussehen.

Als wir zurckgekehrt waren, verabschiedeten wir uns, der Vater dankte
fr die Bewirtung und sagte, da er gegen den Abend noch einmal in das
Haus kommen werde.

Da wir uns in dem Zimmer unseres Gasthofes befanden, ffnete der Vater
seinen Koffer und nahm allerlei Dinge aus demselben hervor, welche
zu Geschenken fr die Bewohner des Hauses bestimmt waren, in dem wir
gespeist hatten. Ich war von ihm nie in die Kenntnis gesetzt worden,
welche Bewohner wir in seinem Vaterhause treffen wrden, er mute sie
wohl auch selber nicht genau gekannt haben. Ich war also nicht mit
Geschenken versehen. Der Vater hatte aber auch fr diesen Fall
gesorgt, er gab mir mehrere Dinge, besonders Stoffe, kleine
Schmucksachen und hnliches, um es bei unserem Abendbesuche in dem
Hause auszuteilen. Er hatte nicht gleich bei seiner Ankunft die
Geschenke mitnehmen wollen, weil er es, obwohl die Leute nur die
gewhnlichen Talbewohner dieser Gegend waren, fr unschicklich hielt,
mit Gaben belastet das Haus zu betreten und ihnen gleichsam sagen zu
wollen: >Ich glaube, da ihr das fr das Wichtigste haltet.< Jetzt
aber war er ihnen etwas schuldig geworden und konnte den Dank fr die
gute Aufnahme abstatten.

Als wir die Geschenke in dem Hause verteilt und dafr die Freude
und den Dank der Empfnger geerntet hatten, die in zwei Eheleuten
mittlerer Jahre, in deren zwei Shnen, einer Tochter und in einer
alten Gromutter bestanden - den Knecht und die zwei Mgde nicht
gerechnet -, war es mittlerweile Nacht geworden, und wir kehrten
wieder in unsere Herberge zurck.

Wir blieben noch vier Tage in der Gegend. Der Vater besuchte in meiner
Begleitung viele Stellen, die ihm einst lieb gewesen waren, einen
kleinen See, einen Felsblock, von dem eine schne Aussicht war, eine
Gartenanlage in einem nicht sehr entfernten schlohnlichen Gebude,
die hlzerne Schule und vor allem die eine und eine halbe Wegestunde
entfernte Kirche, welche das Gotteshaus des Tales war und um welche
der Kirchhof bog, in welchem sein Vater und seine Mutter ruhten. Eine
weie Marmortafel, die er und sein Bruder hatten setzen lassen, ehrte
ihr Angedenken. Sonst ging der Vater auch fast in allen Zeiten des
Tages auf den Wegen der Felder und des Waldes herum.

Am fnften Tage traten wir die Rckreise zu den Unsrigen an.

Wir waren am frhen Morgen noch zu unsern Verwandten gegangen. Sie
waren, wie es bei Landleuten in solchen Fllen gebruchlich ist,
schner angekleidet als sonst und erwarteten uns. Wir nahmen in
herzlicher Weise Abschied. Ich versprach, da ich ohnehin das Wandern
gewohnt sei und viele Gegenden besuche, auch hieher wieder zu kommen
und noch fter in dem kleinen Hause vorzusprechen. Der Vater sagte,
es knne sein, da er wieder komme oder auch nicht, wie es sich eben
beim Alter fge. Man msse erwarten, was Gott gewhre. Die Leute
begleiteten uns in das Gasthaus und blieben da, bis wir den Wagen
bestiegen hatten. Aus den Worten ihres Abschiedes und ihrer
Danksagungen erkannte ich, da der Vater ihnen auch eine Summe Geldes
gegeben haben msse. Sie sahen uns sehr lange nach.

Im Fortfahren war der Vater anfangs ernst und wortkarg, es mochte ihm
das Herz schwer gewesen sein. Spter entwickelte sich bei uns wieder
ein Verkehr der Rede, wie er auf der Herreise gewesen war.

Am Abende des dritten Tages nach unserer Abfahrt waren wir wieder in
dem Hause in der Vaterstadt.

Die Mutter war sehr erfreut, da der Aufenthalt von elf Tagen in der
freien Luft fr den Vater von so wohlttigen Folgen gewesen sei. Seine
Wangen haben sich nicht nur schn rot gefrbt, sie seien auch voller
geworden, und das Auge sei weit klarer, als wenn es immer auf das
Papier seiner Schreibstube geblickt htte.

Das ist nur die Wirkung des Anfangs und eine Folge des Reizes des
Wechsels auf die krperlichen Gebilde, sagte der Vater, im Verlaufe
der Zeit gewhnt sich Blut, Muskel und Nerv an die freie Luft und
Bewegung und das erste rtet sich nicht mehr so, und die letzten
schwellen. Allerdings aber wirkt viel Aufenthalt in freier Luft und
gehrige Bewegung, in welche sich keine Sorgen mischen, weit gnstiger
auf die Gesundheit, als ein stetiges Sitzen in Stuben und ein Hingeben
an Gedanken fr die Zukunft. Wir werden schon einmal, und wer wei wie
nahe die Zeit ist, auch dieses Glck genieen und uns recht darber
freuen.

Wir werden uns freuen, wenn du es genieest, erwiderte die Mutter,
du entbehrst es am meisten und dir ist es am ntigsten. Wir Andern
knnen in unsern Garten und in die Umgebung der Stadt gehen, du suchst
immer die dstere Stube. Weil du es aber schon so oft gesagt hast, so
wird es doch einmal wahr werden.

Es wird wahr werden, Mutter, antwortete der Vater, es wird wahr
werden.

Sie wendete sich an uns, wir sollen besttigen, da der Vater nie so
gesund und so heiter ausgesehen habe als nach dieser kurzen Reise.

Wir gaben es zu.

Nun mute aber auch noch auf eine andere Reise gedacht werden, weil
heuer einmal der Sommer der Reisen war, und wir muten dieselbe ins
Werk setzen, meine und Klotildens Fahrt ins Gebirge. Der Herbst war
schon da, wie ich an den Buchenblttern um das Geburtshaus meines
Vaters hatte wahrnehmen knnen, die bereits im Begriffe waren, die
rote Farbe vor ihrem Abfallen zu gewinnen. Es war keine Zeit mehr zu
verlieren.

Fr Klotilden waren die Vorbereitungen fertig, ich brauchte keine,
weil ich immer in Bereitschaft war, und so konnten wir ungesumt
unsere verabredete Fahrt beginnen.

Die Mutter legte mir das Wohl der Schwester sehr an das Herz, der
Vater sagte, wir sollen die Mue nach unserer besten Einsicht
genieen, und so fuhren wir bei dem Aufgange einer klaren Herbstsonne
aus dem Tore unseres Hauses.

Ich wollte die Schwester, welche ihre erste grere Reise machte,
nicht der Berhrung mit anderen Menschen in einem gemeinschaftlichen
Wagen aussetzen, da man deren Wesen und Benehmen nicht voraus wissen
konnte; deshalb zog ich es vor, mit Postpferden so lange zu fahren,
als es mir gut erscheinen werde, und dann die Art unsers Weiterkommens
im Gebirge je nach der Sachlage zu bestimmen. Es hatte diese Art zu
reisen noch den Vorteil, da ich anhalten konnte, wo ich wollte, und
da ich der Schwester Manches erklren durfte, ohne dabei auf jemand
Rcksicht nehmen zu mssen, der als Zeuge gegenwrtig wre. Auch
konnten wir uns in unseren geschwisterlichen Gesprchen ber unsere
Angehrigen, unser Haus und andere Dinge nach der freien Stimmung
unserer Seele bewegen. Auf diese Art fuhren wir zwei Tage. Ich gnnte
ihr fter Ruhe, da sie ein fortwhrendes Fahren nicht gewohnt war, und
endete immer noch lange vor Abend unsere Tagreise. Wir sahen die Berge
schon immer in der Nhe von einigen Meilen mit unserem Wege gleich
laufen; aber ihre Teile waren hier weniger wichtig. Es war mir uerst
lieblich, die Gestalt der Schwester neben mir in dem Wagen zu wissen,
ihr schnes Angesicht zu sehen und ihren Atem zu empfinden. Ihre
schwesterliche Rede und die frische Weise, alles, was ihr neu war,
in die vollkommen klare Seele aufzunehmen, war mir unaussprechlich
wohlttig.

Am Vormittage des dritten Tages lie ich sie ruhen. Fr den Nachmittag
mietete ich einen Wagen, und wir fuhren von der Poststrae weg gerade
dem Gebirge zu. Unsere Fahrt war von angenehmer und heiterer Stimmung
begleitet, und wir ergingen uns in mannigfaltigen Gesprchen. Als die
blauen Berge in der klaren Luft, die einen milchig grnlichen Schimmer
hatte, uns entgegen traten, leuchtete ihr Auge immer freundlicher
und ihre Mienen waren teilnehmend der Gegend, in die wir fuhren,
zugekehrt. Gleich wie bei dem Vater rteten sich nach dieser
dreitgigen Reise auch ihre zarten Wangen, und ihre Augen wurden
glnzender. So kamen wir endlich an dem Orte an, den ich fr unsere
Nachtruhe bestimmt hatte. An demselben rauschte die grne Afel mit
ihren Gebirgswssern vorber, welches Rauschen durch ein schief ber
das Flubett gezogenes Wehr noch vermehrt wurde. Waldhnge in langen
Rcken begannen schon sich zu erheben, und oberhalb des dunkeln Randes
eines bedeutend hohen Buchenwaldes blickte bereits das rote Haupt
eines im Abende glhenden Berges herein, auf welchem schon einzelne
Strecken von Schnee lagen.

Des andern Tages mietete ich ein Gebirgswgelchen, wie sie zum
Fortkommen auf Wegen, die nicht Poststraen sind, in den Gebirgen am
besten dienen und deren Pferde an die Gegenstnde des Gebirges und an
die Beschaffenheit seiner Wege gewhnt und daher am zuverlssigsten
sind. Wir brachten unsere Sachen in demselben, so gut es ging, unter
und fuhren der glnzenden Afel entgegen, immer tiefer in die Berge
hinein. Ich nannte jeden Namen eines vorzglichen Berges, machte auf
die Bildungen aufmerksam und suchte die Farben, die Lichter und die
Schatten zu errtern. berall begannen schon die Laubwlder die
rtliche und gelbliche Frbung anzunehmen, was den Hauch ber all den
Gestaltungen noch lieblicher machte.

Da ich in eine gewisse Tiefe des Gebirges gekommen war, nderte ich
die Richtung und fuhr nun nach der Lnge desselben hin. Als zwei Tage
vergangen waren und der dritte auch schon dem Nachmittag zuneigte,
blickte uns aus der Tiefe des Tales das Gewsser des Lautersees
entgegen. Wir kamen um den Rcken eines breiten Waldberges herum, und
die Glanzstellen entwickelten sich immer mehr. Endlich lag der grte
Teil des Spiegels unter dem Gezweige der Tannen, der Buchen und
der Ahorne zu unsern Fen. Wir sanken mit unserem Wglein auf dem
schmalen Wege immer tiefer und tiefer, bis wir nach etwa zwei Stunden
an dem Ufer des Sees anlangten und die Steinchen in seinen seichten
Buchten htten zhlen knnen. Wir fuhren an dem Ufer dahin, umfuhren
eine kleine Strecke des Sees und kamen in dem Seewirtshause an. Dort
lohnte ich unsern Fuhrmann ab und mietete uns fr mehrere Tage ein.
Klotilde mute dasselbe Zimmer bekommen, welches ich whrend der
Zeiten meiner Vermessungen des Lautersees innegehabt hatte. Ich
begngte mich mit einem kleineren Stbchen in ihrer Nhe. Man staunte
das schne, und wie man sich ausdrckte, vornehme Mdchen an, und ich
gewann sichtbar an Ansehen, da ich eine solche Schwester hatte.

Alle, die ein Ruder fhren konnten oder die gebt waren, Steigeisen
anzulegen und einen Alpenstock zu gebrauchen, kamen herzu und boten
ihre Dienste an. Ich sagte, da ich sie rufen werde, wenn wir sie
bedrfen und da wir uns dann ihrer Gesellschaft sehr erfreuen wrden.

Zuerst machte ich Klotilden ein wenig in ihrem Zimmerchen wohnhaft.
Ich zeigte ihr bedeutsam Stellen, die sie aus ihren Fenstern sehen
konnte, und nannte ihr dieselben. Ich zeigte ihr, wie ich in
verschiedenen Richtungen auf dem See gefahren war, um seine Tiefe
zu messen, und wie wir uns bald auf dieser, bald auf jener Stelle
des Wassers festsetzen muten. Sie richtete sich Farben und
Zeichnungsgerte zurechte, um zu versuchen, ob sie nicht auch nach der
unmittelbaren Anschauung von den Rumen ihres Zimmerchens aus etwas
von den Gestaltungen, die sie hier sehen konnte, auf das Papier zu
bertragen vermchte.

Die folgenden Tage brachten wir damit zu, in den Umgebungen des
Seehauses Spaziergnge zu machen, damit Klotilde sich ein wenig
in diese Bildungen einlebe. Das vorausgesagte schne Wetter war
eingetroffen, es dauerte fort, und so konnten wir uns der Freude und
dem Vergngen, welche diese Gnge uns gewhrten, um so ungestrter
hingeben, als auch der Stand unserer Gesundheit ein vortrefflicher war
und die Befrchtungen, welche die Mutter und zum Teile auch ich in
Hinsicht Klotildens gehegt hatten, nicht in Erfllung gingen. Wir
schickten von hier aus Briefe nach Hause.

In der Folge der Tage fhrte ich sie auf den See hinaus. Ich fhrte
sie auf die verschiedenen Teile, die entweder an sich schn und
bedeutend waren oder von denen man schne und merkwrdige Anblicke
gewinnen konnte. Ich untersttzte sie mit allen meinen Erfahrungen,
die ich mir durch meine mehrfltigen Aufenthalte in dem Gebirge
gesammelt hatte. Sie nahm alles mit einer tiefen Seele auf, und durch
meine Hilfe waren ihr manche Umwege erspart, welche diejenigen, die
zum ersten Male die Berge besuchen, machen mssen, ehe es ihnen
gelingt, sich die Gre und Erhabenheit der Gebirge aufschlieen zu
knnen. Auf den Seefahrten untersttzten uns zwei junge Schiffer, die
meine steten Begleiter bei meinen Messungen gewesen waren. Wir gingen
auch bergan. Ich hatte Klotilden Fubekleidungen machen lassen,
welche nach Innen weich, nach Auen aber hart und dem rauhen Gerlle
Widerstand leistend waren. Auf dem Haupte trug sie einen bequemen
Schirmhut und in der Hand einen eigens fr sie gemachten Alpenstock.
Wenn wir auf die Hhen kamen, wurde mit Freude die Aussicht genossen.
Klotilde versuchte auch nach der Anschauung etwas zu zeichnen und zu
malen; aber die Ergebnisse waren noch weit mangelhafter als bei mir,
da sie einen geringeren Vorrat von Erfahrung zu dem Versuche brachte.

Nachdem ber eine Woche vergangen war, fhrte ich Klotilden mittelst
eines gleichen Fuhrwerkes, wie wir sie bisher im Gebirge gehabt
hatten, in das Lauterthal und in das Ahornhaus. Dort fanden wir ein
besseres Unterkommen als in dem Seehause, und wir erhielten zwei
nebeneinander befindliche gerumige und freundliche Zimmer, deren
Fenster auf die Ahorne vor dem Hause hinausgingen und durch die gelben
Bltter derselben auf die blauduftigen Hhen sahen, die vom Hause
gegen den Sden standen. Ich zeigte meine Schwester der Wirtin, ich
zeigte sie dem alten Kaspar, der auf die Kunde meiner Ankunft sogleich
herbei gekommen war, und ich zeigte sie den andern, welche sich
gleichfalls reichlich eingefunden hatten. Es war hier ein noch
grerer Jubel als in dem Seehause, es freute sie, da eine solche
Jungfrau in die Berge gekommen und da sie meine Schwester sei. Sie
boten ihre Dienste an und nherten sich mit einiger Scheu.

Klotilde betrachtete alle diese Menschen, die ich ihr als meine
Begleiter und Gehilfen bei meinen Arbeiten vorstellte, mit Vergngen,
sie sprach mit ihnen und lie sich wieder erzhlen. Sie lernte
sich immer mehr in die Art dieser Leute ein. Ich fragte um meinen
Zitherspiellehrer, weil ich Klotilden diesen Mann zeigen wollte und
weil ich auch wnschte, da sie sein auerordentliches Spiel mit
eigenen Ohren hren mchte. Wir hatten zu diesem Zwecke unsere beiden
Zithern in unserm Gepcke mitgenommen. Man sagte mir aber, da seit
der Zeit, als ich ihnen erzhlt habe, da er von meinen Arbeiten
fortgegangen sei, kein Mensch, weder in den nhern noch in den
ferneren Tlern, etwas von ihm gehrt habe. Ich sagte also Klotilden,
da sie keinen andern als die gewhnlichen einheimischen Zitherspieler
werde hren knnen, wie sie dieselben auch bereits gehrt habe und
wie sie ihr anziehender erschienen seien als die Kunstspieler in der
Stadt und als ich, der ich wahrscheinlich ein Zwitter zwischen einem
Kunstspieler und einem Spieler des Gebirges sei. Wir richteten uns in
unserem Zimmer ein und begannen ungefhr so zu leben, wie wir in der
Umgebung des Seehauses gelebt hatten. Ich fhrte Klotilden in das
Echertal zu dem Meister, welcher unsere Zithern verfertiget hatte. Er
besa noch immer die dritte Zither, welche mit meiner und Klotildens
ganz gleich war. Er sagte, es seien zwar Kufer von Zithern gekommen,
die diese gepriesen htten; aber das seien Gebirgsleute gewesen, die
nicht so viel Geld haben, sich eine solche Zither kaufen zu knnen.
Die Andern, welche die Mittel besen, vorzglich Reisende, ziehen
Zithern vor, welche eine schne Ausschmckung haben, wenn sie auch
teurer sind, und lassen die stehen, deren Tugenden sie nicht zu
schtzen wissen. Er spielte ein wenig auf ihr, er spielte mit einer
groen Fertigkeit; aber in jener wilden und weichen Weise, mit
welcher mein schweifender Jgersmann spielte und welche gerade diesem
Musikgerte so zusagte, vermochte weder er zu spielen noch hatte ich
jemanden so spielen gehrt. Ich sagte dem alten Manne, da das Mdchen
meine Schwester sei und da sie auch eine von den drei Zithern
besitze, von denen er sage, da sie die besten seien, die er in seinem
Leben gemacht habe. Er hatte seine Freude darber, gab Klotilden ein
Bndel Saiten und sagte: Es sind meine besten Zithern und werden wohl
auch meine besten bleiben.

Wir besuchten die Tler und einige Berge um das Ahornhaus, und Kaspar
oder ein Anderer waren zuweilen unsere Begleiter und Trger.

Ich fhrte Klotilden auch in das Huschen, in welchem ich die
Pfeilerverkleidungen fr den Vater gekauft hatte, ich fhrte sie
in das steinerne Schlo, in welchen sie ursprnglich gewesen sein
mochten, und ich fhrte sie auch in das Rothmoor, wo sie das Arbeiten
in Marmor betrachten konnte.

Wir blieben lnger in dem Ahornhause, als wir im Seehause
gewesen waren, und alle Menschen waren hier noch freundlicher,
zutraulicher und hilfreicher als dort. Die Wirtin war unermdet
in Dienstanerbietungen gegen meine Schwester. Zu Ende unseres
Aufenthaltes traten hier khle und regnerische Tage ein. Wir
verbrachten sie still in der heitern Wohnlichkeit des Hauses. Aber
aus der Beschaffenheit des Laubes an den Bumen und dem Aussehen der
Herbstpflanzen auf den Matten, aus dem Verhalten der Tiere und aus der
Beschaffenheit des Pelzes derselben erkannte ich, da die dauernde
kalte und unfreundliche Zeit noch nicht gekommen sei und da noch
warme und klare Tage eintreten mssen. Als daher das Wetter sich
wieder aufheiterte, verlie ich mit Klotilden das Ahornhaus und schlug
den Weg in das Kargrat ein.


Ich hatte mich in meinen Voraussetzungen nicht getuscht. Nachdem
zwei halb heitere und khle Tage gewesen waren, die wir mit Fahren
zugebracht hatten, zog wieder ein ganz heiterer, zwar am Morgen
kalter, in seinem Verlaufe aber sich schnell erwrmender Tag ber die
beschneiten Gipfel herauf, dem eine Reihe schner und warmer Tage
folgte, die den Schnee auf den Hhen und den, welcher das Eis der
Gletscher bedeckt hatte, wieder weg nahmen und das letztere so weit
sichtbar machten, als es in diesem Sommer berhaupt sichtbar gewesen
war. Wir hatten am zweiten dieser schnen Tage das Kargrat erreicht.
Die Reise war darum von so langer Dauer gewesen, weil wir kleine
Tagefahrten gemacht hatten und weil wir die Berge hinan und hinab
recht langsam gefahren waren. Wir zogen in die rmlichkeit unserer
Wohnung, die durch die Gre und de der Gegend, von welcher sie
umgeben war, noch mehr herabgedrckt wurde, ein. Am zweiten Tage nach
unserer Ankunft, da alles vorbereitet worden war, folgte mir Klotilde
auf das Simmieis. Es waren Fhrer, Trger von Lebensmitteln und von
Allem, was auf einer solchen Wanderung notwendig oder ntzlich sein
konnte, und endlich auch solche, die eine Snfte hatten, mitgegangen.
Wir waren am ersten Tage bis zur Karzuflucht gekommen. Dort waren wir
in dem aus Holzblcken fr die Besteiger der Karspitze gezimmerten
Huschen ber Nacht geblieben, hatten aus mitgebrachtem Holze Feuer
gemacht und uns unser Abendessen bereitet.

Mit Anbruch des nchsten Tages gingen wir weiter und kamen im Glanze
des Vormittages auf die Wlbung des Gletschers. Da an eine Besteigung
der Karspitze nicht gedacht werden konnte, war natrlich.

Wir betrachteten hier nun, was zu betrachten war, und als sich Klte
in den Gliedern einstellen wollte, traten wir den Rckweg an. In der
Zuflucht wurden wieder Speisen bereitet, und dann gingen wir vollends
hinab. Als wir zurckgekehrt waren, sank mir Klotilde fast erschpft
an das Herz.

Ich legte am andern Tage Klotilden mehrere Zeichnungen, die
ich von Gletschern, ihren Einfassungen, Wlbungen, Spaltungen,
Zusammenschiebungen und dergleichen gemacht hatte, vor, damit sie in
der frischen Erinnerung das Gesehene mit dem Abgebildeten vergleichen
konnte. Ich machte auf Vieles aufmerksam, fhrte Manches in ihr
Gedchtnis zurck und erwhnte hier auch als an der geeignetsten
Stelle, wie sehr die Abbildung hinter der Wirklichkeit zurck bleibe.
In den nchsten zwei Tagen besuchten wir noch verschiedene Stellen,
von denen wir das Eis und die Schneegestaltungen dieser Berge
betrachten konnten. Auch einen Wassersturz von einer steilrechten Wand
zeigte ich Klotilden. Hierauf aber begann ich auf unsere Rckreise zu
den Eltern zu denken. Die Zeit war nach und nach so vorgerckt, da
ein Aufenthalt in diesen hochgelegenen Rumen, besonders fr ein der
Stadt gewohntes Mdchen, nicht mehr ersprielich war. Ich schlug daher
Klotilden vor, nun auf dem nchsten Wege durch das ebenere Land unsere
Heimat zu gewinnen zu suchen. Sie war damit einverstanden. Von dem
nchsten greren Orte her wurde ein Fuhrwerk bestellt, welches uns
auf die erste Post bringen sollte. Wir nahmen von unserer Wirtin
und ihrem Manne so wie von unsern Trgern und Fhrern, die noch zum
Empfange eines kleinen Geschenkes herbei gekommen waren, Abschied; wir
verabschiedeten uns von dem Pfarrer, der uns zuweilen besucht und uns
auf Schnheiten, von seinem kleinen Gesichtskreise aus, aufmerksam
gemacht hatte, und fuhren auf unserem Karren, der nur mit einem Pferde
bespannt war, auf dem schmalen Wege von dem Kargrat hinab. Das Letzte,
was wir von dem kleinen rtchen sahen, war die mit Schindeln bedeckte
Wand des Pfarrhofes und die gleichfalls mit Schindeln bedeckte
Wand der schmalen Seite der Kirche. Ich sagte Klotilden, da diese
Bedeckungen notwendig seien, um die in diesen Hhen stark wirkende
Gewalt des Regens und des Schnees von dem Mauerwerke abzuhalten. Wir
konnten nur noch einen Blick auf die zwei Gebude tun, dann trat eine
Hhe zwischen unsere Augen und sie. Wir glitten mit unserem Fuhrwerke
sehr schnell abwrts, wilde Grnde umgaben uns, und endlich empfing
uns der Wald, der die Niederungen suchte, in ihnen dahin zog und schon
wohnlicher und wrmer war. Wir kamen unter Wiegen und chzen unseres
Wgleins immer tiefer und tiefer, Fahrgeleise von Holzwegen, die den
Wald durchstrichen, mndeten in unsere Strae, diese wurde fester und
breiter, und wir fuhren zuweilen schon eben und behaglich dahin.

Als wir den Ort erreicht hatten, an welchem sich die nchste Post
befand, lohnte ich den Fhrer meines Wgleins ab, sendete ihn zurck
und nahm Postpferde. Wir fuhren in gerader Richtung auf dem krzesten
Wege aus dem Gebirge gegen das flachere Land, um die Heerstrae zu
gewinnen, die nach unserer Heimat fhrte. Immer mehr und mehr sanken
die Berge hinter uns zurck, die milde Herbstsonne, die sie beschien,
frbte sie immer blauer und blauer, die Hhen, die uns jetzt
begegneten, wurden stets kleiner und kleiner, bis wir in das Land
hinaus kamen, dessen Gefilde mit lauter dem Menschen nutzbarem Grunde
bedeckt waren. Dort trafen wir auf die groe Strae. Bisher waren wir
gegen Norden gefahren, jetzt nderten wir die Richtung und fuhren dem
Osten zu. Wir hatten auch bessere Wgen.

Da wir einen Tag auf dieser Strae gefahren waren, lie ich an einem
Orte halten und beschlo, einen Tag an demselben zu bleiben; den Abend
und die Nacht brachten wir in Ruhe zu. Am andern Tage gegen Mittag
fhrte ich die Schwester auf einen mig hoben Hgel. Der Tag war ein
sehr schner Herbsttag, der Schleier, welcher im Vormittage so Hgel
als Grnde zart umwebt hatte, war einer vlligen Klarheit gewichen.
Ich befestigte mittelst Schrauben mein Fernrohr an dem Stamme einer
Eiche und richtete es. Dann hie ich Klotilden durchsehen und fragte
sie, was sie she.

Ein hohes, dunkles Dach, sagte sie, aus welchem mehrere breite
und mchtige Rauchfnge empor ragen. Unter dem Dache ist ein Gemuer
von ebenfalls dunkler Farbe, in welchem groe Fenster in gemen
Entfernungen stehen. Das Gebude scheint ein Viereck zu sein.

Und was siehst du weiter, Klotilde, wenn du das Rohr in die
Umgebungen des Gebudes richtest? fragte ich.

Bume, die hinter dem Hause stehen, gleichsam wie ein Garten,
antwortete sie. Die Mauern des Gebudes sind dort licht wie die
unserer Huser. Dann sehe ich Felder, in ihnen wieder Bume, hie und
da ein Haus und endlich wolkenartige Spitzen, die wie das Hochgebirge
sind, das wir verlassen haben.

Es ist das Hochgebirge, antwortete ich.

Ist das etwa - -? fragte sie, den Kopf von dem Fernrohre wegwendend
und mich ansehend.

Ja, Klotilde, das Gebude ist der Sternenhof, antwortete ich.

Wo Natalie wohnt? fragte sie.

Wo Natalie wohnt, wo die edle Mathilde verweilt, wo so treffliche
Menschen ein und aus gehen, wohin meine Gedanken sich mit Empfindung
wenden, wo sanfte Gegenstnde der Kunst thronen und wo ein liebes Land
um all die Mauern herum liegt, antwortete ich.

Das ist der Sternenhof! sagte Klotilde, blickte wieder in das
Fernrohr und sah lange durch dasselbe.

Ich habe dich mit Freude auf diesen Hgel gefhrt, Klotilde, sagte
ich, um dir diesen Ort zu zeigen, in dem mein warmes Herz schlgt und
ein tiefer Teil von meinem Wesen wohnt.

Ach lieber, teurer Bruder, antwortete sie, wie oft gehen meine
Gedanken an den Ort und wie oft weilt mein Gemt in seinen mir noch
unbekannten Mauern!

Du begreifst aber, sagte ich, da wir jetzt nicht hingehen knnen
und da die Angelegenheit ihre naturgeme Entwickelung haben mu.

Ich begreife es, antwortete sie.

Du wirst sie sehen, an deinem Herzen halten und sie lieben, sagte
ich.

Klotilde sah wieder in das Rohr, sie sah sehr lange in dasselbe und
betrachtete alles genau. Ich lenkte ihren Blick auf die Teile, die mir
wichtig schienen, erklrte ihr alles und erzhlte von dem Schlosse und
von denen, die in demselben sind.

Es war indessen der Mittag gekommen, wir lsten das Fernrohr ab und
gingen langsam unserer Wohnung zu.

Kann man hier nicht auch das Rosenhaus deines Freundes sehen? fragte
sie im Heimgehen.

Hier nicht, erwiderte ich, hier ist nicht einmal der hchste Teil
der Rosenhausgegend zu erblicken, weil der Kronwald, den du gegen
Norden siehst, sie deckt. Im Weiterfahren werden wir auf einen Hgel
kommen, von dem aus ich dir die Anhhe zeigen kann, auf welcher
das Haus liegt und von dem aus du mit dem Fernrohre das Haus sehen
kannst.

Wir gingen in unsere Wohnung, und am nchsten Tage fuhren wir weiter.
Als wir an die Stelle gekommen waren, von welcher man die Hhe des
Asperhofes sehen konnte, lie ich halten, wir stiegen aus, ich zeigte
Klotilden den Hgel, auf welchem das Haus meines Gastfreundes liegt,
richtete das Fernrohr und lie sie durch dasselbe das Haus erblicken.
Wir waren aber hier so weit von dem Asperhofe entfernt, da man selbst
durch das Fernrohr das Haus nur als ein weies Sternchen sehen konnte.
Nach dessen Betrachtung fuhren wir wieder weiter.

Als nach diesem Tage der dritte vergangen war, fuhren wir gegen Abend
durch den Torweg des Vorstadthauses unserer Eltern ein.

Mutter, rief ich, da uns diese und der Vater, der unsere Ankunft
gewut hatte und daher zu Hause geblieben war, entgegen kamen, ich
bringe sie dir gesund und blhend zurck.

Wirklich war Klotilde, wie es dem Vater auf seiner kleinen Reise
ergangen war, durch die Luft und die Bewegung krftiger, heiterer und
in ihrem Angesichte reicher an Farbe geworden, als sie es je in der
Stadt gewesen war.

Sie sprang von dem Wagen in die Arme der Mutter und begrte diese und
dann auch den Vater freudenvoll; denn es war das erste Mal gewesen,
da sie die Eltern verlassen hatte und auf lngere Zeit in ziemlicher
Entfernung von ihnen gewesen war. Man fhrte sie die Treppe hinan
und dann in ihr Zimmer. Dort mute sie erzhlen, erzhlte gerne und
unterbrach sich fter, indem sie das inzwischen heraufgebrachte Gepck
aufschlo und die mannigfaltigen Dinge heraus nahm, die sie in den
verschiedenen Ortschaften zu Geschenken und Erinnerungen gekauft oder
an mancherlei Wanderstellen gesammelt hatte. Ich war ebenfalls mit in
ihr Zimmer gegangen, und als wir geraume Weile bei ihr gewesen waren,
entfernten wir uns und berlieen sie einer notwendigen Ruhe.

Nun folgte fr Klotilden fast eine Zeit der Betubung, sie beschrieb,
sie erzhlte wieder, sie setzte sich vor Zeichnungen hin, bltterte
in ihnen oder zeichnete selber und suchte in der Erinnerung Gesehenes
nachzubilden.

Aber auch fr mich war diese Reise nicht ohne Erfolg gewesen. Was ich
halb im Scherze, halb im Ernste gesagt hatte, da ich durch diese
Reise zu einer greren Ruhe kommen werde, ist in Wirklichkeit
eingetroffen. Klotilde, welche alle die Gegenstnde, die mir lngst
bekannt waren, mit neuen Augen angeschaut, welche alles so frisch, so
klar und so tief in ihr Gemt aufgenommen hatte, hatte meine Gedanken
auf sich gelenkt, hatte mir selber etwas Frisches und Ursprngliches
gegeben und mir Freude ber ihre Freude mitgeteilt, so da ich
gleichsam gestrkter und befestigter ber meine Beziehungen nachdenken
und sie mir gewissermaen vor mir selber zurecht legen konnte.

Ich hatte mit Natalien keinen Briefwechsel verabredet, ich hatte
nicht daran gedacht, sie wahrscheinlich auch nicht. Unser Verhltnis
erschien mir so hoch, da es mir kleiner vorgekommen wre, wenn wir
uns gegenseitig Briefe geschickt htten. Wir muten in der Festigkeit
der berzeugung der Liebe des Andern ruhen, durften uns nicht durch
Ungeduld vermindern und muten warten, wie sich alles entwickeln
werde. So konnte ich mit dem Gefhle von Seligkeit von Natalien fern
sein, konnte mich freuen, da alles so ist, wie es ist, und konnte
dessen harren, was meine Eltern und Nataliens Angehrige beginnen
werden.

Klotilden, welche ihren Bergen, Lften, Seen und Wldern die Farbe
geben wollte, die sie gesehen hatte, suchte ich beizustehen und zeigte
ihr, worin sie fehle und wie sie es immer besser machen knne. Wir
wuten es jetzt, da man die zarte Kraft, wie sie uns in der Wesenheit
der Hochgebirge entgegen tritt, nicht darstellen knne und die Kunst
des groen Meisters nur in der besten Annherung bestehe. Auch in
ihrem Bestreben, die Art, wie sie im Gebirge die Zither spielen gehrt
hatte und die eigentmlichen Tne, die ihr dort vorgekommen waren,
nachzuahmen, suchte ich ihr zu helfen. Wir konnten wohl beide unsere
Vorbilder nicht vllig erreichen, freuten uns aber doch unserer
Versuche.

Bei einigen Freunden machte ich gelegentlich zwei oder drei Besuche.

So war der Winter gekommen. Ich fate, weil ich schon nach dem Rate
des Vaters beschlossen hatte, im Winter meinen Gastfreund zu besuchen,
zugleich auch den Entschlu, einmal im Winter in das Hochgebirge
zu gehen und, wenn dies mglich sein sollte, einen hohen Berg zu
besteigen und auf dem Eise eines Gletschers zu verweilen. Ich
bestimmte hierzu den Januar als den bestndigsten und meistens auch
klarsten Monat des Winters. Gleich nach seinem Beginne fuhr ich von
dem Hause meiner Eltern ab und fuhr in dem flimmernden Schnee und in
der blendenden Hlle, die alle Fluren deckte, im Schlitten der Gegend
zu, in welcher meine Freunde lebten. Das Wetter war schon durch zehn
Tage bestndig und mig kalt gewesen, der Schnee war reichlich, und
auf der Bahn glitten die Fahrzeuge wie in den Lften dahin. Wie ich
sonst nie anders als im offenen Wagen fuhr, so fuhr ich auch jetzt,
mit guten Pelzen versehen, im offenen Schlitten und freute mich der
weichen Hlle, die um meinen Krper war, und auch der, die berall und
allberall lag, freute mich der schweigenden bereiften Wlder, der
ruhenden Obstbume, die ihre weien Gitter ausstreckten, der Huser,
von denen der wohnliche Rauch aufstieg, und der Unzahl der Sterne, die
Nachts in dem kalten und finsteren Himmel feuriger funkelten als je
sonst im Sommer. Ich hatte vor, zuerst die Gebirge und dann meinen
Gastfreund zu besuchen.


Ich fuhr bis in die Nhe des Lauterthales. Da ich die Strae verlassen
sollte, mietete ich einen einspnnigen Schlitten, weil in den
Seitenwegen, auf denen man immer im Winter nur mit einem Pferde fhrt,
die Bahn zu enge ist, als da zwei Pferde sicher neben einander gehen
knnten, und fuhr in das Tal und in das Ahornwirtshaus. Die Ahorne
streckten ungeheure, abenteuerlich gestaltete, entbltterte und mit
feinen Zweigen wie mit Brten versehene Arme der winterlichen Luft
entgegen, das fensterreiche Wirtshaus war in seiner braunen Farbe
gegen die Schneedecke auf seinem Dache und gegen den Schnee, der
berall ringsum lag, noch brauner als sonst, und die Fichtentische
vor dem Hause waren abgebrochen und in Aufbewahrung getan worden. Die
Wirtin empfing mich mit Erstaunen und mit Freude, da ich in einer
solchen Jahreszeit komme, und gab mir das beste Versprechen, da meine
Stube so warm und heimlich sein solle, als wehe kein einziges Lftchen
hinein, und so licht, als schiene die Sonne, wenn sie berhaupt
scheint, sonst nirgends hin als auf meine Fenster. Ich lie meine
Gertschaften in die Stube bringen, und bald loderte auch ein lustiges
Feuer in dem Ofen derselben, der ausnahmsweise, wie es sonst in den
Gebirgen fast gar nicht vorkmmt, von Innen zu heizen war. Die Wirtin
hatte es so einrichten lassen, weil von Auen der Zugang zu dem Ofen
so schwer gewesen war. Als ich mich ein wenig erwrmt und meine
Hauptsachen in Ordnung gebracht hatte, ging ich in die allgemeine
Gaststube hinunter. In ihr waren verschiedene Leute anwesend, die der
Weg vorbei fhrte oder die eine kleine Erquickung und ein Gesprch
suchten. Bei den vielen und sehr nahe stehenden Fenstern drang ein
reichliches Licht herein, so da die Sonnenstrahlen des Wintertages
um die Tische spielten, was um so wohlttiger war, da auch eine
behagliche Wrme von den in dem groen Ofen brennenden Kltzen das
Zimmer erfllte. Ich fragte wieder um meinen Zitherspiellehrer, es
hatte niemand etwas von ihm gehrt. Ich fragte um den alten Kaspar, er
war gesund, und es wurde auf meine Bitte um ihn gesendet. Ich sagte,
da ich im Sinne htte, von dem Lautersee in die Eisfelder der Echern
hinaufzusteigen. Ich htte Anfangs Lust gehabt, das Simmieis an der
Karspitze zu besuchen; aber der Zugang ins Kargrat sei mir im Winter
sehr unangenehm, und wenn die Echern auch etwas tiefer liegen als
die Simmen, so seien sie doch schner und von unvergleichlich
wohlgebildeten Felsen eingefat. Alle rieten mir von meinem
Unternehmen ab, es sei im Winter nicht durchzudringen, und die Klte
sei auf den Bergen so gro, da sie kein Mensch zu ertragen vermge.
Ich widerlegte die Einwrfe vorerst dadurch, da ich sagte, es
sei eben im Winter niemand auf den Echern gewesen, wie sie selber
berichten, und da man daher nichts Sicheres wissen knne.

Aber man kann es sich denken, erwiderten viele.

Erfahrung ist noch besser, sagte ich.

Indessen kam der alte Kaspar. Die Sache wurde ihm gleich von den
Anwesenden erzhlt, und er riet auch entschieden von dem Unternehmen
ab. Ich sagte, da viele Forscher in Naturdingen im Winter schon auf
hohen Bergen gewesen seien, auf hheren als den Echern, da sie dort
Nchte und zuweilen auch eine Reihe von Tagen und Nchten zugebracht
haben. Man wendete immer ein, das seien andere Berge gewesen, und in
den hiesigen gehe es durchaus nicht. Der alte Kaspar verstand sich
endlich ganz allein dazu, mich, wenn ich durchaus wolle, zu begleiten.
Aber das Wetter, meinte er, mten wir uns sorgsam dazu auslesen. Ich
erwiderte ihm, da ich Gerte bei mir htte, die mir anzeigen, wenn
eine schne Zeit bevorstehe, da ich mich auch ein wenig auf die
Zeichen an dem Himmel verstehe und da ich selber auf den Hhen nicht
gar gerne in einen Schneesturm oder in einen langedauernden Nebel
geraten mchte. Alle andern Leute, welche mir sonst gerne bei meinen
Bergarbeiten geholfen hatten und welche ich ebenfalls ins Wirtshaus
hatte rufen lassen, lehnten es durchaus ab, mich im Winter in die
Echern zu begleiten. Dem Kaspar sagte ich, er msse sich vorbereiten.
Ich htte selber verschiedene Dinge bei mir, von denen er sich die
aussuchen knne, von welchen er glaube, da er sie auf unserer
Wanderung mitnehmen mge. Den Tag, an welchem wir zum See hinunter
gehen werden, wrde ich ihm dann schon sagen. Ich ging unter den
lebhaftesten Gesprchen der Anwesenden ber diesen Gegenstand in meine
Stube zurck und brachte den Abend in derselben zu. Ich wute, da sie
nun tief in die Nacht hinein ber die Sache sprechen wrden und da in
den nchsten Tagen fr das ganze Tal diese Unternehmung den Stoff der
Unterredungen bilden wurde.

Es meldete sich nun auch wirklich keiner mehr, um mich und Kaspar zu
begleiten.

Die Zeit bis zum Beginne unsers Unternehmens brachte ich damit zu, da
ich Wanderungen in der Umgegend machte. Ich betrachtete die Wlder,
die in Ruhe und Pracht dastanden, ich betrachtete die Hhen, auf
welchen die unermelichen Schneemengen lagen, ich betrachtete die
Echernwand, von der eine Last von Eiszapfen niederhing, deren manche
die Dicke von Bumen hatten, zuweilen losbrachen und mit Krachen und
Klingen in den Schnee niederstrzten, ich ging auf Berge und schaute
in die stille, gleichsam verdichtete Winterluft und auf alle die
weien Gebilde, die durch dunkle Wlder, durch Felsen und durch das
sanfte Blau der fernen Bergzge geschnitten waren.

Gegen die Mitte des Januars, zu welcher Zeit gewhnlich das Wetter
am ausdauerndsten zu sein pflegt, stellten sich die Zeichen ein, da
lngere Zeit schne Tage sein werden. Ein etwas weicher Luftzug der
vorigen Tage hatte sich verloren, die graue Decke am Himmel war
verschwunden und den verwaschenen Federwolken war eine tiefe Blue
gefolgt. Die Luft zog aus Osten, die Klte mehrte sich, der Schnee
flimmerte und Abends zeigte sich der feine blauliche Duft in den
Grnden, der heitere Morgen und immer grere Klte versprach. Meine
Werkzeuge gaben starken Luftdruck und groe Trockenheit an.

Ich sagte dem alten Kaspar, da wir nunmehr aufbrechen wrden. Wir
nahmen an Alpenstcken, Steigeisen, Stricken, Schneereifen, Decken,
Kleidern, was wir ntig erachteten, eine Schaufel, eine Axt,
Kochgeschirr und Lebensmittel auf mehrere Tage. So bepackt gingen wir
zu dem See. Dort teilten wir unsere Dinge in zwei bequeme Lasten,
da jeder mit der seinigen so leicht als mglich gehen knne, und
erwarteten den nchsten Morgen.

Beim Grauen des Lichtes machten wir uns auf den Weg und stiegen mit
unseren sehr hohen Stiefeln, die ich eigens zu diesem Zwecke hatte
machen lassen, in den tiefen Schnee der Wege, die zu den Hhen, auf
die wir wollten, fhrten, die aber nur im Sommer betreten wurden, die
jetzt keine Spur zeigten und die wir nur fanden, weil wir der Gegend
sehr kundig waren. Wir gingen mehrere Stunden in diesem tiefen Schnee,
dann kamen Wlder, in denen er niederer lag und durch welche das
Fortkommen leichter war. Viele Gerlle und schiefliegende Wnde, die
nun folgten, zeigten ebenfalls weniger Schnee als die Tiefe, und
es war ber sie im Winter leichter zu gehen, als ich es im Sommer
gefunden hatte, da die Unebenheiten und die kleinen scharfen Riffe
und Steine mit einer Schneedecke berhllt waren. Als wir die ersten
Vorberge berwunden hatten und auf die Hochebene der Echern gekommen
waren, von der man wieder den blauen See recht tief und dunkel in der
weien Umgebung unten liegen sah, machten wir ein wenig Halt. Die
Oberflche der Echern oder die Hochebene, wie man sie auch gerne
nennt, ist aber nichts weniger als eine Ebene, sie ist es nur im
Vergleiche mit den steilen Abhngen, welche ihre Seitenwnde gegen
den See bilden. Sie besteht aus einer groen Anzahl von Gipfeln, die
hinter und neben einander stehen, verschieden an Gre und Gestalt
sind, tiefe Rinnen zwischen sich haben und bald in einer Spitze sich
erheben, bald breitgedehnte Flchen darstellen. Diese sind mit kurzem
Grase und hie und da mit Kniefhren bedeckt, und unzhlige Felsblcke
ragen aus ihnen empor. Es ist hier am schwersten durchzukommen. Selbst
im Sommer ist es schwierig, die rechte Richtung zu behalten, weil
die Gestaltungen einander so hnlich sind und ein ausgetretener Pfad
begreiflicher Weise nicht da ist: wie viel mehr im Winter, in welchem
die Gestalten durch Schneeverhllungen berdeckt und entstellt sind,
und selbst da, wo sie hervorragen, ein ungewohntes und fremdartiges
Ansehen haben. Es sind mehrere Alpenhtten in diesem Gebiete
zerstreut, und es befinden sich im Sommer Herden hier oben, die aber,
wie zahlreich sie auch sind, in der groen Ausdehnung verschwinden und
sich gegenseitig oft Monate lang nicht sehen. Wir wnschten noch beim
Lichte des Tages ber diese Erdbildungen hinber zu kommen und hatten
vor, zur Einhaltung der Richtung uns gegenseitig in unserer Kenntnis
der Riffe und der Hgelgestaltungen zu untersttzen und uns die
entscheidenden Bildungen wechselseitig zu nennen und zu beschreiben.
Am oberen Ende der Hochebene, wo wieder die greren Felsenbildungen
beginnen und das Verirren weit weniger mglich ist, steht im Bereiche
groer Kalksteinblcke eine Sennhtte, die Ziegenalpe genannt, welche
das Ziel unserer heutigen Wanderung war. Am Rande der Bergansteigung
und dem Anfange der Hochebene, wo wir jetzt waren, setzten wir uns
nieder. Es liegt da ein groer Stein, der beinahe ganz schwarz ist.
Er ist nicht nur dieser Farbe willen an sich merkwrdig, sondern
besonders darum, weil er durch eben diese Farbe, dann durch seine
Gre und seine seltsame Gestalt von Weitem gesehen werden kann und
denen, die von der Ziegenalpe durch die Hochebene abwrts kommen,
zum Zeichen, und wenn sie bei ihm angelangt sind, zur Beruhigung des
richtig zurckgelegten Weges dient. Weil Vielen, die auf der Hochebene
sind, Sennen, Alpenwanderern, Jgern, der Stein ein Versammlungsort
ist, so findet sich von ihm ab schon ein merkbar ausgetretener
Pfad und man kann die Richtung zu dem See hinab nicht mehr leicht
verfehlen. Auch ist die gegen Sonnenaufgang berhngende Gestalt des
Felsens geeignet, vor Regen und heftigen Westwinden zu schtzen. Als
wir bei ihm angelangt waren, sahen wir freilich keine Spur eines
Menschen rings um ihn; denn unberhrter Schnee lag bis zu seinen
Wnden hinzu, und er stand noch einmal so schwarz aus dieser Umgebung
hervor. Wir fanden aber auf kleineren Steinen, die unter seinem
berdache lagen, und auf die der Schnee nicht hereingefallen war, Raum
zum Sitzen und folgten dieser Einladung willig, da sich schon Ermdung
eingestellt hatte. Kaspar schnallte die Umhllungen der Decken
auseinander und holte zwei leichte, aber wrmende Pelze und andere
Pelzsachen hervor, die ich dazu bestimmt hatte, unsere Krper und
Fe, die im Wandern sich sehr erwrmt hatten, in der Ruhe vor
Verkhlung zu schtzen. Als wir diese Pelzdinge umgetan hatten,
schritten wir dazu, uns durch Speise und Trank zu erquicken. Etwas
Wein und Brod reichte zu dem Zwecke hin. Ich betrachtete, nachdem
unser Mahl vollendet war, den Wrmemesser, welchen ich gleich
nach unserer Ankunft an einer freien Stelle auf meinen Alpenstock
aufgehngt hatte, und zeigte meinem Begleiter Kaspar, da die Wrme
hier oben grer sei, als wir sie gestern zu gleicher Tageszeit unten
in der Ebene des Sees gehabt hatten. Die Sonne schien sehr krftig auf
den Schnee, es wehte kein Lftchen, an dem grnlich blaulichen Himmel
lagerten nur ein paar sehr dnne weiliche Streifen. Auch konnte man
von dem Steinvorsprunge, von dem aus der See zu erblicken war, fast
deutlich wahrnehmen, da unten nicht nur die dichtere, sondern auch
kltere Luft liege. Denn so deutlich und klar der See zu erblicken
war, so zog sich doch an den weien oder weigesprenkelten Wnden
desselben ein feiner blaulich schillernder Dunst hin zum Zeichen, da
dort unsere obere, wrmere Luft mit der unteren, schon seit lngerer
Zeit ber dem See stehenden klteren zusammengrenze und sich
da ein sanfter Beschlag bilde. Ich schaute nur noch auf den
Feuchtigkeitsmesser und den des Luftdruckes, dann packte Kaspar unsere
Decken und Pelze, ich meine Gerte ein, und wir gingen unsers Weges
weiter.

Mit groer Vorsicht suchten wir die Richtung, die uns nottat, zu
bestimmen. Auf jeder Stelle, die eine grere Umsicht gewhrte,
hielten wir etwas an und suchten uns die Gestalt der Umgebung
zu vergegenwrtigen und uns des Raumes, auf dem wir standen, zu
vergewissern. Ich zog zum berflusse auch noch die Magnetnadel zu
Rate. In den Niederungen und Mulden zwischen einzelnen Hhen muten
wir uns der Schneereife bedienen. Gegen den spten Nachmittag stiegen
uns die hheren und dunkleren Zacken der Echern aus dem Schnee
entgegen. Als die Sonne fast nur mehr um ihre eigene Breite von dem
Rande des Gesichtskreises entfernt war, kamen wir in der Ziegenalpe
an. Hier hatten wir einen eigentmlichen Anblick. Es ist da eine
Stelle, von welcher aus man nicht mehr zu dem See oder zu seiner
Umgebung zurcksehen kann, dafr ffnet sich gegen Sonnenuntergang ein
weiter Blick in die Lichtung des Lauterthales, besonders aber in das
Echertal, in welchem der Mann wohnt, welcher meine und Klotildens
Zither gemacht hatte. In diese Ferne wollte ich noch einen Blick tun,
ehe wir in die Htte gingen. Aber ich konnte die Tler nicht sehen.
Die Wirkung, welche sich aus dem Aneinandergrenzen der oberen,
wrmeren Luft und der unteren, klteren, wie ich schon am schwarzen
Steine bemerkt hatte, ergab, war noch strker geworden, und ein
einfaches, wagrechtes, weilichgraues Nebelmeer war zu meinen Fen
ausgespannt. Es schien riesig gro zu sein und ich ber ihm in der
Luft zu schweben.

Einzelne schwarze Knollen von Felsen ragten ber dasselbe empor, dann
dehnte es sich weithin, ein trbblauer Strich entfernter Gebirge zog
an seinem Rande, und dann war der gesttigte, goldgelbe, ganz reine
Himmel, an dem eine grelle, fast strahlenlose Sonne stand, zu ihrem
Untergange bereitet. Das Bild war von unbeschreiblicher Gre. Kaspar,
welcher neben mir stand, sagte: Verehrter Herr, der Winter ist doch
auch recht schn.

Ja, Kaspar, sagte ich, er ist schn, er ist sehr schn.

Wir blieben stehen, bis die Sonne untergegangen war. Die Farbe des
Himmels wurde fr einen Augenblick noch hher und flammender, dann
begann alles nach und nach zu erbleichen und schmolz zuletzt in ein
farbloses Ganzes zusammen. Nur die gewaltigen Erhebungen, die gegen
Sden standen und die das Eis, das wir besuchen wollten, enthielten,
glommen noch von einem unsichern Lichte, whrend mancher Stern ber
ihnen erschien. Wir gingen nun in dem beinahe finster gewordenen
und ziemlich unwegsamen Raume zur Htte, um in derselben unsere
Vorbereitungen zum bernachten zu treffen. Die Htte war, wie es im
Winter immer ist, wo sie leer steht, nicht gesperrt. Ein Holzriegel,
der sehr leicht zu beseitigen war, schlo die Tr. Wir traten ein,
steckten eine Kerze in unsern Handleuchter und machten Licht. Wir
suchten das Gemach der Sennerinnen und lieen uns dort nieder. In den
Schlafstellen war etwas Heu, ein grober Brettertisch stand in der
Mitte des Gemaches, eine Bank lief an der Wand hin und eine bewegliche
stand an dem Tische. Wir hatten vor, hier erst unser eigentliches
warmes Tagesmahl zu bereiten. Aber, worauf wir kaum gefat waren, es
zeigte sich nirgends auch nicht der geringste Vorrat von Holz. Ich
hatte fr den Fall Weingeist bei mir, um einige Schnitten Braten in
einer flachen Pfanne rsten zu knnen; aber wir zogen es vorzglich
wegen der Erwrmung des Krpers vor, ein Stck Bank zu verbrennen und
dem Eigentmer Ersatz zu leisten. Kaspar machte sich mit der Axt an
die Arbeit, und bald loderte ein lustiges Feuer auf dem Herde. Ein
Abendessen wurde bereitet, wie wir es oft bei unsern Gebirgsarbeiten
bereitet hatten, aus dem Heu der Schlafstellen, den Decken und den
Pelzen wurden Betten zurecht gemacht, und nachdem ich noch meine
Mewerkzeuge, die im Freien vor der Htte aufgehngt waren, betrachtet
hatte, begaben wir uns zur Ruhe. Auch jetzt am spten Abende war bei
ganz heiterem, sternenvollem Himmel eine viel mindere Klte in dieser
Hhe als ich vermutet hatte.


