The Project Gutenberg EBook of Komik und Humor, by Theodor Lipps

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Title: Komik und Humor

Author: Theodor Lipps

Release Date: June, 2005  [EBook #8298]
[This file was first posted on July 4, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KOMIK UND HUMOR ***




E-text prepared by Carlo Traverso, Thomas Berger, and the Online Distributed
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KOMIK UND HUMOR

EINE PSYCHOLOGISCH-STHETISCHE UNTERSUCHUNG

VON

THEODOR LIPPS







Vorwort

Vor jetzt zehn Jahren habe ich in den "Philosophischen Monatsheften" eine
Reihe von Aufstzen ber die "Psychologie der Komik" zu verffentlichen
begonnen. Teils eigenes Bedrfnis, teils der Wunsch anderer, hat mich zu
einer Umarbeitung und Erweiterung dieser Aufstze veranlasst. Daraus ist
schliesslich dies Buch geworden.

Ich bezeichne den Inhalt desselben als "psychologisch-sthetische
Untersuchung". Dabei knnte das "psychologisch" berflssig erscheinen.
Eine sthetische _Untersuchung_ ist immer psychologisch. Aber ich wollte
mit diesem Ausdruck andeuten, dass es mir vor allem ankam auf die
psychologische Analyse meines Gegenstandes, auf die breite psychologische
Fundamentierung des Problems, auf die Einfgung desselben in den
Zusammenhang mit angrenzenden, verwandten und allgemeineren
psychologischen und sthetischen Problemen.

Darber trat ein anderes Interesse zurck. Ich habe darauf verzichtet,
den Humor oder die knstlerische Verwendung des Komischen weiter, als es
die Natur der Sache erforderte, in die verschiedenen Kunstgattungen und
Kunstrichtungen hinein zu verfolgen, oder gar bestimmte humoristische
Kunstwerke im einzelnen zu analysieren. Es gengte mir, die verschiedenen
Mglichkeiten, die Arten, Daseinsweisen und Stufen der Komik und des
Humors allgemein aufgezeigt und in ihrer Wirkung verstndlich gemacht zu
haben. Jene mehr kunst- und litterarhistorische Aufgabe mchte ich gerne
anderen, womglich solchen, die dazu geschickter sind, berlassen. Ich
hoffe aber freilich, dass fr solche Arbeit das in diesem Buche Gebotene
als die geeignete Grundlage erscheinen wird.

Ich gedenke noch mit besonderem Danke der Anregung, die ich bei Abfassung
dieses Buches aus einem die Komik betreffenden Aufsatze _Heymans'_ in der
Zeitschrift fr Psychologie habe schpfen knnen.

_Starnberg_, Mai 1898.

Th. L.





INHALT.

I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK.

    I. Kapitel. _Theorie des Gefhlswettstreites_. Heckers Theorie. Komik,
       Lust und Unlust.--Gefhl und Gefhlswettstreit.--Gefhl der Tragik
       und der Komik.--Gefhlskontrast.--Der Wechsel der
       Gefhle.--Schadenfreude und gesteigertes Selbstgefhl.

   II. Kapitel. _Die Komik und das Gefhl der berlegenheit_. Hobbes' und
       Groos' Theorie.--Gefhl und Grund des Gefhls.--Allerlei sthetische
       Theorien.--Die Komik des Objektes und meine
       berlegenheit.--berlegenheit und "Erleuchtung".--Das Wesen der
       "berlegenheit".--Zieglers Theorie.

  III. Kapitel. _Komik und Vorstellungskontrast_. Krpelins
       "intellektueller Kontrast".--Wundts Theorie.--Verwandte Theorien.

II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN.

   IV. Kapitel. _Die objektive Komik_. Kontrast des Grossen und des
       Kleinen.--Nachahmung und Karikatur.--Situationskomik.--Die
       Erwartung.--Die Komik als Grsse und Kleinheit _Desselben_.

    V. Kapitel. _Objektive Komik_. _Ergnzungen_. Das komische
       "Leihen".--"Selbstgefhl in statu nascendi". Komik und Lachen.
       --Komik des "Neuen".--Komische Unterbrechung.--Positive Bedeutung
       der Neuheit.--"Verblffung" und "Verstndnis".

   VI. Kapitel. _Die subjektive Komik oder der Witz_. Abgrenzung der
       subjektiven Komik.--Verschiedene Theorien.--Begriffsbestimmung und
       verschiedene Flle.--Witzige Handlungen.--Verwandte
       Theorien.--"Verblffung und Erleuchtung" beim Witz.

  VII. Kapitel. _Das Naiv-Komische_. Die Theorien.--Die drei Arten der
       Komik.--Mglichkeiten des Naiv-Komischen.--Kombination der drei
       Arten der Komik.--"Verblffung und Erleuchtung" beim Naiv-Komischen.

III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.

 VIII. Kapitel. _Das Gefhl der Komik und seine Voraussetzung_. Komik als
       "wechselndes" oder "gemischtes" Gefhl.--Die Grundfarbe des Gefhls
       der Komik.--"Psychische Kraft" und ihre Begrenztheit.--Genaueres
       ber die "psychische Kraft".--"Aufmerksamkeit". "Psychische
       Energie".--Die besonderen Bedingungen der Komik.

   IX. Kapitel. _Das Gefhl der Komik_. Gesetz des
       Lustgefhls.--"Qualitative bereinstimmung" als Grund der
       Lust.--"Quantitative Verhltnisse".--Gefhl der "Grsse".--"Grsse"
       und Unlust.--Gefhl des "Heiteren".--Das berraschend Grosse.--Das
       berraschend Kleine. Die Komik.

    X. Kapitel. _Das Ganze des komischen Affektes_. Umfang und Erneuerung
       der komischen Vorstellungsbewegung.--Rcklufige Wirkung der
       psychischen "Stauung".--Hin- und Hergehen der komischen
       Vorstellungsbewegung.--Das Ende der komischen
       Vorstellungsbewegung.--Einzigartigkeit des komischen Prozesses.

   XI. Kapitel. _Lust- und Unlustfrbung der Komik_. Primre Momente der
       Lust- und Unlust.--Qualitative bereinstimmung und quantitativer
       Kontrast.--Ausserkomische Gefhlsmomente.--Besonderheit der naiven
       Komik.

IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN

  XII. Kapitel. _Die Unterarten der objektiven und naiven Komik_. Stufen
       der objektiven Komik.--Situations- und Charakterkomik.--Natrliche
       und gewollte Komik.--Possenhafte, burleske, groteske Komik.

 XIII. Kapitel. _Die Unterarten der subjektiven Komik_. Allgemeines.--Der
       Wort- oder Begriffswitz.--Die witzige Begriffsbeziehung.--Das
       witzige Urteil.--Die witzige Urteilsbeziehung.--Der witzige Schluss.

V. ABSCHNITT. DER HUMOR.

  XIV. Kapitel. _Komik und sthetischer Wert_. Allgemeines ber
       "sthetischen Wert".--Erkenntniswert und sthetischer
       Wert.--"Verstndnis" des Kunstwerkes.--"Kunstwert".--Die Komik als
       "Spiel".--Arten von Gegenstnden des Gefhls berhaupt.--Der Wert
       der Komik kein sthetischer Wert.

   XV. Kapitel. _Die Tragik als Gegenstck des Humors_. Die Tragik als
       "Spiel".--Tragik und "sthetische Sympathie".--Volkelts
       aussersthetische Begrndung der Tragik.--Das Specifische des
       tragischen Genusses.--Weitere sthetische Wirkungen des
       Konfliktes.--sthetische Bedeutung des Bsen.

  XVI. Kapitel. _Das Wesen des Humors_. Lazarus' Theorie.--Naivitt und
       Humor.--Humor und "psychische Stauung".

 XVII. Kapitel. _Arten des Humors_. Die Daseinsweisen des Humors.--Humor
       der Darstellung.--Stufen des Humors.--Unterarten des Humors.--Die
       humoristische Darstellung und der Witz.

XVIII. Kapitel. _Der objektive Humor_. Unentzweiter Humor.--Satirischer
       Humor.--Ironischer Humor.





I. ABSCHNITT. THEORIEN DER KOMIK.


Die Psychologie der Komik kann ihre Aufgabe auf doppeltem Wege zu lsen
versuchen. Komisch heissen Gegenstnde, Vorgnge, Aussagen, Handlungen,
weil sie ein eigenartiges Gefhl, nmlich eben das Gefhl der Komik in
uns erwecken. Das Wort "komisch" will, allgemein gesagt, zunchst nicht
wie das Wort "blau" eine Eigenschaft bezeichnen, die an einem Gegenstnde
angetroffen wird, sondern die Wirkung angeben, die der Gegenstand auf
unser Gemt ausbt. Freilich muss dieser Wirkung irgendwelche
Beschaffenheit des Gegenstandes zu Grunde liegen. Insofern dies der Fall
ist, heisst dann auch die Beschaffenheit selbst oder der Trger derselben
komisch.

Darnach scheint der naturgemsseste Weg zur Bestimmung des Wesens der
Komik, dass man erst jene Wirkung feststellt, also das Gefhl der Komik
in seiner Eigentmlichkeit zu begreifen sucht, um dann zuzusehen, welche
Besonderheiten der Gegenstnde diese Wirkung nach psychologischen
Gesetzen ergehen knnen, bezw. wie sie dieselbe ergeben knnen.

Daran msste sich natrlich die Probe auf das Exempel anschliessen, d. h.
es msste festgestellt werden, inwiefern die thatschlich gegebenen Arten
des Komischen diese Besonderheiten an sich tragen.

Andererseits hindert doch nichts, auch in anderer Weise die Untersuchung
zu beginnen. Das Gefhl der Komik ist ein so eigenartiges, dass wir im
gegebenen Falle kaum zweifeln knnen, ob wir einen Gegenstand, ein
Verhalten, ein Ereignis, eine Gebrde, Rede, Handlung unter die komischen
zu rechnen haben. Darauf beruht die Mglichkeit, zunchst von diesen
_Gegenstnden_ auszugehen. Wir fassen dieselben ins Auge, analysieren
sie, vergleichen die verschiedenartigen Flle, variieren die Bedingungen,
und gelangen so zu den Momenten, auf denen die Wirkung beruhen muss. Auch
hier ist dann eine Probe erforderlich. Wir mssen uns berzeugen, ob
diese Momente auch nach allgemeinen psychologischen Gesetzen die komische
Wirkung hervorbringen knnen, bezw. wiefern sie dazu fhig sind. Darin
ist dann die Analyse des Gefhls der Komik schon eingeschlossen.

Diese beiden Wege unterscheiden sich nicht hinsichtlich dessen, was zu
leisten ist, sondern lediglich hinsichtlich des Ausgangspunktes. Offenbar
hat aber der zweite Weg insofern einen Vorzug, als man dabei von
vornherein in den Gegenstnden der Komik einen sicheren Halt hat. Im
brigen wird individuelle Neigung und Befhigung die Wahl des Wegs
bestimmen, oder zum Mindesten darber entscheiden, ob die eine oder die
andere Weise der Untersuchung vorherrscht.




I. KAPITEL. THEORIE DES GEFHLSWETTSTREITES.


HECKERS THEORIE. KOMIK, LUST UND UNLUST.

Achten wir auf die Geschichte der Psychologie und sthetik des Komischen
in unseren Tagen, so sehen wir den ersten jener beiden Wege am
entschiedensten eingeschlagen von _Hecker_ in seiner "Physiologie und
Psychologie des Lachens und des Komischen", Berlin 1873. Dagegen tritt
die andere Weise deutlicher hervor bei _Krpelin_, dem Verfasser des
Aufsatzes "Zur Psychologie der Komik" im zweiten Bande von _Wundts_
"Philosophischen Studien". Hiermit habe ich zugleich diejenigen Arbeiten
bezeichnet, die bisher--abgesehen von den Aufstzen, als deren
Umarbeitung und Erweiterung diese Schrift sich darstellt--, mit der
Psychologie der Komik am eingehendsten sich befasst haben.

Wie leicht der Versuch, das Gefhl der Komik in seiner Eigenart zu
begreifen, ohne dass man von vornherein an den Gegenstnden der Komik
einen festen Halt sucht, in die Irre fhren kann, zeigt _Hecker_
deutlich. Er meint das Gefhl der Komik zu analysieren. Statt dessen
dekretiert er es.

Fr Hecker ist das Gefhl der Komik ein "beschleunigter Wettstreit der
Gefhle" d. h. ein "schnelles Hin- und Herschwanken zwischen Lust und
Unlust". "Von einem Punkte aus sehen wir pltzlich und gleichzeitig zwei
verschiedene unvereinbare Gefhlsqualitten (Lust und Unlust) in uns
erzeugt werden." Dass sie von einem Punkte aus und darum gleichzeitig
erzeugt werden und doch unvereinbar sind, dies bedingt nach _Hecker_ den
Wettstreit. In diesem Wettstreit wrde die schwchere der beiden
Qualitten unterdrckt werden, wenn eine erhebliche Verschiedenheit der
Gefhle hinsichtlich ihrer Strke bestnde. Eine solche besteht aber nach
_Hecker_ nicht. Die kontrren Gefhle sind von "annhernd gleicher
Strke". Daraus ergiebt sich die Notwendigkeit des Hin- und Hergehens.
Dasselbe wird zum schnellen Hin- und Hergehen, zum beschleunigten
Wettstreit in diesem Sinne, wegen der Pltzlichkeit der Wirkung. Das
Gefhl der Lust, das ursprnglich dem der Unlust nur die Wage hielt,
erscheint in diesem pltzlich erzeugten Wettstreit durch Kontrast
gehoben, so dass in der schliesslichen Gesamtwirkung die Lust berwiegt.

Den Inhalt dieser Erklrung sucht _Hecker_ zu sttzen, indem er auf das
Phnomen des Glanzes verweist. Wenn dem einen Auge eine schwarze, dem
andern an derselben Stelle des gemeinsamen Sehfeldes eine weisse Flche
dargeboten wird, so ergiebt sich unter Umstnden das Gesamtbild einer
glnzenden schwrzlichen Flche. Die beiden monokularen Bilder knnen, so
wie sie sind, nicht an derselben Raumstelle gleichzeitig gesehen werden.
Sie knnen wegen der Selbstndigkeit, welche sie besitzen, auch nicht
einfach zu einem Mittleren, also zum Bilde einer grauen Flche
verschmelzen. Sind keine Bedingungen vorhanden, welche das eine der
Bilder vor dem andern bevorzugt sein lassen, so fehlt endlich auch die
Mglichkeit, dass das eine durch das andere auf lngere Zeit verdrngt
werde. So bleibt nach _Hecker_ nur brig, dass die Wahrnehmung zwischen
beiden mit grosser Schnelligkeit hin- und herzittert; und dies Hin- und
Herzittern, meint _Hecker_, sei der Glanz.

In gleicher Weise nun sollen auch annhernd gleich starke Gefhle der
Lust und Unlust, die gleichzeitig gegeben sind, nicht nebeneinander
bestehen, noch zu einem mittleren Gefhle verschmelzen knnen, sondern zu
schnellem Wechsel gentigt sein. Und in diesem Wechsel soll das Gefhl
der Komik bestehen.

Scharfsinnig ausgedacht mag diese Theorie erscheinen. Schade nur, dass
sie gar keinen Boden unter den Fssen hat. Dem Physiologen _Hecker_
erscheint die Analogie zwischen Gefhl der Komik und Wahrnehmung des
Glanzes als eine vollstndige. Ich sehe in _Heckers_ Meinung nur ein
Beispiel dafr, wie leicht es demjenigen, der mit der Eigenart eines
Gebietes wenig vertraut ist, begegnet, dass er Erscheinungen, die diesem
Gebiete angehren, mit Erscheinungen von vllig heterogener Natur in
Analogie setzt und aus dieser Analogie zu erklren meint. Dass auch
_Heckers_ Erklrung des _Glanzes_ keineswegs einwandfrei ist, soll dabei
nicht besonders betont werden.

Thatschlich ist freilich auch nach _Heckers_ Darstellung die Analogie
zwischen Glanz und Komik keine vollstndige. Der beschleunigte Wettstreit
wird beim Glnze einfach daraus abgeleitet, dass die entgegengesetzten
Qualitten sich die Wage halten, whrend beim Gefhl der Komik das
pltzliche Auftreten des Kontrastes als wesentlich erscheint.

Aber davon wollen wir absehen. Wichtiger ist, dass die Grundvoraussetzung
der ganzen Theorie irrig ist. Das Gefhl der Komik gehrt der Linie
zwischen reiner Lust und reiner Unlust an. Aber es erfllt in seinen
mglichen Abstufungen die ganze Linie, so dass es stetig einerseits in
reine Lust, andererseits in reine Unlust bergeht. Wenn jemand eine
anerkannte Wahrheit in witziger Form ausspricht, so spielend und doch so
unmittelbar einleuchtend, wie es der gute Witz zu thun pflegt; wenn durch
einen solchen Witz niemand verletzt oder abgefertigt wird; dann ist das
Gefhl der Komik, das sich daran heftet, zwar durchaus eigenartig,
hinsichtlich seines Verhltnisses zu Lust und Unlust aber mit den
reinsten Lustgefhlen, die uns beschieden sind, vergleichbar. Wenn
andererseits ein Mann sich wie ein Kind betrgt, jemand, der wichtige
Verpflichtungen mit viel Selbstbewutsein bernommen hat, im letzten
Momente sich feige zurckzieht, so kann ein Gefhl der Komik entstehen,
das von reiner _Unlust_ sich beliebig wenig unterscheidet.

Auch hier darf freilich das Moment der Erheiterung nicht fehlen, wenn wir
das Gebahren noch komisch oder "lcherlich" nennen sollen. Aber eine
bestimmte Strke desselben ist dazu nicht erforderlich. Denken wir uns
dies Moment schwcher und schwcher, so geht das Lcherliche nicht
sprungweise, sondern allmhlich in das Verchtliche oder Erbrmliche
ber.

Das Gleiche gilt von dem "Hohnlachen", mit dem der Verbrecher, der am
Ende seiner nichtswrdigen Laufbahn angekommen ist und alle seine Plne
hat scheitern sehen, sich gegen sich selbst und seine Vergangenheit
wendet. Auch hierin steckt noch jenes Moment der Erheiterung. Zunchst
aber spricht aus diesem verzweiflungsvollen Lachen eben das Gefhl der
Verzweiflung, also des hchsten seelischen Schmerzes. Und dieser Schmerz
kann sich steigern und die Fhigkeit sich darber zu erheben und der
Sache eine heitere Seite abzugewinnen, sich mindern. So lange dies
letztere Moment nicht vllig verschwindet, ist der Verbrecher sich selbst
lcherlich, also Gegenstand einer, wenn auch noch so schmerzlichen Komik.


GEFHL UND "GEFHLSSWETTSTREIT".

Das Gefhl der Komik, das steht uns fest, ist nicht durch ein bestimmtes
quantitatives Verhltnis von Lust und Unlust gekennzeichnet.  Darber
htte _Hecker_ schon der einfache Sprachgebrauch belehren knnen, der ein
Lachen bald als lustig, frhlich, herzlich, bald als rgerlich,
schmerzlich, bitter bezeichnet.

Es knnen aber auch umgekehrt Lust und Unlust, die "aus einem Punkte
erzeugt" sind, recht wohl sich annhernd die Wage halten, ohne dass doch,
sei es das Gefhl der Komik, sei es der Wettstreit entsteht, der nach
_Hecker_ die Komik machen soll.

Lust und Unlust sollen nicht nebeneinander bestehen und sich zu einem
Gesamtgefhl vereinigen knnen. Und warum nicht? Wegen der Analogie des
Glanzes? Aber diese Analogie wird Lust und Unlust schwerlich verhindern,
ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen.

Sagen wir es kurz: Der ganze _Hecker_'sche Wettstreit der Gefhle ist ein
psychologisches Unding.  Es giebt in uns gar keine "_Gefhle_", die mit
einander in Wettstreit geraten knnten, sondern von vornherein immer nur
ein _Gefhl_, genauer: eine so oder so beschaffene Weise, wie uns zu Mute
ist, oder wie wir "_uns_" fhlen. Fhlen heisst _sich_ fhlen. Alles
Gefhl ist Selbstgefhl. Dies ist eben das Besondere des Gefhls im
Gegensatz zur Empfindung, die jederzeit Empfindung von Etwas, d. h.
Empfindung eines von mir unterschiedenen Objektes ist. Ich fhle mich
lust- oder unlustgestimmt, ernst oder heiter, strebend oder
widerstrebend.

So gewiss nun ich in meinem Selbstgefhl mir nicht als eine Mehrheit
erscheine, so gewiss giebt es fr mich nicht in einem und demselben
Momente nebeneinander mehrere Gefhle. Dies hindert nicht, dass ich an
dem Gefhl oder Selbstgefhl eines Momentes mehrere _Seiten_
unterscheide, so etwa, wie ich auch an einem Klange, diesem einfachen
Inhalte meines Bewusstseins, verschiedene Seiten, nmlich die Hhe, die
Lautheit und die Klangfarbe unterscheide. Aber diese verschiedenen Seiten
sind eben doch nur verschiedene Seiten eines und desselben an sich
_Einfachen_.

Ich fhle mich etwa in einem Momente lustgestimmt. In der Lust aber liegt
zugleich ein gewisser Ernst. Andererseits ist damit ein Streben oder
Sehnen "verbunden". Dann habe ich doch nicht drei Gefhle, so wenig ich
drei Tne hre, wenn mein Ohr eine Tonhhe und mit ihr "verbunden" eine
bestimmte Lautheit und eine bestimmte Klangfarbe vernimmt. Sondern ich
fhle Lust, aber die Lust ist nicht Lust berhaupt, sondern Lust von
eigentmlich ernster Art. Und wiederum ist diese ernste Lust nicht ernste
Lust berhaupt, sondern zugleich Lust mit einem Charakter des Sehnens.
Oder umgekehrt gesagt, das Sehnen oder Streben ist ein lustgestimmtes und
ernstes.

Dem entspricht auch der eigentliche psychologische Sinn der Lust. In dem
einen Gefhl giebt sich mir jedesmal der _Gesamtzustand_ meines
psychischen Lebens, der immer nur einer sein kann, in gewisser Art
unmittelbar kund. Oder genauer gesagt: Es giebt sich mir darin eben
die--freie oder gehemmte--_Weise_ kund, _wie_ sich die mannigfachen
Vorgnge und Regungen in mir zu einem psychischen Gesamtzustande
vereinigen. Nichts ist unrichtiger als die Vorstellung, dass jemals ein
Gefhl, so wie Gefhle in uns thatschlich vorzukommen pflegen, an einer
einzelnen Empfindung oder Vorstellung oder auch an einem einzelnen
Komplex von solchen, hafte. Nichts ist unzutreffender als die Lehre vom
"Gefhlston" einer Empfindung oder Vorstellung, wenn damit eine solche
Meinung sich verbindet.

Dies schliesst nicht aus, dass dennoch ein Gefhl an bestimmten einzelnen
Empfindungsinhalten oder Komplexen von solchen in gewissem Sinne "haften"
knne und als an ihnen haftend sich uns darstelle. Wir mssen nur wissen,
was wir damit meinen und einzig meinen knnen. In dem gesamten
psychischen Leben eines Momentes sind nicht alle Elemente psychisch
gleichwertig. Sondern die einen treten beherrschend hervor, die anderen
treten zurck. Und es treten in aufeinanderfolgenden Momenten bald diese
bald jene Elemente hervor oder zurck. Damit ndert sich auch das Gefhl.
Es gewinnt jetzt diesen, jetzt jenen Charakter. Es wandelt sich etwa,
indem ein bestimmter psychischer Inhalt, eine bestimmte Empfindung oder
Vorstellung, hervortritt, ein Gefhl, das Lustcharakter besass, in ein
unlustgefrbtes, und diese Frbung wird immer deutlicher, jemehr jener
bestimmte Inhalt hervortritt. Dann kann ich sagen, es hafte diese
Unlustfrbung meines Gefhles, oder auch: es hafte ein Gefhl der Unlust
an diesem Inhalte. Das einheitliche oder einfache Gesamtgefhl bleibt
dann doch durch den psychischen Gesamtzustand bedingt. Nur ist zugleich
eben dieser psychische Gesamtzustand vorzugsweise durch jenen bestimmten,
in ihm hervorstrebenden _Inhalt_ bedingt.

Darnach giebt es auch keinen Wettstreit der Gefhle. Man muss in Wahrheit
etwas anderes meinen, wenn man diesen Ausdruck gebraucht. Und was man
einzig meinen kann, das ist der Wettstreit der _Vorstellungen_, an denen
verschiedene Gefhle im oben bezeichneten Sinne des Wortes "_haften_".
Ein solcher Vorstellungswettstreit besteht ja thatschlich. Es geschieht
nicht nur, wie oben gesagt, dass Vorstellungen hervortreten, andere
zurcktreten, sondern das Hervortreten einer Vorstellung bedingt das
Zurcktreten anderer. Und damit vollzieht sich zugleich, wie gleichfalls
bereits bemerkt, ein Wechsel der Gefhle, genauer ein Wechsel in der
"Frbung" _des_ Gefhls.

Nehmen wir aber jetzt versuchsweise an, auch _Hecker_ wolle eigentlich
von einem Wettstreit der _Vorstellungen_ reden. Dann erscheint doch der
Irrtum, in dem _Hecker_ sich befindet, nicht geringer. Nach _Hecker_
mssten Vorstellungen, die "von einem Punkte aus", also gleichzeitig
erzeugt werden, in Wettstreit geraten, also sich wechselseitig
verdrngen, wenn oder weil sie eine entgegengesetzte Frbung des Gefhles
bedingen. Aber dies trifft nicht zu. Der Vorstellungswettstreit hat an
sich mit dem Gegensatz der Gefhle gar nichts zu thun.

Vorstellungen geraten in Wettstreit einmal, weil sie einander fremd sind,
d. h. in keinem Zusammenhang miteinander stehen; zum anderen, zugleich in
anderer Weise, weil sie miteinander unvertrglich sind, also sich
wechselseitig ausschliessen. Vorstellungen nun, die von einem Punkte aus
erzeugt sind, knnen, eben weil sie von einem Punkte aus erzeugt sind,
einander niemals vllig fremd sein. Sie sind es um so weniger, je mehr
sie von einem Punkte aus erzeugt sind. Und ob Vorstellungen sich
ausschliessen oder nicht, dies hngt keineswegs von den an ihnen
haftenden Gefhlen ab. Die Vorstellungen, dass ein Objekt jetzt hier, und
dass dasselbe Objekt jetzt dort sich befinde, schliessen sich aus. Dies
heisst doch nicht, dass die eine Vorstellung von Lust, die andere von
Unlust begleitet sei. Und umgekehrt: Die Vorstellung, dass ein Objekt
eine schne Form und zugleich eine hssliche Farbe habe, vertragen sich
vortrefflich miteinander, obgleich die schne Form Gegenstand der Lust,
die hssliche Farbe Gegenstand der Unlust ist.

Geraten aber Vorstellungen, die von einem Punkte aus erzeugt und
einerseits von Lust, andererseits von Unlust begleitet sind, nicht
miteinander in Wettstreit, so ist auch kein Grund zum Wechsel des
Gefhles. Sondern es entsteht ein einziges in sich gleichartiges Gefhl,
in dem beide zu ihrem Rechte kommen.


GEFHL DER TRAGIK UND DER KOMIK.

Hierfr giebt es allerlei Beispiele, auf die _Hecker_ htte aufmerksam
werden mssen. Psychologie ist doch nicht ein Feld fr blinde
Spekulationen, sondern fr die Feststellung von Erfahrungsthatsachen, und
fr sichere Schlsse aus solchen.

Nicht auf die ganze Mannigfaltigkeit der hier in Betracht kommenden
Thatsachen, sondern zunchst nur auf eine einzige will ich hier
hinweisen. Ich meine die Tragik und das Gefhl der Tragik. Eine
Persnlichkeit leide, sei dem Untergange geweiht, gehe schliesslich
thatschlich unter. Aber in allem dem bewhre sich eine grosse Natur,
irgend welche Strke und Tiefe des Gemtes. Hier werden, wenn irgendwo,
von einem Punkte aus gleichzeitig Lust und Unlust erzeugt. Der fragliche
Punkt ist das Leiden der Persnlichkeit. Dass sie--nicht nur
berhaupt--sondern in solcher Weise, _leidet_, ist Grund der Unlust; dass
sie--nicht nur berhaupt, sondern in solcher _Weise_, d. h. als diese
grosse Persnlichkeit, leidet, oder dass sie im Leiden als diese grosse
Persnlichkeit sich zeigt, das ist Grund der Lust. Hier wren also in
besonderem Masse, ja wir drfen sagen in unvergleichlicher Weise, die
Bedingungen des _Hecker_'schen Wettstreites der Gefhle gegeben.

Aber derselbe will sich nicht einstellen. Gerade dies, dass in so hohem
Grade von _einem Punkte_ aus die entgegengesetzten Gefhle erzeugt
werden, verhindert ihn. In dem einen psychischen Gesamtthatbestande sind
die beiden Vorstellungen, des Leidens und der Persnlichkeit, die leidet,
untrennbar verbunden. Ebendarum findet kein Vorstellungswettstreit statt;
und damit unterbleibt auch der Wechsel der Gefhle. Die Eigenart jenes
Gesamtthatbestandes giebt sich vielmehr, hier wie berall, dem
Bewusstsein kund in einem einzigen _eigenartigen Gefhl_. Wir kennen es
als Gefhl der Tragik. Dies Gefhl ist so wenig ein wechselndes oder
schwankendes dass vielmehr die feierliche Ruhe fr dasselbe kennzeichnend
ist.

Lassen wie uns aber den "Wettstreit" fr einen Augenblick gefallen. Er
finde bei der Tragik statt, obgleich ich wenigstens von solchem
Stattfinden desselben nichts weiss. Dann besinnen wir uns, dass doch
Hecker aus demselben nicht das Gefhl der Tragik, sondern das Gefhl der
Komik ableiten will. Der Wechsel der Gefhle soll das Gefhl der Komik
sein. Das Gefhl der Tragik ist aber, wie man weiss, nicht das Gefhl der
Komik.


GEFHLSKONTRAST.

Allerdings bezeichnet _Hecker_ die Bedingungen dieses Gefhles noch
genauer. Lust und Unlust sollen sich beim Wettstreit zunchst die Wage
halten. Dann aber soll das Gefhl der Last durch Kontrast gehoben werden.

Indessen auch diese Bedingungen knnen in unserem Falle erfllt sein. Es
hindert zunchst nichts, dass das Unlustvolle des Leidens und das
Befriedigende, das die Weise des Leidens oder die Eigenart der leidenden
Persnlichkeit in sich schliesst, in beliebigem Grade sich die Wage
halten.

Und auch eine Kontrastwirkung kann nicht nur, sondern wird jederzeit bei
der Tragik stattfinden.--Doch ist hierzu eine besondere Bemerkung
erforderlich.

_Hecker_ redet von _Gefhls_kontrast. Das Gefhl der Unlust soll
unmittelbar das mit ihm wechselnde Gefhl der Lust "_heben_". Hier ist
ein, auch sonst behauptetes allgemeines psychologisches _Kontrastgesetz_
vorausgesetzt. Nehmen wir einmal an, dies Gesetz bestnde, so msste ihm
zufolge offenbar, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch
die Lust gehoben werden. Damit wre das schliessliche berwiegen der
Lust, das _Hecker_ bei der Komik annimmt, wiederum illusorisch geworden.

Aber jenes Kontrastgesetz existiert nicht. Wohl giebt es mancherlei
Thatsachen, die man als Wirkungen eines Kontrastes bezeichnen kann. Aber
wenn man dies thut, so hat man nur einen zusammenfassenden Namen, und
zwar einen Namen fr sehr Verschiedenartiges. Die fraglichen Thatsachen
sind der mannigfachsten Art und beruhen auf vllig heterogenen Grnden.
Rot _scheint_ nicht bloss, sondern _ist_, fr das Auge nmlich, rter
neben Grnblau als neben Rot. Dies hat seine bestimmten, nmlich
_physiologischen_ Grnde. Der Mann von mittlerer Grsse _ist_ nicht, fr
unsere Wahrnehmung nmlich, grsser, wenn er neben einem Zwerge, als wenn
er neben einem Riesen steht, aber er wird grsser _geschtzt_ oder
_taxiert_. Dies hat wiederum seine bestimmten, aber diesmal
_psychologischen_ Grnde.

Wie es aber auch mit dem Empfindungs- oder Vorstellungskontrast bestellt
sein mag; eine Kontrastwirkung, die Gefhle unmittelbar auf Gefhle
ausbten, giebt es nicht. Wenn ich hier ganz allgemein reden darf:
Gefhle wirken berhaupt nicht. Sie haben als solche keine
psychomotorische Bedeutung. Sie sind berall nichts als begleitende
Phnomene, Bewusstseinsreflexe, im Bewusstsein gegebene Symptome der
Weise, wie _Empfindungen_ und _Vorstellungen_, oder Zusammenhnge von
solchen, in uns wirken. Die Psychologie hat sich noch nicht berall zur
klaren Anerkennung dieses Sachverhaltes durchgearbeitet. Aber sie wird
sich wohl oder bel dazu entschliessen mssen.

Was man so Wirkung von Gefhlen nennt, ist Wirkung der Bedingungen, aus
denen die Gefhle erwachsen, also Wirkung der Empfindungs- und
Vorstellungsvorgnge und der Beziehungen, in welche dieselben verflochten
sind. So ist auch der "Gefhlskontrast" in Wahrheit Empfindungs- oder
Vorstellungskontrast. Vorstellungen knnen anderen, zu denen sie in
Gegensatz treten, eine hhere psychische "Energie" verleihen, und dadurch
auch das an diesen haftende Gefhl steigern. Sie thun dies nicht ohne
weiteres, wohl aber unter bestimmten Voraussetzungen. Welches diese
Voraussetzungen sind, und nach welcher psychologischen Gesetzmigkeit
dieselben die "Kontrastwirkung" vermitteln, dies muss natrlich im
einzelnen festgestellt werden. Das Kontrastgesetz ist mehr als ein
blosser Sammelname, soweit dieser Forderung gengt ist.

Ich sagte nun schon, dass auch bei der Tragik eine Kontrastwirkung
stattfinde. Auch diese hat ihre eigenen Grnde. Je grsser das Leid, je
hrter der Untergang, und je grsser unser Eindruck von beidem, desto
schner und grsser erscheint die Persnlichkeit, die in allem dem sich
oder das Grosse, Gute, Schne, das in ihr liegt, behauptet. Damit ist
wenigstens eine mgliche Art der tragischen Kontrastwirkung bezeichnet.

Fassen wir alles zusammen, dann sind--falls wir fortfahren, die
_Hecker_sche Theorie des "Wettstreites" uns gefallen zu lassen, in der
Tragik alle _Hecker_'schen Bedingungen der Komik in ausgezeichneter Weise
gegeben. Die Tragik msste also nach _Hecker_ die komischste Sache von
der Welt sein. Wir mssten ber die Tragik des Leidens und Untergangs
aufs herzlichste lachen. Dies thun wir nicht, Tragik und Komik sind
usserste Gegenstze.


DER WECHSEL DER GEFHLE.

Ich nahm oben versuchsweise an, dass der _Hecker_'sche "Wettstreit" unter
den _Hecker_'schen Bedingungen wirklich stattfinde. Trfe diese Annahme
zu, dann wre noch die Frage, ob aus solchem Wettstreit, oder dem damit
gegebenen schnellen Wechsel von entgegengesetzten Gefhlen ein
einheitliches Gefhl, wie das Gefhl der Komik es ist, sich ergeben
wrde. Auch diese Frage muss verneint werden. Ein Wettstreit der
Vorstellungen kann thatschlich stattfinden und mit einem Wechsel der
Gefhle, speciell der Gefhle der Lust und Unlust, verbunden sein, ohne
dass doch das Gefhl der Komik entsteht.

Ich stehe etwa vor dem Momente, wo es sich entscheiden muss, ob eine
lange gehegte Hoffnung in Erfllung gehen wird oder nicht. Alles scheint
fr die Erfllung zu sprechen. Nur ein Umstand liegt vor, der am Ende die
ganze Hoffnung zunichte machen knnte. Diese gegenstzlichen Gedanken
werden sich weder dauernd das Gleichgewicht halten, noch wird einer den
andern fr lngere Zeit vllig unterdrcken knnen. Das letztere um so
weniger, in je engerem Zusammenhang die der Hoffnung gnstigen, und der
ihr ungnstige Faktor miteinander stehen. Ich achte jetzt auf die
gnstigen Faktoren und glaube an die Erfllung der Hoffnung. Aber je
lebendiger dieser Gedanke in mir wird, um so sicherer weckt er die
Vorstellung jenes anderen, ungnstigen Faktors. Diese Vorstellung tritt
hervor und verwandelt fr einen Augenblick mein Vertrauen in sein
Gegenteil. Doch nur fr einen Augenblick. Denn in Wirklichkeit ist zu
ernster Besorgnis kein Grund. Ich brauche nur den ungnstigen Faktor
genau ins Auge zu fassen, um zu sehen, wie wenig er doch gegen die
anderen Faktoren in Betracht kommen kann, wie unwahrscheinlich es also
ist, dass er die Erfllung der Hoffnung verhindern wird. Damit hat wieder
der erste Gedanke das bergewicht gewonnen u. s. w. So ergiebt sich ein
bestndiges Hin- und Hergehen, zunchst zwischen entgegenstehenden
Gedanken, dann auch zwischen entsprechenden Gefhlen. Und die Unruhe
dieses Hin- und Hergehens, in dem im Ganzen ebensowohl die Lust wie die
Unlust berwiegen kann, wird sich steigern, je mehr der Moment der
Entscheidung naht. Heisst dies: mir wird immer komischer und komischer zu
Mute? Ich denke nicht. Andere mgen ber die Situation lachen. Ich selbst
werde vom Lachen soweit als mglich entfernt sein. Ist dem aber so, dann
liegt in dem Beispiel der Beweis, dass auch, wo das gleichzeitige
Entstehen von Lust und Unlust aus einem Punkte wirklich in den
_Hecker_'schen beschleunigten Wettstreit mndet, noch etwas hinzukommen
muss, wenn das Gefhl der Komik entstehen soll. Dies Etwas ist die Komik.


SCHADENFREUDE UND GESTEIGERTES SELBSTGEFHL.

Nachdem _Hecker_ das Gefhl der Komik in der bezeichneten Weise bestimmt
hat, geht er dazu ber, die Mglichkeiten der gleichzeitigen Entstehung
von Lust und Unlust festzustellen und daraus die mglichen Arten der
Komik abzuleiten. Das ist gut und konsequent gedacht. Die Ausfhrung des
Gedankens aber geschieht in denkbar unvollstndigster Weise. Freilich,
wre sie weniger unvollstndig, so wrde _Hecker_ selbst die
Unmglichkeit seiner Theorie des komischen Gefhles sich aufgedrngt
haben. Die Flle der Komik, die er anfhrt, sind wirklich komisch, wenn
auch nicht aus den angegebenen Grnden. Dagegen wrden andere Flle und
Klassen von Fllen, die er htte anfhren _mssen_, sich jeder Bemhung,
sie komisch zu finden, widersetzt haben.

Einige Bemerkungen gengen, um dies zu zeigen. Eine Hauptgattung der
Komik bezeichnen fr _Hecker_ die Flle, bei denen zwei Vorstellungen in
ihrer Vereinigung oder ihrem Zusammenhang unseren logischen, praktischen,
ideellen "Normen" oder den "Normen der Ideenassociation" entsprechen,
whrend zugleich die eine der Vorstellungen einer der Normen
widerstreitet. Nachher schrumpft die ganze Gattung zusammen zur Komik der
"gerechten Schadenfreude". Die rote Nase zum Beispiel missfllt, weil sie
unseren "ideellen Normen" widerspricht. Betrachten wir sie aber als
verdiente Strafe der Unmssigkeit, so befriedigt diese Ideenverbindung
unser Gerechtigkeitsgefhl. Und aus Beidem zusammen ergiebt sich das
Gefhl der Komik.

Diese Erklrung ist ohne Zweifel falsch. Die Schadenfreude hat, so oft
sie auch zur Erklrung der Komik verwandt worden ist, mit Komik nichts zu
thun. Die gerechteste und intensivste Schadenfreude ergiebt sich, wenn
wir ber einen nichtswrdigen und gefhrlichen Verbrecher die
wohlverdiente Strafe verhngt sehen. Je nichtswrdiger und gefhrlicher
er ist, je gerechter und wirkungsvoller andrerseits die Strafe erscheint,
um so strker ist das Gefhl der Unlust, das er selbst, und das Gefhl
der Befriedigung, das seine Bestrafung erweckt. Nun mag ein solcher
Verbrecher zwar, wie wir schon oben meinten, sich selbst in gewisser
Weise Gegenstand der Komik werden, uns wird er nie so erscheinen.
Dementsprechend kann die Schadenfreude auch die Komik der roten Nase
nicht begrnden.

Andrerseits htte _Hecker_ neben den Fllen der Schadenfreude mannigfache
andere Flle bercksichtigen mssen, die ganz den gleichen Bedingungen
gengen. Ich hre etwa, jemand habe eine entehrende Handlung begangen aus
Freundschaft, um einen andern, vielleicht mich selbst, aus tdlicher
Verlegenheit zu retten. Oder ich lese in der Geschichte, L. Junius
_Brutus_ habe seine eigenen Shne hinrichten lassen, um seiner Pflicht zu
gengen. In beiden Fllen missfllt die That an sich; sie gefllt
zugleich, wenn wir sie im Zusammenhang mit dem zu Grunde liegenden Motiv
betrachten. Sie befriedigt insofern nicht unser Gerechtigkeitsgefhl,
aber andere sittliche "Normen". Darum ist doch von Komik keine Rede.