Ehe der Tag graute, standen wir auf, machten Licht, kleideten uns
vollstndig an, richteten all unsere Dinge zurecht, bereiteten ein
Frhmahl, verzehrten es und traten unsern Weg an. Die Echernspitze
stand fast schwarz im Sden, wir konnten sie deutlich in die blasse
Luft ber dem Haustein, der uns noch unsere Eisfelder deckte, empor
ragen sehen. Der Tag war wieder ganz heiter. Obgleich es noch nicht
licht war, durften wir eine Verirrung nicht frchten, denn wir muten
geraume Zeit zwischen Felsen empor gehen, die unsere Richtung von
beiden Seiten begrenzten und uns nicht abweichen lieen. Wir legten,
weil der Schnee in diesen Rinnen sich angehuft hatte, unsere
Schneereife an und gingen in der ungewissen Dmmerung vorwrts. Nach
etwas mehr als einer Stunde Wanderung kamen wir auf die Hhe hinaus,
wo die Gegend sich wieder ffnet und gegen Osten weite Felder
hinziehen. Diese biegen, nachdem sie sich ziemlich hoch erhoben, gegen
Sden um einen Fels herum und lassen dann den Eisstock erblicken, zu
dem wir wollten. Dieser drckt mit groer Macht von Sden gegen Norden
herab und hat zu seiner sdlichen Begrenzung die Echernspitze. Auf den
erklommenen Feldern war es schon ganz licht; allein die Berge, welche
wir am stlichen Rande derselben unter uns und weit drauen erblicken
sollten, waren nicht zu sehen, sondern am Rande der mit Schnee
bedeckten Felder setzte sich eine Farbe, die nur ein klein wenig von
der Schneefarbe verschieden war, fast ins Unermeliche fort, die
des Nebels. Er hatte seit gestern noch mehr berhand genommen und
begrenzte unsere Hhe als Insel. Kaspar wollte erschrecken. Ich aber
machte ihn aufmerksam, da der Himmel ber uns ganz heiter sei, da
dieser Nebel von jenem sehr verschieden sei, der bei dem Beginne des
Regen- oder Schneewetters zuerst die Spitzen der Berge in Gestalt von
Wolken einhllt, sich dann immer tiefer, oft bis zur Hlfte der Berge,
hinabzieht und den Wanderern so frchterlich ist; unser Nebel sei kein
Hochnebel, sondern ein Tiefnebel, der die Bergspitzen, auf denen das
Verirren so schrecklich sei, freilasse und der beim Hhersteigen der
Sonne verschwinden werde. Im schlimmsten Falle, wenn er auch bliebe,
sei er nur eine wagrechte Schichte, die nicht hher stehe, als wo
der schwarze Stein liegt. Von dort hinab aber ist uns der Weg sehr
bekannt, wir mssen unsere eigenen Fustapfen finden und knnen an
ihnen abwrts gehen.

Kaspar, welcher mit dem Gebirgsleben sehr vertraut war, sah meine
Grnde ein und war beruhigt.

Whrend wir standen und sprachen, fing sich an einer Stelle der Nebel
im Osten zu lichten an, die Schneefelder verfrbten sich zu einer
schneren und anmutigeren Farbe, als das Bleigrau war, mit dem sie
bisher bedeckt gewesen waren, und in der lichten Stelle des Nebels
begann ein Punkt zu glhen, der immer grer wurde und endlich in
der Gre eines Tellers schweben blieb, zwar trbrot, aber so innig
glimmend wie der feurigste Rubin. Die Sonne war es, die die niederen
Berge berwunden hatte und den Nebel durchbrannte. Immer rtlicher
wurde der Schnee, immer deutlicher, fast grnlich seine Schatten, die
hohen Felsen zu unserer Rechten, die im Westen standen, sprten auch
die sich nhernde Leuchte und rteten sich. Sonst war nichts zu sehen
als der ungeheure, dunkle, ganz heitere Himmel ber uns, und in der
einfachen groen Flche, die die Natur hieher gelegt hatte, standen
nur die zwei Menschen, die da winzig genug sein muten. Der Nebel fing
endlich an seiner uersten Grenze zu leuchten an wie geschmolzenes
Metall, der Himmel lichtete sich und die Sonne quoll wie blitzendes
Erz aus ihrer Umhllung empor. Die Lichter schossen pltzlich ber den
Schnee zu unsern Fen und fingen sich an den Felsen. Der freudige Tag
war da.

Wir banden uns die Stricke um den Leib und lieen ein ziemlich langes
Stck von der Leibbinde des einen zu der des andern gehen, damit, wenn
einer, da wir jetzt ber eine sehr schiefe Flche zu gehen hatten,
gleiten sollte, er durch den andern gehalten wrde. Im Sommer war
diese Flche mit vielen kleinen und scharfen Steinen bedeckt, daher
der bergang ber sie viel leichter. Im Winter kannte man den Boden
nicht, und der Schnee konnte ins Gleiten geraten. Ohne Hilfe der
Schneereife, die hier, weil sie unbehilflich machten, nur gefhrlich
werden konnten, gelangten wir mit angewandter Vorsicht glcklich
hinber, lsten die Stricke, bogen nach einer darauf erfolgten
mehrstndigen Wanderung um die Felsen und standen an dem Gletscher und
auf dem ewigen Schnee.

Auf dem Eise, da wir nach uns sehr bekannten Richtungen auf demselben
vorschritten, zeigte sich beinahe mit Rcksicht auf den Sommer gar
keine Vernderung. Da auch im Sommer fast jeder Regen des Tales die
Hhen entweder gar nicht trifft oder auf ihnen Schnee ist, so war es
jetzt auf dem Gletscher wie im Sommer, und wir schritten auf bekannten
Gebieten vorwrts. Wo die Eismengen geborsten und zertrmmert
waren, hatte sie an ihren Oberflchen der Schnee bedeckt, mit den
Seitenflchen sahen sie grnlich oder blaulich schillernd aus dem
allgemeinen Wei hervor, weiter aufwrts, wo die Gletscherwlbung rein
dalag, war sie mit Schnee bedeckt. Der einzige Unterschied bestand,
da jetzt keine einzige breite oder lange Eisstelle blogelegt
in ihrer grnlichen Farbe da stand, was doch zuweilen im Sommer
geschieht. Wir verweilten einige Zeit auf dem Eise und nahmen auf
demselben auch unser Mittagmahl, in Wein und Brod bestehend, ein.

Unter uns hatte sich aber indessen eine Vernderung vorbereitet. Der
Nebel war nach und nach geschwunden, ein Teil der fernen oder der
nheren Berge war nach dem andern sichtbar geworden, verschwunden,
wieder sichtbar geworden, und endlich stand Alles im Sonnenglanze ohne
ein Flckchen Nebel, der wie ausgetilgt war, in sanfter Blue oder
wie in goldigem Schimmer oder wie im fernen, matten Silberglanze, in
tiefem Schweigen und unbeweglich da. Die Sonne strahlte einsam ohne
einer geselligen Wolke an dem Himmel. Die Klte war auch hier nicht
gro, geringer als ich sie im Tale beobachtet hatte, und nicht viel
grer als sie auch zu Sommerszeiten auf diesen Hhen ist.

Nachdem wir uns eine geraume Weile auf dem Eise aufgehalten hatten,
traten wir den Rckweg an. Wir gelangten leicht an den gewhnlichen
Ausgang des Gletschers, von wo aus man das Hinabgehen ber die Berge
einleitet. Wir fanden unsere Fustapfen, die in der ungetrbten
Oberflche des Schnees, da hierauf selten auch Tiere kommen, sehr
deutlich erkennbar waren, und gingen nach ihnen fort. Wir kamen
glcklich ber die schiefe Flche und langten gegen Abend in der
Ziegenalpe an. Es war hier schon zu dunkel, um noch etwas von der
Umgebung sehen zu knnen. Wir hielten in der Htte wieder unser warm
zubereitetes Abendmahl, wrmten uns am Reste der Bank und erquickten
uns durch Schlaf. Der nchste Morgen war abermals klar, in den Tlern
lag wieder der Nebel. Da auch die Nacht vollkommen windstill gewesen
war, so hatten wir uns jetzt in Hinsicht unsers Rckweges ber die
Hochebene nicht zu sorgen. Unsere Fustapfen standen vollkommen
unverwischt da, und ihnen konnten wir uns anvertrauen. Selbst da, wo
wir ratend gestanden waren und etwa den Alpenstock seitwrts unseres
Standortes in den Schnee gestoen hatten, war die Spur noch vllig
sichtbar. Wir kamen frher als wir gedacht hatten an dem schwarzen
Steine an. Dort hielten wir wieder unser Mittagmahl und gingen dann
unter dem sich immer mehr und mehr lichtenden Nebel, der uns aber hier
kein wesentliches Hindernis mehr machte, die steile Senkung der Berge
hinunter. Der an ihrem Fue beobachtete Wrmemesser zeigte wirklich
eine grere Klte, als wir auf den Bergen gehabt hatten.

Am Nachmittage waren wir wieder in dem Seewirtshause.

Am andern Tage gingen wir in das Ahornhaus im Lauterthale. Alles
umringte uns und wollte unsere Erlebnisse wissen. Sie wunderten sich,
da die Unternehmung so einfach gewesen sei, besonders aber, da die
Klte, die schon im Sommer gegen die Wrme der Tler so abstehe, im
Winter nicht ganz frchterlich soll gewesen sein. Kaspar war ein
wichtiger Mann geworden.

Ich aber war von dem, was ich oben gesehen und gefunden hatte,
vollkommen erfllt. Die tiefe Empfindung, welche jetzt immer in meinem
Herzen war und welche mich angetrieben hatte, im Winter die Hhen der
Berge zu suchen, hatte mich nicht getuscht. Ein erhabenes Gefhl war
in meine Seele gekommen, fast so erhaben wie meine Liebe zu Natalien.
Ja, diese Liebe wurde durch das Gefhl noch gehoben und veredelt, und
mit Andacht gegen Gott, den Herrn, der so viel Schnes geschaffen
und uns so glcklich gemacht hat, entschlief ich, als ich wieder zum
ersten Male in meinem Bette in der wohnlichen Stube des Ahornhauses
ruhte.

Es hat mich nicht gereut, da ich noch die Weihe dieser Unternehmung
auf mich genommen hatte, ehe ich zu meinem Gastfreunde ging, um ihm
meinen Winterbesuch zu machen.

Ich hielt mich nur noch so lange in dem Lauterthale auf, um noch die
bedeutendsten Stellen desselben im Winterschmucke zu sehen und um die
Einleitung zu treffen, da dem Eigentmer der Ziegenalpe die Bank, die
wir verbrannt hatten, ersetzt wrde. Dann fuhr ich in einem Schlitten
in der Richtung nach dem Asperhofe hinaus. Kaspar hatte recht herzlich
von mir Abschied genommen, er war mir durch diese Unternehmung noch
mehr befreundet geworden, als er es frher gewesen war.

Die grere Wrme in den oberen Teilen der Luft, welche nur ein
Vorbote des beginnenden Sdwindes gewesen war, hatte sich nun vllig
geltend gemacht, der Sdwind war in den Hhen eingetreten, obwohl es
in der Tiefe noch kalt war, Wolken hatten die Berge umhllt, zogen
ber die Lnder hinaus und schttelten Regen herab, der in Gestalt von
Eiskrnern unten ankam und mir um das Haupt und die Wangen prasselte,
als ich in dem Asperhofe eintraf.

Die Pferde und der Schlitten wurden in den Meierhof gebracht, ich ging
zu meinem Gastfreunde. Er sa in seinem Arbeitszimmer und ordnete
Pergamentbltter, von denen er einen groen Sto vor sich hatte. Ich
begrte ihn, und er empfing mich wie immer gleich freundlich.

Ich sagte ihm, da ich seit meiner letzten Anwesenheit im Asperhofe
fast immer gereist sei. Erst htte ich noch das Kargrat besucht,
weil ich dort zu ordnen gehabt htte, dann sei ich zu meinen Eltern
gegangen, hierauf habe ich mit meinem Vater einen Besuch in seiner
Heimat gemacht, dann sei ich mit meiner Schwester auf eine Zeit,
um ihr ein Vergngen zu bereiten, in das Hochgebirge gefahren, als
hierauf der Winter gekommen sei, habe ich die Echerngletscher besucht,
und nun sei ich hier.

Ihr seid wie immer herzlich willkommen, sagte er, bleibt bei uns,
so lange es euch gefllt, und seht unser Haus wie das eurer Eltern
an.

Ich danke euch, ich danke euch sehr, erwiderte ich.

Er zog an der Klingel zu seinen Fen, und die alte Katharina kam
herauf. Er befahl ihr, meine Zimmer zu heizen, da ich sie sehr bald
benutzen knne.

Es ist schon geschehen, antwortete sie. Als wir den jungen Herrn
hereinfahren sahen, lie ich durch Ludmilla gleich heizen, es brennt
schon; aber ein wenig gelftet mu noch werden, neue berzge mssen
kommen, der Staub mu abgewischt werden, ihr mt euch schon ein wenig
gedulden.

Es ist gut und recht, sagte mein Gastfreund, sorge nur, da alles
wohnlich sei.

Es wird schon werden, antwortete Katharina und verlie das Zimmer.

Ihr knnt, wenn ihr wollt, sagte er dann zu mir, indessen, bis eure
Wohnung in Ordnung ist, mit mir zu Eustach hinber gehen und sehen,
was eben gearbeitet wird. Wir knnen hiebei auch bei Gustav anklopfen
und ihm sagen, da ihr gekommen seid.


Ich nahm den Vorschlag an. Er zog eine Art berrock ber seine
Kleider, die beinahe wie im Sommer waren, an, und wir gingen aus dem
Zimmer. Wir begaben uns zuerst zu Gustav, und ich begrte ihn. Er
flog an mein Herz, und sein Ziehvater sagte ihm, er drfe uns in
das Schreinerhaus begleiten. Er nahm gar kein berkleid, sondern
verwechselte nur seinen Zimmerrock mit einem etwas wrmeren und war
bereit, uns zu folgen. Wir gingen ber die gemeinschaftliche Treppe
hinab, und als wir unten angekommen waren, sah ich, da mein
Gastfreund auch heute an dem unfreundlichen Wintertage barhuptig
ging. Gustav hatte eine ganz leichte Kappe auf dem Haupte. Wir gingen
ber den Sandplatz dem Gebsche zu. Die Eiskrner, welche eine
bereifte, weie und rauhe Gestalt hatten, mischten sich mit den weien
Haaren meines Freundes und sprangen auf seinem zwar nicht leichten,
aber noch nicht fr eine strenge Winterklte eingerichteten berrocke.
Die Bume des Gartens, die uns nahe standen, seufzten in dem Winde,
der von den Hhen immer mehr gegen die Niederungen herab kam und
an Heftigkeit mit jeder Stunde wuchs. So gelangten wir gegen das
Schreinerhaus. Wie bei meiner ersten Annherung stieg auch heute ein
leichter Rauch aus demselben empor, aber er ging nicht wie damals in
einer geraden luftigen Sule in die Hhe, sondern wie er die Mauern
des Schornsteins verlie, wurde er von dem Winde genommen, in
Flatterzeug verwandelt und nach verschiedenen Richtungen gerissen.
Auch waren nicht die grnen Wipfel da, an denen er damals empor
gestiegen war, sondern die nackten ste mit den feinen Ruten der
Zweige standen empor und neigten sich im Winde ber das Haus herber.
Auf dem Dache desselben lag der Schnee. Von Tnen konnten wir bei
dieser Annherung aus dem Innern nichts hren, weil auen das Sausen
des Windes um uns war.

Da wir eingetreten waren, kam uns Eustach entgegen, und er grte mich
noch freundlicher und herzlicher, als er es sonst immer getan hatte.
Ich bemerkte, da um zwei Arbeiter mehr als gewhnlich in dem Hause
beschftigt waren. Es mute also viele oder dringende Arbeit geben.
Die Wrme gegen den Wind drauen empfing uns angenehm und wohnlich
im Hause. Eustach geleitete uns durch die Werkstube in sein Gemach.
Ich sagte ihm, da ich gekommen sei, um auch einen kleinen Teil des
Winters in dem Asperhofe zu bleiben, den ich in demselben nie gesehen
und den ich nur meistens in der Stadt verlebt habe, wo seine Wesenheit
durch die vielen Huser und durch die vielen Anstalten gegen ihn
gebrochen werde.

Bei uns knnt ihr ihn in seiner vlligen Gestalt sehen, sagte
Eustach, und er ist immer schn, selbst dann noch, wann er seine Art
so weit verleugnet, da er mit warmen Winden, blaugeballten Wolken und
Regengssen ber die schneelose Gegend daher fhrt. So weit vergit er
sich bei uns nie, da er in ein Afterbild des Sommers, wie zuweilen in
sdlichen Lndern, verfllt und warme Sommertage und allerlei Grn zum
Vorschein bringt. Dann wre er freilich nicht auszuhalten.

Ich erzhlte ihm von meinem Besuche auf dem Echerngletscher und sagte,
da ich doch auch schon manchen schnen und strmischen Wintertag im
Freien und ferne von der groen Stadt zugebracht habe.

Hierauf zeigte er mir Zeichnungen, welche zu den frheren neu hinzu
gekommen waren, und zeigte mir Grund- und Aufrisse und andere Plne
zu den Werken, an denen eben gearbeitet werde. Unter den Zeichnungen
befanden sich schon einige, die nach Gegenstnden in der Kirche von
Klam genommen worden waren, und unter den Plnen befanden sich viele,
die zu den Ausbesserungen gehrten, die mein Gastfreund in der Kirche
vornehmen lie, welche ich mit ihm besucht hatte.

Nach einer Weile gingen wir auch in die Arbeitsstube und besahen die
Dinge, die da gemacht wurden. Meistens betrafen sie Gegenstnde,
welche fr die Kirche, fr die eben gearbeitet wurde, gehrten. Dann
sah ich ein Zimmerungswerk aus feinen Eichen- und Lrchenbohlen,
welches wie der Hintergrund zu Schnitzwerken von Vertflungen aussah,
auch erblickte ich Simse, wie zu Vertflungen gehrend. Von Gerten
war ein Schrein in Arbeit, der aus den verschiedensten Hlzern, ja
mitunter aus seltsamen, die man sonst gar nicht zu Schreinerarbeiten
nimmt, bestehen sollte. Er schien mir sehr gro werden zu wollen; aber
seinen Zweck und seine Gestalt konnte ich aus den Anfngen, die zu
erblicken waren, nicht erraten. Ich fragte auch nicht darnach, und man
berichtete mir nichts darber.

Als wir uns eine Zeit in dem Schreinerhause aufgehalten und auch ber
andere Gegenstnde gesprochen hatten, als sich in demselben befanden
oder mit demselben in Beziehung standen, entfernten wir uns wieder,
und mein Freund und Gustav geleiteten mich in das Wohnhaus zurck und
dort in meine Zimmer. In ihnen war es bereits warm, ein lebhaftes
Feuer mute den Tnen nach, die zu hren waren, in dem Ofen brennen,
alles war gefegt und gereinigt, weie Fenstervorhnge und weie
berzge glnzten an dem Bette und an jenen Gerten, fr die sie
gehrten, und alle meine Reisesachen, welche ich in dem Schlitten
gefhrt hatte, waren bereits in meiner Wohnung vorhanden. Mein
Gastfreund sagte, ich mge mich hier nun zurecht finden und
einrichten, und er verlie mich dann mit Gustav.

Ich packte nun die Gegenstnde, welche ich in meinen Reisebehltnissen
hatte, aus und verteilte sie so, da die beiden Gemcher, welche mir
zur Verfgung standen, recht winterlich behaglich, wozu die Wrme, die
in den Zimmern herrschte, einlud, ausgestattet waren. Ich wollte es so
tun, ich mochte mich nun lange oder kurz in diesen Rumen aufzuhalten
haben, was von den Umstnden abhing, die nicht in meiner Berechnung
lagen. Besonders richtete ich mir meine Bcher, meine Schreibdinge
und auch Vorbereitungen zu gelegentlichem Zeichnen so her, da alles
dies meinen Wnschen, so weit ich das jetzt einsah, auf das Beste
entsprach. Nachdem ich mit allem fertig war, kleidete ich mich auch
um, damit die Reisekleider mit bequemeren und huslichen vertauscht
wren.

Hierauf machte ich einen Spaziergang. Ich ging in dem Garten meinen
gewhnlichen Weg zu dem groen Kirschbaume hinauf. Aus dem in dem
Schnee wohl ausgetretenen Pfade sah ich, da hier hufig gegangen
werde und da der Garten im Winter nicht verwaist ist, wie es bei so
vielen Grten geschieht und wie es aber auch bei meinen Eltern nicht
geduldet wird, denen der Garten auch im Winter ein Freund ist. Selbst
die Nebenpfade waren gut ausgetreten, und an manchen Stellen sah ich,
da man nach dauerndem Schneefalle auch die Schaufel angewendet habe.
Die zarteren Bumchen und Gewchse waren mit Stroh verwahrt, alles,
was hinter Glas stehen sollte, war wohl geschlossen und durch
Verdmmungen geschtzt, und alle Beete und alle Rume, die in ihrer
Schneehlle dalagen, waren durch die um sie gefhrten Wege gleichsam
eingerahmt und geordnet. Die Zweige der Bume waren von ihrem Reife
befreit, der Schnee, der in kleinen Kgelchen daher jagte, konnte auf
ihnen nicht haften, und sie standen desto dunkler und beinahe schwarz
von dem umgebenden Schnee ab. Sie beugten sich im Winde und sausten
dort, wo sie in mchtigen Abteilungen einem groen Baume angehrten
und in ihrer Dichtheit gleichsam eine Menge darstellten. In den
entlaubten sten konnte ich desto deutlicher und hufiger die
Nestbehlter sehen, welche auf den Bumen angebracht waren. Von den
gefiederten Bewohnern des Gartens war aber nichts zu sehen und zu
hren. Waren wenige oder keine da, konnte man sie in dem Sturme nicht
bemerken oder haben sie sich in Schlupfwinkel, namentlich in ihre
Huschen, zurckgezogen? In den Zweigen des groen Kirschbaumes
herrschte der Wind ganz besonders. Ich stellte mich unter den Baum
neben die an seinem Stamme befindliche Bank und sah gegen Sden. Das
dunkle Baumgitter lag unter mir, wie schwarze, regellose Gewebe auf
den Schnee gezeichnet, weiter war das Haus mit seinem weien Dache,
und weiter war nichts; denn die fernere Gegend war kaum zu erblicken.
Bleiche Stellen oder dunklere Ballen schimmerten durch, je nachdem
das Auge sich auf Schneeflchen oder Wlder richtete, aber nichts war
deutlich zu erkennen, und in langen Streifen, gleichsam in nebligen
Fden, aus denen ein Gewebe zu verfertigen ist, hing der fallende
Schnee von dem Himmel herunter. Von dem Kirschbaume konnte ich nicht
in das Freie hinausgehen; denn das Pfrtchen war geschlossen. Ich
wendete mich daher um und ging auf einem anderen Wege wieder in das
Haus zurck.

An demselben Tage erfuhr ich auch, da Roland anwesend sei. Mein
Gastfreund holte mich ab, mich zu ihm zu begleiten. Man hatte ihm in
dem Wohnhause ein groes Zimmer zurecht gerichtet. In demselben malte
er eben eine Landschaft in lfarben. Als wir eintraten, sahen wir ihn
vor seiner Staffelei stehen, die zwar nicht mitten in dem Zimmer, doch
weiter von dem Fenster entfernt war, als dies sonst gewhnlich der
Fall zu sein pflegt. Das zweite der Fenster war mit einem Vorhange
bedeckt. Er hatte ein leinenes berkleid an seinem Oberkrper an und
hielt gerade das Malerbrett und den Stab in der Hand. Er legte beides
auf den nahestehenden Tisch, da er uns kommen sah, und ging uns
entgegen. Mein Gastfreund sagte, da er mich zu dem Besuche bei ihm
aufgefordert habe und da Roland wohl nichts dagegen haben werde.

Der Besuch ist mir sehr erfreulich, sagte er, aber gegen mein Bild
wird wohl viel einzuwenden sein.

Wer wei das? sagte mein Gastfreund.

Ich wende viel ein, antwortete Roland, und Andere, die sich des
Gegenstandes bemchtigen, werden auch wohl viel einzuwenden haben.

Wir waren whrend dieser Worte vor das Bild getreten.

Ich hatte nie etwas hnliches gesehen. Nicht, da ich gemeint
htte, da das Bild so vortrefflich sei, das konnte man noch nicht
beurteilen, da sich Vieles in den ersten Anfngen befand, auch glaubte
ich zu bemerken, da Manches wohl kaum wrde gemeistert werden
knnen. Aber in der Anlage und in dem Gedanken erschien mir das
Bild merkwrdig. Es war sehr gro, es war grer als man gewhnlich
landschaftliche Gegenstnde behandelt sieht, und wenn es nicht gerollt
wird, so kann es aus dem Zimmer, in welchem es entsteht, gar nicht
gebracht werden. Auf diesem wsten Raume waren nicht Berge oder
Wasserfluten oder Ebenen oder Wlder oder die glatte See mit schnen
Schiffen dargestellt, sondern es waren starre Felsen da, die nicht als
geordnete Gebilde empor standen, sondern, wie zufllig, als Blcke und
selbst hie und da schief in der Erde staken, gleichsam als Fremdlinge,
die wie jene Normannen auf dem Boden der Insel, die ihnen nicht
gehrte, sich sehaft gemacht hatten. Aber der Boden war nicht wie der
jener Insel oder vielmehr, er war so, wo er nicht von den im Altertume
berhmten Kornfeldern bekleidet oder von den dunkeln, fruchtbringenden
Bumen bedeckt ist, sondern wo er zerrissen und vielgestaltig ohne
Baum und Strauch mit den drren Grsern, den wei leuchtenden Furchen,
in denen ein aus unzhligen Steinen bestehender Quarz angehuft ist
und mit dem Gerlle und mit dem Trmmerwerke, das berall ausgest
ist, der drrenden Sonne entgegenschaut. So war Rolands Boden, so
bedeckte er die ungeheure Flche, und so war er in sehr groen und
einfachen Abteilungen gehalten, und ber ihm waren Wolken, welche
einzeln und vielzhlig schimmernd und Schatten werfend in einem Himmel
standen, welcher tief und hei und sdlich war.

Wir standen eine Weile vor dem Bilde und betrachteten es. Roland
stand hinter uns, und da ich mich einmal wendete, sah ich, da er die
Leinwand mit glnzenden Augen betrachtete. Wir sprachen wenig oder
beinahe nichts.

Er hat sich die Aufgabe eines Gegenstandes gestellt, den er noch
nicht gesehen hat, sagte mein Gastfreund, er hlt sich ihn nur in
seiner Einbildungskraft vor Augen. Wir werden sehen, wie weit er
gelingt. Ich habe wohl solche Dinge oder vielmehr ihnen hnliches weit
unten im Sden gesehen.

Ich bin nicht auf irgend etwas Besonderes ausgegangen, antwortete
Roland, sondern habe nur so Gestaltungen, wie sie sich in dem Gemte
finden, entfaltet. Ich will auch Versuche in lfarben machen, welche
mich immer mehr gereizt haben als meine Wasserfarben und in denen sich
Gewaltiges und Feuriges darstellen lassen mu.

Ich bemerkte, als ich seine Gerte nher betrachtete, da er Pinsel
mit ungewhnlich langen Stielen habe, da er also sehr aus der Ferne
arbeiten msse, was bei einer so groen Leinwandflche wohl auch nicht
anders sein kann und was ich auch aus der Behandlung ersah. Seine
Pinsel waren ziemlich gro, und ich sah auch lange, feine Stbe,
an deren Spitzen Zeichnungskohlen angebunden waren, mit welchen er
entworfen haben mute. Die Farben waren in starken Mengen auf der
Palette vorhanden.

Der Herr dieses Hauses ist so gtig, sagte Roland, und lt mich
hier wirtschaften, whrend ich verbunden wre, Zeichnungen zu machen,
welche wir eben brauchen, und whrend ich an Entwrfen arbeiten
sollte, die zu den Dingen notwendig sind, die eben ausgefhrt werden.

Das wird sich alles finden, antwortete mein Gastfreund, ihr habt
mir schon Entwrfe gemacht, die mir gefallen. Arbeitet und whlt nach
eurem Gutdnken, euer Geist wird euch schon leiten.

Um Roland, der hier vor seinem Werke stand und dessen ganze Umgebung,
wie sie in dem Zimmer ausgebreitet war, auf Ausfhrung dieses Werkes
hinzielte, nicht lnger zu stren, da die Wintertage ohnehin so kurz
waren, entfernten wir uns.

Da wir den Gang entlang gingen, sagte mein Gastfreund: Er sollte
reisen.

Als es dunkel geworden war, versammelten wir uns in dem Arbeitszimmer
meines Gastfreundes bei dem wohlgeheizten Ofen. Es war Eustach,
Roland, Gustav und ich zugegen. Es wurde von den verschiedensten
Dingen gesprochen, am meisten aber von der Kunst und von den
Gegenstnden, welche eben in der Ausfhrung begriffen waren. Es mochte
wohl Vieles vorkommen, was Gustav nicht verstand, er sprach auch sehr
wenig mit; aber es mochte doch das Gesprch ihn mannigfaltig frdern,
und selbst das Unverstandene mochte Ahnungen erregen, die weiter
fhren oder die aufbewahrt werden und in Zukunft geeignet sind, feste
Gestaltungen, die sich fgen wollen, einleiten zu helfen. Ich wute
das sehr wohl aus meiner eigenen Jugend und selbst auch aus der
jetzigen Zeit.

Da ich in mein Schlafgemach zurckgekehrt war, fhlte ich es recht
angenehm, da die Scheite aus dem Buchenwalde meines Gastfreundes, der
ein Teil des Alizwaldes war, in dem Ofen brennen. Ich beschftigte
mich noch eine Zeit mit Lesen und teilweise auch mit Schreiben.


Am anderen Morgen war Regen. Er fiel in Strmen aus blaulich
gefrbten, gleichartigen, ber den Himmel dahin jagenden Wolken herab.
Der Wind hatte zu solcher Heftigkeit zugenommen, da er um das ganze
Haus heulte. Da er aus Sdwesten kam, schlug der Regen an meine
Fenster und rann an dem Glase in wsserigen Flchen nieder. Aber da
das Haus sehr gut gebaut war, so hatte Regen und Wind keine anderen
Folgen als da man sich recht geborgen in dem schtzenden Zimmer fand.
Auch ist es nicht zu leugnen, da der Sturm, wenn er eine gewisse
Gre erreicht, etwas Erhabenes hat und das Gemt zu strken im Stande
ist. Ich hatte die ersten Morgenstunden bei Licht in Wrme damit
hingebracht, dem Vater und der Mutter einen Brief zu schreiben, worin
ich ihnen anzeigte, da ich auf dem Echerneise gewesen sei, da ich
alle Vorsicht beim Hinaufsteigen und Heruntergehen angewendet habe,
da uns nicht der geringste Unfall zugestoen sei und da ich mich
seit gestern bei meinem Freunde im Rosenhause befinde. An Klotilden
legte ich ein besonderes Blatt bei, worin ich, auf ihre teilweise
Kenntnis des Gebirges, die sie sich auf der mit mir gemachten Reise
erworben hatte, bauend, eine kleine Beschreibung des winterlichen
Hochgebirgbesuches gab. Als es dann heller geworden und die Stunde zum
Frhmahle gekommen war, ging ich in das Speisezimmer hinunter. Ich
erfuhr nun hier, da es im Winter der Gebrauch sei, da Eustach und
Roland, deren gestrige Anwesenheit bei dem Abendessen ich fr zufllig
gehalten hatte, mit meinem Gastfreunde und Gustav an einem Tische
speisen. Es sollte auch im Sommer so sein; allein da oft in dieser
Jahreszeit in dem Schreinerhause lange vor Sonnenaufgang aufgestanden
und zu einer Arbeit geschritten wird, so verndern sich die Stunden,
an denen eine Erquickung des Krpers notwendig wird, und Eustach
hat selber gebeten, da ihm dann die Zeit und Art seines Essens zu
eigener Wahl berlassen werde. Roland ist ohnehin zu jener Jahreszeit
meistens von dem Hause abwesend. Ich war nie so spt im Winter in dem
Rosenhause gewesen, da ich diese Einrichtung htte kennen lernen
knnen. Mein Gastfreund, Eustach, Roland, Gustav und ich saen also
beim Frhmahltische. Das Gesprch drehte sich hauptschlich um das
Wetter, welches so strmisch herein gebrochen war, und es wurde
erlutert, wie es hatte kommen mssen, wie es sich erklren lasse, wie
es ganz natrlich sei, wie jedes Hauswesen sich auf solche Wintertage
in der Verfassung halten msse und wie, wenn das der Fall sei, man
dann derlei Ereignisse mit Geduld ertragen, ja darin eine nicht
unangenehme Abwechslung finden knne. Nach dem Frhmahle begab sich
jedes an seine Arbeit. Mein Gastfreund ging in sein Zimmer, um dort im
Ordnen der Pergamente, das er angefangen hatte, fortzufahren, Eustach
ging in die Schreinerei, Roland, fr den die Zeit trotz des trben
Tages doch endlich auch hell genug zum Malen geworden war, begab sich
zu seinem Bilde, Gustav setzte sein Lernen fort und ich ging wieder in
meine Zimmer. Da ich dort eine Zeit mit Lesen und Schreiben zugebracht
hatte und da der Sturm, statt sich zu mildern, in den Vormittagstunden
nur noch heftiger geworden war, beschlo ich doch, wie es meine
Gewohnheit war, auf eine Zeit in das Freie zu gehen. Ich whlte
eine zweckmige Fubekleidung, nahm meinen Wachsmantel, der eine
Wachshaube hatte, die man ber den Kopf ziehen konnte, und ging ber
die gemeinschaftliche Treppe hinab. Ich schlug den Weg durch das
Gittertor auf den Sandplatz vor dem Hause ein. Dort konnte der
Sdwestwind recht an meine Person fallen, und er trieb mir die
Tropfen, welche fr einen Winterregen bedeutend gro waren, mit
Prasseln auf meinen berwurf, in das Angesicht, in die Augen und auf
die Hnde. Ich blieb auf dem Platze ein wenig stehen und betrachtete
die Rosen, welche an der Wand des Hauses gezogen wurden. Manche
Stmmchen waren durch Stroh geschtzt, bei manchen war stellenweise
die Erde ber den Wurzeln mit einer schtzenden Decke bekleidet,
andere waren blo fest gebunden, bei allen aber sah ich, da man
auerordentliche Schutzmittel nicht angewendet habe und da alle nur
gegen Verletzungen von uerlicher Gewalt gesichert waren.

Der Schnee konnte sie berhllen, wie ich noch die Spuren sah, der
Regen konnte sie begieen, wie ich heute erfuhr, aber nirgends konnte
der Wind ein Stmmchen oder einen Zweig lostrennen und mit ihm spielen
oder ihn zerren. Die ganze Wand des Hauses war auch im brigen
unversehrt, und der Regen, der gegen dieselbe anschlug, konnte ihr
nichts anhaben. Ich ging von dem Sandplatze ber den Hgel hinunter.
Der Schnee hatte schon die Gewalt des Regens versprt, welcher
ziemlich warm war. Die weiche, sanfte und flaumige Gestalt war
verloren gegangen, etwas Glattes und Eisiges hatte sich eingestellt,
und hie und da standen gezackte Eistrmmer gleichsam wie zerfressen
da. Das Wasser rann in Schneefurchen, die es gewhlt hatte, nieder,
und an offenen Stellen, wo es durch die lcherichte Beschaffenheit des
Schnees nicht verschluckt wurde, rieselte es ber die Grser hinab.
Ich ging, ohne auf einen Weg zu achten, durch den wsserigen Schnee
fort. In der Tiefe des Tales lenkte ich gegen Osten. Ich ging eine
Strecke fort, ging dort ber die Wiesen und lie das Schauspiel auf
mich wirken. Es war fast herrlich, wie der Wind, welcher den Schnee
nicht mehr heben konnte, den Regen auf ihn nieder jagte, wie schon
Stellen blo lagen, wie die grauen Schleier gleichsam bnderweise
nieder rollten und wie die trben Wolken ber dem bleichen Gefilde
unbekmmert um Menschentun und Menschenwerke dahin zogen.

Ich richtete endlich in der Tiefe der Wiesen meinen Weg nordwrts
gegen den Meierhof hinauf. Als ich dort anbelangt war, erfuhr ich, da
der Herr, wie man hier meinen Gastfreund kurzweg nannte, heute auch
schon da gewesen, aber bereits wieder fortgegangen sei. Er hatte
Mehreres besichtigt und Mehreres angeordnet. Ich fragte, ob er heute
auch barhuptig gewesen sei, und es wurde bejaht. Da ich den Meierhof
besehen hatte und in verschiedenen Rumen desselben herum gegangen
war, sah ich erst recht, was ein wohleingerichtetes Haus sei. Der
Regen fiel auf dasselbe nieder wie auf einen Stein, in den er nicht
eindringen und von dem er uerlich nur in Jahrhunderten etwas herab
waschen knne. Keine Ritze zeigte sich fr das Einlassen des Wassers
bereit, und kein Teilchen der Bekleidung schickte sich zur Loslsung
an. Im Innern wurden die Arbeiten getan wie an jedem Tage. Die Knechte
reinigten Getreide mit der sogenannten Getreideputzmhle, schaufelten
es seitwrts und maen es in Scke, damit es auf den Schttboden
gebracht werde. Der Meier war dabei beschftigt, ordnete an und prfte
die Reinheit. Ein Teil der Mgde war in den Stllen beschftigt, ein
Teil richtete auf der Futtertenne das Futter zurecht, ein Teil spann,
und die Frau des Meiers ordnete in der Milchkammer. Ich sprach mit
allen, und sie zeigten Freude, da ich sogar in dieser Jahreszeit
einmal gekommen sei.

Von dem Meierhofe ging ich ber den mit Obstbumen bepflanzten Raum
gegen den Garten hinber. Das Pfrtchen an dieser Seite war unter Tags
selbst im Winter nicht gesperrt. Ich ging durch dasselbe ein und begab
mich in die Wohnung des Grtners. Dort legte ich meinen Wachsmantel,
durch dessen Falten das Wasser rann, ab und setzte mich auf die reine,
weie Bank vor dem Ofen. Der alte Mann und seine Frau empfingen mich
recht freundlich. In ihrem ganzen Wesen war etwas sehr Aufrichtiges.
Seit geraumer Zeit war bei diesen alten Leuten beinahe etwas
Elternhaftes gegen mich gewesen. Die Grtnersfrau Clara sah mich immer
wieder gleichsam verstohlen von der Seite an. Wahrscheinlich dachte
sie an Natalien. Der alte Simon fragte mich, ob ich denn nicht in die
Gewchshuser gehen und die Pflanzen auch im Winter besehen wolle.

Das sei auer dem Besuche, den ich ihm und seiner Gattin machen
wollte, meine Nebenabsicht gewesen, erwiderte ich.

Er nahm einen anderen Rock um und geleitete mich in die Gewchshuser,
welche an seine Wohnung stieen. Ich nahm wirklich groen Anteil an
den Pflanzen selber, da ich mich ja in frherer Zeit viel mit Pflanzen
beschftigt hatte, und nahm Anteil an dem Zustande derselben. Wir
gingen in alle Rume des nicht unbetrchtlich groen Kalthauses und
begaben uns dann in das Warmhaus. Nicht blo, da ich die Pflanzen
nach meiner Absicht betrachtete, nahm ich mir auch die Zeit,
freundlich anzuhren, was mein Begleiter ber die einzelnen sagte, und
hrte zu, wie er sich ber Lieblinge ziemlich weit verbreitete. Diese
Hingabe an seine Rede und die Teilnahme an seinen Pfleglingen, die ich
ihm stets bewiesen hatte, mochten nebst dem Anteile, den er mir an der
Erwerbung des Cereus peruvianus zuschrieb, Ursache sein, da er eine
gewisse Anhnglichkeit gegen mich hegte. Als wir an dem Ausgange der
Gewchshuser waren, welcher seiner Wohnung entgegengesetzt lag,
fragte er mich, ob ich auch in das Cactushaus gehen wolle, er werde
zu diesem Behufe, da wir einen freien Raum zu berschreiten htten,
meinen Wachsmantel holen. Ich sagte ihm aber, da dies nicht ntig
sei, da er ja auch ohne Schutz herber gehe, da mein Gastfreund heute
schon barhuptig in dem Meierhofe gewesen sei, und da es mir nicht
schaden werde, wenn ich auch einmal eine kurze Strecke im Regen ohne
Kopfbedeckung gehe.

Ja der Herr, der ist Alles gewohnt, antwortete er.

Ich bin zwar nicht Alles, aber Vieles gewohnt, erwiderte ich, und
wir gehen schon so hinber.

Er lie sich von seinem Vorhaben endlich abbringen, und wir gingen in
das Cactushaus. Er zeigte mir alle Gewchse dieser Art, besonders den
Peruvianus, welcher wirklich eine prachtvolle Pflanze geworden war,
er verbreitete sich ber die Behandlung dieser Gewchse whrend des
Winters, sagte, da mancher schon im Hornung blht, da nicht alle
eine gewisse Klte vertragen, sondern in der wrmeren Abteilung des
Hauses stehen mssen, besonders verlangen dieses viele Cereusarten,
und er ging dann auf die Einrichtung des Hauses selbst ber und hob
es als eine Vorzglichkeit heraus, da der Herr fr jene Stellen, an
denen die Glser ber einander liegen, ein so treffliches Bindemittel
gefunden habe, durch welches das Hereinziehen des Wassers an den
bereinandergelegten Stellen des Glases unmglich sei und das diesen
Pflanzen so nachteilige Herabfallen von Wassertropfen vermieden werde.
Dadurch kann es auch allein geschehen, da an Regentagen und an Tagen,
an welchen Schnee schmilzt, das Haus nicht mit Brettern gedeckt werden
msse, was finster macht und den Pflanzen schdlich ist. Ich knne
das ja heute sehen, wie bei einem Regen so heftiger Art nicht ein
Trpflein herein dringen kann oder vom Winde hereingeschlagen wird.
Bretter wrden berhaupt ber dieses Haus nicht gelegt. Gegen den
Hagel sei es durch dickes Glas und den Panzer geschtzt, und wenn
kalte Nchte zu erwarten sind, werde eine Strohdecke angewendet, und
der Schnee werde durch Besen entfernt. Mir war wirklich der Umstand
merkwrdig und wichtig, da hier kein Herabtropfen von dem Glasdache
statt finde, was meinem Vater so unangenehm ist. Ich nahm mir vor,
meinen Gastfreund um Erffnung des Verfahrens zu ersuchen, um dasselbe
dem Vater mitzuteilen. Als wir auf dem Rckwege durch die anderen
Gewchshuser gingen, sah ich, da auch hier kein Herabtropfen
vorhanden sei, und mein Begleiter besttigte es.

Da ich noch ein Weilchen in der Wohnung der Grtnerleute geblieben
war und mit der Grtnerfrau gesprochen hatte, machte ich Anstalt zum
Heimwege. Die Grtnerfrau hatte meinen Wachsmantel in der Zeit, in
der ich mit ihrem Manne in den Gewchshusern gewesen war, an seiner
Auenflche von allem Wasser befreit und ihn berhaupt handlich
und angenehm hergerichtet. Ich dankte ihr, sagte, da er wohl bald
wieder verknittert sein wrde, empfahl mich freundlich, nahm die
anderseitigen freundlichen Empfehlungen in Empfang und ging dann in
meine Zimmer.

Dort kleidete ich mich sorgfltig um und ging dann zu meinem
Gastfreunde. Er war eben mit Gustav beschftigt, der ihm Rechenschaft
von seinen Morgenarbeiten ablegte. Ich fragte, ob es mir erlaubt wre,
in das Bildergemach oder in hnliche zu gehen.

Das Lesezimmer und das Bilderzimmer so wie das mit den Kupferstichen
sind ordnungsgem geheizt, antwortete mein Gastfreund, der
Bchersaal, der Marmorsaal und die Marmortreppe werden leidlich warm
sein. Verschlossen ist keiner der Rume. Bedient euch derselben, wie
ihr es zu Hause tun wrdet.


Ich dankte und entfernte mich. Nach meiner Kenntnis der Tageinteilung
wute ich, da er seine Beschftigung mit Gustav fortsetzte.

Ich ging zuerst auf die Marmortreppe. Ich suchte sie von oben zu
gewinnen. Als ich von dem gemeinschaftlichen Gange in den oberen Teil
des Marmorganges eingetreten war, zog ich, wie es hier vorgeschrieben
war, Filzschuhe, welche immer in Bereitschaft standen, an und ging die
glatte, schne Treppe hinunter.

Als ich in die Mitte derselben gekommen war, wo sich der breite
Absatz befindet, hielt ich an; denn das war das Ziel meiner Wanderung
gewesen. Ich wollte die altertmliche Marmorgestalt betrachten. Selbst
heute in dem bleiernen Lichte, das durch die Glaswlbung, welche noch
dazu durch das auf ihr rinnende Wasser getrbt war, gleichsam trge
nieder fiel, war die Erscheinung eine gewaltige und erhebende. Die
hehre Jungfrau, sonst immer sanft und hoch, stand heute in den
flssigen Schleiern des dumpferen Lichtes zwar trb, aber mild da, und
der Ernst des Tages legte sich auch als Ernst auf ihre unaussprechlich
anmutigen Glieder. Ich sah die Gestalt lange an, sie war mir, wie bei
jedem erneuerten Anblicke, wieder neu. Wie sehr mir auch die blendend
weie Gestalt der Brunnennymphe im Sternenhofe nach der jngsten
Vergangenheit als liebes Bild in die Seele geprgt worden war, so war
sie doch ein Bild aus unserer Zeit und war mit unseren Krften zu
fassen: hier stand das Altertum in seiner Gre und Herrlichkeit. Was
ist der Mensch, und wie hoch wird er, wenn er in solcher Umgebung, und
zwar in solcher Umgebung von grerer Flle weilen darf!

Ich ging langsam die Treppe wieder hinan und ging in den Marmorsaal.
Seine Gre, seine Leerheit, der, wenn ein solches Wort erlaubt ist,
dunkle Glanz, der von dem dunkeln und mit ungewissen und zweideutigen
Lichtern wechselnden Tage auf seinen Wnden lag und wechselte, lie
sich nach dem Anblicke der Gestalt des Altertums tragen und ertragen.
Ja, der Saal erschien mir in dem finstern Tage noch grer und ernster
als sonst, und ich weilte gerne in ihm, fast so gerne wie an jenem
Abende, an welchem ich mit meinem Gastfreunde unter dem sanften
Blitzen eines Gewitterhimmels in ihm auf und ab gegangen war.

Ich ging auch jetzt wieder in demselben hin und wider und lie den
Sturm drauen mit seinen trben Lichtern, die Wnde hier innen mit
ihrem matten Glanze und die Erinnerung der eben gesehenen Gestalt in
mir wirken.

Nach einer Zeit trat ich durch die Tr, welche in das Bilderzimmer
fhrt. Die Bilder hingen in dem dsteren Glanze des Tages da und
konnten selbst dort, wo der Knstler die kraftvollsten Mittel des
Lichtes und Schattens angewendet hatte, nicht zur vollen Wirksamkeit
gelangen, weil das, was die Bilder erst recht malen hilft, fehlte, die
Macht eines sonnigen und heiteren Tages. Selbst als ich zu einigen,
die ich besonders liebte, nher getreten war, selbst als ich vor einem
Guido, der auf der Staffelei stand, die nahe an das Fenster und in
das beste Licht gerckt worden war, niedersa, um ihn zu betrachten,
konnte die Empfindung, die sonst diese Werke in mir erregten, nicht
emporkeimen. Ich erkannte bald die Ursache, welche darin bestand, da
ohnehin eine viel hhere in meinem Gemte wartete, welche durch die
Gestalt des Altertums in mir hervorgerufen worden war. Die Gemlde
erschienen mir beinahe klein. Ich ging in das Bcherzimmer, nahm mir
Odysseus aus seinem Schreine, begab mich in das Lesezimmer, in welchem
die gesellige Flamme, die Freundin des Menschen, die ihm in der
Finsternis Licht und im Winter des Nordens Wrme gibt, hinter dem
feinen Gitter eines Kamines freundlich loderte, und in welchem alles
auf das Reinlichste geordnet war, setzte mich in einiger Entfernung
von dem Fenster in einen weichen Sitz und begann unter dem Prasseln
des Regens an den Fenstern von der ersten Zeile an zu lesen. Die
fremden Worte, die als lebendig gesprochen einer fernen Zeit
angehrten, die Gestalten, welche durch diese Worte in unsere Zeit mit
all ihrer ihnen einstens angehrigen Eigentmlichkeit heraufgefhrt
wurden, schlossen sich an die Jungfrau an, welche ich auf der Treppe
hatte stehen gesehen. Als Nausikae kam, war es mir wieder, wie es mir
bei der ersten richtigen Betrachtung der Marmorgestalt gewesen war,
die Gewnder des harten Stoffes lseten sich zu leichter Milde, die
Glieder bewegten sich, das Angesicht erhielt wandelbares Leben, und
die Gestalt trat als Nausikae zu mir. Es war auch die Erinnerung jenes
Abends gewesen, die heute meine Hand, als ich von der Treppe in den
Marmorsaal und in das Bilderzimmer herauf gekommen war und in diesen
keine Befriedigung gefunden hatte, zu den Worten Homers im Odysseus
greifen lie. Als die Helden das Mahl in dem Saale genossen hatten,
als der Snger gerufen worden war, als die Worte jenes Liedes
vernommen worden waren, dessen Ruhm damals bis zu dem Himmel reichte,
als Odysseus das Haupt verhllt hatte, damit man die Trnen nicht
she, welche ihm aus den Augen flossen, als endlich Nausikae schlicht
und mit tiefem Gefhle an den Sulen der Pforte des Saales stand: da
gesellte sich auch lchelnd das schne Bild Nataliens zu mir; sie war
die Nausikae von jetzt, so wahr, so einfach, nicht prunkend mit ihrem
Gefhle und es nicht verhehlend. Beide Gestalten verschmolzen in
einander, und ich las und dachte zugleich, und bald las ich und bald
dachte ich, und als ich endlich sehr lange blo allein gedacht hatte,
nahm ich das Buch, das vor mir auf dem Tische lag, wieder auf, trug es
in das Bcherzimmer auf seinen Platz und ging durch den Marmorsaal und
den Gang der Gastzimmer in meine Wohnung zurck.

Das Werk des Vormittages war abgetan.


Am Mittagtische fanden sich wieder dieselben Personen ein, welche
bei dem Frhmahle versammelt gewesen waren. Nach dem Genusse eines
einfachen, aber fr Gedeihen und Gesundheit sehr wohl zubereiteten
Mahles, wie es immer in dem Rosenhause sein mute, nach manchem
freundlichen und erheiternden Gesprche stand man auf, um wieder zu
seinen Geschften zu gehen, die jedem ernst und wichtig genug waren,
mochten sie nun im Erwerben von Kenntnissen bestehen, wie fast
ausschlielich bei Gustav, oder mochten sie im Vorwrtsdringen in der
Kunst oder auf wissenschaftlichem Felde oder in einer richtigeren
Gestaltung der eigenen Lebenslage enthalten sein.

Fr den heutigen Nachmittag war ein besonderes Geschft vorbehalten
worden, zu welchem auch Roland kommen und deshalb seine heutige
Arbeit an seinem Bilde abbrechen mute. Es war eine Sammlung von
Kupferstichen eingelangt, welche zum Kaufe angeboten waren, und deren
Besichtigung man auf den heutigen Nachmittag anberaumt hatte. Mein
Gastfreund lud mich zu der Sache ein. Die Kupferstiche lagen in zwei
Mappen in dem Zimmer meines Gastfreundes. Wir gingen ber die Treppe,
die fr die Dienerschaft bestimmt war, in sein Zimmer empor und
rckten den Tisch, auf welchem die Mappen lagen, nher an ein Fenster,
damit wir die Bltter besser betrachten konnten. Die Mappen wurden
geffnet, und bald sah man, da der Sammler der in denselben
enthaltenen Stcke kein Mann gewesen sei, der von der Tiefe der Kunst,
von ihrem Ernste und von ihrer Bedeutung fr das menschliche Leben
eine Vorstellung gehabt habe. Er war eben ein Sammler gewhnlicher Art
gewesen, der die Menge und die Mannigfaltigkeit der Stcke vor Augen
gehabt hatte. Jetzt lag er im Grabe, und seine Erben muten weder fr
die Verhltnisse der Kunst zum menschlichen Leben noch fr Sammeln
von was immer fr einer Art einen Sinn gehabt haben, daher sie alle
Hefte meinem Gastfreunde, von dem sie gehrt hatten, da er solche
Merkwrdigkeiten suche, zum Verkaufe anboten. Neben ganz wertlosen
Erzeugnissen des Grabstichels nach heutiger unbedeutender Weise, wie
sie in Bchern und Bilderwerken zum Behufe des Gelderwerbes vorkommen,
neben Steinzeichnungen mit der Feder und der Kreide befanden sich auch
bessere Werke von jetzt und besonders einige Stcke aus lterer Zeit
von groem Werte. Mein Gastfreund und seine zwei Gehilfen sprachen
bei dieser Gelegenheit Manches ber Kupferstiche, was mir neu war und
woran ich die Bedeutung dieses Kunstzweiges mehr kennen lernte, als
ich sie frher kannte. Da er die bersetzung der Werke der groen
Meister aller Zeiten vermitteln kann, da er ein Bild, das nur einmal
da ist, das fr viele Menschen an fernen und ihnen nie erreichbaren
Orten sich befindet, oder das als Eigentum eines einzelnen Mannes
nicht einmal allen denen, die denselben Ort mit ihm bewohnen,
zugnglich ist, vervielfltiget und zur Anschauung in viele Orte
und in ferne Zeiten bringen kann, so sollte man ihm wohl die grte
Aufmerksamkeit schenken. Wenn er nicht einer gewissen, zu bestimmten
Zeiten in Schwung kommenden Art huldigt, sondern strebt, die Seele des
Meisters, wie sie sich in dem Bilde darstellt, wieder zu geben, wenn
er nicht blo die Stoffe, wie sie sich in dem Bilde befinden, von
der Zartheit des menschlichen Angesichtes und der menschlichen Hnde
angefangen durch den Glanz der Seide und die Gltte des Metalles bis
zu der Rauhigkeit der Felsen und Teppiche herab, sondern auch sogar
die Farben, die der Maler angewendet hat, durch verschiedene, aber
immer klare, leicht gefhrte und schngeschwungene Linien, die niemals
unbedeutend, niemals durch Absonderlichkeit auffallend sein, niemals
einen bloen Fleck bilden drfen und die er zur Bemeisterung jedes
neuen Gegenstandes neu erfinden kann, darstellt: dann kann er zwar
nicht der Malerei in ihren Wirkungen an die Seite gesetzt werden,
die sie auf ihre Beschauer geradehin ausbt, aber er kann ihr an
Kunstwirkung berhaupt als ebenbrtig erkannt werden, weil er auf eine
grere Zahl von Menschen wirkt und bei denen, welche die nachgeahmten
Gemlde nicht sehen knnen, eine desto tiefere und vollere
Kunstwirkung hervorbringt, je tiefer und edler er selber ist. Dies
habe ich bei meinem Gastfreunde in der Zeit, als ich mit ihm in
Verbindung war, immer mehr kennen gelernt, und dies ist mir wieder
besonders klar geworden, als die Kupferstiche durchgesehen wurden
und als man ber ihren Wert und ber Mittel, Wege und Wirkung der
Kupferstecherkunst berhaupt sprach. Es wurde, da man die Einzelheiten
der guten Bltter genau untersucht und ihre Vorzge und ihre Mngel
sorglich besprochen hatte, festgesetzt, da man der guten Stcke
willen die ganze Sammlung kaufen wolle, wenn ihr Preis einen gewissen
Betrag, den man anbot und den man gerechter und billiger Weise geben
konnte, nicht berstiege. Die schlechten Bltter wollte man dann
vernichten, weil sie durch ihr Dasein eine gute Wirkung nicht nur
nicht hervorbringen, sondern das Gefhl dessen, der nichts Besseres
sieht, statt es zu heben, in eine rohere und verbildetere Richtung
lenken, als es nhme, wenn ihm nichts als die Gegenstnde der
Natur geboten wrden. Den Geist des Menschen, sagten die Mnner,
verunreinigte falsche Kunst mehr als die Unberhrtheit von jeder
Kunst. Da es dmmerte, wurden die Kupferstiche in ihre Behltnisse
getan, der Tisch wurde wieder an seine Stelle gerckt, und wir
trennten uns.

Der Sturm hatte eher zu als ab genommen, und der Regen schlug in
Strmen an die Fenster.

Abends waren wir wieder in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes
vereinigt, nur Gustav fehlte, weil er sich in seinem Zimmer noch mit
seiner Tagesaufgabe beschftigte. Ehe wir zu dem Abendessen gingen,
zeichnete mein Gastfreund noch den Stand der naturwissenschaftlichen
Gerte, welche sich auf Luftdruck, Feuchtigkeit, Wrme, Electricitt
und dergleichen bezogen, in seine Bcher, und dann ging er durch
das ganze Haus und besah den Verhalt der Dinge in demselben, die
gefrderten Arbeiten der Hausleute, ihr jetziges Tun und den
allflligen Einflu des heutigen strmischen Wetters.

Bei dem Abendessen wurde, nachdem man die Nahrungsbedrfnisse in
kurzer Zeit gestillt und heitere Gesprche gefhrt hatte, noch aus
einem Buche vorgelesen, das damal neu war. Es betraf grtenteils
die Geschichte des Seidenbaues und der Seidenweberei, und besonders
wurde der Abschnitt behandelt, wie dieses Gewerbe aus dem fernsten
Morgenlande nach Syrien, nach Arabien, Egypten, Byzanz, dem
Peloponnes, nach Sicilien, Spanien, Italien und Frankreich gekommen
sei. Mein Gastfreund behauptete, da in der Anfertigung von jenen
Prachtstoffen, die aus Seide und Gold oder Silber bestanden, was die
Feinheit und Zartheit des Gewebes, was dessen Weichheit, verbunden
mit mildem Glanze, gegen den die heutigen Stoffe dieser Art, in ihrer
Steifheit und in ihrem harten Schimmer stark abstehen, und was endlich
den Schwung, die feine Zierlichkeit und die reiche Einbildungskraft
in den Zeichnungen betrifft, die Zeit des dreizehnten und vierzehnten
Jahrhunderts den spteren Zeiten und besonders der unsrigen weit
vorzuziehen sei. Er habe zu spt angefangen, diesem Zweige des
Altertumes, der beinahe ein Zweig der Kunst sei, seine Aufmerksamkeit
zu widmen. Eine Sammlung solcher Stoffe mte merkwrdig sein, er
knne aber keine mehr anlegen, da sie Reisen durch ganz Europa, ja
durch nicht unbedeutende Teile von Asien und Afrika voraussetze
und wahrscheinlich die Krfte eines einzelnen Mannes berschreite.
Gesellschaften oder der Staat knnten solche Sammlungen zur
Vergleichung, zur Belehrung, ja zur Bereicherung der Geschichte
selber zu Stande bringen. In reichen Abteien, in den Kleiderschreinen
alter berhmter Kirchen, in Schatzkammern und andern Behltnissen
kniglicher Burgen und grerer Schlsser drfte sich Vieles finden,
was dort zu entbehren wre und in einer Sammlung Sprache und Bedeutung
gewnne. Wie viel mte nach den Kreuzzgen aus dem Morgenlande nach
Europa gekommen sein, da selbst einfache Ritter mit dort gewonnener
Beute an Gold und kostbaren Stoffen in die Heimat zurckgekehrt seien
und sich Prunk auer bei kirchlichen Feierlichkeiten, Krnungen,
Aufzgen, Kampfspielen auch im gewhnlichen Verkehre mehr eingefunden
hatte, als er frher gewesen war. Wie mte dieser Zweig auch ein
Licht auf die mit seinem Blhen ganz gleich laufende Zeit werfen,
in welcher jene merkwrdigen Kirchen gebaut wurden, deren erhabene
berbleibsel noch heute unsere Bewunderung erregen, wie mte er
auch eine Beziehung erffnen zur Verzierungskunst jener Zeit in
Steinmetzarbeit, in Elfenbein- und Holzschnitzerei, ja zum Beginne der
spter blhenden groen Malerschulen in dem Norden und Sden Europas,
und wie mte er sogar auf Gedanken ber Anschauungsweise der Vlker,
ihre Verbindungen und ihre Handelswege leiten. Tun das ja auch Mnzen,
tun es Siegel und andere, diesen untergeordnete Dinge. Roland sagte,
er wolle nun solche Stoffe zu sammeln suchen.

Wir gingen an jenem Abende spter auseinander als gewhnlich.

Am anderen Morgen, als ich aufgestanden war und das beginnende Licht
einen Ausblick durch die Fenster gestattete, sah ich frischen Schnee
ber alle Gefilde ausgebreitet, und in dichten Flocken, die um das
Glas der Fenster spielten, fiel er noch immer von dem Himmel herunter.
Der Wind hatte etwas nachgelassen, die Klte mute gestiegen sein.

Wir machten an diesem Tage alle zusammen einen ziemlich groen
Spaziergang. Im Garten wurde herumgegangen, ob etwas zu richten sei,
die Gewchshuser wurden besucht, in dem Meierhofe wurde nachgesehen
und Abends wurde in dem Buche, welches von der Seidenweberei handelte,
weiter gelesen. Der Schneefall hatte bis in die Dmmerung gedauert,
dann kamen heitere Stellen an dem Himmel zum Vorscheine.

Wie diese zwei Tage vergangen waren, so vergingen nun mehrere,
und mein Gastfreund begann nicht, seine Mitteilungen, welche er
versprochen hatte, zu machen. Wir hatten auer der Zeit, die jeder in
seiner Wohnung bei seinen Arbeiten zubrachte, manche Gnge durch die
Gegend gemacht, was um so angenehmer war, als nach den strmischen
Tagen bei meiner Ankunft sich heiteres, stilles und kaltes Wetter
eingestellt hatte. Ich war zu mancher Zeit in der Gesellschaft meines
Gastfreundes, ich sah ihm zu, wenn er seine Vgel vor dem Fenster
ftterte oder wenn er fr Ernhrung der Hasen auerhalb der Grenze
seines Gartens sorgte, was des tiefen Schnees willen, der gefallen
war, doppelt notwendig wurde, wir hatten weitere Fahrten in dem
Schlitten gemacht, um Nachbarn zu besuchen, Manches zu besprechen oder
die freie Luft und die Bewegung zu genieen, einmal war ich mit meinem
Gastfreunde zu einer Brcke gefahren, die er mit mehreren Mnnern
beschauen sollte, weil man vorhatte, sie im Frhlinge neu zu bauen -
man hatte meinen Gastfreund nicht verschont und ihn mit Gemeindemtern
betraut -, mehrere Male waren wir in verschiedenen Teilen der Wlder
gewesen, um bei dem Fllen der Hlzer nachzusehen, welche zum Bauen
und zur Verarbeitung in dem Schreinerhause verwendet werden sollten,
welche Fllung in dieser Jahreszeit vor sich gehen mute; wir waren
auch einmal im Inghofe gewesen und hatten die dortigen Gewchshuser
besehen. Der Hausverwalter und der Grtner hatten uns bereitwillig
und freundlich herum gefhrt. Der Herr des Besitztums war mit seiner
Familie in der Stadt.

Eines Tages kam mein Gastfreund in meine Wohnung, was er fter tat,
teils um mich zu besuchen, teils um nach zu sehen, ob es mir nicht an
etwas Notwendigem gebreche. Nachdem das Gesprch ber verschiedene
Dinge eine Weile gedauert hatte, sagte er: Ihr werdet wohl wissen,
da ich der Freiherr von Risach bin.

Lange wute ich es nicht, antwortete ich, jetzt wei ich es schon
eine geraume Zeit.

Habt ihr nie gefragt?

Ich habe nach der ersten Nacht, die ich in eurem Hause zugebracht
habe, einen Bauersmann gefragt, welcher mir die Antwort gab, ihr
seiet der Aspermeier. An demselben Tage forschte ich auch in weiterer
Entfernung, ohne etwas Genaues zu erfahren. Spter habe ich nie mehr
gefragt.

Und warum habt ihr denn nie gefragt?

Ihr habt euch mir nicht genannt; daraus schlo ich, da ihr nicht fr
ntig hieltet, mir euren Namen zu sagen, und daraus zog ich fr mich
die Maregel, da ich euch nicht fragen drfe, und wenn ich euch nicht
fragen durfte, durfte ich es auch einen andern nicht.

Man nennt mich hier in der ganzen Gegend den Asperherrn, antwortete
er, weil es bei uns gebruchlich ist, den Besitzer eines Gutes nach
dem Gute, nicht nach seiner Familie zu benennen. Jener Name erbt in
Hinsicht aller Besitzer bei dem Volke fort, dieser ndert sich bei
einer nderung des Besitzstandes, und da mute das Volk stets wieder
einen neuen Namen erlernen, wozu es viel zu beharrend ist. Einige
Landleute nennen mich auch den Aspermeier, wie mein Vorgnger geheien
hat.

Ich habe einmal zufllig euren richtigen Namen nennen gehrt, sagte
ich.

Ihr werdet dann auch wissen, da ich in Staatsdiensten gestanden
bin, erwiderte er.

Ich wei es, sagte ich.

Ich war fr dieselben nicht geeignet, antwortete er.

Dann sagt ihr etwas, dem alle Leute, die ich bisher ber euch gehrt
habe, widersprechen. Sie loben eure Staatslaufbahn insgesammt,
erwiderte ich.

Sie sehen vielleicht auf einige einzelne Ergebnisse, antwortete er,
aber sie wissen nicht, mit welchem Ungemache des Entstehens diese aus
meinem Herzen gekommen sind. Sie knnen auch nicht wissen, wie die
Ergebnisse geworden wren, wenn ein Anderer von gleicher Begabung,
aber von grerer Gemtseignung fr den Staatsdienst, oder wenn gar
einer von auch noch grerer Begabung sie gefrdert htte.

Das kann man von jedem Dinge sagen, erwiderte ich.

Man kann es, antwortete er, dann soll man aber das, was nicht
gerade milungen ist, auch nicht sogleich loben. Hrt mich an. Der
Staatsdienst oder der Dienst des allgemeinen Wesens berhaupt, wie er
sich bis heute entwickelt hat, umfat eine groe Zahl von Personen. Zu
diesem Dienste wird auch von den Gesetzen eine gewisse Ausbildung und
ein gewisser Stufengang in Erlangung dieser Ausbildung gefordert und
mu gefordert werden. Je nachdem nun die Hoffnung vorhanden ist,
da einer nach Vollendung der geforderten Ausbildung und ihres
Stufenganges sogleich im Staatsdienste Beschftigung finden und da
er in einer entsprechenden Zeit in jene hheren Stellen empor rcken
werde, welche einer Familie einen anstndigen Unterhalt gewhren,
widmen sich mehr oder wenigere Jnglinge der Staatslaufbahn. Aus der
Zahl derer, welche mit gutem Erfolge den vorgeschriebenen Bildungsweg
zurckgelegt haben, whlt der Staat seine Diener und mu sie im Ganzen
daraus whlen. Es ist wohl kein Zweifel, da auch auerhalb dieses
Kreises Mnner von Begabung fr den Staatsdienst sind, von groer
Begabung, ja von auerordentlicher Begabung; aber der Staat kann
sie, jene ungewhnlichen Flle abgerechnet, wo ihre Begabung durch
besondere Zuflle zur Erscheinung gelangt und mit dem Staate in
Wechselwirkung gert, nicht whlen, weil er sie nicht kennt und weil
das Whlen ohne nhere Kenntnis und ohne die vorliegende Gewhr der
erlangten vorgeschriebenen Ausbildung Gefahr drohte und Verwirrung und
Mileitung in die Geschfte bringen knnte.

Wie nun diejenigen, welche die Vorbereitungsjahre zurckgelegt haben,
beschaffen sind, so mu sie der Staat nehmen. Oft sind selbst groe
Begabungen in grerer Zahl darunter, oft sind sie in geringerer,
oft ist im Durchschnitte nur Gewhnlichkeit vorhanden. Auf diese
Beschaffenheit seines Personenstoffes mute nun der Staat die
Einrichtung seines Dienstes grnden. Der Sachstoff dieses Dienstes
mute eine Fassung bekommen, die es mglich macht, da die zur
Erreichung des Staatszweckes ntigen Geschfte fortgehen und keinen
Abbruch und keine wesentliche Schwchung erleiden, wenn bessere oder
geringere einzelne Krfte abwechselnd auf die einzelnen Stellen
gelangen, in denen sie ttig sind. Ich knnte ein Beispiel gebrauchen
und sagen, jene Uhr wre die vortrefflichste, welche so gebaut
wre, da sie richtig ginge, wenn auch ihre Teile verndert wrden,
schlechtere an die Stelle besserer, bessere an die Stelle schlechterer
kmen. Aber eine solche Uhr drfte kaum mglich sein. Der Staatsdienst
mute sich aber so mglich machen oder sich nach der Entwicklung,
die er heute erlangt hat, aufgeben. Es ist nun einleuchtend, da die
Fassung des Dienstes eine strenge sein mu, da es nicht erlaubt sein
knne, da ein Einzelner den Dienstesinhalt in einer andern Fassung
als in der vorgeschriebenen anstrebe, ja da sogar mit Rcksicht auf
die Zusammenhaltung des Ganzen ein Einzelnes minder gut verrichtet
werden mu, als man es, von seinem Standpunkte allein betrachtet, tun
knnte. Die Eignung zum Staatsdienste von Seite des Gemtes, abgesehen
von den andern Fhigkeiten, besteht nun auch in wesentlichen Teilen
darin, da man entweder das Einzelne mit Eifer zu tun im Stande ist,
ohne dessen Zusammenhang mit dem groen Ganzen zu kennen, oder da man
Scharfsinn genug hat, den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen
zum Wohle und Zwecke des Allgemeinen einzusehen und da man dann
dieses Einzelne mit Lust und Begeisterung vollfhrt. Das letztere
tut der eigentliche Staatsmann, das erste der sogenannte gute
Staatsdiener. Ich war keins von beiden. Ich hatte von Kindheit an,
freilich ohne es damals oder in den Jugendjahren zu wissen, zwei
Eigenschaften, die dem Gesagten geradezu entgegen standen. Ich war
erstens gerne der Herr meiner Handlungen. Ich entwarf gerne das Bild
dessen, was ich tun sollte, selbst und vollfhrte es auch gerne mit
meiner alleinigen Kraft. Daraus folgte, da ich schon als Kind, wie
meine Mutter erzhlte, eine Speise, ein Spielzeug und dergleichen
lieber nahm als mir geben lie, da ich gegen Hilfe widerspenstig
war, da man mich als Knaben und Jngling ungehorsam und eigensinnig
nannte, und da man in meinen Mnnerjahren mir Starrsinn vorwarf. Das
hinderte aber nicht, da ich dort, wo mir ein Fremdes durch Grnde und
hohe Triebfedern untersttzt gegeben wurde, dasselbe als mein Eigenes
aufnahm und mit der tiefsten Begeisterung durchfhrte. Das habe ich
einmal in meinem Leben gegen meine strkste Neigung, die ich hatte,
getan, um der Ehre und der Pflicht zu gengen. Ich werde es euch
spter erzhlen. Daraus folgt, da ich eigensinnig in der Bedeutung
des Wortes, wie man es gewhnlich nimmt, nicht gewesen bin und es auch
im Alter, in dem man berhaupt immer milder wird, gewi nicht bin.
Eine zweite Eigenschaft von mir war, da ich sehr gerne die Erfolge
meiner Handlungen abgesondert von jedem Fremdartigen vor mir haben
wollte, um klar den Zusammenhang des Gewollten und Gewirkten
berschauen und mein Tun fr die Zukunft regeln zu knnen. Eine
Handlung, die nur gesetzt wird, um einer Vorschrift zu gengen oder
eine Fassung zu vollenden, konnte mir Pein erregen. Daraus folgte, da
ich Taten, deren letzter Zweck ferne lag oder mir nicht deutlich war,
nur lssig zu vollfhren geneigt war, whrend ich Handlungen, wenn ihr
Ziel auch sehr schwer und nur durch viele Mittelglieder zu erreichen
war, mit Eifer und Lust zu Ende fhrte, sobald ich mir nur den
Hauptzweck und die Mittelzwecke deutlich machen und mir aneignen
konnte. Im ersten Falle vermochte ich es mir nur durch die
Vorstellung, da der Zweck wenn auch dunkel, doch ein hoher sei,
abzuringen, da ich mit aller Kraft an das Werk ging, wobei ich aber
immer zum Eilen geneigt war, weshalb man mich auch ungeduldig schalt:
im zweiten Falle gingen die Krfte von selber an das Werk, und es
wurde mit der grten Ausdauer und mit Verwendung aller gegebenen Zeit
zu Stande gebracht, weshalb man mich auch wieder hartnckig nannte.
Ihr werdet in diesem Hause Dinge gesehen haben, aus denen euch klar
geworden ist, da ich Zwecke auch mit groer Geduld verfolgen kann.
Sonderbar ist es berhaupt und drfte von grerer Bedeutung sein, als
man ahnt, da mit dem zunehmenden Alter die Weitaussichtigkeit der
Plne wchst, man denkt an Dinge, die unabsehliche Strecken jenseits
alles Lebenszieles liegen, was man in der Jugend nicht tut, und das
Alter setzt mehr Bume und baut mehr Huser als die Jugend. Ihr seht,
da mir zwei Hauptdinge zum Staatsdiener fehlen, das Geschick zum
Gehorchen, was eine Grundbedingung jeder Gliederung von Personen und
Sachen ist, und das Geschick zu einer ttigen Einreihung in ein Ganzes
und krftiger Arbeit fr Zwecke, die auer dem Gesichtskreise liegen,
was nicht minder eine Grundbedingung fr jede Gliederung ist. Ich
wollte immer am Grundstzlichen ndern und die Pfeiler verbessern,
statt in einem Gegebenen nach Krften vorzugehen, ich wollte die
Zwecke allein entwerfen und wollte jede Sache so tun, wie sie fr sich
am besten ist, ohne auf das Ganze zu sehen und ohne zu beachten, ob
nicht durch mein Vorgehen anderswo eine Lcke gerissen werde, die mehr
schadet als mein Erfolg ntzt. Ich wurde, da ich noch kaum mehr als
ein Knabe war, in meine Laufbahn gefhrt, ohne da ich sie und mich
kannte, und ich ging in derselben fort, so weit ich konnte, weil ich
einmal in ihr war und mich schmte, meine Pflicht nicht zu tun. Wenn
einiges Gute durch mich zu Stande kam, so rhrt es daher, da ich
einerseits in Betrachtung meines Amtes und seiner Gebote meinen
Krften eine mgliche Ttigkeit abrang und da andererseits die
Zeitereignisse solche Aufgaben herbei fhrten, bei denen ich die Plne
des Handelns entwerfen und selber durchfhren konnte. Wie tief aber
mein Wesen litt, wenn ich in Arten des Handelns, die seiner Natur
entgegengesetzt sind, begriffen war, das kann ich euch jetzt kaum
ausdrcken, noch wre ich damals im Stande gewesen, es auszudrcken.
Mir fiel in jener Zeit immer und unabweislich die Vergleichung ein,
wenn etwas, das Flossen hat, fliegen, und etwas, das Flgel hat,
schwimmen mu. Ich legte deshalb in einem gewissen Lebensalter meine
mter nieder. Wenn ihr fragt, ob es denn notwendig sei, da sich in
der Gliederung des Staatsdienstes eine so groe Anzahl von Personen
befinde, und ob man nicht einen Teil der allgemeinen Geschfte, wie
sie jetzt sind, zu besonderen Geschften machen und sie besonderen
Krperschaften oder Personen, die sie hauptschlich angehen,
berlassen knnte, wodurch eine grere bersicht in den Staatsdienst
kme und wodurch es mglich wrde, da sich hervorragende Begabungen
mehr im Entwerfen und Vollfhren von Plnen zu allgemeinem Besten
geltend machen knnten: so antworte ich: diese Frage ist allerdings
eine wichtige und ihre richtige Beantwortung von der grten
Bedeutung; aber eben die richtige Beantwortung in allen ihren
Einzelnheiten drfte eine der schwersten Aufgaben sein, und ich
getraue mir nicht, von mir zu behaupten, da ich diese richtige
Beantwortung zu geben im Stande wre. Auch liegt dieser Gegenstand
unserem heutigen Gesprche zu ferne, und wir knnen ein anderes Mal
von ihm reden, so weit wir im Urteile ber ihn zu kommen vermgen.
Das ist gewi: wenn auch im gegenwrtigen Staatsdienste Vernderungen
notwendig sein sollten, und wenn die Vernderungen in dem frher
angefhrten Sinne vor sich gehen werden, so hat der gegenwrtige
Zustand doch in den allgemeinen Umwandlungen, denen der Staat so wie
jedes menschliche Ding und die Erde selbst unterworfen ist, sein
Recht, er ist ein Glied der Kette und wird seinem Nachfolger so
weichen, wie er selber aus seinem Vorlufer hervor gegangen ist. Wir
haben schon vielmal ber Lebensberuf gesprochen, und da es so schwer
ist, seine Krfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre
Richtung vorzeichnen, das heit, einen Lebensweg whlen mu. Wir
hatten bei unsern Gesprchen hauptschlich die Kunst im Auge, aber
auch von jeder andern Lebensbeschftigung gilt dasselbe. Selten sind
die Krfte so gro, da sie sich der Betrachtung aufdrngen und
die Angehrigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten
Gegenstandes fr ihn fhren, oder da sie selber mit groer Gewalt
ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte auer den Eigenschaften meines
Geistes, die ich euch eben darlegte, noch eine besondere, deren
Wesenheit ich erst sehr spt erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen
Trieb zur Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind.
Bloe Beziehungen und Verhltnisse sowie die Abziehung von Begriffen
hatten fr mich wenig Wert, ich konnte sie in die Versammlung der
Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich noch klein war, legte ich
allerlei Dinge aneinander und gab dem so Entstandenen den Namen einer
Ortschaft, den ich etwa zufllig fter gehrt hatte, oder ich bog eine
Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab
ihr einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter,
die Muhme; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhltnissen,
von denen ich sprach, gab ich Gestalten und konnte sie mir merken.
So erinnere ich mich noch jetzt, da ich als Kind fter das Wort
Kriegswerbung hrte. Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch, dessen
Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten
wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an
der Dicke der Platte quer ber die Fuge zum Vorscheine, und diese
Gestalt hie ich die Kriegswerbung. Diese sinnliche Regung, die wohl
alle Kinder haben, wurde bei mir, da ich heran wuchs, immer deutlicher
und strker. Ich hatte Freude an allem, was als Wahrnehmbares
hervorgebracht wurde, an dem Keimen des ersten Grsleins, an dem
Knospen der Gestruche, an dem Blhen der Gewchse, an dem ersten
Reife, der ersten Schneeflocke, an dem Sausen des Windes, dem Rauschen
des Regens, ja an dem Blitze und Donner, obwohl ich beide frchtete.
Ich ging zusehen, wenn die Zimmerleute Holz aushauten, wenn eine
Htte gezimmert, ein Brett angenagelt wurde. Ja, die Worte, die einen
Gegenstand sinnlich vorstellbar bezeichneten, waren mir weit lieber
als die, welche ihn nur allgemein angaben. So zum Beispiele traf
es mich viel mchtiger, wenn jemand sagte: der Graf reitet auf dem
Schecken, als: er reitet auf einem Pferde. Ich zeichnete mit einem
Rotstifte Hirsche, Reiter, Hunde, Blumen, mit Vorliebe aber Stdte,
von denen ich ganz wunderbare Gestalten zusammensetzte. Ich machte aus
feuchtem Lehm Pallste, aus Holzrinde Altre und Kirchen. Ich nenne
diesen Trieb Schaffungslust. Er ist bei vielen Menschen mehr oder
minder vorhanden. Eine noch grere Zahl aber hat die Bewahrungslust,
von der der Geiz eine hliche Abart ist. Selbst in spteren Jahren
trat diese Lust nicht zurck. Da ich einmal an unserem schnen Strome
zu wohnen kam und im ersten Winter zum ersten Male das Treibeis sah,
konnte ich mich nicht satt sehen an dem Entstehen desselben und
an dem gegenseitigen Anstoen und Abreiben der mehr oder minder
runden Kuchen. Selbst in den nchstfolgenden Wintern stand ich oft
stundenlange an dem Ufer und sah den Eisbildungen zu, besonders der
Entstehung des Standeises. Das, was Vielen so unangenehm ist, das
Verlassen einer Wohnung und das Beziehen einer andern, machte mir
Lust. Mich freute das Einpacken, das Auspacken und die Instandsetzung
der neuen Rume. In den Jnglingsjahren trat eine weitere Seite dieses
Triebes hervor. Ich liebte nicht blo Gestalten, sondern ich liebte
schne Gestalten. Dies war wohl auch schon in dem Kindertriebe
vorhanden. Rote Farben, sternartige oder vielverschlungene Dinge
sprachen mich mehr an als andere. Es kam aber diese Eigenschaft damals
weniger zum Bewutsein. Als Jngling begehrte ich die Gestalten wie
sie als Krper aus der Bildhauerei und Baukunst hervor gehen, als
Flchen, Linien und Farben aus der Malerei, als Folge der Gefhle in
der Musik, der menschlich sittlichen und der irdisch merkwrdigen
Zustnde in der Dichtkunst. Ich gab mich diesen Gestalten mit
Wrme hin und verlangte Gebilde, die ihnen hnlich sind im Leben.
Felsen, Berge, Wolken, Bume, die ihnen glichen, liebte ich, die
entgegengesetzten verachtete ich. Menschen, menschliche Handlungen und
Verhltnisse, die ihnen entsprachen, zogen mich an, die andern stieen
mich ab. Es war, ich erkannte es spt, im Grunde die Wesenheit eines
Knstlers, die sich in mir offenbarte und ihre Erfllung heischte. Ob
ich ein guter oder ein mittelmiger Knstler geworden wre, wei ich
nicht. Ein groer aber wahrscheinlich nicht, weil dann nach allem
Vermuten doch die Begabung durchgebrochen wre und ihren Gegenstand
ergriffen htte. Vielleicht irre ich mich auch darin, und es war mehr
blo die Anlage des Kunstverstndnisses, was sich offenbarte, als die
der Kunstgestaltung. Wie das aber auch ist: in jedem Falle waren die
Krfte, die sich in mir regten, dem Wirken eines Staatsdieners eher
hinderlich als frderlich. Sie verlangten Gestalten und bewegten
sich um Gestalten. So wie aber der Staat selber die Ordnung der
gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ist, also nicht eine
Gestalt, sondern eine Fassung: so beziehen sich die Ergebnisse der
Arbeiten der Staatsmnner meist auf Beziehungen und Verhltnisse der
Staatsglieder oder der Staaten, sie liefern daher Fassungen, nicht
Gestalten. So wie ich in der Kindheit oft den abgezogenen Begriffen
eine Gestalt leihen mute, um sie halten zu knnen, so habe ich oft in
gereiften Jahren im Staatsdienste, wenn es sich um Staatsbeziehungen,
um Forderungen anderer Staaten an uns oder unseres Staates an andere
handelte, mir die Staaten als einen Krper und eine Gestalt gedacht
und ihre Beziehungen dann an ihre Gestalten angeknpft. Auch habe ich
nie vermocht, die bloen eigenen Beziehungen oder den Nutzen unseres
Staates allein als das hchste Gesetz und die Richtschnur meiner
Handlungen zu betrachten. Die Ehrfurcht vor den Dingen, wie sie an
sich sind, war bei mir so gro, da ich bei Verwicklungen, streitigen
Ansprchen und bei der Notwendigkeit, manche Sachen zu ordnen, nicht
auf unsern Nutzen sah, sondern auf das, was die Dinge nur fr sich
forderten und was ihrer Wesenheit gem war, damit sie das wieder
werden, was sie waren, und das, was ihnen genommen wurde, erhalten,
ohne welchem sie nicht sein knnen, was sie sind. Diese meine
Eigenschaft hat mir manchen Kummer bereitet, sie hat mir hohen Tadel
zugezogen; aber sie hat mir auch Achtung und Anerkennung eingebracht.
Wenn meine Meinung angenommen und ins Werk gesetzt worden war, so
hatte die neue Ordnung der Dinge, weil sie auf das Wesentliche ihrer
Natur gegrndet war, Bestand, sie brachte in so ferne, weil wir
vor erneuerten Unordnungen, also vor wiederholter Kraftanstrengung
geschtzt waren, unserem Staate einen greren Nutzen, als wenn
wir frher den einseitigen angestrebt htten, und ich erhielt
Ehrenzeichen, Lob und Befrderung. Wenn ich in jenen Tagen der
schweren Arbeit eine Ruhezeit hatte und auf einer kleinen Reise die
erhabene Gestalt eines Berges sah oder eine Hgelreihe sich trmender
Wolken oder die blauen Augen eines freundlichen Landmdchens oder den
schlanken Krper eines Jnglings auf einem schnen Pferde - oder wenn
ich auch nur in meinem Zimmer vor meinen Gemlden stand, deren ich
damals schon manche sammelte, oder vor einer kleinen Bildsule, so
verbreitete sich eine Ruhe und ein Wohlbehagen ber mein Inneres,
als wre es in seine Ordnung gerckt worden. Wenn ein knstlerisches
Gestaltungsvermgen in mir war, so war es das eines Baumeisters oder
eines Bildhauers oder auch noch das eines Malers, gewi aber nicht das
eines Dichters oder gar eines Tonsetzers. Die ersteren Gegenstnde
zogen mich immer mehr an, die letzteren standen mir ferner. Wenn es
aber mehr eine Kunstliebe war, was sich in mir uerte, nicht eine
Schpfungskraft, so war es immerhin auch ein Vermgen der Gestalten,
aber nur eines, die Gestalten aufzunehmen. Wenn diese Art von
Eigentmlichkeit den Besitzer zunchst beglckt, wie ja jede Kraft,
selbst die Schaffungskraft, zuerst ihres Besitzers willen da ist,
so bezieht sie sich doch auch auf andere Menschen, wie in zweiter
Hinsicht jede Kraft, selbst die eigenste eines Menschen, nicht in ihm
verschlossen bleiben kann, sondern auf andere bergeht. Es ist eine
sehr falsche Behauptung, die man aber oft hrt, da jedes groe
Kunstwerk auf seine Zeit eine groe Wirkung hervorbringen msse, da
ferner das Werk, welches eine groe Wirkung hervor bringt, auch ein
groes Kunstwerk sei, und da dort, wo bei einem Werke die Wirkung
ausbleibt, von einer Kunst nicht geredet werden kann. Wenn irgend ein
Teil der Menschheit, ein Volk, rein und gesund am Leibe und an der
Seele ist, wenn seine Krfte gleichmig entwickelt, nicht aber nach
einer Seite unverhltnismig angespannt und ttig sind, so nimmt
dieses Volk ein reines und wahres Kunstwerk treu und warm in sein
Herz auf, wozu es keiner Gelehrsamkeit, sondern nur seiner schlichten
Krfte bedarf, die das Werk als ein ihnen Gleichartiges aufnehmen und
hegen. Wenn aber die Begabungen eines Volkes, und seien sie noch so
hoch, nach einer Richtung hin in weiten Rumen voraus eilen, wenn sie
gar auf bloe Sinneslust oder auf Laster gerichtet sind, so mssen
die Werke, welche eine groe Wirkung hervor bringen sollen, auf jene
Richtung, in der die Krfte vorzugsweise ttig sind, hinzielen, oder
sie mssen Sinneslust und Laster darstellen. Reine Werke sind einem
solchen Volke ein Fremdes, es wendet sich von ihnen. Daher rhrt
die Erscheinung, da edle Werke der Kunst ein Zeitalter rhren und
begeistern knnen, und da dann ein Volk kmmt, dem sie nicht mehr
sprechen. Sie verhllen ihr Haupt und harren bis andere Geschlechter
an ihnen vorber wandeln, die wieder reines Sinnes sind und zu ihnen
empor blicken. Diesen lcheln sie und von diesen werden sie wieder wie
herbergerettete Heiligtmer in Tempel gebracht. In entarteten Vlkern
blht zuweilen, aber sehr selten, ein reines Werk wie ein vereinsamter
Strahl hervor, es wird nicht beachtet und wird spter von einem
Menschenforscher entdeckt, wie jener Gerechte in Sodoma. Damit aber
der Dienst der Kunst leichter werde, sind in jedem Zeitalter solche,
denen ein tieferer Sinn fr Kunstwerke gegeben ward, sie sehen mit
klarerem Auge in ihre Teile, nehmen sie mit Wrme und Freude in
ihr Herz und bergeben sie so ihren Mitmenschen. Wenn man die
Erschaffenden Gtter nennt, so sind jene die Priester dieser Gtter.
Sie verzgern den Schritt des Unheiles, wenn der Kunstdienst zu
verfallen beginnt, und sie tragen, wenn es nach der Finsternis wieder
hell werden soll, die Leuchte voran. Wenn ich nun ein solcher war,
wenn ich bestimmt war, durch Anschauung hoher Gestalten der Kunst
und der Schpfung, die mir ja immer mit freundlichen Augen zugewinkt
haben, Freude in mein Herz zu sammeln, und Freude, Erkenntnis und
Verehrung der Gestalten auf meine Mitmenschen zu bertragen, so war
mir meine Staatslaufbahn in diesem Berufe wieder sehr hinderlich, und
drftige Sptblten knnen den Sommer, dessen krftige Lfte und warme
Sonne unbenutzt vorber gingen, nicht ersetzen. Es ist traurig, da
man sich nicht so leicht den Weg, der der vorzglichste in jedem Leben
sein soll, whlen kann. Ich wiederhole, was wir oft gesagt haben und
womit euer ehrwrdiger Vater auch bereinstimmt, da der Mensch seinen
Lebensweg seiner selbst willen zur vollstndigen Erfllung seiner
Krfte whlen soll. Dadurch dient er auch dem Ganzen am Besten, wie
er nur immer dienen kann. Es wre die schwerste Snde, seinen Weg nur
ausschlielich dazu zu whlen, wie man sich so oft ausdrckt, der
Menschheit ntzlich zu werden. Man gbe sich selber auf und mte in
den meisten Fllen im eigentlichen Sinne sein Pfund vergraben. Aber
was ist es mit der Wahl? Unsere gesellschaftlichen Verhltnisse sind
so geworden, da zur Befriedigung unserer stofflichen Bedrfnise ein
sehr groer Aufwand gehrt. Daher werden junge Leute, ehe sie sich
selber bewut werden, in Laufbahnen gebracht, die ihnen den Erwerb
dessen, was sie zur Befriedigung der angefhrten Bedrfnisse brauchen,
sichern. Von einem Berufe ist da nicht die Rede. Das ist schlimm,
sehr schlimm, und die Menschheit wird dadurch immer mehr eine Herde.
Wo noch eine Wahl mglich ist, weil man nicht nach sogenanntem
Broderwerbe auszugehen braucht, dort sollte man sich seiner Krfte
sehr klar bewut werden, ehe man ihnen den Wirkungskreis zuteilt. Aber
mu man nicht in der Jugend whlen, weil es sonst zu spt ist? Und
kann man sich in der Jugend immer seiner Kraft bewut werden? Es ist
schwierig, und mgen, die beteiligt sind, darber wachen, da weniger
leichtsinnig verfahren werde. Lasset uns ber diesen Gegenstand
abbrechen. Ich wollte euch das, was ich gesagt habe, sagen, ehe ich
euch erzhle, wie ich mit den Angehrigen eurer knftigen Braut
zusammenhnge. Ich sagte es euch, damit ihr ungefhr den Stand
beurteilen knnt, auf dem ich nun stehe. Wir wollen zur Fortsetzung
eine andere Zeit bestimmen.

Nach diesen Worten ging das Gesprch auf andere Gegenstnde ber, wir
machten dann auch einen Spaziergang, dem sich auch Gustav zugesellte.



Der Rckblick

Ohne da ich eine nhere oder entferntere Aufforderung oder Bitte
gemacht htte, fuhr mein Gastfreund nach Verlauf eines Tages in seinen
Mitteilungen fort. Er hatte gefragt, ob er eine Zeit in meinem Zimmer
zubringen drfe, und ich hatte es begreiflicher Weise bejaht. Wir
saen an einem angenehmen und stillen Feuer, das von sehr groen und
dichten Buchenkltzen unterhalten wurde, er lehnte sich in seinem
Polsterstuhle zurck und sagte: Ich mchte, wenn es euch genehm ist,
heute meine Mitteilungen an euch vollenden. Ich habe Sorge getragen,
da wir nicht gestrt werden, ihr drft nur sagen, ob ihr mich hren
wollt.

Ihr wit, da es mir nicht nur angenehm, sondern auch meine Pflicht
ist, antwortete ich.

Zuerst mu ich von mir erzhlen, begann er, es drfte so notwendig
sein. Ich bin im Dorfe Dallkreuz in dem sogenannten Hinterwalde
geboren worden. Ihr wit, da der Name Hinterwald nicht mehr so viel
zu bedeuten hat, als er sagt. Einmal war er wie ber die ganze Gegend,
welche von unserem Strome als ein Gebilde von Hgeln nordwrts geht,
auch ber die Grnde von Dallkreuz verbreitet. Dallkreuz war damals
nicht, und sein Entstehen mochte mit dem Aufschlagen von einigen
Holzarbeiterhtten begonnen haben. Jetzt sind Felder, Wiesen und
Weiden ber das ganze Hgelland gebreitet, und einige Reste der alten
Waldungen schauen ernst auf diese Grnde herab. Das Haus meines Vaters
stand auerhalb des Ortes in der Nhe einiger anderer, war aber doch
frei genug, um auf Wiesen, Felder, Grten und im Sden auf ein sehr
schnes blaues Waldband zu sehen. Als ich ein Knabe von zehn Jahren
war, kannte ich alle Bume und Gestruche der Gegend und konnte
sie nennen, ich kannte die vorzglichsten Pflanzen und Gesteine,
ich kannte alle Wege, wute, wohin sie fhrten und war in allen
benachbarten Orten schon gewesen, die sie berhren. Ich kannte
alle Hunde von Dallkreuz, wute, welche Farben sie hatten, wie sie
hieen und wem sie gehrten. Ich liebte die Wiesen, die Felder, die
Gestruche, unser Haus auerordentlich, und unsere Kirchenglocken
duchten mir das Lieblichste und Anmutigste, was es nur auf Erden
geben kann. Meine Eltern lebten in Frieden und Eintracht, ich hatte
noch eine Schwester, welche meine Knabenfahrten mit mir machen
mute. Zu unserem Hause, das nur ein Erdgescho hatte, welches aber
schneewei war und weithin in dem Grn leuchtete, gehrten Wiesen,
Felder und Wldchen. Der Vater lie aber das durch Knechte verwalten,
er selber trieb einen Handel mit Flachs und Linnen, der ihn auf
vielfache Reisen fhrte. Ich wurde, da ich noch ein Kind war, zu dem
Erben dieser Dinge bestimmt, sollte aber vorher auf einer Lehranstalt
die notwendige Ausbildung bekommen. Der Vater hatte, als dessen
Eltern, die ich nur wenig gekannt hatte, gestorben waren, keine
Verwandten mehr. Meine Mutter, die der Vater von ferne her geholt
hatte, hatte noch einen Bruder, der aber mit ihr, weil sie als von
einem wohlhabenden Hause stammend eine Verbindung unter ihrem Stande,
wie er sich ausdrckte, geschlossen hatte, zerfallen war und durch
nichts vershnt werden konnte. Wir wuten nichts von ihm, man vermied
es, seiner Erwhnung zu tun, und oft in einem ganzen Jahre wurde sein
Name nicht genannt. Die Zustnde meines Vaters aber blhten empor,
und er war fast der Angesehenste in der Gegend. In dem Jahre, nach
dessen Ende ich in die Lehranstalt abgehen sollte, trafen mehrere
Unglcksflle ein. Hagelschaden verwstete die Felder, ein Teil des
Gebudes brannte ab, und als das alles wieder hergestellt und in
das Geleise gebracht worden war, starb der Vater eines pltzlichen,
unvorhergesehenen Todes. Ein lssiger Vormund, hinterlistige
Handelsfreunde, welche zweifelhafte Forderungen stellten, und ein
unglcklicher Proze, der daraus entsprang, brachten fr die Mutter
eine Lage herbei, in welcher sie mit Sorgen fr unsere Zukunft zu
kmpfen hatte. Sie war, da man endlich alles zur Ruhe gebracht hatte,
auf das Notdrftigste beschrnkt. Ich mute im Herbste das geliebte
Haus, das geliebte Tal und die geliebten Angehrigen verlassen. Mit
rmlicher Ausstattung ging ich an der Hand eines greren Schlers zu
Fu den ziemlich weiten Weg in die Lehranstalt. Dort gehrte ich zu
den Drftigsten. Aber die Mutter sandte das, was sie senden konnte,
so genau und zu rechter Zeit, da ich nie viel, aber doch das zum
Bestehen Ntige hatte. Es war an der Anstalt Sitte, da die Knaben
in den hheren Abteilungen denen in den niedreren auerordentlichen
Unterricht erteilten und dafr ein Entgelt bekamen. Da ich einer der
besten Schler war, so wurden mir in meinem vierten Lehrjahre schon
einige Knaben zum Unterrichten zugeteilt, und ich konnte der Mutter
die Auslagen fr mich erleichtern. Nach zwei Jahren erwarb ich mir
bereits so viel, da ich meinen ganzen Unterhalt selbst bestreiten
konnte. Jede Jahresferien brachte ich bei der Mutter und Schwester in
dem weien Hause zu. Von dem Antreten des Hauses als Erbschaft war
nun keine Rede mehr. Ich dachte, ich werde mir durch meine Kenntnisse
eine Stellung verschaffen und das Haus und den Grundbesitz einmal als
Notpfennig der Schwester berlassen. So war die Zeit heran gekommen,
in welcher ich mich fr einen Lebensberuf entscheiden mute. Die
damals bliche Vorbereitungsschule, die ich eben zurckgelegt hatte,
fhrte nur zu einigen Lebensstellungen und machte zu andern eher
untauglich als tauglich. Ich entschlo mich fr den Staatsdienst, weil
mir die andern Stufen, zu denen ich von meinen jetzigen Kenntnissen
emporsteigen konnte, noch weniger zusagten. Meine Mutter konnte mir
mit keinem Rate beistehen. Ich hatte mir ein kleines Smmchen durch
auerordentliche Sparsamkeit zusammengelegt. Mit diesem und tausend
Segenswnschen der Mutter versehen und mit den Abschiedstrnen der
geliebten Schwester benetzt begab ich mich auf die Reise in die Stadt.
Zu Fue wanderte ich durch unser Tal hinaus, und suchte durch allerlei
Betrachtungen die Trnen zu ersticken, welche mir immer in die Augen
steigen wollten. Als unsere Wldergestalten hinter mir lagen, als
die Herbstsonne schon auf ganz andere Felder schien, als ich durch
meine Jugend hindurch gesehen hatte, wurde mein Gemt nach und nach
leichter, und ich durfte nicht mehr frchten, da mir jeder, der
mir begegnete, ansehen knne, da mir das Weinen so nahe sei. Die
Entschlossenheit, welche mir eingegeben hatte, in die groe Stadt zu
gehen und dort mein Heil in dem Berufe eines Staatsdieners zu suchen,
lie mich immer fester und rascher meinen Weg verfolgen und tausend
glnzende Schlsser in die Luft bauen. Als ich an jenem Rande
angekommen war, wo unser hheres Land in groen Abstzen gegen den
Strom hinabgeht und ganz andere Gestaltungen anfangen, sah ich
noch einmal um, segnete das Mutterherz, das nun beinahe schon eine
Tagereise weit hinter mir lag, streichelte gleichsam mit den Fingern
die schnen, langwimperigen Augenlider der Schwester, die immer etwas
bla aussah, segnete unser weies Haus mit dem roten Dache, segnete
all die Felder und Wldchen, die hinter mir lagen und die ich
durchwandelt hatte, und stieg, nun wirklich schwere Trnen in den
Augen tragend, in den tiefen Weg hinunter, welcher damals unter
hohem Laubdache hingehend einen der Psse ausmachte, die das rauhere
Oberland mit dem tiefen Stromlande verbinden. Ich konnte nun, nachdem
ich drei Schritte gemacht hatte, die Gestaltungen meines Geburtslandes
nicht mehr sehen, nur sein Rand war alles, was meine Augen erreichen
konnten und was mich noch lange begleiten wrde. Ganz andere Bildungen
lagen vor mir. Es war mir, ich msse umkehren, um nur noch einmal
zurck schauen zu knnen. Ich tat es aber nicht, weil ich mich vor mir
selber schmte, und ich ging beeiligten Schrittes den Weg hinunter
und immer tiefer hinunter. Ich durfte auch nichts verzgern, wenn ich
vor Einbruch der Nacht noch zu dem Strome hinunter gelangen wollte,
auf dem mich am andern Morgen ein Schiff weiter tragen sollte. Die
herbstliche Abendsonne spielte durch die Zweige, manche Kohlmeise lie
einen Ruf erschallen, wie ihn die hatten erschallen lassen, welche
jetzt noch in meinen heimatlichen Bergwldchen verweilten, mancher
Fuhrmann, mancher Wanderer begegnete mir, ich ging mit ernstem Herzen
weiter, und als die Sonne untergegangen war, hrte ich das Rauschen
des Stromes, der mir nun so wichtig geworden war, und sah sein
goldenes abendliches Glnzen.

Ich vergesse mich, unterbrach sich hier mein Gastfreund, und
erzhle euch Dinge, die nicht wichtig sind; aber es gibt Erinnerungen,
die, wie unbedeutende Gegenstnde sie auch fr Andere betreffen, doch
fr den Eigentmer im hchsten Alter so krftig dastehen, als ob sie
die grte Schnheit der Vergangenheit enthielten.

Ich bitte euch, entgegnete ich, fahret so fort und entzieht mir
nicht die Bilder, die euch aus frheren Zeiten brig sind, sie gehen
schner in das Gemt und verbinden leichter, was verbunden werden
soll, als wenn von dem lebendigen Leben ein flacher Schatten gegeben
werden sollte. Auch ist meine Zeit, wenn anders die eurige nicht
strenger zugemessen ist, kein Hindernis, da ihr mir irgend etwas
vorenthalten solltet.

Meine Zeit, antwortete er, ist entweder so gemessen, da ich nichts
Anderes tun sollte, als auf mein Ende sehen, oder da ich ber sie
verfgen kann, wie ich will; denn was sollte ein so alter Mann noch
Ausschlieliches zu tun haben? Er mag fr die paar Stunden, die
ihm brig sind, noch Blumen zurecht legen, wie er will. Ich tue ja
eigentlich hier auf dieser Besitzung nichts anders. Auch drfte das,
was ich euch sagen will, fr euch nicht ganz unwichtig sein, wie sich
wohl in der Folge zeigen wird. Ich fahre daher fort, wie sich oben
unter den Worten die Erzhlung gibt.

Die Nacht verbrachte ich in gutem Schlummer, und der erste Morgen
sah mich auf einem jener rohen, kleinen Schiffe, wie sie damals mit
verschiedenen Gtern beladen unsern Strom abwrts befuhren, und auch
Menschen mit sich nahmen. Mehrere junge Leute, die entweder ganz
gleichen oder hnlichen Beruf mit mir verfolgten, standen auf dem
Verdecke und legten sogar manches Mal Hand an die Ruder, da unser
Schiff auf dem breiten, rauschenden Strome sich abwrts bewegte und
die kleine Stadt, die uns Nachtherberge gegeben hatte, sich aus den
Morgennebeln ringend unsern Augen immer weiter und weiter zurck trat.
Manches Lied, mancher Spruch, der aus der Schar meiner Begleiter
hervortrat, machte seine Wirkung auf mich, und ich wurde strker und
entschlossener.

Als am Abende des zweiten Tages unserer Wasserfahrt der hohe schlanke
Turm der Stadt, deren Miteinwohner ich nun werden sollte, gleichsam
luftig blau unter den Gebschen der Ufer sichtbar wurde, als man sich
rief und das Zeichen sich zeigte, das man nun nach Verlauf von etwas
mehr als einer Stunde erreichen werde, wollte mir das Herz im Busen
wieder unruhiger pochen. Dieses Merkmal vergangener Menschenalter,
dachte ich, welches so viele groe und gewaltige Schicksale gesehen
hatte, wird nun auch auf dein kleines Geschick herabsehen, es mag sich
nun gut oder bel abspinnen, und wird, wenn es lngstens abgelaufen
ist, wieder auf Andere schauen. Wir fuhren rascher zu, weil alles
hoffnungsvoll die Ruder fhrte, die Entschloneren sangen ein Lied,
und ehe noch die Stunde um war, legte unser Schiff an der steinernen
Einfassung des Flusses im Angesichte sehr groer Huser an. Ein
lterer Schler, der schon zwei Jahre in der Stadt zugebracht hatte
und jetzt von den bei seinen Eltern verlebten Ferien zurckkehrte,
erbot sich, mir einen Gasthof zur Unterkunft zu zeigen und mir morgen
zur Auffindung eines Wohnzimmerchens fr mich behilflich zu sein. Ich
nahm es dankbar an. Unter dem Torwege des Gasthofes, in den er mich
gefhrt hatte, nahm er Abschied von mir und versprach, mich morgen
mit Tagesanbruch zu besuchen. Er hielt Wort, ehe ich angekleidet
war, stand er schon in meinem Zimmer, und ehe die Sonne den Mittag
erreichte, waren meine Sachen schon in einem Mietzimmerchen, das wir
fr mich gefunden hatten, untergebracht. Er verabschiedete sich und
suchte seine wohlbekannten Kreise auf. Ich habe ihn spter selten
mehr gesehen, da uns nur die Schiffahrt zusammengebracht hatte und da
seine Laufbahn eine ganz andere war als die meine. Als ich von meinem
Stbchen ausging, die Stadt zu betrachten, befiel mich wieder eine
sehr groe Bangigkeit. Diese ungeheure Wildnis von Mauern und Dchern,
dieses unermeliche Gewimmel von Menschen, die sich alle fremd sind
und an einander vorbereilen, die Unmglichkeit, wenn ich einige
Gassen weit gegangen war, mich zurecht zu finden, und die
Notwendigkeit, wenn ich nach Hause wollte, mich Schritt fr Schritt
durchfragen zu mssen, wirkte sehr niederdrckend auf mich, der ich
bisher immer in einer Familie gelebt hatte und stets an Orten gewesen
war, in denen ich alle Huser und Menschen kannte. Ich ging zu dem
Vorstande der Rechtsschule, um mich fr die Vorbereitungsjahre zum
Staatsdienste einschreiben zu lassen. Er nahm mich meiner trefflichen
Zeugnisse willen sehr gut auf und ermahnte mich, durch die groe Stadt
mich von meinem Fleie nicht abbringen zu lassen. Ach Gott, die groe
Stadt war fr mich bei meinen so kargen Mitteln nichts als ein Wald,
dessen Bume auf mich keine Beziehung haben, und sie trieb mich durch
ihre Fremdartigkeit eher zum Fleie an, als da sie mich abgehalten
htte. Am Tage der Erffnung des Unterrichtes ging ich, der ich nun
doch schon einige auf mich bezgliche Wege wute, in die hohe Schule.
Dort wogte ein groes Gewimmel durch einander. Alle Fcher wurden hier
gelehrt, und fr alle Fcher fanden sich Schler. Die meisten sahen
sehr begabt, gebildet und behende aus, so da ich wieder im Glauben
an meine nur geringen Krfte zu zagen anfing, hier gleichen Schritt
halten zu knnen. Ich begab mich in den Lehrsaal, in den ich gehrte,
und setzte mich auf einen der mittleren Pltze. Die Lehrstunde begann
und ging vorber, so wie nun viele nach und nach begannen und vorber
gingen. Sie und die ganze Stadt hatten noch immer etwas Ungewhnliches
fr mich. Das Liebste war mir, in meinem Stbchen zu sitzen, an meine
Vergangenheit zu denken und sehr lange Briefe an meine Mutter zu
schreiben.