Neben der Schadenfreude spielt bei _Heckers_ Erklrung der (objektiven)
Komik das gesteigerte "Selbstgefhl" die Hauptrolle. Freilich,
Schadenfreude ist am Ende eine Weise des gesteigerten Selbstgefhles,
oder kann es zum mindesten sein. Dann wre mit dem gesteigerten
Selbstgefhl kein neues Moment eingefhrt. Aber _Hecker_ sagt nicht, ob
und wie er die Schadenfreude auf das gesteigerte Selbstgefhl
zurckzufhren gedenkt.

Dies gesteigerte Selbstgefhl spielt in der Psychologie der Komik auch
sonst eine Rolle. Schon _Hobbes_ hat es zur Erklrung der Komik
herangezogen. Es ist aber fast der schlechteste Erklrungsgrund, den man
finden kann. Jede Unwissenheit, die ich nicht teile, jeder Irrtum, den
ich durchschaue, jede mangelhafte Leistung, der gegenber ich das
Bewusstsein des Besserknnens habe, msste mich zum Lachen reizen, wenn
das Gefhl der berlegenheit dem unangenehmen Gefhl, das Unwissenheit,
Irrtum, mangelhafte Leistung an sich erwecken, ungefhr die Wage hlt.
Der Phariser msste lachen ber den Zllner, dessen Verschuldungen
seiner Vortrefflichkeit zur Folie dienen, der Reiche ber den Armen, der
vergeblich sich ein gleich behagliches Dasein zu verschaffen sucht, die
schne Frau ber die hssliche, deren Hsslichkeit sie an ihre Schnheit
erinnert, auch wenn der Charakter des Zllners, die Not des Armen, die
Hsslichkeit der hsslichen Frau an sich nicht im mindesten komisch
erschiene. Aber eben das ist es, was _Hecker_ und was jeder, der den
Eindruck der Komik aus der Erhhung des Selbstgefhles abzuleiten
versucht, im Grunde jedesmal voraussetzt. Man meint nicht den Irrtum,
sondern den lcherlichen Irrtum, nicht die Hsslichkeit, sondern die
lcherliche Hsslichkeit u. s. w. und diese allerdings sind komisch,
nicht wegen des hinzutretenden Selbstgefhles, wohl aber gelegentlich
trotz demselben.

Denn es ist offenbar, dass das Selbstgefhl geradezu die Komik
_zerstren_ kann. Ich sehe jemanden vergebens bemht, eine Last zu heben,
zu der, wie ich mich sofort berzeuge, seine Krfte nicht ausreichen. Der
Anblick ist mir peinlich, zugleich aber habe ich das befriedigende
Bewusstsein, dass ich die Last heben und dem Armen helfen kann. Hier ist
von Komik keine Rede, auch wenn das Bedauern und das Befriedigende des
Bewusstseins, zu knnen, was der Arme nicht kann, sich die Wage halten.
Ich lache nicht, eben weil ich die Kraft des Menschen mit der eigenen
vergleiche und die letztere als so viel grsser erkenne. Unterlasse ich
dagegen den Vergleich und fasse nur einfach die Situation ins Auge, so
kann mir diese recht wohl komisch erscheinen. Und ich habe allen Grund,
mir _selbst_ so zu erscheinen, wenn ich den Versuch mache, die Last
selbst zu heben, und dabei es erlebe, dass mein Selbstgefhl nicht
gesteigert, sondern schmhlich zu _Schanden_ wird.

Der Begriff der berlegenheit ist nach dem oben Gesagten, ebenso wie der
engere Begriff der Schadenfreude, nicht ein entscheidender Begriff der
_Hecker_'schen Theorie. Er soll nur besondere Flle der Komik
charakterisieren. Sehen wir darum von diesem Begriffe hier ab, und
beachten den oben dargelegten allgemeinen Grundgedanken _Heckers_. Dann
scheint doch ein doppeltes Moment der Kritik standzuhalten. Einmal wird
es dabei bleiben, dass lust- und unlusterzeugende Elemente in die Komik
eingehen. Das Gefhl der Komik wird in gewissem Sinne beide Gefhle in
sich enthalten. Das andere Moment ist der Gegensatz oder Kontrast
zwischen Vorstellungen oder Gedankenelementen. Mag _Hecker_ diesen
Kontrast noch so unzutreffend bezeichnen, der Gedanke, dass ein solcher
Kontrast beim Komischen stattfinden msse, wird seinen Wert behaupten.




II. KAPITEL. DIE KOMIK UND DAS GEFHL DER BERLEGENHEIT.


HOBBES' UND GROOS' THEORIE.

Dagegen ist das gesteigerte Selbstgefhl von anderen in den Mittelpunkt
der Theorie der Komik gestellt worden. Wie schon gesagt, hat bereits
_Hobbes_ dasselbe zur Erklrung der Komik verwendet. _Hobbes_ meint, der
Affekt des Lachens sei nichts, als das pltzlich auftauchende
Selbstgefhl, das sich ergebe aus der Vorstellung einer berlegenheit
unserer selbst im Vergleich mit der Inferioritt anderer, oder der
Inferioritt, die wir selbst vorher bekundeten. Hierin liegt zugleich, so
viel ich weiss, der zeitlich erste Versuch einer Begrndung des _Gefhls_
der Komik. _Aristoteles_ bezeichnet als komisch das unschdliche
Hssliche. Hier fehlt die Antwort auf die Frage, wiefern denn das
Hssliche, das an sich Gegenstand der Unlust ist, vermge des rein
negativen Momentes seiner Unschdlichkeit die komische Lust oder
Lustigkeit hervorrufen knne. Dagegen scheint die lusterzeugende Wirkung
des Gefhles der berlegenheit ohne weiteres einleuchtend.

Ich will aber hier nicht an _Hobbes_, sondern an einen Erneuerer der
_Hobbes_'schen Theorie meine weiteren kritischen Bemerkungen anknpfen.
Ich denke an _Groos'_ Einleitung in die sthetik. _Groos_ scheint sich
freilich seines Verhltnisses zu _Hobbes_ nicht bewusst zu sein. Seine
Theorie giebt sich wie eine neue. Indessen dies thut hier nichts zur
Sache.

In welcher Weise _Groos_ zu seiner Theorie gelangt ist, ob auf dem einen
oder dem anderen der eingangs dieser Schrift unterschiedenen Wege, vermag
ich nicht zu entscheiden. _Groos_ beginnt sofort mit der Definition der
Komik, um sie dann zu errtern und zu begrnden. Das Gefhl der Komik ist
fr _Groos_ das Gefhl der berlegenheit ber eine Verkehrtheit.

In diesem _Groos_'schen Gefhl der berlegenheit liegt eine genauere
Bestimmung des _Hecker_'schen gesteigerten Selbstgefhles. Zugleich ist
bei _Groos_ die Forderung eines Gleichgewichtes von Lust und Unlust und
des Wettstreits zwischen beiden Gefhlen weggefallen. An die Stelle tritt
die Forderung, dass nicht Mitleid oder Furcht in den Vordergrund trete,
weil sonst die erheiternde Wirkung notwendig ausbleiben msste. Dabei
sollen unter dem Mitleid auch die "sanfteren Regungen der Ehrfurcht und
Einschchterung" begriffen werden.

Gehen wir darauf etwas nher ein. Ich darf von vornherein sagen: Ist es
unzutreffend, dass jedes Gefhl der berlegenheit, bei dem Lust und
Unlust--nach _Heckers_ Forderung--sich die Wage halten, ein Gefhl der
Komik ist, dann ist es noch unzutreffender, dass jedes Gefhl der
berlegenheit ein Gefhl der Komik ist, falls das Angenehme dieses
Gefhles nicht durch Furcht oder Mitleid aufgehoben wird. Und ebenso
unzutreffend ist die Umkehrung dieser Annahme, dass bei allem Komischen
ein Gefhl der berlegenheit ber eine Verkehrtheit stattfinde.

Wenn ich das Bewusstsein habe, klger oder geschickter zu sein, als ein
anderer, so mag es wohl geschehen, dass ich mit dem im Vergleich mit mir
Unklugen oder Ungeschickten Mitleid habe. Dann ist nach _Groos_ die
Bedingung fr die Komik nicht gegeben. Aber vielleicht habe ich kein
Mitleid. Der Unkluge oder Ungeschickte beansprucht gar kein Mitleid. Er
mht sich in einer Sache vergeblich und lsst dann die Sache laufen. Oder
es wre wohl Grund zum Mitleid, aber ich gebe mir nicht die Mhe mich
darauf zu besinnen. Ich bin nun einmal der Selbstbewusste, fr den die
"Verkehrtheit" anderer lediglich ein Mittel ist, sich in seiner
berlegenheit zu sonnen. Ich thue dies also auch in diesem Falle. Wo ist
dann die Komik? Es ist kein Zweifel, dass dieselbe um so sicherer
unterbleibt, je mehr ich meinem Gefhl der berlegenheit mich hingebe.


GEFHL UND GRUND DES GEFHLS.

Dass es so sich verhalten muss, zeigt eine einfache berlegung. Fr
_Groos_ soll die _Verkehrtheit komisch_ erscheinen, weil ich mich
_berlegen_ fhle. Das Gefhl meiner berlegenheit ist fr _Groos_
identisch mit dem Gefhl der Komik des Gegenstandes, oder allgemeiner
gesagt, ein auf mich bezogenes Gefhl soll identisch sein mit einem nicht
auf mich, sondern auf ein Objekt bezogenen Gefhl. Dies ist ein
Widerspruch in sich selbst.

Was heisst dies: Ein Gefhl ist fr mich auf ein Objekt bezogen? Worin
besteht das _Bewusstsein_ dieses _Bezogenseins_? Gewiss nicht einfach
darin, dass ich ein Objekt und neben ihm oder gleichzeitig mit ihm ein
bestimmtes Gefhl in meinem Bewusstsein vorfinde. Gefhle knnen mit
Objekten gleichzeitig vorhanden sein und doch nicht auf sie bezogen
erscheinen. Ich stehe etwa vor einem Kunstwerk, und es strt mich etwas
an ihm. Aber ich weiss zunchst nicht, was das Strende ist. Hier ist das
Gefhl des Strenden, d. h. das Gefhl der Unlust fr mein Bewusstsein
nicht auf sein Objekt bezogen.

Und wie nun kommt das Bewusstsein der Beziehung des Gefhls auf ein
bestimmtes Objekt zu stande? Jedermann weiss die Antwort. Ich analysiere
den Wahrnehmungskomplex, in dem das Kunstwerk fr mich besteht; d. h. ich
richte nach einander auf die verschiedenen Teile, Zge, Momente des
Kunstwerkes meine Aufmerksamkeit, und sehe zu, wann das Unlustgefhl
heraustritt oder sich steigert. Endlich weiss ich, was mich strte. Ich
achtete auf einen bestimmten Zug des Kunstwerkes mit Ausschluss anderer.
Indem ich dies that, und mir zugleich dieses Thuns, d. h. der auf diesen
bestimmten Zug gerichteten Aufmerksamkeit bewusst war, trat das
Unlustgefhl rein oder beherrschend zu Tage. So besteht die bewusste
Beziehung oder das Bewusstsein der Bezogenheit eines Gefhles der Lust
oder Unlust auf ein Objekt immer darin, dass das Gefhl hervortritt,
indem ich das Bewusstsein habe, es sei die Aufmerksamkeit auf eben dieses
Objekt gerichtet.

Neben die eben gestellte Frage stelle ich jetzt die andere, davon
verschiedene: Wie wird ein psychischer Vorgang von uns als _Grund_ eines
Gefhles erkannt? Diese Frage haben wir schon ehemals gestreift. Offenbar
muss die Antwort lauten: Ein psychischer Vorgang ist Grund eines
Gefhles, wenn und sofern die Steigerung dieses Vorganges, oder die
erhhte Kraft seines Auftretens in uns dies Gefhl steigert oder erst
heraustreten lsst. Es leuchtet ja ein: Ist ein psychischer Vorgang, ein
Vorgang des Empfindens oder Vorstellens etwa, dasjenige, was ein Gefhl
bedingt, oder woran ein Gefhl "haftet", so muss das fragliche Gefhl
sich steigern--oder, was dasselbe sagt, es muss unser Gesamtgefhl die
Frbung dieses Gefhles annehmen--in dem Masse als der bedingende Vorgang
psychisch zur Geltung kommt, Kraft gewinnt, im Zusammenhang des
psychischen Geschehens dominierend hervortritt.

Nun findet dies "Hervortreten" oder Kraftgewinnen eines psychischen
Vorganges statt, wenn wir auf ihn unsere Aufmerksamkeit richten. Und der
_Bewusstseinsthatbestand_, den wir als _Bewusstsein_ des Aufmerkens auf
ein empfundenes oder vorgestelltes Objekt bezeichnen, ist nichts anderes
als die Begleiterscheinung dieses Hervortretens, Kraftgewinnens,
Dominierens des Empfindungs- oder Vorstellungsvorganges. Also knnen wir
auch sagen: Erscheint in unserem Bewusstsein, oder nach Aussage
desselben, ein Gefhl der Lust oder Unlust auf einen Empfindungs- oder
Vorstellungsinhalt bezogen, so ist in dem entsprechenden Empfindungs-
oder Vorstellungs_vorgang_ zugleich der _Grund_ dieses Gefhles zu
suchen.


ALLERLEI STHETISCHE THEORIEN.

Diese Einsicht scheint nun eine sehr triviale. Aber dies hindert nicht,
dass damit eine ganze Reihe psychologisch-sthetischer Theorien endgltig
abgewiesen sind. Ich erwhne etwa die Theorie, die das Wohlgefallen an
Linien auf das Wohlgefallen an bequemen oder leicht zu vollziehenden
Augenbewegungen zurckfhrt; oder derzufolge Linienschnheit nichts
anderes ist als Annehmlichkeit von Augenbewegungen. Es ergiebt sich aus
Obigem, was dagegen einzuwenden ist: Die Linien, nicht die
Augenbewegungen meine ich, wenn ich die Linien schn finde. Auf jene
nicht auf diese erscheint mein Gefhl der Lust bezogen.

Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn ich besondere Flle annehme. Es
knnte geschehen, dass die Augenbewegungen, vermge deren ich eine schne
Linie--wirklich oder angeblich--"verfolge", einmal sehr unbequeme wren.
Die Linie findet sich etwa an einer Wand, so weit oben, dass ich den Kopf
und die Augen stark nach oben wenden muss, um die Linie zu betrachten.
Jetzt sind die Augenbewegungen vielleicht sogar schmerzhaft. Dann ist
doch nicht die Linie fr mich hsslich, sondern eben die Augenbewegung
schmerzhaft. Ich verspre Wohlgefallen "_an_" der Linie, d. h. ich
verspre Lust, wenn und in dem Masse, als ich auf die Linie achte, und
damit zugleich meine Aufmerksamkeit von der Stellung und Bewegung meiner
Augen _abwende_. Ich verspre andererseits Unlust "_an_" den
Augenbewegungen, d. h. ich verspre Unlust, wenn und in dem Masse, als
ich auf die Augenbewegungen achte, und die Linie fr eine Zeitlang Linie
sein lasse.

Also habe ich auch den _Grund_ jener Lust in der Linie zu suchen. Wenn
nicht in der sichtbaren Form der Linie, dann in etwas, das fr mich in
der Linie oder ihrer Form unmittelbar liegt. Dies wird allerdings
gleichfalls eine Bewegung sein. Aber nicht eine Bewegung meiner Augen,
berhaupt nicht eine Bewegung in oder an mir, sondern eine Bewegung _der_
Linie oder _in_ der Linie selbst, eine Bewegung, die die Linie selbst zu
vollfhren, oder vermge welcher die Linie, dies von mir unterschiedene
und mir frei gegenbertretende Objekt, in jedem Augenblick von neuem
_sich selbst zu erzeugen_ scheint.--Nicht minder liegt der Grund meiner
Unlust in den Augenbewegungen, also _nicht_ in der Linie und dem, was sie
leistet, sondern in mir und dem was ich, diese von der Linie
unterschiedene und sich ihr gegenberstellende Person, leiste oder zu
leisten jetzt gentigt bin.

Eben dahin gehrt die Theorie, welche die Erhabenheit von Objekten
identifiziert mit dem Gefhl meiner Erhabenheit, etwa der berlegenheit
meines Verstandes. In dieser Theorie liegt gewiss Richtiges. Aber es
fehlt noch die Hauptsache. Das Gefhl meiner Erhabenheit ist an sich
schlechterdings nichts, als das Gefhl meiner Erhabenheit, niemals ein
Gefhl der Erhabenheit eines _Objektes_. Wie berall, so setze ich auch
hier deutlich einander gegenber: mich und das Objekt. Dieser Gegensatz
ist ja fr uns der allerfundamentalste. Es ist der Gegensatz der
Gegenstze. Es ist damit hier wie berall absolut ausgeschlossen, dass
ich mich mit dem Objekt, das ich anschaue, verwechsele oder dem Objekte
zurechne, was mir zugehrt, dass ich also auch ein Gefhl auf das Objekt
bezogen glaube, das nach Aussage meines unmittelbaren Bewusstseins auf
mich bezogen ist.

Erst wenn ich, durch das "erhabene" Objekt selbst gentigt,--nicht meine
gegenwrtige Erhabenheit, aber eine Erhabenheit, wie ich sie in mir
finden _kann_, also eine mgliche Erhabenheit menschlichen Wesens--und
eine andere Erhabenheit giebt es fr uns nicht--in das Objekt _hinein
verlege_, und in ihm, als etwas ihm Zugehrigen, _wiederfinde_, oder
besser gesagt, wenn ich im Objekte, als ihm zuhrig, die persnlichen
Regungen, inneren Verhaltungsweisen, Wollungen wiederfinde, die das
Gefhl der Erhabenheit begrnden, wenn mir also diese Regungen in dem
Objekte als etwas von mir Verschiedenes, "Objektives", gegenbertreten,
kann das Objekt fr mich zu einem erhabenen werden, oder kann mein Gefhl
der Erhabenheit mir auf dies Objekt bezogen erscheinen. Und umgekehrt,
erscheint das Gefhl auf das Objekt bezogen, erscheint also das Objekt
mir erhaben, so liegt darin der Beweis, dass das Objekt diesen Grund des
Erhabenheitsgefhles in sich selbst trgt, dass nicht mein Erhabensein,
sondern der erhebende Sinn und Inhalt des Objektes das Gefhl
bedingt.--Dass, nebenbei bemerkt, diese Erhabenheit des Objektes keine
Erhabenheit des Verstandes sein kann, leuchtet ein. Unser
Anthropomorphisieren ist kein Objektivieren unseres Verstandes, sondern
unseres Willens.

Nicht minder gehrt hierhin der ganze Grundgedanke der _Groos_'schen
sthetik. Freude an der Schnheit von Objekten, oder, wie _Groos_ zu
sagen vorzieht, Freude am "sthetischen Wert" von Objekten soll _Groos_
zufolge Freude am Spiel meiner Phantasie sein. Ich entgegne: Es ist nun
einmal thatschlich nicht so. Freude am Spiel meiner Phantasie
ist--Freude am Spiel meiner Phantasie. Solche Freude mag vorkommen.
Vielleicht gelingt es auch diesem oder jenem, solche Freude zu haben,
whrend er angeblich mit einem _Kunstwerke_ innerlich beschftigt ist.
Ich mag vielleicht gelegentlich das Kunstwerk, dies mir objektiv
gegenbertretende und fr mein Bewusstsein von mir total unterschiedene
Ding, eine Zeitlang aus dem Auge lassen und auf meine Phantasiethtigkeit
hinblicken; ich meine: auf die Phantasiethtigkeit, die ich jetzt eben,
wo ich noch mit dem Kunstwerk beschftigt war, gebt habe; und ich mag
dann an dem Spiel dieser Thtigkeit, an diesem von mir erkannten
psychologischen Faktum, meine Freude haben. Dann freue ich mich eben an
diesem Spiel.

Und dies Spiel ist dann notwendig auch der _Grund_ meiner Freude. Ebenso
gewiss aber ist dieses Spiel _nicht_ der Grund meiner Freude, sondern der
_Gegenstand_ dieses Spieles begrndet mein Gefhl, wenn ich das Gefhl
innerlich auf diesen Gegenstand beziehe, wenn also das _Kunstwerk_ mir
wertvoll oder erfreulich erscheint. Ich sage: der Gegenstand des
"Spieles" ist der Grund der Freude. Dabei setze ich natrlich voraus,
dass mein Verhalten zum Kunstwerk wirklich Spiel ist, ich nicht etwa in
allem Ernst mich dem Kunstwerk hingebe, nicht etwa das Kunstwerk mich so
erfasst und zu sich hinzwingt, dass das Spielen mit ihm ein Ende hat.


DIE KOMIK DES OBJEKTES UND MEINE BERLEGENHEIT.

Am auffallendsten tritt aber schliesslich die Verwechselung, auf welcher,
nach dem eben Gesagten, _Groos'_ Begrndung des sthetischen Genusses
berhaupt beruht, bei _Groos'_ Theorie der Komik zu Tage. Ich sei
berlegen ber die Verkehrtheit des komischen Objektes. Das komische
Objekt, oder das Verkehrte, ist dann natrlich nicht berlegen, sondern
inferior. Komisch aber ist fr mich das Objekt, nicht ich, oder meine
berlegenheit. Mein Gefhl der komischen Lust ist ein nicht auf das
berlegene Ich, sondern auf das inferiore Objekt bezogenes Gefhl. Ich
kann wohl auch hier meiner berlegenheit mich freuen. Das heisst, ich
kann auf die berlegenheit, die mir und nur mir zukommt, achten, und
dabei ein angenehmes Gefhl haben. Aber das, worum es sich hier handelt,
das ist ja das Gefhl, das ich auf das von mir so deutlich als mglich
unterschiedene Objekt und seine Inferioritt beziehe, d. h. das Gefhl,
das entsteht, indem ich--_nicht_ mich und meine berlegenheit mir
vergegenwrtige, _nicht_ auf _diese_ Seite des Gegensatzes zwischen mir
und dem Objekte meine Aufmerksamkeit richte, sondern dem Objekte und
seiner Inferioritt, dieser _anderen_ Seite des Gegensatzes meine
Aufmerksamkeit zuwende.

Dann kann auch der _Grund_ des Gefhles der Komik nicht in meiner
berlegenheit oder dem Bewusstsein derselben liegen. Sondern er muss in
dem Objekte, seiner Verkehrtheit, seiner Inferioritt, kurz seiner
Nichtigkeit gesucht werden. Er muss liegen in dieser Nichtigkeit selbst,
nicht etwa in dieser Nichtigkeit sofern sie meine berlegenheit
begrndet. Denn dann msste wiederum das Achten auf mich und meine
berlegenheit das Gefhl der Komik hervortreten lassen. Dies msste also
doch wiederum auf mich bezogen erscheinen. Es entstnde, mit anderen
Worten, von neuem der Widerspruch, der darin liegt, dass ein Gefhl, das
ich thatschlich nicht auf mich, sondern auf ein von mir verschiedenes
Objekt beziehe, mit einem auf mich bezogenen Gefhle identisch sein soll.

Es liegt aber in _Groos'_ Anschauung nicht nur eine einfache, sondern
eine doppelte Verwechselung. Das Gefhl der Komik ist, soviel ich sehe,
nicht ein Gefhl der berlegenheit, sondern eben--ein Gefhl der Komik.
Es ist also fr _Groos_ nicht nur ein auf mich bezogenes Gefhl ein aufs
Objekt bezogenes, sondern es ist auch das Gefhl der berlegenheit
identisch mit einem Gefhl der Komik. Das Gefhl meiner berlegenheit ist
eine Art des Gefhles der Erhabenheit, nmlich meiner Erhabenheit. Das
Gefhl der Komik aber ist das Gegenteil jedes Gefhles der Erhabenheit.
Fr _Groos_ sind beide identisch. Das ist eine zu starke Zumutung.

Achten wir schliesslich auch noch--auch sonst erweist sich dergleichen
als ntzlich--auf die objektiv gegebenen Thatsachen. Fragen wir zunchst,
wer denn das Gefhl der berlegenheit ber wirkliche oder vermeintliche
Verkehrtheiten zu haben, und wer andererseits dem Gefhl der Komik
hingegeben zu sein und ber das Komische herzlich zu lachen pflegt. Dann
erscheint _Groos'_ Theorie in demselben seltsamen Lichte.

Jene "berlegenen", das sind die Suffisanten, die Eitlen, die Gecken.
Ihnen ist alles ein Mittel sich berlegen zu fhlen. Ihnen aber fehlt
eben damit der Humor dem Komischen gegenber, d. h. die Flligkeit die
Komik zu geniessen. Die "berlegenen" wissen nichts von herzlichem
Lachen.

Und es kann dies auch von ihnen nicht gefordert werden. Der Humor, die
Anteilnahme an der Komik des Komischen ist nun einmal ein sich Hingeben
an das Komische, oder das in ihm liegende Verkehrte. Wer ber das
Verkehrte herzlich lacht, geht in die Verkehrtheit ein, macht sich zum
Teilhaber, sozusagen zum Mitschuldigen. Er steigt von dem Piedestal, auf
dem er sonst stehen mag, herab; betrachtet die Sache von unten, nicht von
oben. Die Komik ist zu Ende in dem Momente, wo wir wiederum auf das
Piedestal heraufsteigen, d. h. wo wir beginnen, uns berlegen zu fhlen.
Das Gefhl der berlegenheit erweist sich so als das volle Gegenteil des
Gefhls der Komik, als sein eigentlicher Todfeind. Das Gefhl der Komik
ist mglich in dem Masse, als das Gefhl der berlegenheit nicht aufkommt
und nicht aufkommen kann.

So verhlt es sich, soweit Objekten der Komik gegenber ein Gefhl der
berlegenheit berhaupt _mglich_ ist. In vielen Fllen der Komik ist
aber gar nicht einzusehen, wie ein solches Gefhl zu stande kommen
sollte. Ich will etwa ein grosses, wohlvorbereitetes Feuerwerk abbrennen.
Und der Erfolg ist: ein Zischen, ein Lichtschein, weiter nichts. Dies
wirkt auf mich komisch, falls ich den ntigen Humor habe, d. h. meinen
etwaigen rger unterdrcke und mich ganz der Situation hingebe.

Worber nun fhle ich mich hier berlegen? Die Verkehrtheit, die
vorliegt, besteht in der Thatsache, dass das Wohlvorbereitete aus
irgendwelchem Grunde, vielleicht weil mir ohne meine Schuld verdorbene
Feuerwerkskrper geliefert wurden, misslingt, meine hochgespannte
Erwartung zergeht. Aber wie kann ich mich solcher Thatsache gegenber
berlegen fhlen? Wie wrde ich wohl meine berlegenheit ber das
misslingende Feuerwerk oder ber das Pulver, das seine Schuldigkeit nicht
that, in praxi dokumentieren?

Zum Gefhl der berlegenheit gehrt, dass ich mich mit dem Verkehrten
vergleiche. Mit mechanischen Vorgngen aber kann ich mich nicht
vergleichen. Ich vergleiche mich auch nicht mit leblosen Dingen. Wenn
neben einem Palast ein kleines Gebude stnde, das in seiner Form den
Palast getreu nachahmte, so knnte dies beraus komisch wirken. Was soll
es hier heissen, ich fhle mich ber eine Verkehrtheit berlegen. Die
Verkehrtheit besteht hier darin, dass ein Kleines aussieht, wie ein
Grosses, und doch nicht gross ist wie dieses. Habe ich hier etwa das
Bewusstsein, mir knne dergleichen nicht begegnen?

Eher schon vergleichen wir uns mit Kindern und Tieren. Aber ein freudiges
Bewusstsein der berlegenheit ber Kinder, oder ber das possierliche
Gebahren junger Katzen und Hunde, wre doch allzu kindisch. Kinder und
Tiere sind komisch vor allem, wenn sie sich gebrden wie wir, und doch
wiederum nicht wie wir, zweckvoll und doch wiederum zwecklos oder
zweckwidrig, ernsthaft und nichtig und doch wiederum spielend und
nichtig. Im Bewusstsein hiervon liegt ein Vergleich. Aber doch eben ganz
und gar nicht der Vergleich, wie er in _Groos'_ Theorie vorausgesetzt
ist, kein Messen, kein Abwgen dessen, was das Objekt der Komik ist oder
kann, und dem, was wir sind oder knnen, jedenfalls nicht ein Abwgen mit
dem schliesslichen stolzen Bewusstsein, dass wir es in Vergleich mit den
Objekten, also den Kindern, oder den jungen Hunden und Katzen so herrlich
weit gebracht haben.

Auch der Witz soll endlich von _Groos'_ Definition getroffen werden.
Dieser Anspruch ist selbstverstndlich, da ja der Witz eine Gattung des
Komischen ist. Man vergegenwrtige sich aber einmal etwa das zweifellos
witzige und witzig komische Rtsel _Schleiermachers_ "der Galgenstrick":

  Fest vom Dritten umschlungen, so schwebt das vollendete Ganze,
  Wann es die Parze gebeut, an den zwei Ersten empor.

Das Verkehrte, das hier sich findet, besteht in der abnormen oder
spielenden Form, in welcher der gar nicht verkehrte Gedanke ausgedrckt
ist. Freilich, hier ist der Ausdruck Verkehrtheit etwas--verkehrt. Aber
_Groos_ versteht unter der Verkehrtheit so vielerlei, dass wir auch diese
Abnormitt als Verkehrtheit--in seinem Sinne--bezeichnen knnen.

Ich frage nun: Worin besteht unser Gefhl der berlegenheit ber dies
Abnorme, oder ber diese witzig geistreiche Art des Ausdrucks eines
Gedankens? Trifft hier _Groos'_ Satz zu: "Wir haben bei jedem Komischen
das behagliche Pharisergefhl, dass wir nicht und wie dieser Verkehrten
einer"? In der That sind wir vielleicht nicht wie dieser Verkehrten, d.
h. dieser Witzigen einer. Aber es ist zu befrchten, dass in diesem Falle
das Pharisergefhl eher in ein gegenseitiges Gefhl umschlage. _Groos_
hat Sinn fr Witz, vielleicht zu viel. Darum vermute ich, das er den
"Humor" des _Schleiermacher_'schen Witzes nicht etwa in dem Gefhl der
berlegenheit finden wird, das der logische Pedant der witzigen Wendung
gegenber allerdings haben wird. Diese berlegenheit ist aber die
einzige, die der witzigen Komik gegenber mglich ist.


BERLEGENHEIT UND "ERLEUCHTUNG".

Doch wir drfen nicht bersehen: _Groos_ kennt noch eine andere Art der
berlegenheit. Und die knnte hier, wie in dem vorhin erwhnten Falle
_Groos'_ Theorie zu retten scheinen. _Kant_ sagt, und _Groos_ zitiert, es
sei eine merkwrdige Eigenschaft des Komischen, dass es immer etwas in
sich enthalten msse, das auf einen Augenblick tuschen knne. Diese
vortreffliche Bemerkung _Kants_ wendet _Groos_ in folgender Weise zu
seinen Gunsten. Wir fallen auf das komische Objekt herein, "das komische
Objekt will uns weismachen, dass seine widersprechenden Glieder in
friedlichstem und geordnetstem Zusammenhang seien. Und erst wenn wir
diesen scheinbaren Zusammenhang zerrissen haben, kommen wir zu dem vollen
Gefhl der berlegenheit."

Offenbar handelt es sich hier um eine andere Art der berlegenheit, als
diejenige ist, von der vorhin die Rede war. Es ist eine berlegenheit
nicht ber das Verkehrte, sondern eine berlegenheit oder ein sich
Erheben ber den Schein, als sei das komische das Gegenteil eines
Verkehrten, ein sich Erheben ber die Tuschung, der man einen Moment
unterlag, also eine Art der berlegenheit ber uns selbst. Man erinnert
sich, dass auch diese berlegenheit schon bei _Hobbes_ vorkam. _Groos_
bezeichnet sie auch als "Erleuchtung" nach der "Verblffung".

Mit dieser "Erleuchtung nach der Verblffung" pfropft offenbar _Groos_
auf seine erste Theorie der Komik eine zweite, die etwas vllig Neues
giebt. Dies spricht gegen beide. Es scheint, wenn es wahr ist, dass wir
bei aller Komik jenes oben bezeichnete Pharisergefhl haben, dann
bedrfen wir nicht mehr dieses beglckenden Gefhles, ber unsere eigene
Verblffung Herr geworden oder daraus siegreich hervorgegangen zu sein.
Und wenn wir berall dieses letztere Gefhl haben, dann ist jenes erstere
berflssig.

Aber bleiben wir bei der neuen Theorie. Soweit sie Theorie der
"Verblffung und Erleuchtung" ist, knnte aus ihr sachlich Richtiges
herausgelesen werden. Aber der dominierende Begriff bleibt eben doch auch
hier der Begriff der berlegenheit. Insofern bessert diese neue Theorie
nichts.

Es ist ja gewiss so: Eine Art des "Hereinfallens" gehrt zu jeder Komik.
Das Komische muss uns in Anspruch nehmen, als ob es mehr wre, als nur
dies komisch Nichtige. Es muss in unseren Augen den Anspruch erheben,
mehr zu _sein_. Der Witz insbesondere muss etwas Glaubhaftes an sich
tragen.

Und auch dies gehrt zur Komik, dass dieser Anspruch zergeht. Aber was
dies heisst, muss genauer gesagt werden. Und es muss in jedem Falle
anders gesagt werden, als _Groos_ es sagt. Die Einsicht, _dass_ wir
hereingefallen sind, diese "Erleuchtung" giebt an sich keinen Grund zum
Gefhl der Komik.

Sie giebt nicht einmal ohne weiteres ein beglckendes Gefhl der
berlegenheit. Solche Erleuchtung kann beschmend sein. Sie kann uns auch
gleichgltig sein. Ich frage: Wenn sie weder das eine noch das andere
ist, sondern ein beglckendes Gefhl der berlegenheit schafft, worin
liegt dies?

Aber die Antwort auf diese Frage wrde uns ja nichts ntzen. Das Gefhl
unserer berlegenheit ber das Verkehrte konnte nicht das Gefhl der
Komik des Verkehrten sein. Ebensowenig, oder noch weniger kann das Gefhl
der berlegenheit ber uns mit dem auf das Objekt bezogenen Gefhl der
Komik eine und dieselbe Sache sein. _Groos_ scheint schliesslich
besonderes Gewicht zu legen auf das Momentane der Verblffung und das
Momentane der Erleuchtung, auf den _Zeising_'schen pltzlichen "Choc und
Gegenchoc". Aber auch damit kommen wir dem Ziel nicht nher. Erzeugt die
Erleuchtung momentane Beschmung, so erzeugt sie eben momentane
Beschmung, erzeugt sie ein momentanes Gefhl der berlegenheit, so
erzeugt sie eben ein momentanes Gefhl der berlegenheit. Kein Gefhl
wird lediglich dadurch, dass es ein momentanes ist, zu einem Gefhle ganz
anderer Art, und ausserdem auch noch zu einem Gefhl, das auf einen ganz
anderen Gegenstand bezogen erscheint.


DAS WESEN DER "BERLEGENHEIT".

Fragen wir schliesslich auch noch: Was ist doch eigentlich dies Gefhl
der berlegenheit, das _Groos_ und anderen so sehr das klare Denken
verwirrt. Es scheint fast, _Groos_ htte, der er doch einmal mit diesem
Begriffe operiert, diese Frage sich vorlegen mssen.

Schon oben sagte ich, das Gefhl der berlegenheit ergebe sich aus einem
Messen. Dies bestimmen wir genauer. Ein Mensch begehe Verkehrtes. Darum
ist er doch Mensch, wie ich. Mit dem Gedanken an das Menschsein verknpft
sich also der Gedanke des verkehrten Thuns. Verkehrt sich zu gebaren ist
also menschlich. Es ist also mehr als menschlich, zum mindesten mehr als
allgemein menschlich, wenn man so vernnftig ist, wie wir es sind oder zu
sein uns einbilden. Wir sind "bermenschen", mehr als unsere "Jngsten",
die sich als bermenschen dnken, wenn sie nichts sind als besonders
jmmerliche Menschen.

Oder anders gesagt: Ich stehe, wenn ich jenes verkehrte Thun erlebt habe,
unter dem unmittelbaren Eindruck: Menschen knnen sich so unvernnftig
gebrden. Also ist mein vernnftiges Gebaren keine so selbstverstndliche
Sache. Wre sie etwas durchaus Selbstverstndliches, so wrde ich in
meinen Gedanken darber zur Tagesordnung bergehen, wie ber alles
Selbstverstndliche. Jetzt ist diese Selbstverstndlichkeit, ich kann
auch sagen: es ist die "Gewohnheit", Menschen als vernnftig zu
betrachten, wenn auch nur fr einen Augenblick, durchbrochen. Es ist,
wenn ich in Ausdrcken meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens" sprechen
darf, der freie "Vorstellungsabfluss" aufgehoben; also eine psychische
"Stauung" eingetreten. Und diese hat die Wirkung, die jede psychische
Stauung hat. Das heisst die psychische Bewegung haftet an der Stelle, wo
die Stauung geschieht, die psychische Wellenhhe dessen, was an dieser
Stelle sich findet, wird gesteigert.

Oder wenn wir diese Ausdrcke wiederum fallen lassen: Das, was nur nicht
mehr als ein Selbstverstndliches oder Gewohntes erscheint, fllt mir in
hherem Grade auf. Es wirkt wie ein Neues. Damit steigert sich auch die
Gefhlswirkung. Meine Vernnftigkeit wird also durch den Vergleich mit
der Unvernunft anderer fr mich eindrucksvoller. Damit ist das
gesteigerte Selbstgefhl, der Stolz auf meine Vernnftigkeit, das Gefhl
der berlegenheit gegeben.

Auch aus dieser Betrachtung der Entstehungsweise des Gefhles der
berlegenheit ergiebt sich, wie wenig dasselbe mit der Komik zu thun hat.
Es ist einfach erhhtes Gefhl des Wertes meiner selbst, hhere
Selbstachtung, Stolz. Und darin liegt nichts komisch Erheiterndes. Das
Gefhl der Komik steht dazu im Gegensatz. Es wird demnach auch vermge
eines entgegengesetzten Prozesses entstehen.

_Groos_ zitiert beim Beginn seiner Errterung der Komik das bekannte Wort
_Jean Pauls_: Das Lcherliche wollte von jeher nicht in die Definition
der Philosophen gehen, ausser unfreiwillig. Derselbe _Jean Paul_ sagt
auch, die Komik verwandle halbe und Viertelshnlichkeiten in
Gleichheiten. Auch in _Groos'_ "Definition" fehlen solche halbe und
Viertelshnlichkeiten nicht. Er meint Richtiges. So meinen, wie im Grunde
selbstverstndlich, alle Theoretiker der Komik Richtiges. Aber sie meinen
oder sagen es nicht immer richtig.

Worin das Richtige bei _Groos_ besteht, wurde schon angedeutet. Es liegt
in dem von ihm bernommenen _Zeising_'schen "Choc und Gegenchoc", oder
der "Verblffung und Erleuchtung". Schon _Hecker_ hatte einen Kontrast
statuiert. Dass dieser Kontrast hier genauer als Kontrast zwischen
Verblffung und Erleuchtung erscheint, bedeutet einen Fortschritt.

Und noch mehr kann zugestanden werden. Auch eine "berlegenheit" findet
bei der Komik statt, nur in vllig anderem als dem _Groos_'schen Sinne,
nmlich eine berlegenheit meiner Auffassungskraft ber ein
Aufzufassendes. Und daran schliesst sich ein entsprechendes Gefhl, wenn
nicht der "berlegenheit", so doch der gelsten Spannung.


ZIEGLERS THEORIE.

Ich schliesse an die Kritik der _Groos_'schen Theorie unmittelbar noch
eine Bemerkung an ber _Ziegler_, der in seiner Skizze des
Gefhlslebens--"Das Gefhl" Stuttgart 1898--_Groos'_ Theorie teilweise
bernimmt, und damit die _Hecker_'sche "Schadenfreude" verbindet. Auch
bei _Ziegler_ sehe ich nicht, wie weit er sich der bereinstimmung mit
seinen Vorgngern bewusst ist. Besteht keine Abhngigkeit, so ist doch
die Identitt der Gedanken nicht verwunderlich. Es liegt in jenen
Begriffen, wenn man gewisse besonders in die Augen springende Flle der
Komik im _Ganzen_ nimmt, etwas Plausibles. Das Gefhl der Komik schlgt
in der That in gewissen Fllen leicht in das Gefhl der berlegenheit
oder der Schadenfreude um, oder es tritt zu ihm ein solches Gefhl,
allerdings jedesmal die Komik als solche beeintrchtigend oder
zerstrend, hinzu. Genauere Untersuchung ergiebt zwar unschwer die
Eigenart der Komik. Aber auch _Ziegler_ verzichtet auf solche genauere
Untersuchung.

Ich sagte, _Ziegler_ bernehme teilweise die _Groos_'sche
"berlegenheit". Dies thut er nicht von vornherein. _Ziegler_ operiert
zunchst mit dem von _Groos_ in zweiter Linie herbeigezogenen Gegensatz
der Dpierung und Erleuchtung. Dass _Ziegler_ dies Moment zum Primren
macht, darin scheint wiederum ein Fortschritt zu liegen.

Aber es fragt sich, wie diese Begriffe verwendet werden. Wir fallen, so
erfahren wir auch hier, auf die Verkehrtheit, Zweckwidrigkeit, Unvernunft
herein, bemerken sie nicht, werden also dpiert. Dann sehen wir sie ein.
Wir lachen dann in gewisser Weise doppelt, ber die Verkehrtheit, und
ber uns, die wir dpiert worden sind.--Man beachte, wie hier _Groos'_
Gefhl der berlegenheit ber uns selbst, oder _Groos'_ stolzes
Bewusstsein des Sieges zu einem Verlachen unserer selbst wird, also in
gewisser Weise sich in sein Gegenteil verkehrt.

Aber wenn bei Ziegler das beglckende Gefhl unserer berlegenheit
wegfllt, warum lachen wir dann, ber das Objekt und ber uns selbst?
_Ziegler_ meint selbst, das Verkehrte oder die Unvernunft knne als
solche nur Unlust erregen, und indem die Unvernunft als solche sich
herausstelle, werde die Unlust nur verdoppelt. Wie kommt es dann, dass
das Verkehrte, in dem es als solches sich herausstellt, _belustigt_?

_Ziegler_ antwortet: Dies liege daran, dass die Unvernunft oder
Zweckwidrigkeit keine bedenkliche, der Schaden, der daraus erwachse, kein
grosser sei. Die ganze Sache, so sagt er, ist ein "Nichtssagendes; statt
Ernst ist alles, was daran resultiert, nur Scherz und Spiel"; es ist
"ohne erheblichen Schaden, also nicht ernsthaft, sondern nur spasshaft zu
nehmen".

Damit ist fr _Ziegler_ die Komik erklrt. Dass das, was nur spasshaft
genommen werden kann, nur spasshaft, d. h. komisch genommen werden kann,
ist ja selbstverstndlich. Aber die Frage ist eben die, wie das
Nichtssagende dazu _komme_, spasshaft, d. h. komisch genommen zu werden.
Oder verwandelt sich Unlust ber einen Schaden lediglich dadurch, dass
der Schaden ein geringer ist, in "Spass", oder komische Lust? Mir scheint
vielmehr, wenn ein Schaden Unlust erzeugt, so erzeugt ein geringer
Schaden zunchst nichts anderes als verminderte Unlust. Ist der Schaden
sehr gering, so wird die Unlust schliesslich gleich Null. Aber
verminderte oder gar nicht mehr vorhandene Unlust ist doch nicht
identisch mit heiterer Lust.

Es ist deutlich, _Ziegler_ setzt in seiner Erklrung genau das voraus,
was er erklren will. Seine Erklrung der Komik besteht darin, dass er
andere Worte dafr einsetzt, nmlich die Worte "Scherz" und "Spass".
Warum erscheint uns ein Objekt komisch? Weil es uns nicht ernsthaft
sondern scherzhaft erscheint. Warum erscheinen wir selbst uns komisch?
Weil die Spannung, in die wir durch das komische Objekt versetzt worden
sind, nicht ernsthaft sondern spasshaft zu nehmen ist.

Erst wo es sich um das Zweckwidrige in oder an einer von uns
verschiedenen Person handelt, begegnen wir auch bei _Ziegler_ dem Begriff
der Schadenfreude und der berlegenheit. Nicht das _Wort_ "Schadenfreude"
kommt vor, aber die Sache: Es geschieht dem Verkehrten "Recht, dass seine
verschuldete Unvernunft ihm den kleinen Schaden gebracht hat." Ich habe
schon oben zugestanden, dass in der That in allerlei Fllen der Komik die
Schadenfreude zu stande kommen und ein Gefhl der berlegenheit sich
einstellen kann. Nur dass dies mit dem Gefhl der Komik als solchem
nichts zu thun hat. Gefhl der Komik ist Gefhl der Komik; und Gefhl der
Schadenfreude oder der berlegenheit ist Gefhl der Schadenfreude oder
der berlegenheit.--Im brigen wiederhole ich nicht, was ich gegen die
Theorie der berlegenheit vorhin gesagt habe.




III. KAPITEL. KOMIK UND VORSTELLUNGSKONTRAST.


KRPELINS "INTELLEKTUELLER KONTRAST".

Wie schon gesagt, geht _Krpelin_ von der Betrachtung der komischen
Objekte und Vorgnge aus. Dies Verfahren schien uns von einem Bedenken
frei, dem das _Hecker_'sche von vornherein unterlag. Aber Krpelins Weise
der Betrachtung ist einseitig; darum das schliessliche Ergebnis durchaus
ungengend. Dies schliessliche Ergebnis lautet: Komisch wirkt der
"unerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit
sthetischer, ethischer oder logischer Gefhle mit Vorwiegen der Lust
erweckt".

Ich betone hier zunchst die Anerkennung der Notwendigkeit eines
Kontrastes. Diesem Elemente begegnen wir schon in der sthetik von _Kant_
und _Lessing_. Wir sehen dann die sthetiker bemht, schrfer und
schrfer die Besonderheit zu bestimmen, die den komischen Kontrast vor
jedem beliebigen anderen Kontrast auszeichnet. Auch Krpelin sucht eine
solche nhere Bestimmung. Er glaubt sie gefunden zu haben, indem er den
komischen Kontrast als intellektuellen bezeichnet.

Da an dem "intellektuellen" Kontrast fr _Krpelin_ alles hngt, so
sollte man eine scharfe und unzweideutige Abgrenzung dieses Begriffes
erwarten. Dieser Erwartung wird nicht gengt. Der intellektuelle Kontrast
entsteht nach _Krpelin_ aus dem notwendig misslingenden Versuch der
begrifflichen Vereinigung disparater Vorstellungen. Dabei drfen zunchst
die "disparaten" Vorstellungen nicht allzu ernst genommen werden. Gemeint
sind einfach Vorstellungen, welche die ihnen angesonnene begriffliche
Vereinigung nicht zulassen, sie mgen im brigen von der Disparatheit
beliebig weit entfernt sein.

Was aber will die begriffliche Vereinigung? Sie soll mehr sein als ein
blosser Vergleich, demnach der intellektuelle Kontrast kein bloss
sinnlicher. Aber ich sehe nicht, worin jenes Mehr bestehen soll. "Der
Bauer lacht ber den Neger, den er zum ersten Male sieht." Auch wir
knnen uns bisweilen "eines leisen Gefhls der Komik nicht erwehren, wenn
wir einen Freund mit vernderter Haarfrisur, abrasiertem Bart, oder zum
ersten Male in der feierlichen Kopfbedeckung des Cylinders begegnen."
Dies sind Flle der von _Krpelin_ sogenannten "Anschauungskomik", der
ersten Hauptgattung, die er aufstellt. Bei ihr kontrastieren jedesmal
"sinnliche Anschauungen mit Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes
unmittelbar und ohne intellektuelle Verarbeitung". Nun leugne ich das
Vorhandensein und die Bedeutung dieses Kontrastes nicht, ich sehe nur
nicht, was ihn von einem blossen Vergleichskontrast unterscheiden soll.
Es scheint mir sogar, _Krpelin_ bezeichne ihn, indem er ihn "unmittelbar
und ohne intellektuelle Verarbeitung" entstehen lasse, ausdrcklich als
solchen. In der That knnen wir einen wahrgenommenen Gegenstand mit
anderen, die wir frher wahrgenommen haben, nicht vergleichen, ohne des
Kontrastes zwischen ihm und den frher wahrgenommenen, also jetzt zu
Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes gewordenen, inne zu werden.
Das Resultat der Vergleichung, die Unterscheidung, besteht eben in diesem
Innewerden des Kontrastes.

Statt von begrifflicher Vereinigung spricht _Krpelin_ auch wohl von
inniger Verbindung disparater Vorstellungen. hnlichkeiten der disparaten
Vorstellungen werden benutzt, diese innige Verbindung herzustellen. Aber
auch damit ist kein Gegensatz zwischen begrifflicher Vereinigung und
blossem Vergleich bezeichnet. Was mich zum Vergleich veranlasst, sind
immer hnlichkeiten, und der Vergleich selbst besteht jederzeit in dem
Versuch der Verschmelzung oder der Identifikation von Vorstellungen, also
der denkbar _innigsten_ Verbindung derselben. Eben aus diesem Versuch der
Identifikation ergiebt sich beim Vergleiche das Unterschieds- oder
Kontrastbewusstsein. Heisst demnach intellektueller Kontrast derjenige,
der aus dem Versuch inniger, auf vorhandene hnlichkeiten sich grndender
Verbindung von Vorstellungen entsteht, so muss jeder Kontrast, der bei
irgendwelcher Vergleichung sich ergiebt, diesen Namen tragen.

Oder besteht die begriffliche Vereinigung und damit die specifische
Bedingung der Komik in den oben genannten Fllen darin, dass der Bauer
den Neger, ebenso wie den Kaukasier, dem Begriff "Mensch", oder dass wir
das Bild des anders frisierten und mit ungewohnter Kopfbedeckung
versehenen Freundes ebenso wie das gewohnte Bild dem Begriff "unser
Freund" unterzuordnen versuchen, und dabei die Erfahrung machen, dass
dies nicht ohne Widerspruch gelingt?

Dies scheint wirklich _Krpelins_ Meinung. Weil wir in reicherer
Lebenserfahrung solche Begriffe gewonnen haben, die auch Neues und
Ungewohntes widerspruchslos in sich aufnehmen, darum ist seiner Erklrung
zufolge fr uns nicht mehr, wie fr den Ungebildeten, alles Neue und
Ungewohnte komisch. Aber auch darin liegt nichts, was nicht bei
beliebigen Vergleichen vorzukommen pflegte. Jeder Vergleich, so sagten
wir oben, sei Versuch der Identifikation. Dieser Versuch der
Identifikation aber ist ohne weiteres auch Versuch der Unterordnung unter
denselben Begriff. So vergleiche ich eine Pflanze, der ich irgendwo
begegne, mit den mir bekannten Arten, indem ich versuche, ihre Form mit
den Typen der letzteren zu identificieren. Damit ist der Versuch, die
Pflanze dem _Begriff_ einer der fraglichen Arten unterzuordnen, sofort
verbunden. Daher ich denn auch das Resultat des Vergleichs ohne weiteres
in der Weise ausspreche, dass ich von der Pflanze die Zugehrigkeit oder
Nichtzugehrigkeit zu einem bestimmten Artbegriff prdiziere: die Pflanze
ist eine Orchidee oder sie ist es nicht.

Ebenso kann ich den vernderten Zustand, in dem sich eine Pflanze heute
befindet, mit dem Zustand, in dem sich dieselbe Pflanze gestern
befand--sie habe etwa ber Nacht Blten getrieben--nicht vergleichen,
ohne beide Wahrnehmungsinhalte--die blhende und die bltenlose
Pflanze--demselben Begriff dieser mir bekannten Pflanze einzuordnen.
Wenigstens hat es hier ebensoviel bezw. ebensowenig Sinn, von einer
Einordnung in einen gemeinsamen Begriff zu sprechen, wie beim komischen
Kontrast zwischen dem neufrisierten Freunde einerseits und dem gewohnten
Anblick desselben andererseits.

Darnach sind wir wohl berechtigt, in der "begrifflichen Vereinigung" oder
"innigen Verbindung" und dem "intellektuellen Kontrast" das ber den
blossen Vergleich und Vergleichskontrast hinausgehende Moment zu
vermissen. _Krpelin_ ist im Rechte, insofern er ein solches Moment
berhaupt fordert. Er irrt nur, wenn er meint es damit aufgewiesen zu
haben, dass er jene Namen einfhrt. Die Ausdrcke, "begrifflich" und
"intellektuell" sind ja freilich so vieldeutig, dass sie alles besagen
knnen. Aber eben darum besagen sie in einer wissenschaftlichen Theorie
wenig oder gar nichts. Sie gehren zu den in der Psychologie so vielfach
blichen Worten, die wohl "um die Ohren krabbeln", aber statt das
Verstndnis zu frdern, vielmehr ber die Notwendigkeit des
Verstndnisses hinwegtuschen.

Mgen nun aber die begriffliche Vereinigung und der intellektuelle
Kontrast sein was sie wollen. Auch fr _Krpelin_ begrnden sie ja die
Komik nicht unter allen Umstnden. _Krpelin_ bezeichnet als Gegenstnde
der Anschauungskomik auch die leichter zu ertragenden menschlichen
Gebrechen. Der Kontrast mit der gewohnten menschlichen Bildung lsst sie
komisch erscheinen. Warum, so fragen wir, mssen gerade Gebrechen die
eine Seite des Kontrastes bilden? Warum entsteht der Eindruck der Komik
nicht ebenso, wenn ein Mensch durch irgend welchen Vorzug zu dem, was wir
zu sehen gewohnt sind, in Gegensatz tritt? Warum lachen wir ber den
ungewhnlich Krftigen und Wohlgebildeten nicht, wie ber den
ungewhnlich Fetten oder Hageren?--Und warum verschwindet bei uns
gebildeten Menschen sogar die Komik der Gebrechen, wenn sie schwer zu
ertragende sind? Warum lachen wir ber den Armen, der beide Beine
verloren hat, nicht ebenso, wie ber die rote Nase, da doch der Kontrast
in jenem Falle viel deutlicher in die Augen springt? Auf alle diese
Fragen bleibt _Krpelin_ die Antwort schuldig.

Doch nein. Wir irren. _Krpelin_ giebt auf diese Fragen sogar eine sehr
bestimmte Antwort. Wir wissen schon, der intellektuelle Kontrast wirkt
komisch nur, wenn er in uns einen Gefhlswiderstreit "mit _Vorwiegen der
Lust_" erweckt. Nun erweckt die ausserordentlich wohlgebildete Gestalt in
uns keine Unlust, also keinen Widerstreit der Gefhle, der Anblick des
schwer zu ertragenden Gebrechens lsst nicht die Lust, sondern die Unlust
berwiegen; es fehlt also in beiden Fllen ein wesentliches Element der
Komik.

Aber ist dies wirklich eine Antwort auf jene Fragen? Die komische Wirkung
_besteht_ ja fr _Krpelin_ in gar nichts Anderem, als dem Widerstreit
der Lust und Unlust mit berwiegen der Lust. Wenn er uns also sagt, nur
der Kontrast wirke komisch, der diesen Widerstreit erwecke, so heisst
dies, nur der Kontrast wirke komisch, der komisch wirke. Nun werden wir
uns ja freilich dieser Einsicht nicht verschliessen knnen. Wir erfahren
nur das nicht, was wir gerne wissen mchten, unter welchen Umstnden
nmlich ein Kontrast komisch wirke, _das heisst_--nach _Krpelin_--den
Widerstreit der Gefhle erzeuge, in dem die komische Wirkung angeblich
besteht.

Jener allgemeinen Antwort auf die Frage, warum der "intellektuelle"
Kontrast vielfach gar nicht komisch wirke, entspricht die Art, wie
_Krpelin_ sich in speciellen Fllen hilft. Kinder finden leicht alles
komisch, weil bei ihnen der intellektuelle Kontrast leichter entsteht.
Vorausgesetzt ist, dass dabei nicht die Furcht berwiegt. Die Flle, in
denen der intellektuelle Kontrast seine Pflicht versumt, erscheinen also
als Ausnahmen, die die Regel besttigen. Der Kontrast _wrde_ das Gefhl
der Komik erzeugen, wenn nicht statt desselben ein anders geartetes oder
entgegengesetztes Gefhl eintrte. Aber dies hat ebensoviel Sinn, als
wenn ich erst den allgemeinen Satz aufstellen wollte: alle Krper sinken
im Wasser, um dann hinzuzufgen: wofern sie nicht oben bleiben. Oder will
_Krpelin_ sagen, in jenen Fllen werde das Eintreten der Komik durch
andersgeartete Gefhle aufgehoben? Auch damit ist nichts gebessert. Auch
von Krpern, die sich nicht darauf einlassen im Wasser zu sinken, kann
ich zur Not sagen, bei ihnen werde durch das Obenbleiben oder die Tendenz
des Obenbleibens der Effekt des Sinkens aufgehoben. Eine Begrndung des
Sinkens dieser Krper und des Nichtsinkens jener wre damit nicht
gegeben.

Endlich ist es aber auch, wie wir schon wissen, gar nicht richtig, dass
Widerstreit von Lust und Unlust mit berwiegen der Lust das Gefhl der
Komik ausmacht. Weder von einem solchen Widerstreit zu reden ist
_Krpelin_ so ohne weiteres berechtigt, noch findet das berwiegen der
Lust jederzeit statt. Umgekehrt knnen, wie wir gleichfalls schon wissen,
Lust und Unlust thatschlich in dem bezeichneten Verhltnis stehen und
doch kein Gefhl der Komik ergeben.

Es knnen aber auch schliesslich die ganzen _Krpelin_'schen Bedingungen
der Komik erfllt, also der unerwartete intellektuelle Kontrast samt dem
von _Krpelin_ geforderten Verhltnis von Lust und Unlust gegeben sein,
ohne dass von Komik im entferntesten die Rede ist. Jedes zugleich
prchtige und furchtbare Schauspiel, das ich nie gesehen, das also zu
meinem "Vorstellungsschatz" in unerwarteten Gegensatz tritt, der
unerwartete Anblick eines mchtigen Heeres, eines mchtig aufsteigenden
Wetters und dergleichen erfllt die Bedingungen, wenn zufllig der
erhebende Eindruck der Pracht das Gefhl der Furcht berwiegt. Darum
finden wir ein solches Schauspiel doch niemals komisch.

So bleibt schliesslich von der ganzen _Krpelin_'schen Bestimmung der
Komik nur der Vorstellungskontrast brig. Wie der beschaffen sein msse,
davon erfahren wir nichts. Das heisst, wir erfahren nichts von der
eigentlichen Hauptsache.


WUNDTS THEORIE.

Wir werden zu _Krpelin_ nachher noch einmal zurckkehren mssen. Vorerst
schliessen wir an das ber seine Theorie Gesagte eine Bemerkung ber
verwandte Anschauungen. Zunchst ber die _Wundts_. Nur in wenigen Worten
charakterisiert _Wundt_ die Komik. Diese Worte finden sich im zweiten
Bande der "Grundzge der physiologischen Psychologie" 4. Aufl. In seiner
Charakteristik vereinigt _Wundt_ in gewisser Weise mit der
_Krpelin_'schen Theorie die _Hecker_'sche. _Wundt_ meint: "Beim
Komischen stehen die einzelnen Vorstellungen, welche ein Ganzes der
Anschauung oder des Gedankens bilden, unter einander oder mit der Art
ihrer Zusammenfassung teils im Widerspruch, teils stimmen sie zusammen.
So entsteht ein Wechsel der Gefhle, bei welchem jedoch die positive
Seite, das Gefallen, nicht nur vorherrscht, sondern auch in besonders
krftiger Weise zur Geltung kommt, weil es, wie alle Gefhle, durch den
Kontrast gehoben wird."

Was ich dagegen zu sagen habe, ist der Hauptsache nach bereits gesagt:

Werden alle Gefhle durch Kontrast gehoben, so erfhrt in dem Wechsel der
Gefhle, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch die Lust
eine Steigerung. Es bleibt also das Verhltnis dasselbe.

Zweitens: Das hier vorausgesetzte Kontrastgesetz existiert nicht. Das
_Gefhls_kontrastgesetz insbesondere ist eine psychologische
Unmglichkeit.

Drittens: Es kann auch nicht gesagt werden, dass bei der Komik das Gefhl
der Lust berwiegen msse. Die Komik des Verchtlichen, die Komik, die
aus dem Lachen der Verzweiflung spricht, zeigt ein bergewicht der
Unlust, Komik ist ihrem eigentlichen Wesen nach weder Lust noch Unlust,
sondern im Vergleich mit beiden etwas Neues.

Viertens: Damit ist auch schon gesagt, dass zur Komik der Wechsel der
Lust und Unlust nicht gehrt. Mag beim Gefhl der Komik bald die Lust-
bald die Unlustfrbung strker heraustreten; das Gefhl der Komik ist an
sich ein von diesem Gegensatze unabhngiges eigenartiges Gefhl.

Fnftens, abgesehen von allem dem: Setzen wir den Fall, zwei Thatsachen
lassen sich unter einen Gesichtspunkt stellen, und fordern, dass wir dies
thun, wenn wir sie von einer bestimmten Seite her betrachten. Sie
widerstreiten dagegen dem Versuch, dies zu thun, wenn wir andere Momente
an ihnen ins Auge fassen. Hier ist fr _Wundt_ die Grundbedingung der
Komik gegeben. Es kann auch daraus unter Umstnden ein Wechsel der
Gefhle sich ergeben. Ich achte bald auf das Moment der bereinstimmung,
bald auf das Moment des Widerstreites. Dann schwankt auch mein Gefhl
zwischen Lust und Unlust. Dabei wird freilich nicht das Gefhl der Lust,
sondern das der Unlust durch den "Kontrast" gesteigert: Je mehr, was
beide Thatsachen bereinstimmendes haben, zur Zusammenfassung unter den
einen wissenschaftlichen Gesichtspunkt einladet, um so unangenehmer
berhrt es uns, wenn wir dann doch wiederum von der Unmglichkeit der
Zusammenfassung uns berzeugen mssen. Dagegen wird das Moment der
bereinstimmung keineswegs dadurch fr uns erfreulicher, dass das
gegenteilige Moment uns die Freude daran immer wiederum verkmmert.
Verkmmerte Freude ist nicht, wie es nach dem Gesetz des
"Gefhlskontrastes" sein msste, doppelte Freude.

Indessen nehmen wir an, das Kontrastgesetz bestnde, und wirkte, so wie
es nach _Wundt_ wirken msste; es wrde also im obigen Falle die Lust
"gehoben". Dann wren alle Bedingungen, die nach _Wundt_ fr die Komik
charakteristisch sind, gegeben. Es msste also eine den obigen Angaben
entsprechende Beziehung zwischen Thatsachen jederzeit komisch sein. Das
heisst jede Theorie, jede Zusammenfassung von Thatsachen, die einerseits
berechtigt, andererseits doch auch wiederum unzulssig erscheint, msste
komisch erscheinen. Nun haftet gewiss mancher wissenschaftlichen Theorie
von der bezeichneten Art der Charakter der Komik an. Sie braucht nur etwa
sehr selbstbewusst aufzutreten und zugleich dieses Selbstbewusstsein
mglichst wenig zu rechtfertigen. Oder sie verblfft uns momentan durch
einen Schein der Wahrheit; dann aber sinkt _eben das_, was ihr den Schein
der Wahrheit verlieh, in _nichts_ zusammen. Aber das sind ja
Voraussetzungen, die _Wundt_ nicht macht. Es fehlt so bei _Wundt_ die
Pointe der Komik, also ihr eigentlicher Sinn.

Immerhin liegt auch in _Wundts_ Charakteristik der Komik ein Hinweis auf
Richtiges und Wichtiges. Ich denke wiederum vorzugsweise an die
Anerkenntnis, dass ein Gegensatz oder ein Kontrast, und zwar, allgemein
gesagt, ein Kontrast zwischen einem Positiven und einem Negativen fr die
Komik notwendig sei. Dass und wiefern diese Anschauung berechtigt ist,
werden wir nachher genauer sehen.

Dass sie ein gewisses Recht haben msse, knnen wir aber auch schon aus
der Thatsache entnehmen, dass uns hnliche Wendungen, sei es zur
Charakterisierung des Witzes, sei es zur Kennzeichnung der Komik
berhaupt frher und spter immer wieder begegnen.


VERWANDTE THEORIEN.

Hier kommen fr uns einstweilen nur diejenigen Definitionen der Komik in
Betracht, die auf die Komik berhaupt sich beziehen. Erwhnung verdient
vor allem _Schopenhauer_, der in "Die Welt als Wille und Vorstellung" II.
Buch I  13 sagt: "Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderem, als
aus der pltzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und
den realen Objekten, die durch ihn in irgend einer Beziehung gedacht
worden waren; und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser
Inkongruenz." "Je richtiger einerseits die Subsumtion ... unter den
Begriff ist, und je grsser und greller andererseits ihre
Unangemessenheit zu ihm, desto strker ist die aus diesem Gegensatz
entspringende Wirkung des Lcherlichen. Jedes Lachen also entsteht auf
Anlass einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion, gleichgltig ob
diese durch Worte oder Thaten sich ausspricht. Dies ist in der Krze die
richtige Erklrung des Lcherlichen."

Hier begegnen uns in sehr ausgesprochener Form die oben als positiv
wertvoll anerkannten Momente. Im brigen wissen wir, warum diese
Erklrung so unzulnglich ist, wie sie kurz ist und anspruchsvoll
auftritt. _Schopenhauers_ "Lcherliches" ist lcherlich, wenn es nicht
rgerlich, oder imponierend, sondern eben lcherlich ist.

Es ist _zunchst_ lediglich _rgerlich_, wenn wir pltzlich wahrnehmen,
ein Objekt sei dem Begriff, unter den wir es subsumiert haben,
inkongruent. Und zwar ist zu diesem Gefhl um so mehr Grund, je richtiger
die Subsumtion schien, oder je mehr unser Urteil ber das Objekt zwingend
und einleuchtend war.

Es ist zweitens _imponierend_, wenn wir ein Objekt zunchst, etwa auf
Grund einer bloss usserlichen Betrachtung, einem Begriff subsumierten,
dessen Anwendung eine geringe Bewertung des Objektes in sich schloss, und
wenn dann pltzlich diese Subsumtion und mit ihr diese niedrige Bewertung
als fr das Objekt vllig unangemessen sich ausweist.

Es ist endlich _komisch_ dann und nur dann, wenn dem Objekt vermge der
Subsumtion, oder vermge unserer Beurteilung desselben, irgend welche
Wrde zukam, oder zuzukommen schien, und nun pltzlich _diese Wrde
verleihende_ Subsumtion als inkongruent oder unangemessen sich darstellt.
Man sieht, auch _Schopenhauer_ setzt bei seiner Erklrung der Komik die
Komik voraus.

Daneben mag erwhnt werden _Lillys_ "Theory of the Ludicrous",
Fortnightly Review, Mai 1896, wonach das Lcherliche ist: an irrational
negation which arouses in the mind a rational affirmation. Sehr nahe mit
_Krpelin_ berhrt sich dann _Mlinauds_ Erklrung in einem Aufsatz der
Revue des deux mondes 1895: Pourquoi rit-on? Etude sur la cause
psychologique du rire. Die Antwort auf jene Frage lautet: Quand un objet
d'un ct est absurde, et d'autre trouve une place toute marque dans une
catgorie familire.

Soll auch dagegen noch eine besondere Bemerkung gemacht werden, so sei
auf folgendes hingewiesen: Ein menschliches Verhalten, ein religiser
Gebrauch etwa, sei in sich mglichst "absurd". Diese Absurditt wird
komisch erscheinen, wenn sie berraschend oder verblffend ist; d. h.
wenn wir die betreffenden Personen mit unserem Masse messen, sie also als
vernnftige Menschen betrachten, wenn demgemss die Unvernunft in unseren
Augen den Anspruch erhebt, vernnftig, ja vielleicht erst recht
vernnftig zu sein, zugleich aber vllig klar in ihrer Unvernunft
einleuchtet.

Nehmen wir dagegen an, die absurde Handlung sei uns in aller ihrer
Absurditt dennoch aus Erziehung, Gewohnheit, Unkenntnis, geistiger
Stumpfheit der Personen vllig verstndlich, so dass wir uns sagen, die
Personen mssen unter diesen Umstnden so absurd sich gebrden, wie sie
es thun. Dann hrt die Komik auf. Es tritt dann an die Stelle der Komik
dies nchterne Verstndnis oder diese klar bestimmte Einordnung in eine
"catgorie familire". Man erinnert sich des Wortes: Nicht weinen, nicht
lachen, _sondern_ verstehen. Hier ist also die "place toute marque dans
une catgorie familire" der Komik feindlich.

Andererseits ist doch freilich auch wiederum das Verstndnis des absurden
Gebarens Bedingung einer bestimmten Art der Komik, nmlich der _naiven_
Komik. Nur muss hier die Verstndlichkeit in besonderem Sinne genommen
werden. Nicht im Sinne der einfachen verstandesgemssen Einsicht, sondern
im Sinne der Anerkenntnis: Das absurde Gebaren erscheint als Gebaren
dieser Person berechtigt, sinnvoll, "natrlich"; es giebt sich darin
etwas Gutes, Gesundes, eine Einsicht, kurz eine gewisse Grsse der Person
kund. Andererseits aber bleibt doch das Gebaren an sich betrachtet
absurd. Angenommen _Mlinaud_ htte an diese Art der Komik gedacht, dann
gehrte seine Theorie zu den zahlreichen, deren Schiefheit sich aus der
usserlichen und unzureichenden Betrachtung bestimmter Mglichkeiten der
Komik erklrt.

Endlich erwhne ich die letzte Schrift, die mit der Frage der Komik sich
eingehender beschftigt, nmlich _Herkenraths_ Problmes d'sttique et
de morale, Paris 1898. _Herkenrath_ knpft an _Mlinauds_ Definition
unmittelbar an. Er will sie nur verallgemeinern. Zugleich bestimmt er sie
genauer. Er meint, komisch sei die "runion soudaine de deux aspects, qui
paraissent incompatibles".

Hier ist das "soudaine" gegen _Mlinaud_ eine Verbesserung. Aber auch die
"pltzlichste" Vereinigung zweier unvertrglicher "Aspekte" erzeugt nicht
ohne weiteres die Komik. _Herkenrath_ setzt den Fall: Wir hren aus einem
Wandschrank ein Wimmern, und meinen, die Katze sei darin eingesperrt.
Beim ffnen finden wir darin unsere Tante oder unseren Schwiegervater.
Dies wre gewiss komisch. Und es trifft auch hier thatschlich ein
"Aspekt", nmlich die Erwartung, dass das Eingeschlossene eine Katze sei,
mit einem anderen damit unvertrglichen "Aspekt", nmlich der
Wahrnehmung, dass es meine Tante oder mein Schwiegervater ist, pltzlich
zusammen. Aber die Wahrnehmung, dass ein kleiner Hund in den Schrank
eingesperrt worden sei, wrde jener Erwartung ebenso widersprechen.
Worauf es ankommt, das ist: die Tante oder der Schwiegervater, diese
wrdevollen oder auf Wrde Anspruch machenden Personen; und weiter der
Umstand, dass eine solche wrdevolle Person in den Schrank eingeschlossen
ist, und damit pltzlich in meinen Augen ihrer Wrde verlustig geht, und
in dem speziellen Falle sogar auf das Niveau einer kleinen wimmernden
Katze herabsinkt. Die Komik entsteht hier nicht aus der pltzlichen
Vereinigung zweier unvertrglicher Aspekte, sondern aus diesem Zergehen
der Wrde der Tante oder des Schwiegervaters.

_Herkenrath_ meint, hier ein Beispiel gegeben zu haben, in welchem die
Komik entstehe, indem an die Stelle eines erwarteten Kleinen ein Grosses
oder Wrdevolles tritt. In Wahrheit findet hier wie in allen Fllen der
Komik das Gegenteil statt: Ein Grosses schrumpft zu einem Kleinen
zusammen. Wre dies nicht der Fall, so wrde die Komik unterbleiben. Die
Wahrnehmung eines reissenden Stromes, wo nach vorangehenden Erfahrungen
ein wasserarmer Bach erwartet wurde, wirkt nicht komisch, sondern
imponierend. Und doch haben wir auch hier die pltzliche Vereinigung
zweier unvertrglicher Aspekte.

       *       *       *       *       *

II. ABSCHNITT. DIE GATTUNGEN DES KOMISCHEN.


IV. KAPITEL. DIE OBJEKTIVE KOMIK.


KONTRAST DES GROSSEN UND KLEINEN.

Mit den letzten Bemerkungen des vorigen Abschnittes habe ich dem
Folgenden vorgegriffen. Das dort Angedeutete wird in diesem Abschnitt
nher auszufhren sein.

Wir reden zunchst von der objektiven Komik. Die genauere Abgrenzung
derselben von den beiden anderen Gattungen der Komik, der subjektiven und
der naiven Komik, wird spter, im Kapitel ber die naive Komik, zu
vollziehen sein. Hier gengt uns einstweilen diejenige Bestimmung des
Begriffes der objektiven Komik, die sich aus dem hier Folgenden von
selbst ergiebt.

Ich sagte oben, _Krpelin_ unterlasse es, uns zu sagen, welcher Kontrast
komisch wirke. Die Antwort auf diese Frage ist teilweise seit lange
gegeben. In gewisser Weise schon von der sthetik der _Wolff_'schen
Schule. Diese bezeichnet den komischen Kontrast als einen Kontrast
zwischen Vollkommenheiten und "Unvollkommenheiten". Deutlicher redet
Kant. Ihm zufolge entsteht die Komik aus der pltzlichen Auflsung einer
Erwartung in "Nichts". Nach _Jean Paul_ ist das Lcherliche das unendlich
"Kleine", das zu einem Erhabenen in Gegensatz tritt. Und dieselbe
Anschauung begegnet uns in der folgenden Geschichte der sthetik immer
wieder, in den mannigfachsten Modifikationen, in geistvollster Weise
durchgefhrt von _Vischer_.

Ich erwhne speziell noch _Spencer_, fr den die Komik beruht auf einer
"descending incongruity"; einem unvermerkten bergang "from _great_
things to _small_". hnlich ist fr _Bain_ der Anlass der Komik "the
_degradation_ of some person or interest possessing dignity in
circumstances, that excite no other strong emotion".

Die Antwort auf die Frage nach dem Grunde der Komik, die ich meine, liegt
aber im Grunde auch schon in der gewhnlichen und jedermann gelufigen
Gegenberstellung des _Erhabenen_ und des Komischen oder Lcherlichen.
Wie kann man es unterlassen, das Recht solcher Anschauungen und Wendungen
wenigstens zu prfen?

Ein Kleines, ein relatives Nichts, dies liegt in allen diesen Wendungen,
bildet jederzeit die eine Seite des komischen Kontrastes; ein Kleines,
ein Nichts, nicht berhaupt, sondern im Vergleich zu demjenigen, mit dem
es kontrastiert. Die Komik entsteht eben, indem das Kleine an dem Andern,
zu dem es in Beziehung gesetzt wird, sich misst und dabei in seiner
Kleinheit zu Tage tritt.

Damit ist auch schon gesagt, dass das Kleine in der Vorstellungsbewegung,
die dem Eindruck der Komik zu Grunde liegt, jederzeit _das zweite Glied_
sein muss, d. h. dasjenige, zu dem wir in unserer Betrachtung bergehen,
nicht der Ausgangspunkt, sondern der Zielpunkt der Bewegung. Wir mgen
immerhin das Kleine schon vorher wahrgenommen oder ins Auge gefasst
haben, klein erscheinen im Vergleich zur anderen Seite des Kontrastes
kann es doch erst, nachdem wir den Massstab, den die andere Seite
liefert, aus der Betrachtung derselben schon gewonnen haben.

Dass diese Anschauung im Rechte ist, zeigen beliebige Beispiele. Auch die
von _Krpelin_ angefhrten. Wir finden uns, um zunchst ein Beispiel zu
erwhnen, das uns bei _Krpelin_ nicht begegnet, das aber von uns bereits
oben angefhrt wurde, komisch angemutet, wenn wir neben einem mchtigen
Palast ein kleines Huschen, wohl gar ein solches, das in seiner Form den
Palast nachahmt, stehen sehen. Die komische Wirkung tritt noch sicherer
ein, wenn das kleine Huschen eine ganze Reihe mchtiger Bauten
unterbricht. _Krpelins_ Fehler besteht darin, dass ihm dieser Kontrast
zwischen Gross und Klein ein Kontrast ist wie jeder andere, und dass er
die Stellung der Glieder des Kontrastes nicht beachtet. Denken wir uns
eine Reihe von mchtigen Palsten durch einen Bau unterbrochen, dessen
Bauart eine ganz andere ist, der ihnen aber an Mchtigkeit nichts
nachgiebt, eine grosse Kirche, ein Theater oder dergleichen, dann
unterbleibt der Eindruck der Komik. Und angenommen, wir gehen erst
zwischen Reihen kleiner Huser und erblicken pltzlich einen riesigen
Palast, so schlgt er gar in den des Erstaunens um; obgleich natrlich
der Kontrast zwischen Klein und Gross nicht kleiner ist, als der zwischen
Gross und Klein. Man vergleiche hier auch die Beispiele, die am Ende des
vorigen Abschnittes angefhrt wurden.

In dem obigen Beispiele ist das "Kleine" ein Kleines der _Ausdehnung_.
Ein solches ist es nicht in allen Fllen. Was ich mit dem Kleinen, dem
relativen Nichts oben meinte, das ist berhaupt das fr uns relativ
Bedeutungslose, dasjenige, was fr uns, sei es berhaupt, sei es eben
jetzt, geringeres Gewicht besitzt, was geringeren Eindruck macht, uns in
geringerem Masse in Anspruch nimmt, oder wie sonst wir uns ausdrcken
mgen. Dergleichen Prdikate kann aber ein Objekt aus gar mancherlei
Grnden verdienen.

Auf Eines muss ich besonders aufmerksam machen. Die Art, in der Objekte
auf uns wirken oder uns in Anspruch nehmen, pflegt der Hauptsache nach
nicht auf dem zu beruhen, was sie fr unsere Wahrnehmung sind, sondern
auf dem, was sie uns bedeuten, oder anzeigen, woran sie gemahnen oder
erinnern. Die Wirkung der Worte liegt vor allen Dingen an dem, was sie
sagen, nicht minder die der sichtbaren Formen, sei es einzig, sei es zum
wesentlichen Teile, an den Gedanken, die sie in uns erwecken.

Schon fr die Komik der "leicht zu ertragenden menschlichen Gebrechen"
kommt dies in Betracht. Inwiefern, dies wird deutlich, wenn man bedenkt,
dass von Haus aus, das heisst abgesehen von den Vorstellungen und
Gedanken, die wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen hinzufgen, die
Bildung des menschlichen Krpers berhaupt kein Gegenstand besonderen
Interesses ist. Der menschliche Krper wre uns sogar, wenn wir alle
diese "associativen Faktoren" einen Augenblick zum Schweigen bringen
knnten, die gleichgltigste Sache von der Welt. Er gewinnt Bedeutung,
indem mit ihm der Gedanke an ein darin waltendes krperliches und
geistiges Leben aufs Innigste verwchst. Er wird dadurch zum sinnlichen
Trger der Persnlichkeit. Nicht nur das Auge ist Spiegel des Innern,
sondern der ganze Krper in allen seinen Teilen, wenn auch nicht berall
in gleichem Grade. Dies heisst nicht, wir lesen aus jeder Form des
menschlichen Krpers ein bestimmtes, _thatschlich_ darin verkrpertes
Leben in zutreffender Weise heraus. Nur dies ist mit jener Behauptung
gesagt, es werde durch jede Form auf Grund der Erfahrung die Vorstellung
eines bestimmt gearteten Lebens in uns erweckt, gleichgltig ob die
Vorstellung jedesmal der Wirklichkeit entspricht, oder nicht. Auerdem
muss hinzugefgt werden, dass solche Vorstellungen uns nicht zum
Bewutsein zu kommen brauchen, wenn das Interesse an der Form entstehen,
also die Form uns bedeutungsvoll werden soll.

Die _normalen_ Formen des menschlichen Krpers sind es aber, mit denen
vor allem der Gedanke an _positives_, in gewisser Flle, Kraft,
Ungestrtheit vorhandenes krperliches und geistiges Leben sich
verknpft. Sie heissen eben normal, weil in ihnen berall das Mass von
"Leben" und Lebensfhigkeit sich darstellt oder darzustellen scheint, das
wir allgemein fordern oder fr wnschenswert halten. Sie sind eben damit
fr uns Gegenstand erheblichen _positiven_ Interesses und darum
bedeutungs- und eindrucksvoll. Mit diesem Interesse Hand in Hand geht
dann das negative Interesse, das solche abnorme Formen fr uns haben, die
die Vorstellung eines erheblichen _Eingriffs_ in jenes krperliche und
geistige Leben oder einer erheblichen _Herabminderung_ desselben
erwecken. Auch dies negative Interesse involviert eine entsprechende
Eindrucksfhigkeit.

Dagegen erscheinen Abweichungen von der normalen Form, die mit keiner
derartigen Vorstellung verbunden sind, notwendig relativ "nichtssagend"
und damit psychologisch mehr oder weniger gewichtlos. Sie erscheinen
insbesondere dem Sinn und Inhalt der _normalen_ Formen gegenber entweder
als ein Zuwenig oder als ein Zuviel oder als beides zugleich. Der
bermig Hagere bleibt schon rein uerlich betrachtet hinter der
normalen Bildung zurck. Aber nicht dies usserliche Zurckbleiben,
sondern der damit sich verbindende Gedanke einer geringeren Kraft- und
Lebensentfaltung lsst die Form relativ nichtig erscheinen. Dasselbe gilt
von der zu kleinen Nase. Sie macht den Eindruck der Verkmmertheit, als
habe der Organismus nicht Kraft genug gehabt, eine normale Nase zu
bilden; indem sie an die Bildung der kindlichen Nase erinnert, erweckt
sie zugleich die Vorstellung einer niedrigeren Stufe geistigen Lebens.
Dagegen erscheint die zu grosse Nase, soweit sie ber das normale Mass
hinausgeht, als ein berschssiges, Zweckwidriges, zum Ganzen des
Organismus und des ihn erfllenden Lebens im Grunde nicht mehr
Hinzugehriges, und insofern Sinnloses und Nichtiges. Dort ist fr unsere
Vorstellung mit der Form zugleich der Inhalt vermindert; hier reicht der
Inhalt nicht zu fr die Form, so dass diese teilweise inhaltlos
erscheint. Endlich vereinigen sich beide Arten relativer
Bedeutungslosigkeit beim bermssig Fetten. Das Fett erscheint als
kraftlose, also bedeutungslose Wucherung, zugleich hemmt es das gewohnte
Mass freier Bewegung und Lebensbethtigung.

Unter denselben Gesichtspunkt stellt sich der Typus und die Hautfarbe des
Negers, ber welchen der Ungebildete, und das Neue, worber das Kind
lacht. Der Negertypus erweckt allgemein gesagt die Vorstellung einer
niedrigeren Stufe der Entwicklung; die Hautfarbe ist wenigstens dem
Ungebildeten als Farbe des menschlichen Krpers _unverstndlich_. An sich
besitzt ja auch die weisse Hautfarbe keine besondere Wrde. Aber sie
gehrt fr uns, wie die normalen Formen, zum Ganzen des Menschen, ist
Mittrger des Gedankens an menschliches Leben geworden, auch auf sie hat
sich damit etwas von der Wrde der menschlichen Persnlichkeit
bertragen. Diese Wrde fehlt naturgem der schwarzen Hautfarbe, so
lange wir nicht gelernt haben, auch sie als rechtmssige menschliche
Hautfarbe zu betrachten. Sie ist also so lange ein relatives Nichts.
Ebenso ist das Neue fr das Kind ein relativ Bedeutungsloses, weil das
Kind seine Bedeutung, die Zugehrigkeit zu Anderem, aus dem sich die
Bedeutung ergiebt, die Brauchbarkeit zu diesem oder jenem Zweck u. s. w.
noch nicht kennen gelernt hat. Als Unverstandenes, noch Sinnloses, und
darum Nichtiges, nicht um der Neuheit willen, ist das Neue dem Kinde
komisch,--soweit es dies ist.