Als einige Zeit verflossen war, wuchs mir Mut und Kraft im Herzen.
Unser Lehrer, ein wrdiger Rat in der Rechtsversammlung der Schule,
lehrte fragend. Ich schrieb getreulich seine Lehren in meine Hefte.
Als schon eine groe Zahl meiner Mitschler gefragt worden war, als
endlich die Reihe auch mich getroffen hatte, erkannte ich, da ich
Vielen, die mich an Kleidern und uerem Benehmen bertrafen, in
unserem Lehrfache nicht nachstehe, sondern einer groen Zahl vor
sei. Dies lehrte mich nach und nach die mir bisher fremd gebliebenen
Verhltnisse der Stadt wrdigen, und sie wurden mir immer mehr und
mehr vertraut. Einige Schler hatte ich schon frher gekannt, da sie
vor mir von der nehmlichen Lehranstalt, in der ich bisher gewesen war,
hieher bergetreten waren; andere lernte ich noch kennen. Als meine
Barschaft, mit der ich sehr strenge Haus hielt, sich schon sichtlich
zu verringern begann, wurde ich von einem meiner Mitschler, der mein
Nachbar auf der Schulbank war und aus meinem Munde gehrt hatte, da
ich frher Unterricht gegeben habe, aufgefordert, seine zwei kleinen
Schwestern zu unterrichten. Wir hatten durch die tgliche Berhrung
eine Art Freundschaft geschlossen und waren einander geneigt. Als er
daher zu Hause gehrt hatte, da man fr die zwei kleinen Mdchen
einen Lehrer suche, schlug er mich vor und erzhlte mir auch von der
Sache. Die Eltern wollten mich sehen, er fhrte mich zu ihnen und ich
wurde angenommen. Auch hatten die Schritte, welche ich selber nach
meiner Berechnung der Dinge getan hatte, um durch Erteilung von
Unterricht einen Erwerb zu bekommen, Erfolg. Sie hatten zwar keinen
bedeutenden, auf einen solchen hatte ich nicht gerechnet, aber sie
hatten doch einen. So war das in Erfllung gegangen, was ich durch
meine Umsiedlung in die groe Stadt angestrebt hatte. Ich lebte jetzt
sorgenfrei, hatte in dem Hause meines Freundes, in welches ich fter
geladen wurde, eine Gattung Familienumgang und konnte mit allem Eifer
der Erlernung meines Faches mich widmen.

In den ersten Ferien besuchte ich die Mutter und Schwester. Ich hatte
die besten Zeugnisse in meinem Koffer und konnte ihnen von meinen
sehr guten anderweitigen Erfolgen erzhlen; denn gegen das Ende
des Schuljahres hatten sich diese sehr gebessert. Mit ganz anderem
Herzen als vor einem Jahre konnte ich nach dem Ende der Ferien das
mtterliche Haus verlassen, und die Reise in die Stadt antreten.

Nach dem zweiten Jahre konnte ich die Meinigen nicht mehr besuchen.
Ich war in der Stadt bekannt geworden, die Art, wie ich Kinder
unterrichtete, sagte vielen Familien zu, man suchte mich und gab mir
auch einen greren Lohn. Ich konnte mir dadurch mehr erwerben, legte
mir stets etwas als Sparpfennig zurck und hatte bei der Freudigkeit
meines Gemtes ber diesen Fortgang Kraft genug, neben meinem Fache
auch noch meine Lieblingswissenschaften Mathematik und Naturlehre zu
betreiben. Nur das Einzige war strend, da die Familien, bei denen
ich Unterricht gab, nicht gerne sahen, da ich durch eine Reise den
Unterricht unterbreche. Es war diese Forderung eine begreifliche, ich
blieb mit den Meinigen in einem lebhafteren Briefwechsel als frher
und verabredete mit ihnen, da ich nicht eher als nach Beendigung
meines Lehrganges sie wieder besuchen, dann aber einige Monate bei
ihnen bleiben wolle. Hiemit waren auch die, in deren Dienste ich
stand, zufrieden.


Die Stadt, welche mir Anfangs so unheimlich gewesen war, wurde mir
immer lieber. Ich gewhnte mich daran, immer fremde Menschen in den
Gassen und auf den Pltzen zu sehen und darunter nur selten einem
Bekannten zu begegnen; es erschien mir dieses so weltbrgerlich,
und wie es frher mein Gemt niedergedrckt hatte, so sthlte es
jetzt dasselbe. Einen schnen Einflu bten auf mich die groen
wissenschaftlichen und Kunsthilfsmittel, welche die Stadt besitzt.

Ich besuchte die Bchersammlungen, die der Gemlde, ich ging gerne in
das Schauspiel und hrte gute Musik. Es lebte von jeher ein groer
Eifer fr wissenschaftliche Bestrebungen in mir, und ich konnte
demselben jetzt bei der Heiterkeit meiner Lage Nahrung geben. Was ich
bedurfte und was ich durch meine Mittel mir nicht htte anschaffen
knnen, fand ich in den Sammlungen. Da ich den sogenannten
Vergngungen nicht nachging, sondern in meinen Bestrebungen mein
Vergngen fand, so hatte ich Zeit genug, und weil ich gesund und stark
war, reichte auch meine Kraft aus. In hohem Mae befriedigten mich
einige schne Gebude, besonders Kirchen, dann Bildsulen und Gemlde.
Ich brachte manchen Tag damit zu, mich in die Betrachtung der
kleinsten Teile dieser Dinge zu vertiefen. Auch hatte ich manche
Familien kennen gelernt, wurde bei ihnen aufgenommen und bildete nach
und nach meinen Umgang mit Menschen etwas mehr heraus.

Da ich in dem zweiten Jahre meiner Lernzeit war, vermhlte sich meine
Schwester. Ich hatte ihren jetzigen Gatten schon frher gekannt. Er
war ein sehr guter Mann, hatte keine Leidenschaften, keine beln
Gewohnheiten, war huslich sogar auch ttig, hatte eine angenehme
Krpererscheinung, war aber sonst nichts mehr. Diese Vermhlung hatte
mir keine Freude und kein Leid gemacht. Da ich meine Schwester so
liebte, so war mir stets, da sie nie einen andern Mann als den
allerherrlichsten bekommen solle. Dies war nun wohl nicht der Fall.
Die Mutter schrieb mir, da mein Schwager seine Gattin sehr verehre,
da er lange und treu um sie geworben und endlich ihr Herz gewonnen
habe. Sie wohnen in unserem Hause, und von da aus treibe er still und
emsig sein kleines Handelsgeschft, das sie nhre. Ich schrieb einen
Brief entgegen, worin ich den Vermhlten Glck und Segen wnschte
und den Schwager bat, seine Gattin sehr zu lieben, zu schonen und zu
ehren; denn ich glaube, da sie es verdiene. Die Antworten versprachen
alles, so wie die folgenden Briefe immer den Stempel eines stillen
huslichen Friedens trugen.

In diesen Verhltnissen kam die Zeit heran, da ich mit den letzten
Prfungen meine Vorbereitungsjahre beendigt hatte. Ich richtete eben
mein Reisegepcke zusammen, um der Verabredung gem nach langer
Trennung die Meinigen wieder zu sehen, als ein Brief von der Hand der
Schwester kam, dessen Inneres hufige Trnenspuren zeigte und der mir
sagte, da unsere Mutter gestorben sei. Sie war vor einiger Zeit krank
geworden, man hielt das bel nicht fr gefhrlich, und da man mich in
der Vorbereitung zu meinen letzten Prfungen wute, so wollte man mir,
um mich nicht zu stren, keine Meldung von der Krankheit zukommen
lassen. So zog es sich durch zehn Tage hin, von wo es sich rasch
verschlimmerte, und ehe man es sich versah, mit dem Tode endigte. Man
konnte mir nur mehr diesen melden. Ich raffte sofort alles zusammen,
was zu einer Reise ntig schien, schrieb zwei Zeilen an einen
Freund, worin ich ihn bat, die Sache meinen Bekannten, die ich ihm
bezeichnete, zu melden und mich zu entschuldigen, da ich ohne
Abschied abreise.

Hierauf ging ich auf die Post und lie mich einschreiben. Zwei Stunden
darnach sa ich schon in dem Wagen, und obwohl wir in der Nacht wie am
Tage fuhren, obwohl ich von der letzten Post aus, an der der Weg nach
meiner Heimat ablenkte, eigene Pferde nahm und mittelst Wechsels
derselben unaufhrlich fortfuhr, so kam ich doch zu spt, um die
irdische Hlle meiner Mutter noch einmal sehen zu knnen. Sie ruhte
bereits im Grabe. Nur in ihren Kleidern, in Gerten, im Arbeitszeuge,
das auf ihrem Tischchen lag, sah ich die Spuren ihres Daseins. Ich
warf mich in eine Lehnbank und wollte in Trnen vergehen. Es war der
erste groe Verlust, den ich erlitten hatte. Zur Zeit des Todes des
Vaters war ich zu jung gewesen, um ihn recht empfinden zu knnen.
Obwohl der erste Schmerz unsglich hei gewesen war und ich geglaubt
hatte, ihn nicht berleben zu knnen, so verminderte er sich wider
meinen Willen von Tag zu Tag immer mehr, bis er zu einem Schatten
wurde und ich mir nach Verlauf von einigen Jahren keine Vorstellung
mehr von dem Vater machen konnte. Jetzt war es anders. Ich hatte mich
daran gewhnt, die Mutter als das Bild der grten huslichen Reinheit
zu betrachten, als das Bild des Duldens, der Sanftmut, des Ordnens und
des Bestehens. So war sie ein Mittelpunkt fr unser Denken geworden,
und mir kam fast nicht zu Sinne, da das je einmal anders werden
knne. Jetzt wute ich erst, wie sehr wir sie liebten. Sie, die nie
gefordert hatte, die nie auf sich irgend eine Beziehung gemacht hatte,
die geruschlos immer gegeben hatte, die jedes Schicksal als eine
Fgung des Himmels empfangen hatte und die in ruhigem Glauben ihre
Kinder der Zukunft anvertraut hatte, war nicht mehr. Unter der
Decke der Schollen schlummerte ihr Herz, das dort vielleicht so
ergebungsvoll schlummerte, wie es sonst in der Kammer unter der Hlle
seiner weien Decke geschlummert hatte. Die Schwester war wie ein
Schatten, sie wollte mich trsten, und ich wute nicht, ob sie
des Trostes nicht noch bedrftiger wre als ich. Der Gatte meiner
Schwester war in einer gewissen Ergebung, er war stille und ging an
die Beschftigungen seines Berufes. Ich lie mir nach einer Zeit das
frische Grab der Mutter zeigen, weinte dort meine Seele aus und betete
fr sie zu dem Herrn des Himmels. Da ich in das Haus zurckgekehrt
war, besuchte ich alle Rume, in denen sie zuletzt geweilt hatte,
besonders ihr eigenes Stbchen, in welchem man alles gelassen hatte,
wie es bei ihrer Erkrankung gewesen war. Der Schwager und die
Schwester boten mir an und baten mich, eine Zeit bei ihnen zu
verweilen. Ich nahm es an. In dem hinteren Teile des Hauses, den
ich immer am meisten geliebt hatte, war schon vor der Erkrankung
der Mutter ein Zimmer fr mich, grtenteils durch ihre Hnde,
hergerichtet worden. Dieses Zimmer bezog ich und packte darin meinen
Koffer aus. Seine zwei Fenster gingen in den Garten, die weien
Fenstervorhnge hatte noch die Mutter geordnet, und das Linnen des
Bettes war durch ihre vorsorglichen Finger gleichgestrichen worden.
Ich getraute mir kaum, etwas zu berhren, um es nicht zu zerstren.
Ich blieb sehr lange unbeweglich in dem Zimmer sitzen. Dann ging ich
wieder durch das ganze Haus. Es schien mir gar nicht, als ob es das
wre, in welchem ich die Tage meiner Kindheit verlebt hatte. Es
erschien mir so gro und fremd. Die Wohnung, welche sich meine
Schwester und ihr Gatte darin eingerichtet hatten, war frher nicht da
gewesen, dafr war das Gemach fr Vater und Mutter, das immer, auch
nach seinem Tode, noch bestanden war, verschwunden, ebenso fand ich
das Zimmer fr uns Kinder nicht mehr, welches ich in allen Ferien,
die ich zu Hause zugebracht hatte, noch in dem Zustande aus unserer
frheren Zeit her gesehen hatte. Es war eben eine neue Haushaltung in
dem Gebude eingerichtet worden. Unter dem Dache angekommen, sah ich,
da man schadhafte Stellen des Daches ausgebessert hatte, da man
neue Ziegel genommen hatte und da an den Kanten, wo sich frher die
Rundziegel befunden hatten, die neue Art der Verklebung durch Mrtel
angewendet worden war. Dies alles tat mir wehe, obwohl es natrlich
war, und obwohl ich es zu einer andern Zeit kaum beachtet haben wrde.
Jetzt aber war mein Gemt durch den Schmerz erregt, und jetzt schien
es mir, als ob man alles Alte, auch die Mutter, aus dem Hause hinaus
gedrngt htte.

Ich lebte von jetzt an still in dem Zimmer, las, schrieb, ging
tglich auf das Grab der Mutter, besuchte die Felder und manches
Wldchen, hielt mich aber von den Menschen ferne, weil sie immer von
meinem Verluste redeten und mit den Worten in ihm stets whlten. Das
Haus war auch sehr stille. Die Vermhlten hatten noch keine Kinder,
mein Schwager, dessen Wesen friedlich und einfach war, befand sich
grten teils auer Hause, die Schwester besorgte mit der einzigen
Magd, die sie hatte, die huslichen Geschfte, und wenn die
Abenddmmerung kam, wurde die Tr, die gegen die Strae ging, mit
den eisernen Stangen von Innen verriegelt, und nur die in den Garten
fhrende blieb offen, bis die Stunde zum Schlafen kam, wo sie dann
auch die Schwester mit eigenen Hnden schlo. Das husliche Glck der
zwei Ehegatten schien fest gegrndet zu sein, das war eine Linderung
fr meine Wunde, und ich verzieh dem Schwager, da er nicht ein
Mann war, der durch hohe Begabung und den Schwung seiner Seele die
Schwester zu einem himmlischen Glcke emporgefhrt hatte.

So vergingen mehrere Wochen. Vor meiner Abreise ging ich noch in
unser Gerichtsamt, verzichtete dort fr meine Schwester auf jeden
Erbanspruch des von unsern Eltern hinterlassenen Besitztumes und lie
meine Rechte auf die Schwester berschreiben. So war den beiden Gatten
das Dasein, so lange es ihnen der Himmel verlieh, gesichert; ich hatte
als Erbteil den Unterricht bekommen und hoffte durch das, was er mir
an Kenntnissen eingebracht hatte und was ich mir noch erwerben wollte,
den Unterhalt meines Lebens schon zu decken. Hierauf reiste ich,
von dem Danke und von den wrmsten Wnschen fr mein Wohl von der
Schwester und dem Schwager begleitet, wieder in die Stadt ab.

In derselben begann ich jetzt ein sehr zurckgezogenes Leben zu
fhren. Ich hatte mir so viel erspart, da ich nur einen kleinen Teil
meiner Zeit zum Unterrichtgeben verwenden mute. Die brige wendete
ich fr mich an und verlegte mich auf Naturwissenschaften, auf
Geschichte und Staatswissenschaften. Meinen eigentlichen Beruf
lie ich etwas auer Acht. Die Wissenschaften und die Kunst, deren
Vergngen ich nie entsagte, fllten mein Herz aus. Ich suchte jetzt
weniger als je die Gesellschaft von Menschen auf. Die Notwendigkeit,
die Zeit der Vorbereitung zu meinem Berufe recht zu benutzen und mir
auerdem noch meinen Lebensunterhalt zu erwerben, hatte mich schon
in frheren Jahren fast nur auf mich allein zurckgewiesen, und ich
setzte jetzt dies Leben fort.

Allein es dauerte nicht lange in dieser Art. Schon nach einem halben
Jahre, als ich das Grab der Mutter verlassen hatte kam mir von meinem
Schwager die Nachricht zu, da zu den zwei Grbern des Vaters und der
Mutter auf unserer Familienbegrbnissttte ein drittes Grab gekommen
sei, das meiner Schwester. Sie hatte sich seit dem Tode der Mutter
nicht recht erholt, und eine unversehene Verkhlung raffte sie dahin.
Der Schwager schrieb mir, und wie ich sah, in aufrichtigem Kummer,
da er nun ganz verlassen sei, da er keine Freude mehr habe, da er
einsam sein Leben zubringen wolle, da er wohl von der Verewigten zum
Erben eingesetzt worden sei, da er aber gerne mit mir teilen wolle,
er habe kein Kind, seine einzige Freude liege im Grabe, er achte nicht
mehr viel auf Besitzungen, sein Stckchen Brod, welches fr sein
einfaches Leben recht klein sein drfe, werde er fr die Zeit schon
finden, die er noch zubringen msse, ehe er zu Kornelien gehen knne.
Da der Mann meine Schwester sehr geliebt hatte, da ihre Briefe an mich
immer von ihrem Glcke erzhlten, gnnte ich ihm das kleine Besitztum
und schrieb ihm zurck, da ich keine Ansprche erhebe und da er das
Hinterlassene ungeteilt genieen mge. Er dankte mir, ich sah aber aus
seinem Briefe, da er ber das Geschenk eben keine sonderliche Freude
habe.

Ich zog mich nun noch mehr zurck, und mein Leben war sehr trbe.
Ich zeichnete viel, ich bildete zuweilen auch etwas in Ton und suchte
sogar manches in Farben darzustellen. Nach einiger Zeit kam mir
von befreundeter Hand der Antrag, da ich bei einer gebildeten
und wohlhabenden Familie wohnen mchte, da ich einen Teil des
Unterrichtes eines Knaben, der in der Familie sei, gegen vorteilhafte
Bedingungen bernehmen mchte, worunter auch die war, da ich nicht
gebunden sei, da ich fter abwesend sein und zum Teile sogar kleine
Reisen machen knne. In der Verdung, in der ich mich befand, hatte
die Aussicht auf ein Familienleben eine Art Anziehung fr mich, und
ich nahm den Antrag unter der Bedingung an, da ich die Freiheit haben
msse, in jedem Augenblicke das Verhltnis wieder auflsen zu knnen.
Die Bedingung wurde zugestanden, ich packte meine Sachen, und nach
drei Tagen fuhr ich in der Richtung nach dem Landsitze der Familie
ab. Dieser Sitz war ein angenehmes Haus in der Nhe groer Meiereien,
die einem Grafen gehrten. Das Haus war beinahe zwei Tagereisen von
der Stadt entfernt. Es war sehr gerumig, hatte eine sonnige Lage,
liebliche Rasenpltze um sich und hing mit einem groen Garten
zusammen, in dem teils Gemse, teils Obst, teils Blumen gezogen
wurden. Der Besitzer des Hauses war ein Mann, der von reichlichen
Renten lebte, sonst aber kein Amt noch irgend eine andere
Beschftigung zum Gelderwerb hatte. So war er mir geschildert worden,
mit dem Beifgen, da er ein sehr guter Mann sei, mit dem sich
jedermann vertrage, da er eine treffliche, sorgsame Frau habe und da
auer dem Knaben nur noch ein halberwachsenes Mdchen da sei. Diese
Dinge waren es auch vorzglich, welche mich zur Annahme bestimmt
hatten. Mein Name sei der Familie in einem Hause genannt worden, mit
dem sie in sehr inniger Beziehung stand, und ich sei sehr empfohlen
worden. Man hatte mir auf die letzte Post einen Wagen entgegen
gesandt. Es war ein schner Nachmittag, als ich in Heinbach, das war
der Name des Hauses, einfuhr. Wir hielten unter einem hohen Torwege,
zwei Diener kamen die Treppe herab, um meine Sachen in Empfang zu
nehmen und mir mein Zimmer zu zeigen. Als ich noch im Wagen mit
Herausnehmen von ein paar Bchern und andern Kleinigkeiten beschftigt
war, kam auch der Herr des Hauses herunter, begrte mich artig und
fhrte mich selber in meine Wohnung, die aus zwei freundlichen Zimmern
bestand. Er sagte, ich mge mich hier zurecht richten, mge hiebei nur
meine Bequemlichkeit vor Augen haben, ein Diener sei angewiesen, meine
Befehle zu vollziehen, und wenn ich fertig sei und etwa heute noch
wnsche, mit seiner Gattin zu sprechen, so mge ich klingeln, der
Diener werde mich zu ihr fhren. Hierauf verlie er mich unter
hflichem Abschiede. Der Mann gefiel mir sehr wohl. Ich entledigte
mich meiner staubigen Kleider, reinigte mich, legte nur das
Notwendigste in meinem Zimmer in Ordnung, kleidete mich dann
besuchsgem an und lie die Frau des Hauses fragen, ob ich bei ihr
erscheinen drfe. Sie sendete eine bejahende Antwort. Ich wurde ber
einen Gang gefhrt, in welchem allerlei Bilder hingen, wir traten in
einen Vorsaal und von dem in das Zimmer der Frau. Es war ein groes
Zimmer mit drei Fenstern, an welches ein niedliches Gemach stie.
In diesem Zimmer waren heitere Gerte, einige Bilder, und die
Nachmittagssonne war durch sanfte Vorhnge gedmpft. Die Frau sa an
einem groen Tische, zu ihren Fen spielte ein Knabe, und seitwrts
an einem kleinen Tischchen sa ein Mdchen und hatte ein Buch vor
sich. Es schien, es habe vorgelesen. Die Frau stand auf und ging mir
entgegen. Sie war sehr schn, noch ziemlich jung, und was mir am
meisten auffiel war, da sie sehr schne braune Haare, aber tief
dunkle, groe schwarze Augen hatte. Ich erschrak ein wenig, wute aber
nicht warum. Mit einer Freundlichkeit, die mein Zutrauen gewann, hie
sie mich einen Platz nehmen, und als ich dies getan hatte, nannte sie
meinen Vor- und Familiennamen, hie mich beinahe herzlich willkommen
und sagte, da sie sich schon sehr gesehnt habe, mich unter ihrem
Dache zu sehen.

>Alfred<, rief sie, >komm und ksse diesem Herrn die Hand!<

Der Knabe, welcher bisher neben ihr gespielt hatte, stand auf, trat
vor mich, kte mir die Hand und sagte: >Sei willkommen!<

>Sei auch du willkommen<, erwiderte ich und drckte ein wenig das
Hndchen des Knaben. Er hatte ein sehr rosiges Angesicht, ebenfalls
braune Haare wie die Mutter, aber dunkelblaue Augen, wie ich sie an
dem Vater gesehen zu haben glaubte.

>Das ist das Kind, dessentwegen ich euch so sehr in unser Haus
gewnscht habe<, sagte sie. >Ihr sollt dasselbe weniger unterrichten,
dazu sind Lehrer da, welche das Haus besuchen, sondern wir bitten
euch, da ihr bei uns lebet, da ihr dem Knaben fter eure
Gesellschaft gnnt, da er auer dem Umgange mit seinem Vater auch den
eines jungen Mannes hat, was auf ihn Einflu nehmen mge. Erziehung
ist wohl nichts als Umgang, ein Knabe, selbst wenn er so klein ist,
mu nicht immer mit seiner Mutter oder wieder nur mit Knaben umgehen.
Der Unterricht ist viel leichter als die Erziehung. Zu ihm darf man
nur etwas wissen und es mitteilen knnen, zur Erziehung mu man etwas
sein. Wenn aber einmal jemand etwas ist, dann, glaube ich, erzieht er
auch leicht. Meine Freundin Adele, die Gattin des Kaufherrn, dessen
Warengewlbe dem groen Tore des Erzdomes gegenber ist, hat mir von
euch erzhlt. Wenn ihr es fr gut findet, den Knaben auch in irgend
etwas zu unterrichten, so ist es eurem Ermessen berlassen, wie und
wie weit ihr es tut.<

Ich konnte auf diese Worte nichts antworten; ich war sehr errtet.

>Mathilde<, sagte die Frau, >begre auch diesen Herrn, er wird jetzt
bei uns wohnen.<

Das Mdchen, welches immer bei seinem aufgeschlagenen Buche sitzen
geblieben war, stand jetzt auf und nherte sich mir. Ich erstaunte,
da das Mdchen schon so gro sei, ich hatte es mir kleiner gedacht.
Es war auf einem etwas niederen Stuhle gesessen. Da es in meine Nhe
gekommen war, stand ich auf, wir verneigten uns gegen einander,
Mathilde ging wieder zu ihrem Sitze, und ich nahm auch den meinigen
wieder ein. Die Frau hatte wohl diese Begrung eingeleitet, um mein
Errten vorber gehen zu machen. Es war auch zum groen Teile vorber
gegangen. Sie hatte eine Antwort auf ihre an mich gerichtete Rede
auch wahrscheinlich nicht erwartet. Sie fragte mich jetzt um mehrere
gleichgltige Dinge, die ich beantwortete.

In meine nheren Verhltnisse oder etwa gar in die meiner Familie ging
sie nicht ein. Nachdem die Unterredung eine Weile gedauert hatte,
verabschiedete sie mich, sagte, ich mchte von der Reise etwas
ausruhen, bei dem Abendessen wrden wir uns wieder sehen. Der Knabe
hatte whrend der ganzen Zeit meine Hand gehalten, war neben mir
stehen geblieben und hatte fter zu meinem Angesichte heraufgeschaut.
Ich lste jetzt meine Hand aus der seinen, grte ihn noch, verneigte
mich vor der Mutter und verlie das Zimmer.

Als ich in meiner Wohnung angekommen war, setzte ich mich auf einen
der schnen Sthle nieder. Jetzt wute ich, weshalb man mir so gute
Bedingungen gestellt hatte und wie schwer meine Aufgabe war. Ich
zagte. Das Benehmen der Frau hatte mir sehr gefallen, darum zagte ich
noch mehr. Als ich eine Zeit auf meinem Stuhle gesessen war, erhob
ich mich wieder, und es fiel mir ein, da ich ja dem Herrn des Hauses
auch einen Besuch zu machen habe. Ich klingelte und verlangte von
dem eintretenden Diener, da er mich zu dem Herrn fhre. Der Diener
antwortete, der Herr sei in den Wald gegangen und werde erst Abends
zurckkehren. Er hatte den Befehl hinterlassen, da man mir sage,
ich mge nur meine Reisesachen auspacken, mge ausruhen und mge
mir seinethalben keine Pflichten auflegen, morgen knne das Weitere
besprochen werden. Ich legte daher die Kleider, welche ich zu dem
Besuche bei der Frau genommen hatte, wieder ab, zog mich anders an
und brachte meine Sachen nun in meiner Wohnung in Ordnung. Bei dieser
Beschftigung ging mir nach und nach der ganze Rest des noch brigen
Tages dahin. Als ich fertig war, dmmerte es bereits. Nachdem ich mich
gereinigt und zum Abendessen angekleidet hatte, sagte mir mein Diener,
da sich der Herr, der schon nach Hause zurckgekehrt sei, zum Besuche
bei mir melde. Ich sagte zu, der Herr kam und fragte, ob man in meiner
Wohnung alles nach Gebhr vorbereitet habe und ob ich nichts vermisse.
Ich antwortete, da alles meine Erwartung bertreffe und daher ein
weiteres Begehren die grte Unbescheidenheit wre. Er sagte, da er
nun wnsche, da mein Eintritt in sein Haus gesegnet sei, da mein
Aufenthalt darin erfreulich sein mge und da ich es einst nicht mit
Reue und Schmerz verlasse. Hierauf lud er mich zum Abendessen ein. Wir
gingen in ein sehr heiteres Speisezimmer, in welchem ein einfaches
Abendmahl unter einfachen Gesprchen eingenommen wurde. Bei demselben
war der Herr, die Frau, die zwei Kinder und ich gegenwrtig.

Am nchsten Vormittage lie ich anfragen, ob ich den Herrn besuchen
drfe. Ich wurde dazu eingeladen, und mein Diener fhrte mich zu ihm.
Ich war in denselben Besuchkleidern wie gestern bei der Frau. Der Herr
sa bei Papieren und Schriften, er erhob sich bei meinem Eintritte,
ging mir entgegen, grte mich auf das Ausgezeichnetste und fhrte
mich zu einem Tische.

Er war schon vllig und sehr fein angekleidet. Als wir uns
niedergelassen hatten, sagte er: >Seid mir noch einmal in meinem Hause
willkommen. Ihr seid uns so empfohlen worden, da wir uns glcklich
schtzen, da ihr zu uns gekommen seid, da ihr eine Zeit bei uns
wohnen wollt und da ihr erlaubt, da mein lieber Knabe, dem ich eine
glckselige Zukunft wnsche, eure Gesellschaft geniee. Ich glaube,
ihr werdet vielleicht in einiger Zeit sehen, da wir eure Freunde
sind, und ihr werdet uns etwa auch eure Freundschaft schenken. Richtet
eure Beschftigungen ein, wie ihr wollt, verlegt euch auf das, was
euer knftiger Beruf fordert und betrachtet euch in allen Stcken
wie in eurem eigenen Hause. Ihr werdet euch wohl hier an Einfachheit
gewhnen mssen. Wir haben hier und in der Stadt wenig Besuch und
machen auch wenig. Mathilde wird von der Frau selber erzogen. Mit
Erzieherinnen hatten wir kein Glck. Wir gaben es daher auf, fr
Mathilden eine Gesellschafterin zu suchen. Sie ist bei der Mutter,
zuweilen sieht sie Mdchen ihres Alters, und manches Mal wohnt sie
Gesprchen und Spaziergngen mit zwei lteren guten und lieben Mdchen
bei. Sonst ist sie in ihrer Ausbildung begriffen und bringt ihre Zeit
mit Lernen zu. Wie es mit dem Knaben ist, werdet ihr wohl sehen. Man
hat uns gesagt, da ihr in der Stadt sehr zurckgezogen gelebt habt,
deshalb glaubten wir, da ihr bei uns nicht gar sehr die menschliche
Gesellschaft vermissen werdet. Ich beschftige mich mit einigen
wissenschaftlichen Dingen, und wenn euch ein Gesprch hierin, falls
wir in den Gegenstnden zusammentreffen, nicht unangenehm ist, so
betrachtet mich als euren lteren Bruder, und zwar nicht blo hierin,
sondern auch in allen anderen Dingen.<

>Ich bin durch eure Gte sehr beschmt<, antwortete ich, >und sehe
jetzt erst, wie gro die Aufgabe ist, die ich in eurem Hause habe. Ich
wei nicht, ob ich ihr auch nur in einem geringen Mae werde gengen
knnen.<

>Es wird vielleicht nicht schwer sein, zu gengen<, erwiderte er.

>Wenn es aber doch nicht geschhe?< fragte ich.

>Dann wren wir so offen und sagten es euch, damit man darnach
handeln knnte<, antwortete er.

>Das erleichtert mir mein Herz sehr<, erwiderte ich; >denn auf diese
Weise wird nie Mitrauen aufkommen knnen. Ich habe bisher nur in zwei
Familien gelebt, in der meiner Mutter - denn mein Vater ist in meiner
frhen Jugend gestorben - und in der eines wrdigen alten Amtmannes,
in dessen Hause ich whrend meiner lateinischen Schulen in Kost
und Wohnung war. Die erste Familie ist mir wie jedem Menschen
unvergelich, und die zweite ist es mir auch.<

>Vielleicht wird es auch die unsere<, sagte er, >jetzt lat euch das
Haus und sein Zugehr zeigen, da ihr den Schauplatz kennt, auf dem
ihr ein Weilchen leben sollt. Oder wollt ihr etwas anders tun, so tut
es. Zu mir steht euch der Zutritt stets offen, lat euch nicht ansagen
und klopft nicht an meine Tr.<

Mit diesen Worten war unser Gesprch zu Ende, wir erhoben uns,
verabschiedeten uns, er reichte mir freundlich die Hand, und ich
verlie das Zimmer.

Ich kleidete mich nun in meine gewhnlichen Kleider und lie fragen,
ob Alfred Zeit habe, mich zu begleiten und mir etwas von dem Hause und
dem Garten zu zeigen. Man antwortete, da Alfred gleich kommen werde
und da er hinlnglich Zeit habe. Die Mutter fhrte den Knaben selbst
zu mir, und sie brachte auch einen Diener mit, welcher einen Bund
Schlssel trug und den Auftrag hatte, mir die Rume des Hauses zu
zeigen. Der Diener war ein alter Mann und schien die Aufsicht ber
die andern Dienstleute zu haben. Die Mutter entfernte sich sogleich
wieder. Ich sprach einige freundliche Worte mit dem Knaben, welcher
ber sieben Jahre alt schien, er erwiderte diese Worte unbefangen und,
wie ich glaubte, zutraulich. Dann gingen wir, die Rume des Hauses zu
betrachten. Das Haus war nicht alt, es war kein Schlo und mochte in
dem siebenzehnten Jahrhunderte gebaut worden sein. Es bestand aus
zwei Flgeln, die einen rechten Winkel bildeten und einen Sandplatz
einschlossen. Die Zufahrt war aber von entgegengesetzter Seite, daher
der Sandplatz, welcher Blumenbeete hatte, mehr einem Garten und einem
Spielplatze fr die Kinder als einer Anfahrt glich. Es waren auf
demselben, und zwar an den Mauern des Hauses, auch Linnendcher zum
Aufspannen gegen die Sonne angebracht. Das Haus hatte ein Erdgescho
und ein Stockwerk. Durch beide lief der Lnge nach ein breiter Gang,
von dem aus man in die Zimmer gelangen konnte. Die Mauern des Ganges
waren schneewei, hatten Stuckarbeit, schn vergitterte Fenster und
zeigten braune, wohlgebohnte Gemchertren. An vielen Stellen der
Gnge hingen Gemlde. Sie waren durchaus nicht vorzglich, aber auch
bei Weitem nicht so schlecht, als solche Gang- und Treppengemlde
gewhnlich zu sein pflegen. Die Gegenstnde, welche auf ihnen
abgebildet waren, drehten sich in einem kleinen Kreise: Landschaften
mit Ansichten der Umgebung oder merkwrdiger Gebude, Tiere -
vorzglich Hunde mit Jagdgertschaften -, Kchengeschirr oder Inneres
von Zimmern und anderen Gelassen. Der alte Diener schlo manche
Gemcher auf, die im Gebrauche waren; denn das Haus hatte mehr, als
die jetzigen Bewohner bentzten. Es war ein groer, mit sehr schnen
Gerten versehener Saal da, in welchem, wenn es notwendig war,
Gesellschaften aufgenommen wurden, dann waren andere Zimmer zu
verschiedenem Gebrauche, darunter ein sehr groes Bcherzimmer und
die Zimmer fr Gste. Alles war sehr schn eingerichtet und rein und
ordentlich gehalten. Als wir das Haus gesehen hatten, sagte Alfred,
Raimund, der alte Diener, sei nun nicht mehr vonnten, den Garten
werde er mir schon allein zeigen. Ich war damit einverstanden,
verabschiedete den alten Diener und ging mit Alfred ins Freie. Das
Erdgescho, worin sich die Kche, die Gesindezimmer und dergleichen
befanden, hatten wir nicht besucht. Die Stlle und Wagenbehlter
waren abseits des Hauses in eigenen Gebuden. Als wir in das Freie
gekommen waren, zeigte sich ein sehr schner Rasenplatz, der von
mannigfaltigen, knstlich angelegten Wegen durchkreuzt war. Auf diesem
Rasenplatze standen in ziemlichen Entfernungen sehr groe Bume. Zu
jedem fhrte ein Weg, und fast unter jedem stand ein Bnkchen oder
ein Sitz. Alfred fhrte mich zu den meisten und nannte mir sie. Mich
erfreute dieses Zeichen des Gedchtnisses und der Aufmerksamkeit. Er
erzhlte mir auch, was sie bald unter diesem, bald unter jenem Baume
getan und wie sie gespielt htten. Die Bume waren Eichen, Linden,
Ulmen und eine Anzahl sehr groer Birnbume. Diese Art von Wald hatte
etwas sehr Anmutiges.

>Ich darf allein nicht zu dem Teiche gehen<, sagte Alfred, >weil ich
leicht hinein fallen knnte, und ich gehe auch nicht hin; aber weil du
heute bei mir bist, so drfen wir ihn besuchen. Komme mit, ich habe
Brot bei mir, um es den Enten und den Fischen zu geben.<

Er fate mich bei der Hand, und ich lie mich von ihm fhren. Er
geleitete mich durch ein kleines Gebsch zu einem mig groen Teiche,
der das Merkwrdige hatte, da auf ihm hlzerne Httchen in geringen
Entfernungen angebracht waren, die die Bestimmung hatten, da darin
Wildenten nisteten. Das geschah auch reichlich. Es war noch nicht
so weit im Sommer, und wir sahen noch manche Mutter mit ihren fast
erwachsenen, aber noch nicht flugfhigen Jungen auf dem Wasser
herumschwimmen. An den Ufern waren an verschiedenen Stellen
Futterbrettchen angebracht. Im Wasser selber bewegte sich eine groe
Zahl schwerflliger Karpfen. Alfred zog ein Weibrot aus seiner
Tasche, zerbrach es in kleine Stckchen, warf diese einzeln in das
Wasser und hatte seine Freude daran, wenn die Enten und auch manch
ungeschickter Mund eines Karpfen darnach haschten. Es schien, da er
mich dieses Zweckes halber zu dem Teiche gefhrt hatte. Als er mit
seinem Brote fertig war, gingen wir weiter. Er sagte: >Wenn du auch
den Garten sehen willst, so werde ich dich schon hinfhren.<

>Ja, wohl will ich ihn sehen<, antwortete ich.

Er fhrte mich nun aus dem Gebsche, wir begaben uns auf die
entgegengesetzte Seite des Hauses, dort war ein mit einem Gitter
umgebener groer Garten, und wir gingen durch das Tor desselben
hinein. Blumen, Gemse, Zwerg- und Lattenobst empfingen uns. In der
Ferne sah ich die greren und wahrscheinlich sehr edlen Obstbume
stehen. Da mir der Garten um viel mehr gefiel als der Teich, sagte
ich Alfred nicht, er mochte es auch nicht wissen. In sehr schner Art
waren hier die Blumen gepflegt, die man gewhnlich in Grten findet.
Sie hatten nicht blo ihre ihnen zusagenden Pltze, sondern sie waren
auch zu einem sehr schnen Ganzen zusammengestellt. An Gemsen glaubte
ich die besten Arten zu sehen, wie man sie nur immer in den Handlungen
der Stadt finden konnte. Zwischen ihnen stand das Zwergobst. Die
Gewchshuser enthielten Blumen, aber auch Frchte. Ein sehr langer
Gang, welcher mit Wein berwlbt war, fhrte uns in den Obstgarten.
Die Bume standen in guten Entfernungen, waren gut gehalten, hatten
Grasboden unter sich, und es fhrten auch hier wieder Wege von einem
zum andern. An seiner rechten Seite war dieser Gartenteil von dichtem
Haselnugebsche begrenzt. Ein Pfad fhrte uns durch dasselbe
hindurch. Wir trafen jenseits einen freien Platz, auf welchem ein
ziemlich groes Gartenhaus stand. Es war gemauert, hatte hohe Fenster,
ein Ziegeldach und seine Gestalt war ein Sechseck. Die Auenseite
dieses Hauses war ganz mit Rosen berdeckt. Es waren Latten an dem
Mauerwerke angebracht und an diese Latten waren die Rosenzweige
gebunden. Sie standen in Erde vor dem Hause, hatten verschiedene Gre
und waren so gebunden, da die ganzen Mauern berdeckt waren. Da eben
die Zeit der Rosenblte war und diese Rosen auerordentlich reich
blhten, so war es nicht anders, als stnde ein Tempel von Rosen da
und es wren Fenster in dieselben eingesetzt. Alle Farben, von dem
dunkelsten Rot, gleichsam Veilchenblau, durch das Rosenrot und Gelb
bis zu dem Wei, waren vorhanden. Bis in eine groe Entfernung
verbreitete sich der Duft. Ich stand lange vor diesem Hause, und
Alfred stand neben mir. Auer den Rosen an dem Gartenhause waren
auf dem ganzen Platze Rosengestruche und Rosenbumchen in Beeten
zerstreut. Sie waren nach einem sinnvollen Plane geordnet, das zeigte
sich gleich bei dem ersten Blicke. Alle Stmmchen trugen Tfelchen mit
ihrem Namen.

>Das ist der Rosengarten<, sagte Alfred, >da sind viele Rosen, es
darf aber keine abgepflckt werden.<

>Wer pflanzt denn diese Rosen und wer pflegt sie?< fragte ich.

>Der Vater und die Mutter<, antwortete Alfred, >und der Grtner mu
ihnen helfen.<

Ich ging zu allen Rosenbeeten, und ging dann um das ganze Haus herum.
Als ich alles betrachtet hatte, gingen wir auch in das Haus hinein.
Es war mit Marmor gepflastert, auf dem feine Rohrmatten lagen. In der
Mitte stand ein Tisch und an den Wnden Bnkchen, deren Sitze von Rohr
geflochten waren. Eine angenehme Khle wehte in dem Hause; denn die
Fenster, durch welche die Sonne herein scheinen konnte, waren durch
gegliederte Balken zu schtzen. Da wir wieder aus dem Innern dieses
Gartenhauses getreten waren, besuchten wir noch einmal den Obstgarten
und gingen bis an sein Ende. Da wir an das Gartengitter gekommen
waren, sagte Alfred: >Hier ist der Garten zu Ende und wir mssen
wieder umkehren.<

Das taten wir auch, wir gingen wieder zu dem Eingangstore zurck,
durchschritten es, begaben uns in das Haus, und ich fhrte Alfred zu
seiner Mutter.

Das war das Haus und der Garten in Heinbach, der Besitzung des Herrn
und der Frau Makloden.

Der erste Tag verging sehr gut, so auch ein zweiter, ein dritter und
mehrere. Ich wohnte mich in meine zwei Zimmer ein, und die Stille des
Landes tat mir in meiner jetzigen Gemtsverfassung sehr wohl. Fr
den Unterricht Alfreds war in der Art gesorgt, da der Graf, dessen
Meiereien in der Nhe von Heinbach lagen, und ein Herr von Heinbach,
wie man Makloden jetzt auch nannte, eine Summe stifteten und dem
Lehrer der Gemeinde Heinbach zulegten unter der Bedingung, da ein
in gewissen Fchern gebildeter Mann stets diese Stelle bekleide,
welchen sie in Vorschlag zu bringen das Recht hatten und der die
Verbindlichkeit bernahm, die Kinder des Hauses Heinbach und die des
Verwalters der Meiereien in ihren Wohnungen zu unterrichten, wofr er
aber besonders bezahlt wurde. Die Schule und die Kirche Heinbach waren
eine kleine halbe Wegstunde von dem Herrenhause entfernt. Der Lehrer
kam jeden Nachmittag herber und blieb eine Zeit bei Alfred. Mathilde
wurde nur mehr in seltenen Stunden noch von ihm unterrichtet. Fr
Alfred sollte ich die Art der Lehrstunden einrichten, was ich auch
im bereinkommen mit dem Lehrer, der ein sehr bescheidener und nicht
ungebildeter junger Mann war, tat. Den Unterricht in gewissen Dingen,
jetzt vor allem den Sprachunterricht, behielt ich mir vor. So kam die
Sache in den Gang und so ging sie fort.

Das Leben in Heinbach war wirklich sehr einfach.

Man stand mit der Morgensonne auf, versammelte sich in dem
Speisezimmer zum Frhmahle, dem einiges Gesprch folgte, und ging dann
an seine Geschfte. Die Kinder muten ihre Aufgaben machen, von denen
Mathilde besonders von der Mutter manche in einigen Zweigen bekam. Der
Vater ging in seine Stube, las, schrieb oder er sah in dem Garten oder
in dem kleinen Grundbesitze nach, der zu dem Hause gehrte. Ich war
teils in meiner Wohnung mit meinen Arbeiten, die ich in der Stadt
begonnen hatte und hier fortsetzte, beschftigt, teils war ich in
Alfreds Zimmer und berwachte und leitete, was er zu tun hatte. Die
Mutter stand mir hierin bei, und sie hielt es fr ihre Pflicht, noch
mehr um Alfred zu sein als ich. Der Mittag versammelte uns wieder in
dem Speisezimmer, am Nachmittage waren Lehrstunden und der Rest des
Tages wurde zu Gesprchen, zu Spaziergngen, zum Aufenthalte im Garten
oder, besonders wenn Regenwetter war, zum gemeinschaftlichen Lesen
eines Buches benutzt. Was man im Freien tun konnte, wurde lieber im
Freien als in Zimmern abgemacht. Besonders war hiezu der Aufenthalt
unter den Linnendchern am Hause geeignet, den die Mutter sehr liebte.
Stundenlang war sie mit irgend einer weiblichen Arbeit und die Kinder
mit ihrem Schreibzeuge oder mit Bchern auf diesem Platze beschftigt.
Dies war besonders der Fall, wenn die Vormittagssonne die Luft
durchwrzte und doch noch nicht so viel Kraft hatte, die Mauern zu
erhitzen und den Aufenthalt an ihnen zu verleiden. Auch wurden die
mannigfaltigen Bnkchen auf dem Rasenplatze, vor welche man Tischchen
stellte, und das Innere des Rosenhauses bentzt. Zuweilen wurden
grere Spaziergnge verabredet. An solchen Tagen waren keine
Lehrstunden, man bestimmte die Zeit, in welcher fortgegangen
werden sollte, alle muten gerstet sein, und mit dem betreffenden
Glockenschlage wurde aufgebrochen. Wir besuchten zuweilen einen Berg,
einen Wald oder gingen durch schne, ansprechende Grnde. Manches Mal
war es auch eine Ortschaft, in welche wir uns begaben. Um das Haus
lagen in geringen Entfernungen Besitztmer von Familien, mit denen
die Bewohner von Heinbach Umgang pflegten. fter fuhr ein Wagen vor
unserem Hause vor, fter fuhr der unsere in die Nachbarschaft. Die
Kinder mischten sich zur Geselligkeit und ltere traten zusammen. Die
Mutter Alfreds sah es gerne, wie sie mir sagte, wenn eine Freundin
Mathildens bei ihr durch lngere Zeit verweilte, sie aber konnte sich
nie entschlieen, ihre Tochter zu anderen Leuten auf Besuch zu geben.
Sie wollte nicht getrennt sein. Auch, meinte sie, wrde sich Mathilde
fern von ihr nicht wohl fhlen. Von Knsten wurde bei wechselseitigen
Besuchen vorzglich die Musik gebt. Es war der Gesang, der gepflegt
wurde, das Clavier, und zu vierstimmigen Darstellungen die Geigen. Der
Vater Alfreds schien mir ein Meister auf der Geige zu sein. Wir hrten
solchen Vorstellungen zu. Wir Unbeschftigten sahen aber auch sehr
gerne zu, wenn die Kinder auf dem Rasenplatze hpften und sich in
ihren Spielen ergtzten. Bei alle dem besorgte die Mutter Alfreds
aber auch ihr ausgedehntes Hauswesen. Sie gab den Dienern und Mgden
hervor, was das Haus brauchte, sorgte fr die richtige und zweckmige
Verwendung, leitete die Einkufe und ordnete die Arbeiten an. Die
Bekleidung des Herrn, der Frau und der Kinder war sehr ausgezeichnet,
aber auch sehr einfach und wohlbildend. Nach dem Abendessen sa man
oft noch eine geraume Weile in Gesprchen bei dem Tische, und dann
suchte jedes sein Zimmer.

So war eine Zeit vergangen, und so kam nach und nach der Herbst. Ich
lebte mich immer mehr in das Haus ein und fhlte mich mit jedem Tage
wohler. Man behandelte mich sehr gtig. Was ich bedurfte, war immer
da, ehe das Bedrfnis sich noch klar dargestellt hatte. Aber auch
nicht blo das wurde hergestellt, was ich bedurfte, sondern auch das,
was zum Schmucke des Lebens geeignet ist. Blumen, die ich liebte,
wurden in Tpfen in meine Zimmer gestellt, ein Buch, ein neues
Zeichnungsgerte fand sich von Zeit zu Zeit ein, und da ich einmal auf
mehrere Tage abwesend war, sah ich bei meiner Rckkehr meine Wohnung
mit Farben bekleidet, die ich einmal bei einem Besuche in einem
Nachbarschlosse sehr gelobt hatte.

Bei Spaziergngen gesellte sich der Vater Alfreds gerne zu mir, wir
gingen abgesondert von den Andern und fhrten Gesprche, die mir in
dem, was er sagte, sehr inhaltreich schienen. Ebenso war die Mutter
Alfreds nicht ungeneigt, sich mit mir zu besprechen. Wenn ich in
Alfreds Zimmer war, das an das ihrige grenzte, kam sie gerne herein
und sprach mit mir, oder sie lie mich in ihr Zimmer treten, wies mir
einen Sitz an und redete mit mir. Ich hatte ihr nach und nach alle
meine Familienverhltnisse erzhlt, sie hatte teilnehmend zugehrt und
hatte manches Wort gesprochen, das hchst wohlttig in meine Seele
ging. Alfred war mir gleich in den ersten Tagen zugetan, und diese
Neigung wuchs. Sein Wesen war nicht verbildet. Er war krperlich sehr
gesund, und dies wirkte auch auf seinen Geist, der nebstdem berall
von den Seinigen mit Ma und Ruhe umgeben war. Er lernte sehr genau
und lernte leicht und gut, er war folgsam und wahrhaftig. Ich wurde
ihm bald zugeneigt. Noch ehe der Winter kam, verlangte er, da er
nicht mehr neben der Mutter, sondern neben mir wohnen solle, er sei ja
kein so kleiner Knabe mehr, da er die Mutter immer brauche, und er
msse nun bald neben den Mnnern sein. Man willfahrte ihm auf meine
Bitte, er bekam ein Zimmer neben mir, und der Diener, der bis jetzt
nebst andern meine Auftrge zu besorgen gehabt hatte, wurde uns
gemeinschaftlich beigegeben. Sein Krper entwickelte sich auch
ziemlich regsam, er war in dem Sommer gewachsen, sein Haupt war
regelmiger und sein Blick war strker geworden.

So endete der Herbst, und als bereits die Reife an jedem Morgen auf
den Wiesen lagen, zogen wir in die Stadt. Hier nderte sich Manches.
Alfred und ich wohnten wohl wieder neben einander; aber statt des
Himmels und der Berge und der grnen Bume sahen Huser und Mauern in
unsere Fenster herein. Ich war es von frherem Stadtleben gewohnt, und
Alfred achtete wenig darauf. Es wurden mehr Lehrer in mehr Fchern
genommen, und die Lehrstunden waren gedrngter als auf dem Lande. Auch
kamen wir mit viel mehr Menschen in Berhrung und die Einwirkungen
vervielfltigten sich. Aber auch hier wurde ich nicht minder gut
behandelt als auf dem Lande. Ich wurde nach und nach zur Familie
gerechnet, und alles was berhaupt der Familie gemeinschaftlich
zukam, wurde auch mir zugeteilt. Die Mutter Alfreds sorgte fr meine
huslichen Angelegenheiten, und nur die Anschaffung von Kleidern,
Bchern und dergleichen war meine Sache.

Als kaum die ersten Frhlingslfte kamen, gingen wir wieder nach
Heinbach. Mathilde, Alfred und ich saen in einem Wagen, der Vater
und die Mutter in einem anderen. Alfred wollte nicht von mir getrennt
sein, er wollte neben mir sitzen. Man mute es daher so einrichten,
da Mathilde uns gegenber sa. Sie war, als ich das Haus betreten
hatte, noch nicht vllig vierzehn Jahre alt. Jetzt ging sie gegen
fnfzehn. Sie war in dem vergangenen Jahre bedeutend gewachsen, so
da sie wohl so gro war wie ein vollendetes Mdchen. Ihr Krper war
uerst schlank, aber sehr gefllig gebildet. Man kleidete sie gerne
in dunkle Stoffe, die ihr wohl standen. Wenn sie in dem tiefen Blau
oder in dem Nelkenbraun oder in der Farbe des Veilchens ging und das
schne Wei das Kleid oben sumte, so wurde eine Anmut sichtbar, die
gleichsam sagte, da alles sei, wie es sein mu. Ihre Wangen waren
sehr frisch, sanft rot und wurden jetzt ein wenig lnglich, ihr Mund
war fast rosenrot, die groen Augen waren sehr glnzend schwarz, und
die reinen braunen Haare gingen von der sanften Stirne zurck. Die
Mutter liebte sie sehr, sie lie sie fast gar nicht von sich, sprach
mit ihr, ging mit ihr spazieren, unterrichtete sie auf dem Lande
selber und wohnte in der Stadt jeder Unterrichtsstunde bei, die ein
fremder Lehrer erteilte. Nur mit mir und Alfred lie sie sie im
vergangenen Sommer oft im Garten auf dem Rasenplatze, ja sogar in
der Gegend herum gehen. Da ging ich mit beiden Kindern, fragte sie,
erzhlte ihnen, lie mich selber fragen und lie mir erzhlen. Alfred
hielt mich grtenteils an der Hand oder suchte sich berhaupt
irgendwie an mich anzuhngen, sei es selbst mit einem Hakenstbchen,
das er sich von irgend einem Busche geschnitten hatte. Mathilde
wandelte neben uns. Ich hatte nur den Auftrag, zu sorgen, da sie
keine heftigen Bewegungen mache, welche an sich fr ein Mdchen nicht
anstndig sind und ihrer Gesundheit schaden knnten, und da sie nicht
in sumpfige oder unreine Gegenden komme und sich ihre Schuhe oder ihre
Kleider beschmutze; denn man hielt sie sehr rein. Ihre Kleider muten
immer ohne Makel sein, ihre Zhne, ihre Hnde muten sehr rein sein,
und ihr Haupt und ihre Haare wurden tglich so vortrefflich geordnet,
da kein Tadel entstehen konnte. Ich zeigte den Kindern die Berge,
die zu sehen waren, und nannte sie, ich lehrte sie die Bume, die
Gestruche und selbst manche Wiesenpflanzen kennen, ich las ihnen
Steinchen, Schneckenhuschen, Muscheln auf und erzhlte ihnen von dem
Haushalte der Tiere, selbst solcher, die gro und mchtig sind und in
entfernten Wldern oder gar in Wsten wohnen. Alfred liebte das Walten
und das Tun der Vgel sehr, besonders ihren Gesang. Er freute sich,
aus dem Fluge einen Vogel zu erraten, und wenn die Stimmen in dem
Gebsche oder im Walde ertnten, konnte er alle die Snger herzhlen,
von denen sie strmten. Er lehrte dies ein wenig auch Mathilden
und fragte sie bei manchem Laute, woher er rhre. Ich hatte die
Vorschriften der Mutter nie berschritten, und Mathilde gewann an
Schnheit des Aussehens und an Gesundheit durch diese Spaziergnge.
So wie die Mutter im Sommer und Herbste sie mit uns hatte herum gehen
lassen, so lie sie sie jetzt mit uns fahren. Sie sa zwei Tage uns
gegenber. Es war am Morgen und Abende noch ziemlich khl. Ich hatte
einen Mantel, und Alfred war in einen warmen berrock geknpft.
Mathilde hatte ber ihr dunkles Wollkleid, aus dem nicht einmal die
Spitzen ihrer Schuhe hervorsahen, ein Mntelchen, das ihren ganzen
Oberkrper bis an das Kinn verhllte, auf dem Haupte hatte sie
einen warmen, wohlgeftterten Hut, dessen weite Flgel sich wohl
anschmiegten, so da nichts, als beinahe nur die Wangen, welche in
der Mrzluft noch rter geworden waren, und die glnzenden Augen
hervorsahen. Wir beredeten, was wir in dem nchsten Sommer vornehmen
wollten. Der Hauptinhalt unserer Gesprche aber war, da alles, was
uns auf unserem Wege oder in dessen Nhe begegnete, bemerkt wurde, da
wir es nannten und darber sprachen. So kamen wir endlich bei heiterem
und klarem Mrzwetter in Heinbach an. Die Bume vor den Fenstern
hatten noch kein Laub, der Garten war de und die Felder waren noch
nicht grn, auer dort, wo sie die Wintersaaten trugen.

Obwohl es drauen sehr unwirtlich war, wenn man den uerst
freundlichen blauen Himmel abrechnet, so war es in dem Hause sehr
heimisch. Alles war auf das Reinlichste geputzt und zu dem Empfange
der Bewohner hergerichtet. Die Zimmer glnzten, die Fenster
spiegelten, durch die Vorhnge schien eine helle Mrzsonne herein und
in den Kaminen brannte ein behagliches Feuer. Meine zwei Gemcher
waren um ein sehr liebliches Eckzimmerchen vermehrt worden, und man
hatte mir schnere und bequemere Gerte in meine Wohnung gestellt.
Ich traf jetzt die Veranstaltung, da die Tr von meiner Wohnung in
Alfreds Zimmer immer offen war, da beide Wohnungen eine bildeten und
da ich gleichsam neben einem jngeren Bruder lebte. Hatte ich eine
Arbeit vor, bei der eine Strung hindernd gewesen wre, so ging ich in
mein Eckzimmer.

Das Leben in dem Landhause begann jetzt wieder wie in dem vorigen
Sommer. Wenn auch noch kein Laub auf den Bumen war, wenn sich das
Grn der Wiesen noch drftig zeigte und auf den Feldern fr die
Sommerfrucht noch die nackte Scholle lag, so gingen wir doch schon
vielfach spazieren. Alfred und ich gingen tglich, selbst wenn trbes
Wetter war, nur nicht, wenn heftiger Regen von dem Himmel strmte.
Wenn nach einem klaren Morgen, an dem wir noch die Erde und die Dcher
wei gesehen hatten, ein heiterer Tag kam und die Wege trocken waren,
ging Mathilde mit uns, und wir fhrten sie auf Anhhen oder Felder, wo
wir kurz vorher die schnsten Triller der Lerchen gehrt hatten. Diese
Snger waren die einzigen, die mit uns schon die Gegend bevlkerten.

Nach und nach wurde das Wei auf Feld und Wiesen seltener, die Sonne
schien krftiger, das Feuer in den Kaminen war nicht mehr ntig,
die Wiesen gewannen Grn, die Bume Knospen und an den Zweigen der
Lattenpfirsiche im Garten erschienen einzelne Blten. Die Snger
der Luft erschienen in verschiedenen Gestalten und Farben. Wenn ich
irgendwo Veilchen oder andere Frhlingsblumen fand, welche Mathilde
nicht mit uns hatte pflcken knnen, so brachte ich sie ihr in einem
Straue fr das Blumenglas ihres Tischchens nach Hause. Als Dank fr
solche Aufmerksamkeiten erhielt ich zu meinem Geburtsfeste, welches in
die ersten Tage des Frhlings fiel, von ihrer Hand gestickt ein rundes
Deckchen, worauf ein silberner Handleuchter, den mir Mathildens Mutter
gab, zu stehen bestimmt war.

Der Frhling war endlich mit voller Pracht gekommen. Im vergangenen
Jahre hatte ich ihn in dieser Gegend nicht gesehen, weil ich erst
spter angelangt war. berhaupt hatte ich meines lngern Stadtlebens
willen schon lange nicht einen vollkommenen Frhling in der Tiefe des
Landes erblickt. Nur an der Grenze des Landes, das heit, wo es an die
Stadt reicht, hatte ich den einen oder andere Frhlingstag zugebracht
oder irgend einen Sonnenblick erlauscht. Das teilt man aber mit
Vielen, die aus der Stadt hinaus kommen, und mu es im Gedrnge und
Staube genieen. In Heinbach war Einsamkeit und Stille, die blaue Luft
schien unermelich, und die Bltenflle wollte die Bume erdrcken.
Jeden Morgen strmte neue Wrze durch die geffneten Fenster. Man
fhlte in Heinbach, wie sehr mich Ungewohnten dieser Reichtum
berrasche und freue, und man suchte mir diese Freude auf jede Weise
noch fhlbarer zu machen und sie zu erhhen. Jeden Tag wurden die
Blumen in meiner Wohnung durch neu aufgeblhte aus den Gewchshusern
ersetzt. Wenn in dem freien Grunde sich etwas zeigte, sei es ein
Gestruch, sei es eine Blume, so machte man mich darauf aufmerksam,
man brachte den grten Teil der Zeit im Freien zu, und machte weit
fter und weit lngere Spaziergnge als sonst. Mathilde erzhlte
mir es, wenn sie den Gesang eines Vogels gehrt hatte, wenn Faltern
vorber geflogen waren, wenn sich ein Becher in einem Gebsche
geffnet hatte, ja sie gab mir zuweilen Blumen, um sie in meiner
Wohnung aufzubewahren.

So verging der Frhling, und der Sommer rckte vor.

War mir das Leben im vergangenen Jahre in dieser Familie angenehm
gewesen, so war es mir in diesem noch angenehmer. Wir gewhnten uns
immer mehr an einander, und mir war zuweilen, als htte ich wieder
eine unzerstrbare Heimat. Der Herr des Hauses zeichnete mich aus, er
besuchte mich oft in meiner Wohnung und sprach lange mit mir, er lud
mich zu sich, zeigte mir seine Sammlungen, seine Arbeiten und sprach
ber Gegenstnde, die bewiesen, da er mich auch achte. Mathildens
Mutter war sehr liebreich, freundlich und gtig. Sie sorgte wie frher
fr mich; aber sie tat es einfacher und fast wie ein Ding, das sich
von selber verstehe. Wir waren oft alle in ihrem Zimmer und spielten
ein kindisches Spiel oder trieben Musik. Alfred hatte gleich Anfangs
schon viel Zutrauen zu mir gezeigt, dieses Zutrauen war immer
gewachsen und war dann unbedingt geworden. Er war ein vortrefflicher
Knabe, offen, klar, einfach, gutmtig, lebendig, ohne doch einem
heftigen Zorne anheimzufallen, heiter, unschuldig und folgsam. Er war
jetzt gegen neun Jahre alt, entwickelte sich stets frhlicher und
gewann am Geiste sowie am Krper. Mathilde wurde immer herrlicher,
sie war zuletzt feiner als die Rosen an dem Gartenhause, zu denen wir
sehr gerne gingen. Ich liebte beide Kinder unsglich. Wenn Alfred
Unterrichtsstunde hatte, war ich dabei und leitete und berwachte sie,
ich berwachte sein Lernen und fragte ihn immer um das Gelernte, damit
er sich bei dem Lehrer keine Ble gebe. Die Gegenstnde, die ich mit
ihm vornahm, vermehrte ich ansehnlich, ich suchte sie ihm recht gut
beizubringen, und er lernte sie auch besser als frher bei andern
Lehrern. Vater und Mutter waren oft bei dem Unterrichte zugegen und
berzeugten sich von den Fortschritten. Mathilde nahm ich nicht nur
sehr gerne, sondern viel lieber als frher zu unsern Spaziergngen
mit. Ich sprach mit ihr, ich erzhlte ihr, ich zeigte ihr Gegenstnde,
die an unserm Wege waren, hrte ihre Fragen, ihre Erzhlungen und
beantwortete sie. Bei rauhen Wegen oder wo Nsse zu befrchten war,
zeigte ich ihr die besseren Stellen oder die Richtungen, auf denen man
trockenen Fues gehen konnte. Zu Hause nahm ich an ihren Bestrebungen
Anteil. Ich sah fter ihre Zeichnungen an und gab ihr einen Rat, den
sie sehr gerne verlangte und befolgte. Sie freute sich sehr, wenn das
Vernderte dann viel besser aussah. Ich war dabei, wenn sie auf dem
Claviere spielte, und hrte zu, so lange ihre Finger aus den Saiten
die Tne hervor zu locken suchten. Ich schrieb ihr in Hefte sehr
zierlich ab, wenn sie irgendwo einen Gesang hrte und sich denselben
aus dem Gedchtnisse in Musiknoten aufschrieb. Dies war besonders in
Hinsicht der Zither der Fall, die sie spielen zu lernen angefangen
hatte, die sie sehr liebte und auf der sie bedeutende Fortschritte
machte. Oft hrte die Mutter Mathildens mit Aufmerksamkeit zu, wenn
sie anmutige Weisen aus den Metallsaiten hervorbrachte, und ich und
Alfred regten uns nicht und lauschten. Ich las ihr und der Mutter aus
ihren Bchern vor und bezeichnete schne Stellen durch eingelegte
Zeichen. Auch Blumen, Waldfrchte und dergleichen brachte ich ihr,
wenn ich dachte, da sie ihr Freude machen knnten.

Der Sommer war beinahe vergangen und der Herbst stand bevor. Wir
hatten so viel getan, da uns die Zeit sehr kurz schien. Wir waren uns
auch genug, um unsere Stunden zu erfllen. Wenn fremde Kinder zugegen
waren, wenn Spiele veranstaltet waren und alle auf dem heiteren Rasen
hpften und sprangen, stand Mathilde seitwrts und sah teilnahmslos
zu. Wir fuhren auch nicht so oft in die Nachbarschaft wie im
vergangenen Jahre, und verlangten es auch nicht.

Eines Tages nachmittags standen wir drei an dem Ausgange des langen
Laubenweges, der mit Reben bekleidet ist und zu dem Obstgarten fhrt.
Mathilde und ich standen ganz allein an der Mndung des Laubganges,
Alfred war unter den Bumen damit beschftigt gewesen, einige
Tfelchen, die an den Stmmen hingen und schmutzig geworden waren, zu
reinigen, dann las er abgefallenes halbreifes Obst zusammen, legte
es in Hufchen und sonderte das bessere von dem schlechteren ab. Ich
sagte zu Mathilden, da der Sommer nun bald zu Ende sei, da die Tage
mit immer grerer Schnelligkeit krzer werden, da bald die Abende
khl sein wrden, da dann dieses Laub sich gelb frben, da man die
Trauben ablesen und endlich in die Stadt zurckkehren wrde.

Sie fragte mich, ob ich denn nicht gerne in die Stadt gehe.

Ich sagte, da ich nicht gerne gehe, da es hier gar so schn sei und
da es mir vorkomme, in der Stadt werde alles anders werden.

>Es ist wirklich sehr schn<, antwortete sie, >hier sind wir alle
viel mehr beisammen, in der Stadt kommen Fremde dazwischen, man wird
getrennt und es ist, als wre man in eine andere Ortschaft gereist. Es
ist doch das grte Glck, Jemanden recht zu lieben.<

>Ich habe keinen Vater, keine Mutter und keine Geschwister mehr<,
erwiderte ich, >und ich wei daher nicht, wie es ist.<

>Man liebt den Vater, die Mutter, die Geschwister<, sagte sie, >und
andere Leute.<

>Mathilde, liebst du denn auch mich?< erwiderte ich.

Ich hatte sie nie du genannt, ich wute auch nicht, wie mir die Worte
in den Mund kamen, es war, als wren sie mir durch eine fremde Macht
hineingelegt worden. Kaum hatte ich sie gesagt, so rief sie: >Gustav,
Gustav, so auerordentlich, wie es gar nicht auszusprechen ist.<

Mir brachen die heftigsten Trnen hervor.

Da flog sie auf mich zu, drckte die sanften Lippen auf meinen Mund
und schlang die jungen Arme um meinen Nacken. Ich umfate sie auch und
drckte die schlanke Gestalt so heftig an mich, da ich meinte, sie
nicht loslassen zu knnen. Sie zitterte in meinen Armen und seufzte.

Von jetzt an war mir in der ganzen Welt nichts teurer, als dieses
se Kind.

Als wir uns losgelassen hatten, als sie vor mir stand, erglhend
in unsglicher Scham, gestreift von den Lichtern und Schatten des
Weinlaubes, und als sich, da sie den sen Atem zog, ihr Busen hob und
senkte, war ich wie bezaubert, kein Kind stand mehr vor mir, sondern
eine vollendete Jungfrau, der ich Ehrfurcht schuldig war. Ich fhlte
mich beklommen.

Nach einer Weile sagte ich: >Teure, teure Mathilde.<

>Mein teurer, teurer Gustav<, antwortete sie.

Ich reichte ihr die Hand und sagte: >Auf immer, Mathilde.<

>Auf ewig<, antwortete sie, indem sie meine Hand fate.

In diesem Augenblicke kam Alfred auf uns herzu. Er bemerkte nichts.
Wir gingen schweigend neben ihm in dem Gange dahin. Er erzhlte uns,
da die Namen der Bume, die auf weie Blechtfelchen geschrieben
sind, welche Tfelchen an Draht von dem untersten Aste jedes Baumes
hernieder hngen, von den Leuten oft sehr verunreinigt wrden, da man
sie alle putzen solle, und da der Vater den Befehl erlassen sollte,
da ein jeder, der einen Baum wscht, putzt oder dergleichen oder der
sonst eine Arbeit bei ihm verrichtet, sich sehr in Acht zu nehmen
habe, da er das Tfelchen nicht bespritzt oder sonst eine
Unreinigkeit darauf bringt. Dann erzhlte er uns, da er schne
Borsdorfer pfel gefunden habe, welche durch einen Insektenstich zu
einer frheren, beinahe vollkommenen Reife gediehen seien. Er habe sie
am Stamme des Baumes zusammengelegt und werde den Vater bitten, sie zu
untersuchen, ob man sie nicht doch brauchen knne. Dann seien viele
andere, welche vor der Zeit abfielen, weil die Bume heuer mit zu viel
Obst beladen wren und ihre Kraft nicht genug ist, alle zur Reife zu
bringen. Diese habe er auch zusammengelegt, so viele er in der ersten
Baumreihe habe finden knnen. Sie werden wohl zu gar nichts tauglich
sein. Er freue sich schon sehr auf den Herbst, wo man alles das
herabnehmen werde und wo auch die schnen roten, blauen und goldgrnen
Trauben von diesem Ganggelnder heruntergelesen werden wrden. Es sei
gar nicht mehr lange bis dahin.

Wir sprachen nicht und gingen einige Male in dem Gange mit ihm hin
und wider.

Die groe Erregung hatte sich ein wenig gelegt, und wir gingen in das
Haus. Ich ging aber nicht mit Mathilden zu ihrer Mutter, wie ich sonst
immer getan hatte, sondern nachdem ich Alfred in sein Zimmer geschickt
hatte, schweifte ich durch die Bsche herum und ging immer wieder auf
den Platz, von welchem ich die Fenster sehen konnte, innerhalb welcher
die teuerste aller Gestalten verweilte. Ich meinte, ich msse sie
durch mein Sehnen zu mir herausziehen knnen. Es war erst ein
Augenblick, seit wir uns getrennt hatten, und mir erschien es so
lange. Ich glaubte, ohne sie nicht bestehen zu knnen, ich glaubte,
jede Zeit sei ein verlornes Gut, in welcher ich das holde, schlanke
Mdchen nicht an mein Herz drckte. Ich hatte frher nie irgend
ein Mdchen bei der Hand gefat als meine Schwester, ich hatte nie
mit einem ein liebes Wort geredet oder einen freundlichen Blick
gewechselt. Dieses Gefhl war jetzt wie ein Sturmwind ber mich
gekommen. Ich glaubte sie durch die Mauern in ihrem Zimmer gehen
sehen zu mssen mit dem langen kornblumenblauen Kleide, mit den
glanzvollen Augen und dem rosenherrlichen Munde. Es bewegte sich der
Fenstervorhang, aber sie war nicht an demselben; es schimmerte an dem
Glase wie von einem rosigen Angesichte, aber es war nur ein schiefes
Hereinleuchten der beginnenden Abendrte gewesen. Ich ging wieder
durch die Bsche, ich ging durch den Weinlaubengang in den Obstgarten,
der Weinlaubengang war mir jetzt ein fremdwichtiges Ding, wie
ein Pallast aus dem fernsten Morgenlande. Ich ging durch das
Haselnugebsch zu dem Rosenhause, es war, als blhten und glhten
alle Rosen um das Haus, obwohl nur die grnen Bltter und die Ranken
um dasselbe waren. Ich ging wieder zu unserem Wohnhause zurck und
ging auf den Platz, von dem ich Mathildens Fenster sehen mute. Sie
beugte sich aus einem heraus und suchte mit den Augen. Als sie mich
erblickt hatte, fuhr sie zurck. Auch mir war es gewesen, da ich die
holde Gestalt sah, als htte mich ein Wetterstrahl getroffen. Ich
ging wieder in die Bsche. Es waren Flieder in jener Gegend, die eine
Strecke Rasen sumten und in ihrer Mitte eine Bank hatten, um im
Schatten ruhen zu knnen. Zu dieser Bank ging ich immer wieder zurck.
Dann ging ich wieder auf ein Fleckchen Rasen und sah gegen die
Fenster. Sie beugte sich wieder heraus. Dies taten wir ungezhlte
Male, bis der Flieder in dem Rot der Abendrte schwamm und die Fenster
wie Rubinen glnzten. Es war zauberhaft, ein ses Geheimnis mit
einander zu haben, sich seiner bewut zu sein und es als Glut im
Herzen zu hegen. Ich trug es entzckt in meine Wohnung.

Als wir zum Abendessen zusammen kamen, fragte mich Mathildens Mutter:
>Warum seid ihr denn heute, da ihr mit den Kindern aus dem Garten
zurckgekehrt waret, nicht mehr zu mir gegangen?<

Ich vermochte auf diese Frage nicht ein Wort zu antworten; es wurde
aber nicht beachtet.

Ich schlief in der ganzen Nacht kaum einige Augenblicke. Ich freute
mich schon auf den Morgen, an dem ich sie wieder sehen wrde. Wir
trafen alle in dem Speisesaale zu dem Frhmahle zusammen. Ein Blick,
ein leichtes Errten sagte alles, sie sagten, da wir uns besaen
und da wir es wuten. Den ganzen Morgen brachte ich mit Alfred
im eifrigen Lernen zu. Gegen Mittag, als Grser und Laubbltter
getrocknet waren, gingen wir in den Garten. Mathilde flog mit einem
Buche, in dem sie eben gelesen hatte, aus dem Hause, sie eilte auf uns
zu, und wir tauschten den Blick der Einigung. Sie sah mich innig an,
und ich fhlte, wie meine Empfindung aus meinen Augen strmte. Wir
gingen durch den Blumengarten und durch den Gemsegarten auf den
Weinlaubengang zu. Es war, als htten wir uns verabredet, dorthin
zu gehn. Mathilde und ich sprachen gewhnliche Dinge, und in den
gewhnlichen Dingen lag ein Sinn, den wir verstanden. Sie gab mir ein
Weinblatt, und ich verbarg das Weinblatt an meinem Herzen. Ich reichte
ihr ein Blmchen, und sie steckte das Blmchen in ihren Busen. Ich
nahm ihr das Papierstreifchen, welches als Merkmal in ihrem Buche
steckte, und behielt es bei mir. Sie wollte es wieder haben, ich
gab es nicht, und sie lchelte und lie es mir. Wir kamen in das
Haselgebsch, durchstreiften es und traten vor die Rosen des
Gartenhauses. Sie nahm einige welke Bltter ab und reinigte dadurch
den Zweig. Ich tat das Nehmliche mit dem Nachbarzweige. Sie gab mir
ein grnes Rosenblatt, ich knickte einen zarten Zweig, was eigentlich
nicht erlaubt war, und gab ihr den Zweig. Sie wendete sich einen
Augenblick ab, und da sie sich wieder uns zugewandt, hatte sie den
Rosenzweig bei sich verborgen. Wir gingen in das Gartenhaus, sie
stand an dem Tische und sttzte sich mit ihrer Hand auf die Platte
desselben. Ich legte meine Hand auch auf die Platte, und nach einigen
Augenblicken hatten sich unsere Finger berhrt. Sie stand wie eine
feurige Flamme da, und mein ganzes Wesen zitterte. Im vorigen Sommer
hatte ich ihr oft die Hand gereicht, um ihr ber eine schwierige
Stelle zu helfen, um sie auf einem schwanken Stege zu sttzen oder sie
auf schmalem Pfade zu geleiten. Jetzt frchteten wir, uns die Hnde
zu geben, und die Berhrung war von der grten Wirkung. Es ist nicht
zu sagen, woher es kommt, da vor einem Herzen die Erde, der Himmel,
die Sterne, die Sonne, das ganze Weltall verschwindet, und vor dem
Herzen eines Wesens, das nur ein Mdchen ist und das Andere noch ein
Kind heien. Aber sie war wie der Stengel einer himmlischen Lilie
zaubervoll, anmutsvoll, unbegreiflich.

Wir gingen wieder in das Haus, und wir gingen, ehe wir zu dem
Mittagessen gerufen wurden, zu der Mutter. Bei der Mutter waren
wir stiller und wortarmer als gewhnlich. Mathilde suchte sich ein
Papierstreifchen und legte es wieder an jener Stelle in das Buch, wo
ich ihr das Merkzeichen herausgenommen hatte. Dann setzte sie sich zu
dem Claviere und rief einzelne Tne aus den Saiten. Alfred erzhlte,
was wir in dem Garten getan hatten und berichtete der Mutter, da wir
verdorrte und unbrauchbare Bltter von den Rosenzweigen, die an den
Latten des Gartenhauses angebunden sind, herabgenommen htten.

Hierauf wurden wir zu dem Mittagessen gerufen. Nachmittag war kein
Spaziergang. Die Eltern gingen nicht, und ich schlug Alfred und
Mathilden keinen vor. Ich nahm ein Buch eines Lieblingsdichters, las
sehr lange, und feurige Trnen wie heie Tropfen kamen fter in meine
Augen. Spter sa ich auf der Bank in dem Fliedergebsche und schaute
zuweilen durch die Zweige auf die Wohnung Mathildens. Dort stand
manches Mal das Mdchen, das so schn wie ein Engel war, an dem
Fenster. Gegen den Abend spielte Mathilde in dem Zimmer der Mutter auf
dem Claviere sehr ernst, sehr schn und sehr ergreifend. Dann nahm sie
noch die Zither und spielte auf derselben ebenfalls. Die Saiten muten
sie so ergriffen haben, da sie nicht aufhren konnte. Sie spielte
immer fort, und die Tne wurden immer rhrender und ihre Verbindung
immer natrlicher. Die Mutter lobte sie sehr. Der Vater, welcher in
einem Geschfte in der nchsten kleinen Stadt gewesen war, kam endlich
auch zur Mutter, und wir blieben in dem Zimmer derselben, bis wir zu
dem Abendessen gerufen wurden. Der Vater nahm Mathilden an den Arm und
fhrte sie zrtlich in den Speisesaal.

Es begann nun eine merkwrdige Zeit. In meinem und Mathildens Leben
war ein Wendepunkt eingetreten. Wir hatten uns nicht verabredet, da
wir unsere Gefhle geheim halten wollen; dennoch hielten wir sie
geheim, wir hielten sie geheim vor dem Vater, vor der Mutter, vor
Alfred und vor allen Menschen. Nur in Zeichen, die sich von selber
gaben und die wie von selber auf die Lippen kamen, machten sie wir uns
gegenseitig kund. Tausend Fden fanden sich, an denen unsere Seelen zu
einander hin und her gehen konnten.

Wenn wir in dem Besitze von diesen tausend Fden waren, so fanden sich
wieder tausend und mehrten sich immer. Die Lfte, die Grser, die
spten Blumen der Herbstwiese, die Frchte, der Ruf der Vgel, die
Worte eines Buches, der Klang der Saiten, selbst das Schweigen waren
unsere Boten. Und je tiefer sich das Gefhl verbergen mute, desto
gewaltiger war es, desto drngender loderte es in dem Innern. Auf
Spaziergnge gingen wir drei, Mathilde, Alfred und ich, jetzt weniger
als sonst, es war, als scheuten wir uns vor der Anregung. Die Mutter
reichte oft den Sommerhut und munterte auf. Das war dann ein groes,
ein namenloses Glck. Die ganze Welt schwamm vor den Blicken, wir
gingen Seite an Seite, unsere Seelen waren verbunden, der Himmel, die
Wolken, die Berge lchelten uns an, unsere Worte konnten wir hren,
und wenn wir nicht sprachen, so konnten wir unsere Tritte vernehmen,
und wenn auch das nicht war, oder wenn wir stille standen, so wuten
wir, da wir uns besaen, der Besitz war ein unermelicher, und wenn
wir nach Hause kamen, war es, als sei er noch um ein Unsgliches
vermehrt worden. Wenn wir in dem Hause waren, so wurde ein Buch
gereicht, in dem unsere Gefhle standen, und das Andere erkannte die
Gefhle, oder es wurden sprechende Musiktne hervorgesucht, oder es
wurden Blumen in den Fenstern zusammengestellt, welche von unserer
Vergangenheit redeten, die so kurz und doch so lang war. Wenn wir
durch den Garten gingen, wenn Alfred um einen Busch bog, wenn er
in dem Gange des Weinlaubes vor uns lief, wenn er frher aus dem
Haselgebsche war als wir, wenn er uns in dem Innern des Gartenhauses
allein lie, konnten wir uns mit den Fingern berhren, konnten uns
die Hand reichen oder konnten gar Herz an Herz fliegen, uns einen
Augenblick halten, die heien Lippen an einander drcken und die Worte
stammeln: >Mathilde, dein auf immer und auf ewig, nur dein allein, und
nur dein, nur dein allein!<

>O ewig dein, ewig, ewig, Gustav, dein, nur dein und nur dein
allein.<

Diese Augenblicke waren die allerglckseligsten.

So war der tiefe Herbst gekommen. Wir hatten in dem Reste des Sommers
ein ueres nicht vermit. Mathilde und Alfred hatten immer weniger
verlangt, in die Nachbarschaft zu fahren, und so war es gekommen, da
auch die Eltern weniger fuhren und da auch Fremde weniger zu uns
kamen. Wenn sie aber da waren, wenn auch Alfred an den Spielen und
Ergtzungen der Kinder Teil nahm, so war Mathilde doch teilnahmloser
als je. Sie hielt sich ferne, wie eine, die nicht hieher gehrt. Auch
in ihrem krperlichen Wesen war in dieser kurzen Zeit eine groe
Vernderung vorgegangen. Sie war strker geworden, ihre Wangen waren
purpurner, ihre Augen glnzender geworden.

Alfred liebte mich sehr. Neben seinen Eltern und seiner Schwester
liebte er vielleicht nichts so sehr als mich, und ich vergalt es ihm
mit ganzer Seele.

Der spte Herbst war endlich dem Beginne des Winters gewichen. Wie
wir sehr frh von der Stadt auf das Land gingen, so blieben wir auch
sehr tief in die sinkende Jahreszeit hinein auf demselben. Alfreds
Erwartung war in Erfllung gegangen. Das Obst und die Trauben waren
abgenommen worden. Auf den Zweigen der Bume war kein Blatt mehr, und
der Nebel und der Frost zogen sich durch die Grnde des Tales. Da
gingen wir in die Stadt. Dort war Mathilde enger umgrenzt. Lehrer,
Erziehungsstunden, Unterricht, Arbeiten drngten sich an sie heran.
Ihr ganzes Wesen aber war begeisterter und getragener, und ich
erschien mir reich, um Vieles reicher als die Besitzer all der Huser,
der Pallste und des Glanzes der ungeheuren Stadt. Wir konnten uns nur
seltener sprechen; aber wenn sie mir auf dem Gange begegnete, wenn sie
mir in dem Zimmer der Mutter einige Worte sagen konnte, wenn in der
Menge das Geschick uns an einander vorberfhrte oder wenn uns ein
anderer geistiger Augenblick gegeben war, dann sagten mir ihre schnen
Augen, dann sagten einige Worte, wie sehr wir uns liebten, wie
unvernderlich diese Liebe sei und wie unbegrenzt unsere Seelen
einander beherrschten. Sie wurde jetzt auch von andern Leuten bemerkt,
und junge Mnner richteten ihre Augen auf sie; aber wenn man ihr
entgegen kam, wenn ihr gehuldigt wurde, wenn man sie in einer Familie
feierte, so war sie ganz ruhig gegen diese Dinge, setzte ihnen gar
keine uerung entgegen, und ihr engelschnes Wesen sagte mir, es
sagte es nur von mir verstanden, da sie mit ihrer wundervollen
Gestalt, mit der Wrme ihrer Seele und dem Glanz ihres Aufblhens nur
mich beglcke, und da es ihr Wonne mache, mich beglcken zu knnen.
Oft, wenn ich von weiten Gngen in der Stadt zurckkehrte und zu dem
Hause kam, in welchem wir wohnten, blieb ich stehen und betrachtete
das Haus. Es war merkwrdiger, es war gefeit worden vor den Husern
der Stadt, und mit Rhrung sah ich auf die Mauern, innerhalb welcher
das Wesen wohnte, das von berirdischen Rumen gekommen war, meine
Seele zu erfllen. Mathilde sah die Vergtterung, welche ich ihr
weihte, sie sah dieselbe genau auf den geheimen Wegen, auf denen ich
ihre Liebe erkannte, und Freude leuchtete darber von ihrer Stirne,
welche gleichfalls nur von mir gesehen wurde. Die Eltern Mathildens
fingen auch an, sie in vorzglichere Stoffe zu kleiden, als sie bisher
getan hatten, und wenn sie mit edlen Gewndern angetan vor mir stand,
kam sie mir ferner und nher, fremder und angehriger vor als sonst.

Eines Tages, als ich ber die Treppe unsers Hauses, welches nur von
unserer Familie allein bewohnt wurde, herabging, um einen Freund zu
besuchen, begegnete mir Mathilde. Sie war mit der Mutter an das Haus
gefahren, die Mutter war in dem Wagen sitzen geblieben, sie aber
sollte hinaufgehen, um irgend etwas zu holen. Sie war in schwarze
Seide gekleidet, ein seidenes Mntelchen war um ihre Schultern, und
aus dem Hute mit dem grnen Flore sah das blhende, durch die Klte
erfrischte Angesicht hervor. Da wir uns hinter einer Biegung der
Treppe begegneten, wurde sie dunkelglhend. Ich erschrak und sagte
aber: >O Mathilde, Mathilde, du himmelvolles Wesen, alle streben sie
nach dir, wie wird das werden, o wie wird das werden?!<

>Gustav, Gustav<, antwortete sie, >du bist der trefflichste von
allen, du bist ihr Knig, du bist der Einzige, alles ist gut und
herrlich, und Millionen Krfte sollen es nicht zerreien knnen.<

Ich ergriff ihre Hand, ein glhender Ku, nur einen Augenblick
gegeben, aber mit fest aneinandergedrckten Lippen, bekrftigte die
Worte. Ich hrte ihre Seide die Treppe emporrauschen, ich aber ging
die Stufen hinunter. Da ich unten die glserne Doppeltr der Treppe
geffnet hatte, sah ich den Wagen stehen. Hinter den Fenstern
desselben sa freundlich die Mutter Mathildens und sah mich an. Ich
grte sie ehrerbietig und ging vorber. Ich ging nun nicht mehr zu
dem Freunde, den ich hatte besuchen wollen.

Mit Alfred betrieb ich das, was er zu lernen hatte, immer eifriger,
ich war immer sorgsamer, da er es gut inne habe, und legte, wo ich
konnte, wie frher und in noch grerem Mae selber Hand an. Auch auf
den Gang seiner Entwickelung im Allgemeinen suchte ich so einzuwirken,
wie es mir nur mglich war. Ich sprach sehr viel mit ihm und ging sehr
viel mit ihm um. Er schlo sich, da er es wohl wute, da ich ihn
liebe, immer inniger an mich an, ja er schlo sich auf das Innigste
und fast ausschlielich an mich. Er wohnte wie auf dem Lande so auch
in der Stadt neben mir.

Im ersten Frhlinge fuhren wir wieder wie im vorigen Jahre nach
Heinbach. Es war wieder die Veranstaltung getroffen, da Mathilde,
Alfred und ich in einem Wagen fuhren. Alfred sa wieder neben mir und
schmiegte sich an mich. Mathilde sa gegenber. Und so konnten wir
uns zwei Tage mit den Augen der Liebe ungehindert ansehen und konnten
mit einander sprechen. Und wenn wir auch von gleichgltigen Dingen
redeten, so hrten wir doch unsere Stimme, und in gewhnlichen Dingen
zitterte das tiefe Herz durch. Jene zwei Tage waren die glckseligsten
meines Lebens.

Auf dem Lande begann nun wieder ein Leben, wie es im vergangenen
Jahre gewesen war. Wir waren ungebunden und konnten leichter unsere
Seelen tauschen. Wir waren freier in dem Zimmer der Mutter oder in dem
des Vaters, wir konnten den Garten besuchen, wir konnten unter den
Bumen des Rasenplatzes wandeln und wir konnten spazieren gehen. Am
liebsten wurde uns der Weinlaubengang. Er war ein Heiligtum geworden,
seine Zweige sahen uns vertraut an, seine Bltter wurden unsere
Zeugen, und durch seine Verschlingungen bebte manches tiefe Wort und
wehte mancher Hauch der unergrndlichsten Glckseligkeit. Fast ebenso
lieb war uns das Gartenhaus. Manchen Flug der Wonne deckte es mit
seinen schtzenden Mauern, und es umgab uns wie ein stiller Tempel,
wenn wir alle drei eintraten und zwei Gemter wallten. Wir gingen
oft an diese beiden Orte. Die Verbindungsfden wuchsen tausendfach,
Mathilde wurde stets noch herrlicher, sie wurde von Andern immer
heier begehrt, aber ihre Seele schlo sich nur fester an die
meinige.

Ich machte jetzt oft sehr groe Wege allein. Wenn ich so weit war,
da ich das Haus nicht mehr sehen konnte und wenn ich so dastand und
die weien Wolken betrachtete, die ber dem Hause stehen muten, und
wenn ich auf den Wald sah, jenseits dessen das Haus sich befand, so
kam eine tiefe Bewegung in mich. Und wenn ich dann nach Hause eilte,
ins Innere der Mauern ging, sie da sah und an ihr die Freude des
Wiedersehens erkannte, so frohlockte gleichsam springend mir das Herz
in dem Busen ber meinen unendlichen Besitz.

Dennoch war allgemach etwas da, das wie ein bel in mein Glck
bohrte. Es nagte der Gedanke an mir, da wir die Eltern Mathildens
tuschen. Sie ahnten nicht, was bestand, und wir sagten es ihnen
nicht. Immer drckender wurde mir das Gefhl und immer ngstender
lastete es auf meiner Seele. Es war wie das Unheil der Alten, welches
immer grer wird, wenn man es berhrt.

Eines Tages, da eben die Rosenblte war, sagte ich zu Mathilden, ich
wolle zur Mutter gehen, ihr alles entdecken und sie um ihr gtiges
Vorwort bei dem Vater bitten. Mathilde antwortete, das werde gut sein,
sie wnsche es, und unser Glck msse dadurch sich erst recht klren
und befestigen.

Ich ging nun zur Mutter Mathildens und sagte ihr alles mit schlichten
Worten, aber mit zagender Stimme.

>Ich habe das von euch nicht erwartet und nicht geahnt<, erwiderte
sie, >ich kann euch auch einen Bescheid nicht geben. Ich mu erst mit
meinem Gatten sprechen. Kommt in einer Stunde in mein Zimmer, und ich
werde euch antworten.<

Ich verbeugte mich, verlie ihr Gemach und begab mich in mein
Eckzimmer.

Als die Stunde vorber war, ging ich in das Besuchzimmer der Mutter
Mathildens. Sie erwartete mich schon. Sie sa an ihrem Tische, um den
wir uns so oft versammelt hatten. Sie bot mir auch einen Stuhl an.
Nachdem ich mich gesetzt hatte, sagte sie: >Mein Gatte ist mit mir
gleicher Ansicht. Wir haben euch ein Vertrauen geschenkt, das so gro
war, da wir es nicht verantworten knnen. Ihr gabet uns Grund zu
diesem Vertrauen. Wir wollen nicht weiter darber rechten. Aber eins
mu gesprochen werden. Die Verbindung, welche ihr beide geschlossen
habt, ist ohne Ziel, wenigstens ist jetzt ein Ziel nicht abzusehen.
Ihr mgt wohl beide einen gleichen Anteil an der Schlieung dieses
Bundes haben. Aber beide durftet ihr vielleicht an seine Folgen nicht
gedacht haben, sonst knnten wir euch schwerer entschuldigen. Ihr habt
euch nur eurem Gefhle hingegeben. Ich begreife das. Ich kann mir nur
nicht erklren, da ich es nicht schon frher begriffen habe. Ich habe
euch so - so sehr vertraut. Hrt mich aber jetzt an. Mathilde ist noch
ein Kind, es mu eine Reihe von Jahren vergehen, in denen sie noch
lernen mu, was ihr fr ihren einstigen Beruf not tut, es mu noch
eine Reihe von Jahren vergehen, ehe sie nur begreift, was der Bund
ist, den sie eben geschlossen hat. Sie ist lebhaft, sie hat ein Gefhl
von ihrer Seele Besitz nehmen lassen, welches ihr angenehm ist und
welches wahrscheinlich diese ihre ganze Seele erfllt. Sollen wir sie
in diesem Gefhle befangen sein lassen in der ganzen Zeit, in der sie
erst die wichtigsten Vorbereitungen zu ihrem knftigen Leben treffen
mu, oder soll sie ruhiger sein, um diese Vorbereitungen in dem
rechten Mae treffen zu knnen? Soll das Gefhl nun fortdauern, immer
fort, bis wir sagen knnen, da sie Braut sei? Wenn es fortdauert,
wird es nicht peinigende Stunden bringen, da es nicht so bald in
seinen natrlichen Abschlu gelangen kann und Zweifel, Ungeduld,
Vorwrtstreiben, Unmut und Schmerz in seinem Gefolge fhren? Wird es
da nicht jene schnen, edlen, heitern, ruhigen Tage wegfressen, die
der aufblhenden Jungfrau bestimmt sind, ehe sie den Brautkranz
in ihre Haare flicht? Sind nicht oft frhzeitige, auf weite Ziele
gerichtete Neigungen die Zerstrerinnen des Lebensglckes geworden?
Wenn ihr Mathilden liebt, wenn ihr sie mit wahrhafter Liebe eures
Herzens liebt, knnt ihr sie einer solchen Gefahr aussetzen
wollen? Grbt nicht tiefes Sehnen und heftiges Fhlen, durch Jahre
fortgesetzt, alle Krfte des Menschen an? Und wie, wenn die Neigung
des einen schwindet und das andere trostlos ist? Oder wenn sie in
beiden ermattet und eine Leere hinter sich lt? Ihr werdet beide
sagen, das sei bei euch nicht mglich. Ich wei, da ihr jetzt so
fhlt, ich wei, da es bei euch vielleicht auch nicht mglich
ist; allein ich habe oft gesehen, da Neigungen aufhrten und sich
nderten, ja da die strksten Gefhle, welche allen Gewalten
trotzten, dann, da sie keinen andern Widerstand mehr hatten als
die zhe, immer dauernde, aufreibende Zeit, dieser stillen und
unscheinbaren Gewalt unterlegen sind. Soll Mathilde - ich will sagen
eure Mathilde - dieser Mglichkeit anheimgegeben werden? Ist ihr das
Leben, in das sie jetzt mit frischer Seele hinein sieht, nicht zu
gnnen? Es ist grere Liebe, auf die eigene Seligkeit nicht achten,
ja die gegenwrtige Seligkeit des geliebten Gegenstandes auch nicht
achten, aber dafr das ruhige, feste und dauernde Glck desselben
begrnden. Das, glaube ich, ist eure und ist Mathildens Pflicht. Ihr
knnt nur nicht einwenden, da dieses Glck durch eine Verbindung,
die sogleich geschlossen wird, zu begrnden sei. Wenn auch Mathildens
Vermgen so gro wre, da daraus ein Familienbesitzstand gegrndet
werden knnte, wenn ihr es auch ber euch vermchtet, von dem
Vermgen eurer Gattin wenigstens eine Zeit hindurch zu leben, was ich
bezweifle, so wre damit doch noch nichts gewonnen, da Mathilde, wie
ich sagte, die bei weitem grere Zahl von Eigenschaften noch nicht
besitzt, welche eine Gattin und Mutter besitzen mu, da sie ferner
nach den Ansichten, die wir ber das krperliche Wohl unserer Kinder
fr unsere Pflicht halten, wenigstens vor sechs oder sieben Jahren
sich nicht vermhlen kann, und da also die Unsicherheit und Gefahr,
wie ich frher sprach, auch bei dieser eurer Behauptung fr sie und
euch vorhanden wren. Da die Kinder in dem Alter Mathildens ihren
Eltern ohne Bedingung zu folgen haben, und da gute Kinder, wozu ich
Mathilden zhle, auch wenn es ihrem Herzen Schmerz macht, gerne
folgen, weil sie der Liebe und der bessern Einsicht der Eltern
vertrauen; so htte ich nur sagen drfen, mein Gatte und ich erkennen,
da zum Wohle Mathildens das Band, das sie geschlungen hat, nicht
fortdauern drfe und da sie daher dasselbe abbrechen mge; allein
ich habe euch die Grnde unserer Ansicht entwickelt, weil ich euch
hochachte und weil ich auch gesehen habe, da ihr mir zugetan seid,
wie ja auch euer Gestndnis beweist, welches freilich etwas frher
htte gemacht werden sollen. Erlaubt, da ich nun auch von euch etwas
spreche. Ihr seid, wenn auch lter als Mathilde, doch als Mann noch so
jung, da ihr die Lage in der ihr seid, kaum zu beurteilen fhig sein
drftet. Mein Gatte und ich sind der Ansicht, da ihr, so weit wir
euch kennen, durch euer Gefhl, das immer edel und warm ist, in
die Neigung zu Mathilden, der wir auch als Eltern immerhin einigen
Liebreiz zusprechen mssen, gestrzt worden seid, da sich euch das
Gefhl als etwas Hohes und Erhabenes angekndigt hat, das euch noch
dazu so beseligte, und da ihr daher an keinen Widerstand gedacht
habt, der euch ja auch als Untreue an Mathilden erscheinen mute.
Allein eure Lage, in dieser Art genommen, darf nicht als die
gesetzmige bezeichnet werden. Ihr seid so jung, ihr habt euch in den
Anfang einer Laufbahn begeben. Ihr mt nun in derselben fortfahren
oder, wenn ihr sie mibilligt, eine andere einschlagen. In ganz und
gar keiner kann ein Mann von eurer Begabung und eurem inneren Wesen
nicht bleiben. Welche lange Zeit liegt nun vor euch, die ihr bentzen
mt, euch in jene feste Lebensttigkeit zu bringen, die euch not tut,
und euch jene uere Unabhngigkeit zu erwerben, die ihr braucht,
damit ihr Beides zur Errichtung eines dauernden Familienverhltnisses
anwenden knnt. Welche Unsicherheit in euren Bestrebungen, wenn ihr
eine verfrhte Neigung in dieselben hinein nehmt, und welche Gefahren
in dieser euch beherrschenden Neigung fr euer Wesen und euer Herz!
Es wird euch beiden jetzt Schmerz machen, das geknpfte Band zu lsen
oder wenigstens aufzuschieben, wir wissen es, wir fhlen den Schmerz,
ihr beide dauert uns, und wir machen uns Vorwrfe, da wir die
entstandene Sachlage nicht zu verhindern gewut haben; aber ihr werdet
beide ruhiger werden, Mathilde wird ihre Bildung vollenden knnen, ihr
werdet in eurem zuknftigen Stande euch befestigst haben, und dann
kann wieder gesprochen werden. Ihr httet auch ohne diese Neigung
nicht lange mehr in eurer gegenwrtigen Stellung bleiben knnen. Wir
verdanken euch sehr viel. Unser Alfred und auch Mathilde reiften an
euch sehr schn empor. Aber eben deshalb htten wir es nicht ber
unser Gewissen bringen knnen, euch lnger zu unserem Vorteile von
eurer Zukunft abzuhalten, und mein Gatte hatte sich vorgenommen, mit
euch ber diese Sache zu sprechen. berdenkt, was ich euch sagte. Ich
verlange heute keine Antwort; aber gebt sie mir in diesen Tagen. Ich
habe noch einen Wunsch, ich kenne euch und ich will ihn euch deshalb
anvertrauen. Ihr habt eine sehr groe Gewalt ber Mathilden, wie
wir wohl immer gesehen haben, wie sie uns in ihrer Gre aber nicht
erschienen ist, wendet, wenn meine Worte bei euch einen Eindruck
machten, diese Gewalt auf sie an, um sie von dem zu berzeugen, was
ich euch gesagt habe, und um das arme Kind zu beruhigen. Wenn es euch
gelingt, glaubt mir, so erweiset ihr Mathilden dadurch eine groe
Liebe, ihr erweiset sie euch und auch uns. Geht dann mit dem Eifer,
der Begabung und der Ausdauer, wie ihr sie in unserem Hause bewiesen
habt, an euren Beruf. Wir waren euch alle sehr zugetan, ihr werdet
wieder Neigung und Anhnglichkeit finden, ihr werdet ruhiger werden
und alles wird sich zum Guten wenden.<

Sie hatte ausgesprochen, legte ihre schne, freundliche Hand auf den
Tisch und sah mich an.

>Ihr seid ja so bla wie eine getnchte Wand<, sagte sie nach einem
Weilchen.

In meine Augen drangen einzelne Trnen, und ich antwortete: >Jetzt
bin ich ganz allein. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester sind
gestorben.< Mehr konnte ich nicht sagen, meine Lippen bebten vor
unsglichem Schmerz.

Sie stand auf, legte ihre Hand auf meinen Scheitel und sagte unter
Trnen mit ihrer lieblichen Stimme: >Gustav, mein Sohn! Du bist es ja
immer gewesen, und ich kann einen besseren nicht wnschen. Geht jetzt
beide den Weg eurer Ausbildung, und wenn dann einst euer gereiftes
Wesen dasselbe sagt, was jetzt das wallende Herz sagt, dann kommt
beide, wir werden euch segnen. Strt aber durch Fortspinnen, Steigern
und vielleicht Abarten eurer jetzigen heftigen Gefhle nicht die euch
so ntige letzte Entwicklung.<

Es war das erste Mal gewesen, da sie mich du genannt hatte.

Sie verlie mich und ging einige Schritte im Zimmer hin und wieder.

>Verehrte Frau<, sagte ich nach einer Weile, >es ist nicht ntig,
da ich euch morgen oder in diesen Tagen antworte; ich kann es jetzt
sogleich. Was ihr mir an Grnden gesagt habt, wird sehr richtig sein,
ich glaube, da es wirklich so ist, wie ihr sagt; allein mein ganzes
Innere kmpft dagegen, und wenn das Gesagte noch so wahr ist, so
vermag ich es nicht zu fassen. Erlaubt, da eine Zeit hierber vergehe
und da ich dann noch einmal durchdenke, was ich jetzt nicht denken
kann. Aber eins ist es, was ich fasse. Ein Kind darf seinen Eltern
nicht ungehorsam sein, wenn es nicht auf ewig mit ihnen brechen, wenn
es nicht die Eltern oder sich selbst verwerfen soll. Mathilde kann
ihre guten Eltern nicht verwerfen, und sie ist selber so gut, da sie
auch sich nicht verwerfen kann. Ihre Eltern verlangen, da sie jetzt
das geschlossene Band auflsen mge, und sie wird folgen. Ich will es
nicht versuchen, durch Bitten das Gebot der Eltern wenden zu wollen.
Die Grnde, welche ihr mir gesagt habt und welche in mein Wesen nicht
eindringen wollen, werden in dem eurigen fest haften, sonst httet
ihr mir sie nicht so nachdrcklich gesagt, httet sie mir nicht mit
solcher Gte und zuletzt nicht mit Trnen gesagt. Ihr werdet davon
nicht lassen knnen. Wir haben uns nicht vorzustellen vermocht, da
das, was fr uns ein so hohes Glck war, fr die Eltern ein Unheil
sein wird. Ihr habt es mir mit eurer tiefsten berzeugung gesagt.
Selbst wenn ihr irrtet, selbst wenn unsere Bitten euch zu erweichen
vermchten, so wrde euer freudiger Wille, euer Herz und euer Segen
mit dem Bunde nicht sein, und ein Bund ohne der Freude der Eltern,
ein Bund mit der Trauer von Vater und Mutter mte auch ein Bund
der Trauer sein, er wre ein ewiger Stachel, und euer ernstes oder
bekmmertes Antlitz wrde ein unvertilgbarer Vorwurf sein. Darum ist
der Bund, und wre er der berechtigteste, aus, er ist aus auf so
lange, als die Eltern ihm nicht beistimmen knnen. Eure ungehorsame
Tochter wrde ich nicht so unaussprechlich lieben knnen, wie ich sie
jetzt liebe, eure gehorsame werde ich ehren und mit tiefster Seele,
wie fern ich auch sein mag, lieben, so lange ich lebe. Wir werden
daher das Band lsen, wie schmerzhaft die Lsung auch sein mag. - O
Mutter, Mutter! - lat euch diesen Namen zum ersten und vielleicht
auch zum letzten Male geben -, der Schmerz ist so gro, da ihn keine
Zunge aussprechen kann und da ich mir seine Gre nie vorzustellen
vermocht habe!<

>Ich bekenne es<, antwortete sie, >und darum ist ja der Kummer, den
ich und mein Gatte empfinden, so gro, da wir unserem teuren Kinde
und euch, den wir auch lieben, die Seelenkrnkung nicht ersparen
knnen.<

>Ich werde morgen Mathilden sagen<, erwiderte ich, >da sie ihrem
Vater und ihrer Mutter gehorchen msse. Heute erlaubt mir, verehrte
Frau, da ich meine Gedanken etwas ordne - und da ich auch noch
andere Dinge ordne, die not tun.<

Die Trnen waren mir wieder in die Augen getreten.

>Sammelt euch, lieber Gustav<, sagte sie, >und tut, was ihr fr gut
haltet, sprecht mit Mathilden oder sprecht auch nicht, ich schreibe
euch nichts vor. Es wird eine Zeit kommen, in der ihr einsehen werdet,
da ich euch nicht so unrecht tue, als ihr jetzt vielleicht glauben
mget.<

Ich kte ihr die Hand, die sie mir gtig gab, und verlie das
Zimmer.

Am andern Tage bat ich Mathilden, mit mir einen Gang in den Garten
zu machen. Wir gingen durch den ersten Teil desselben, und wir gingen
durch den Weinlaubengang bis zu dem Gartenhause, an dem die Rosen
blhten. Whrend wir so wandelten, sprachen wir fast kein Wort,
auer da wir sagten, wie uns hie und da eine Blume gefalle, wie das
Weinlaub schn sei und wie der Tag sich so ausgeheitert habe. Wir
waren zu gespannt auf das, was da kommen werde, Mathilde auf das, was
ich ihr mitzuteilen habe, und ich auf das, wie sie die Mitteilung
aufnehmen werde. In der Nhe des Gartenhauses war eine Bank, auf
welche von einem Rosengebsche Schatten fiel. Ich lud sie ein, mit mir
auf der Bank Platz zu nehmen. Sie tat es. Es war das erste Mal, da
wir ganz allein in den Garten gingen und da wir allein bei einander
auf einer Bank saen. Es war das Vorzeichen, da uns dies in Zukunft
entweder ungestrt werde gestattet sein oder da es das letzte Mal sei
und da man darum ein unbedingtes Vertrauen in uns setze. Ich sah,
da Mathilde das empfinde; denn in ihrem ganzen Wesen war die hchste
Erwartung ausgeprgt. Deohngeachtet rief sie mit keinem Worte den
Anfang der Mitteilungen hervor. Mein Wesen mochte sie in Angst gesetzt
haben; denn obwohl ich mir unzhlige Male in der Nacht die Worte
zusammengestellt hatte, mit denen ich sie anreden wollte, so
konnte ich doch jetzt nicht sprechen, und obwohl ich suchte, meine
Empfindungen zu bemeistern, so mochte doch der Schmerz in meinem
uern zu lesen gewesen sein. Da wir schon eine Weile gesessen, waren,
auf unsere Fuspitzen gesehen und, was zu verwundern war, uns nicht
an der Hand gefat hatten, fing ich an, mit zitternder Stimme und mit
stockendem Atem zu sagen, was ihre Eltern meinen, und da sie den
Wunsch hegen, da wir wenigstens fr die jetzige Zeit unser Band
auflsen mgen. Ich ging auf die Grnde, welche die Mutter angegeben
hatte, nicht ein, und legte Mathilden nur dar, da sie zu gehorchen
habe und da unter Ungehorsam unser Bund nicht bestehen knne.

Als ich geendet hatte, war sie im hchsten Mae erstaunt.

>Ich bitte dich, wiederholt mir nur in Kurzem, was du gesprochen hast
und was wir tun sollen<, sagte sie.

>Du mut den Willen deiner Eltern tun und das Band mit mir lsen<,
antwortete ich.

>Und das schlgst du vor, und das hast du der Mutter versprochen, bei
mir auszuwirken?< fragte sie.