Wie in den bisher besprochenen, so ist es in allen Fllen der
Anschauungskomik wesentlich, dass das relativ Nichtige als ein solches
erscheine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern in dem Gedanken- oder
Vorstellungszusammenhang, in den es hineintritt; oder, wie wir auch
sagen knnen, dass es nichtiger erscheine, als der Vorstellungs- oder
Gedankenzusammenhang, in den es sich einfgt, _fordert_ oder _erwarten
lsst_. Wir erwarten, wenn wir an einer Reihe grosser Gebude
vorbergegangen sind, nun auch weiter grosse Gebude anzutreffen. Wir
fordern oder erwarten von allem dem, was nun einmal zum Menschen gehrt,
nicht bloss seinen Reden und Handlungen, sondern auch den Formen und
Farben seines Krpers, dass sie uns den Eindruck einer gewissen
Bedeutsamkeit machen, dass in ihnen fr unser Gefhl oder Bewusstsein
ein gewisser--nicht berall identischer, auch nicht berall gleich
erhabener--Sinn, ein gewisses Mass von Zweckmigkeit, krperlicher
oder geistiger Lebenskraft und Leistungsfhigkeit sich ausspreche, oder
auszusprechen scheine. Wir erwarten, wenn wir unserm Freunde begegnen,
an ihm alle die Zge der ussern Erscheinung wieder wahrzunehmen, die
wir gewohnt sind als zu ihm gehrig zu betrachten und die schon dadurch
eine gewisse positive Bedeutung fr uns gewonnen haben u. s. w. Die
Komik entsteht, wenn _an Stelle_ des erwarteten Bedeutungs- oder
Eindrucksvollen und unter Voraussetzung eben des
Vorstellungszusammenhanges, der es erwarten lsst, ein fr uns, unser
Gefhl, unsere Auffassung, unser gegenwrtiges Verstndnis minder
Eindrucksvolles sich einstellt.


NACHAHMUNG UND KARIKATUR.

Die Wichtigkeit dieser Bestimmung erhellt noch besonders deutlich, wenn
wir jetzt mit _Krpelin_ innerhalb der Anschauungskomik die Flle der
Komik der Nachahmung und der Karikatur speziell ins Auge fassen. Wir
sehen nach _Krpelin_ bei der Komik der Nachahmung "die eine von zwei uns
als verschieden bekannten Individualitten eine teilweise bereinstimmung
mit der andern gewinnen und werden dadurch gezwungen, jene beiden
Vorstellungen miteinander in nahe Beziehung zu setzen, ohne sie doch
natrlich zu einer vollstndigen Deckung bringen zu knnen." Darauf
beruht hier fr _Krpelin_ die Komik. Nach dieser Theorie msste das
Gefhl der Komik immer entstehen, wenn zwei Personen sich in gewissen
Punkten entschieden hnlich, in andern entschieden unhnlich sind, wenn
beispielsweise von zwei Brdern der eine ganz die Zge des Vaters hat,
whrend der andere teilweise dem Vater, teilweise der Mutter gleicht.
Auch hier setzen wir ja Personen in nahe Beziehung, ohne sie zur Deckung
bringen zu knnen.

_Krpelins_ Theorie vergisst eben auch hier wiederum die Hauptsache. Er
bersieht in der Komik der Nachahmung die _Nachahmung_. Nachahmung ist
_Herauslsung_ von Zgen einer Person, Eigentmlichkeiten derselben,
Arten zu sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, aus dem Zusammenhang, dem
sie angehren und in dem sie ihre Bedeutung haben.

Dabei knnen zwei Mglichkeiten unterschieden werden. Die nachgeahmten
Eigentmlichkeiten seien zunchst Eigentmlichkeiten _irgend welcher_
Art. Sofern wir sie an der Person wahrnehmen, der sie zugehren, sind sie
Eigentmlichkeiten dieser Person; d. h. diese Person giebt ihr Wesen
darin nach gewisser Richtung kund; sie sind nicht bloss diese
Eigentmlichkeiten, sondern Eigentmlichkeiten, in denen diese Person
_steckt_. Nun werden sie von mir nachgeahmt. Damit erscheinen sie von
dieser Person losgelst. Zugleich erscheinen sie doch fr denjenigen, der
weiss, dass ich nachahme, nicht etwa auf mich bertragen. Sie werden
nicht als mir thatschliche zukommende Eigentmlichkeiten aufgefasst. Sie
sind also isoliert; schweben sozusagen in der Luft. Andererseits werden
sie doch immer noch als Eigentmlichkeiten der anderen Person _erkannt_.
Man weiss, ich ahme jene _Person_ nach.

Damit ist der Grund zur Komik gegeben. Die Eigentmlichkeit, die als
Eigentmlichkeit der Person ihren Sinn hat, bsst vermge der Loslsung
von der Person diesen Sinn ein. Sie ist, als zur Person gehrig
betrachtet, Ausdruck des Wesens derselben; indem ich durch die Nachahmung
gezwungen werde, sie _fr sich_ zu betrachten, geht sie dieses Anspruches
verlustig. Sie hat, sofern sie der Person zugehrt, diese zum Inhalt oder
Substrat, jetzt kommt ihr dieser Inhalt oder dies Substrat abhanden. Sie
wird mit einem Worte zur leeren Form. Immer wieder, wenn ich sie im
Zusammenhang der Person betrachte, fllt sich die Form mit persnlichem
Inhalte; und jedesmal wenn ich sie in ihrer Isolierung betrachte,
schrumpft sie zur leeren Form zusammen. Ein Etwas wird zu einem Nichts.
Dies aber ist der Grund aller Komik.

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die komische Wirkung der Nachahmung
umso grsser sein muss, einmal je mehr das ganze Wesen der Person in der
nachgeahmten Eigentmlichkeit sich kund giebt, je _charakteristischer_
also die Eigentmlichkeit fr die Person ist, zum anderen, je weniger die
Eigentmlichkeit zu mir passt, je weniger sie also als meine
Eigentmlichkeit genommen werden kann.

Andererseits steigert sich die Wirkung notwendig, wenn wir die zweite der
oben gemeinten Mglichkeiten ins Auge fassen, d. h. wenn wir annehmen die
Eigentmlichkeit sei eine "_Eigenheit_", ich meine: ein solcher Zug der
nachgeahmten Person, der im Vergleich zum normalen menschlichen Wesen,
ebenso wie die leicht zu ertragenden Gebrechen, als ein Zuviel oder ein
Zuwenig erscheint, also in jedem Falle einen Eindruck relativer
Nichtigkeit zu machen geeignet ist. Ich sage mit Absicht: geeignet ist;
denn dass solche "Eigenheiten" an der Person selbst als Kleinheiten oder
Schwchen erscheinen mssten, soll hier nicht gesagt sein. Sie erscheinen
dann um so sicherer als solche in der Nachahmung. Eine Art zu sprechen
etwa verrt eine gewisse Weichheit, ein Sichgehenlassen des Gefhls. Die
Gefhlsweichheit passt aber zur Person, ist mit anderen wertvollen
Eigenschaften derselben notwendig verbunden; wir finden sie darum an der
Person vllig in Ordnung. So finden wir ja an ganzen Gattungen von
Menschen, an den verschiedenen Geschlechtern, Lebensaltern, Stnden,
Besonderheiten in der Ordnung und fordern sie sogar, die ohne Rcksicht
auf die besondere Natur der Trger als Kleinheiten erscheinen wrden.

Oder, gehrt die Eigentmlichkeit nicht zum Wesen der Person, in dem
Sinne, dass wir gar nichts Anderes von ihr erwarten, dann haben wir uns
doch vielleicht in die Person und die Eigentmlichkeit gefunden. Wir
haben gelernt die Persnlichkeit als Ganzes zu fassen; und in ihrer
Ganzheit, zu der auch die Schwche gehrt, ist sie uns vertraut.--Indem
ich nun aber die Eigentmlichkeit nachahme, reisse ich sie aus jenem
Zusammenhang heraus. Sie wird jetzt gewissermassen Gegenstand absoluter
Beurteilung, d. h. sie tritt statt in ihrer Beziehung zu ihrem Trger, in
ihrer Beziehung zum Menschen berhaupt ins Bewusstsein. Sie wird gemessen
an dem, was man vom Menschen berhaupt erwartet. Und in diesem
Zusammenhang stellt sie sich als Kleinheit dar und wirkt entsprechend.
Sie wirkt komisch.

Vllig entgegengesetzte Eigenschaften knnen auf diese Weise durch
Nachahmung komisch werden. Wie die Sprechweise, die ein Sichgehenlassen
des Gefhls verrt, so auch die besonders energische, trotzig
herausfordernde, kommandomssige. Der Kommandoton bleibt nicht hinter dem
zurck, was wir im allgemeinen zu erwarten pflegen, sondern geht darber
hinaus; er lsst aber seinerseits einen entsprechenden Zweck und Inhalt
der Rede erwarten. Auch wo der fehlt, ertragen wir am Ende den Ton, wenn
die Person und Stellung dazu passen. Reissen wir ihn, nachahmend, aus
diesem Zusammenhang, so erscheint er in seiner Zweck- und Inhaltlosigkeit
und damit relativ nichtig.

Man sieht leicht, dass zwischen den beiden hier unterschiedenen Fllen
hinsichtlich des Grundes der Komik derselbe Gegensatz besteht, wie
zwischen der zu kleinen und der zu grossen Nase oder zwischen
bermssiger Hagerkeit und bermssiger Krperflle. Ein Objekt wird
komisch das eine Mal, weil es selbst eine Erwartung unerfllt lsst, das
andere Mal, weil es eine Erwartung erregt, die unerfllt bleibt. Dieser
Gegensatz geht durch. Der Mann, der ein Kinderhubchen aufsetzt, und der
kleine Junge, der sich einen Cylinder aufs Haupt stlpt, beide sind
gleich komisch. Zunchst ist dort das Hubchen komisch, weil man an
seiner Stelle die wrdige mnnliche Kopfbedeckung erwartet, hier das
Kind, weil wir als Trger des wrdigen Cylinders einen Mann erwarten.
Dann aber heftet sich die Komik auch, in jenem Falle an den Mann, in
diesem an den Cylinder, weil der Mann, indem er das Hubchen aufsetzt,
seiner Wrde als Mann, der Cylinder, indem er sich herablsst das Haupt
des Kindes zu schmcken, seiner Wrde als mnnliche Kopfbedeckung sich zu
begeben scheint.

Mit der Komik der Nachahmung ist die der Karikatur verwandt. Auch bei der
letzteren werden "Eigenheiten" herausgehoben, nicht durch Herauslsung
aus dem gewohnten Zusammenhang, aber durch Steigerung. Ich zeichne einen
Menschen im brigen korrekt, vergrssere aber die etwas zu grosse, oder
verkleinere die etwas zu kleine Nase, verstrke die Hagerkeit oder die
Rundung der Person u. s. w. In jedem Falle handelt es sich um die
Hervorhebung eines relativ Nichtigen. Dies macht zunchst die Karikatur
selbst zum Gegenstand der Komik, dann auch das Original, mit dem wir
nicht umhin knnen sie zu identifizieren.

Dass _Krpelin_ das Wesentliche dieses Vorgangs bersieht, verwundert uns
nicht mehr. Die Komik beruht ihm hier wie bei der Nachahmung auf
hnlichkeit und daneben bestehendem Kontrast: Die Karikatur lsst die
hnlichkeit prgnant hervortreten, sorgt aber zugleich dafr, dass der
Kontrast mit dem Original gengend gewahrt bleibt. Nach dieser Theorie
msste jedes in einigen Teilen getroffene, in andern vom Original
entschieden abweichende Bildnis komisch wirken, selbst dann, wenn die
Abweichung vielmehr in einer _Vertuschung_ oder _Weglassung_ solcher
Eigentmlichkeiten bestnde, die im Original abnorm oder komisch sind.


SITUATIONSKOMIK.

Sollte aus dem Bisherigen das Recht der an _Krpelin_ gebten Kritik und
der an Stelle der seinigen gesetzten Anschauung noch nicht vllig
deutlich geworden sein, dann wird die Betrachtung der zweiten
_Krpelin_'schen Hauptgattung der Komik hoffentlich zu diesem Ziele
fhren. Krpelin bezeichnet als solche die Situationskomik. "Das
gemeinsam wirkende Element der Situationskomik ist stets ein
Missverhltnis zwischen menschlichen Zwecken und deren Realisierung".
Dass diese Angabe, auch wenn wir nur _Krpelins_ Beispiele ins Auge
fassen, zu enge ist, verschlgt uns hier um so weniger, als _Krpelin_
selbst sie im darauf folgenden Satze wieder aufhebt und den Begriff der
Situation wesentlich erweitert: "Gerade das ist das Charakteristische der
Situation, dass sie keinen Ruhezustand zulsst, sondern einen einzelnen
Moment aus einer Reihe von Handlungen oder Begebenheiten herausgreift".
Darnach wre die Situationskomik die Komik des Nacheinander von
Begebenheiten oder Handlungen.

Dagegen ist mir der Umstand wesentlich, dass jene Bestimmung zugleich zu
weit ist. Auch bei der Situationskomik kann nicht ein Missverhltnis als
solches das Gefhl der Komik erzeugen. Auch hier entsteht dies Gefhl
nur, indem ein Element in dem Gedankenzusammenhang, in den es
hineintritt, als ein relativ Kleines erscheint. Wiederum ist dabei
notwendig das Kleine der Zielpunkt, nicht der Ausgangspunkt der
gedanklichen Bewegung. Es ist nicht komisch, wenn Columbus, statt den
Seeweg nach Ostindien zu finden, Amerika entdeckt. Der Kontrast zwischen
"Zweck" und "Realisierung" ist hier gross genug, aber er ist nicht
zugleich ein Kontrast zwischen Gross und Klein. Dagegen wre Columbus
Gegenstand der Komik geworden, wenn er schliesslich auf irgendwelchem
Umweg in lngst bekannter Gegend gelandet wre und diese vermeintlich
entdeckt htte. Es ist nicht komisch, sondern furchtbar, wenn ein
Apotheker sich vergreift, und dem Kranken statt des Heilmittels ein
ttliches Gift giebt. Dagegen wrde der Eindruck der Komik nicht
ausbleiben, wenn wir shen, dass jemand seinem Feinde, in der Meinung ihn
zu vergiften, ein unschdliches Pulver eingegeben habe. _Krpelin_
freilich glaubt Fllen jener Art ihre Beweiskraft zu nehmen, indem er
erklrt, es drften, wo die Komik zu stande kommen solle, "keine
Unlustgefhle" erregt werden; aber wie es komme, dass in gewissen Fllen
statt des Gefhles der Komik ein Gefhl der Unlust erzeugt werde, das ist
eben die Frage, um die es sich handelt, ganz abgesehen davon, dass ja
auch nach _Krpelins_ eigner Meinung Unlustgefhle zur Komik
hinzugehren.

Ob der anderen Bedingung, dass das Kleine _Zielpunkt_ der Bewegung sei,
in einem gegebenen Falle gengt sei, dies erfahren wir am einfachsten,
wenn wir wiederum, wie schon oben, den Begriff der Erwartung oder
Forderung verwenden. "Komisch wirkt die Erfolglosigkeit lebhafter
Bemhungen." In der That ist es komisch, wenn wir den Schulmeister sich
vergeblich mhen sehen, eine Schar ungezogener Rangen zur Ruhe zu
bringen. Dagegen irrt _Krpelin_, wenn er dieselbe Wirkung dem
"unvermuteten Erfolg geringfgiger Bestrebungen" zuschreibt. So ist es
nicht komisch, sondern imponierend, wenn eine Person durch ihr blosses
Auftreten, einen Blick, ein Wort, eine geringfgige Bewegung, eine grosse
Menge beherrscht und leitet. Der Unterschied beider Flle besteht aber
eben darin, dass der Erfolg dort hinter dem zurckbleibt, was wir nach
gewhnlicher Erfahrung erwarten oder fordern, whrend er hier darber
hinausgeht. Ebenso entsteht der Eindruck der Komik, wenn viel versprochen
und wenig geleistet wird, wenn jemand stolz und selbstbewusst auftritt
und ber kleine Hindernisse stolpert, wenn der Erwachsene redet, handelt,
denkt wie ein Kind u. s. w.; er entsteht nicht, wenn umgekehrt wenig
versprochen und viel geleistet wird, wenn jemand bescheiden auftritt und
leistet, was nach der Art seines Auftretens niemand von ihm erwartete,
wenn das Kind, ohne doch unkindlich zu erscheinen, einen Grad des
Verstndnisses verrt, dem wir in seinem Alter sonst nicht zu begegnen
gewohnt sind.

Nur unter einer Bedingung kann auch bei Fllen dieser letzteren Art das
Gefhl der Komik sich einstellen; dann nmlich, wenn sich in unseren
Gedanken der Zusammenhang der Facta in der Weise umkehrt, dass dasjenige,
was dem natrlichen Gang der Dinge zufolge an die Stelle des Erwarteten
tritt, zu dem wird, was die Erwartung erregt, und umgekehrt. Angenommen
etwa, wir sehen nicht die geringe Bemhung und auf diese folgend das
bedeutsame Ergebnis, sondern hren zuerst von dem letzteren, und erwarten
nun oder fordern an der Hand gelufiger Erfahrung, dass eine bedeutsame
Anstrengung vorausgegangen sei, oder wir sehen wohl erst die geringe
Bemhung, und dann den grossen Erfolg, wenden aber nachher unsern Blick
von dem Erfolg wiederum zurck zur geringen Bemhung und finden diese
geringfgiger als wir eigentlich glauben erwarten zu mssen,--in jedem
der beiden Flle kann die geringfgige Bemhung komisch erscheinen. Aber
derartige Flle wiederlegen nicht, sondern besttigen unsere Behauptung.
Nicht der objektive Zusammenhang, sondern der Zusammenhang in unserem
Denken und das Vorher und Nachher innerhalb dieses Zusammenhangs, ist ja
fr uns das Entscheidende.


DIE ERWARTUNG.

Mit der Anschauungs- und Situationskomik ist fr _Krpelin_ der Umkreis
der objektiven Komik abgeschlossen. Entsprechend knnten auch wir die
Kritik der _Krpelin_'schen Theorie abschliessen, wenn wir uns nicht
bereits in einen neuen Streit mit ihrem Autor verwickelt htten. Wir
thaten dies durch die Art, wie wir den Begriff der Erwartung verwandten.
Die Einfhrung dieses Begriffs geschah gelegentlich; und seine Verwendung
schien in den speziell angefhrten Fllen wohl gerechtfertigt. Es fehlt
aber noch--nicht nur die prinzipielle Rechtfertigung, sondern sogar die
genauere Bezeichnung desjenigen, was eigentlich mit diesem Begriff gesagt
sein solle. Beides wollen wir im Folgenden nachzuholen versuchen. Dabei
wird auch erst die volle Tragweite dieses Begriffs deutlich werden.

Wie schon erwhnt, erklrt _Kant_ die Komik aus der pltzlichen Auflsung
einer Erwartung in Nichts. Auch _Vischer_ lsst die Erwartung als ein
wesentliches Moment der Komik erscheinen, wenn er gelegentlich das
"Erhabene", zu dem das Nichtige in komischen Gegensatz tritt, mit dem
identifiziert, was irgend eine, wenn auch an sich unmerkliche Erwartung
und Spannung erregt. (sthetik I,  156).

Mit solchen Erklrungen scheint eben unsere Anschauung ausgesprochen.
Dagegen spricht _Krpelin_ der Erwartung jede prinzipielle Bedeutung ab,
obgleich er doch wiederum jener _Kant_'schen Bestimmung ein gewisses
Recht zugesteht.

Zunchst soll die Erwartung die Wirkung der Komik nur verstrken. Was die
Wirkung eigentlich hervorbringt, ist der Vorstellungskontrast. Darnach
sind Kontrast und in Nichts aufgelste oder enttuschte Erwartung fr
_Krpelin_ jederzeit nebeneinander stehende Momente. Von einem solchen
Nebeneinander nun konnten wir in den oben besprochenen Fllen nichts
bemerken. Vielmehr lag eben in der Enttuschung der Erwartung, d. h. in
dem Kontrast zwischen dem Erwarteten und dem relativen Nichts, das dafr
eintrat, jederzeit der ganze Grund der Komik.

Es ist, um viele Flle in einen Typus zusammenzufassen, komisch, wenn
Berge kreissen und ein winziges Muschen wird geboren. Man lasse dabei
die Erwartung weg, nehme an, das Kreissen der Berge gebe zu keiner
Vermutung ber die Beschaffenheit dessen, was daraus entstehen mge,
Anlass, so dass der Gedanke, es werde etwas Grosses geboren werden, nicht
nher liegt als der entgegengesetzte, und die Komik ist dahin. Sie beruht
also freilich auf einem Kontrast, aber nicht auf dem Kontrast der Berge
und des Muschens, sondern auf dem Kontrast des Erwarteten und des dafr
Eintretenden.

Dies wird noch deutlicher in anderen Fllen. Vor mir liege ein chemischer
Krper, der bei einem leichten Schlage mit lautem Knall explodieren soll.
Indem ich den Schlag ausfhre, bin ich auf den Knall gefasst. Ich hre
aber thatschlich nur das Gerusch, das der Schlag auch sonst
hervorgebracht htte: der Versuch ist missglckt. Hier ist dasjenige, was
die Erwartung erregt, die Wahrnehmung des Schlages, an sich so
geringfgig wie dasjenige, was folgt. Kein Kontrast irgendwelcher Art
findet statt zwischen dem leichten Schlage und dem Gerusch. Der Kontrast
besteht einzig zwischen dem Gerusch und der erwarteten Explosion. Hierin
also ist der Grund der Komik zu suchen.

Diesen Fllen lassen sich leicht solche entgegenstellen, in denen
lediglich darum _keine_ komische Wirkung entsteht, weil die Erwartung und
ihre Auflsung in Nichts _fehlt_. Im Vergleich zu einem hohen Berge
erscheint jedes darauf stehende Haus klein. Das Haus ist darum doch nicht
notwendig kleiner als man erwartet, Unter dieser Voraussetzung fehlt dann
auch die Komik, trotz jenes Kontrastes zwischen Berg und Haus.

Darnach mssen wir jetzt sogar _Krpelins_ Kontrasttheorie in einem neuen
wesentlichen Punkte korrigieren. Wir korrigieren damit zugleich uns
selbst, sofern wir uns oben die _Krpelin_'sche Ausdrucksweise
einstweilen gefallen liessen. Der Kontrast zwischen menschlichen Zwecken
und ihrer Realisierung, zwischen lebhaften Bemhungen und deren
Erfolglosigkeit u. s. w., auf den _Krpelin_ die Situationskomik
grndete, hat als solcher mit der Komik gar nichts zu thun. An seine
Stelle tritt der Kontrast zwischen der erwarteten und der thatschlichen
Realisierung, zwischen dem Erfolg, den wir den Bemhungen, sie mgen
"lebhaft" sein oder nicht, naturgemss zuschreiben, und der wirklichen
Erfolglosigkeit. Ebenso tritt bei der Anschauungskomik an die Stelle des
Kontrastes zwischen "dem angeschauten Gegenstand und Bestandteilen
unseres Vorstellungsschatzes" der Kontrast zwischen der Beschaffenheit
des Angeschauten, die wir auf Grund unseres Vorstellungsschatzes
naturgem voraussetzen, und derjenigen, die die Anschauung aufweist. Mit
einem Worte, der Vorstellungskontrast lst sich auf in den Kontrast
zwischen einem Erwarteten (Geforderten, Vorausgesetzten) und einem an die
Stelle tretenden Thatschlichen. Dies ist der eigentliche
"intellektuelle" Kontrast, den _Krpelin_ sucht, aber nur mit diesem
Namen zu bezeichnen weiss.

Zweitens versichert _Krpelin_, die Erwartung sei "natrlich" nur beim
successiven Kontrast von Bedeutung. Dagegen berufe ich mich zunchst auf
den Sprachgebrauch, der nichts dawider hat, wenn ich sage, man erwarte
bei Menschen eine gewisse normale Krperbildung, oder man erwarte, wenn
man einen fr Erwachsene bestimmten Tisch sehe, dass auch die um ihn
herumstehenden Sthle Sthle fr Erwachsene seien, nicht Kindersthle u.
dgl. Oder ist der Sprachgebrauch hier unwissenschaftlich?--Dann ziehe ich
mich aus dem Streit, indem ich sage, was ich hier unter Erwartung
verstehe. Diese Pflicht liegt ja ohnehin jedem ob, der die Erwartung zur
Erklrung der Komik verwendet oder sie ausdrcklich davon ausschliesst.

Die Erwartung einer Wahrnehmung oder einer Thatsache ist jedenfalls ein
Zustand des Bereit- oder Gerstetseins zum Vollzug der Wahrnehmung, bezw.
zur Erfassung der Thatsache. Ein solches Bereitsein kann in unendlich
vielen Stufen stattfinden. Ich bin nicht bereit eine Wahrnehmung zu
vollziehen, wenn Anderes, das mit der Wahrnehmung in keinem Zusammenhang
steht, mich gnzlich in Anspruch nimmt, oder gar Vorstellungen sich mir
aufdrngen, deren Inhalt dem Inhalt jener Wahrnehmung widerspricht. So
bin ich nicht vorbereitet einen Glockenschlag zu hren, wenn Gedanken,
die mit dem Glockenschlage in keiner Beziehung stehen, mich ganz und gar
beschftigen. Ich bin in noch minderem Grade vorbereitet, jemand eine
bedeutende Leistung vollbringen zu sehen, wenn seine ganze Persnlichkeit
vielmehr den Eindruck der Unfhigkeit zu jeder bedeutenden Leistung
macht.

Dagegen kann ich mich schon in gewisser Weise auf den Schall vorbereitet
nennen, wenn mich in dem Augenblicke, wo er eintritt, nichts besonders in
Anspruch nimmt, wenn also die Schallwahrnehmung relativ ungehindert in
mir zu stande kommen kann. Ich bin ebenso in gewisser Weise vorbereitet,
die Leistung sich vollziehen zu sehen, wenn ich hinsichtlich der
Leistungsfhigkeit der Person kein gnstiges, aber auch kein ungnstiges
Vorurteil hege.

Doch ist in diesen Fllen die Bereitschaft noch eine lediglich negative.
Sie kann dann aber in den verschiedensten Graden zur positiven werden.
Bleiben wir bei der Leistung. Angenommen die Person, ber deren
Leistungsfhigkeit ich nichts weiss, habe die glckliche Vollfhrung
eines nicht ber gewhnliche menschliche Krfte hinausgehenden, auch mit
keinen bergrossen Schwierigkeiten verbundenen Unternehmens angekndigt.
Daraus ergbe sich schon ein erhebliches Mass positiver Bereitschaft.
Ich verstehe die Ankndigung und bin gewohnt anzunehmen, dass derjenige,
der eine solche Ankndigung ausspricht, nicht nur den guten Willen habe,
sie zu erfllen, sondern auch Mittel und Wege dazu finden werde. Dieser
erfahrungsgemsse Zusammenhang zwischen Ankndigung und Vollfhrung
des Unternehmens bereitet mich auf die Wahrnehmung des Unternehmens
vor, leitet die seelische Bewegung darauf hin; oder wenn man lieber
will, der Gedanke an die Ankndigung thut dies _vermge_ jenes
Gedankenzusammenhanges oder auf dem dadurch bezeichneten _Wege_. Dass die
Hinleitung wirklich stattfindet, erfahre ich, sobald ich die Leistung
sich wirklich vollziehen sehe. Ich erlebe den Vollzug derselben nicht nur
ohne Befremden und berraschung, sondern wie etwas, das so sein muss. Ich
finde mich in das Erlebnis nicht nur ohne Widerstreben, sondern ich wrde
mich umgekehrt nur mit einem gewissen Widerstreben in das Nichteintreten
desselben finden. Dies Streben, bezw. Widerstreben kann nur in dem
Vorhandensein eines auf die Wahrnehmung des Vollzugs der Leistung
hinleitenden oder hindrngenden Faktors seinen Grund haben.

Damit ist indessen noch nicht der hchste Grad der Bereitschaft erreicht.
Sie steigert sich, wenn ich von der Leistungsfhigkeit der Person die
beste Meinung habe, wenn ich zugleich an ihrer Zuverlssigkeit nicht
zweifle, wenn endlich solche Elemente, die dem, was kommen soll,
unmittelbar angehren, in der Wahrnehmung oder Erfahrung bereits gegeben
sind. Ich weiss etwa, der Moment, fr den die Leistung angekndigt war,
ist da; ich sehe auch die Person zum Vollzug derselben sich anschicken.
Jetzt wird mein Vorstellen gleichzeitig durch alle diese Faktoren auf die
Wahrnehmung des wirklichen Vollzugs der Leistung hingeleitet. Die Energie
dieser Hinleitung nimmt zu; bis zu dem Momente, wo es sich entscheiden
muss, ob die That geschieht oder nicht.  Wiederum verrt sich die
vorbereitende Kraft jener Faktoren in der unmittelbaren Erfahrung. Immer
begieriger und leichter vollziehe ich die Wahrnehmung der Leistung, wenn
sie wirklich geschieht, und immer befremdlicher finde ich mich angemutet,
wenn sie schliesslich dennoch unterbleibt.

Vielleicht freilich giebt man nicht viel auf diese unmittelbare
Erfahrung.  Dann mag daran erinnert werden, dass die Wirksamkeit solcher
Faktoren auch experimentell feststeht.  Psychische Messungen ergeben,
dass Wahrnehmungsinhalte um so schneller von uns erfasst werden oder zu
unserem Bewusstsein gelangen, je mehr derartige Faktoren, je mehr also
Vorstellungs- oder Wahrnehmungsinhalte, die mit der neuen Wahrnehmung in
engem erfahrungsgemssem Zusammenhang stehen, bereits gegeben sind. So
ist die Zeit, die zwischen der Auslsung eines Schalles und der
Wahrnehmung desselben verfliesst, krzer, wenn derjenige, der ihn hrt,
vorher weiss, es werde ein Schall von dieser bestimmten Beschaffenheit
erfolgen, als wenn er ihn vllig unvorbereitet hrt; sie ist noch krzer,
wenn dem Schall in bestimmter, dem Hrer genau bekannter Zeit
irgendwelches Signal vorangeht.  Diese successive Verkrzung der Zeit
beweist so deutlich als mglich die den Vollzug der Wahrnehmung
vorbereitende und erleichternde Kraft jener Faktoren.

Der zuletzt bezeichneten Art der Bereitschaft nun wird jedermann den
Namen der Erwartung zugestehen. Wir "erwarten" das in Aussicht gestellte
und angefangene Unternehmen sich vollenden zu sehen. Dagegen sagen wir
nicht, wir erwarten einen Schall zu hren, wenn die Wahrnehmung desselben
nur in dem Sinne vorbereitet ist, dass ihr kein besonderes Hindernis
entgegensteht. Wir "erwarten" auch nicht den Vollzug der Leistung, wenn
die Ankndigung derselben uns zwar bekannt, aber im Augenblicke nicht in
uns wirksam ist, sei es dass der Gedanke berhaupt nicht in uns lebendig
ist, sei es dass sonstige seelische Vorgnge ihn verhindern seine
Wirksamkeit zu entfalten.

Darnach wissen wir, worin das Wesen der Erwartung besteht. Wir sprechen
von einer solchen, und sind berechtigt davon zu sprechen, wenn die
Bereitschaft zum Vollzug einer Wahrnehmung oder zur Erfassung einer
Thatsache eine aktive ist, d. h. wenn in uns _lebendige_ Wahrnehmungen
oder Vorstellungen vermge ihrer Beziehung zu der Wahrnehmung oder
Thatsache auf diese hinweisen oder hindrngen; und wir haben ein um so
grsseres Recht von Erwartung zu sprechen, je bestimmter und
ungehinderter die Wahrnehmungen oder Vorstellungen eben auf diese
Wahrnehmung oder Thatsache hindrngen.

Damit sehen wir in der Erwartung nicht eine besondere seelische
Thtigkeit, oder ein ber den associativen "Mechanismus" hinausgehendes
seelisches Geschehen. Zwei seelische Vorgnge sind durch Association
verknpft, dies heisst gar nichts anderes, als, sie sind so aneinander
gebunden, dass die Wiederkehr des einen auf die Wiederkehr des ndern
hindrngt; und dies Hindrngen giebt sich berall darin zu erkennen, dass
der zweite seelische Vorgang sich, sei es berhaupt vollzieht, sei es
leichter vollzieht, weil der erstere sich vollzieht oder sich vollzogen
hat; womit dann zugleich gesagt ist, dass ein jenem Vorgang
gegenstzlicher in seinem Entstehen gehemmt werden wird. Oder kurz
gesagt, wir sprechen von Association darum und nur darum, weil wir es
erleben, dass seelische Vorgnge sich als wirksame Bedingungen anderer,
damit natrlich zugleich als Hemmung entgegengesetzter erweisen. Die an
sich unbekannte Beziehung zwischen Vorgngen, welche in dieser
Wirksamkeit sich ussert, nennen wir Association. Auch die Erwartung ist
nur ein besonderer Fall der Wirksamkeit der Associationen. An gewisse
Bewusstseinsinhalte hat sich in den besprochenen Fllen eine Wahrnehmung
oder der Gedanke an die Verwirklichung eines Geschehens erfahrungsgemss
geknpft. Diese Verknpfung bethtigt sich, indem die Wahrnehmung oder
die Erfassung des Geschehens leichter sich vollzieht, und eben damit
zugleich der Vollzug einer entgegengesetzten Wahrnehmung oder eines
widersprechenden Gedankens eine Hemmung erleidet, sobald jene
Bewusstseinsinhalte wiederum in uns lebendig werden.

Ein Punkt nur scheint noch bersehen: das Gefhl des Strebens oder der
inneren Spannung, das die Erwartung begleitet. Aber dies Gefhl ist, wie
dies schon oben gelegentlich von den Gefhlen berhaupt gesagt wurde,
nicht mitwirksamer Faktor. Es ist ein Nebenprodukt, das berall sich
einstellt, wo der Fluss des seelischen Geschehens auf ein Ziel gerichtet
ist, dies Ziel aber nicht, oder einstweilen nicht erreichen kann; oder
anders ausgedrckt, wo aktive, also in thatschlich vorhandenen
Empfindungen oder Vorstellungen bestehende Bedingungen fr ein seelisches
Geschehen gegeben sind, ohne dass doch dies Geschehen, sei es berhaupt,
sei es einstweilen sich vollziehen kann. Wir werden in dem Gefhl des
Strebens eben dieses Sachverhaltes, dieser Kausalitt, die ihres
zugehrigen Erfolges berhaupt oder einstweilen entbehren muss, inne; es
bildet den Widerschein desselben in unserem Bewusstsein.

Von den vorhin besprochenen Beispielen der Erwartung gilt nun
thatschlich, was _Krpelin_ als zu aller Erwartung gehrig anzusehen
scheint; es ist dabei das die Erwartung Erregende objektiv frher als das
Erwartete. Besteht aber das Wesen der Erwartung in dem eben Angegebenen,
dann ist nicht einzusehen, inwiefern jenes Verhltnis objektiver
Succession dafr wesentlich sein sollte. Auch wenn eine Reihe grosser
Palste die Erwartung in mir erregt, es werden weiter grosse Bauwerke
folgen, weist ein seelisches Geschehen, nmlich die Wahrnehmung der
Palste auf eine Wahrnehmung, nmlich die hnlich grossartiger Bauwerke,
hin und bereitet sie vor. Dass hier das Erwartete, bezw. das dafr
Eintretende kein zeitlich Nachfolgendes ist, macht psychologisch keinen
Unterschied. Die Wirkung ist dieselbe; auch das Gefhl der Spannung
braucht nicht zu fehlen.

Nebenbei bemerke ich, dass in diesem Beispiel auch das Band, das die
"Vorbereitung" vermittelt, ein anderes ist, als in den oben angefhrten
Fllen,--nicht erfahrungsgemsser Zusammenhang, sondern hnlichkeit. Auch
dies aber ndert die Wirkung nicht. Wir kennen ja berhaupt zwei
wirkungsfhige Arten des Zusammenhanges zwischen seelischen Vorgngen,
oder zwei "Associationen", nmlich die Association, die durch Erfahrung,
d. h. durch gleichzeitiges Erleben, _geworden_ ist, und die ursprngliche
Association der _hnlichkeit_.

Immerhin besteht beim letzten Beispiele noch ein Verhltnis der
_subjektiven_ Succession. Das neue grosse Gebude oder das an seine
Stelle tretende kleine Huschen folgt wenigstens in der Wahrnehmung oder
Betrachtung auf die Reihe der Palste. Und diese Succession scheint
allerdings fr die Erwartung wesentlich. Aber eine Art dieser lediglich
subjektiven Succession ist, wie wir schon wissen, auch fr die Komik,
soweit sie bisher in Betracht kam, wesentlich.

Die Wahrnehmung der menschlichen Krperformen, die der Neger mit uns
gemein hat, erzeugt die aktive Bereitschaft, mit dem Negerkrper
ebendenselben Gedanken eines in und hinter den Formen waltenden
krperlichen und seelischen Lebens zu verbinden, wie wir ihn mit unserem
Krper zu verbinden nicht umhin knnen. Die Wahrnehmung des Negerkrpers
weist oder drngt auf den Vollzug dieses Gedankens hin, wie die
Ankndigung der Leistung auf die Wahrnehmung der Leistung, oder die Reihe
der Palste auf die Wahrnehmung eines gleich imposanten Baues. Das Band,
das den Hinweis vermittelt, ist, im Unterschied von dem letzteren Falle,
wiederum das der _Erfahrungsassociation_.

Diesem Gedanken, dass der Negerkrper, ebenso wie der unsrige,
menschliches Leben in sich schliesse, tritt nun die Wahrnehmung der
schwarzen Hautfarbe, die wir der Voraussetzung nach noch nicht als Trger
eines solchen Lebens kennen und anerkennen, sofort negierend entgegen.
Ich kann den Neger oder die Krperformen nicht sehen, ohne zugleich auch
diese Farbe zu sehen. Immerhin muss ich doch auch hier erst auf die
Formen, die der Neger mit uns gemein hat, geachtet haben und dadurch auf
den Vollzug jenes Gedankens hingedrngt worden sein, ehe jene Negation
als solche zur Geltung kommen, ehe also die schwarze Hautfarbe die
Vorstellung des Mangels oder des relativen Nichts in mir wecken kann. Ich
habe darnach zur Anwendung des Begriffes der Erwartung im Grunde hier
ebensoviel Recht, wie bei dem kleinen Huschen zwischen Palsten. Ich
darf sagen, ich erwarte naturgemss mit dem Bild des Negerkrpers jenen
Gedanken verbinden zu knnen, diese Erwartung aber zergehe angesichts der
mir fremden Farbe in nichts. Die "Erwartung" besteht thatschlich, nur
dass sie auf ihre Entscheidung nicht zu "warten" braucht, und darum auch
ein merkliches Gefhl der Spannung, wie es sonst die in Erreichung ihres
Zieles, der Erfllung oder Enttuschung, _gehemmte_ Erwartung begleitet,
nicht entstehen kann.

Es ist nun aber gar nicht meine Absicht, hier dem Begriff der Erwartung
eine mglichst weite Anwendbarkeit zu sichern. Mag man die Erwartung da,
wo man auf die Erfllung oder Enttuschung nicht zu "warten" braucht, und
darum kein merkbares Spannungsgefhl eintritt, trotzdem als solche
bezeichnen oder nicht, uns kommt es einzig an auf das in aller Erwartung
Wesentliche und psychologisch Wirksame, die aktive Bereitschaft also zur
Erfassung eines Inhaltes. Und diese findet sich bei aller bisher
besprochenen Komik.


DIE KOMIK ALS GRSSE UND KLEINHEIT DESSELBEN.

Es bleibt uns jetzt noch die Frage, worin diese psychologische
Wirksamkeit, dem an die Stelle des Erwarteten tretenden relativen Nichts
gegenber, bestehe. Diese Frage versuche ich hier wenigstens
vorbereitungsweise und mit dem Vorbehalt spterer genauerer Bestimmung zu
beantworten. Ein wichtiger Besuch ist mir angekndigt. In dem
Augenblicke, in dem der Besuch kommen soll, hre ich draussen Schritte;
die Thre ffnet sich; es tritt jemand ein. Mit jedem dieser Momente
steigert sich die Erwartung. Die Erwartung ist aber als solche zugleich
eine der thatschlichen Verwirklichung vorauseilende _Anticipation_ des
Erwarteten. Die Person, die eintritt, _ist_ fr mich, ehe ich sie sehe,
die angekndigte; insbesondere die Wichtigkeit oder Bedeutung, welche die
erwartete Person fr mich hat, weise ich ihr im voraus zu, und ich thue
dies um so sicherer, je bestimmter die Erwartung ist.

Nun tritt in Wirklichkeit ein Bettler ein. Dieser besitzt also im Momente
seines Eintretens fr mich jene Bedeutung; er _ist_ die wichtige Person.
Thatschlich freilich kommt ihm die Bedeutung nicht zu. Aber diesen
Gedanken muss ich erst vollziehen; ich muss den Bettler als solchen
erkennen und anerkennen; ich muss ihm auf Grund dessen die Bedeutung
wieder absprechen. Mit diesem letzteren ist eine psychologische
_Leistung_ bezeichnet, eine um so erheblichere, je sesshafter der Gedanke
an die Bedeutung der eintretenden Person vorher in mir geworden ist. Ehe
ich diese Leistung vollzogen habe, im ersten Momente also, bleibt die
vorher vollzogene Vorstellungsverbindung in Kraft. Dann freilich lst sie
sich unmittelbar. Der Bettler sinkt unvermittelt in sein Nichts zurck.

Vllig analog verhlt es sich in zahllosen andern, und der Hauptsache
nach gleichartig in allen Fllen der Komik berhaupt. Der Bettler, so
knnen wir allgemeiner sagen, spielt die "Rolle" des wichtigen Besuches,
nicht in Wirklichkeit, sondern fr mein Vorstellen; er beansprucht die
Bedeutung desselben, gebrdet sich so, fr mein Bewusstsein nmlich. Dann
stellt er sich unvermittelt dar als das, was er ist. Ebenso spielt das
Kinderhubchen auf dem Kopf des Erwachsenen die "Rolle" der mnnlichen
Kopfbedeckung, der kleine Knabe unter dem mnnlichen Hute die Rolle des
Mannes. Das kleine Huschen in der Reibe von Palsten "gebrdet" sich wie
einer der Palste; die Hautfarbe des Negers "erhebt den Anspruch", ebenso
als Trger und Verkndiger eines hinter ihr pulsirenden menschlichen
Lebens zu gelten, wie die unsrige. Sie spielen die Rolle und erheben den
Anspruch, um dann doch sofort wieder die Rolle fallen zu lassen und des
Anspruchs beraubt zu erscheinen.

Ob das komische Objekt den Anspruch zu erheben objektiv berechtigt ist
oder nicht, thut dabei nichts zur Sache. Hinter der Hautfarbe des Negers
pulsiert thatschlich dasselbe Leben, wie hinter der unsrigen; sie hat
fr ihn dieselbe Bedeutung wie fr uns die unsrige. Nur darauf kommt es
an, ob das Objekt erst fr uns den Anspruch erhebt, dann ihn _fr uns_
wieder fallen lassen muss, oder anders gesagt, ob wir ihm auf Grund
irgend welcher Vorstellungsassociation die Bedeutung erst zugestehen,
dann sie ihm auf Grund einer thatschlich in uns bestehenden, wenn auch
ungerechtfertigten Betrachtungsweise wiederum absprechen mssen. Immerhin
hat es Wert, diese beiden Mglichkeiten ausdrcklich zu unterscheiden.

Zugleich drfen wir auch das andere niemals vergessen, dass--wiederum fr
uns oder fr unsere Betrachtung--der Ausspruch einer "_Grsse_" erst
_entstehen_, dann _vergehen_ muss. Ich erwhne hier noch einmal ein
Beispiel der Komik, das _Herkenrath_ anfhrt und das wir schon oben
kennen gelernt haben. In diesem Beispiel meint _Herkenrath_, sei jener
Sachverhalt umgekehrt. Es trete in ihm nicht ein Kleines an die Stelle
eines Grossen, sondern ein Grosses an die Stelle eines erwarteten
Kleinen. Ich meine das Beispiel der in den Schrank eingeschlossenen
wrdevollen Tante. _Herkenrath_ legt Gewicht darauf, dass die Tante an
der Stelle der Katze, die man vorzufinden erwartete, dem Blicke sich
darbietet. Aber die Komik beruht darauf, dass man von der Tante eine
wrdevolle Situation erwartete, und eine wrdelose findet.

Trotz dieses Einwandes meint _Herkenrath_, ich erklre die objektive
Komik assez ingnieusement. Nur htte ich nachher Mhe, die anderen Arten
der Komik in die einmal gewonnene Theorie einzufgen. Darauf antworte ich
schon hier, dass ich solche Mhe unmglich haben kann, da fr mich alle
Arten der Komik auf demselben, hier bezeichneten Prinzip beruhen.




V. KAPITEL. OBJEKTIVE KOMIK. ERGNZUNGEN.


DAS KOMISCHE "LEIHEN".

Unser bisheriges Ergebnis ist dies. Das Gefhl der Komik entsteht, indem
ein--gleichgltig ob an sich oder nur fr uns--Bedeutungsvolles oder
Eindrucksvolles fr uns oder in uns seiner Bedeutung oder
Eindrucksfhigkeit verlustig geht.

Das zur Feststellung dieses Satzes Vorgebrachte bedarf aber noch der
Ergnzung oder der nheren Bestimmung. Diese wollen wir in der Weise
gewinnen, dass wir zugleich solche andere Theorien, die gleichfalls auf
jener Grundanschauung beruhen, oder wenigstens Elemente derselben in sich
schliessen, mit in die Diskussion hereinziehen.

Schon _Lessing_ war mit dem Kontrast--zwischen Vollkommenheiten und
Unvollkommenheiten--wie ihn die _Wolff_'sche Schule der Komik zu Grunde
gelegt hatte,--nicht zufrieden, sondern forderte, dass die
Kontrastglieder sich verschmelzen lassen mssen.

Dies wiederum gengt _Vischer_ nicht. Der Kontrast, so erklrt er, muss
zum Widerspruch werden; der komische Widerspruch aber ist erst vorhanden,
wenn dasselbe Subjekt "in demselben Punkte zugleich als weise oder stark
und als thricht oder schwach" erscheint. Dieser Widerspruch ist "in
seiner ganzen Tiefe gesetzt" "Widerspruch des Selbstbewusstseins mit
sich". Das Subjekt muss "erscheinen als um seine Verirrung wissend und
sich in demselben Momente dennoch verirrend, oder als bewusst und
unbewusst zugleich".

Thatschlich freilich weiss das komische Subjekt nicht um seine Verirrung
oder braucht nicht darum zu wissen. Dann "leihen" wir ihm nach _Vischer_
dies Wissen oder schieben es ihm unter. Diesen Begriff des Leihens
entnimmt _Vischer_ von _Jean Paul_ und er findet darin eine bedeutende
Entdeckung desselben. Der Sinn des fraglichen Begriffes wird am
einfachsten deutlich aus dem _Jean Paul_'schen Beispiel, dass auch
_Vischer_ citiert: "Wenn Sancho eine Nacht hindurch sich ber einem
seichten Graben in der Schwebe erhielt, weil er voraussetzte, ein Abgrund
klaffe unter ihm, so ist bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
verstndig und er wre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir leihen
seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht und erzeugen durch einen
solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit."

Dieses Leihen bestreitet _Lotze_, und mit gutem Rechte. Schieben wir dem
zweckwidrig Handelnden unsere ihm verborgene Kenntnis der Umstnde unter,
so wird seine Handlungsweise fr uns "in ihrer Dummheit unbegreiflich".
Da andrerseits _Jean Paul_ recht hat, wenn er die Handlungsweise
_Sancho_'s unter der Voraussetzung, der Abgrund klaffe wirklich unter
ihm, recht verstndig nennt, so folgt, dass wir das Verhltnis zwischen
Wissen und Handeln berhaupt nicht fr die Komik dieses Falles
verantwortlich machen drfen. In der That geht dies auch nach _Vischers_
Theorie nicht an. _Vischer_ fordert den Widerspruch, aber dass ich meiner
Einsicht entgegen handle, ist kein Widerspruch. Ein solcher besteht nur
zwischen Wissen und Nichtwissen, Handeln und Nichthandeln, berhaupt
zwischen Sein und Nichtsein _Desselben_.

Wie nun dieser wirkliche Widerspruch zu stande kommen knne, darauf fhrt
uns _Lotze_'s Erklrung: "Nicht die Kenntnis dieser bestimmten Lage der
Umstnde schreiben wir ihm"--nmlich dem komischen Subjekte--"zu, sondern
das gravittische Bewusstsein, ein Wesen zu sein, welches _berhaupt_
Absichten zu fassen und diese unter beliebigen Umstnden passend und
angemessen zu verwirklichen die allgemeine, bleibende, immer gegenwrtige
Befhigung habe". Ich betone hier mit _Lotze_ das "berhaupt". _Sancho_
ist ein Mensch; wir beurteilen ihn darum, zunchst wenigstens, wie wir
Menschen berhaupt zu beurteilen pflegen. Menschliche Handlungen nun
erheben als solche, _ganz allgemein_ und _abgesehen_ von besonderen
strenden Bedingungen, den Anspruch auf eine gewisse Zweckmssigkeit; sie
erheben ihn in unserer Vorstellung, wir, unser Vorstellen "leiht" ihnen
den Anspruch. Wir leihen ihn insbesondere auch der Handlung _Sancho_'s.
Diesem Leihen aber widerspricht der Augenschein; die Handlung ist,
objektiv betrachtet, also wiederum _abgesehen_ von der Besonderheit der
Person, unzweckmssig. Daraus entsteht in diesem Falle die Komik.

Fassen wir das Leihen mit _Lotze_ in diesem allgemeinen Sinne, bestimmen
wir zugleich den komischen Widerspruch in jenem Beispiel in
bereinstimmung mit unserer obigen Anschauung als Widerspruch zwischen
dem geliehenen Anspruch auf Zweckmssigkeit und der thatschlichen
Unzweckmssigkeit, dann erscheint auch uns _Jean Paul_'s "Entdeckung" in
hohem Masse wertvoll. Es bleibt an _Vischer_ und _Lotze_ dann nur noch
auszusetzen, dass sie das "Leihen" und damit die Komik auf die
Persnlichkeit beschrnken. Wie wir sahen, ist fr _Vischer_ der komische
Widerspruch ein Widerspruch des Selbstbewusstseins mit sich; _Lotze_
weist diesen lediglich intellektuellen Widerspruch zurck, stimmt aber
der Definition St. _Schtze_'s bei, das Lcherliche sei die Wahrnehmung
eines Spieles, das die Natur mit dem Menschen treibe; durch dies Spiel
komme seine vermeintliche Erhabenheit zu Fall. Der Kontrast zwischen dem
Erhabenen und Kleinen der _Ausdehnung_ wird von _Vischer_ sogar
ausdrcklich aus der Reihe der komischen Kontraste gestrichen.

Aber auch bei der Erhabenheit der Person kommt es nicht darauf an, dass
sie Erhabenheit der _Person_, sondern nur darauf, dass sie erwartete,
vorausgesetzte, beanspruchte, kurz geliehene _Erhabenheit_ ist, die
angesichts der Wahrnehmung oder in unserem Denken sofort wiederum in
Nichts zergeht. Die Komik muss darum entstehen, _wo immer_ wir ein
Erhabenes, das heisst zur Erzeugung eines Eindruckes Befhigtes erwarten
oder voraussetzen, und ein relativ Nichtiges an die Stelle tritt und
seine Rolle spielt, die Erhabenheit oder Eindrucksfhigkeit mag bestehen,
worin, oder sich grnden, worauf sie will. Sie muss berall entstehen
genau aus demselben Grunde, aus dem sie bei der Persnlichkeit entsteht.
Dieselben psychologischen Ursachen mssen berall denselben
psychologischen Erfolg haben.

Freilich ist ja zuzugeben, dass es keine wirkliche oder geliehene
Erhabenheit giebt, die hher steht als die der Person. Andrerseits ist
sicher, dass wir berall der Neigung unterliegen, Ausserpersnliches und
Aussermenschliches zu vermenschlichen; und es ist ein grosses Verdienst
_Vischer_'s und _Lotze_'s, auf diese Vermenschlichung so eindringlich
hingewiesen haben. Auch das kleine Huschen in der Reihe der Palste oder
das unbedeutende Gerusch, das an die Stelle des erwarteten lauten
Getses tritt, wird unserer Phantasie nach Analogie eines menschlichen
Wesens erscheinen, das zu sein glaubt, oder gerne sein mchte, was es
nicht ist. Damit _erhht_ sich der Eindruck der erwarteten Erhabenheit,
und der gegenstzliche Eindruck der Nichtigkeit; es verstrkt sich
zugleich das Gefhl der Komik. Darum _entsteht_ doch die Komik nicht erst
aus der Vermenschlichung.

Damit ist die oben vorgetragene Anschauung gegen _Lotze_ und _Vischer_
gerechtfertigt. Wir haben sie aber noch weiterhin zu rechtfertigen.

Ich denke hierbei speziell an die Bemerkungen, die _Heymans_ in der
Zeitschrift fr Psychologie etc. Bd. XII meiner Theorie der Komik
hinzufgt. Diese Bemerkungen schliessen durchweg Berechtigtes in sich.
Sie sind mir darum ein besonders erwnschter Anlass gewisse Momente der
fraglichen Theorie genauer zu bestimmen.


"SELBSTGEFHL IN STATU NASCENDI". KOMIK UND LACHEN.

Zunchst begegnen wir hier noch einmal der Identifizierung des Gefhls
der Komik mit dem gesteigerten Selbstgefhl. Doch ist dies "gesteigerte
Selbstgefhl" _Heymans_' besonderer Art. Es ist genauer befreites
Selbstgefhl. Von diesem Begriffe meinte ich schon oben, er knne in
gewissem Sinne auf die Komik angewendet werden. Es fragt sich, ob
_Heymans_ ihn in zulssiger Weise verwendet.

Zunchst habe ich Folgendes gegen _Heymans_ zu bemerken. Idioten, sagt
_Heymans_, lachen aus befriedigter Eitelkeit. Nun ist die Erkenntnis
dessen, was in Idioten innerlich vorgeht, nicht immer eine sehr einfache
Sache. Aber _Heymans_ mag mit seiner Behauptung recht haben. Dann ist
doch zu bedenken, dass es uns hier nicht auf das Lachen, sondern auf die
Komik ankommt. Die Komik ist ein eigenartiges Gefhl, oder eine
eigenartige Beschaffenheit von psychischen Erlebnissen, die ein solches
eigenartiges Gefhl zu stande kommen lassen. Dies Gefhl kann im Lachen
sich kundgeben. Ich kann aber auch das Lachen unterdrcken. Andererseits
kann das Lachen andere Grnde haben; bei "Idioten" vielleicht die
befriedigte Eitelkeit. Solange aber damit kein Gefhl der Komik sich
verbindet, gehrt dies Lachen nicht hierher.

Nur im Vorbeigehen mchte ich hier die Zweckmssigkeit der Umfrage
bezweifeln, die _Stanley Hall_ und _Allin_ zufolge einer Mitteilung des
American Journal of Psychology vol. XI, 1 angestellt haben. In dieser
Umfrage werden Beobachtungen ber Bedingungen und Arten des Lachens
gefordert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Urheber der Umfrage
scheinen davon unmittelbar einen Aufschluss ber die Bedingungen der
Komik zu erwarten. Vom Lachen, diesem usseren Vorgang her, scheint die
Komik verbindlich werden zu sollen.

Diese psychologische Methode nun kann zu einer vollkommenen Verkennung
des Wesens der Komik fhren. Das Wissen davon, bei welchen Gelegenheiten
Menschen lachen, kann einen Aufschluss ber die Bedingungen der Komik
geben, erst wenn feststeht, wieweit dies Lachen einem Gefhl der Komik
entspringt.

Die beiden Umfrager scheinen besonders von der Thatsache des kindlichen
Lachens ber die Komik Aufschluss zu erwarten. Dies verstehe ich nicht.
Niemand kennt bis jetzt das Geheimnis, wie man, gleichzeitig mit dem
Lachen, den begleitenden psychischen Vorgang im Kinde unmittelbar
beobachtet. Was berhaupt an anderen unmittelbar beobachtet werden kann,
sind Lebensusserungen. Bei Erwachsenen bestehen die psychologisch
wichtigsten Lebensusserungen in der glaubhaften Mitteilung dessen, was
sie in sich vorfinden. Dies gilt, wie berhaupt, so auch hier. Der
Erwachsene, der das Gefhl der Komik kennt, und von anderen Gefhlen zu
unterscheiden weiss, kann mir sagen, ob sein Lachen aus dem Gefhl der
Komik entspringt. Beim Kinde dagegen hin ich auf Vermutungen angewiesen.
Ich werde sein Lachen auf ein Gefhl der Komik deuten drfen, wenn die
Umstnde, unter denen es geschieht, der Art sind, dass daraus, dem
allgemeinen Gesetze der Komik zufolge, dies Gefhl sich ergeben kann,
bezw. muss. Das heisst: Das Lachen des Kindes giebt mir genau insoweit
Aufschluss ber das Wesen der Komik, als ich dieses Aufschlusses nicht
mehr bedarf. Dass auch das Lachen des Erwachsenen, wenn mir derselbe
gleichzeitig _mitteilt_, dass er sich bei seinem Lachen komisch angemutet
fhle, mein Wissen nicht bereichert, braucht nicht gesagt zu werden.

Das Lachen als solches ist also fr das Verstndnis der Komik vllig
bedeutungslos. Wir haben hier einen typischen Fall von berschtzung des
Nutzens der objektiven Methode in der Psychologie. Diese tappt hier wie
berall _nicht_ im Finstern, genau so weit ihr Weg durch die Ergebnisse
der subjektiven Methode erleuchtet ist. Sie ist im brigen die
subjektivste Methode von der Welt, d. h. sie ist eine Weise in die
Objekte, etwa die Kinder oder Tiere, Beliebiges hineinzudichten, ein
Mittel lieb gewordene Meinungen durch angebliche Thatsachen sich
besttigen zu lassen. _Stanley Hall_ und _Allin_ finden die bisher
aufgestellten Theorien des Komischen lamentably metaphysical in their
tendency. Von solchem metaphysischen Charakter sehe ich wenig. Oder soll
damit gesagt sein, jene Theorien verfhren konstruktiv? Dann ist jene
"objektive" Methode, soweit sie nicht sichere Ergebnisse der subjektiven
Methode, oder der psychologischen Analyse zur Basis hat, die eigentlich
metaphysische. Sie ist eine Weise der Konstruktion, die mit dem Dache
beginnt. Leider ist in dem citierten Aufsatze eine irgend eindringende
psychologische Analyse nicht angestellt. Es gehen darum die wirklich oder
angeblich aus jener Methode gewonnenen Resultate, soweit sie nicht vom
Gebiete der feststellbaren psychologischen Thatsachen abschweifen und in
physiologische Vermutungen sich verlieren, nicht hinaus ber die
unzureichenden und an der Oberflche bleibenden Bestimmungen, die wir
bereits kennen gelernt und abgewiesen haben. Dabei rede ich wiederum
ausschliesslich von der Komik, nicht vom Lachen, auch nicht von
beliebigen ausserkomischen Lustgefhlen.

Das hier Gesagte gilt nun nicht mit Bezug auf _Heymans_. _Heymans_'
psychologische Methode ist die psychologische, also diejenige, die zum
Ziele fhrt. _Heymans_ redet, wie wir sahen, gleichfalls vom Lachen. Aber
er redet doch der Hauptsache nach von Fllen des Lachens, in denen, im
Lachen, zweifellos ein Gefhl der Komik sich kundgiebt. In gewissen
dieser Flle nun mag das Gefhl der Komik den Charakter eines
gesteigerten oder befreiten Selbstgefhles haben. Dann ist doch auch hier
das Selbstgefhl ein Gefhl der Komik, nicht sofern es Selbstgefhl ist,
sondern sofern es das Eigenartige des Gefhls der Komik besitzt und bei
ihm die Bedingungen verwirklicht sind, die berall das Gefhl der Komik
begrnden.

Kinder etwa lachen, wenn man sich von ihnen besiegen lsst. Der Wilde
stimmt ein Hohngelchter an ber seinen gefallenen Feind. _Heymans_
meint, mehrere dieser Flle lassen sich in keiner Weise aus "getuschter
Erwartung" erklren. Mir scheint, diese Erklrung liege jedesmal auf der
Hand, wenn man beachtet, was in unserer Theorie den eigentlichen Sinn der
getuschten, nmlich komisch getuschten "Erwartung" ausmacht.

Der Erwachsene erhebt fr das Kind den Anspruch, oder das Kind "erwartet"
von ihm, dass er sich berlegen zeige. Dieser Anspruch zergeht, wenn der
Erwachsene sich besiegen lsst. Der berlegene zeigt sich nicht
berlegen. Dass der Erwachsene thatschlich berlegen bleibt und das Kind
davon weiss, thut nichts zur Sache. Worauf es ankommt, das ist einzig der
Schein, die im Kinde momentan entstehende Vorstellung, dass die
berlegenheit in ihr Gegenteil umgeschlagen sei.

Gleichartiges findet statt in dem anderen der beiden von _Heymans_
angefhrten Flle. Indem der Gegner des Wilden fllt, fllt zugleich sein
Anspruch im Kampfe standzuhalten, sein Anspruch auf Strke, Gewandtheit,
Geschicklichkeit, vielleicht auf Tapferkeit, in nichts zusammen. Solchen
Anspruch erhob der Gegner in den Augen des Siegers, indem er zum Kampf
sich stellte oder sich wehrte, und in gewisser Weise schon einfach als
Mann.

_Heymans_ fasst schliesslich zusammen: berall, wo das Selbstgefhl in
das Gefhl der Komik bergeht, haben wir es zu thun mit einem
Selbstgefhl in statu nascendi. _Heymans_ meint: mit einem Selbstgefhl,
dem ein herabgedrcktes Selbstgefhl voranging, also, wie ich oben sagte,
mit einem "befreiten" Selbstgefhl. Dies wird zuzugeben sein, wenn wir
voraussetzen, dass die Herabdrckung des Selbstgefhles bedingt war durch
den Gedanken eines uns gegenber bermchtigen, und wenn andererseits das
Selbstgefhl in der Wahrnehmung oder dem Schein des Zergehens dieses
bermchtigen seinen Grund hat.

Im brigen aber kann das Selbstgefhl in statu nascendi auch ebensowohl
der Komik vllig entbehren. Wenn ich, innerlich niedergedrckt durch eine
scheinbar gewichtige Thatsache, auf einmal finde, dass diese Thatsache
eigentlich belanglos ist, oder gar nicht existiert, wenn eine Furcht
pltzlich als in sich selbst gegenstandslos sich erweist, so ist dies
komisch. Wenn aber neben eine bedrckende Thatsache in meinem Bewutsein
mit einem Male eine andere tritt, die mich jene vergessen lsst und mich
trstet und wieder aufrichtet; oder wenn ich aus bedrckter Lage durch
die energische Hilfeleistung eines Freundes unerwartet befreit werde, so
werde ich gewiss befriedigt aufatmen. Aber dies Aufatmen kann von jedem
Gefhl der Komik beliebig weit entfernt sein. Es wird in allen den Fllen
gar nichts damit zu thun haben, in denen das, was mich bedrckt, in
keiner Weise als _in sich selbst_ bedeutungslos erscheint, sondern seine
Bedeutung behlt, aber durch ein Anderes verhindert wird, seine
niederdrckende Wirkung weiter auszuben.

_Heymans_ meint, es liege in der pltzlichen Aufhebung eines auf dem
Bewusstsein lastenden Druckes der springende Punkt, aus welchem die
komische Wirkung hervorgehe. Dies ist dann, aber auch nur dann richtig,
wenn wir unter der Aufhebung des Druckes die _besondere_ und in ihrer
Wirkung vllig _einzigartige_ Aufhebung verstehen, wie sie, um hier den
krzesten Ausdruck zu whlen, mit der "Auflsung in nichts" gegeben ist.
Dass diese Aufhebung wirklich eine besondere ist, kann ja keinem Zweifel
unterliegen. Es ist nun einmal psychologisch etwas vllig Anderes, ein
durchaus anderer psychischer Vorgang liegt vor, wenn ein mich
Bedrckendes das eine Mal durch etwas Anderes aus meinem Bewusstsein
verdrngt wird, das andere Mal gar nicht daraus verdrngt zu werden
braucht, weil es in sich selbst zergeht. In beiden Fllen findet die
Aufhebung des Druckes statt, und in beiden Fllen kann dieselbe eine
pltzliche sein. Aber nur im letzteren Falle tritt die komische Wirkung
ein.


KOMIK DES "NEUEN".

Wichtiger noch, als der hier errterte, ist mir ein zweiter Punkt, den
_Heymans_ gegen mich vorbringt. Kinder, so sagte ich selbst oben, lachen
ber allerlei Neues, ber das wir nicht mehr lachen, weil es uns nicht
mehr neu ist. Hier meint _Heymans_: das Neue sei als solches Gegenstand
der Aufmerksamkeit, und das Lachen des Kindes entstehe, wenn es in dem
Neuen nichts finde, das die Aufmerksamkeit festhalten knne, wenn also
die dem Neuen als solchem zugewendete Aufmerksamkeit zergehe, wenn in
solcher Weise eine innere Spannung sich lse. Man versteht den
Streitpunkt: An die Stelle des Gegensatzes zwischen dem _inhaltlich
Bedeutungsvollen_ oder scheinbar Bedeutungsvollen und dem Nichtigen setzt
_Heymans_ den Gegensatz des _Neuen_ und durch _Neuheit_ Spannenden und
des inhaltlich Nichtigen.

Zunchst bitte ich auch hier wiederum zu bercksichtigen, dass unser
Problem nicht das Lachen ist, sondern die Komik. Im brigen gilt dies:

Neuheit ist keine Eigenschaft des Neuen. Sondern "Neuheit" eines Dinges
besagt nur, dass das Ding noch kein gewohntes geworden ist. Die
Gewohntheit stumpft die Eindrucksfhigkeit ab. Der "Reiz" der Neuheit ist
also nichts, als die noch nicht durch Gewohntheit verminderte
Eindrucksfhigkeit eines Dinges. Er ist die Eindrucksfhigkeit, oder die
"Grsse", welche das Ding von Hause aus oder vermge seiner
Beschaffenheit besitzt. Ich verweise hier auf die einschlgigen
Bemerkungen meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens".

Verhlt es sich aber so, dann ist es unmglich, dass ein Objekt vermge
seiner Neuheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dann unmittelbar
oder mit einem Male, vermge der erkannten _Beschaffenheit_ des Objektes,
der Aufmerksamkeit wiederum verlustig geht. Es ist also auch unmglich,
dass die Neuheit als solche jemals die Komik bedingt. Sondern so muss es
sich verhalten, wenn ein Gefhl der Komik entstehen soll: Das Neue muss
zunchst, abgesehen von seiner Neuheit, als ein Bedeutungsvolles
erscheinen, dann die Bedeutung in unseren Augen einbssen.

Dabei ist zu bedenken, dass das Neue, das Kinder erleben, nicht isoliert,
sondern in einem Zusammenhang aufzutreten pflegt. Dieser Zusammenhang
rckt es in eine Beleuchtung. Damit wird der Gegensatz des Bedeutsamen
und des Nichtigen mglich: Eines und dasselbe kann bedeutsam erscheinen
in einem Zusammenhange, nichtig an sich. Ich begrndete oben den Umstand,
dass Kindern so leicht Neues komisch erscheine, damit, dass ich sagte,
das Neue sei fr sie ein noch nicht Verstandenes, also Leeres. Dies
hindert doch nicht, dass es jedesmal an der Stelle, wo es auftritt, fr
das Kind eine Bedeutung beansprucht. Und eben weil oder sofern es dies
thut, zugleich aber diesen Anspruch nicht scheint aufrecht erhalten zu
knnen, wird es komisch.

Wie dies zu verstehen sei, zeigt wiederum am einfachsten das Beispiel der
schwarzen Hautfarbe des Negers. Sie ist dem Kinde, und dem naiven
Menschen berhaupt, neu, d. h. sie ist ihnen noch nicht als Farbe, die
ebensowohl wie die unsrige das Recht hat, Menschenfarbe zu sein,
verstndlich und gelufig geworden. Darum erhebt sie doch auch in den
Augen des Kindes und des naiven Menschen den Anspruch auf diese besondere
Wrde. Vielmehr sie hat diese Wrde nach Aussage der Wahrnehmung
thatschlich, d. h. sie hat sie fr den Wahrnehmenden in dem Augenblick,
in dem er der Wahrnehmung hingegeben ist. Diese Wrde zergeht dann aber,
sobald der erste Eindruck vorber ist, und damit die Gewohnheit, als
menschliche Hautfarbe die weisse und nur die weisse Farbe zu betrachten,
in Wirkung tritt. Jetzt erscheint die schwarze Hautfarbe nicht mehr als
zu diesem Anspruch _berechtigt_. Sie erscheint wie ein usserlicher
Anstrich. Damit ist die Komik ins Dasein getreten. Die komische Wirkung
unterbleibt bei uns, weil in unseren Augen jener Anspruch bestehen
bleibt.


KOMISCHE UNTERBRECHUNG.

Noch in einem zweiten Sinne lsst _Heymans_ das Neue als solches die
Aufmerksamkeit spannen, und wiederum soll hier aus der Lsung dieser
Spannung die Komik hervorgehen. Nicht um das an sich Neue, sondern um das
in einem Zusammenhang Neue handelt es sich hier. Genauer gesagt:
_Heymans_ redet von Fllen, in denen die Unterbrechung eines
Bedeutungsvollen durch ein davon vllig Verschiedenes, aber momentan die
Aufmerksamkeit auf sich ziehendes Unbedeutendes den Reiz zum Lachen
erzeugt. Durch die Aufzeigung solcher Flle scheint _Heymans_ meiner
Behauptung entgegenzutreten, dass _Dasselbe_ bedeutungsvoll und dann
bedeutungslos erscheinen msse, wenn die Komik zu stande kommen solle.

In dieser Bemerkung _Heymans_' liegt wiederum Richtiges. Aber auch hier
ist der Gegensatz zu mir nur ein scheinbarer.

In den Fllen, die _Heymans_ anfhrt, ist das "vllig Verschiedene" in
Wahrheit kein vllig Verschiedenes. In der That kann dasjenige, wodurch
ein Bedeutungsvolles in _komischer_ Weise unterbrochen wird, _niemals_
ein davon vllig Verschiedenes sein. Es muss immer mit dem
Bedeutungsvollen, das von ihm unterbrochen wird, einen Punkt gemein
haben. Und dieser Punkt muss derart hervortreten, dass durch sein
Hervortreten das Unbedeutende auf die Stufe des Bedeutungsvollen gerckt
oder in die Beleuchtung eines solchen gestellt erscheint, dann aber in
seiner Bedeutungslosigkeit erkannt wird. _Heymans_ sagt: das Unbedeutende
msse momentan die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.  Damit deutet er
selbst auf diesen Sachverhalt hin.  Das Unbedeutende gewinnt die
Fhigkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, eben vermge dieser
Beziehung zu dem "wirklich Bedeutungsvollen".

Dies ergiebt sich am deutlichsten aus der Betrachtung der von _Heymans_
angefhrten Beispiele. Das Miauen einer Katze in einer feierlichen Rede
ist eine Art der Rede, es ist die Weise, wie die Katze ihre Gefhle zum
Ausdruck bringt. Die Katze scheint damit in ihrer Weise in das Pathos der
Rede einzustimmen, oder ihren Eindruck davon kund zu geben. Sie wirkt
darum komischer als das Knarren der Thr, obgleich auch dies fr einen
Moment als zur Rede gehrig, oder als Ausdruck der bereinstimmung,
vielleicht auch des Widerspruches, erscheinen kann. Und Gleichartiges
gilt, wenn nach dem Schlusse eines schmetternden Finale die Stimme einer
Marktfrau hrbar wird, die mit ihrer Nachbarin ber den Preis der Butter
verhandelt. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist gerichtet und mit voller
Intensitt gerichtet auf Tnendes.  Um dieses Tnende webt sich die
feierliche musikalische Stimmung. Ein solches Tnende ist auch die Stimme
der Marktfrau. Sie wird also, mit dem, was sie verkndigt, in die Hhe
der musikalischen Stimmung mit emporgerissen. Ihre Worte erscheinen wie
eine Art lautsprachlicher Interpretation dieser Stimmung. Dann sinken
dieselben in die banale Wirklichkeit der Butterpreise herab.

Nehmen wir dagegen an, eine solche Beziehung zwischen dem Unbedeutenden
und dem, was dadurch "unterbrochen" wird, oder auf welches das
Unbedeutende folgt, bestehe nicht, so fehlt auch die Komik. Meine Augen
knnen whrend der feierlichen Rede oder nach dem schmetternden Finale
auf allerlei an sich Bedeutungsloses und Alltgliches treffen. Hier
_besteht_ die "vllige Verschiedenheit" zwischen dem Unbedeutenden und
dem Bedeutungsvollen. _Heymans_ wird erwidern, hier ziehe das
Unbedeutende nicht die Aufmerksamkeit auf sich. In der That wird es so
sein. Aber der Grund dafr liegt dann eben darin, dass das Unbedeutende
hier dem, was die Aufmerksamkeit auf sich konzentriert, so vllig _fremd_
ist.

Angenommen aber auch das Unbedeutende werde zufllig Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Eine architektonische Linie etwa in den Raume, in dem ich
mich befinde, weckt mein Interesse, weil sie nicht eben gewhnlich ist.
Dann wiederum lasse ich die Linie fallen. Oder ein Lichtschein, die mit
einem Male durch die Fenster hereinfallende Sonne, zieht whrend der
feierlichen Rede momentan meine Aufmerksamkeit auf sich, nicht weil der
Lichtschein oder die Sonnenhelle mir an sich besonders interessant wre,
sondern einfach wegen ihrer Neuheit oder wegen ihres pltzlichen
Auftretens. Dann wende ich, eben weil die Sache an sich kein besonderes
Interesse hat, meine Aufmerksamkeit ebenso rasch wiederum davon ab. Auch
hier hat eine Unterbrechung stattgefunden. Der Faden der Rede ist mir
zerrissen. Die Spannung, in welche die Rede mich versetzte, ist gelst.
Ich bin jetzt fr eine Zeitlang, nmlich so lange bis ich den Faden der
Rede wiedergefunden habe, in keiner Weise gespannt. Und die Lsung war
eine pltzliche. Dennoch braucht darin gar nichts Komisches zu liegen. Es
fehlt eben die Bedingung. Es zergeht nicht ein Bedeutungsvolles in sich
selbst. Es offenbart sich nicht ein Bedeutungsvolles als ein solches, dem
doch auch wiederum das Moment, durch das es bedeutungsvoll schien, nicht
zukommt.


POSITIVE BEDEUTUNG DER NEUHEIT.

Trotz dem, was im Vorstehenden gegen die Bedeutung der Neuheit als
solcher fr die Komik gesagt wurde, ist doch _Heymans_' Betonung dieses
Momentes in gewissem Sinne durchaus berechtigt. Nicht nur in den Fllen,
an die im Vorstehenden gedacht war, sondern in allen Fllen der Komik ist
in gewissem Sinne die Neuheit ein entscheidender Faktor. Und zwar
durchaus im _Heymans_'schen Sinne. Das heisst, nicht sofern das Neue ein
Inhaltleeres ist, sondern sofern das Neue die Aufmerksamkeit auf sich
zieht.

Die Hautfarbe, sagte ich, habe als menschliche Hautfarbe eine besondere
Wrde. Aber diese Wrde pflegt fr gewhnlich wirkungslos zu bleiben. Wir
sehen tausendfach Menschen mit der uns _gewohnten_ Hautfarbe, also
derjenigen, der die Wrde menschliche Hautfarbe zu sein in unseren Augen
am sichersten zukommt, ohne dass wir doch davon einen besonderen Eindruck
erfahren. Die Eindrucksfhigkeit, oder die "Grsse" im psychologischen
Sinne, ist es aber, die allein fr die Komik in Betracht kommt. Ihr
Zergehen bedingt die Komik. Wenn nun der Umstand, dass eine Farbe
menschliche Hautfarbe ist, so wenig Eindruck macht, wie kann dann gesagt
werden, dieser Umstand verleihe der schwarzen Hautfarbe
Eindrucksfhigkeit oder Grsse, und das Zergehen dieser Grsse bedinge
die Komik?

Auf diesen Einwand, den ich mir hier selbst mache, habe ich
andeutungsweise bereits frher geantwortet. Ich sagte: Nicht darauf komme
es an, ob die Hautfarbe berhaupt, sondern darauf, ob sie in dem
gegebenen Falle als ein Grosses erscheine oder als solches in uns wirke.
Und dies thut die schwarze Hautfarbe, eben weil sie schwarze Hautfarbe,
d. h. ungewohnte oder neue Hautfarbe ist. Ich knnte statt dessen auch
sagen, weil sie komische Hautfarbe ist.

Damit erscheint meine Theorie des Komischen in einem fast komischen
Lichte. Die schwarze Hautfarbe, so sagte ich vorhin, erscheine,
wenigstens dem Kinde und dem Naiven, bedeutsam als Hautfarbe, nichtig als
schwarze Hautfarbe. Jetzt sage ich, sie habe, abgesehen von ihrer
Schwrze, keine Eindrucksfhigkeit, gewinne dagegen Grsse als schwarze
Hautfarbe. Oder gar: Ich erklrte die Komik der schwarzen Hautfarbe
daraus, dass sie als Hautfarbe eine psychische Eindrucksfhigkeit
besitze. Jetzt sage ich, sie habe ihre Eindrucksfhigkeit eben als
komische Hautfarbe. Dort scheint ein Widerspruch, hier ein Zirkel
vorzuliegen.

Um diesen beln Schein von mir abzuwlzen, muss ich mich etwas tiefer in
psychologische Thatsachen einlassen. Schliesslich fhren psychologische
Einzelprobleme immer ziemlich tief in die Psychologie hinein, sodass im
Grunde kein psychologisches Problem isoliert sich behandeln lsst.

Es bleibt dabei, die menschliche Hautfarbe, oder, sagen wir lieber, die
menschliche Krperoberflche, so wie, und soweit wir sie im allgemeinen
wahrzunehmen pflegen, ist uns eine recht gleichgltige Sache geworden.
Auf die Frage, wie dies zugehe, wird jeder antworten, das mache die
Gewohntheit dieses Anblickes oder die Hufigkeit der Wahrnehmung.

Aber wie kann diese eine solche Wirkung thun? Darauf sind zwei Antworten
mglich. Die eine ist ebenso blich, wie psychologisch unmglich: Unsere
Aufmerksamkeit werde auf das Gewohnte weniger hingelenkt. Diese
Behauptung muss in ihr Gegenteil verkehrt werden. Je gewohnter etwas ist,
d. h. je hufiger wir uns ihm innerlich zugewendet haben, um so leichter
mssen wir uns ihm innerlich zuwenden.

Aber diese Leichtigkeit der Zuwendung hat auch ihre Kehrseite. So oft
sich,--ich gebrauche hier geflissentlich einen anderen Ausdruck, als
soeben,--die psychische "Bewegung" einem Wahrnehmungsobjekte zugekehrt
hat, so oft hat sie sich auch wiederum von ihm abgewendet. Und wie aus
jener hufigen Zuwendung eine Leichtigkeit der Zuwendung, so ergiebt sich
aus dieser hufigen Abwendung oder diesem hufigen Fortgang zu anderen
psychischen Inhalten eine Leichtigkeit der Abwendung oder des Fortganges.
Es entsteht das, was ich als psychische "Abflusstendenz" zu bezeichnen
pflege. Je zahlreicher und tiefer die associativen Abflusskanle werden,
um so weniger kann die fragliche Wahrnehmung als ein Halt- oder gar
Mittelpunkt der psychischen Bewegung sich darstellen, um so mehr sinkt
sie zu einem blossen Durchgangspunkt fr den Strom des psychischen
Geschehens herab. Die Wahrnehmung gewinnt keine "psychische Hhe" mehr.
Der Wellenberg, den sie, abgesehen von der Abflusstendenz,
resprsentieren wrde, hat sich geebbt. Oder ohne Bild gesprochen, die
Wahrnehmung ist nicht mehr Gegenstand der "Aufmerksamkeit", d. h. es wird
in ihr kein erhebliches Mass der allgemeinen psychischen Kraft mehr
lebendig oder aktuell. Eben damit bsst die Wahrnehmung auch ihre
psychische Wirkungsfhigkeit ein, vor allem auch ihre Gefhlswirkung. Mit
einem Worte, sie ist relativ gleichgltig geworden. Fr das Genauere
verweise ich wiederum auf meine "Grundthatsachen des Seelenlebens." Ich
bemerke noch, dass diese Theorie der Abflusstendenz, und die Erklrung
der sogenannten abstumpfenden oder ermdenden Wirkung der Gewohnheit auf
Grund derselben, bisher wenig Aufnahme gefunden hat. Um so mehr Aufnahme
wird sie finden mssen, wenn nicht mannigfache psychische Thatsachen
unverstndlich bleiben sollen.

Aber auch das Gesetz der Abflusstendenz hat wiederum seine Kehrseite. Es
giebt ein Gesetz der "psychischen Stauung". Auch hierfr wiederum
verweise ich auf das eben citierte Werk. Ich begnge mich hier das
fragliche Gesetz in folgender Weise zu formulieren: Ist ein Objekt ein
gewohntes, d. h. in das Gewebe unserer Vorstellungen so hineinverwebt,
dass die psychische Bewegung einerseits zwar zu ihm mit besonderer
Leichtigkeit hinfliesst, andererseits aber zugleich auch wiederum ebenso
leicht von ihm abfliesst, und wird nun dieser Fluss des Geschehens in
seinem gewohnten Ablaufe dadurch gestrt, dass das fragliche Objekt, sei
es in seiner Beschaffenheit, sei es hinsichtlich seiner Beziehung zu
anderen Objekten eine nderung erfhrt, so entsteht an dem Objekt eine
psychische Stauung, d. h. die psychische Bewegung oder die aktuelle
psychische Kraft konzentriert sich auf das Objekt. Die Folge ist, dass
dies Objekt, das vorher nur Durchgangspunkt der psychischen Bewegung war,
jetzt von dieser Bewegung emporgehoben wird, oder in grsserem oder
geringerem Grade als Trger der ganzen aktuellen psychischen Kraft sich
darstellt, die es zu gewinnen seiner Natur nach geeignet ist. Damit
gewinnt es zugleich die entsprechende psychische Wirkungsfhigkeit,
insbesondere seine natrliche Gefhlswirkung wieder. Es hat aufgehrt,
gleichgltig zu sein. Es ist hinsichtlich seiner psychischen Stellung und
Bedeutung kein Gewohntes mehr, sondern ist zu einem Neuen geworden.

bertragen wir dies auf unseren Fall. Dann ist damit dies gesagt: Die
menschliche Krperoberflche wird durch den Umstand, dass sie in neuer
Farbe erscheint, selbst, ihrer psychischen Wirkung nach, eine neue. Dass
heisst, sie bt wiederum die psychische Wirkung, die ihr an sich zukommt.
Sie ist nicht nur objektiv ein "Grosses", sondern sie ist auch wiederum
im psychologischen Sinne ein solches geworden. Damit wird zugleich die
Farbe dieser Krperoberflche als Farbe dieses Grossen oder Bedeutsamen
zu etwas Grossem oder Bedeutsamen. Dass die "Grsse" der Krperoberflche
in dem Leben besteht, was in ihr und hinter ihr waltet, und dass die
Farbe Grsse gewinnt, indem sie als Farbe der Krperoberflche an dieser
Grsse teilnimmt, betone ich nicht noch einmal.