>Mathilde, nicht auszuwirken<, antwortete ich, >wir mssen gehorchen;
denn der Wille der Eltern ist das Gesetz der Kinder.<

>Ich mu gehorchen<, rief sie, indem sie von der Bank aufsprang, >und
ich werde auch gehorchen; aber du mut nicht gehorchen, deine Eltern
sind sie nicht. Du mutest nicht hieher kommen und den Auftrag
bernehmen, mit mir das Band der Liebe, das wir geschlossen hatten,
aufzulsen. Du mutest sagen: Frau, eure Tochter wird euch gehorsam
sein, sagt ihr nur euren Willen; aber ich bin nicht verbunden, eure
Vorschriften zu befolgen, ich werde euer Kind lieben, so lange ein
Blutstropfen in mir ist, ich werde mit aller Kraft streben, einst in
ihren Besitz zu gelangen. Und da sie euch gehorsam ist, so wird sie
mit mir nicht mehr sprechen, sie wird mich nicht mehr ansehen, ich
werde weit von hier fortgehen; aber lieben werde ich sie doch, so
lange dieses Leben whrt und das knftige, ich werde nie einer Andern
ein Teilchen von Neigung schenken und werde nie von ihr lassen.
So httest da sprechen sollen, und wenn du von unserm Schlosse
fortgegangen wrest, so htte ich gewut, da du so gesprochen hast,
und tausend Millionen Ketten htten mich nicht von dir gerissen,
und jubelnd htte ich einst in Erfllung gebracht, was dir dieses
strmische Herz gegeben. Du hast den Bund aufgelset, ehe du mit mir
hieher gegangen bist, ehe du mich zu dieser Bank gefhrt hast, die ich
dir gutwillig folgte, weil ich nicht wute, was du getan hast. Wenn
jetzt auch der Vater und die Mutter kmen und sagten: Nehmet euch,
besitzet euch in Ewigkeit, so wre doch alles aus. Du hast die Treue
gebrochen, die ich fester gewhnt habe als die Sulen der Welt und die
Sterne an dem Baue des Himmels.<

>Mathilde<, sagte ich, >was ich jetzt tue, ist unendlich schwerer,
als was du verlangtest.<

>Schwer oder nicht schwer, von dem ist hier nicht die Rede<,
antwortete sie, >von dem, was sein mu, ist die Rede, von dem, dessen
Gegenteil ich fr unmglich hielt. Gustav, Gustav, Gustav, wie
konntest du das tun?<

Sie ging einige Schritte von mir weg, kniete, gegen die Rosen, die
an dem Gartenhause blhten, gewendet, in das Gras nieder, schlug die
beiden Hnde zusammen und rief unter strmenden Trnen: >Hrt es, ihr
tausend Blumen, die herabschauten, als er diese Lippen kte, hre es
du, Weinlaub, das den flsternden Schwur der ewigen Treue vernommen
hat, ich habe ihn geliebt, wie es mit keiner Zunge in keiner Sprache
ausgesprochen werden kann. Dieses Herz ist jung an Jahren, aber es
ist reich an Gromut; alles, was in ihm lebte, habe ich dem Geliebten
hingegeben, es war kein Gedanke in mir als er, das ganze knftige
Leben, das noch viele Jahre umfassen konnte, htte ich wie einen Hauch
fr ihn hingeopfert, jeden Tropfen Blut htte ich langsam aus den
Adern flieen und jede Faser aus dem Leibe ziehen lassen - und ich
htte gejauchzt dazu. Ich habe gemeint, da er das wei, weil ich
gemeint habe, da er es auch tun wrde. Und nun fhrt er mich heraus,
um mir zu sagen, was er sagte. Wren was immer fr Schmerzen von Auen
gekommen, was immer fr Kmpfe, Anstrengungen und Erduldungen; ich
htte sie ertragen, aber nun er - er -! Er macht es unmglich fr
alle Zeiten, da ich ihm noch angehren kann, weil er den Zauber
zerstrt hat, der alles band, den Zauber, der ein unzerreibares
Aneinanderhalten in die Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte.<

Ich ging zu ihr hinzu, um sie empor zu heben. Ich ergriff ihre Hand.
Ihre Hand war wie Glut. Sie stand auf, entzog mir die Hand, und ging
gegen das Gartenhaus, an dem die Rosen blhten.

>Mathilde<, sagte ich, >es handelt sich nicht um den Bruch der Treue,
die Treue ist nicht gebrochen worden. Verwechsle die Dinge nicht. Wir
haben gegen die Eltern unrecht gehandelt, da wir ihnen verbargen,
was wir getan haben, und da wir in dem Verbergen beharrend geblieben
sind. Sie frchten bles fr uns. Nicht die Zerstrung unserer Gefhle
verlangen sie, nur die Aufhebung des uerlichen unseres Bundes auf
eine Zeit.<

>Kannst du eine Zeit nicht mehr du sein?< erwiderte sie, >kannst du
eine Zeit dein Herz nicht schlagen lassen? ueres, Inneres, das ist
alles eins, und alles ist die Liebe. Du hast nie geliebt, weil du es
nicht weit.<

>Mathilde<, antwortete ich, >du warst immer so gut, du warst edel,
rein, herrlich, da ich dich mit allen Krften in meine Seele schlo:
heute bist du zum ersten Male ungerecht. Meine Liebe ist unendlich,
ist unzerstrbar, und der Schmerz, da ich dich lassen mu, ist
unsglich, ich habe nicht gewut, da es einen so groen auf Erden
gibt; nur der ist grer, von dir verkannt zu sein. Ich unterscheide
nicht, wer dir das Gebot der Eltern htte sagen sollen, es ist das
einerlei, sie sind die Eltern, das Gebot ist das Gebot, und das
Heiligste in uns sagt, da die Eltern geehrt werden mssen, da das
Band zwischen Eltern und Kind nicht zerstrt werden darf, wenn auch
das Herz bricht, So fhlte ich, so handelte ich, und ich wollte dir
das Notwendige recht sanft und weich sagen, darum bernahm ich die
Sendung; ich glaubte, es knne dir niemand das Bittere so sanft und
weich sagen wie ich, darum kam ich. Aus Gte, aus Mitleid kam ich.
Die Pflicht leitete mich, in der Pflicht bricht mein Herz, und in dem
brechenden Herzen bist du.<

>Ja, ja, das sind die Worte<, sagte sie, indem ihr Schluchzen immer
heftiger und fast krampfhaft wurde, >das sind die Worte, denen ich
sonst so gerne lauschte, die so s in meine Seele gingen, die schon
s waren, als du es noch nicht wutest, denen ich glaubte wie der
ewigen Wahrheit. Du httest es nicht unternehmen mssen, mich zur
Zerreiung unserer Liebe bewegen zu wollen, es soll, wenn hundertmal
Pflicht, dir nicht mglich gewesen sein. Darum kann ich dir jetzt
nicht mehr glauben, deine Liebe ist nicht die, die ich dachte und die
die meinige ist. Ich habe den Vergleichpunkt verloren und wei nicht,
wie alles ist. Wenn du einst gesagt httest, der Himmel ist nicht der
Himmel, die Erde nicht die Erde, ich htte es dir geglaubt. Jetzt wei
ich es nicht, ob ich dir glauben soll, was du sagst. Ich kann nicht
anders, ich wei es nicht, und ich kann nicht machen, da ich es wei.
O Gott! da es geworden ist, wie es ward, und da zerstrbar ist, was
ich fr ewig hielt! Wie werde ich es ertragen knnen?<

Sie barg ihr Angesicht in den Rosen vor ihr, und ihre glhende Wange
war auch jetzt noch schner als die Rosen. Sie drckte das Angesicht
ganz in die Blumen und weinte so, da ich glaubte, ich fhle das
Zittern ihres Krpers oder es werde eine Ohnmacht ihren Schmerz
erschpfen. Ich wollte sprechen, ich versuchte es mehrere Male; aber
ich konnte nicht, die Brust war mir zerpret und die Werkzeuge des
Sprechens ohne Macht. Ich fate nach ihrem Krper, sie zuckte aber
weg, wenn sie es empfand. Dann stand ich unbeweglich neben ihr. Ich
griff mit der bloen Hand in die Zweige der Rosen, drckte, da mir
leichter wrde, die Dornen derselben in die Hand und lie das Blut an
ihr nieder rinnen.

Als das eine Zeit gedauert hatte, als sich ihr Weinen etwas gemildert
hatte, hob sie das Angesicht empor, trocknete mit dem Tuche, das sie
aus der Tasche genommen, die Trnen und sagte: >Es ist alles vorber.
Weshalb wir noch lnger hier bleiben sollen, dazu ist kein Grund,
lasse uns wieder in das Haus gehen und das Weitere dieser Handlung
verfolgen. Wer uns begegnet, soll nicht sehen, da ich so sehr geweint
habe.<

Sie trocknete neuerdings mit dem Tuche die Augen, lie neue Trnen
nicht mehr hervorquellen, richtete sich empor, strich sich die Haare
ein wenig zurecht und sagte: >Gehen wir in das Haus.<

Sie richtete sich mit diesen Worten zum Gehen gegen den
Weinlaubengang, und ich ging neben ihr. Das Blut an meiner Hand konnte
sie nicht sehen. Ich unternahm es nicht mehr, sie zu trsten, ich sah,
da ihre Verfassung dafr nicht empfnglich war. Auch erkannte ich,
da sie im Zorne gegen mich ihren Schmerz leichter ertrage, als wenn
dieser Zorn nicht gewesen wre. Wir gingen schweigend in das Haus.
Dort gingen wir in das Zimmer der Mutter. Mathilde warf sich ihrer
Mutter an das Herz. Ich kte der Frau die Hand und entfernte mich.

Den ganzen brigen Teil des Tages verbrachte ich damit, meine Habe zu
packen, um morgen dieses Haus verlassen zu knnen. Mathildens Vater
besuchte mich einmal und sagte: >Krnket euch nicht zu sehr, es wird
vielleicht noch alles gut.<

Im brigen waren seine Grnde, die er freundlich und sanft sagte, die
nehmlichen wie die seiner Gattin. Auch Mathildens Mutter kam einmal zu
mir herber, lchelte trbsinnig bei meinem Treiben und gab mir die
Hand. Meine Hoffnungen waren dsterer, als es die dieser zwei Menschen
zu sein schienen. Mathildens Glauben an mich war erschttert. Da ich
meine Absicht, morgen abreisen zu wollen, erklrt hatte, und man
nichts mehr dagegen einwendete, was man Anfangs tat, rief ich Alfred
und sagte ihm, da ich nicht etwa eine grere Reise vor habe, wie er
glauben mochte, sondern da ich auf lange, vielleicht auf immer dieses
Haus verlasse. Es seien Umstnde eingetreten, die dies notwendig
machten. Er fiel mir mit Schluchzen um den Hals, ich konnte ihn gar
nicht besnftigen, ja ich weinte beinahe selber laut. Er wurde spter
zu beiden Eltern, die in der Schreibstube des Vaters waren, geholt,
damit sie ihn beruhigten. Sein Schlafzimmer war heute unter der
Aufsicht eines Dieners ein anderes. Als er in dasselbe gebracht worden
war, ging ich zu den Eltern und sagte ihnen den Dank fr alles Gute,
das ich in ihrem Hause genossen habe. Sie dankten mir auch und lieen
mich Hoffnungen erblicken. Es ward verabredet, da ich mit den Pferden
des Hauses auf die nchste Post gebracht werden solle. Mathilde
erschien nicht zum Abendessen.

Am nchsten Morgen wurde der Wagen bepackt. Ich machte mich
reisefertig. Es war mir erlaubt worden, von Mathilden Abschied nehmen
zu drfen. Sie weigerte sich aber, mich zu sehen. Ich ging daher in
meine Wohnung, reichte dem alten Raimund die Hand und sagte: >Lebe
wohl, Raimund.<

>Lebt recht wohl, junger Herr<, antwortete er, >und seid recht
glcklich.<

>Du weit nicht, Raimund!<

>Ich wei, ich wei, junger Herr - es kann ja werden.<

>Lebe wohl.<

Ich ging nun die Treppe hinab, er begleitete mich. Unten bei dem
Wagen stand der Herr und die Frau des Hauses und mehrere von den
Dienstleuten. Auch vom Meierhofe waren Leute herbei gekommen. Alfred,
der spt entschlummert war, schlief noch; die Besitzer des Hauses
nahmen auf eine auszeichnende Weise von mir Abschied, die Umstehenden
beurlaubten sich auch, wnschten mir Glck und eine frhliche
Wiederkehr. Ich bestieg den Wagen und fuhr von Heinbach dahin.

Der Besitzer dieses Hauses hatte mir einmal gesagt: >Vielleicht
verlasset ihr einst unser Haus nicht mit Reue und Schmerz.<

Ich verlie es nicht mit Reue, aber mit Schmerz.

Er hatte auch die Vermutung ausgesprochen, da mir etwa auch seine
Familie unvergelich bleiben durfte. Sie blieb mir unvergelich.

Ich verabschiedete auf der Post den Wagen aus Heinbach, das letzte
Merkmal aus diesem Orte, und lie mich nach der Stadt einschreiben, wo
ich so lange gewesen war, wo ich meine Lernzeit vollendet hatte, von
wo ich nach Heinbach gegangen war, und wo sich das Haus von Mathildens
Eltern befand. Ich blieb aber nicht in der Stadt.

In der Nhe meiner Heimat ist im Walde eine Felskuppe, von welcher
man sehr weit sieht. Sie geht mit ihrem nrdlichen Rcken sanft ab und
trgt auf ihm sehr dunkle Tannen. Gegen Sden strzt sie steil ab, ist
hoch und geklftet und sieht auf einen dnnbestandenen Wald, zwischen
dessen Stmmen Weidegrund ist. Jenseits des Waldes erblickt man Wiesen
und Feld, weiter ein blauliches Moor, dann ein dunkelblaues Waldband
und ber diesem die fernen Hochgebirge. Ich ging von der Stadt in
meine Heimat und von der Heimat auf diese Felskuppe. Ich sa auf ihr
und weinte bitterlich. Jetzt war ich verdet, wie ich frher nie
verdet gewesen war. Ich sah in das dunkle Innere der Schlnde und
fragte, ob ich mich hinabwerfen solle. Das Bild meiner verstorbenen
Mutter mischte sich in diese unklare, schauerliche Vorstellung, und
wurde mir ein Liebes, an das ich denken mute. Ich ging tglich auf
diese Kuppe und blieb oft mehrere Stunden auf ihr sitzen. Ich wei
nicht, warum ich sie suchte. In meiner Jugend war ich oft auf ihr, und
wir machten uns das Vergngen, Steine ziemlicher Gre von ihr hinab
zu werfen, um den Steinstaub aufwirbeln zu sehen, wenn der Geworfene
auf Klippen stie, und um sein Gepolter in den Klippen und sein
Rasseln in dem am Fue des Felsens befindlichen Gerlle zu hren. Von
dieser Kuppe war kein Einblick in jene Lnder, in denen Mathildens
Wohnung lag, man sah nicht einmal Gebirgszge, die an sie grenzten.
Ich ging auch nach und nach in anderen Teilen der Umgebung meines
Heimatortes herum. Mein Schwager war ein sanfter und stiller Mann,
und wir sprachen in meinem Geburtshause oft einen ganzen Tag hindurch
nicht mehr als einige Worte.

Als eine geraume Zeit vergangen war, dachte ich auf meine Abreise und
auf meine Berufsarbeiten, die ich schon so lange vergessen hatte und
auf die ich, in dem Hause in Heinbach befangen, vielleicht noch lnger
nicht gedacht haben wrde.

Ich ging wieder in die Stadt, in der ich meine Habe gelassen hatte,
und widmete mich ernstlich der Laufbahn, zu welcher ich eigentlich
die Vorbereitungsschulen besucht hatte. Ich meldete mich zum
Staatsdienste, wurde eingereiht und arbeitete jetzt sehr fleiig in
dem Bereiche der unteren Stellen, in welchen ich war. Ich lebte noch
zurckgezogener als sonst. Mein kleines Gehalt und das Ertrgnis
meines Ersparten reichten hin, meine Bedrfnisse zu decken. Ich
wohnte in einem Teile der Vorstadt, welcher von dem Hause der Eltern
Mathildens sehr weit entfernt war. Im Winter ging ich fast nirgends
hin als von meiner Wohnstube in meine Amtsstube, welcher Weg wohl sehr
lange war, und von der Amtsstube in meine Wohnstube. Meine Nahrung
nahm ich in einem kleinen Gasthause an meinem Wege ein. Freunde und
Genossen besuchte ich wenig, mir war alle Verbindung mit Menschen
verleidet. Als Erholung diente mir der Betrieb der Geschichte der
Staatswissenschaften und der Wissenschaften der Natur. Ein Gang auf
dem Walle der ueren Stadt oder eine Wanderung in einem einsamen Teil
der Umgebungen der Stadt gaben mir Luft und Bewegung. Mathilden sah
ich einmal. Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem offenen Wagen in einer
der breiten Straen der Vorstdte, in einer Gegend, in welcher ich
sie nicht vermutet hatte. Ich blickte hin, erkannte sie und meinte
umsinken zu mssen. Ob sie mich gesehen hat, wei ich nicht. Ich ging
dann in meine Amtsstube zu meinem Schreibtische. In der ersten Zeit
wurde ich von meinen Vorgesetzten wenig beachtet. Ich arbeitete mit
einem auerordentlichen Fleie, er war mir Arznei fr eine Wunde
geworden, und ich flchtete gern zu dieser Arznei. So lange alle diese
Verhltnisse, welche in meinen Amtsgeschften vorkamen, in meinem
Haupte waren, war nichts Anderes darin. Schmerzvoll waren nur die
Zwischenrume. Auch die Wissenschaften leiteten nicht so sicher ab.
Mein Flei lenkte endlich die Aufmerksamkeit auf sich, man befrderte
mich. Anfangs ging es langsamer, dann schneller. Nach dem Verlaufe
von mehreren Jahren war ich in einer der ehrenvolleren Stellungen des
Staatsdienstes, welche zu dem Verkehre mit dem gebildeteren Teile
der Stadteinwohnerschaft berechtigten, und ich hatte die gegrndete
Aussicht, noch weiter zu steigen. In solchen Verhltnissen werden
gewhnlich die Ehen mit Mdchen aus ansehnlicheren Husern
geschlossen, welche dann zu glcklichem und ehrenvollem Familienleben
fhren. Mathilde mute jetzt ein und zwanzig oder zwei und zwanzig
Jahre alt sein. Irgend eine Annherung ihrer Eltern an mich hatte
nicht statt gefunden, auch konnte ich nicht die geringsten Merkmale
auffinden, wie unermdlich ich auch suchte, da sie sich nach mir
erkundigt htten. Ich konnte also unmittelbare Schritte zur Annherung
an sie nicht tun. Ich leitete also solche mittelbar ein, welche
sie auf die gewisseste Art von der Unwandelbarkeit meiner Neigung
berzeugten. Ich erhielt die unzweideutigsten Beweise zurck, da mich
Mathilde verachte. Zu einer Verehelichung, wozu ihres Reichtums und
ihrer unbeschreiblichen Schnheit willen sich die glnzendsten Antrge
fanden, konnte sie nicht gebracht werden.

Mit tiefem, schwerem Ernste breitete ich nun das Bahrtuch der
Bestattung ber die heiligsten Gefhle meines Lebens.

Ich will euch nicht mit dem behelligen, wie es mir weiter in meiner
Staatslaufbahn erging. Es gehrt nicht hieher und ist euch wohl im
Wesentlichen bekannt. Die Kriege brachen aus, ich wurde abwechselnd zu
verschiedenen Stellen versetzt, groe, umfassende Arbeiten, Reisen,
Berichte, Vorschlge wurden erfordert, ich wurde zu Sendungen
verwendet, kam mit den verschiedensten Menschen in Berhrung, und der
Kaiser wurde, ich kann es wohl sagen, beinahe mein Freund. Als ich in
den Freiherrnrang erhoben wurde, kam mein alter Oheim Ferdinand aus
der Entfernung zu mir, um, wie er sagte, mir seine Aufwartung zu
machen. Obwohl er meine Mutter vernachlssigt hatte, ja nach dem
Tode meines Vaters durch seine Zurckhaltung beinahe hart gegen sie
gewesen war, so nahm ich ihn doch freundlich auf, weil er in meiner
Verlassenheit zuletzt der einzige Verwandte war, den ich noch hatte.
Wir blieben seit jener Zeit mit einander in Briefwechsel. Es kamen
wohl viele Menschen mit mir in Verbindung und ich lernte manche
Seiten der Gesellschaft kennen; aber teils waren die Verbindungen
Geschftsverbindungen, teils drngten sich Menschen an mich, die
durch mich zu steigen hofften, teils waren die Begegnungen ganz
gleichgltig. Wie schwer mir aber meine Geschfte wurden, wie sehr
ich im Grunde zu ihnen nicht geeignet war, davon habe ich euch schon
gesagt. Ich war nach und nach beinahe ein alter Mann geworden. Da
ich viel in der Entfernung lebte, wute ich manche Beziehungen der
Hauptstadt nicht. Mathilde hatte sich in etwas vorgerckteren Jahren
vermhlt. Der Friede wurde dauernd hergestellt, ich blieb wieder
bestndig in der Hauptstadt, und hier tat ich etwas, das mir ein
Vorwurf bis zu meinem Lebensende sein wird, weil es nicht nach den
reinen Gesetzen der Natur ist, obwohl es tausend Mal und tausend
Mal in der Welt geschieht. Ich heiratete ohne Liebe und Neigung. Es
war zwar keine Abneigung vorhanden, aber auch keine Neigung. Die
Hochachtung war gegenseitig gro. Man hatte mir viel davon gesagt, da
es meine Pflicht sei, mir einen Familienstand zu grnden, da ich im
Alter von teuern Angehrigen umgeben sein msse, die mich lieben,
pflegen und schtzen und auf die meine Ehren und mein Name bergehen
knnen. Es sei auch Pflicht gegen die Menschheit und den Staat. Auf
meine Einwendung, da ich eine Neigung gegen irgend ein weibliches
Wesen nicht habe, sagten sie, Neigungen fhren oft zu unglcklichen
Verbindungen, Kenntnis der gegenseitigen Beschaffenheit und
wechselseitige Hochachtung bauen dauerndes Glck. Trotz meiner
gereifteren Jahre hatte ich in diesen Dingen noch immer sehr
wenige Kenntnisse. Meine Jugendneigung, die so heftig und beinahe
ausschweifend gewesen war, hatte kein Glck gebracht. Ich heiratete
also ein Mdchen, welches nicht mehr jung war, eine angenehme Bildung
hatte, vom reinsten Wandel war und gegen mich tiefe Verehrung empfand.
Man sagte, ich htte reich geheiratet, weil mein Hauswesen ein
ansehnliches war; allein die Sache verhielt sich nicht so. Meine
Gattin hatte mir eine namhafte Mitgift gebracht, aber ich htte eine
grere Gabe hinzulegen knnen. Da ich in meinem migen Leben beinahe
nichts brauchte, so hatte ich, besonders da ich einmal in hherer
Stellung war, bedeutende Ersparungen gemacht. Diese legte ich in den
damaligen Staatspapieren nieder, und da dieselben nach Beendigung des
Krieges ansehnlich stiegen, so war ich beinahe ein reicher Mann. Wir
lebten zwei Jahre in dieser Ehe, und in dieser wute ich, was ich vor
der Schlieung derselben nicht gewut hatte, da nehmlich keine ohne
Neigung eingegangen werden soll. Wir lebten in Eintracht, wir lebten
in hoher Verehrung der gegenseitigen guten Eigenschaften, wir lebten
in wechselweisem Vertrauen und in wechselweiser Aufmerksamkeit, man
nannte unsere Ehe musterhaft; aber wir lebten blo ohne Unglck. Zu
dem Glcke gehrt mehr als Verneinendes, es ist der Inbegriff der
Holdseligkeit des Wesens eines Andern, zu dem alle unsre Krfte einzig
und frhlich hinziehen. Als Julie nach zwei Jahren gestorben war,
betrauerte ich sie redlich; aber Mathildens Bild war unberhrt in
meinem Herzen stehen geblieben. Ich war jetzt wieder allein. Zur
Schlieung einer neuen Ehe war ich nicht mehr zu bewegen. Ich wute
jetzt, was ich vorher nicht gewut hatte. Liebe und Neigung, dachte
ich, ist ein Ding, das seinen Zug an meinem Herzen vorber genommen
hatte.

Ein Jahr nach dem Tode Juliens starb mein Oheim und setzte mich zu
dem Erben seines betrchtlichen Vermgens ein.

Meine Geschfte wurden mir indessen von Tag zu Tag schwerer. So wie
ich in frheren Zeiten schon gedacht hatte, da der Staatsdienst
meiner Eigenheit nicht entspreche und da ich besser tte, wenn ich
ihn verliee: so wuchs dieser Gedanke bei genauerem Nachdenken und
schrferem Selbstbeobachten zu immer grerer Gewiheit, und ich
beschlo, meine mter niederzulegen. Meine Freunde suchten mich daran
zu verhindern, und Mancher, den ich als feste Sule des Staates kennen
zu lernen Gelegenheit gehabt und mit dem ich in schwierigen Zeiten
manche harte Amtsstunde durchgemacht hatte, sagte eindringlich,
da ich meine Ttigkeit nicht einstellen sollte. Aber ich blieb
unerschttert. Ich zeigte meinen Austritt an. Der Kaiser nahm ihn
wohlwollend und mit bersendeten Ehren an. Ich hatte die Absicht, mir
fr die letzten Tage meines Lebens einen Landsitz zu grnden und dort
einigen wissenschaftlichen Arbeiten, einigem Genusse der Kunst, so
weit ich dazu fhig wre, der Bewirtschaftung meiner Felder und Grten
und hie und da einer gemeinntzigen Maregel fr die Umgebung zu
leben. Manches Mal knnte ich in die Stadt gehen, um meine alten
Freunde zu besuchen, und zuweilen knnte ich eine Reise in die
entfernteren Lnder unternehmen. Ich ging in meine Heimat. Dort fand
ich meinen Schwager schon seit vier Jahren gestorben, das Haus in
fremden Hnden und vllig umgebaut. Ich reiste bald wieder ab. Nach
mehreren miglckten Versuchen fand ich diesen Platz, auf dem ich
jetzt lebe, und setzte mich hier fest. Ich kaufte den Asperhof,
baute das Haus auf dem Hgel und gab nach und nach der Besitzung die
Gestalt, in der ihr sie jetzt sehet. Mir hatte das Land gefallen,
mir hatte diese reizende Stelle gefallen, ich kaufte noch mehrere
Wiesen, Wlder und Felder hinzu, besuchte alle Teile der Umgebung,
gewann meine Beschftigung lieb und machte mehrere Reisen in die
bedeutendsten Lnder Europas. So bleichten sich meine Haare, und
Freude und Behagen schien sich bei mir einstellen zu wollen.

Als ich schon ziemlich lange hier gewesen war, meldete man mir eines
Tages, da eine Frau den Hgel herangefahren sei und da sie jetzt
mit einem Knaben vor den Rosen, die sich an den Wnden des Hauses
befinden, stehe. Ich ging hinaus, sah den Wagen und sah auch die Frau
mit dem Knaben vor den Rosen stehen. Ich ging auf sie zu. Mathilde war
es, die einen Knaben an der Hand haltend und von strmenden Trnen
berflutet die Rosen ansah. Ihr Angesicht war gealtert und ihre
Gestalt war die einer Frau mit zunehmenden Jahren.

>Gustav, Gustav<, rief sie, da sie mich angeblickt hatte, >ich kann
dich nicht anders nennen als: du. Ich bin gekommen, dich des schweren
Unrechtes willen, das ich dir zugefgt habe, um Vergebung zu bitten.
Nimm mich einen Augenblick in dein Haus auf.<

>Mathilde<, sagte ich, >sei gegrt, sei auf diesem Boden, sei
tausend Mal gegrt und halte dieses Haus fr deines.<

Ich war mit diesen Worten zu ihr hinzugetreten, hatte ihre Hand
gefat und hatte sie auf den Mund gekt.

Sie lie meine Hand nicht los, drckte sie stark, und ihr Schluchzen
wurde so heftig, da ich meinte, ihre mir noch immer so teuere Brust
msse zerspringen.

>Mathilde<, sagte ich sanft, >erhole dich.<

>Fhre mich in das Haus<, sprach sie leise.

Ich rief erst durch mein Glckchen, welches ich immer bei mir
trage, meinen Hausverwalter herzu und befahl ihm, Wagen und Pferde
unterzubringen. Dann fate ich Mathildens Arm und fhrte sie in das
Haus. Als wir in dem Speisezimmer angelangt waren, sagte ich zu dem
Knaben: >Setze dich hier nieder und warte, bis ich mit deiner Mutter
gesprochen und die Trnen, die ihr jetzt so weh tun, gemildert habe.<

Der Knabe sah mich traulich an und gehorchte. Ich fhrte Mathilde in
das Wartezimmer und bot ihr einen Sitz an. Als sie sich in die weichen
Kissen niedergelassen hatte, nahm ich ihr gegenber auf einem Stuhle
Platz. Sie weinte fort, aber ihre Trnen wurden nach und nach linder.
Ich sprach nichts. Nachdem eine Zeit vergangen war, quollen ihre
Tropfen sparsamer und weniger aus den Augen, und endlich trocknete sie
die letzten mit ihrem Tuche ab. Wir saen nun schweigend da und sahen
einander an. Sie mochte auf meine weien Haare schauen, und ich
blickte in ihr Angesicht. Dasselbe war schon verblht; aber auf den
Wangen und um den Mund lag der liebe Reiz und die sanfte Schwermut,
die an abgeblhten Frauen so rhrend sind, wenn gleichsam ein Himmel
vergangener Schnheit hinter ihnen liegt, der noch nachgespiegelt
wird. Ich erkannte in den Zgen die einstige prangende Jugend.

>Gustav<, sagte sie, >so sehen wir uns wieder. Ich konnte das Unrecht
nicht mehr tragen, das ich dir angetan habe.<

>Es ist kein Unrecht geschehen, Mathilde<, sagte ich.

>Ja, du bist immer gut gewesen<, antwortete sie, >das wute ich,
darum bin ich gekommen. Du bist auch jetzt gut, das sagt dein liebes
Auge, das noch so schn ist wie einst, da es meine Wonne war. O ich
bitte dich, Gustav, verzeihe mir.<

>O teure Mathilde, ich habe dir nichts zu verzeihen, oder du hast es
mir auch<, antwortete ich. >Die Erklrung liegt darin, da du nicht zu
sehen vermochtest, was zu sehen war, und da ich dann nicht nher zu
treten vermochte, als ich htte nher treten sollen. In der Liebe
liegt alles. Dein schmerzhaftes Zrnen war die Liebe, und mein
schmerzhaftes Zurckhalten war auch die Liebe. In ihr liegt unser
Fehler und in ihr liegt unser Lohn.<

>Ja, in der Liebe<, erwiderte sie, >die wir nicht ausrotten konnten.
Gustav, ich bin dir doch trotz allem treu geblieben und habe nur dich
allein geliebt. Viele haben mich begehrt, ich wies sie ab; man hat mir
einen Gatten gegeben, der gut, aber fremd neben mir lebte, ich kannte
nur dich, die Blume meiner Jugend, die nie verblht ist. Und du liebst
mich auch, das sagen die tausend Rosen vor den Mauern deines Hauses,
und es ist ein Strafgericht fr mich, da ich gerade zu der Zeit ihrer
Blte gekommen bin.<

>Rede nicht von Strafgerichten, Mathilde<, erwiderte ich, >und weil
alles Andere so ist, so lasse die Vergangenheit und sage, welche deine
Lage jetzt ist. Kann ich dir in irgend etwas helfen?<

>Nein, Gustav<, entgegnete sie, >die grte Hilfe ist die, da du da
bist. Meine Lage ist sehr einfach. Der Vater und die Mutter sind schon
lngst tot, der Gatte ist ebenfalls vor Langem gestorben und Alfred -
du hast ihn ja recht geliebt -<

>Wie ich einen Sohn lieben wrde<, antwortete ich.

>Er ist auch tot<, sagte sie, >er hat kein Weib, kein Kind
hinterlassen, das Haus in Heinbach und das in der Stadt hat er noch
bei seinen Lebzeiten verkauft. Ich bin im Besitze des Vermgens der
Familie und lebe mit meinen Kindern einsam. Lieber Gustav, ich habe
dir den Knaben gebracht - wie wutest du denn, da er mein Sohn sei?<

>Ich habe deine schwarzen Augen und deine braunen Locken an ihm
gesehen<, antwortete ich.

>Ich habe dir den Knaben gebracht<, sagte sie, >da du shest, da er
ist wie dein Alfred - fast sein Ebenbild -, aber er hat niemanden, der
so lieb mit ihm umgeht, wie du mit Alfred umgegangen bist, der ihn so
liebt, wie du Alfred geliebt hast, und den er wieder so lieben knnte,
wie Alfred dich geliebt hat.<

>Wie heit der Knabe?< fragte ich.

>Gustav, wie du<, antwortete sie.

Ich konnte meine Trnen nicht zurckhalten.

>Mathilde<, sagte ich, >ich habe nicht Weib, nicht Kind, nicht
Anverwandte. Du warst das Einzige, was ich in meinem ganzen Leben
besa und behielt. Lasse mir den Knaben, lasse ihn bei mir, ich will
ihn lehren, ich will ihn erziehen.<

>O mein Gustav<, rief sie mit den schmerzlichsten Tnen der Rhrung,
>wie wahr ist mein Gefhl, das mich an dich, den besten der Menschen,
wies, als ich ein Kind war, und das mich nicht verlassen hatte, so
lange ich lebte.<

Sie war aufgestanden, hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt und
weinte auf das Innigste. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen,
meine Trnen flossen unaufhaltsam, ich schlang meine Arme um sie und
drckte sie an mein Herz. Und ich wei nicht, ob je der heie Ku der
Jugendliebe tiefer in die Seele gedrungen und zu grrer Hhe erhebend
gewesen ist als dieses versptete Umfassen der alten Leute, in denen
zwei Herzen zitterten, die von der tiefsten Liebe berquollen. Was
im Menschen rein und herrlich ist, bleibt unverwstlich und ist ein
Kleinod in allen Zeiten.

Als wir uns getrennt hatten, geleitete ich sie zu ihrem Sitze, nahm
den meinigen wieder ein, und fragte: >Hast du noch andere Kinder?<

>Ein Mdchen, welches mehrere Jahre lter ist als der Knabe<,
erwiderte sie, >ich werde dir dasselbe auch bringen, es hat ebenfalls
die schwarzen Augen und die braunen Haare wie ich. Das Mdchen behalte
ich, den Knaben lasse, weil du so gtig bist, um dich leben, so lange
du willst. Er mge werden wie du. O, ich hatte kaum geahnt, wie hier
alles werden wird.<

>Mathilde, beruhige dich jetzt<, sagte ich, >ich werde den Knaben
holen, wir werden mit ihm freundlich sprechen.<

Ich tat es, trat mit dem Knaben an der Hand herein und wir sprachen
mit dem Kinde und abwechselnd unter uns noch eine geraume Weile.
Ich zeigte Mathilden hierauf das Haus, den Garten, den Meierhof und
alles Andere. Gegen Abend fuhr sie wieder fort, um in Rohrberg zu
bernachten. Den Knaben sollte sie der Verabredung gem wieder
mit sich nehmen, ihn ausrsten und vorbereiten und ihn, wie sie es
fr gelegen halte, bringen. Wir blieben von dem Augenblicke an in
Briefwechsel, und als eine Zeit vergangen war, brachte sie mir Gustav,
der noch bei mir ist, sie brachte mir auch Natalien, die damals im
ersten Aufblhen begriffen war. Eine grere Gleichheit als zwischen
diesem Kinde und dem Kinde Mathilde kann nicht mehr gedacht werden.
Ich erschrak, als ich das Mdchen sah. Ob in den Jahren, in denen
jetzt Natalie ist, Mathilde auch ihr gleich gewesen ist, kann ich
nicht sagen; denn da war ich von Mathilden schon getrennt.

Es begann nun eine sehr liebliche Zeit. Mathilde kam mit Natalien
fter, um uns zu besuchen. Ich machte ihr in den ersten Tagen den
Vorschlag, da ich die Rosen, wenn sie ihr schmerzliche Erinnerungen
weckten, von dem Hause entfernen wolle. Sie lie es aber nicht zu,
sie sagte, sie seien ihr das Teuerste geworden und bilden den Schmuck
dieses Hauses. Sie hatte sich zu einer solchen Milde und Ruhe
gestimmt, wie ihr sie jetzt kennt, und diese Lage ihres Wesens
befestigte sich immer mehr, je mehr sich ihre ueren Verhltnisse
einer Gleichmigkeit zuneigten und je mehr ihr Inneres, ich darf es
wohl sagen, sich beglckt fhlte.

Ein freundlicher Verkehr hatte sich entwickelt, Gustav hatte sich an
mich gewhnt, ich an ihn, und aus der Gewhnung war Liebe entstanden.
Mathilde gab Rat in meinem Hauswesen, ich in der Verwaltung ihrer
Angelegenheiten. Nataliens Erziehung wurde oft zwischen uns
besprochen und Schritte getan, die wir verabredet hatten. Und in der
gegenseitigen Hilfleistung strkte sich die Neigung, die wir gegen
einander hatten, die nie verschwunden war, die sich zu einem edlen,
tiefen freundlichen Gefhle gebildet hatte und die nun offen und
rechtmig bestehen konnte. Ich hatte wieder Jemanden, den ich zu
lieben vermochte, und Mathilde konnte ihr Herz, das mir immer gehrt
hatte, unumwunden an mein Wohl und an mein Wesen wenden. Nach einer
Zeit wurde der Sternenhof verkuflich. Ich schlug Mathilden den Kauf
vor. Sie besah das Gut. Seiner Nachbarschaft mit mir willen und schon
seiner Linden willen, die sie an die groen Bume auf dem Rasenplatze
vor dem Hause in Heinbach erinnerten, war sie zu dem Kaufe geneigt.
Auch hatte der Sternenhof berhaupt groe hnlichkeit mit dem Hause in
Heinbach, war an sich eine sehr angenehme Besitzung und gab Mathilden
fr den Rest ihres Lebens einen festen Punkt und einige Abrundung
ihrer Verhltnisse. Also wurde er erworben. Um dieselbe Zeit lie ich
in meinem Hause die Wohnung fr Mathilden und Natalien herrichten. In
dem Sternenhofe war viel Arbeit, bis alles zur geflligen Wohnlichkeit
geordnet war. Und auch nach dieser Zeit wurde bestndig gendert und
umgewandelt, bis das Haus so war, wie es jetzt ist. Und selber jetzt,
wie ihr wit, wird dort wie hier gebaut, befestigt, verschnert, und
es wird wohl immer so fortgehen. Die Rosen, dieses Merkmal unserer
Trennung und Vereinigung, sollten vorzugsweise auf dem Asperhofe
bleiben, weil es Mathilden lieb war, da sie dieselben dort gefunden
hatte. Jede Rosenbltezeit verlebte sie bei mir, sie liebte diese
Blumen auerordentlich, pflegte sie und konnte sich freuen, wenn sie
mir eine Art, die ich noch nicht hatte, zubringen konnte. Dafr lie
ich ihr in ihrem Schlosse die Gerte machen, die ihr so viel Vergngen
bereiten. Gustav wurde von Tag zu Tage trefflicher und versprach,
einmal ein Mann zu werden, woran seines Gleichen Freude haben sollten.
Natalie wurde nicht blo schn und herrlich, sondern sie wurde auch im
Umgange mit ihrer Mutter so rein und edel, wie Wenige sind. Sie hatte
das tiefe Gefhl ihrer Mutter erhalten; aber teils durch ihr Wesen,
teils durch eine sehr sorgfltige Erziehung ist mehr Ruhe und
Stetigkeit in ihr Dasein gekommen. Zwischen Mathilden und mir war ein
eigenes Verhltnis. Es gibt eine eheliche Liebe, die nach den Tagen
der feurigen, gewitterartigen Liebe, die den Mann zu dem Weibe fhrt,
als stille, durchaus aufrichtige se Freundschaft auftritt, die ber
alles Lob und ber allen Tadel erhaben ist, und die vielleicht das
Spiegelklarste ist, was menschliche Verhltnisse aufzuweisen haben.
Diese Liebe trat ein. Sie ist innig, ohne Selbstsucht, freut sich,
mit dem Andern zusammen zu sein, sucht seine Tage zu schmcken und zu
verlngern, ist zart und hat gleichsam keinen irdischen Ursprung an
sich.

Mathilde nimmt Anteil an meinen Bestrebungen. Sie geht mit in den
Rumen meines Hauses herum, ist mit mir in dem Garten, betrachtet die
Blumen oder Gemse, ist in dem Meierhofe und schaut seine Ertrgnisse
an, geht in das Schreinerhaus und betrachtet, was wir machen,
und sie beteiligt sich an unserer Kunst und selbst an unsern
wissenschaftlichen Bestrebungen. Ich sehe in ihrem Hause nach,
betrachte die Dinge im Schlosse, im Meierhofe, auf den Feldern, nehme
Teil an ihren Wnschen und Meinungen und schlo die Erziehung und
die Zukunft ihrer Kinder in mein Herz. So leben wir in Glck und
Stetigkeit gleichsam einen Nachsommer ohne vorhergegangenen Sommer.
Meine Sammlungen vervollstndigen sich, die Baulichkeiten runden sich
immer mehr, ich habe Menschen an mich gezogen, ich habe hier mehr
gelernt als sonst in meinem ganzen Leben, die Spielereien gehen ihren
Gang, und etwas Weniges ntze ich doch auch noch.

Er schwieg nach diesen Worten eine Weile, und ich auch. Dann fuhr er
wieder fort: Ich habe das alles mitteilen mssen, damit ihr wit, wie
ich mit der Familie in dem Sternenhofe zusammenhnge, und damit in dem
Kreise, in welchen ihr nun auch tretet, fr euch Klarheit ist. Die
Kinder wissen die Verhltnisse im Allgemeinen, ein nheres Eingehen
war fr sie nicht so ntig wie fr euch. Ich wnsche nicht, da ihr
gegen eure knftige Gattin Geheimnisse habt, ihr knnt Natalien
mitteilen, was ich euch sagte, ich konnte es, wie ihr begreifet,
nicht. ber Nataliens Zukunft sprach ich oft mit Mathilden. Sie sollte
einen Gatten bekommen, den sie aus tiefer Neigung nimmt. Es sollte die
gegenseitige grte Hochachtung vorhanden sein. Durch Beides sollte
sie das Glck finden, das ihre Mutter und ihren vterlichen Freund
gemieden hat. Mathilde hat in Begleitung des alten Raimund, der
seitdem gestorben ist, groe Reisen gemacht. Sie hat auf denselben
dauerndere Ruhe gesucht und auch gefunden. Sie hat sie in der
Betrachtung der edelsten Kunstwerke des menschlichen Geschlechtes und
in der Anschauung mancher Vlker und ihres Treibens gefunden. Natalie
ist dadurch befestigt, veredelt und geglttet worden. Manche junge
Mnner hat sie kennen gelernt, aber sie hat nie ein Zeichen einer
Neigung gegeben. Sogenannte sehr glnzende Verbindungen sind auf diese
Weise fr sie verloren gegangen. Ich htte auch groe Sorge gehabt,
wenn ich unter unseren jungen Mnnern htte whlen mssen. Als ihr
zum ersten Male an dem Gitter meines Hauses standet und ich euch sah,
dachte ich: >Das ist vielleicht der Gatte fr Natalien.< Warum ich es
dachte, wei ich nicht. Spter dachte ich es wieder, wute aber warum.
Natalie sah euch und liebte euch, so wie ihr sie. Wir kannten das
Keimen der gegenseitigen Neigung. Bei Natalien trat sie Anfangs in
einem hheren Schwunge ihres ganzen Wesens, spter in einer etwas
schmerzlichen Unruhe auf. In euch erschlo sie euer Herz zu einer
frheren Blte der Kunst und zu einem Eingehen in die tieferen Schtze
der Wissenschaft. Wir warteten auf die Entwicklung. Zu grerer
Sicherheit und zur Erprfung der Dauer ihrer Gefhle brachten wir
absichtlich Natalien zwei Winter nicht in die Stadt, da sie von euch
getrennt sei, ja sie wurde von ihrer Mutter wieder auf grere Reisen
und in grere Gesellschaften gebracht. Ihre Gefhle aber blieben
bestndig und die Entwicklung trat ein. Wir geben euch mit Freuden das
Mdchen in eure Liebe und in euren Schutz, ihr werdet sie beglcken
und sie euch; denn ihr werdet euch nicht ndern, und sie wird sich
auch nicht ndern. Gustav wird einmal den Sternenhof und was dazu
gehrt erhalten; denn das Haus ist Mathilden so lieb geworden, da
sie wnscht, da es ein Eigentum ihrer Familie bleibe und da die
kommenden Geschlechter das ehren, was die erste Besitzerin darin
niedergelegt hat. Gustav wird es tun, das wissen wir schon, und seinen
Nachfolgern die gleiche Gesinnung einzupflanzen, wird wohl auch sein
Bestreben sein. Natalie erhlt von mir den Asperhof mit allem, was in
ihm ist, nebst meinen Barschaften. Ihr werdet mein Andenken hier nicht
verunehren.

Mir traten die Trnen in die Augen, da er so sprach, und ich reichte
ihm meine Hand hinber. Er nahm sie und druckte sie herzlich.

Ihr knnt hier auf dem Asperhofe wohnen oder in dem Sternenhofe oder
bei euren Eltern. berall wird Platz fr euch zu machen sein. Ihr
knnt auch euern Aufenthalt abwechselnd zwischen uns teilen, und
das wird wohl wahrscheinlich der Fall sein, bis sich alle unsere
Verhltnisse dem neuen Ereignisse gem gerichtet haben. Die Schriften
bezglich der bertragung meines Vermgens an Natalien werden ihr nach
der Vermhlung eingehndigt werden. So lange ich lebe, erhlt sie
einen Teil, den Rest nach meinem Tode. Wie ihr mit dem, was sie jetzt
empfngt, gebaren sollt, darber wird euer Vater die beste Belehrung
geben knnen. Er wird wohl mit mir auch darber sprechen. Natalie
erhlt auch nach ihrer Vermhlung den Teil, der ihr aus dem Nachlasse
ihres Vaters Tarona gebhrt.

Ist Nataliens Name Tarona? fragte ich.

Habt ihr das nicht gewut? fragte er seinerseits.

Ich habe Mathilden immer die Frau von Sternenhof nennen gehrt,
antwortete ich, bin mit Mathilden und Natalien nirgends zusammen
gewesen als im Sternenhofe, Asperhofe und Inghofe, und da wurden beide
stets bei ihrem Vornamen genannt. Weitere Forschungen stellte ich gar
nie an.

Mathilde lie geschehen, da sie nach dem Sternenhofe geheien wurde,
der Name war ihr lieber. So mag es wohl gekommen sein, da ihr keinen
andern gehrt habt. Fr Gustav wird die Erlaubnis zur Fhrung dieses
Namens nachgesucht werden.

Aber die Tarona, erzhlte man mir, sei gerade in jenem Winter, an
welchem ich Natalien in der Loge gesehen habe, nicht in der Stadt
gewesen, sagte ich, und dachte an Preborn, welcher mir diese Tatsache
mitgeteilt hatte.

Ganz richtig, erwiderte mein Gastfreund, wir sind auch nur zur
Auffhrung des Knig Lear hingefahren. Ich war in der Loge hinter
Natalien, habe euch aber nicht gesehen.

Ich euch auch nicht, antwortete ich.

Natalie hat uns von dem jungen Manne erzhlt, der ihr im
Schauspielhause aufgefallen sei, erwiderte er, aber erst nach langer
Zeit konnte sie uns erffnen, da ihr es gewesen seid.

Habe ich euch nicht einmal im Winter in der Stadt nach der
Wiedergenesung des Kaisers, mit euren Ehrenzeichen geschmckt, fahren
gesehen? fragte ich.

Das ist mglich, antwortete er, ich war in jener Zeit in der Stadt
und an dem Hofe.

Nun mein sehr lieber junger Freund, sagte er nach einer Weile, ich
habe euch von meinem Leben erzhlt, da ihr einer der unseren werden
sollt, ich habe zu euch von meinem tiefsten Herzen geredet, und jetzt
enden wir dieses Gesprch.

Ich bin euch Dank schuldig, antwortete ich, allein all das Gehrte
ist noch zu mchtig und neu in mir, als da ich jetzt die Worte des
Dankes finden knnte. Nur eins berhrt mich fast wie ein Schmerz, da
ihr mit Mathilden nach eurer Wiedervereinigung nicht in einen nhern
Bund getreten seid.

Der Greis errtete bei diesen Worten, er errtete so tief und zugleich
so schn, wie ich es nie an ihm gesehen hatte.

Die Zeit war vorber, antwortete er, das Verhltnis wre nicht mehr
so schn gewesen, und Mathilde hat es auch wohl nie gewnscht.

Er war schon frher aufgestanden, jetzt reichte er mir die Hand,
drckte die meine herzlich und verlie das Zimmer.

Ich blieb eine geraume Weile stehen und suchte meine Gedanken zur
Sammlung zu bringen. Das wre mir nie zu Sinne gekommen, als ich zum
ersten Male zu diesem Hause heraufstieg und des andern Tages seinen
Inhalt sah, da alles so kommen wrde, wie es kam, und da das alles
zu meinem Eigentume bestimmt sei. Auch begriff ich jetzt, weshalb
er meistens, wenn er von seinem Besitze sprach, das Wort unser
gebrauchte. Er bezog es schon auf Mathilden und ihre Kinder.

Nachdem ich noch eine Zeit in meiner Wohnung verweilt hatte, verlie
ich sie, um in frischer Luft einen Spaziergang zu machen und noch das
Gehrte in mir ausklingen zu lassen.



Der Abschlu

Am nchsten Tage ging ich im Laufe des Vormittages zu einer Stunde, an
welcher ich meinen Gastfreund weniger beschftigt wute, in gewhltem
Anzuge in seine Stube und dankte ihm innig fr das Vertrauen, welches
er mir geschenkt habe, und fr die Achtung, welche er mir dadurch
erweise, da er mich wrdig erachte, Nataliens Gatte zu werden.

Was das Vertrauen anbelangt, erwiderte er, so ist es natrlich,
da man nicht jeden, der uns ferne steht, in unsere innersten
Angelegenheiten einweiht; aber eben so natrlich ist es, da
derjenige, der fr die Zukunft einen Teil, ich mchte sagen unserer
Familie ausmachen wird, auch alles wisse, was diese Familie betrifft.
Ich habe euch das Wesentlichste gesagt, einzelne kleine Umstnde, die
der Vorstellungskraft nicht immer gegenwrtig sind, ndern wohl an der
Sachlage nichts. Was die Hochachtung anbelangt, die darin liegt, da
ich euch zu Nataliens Gatten geeignet erachte, so habt ihr vor allen
Mnnern dieser Erde den unermelichen Vorzug, da euch Natalie liebt
und euch und keinen andern will; aber auch trotz dieses Vorzuges
wrden Mathilde und ich, dem man hierin ein Recht eingerumt hat,
nie eingewilligt haben, wenn uns euer Wesen nicht die Zuversicht
eingeflt htte, da da ein dauernd glckliches Familienband geknpft
werden knne. Was die Hochachtung anbelangt, die ich euch, abgesehen
von dieser Angelegenheit, schuldig bin, so habe ich meiner Meinung
nach euch die Beweise derselben gegeben. Wenn ich auch gedacht habe,
ihr drftet Nataliens knftiger Gatte sein, so war der Eintritt
dieses Ereignisses so unbestimmt, da es ja auf die Entstehung einer
gegenseitigen Neigung ankam, da der Gedanke daran auf mein Benehmen
gegen euch keinen Einflu haben konnte, ja im Verlaufe der Zeiten war
der Gedanke erst der Sohn meiner Meinung von euch.

Ihr habt mir wirklich so viele Beweise eures Wohlwollens und eurer
Schonung gegeben, antwortete ich, da ich gar nicht wei, wie ich
sie verdiene; denn Vorzge von was immer fr einer Art sind gar nicht
an mir.

Das Urteil ber den Grund, woraus Achtung und Neigung oder Miachtung
und Abneigung entsteht, mu immer Andern berlassen werden; denn wenn
man zuletzt auch annhernd wei, was man in einem Fache geleistet hat,
wenn man sich auch seines guten Willens im Wandel bewut ist, so kennt
man doch alle Abschattungen seines Wesens nicht, in wie ferne sie
gegen Andere gerichtet sind, man kennt sie nur in der Richtung gegen
sich selbst, und beide Richtungen sind sehr verschieden. brigens,
mein lieber Sohn, wenn es auch ganz in der Ordnung ist, da man in
der Gesellschaft der Menschen einen gewissen Anstand und Abstand in
Kleidern und sonstigem Benehmen zeigt, so wre es in der eigenen
Familie eine Last. Komme also in Zukunft in deinen Alltagsgewndern zu
mir. Und wenn ich auch kein Verwandter deiner Braut bin, so betrachte
mich als einen solchen, wie etwa als ihren Pflegevater. Es wird schon
alles recht werden, es wird schon alles gut werden.

Er hatte bei diesen Worten die Hand auf mein Haupt gelegt, sah mich
an, und in seinen Augen standen Trnen.

Ich hatte nie im Verkehre mit mir die Augen dieses Greises na werden
gesehen; ich war daher sehr erschttert und sagte: So erlaubt mir,
da ich in dieser ernsten Stunde auch meinen Dank fr das ausspreche,
was ich in diesem Hause geworden bin; denn wenn ich irgend etwas bin,
so bin ich es hier geworden, und gewhrt mir in dieser Stunde auch
eine Bitte, die mir sehr am Herzen liegt: erlaubt, da ich eure
ehrwrdige Hand ksse.

Nun, nur dieses eine Mal, erwiderte er, oder hchstens noch einmal,
wenn du mit Natalien, die ein Kleinod meines Herzens ist, von dem
Altare gehst.

Ich fate seine Hand und drckte sie an meine Lippen; er legte aber
die andere um meinen Nacken und drckte mich an sein Herz. Ich konnte
vor Rhrung nicht sprechen.

Bleibe noch eine Weile in diesem Hause, sagte er spter, dann gehe
zu den Deinigen und leiste ihnen Gesellschaft. Dein Vater bedarf
deiner Person auch.

Darf ich den Meinigen eure Mitteilung erzhlen? fragte ich.

Ihr mt es sogar tun, antwortete er, denn eure Eltern haben ein
Recht, zu wissen, in welche Gesellschaft ihr Sohn durch Schlieung
eines sehr heiligen Bundes tritt, und sie haben auch ein Recht, zu
wnschen, da ihr Sohn nicht Geheimnisse vor ihnen habe. Ich werde
brigens wohl selber mit eurem Vater ber dieses und viele andere
Dinge sprechen.

Wir beurlaubten uns hierauf, und ich verlie das Zimmer.

Den Rest des Vormittages verbrachte ich mit Abfassung eines Briefes an
meine Eltern.