Damit lst sich der oben bezeichnete scheinbare Widerspruch: Wir knnten
freilich ihn zunchst noch in gewisser Weise verschrfen. Die Negerfarbe
gewinnt ihre Bedeutung, d. h. ihre psychische Wirkung als ungewohnte oder
neue. Und sie verliert ebenso diese Bedeutung als ungewohnte oder neue.
Aber dies "als ungewohnte oder neue" hat in beiden Fllen einen
verschiedenen Sinn. Nicht die neue oder ungewohnte _schwarze Farbe_
gewinnt die Bedeutung, sondern die in dieser neuen "Beleuchtung"
erscheinende _Krperoberflche_ gewinnt dieselbe; und daran nimmt die
schwarze Farbe als Farbe dieser Krperoberflche Teil. Dann aber verliert
die schwarze Farbe diese Bedeutung wiederum, weil sie eine neue oder
ungewohnte ist, d. h. weil wir noch nicht gewohnt sind, sie als Farbe des
Krpers zu betrachten und zu bewerten. Oder krzer gesagt, die schwarze
Farbe erscheint bedeutsam als Farbe der _Krperoberflche_, die
ihrerseits durch diese _neue_ Farbe ihre ursprngliche Bedeutsamkeit
wiedergewonnen hat. Sie erscheint dann bedeutungslos oder nichtig als
_schwarze_ Farbe, sofern diese als neue Farbe an der Bedeutung der
Krperoberflche Anteil zu nehmen kein Recht hat. Aus diesem Gegensatze
entspringt die Komik.

Analoges nun gilt mehr oder minder in allen Fllen der Komik; bei aller
Komik gilt in gewisser Weise unser Paradoxon: Alles Komische gewinnt und
verliert zugleich seine psychische Wirkung dadurch, dass es ein Neues,
Ungewohntes, Seltsames ist. Das heisst, bei allem Komischen gewinnt ein
an sich Bedeutsames die Fhigkeit seiner Bedeutsamkeit entsprechend uns
in Anspruch zu nehmen ganz oder teilweise dadurch, dass es in seltsamer
Beleuchtung erscheint. Und bei allem Komischen zergeht diese Wirkung in
uns, wenn wir auf dasjenige achten, was das Komische in diese seltsame
Beleuchtung rckt. Verspricht jemand viel und leistet wenig, so wird eben
durch die geringe Leistung unsere Aufmerksamkeit erst recht auf die
grossen Versprechungen hingelenkt. Sie sind jetzt mehr als sonst eine
anspruchsvolle, d. h. uns in Anspruch nehmende Sache. Eben damit ist auch
die geringfgige Leistung als scheinbare Erfllung dieser Versprechungen
eine anspruchsvolle Sache geworden. Dieser Anspruch zergeht aber, wenn
uns die Leistung als das, was sie an sich ist, zum Bewusstsein kommt. In
diesem Sinne ist auch hier die Neuheit, d. h. die Seltsamkeit oder
Abnormitt das die "Aufmerksamkeit" Spannende und zugleich das sie
Lsende.


"VERBLFFUNG" UND "VERSTNDNIS".

Hiermit gelange ich wiederum zu _Heymans_ zurck. Was ich hier oben
andeutete, ist auch _Heymans_ aufgefallen. Er drckt es nur in etwas
anderer Weise aus und kommt so zu einem neuen scheinbaren Einwand gegen
meine Theorie der Komik. Nicht in allen, aber in gewissen Fallen der
Komik, meint er, verhalte sich die Sache so, dass ein Rtselhaftes,
Unbegreifliches ein Gefhl der Verwunderung oder des Staunens wecke, die
Aufmerksamkeit fessle, whrend ein schnell aufleuchtendes, an sich kein
weiteres Interesse bietendes "Verstndnis" die Entspannung zu wege
bringe. Hiermit tritt _Heymans_ scheinbar in unmittelbaren Widerspruch zu
meiner Theorie. Ich habe diese Theorie gelegentlich auch so formuliert,
dass ich sagte, die Komik entstehe, indem ein Sinnvolles sich fr uns in
ein Sinnloses verwandelt. Das Sinnvolle nimmt uns in Anspruch oder spannt
die Aufmerksamkeit, die Sinnlosigkeit bringt die Lsung. Diesen
Sachverhalt scheint Heymans umzukehren. Das Unbegreifliche, also fr uns
Sinnlose spannt die Aufmerksamkeit, die Lsung ist da, indem die
Sinnlosigkeit verschwindet und das Verstndnis, also die Einsicht in den
Sinn der Sache sich einstellt.

In Wahrheit ist, was Heymans sagt, lediglich die besondere Hervorhebung
eines Momentes im Prozess der Komik, und zwar eines Momentes, das ich im
Obigen ausdrcklich anerkannt habe. Ein Unterschied zwischen _Heymans_
und mir besteht zunchst nur insofern, als ich, was _Heymans_ fr
bestimmte Flle der Komik vermeintlich gegen mich einwendet,
verallgemeinere, d. h. als fr alle Komik mehr oder weniger zutreffend
anerkenne.

Dann freilich lsst sich _Heymans_ durch einseitige Hervorhebung jenes
Momentes zu Wendungen verleiten, die eine wirkliche Korrektur meiner
Theorie in sich zu schliessen scheinen. Auch hier aber lst sich der
scheinbare Gegensatz leicht, wenn wir _Heymans_' Aufstellungen genauer
analysieren oder eine darin liegende Zweideutigkeit beseitigen.

Das Rtselhafte, sagt _Heymans_, spannt die Aufmerksamkeit oder, mit
einem anderen, Andruck, es "verblfft". Statt dessen sagte ich oben: Die
Neuheit, Ungewohntheit, Abnormitt, das Seltsame des Komischen lsst erst
seine Bedeutsamkeit, sei es berhaupt, sei es vollstndig, zur Wirkung
kommen. Auch damit ist eine Spannung der Aufmerksamkeit bezeichnet. Aber
diese Spannung der Aufmerksamkeit ist mit _Heymans_' "Verblffung" nicht
ohne weiteres identisch.

Dies wird verstndlich, wenn wir in jener Verblffung zwei Momente
unterscheiden. Einmal die einfache Verblffung, d. h. das erstaunte
Haltmachen bei der Seltsamkeit, etwa das erstaunte Haltmachen bei der
geringen Leistung des Grosssprechers; die Frage: Was soll das heissen.
Diese erste, vllig verstndnislose Verblffung ist nicht die Spannung
der Aufmerksamkeit, von der ich sage, ihr Zergehen erzeuge die Komik.

Und sie kann es nicht sein. Damit komme ich bereits auf den Punkt, in dem
ich _Heymans_ entgegentreten muss. _Heymans_ meint, er knne sich--gegen
mich--"einfach auf das Zeugnis der Selbstwahrnehmung berufen", nach
welchem in gewissen Fllen der Komik "sich deutlich die beiden Stadien
des verblfften Erstaunens und des aufleuchtenden Verstndnisses, mit
letzterem gleichzeitig aber die komische Gefhlserregung feststellen
lsst." Diese beiden Stadien leugne ich, nach Obigem, nicht, sondern
erkenne sie, und zwar fr alle Flle der Komik an. Aber ich leugne, dass
jede Verblffung, der ein aufleuchtendes Verstndnis folgt, ein Gefhl
der Komik ergiebt. Die Komik stellt in Wahrheit nur dann sich ein, wenn
jene Verblffung zugleich ein Moment in sich schliesst, das mehr ist als
blosse Verblffung, nmlich Sammlung, Spannung der Aufmerksamkeit durch
ein Bedeutsames oder scheinbar Sinnvolles; und die Komik ergiebt sich
nicht aus der Lsung der Verblffung berhaupt, sondern aus der Lsung
dieses zweiten Momentes der Verblffung oder dieser besonders gearteten
Spannung.

So wie die geringfgige Leistung des Grosssprechers mich verblfft, so
verblfft mich auch der Satz, der durch Ausfall eines Wortes sinnlos
geworden ist. Nehmen wir an, darauf folge sofort das aufleuchtende
Verstndnis: Ich sehe, welches Wort ausgefallen ist. Ich ergnze es also,
und verstehe den Satz. Ich sage: Das also ist gemeint. Ein solches
Erlebnis ist nicht komisch.

Dagegen wrde der Ausfall des Wortes komisch, wenn sich daraus ein neuer
Sinn ergbe. Wir wollen annehmen, der neue Sinn leuchte unmittelbar ein,
werde aber auch sofort als unmglich gemeint, also als Unsinn erkannt.
Hier ist auf das erste Stadium der Verblffung ein zweites gefolgt, auf
die Verblffung ber den Unsinn die Verblffung ber den scheinbaren
Sinn, auf das einfache Stillestehen der psychischen Bewegung, ein sich
Konzentrieren derselben auf einen bestimmten Vorstellungszusammenhang,
nmlich denjenigen, dessen Vernichtung nachher die Komik ergiebt. So
gewiss aus der unmittelbaren Lsung des ersten Stadiums, der in jedem
Sinn verstndnislosen Verblffung, durch das aufleuchtende Verstndnis
die Komik sich _nicht_ ergiebt, so gewiss folgt sie _hieraus_.

Ein solches zweites Stadium der Verblffung, oder eine solche Sammlung
oder Konzentration der Aufmerksamkeit findet nun in aller Komik statt.
Wie gesagt: Die geringe Leistung nach grossen Versprechungen "verblfft";
dann aber folgt die Spannung der Aufmerksamkeit durch die scheinbare
Erfllung der Versprechungen. Auf die verblffte Frage: Was soll das
heissen? folgt die verblffte Antwort: Das also ist die Erfllung der
grossen Versprechungen. Und daran erst schliesst sich die Einsicht. Ich
"verstehe", d. h. ich erkenne den Grosssprecher als leeren Grosssprecher.
Bei einem solchen ist die geringe Leistung ganz in der Ordnung. Was ich
erlebe ist gar nichts, d. h. nichts, das meiner Aufmerksamkeit wert wre.

Ich habe hier in dem Stadium, das _Heymans_ als Stadium der _Verblffung_
bezeichnet, zwei Stadien unterschieden. Man sieht aber, das zweite
Stadium der Verblffung kann ebensowohl als erstes Stadium des
Verstndnisses bezeichnet werden. Es ist das Stadium des verblffenden
Verstndnisses, des verblffenden Sinnes oder scheinbaren Sinnes,
allgemeiner gesagt, der verblffenden Grsse oder Scheingrsse eines
Objektes, das dann doch seiner Grsse in unseren Augen wieder verlustig
geht.

Damit ist der scheinbare Gegensatz zwischen Heymans und mir gelst. Auch
er hat mich erst verblfft, dann sah ich die Scheingrsse, die sich aus
der scheinbaren Identitt der _Heymans_'schen "Verblffung" mit meiner
"Spannung der Aufmerksamkeit durch ein Scheingrosses" ergab, d. h. die
Einsicht, dass Verblffung und Verblffung zweierlei sei, und demgem
_Heymans_' Einwand mich nicht treffe.

Die Beispiele, die _Heymans_ anfhrt, um seinem Einwand Kraft zu geben,
sind der Hauptsache nach dem Gebiete des Witzes entnommen. Insoweit
gehren sie nicht hierher. Schliesslich aber weist er auf einen Fall hin,
der dem Gebiete der objektiven Komik angehrt. Auch dieser widerspricht
doch meiner Theorie keineswegs.

"Ein auf einer Zwischenstation ausgestiegener Reisender antwortet auf die
dringende Aufforderung des Schaffners einzusteigen immer nur mit der
flehentlichen Bitte ihm zu sagen, in welchem Jahre Amerika entdeckt
worden sei. Indessen fhrt der Zug ab. Endlich stellt sich heraus, dass
das Kompartiment, in welchem der Reisende seine Sachen zurckgelassen
hat, die Nummer 1492 fhrt, und dass ein Mitreisender ihm gesagt hat, er
solle, um diese Nummer nicht zu vergessen, nur an die Jahreszahl der
Entdeckung Amerikas denken". Hier meint _Heymans_, ist die Handlungsweise
des Reisenden, dem man zu langen Erklrungen keine Zeit lsst, keineswegs
objektiv unzweckmig, aber sie scheint es in hchstem Grade zu sein, und
wird darum zuerst als unbegreiflich, dann nachdem die Sache sich
aufgeklrt hat, als komisch empfunden. Mir scheint, dass in diesem
komplizierten Falle verschiedene Momente der Komik unterschieden werden
mssen. Der Reisende wird schon vor der Aufklrung der Sache komisch,
weil er als ausgewachsener Mensch, von dem man ein zweckmssiges
Verhalten "erwartet", den Zug mit seinem Gepck wegfahren lsst, und sich
statt um seine Reise, um die Entdeckung Amerikas Sorge macht. Dazu tritt
dann ein zweites Moment, das allerdings erst nach der Aufklrung zur
Wirkung gelangt. Man sieht jetzt, dass der Reisende Grund hatte nach dem
Jahre der Entdeckung Amerikas zu fragen. Oder vielmehr: es scheint fr
einen Augenblick die Frage darnach sinnvoll. Dann aber erscheint das
ganze Verhalten des Menschen sinnlos. Sich eine Zahl nach der Jahreszahl
eines historischen Ereignisses zu merken hat natrlich nur Sinn, wenn man
diese Jahreszahl kennt.

Hiermit meine ich alle Punkte des Gegensatzes zwischen _Heymans_ und mir
aufgeklrt zu haben. Ich werde auf _Heymans_ noch einmal, nmlich bei der
Betrachtung des Witzes und der genaueren Darlegung der Art, wie bei ihm
das Gefhl der Komik zu stande kommt, zurckkommen mssen. Einstweilen
nehme ich von _Heymans_' wertvollen Winken Abschied.




VI. KAPITEL. DIE SUBJEKTIVE KOMIK ODER DER WITZ.


ABGRENZUNG DER SUBJEKTIVEN KOMIK.

Wir haben im Obigen die ausdrckliche Abgrenzung der objektiven Komik von
den sonstigen Gattungen der Komik unterlassen. Beim Witze knnen wir
diese Abgrenzung sofort zu vollziehen versuchen.

Dabei mssen wir zunchst unterscheiden zwischen dem Witz als Eigenschaft
und dem Witz als Vorgang oder Leistung, dem Witz, den der Witzige _hat_,
und demjenigen, den er _macht_. Wenn _Vischer_ gelegentlich den Witz
definiert als die Fertigkeit mit berraschender Schnelle mehrere
Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
angehren, einander eigentlich fremd sind, zu einer zu verbinden, so
knnen wir uns diese Definition nicht aneignen, weil sie sich auf den
Witz bezieht, den der Witzige _hat_.

Aber auch der Begriff des Witzes, der gemacht wird, lsst sich
verschieden fassen. Wenn jemand stolz auftritt und ber eine Kleinigkeit
stolpert, so wird er Objekt der Komik. Wenn ich ihm das Hindernis _in den
Weg werfe_, so mache ich einen, wenn auch vielleicht recht schlechten
"Witz". So heisst berhaupt Witz jedes bewusste und geschickte
Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der
Situation. Natrlich knnen wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht
brauchen. Eines und dasselbe wre ein Fall der Anschauungs- oder
Situations-Komik und ein Witz, je nachdem wir den komischen Thatbestand
einfach fr sich ins Auge fassten, oder zugleich auf seine Verursachung
achteten. Wir wollen aber ja hier unter dem Namen des Witzes Flle
zusammenfassen, die _neben_ den Fllen den Anschauungs- und
Situations-Komik stehen.

Ein wesentliches Merkmal fr den Begriff des Witzes, wie wir ihn
brauchen, haben wir indessen damit doch schon gewonnen. Gegenstand der
Anschauungskomik _wird_ man, in die Situationskomik _gert_ man, den Witz
_macht_ man. Man macht ihn, d. h. die selbstbewusste Persnlichkeit macht
ihn. Der Witz ist eine Art der Aktivitt oder Bettigung dieser
Persnlichkeit. Vereinigen wir damit, dass wir nach oben Gesagtem auch
das, sei es noch so selbstbewusste Hervorrufen der Anschauungs- und
Situationskomik, bei der doch die Komik nur eben an dem angeschauten
Objekt oder der Situation haftet, nicht als Witz bezeichnen wollen, so
kann sich eine wenigstens vorlufige Abgrenzung dieses Begriffes ergeben.
Meine Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen, meine Willensakte und
Wertschtzungen, das sind die Arten meiner Persnlichkeit sich zu
bethtigen. An ihnen also, oder vielmehr, da jene inneren Vorgnge fr
andere nicht Gegenstnde der Wahrnehmung sind, an den Worten, Handlungen
und Gebrden, in welchen sie zu Tage treten, wird die Komik des Witzes,
den ich mache, haften mssen; und sie wird an den Worten, Handlungen und
Gebrden haften mssen, _sofern_ und lediglich sofern sie einer
persnlichen Aktivitt oder Leistung zum Ausdruck dienen. Aktivitt oder
"Leistung", so sage ich hier mit Bedacht. Auch in der ungeschickten und
in ihrer Ungeschicktheit komischen Bemerkung, die ich mir zu Schulden
kommen lasse, bin ich aktiv. Aber dies ist nicht die Aktivitt, die ich
hier meine. Ich mache die Bemerkung, aber ich "mache" nicht die ihr
anhaftende Komik. Eben insofern die Bemerkung komisch ist, erscheint sie
nicht als Ausfluss meines positiven Knnens, sondern meines Unvermgens,
ich bringe damit nichts zuwege, sondern unterliege einer Schranke meines
Wesens. Ich erscheine darum trotz aller Thtigkeit als Gegenstand der
Anschauungs- oder Situationskomik, nicht als Urheber eine Witzes.
Andererseits muss mit der Forderung Ernst gemacht werden, dass die Komik
eben an der Aktivitt _hafte_. Ich mache Anstrengungen, um ber ein
hochgespanntes Seil zu springen, im letzten Momente aber schlpfe ich
unten durch, nicht aus Unvermgen, sondern um die Zuschauer zu
belustigen. Hier bin ich durchaus aktiv und berlegen, aber die Komik
haftet nicht unmittelbar daran. Meinem Thun liegt thatschlich kein
Unvermgen zu Grunde, aber das Gefhl der Komik entsteht doch nur aus dem
Schein des Unvermgens, den ich mit Absicht erzeuge. Ich werde nicht
durch irgendwelche Naturnotwendigkeit, und kein anderer wird durch mich
_Gegenstand_ der Komik, aber ich mache mich selbst dazu. Ich werde es
freiwillig, aber ich werde es fr den Augenblick thatschlich.

Daraus ergiebt sich die vorlufige Abgrenzung des Witzes, die wir suchen.
Sie ist die Komik, die wir hervorbringen, die an unserm Thun als solchem
haftet, zu der wir uns durchweg als darberstehendes Subjekt, niemals als
Objekt, auch nicht als freiwilliges Objekt verhalten. Oder krzer gesagt:
sie ist die durchaus subjektive Komik. Im Gegensatz dazu drfen wir die
im vorigen Abschnitt gemeinte und besprochene Komik, wie wir schon gethan
haben, als objektive bezeichnen.

Jene Abgrenzung des Witzes trifft mit derjenigen zusammen, die in der
wissenschaftlichen sthetik thatschlich vorausgesetzt zu werden pflegt.
Indem wir den Witz als "subjektive" von der "objektiven" Komik
unterscheiden, stimmen wir wenigstens mit _Vischer_ auch im Ausdruck
berein.--Dagegen sind die vorhandenen Antworten auf die Frage nach dem
Wesen des Witzes teilweise vllig ungengend.


VERSCHIEDENE THEORIEN.

Ich erwhne wiederum in erster Linie denjenigen Psychologen der Komik,
der sich von der Wahrheit am weitesten entfernt hlt. Wie wir sahen, geht
_Hecker_'s Bestimmung der Komik berhaupt aus von der Betrachtung des
Gefhls der Komik, das er als beschleunigten Wettstreit der Gefhle der
Lust und Unlust bezeichnet. Beim Witze nun entsteht fr ihn "die Unlust
wie die Lust aus zwei Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit und doch
wiederum mgliche Vereinbarkeit miteinander die Quelle der Gefhle
bildet."

Diese Erklrung ist vor allem nicht allzu ernst gemeint. An Stelle der
unvereinbaren Vorstellungen treten spter solche, die nichts miteinander
zu thun haben, d. h. thatschlich in keinem Verhltnis unmittelbarer
Zusammengehrigkeit stehen. Und zu diesen gesellen sich dann solche, die
zugestandenermassen ziemlich viel miteinander zu thun haben. berhaupt
wandeln sich die _Hecker_'schen Bedingungen des Witzes von Fall zu Fall,
bis schliesslich von der ursprnglichen Formel herzlich wenig mehr brig
bleibt. Natrlich verfolge ich diese Wandlungen nicht. Es gengt die
Bemerkung, dass nach _Hecker_ schlielich jede zweifelhafte Aussage, jede
Annahme, die durch Thatsachen gesttzt wird, whrend andere Thatsachen
widersprechen, jede halbwahre Theorie, ja jede thrichte Rede, der wir
den wahren Sachverhalt "substituieren", witzig heissen msste. Als ganz
besonders witzig msste seine eigene Theorie des Witzes und der Komik
berhaupt gelten, in der mit mancherlei Anstzen und Elementen zu einer
richtigen Anschauung so viel Unzutreffendes so eng verbunden ist.

Mit _Hecker_'s Erklrung ist die _Krpelin_'s verwandt. Fr ihn ist der
Witz die "willkrliche Verbindung oder Verknpfung[1] zweier miteinander
in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das
Hilfsmittel der sprachlichen Association". Es muss, so sagt er nachher,
irgend ein Band zwischen den Vorstellungen, es mssen associative
Beziehungen zwischen ihnen existieren, welche diese Verknpfung
gestatten. Andererseits muss aber die Nichtzusammengehrigkeit derselben
klar und scharf genug ins Auge springen, dass eine Kontrastwirkung zur
Entwicklung gelangen kann.

[1] So, und nicht "Erzeugung" muss es ohne Zweifel an der betreffenden
    Stelle heissen.

Diese Erklrung leidet an mehreren Fehlern. Sie stimmt nicht mit den
nachfolgenden nheren Bestimmungen; sie ist vieldeutig; man mag sie
drehen wie man will, so schliesst sie Dinge ein, die mit dem Witze nichts
zu thun haben; sie schliesst andererseits Gattungen von Vorgngen aus,
die thatschlich dem Witze zugehren. Sie steht endlich in direktem
Widerspruch mit einzelnen ausdrcklich angefhrten Fllen des Witzes.

Nur auf zwei Punkte mache ich hier gleich aufmerksam. Der Witz soll eine
_willkrliche_ Verbindung von Vorstellungen sein. Gleich nachher wird von
Witzen gesprochen, die nicht der bewusst absichtsvollen Komik angehren,
sondern unbewusst sind. Ich denke aber, wo das Bewusstsein aufhrt, ist
nach gemeinem Sprachgebrauch auch von Willkr nicht mehr die Rede.

Wichtiger ist mir der andere Punkt. "Irgendwie kontrastieren" mssen die
Vorstellungen, deren Verbindung den Witz ausmacht. Mit diesem Kontrast
geht es einigermassen, wie mit der "Unvereinbarkeit" bei _Hecker_. An
seine Stelle tritt spter die Nichtzusammengehrigkeit. Bald darauf
heissen die Vorstellungen einander widerstreitend, wiederum an anderer
Stelle gnzlich verschiedenartig. Als ob alle diese Ausdrcke dasselbe
sagten. In der That knnen die im Witze verbundenen Vorstellungen sich
auf die verschiedenartigste Weise zu einander verhalten. Das bekannte
_Lichtenberg_'sche "Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt" enthlt
eine Verbindung an sich unvereinbarer Vorstellungen. Das Messer
einerseits, der Mangel der Klinge und des Stieles andererseits, diese
beiden Begriffe heben sich gegenseitig auf.--Wenn ein franzsischer
Dichter auf die Zumutung seines Knigs, ein Gedicht zu machen, dessen
sujet er sei, antwortet: le roi n'est pas sujet, so vollzieht er eine
Verbindung von Vorstellungen,--sujet = Unterthan und sujet = Gegenstand
eines Gedichtes--die an sich recht wohl vereinbar sind, und nur
thatschlich und erfahrungsgemss nichts miteinander zu thun haben.--"Die
Abteien sind geworden zu Raubteien", sagt der _Schiller_'sche Kapuziner.
Hier sind die in witziger Weise verbundenen Vorstellungen weder
unvereinbar noch unzusammengehrig. Die Abteien waren in der That in der
Zeit des dreissigjhrigen Krieges zu Raubteien geworden.  Die
Vorstellungen gehren also genau soweit zusammen, als es der Witz
behauptet.--Gedenken wir endlich gar der witzigen Definition von der Art
der _Schleiermacher_'schen: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit
Eifer sucht, was Leiden schafft, so ergiebt sich, dass die im Witze
miteinander "kontrastierenden" Vorstellungen auch solche sein knnen, die
nicht nur in bestimmten Fllen und thatschlich, sondern allgemein und
begrifflich zusammengehren, deren Zusammengehrigkeit ausserdem
jedermann denkbar gelufig ist. Dass die Eifersucht eine Leidenschaft
ist, die darauf ausgeht Dinge hervorzusuchen und selbst zu ersinnen, die
nur dazu dienen knnen dem Eiferschtigen und dem Gegenstand der
Eifersucht Qualen zu bereiten, dies liegt ja im Begriff der Eifersucht
und bezeichnet kein verstecktes, sondern ein jedermann bekanntes und
selbstverstndliches Moment dieses Begriffes.

Die im Witze verbundenen Vorstellungen find unvereinbare und
unzusammengehrige, anderseits zusammengehrige und sogar notwendig zu
vereinigende Vorstellungen; sie sind Vorstellungen, deren Vereinigung
einen Unsinn, eine faktische Unwahrheit, andererseits eine thatschliche
Wahrheit oder sogar eine Selbstverstndlichkeit ergiebt. Sie sind mit
einem Worte verschiedenartige Vorstellungen, die sich irgendwie zu
einander verhalten. Verschiedene und irgendwie sich zu einander
verhaltende Vorstellungen werden aber natrlich in jeder wahren oder
falschen Behauptung miteinander verbunden. Sie knnen also nicht das
Wesen des Witzes ausmachen.

Dann muss wohl die besondere Art der Verbindung den Witz erzeugen. Die
Verbindung, so knnte man sagen, ist beim Witz jederzeit eine solche,
welche die Unvereinbarkeit, oder auch die blosse Verschiedenheit der
Vorstellungen besonders deutlich zu Tage treten lsst. In dieser
deutlicher zu Tage tretenden Unvereinbarkeit oder Verschiedenheit
bestnde dann der "Kontrast", der zum Witze erforderlich ist. In der That
kann _Krpelin_'s Meinung im Grunde keine andere sein. Zur Komik
berhaupt gehrt ja fr ihn nach der allgemeinen Erklrung, die wir im
vorigen Abschnitt kennen gelernt haben, der Versuch der begrifflichen
Vereinigung und ein erst _daraus sich ergebender_ "intellektueller"
Kontrast.

Damit stimmt es, dass _Krpelin_ fr den Witz eine associative Beziehung
der Vorstellungen fordert, welche die _Verbindung gestattet_. Freilich
geht diese Forderung ber das hinaus, was jener allgemeinen Erklrung
zufolge fr die Komik gefordert ist und demnach auch fr die Komik des
Witzes gefordert werden drfte. Ich kann ja recht wohl in einer Aussage
Vorstellungen verbinden und andere zum Versuch ihrer begrifflichen
Vereinigung ntigen, ohne dass besondere associative Beziehungen
vorliegen. Ich sage etwa: Napoleon starb in Sibirien. Napoleon hat mit
Sibirien nichts zu thun. Aber ich verbinde in dem Satze die beiden
Vorstellungen, und wer ihn hrt, kann nicht umhin den Versuch
begrifflicher Vereinigung anzustellen. Er gewinnt auch daraus ein Gefhl
des Kontrastes. Es kommt ihm zum Bewusstsein, dass Napoleon's Tod in der
That mit Sibirien _gar nichts_ zu thun hat. Die Behauptung erfllt also
trotz der mangelnden Association die Bedingung, unter der nach _Krpelin_
das Gefhl der Komik allgemein entstehen msste.

Andrerseits kann aber auch die Association hinzutreten und dennoch die
Komik des Witzes, wie jede Komik berhaupt, unterbleiben. Ich brauchte
nur Napoleon statt in Sibirien auf Elba sterben zu lassen. Napoleon starb
auf einer Insel; Elba ist eine Insel; Napoleon war auf Elba. Wiederum
wird zugleich demjenigen, der die Behauptung hrt, eben durch die
Behauptung die Nichtzusammengehrigkeit der verbundenen Vorstellungen zum
deutlicheren Bewusstsein gebracht.

Oder: jemand zeiht meinen Freund, dessen Charakter ich erprobt habe,
einer unredlichen Handlung. Die Grnde, die er anfhrt, gestatten die
Vorstellungsverbindung und zwingen mich sogar immer wieder, sie
versuchsweise zu vollziehen. Dabei muss mir der Gegensatz zwischen der
behaupteten Unredlichkeit und dem erprobten Charakter in besonderem Masse
fhlbar werden. Er wird mir vielleicht in dem Masse fhlbar, dass ich die
Vorstellungsverbindung in tiefster Emprung abweise. Hier haben
wir ein Kontrastbewusstsein der intensivsten Art; zugleich ein
Kontrastbewusstsein, das sich vllig vorschriftsmssig aus versuchter
begrifflicher Vereinigung nicht nur verschiedener, sondern faktisch
unvereinbarer Vorstellungen ergiebt. Trotzdem wird niemand verlangen,
dass ich die Verleumdung als Witz oder berhaupt als komisch empfinde.

Indessen so ist die Sache nicht gemeint. Die assoziativen Beziehungen
gestatten die Verbindung, an Stelle dieses nichtssagenden Ausdrucks setzt
_Krpelin_ spter den andern, sie begrnden eine bedingte oder teilweise
Zusammengehrigkeit der Vorstellungen. Damit ist dann freilich wieder zu
viel gesagt. Das Messer einerseits, der gleichzeitige Mangel des Stiels
und der Klinge anderseits, diese beiden Dinge gehren auch nicht bedingt
oder teilweise zusammen.

Trotzdem ist in dieser Bestimmung etwas Richtiges. Die associativen
Beziehungen mssen jederzeit eine Zusammengehrigkeit begrnden, wenn
keine wirkliche, dann eine scheinbare. Indem sie dies thun, verleihen sie
der witzigen Aussage eine wirkliche oder scheinbare Bedeutung und damit
zugleich eine gewisse Kraft, Wichtigkeit, Eindrucksfhigkeit. Damit ist
auch schon der Punkt bezeichnet, auf den es bei der Zusammengehrigkeit
einzig und allein ankommt. Nicht die Zusammengehrigkeit, sondern die
Bedeutung, welche den Worten als Trgern derselben erwchst, bedingt den
Eindruck der Komik. Die Zusammengehrigkeit ist bei dem eben angefhrten
Falle eine lediglich scheinbare. Aber indem die Worte den Schein
erwecken, leisten sie etwas. Wir hren die Wortverbindung "Messer ohne
Klinge und Stiel" und lassen uns dadurch verfhren, fr einen Moment an
die Mglichkeit der entsprechenden Vorstellungsverbindung zu glauben,
also derselben einen Sinn zuzuschreiben. Der Begriff eines Messers ohne
Klinge ist uns gelufig, der eines Messers ohne Stiel nicht minder. Hebt
der Mangel der Klinge den Begriff des Messers nicht auf, und der Mangel
des Stieles ebensowenig, so scheint auch der Mangel der Klinge und des
Stieles ihn nicht aufzuheben.--Dann freilich kommt uns die
Unvereinbarkeit der Vorstellungen zum Bewusstsein. Wir wissen, das wir
uns haben tuschen lassen, dass wir nach einem gelufigen Ausdruck
"hereingefallen" sind. Was wir einen Moment fr sinnvoll nahmen, steht
als vllig sinnlos vor uns. Darin besteht in diesem Falle der komische
Prozess.

Analog verhlt es sich mit jenem Witze des franzsischen Dichters. Die
Antwort, die der Dichter giebt, ist keine Antwort, oder sie ist, als
Antwort auf die Aufforderung des Knigs betrachtet, sinnlos. Sie besitzt
nicht bedingte oder teilweise, sondern gar keine "Geltung". Ebensowenig
Geltung besitzt der Schluss, der sich darauf aufbaut: der Knig ist nicht
sujet, man kann also auch nicht fordern, dass er sujet eines Gedichtes
sei. Aber wir lassen uns die Geltung, welche die Antwort beansprucht,
verfhrt durch die Gleichheit der Worte sujet und sujet mit einer Art
psychologischer Notwendigkeit gefallen, wir vollziehen mit gleicher
Notwendigkeit den darauf gebauten Schluss. Indem wir so thun, messen wir
den Worten des Dichters eine doppelte Bedeutung bei, die ihnen nicht
zukommt; sie werden fr uns zur zutreffenden und zugleich zur
abfertigenden Antwort. Sie werden es--fr einen Augenblick nmlich. Dann
fordert die Logik ihr Recht und zerstrt das ganze Gebude. Die sinnvolle
und geschickt abfertigende Antwort wird wiederum, was sie immer war, eine
sinnlose Aussage.


BEGRIFFSBESTIMMUNG UND VERSCHIEDENE FLLE.

Verallgemeinern wir jetzt, was sich in diesen beiden Fllen ergeben hat.
Wir mssen dann sagen: witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine
Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir
sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann unter
der "Bedeutung" Verschiedenes verstanden sein. Wir leihen einer Aussage
einen _Sinn_, und wissen, dass er ihr logischerweise nicht zukommen kann.
Wir finden in ihr eine _Wahrheit_, die wir dann doch wiederum den
Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens
zufolge nicht darin finden knnen. Wir gestehen ihr eine ber ihren
wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben
diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage fr
sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische Prozess,
den die witzige Aussage in uns hervorruft, und auf dem das Gefhl der
Komik beruht, in dem unvermittelten bergang von jenem Leihen,
Frwahrhalten, Zugestehen zum Bewusstsein oder Eindruck relativer
Nichtigkeit.

Damit haben wir den Begriff gewonnen, der den Witz und die Anschauungs-
und Situationskomik zugleich umfasst. Hier wie dort gewinnt oder besitzt
ein Bewusstseinsinhalt fr uns einen Grad von Bedeutung oder
psychologischem Gewicht, den er dann pltzlich verliert. Zugleich ist
auch schon angedeutet, dass hier wie dort die beiden Flle mglich sind:
wir leihen die Bedeutung dem Bewusstseinsinhalt, whrend sie ihm von
Rechts wegen oder objektiv betrachtet nicht zukommt, oder: sie kommt ihm
objektiverweise zu, und wir erkennen sie auch zunchst an, knnen aber
infolge subjektiver Gewohnheiten des Denkens nicht bei dieser
Anerkenntnis bleiben.

Das letztere gilt schon von dem oben angefhrten Beispiele aus
_Schiller_. "Die Abteien sind geworden zu Raubteien." Diese Behauptung
ist, wie schon gesagt, sinnvoll und wahr; und wir glauben an ihre
Wahrheit. Man sehe aber, durch welches _Mittel_ uns die Wahrheit
_eindringlich_ gemacht wird. "Raubtei" ist kein gltiges Wort der
deutschen Sprache; es kommt ihm also nach strenger Forderung der Logik
auch kein gltiger Sinn zu. In dem speciellen Falle aber hat es fr uns
einen Sinn, wir verstehen vollkommen, was damit gemeint ist. Der Anklang
an Abtei einerseits, an Raub andrerseits verhilft uns dazu.

Dazu kommt ein zweites Moment. Die Nebeneinanderstellung der Worte Abtei
und Raubtei, die Verwandlung des einen ins andere, ist an sich ein
blosses Spiel mit Worten, die Klanghnlichkeit, worauf das Spiel beruht,
hat an sich keine logische Kraft. Wiederum aber gewinnt sie eine solche,
in diesem speciellen Falle. Die in der Zusammenstellung der Worte
liegende Wahrheit wird uns nicht nur verstndlich, sondern, eben durch
den Gleichklang, sogar eindringlicher, sozusagen selbstverstndlich. So
nahe die Worte Abtei und Raubtei lautlich zusammenhngen, so nahe
scheinen die damit bezeichneten Dinge sachlich zusammenzuhngen. So
leicht wir vermge jenes Zusammenhanges aus dem Worte Abtei das Wort
Raubtei machen, so leicht und natrlich scheint uns der bergang von
einem zum andern Begriff. Beide Momente bedingen die Eigenart des
komischen Prozesses. Achten wir auf das, was die Worte in ihrem
Zusammenhange sagen, so ergeben sie den Eindruck einer einleuchtenden
Wahrheit, betrachten wir sie nach ihrer Form und beurteilen diese, wie
wir nicht anders knnen, nach den gewhnlichen Gesetzen unseres Denkens
und Sprechens, so gewinnen wir den Eindruck des Spiels mit Worten. Das
Wort Raubtei erscheint so sinnlos, wie es sonst sein wrde, der
Gleichklang so logisch kraftlos, wie er sonst zu sein pflegt.

Die beiden hier unterschiedlichen Momente knnen auch jedes fr sich die
Komik des Witzes begrnden. Wenn _Heine_ von jemand sagt, er sei von
einem bekannten Brsenbaron recht "famillionr" aufgenommen worden, so
beruht die Komik dieses Witzes lediglich auf dem ersten jener beiden
Momente. Ein Wort wie "famillionr" giebt es nicht. Wir lassen uns aber
den malitisen Sinn, den es in dem speciellen Falle hat, gefallen; wir
verstehen, dass _Heine_ sagen will, die Aufnahme sei eine familire
gewesen, nmlich von der bekannten Art, die durch den Beigeschmack des
Millionrtums an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt. Dann kommt uns
doch wiederum die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Wortes zum deutlichen
Bewusstsein.

Dagegen beruht der Witz gnzlich auf dem Verhltnis der Worte zu einander
bei der oben zuletzt angefhrten _Schleiermacher_'schen Definition. Die
Frage, was fr eine Leidenschaft die Eifersucht sei, wird beantwortet,
indem beide Worte Eifersucht und Leidenschaft auseinandergeschnitten und
die Stcke durch Zwischenfgung weniger, an sich unerheblicher Worte zu
einem Satze verbunden werden. Diese usserlich betrachtet vllig
mechanische Procedur ergiebt nichtsdestoweniger ein bedeutungsvolles und
zutreffendes gedankliches Resultat. Solange wir auf dies Resultat achten,
erscheint das Mittel, wodurch es erreicht wurde, gleichfalls
bedeutungsvoll. Es sinkt dann doch wiederum unfehlbar in seine, obgleich
nur scheinbare Nichtigkeit zurck.

Jetzt ist deutlich ersichtlich, wie wir uns zu _Krpelin_'s Theorie
stellen. Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so
gefasster Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern
Kontrast, oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der
Worte. Dies Ergebnis entspricht ganz dem bei der objektiven Komik
gewonnenen. Wie dort so ist hier der qualitative Vorstellungskontrast nur
insoweit von Belang, als er diesen quantitativen oder Bedeutungskontrast
vermittelt; er hat im brigen, wie mit der Komik berhaupt, so auch mit
der Komik des Witzes nichts zu thun.

Das Recht dieser letzteren Behauptung habe ich schon oben dargelegt. Ich
erinnere an die Verleumdung des erprobten Freundes. Diese Verleumdung war
trotz des strksten Kontrastes weder witzig noch berhaupt komisch.
Umgekehrt entsteht die Komik des Witzes, wie die objektive, sobald ich
den von uns geforderten Bedeutungskontrast hinzufge. So kann die
Verleumdung zunchst durch Hinzutritt des objektiven Bedeutungskontrastes
_objektiv_ komisch werden. Der Verleumder giebt sich alle Mhe, bersieht
aber einen Umstand, der ihn sofort widerlegt. Von einem Witze ist hier
noch keine Rede, weil die Bedingung des Witzes nicht erfllt ist, die
darin besteht, dass die Komik an der Aussage hafte, _sofern_ sie der
Vorstellungsverbindung _zum Ausdruck dient_, und damit zugleich als
_That_ desjenigen erscheine, der die Aussage macht. Die Worte des
Verleumders sagen oder bedeuten nach ihrer Widerlegung dasselbe wie
vorher. Sie kommen in bestimmter Art zu Fall, aber dies zu Fall kommen,
das wesentlichste Moment der Komik, ist nicht durch die Worte selbst
bedingt, sondern durch jenen dem Verleumder unbekannten oder von ihm
verschwiegenen Umstand. Der Verleumder bringt es, indem er die Aussage
macht, nicht eben dadurch _zuwege_, dass ich den Eindruck einer Wahrheit
habe und dann auch wiederum nicht habe, sondern er will, dass ich den
Eindruck habe und _erlebt_ es, dass derselbe in nichts zerrinnt. Dagegen
wird die Aussage witzig, sobald die Worte selbst, ohne ein von aussen
hinzutretendes Schicksal, die Bedeutung, die sie haben oder zu haben
scheinen, doch auch wiederum nicht haben oder nicht zu haben scheinen,
sobald also der rein subjektive, von dem "Verleumder" aus eigenen Mitteln
hervorgerufene Bedeutungskontrast hinzukommt. Man sagt mir etwa, mein
Freund habe einen Eingriff in die Kasse gemacht, um dann hinzuzufgen:
nmlich in seine eigene; er habe endlich seine Schulden bezahlt.

Andererseits kann der Vorstellungskontrast fehlen und doch, weil der
Bedeutungskontrast fhlbar zu Tage tritt, der Witz entstehen. Man kennt
_Gellert_'s "der Bauer und sein Sohn". Der Sohn lgt, er habe einen Hund
gesehen, so gross wie ein Pferd. Diese Lge bringt ihm der Vater zum
Bewusstsein durch die Erzhlung von der Lgenbrcke. Die Erzhlung an
sich ist nichts weniger als witzig. Dass man auf eine Brcke kommen
werde, auf der jeder, der an dem Tage gelogen habe, ein Bein breche, das
ist abgesehen von dem, was vorher berichtet ist, eine harmlose
Erdichtung. Sie wird erst witzig als Entgegnung auf die Behauptung des
Sohnes. Hier also msste der Vorstellungskontrast sich finden, aber hier
gerade fehlt derselbe vllig. Achten wir nicht auf die beabsichtigte und
erreichte Wirkung, so ist alles in schnster Ordnung. Der Vater fgt
einfach zu einer Unwahrheit eine andere von gleichem Charakter. Es ist
sogar eine wesentliche Bedingung dieses Witzes, dass der Kontrast
zwischen der Lge des Sohnes und der des Vaters mglichst gering sei.
Dagegen besteht ein wesentlicher Kontrast zwischen der logischen und
praktischen _Konsequenz_ der Erzhlung des Vaters und ihrer scheinbaren
Nichtigkeit.

Freilich kann man, wenn man es darauf anlegt, dem "Vorstellungsgegensatz"
einen mglichst unbestimmten Sinn zu geben, am Ende auch diese und
hnliche Gegenstze der Bedeutung oder Wirkung als Vorstellungsgegenstze
bezeichnen.  Man verwischt dann nur eben den Unterschied, auf den fr die
Begriffsbestimmung des Witzes alles ankommt. Schwarz und weiss, Unterthan
eines Knigs und Gegenstand eines Gedichtes, Abtei und Ruberhhle, das
sind wirkliche Vorstellungsgegenstze. Von diesen ist aber der Art nach
verschieden der Gegensatz, der entsteht, indem dieselben Vorstellungen
und Vorstellungsverbindungen jetzt sinnvoll, wahr, treffend, abfertigend,
zurechtweisend, dann auch wiederum sinnlos, unwahr, nichtssagend, als
blosses Spiel erscheinen. Oder allgemeiner, von den _qualitativen_
Gegenstzen, die zwischen den durch Worte bezeichneten Vorstellungen
stattfinden, sind durchaus verschieden die Gegenstze des logischen oder
sachlichen _Wertes_ oder _Gewichtes_ der Worte und Wortverbindungen, bzw.
der dadurch bezeichneten Vorstellungsverbindungen.

Indessen auch damit brauchte man sich noch nicht zufrieden zu
geben. Auch der logische oder sachliche Wert der Worte und
Vorstellungsverbindungen, so knnte man sagen, ist Gegenstand unseres
Vorstellens und insofern ihr Gegensatz ein Vorstellungsgegensatz. Aber
dies wre ein schlechter Einwand. In der That entsteht der Eindruck des
Witzes eben nicht daraus, dass wir uns _vorstellen_, Vorstellungen und
Vorstellungsverbindungen erscheinen irgend jemand sinnvoll, glaubwrdig
u. s. w., whrend sie zugleich auch als das Gegenteil erscheinen;
vielmehr mssen wir selbst sie fr sinnvoll halten, daran glauben, kurz
ihren Wert oder ihr Gewicht _erleben_, und dann zur gegenteiligen
Vorstellungsweise bergehen.  Der Gegensatz, um den es sich handelt, und
schliesslich einzig und allein handelt, ist ein Gegensatz der
thatschlichen _Wirkung in uns_, des Eindrucks, den _wir erfahren_,
allgemein gesagt der Art, wie Vorstellungen, sie mgen sich inhaltlich zu
einander verhalten wie sie wollen, _in uns auftreten_ oder _uns in
Anspruch nehmen_. Dies ist auch bei dem obigen Beispiel deutlich genug.
Der Eindruck jenes Witzes wre vllig dahin, wenn wir zwar wssten, dass
der Sohn das Gewicht der vterlichen Worte empfnde, er selbst aber nicht
mitempfnden und dann doch wiederum von dem Gewicht befreit wrden.

Vielleicht htte der _Gellert_'sche Bauer, dessen witzige berfhrung
seines Sohnes uns hier beschftigte, seinen Zweck--witzig oder
witzlos--auch auf krzerem Wege erreichen knnen. Darum bleibt doch der
Satz _Jean Paul_'s, Krze sei die Seele des Witzes, ja dieser selbst, zu
Recht bestehen. Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in wenig, aber
immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die nach strenger Logik oder
gemeiner Denk- und Redeweise dazu nicht gengen. Er kann es schliesslich
geradezu sagen, indem er es verschweigt.. So ein bekannter Witz
_Heine_'s. Der Brsenbaron, der so oft das Opfer seines Witzes geworden
ist, wundert sich, dass die Seine oberhalb Paris so rein, unterhalb so
schmutzig sei. _Heine_ erwidert: O, Ihr Vater ist ja auch ein ganz
ehrlicher Mann gewesen. Hier findet sich kein Vorstellungsgegensatz, der,
sei es auch indirekt, den Witz begrnden knnte; weder in dem, was
_Heine_ sagt, noch zwischen dem, was er sagt, und dem, was er meint. Man
braucht, um sich davon zu berzeugen, nur, was er meint, zu ergnzen:
dass die Seine oberhalb Paris rein, unterhalb schmutzig ist, ist so wenig
zu verwundern als dass Ihr Vater ein ehrlicher Mann war und Sie es nicht
mehr sind. Ein Kontrast entsteht erst dadurch, dass _Heine_, was er nicht
sagt, doch deutlich zu verstehen giebt, dass also wir seinen Worten eine
Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen
knnen.


WITZIGE HANDLUNGEN.

Nur von der witzigen Aussage war im bisherigen die Rede, whrend die
mglichen anderen Arten des Witzes, die witzigen Handlungen und Gebrden
ausser Betracht blieben. Ich liess sie ausser Betracht, weil _Krpelin_
sie vernachlssigt. Dennoch giebt es dergleichen. _Krpelin_ selbst rhrt
daran, wo er den bekannten Witz des _Diogenes_ anfhrt, der am hellen
Tage mit einer Laterne Menschen sucht. Dabei entgeht ihm nur eben der
Witz der Handlung. Er sucht den Witz lediglich in der Aussage des
_Diogenes_, er suche Menschen, speciell in der Doppelbedeutung des Wortes
Mensch. _Diogenes_ meine vernnftige Menschen, whrend nach der gemeinen
Bedeutung des Wortes jedes Exemplar der menschlichen Gattung darunter
verstanden werde. Aber der Witz bleibt auch, wenn wir diesen Doppelsinn
streichen und _Diogenes_ sagen lassen, er suche vernnftige Menschen. Die
Aussage selbst ist dann nicht mehr witzig; der Witz muss also an der
Handlung haften, die durch die Aussage nur interpretiert wird. Er haftet
daran, insofern die Handlung eine eindringliche Wahrheit verkndet,
whrend sie doch an sich unsinnig und darum nach gemeiner Anschauung zum
Trger einer Wahrheit durchaus ungeeignet scheint.

Vllig analog verhlt es sich mit der witzigen Handlung, die _Hecker_
anfhrt und als solche anerkennt. Ein italienischer Maler hat fr ein
Kloster ein Abendmahl zu malen. Whrend der Arbeit erfhrt er allerlei
Chikanen von Seiten des Priors. Dafr rcht er sich, indem er dem Judas
die Zge des Priors leiht. Fr _Hecker_ beruht die Komik dieses Witzes
darauf, dass die Unvereinbarkeit der beiden Vorstellungen--Judas und der
Prior--beleidigt, whrend zugleich die Erkenntnis der zwischen beiden
bestehenden hnlichkeit eine gewisse Befriedigung gewhrt. Wre diese
Erklrung richtig, so msste es auch witzig erscheinen, wenn der Maler
seinem Christus einzelne Zge von einem besonders frommen Klosterbruder
geliehen htte, oder wenn _A. Drer_ thatschlich seine Christusgestalten
sich hnlich bildet. Auch _Drer_ und Christus sind ja unvereinbare
Vorstellungsinhalte und auch bei Betrachtung der _Drer_'schen
Christusgestalten gewhrt die Erkenntnis der hnlichkeit eine gewisse
Befriedigung. In der That beruht der Witz des italienischen Malers
darauf, dass der Maler dem Prior seine Meinung sagt durch ein Mittel, das
an sich vllig harmlos erscheint. Was kann ich dafr, so htte er dem
Prior gegenber sich verantworten knnen, wenn mir deine Zge gerade fr
meinen Judas passen. Er konnte die bereinstimmung sogar fr ein blosses
Spiel des Zufalls erklren. Solche Spiele des Zufalls giebt es ja. In
jedem Falle beweist es nichts gegen den Charakter eines Menschen, wenn er
mit dem Bilde eines Verrters usserliche hnlichkeit hat. Aber hier
freilich beweist es alles, nicht nach strenger Logik, aber fr den
unmittelbaren Eindruck. Eben diesen zerstrt dann die Logik wiederum.

Verallgemeinern wir das Ergebnis, so erscheint die Komik der witzigen
Handlung an dieselbe Bedingung gebunden, wie die der witzigen Aussage.
Beide sagen etwas und sagen es auch nicht. Die Worte sind "Zeichen"
dessen, was sie sagen. Auch die Handlungen--und ebenso natrlich die
Gebrden--kommen fr den Witz nur in Betracht, insoweit sie Zeichen sind.


VERWANDTE THEORIEN.

Schlielich werfe ich auch hier, wie bei der objektiven Komik, noch einen
Blick auf solche frhere Theorien, die mit uns in der Hauptsache auf
gleichem Boden zu stehen scheinen. Schon von _Jean Paul_ knnten die
Autoren, deren ungengende Anschauungen mir Gelegenheit gaben die
meinigen zu entwickeln, einiges lernen. Wenn freilich _Jean Paul_ den
Witz allgemein definiert als ein Vergleichen und Auffinden von
Gleichheiten bei grsserer Ungleichheit, so bemerkt dagegen _Vischer_ mit
Recht, dass es Witze gebe, bei denen von Vergleichung, also auch von
Auffindung von hnlichkeiten keine Rede sei; so z. B. wenn _Talleyrand_
sage, die Sprache sei erfunden, um die Gedanken zu verbergen. Wir
brauchen aber nur _Jean Paul_'s weiteren Ausfhrungen zu folgen, um zu
sehen, wie nahe er dem wahren Sachverhalt kommt. Der Witz entdecke
Gleichheiten, so sagt er erst; nachher erfahren wir, im Witz mache die
taschen- und wortspielerische Geschwindigkeit der Sprache halbe,
Drittels-, Viertelshnlichkeiten zu Gleichheiten; es werden durch sie
Gattungen fr Unterarten, Ganze fr Teile, Ursachen fr Wirkungen, oder
alles dieses umgekehrt, verkauft. Dadurch wird, so fhrt er fort, der
sthetische Lichtschein eines neuen Verhltnisses geworfen, indessen
unser Wahrheitsgefhl das alte fortbehauptet. Hiermit wird, wenn wir das
"Verhltnis", das nichts zur Sache thut, zur Seite lassen, wenigstens
eine Gattung des Witzes zutreffend bezeichnet. Der "Lichtschein", der dem
Wahrheitsgefhl entgegentritt, kann nur bestehen in irgend welcher
"Geltung", welche die witzige Aussage, beansprucht und in unseren Augen
thatschlich gewinnt. Diese zerrinnt in Nichts, wenn wir unser
"Wahrheitsgefhl" zu Rat ziehen.

Gegen jene allgemeine Begriffsbestimmung _Jean Paul_'s wendet sich
_Vischer_, nicht ohne sie zugleich zu korrigieren. Zwischen ungleichen
Vorstellungen werden Gleichheiten entdeckt, statt dessen muss es ihm
zufolge heissen, einander fremde Vorstellungen werden zu scheinbarer
Einheit zusammengefasst. Dass damit viel gebessert sei, knnen wir nicht
zugeben, da unserer obigen Darlegung zufolge weder die Vorstellungen
einander fremd zu sein brauchen, noch die Zusammenfassung zur Einheit die
Leistung des Witzes gengend bestimmt bezeichnet, noch endlich diese
Leistung immer eine bloss scheinbare heissen darf. Dagegen trifft es die
Sache, wenn _Vischer_ nachher "Sinn im Unsinn, Unsinn im Sinn" als Inhalt
des Witzes bezeichnet.

Endlich wsste ich im Grunde nichts einzuwenden gegen Kuno Fischer's
allgemeine Definition des Witzes als eines spielenden Urteils. Urteil ist
ihm nicht jede Aussage, sondern diejenige, die etwas sagt. Sofern auch
die witzige Handlung etwas sagt, kann auch sie Urteil heissen.
Andererseits ist das Mittel, wodurch der Witz sagt, was er sagen will,
immer im Widerspruch mit der gewhnlichen Denk- und Ausdrucksweise, oder
wie _Fischer_ treffend sagt, mit der Hausordnung und den Hausgesetzen des
Geistes, und muss insofern jederzeit als Spiel bezeichnet werden.

Diese unsere Zustimmung scheinen wir freilich zurcknehmen zu mssen
gegenber _Fischer_'s nherer Ausfhrung. Auch _Fischer_, ebenso wie
_Vischer_, lsst die Vereinigung einander fremder und widerstreitender
Vorstellungen als dem Witze wesentlich erscheinen: "Was noch nie
vereinigt war, ist mit einem Male verbunden, und in demselben Augenblick,
wo uns dieser Widerspruch noch frappiert, berrascht uns schon die
sinnvolle Erleuchtung." Es ist ein Punkt, worin jene einander fremden und
widerstreitenden Vorstellungen unmittelbar zusammentreffen. Hier hat der
Witz seine "Kraft und Wirkung" etc. _Fischer_ widerlegt aber diese
Anschauung gleich nachher selbst, indem er Bemerkungen, die eine
Allerweltsweisheit enthalten, also sicher keine Vorstellungen vereinigen,
die einander fremd sind, widerstreiten, noch nie vereinigt waren,
lediglich dadurch zu Witzen werden lsst, dass sie den Charakter des
Spieles gewinnen.

Dieser Widerspruch nun lst sich nur, wenn wir jene "einander fremden
Vorstellungen" so interpretieren, dass wir darunter jedesmal einerseits
das, was die Worte meinen, andererseits die Worte selbst verstehen. Denn
die Worte allerdings sind beim Witze jederzeit dem, was sie meinen, in
gewissem Sinne fremd, in dem eben bezeichneten Sinne nmlich, dass sie
nach gemeiner Denk- und Ausdrucksweise das Gemeinte eigentlich nicht
scheinen bezeichnen zu knnen. Dies gilt auch von der von _Fischer_
selbst angefhrten witzigen Allerweltsweisheit, das Leben zerfalle in
zwei Hlften, in der ersten wnsche man die zweite herbei, in der zweiten
die erste zurck. Dieser Witz erscheint als ein Spiel mit Worten, und als
solches jeder ernsten Wahrheit, auch derjenigen, die es thatschlich
verkndigt, fremd.


"VERBLFFUNG UND ERLEUCHTUNG" BEIM WITZ.

Die "Erleuchtung", von der hier _Fischer_ spricht, begegnet uns auch
sonst in mannigfachen Wendungen. Ich bleibe dabei noch einen Moment.

Gewiss hat diese Erleuchtung ihr Recht. Es fragt sich nur, was wir unter
der Erleuchtung verstehen, bzw. was darunter verstanden wird, und in
welcher Weise diese Erleuchtung fr die Komik verantwortlich gemacht
wird.

Auch fr _Groos_ ist, wie wir schon sahen, die Erleuchtung oder die
Erkenntnis der Verkehrtheit, nachdem sie uns verblfft hat, fr die Komik
berhaupt, also auch fr die Komik des Witzes wesentlich. Diese
Erkenntnis soll aber wirken, indem sie uns das Gefhl der berlegenheit
schafft. Zu dieser "berlegenheit" kehren wir nicht noch einmal zurck.
Sie ist, wie wir gesehen haben, nichts anderes, als der eigentliche
Todfeind aller Komik. Ich erinnere noch einmal daran: Das vollste Gefhl
der berlegenheit ber den Widersinn der witzigen Wendung hat der Pedant.
Und diesem fehlt eben deswegen der Sinn fr den Witz.

Dagegen interessiert uns der Gegensatz der Verblffung und Erleuchtung
bei _Heymans_. Was ich dazu zu bemerken habe, ist in gewisser Weise schon
gesagt. Aber es liegt mir daran, dies schon Gesagte speciell auf den Witz
anzuwenden.

_Heymans_ whlt, um seine Meinung zu illustrieren, unter anderen das
Beispiel des _Heine_'schen "famillionr". Er meint, dasselbe erscheine
zunchst einfach als eine fehlerhafte Wortbildung, als etwas
Unverstndliches, Unbegreifliches, Rtselhaftes. Dadurch verblffe es.
Die Komik ergebe sich aus der Lsung der Verblffung. Diese bestehe im
Verstndnis. Der Prozess der Komik stelle sich also hier nicht, wie es
meiner Theorie zufolge sein msste, dar als ein bergang vom Verstehen
zum Nichtmehrverstehen, oder zum Eindruck der Sinnlosigkeit, sondern
vollziehe sich auf dem umgekehrten Weg.

Hier leuchtet in besonderer Weise die Wichtigkeit der auf S. 75[*]
geforderten Unterscheidung ein, nmlich der Unterscheidung zwischen
Verblffung und Verblffung oder zwischen Verstndnis und Verstndnis.
Auch hier wiederum hat _Heymans_ recht mit dem, was er sagt. Aber
wichtiger ist, was er nicht sagt.

[* Im Unterkapitel "VERBLFFUNG" UND "VERSTNDNIS". Transkriptor.]

Das in einen sinnvollen Zusammenhang hineintretende sprachwidrige Wort
verblfft als solches. Zugestanden. Aber das Wort "famillionr" verblfft
ausserdem als dies scheinbar oder in dem Zusammenhang, in dem es
auftritt, wirklich sinnvolle, sogar ausserordentlich sinnvolle Wort. Dies
zweite Stadium der Verblffung hebt _Heymans_ nicht heraus. Statt dessen
knnen wir ebensowohl sagen, _Heymans_ hebe das _erste_ Stadium des
_Verstndnisses_ oder Erleuchtung nicht heraus. Ich vereinige beides,
indem ich sage, bei _Heymans_ bleibe das mittlere Stadium des ganzen
Prozesses, das verblffende Verstndnis oder die Verblffung auf Grund
eines Verstndnisses unbeachtet oder werde nicht in seiner Bedeutung
gewrdigt.

Dies ist aber eben der fr die Komik entscheidende Punkt. Das Wort
"famillionr" bezeichnet, und zwar _vermge_ seiner Fehlerhaftigkeit in
besonders eindrucksvoller Weise, die Familiritt des "famillionren"
Brsenbarons als die eines aufgeblasenen Millionrs. Niemand kann
zweifeln, dass _Heine_'s Witz witzig ist, nur darum, weil wir einsehen,
oder "verstehen", das Wort solle diese Bedeutung haben, oder genauer,
weil es diese Bedeutung in unseren Augen fr einen Moment thatschlich
hat. Und ebenso gewiss ist _Heine_'s Witz nur witzig, weil dies
Verstndnis verblffend ist, d. h. weil das fehlerhafte Wort, vermge
dieser seiner einschneidenden Bedeutung, die Aufmerksamkeit zu spannen
vermag.

Dann erst folgt die Lsung. Auch sie besteht in einem Verstndnis. Aber,
in einem Verstndnis zweiter Stufe. Es ist ein Verstndnis, das ber
dieses verblffende Verstndnis kommt, oder ein Verstndnis, mit dem wir
_hinter_ dieses verblffende Verstndnis kommen; d. h. das Verstndnis,
wie dies Verstndnis _zu stande_ gekommen ist. Das erste Verstndnis ist
ein Verstndnis eines Rtsels, nmlich ein Verstndnis, worin das Rtsel,
d. h. der _Gegenstand_ des ersten Staunens _besteht_. Es ist die Lsung
eines rtselhaften Staunens, nmlich des ursprnglichen Staunens ohne
jedes Verstndnis, worum es sich handle, oder ohne Wahrnehmung der
Pointe. Ebenso ist dies zweite Verstndnis das Verstndnis eines Rtsels,
nmlich das Verstndnis der _Mittel_, wodurch das rtselhafte Verstndnis
oder der rtselhafte oder seltsame, aber von uns verstandene Sinn
_entsteht_. Es ist die Lsung eines rtselhaften Staunens, nmlich des
Staunens ber diesen _Sinn_ oder des Staunens infolge dieses ersten
_Verstndnisses_. Wir fragen nicht mehr: was _will_ das? Wir antworten
auch nicht mehr: Das ist _gemeint_, sondern wir wissen: So ist es
_gemacht_; dies sinnlose Wort hat uns verblfft und dann den seltsamen
Sinn ergeben. Diese _vllige_ Erleuchtung, d. h. diese Erleuchtung, wie
es _gemacht_ ist, die Einsicht, dass ein nach gemeinem Sprachgebrauch
sinnloses Wort das Ganze verschuldet hat, diese _vllige_ Lsung, d. h.
die _Auflsung_ in _nichts_, erzeugt die Komik.

Diese drei Stadien knnen, wie bei aller Komik berhaupt, so insbesondere
bei jeder witzigen Komik unterschieden werden. Ich habe sie frher auch
schon als die Stadien der vllig verstndnislosen Verblffung, der
"Sammlung" und der Lsung bezeichnet. Die Sammlung ist nichts Geringeres
als das Finden der "Pointe". Man kann im ersten Stadium stecken bleiben.
Man _hrt_ den Witz, aber man _merkt_ ihn nicht; d. h. man hrt etwas,
das man nicht versteht, und--staunt. Man kann dann weiterhin auch wohl
bis zur Pointe gelangen, also den Witz merken und doch die Komik nicht
verspren: Dieser Fall wird immer eintreten, wenn man das Mittel, wodurch
die Pointe, oder das erste Verstndnis bewirkt wird, nicht als nichtig,
d. h. als an sich bedeutungslos _anerkennen_ kann. Es ist etwa
verletzend, taktlos, geschmacklos. Hier bleibt die Spannung, die das
Verstndnis der Pointe erzeugte, bestehen, nicht als Spannung durch dies
Verstndnis, aber als Spannung durch den Eindruck des Verletzenden,
Taktlosen, Geschmacklosen. Nur wenn zur Auflsung des unverstandenen
Rtsels durch das Verstndnis der Pointe diese vllige Lsung tritt,
entsteht die Komik oder wirkt der Witz witzig.

Ich erinnere auch noch an andere Beispiele, die _Heymans_ anfhrt, etwa
das Menschensuchen des _Diogenes_ oder den Druckfehlerteufel, der mir
vorspiegelt, ein Autor wolle statt der Richtigkeit die Nichtigkeit seiner
Behauptung beweisen. Auch _Diogenes_' Verhalten ist zunchst einfach
verblffend, es ist aber dann vor allein durch seinen _Sinn_
"verblffend", oder wir sind durch das "Verstndnis" desselben,
"verblfft". Endlich "verstehen" wir, dass eine logisch widersinnige
Handlung diese Verblffung oder diesen von uns wohl "verstandenen" Sinn
hervorgebracht hat. Ebenso sind wir dem Druckfehler gegenber zunchst
einfach verblfft, dann sehen wir, welche merkwrdige Absicht der Autor
den schwarz auf weiss vor uns stehenden Worten zufolge hat, schliesslich
wissen wir, dass ein einfacher Druckfehler, also die bedeutungsloseste
Sache von der Welt, uns diese verblffende Absicht vorspiegelt.

Speciell von einem Witze _Saphirs_ meint _Heyman_ schliesslich, es werde
bei ihm keineswegs eine witzige usserung oder Handlung nachher als
nichtig erkannt. Damit hat _Heymans_ wiederum in gewisser Weise recht.
Aber _Heymans_ bersieht, das ich deutlich die beiden Flle unterschieden
habe: Dass die witzige usserung oder Handlung bedeutungsvoll _scheine_
und als nichtig _erkannt_ werde, und dass sie als bedeutungsvoll
_erkannt_ werde und nichtig _scheine_. Auch im letzteren Falle ist sie
fr uns, d. h. fr unseren Eindruck oder hinsichtlich ihrer
psychologischen Wirkung nichtig. Und auf diese psychologische Nichtigkeit
kommt es ja einzig an.

"Wenn _Saphir_," so sagt _Heymans_, "einem reichen Glubiger, dem er
einen Besuch abstattet, auf die Frage: Sie kommen wohl um die 300 Gulden,
antwortet: Nein, _Sie_ kommen um die 300 Gulden, so ist eben dasjenige,
was er meint, in einer sprachlich vollkommen korrekten und auch
keineswegs ungewhnlichen Form ausgedrckt." In der That ist es so: Die
Antwort _Saphirs_ ist _an sich betrachtet_ in schnster Ordnung. Wir
verstehen auch, was er sagen will, nmlich dass er seine Schuld nicht zu
bezahlen beabsichtige. Aber _Saphir_ gebraucht dieselben Worte, die
vorher von seinem Glubiger gebraucht wurden. Wir knnen also nicht umhin
sie auch in dem _Sinne_ zu nehmen, in welchem sie von jenem gebraucht
wurden. Und dann hat _Saphirs_ Antwort gar keinen Sinn mehr. Der
Glubiger "kommt" ja berhaupt nicht. Er kann also auch nicht um die 300
Gulden kommen, d. h. er kann nicht kommen, um 300 Gulden zu bringen.
Zudem hat er als Glubiger nicht zu bringen sondern zu fordern. Indem die
Worte _Saphirs_ in solcher Weise zugleich als Sinn und als Unsinn erkannt
worden, entsteht die Komik.

Ich meine hiermit, auch was den Witz betrifft, die Gegnerschaft
_Heymans_' zu mir beseitigt zu haben.




VII. KAPITEL. DAS NAIV-KOMISCHE.


DIE THEORIEN.

Objektive und subjektive Komik haben wir bisher unterschieden. Zwischen
beiden steht das Naive als eine Gattung der Komik, die objektiv und
subjektiv zugleich und eben darum von beiden verschieden ist.

ber das Wesen des Naiven ist viel Zutreffendes aber auch mancherlei
Unzutreffendes gesagt worden. Ich erwhne diesmal zunchst _Krpelin_.
Nach _Krpelin_ entsteht die Komik des Naiven aus dem Kontrast "zwischen
den natrlichen Regungen und Neigungen einerseits und der Schablone
andrerseits in welche jene durch Erziehung und sociale Reibung gepresst
werden". Das unverkmmerte Hervortreten jener natrlichen Regungen und
Neigungen erzeugt Lust, und diese Lust zusammen mit der Unlust, die aus
der Verletzung der Schablone erwchst, ergiebt die Komik.

Wre diese Bestimmung gengend, so msste gar mancherlei naiv-komisch
erscheinen, was es keineswegs ist. So die wohlverdiente und von jedermann
als wohlverdient anerkannte Zurechtweisung, die ich in einer Gesellschaft
in berechtigtem Zorn, zugleich mit bewusster Verletzung der
gesellschaftlichen Form, einem der Anwesenden angedeihen liesse.--Es
fehlt eben bei jener Bestimmung wiederum das eigentlich Wesentliche. Wie
bei der objektiven und subjektiven, so thut auch bei der naiven Komik der
Kontrast nichts zur Sache, es sei denn, dass er sich als Kontrast der
Bedeutsamkeit und Nichtigkeit eines und desselben Vorstellungsinhaltes
darstellt; und wie dort, so ist auch hier das Gefhl der Komik nicht das
Resultat des Zusammentreffens von Lust und Unlust, sondern ein
eigenartiges Gefhl, das eben in diesem Bedeutungskontrast seinen Grund
hat.

Nher als _Krpelin_ kommt, was das Wesen des Naiven angeht, _Hecker_ dem
wahren Sachverhalt. Er unterscheidet das Pseudonaive und das Naive. Bei
jenem werden "unsere praktischen Ideen von Klugheit und die logischen
Normen beleidigt"; andrerseits ist doch "in der pseudonaiven usserung
oder Handlung etwas relativ Wahres, Kluges, Verstndiges enthalten,
namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt der beim Redenden naturgemss
vorhandenen, und daher verzeihlich scheinenden Unkenntnis stellen". Bei
dem Naiven dagegen geht das unangenehme Gefhl "aus der Verletzung irgend
einer praktischen, logischen, oder ideellen Norm" hervor oder es leitet
sich her "aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von konventionellem
gesellschaftlichem Anstand". "Immer aber ist es ntig, dass uns in der
naiven usserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
der wir wissen, dass sie die knstlichen Schranken, welche die Etikette
um uns gezogen, nicht kennt, und daher auch nicht zu respektieren
braucht, indem sie einer freieren und hheren Sittlichkeit folgt."

Von diesen beiden Bestimmungen kommt die erstere der Wahrheit sehr nahe,
wenn wir das "_namentlich_" streichen. Nicht nur das "Pseudonaive",
sondern alle echte naive Komik schliesst dies in sich, dass eine
usserung oder Handlung wahr, klug, vernnftig, kurz irgendwie positiv
bedeutsam erscheine vom Standpunkte des naiven Subjektes aus, und dann
doch wiederum nicht so erscheine von unserem Standpunkte aus. Die
naiv-komische Handlung oder usserung ist also fr uns klug und unklug,
oder allgemein gesagt, bedeutungsvoll und nichtig zugleich je nach dem
Standpunkte unserer Betrachtung. Und daraus kann das Gefhl der Komik
sich ergeben. Dagegen msste es nach dem Wortlaut der _Hecker_'schen
Bestimmung auch naiv-komisch erscheinen, wenn ein Kind ein Rechenexempel
teilweise richtig rechnete, dann aber aus verzeihlicher Unkenntnis einer
Rechenregel einen Fehler beginge.

Ebenso sind in der _Hecker_'schen Erklrung des "_Naiven_" gewisse naive
Momente richtig bezeichnet, wenn wir annehmen, dass die "Unschuld und
Reinheit", die uns in der naiven usserung entgegentritt, zugleich die
unlogische, unzweckmige, unschickliche usserung fr den Standpunkt der
naiven Persnlichkeit _rechtfertigt_, d. h. von diesem Standpunkte aus
als eine logische, zweckmige, schickliche erscheinen lsst.--Aber
freilich diese Annahme bezeichnet, ebenso wie die obige Korrektur der
Bestimmung des Pseudonaiven das eigentlich Wesentliche der Sache.--Dass
ausserdem die _Hecker_'sche, wie die _Krpelin_'sche Bestimmung nicht
alle Arten des Naiven umfasst, lasse ich hier noch ausser Betracht.

Dagegen ist mir schon hier der Umstand von Wichtigkeit, dass keiner der
beiden die naive Komik der objektiven und subjektiven Komik als eine neue
Art entgegenstellt. Dies darf aber, wie ich schon angedeutet habe, nicht
unterlassen werden.

Unserer Anschauung zufolge schliesst die naive Komik den Ring der
verschiedenen Mglichkeiten des Komischen. Es fragt sich, welche
Mglichkeit es noch geben knne. Da wir von vornherein wissen, dass naiv
nur menschliche usserungen oder Handlungen genannt zu werden pflegen, so
knnen wir die Frage auch gleich bestimmter stellen und sagen: Wie knnen
usserungen oder Handlungen dazu kommen, Trger einer Komik zu werden,
die nicht objektive Komik noch auch Komik des Witzes ist. Die
Beantwortung dieser Frage wollen wir hier zunchst versuchen. Dabei
mssen wir zuerst das Wesen und den Gegensatz des objektiv Komischen und
des Witzes noch in anderer Weise bezeichnen, als dies schon geschehen
ist. Das Folgende wird also zugleich die frheren Errterungen ber
objektive Komik und Witz noch einen Schritt weiter fhren.


DIE DREI ARTEN DER KOMIK.

Das Gefhl der Komik, so knnen wir das allgemeinste Ergebnis der
bisherigen Untersuchung kurz formulieren, entsteht berall, indem der
Inhalt einer Wahrnehmung, einer Vorstellung, eines Gedankens den Anspruch
auf eine gewisse Erhabenheit macht oder zu machen scheint, und doch
zugleich eben diesen Anspruch nicht machen kann, oder nicht scheint
machen zu knnen. Die objektiv komische Aussage oder Handlung erhebt aber
den Anspruch der Erhabenheit vermge des objektiven Zusammenhangs, in dem
sie steht. Sie erhebt ihn, indem sie als Aussage oder Handlung eines
_Menschen_, also eines normalerweise vernnftigen und gesitteten Wesens,
oder indem sie als Erfllung eines Versprechens, als Resultat grosser
Vorbereitungen erscheint u. s. w. Dagegen erscheint die witzige Aussage
oder Handlung bedeutungsvoll oder erhaben auf Grund eines _subjektiven_
Zusammenhanges, in den sie eintritt. Der Zusammenhang von Wort und Sinn,
Zeichen und Bezeichnetem, der Zusammenhang, wie ihn die hnlichkeit von
Worten begrndet, der scheinbare logische Zusammenhang von Stzen, dies
alles sind Zusammenhnge solcher Art. Keiner dieser Zusammenhnge kommt
in der Welt der Wirklichkeit ausser uns vor, keiner betrifft die
objektive Natur der Dinge. Sie alle bestehen nur in dem denkenden
Subjekt. hnlichkeit von Worten ist nicht hnlichkeit von Dingen; wir nur
leihen den Worten, die selbst nicht Dinge ausser uns sind, ihren Sinn; in
_uns_ nur wirkt der Zwang wirklicher oder scheinbarer Logik.

Der Art, wie, bei der objektiven und subjektiven Komik der Anspruch oder
Schein der Erhabenheit entsteht, entspricht dann auch die Art, wie in
beiden Fllen dieser Anspruch oder Schein zergeht. Die Erhabenheit, die
das objektiv Komische auf Grund des objektiven Vorstellungszusammenhanges
sich anmasst, zergeht auch wieder angesichts eines objektiven
Thatbestandes, oder unserer aus objektiver Erfahrung gewonnenen Regeln
der Beurteilung objektiver Thatbestnde. Die Erhabenheit, welche das
subjektiv Komische auf Grund eines nur im denkenden Subjekt bestehenden
Zusammenhanges gewinnt, verschwindet auch wieder angesichts subjektiver
Regeln, d. h. angesichts der Regeln, welche--nicht die Dinge und ihren
Zusammenhang, sondern die Formen unseres Denkens und Urteilens betreffen,
der Regeln des Sprachgebrauchs, des Zusammenhangs zwischen Zeichen und
Bezeichnetem, des Schliessens etc.

Natrlich ist damit nicht ausgeschlossen, dass gelegentlich das durch
subjektive Regeln zu Fall gebrachte Erhabene auch angesichts der
objektiven Wirklichkeit als nichtig erscheine. Mit dem bekannten witzigen
Schlusse: Wer einen guten Trunk thut, schlft gut; wer gut schlft,
sndigt nicht; wer nicht sndigt, kommt in den Himmel; also: wer einen
guten Trunk thut, kommt in den Himmel--mit diesem Schlusse ist es nichts,
einmal sofern er der Logik widerstreitet, zum andern, sofern es sich
schwerlich so verhalten wird wie er glauben machen will. Aber der
letztere Umstand hat mit dem Witze nichts zu thun. Das Spiel mit Worten,
durch das der Schluss zu stande kommt, wrde darum, weil es blosses,
unlogisches Spiel ist, trotzdem aber einen Augenblick unser Denken zu
verfhren vermag, auch dann als witzig erscheinen, wenn ein guter Trank
zufllig wirklich die Kraft htte, die ihm der Schluss zuschreibt.
Umgekehrt msste, wenn die inhaltliche Unrichtigkeit des Schlusses den
Witz machte, jeder formal richtige Schluss, von dem sich herausstellte,
dass er mit der Wirklichkeit in Widerspruch stehe, witzig sein.

Am deutlichsten wird der ganze, hier behauptete Gegensatz zwischen
objektiver und subjektiver Komik in den Fllen, wo _Dasselbe_ als
Gegenstand der objektiven Komik und als Witz erscheint, je nachdem es in
einen objektiven Zusammenhang hineingestellt und an unseren Anschauungen
ber objektive Wirklichkeit gemessen, oder nur nach der Bedeutung, die
ihm im denkenden Subjekt zukommt, aufgefasst und beurteilt wird. So wird
eine Verwechslung von Fremdwrtern im Munde eines gebildeten Mannes
objektiv komisch, wenn wir sie im Zusammenhang mit dieser Person
betrachten. Wir erwarten von ihr, auf Grund unserer in der objektiven
Wirklichkeit gemachten Erfahrungen, Sicherheit im Gebrauch von
Fremdwrtern und finden thatschlich Unsicherheit. Dagegen erscheint
dieselbe Verwechslung als--freiwilliger oder unfreiwilliger--Witz, wenn
wir dem aus der Verwechslung entspringenden Unsinn einen gemeinten oder
nicht gemeinten Sinn zuschreiben und auch wiederum absprechen. Dort ist
der ganze Gegensatz, auf dem die Komik beruht, der objektive des Knnens
und Nichtknnens, hier der lediglich subjektive von Sinn und Unsinn.

So kann jede sinnlose, sprachwidrige, unlogische usserung beurteilt
werden einmal als Leistung einer Person, also als ein dem objektiven
Zusammenhang der Dinge angehriges Faktum, das andre Mal als Trger eines
Sinnes, also mit Rcksicht auf das, was sie lediglich frs denkende
Subjekt bedeutet. Und immer liegt jene Betrachtungsweise zu Grunde, wenn
die usserung objektiv komisch, diese, wenn sie als Witz erscheint.

Damit erst hat unsere Bezeichnung der beiden Arten der Komik als
"objektiver" und "subjektiver" ihre volle Rechtfertigung gefunden.
Zugleich knnen wir daraus erschliessen, wie die Komik des Naiven
entstehen muss, wenn sie von beiden Arten unterschieden sein soll. Der
Gegensatz, auf dem sie beruht, darf weder ein rein objektiver noch ein
ausschlielich subjektiver--im oben ausgefhrten Sinne--sein. Dies kann
er aber nur sein, wenn er _zugleich_ ein objektiver und ein subjektiver
ist. Dieser Art ist der Gegensatz der _Standpunkte_, den ich schon vorhin
bei Besprechung der _Hecker_'schen Aufstellungen als fr die Komik des
Naiven wesentlich bezeichnete.

Ich stelle jetzt in einem Beispiele alle drei Mglichkeiten der Komik
einander gegenber. Mnchhausen erzhle die bekannte Geschichte, wie er
sich selbst am Schopfe aus dem Sumpf gezogen habe. Ein Erwachsener glaube
die Geschichte. Ein Kind frage, ob die Geschichte denn wahr sei. Hier ist
die Glubigkeit des Erwachsenen objektiv komisch. Als Erwachsener erhebt
er den Anspruch gengend urteilsfhig zu sein, um die Lge zu
durchschauen. An die Stelle der vorausgesetzten Urteilsfhigkeit tritt
die thatschliche Unfhigkeit. Dagegen ist die Erzhlung selbst ein Witz.
Sie besitzt fr uns im ersten Momente einen Schein der Wahrheit oder
Wahrscheinlichkeit. Man kann zur Not einen Menschen am Schopf aus dem
Sumpfe ziehen: da man selbst auch ein Mensch ist, warum sollte man die
Prozedur nicht auch bei sich selbst anwenden knnen. Dieser Fehlschluss
bezeichnet den subjektiven Gedankenzusammenhang, der den Schein der
Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit erzeugt. Endlich ist die harmlose Frage
des Kindes naiv-komisch.

Was heisst dies? Wir erwarten von dem Kinde nicht, dass es die Lge
durchschaue. Vielmehr finden wir bei ihm den Mangel an Einsicht vllig in
der Ordnung und unserer gewhnlichen Erfahrung entsprechend. Dies ist
eine, aber auch nur eine Seite der Sache. Beruhte auf dem Umstand, dass
wir vom Kinde nichts anderes erwarten, fr sich allein der Eindruck des
naiv Komischen, so msste der gleiche Eindruck entstehen, wenn ein Kind
ber ein leichtes Hindernis stolpert und fllt. Auch dies Stolpern und
Fallen widerspricht ja beim Kinde nicht wie beim Erwachsenen unserer
erfahrungsgemssen Erwartung. In der That entsteht in unserem Falle der
Eindruck der Komik erst, wenn wir zugleich uns auf den Standpunkt des
Kindes stellen, und von seinen Voraussetzungen aus selbst urteilen. Es
erscheint dann auch uns die usserung des Kindes logisch berechtigt; sie
erscheint ungleich als Zeichen echt kindlichen Sinnes sittlich wertvoll.

Damit nun, dass wir die usserung als usserung des Kindes fassen,
stellen wir sie zunchst in einen _objektiven_ Zusammenhang, nmlich den
Zusammenhang mit dem kindlichen Wesen und Auffassungsvermgen. Es handelt
sich zunchst einfach um die objektive Herkunft der usserung.
Andererseits stellen wir, indem wir selbst von den Voraussetzungen des
Kindes aus urteilen, die usserung zugleich in einen logischen, also
_subjektiven_ Zusammenhang, nmlich den Zusammenhang mit den kindlichen
Voraussetzungen, die wir uns angeeignet haben. Die Frage lautet nicht
mehr, woher diese usserung stamme, sondern wie sie aus jenen
Voraussetzungen logisch sich rechtfertige. Wir geben die Antwort, indem
wir sie als logisch berechtigt anerkennen. Mit dieser logischen
Berechtigung gewinnt dann die usserung zugleich einen--wiederum
objektiven Wert, genauer einen Persnlichkeitswert. Die usserung ist als
logisch berechtigte zugleich Anzeichen kindlicher Klugheit, also eine
relativ bedeutsame intellektuelle Leistung. Sie ist nicht minder, indem
sich darin der ehrliche Sinn des Kindes verrt, der nichts davon weiss,
dass man mit ernstem Gesichte so ungeheuer lgen kann, sittlich wertvoll.