Am Nachmittage suchte ich Gustav auf, und er erhielt die Erlaubnis,
mit mir einen weiteren Weg in der Gegend zu machen. Wir kamen in der
Dmmerung zurck, und er mute die Zeit, welche er am Tage verloren
hatte, bei der Lampe nachholen.

Unter Arbeiten in meinen Papieren, in welche ich einige Ordnung zu
bringen suchte, im Umgange mit meinem Gastfreunde, der mir leutselig
manche Zeit schenkte, unter manchem Besuche im Schreinerhause, wo
Eustach sehr beschftigt war, oder bei seinem Bruder Roland, der jeden
lichten Augenblick des Tages zu seinem Bilde bentzte, und endlich
unter manchem weiten Gange in der Umgebung, da dieser Winter der erste
war, den ich so tief im Lande zubrachte, verging noch die Zeit bis
gegen die Mitte des Hornung. Ich nahm nun Abschied, sendete meine
Sachen auf die Post nach Rohrberg und ging zu Fue nach, harrte dort
der Ankunft des Wagens aus dem Westen, erhielt, da er gekommen war,
einen Platz in ihm und fuhr meiner Heimat zu.


Ich wurde wie immer sehr freudig von den Meinigen gegrt und mute
ihnen von der Winterreise im Hochgebirge erzhlen. Ich tat es, und
erzhlte ihnen in den ersten Tagen auch, was mir mein Gastfreund
mitgeteilt hatte. Es war ihnen bisher unbekannt gewesen.

Ich habe Risach oft nennen gehrt, sagte mein Vater, und stets war
der Ausdruck der Hochachtung mit der Nennung seines Namens verbunden.
Von der Familie, welche Heinbach besa, habe ich nur Alfred
flchtig gekannt. Mit Tarona war ich einmal in einer entfernten
Geschftsverbindung gestanden.

Die Jugendbeziehungen meines Gastfreundes zu Mathilden muten sehr
geheim gehalten worden sein, da weder je der Vater noch irgend jemand
aus seiner Bekanntschaft von dieser Sache etwas gehrt hatte, obwohl
ber hnliche Gegenstnde die Sprechlust am regesten zu sein pflegt.
Da meine Mitteilungen an meine Angehrigen nach dem Bunde mit
Natalien den grten Eindruck machten, ist begreiflich. Deohngeachtet
hatte ich doch auch dem Vater etwas gebracht, was ihn sehr freute. Ich
war in den letzten Tagen meines Aufenthaltes in dem Rosenhause noch
bei dem Grtner gewesen und hatte ihn ersucht, mir die Vorschrift
zur Bereitung des Bindemittels an den Glsern des Gewchshauses zu
verschaffen, wodurch das Hineinziehen des Wassers zwischen die Glser
und das dadurch bewirkte Herabtropfen verhindert wird. Er hatte die
Vorschrift wohl nicht selber, ging aber zu meinem Gastfreunde, und
durch diesen erhielt ich sie. Ich erzhlte meinem Vater von der Sache
und bergab ihm die Anleitung zur Bereitung.

Das wird das fr die Pflanzen so schdliche Herabtropfen des
Winterwassers in unserem hiesigen Gewchshause also fr die Zukunft
verhindern, sagte er, noch mehr freue ich mich aber, es gleich neu
in den neuen Gewchshusern anwenden zu knnen, welche neben dem
Landhause stehen werden, das ich bauen werde.

Die Mutter lchelte.

Bereitet euch einstweilen auf die Reise in den Sternenhof und in das
Rosenhaus vor, sagte der Vater, alles Andere ist geschehen, der
Schritt, der nun zu tun ist, liegt uns ob. In den ersten Tagen des
Frhlings worden wir hinreisen, und ich werde fr meinen Sohn werben.
Ihr Weiber bereitet euch gerne auf solche Dinge vor, tut es und beeilt
euch, ihr habt nicht lange Zeiten vor euch, zwei Monate und etwas
darber. Was mir bis dahin obliegt, wird nicht auf sich warten
lassen.

Da diese Maregel Beifall hatte, ging aus der Sachlage hervor; die
Zeit zur Vorbereitung aber wollte man etwas kurz nennen. Der Vater
sagte, es drfe nicht das Geringste zugegeben werden, weil man es
sonst der Wichtigkeit des Verhltnisses nhme. Das war einleuchtend.

Es ging nun an ein Arbeiten und Bestellen, und kein Tag war, dem nicht
seine Last zugeteilt wurde. Die Mutter traf auch Vorbereitungen fr
den Fall, da die neuen Ehegatten in ihrem Hause wohnen wrden. Der
Vater sagte ihr zwar, da meiner Verbindung noch meine groe Reise
vorangehen werde; allein sie widerlegte ihn mit der Bemerkung, da es
keinen Schaden bringe, wenn Manches frher fertig sei, als man es eben
brauche. Er lie sofort ihrem hausmtterlichen Sinne seinen Lauf.

Zu Ende des Mrzes brachte der Vater einen sehr schnen Wagen in das
Haus. Es war ein Reisewagen fr vier Personen. Er hatte den Wagen nach
seinen eigenen Angaben machen lassen.

Wir mssen unsere Freunde ehren, sagte er, wir mssen uns selber
ehren, und wer kann wissen, ob wir den Wagen nicht noch fter brauchen
werden.

Er verlangte, da man ihn genau besehe und in Hinsicht seiner
Bequemlichkeit, besonders fr Reisegegenstnde von Frauen, prfe.
Es geschah, und man mute die Einrichtung des Wagens loben. Es war
Festigkeit mit Leichtigkeit verbunden, und bei einer geflligen
Gestalt bot er Rumlichkeit fr alle ntigen Dinge.

Ich bin nun fertig, sachte er, sorgt, da eure Vorbereitungen nicht
zu lange dauern.

Aber auch die Frauen waren zu der rechten Zeit in Bereitschaft. Der
Vater hatte den Beginn der Baumblte und des Bltterknospens als
Reisezeit bestimmt, und zu dieser Zeit fuhren wir auch fort.

Ich fuhr nun einen Weg, den ich so oft allein oder mit Fremden in
einem Wagen zurckgelegt hatte, mit allen meinen Angehrigen. Wir
fuhren mit Pferden, die wir uns auf jeder Post geben lieen; allein
wir fuhren zur Bequemlichkeit der Mutter und Klotildens, weshalb wir
uns oft lnger an einem Orte aufhielten und kleine Tagereisen machten.
Ein sehr schnes Wetter und eine Flle von weien und rotschimmernden
Blten begleitete uns.

Am vierten Tage vormittags fuhren wir in dem Sternenhofe ein. Mathilde
war von unserer Ankunft unterrichtet worden. Wir hatten das Wagendach
zurckgelegt, und alle Blicke meiner Angehrigen hafteten schon von
weiter Entfernung her auf dem Bltenhgel, auf dem das Schlo stand,
sie richteten sich jetzt auf die Gestalt des Bauwerkes, endlich auf
das Sternenschild ber dem Tore, auf die Wlbung des Torweges und
zuletzt auf Mathilden und Natalien, die da standen, um uns zu
empfangen. Wir stiegen aus. Natalie wechselte die Farben zwischen Bla
und Purpurrot. Man wartete nicht weiter mit dem Grue. Klotilde und
Natalie lagen sich an dem Halse und weinten. Meine ehrwrdige Mutter
war von Mathilden umfat und an das Herz gedrckt. Dann wurde der
Vater von ihr anmutsvoll und herzlich gegrt, sie reichte ihm beide
Hnde und sah ihn mit ihren Augen, die noch immer so schn waren, auf
das Innigste an. Natalie hatte indessen die Hand meiner Mutter gefat
und sie gekt. Diese gab den Ku auf die Stirne des schnen Mdchens
zurck. Der Vater wollte wahrscheinlich etwas Heiteres oder gar
Scherzhaftes zu Natalien sagen; aber als er sie nher anblickte, wurde
er sehr ernst und beinahe scheu, er grte sie anstndig und sehr
fein. Wahrscheinlich hatte ihn ihre Schnheit berrascht oder er
erinnerte sich, wie es auch mir ergangen war, an die Pracht seiner
geschnittenen Steine. Klotilde wurde von Mathilden auch an das Herz
gedrckt. Auf mich dachte beinahe niemand. Ob dieser Empfang der
strengen Umgangssitte oder irgend einer Rangordnung gem war, darnach
fragte niemand. Wir gingen unter einander gemischt die Treppe hinan
und wurden in Mathildens Gesellschaftszimmer gefhrt. Dort lieh man
den Gren erst lebhaftere Worte und einen geregelten Ausdruck.

So lange haben wir uns gekannt und erst jetzt sehen wir uns, sagte
Mathilde zu meinen Eltern, als sie dieselben zum Niedersitzen auf ihre
Pltze veranlat hatte.

Es war ein Wunsch von vielen Jahren, entgegnete mein Vater, da wir
die Menschen shen, die gegen meinen Sohn so wohlwollend waren und die
sein Wesen so sehr gehoben hatten.

Das ist nun Natalie, meine teure Klotilde, sagte ich, indem ich
beide Mdchen einander vorstellte, das ist Natalie, die ich so sehr
liebe, so sehr wie dich selbst.

Nein, mehr als mich, und so ist es auch recht, erwiderte Klotilde.

Sei meine Schwester, sagte Natalie, ich werde dich lieben wie eine
Schwester, ich werde dich lieben, so sehr es nur mein Herz vermag.

Ich nenne dich auch du, erwiderte Klotilde, ich liebe meinen Bruder
wie mein eigenes Herz, und werde dich auch so lieben.

Die beiden Mdchen umarmten sich wieder und kten sich wieder.

Als wir uns um den Tisch gesetzt hatten, sagte ich zu Natalien: Und
mich grt ihr beinahe gar nicht.

Ihr wit es ja doch, erwiderte sie, indem sie mich freundlich ansah.

Das Gesprch dauerte nun allgemeiner ber denselben Gegenstand fort.

Die zwei Frauen konnten sich kaum genug betrachten und nahmen sich
immer wieder bei den Hnden.

Als man endlich auf andere Gegenstnde bergegangen war und ber die
Reise und ihre Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gesprochen
hatte, sagte mein Vater, da wir noch smtlich in Reisekleidern seien,
da wir ans verabschieden mten, und er fragte, wann er die Ehre
haben knnte, sich Mathilden wieder vorstellen zu drfen.

Nicht Vorstellung, erwiderte sie, Besuch, wann ihr immer wollt.

Also in zwei Stunden, entgegnete mein Vater.


Wir gingen in unsere Zimmer, und mein Vater wies uns an, uns in
Festkleider zu kleiden. Nach zwei Stunden ging er allein mit der
Mutter, beide wie an einem hohen Festtage geschmckt, zu Mathilden,
welche sie zu sprechen verlangten. Mathilde empfing sie in dem groen
Gesellschaftszimmer, und mein Vater warb um die Hand Nataliens fr
mich.

Nach wenigen Augenblicken wurden Natalie, Klotilde und ich
hineingerufen, und Mathilde sagte: Der Herr und die Frau Drendorf
haben fr ihren Sohn Heinrich um deine Hand geworben, Natalie.

Natalie, welche in einem so festlichen Kleide da stand, wie ich sie
nie gesehen hatte, weshalb sie mir beinahe fremd erschien, blickte
mich mit Trnen in den Augen an. Ich ging auf sie zu, fate sie an der
Hand, fhrte sie vor ihre Mutter, und wir sprachen einige Worte des
Dankes. Sie entgegnete sehr freundlich. Dann gingen wir zu meinen
Eltern und dankten ihnen gleichfalls, die gleichfalls freundlich
antworteten. Klotilde war in ihrem Festanzuge sehr befangen, was auch
fast bei allen Andern der Fall war. Mein Vater lste die Stimmung,
indem er zu einem Tische schritt, auf welchem er ein Kstchen
niedergestellt hatte. Er nahm das Kstchen, nherte sich Natalien und
sagte: Liebe Braut und knftige Tochter, hier bringe ich ein kleines
Geschenk; aber es ist eine Bedingung daran geknpft. Ihr seht, da
ein Faden um das Schlo liegt und da der Faden ein Siegel trgt.
Schneidet den Faden nicht eher ab als nach eurer Vermhlung. Den Grund
meiner Bitte werdet ihr dann auch sehen. Wollt ihr sie freundlich
erfllen?

Ich danke fr eure Gte innig, antwortete Natalie, und ich werde
die Bedingung erfllen.

Sie empfing das Kstchen aus der Hand des Vaters. Auch die Mutter und
Klotilde gaben ihr Geschenke, so wie Mathilde und Natalie Gegenstnde
aus den benachbarten Zimmern herbeiholten, um die Mutter, Klotilden
und den Vater zu beschenken. Natalie und ich gaben uns nichts. Dann
setzten wir uns um einen Tisch nieder, und es begannen herzliche
Gesprche. Am Schlusse sagte Mathilde: So wre denn der Bund, den die
Herzen unserer Kinder geschlossen haben, auch durch die Beistimmung
der Eltern bekrftigt. Der Tag der ewigen Verbindung mag nach ihrem
Wunsche und unserer Meinung festgesetzt werden. Wir wollen darber
jetzt nicht sprechen, sondern es der Beratung und Vereinbarung
anheimgeben.

Nach diesen Worten trennten wir uns und begaben uns in unsere Zimmer.

Die festlichen Kleider wurden nun abgelegt, und es begann das
Besuchsleben, wie es in hnlichen Verhltnissen und namentlich, wenn
man in so nahe Beziehungen getreten ist, der Fall zu sein pflegt.
Mathilde fhrte nach und nach den Vater und die Mutter in alle Teile
des Schlosses, des Gartens, des Meierhofes, der Felder, der Wiesen und
der Wlder. Sie zeigte ihnen alle Zimmer des Hauses: ihre Wohnzimmer,
die Zimmer mit den alten Gerten, sie zeigte ihnen die Bilder und
was sich nur immer in dem Schlosse befand. Sie ging mit ihnen in den
Garten: zu den Linden, zu allen Obstbumen, zu den Blumenbeeten, in
die Grotte mit der Brunnennymphe, auf die Eppichwand und in jede
Anlage, die in dem Garten enthalten war. Ebenso wurde alles, was sich
auf die Landwirtschaft bezog, auf das Genaueste durchgenommen. Gegen
den Abend, wenn die Sonnenstrahlen milde auf die blhende Erde
leuchteten, wurde ein gemeinschaftlicher Gang durch irgend einen
Teil der Gegend gemacht. Wiederholt gingen wir die ganze Lnge des
Berhrweges durch, und die Eltern fanden Gefallen an dieser Bahn, die
eine freie und rstige Bewegung in trben Tagen so wie im Winter auf
eine angenehme Weise gestatte. Der Vater konnte ber alles der Freude
und des Lobes kein Ende finden. Mathilde und die Mutter sprachen
oft lange und immer sehr freundlich mit einander, sie tauschten
wahrscheinlich ihre Ansichten ber Huslichkeit und Verwaltung des
Zugehrigen aus. Natalie und Klotilde waren fast unzertrennlich, sie
schlossen sich an einander an, bezeugten sich jede Innigkeit, und
oft, wenn wir alle in das Schlo zurckgekehrt waren, gingen sie
noch auf einem einsamen Wege des Gartens oder auf einem Pfade des
nchstgelegenen Feldes herum.

Siehst du, Klotilde, sagte ich, ich konnte dir kein Bild von
Natalie bringen, weil keins da war, jetzt hast du sie selber.

Um wie viel lieber als jedes Bild, antwortete sie, aber ein Bild
mu doch ausgefhrt werden, damit man spter wisse, wie sie in diesen
Jahren ausgesehen habe.

Acht Tage entlie uns Mathilde nicht von dem Sternenhofe, und jeder
Tag fand seine freundliche Beschftigung. Am neunten wurden die
Anstalten gemacht, da wir alle in das Rosenhaus abreisen konnten.
Mathilde und die Eltern fuhren in unserem Reisewagen. Natalie,
Klotilde und ich in dem Wagen Mathildens.

Als wir den Hgel hinanfuhren, konnte mein Vater seine Neugierde
kaum mehr bemeistern. Ich sah ihn fter in dem Wagen aufstehen und
herumblicken. Es war ein wolkig heiterer Tag, Strichregen gingen auf
entferntere Wlder nieder, Sonnenblicke schnitten goldne Bilder auf
den Hgeln und Ebenen aus, und das Haus meines Gastfreundes schaute
sanft von seiner Anhhe hernieder. Obwohl, da wir von der Stadt
abfuhren, dort bereits alles in Blte stand, war in der Umgebung des
Rosenhauses trotz der Zeit, die wir auf der Reise und in dem Hause
Mathildens zugebracht hatten, doch noch die Baumblte nicht vorber,
sondern sie war erst in ihrer vollen Entfaltung. Denn das Land
hier lag um ein Bedeutendes hher als die Stadt. Ein Teil des
Wintergetreides stand auf dem Hgel in ppigstem Wuchse, ein Teil
schickte sich dazu an, das Sommergetreide keimte hie und da, und hie
und da war noch die braune Erde zu sehen.

Mein Gastfreund hatte durch Mathilden Nachricht von unserer Ankunft
erhalten. Als wir bei dem Gitter anfuhren, stand er mit Gustav,
Eustach, Roland, mit der Haushlterin Katharine, mit dem
Hausverwalter, mit dem Grtner und anderen Leuten auf dem Sandplatze
vor dem Gitter, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus, und da standen
sich nun mein Vater und mein Gastfreund gegenber. Der letztere
hatte schneeweie Haare, mein Vater etwas minder weie, aber liebe,
ehrwrdige Mnner waren beide. Sie reichten sich die Hand, sahen sich
einen Augenblick an und schttelten sich dann ihre Rechte herzlich.

Seid mir gegrt, seid mir tausendmal gegrt an meiner Schwelle,
sagte mein Gastfreund, selten ist hier einer eingegangen, der so
willkommen gewesen wre wie ihr, und selten habe ich mich nach
jemandem so gesehnt wie nach euch. Wir sind nun so lange in Verbindung
und ich habe euch schon so lange in der Liebe eures Sohnes geliebt.

Ich euch in der Liebe eures jungen Freundes, erwiderte mein Vater,
es ist einer meiner liebsten Tage, der mich unter dieses Dach bringt.
Ich komme in das Haus des Mannes, den ich durch meinen Sohn kenne,
obgleich ich auch den Staatsmann hochachten mu. Ich komme mit der
Schuld des Dankes belastet. Ihr habt mich ausgezeichnet, ehe ich es
nur im geringsten Mae um euch verdient hatte.

Lat das jetzt, es machte mir ja selber Freude, entgegnete mein
Gastfreund, aber seht, so begeht man Fehler, wenn man von einer
Leidenschaft befangen ist, besonders, wenn zwei alte Altertumsfreunde
zusammentreffen. Ich habe versumt, eurer verehrtest Gattin meinen
ersten Gru darzubringen, wie es Pflicht gewesen wre. Aber, teure
Frau, ihr werdet es, wenn auch nicht ganz entschuldigen, doch als ein
geringeres Vergehen ansehen, als eine andere Frau, da ihr euren Gatten
und seine Beziehungen zu seinen Schtzen kennt. Seid mir gegrt,
und wenn ich sage, da ich euch nicht minder als euren Gatten hieher
gewnscht habe, so sage ich die Wahrheit, und euer eigener Sohn ist
gegen euch Zeuge, wenn ihr meine Worte bezweifeln wolltet. Es freut
mich, euch in mein Haus fhren zu knnen, erlaubt, da ich eure Hand
fasse. Mathilde, Natalie, Heinrich, ihr msset heute etwas Nebensache
sein, und dieses Frulein, das ich wohl schon als Klotilde kenne, wird
erlauben, da ich sie auch ein wenig liebe und um Gegenneigung bitte.
Gustav, fhre das Frulein.

Gnnt mir die Gnade, euch fhren zu drfen, sagte Gustav zu
Klotilden.

Sie sah den Jngling sanft an und sagte: Ich bitte um die
Geflligkeit.

Ehe wir gehen, sagte mein Gastfreund noch, sehet noch hier meine
zwei ausgezeichneten Knstler Eustach und Roland, die mit mir in
unserem Besitze leben, den ich Sorgenfrei nennen wrde, wenn er nicht
voll von Sorgen steckte. Sie wollen euch vor dem Hause begren. Seht
da auch meine Katharine, die das Haus zusammenhlt, und dann meinen
Hausverwalter und Grtner und Andere, welche die Lust des Empfanges
nicht missen wollten.

Mein Vater reichte jedem die Hand, und die Mutter und Klotilde
verbeugten sich auf das Artigste.

Hierauf nahm mein Gastfreund den Arm meiner Mutter, mein Vater den
Mathildens, ich Nataliens, Gustav Klotildens, und so gingen wir bei
dem Eisengitter in den Garten und in das Haus. Die Wgen fuhren in den
Meierhof. In dem Hause wurden wir gleich in unsere Zimmer gefhrt.
Mathilde und Natalie gingen in ihre gewhnliche Wohnung. Fr meinen
Vater und fr meine Mutter war ein Aufenthalt von drei Zimmern
eigens gerichtet worden. Sie hatten sehr schne Wandbekleidungen und
vorzgliche Gerte. Fr alle und jede Bequemlichkeit war gesorgt.
Klotilde hatte ein zierliches blablaues Zimmerchen daneben. Ich ging
von der Wohnung meiner Eltern in meine Zimmer, welche die gewhnlichen
waren. Gustav besuchte mich hier in dem ersten Augenblicke, und
umschlang mich mit der grten Freude und Liebe.

Nun ist doch alles sicher und gewi߫, sagte er.

Sicher und gewi߫, entgegnete ich, wenn Gott sein Vollbringen gibt.
Jetzt bist du mein teurer, vielgeliebter Bruder in der Tat, wenn du es
auch der Fassung nach erst in einiger Zeit wirst.

Darf ich auch du sagen? fragte er.

Von ganzem Herzen, erwiderte ich.

Also du, mein geliebter, mein teurer Bruder, sagte er.

Auf immer, so lange wir leben, was auch, sonst fr Zwischenflle
kommen mgen, sagte ich.

Auf immer, antwortete er, aber jetzt kleide dich schnell um, damit
du nicht zu spt kommst. Man wird in dem Besuchsaale zu ebener Erde
noch einmal zu einem Grue zusammenkommen, ehe man zum Mittagessen
geht. Ich mu mich selber zurecht richten.


Es war so, wie Gustav gesagt hatte, und es war an alle die Einladung
ergangen. Er verlie mich, und ich kleidete mich um.

Wir versammelten uns in dem Besuchzimmer zu ebener Erde, in welchem
ich, da ich das erste Mal in diesem Hause war, allein gewartet hatte,
whrend mein Gastfreund gegangen war, ein Mittagessen fr mich zu
bestellen. Ich hatte damals den Gesang der Vgel hereingehrt.
Der eingelegte Fuboden war heute mit einem sehr schnen Teppiche
ganz berspannt. Auch Eustach und Roland waren zu der Versammlung
eingeladen worden.

Als sich alle eingefunden hatten, stand mein Gastfreund, welcher so
festlich angezogen war wie wir, auf und sprach: Ich richte noch
einmal an alle, welche gekomrnen sind, den Empfangsgru innerhalb der
Wnde dieses Hauses. Es ist ein schner Tag.

Wenn gleich mancher liebe Freund und gewissermaen Schlachtkamerade,
den ich noch besitze, nicht hier ist, so kann eben nicht immer alles,
was man liebt, versammelt sein. Das Eigentliche ist hier, ist aus
einem lieben Anlasse hier, aus welchem ein noch schnerer Tag fr
Manche hervorgehen kann. Ihr, sehr hochgeehrte Frau, die Mutter des
jungen Mannes, welcher zu verschiedenen Malen unter dem Dache dieses
Hauses gewohnt hat, seid dem Hause willkommen. Es hat euren Namen oft
gehrt und die Namen eurer Tugenden, und wenn der Schall der Rede
oft auch ganz Anderes zu verknden schien, so gingen unbewut eure
Eigenschaften daraus hervor, sammelten sich hier und erzeugten
Ehrerbietung und, erlaubt einem alten Manne das Wort, Liebe. Ihr, mein
edler Freund - gnnt mir den Namen auch, den ich euch so gerne gebe
-, ein graues Haupt wie ich, aber ehrwrdiger in der Verehrung seiner
Kinder und darum auch in der anderer Leute, ihr habt mit eurer Gattin
unsichtbar dieses Haus bewohnt und ehrt es, da es eure Gestalt nun
selber in seinen Rumen sieht. Ihr, Klotilde, wandeltet mit euren
Eltern hier und seid gleichfalls in eurem Eigentume. Zu dir, Mathilde,
spreche ich erst jetzt, nachdem ich zu den Andern gesprochen habe,
die nicht so oft die Schwelle dieses Hauses betreten haben wie du. Du
bringst uns heute etwas, das allen lieb sein wird. Sei deshalb nicht
mehr gegrt und willkommen, als du hier immer gegrt und willkommen
gewesen bist. Sei willkommen, Natalie, und seid gegrt, Heinrich.
Eustach, Roland, Gustav sind als Zeugen hier von dem, was da
geschieht.

Meine Mutter antwortete hierauf: Ich habe immer gedacht, da wir in
diesem Hause werden herzlich empfangen werden, es ist so, ich danke
sehr dafr.

Ich danke auch, und mge die gute Meinung von uns sich bewhren,
sagte der Vater.

Klotilde verneigte sich nur.

Mathilde sprach: Sei bedankt fr deinen Gru, Gustav, und wenn du
sagst, da ich etwas bringe, das allen lieb sein wird, so berichte
ich, da Heinrich Drendorf und Natalie vor neun Tagen im Sternenhofe
verlobt worden sind. Wir haben den Weg zu dir gemacht, um deine
Billigung zu dieser Vornahme zu erwirken. Du hast immer wie ein Vater
an Natalien gehandelt. Was sie ist, ist sie grtenteils durch dich.
Daher knnte ein Band sie nie beglcken, das deinen vollen Segen nicht
htte.

Natalie ist ein gutes, treffliches Mdchen, erwiderte mein
Gastfreund, sie ist durch ihr innerstes Wesen und durch ihre
Erziehung das geworden, was sie ist. Ich mag ein Weniges beigetragen
haben, wie alle nicht bsen Menschen, mit denen wir umgehen, zu
unserem Wesen etwas Gutes beitragen. Du weit, da der geschlossene
Bund meine Billigung hat, und da ich ihm alles Glck wnsche. Weil du
mich aber Vater Nataliens nennst, so mut du erlauben, da ich auch
als Vater handle. Natalie erhlt als meine Erbin den Asperhof mit
allem Zubehr und allem, was darin ist, sie erhlt auch, da ich gar
keine Verwandten besitze, meine ganze brige Habe. Die Ausfolgung
geschieht in der Art, da sie einen Teil des gesammten Vermgens an
ihrem Vermhlungstage empfngt nebst den Papieren, welche ihr das
Anrecht auf den Rest zusprechen, der ihr an meinem Todestage anheim
fllt. Einige Geschenke an Freunde und Diener werden in den Papieren
enthalten sein, die sie gerne verabfolgen wird. Weil ich Vater bin,
so werde ich auch meine liebe Tochter ausstatten, von ihrer Mutter
kann sie nur Geschenke annehmen. Und einen Eigensinn mt ihr mir
gestatten, dessen Bekmpfung von eurer Seite mich sehr schmerzen
wrde. Die Vermhlung soll auf dem Asperhofe gefeiert werden. Hieher
ist der Brutigam vor mehreren Jahren zuerst gekommen, hier habt ihr
ihn kennen gelernt, hier ist vielleicht die Neigung gekeimt und hier
endlich wohnt ja der Vater, wie er eben genannt worden ist. Vom
Vermhlungstage an wird im Asperhofe fr die jungen Eheleute eine
Wohnung in Bereitschaft stehen, es wird aber an sie nicht die
Forderung gestellt werden, da sie dieselbe bentzen. Sie sollen nach
ihrer Wahl ihre Wohnung aufschlagen: entweder im Asperhofe oder im
Sternenhofe oder in der Stadt oder auch abwechslungsweise, wie es
ihnen gefllt.

Mathilde war whrend dieser ganzen Rede mit Wrde und Anstand in ihrem
Sitze gesessen, wie berhaupt in der ganzen Versammlung ein tiefer
Ernst herrschte. Mathilde suchte ihre Haltung zu bewahren; allein
aus ihren Augen strzten Trnen, und ihr Mund zitterte vor starker
Bewegung. Sie stand auf und wollte reden; aber sie konnte nicht und
reichte nur ihre Hand an Risach. Dieser ging um den Tisch - denn eine
Ecke desselben trennte sie -, drckte Mathilden sanft in ihren Sitz
nieder, kte sie sachte auf die Stirne und strich einmal mit seiner
Hand ber ihre Haare, die sie glatt gescheitelt ber der feinen Stirne
hatte.

Mein Vater nahm hierauf, da Risach wieder an seinem Platze war, das
Wort, und sprach: Es ist noch ein Vater da, welcher auch einige Worte
reden und einige Bedingungen stellen mchte. Vor allem, Freiherr von
Risach, empfanget den innigsten Dank von mir im Namen meiner Familie,
da ihr ein Mitglied derselben zu einem Mitgliede der eurigen
aufzunehmen fr wrdig erachtet habt. Unserer Familie ist dadurch
eine Ehre erzeigt worden, und mein Sohn Heinrich wird sich sicherlich
bestreben, sich alle jene Eigenschaften zu erwerben, welche ihm
zur Erfllung seiner neuen Pflichten und zur Darstellung jener
Menschenwrde berhaupt ntig sind, ohne welche man ein Teil der
besseren menschlichen Gesellschaft nicht sein kann. Ich hoffe, da ich
hierin fr meinen Sohn brgen kann, und ihr selber hofft es, da ihr
ihn in die Stellung aufgenommen habt, in der er ist. Mein Sohn wird in
die neue Haushaltung bringen, was nicht fr unbillig erachtet worden
soll. In meinem Hause in der Stadt wird eine anstndige Wohnung fr
die Neuvermhlten immer in Bereitschaft stehen, und wenn ich das
Landleben einmal vorziehen sollte, so werden sie auch in meiner neuen
Wohnung einen Platz finden. Ihr eigenes stndiges Haus mgen sie nach
Belieben aufschlagen.

Da die Vermhlung in dem Asperhofe sei, ist nach meiner Meinung
gerecht, und ich glaube, es wird niemand die Maregel bestreiten. Und
nun habe ich noch eine Bitte an euch, Freiherr von Risach, nehmt mich
alten Mann und meine alte Gattin nebst unsrer Tochter nicht ungerne
in euren Familienkreis auf. Wir sind brgerliche Leute und haben als
solche einfach gelebt; aber in jedem Verhltnisse unsere Ehre und
unsern guten Namen aufrecht zu erhalten gesucht.

Ich kenne euch schon lange, antwortete Risach, obwohl nicht
persnlich, und habe euch schon lange hoch geachtet. Noch hher
achtete und liebte ich euch, als ich euren Sohn kennen gelernt hatte.
Wie sehr es mich freut, in eine nhere Umgangsverbindung mit euch zu
kommen, kann euch euer Sohn sagen und wird euch die Zukunft zeigen.
Was die Brgerlichkeit anlangt, so gehrte ich zu diesem Stande.
Vergngliche Handlungen, die man Verdienste nannte, haben mich
auf eine Zeit aus ihm gerckt, ich kehre durch meine angenommene
Tochter wieder zu ihm zurck, der mir allein gebhrt. Ehrenvoller,
wrdiger Mann einer stetigen Ttigkeit und eines wohlgegrndeten
Familienlebens, wenn ihr mich, der ich Beides nicht habe, fr wert
erachtet, so kommt an mein Herz und lat uns die letzten Lebenstage
freundlich mit einander gehen.

Beide Mnner verlieen ihre Pltze, begegneten sich auf halbem Wege zu
einander, schlossen sich in die Arme und hielten sich einen Augenblick
fest. Wie erschtternd das auf alle wirkte, zeigte die Tatsache, da
es totenstill im Zimmer war und da manche Augen feucht wurden.

Meine Mutter war, da Risach Mathilden verlassen hatte, zu ihr
gegangen, hatte sich neben sie gesetzt und hatte ihre beiden Hnde
gefat. Die Frauen kten sich und hielten sich noch immer beinahe
umfangen.

Ich und Natalie traten jetzt vor Risach und sagten, da wir ihm fr
alles Liebe und Gute gegen uns aufs Tiefste danken und da unser
einziges Bestreben sein werde, seiner guten Meinung ber uns immer
wrdiger zu werden.

Ihr seid lieb und freundlich und ehrlich, sagte er, und alles wird
gut werden.

Wir gingen wieder an unsere Pltze, und Eustach, Klotilde, Roland,
Gustav und selbst die Eltern wnschten uns nun alles Glck und allen
Segen.

Hierauf nahm das Gesprch eine Wendung auf einfachere und
gewhnlichere Dinge. Man stand auch fter auf und mischte sich
durcheinander. Meine Mutter hatte heute einige der schnsten
geschnittenen Steine meines Vaters als Schmuck an ihrem Krper. Mein
Gastfreund hatte fter darauf hingeblickt; allein jetzt konnten er und
Eustach dem Reize nicht mehr widerstehen, sie traten zu meiner Mutter,
betrachteten verwundert die Steine und sprachen ber dieselben. Spter
kam auch Roland hinzu. Meinem Vater glnzten die Augen vor Freude.

Als das Gesprch noch eine Weile gedauert hatte, trennte man sich und
bestellte sich auf einen Spaziergang, der noch vor dem Mittagessen
statt finden sollte. Auf dem Sandplatze vor dem Rosengitter an dem
Hause wollte man sich versammeln.

Wir kleideten uns in andere Kleider und kamen vor dem Hause zusammen.

Mein Vater, der wahrscheinlich sehr neugierig war, alles in diesem
Hause zu sehen, hatte sich zu Risach gesellt, sie standen vor den
Rosengewchsen, und mein Gastfreund erklrte dem Vater alles. Mathilde
war an der Seite meiner Mutter, Klotilde und Natalie hielten sich an
den Armen, und ich und Gustav so wie zu Zeiten auch Eustach und Roland
hielten uns in der Nhe der alten Mnner auf. Wir gingen von dem
Sandplatze in den Garten, damit die Meinigen zuerst diesen shen. Mein
Gastfreund machte fr meinen Vater den Fhrer und zeigte und erklrte
ihm alles. Wo meine Mutter und Klotilde an dem Gesehenen Anteil
nahmen, wurde es ihnen von ihren Begleiterinnen erlutert.

Da sehe ich ja aber doch Faltern, sagte mein Vater, als wir eine
geraume Strecke in dem Garten vorwrts gekommen waren.

Es wre wohl kaum denkbar und mglich, da meine Vgel alle Keime
ausrotteten, antwortete mein Gastfreund, sie hindern nur die
unmige Verbreitung. Einiges bleibt aber immer brig, was fr das
nchste Jahr Nahrung liefert. Zudem kommen auch von der Ferne Faltern
hergeflogen. Sie wren wohl auch die schnste Zierde eines Gartens,
wenn ihre Raupen nicht so oft fr unsere menschlichen Bedrfnisse so
schdlich wren.

Bringen denn nicht aber auch die Vgel manchen Baumfrchten Schaden?
fragte mein Vater.

Ja, sie bringen Schaden, entgegnete mein Gastfreund, er trifft
hauptschlich die Kirschenarten und andere weichere Obstgattungen;
aber im Verhltnisse zu dem Nutzen, den mir die Vgel bringen, ist
der Schaden sehr geringe, sie sollen von dem berflusse, den sie mir
verschaffen, auch einen Teil genieen, und endlich, da sie neben
ihrer natrlichen Nahrung von mir noch auerordentliche und mitunter
Leckerbissen bekommen, so ist dadurch der Anla zu Angriffen auf mein
Obst geringer.

Wir gingen durch den ganzen Garten. Jedes Blumenbeet, jede einzelne
merkwrdigere Blume, jeder Baum, jedes Gemsebeet, der Lindengang,
die Bienenhtte, die Gewchshuser, alles wurde genau betrachtet. Der
Tag hatte sich beinahe ganz ausgeheitert, und eine Flle von Blten
lastete und duftete berall. Wir gingen bis zu dem groen Kirschbaume
empor und sahen von ihm ber den Garten zurck. Der Vater fhlte sich
ganz glcklich, alles das sehen und betrachten zu knnen. Die Mutter
mochte wohl ihren Umgebungen nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt
haben wie der Vater, und sie mochte mit Mathilden mehr ber das Wohl
und Wehe und ber die Zukunft ihrer Kinder gesprochen haben. Auch
drfte der Inhalt der Gesprche zwischen Klotilden und Natalien nicht
vorherrschend der Garten gewesen sein. Sie konnten manche Fden ber
andere Dinge anzuknpfen gehabt haben.

Von dem groen Kirschbaume mute wieder in das Haus zurckgegangen
werden, weil die Zeit, welche noch bis zu dem Mittagessen gegeben
gewesen war, ihren Ablauf genommen hatte. Man verfgte sich einen
Augenblick in seine Zimmer und versammelte sich dann im Speisesaale.

Der Nachmittag war zur Besichtigung des Meierhofes, der Wiesen und
Felder bestimmt. Wir gingen von dem groen Kirschbaume auf dem
Getreidehgel hinaus und auf ihm fort bis zu der Felderrast. Wir
gingen genau den Weg, welchen ich an jenem Abende mit meinem
Gastfreunde gegangen war, als ich mich zum ersten Male in dem
Asperhofe befunden hatte. Wir sahen von der Felderrast ein wenig
herum. Die Esche hatte eben ihre ersten kleinen Bltter angesetzt und
suchte sie auszubreiten. Wir konnten uns nicht niedersetzen, weil das
Bnkchen dazu viel zu klein war. Von der Felderrast gingen wir in den
Meierhof. Wir schlugen den Weg ein, welchen ich einmal mit Natalien
allein gewandelt war. Nach der Besichtigung des Meierhofes, in welchem
mein Gastfreund meinem Vater das Kleinste und Grte zeigte, und
in welchem er ihm erklrte, wie alles frher ausgesehen hatte, was
daraus geworden war und was noch werden sollte, gingen wir durch
die Meierhofwiesen, durch die Felder am Abhange des Hgels des
Rosenhauses, dann den Hgel herum, endlich in das Gehlze des Teiches
und von ihn am dem Erlenbache zurck, so da wir wieder zu dem groen
Kirschbaume kamen und von ihm in das Haus zurckkehrten. Es war
mittlerweile Abend geworden. Alles hatte die Bewunderung meines Vaters
erregt.

Der nchste Tag war dazu bestimmt, das Innere des Hauses, seine
Kunstschtze und alles, was es sonst enthielt, zu besehen.
Mein Gastfreund fhrte meinen Vater zuerst in alle Zimmer des
Erdgeschosses, dann ber den Marmorgang die Treppe hinan zur
Marmorgestalt. Wir waren alle mit, auer Eustach und Roland. Bei der
Marmorgestalt hielten wir uns sehr lange auf. Von ihr gingen wir
in den Marmorsaal, in welchem mein Gastfreund meinem Vater alle
Marmorarten nannte und ihm die Orte ihres Vorkommens bezeichnete. Dann
besuchten wir nach und nach die Wohnzimmer meines Gastfreundes, die
Zimmer mit den Bildern, Bchern, Kupferstichen, das Lesezimmer, das
Eckzimmer mit den Vogelbrettchen und endlich die Gastzimmer und die
Wohnung Mathildens. Auch Rolands Gemach wurde besehen, in welchem auf
einer Staffelei sein beinahe fertiges Bild stand. Den Beschlu machte
der Besuch des Schreinerhauses und die Besichtigung seiner Einrichtung
und alles dessen, was da eben gefrdert wurde. War mein Vater schon
gestern voll Bewunderung gewesen, so war er heute beinahe auer sich.
Die Marmorgestalt hatte seinen Beifall so sehr, da er sagte, er
knne sich von seinen Reisen her nicht auf Vieles erinnern, was von
altertmlichen Werken besser wre als diese Gestalt. Sie wurde von
allen Seiten besehen und wieder besehen, dieser Teil und jener Teil
und das Ganze wurde besprochen. So etwas, sagte mein Vater, knne er
nicht entfernt aufweisen, nur einige seiner alten geschnittenen Steine
knnten neben dieser Gestalt noch besehen werden. Der Marmorsaal
gefiel ihm sehr, und der Gedanke, ein solches Gemach zu bauen,
erschien ihm als ein uerst glcklicher. Er pries die Geduld
meines Gastfreundes im Suchen des Marmors und lobte die, welche die
Zusammenstellung entworfen hatten, da etwas so Reines und Groartiges
zu Stande gekommen sei. Die alten Gerte, die Bilder, die Bcher, die
Kupferstiche beschftigten meinen Vater auf das Lebhafteste, er sah
alles genau an und sprach als Liebhaber und auch als Kenner ber
Vieles. Mein Gastfreund verstndigte sich leicht mit ihm, ihre
Ansichten trafen hufig zusammen und ergnzten sich hufig, in so
ferne man berhaupt Ansichten in einer Gesellschaft, in welcher man
sich kurz fassen mute, aussprechen konnte. Meine Mutter freute
sich innig ber die Freude des Vaters. So war es denn also doch in
Erfllung gegangen, was sie so oft gewnscht hatte, da mein Vater das
Haus meines Gastfreundes besuchte, und es war auf eine liebe Art in
Erfllung gegangen, die sie sich gewi einstens nicht gedacht hatte.
Rolands Bild betrachtete der Vater sehr aufmerksam, er hielt es fr
hchst bedeutend, er sprach mit Risach ber Verschiedenes in demselben
und uerte sich, da, nach diesem Werke zu urteilen, Roland eine
hoffnungsvolle Zukunft vor sich haben drfte. Da es meinen Gastfreund
mit Vergngen erfllte, da seine Schpfungen mit solcher Anerkennung
von einem Manne, aus dessen Worten die Berechtigung zu einem Urteile
hervorging, betrachtet werden, ist begreiflich. Die zwei Mnner
schlossen sich immer mehr an einander und vergaen zuweilen ein wenig
die brige Gesellschaft. In dem Schreinerhause, in welchem Eustach
den Fhrer machte, wurden nicht nur alle Zeichnungen und Plne
durchgesehen, sondern die ganze Einrichtung und die Art, wie hier
verfahren werde, sammt allen Werkzeugen, wurde einer genauen
Beobachtung unterzogen. Der Vater war voll der Billigung darber. Mit
Besichtigung dieser Dinge war der ganze Tag verbraucht worden.

Am nchsten Tage fuhr man in den Alizwald, damit mein Gastfreund
meinen Eltern den Forst zeigen konnte, welcher zu dem Asperhofe
gehrte.

Die folgenden Tage waren fr die Gesellschaft schon weniger
vereinigend. Man zerstreute sich und ging dem nach, was eben die
meiste Anziehungskraft ausbte. Zu mir und Natalien kamen nach und
nach alle Bewohner des Rosenhauses und des Meierhofes, um uns Glck
und Segen zu unserer bevorstehenden Vereinigung zu wnschen. Sie
hatten jetzt erst, nach geschehener Verlobung, die Gewiheit davon
erhalten, hatten es aber in frherer Zeit aus den Vorgngen, die sie
sahen, gemutmat und geschlossen. Mein Vater holte Vieles wieder im
Einzelnen nach, was er im Allgemeinen gesehen hatte, er war bald hier,
bald dort und war viel mit dem Besitzer des Hauses beschftigt. Die
Frauen lieen sich das angelegen sein, was Sache des Hauswesens
ist, und verkehrten manche Weile mit Katharinen. Wir jngeren Leute
gingen viel in dem Garten herum, besuchten manche Stelle und machten
Spaziergnge. Wir waren mehrere Male bei den Grtnerleuten, saen
einmal lange bei ihrem Tische und besahen einmal ausfhrlich fr
uns die Gewchshuser und lieen uns das Vorhandene von dem Grtner
erklren. Eines Tages waren wir auch alle im Inghofe, und die Bewohner
des Inghofes waren eines andern Tages im Asperhofe. Der Pfarrer von
Rohrberg und mehrere der angeseheneren Bewohner der Gegend waren von
nahe oder von ferne herzugekommen, um zu dem ihnen bekannt gewordenen
Ereignisse ihren Glckwunsch darzubringen. Selbst Bauersleute der
Nachbarschaft und Andere, die mich und Natalien kannten, kamen zu
demselben Zwecke.

Wir muten zwlf Tage in dem Asperhofe zubringen, dann aber wurde
unser Reisewagen bepackt, und wir traten die Rckreise in unsere
Vaterstadt an.


Da wir zu Hause angekommen waren, wurde sogleich daran gegangen,
Zimmer in Bereitschaft zu setzen, da wir den Gegenbesuch, wenn er
eintreffen wrde, anstandsvoll empfangen knnten. Ich rstete mich
indessen auch noch zu etwas Anderem, was noch vor der Verbindung mit
Natalien statthaben mute, zu meiner groen Reise. Ich suchte die
Anstalten so zu treffen, da ich glaubte, nichts Wesentliches auer
Acht gelassen zu haben. Die Notwendigkeit, mir durch diese Reise noch
Manches, was mir fehlte, anzueignen und in dieser Hinsicht nicht zu
weit hinter Natalien zurckstehen zu mssen, war mir einleuchtend, und
eben so einleuchtend war es mir, da ich eine grere Reise allein
machen msse, ehe ich in knftiger Zeit mit Natalien eine Reise
antreten knnte. Ich hatte auch vor, mich gleich nach der Zeit, in der
uns der Gegenbesuch abgestattet sein wrde, auf die Reise zu begeben.

Der Gegenbesuch kam drei Wochen nach dem Tage, an welchem wir in
der Stadt angelangt waren. Ein Brief hatte ihn vorher angekndigt.
Mathilde, Risach, Natalie und Gustav trafen in einem schnen
Reisewagen ein. Sie wurden in die fr sie in Bereitschaft gehaltenen
Zimmer gefhrt. Nachdem sie sich umgekleidet hatten, kamen wir zum
Grue in unserem Besuchzimmer zusammen. Der Empfang in unserem Hause
war so herzlich und innig, wie er nur immer in dem Sternenhofe und in
dem Hause meines Gastfreundes gewesen war. In allen Mienen war Freude,
und alle Worte setzten die begonnene Bekanntschaft und die sich
entwickelnde Freundschaft fort. Selbst bis auf die Dienerschaft
pflanzte sich das angenehme Gefhl ber. Aus einzelnen Worten und aus
den heitern Angesichtern entnahm man, wie sehr ihnen die wunderschne
Braut gefalle. Was unser Haus und die Stadt fr die Gste Angenehmes
bieten konnte, wurde ihnen zur Verfgung gestellt. Wie auf den beiden
Landsitzen wurde auch hier alles gezeigt, was das Haus enthlt.

Die Gste wurden in die Zimmer gefhrt, besahen Bilder, Bcher,
alte Schreine und geschnittene Steine. Sie kamen in das glserne
Eckhuschen und in alle Teile des Gartens. In Hinsicht der Bilder
meines Vaters sprach sich mein Gastfreund dahin aus, da sie als
Ganzes durchaus wertvoller seien als seine Sammlung, obwohl er auch
einzelne Stcke besitze, welche dem Besten aus meines Vaters Sammlung
an die Seite gestellt werden knnten. Meinen Vater freute dieses
Urteil, und er sagte, er htte ungefhr dasselbe gefllt.

Die geschnittenen Steine, sagte mein Gastfreund, seien auserlesen, und
denen htte er nichts Gleiches entgegenzustellen, es mte nur das
Marmorstandbild sein.

Das ist es auch, und das ist das Hchste, was in beiden
Kunstsammlungen besteht, erwiderte mein Vater.

Die Schnitzarbeiten im Glashuschen waren meinem Gastfreunde aus
meinen Abbildungen bekannt. Er beschftigte sich aber doch mit ihrer
genauen Besichtigung und erteilte ihnen mit Rcksicht auf die Zeit
ihrer Entstehung viel Lob. Mein Einbeerblatt aus Marmor im Garten
wurde einer Anerkennung nicht fr unwrdig erachtet. Meinen Vater
erquickte die Wrdigung seiner Schtze von einem Manne, wie Risach
war, sehr, und ich glaube, er hatte keine angenehmeren Stunden gehabt,
seit er alle diese Dinge zusammen gebracht, als die Zeit, die Risach
bei ihm gewesen war. Selbst jenen Augenblick drfte er kaum vorgezogen
haben, da sich zum ersten Male meine Augen fr den Wert dessen
geffnet hatten, was er besa. Bei mir war es damals nur Gefhl
gewesen, bei Risach war jetzt es Urteil.

Zum Vergngen auer dem Hause geschahen zwei Theaterbesuche, drei
gemeinschaftliche Besuche in Kunstsammlungen und einige Fahrten in die
Umgebung.

Bei dieser Zusammenkunft wurde auch die Vermhlungszeit besprochen.
Ich sollte meine angekndigte Reise unternehmen und nach der
Zurckkunft sollte kein Aufschub mehr stattfinden. Der Tag werde dann
festgestellt werden. Nach dieser Verabredung wurde Abschied genommen.
Der Abschied war dieses Mal sehr schwer, weil er auf lnger genommen
wurde und weil unglckliche Zuflle in der Abwesenheit nicht unmglich
sein konnten. Aber wir waren standhaft, wir scheuten uns, vor Zeugen,
selbst vor so lieben, einen Schmerz zu uern, sondern trennten uns
und versprachen, uns zu schreiben.

Als uns unsere Gste verlassen hatten, zeigten wir in Briefen an
einige uns sehr befreundete Familien meine Verlobung an. Zur Frstin
ging ich selbst, um ihr dieses Verhltnis zu erffnen. Sie lchelte
herzlich und sagte, da sie sehr wohl bemerkt habe, da ich einmal, da
sie des Namens Tarona Erwhnung getan hatte, uerst heftig errtet
sei.

Ich erwiderte, da ich damals nur errtet sei, weil sie mich auf einer
inneren Neigung betroffen habe, den Namen Tarona habe ich in jener
Zeit an Natalien noch gar nicht gekannt. Ich sprach auch von meiner
Reise, sie lobte diesen Entschlu sehr und erzhlte mir von den
Verhltnissen verschiedener Hauptstdte, in denen sie in frheren
Jahren zeitweilig gewohnt hatte. Sie erwhnte kurz auch Manches
ber das uere Ansehen der Lnder, da sie eine groe Freundin
landschaftlicher Schnheiten war. Sie hatte eben in dem Augenblicke
vor, wieder an den Gardasee zu gehen, den sie schon fter besucht
hatte. Das war auch die Ursache, da sie noch so spt im Frhlinge in
der Stadt war. Sie ersuchte mich, nach meiner Zurckkunft wieder bei
ihr auf ein Weilchen zu erscheinen. Ich versprach es.

Meine Reise wurde nun keinen Augenblick mehr verzgert. Ich nahm von
den Meinigen Abschied und fuhr eines Tages zu dem Tore unserer Stadt
hinaus.

Ich ging zuerst ber die Schweiz nach Italien; nach Venedig, Florenz,
Rom, Neapel, Syrakus, Palermo, Malta. Von Malta schiffte ich mich nach
Spanien ein, das ich von Sden nach Norden mit vielfachen Abweichungen
durchzog. Ich war in Gibraltar, Granada, Sevilla, Cordoba, Toledo,
Madrid und vielen anderen, minderen Stdten. Von Spanien ging ich nach
Frankreich, von dort nach England, Irland und Schottland und von dort
ber die Niederlande und Deutschland in meine Heimat zurck. Ich
war um einen und einen halben Monat weniger als zwei Jahre abwesend
gewesen. Wieder war es Frhling, als ich zurckkehrte, die mchtige
Welt der Alpen, der Feuerberge Neapels und Siciliens, der Schneeberge
des sdlichen Spaniens, der Pyrenen und der Nebelberge Schottlands
hatten auf mich gewirkt. Das Meer, vielleicht das Groartigste,
was die Erde besitzt, nahm ich in meine Seele auf. Unendlich viel
Anmutiges und Merkwrdiges umringte mich. Ich sah Vlker und lernte
sie in ihrer Heimat begreifen und oft lieben. Ich sah verschiedene
Gattungen von Menschen mit ihren Hoffnungen, Wnschen und
Bedrfnissen, ich sah Manches von dem Betriebe des Verkehrs, und in
bedeutenden Stdten blieb ich lange und beschftigte mich mit ihren
Kunstanstalten, Bcherschtzen, ihrem Verkehre, gesellschaftlichem und
wissenschaftlichem Leben und mit lieben Briefen, die aus der Heimat
kamen, und mit solchen, die dorthin abgingen.

Ich kam auf meiner Rckreise frher in die Gegend des Asperhofes und
des Sternenhofes als in meine Heimat. Ich sprach daher in beiden ein.
Alles war sehr wohl und gesund und fand mich sehr gebrunt. Hier
erfuhr ich auch eine Vernderung, die mit meinem Vater vorgegangen
war und die sie mir in den Briefen verschwiegen hatten, damit ich
berrascht wrde. Alle seine Anspielungen, da er pltzlich einmal in
den Ruhestand treten werde, da er sich, ehe man sichs versehe, auf
dem Lande befinden werde, da sich Vieles ereignen werde, woran man
jetzt nicht denke, da man nicht wisse, ob man nicht den Reisewagen
fter brauchen knne, waren in Erfllung gegangen. Er hatte sein
Handelsgeschft abgetreten und hatte den auf einer sehr lieblichen
Stelle zwischen dem Asperhofe und Sternenhofe gelegenen, verkuflich
gewordenen Gusterhof gekauft, den er eben fr sich einrichten lasse.
Man freute sich schon darauf, wie er sich in diesem neuen Besitztume
huslich und wohnlich niederlassen werde. Ich nahm mir nicht Zeit,
diesen Hof, den ich von Auen kannte, zu besuchen, weil ich Natalien,
die mir wie ein Gut wieder gegeben worden war, nicht noch unntig
lnger von meiner Seite entfernt wissen wollte. Nach innigem Empfange
und Abschiede reiste ich zu meinen Eltern, und reiste Tag und Nacht,
um bald einzutreffen. Sie wuten von meiner Ankunft und empfingen mich
freudig. Ich richtete mich sogleich in meiner Wohnung ein. Es war mir
seltsam und wohltuend, den Vater jetzt immer zu Hause und ihn stets
mit Plnen, Entwrfen, Zeichnungen umringt zu sehen. Er war whrend
meiner Abwesenheit fnf Male in dem Gusterhofe und bei diesen
Gelegenheiten fter bei Mathilde oder Risach als Gast gewesen. Die
Mutter und Klotilde hatten ihn zweimal begleitet. Er war in diesen
zwei Jahren um ein gut Teil jnger geworden. Auch die Bewohner des
Sternen- und Asperhofes hatten sich einmal im Winter bei meinen Eltern
als Gste eingefunden. Die Bande waren sehr schn und lieb geflochten.

Gleich am ersten Tage meiner Anwesenheit im elterlichen Hause fhrte
mich meine Mutter in die Zimmer, die fr mich und Natalien als Wohnung
hergerichtet worden waren, wenn wir uns in der Stadt aufhatten
wollten. Ich hatte gar nicht gedacht, da in dem Hause so viel Platz
sei, so gerumig war die Wohnung. Sie war zugleich so schn und edel
angeordnet, da ich meine Freude daran hatte. Ich sprach bei dieser
Gelegenheit von dem Vermhlungstage, und die Mutter antwortete, da
der Vater glaube, es sei nun keine Ursache einer Sumnis, und von uns,
als von der Seite des Brutigams, msse die Anregung ausgehen. Ich bat
um Beschleunigung, und am folgenden Tage gingen schon unsere Briefe in
den Sternenhof und zu Risach ab. In Kurzem kam die Antwort zurck, und
der Tag war nach unsern Vorschlgen festgesetzt. Der Sammelplatz war
der Asperhof.

Meinem Versprechen getreu stellte ich mich nun auch bei der Frstin.
Sie war schon auf ihren Landsitz abgereist. Ich schrieb ihr
daher einige Zeilen, da ich zurck sei, und zeigte ihr meinen
Vermhlungstag an. In kurzer Zeit kam eine Antwort von ihr nebst einem
Pckchen, welches ein Erinnerungszeichen an meine Vermhlungsfeier von
ihr enthalte. Sie knne es mir nicht persnlich bergeben, weil sie
seit einigen Wochen krnklich sei und sich deshalb so frh auf das
Land habe begeben mssen. Das Erinnerungszeichen liege schon seit
lnger in Bereitschaft. Ich ffnete das Pckchen. Es enthielt eine
einzige, aber sehr groe und sehr schne Perle. Die Fassung war fast
keine. Nur ein Stengel und ein Goldscheibchen hafteten an der Perle,
da sie eingeknpft werden konnte. Ich freute mich auerordentlich
ber die Gesinnung der edlen Frstin, ber die Trefflichkeit des
Geschmackes und ber dessen Sinnigkeit; denn eine Perle ist es ja in
meinen Augen, die ich mir als Geschenk an meine Brust zu heften im
Begriffe war. Ich schrieb eine innige Dankantwort zurck.

Unsere Vorbereitungen waren bald gemacht, und wir reisten ab.

Wir knnen ja unsere letzten Rstungen in meinem Landhause machen,
sagte der Vater mit heiterem Lcheln.

Wir fuhren in den Gusterhof. Eine kleine, aber freundlich bestellte
Wohnung, die der Vater vorlufig fr solche Gelegenheiten hatte
herrichten lassen, empfing uns. Es war ein liebliches Gefhl, in
unserem eigenen, uns zugehrigen Landsitze zu sein. Der Vater schien
dieses Gefhl am tiefsten zu hegen, und die Mutter freute sich dessen
ungemein. Wir blieben hier so lange und vervollstndigten unsere
Vorbereitungen, da wir zwei Tage vor der Vermhlung in dem Asperhofe
eintreffen konnten. Mathilde und Natalie waren schon anwesend, da
wir ankamen. Wir begrten uns herzlich. Alles war in einer gewissen
Spannung der Vorbereitungen. Ich konnte Natalien oft nur auf einige
Augenblicke sehen. Klotilde wurde auch sofort hineingezogen.
Botschaften kamen und gingen ab, Gste und Trauzeugen trafen ein. Ich
selber war in einer Art Beklemmung.

Am Nachmittage des ersten Tages fand ich einmal Mathilden, meinen
Gastfreund und Gustav im Lindengange auf und ab wandeln. Ich gesellte
mich zu ihnen. Gustav verlie uns bald.

Wir sprachen eben davon, da mein Sohn sich nun bald von hier
entfernen und in die Welt gehen msse, sagte Mathilde, habt ihr ihn
nach eurer Reise nicht auch verndert gefunden?

Er ist ein vollkommener Jngling geworden, erwiderte ich, ich habe
auf meinen Reisen keinen gesehen, der ihm gleich wre. Er war ein sehr
kraftvoller Knabe und ist auch ein solcher Jngling geworden, aber,
wie ich glaube, gemilderter und sanfter. Ja, sogar in seinen Augen,
die noch glnzender geworden sind, erscheint mir etwas, das beinahe
wie das Schmachten bei einem Mdchen ist.

Es freut mich, da ihr das auch bemerkt habt, sagte mein Gastfreund,
es ist so, und es ist sehr gut, wenn auch gefhrlich, da es so ist.
Gerade bei sehr kraftvollen Jnglingen, deren Herz von keinem bsen
Rauche angeweht worden ist, tritt in gewissen Jahren ein Schmachten
ein, das noch holder wirkt als bei heranblhenden Mdchen. Es ist dies
nicht Schwche, sondern gerade berflle von Kraft, die so reizend
wirkt, wenn sie aus den meistens dunkeln, sanftschimmernden Augen
blickt und gleichsam wie ein Juwel an den unschuldigen Wimpern hngt.
Solche Jnglinge dulden aber auch, wenn bse Schicksalstage kommen,
mit einem Starkmute, der der Krone eines Mrtyrers wert wre, und wenn
das Vaterland Opfer heischt, legen sie ihr junges Leben einfach und
gut auf den Altar. Sie knnen aber auch zu falscher Begeisterung
getrieben und mibraucht werden, und wenn ein solches Jnglingsauge
zu rechter Zeit in das rechte Mdchenauge schaut, so flammt die
pltzlichste, heieste, aber oft auch unglcklichste Liebe empor,
weil der junge, unverflschte Mann sie fast unausrottbar in sein Herz
nimmt. Wir werden, wenn die jetzige Angelegenheit vorber ist, weiter
von dem sprechen, was etwa not tut.

Ich sehe ja das Gute und die Gefahr, sagte Mathilde.

Wir gingen bald in das Haus zurck.

Er mu in die Hrte der Welt, die wird ihn sthlen, sagte mein
Gastfreund auf dem Wege dahin.


Endlich war der Vermhlungstag angebrochen. Die Trauung sollte am
Vormittage in der Kirche zu Rohrberg stattfinden, in welche der
Asperhof eingepfarrt war. Der Versammlungsort war der Marmorsaal,
dessen Fuboden zu diesem Zwecke mit feinem grnen Tuche berspannt
worden war. Gleiches Tuch lag auf allen Treppen. Ich kleidete mich in
meinen Zimmern an, tat ein Gebet zu Gott und wurde von einem meiner
Trauzeugen in den Marmorsaal gefhrt. Von unsern Angehrigen waren
erst die Mnner dort. Die Zeugen und die meisten Gste waren zugegen.
Risach war im Staatskleide und mit allen seinen Ehren geschmckt. Da
tat sich die Tr, die von dem Gange hereinfhrte, auf und Natalie mit
ihrer und meiner Mutter, mit Klotilden und mit noch andern Frauen und
Mdchen trat herein. Sie war prachtvoll gekleidet und mit Edelsteinen
gleichsam berst; aber sie war sehr bla. Die Edelsteine waren in
mittelalterlicher Fassung, das sah ich wohl; aber ich hatte nicht die
Stimmung, auch nur einen Augenblick darauf zu achten. Ich ging ihr
entgegen und reichte ihr sanft die Hand zum Grue. Sie zitterte sehr.

Mein Gastfreund sagte zu meinen Eltern: Das Lieblingsgesprch eures
Sohnes waren bisher seine Eltern und seine Schwester, wer ein so guter
Sohn ist, wird auch ein guter Gatte werden.

Die schneren Eigenschaften, die eine Zukunft gewhren, sagte mein
Vater, hat er von euch gebracht, wir haben es wohl gesehen und haben
ihn darum immer mehr geliebt, ihr habt ihn gebildet und veredelt.

Ich mu antworten wie bei Natalien, erwiderte mein Gastfreund, sein
Selbst hat sich entwickelt und aller Umgang, der ihm zu Teil geworden,
vorerst der eurige, hat geholfen.

Ich wollte etwas sprechen, konnte aber vor Bewegung nicht.

Gustav, der in der Nhe der Frauen stand, sah mich an, ich ihn auch.
Er war ebenfalls sehr bla.

Indessen hatten sich alle nach und nach eingefunden, die bei der
Trauung gegenwrtig sein sollten, die Stunde der Abfahrt war da und
der Hausverwalter meldete, da alles in Bereitschaft sei.

Mathilde machte Natalien das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne, den
Mund und die Brust, und diese beugte sich mit ihren Lippen auf die
Hand der Mutter nieder. Dann faten die Mdchen den Schleier, der wie
ein Silbernebel von dem Haupte Nataliens bis zu ihren Fen reichte,
hllten sie in ihn, und Natalie ging, von ihren Mdchen umringt
und von den Frauen geleitet, die Treppe hinunter, auf welcher die
Marmorgestalt stand. Wir folgten. Mit mir waren meine Zeugen und
Risach und der Vater. Den ersten Teil der Wagenreihe nahmen die
Frauen, die Braut und die Mdchen ein, den letzten die Mnner und ich.
Wir stiegen ein, der Zug setzte sich in Bewegung. Es war viel Volk
gekommen, die Brautfahrt zu sehen. Darunter erblickte ich meinen
Zitherspiellehrer, welcher mir mit einem grnen Hute, auf dem er
Federn hatte, winkte. Die Bewohner des Meierhofes und die Diener des
Hauses waren grtenteils vorausgegangen und harrten unser in der
Kirche. Einige befanden sich auch in den Wgen. Der Zug fuhr langsam
den Hgel hinab.

In der Kirche erwartete uns der Pfarrer von Rohrberg, wir traten vor
den Altar, und die Trauung ward vollbracht.

Zum Zurckfahren kamen Natalie und ich allein in einen Wagen. Sie
sprach nichts, der Schleier blieb zurckgeschlagen und Tropfen nach
Tropfen flo aus ihren Augen.

Da wir wieder in dem Marmorsaale waren, wurden auf den langen Tisch,
den man heute hier aufgerichtet und mit vielen Sthlen umgeben hatte,
von Risach und von meinem Vater die Papiere niedergelegt, die sich auf
unsere Vermhlung und unser Vermgen bezogen. Ich aber nahm indessen
Natalien an der Hand und fhrte sie durch das Bilder- und Lesezimmer
in das Bcherzimmer, in welchem wir allein waren. Dort stellte ich
mich ihr gegenber und breitete die Arme aus. Sie strzte an meine
Brust. Wir umschlangen uns fest und weinten beide beinahe laut.

Meine teure, meine einzige Natalie! sagte ich.

O mein geliebter, mein teurer Gatte, antwortete sie, dieses Herz
gehrt nun ewig dir, habe Nachsicht mit seinen Gebrechen und seiner
Schwche.

O mein teures Weib, entgegnete ich, ich werde dich ohne Ende ehren
und lieben, wie ich dich heute ehre und liebe. Habe auch du Geduld mit
mir.

O Heinrich, du bist ja so gut, antwortete sie.

Natalie, ich werde suchen, jeden Fehler dir zu Liebe abzulegen,
erwiderte ich, und bis dahin werde ich jeden so verhllen, da er
dich nicht verwunde.

Und ich werde bestrebt sein, dich nie zu krnken, antwortete sie.

Alles wird gut werden, sagte ich.

Es wird alles gut werden, wie unser zweiter Vater gesagt hat,
antwortete sie.

Ich fhrte sie nher an das Fenster, und da standen wir und hielten
uns an den Hnden. Die Frhlingssonne schien herein, und neben den
Diamanten glnzten die Tropfen, die auf ihr schnes Kleid gefallen
waren.

Natalie, bist du glcklich? sagte ich nach einer Weile.

Ich bin es in hohem Mae, antwortete sie, mgest du es auch sein.

Du bist mein Kleinod und mein hchstes Gut auf dieser Erde,
erwiderte ich, es ist mir noch wie im Traume, da ich es errungen
habe, und ich will es erhalten, so lange ich lebe.

Ich kte sie auf den Mund, den sie freundlich bot. In ihre feinen
Wangen war das Rot zurckgekehrt.

In diesem Augenblicke hrten wir Tritte in dem Nebenzimmer, und
Mathilde, meine Mutter, Risach, mein Vater und Klotilde, die uns
gesucht hatten, traten ein.

Mutter, teure Mutter, sagte ich zu Mathilden, indem ich allen
entgegen ging, Mathildens Hand fate und sie zu kssen strebte.
Mathilde hatte sich nie die Hand von irgend jemandem kssen lassen.
Dieses Mal erlaubte sie, da ich es tue, indem sie sanft sagte: Nur
das eine Mal.

Dann kte sie mich auf die Stirne und sagte: Sei so glcklich, mein
Sohn, als du es verdienst und als es die wnscht, die dir heute ihr
halbes Leben gegeben hat.

Risach sagte zu mir: Mein Sohn, ich werde dich jetzt du nennen, und
du mut zu mir wie zu deinem ersten Vater auch dies Wrtchen sagen -
mein Sohn, nach dem, was heute vorgefallen, ist deine erste Pflicht,
ein edles, reines, grundgeordnetes Familienleben zu errichten. Du hast
das Vorbild an deinen Eltern vor dir, werde, wie sie sind. Die Familie
ist es, die unsern Zeiten not tut, sie tut mehr not als Kunst und
Wissenschaft, als Verkehr, Handel, Aufschwung, Fortschritt oder wie
alles heit, was begehrungswert erscheint. Auf der Familie ruht die
Kunst, die Wissenschaft, der menschliche Fortschritt, der Staat. Wenn
Ehen nicht beglcktes Familienleben werden, so bringst du vergeblich
das Hchste in der Wissenschaft und Kunst hervor, du reichst es einem
Geschlechte, das sittlich verkommt, dem deine Gabe endlich nichts mehr
ntzt und das zuletzt unterlt, solche Gter hervor zu bringen. Wenn
du auf dem Boden der Familie einmal stehend - viele schlieen keine
Ehe und wirken doch Groes -, wenn du aber auf dem Boden der Familie
einmal stehst, so bist du nur Mensch, wenn du ganz und rein auf ihm
stehst. Wirke dann auch fr die Kunst oder fr die Wissenschaft, und
wenn du Ungewhnliches und Ausgezeichnetes leistest, so wirst du mit
Recht gepriesen, ntze dann auch deinen Nachbarn in gemeinschaftlichen
Angelegenheiten und folge dem Rufe des Staates, wenn es not tut. Dann
hast du dir gelebt und allen Zeiten. Gehe nur den Weg deines Herzens
wie bisher und alles wird sich wohl gestalten.

Ich reichte ihm die Hand, er zog mich an sich und kte mich auf den
Mund.

Natalie war indessen in den Armen meiner Mutter, meines Vaters und
Klotildens gewesen.

Er wird gewi bleiben, wie er heute ist, sagte sie, wahrscheinlich
auf einen Wunsch fr die Zukunft antwortend.

Nein, mein teures Kind, sagte meine Mutter, er wird nicht so
bleiben, das weit du jetzt noch nicht: er wird mehr werden, und du
wirst mehr werden. Die Liebe wird eine andere, in vielen Jahren ist
sie eine ganz andere; aber in jedem Jahr ist sie eine grere, und
wenn du sagst, jetzt lieben wir uns am meisten, so ist es in Kurzem
nicht mehr wahr, und wenn du statt des blhenden Jnglings einst
einen welken Greis vor dir hast, so liebst du ihn anders, als du den
Jngling geliebt hast; aber du liebst ihn unsglich mehr, du liebst
ihn treuer, ernster und unzerreibarer.

Mein Vater wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand ber die Augen.

Meine Mutter kte Natalien noch einmal und sagte: Du liebe, gute,
teure Tochter.

Natalie gab den Ku zurck und schlang die Arme um den Hals meiner
Mutter.

Kinder, jetzt mssen wir zu den Andern gehen, sagte Risach.

Wir gingen in den Saal. Dort gab Risach Papiere in die Hnde
Nataliens. Sie legte sie in die meinigen. Mein Vater gab mir auch
Papiere. Alle Anwesenden wnschten uns nun Glck, vor allem Gustav,
den ich die letzte Zeit her gar nicht gesehen hatte. Er fiel der
Schwester um den Hals und auch mir. In seinen schnen Augen perlten
Trnen. Dann beglckwnschten uns Eustach, Roland, die vom Inghofe,
der Pfarrer von Rohrberg, der mich auf unser erstes Zusammentreffen in
diesem Hause an jenem Gewitterabende erinnerte, und alle Andern.

Risach sagte, da jetzt jedem zwei Stunden zur Verfgung gegeben
seien, dann msse sich alles in dem Marmorsaale zu einem kleinen Mahle
versammeln.

Natalie wurde von ihren Trauungsjungfrauen in die Gemcher ihrer
Mutter gefhrt, da sie dort die Trauungsgewnder ablege. Ich ging in
meine Wohnung, kleidete mich um und verschlo die Papiere, ohne sie
anzusehen. Nach einer geraumen Zeit ging ich in das Vorzimmer zu
Mathildens Wohnung und fragte, ob Natalie schon in Bereitschaft
sei, ich liee bitten, mit mir einen kurzen Gang durch den Garten
zu machen. Sie erschien in einem schnen, aber sehr einfachen
Seidenkleide und ging mit mir die Treppe hinab. Sie reichte mir den
Arm und wir wandelten eine Zeit unter den groen Linden und auf
anderen Gngen des Garten herum.

Nachdem die zwei Stunden verflossen waren, wurde mit der Glocke das
Zeichen zum Mahle gegeben. Alles begab sich in den Saal und erhielt
dort seine Sitze angewiesen. Das Mahl war, wie gewhnlich bei Risach,
einfach, aber vortrefflich. Fr Kenner und Liebhaber standen sehr edle
Weine bereit. Es war nie in dem Saale ein Mahl abgehalten worden, und
der Ernst des Marmors, bemerkte mein gewesener Gastfreund, drfe nur
in den Ernst des edelsten Weines nieder blicken. Trinksprche wurden
ausgebracht und sogar Reime auf ewiges Wohl hergesagt.

Habe ich es gut gemacht, Natta, sagte mein einstiger Gastfreund,
da ich dir den rechten Mann ausgesucht habe? Du meintest immer,
ich verstnde mich nicht auf diese Dinge, aber ich habe ihn auf den
ersten Blick erkannt. Nicht blo die Liebe ist so schnell wie die
Electricitt, sondern auch der Geschftsblick.

Aber Vater, sagte Natalie errtend, wir haben ja ber diesen
Gegenstand nie gestritten, und ich konnte dir die Fhigkeit nicht
absprechen.

So hast du dir es gewi gedacht, erwiderte er, aber richtig habe
ich doch geurteilt: er war immer sehr bescheiden, hat nie vorlaut
geforscht und gedrngt und wird gewi ein sanfter Mann werden.

Und du, Heinrich, sagte er nach einer Weile, werde darum nicht
stolz. Verdankst du mir nicht endlich ganz und gar Alles? Du
hast einmal, da du zum ersten Male in diesem Hause warst, in der
Schreinerei gesagt, da der Wege sehr verschiedene sind und da man
nicht wissen knne, ob der, der dich eines Gewitters wegen zu mir
herauf gefhrt hat, nicht ein sehr guter Weg gewesen ist, worauf ich
antwortete, da du ein wahres Wort gesprochen habest und da du es
erst recht einsehen werdest, wenn du lter bist; denn in dem Alter,
dachte ich mir damals, bersieht man erst die Wege, wie ich die
meinigen bersehen habe. Wer htte aber damals geglaubt, da mein Wort
die Bedeutung bekommen werde, die es heute hat? Und alles hing davon
ab, da du hartnckig gemeint hast, ein Gewitter werde kommen, und da
du meinen Gegenreden nicht geglaubt hast.

Darum, Vater, war es Fgung, und die Vorsicht selber hat mich zu
meinem Glcke gefhrt, sagte ich.

Die alte Frau, die in dem dunkeln Stadthause unsere Wohnungsnachbarin
und zuweilen unser Gast war, sagte mein Vater, hat dir, Heinrich,
die Weissagung gemacht, es werde recht viel aus dir werden: und nun
bist du blo, wie du selber sagst, glcklich geworden.

Das Andere wird kommen, riefen mehrere Stimmen.

Eine gute Eigenschaft habe ich an deiner Gattin zu ihren andern
Tugenden entdeckt, fuhr mein Vater fort, sie ist nicht neugierig;
oder hast du, liebe Tochter, das Kstchen schon erffnet, welches ich
dir gegeben habe?

Nein, Vater, ich wartete auf deinen Wink, antwortete Natalie.

So lasse das Kstchen bringen, entgegnete mein Vater.

Es geschah. Der Faden mit dem Siegel wurde entzwei geschnitten, das
Kstchen geffnet, und auf weiem Sammt lag ein auerordentlich
schner Schmuck von Smaragden. Ein allgemeiner Ruf der Verwunderung
machte sich hrbar. Nicht nur waren die Steine an sich, obwohl nicht
zu den grten ihrer Art gehrend, sehr schn, sondern die Fassung,
die Steine nicht drckend, war doch so leicht und so schn, da das
Ganze wie ein zusammengehriges, in einander gewachsenes Werk, wie ein
wirkliches Kunstwerk, erschien. Selbst Eustach und Roland sprachen
ihre Verwunderung aus, und vollends Risach. Sie versicherten, da sie
keine neue Arbeit gesehen htten, die dieser gliche.

Dein Freund, mein Heinrich, hat diesen Schmuck fertigen lassen,
sagte mein Vater, wir haben Smaragde gewhlt, weil er eben sehr
schne und in erforderlicher Anzahl hatte, weil Smaragde unter allen
farbigen Steinen den Ton des weiblichen Halses und Angesichtes am
sanftesten heben, und weil du tief gefrbte und reine Smaragde so
liebst. Und alle hier sind tief und rein. Wir haben gesucht, nach
deinen Grundstzen die Steine fassen zu lassen. Es sind viele
Zeichnungen gemacht, gewhlt, verworfen und wieder gewhlt worden.
Es drfte der beste Zeichner unserer Stadt sein, der endlich das
Vorliegende zusammen gestellt hat. Es wurde hierauf beinahe Tag und
Nacht gearbeitet, um zu rechter Zeit fertig zu sein. Geffnet sollte
das Kstchen darum nicht werden, damit meine Tochter nicht etwa blo
mir zu Liebe diesen Schmuck an ihrem Trauungstage nehmen und einen
schneren und kostbareren, den sie besitze, zu ihrem Leidwesen ruhen
lasse.

Sie besitzt keinen schneren, erwiderte Risach, wir haben
den, welchen sie heute trug, nach Zeichnungen, die wir aus
mittelalterlichen Gegenstnden frei zusammen trugen, ebenfalls bei
Heinrichs Freunde verfertigen lassen. Mathilde, la doch den Schmuck
herbei bringen, da wir beide vergleichen.

Mathilde reichte an Natalien ein Schlsselchen, und diese holte selber
das Fach, in welchem der Schmuck lag. Er war eine Zusammensetzung von
Diamanten und Rubinen. Er sah so zart, rein und edel aus, wie ein in
Farben gesetztes mittelalterliches Kunstwerk. Ein wahrer Zauber lag
um diese Innigkeit von Wasserglanz und Rosenrte in die sinnigen
Gestalten verteilt, die nur aus den Gedanken unserer Vorfahren so
genommen werden knnen. Und dennoch stand nach einstimmigem Urteil der
Smaragdschmuck nicht zurck. Der Knstler der Gegenwart kam zu Ehren.

Es ist aber auch keiner in unserer Stadt und vielleicht in weiten
Kreisen, der so zeichnen kann, sagte mein Vater, er huldigt keinem
Zeitgeschmacke, sondern nur der Wesenheit der Dinge, und hat ein so
tiefes Gemt, da der hchste Ernst und die hchste Schnheit daraus
hervorblicken. Oft wehte es mich aus seinen Gestalten so an wie aus
den Nibelungen oder wie aus der Geschichte der Ottone. Wenn dieser
Mann nicht so bescheiden wre und statt den Dingen, womit man ihn
berhuft, lieber groe Gemlde machte, er wrde seines Gleichen
jetzt nicht haben und nur mit den grten Meistern der Vergangenheit
zusammengestellt werden knnen.

Ein Schmuck in seinem Fache, sagte eine Stimme, ist doch wie ein
Bild ohne Rahmen, oder noch mehr wie ein Rahmen ohne Bild.

Freilich ist es so, entgegnete Risach, man kann jedes Ding nur an
seinem Platze beurteilen, und da mein Freund als mein Nebenbuhler
aufgetreten ist, so wre es nicht zu verwerfen - Natta, bist du mein
liebes Kind?

Vater, wie gerne! antwortete diese.

Sie stand von ihrem Stuhle auf, entfernte sich und kam so gekleidet
wieder, da man ihr einen kostbaren Schmuck umlegen konnte. Es geschah
zuerst mit den Diamanten und Rubinen. Wie herrlich war Natalie, und
es bewhrte sich, da der Schmuck der Rahmen sei. Am Vormittage, in
beklemmenden und tieferen Gefhlen befangen, konnte ich dem Schmucke
keine Aufmerksamkeit schenken. Jetzt sah ich die schnen Gestaltungen
wie von einem sanften Scheine umgeben. Im Mittelpunkte aller Blicke
errtete die junge Frau, und die Rosen ihrer Farbe gaben den Rubinen
erst die Seele und empfingen sie von ihnen. Der Ausdruck der
Bewunderung war allgemein. Hierauf wurde der Smaragdschmuck umgelegt.
Aber auch er war vollendet. Der dunkle, tiefe Stein gab der Oberflche
von Nataliens Bildungen etwas Ernstes, Feierliches, fremdartig
Schnes. War der Diamantschmuck wie fromm erschienen, so erschien der
Smaragdschmuck wie heldenartig. Keiner erhielt den Preis. Risach und
der Vater stimmten selber berein. Natalie nahm ihn wieder ab, beide
Schmuckstcke wurden in ihre Fcher gelegt, Natalie trug sie fort und
erschien nach einer Zeit wieder in ihrem frheren Anzuge.

Bei dem Smaragdschmucke hatte sich etwas Aufflliges ereignet. Von
ihm waren die Ohrgehnge im Fache zurckgeblieben. Der Diamantschmuck
enthielt keine Ohrgehnge. Mathilde und Natalie trugen Ohrgehnge
nicht, weil nach ihrer Meinung der Schmuck dem Krper dienen soll.
Wenn aber der Krper verwundet wird, um Schmuck in die Verletzung zu
hngen, werde er Diener des Schmuckes.

Als noch immer von den Steinen gesprochen wurde, was ihre Bestimmung
sei und wie sie sich auf dem Krper ganz anders ansehen lassen als in
ihrem Fache, sagte Eustach etwas, das mir als sehr wahr erschien:

Was die innere Bestimmung der Edelsteine ist, sprach er, kann nach
meiner Meinung niemand wissen: fr den Menschen sind sie als Schmuck
an seinem Krper am schnsten, und zwar zuerst an den Teilen, die er
entblt trgt, dann aber an seinem Gewande und an allem, was sonst
mit ihm in Berhrung kommt, wie Knigskronen, Waffen. An bloen
Gerten, wie wichtig sie sind, erscheinen die Steine als tot, und an
Tieren sind sie entwrdigt.

Man sprach noch lnger ber diesen Gegenstand und erluterte ihn durch
Beispiele.

Da heute unser Wettkampf unentschieden geblieben ist, sagte Risach
zu meinem Vater, so wollen wir nun sehen, wer mit geringerem Aufwande
seinen Sitz zu einem greren Kunstwerke machen kann, du deinen
Drenhof, oder wenn du ihn lieber Gusterhof nennen willst, oder ich
meinen Asperhof.

Du bist schon im Vorsprunge, entgegnete mein Vater, und hast gute
Zeichner bei dir: ich fange erst an, und mein Zeichner liefert mir
wahrscheinlich keine Zeichnung mehr.

Wenn es uns im Asperhofe an Arbeit fehlt, so worden wir in den
Drenhof hinber geliehen, sagte Eustach.

Auch dann, wenn wir hier Arbeit haben, erwiderte Risach, ich will
dem Feinde Waffen liefern.


Der Nachmittag war ziemlich vorgerckt und es fehlte nicht mehr viel
zum Abende. Das Mahl war schon lngst aus und man sa nur mehr, wie es
fter geschieht, im Gesprche um den Tisch.

Mir war schon lnger her das Benehmen des Grtners Simon aufgefallen;
denn er, so wie die vorzglicheren Diener des Hauses und Meierhofes,
war zu Tische geladen worden. Die Andern hatten in dem Meierhofe ein
Mahl. Ich hatte ihm am Morgen zur Erinnerung an den heutigen Tag eine
silberne Dose mit meinem Namen in dem Deckel gegeben. Diese Dose hatte
er bei sich auf dem Tische und sprach ihr unruhig zu. Manches Mal
flsterte er mit seinem Weibe, das an seiner Seite sa, und fter ging
er fort und kam wieder. Eben trat er nach einer solchen Entfernung
wieder in den Saal. Er setzte sich nicht und schien mit sich zu
kmpfen. Endlich trat er zu mir und sprach: Alles Gute belohnt sich,
und euch erwartet heute noch eine groe Freude.

Ich sah ihn befremdet an.

Ihr habt den Cereus peruvianus vom Untergange gerettet, fuhr er
fort, wenigstens htte er leicht untergehen knnen, und ihr seid
Ursache gewesen, da er in dieses Haus gekommen ist, und heute noch
wird er blhen. Ich habe ihn durch Klte zurck zu halten gesucht,
selbst auf die Gefahr hin, da er die Knospe abwerfe, damit er nicht
eher blhe als heute. Es ist alles gut gegangen. Eine Knospe steht zum
Entfalten bereit. In mehreren Minuten kann sie offen sein. Wenn die
Gesellschaft dem Gewchshause die Ehre antun wollte...

Ja, Simon, ja, wir gehen hin, sagte mein Gastfreund.

Sofort erhob man sich von dem Tische und rstete sich zu dem Gange
in die Gewchshuser. Simon hatte alles Andere um die Stelle des
Peruvianus, der in ein eigenes Glashuschen hinein ragte, entfernt
und Platz zum Betrachten der Pflanze gemacht. Die Blume war, da wir
hinkamen, bereits offen. Eine groe, weie, prachtvolle, fremdartige
Blume. Alles war einstimmig im Lobe derselben.

So viele Menschen den Peruvianus haben, sagte Simon, denn gar
selten ist er eben nicht, so mchtig gro sie auch seinen Stamm
ziehen, so selten bringen sie ihn zur Blte. Wenige Menschen in Europa
haben diese weie Blume gesehen. Jetzt ffnet sie sich, morgen mit
Tagesanbruch ist sie hin. Sie ist kostbar mit ihrer Gegenwart. Mir ist
es geglckt, sie blhen zu machen - und gerade heute. - Es ist ein
Glck, das die wahrste Freude hervorbringen mu.

Wir blieben ziemlich lange und erwarteten das vllige Entfalten.

Es kommen auch nicht viele Blumen, wie bei gemeinen Gewchsen,
hervor, sagte Simon wieder, sondern stets nur eine, spter etwa
wieder eine.

Mein Gastfreund schien wirklich Freude an der Blume zu haben, ebenso
auch Mathilde. Natalie und ich dankten Simon besonders fr seine
groe Aufmerksamkeit und sagten, da wir ihm diese berraschung nie
vergessen werden. Dem alten Manne standen die Trnen in den Augen.
Er hatte Lampen um die Blume angebracht, die bei hereinbrechender
Dmmerung angezndet worden sollten, wenn etwa jemand die Blume in
der Nacht betrachten wolle. Bei lngerem Anschauen gefiel uns die
Blume immer mehr. Es drften in unsern Grten wenige sein, die
an Seltsamkeit, Vornehmheit und Schnheit ihr gleichen. Von den
Anwesenden hatte sie nie einer gesehen. Wir gingen endlich fort, und
der eine und der andere versprach, im Laufe des Abends noch einmal zu
kommen.

Da wir auf dem Rckwege waren und an dem Gebsche, das sich in der
Nhe des Lindenganges befindet, vorbeigingen, ertnte dicht am Wege
in den Bschen ein Zitherklang. Risach, welcher meine Mutter fhrte,
blieb stehen, ebenso mein Vater und Mathilde und dann auch die Andern,
die sich eben in unserer Nhe befanden. Ich war mit Natalien mehr
gegen den Busch getreten; denn ich erkannte augenblicklich den Klang
meines Zitherspiellehrers. Er trug eine ihm eigentmliche Weise vor,
dann hielt er inne, dann spielte er wieder, dann hielt er wieder inne,
und so fort. Es waren lauter Weisen, die er selber ersonnen hatte oder
die ihm vielleicht eben in dem Augenblicke in den Sinn gekommen waren.
Er spielte mit aller Kraft und Kunst, die ich an ihm so oft bewundert
hatte, ja er schien heute noch besser als je zu spielen. Es war, als
wenn er nichts auf Erden liebte als seine Zither. Alles, was sich in
der Nhe befand, lauschte unbeweglich, und nicht einmal ein Zeichen
eines Beifalles wurde laut. Nur Mathilde sah einmal auf Natalien hin,
und zwar so bedeutsam, als wollte sie sagen: das haben wir nicht
gehrt, und das vermgen wir nicht hervorzubringen. Die Zither war ein
lebendiges Wesen, das in einer Sprache sprach, die allen fremd war und
die alle verstanden. Als die Tne endlich nicht mehr wieder beginnen
zu wollen schienen, trat ich mit Natalien ins Gebsch, und da sa mein
Zitherspiellehrer an einem Tischchen und hatte seine Zither vor sich.
Sein Anzug war graues Tuch und sehr abgetragen, sein grner Hut lag
neben der Zither auf dem Tische.

Joseph, bist du wieder in der Gegend? fragte ich ihn.

So recht nicht, antwortete er, ich bin gekommen, euch auf der
Hochzeit einmal gut aufzuspielen.

Das hast du getan und das kann keiner so, sagte ich, du sollst
dafr eine Freude haben, und ich wei dir eine zu verschaffen, welche
dir die grte ist. Bessere Hnde knnen das, was ich dir geben will,
nicht fassen als die deinen. Das Rechte mu zusammenkommen. Ich bin
dir ohnehin auch noch einen Dank schuldig fr dein eifriges Lehren und
fr deine Begleitung im Gebirge.

Dafr habt ihr mich bezahlt, und das Heutige tat ich freiwillig,
sagte er.

Warte nur einige Tage hier, dann wirst du empfangen, was ich meine,
sprach ich.

Ich warte gerne, erwiderte er.

Du sollst gut gehalten sein, sagte ich.

Indessen waren alle Andern auch herbeigekommen und berschtteten
den Mann mit Lob. Risach lud ihn ein, eine Weile in seinem Hause zu
bleiben. Er spielte noch einige Weisen, er verga beinahe, da ihm
jemand zuhre, spielte sich hinein und hrte endlich auf, ohne auf die
Umstehenden Rcksicht zu nehmen, genau so, wie er es immer tat. Wir
entfernten uns dann.

Ich rief sogleich den Hausverwalter herbei, sagte ihm, er mge
mir einen Boten besorgen, welcher auf der Stelle in das Echerthal
abzugehen bereit sei. Der Hausverwalter versprach es. Ich schrieb
einige Zeilen an den Zithermacher, legte das ntige Geld bei,
versprach noch mehr zu senden, wenn es ntig sein sollte, und
verlangte, da er die dritte Zither, welche die gleiche von der
meinigen und der meiner Schwester sei, in eine Kiste wohlverpackt dem
Boten mitgebe, der den Brief bringt. Der Bote erschien, ich gab ihm
das Schreiben und die ntigen Weisungen, und er versprach, die heutige
Nacht zu Hilfe zu nehmen und in krzester Frist zurck zu sein. Ich
hielt mich nun fr sicher, da nicht etwa im letzten Augenblicke die
Zither wegkomme, wenn sie berhaupt noch da sei.

Indessen war es tief Abend geworden. Ich ging mit Natalien und
Klotilden noch einmal zu dem Cereus peruvianus, der im Lampenlicht
fast noch schner war. Simon schien bei ihm wachen zu wollen. Immer
gingen Leute ab und zu. Joseph hrten wir auch noch einmal spielen. Er
spielte in der groen unteren Stube, wir traten ein, er hatte guten
Wein vor sich, den ihm Risach gesendet hatte. Das ganze Hausvolk war
um ihn versammelt. Wir hrten lange zu, und Klotilde begriff jetzt,
warum ich im Gebirge so gestrebt habe, da sie diesen Mann hre.

Ein Teil der Gste hatte noch heute das Haus verlassen, ein anderer
wollte es bei Anbruch des nchsten Tages tun und einige wollten noch
bleiben.

Im Laufe des folgenden Vormittages, da sich die Zahl der Anwesenden
schon sehr gelichtet hatte, kamen noch einige Geschenke zum
Vorscheine. Risach fhrte uns in das Vorratshaus, welches neben dem
Schreinerhause war. Dort hatte man einen Platz geschafft, auf welchem
mehrere mit Tchern verhllte Gegenstnde standen. Risach lie den
ersten enthllen, es war ein kunstreich geschnittener Tisch und hatte
den Marmor als Platte, welchen ich einst meinem Gastfreunde gebracht
hatte, und ber dessen Schicksal ich spter in Ungewiheit war.

Die Platte ist schner als tausende, sagte Risach, darum gebe
ich das Geschenk meines einstigen Freundes in dieser Gestalt meinem
jetzigen Sohne. Keinen Dank, bis alles vorber ist.

Nun wurde ein groer, hoher Schrein enthllt.

Ein Scherz von Eustach an dich, mein Sohn, sagte Risach.

Der Schrein war von allen Hlzern, welche unser Land aufzuweisen hat,
in eingelegter Arbeit verfertigt. Eustach hatte die Zusammenstellung
entworfen. Die Sache sah auerordentlich reizend aus. Ich hatte bei
meinem Winterbesuche im Asperhofe an diesem Schreine arbeiten gesehen.
Ich hatte damals die Ansammlung von Hlzern seltsam gefunden, auch
hatte ich den Zweck des Schreines nicht erkannt. Er war in mein
Arbeitszimmer fr meine Mappen bestimmt.

Zuletzt wurden mehrere Gegenstnde enthllt. Es waren die Ergnzungen
zu meines Vaters Vertflungen. Das war gleich auf den ersten Blick
zu erkennen und erregte Freude; aber ob sie die rechten oder
nachgebildete seien, war nicht zu entscheiden. Risach klrte alles
auf. Es waren nachgebildete. Zu diesem Behufe hatte man von mir
die Abbildungen der Vertflungen des Vaters verlangt. Roland hatte
vergeblich nach den echten geforscht. Er hatte Messungen nach den
vorhandenen Resten vorgenommen und nach Orten gesucht, auf welche
die Messungen paten. In einem abgelegenen Teile der Holzbauten
des steinernen Hauses hatte er endlich Bohlen gefunden, welche den
Messungen genau entsprachen. Die Bohlen waren teils vermorscht, teils
zerrissen und trugen die Verletzungen, wie man die Schnitzereien von
ihnen herab gerissen hatte. Es war nun fast gewi, da die Ergnzungen
verloren gegangen seien. Man machte daher die Nachbildungen. In
demselben Winterbesuche hatte ich auch das Bohlenwerk zu diesen
Schnitzereien gesehen. Mein Vater erklrte die Arbeit fr
auerordentlich schn.

Sie hat auch lange gedauert, mein lieber Freund, sagte Risach, aber
wir haben sie fr dich zu Stande gebracht, und sie wird genau in dein
Glashuschen passen oder leicht einzupassen sein; auer du zgest vor,
die Schnitzereien in den Drenhof bringen zu lassen.

So wird es auch geschehen, mein Freund, sagte mein Vater.

Nun ging es erst an ein Danksagen und an ein Ausdrcken der Freude.
Die Geber lehnten jeden Dank von sich ab. Man beschlo, die
Gegenstnde in kurzer Zeit auf ihren Bestimmungsort zu bringen.

An diesem Tage und in den folgenden verlieen uns nach und nach
alle Fremden, und erst jetzt begann ein liebes Leben unter lauter
Angehrigen. Risach hatte fr mich und Natalien eine sehr schne
Wohnung herrichten lassen. Sie konnte nicht gro sein, war aber sehr
zierlich. In den zwei Jahren meiner Abwesenheit waren ihre Wnde
bekleidet und waren neue, ausgezeichnete Gerte fr sie angeschafft
worden. Wir beschlossen aber, unsere regelmige Wohnung so lange in
dem Sternenhofe aufzuschlagen, bis ihn Gustav wrde bernehmen knnen,
damit Mathilde in der Zwischenzeit nicht zu vereinsamt wre. Dabei
wrde ich oft in den Asperhof kommen, um mit Risach zu beratschlagen
oder zu arbeiten, oft wrden auch die Andern kommen, und oft wrden
wir uns da oder im Gusterhofe oder im Sternenhofe oder in der
Stadt besuchen und zeitweilig dort wohnen. Mit Natalien hatte ich
eine grere Reise vor. Fr den Fall, da ich in was immer fr
Angelegenheiten abwesend sein sollte, nahm jedes Haus das Recht in
Anspruch, Natalien beherbergen zu drfen.

Der Zitherspieler spielte tglich und oft ziemlich lange vor uns. Am
fnften Tage kam die Zither. Ich berreichte sie ihm, und er, da er
sie erkannte, wurde fast bla vor Freude. Dieses Geschenk durfte das
beste fr ihn genannt werden; von diesem Geschenke wird er sich nicht
trennen, whrend es von jedem andern zweifelhaft wre, ob er es nicht
verschleudere. Als er die Zither gestimmt und auf ihr gespielt hatte,
sahen wir erst, wie trefflich sie sei. Er wollte fast gar nicht
aufhren zu spielen. Risach lie ihm noch ber ihr Fach ein
wasserdichtes Lederbehltnis machen. Nach mehreren Tagen nahm er
Abschied und verlie uns.

Wir machten alle eine kleine Reise in das Ahornwirtshaus, und ich
stellte Kaspar und alle Andern, die mit mir in Verbindung gewesen
waren, Risach, Mathilden, meinen Eltern und Natalien vor. Wir blieben
sechs Tage in dem Ahornhause. Von da gingen wir in den Sternenhof. Die
Tnche war nun berall von ihm weggenommen worden, und er stand in
seiner reinen, ursprnglichen Gestalt da. Auch hier wurden wir in die
Wohnung eingefhrt, die whrend meiner Abwesenheit fr uns hergestellt
worden war. Sie konnte in dem weitlufigen Gebude viel grer sein
als die im Asperhofe. Sie war zu einer vollstndigen Haushaltung
hergerichtet.

Von dem Sternenhofe gingen wir in die Stadt. Dort machten wir alle
Besuche, welche in den Kreisen meiner Eltern und in denen Mathildens
notwendig waren. Risach stellte manchem Freunde seine angenommene und
neuvermhlte Tochter nebst ihrem Gatten und ihrer Mutter vor. Ich
erfuhr, da meine Vermhlung mit Natalie Tarona Aufsehen errege; ich
erfuhr, da insbesondere einige meiner Freunde - sie hatten sich
wenigstens immer so genannt - geuert haben, das sei unbegreiflich.
Nataliens Neigung zu mir war mir stets ein Geschenk und daher
unbegreiflich; da aber nun diese es aussprachen, begriff ich, da
es nicht unbegreiflich sei. Ich besuchte meinen Juwelenfreund, der
wirklich ein Freund geblieben war. Er hatte die innigste Freude
ber mein Glck. Ich fhrte ihn in unsere Familien ein. Bekannt
war er mit allen Teilen schon lange gewesen. Ich dankte ihm sehr
fr die prachtvolle Fassung der Diamanten und Rubinen und des
Smaragdschmuckes. Er fhlte sich ber Risachs und meines Vaters Urteil
sehr beglckt.

Wenn wir solche Kunden in groer Zahl htten, wie diese zwei Mnner
sind, teurer Freund, sagte er, dann wrde unsere Beschftigung bald
an die Grenzen der Kunst gelangen, ja sich mit ihr vereinigen. Wir
wrden freudig arbeiten, und die Kufer wrden erkennen, da die
geistige Arbeit auch einen Preis habe wie die Steine und das Gold.

Ich nahm bei ihm eine sehr wertvolle und mit Kunst verzierte Uhr als
Gegenscherz fr Eustachs Mappenschrein. Klotilde hatte sie ausgewhlt.
Fr Roland lie ich einen Rubin in einen Ring fassen, da er ihn zur
Erinnerung an mich trage und meine Dankbarkeit fr seine Bemhungen
zur Auffindung der Ergnzungen der Pfeilerverkleidungen anerkenne.

Er ist ohnehin ein Nebenbuhler von mir, sagte ich, er hat Natalien
oft lange und bedeutend angesehen.

Das hat einen sehr unschuldigen Grund, entgegnete mein Gastfreund,
Roland erwarb sich ein Liebchen mit gleichen Augen und Haaren, wie
sie Natalie besitzt. Er hat uns das fter gesagt. Das Mdchen ist die
Tochter eines Forstmeisters im Gebirge und ihm uerst zugetan. Da
nun der Arme ihren Anblick oft lange entbehren mu, so sah er zur
Erquickung Natalien an. Es hat Schwierigkeiten mit diesem jungen
Manne, ich wnsche sein Wohl. Er kann ein bedeutender Knstler werden
oder auch ein unglcklicher Mensch, wenn sich nehmlich sein Feuer, das
der Kunst entgegen wallt, von seinem Gegenstande abwendet und sich
gegen das Innere des jungen Mannes richtet. Ich hoffe aber, da ich
alles werde ins Gleiche bringen knnen.

Da alle notwendigen Dinge in der Stadt abgetan waren, wurde die
Rckreise angetreten, und zwar in den Asperhof. Die Zeit der
Rosenblte war herangerckt, und heuer sollte sie von den vereinigten
Familien als ein Denkzeichen der Vergangenheit und aber auch als eins
der Zukunft zum ersten Male in dieser Vereinigung und mit besonderer
Festlichkeit begangen werden. Mein Vater sollte sehen, welche Gewalt
die Menge und die Mannigfaltigkeit auszuben im Stande ist, wenn diese
Menge und Mannigfaltigkeit auch nur lauter Rosen sind. Nach Verlauf
der Rosenblte sollte alles und jedes, das durch diese Vermhlung
unterbrochen worden war, in das alte Geleise zurckkehren.


Da wir in dem Asperhofe angekommen waren, gelangte ich erst zu einiger
Ruhe. Da sah ich auch gelegentlich die Papiere an, die uns Risach und
der Vater gegeben hatten, und erstaunte sehr. Beide enthielten fr uns
viel mehr, als wir nur entfernt vermutet hatten. Risach wollte bis zu
seinem Tode das Haus in der Art wie bisher fort bewirtschaften, damit,
wie er sagte, er seinen Nachsommer bis zum Ende ausgenieen knne.
Unser Rat und unsere Hilfe in der Bewirtschaftung wird ihm Freude
machen. Einen namhaften Teil seiner Barschaft hatte er uns bergeben.
Und weil fter zwei Familien in dem Asperhofe sein knnen, so lagen
den Papieren Plne bei, da auf einem schnen Platze zwischen dem
Rosenhause und dem Meierhofe, hart am Getreide, ein neues Haus
aufgefhrt und sogleich zum Baue geschritten werden mge. Aber auch
das von dem Vater uns bergebene war der gesammten Habe Risachs
ebenbrtig und bertraf weit meine Erwartungen. Als wir unsern Dank
abstatteten und ich mein Befremden ausdrckte, sagte der Vater: Du
kannst darber ganz ruhig sein; ich tue mir und Klotilden keinen
Abbruch. Ich habe auch meine heimlichen Freuden und meine
Leidenschaften gehabt. Das geben verachtete brgerliche Gewerbe
eben, brgerlich und schlicht betrieben. Was unscheinbar ist,
hat auch seinen Stolz und seine Gre. Jetzt aber will ich der
Schreibstubenleidenschaft, die sich nach und nach eingefunden,
Lebewohl sagen und nur meinen kleineren Spielereien leben, da ich
auch einen Nachsommer habe wie dein Risach.

Als wir einige Zeit in dem Rosenhause verweilt hatten, traten eines
Tages Natalie und ich zu unserem neuen Vater und baten ihn, er mge
ein Versprechen von uns annehmen, dessen Annahme uns sehr freuen
wurde.

Und was ist das? fragte er.

Da wir, wenn du uns dereinst in dieser Welt frher verlassen
solltest als wir dich, keine Vernderung in allem, wie es sich in dem
Hause und in der Besitzung vorfindet, machen wollen, damit dein teures
Andenken bestehe und forterbe, sagten wir.

Da tut ihr zu viel, antwortete er, ihr verspreche etwas, dessen
Gre ihr nicht kennt. Diese Bande darf ich nicht um euren Willen und
eure Verhltnisse legen, sie knnten von den belsten Folgen sein.
Wollt ihr mein Gedchtnis in mannigfachem Bestehenlassen ehren, tut es
und pflanzt auch euren Nachkommen diesen Sinn ein, sonst ndert, wir
ihr wnscht und wie es not tut. Wir wollen, so lange ich lebe, selber
noch mit einander ndern, verschnern, bauen; ich will noch eine
Freude haben, und mit euch zu ndern und zu wirken ist mir lieber, als
wenn ich es allein tue.

Aber der Erlenbach mu als Denkmal der schnen Gerte bestehen
bleiben.

Setzt eine Urkunde auf, da ihm nichts angetan werde von Geschlecht
zu Geschlecht, bis seine Reste vermodern oder ein Wolkengu ihn von
seiner Stelle feget.

Er kte Natalien, wie er gerne tat, auf die Stirne, mir reichte er
die Hand.

Als die Rosenzeit wirklich recht innig und zum Staunen meiner
Angehrigen, welche so etwas nie gesehen hatten, vorber gegangen war,
nahmen wir Abschied, die Vereinigung, welche nun so lange bestanden
hatte, lste sich und die Tage kehrten in ihren gewhnlichen Abflu
zurck. Meine Eltern gingen mit Klotilden in den Gusterhof, wo sie bis
zum Winter bleiben wollten, und ich siedelte mit Natalien in unsere
stndige Wohnung in den Sternenhof ber. Wir sollten nun die
eigentliche Familie desselben sein, Mathilde werde bei uns wohnen und
mit an unserem Tische speisen. Die Bewirtschaftung des Gutes sollte
ebenfalls ich leiten. Ich bernahm die Pflicht und bat um Mathildens
Beihilfe, so ausgedehnt sie dieselbe leisten wolle. Sie sagte es zu.

So rckte nun die Zeit in ihr altes Recht, und ein einfaches,
gleichmiges Leben ging Woche nach Woche dahin.

Nur im Herbste fand eine Abwechslung statt. Die Vettern aus dem
Geburtshause des Vaters besuchten meine Eltern in dem Gusterhofe. Wir
fuhren zu ihnen hinber. Der Vater lie sie reichlich beschenkt in
einem Wagen in ihre Heimat zurckfhren.

Mit Beginn des Winters war Rolands Bild fertig. Es war seiner Gre
willen zu rollen, hatte einen groen Goldrahmen, der zu zerlegen war,
und wurde in dem Marmorsaale auf einer Staffelei aufgestellt. Wir
reisten alle in den Asperhof. Das Bild wurde vielfach betrachtet und
besprochen. Roland war in einer gehobenen, schwebenden Stimmung;
denn was auch die Meinung seiner Umgebung war, wie sehr sie auch das
Hervorgebrachte lobte und wohl auch Hindeutungen gab, was noch zu
verbessern wre: so mochte ihm sein Inneres versprechen, da er einmal
vielleicht noch weit Hheres, ja ein ganz Groes zu Stande zu bringen
vermgen werde. Risach sagte ihm die Mittel zu, reisen zu knnen und
ordnete die Zubereitung zu einer baldigen Abreise nach Rom an. Gustav
mute noch den Winter im Asperhofe zubringen. Im Frhlinge sollte er
endlich in die Welt gehen.

So waren nun mannigfaltige Beziehungen geordnet und geknpft.

Mathilde hatte einmal, da ich sie im Sternenhofe besuchte, zu mir
gesagt, das Leben der Frauen sei ein beschrnktes und abhngiges,
sie und Natalie htten den Halt von Verwandten verloren, sie mten
Manches aus sich schpfen wie ein Mann und in dem Widerscheine ihrer
Freunde leben. Das sei ihre Lage, sie daure ihrer Natur nach fort und
gehe ihrer Entwicklung entgegen. Ich hatte mir die Worte gemerkt und
hatte sie tief ins Herz genommen.

Ein Teil dieser Entwicklung, glaubte ich nun, war gekommen, der zweite
wird mit Gustavs Ansiedlung eintreten. An mir hatten die Frauen wieder
einen Halt gewonnen, da sich ein fester Kern ihres Daseins wieder
darstelle; ein neues Band war durch mich von ihnen zu den Meinigen
geschlungen, und selbst das Verhltnis zu Risach hatte an Rundung und
Festigkeit gewonnen. Den Abschlu der Familienzusammengehrigkeit wird
dann Gustav bringen.

Was mich selber anbelangt, so hatte ich nach der gemeinschaftlichen
Reise in die hheren Lande die Frage an mich gestellt, ob ein Umgang
mit lieben Freunden, ob die Kunst, die Dichtung, die Wissenschaft das
Leben umschreibe und vollende oder ob es noch ein Ferneres gbe, das
es umschliee und es mit weit grerem Glck erflle. Dieses grere
Glck, ein Glck, das unerschpflich scheint, ist mir nun von einer
ganz anderen Seite gekommen als ich damals ahnte. Ob ich es nun in der
Wissenschaft, der ich nie abtrnnig werden wollte, weit werde bringen
knnen, ob mir Gott die Gnade geben wird, unter den Groen derselben
zu sein, das wei ich nicht; aber eines ist gewi, das reine
Familienleben, wie es Risach verlangt, ist gegrndet, es wird, wie
unsre Neigung und unsre Herzen verbrgen, in ungeminderter Flle
dauern, ich werde meine Habe verwalten, werde sonst noch nutzen, und
jedes, selbst das wissenschaftliche Bestreben, hat nun Einfachheit,
Halt und Bedeutung.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Nachsommer, by Adalbert Stifter

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