Es wird also im vorliegenden Falle zunchst der Eindruck der
Bedeutsamkeit _erzeugt_, indem wir die usserung in einen sowohl
objektiven als subjektiven Zusammenhang hineinstellen. Wir gehen aus von
der objektiven Betrachtungsweise, wenden uns zur subjektiven und kehren
zur objektiven wieder zurck. Diese Betrachtungsweisen verhalten sich
aber genauer so zu einander, dass die erste Hineinstellung in den
objektiven Zusammenhang die Bedingung und nur die Bedingung ist fr die
folgende Betrachtung im subjektiven und objektiven Zusammenhang. Nur
indem wir die usserung als usserung des Kindes fassen, kommen wir dazu,
sie vom Standpunkte des Kindes aus zu beurteilen, also in den logischen
Zusammenhang mit den kindlichen Prmissen, und den objektiven mit der
darin zum Ausdruck kommenden kindlichen Klugheit und ehrlichen
Harmlosigkeit zu stellen. Insoweit fr den Anspruch der Bedeutsamkeit
oder Erhabenheit, den die naive usserung erhebt, die objektive
Betrachtungsweise wesentlich ist, stimmt das Naive mit dem objektiv
Komischen berein; soweit der Anspruch nur auf Grund der subjektiven
Betrachtungsweise zu stande kommt, trifft das Naive mit dem Witze
zusammen. Die Vereinigung beider Momente und die Art ihrer Vereinigung
unterscheidet zugleich das Naive von jenen beiden Arten der Komik
wesentlich.

In hnlicher Weise umfasst dann die naive Komik objektive Komik und Witz
hinsichtlich der Art, wie bei ihr die Erhabenheit zergeht. Von den
kindlichen Prmissen aus war die usserung logisch berechtigt. Es giebt
aber andere Prmissen, mit denen die usserung ebenfalls in logischen
Zusammenhang gebracht werden muss. Thun wir dies, so ist die usserung
nicht mehr logisch berechtigt. Indem wir diese Prmissen in Betracht
ziehen, zeigen wir uns als kluge Leute. Ohne sie urteilen ist thricht.
Das Kind hat also mit der usserung oder dem Urteil, das die usserung in
sich schliesst, eine Thorheit begangen, keine bedeutsame, sondern eine
vllig nichtige intellektuelle Leistung vollbracht.

Zu diesem doppelten Resultat gelangen wir, indem wir vom Standpunkt des
Kindes zu unserem Standpunkte zurckkehren. Die Rckkehr schliesst eben
dies beides in sich, die _logische_ Beurteilung der usserung innerhalb
des Zusammenhanges _unserer Gedanken_ und die _objektive_ Beurteilung
nach dem Massstabe, den wir an _unsere Leistungen_ zu legen gewohnt sind.
Fassen wir alles zusammen, so ist berhaupt der Gegensatz der
Standpunkte, aus dem die naive Komik entspringt, ein Gegensatz der
zugleich objektiven und subjektiven Betrachtung. Wir haben alles Recht,
die naive Komik als die zugleich objektive und subjektive zu bezeichnen.


MGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN.

Der Anspruch der naiven usserung, eine bedeutsame _intellektuelle_
Leistung zu sein, verschwand in unserem Beispiele, wenn wir sie von
unserem Standpunkt aus betrachteten. Dagegen blieb die sittliche
Erhabenheit der usserung beruhen. Mag das Kind thricht geredet haben,
um den kindlichen Sinn und den kindlichen Glauben an Wahrhaftigkeit ist
es eine schne und erhabene Sache. Damit verliert die Komik der naiven
usserung, aber die Naivitt gewinnt. Es geht eben die Naivitt, wie wir
spter deutlicher sehen werden, je mehr inneren Wert sie hat, um so
weniger vllig in der naiven Komik auf.

Es kann aber in anderen Fllen des naiv Komischen recht wohl auch der
Anspruch sittlicher Erhabenheit zergehen. Wiederum in anderen Fllen
_besteht_ gar kein solcher Anspruch. Das naiv Komische ist ja keineswegs
an die Sphre des intellektuellen oder des Sittlichen gebunden. Um so
mehr werden wir doch ein Recht haben, Arten des naiv Komischen zu
unterscheiden, je nachdem dasselbe ganz oder vorzugsweise dieser oder
jener Sphre angehrt.

Wenn Fallstaff in seiner berhmten Rede ber die Ehre diese herunterzieht
und bei gar mancher Gelegenheit nicht eben moralisch gross handelt, so
knnen wir doch nicht umhin ihm in gewisser Weise recht zu geben. Er
redet und handelt von seinen Voraussetzungen aus--die die Voraussetzungen
eines nicht eben mit hohen Ideen erfllten, doch in seiner Art gesunden
Menschenverstandes sind,--im Grunde recht logisch, viel logischer als gar
mancher, der diese Voraussetzungen mit ihm teilt. Er verrt in seinen
Reden und Handlungen zugleich einen Grad an und fr sich betrachtet
wertvoller _moralischer_ Gesundheit. Trotz aller schlechten Streiche ist
er im Grunde gutmtig, durch alle Liederlichkeit leuchtet eine gewisse
Unverdorbenheit, durch alle Verlogenheit eine gewisse Ehrlichkeit. Er
trifft denn auch mit seiner Rede gewisse, vom Boden der gesunden
Menschenvernunft sich lossagende, hohle, schwrmerische oder doktrinre
Ehrbegriffe mit Fug und Recht. Und was er sonst sagt und thut, hat mehr
moralisches Recht als manches, was im Namen hoher sittlicher Ideen
gepredigt und gethan worden ist. Aber wie jene logische, so zergeht diese
moralische Berechtigung, wenn wir von unserem landlufigen Standpunkt aus
urteilen. Fallstaffs Rede und sein Handeln ist unlogisch, weil es auch
sittlich bedeutsame Voraussetzungen giebt, die den in seiner Rede
ausgeprochenen und in seinem Handeln bethtigten Anschauungen logisch
zuwiderlaufen. Beides erscheint, nicht mit Rcksicht auf den zu Grunde
liegenden Gedankenzusammenhaug, sondern als objektive Thatsache
betrachtet, sittlich niedrig stehend im Vergleich mit wirklicher Ehre und
Sittlichkeit.

In dem hier angefhrten Beispiele ist das Zergehen der sittlichen
Erhabenheit beim Eindruck der naiven Komik wesentlich beteiligt. Dagegen
fehlt der Anspruch sittlicher Erhabenheit bei einem Falle, den ich
gelegentlich selbst erlebte. Die Katze hat aus der Kche ein Stck Braten
gestohlen. Schwere Anklage wird gegen sie erhoben. Da kommt das jngste
Tchterchen des Hauses, das die Katze nachher hat in den Keller gehen
sehen, hinzu und meint: Ja, Mama, und dann ist die Katz' in den Keller
gegangen und hat Wein gefressen! Wiederum hat das Kind von seinem
Standpunkt aus gut geschlossen und zugleich durch die dem Schluss zu
Grunde liegende Gedankenkombination ziemliche Klugheit an den Tag gelegt.
Es hat gesehen, dass Menschen ihr Mahl durch einen Trunk wrzten; warum
soll die Katze nicht dasselbe Bedrfnis haben und warum soll sich nicht
der Umstand, dass sie nachher in den Keller gegangen ist, daraus
erklren. Jener Sinn der kindlichen Aussage und dieser Anspruch der
Klugheit zergeht wiederum von unseren Voraussetzungen aus, und im
Vergleich zu dem, was wir sonst Klugheit nennen. Dagegen ist die Aussage
sittlich weder berechtigt noch unberechtigt.

Wiederum in anderen Fllen gehrt die gleichzeitig erhabene und nichtige
Leistung, die in der naiv komischen usserung oder Handlung liegt, weder
der rein intellektuellen noch der sittlichen oder, allgemeiner gesagt,
praktischen Sphre an, sondern ist sthetischer Natur. Es ist naiv
komisch, wenn ein Kind an glnzenden Gegenstnden Wohlgefallen verrt,
die wir aus tiefer liegenden Grnden geschmacklos finden. Es kennt eben
diese tiefer liegenden Grnde nicht und kann sie noch nicht kennen. Sein
Schnheitsurteil ist in sich, als dies subjektive dem Zusammenhang seiner
Vorstellungen angehrige Faktum berechtigt von seinem, unberechtigt von
unserem Standpunkte. Es ist zugleich, als Ergebnis eines beschrnkten,
aber an und fr sich gesunden und natrlichen Gefhles eine von seinem
Standpunkte aus wertvolle, fr unseren Standpunkt nichtige sthetische
Leistung.

Ich sprach oben von Fllen des naiv Komischen, die der sittlichen "_oder
allgemeiner gesagt praktischen_" Sphre angehren. Mit diesem Ausdrcke
wollte ich zugleich die verschiedenartigen Flle des naiv Komischen zu
ihrem Rechte kommen lassen, die nicht dem Gebiete der Sittlichkeit im
engeren Sinne, sondern dem der Sitte und des gesellschaftlichen Anstandes
zugehren. Gelegentlich hat man Miene gemacht, auf dies Gebiet das naiv
Komische berhaupt einzuschrnken. Dieser Anschauung mssen wir
widersprechen, solange wir dabei bleiben unter dem naiv Komischen eine
besondere, durch einen besonders gearteten Vorstellungsprozess fr uns zu
stande kommende Art der Komik zu verstehen. Wir haben diese besondere
Geartetheit bezeichnet, indem wir die naive Komik als die Komik des
Gegensatzes der Standpunkte charakterisierten. Einen Standpunkt nun giebt
es nur fr die vernnftig sich bethtigende oder kurz die urteilende
Persnlichkeit; es giebt ihn aber fr die ganze urteilende
Persnlichkeit. Wir urteilen theoretisch, praktisch und sthetisch, d. h.
wir haben, ein Bewusstsein, dass etwas ist, sein oder geschehen soll,
dass etwas gefllt oder missfllt. Bei allen diesen Urteilen kann es
vorkommen, dass sie in sich richtig sind vom Standpunkte einer naiven
Persnlichkeit, unrichtig von unserem, dass sie zugleich eine
entsprechende intellektuelle, Charaktereigenschaft, Eigenschaft des
Geschmacks bekunden, um deren willen sie objektiv bedeutsam erscheinen
innerhalb der naiven Persnlichkeit, und nichtig im Zusammenhang dessen,
was wir sonst von Menschen erwarten. Alle jene Urteile knnen also
naiv-komisch erscheinen, oder die usserungen und Handlungen, in denen
sie zu Tage treten, naiv-komisch erscheinen lassen. Zugleich ist mit
diesen drei Gebieten der Umkreis der Gebiete des naiv Komischen
abgeschlossen.


KOMBINATION DER DREI ARTEN DER KOMIK.

Die Bezeichnung des Wesens des naiv Komischen war im Bisherigen immer
zugleich ausdrckliche Entgegensetzung gegen die objektive und subjektive
Komik. Diese Entgegensetzung knnen wir noch nach anderer Richtung
vollziehen. Der Anspruch auf Erhabenheit, den das objektiv Komische sich
anmasst, ist eben nur ein angemasster. Die Erhabenheit verschwindet,
sobald das Objekt dem Bewusstsein sich darstellt, oder unsere objektive
Regel in ihr Recht tritt. Was sein sollte oder sein msste, das ist
nicht. Dagegen ist der Witz fr unser Bewutsein--darauf allein kommt es
ja an--einen Augenblick ein Erhabenes, Trger eines Sinnes oder einer
Bedeutung. Bei ihm ist, was doch nicht sein sollte. Das naiv Komische nun
nhert sich dem Witz, insofern auch ihm eine Erhabenheit wirklich eignet.
Zugleich eignet sie ihm doch auch nicht. Beim naiv Komischen ist, was
ungleich nicht ist.

Diesem Gegensatz kann ein entsprechender Gegensatz im Verhalten der
Persnlichkeit zur Seite gestellt werden. Die Persnlichkeit wird, wie
ich frher betonte, objektiv komisch; sie macht den Witz. Sie bethtigt
endlich im Naiven ihr, nur individuelles Wesen. Der Trger der objektiven
Komik, so sagte ich weiter, unterliege einer Schranke seines Wesens oder
Knnens und sei insofern leidend; dagegen vollbringe der Urheber des
Witzes eine positive Leistung und erweise sich in diesem Sinne aktiv.
Entsprechend werden wir von der naiven Persnlichkeit sagen mssen, sie
sei aktiv und passiv zugleich, indem sie etwas von ihrem Standpunkte aus
Bedeutungsvolles leiste, zugleich aber eben dieser Standpunkt nur ein
beschrnkter sei.

Indem wir nun so das naiv Komische von der objektiven Komik und vom Witze
abgrenzen, drfen wir doch auch nicht bersehen, wie sie sich miteinander
verbinden und ineinander bergehen. Wir sahen schon, dass dieselbe
usserung das eine Mal als Witz, das andere Mal als Fall der objektiven
Komik erscheinen kann. Es bietet aber jeder Witz eine Seite, nach der er
unter den Gesichtspunkt der objektiven Komik gestellt werden kann. Der
Witz ist an sich unpersnlich; dies hindert doch nicht, dass die Person,
die ihn macht, mit in Betracht gezogen werde. Die Person erscheint,
vermge der Leistung, die sie vollbringt, relativ erhaben. Zugleich
bleibt sie doch, sofern sie mit Worten oder mit der Logik spielt, hinter
dem zurck, was wir im allgemeinen vom gesetzten und ernsthaften Menschen
erwarten. Achten wir darauf, stellen wir diese eine Seite des Witzes
unter den objektiven, dem Witze selbst fremden Gesichtspunkt der
menschlichen _Leistung_, dann sind die Bedingungen fr die objektive
Komik gegeben. Der Eindruck derselben mag zunchst zurcktreten. Er
braucht sich aber nur zu hufen und das Interesse am Witz zu erlahmen,
und das Gefhl der objektiven Komik tritt deutlich hervor. Er ist nichts
leichter als durch fortgesetztes Witzemachen komisch, lcherlich, ja
verchtlich zu werden.

Ebenso bietet auch die naive Komik der objektiven eine Seite dar. Ich
citiere ein weiteres Beispiel naiver Komik nach Lazarus.[2] "Der Korporal
Trim, der Diener des Onkel Toby--in 'Tristram Shandy'--soll
scherzeshalber, weil ihm wenig Bildung zugetraut wird, examiniert werden.
Ein Doktor der Theologie fragt ihn, wie das vierte Gebot lautet; er kann
es aber nicht anders hersagen, als indem er, wie Kinder und gemeine Leute
immer, beim ersten anfngt. Er hat das schwere Stck glcklich
vollbracht, und nun fragt sein Herr: Trim, was heisst das, du sollst
Vater und Mutter ehren. Das heisst, sagt er mit einer Verbeugung, wenn
der Korporal Trim jede Woche 14 Groschen Lohn erhlt, so soll er seinem
alten Vater 7 davon geben."--Die Antwort auf die Frage des Onkel Toby ist
es, die uns hier vorzugsweise angeht. Sie ist als Antwort auf die
allgemeine katechismusmssige Frage vllig inkorrekt und Zeichen eines
niedrigen Bildungsstandpunktes. Aber schon ehe wir uns dessen bewusst
werden, imponiert uns die konkret persnliche Wendung, die Trim der Sache
giebt, und die bei ihm, der nicht gewhnt ist, Dinge abstrakt und
allgemein zu fassen, so berechtigt ist, in der sich zugleich so viel
Sicherheit des moralischen Bewusstseins verrt. In der That kommt bei
jenem Gebote alles darauf an, dass jeder wisse und davon durchdrungen
sei, was es von ihm fordere. Wir knnen aber nachtrglich die Sache auch
noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wir erwarten von
Trim, so wie er nun einmal ist, nicht, dass er die Katechismusantwort
aufsagen knne. Aber wir knnen auch von seiner individuellen Eigenart
absehen und ihn als Menschen betrachten, der wie andere in die Schule
gegangen ist, und dort seinen Katechismus grndlich gelernt hat. Dann
erhebt er, wie andere, in unserem Bewusstsein den Anspruch, was er so
grndlich gelernt hat, auch zu wissen; und sein Nichtwissen lsst ihn
objektiv komisch erscheinen.

[2] Leben der Seele. 2. Aufl. I, 308.

Dieser Hinzutritt des Momentes objektiver Komik zum Naiven hat fter
verfhrt, das Naive einfach dem objektiv Komischen zuzuordnen. Schon
_Jean Paul_ verfllt in diesen Irrtum. Ich denke aber, das obige Beispiel
zeigt deutlich die Verschiedenheit, ja Gegenstzlichkeit der Bedingungen,
durch die beide Arten der Komik zu stande kommen. Naiv ist die Komik,
solange die beiden Standpunkte, der naive und der unsrige, einander
gegenbertreten, objektiv, sobald wir unsern Standpunkt zum
alleinherrschenden machen. Darum tritt von den beiden Arten der Komik,
der objektiven und der naiven, immer die eine zurck, indem die andere
hervortritt. Trims usserung ist naiv komisch, solange wir sie von beiden
Standpunkten aus beurteilen, also beide anerkennen, objektiv komisch,
wenn wir von dem Rechte des naiven Standpunktes, statt ihn anzuerkennen,
vielmehr geflissentlich absehen, und von vornherein unseren Massstab an
die usserung legen. Wrdigung des individuell Guten in der Welt, ist die
Devise der naiven, Leugnung desselben und Alleinherrschaft der Regel oder
Schablone die Devise der objektiven Komik. Dort ist das Individuelle
etwas, wenn auch freilich nicht nach der Regel; hier ist es nichts, weil
es der Regel nicht gengt.

Ich erwhnte schon _Jean Pauls_ Beispiel: Wenn Sancho Pansa eine Nacht
hindurch sich ber einem vermeintlichen Abgrund in der Schwebe hlt, so
ist--nach _Jean Paul_--"bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
verstndig, und er wre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir
_leihen_ seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht, und erzeugen durch
einen solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." In dieser
Erklrung bezeichnet _Jean Paul_ in seiner Weise den Grund der objektiven
Komik, als deren Gegenstand Sancho Pansa uns erscheinen kann. Sie beruht
auf dem "Leihen". Wir betrachten Sancho Pansa als mit unserer Einsicht
begabt und erwarten von ihm, dass er einsichtig handle. Aber schon ehe
wir Sancho Pansa "unsere Einsicht liehen", war sein Handeln naiv-komisch.
Es war dies genau so lange, als wir ihm _seine_ Einsicht _liessen_ und
wussten, dass er die unsrige _nicht_ habe und nicht haben knne, whrend
wir doch _im Gegensatz_ zu ihm die Einsicht _hatten_, und _fr uns_ die
Handlung darnach beurteilten. Der Eindruck der objektiven Komik kann
entstehen, und den der naiven Komik zerstren, erst wenn wir das Recht
und die Erhabenheit der _Sancho Pansa_'schen Individualitt aus dein Auge
lassen. Nur fr den, der dafr kein Verstndnis hat, mag _Sancho Pansa_'s
Gebaren von vornherein und ausschliesslich objektiv komisch sein. So ist
berhaupt die Empfnglichkeit fr das naiv Komische bedingt durch den
Sinn fr persnliche Eigenart. Es wandelt sich alles Naive in objektive
Komik fr den, dem dieser Sinn abgeht. Zugleich bieten freilich die
verschiedenen Flle der naiven Komik bald mehr bald weniger Veranlassung
zu dieser Verwandlung. Bei _Sancho Pansa_ und mehr noch bei _Falstaff_
ist jenes, bei _Trim_ dieses der Fall.

Endlich kann sich die naive Komik auch, ohne ihr eigenes Wesen
aufzugeben, mit dem Witze verbinden. _Hecker_ erzhlt folgendes Beispiel
eines naiven Witzes: In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des
Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten:
Hannah aber, sein Weib, arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernhrte
ihn mit Spinnen, machte ein Mdchen mit Gesicht und Hand die Gebrde des
Abscheus und Ekels. Agnes, was hast du, ruft der Lehrer. Antwort: Ach,
Herr Lehrer, ist das denn wirklich wahr?--Lehrer: Warum zweifelst du
daran?--Kind: O, weil die Spinnen doch gar zu schlecht schmecken
mssen.--Hier beruht der (unbewusste) Witz darauf, dass wir uns durch den
Gleichklang zweier Worte verfhren lassen, dem _Urteil_ des Kindes einen
Sinn und eine logische Berechtigung zuzuschreiben, die es nicht besitzt;
der Eindruck der naiven Komik darauf, dass wir dem _Kinde_ und dem
kindlichen Urteils_vermgen_ das Recht zugestehen, sich durch die
Verwechselung verfhren zu lassen, und dass wir dementsprechend in dem
kindlichen Verhalten sogar einen Grad von Klugheit finden, whrend wir
sonst jenes Recht nicht zugeben und abgesehen von dieser
Betrachtungsweise das Verhalten thricht finden mssen. Auch hier gilt,
was ich oben betonte, dass der Witz als solcher gnzlich unpersnlich
ist. Er hat nichts zu thun mit der Individualitt dessen, der ihn macht.
Dagegen ist fr die naive Komik die Individualitt alles. Darum bliebe
der Witz auch, wenn ein Erwachsener bei Anhrung der Erzhlung an der
betreffenden Stelle die Bemerkung einwrfe: das muss aber schlecht
schmecken. Es bliebe andererseits die naive Komik bestehen, wenn der Witz
ganz wegfiele, und nur eine _beliebige_ thrichte aber kindlich
berechtigte Verwechselung stattfnde.

In anderen Fllen erscheint das nmliche Vorhalten witzig und naiv
komisch je nach der Art der Deutung. Es widerspricht unseren gewhnlichen
Anschauungen von Klugheit und Wrde, wenn _Sokrates_ bei Auffhrung der
Wolken sich dem Gelchter der Zuschauer geflissentlich preisgiebt. Aber
was bedeutet einem _Sokrates_ das Lachen der unverstndigen Menge. Seine
Erhabenheit ber dergleichen rechtfertigt sein Verhalten. Es verrt sich
darin zugleich eben diese Erhabenheit. Fr diese Betrachtungsweise fllt
_Sokrates_ unter den Begriff des naiv Komischen. Angenommen aber
_Sokrates_ wollte durch sein Verhalten zu _verstehen_ geben, wie wenig
ihm die Meinung der Menge bedeute, und er wollte dies nicht bloss,
sondern es gelang ihm auch durch die besondere Weise seines Verhaltens in
berzeugender Weise diesen Gedanken hervorzurufen. Dann war sein
Verhalten witzig--fr diejenigen nmlich, die ihn wirklich verstanden und
zugleich den Widerspruch empfanden zwischen dieser Art, seine Meinung zu
sagen, und gemeiner Logik.


"VERBLFFUNG" UND "ERLEUCHTUNG" BEIM NAIV-KOMISCHEN.

Zum Schlusse dieses Kapitels sei noch eine Bemerkung gestattet, die auf
eine fters erwhnte Bestimmung des Komischen berhaupt zurckgreift. Bei
der Betrachtung sowohl der objektiven als der subjektiven Komik haben wir
uns mit den Begriffen der Verblffung und Erleuchtung auseinandergesetzt.
Auch die naive Komik kann unter diese Begriffe gestellt werden. Auch hier
aber ist erforderlich, dass wir die beiden Stadien der Verblffung oder
der Erleuchtung unterscheiden. Die Naivitt verblfft als etwas in dem
Zusammenhang, in dem sie auftritt, Unverstndliches. Sie "verblfft"
dann, als in einem bestimmten Zusammenhange, nmlich im Zusammenhange der
naiven Persnlichkeit, Sinnvolles oder Bedeutsames, sie verblfft vermge
dieses unseres Verstndnisses. Darin liegt eine Lsung jener ersten
Verblffung. Endlich "verstehen" wir auch dieses unser Verstndnis
wieder; d. h. wir sehen, dass das von unserem Standpunkte aus Sinnlose
nur durch Betrachtung vom Standpunkte der naiven Persnlichkeit aus
sinnvoll erschien, abgesehen davon aber fr uns sinnlos bleibt. Die
Naivitt war unverstndlich; dann wurde sie bedeutsam-verstndlich;
endlich wird sie als an sich nichtig verstanden.

Ich sagte oben, die naive Komik sei objektiv und subjektiv zugleich.
Sofern sie objektive Komik ist, steht sie doch zugleich zur reinen
objektiven Komik in einem bemerkenswerten Gegensatz. Der Anspruch des
objektiv Komischen zergeht. Auch der Anspruch des naiv Komischen zergeht,
wenn wir es von unserem objektiven oder vermeintlich objektiven
Standpunkt aus betrachten. Aber die naive Persnlichkeit, als deren
usserung das naiv Komische berechtigt, sinnvoll, klug, sittlich
erscheint, ist doch auch eine wirkliche Persnlichkeit. Blicken wir,
nachdem wir uns auf unseren Standpunkt gestellt haben, zurck, so finden
wir diese Persnlichkeit wieder. Damit taucht diese Berechtigung, dieser
Sinn, diese Klugheit, dies Sittliche wieder vor uns auf und besitzt
wiederum fr uns seine relative Erhabenheit. Und vielleicht geschieht es
jetzt, dass unser objektiver Standpunkt im Vergleich mit dem naiven
Standpunkte nicht allzu hoch erscheint. Der naive Standpunkt kann sogar
als der hhere erscheinen. Dann wird der Eindruck seiner relativen
Erhabenheit zum herrschenden. Vermge dieser Besonderheit der naiven
Komik steht die naive Komik auf dem bergang zwischen dem Komischen und
dem Humor, dessen Wesen Erhabenheit ist nmlich Erhabenheit in der Komik
und durch dieselbe.

       *       *       *       *       *

III. ABSCHNITT. PSYCHOLOGIE DER KOMIK.


VIII. KAPITEL. DAS GEFHL DER KOMIK UND SEINE VORAUSSETZUNGEN.


KOMIK ALS "WECHSELNDES" ODER "GEMISCHTES" GEFHL.

Wir haben gesehen, dass das Gefhl der Komik nicht an ein bestimmtes
quantitatives Verhltnis von Lust und Unlust gebunden ist. Dagegen
leugneten wir nicht, dass Lust und Unlust in die Komik eingehen. Es fragt
sich jetzt, wie sie in dieselbe eingehen, oder was dies "Eingehen"
besagen wolle.

Ist die Komik, wie man behauptet hat, ein Wechsel von Lust und Unlust?
Diese Frage haben wir verneint. Und wir mssen bei dieser Verneinung
bleiben. Wechsel von Lust und Unlust ist--Wechsel von Lust und Unlust,
und weiter nichts. Das Gefhl der Komik aber ist ein eigenartiges Gefhl.
Es ist nicht jetzt reine Lust, jetzt reine Unlust, sondern immer dies
Besondere, das wir eben um seiner Besonderheit willen mit dem besonderen
Namen "Gefhl der Komik" bezeichnen. Dasselbe mag bald mehr
Lustcharakter, bald mehr Unlustcharakter annehmen, oder bald mehr ein
belustigendes bald mehr ein unlustgefrbtes sein. Dann besteht doch,
solange das Gefhl der Komik wirklich Gefhl der Komik ist, jedesmal das
Gemeinsame, das bald mehr diese, bald mehr jene Frbung _annimmt_. Und
dies Gemeinsame ist dann das Specifische der Komik im Unterschiede von
Lust und Unlust.

Man knnte dies bestreiten und folgende Meinung verfechten: Es sei
zuzugeben, dass sich uns das Gefhl der Komik wie ein besonderes Gefhl
darstelle. Darum knne es doch ein Wechsel von Lust und Unlust sein. Es
msse nur dieser Wechsel als ein sehr rascher gedacht werden. Diese
Raschheit verhindere, dass wir uns in getrennten Momenten jetzt eines
Gefhles reiner Lust, jetzt eines Gefhles reiner Unlust bewusst seien.
Wir gewinnen von den rasch wechselnden Gefhlen wegen dieser Raschheit
nur ein zusammenfassendes Bewusstsein, ein Gesamtbild, einen
Totaleindruck, ohne die Mglichkeit der Unterscheidung der Elemente. Und
dies Gesamtbild, diesen Totaleindruck nennen wir Gefhl der Komik.

Es ist aber leicht einzusehen, welche Verwechselung in solcher Anschauung
lge. Gewiss knnen wir von den schnell sich folgenden Ereignissen des
Tages am Abend ein Totalbild, oder einen Totaleindruck haben, in welchem
die einzelnen Ereignisse nicht als diese bestimmten thatschlich erlebten
und in der bestimmten Weise sich folgenden Ereignisse nebeneinander
enthalten sind.

Aber hierbei besteht ein Gegensatz zwischen wirklichen Erlebnissen und
unserem Bewusstsein von denselben. Wo ein solcher Gegensatz vorliegt,
aber auch nur wo dies der Fall ist, hat es einen Sinn zu sagen, wir
knnten von etwas, das an sich verschieden ist und in der Zeit wechselt,
ein Gesamtbild haben, in welchem diese Verschiedenheit aufgehoben, dieser
Wechsel ausgelscht erscheine.

Von einem solchen Gegensatz ist ja aber in unserem Falle keine Rede.
Gefhle, die ich jetzt habe, sind von dem Bewusstsein, das ich von diesen
Gefhlen habe, nicht verschieden. Lust und Unlust "fhlen" heisst eben
von Lust und Unlust ein Bewusstsein haben. Lust und Unlust, von denen ich
kein Bewusstsein habe, sind leere Worte. Ist aber das Bewusstsein von
einem gegenwrtigen Gefhl nichts als dies Gefhl selbst, so ist auch die
Beschaffenheit, in der sich Gefhle, die ich jetzt habe, meinem
Bewusstsein darstellen, oder in der sie mir "erscheinen", nichts anderes
als die thatschliche Beschaffenheit der Gefhle. Erscheinen mir demnach
gegenwrtige Gefhle nicht als wechselnde oder zeitlich sich folgende
Lust- und Unlustgefhle, sondern als ein dieser Unterschiede bares
Einheitliches, so sind sie eben damit dies unterschiedslose Einheitliche.

Ebenso wurde frher schon gelegentlich zurckgewiesen ein zweiter
Gedanke, nmlich derjenige, der in dem Ausdruck "gemischtes Gefhl"
enthalten zu sein scheint. Gemischte Gefhle knnen, wenn man es mit
diesem Ausdruck genau nimmt, nur solche sein, in denen Verschiedenes
_nebeneinander_ gefhlt wird. Ich habe ein aus Lust und Unlust gemischtes
Gefhl, dies kann nur heissen, ich fhle mich lustgestimmt, und ich fhle
mich daneben zugleich unlustgestimmt. Dies wre mir mglich, wenn ich
mich doppelt, das heisst verdoppelt fhlen knnte, wenn das Ich des
unmittelbaren Selbstgefhls in zwei auseinandergehen knnte. Dem aber
widerspricht die thatschliche Einheit meines Selbstgefhles. Ich fhle
mich nicht als zwei, kann also auch keine zwei nebeneinander bestehenden
Gefhle haben. Gefhl ist, wie ehemals gesagt, Selbstgefhl.

Aber auch in der Weise, dass Lust und Unlust zwei verschiedene Seiten
eines und desselben Gefhles wren, die Lust also eine nhere Bestimmung
oder eine Frbung der Unlust, die Unlust eine nhere Bestimmung oder eine
Frbung der Lust, knnen nicht diese beiden Gefhle miteinander verbunden
oder "gemischt" sein. Dieser Vorstellungsweise widersprche der Charakter
dieser Gefhle. Ein Klang von bestimmter Hhe kann unbeschadet
dieser Hhe Trompetenklangfarbe haben. Es kann aber nicht die
Trompetenklangfarbe Fltenklangfarbe haben. Diese beiden Klangfarben
knnen an einem und demselben Klang nur sich aufheben oder in eine dritte
von beiden verschiedene Klangfarbe sich verwandeln. So kann auch ein
Gefhl, das im brigen etwa als Gefhl des Strebens charakterisiert ist,
unbeschadet dieses Strebungscharakters lustgefrbt sein, aber es kann
nicht die Lustfrbung unlustgefrbt sein. Die unlustgefrbte Lust ist
entweder eine mindere Lust, oder sie ist ein Drittes neben Lust und
Unlust, in keinem Falle Lust und Unlust zugleich.

Dagegen knnte man einwenden: Wir vermgen doch, wenn wir einem Gefhl
der Komik unterliegen, einerseits das Lustmoment, andererseits das
Unlustmoment "herauszufhlen". So tritt etwa aus der Komik, die das
Miauen der Katze whrend der feierlichen Predigt in uns weckt, das
Lustmoment heraus, wenn wir darauf achten, wie die Katze in die Predigt
einzustimmen scheint, das Unlustmoment, wenn wir die Strung des
Gottesdienstes bedenken. Knnen wir aber aus dem Gefhl der Komik die
Lust und die Unlust herausfhlen, so mssen doch beide in diesem Gefhl
nebeneinander enthalten sein.

Solche Trugschlsse ergeben sich leicht aus unklaren Begriffen. Im
vorliegenden Falle liegt die Unklarheit in dem "Herausfhlen". Dies
Herausfhlen ist analog dem "Heraushren" der Teiltne eines Klanges aus
dem Ganzen eines Klanges. Dies letztere ist in Wahrheit ein Auflsen des
Klanges, das heisst eine Verwandlung der einfachen Klangempfindung in
eine Mehrheit von Tonempfindungen.

So ist auch das Herausfhlen der Lust und Unlust aus der Komik ein
Verwandeln eines einfachen Gefhles in verschiedene Gefhle. Indem ich
auf die eine Seite jenes komischen Vorganges achte, fhle ich strkere
Lust, das heisst das Gefhl der Komik wird, nachdem es vorher ein
mittleres war, jetzt ein anderes, nmlich ein wesentlich lustgefrbtes.
Indem ich dann auf die andere Seite des Vorganges achte, verndert sich
das Gefhl nach der anderen Seite hin: Es wird ein zu hherem Grade
unlustgefrbtes. Diese Vernderung des Gefhls muss sich vollziehen, weil
ich die Bedingungen desselben gendert habe. Das Achten jetzt auf die
eine, dann auf die andere Seite des Gesamtvorganges ist ja eine solche
nderung der Bedingungen des Gefhls.

Aus entgegengesetzten Elementen "gemischte" Gefhle sind in Wahrheit
einfache Gefhle. Nur die Bedingungen derselben sind nicht einfach. Und
daraus ergiebt sich die Mglichkeit, dass die "gemischten" Gefhle in
entgegengesetzte sich verwandeln. Man sollte den Begriff der gemischten
Gefhle aus der Psychologie endgltig streichen.


DIE GRUNDFARBE DES GEFHLS DER KOMIK.

Nach allem dem mssen wir bei der Erklrung bleiben, die ich schon abgab:
Das Gefhl der Komik ist nicht irgendwie aus anderen Gefhlen
zusammengesetzt, sondern es ist, ein eigenartig neues Gefhl. Es ist das
eigenartig neue Gefhl, das man niemand beschreiben kann, der es nicht
kennt, und das man dem nicht zu beschreiben braucht, der es kennt. Oder
vielmehr "_das_" Gefhl der Komik ist ein zusammenfassender Name fr
viele eigenartige Gefhle, die aber ein Gemeinsames haben, um dessen
willen wir sie als Gefhle der Komik bezeichnen.

So ist schliesslich jedes Gefhl ein eigenartiges, und die Menge der in
uns mglichen Gefhle, nicht nur der Intensitt, sondern auch der
_Qualitt_ nach unendlich gross. Kein Gefhl oder keine Weise, wie wir
uns in einem Moment fhlen, wird jemals in unserem Leben vllig
gleichartig wiederkehren.

Aber diese Gefhle bilden ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum sind
Grundgefhle unterscheidbar, wie im Kontinuum der Farben Grundfarben:
Rot, Blau, Weiss etc. Eine dieser Grundfarben des Gefhls ist die Lust,
eine andere die Unlust, eine andere die Komik.

Man kann nun fragen, wie die Grundfarbe der Gefhle, die wir Gefhle der
Komik nennen, noch anders sich bezeichnen lasse. Dann erinnere ich daran,
dass ich schon einmal meinte, mindestens drei Dimensionen unserer Gefhle
seien unterscheidbar. Gefhle seien einmal Gefhle der Lust und Unlust,
zum anderen Gefhle des Ernstes und der Heiterkeit, endlich Gefhle des
Strebens. Dabei ist, wie sich von selbst versteht, unter Heiterkeit
ebenso wie unter Ernst etwas von Lust Verschiedenes verstanden; nicht,
wie wohl blich, heitere Lust oder lustige Heiterkeit, sondern die
Frbung der Lust, durch welche diese zur heiteren, also zum Gegenteil der
ernsten Lust wird. Fassen wir die Heiterkeit in diesem gegen Lust und
Unlust neutralen Sinne, dann drfen wir solche Heiterkeit als das
gemeinsame Moment aller Gefhle der Komik bezeichnen. Es giebt dann, wie
eine heitere Lust, so auch eine heitere Unlust, ja einen heiteren
Schmerz. Es giebt dergleichen, so gewiss es komisch unlustvolle
Erlebnisse und komisch anmutende Schmerzen giebt.

Damit setzen wir uns freilich mit dem Sprachgebrauch in Gegensatz. Wer
diesen Gegensatz nicht mitmachen will, muss entweder dabei bleiben zu
sagen, die Grundfrbung des Komischen sei--die Komik, oder er muss sich
mit Namen helfen, die ursprnglich nicht Gefhle, sondern mgliche
Objekte von solchen bezeichnen. Das Gefhl des Ernstes ist ein Gefhl der
Grsse oder des Grossen; es ist ein Gefhl des Starken, des
Schwerwiegenden, oder Gewichtigen, des Breiten, des Tiefen. Das Gefhl
der Heiterkeit in dem soeben vorausgesetzten neutralen Sinne ist ein
Gefhl der Kleinheit oder des Kleinen; es ist ein Gefhl des an der
Oberflche Bleibenden, des Leichten, des Spielenden.

Welchen dieser Namen aber wir whlen mgen, immer sind damit
Gefhlsfrbungen bezeichnet, deren sowohl Lust als Unlust fhig sind.
Oder was dasselbe sagt, immer sind damit Gefhle bezeichnet, die sowohl
mit Lust- als mit Unlustfrbung auftreten knnen. Auch dies ist denkbar,
dass sich in ihnen, sei es auch nur fr einen unmessbaren Moment, Lust
und Unlust zur Indifferenz aufheben. Dann htten wir das reine Gefhl der
"Grsse", andererseits das reine Gefhl der Komik.


"PSYCHISCHE KRAFT" UND IHRE BEGRENZTHEIT.

Und wie nun entsteht dies eigenartige Gefhl, oder besser diese
eigenartige Gefhlsmodalitt? Zur Beantwortung dieser Frage mssen wir
etwas weiter ausholen.

Zu den uns gelufigsten Thatsachen des seelischen Lebens gehrt die
Thatsache der sogenannten Enge des Bewusstseins. Wenn ich in irgend
welche Gedanken vertieft in meinem Zimmer sitze, so berhre ich den Lrm
der Strasse; und umgekehrt, verfolge ich die Tne und Gerusche, aus
denen dieser besteht, so ist es mir unmglich, zugleich einem, jenem
Wahrnehmungsinhalt fremden Gedankengange mich hinzugeben. Wir drcken
solche Thatsachen wohl so aus, dass wir sagen, der Gedanke, in den wir
uns vertiefen, oder die Wahrnehmung, die wir machen, erflle uns
dergestalt, dass fr anderes kein Platz mehr in unserem Bewusstsein sei.
Dies ist natrlich bildlich gesprochen. Aber was das Bild meint, trifft
zu. Unsere Fhigkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken zu
vollziehen, ist jederzeit in gewisse Grenzen eingeschlossen. Jede
Empfindung, jede Vorstellung, jeder Gedanke absorbiert einen Teil dieser
Fhigkeit. Je mehr er davon absorbiert, um so weniger Fhigkeit, andere
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken gleichzeitig zu vollziehen, bleibt
brig.

Genau genommen ist aber der soeben gebrauchte Ausdruck "Enge des
Bewusstseins" nicht der zutreffende Terminus fr diese Thatsachen. Nicht
nur die Empfindungen und Vorstellungen, die zum Bewusstsein kommen,
sondern auch diejenigen, denen dies nicht gelingt, absorbieren ihren Teil
der Fhigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu vollziehen.

Auch darin liegt noch eine Unklarheit. Was heisst dies: Empfindungen und
Vorstellungen gelangen zum Bewusstsein, andere nicht? Unmglich kann
damit gemeint sein, dass ein und derselbe psychische Inhalt oder Vorgang
bald unbewusst, bald mit der Eigenschaft der Bewusstheit bekleidet in uns
vorkommen knnte. Sondern unter den bewussten und den unbewussten
Empfindungen und Vorstellungen muss Verschiedenes verstanden sein.

In der That sind die Worte Empfindung und Vorstellung doppelsinnig. Wir
bezeichnen mit ihnen bald das Empfundene, bezw. Vorgestellte, ich meine
die _Bewusstseinsinhalte_, oder das, was je nachdem die besonderen Namen
Empfindungs- oder Vorstellunginhalte trgt, bald die _Vorgnge des
Empfindens oder Vorstellens_, d. h. die Vorgnge, durch welche es
geschieht, dass ein Empfindungs-, bezw. Vorstellungsinhalt da ist, oder
die dem Dasein dieser Inhalte zu Grunde liegen. Jene Bewusstseinsinhalte
sind selbstverstndlich im Bewusstsein. Diese Vorgnge dagegen sind es
niemals. Ihre Existenz ist nur erschlossen.

Hieraus ergiebt sich, was jene Ausdrcke sagen wollen. Sprechen wir von
bewussten Empfindungen, so sagt dies, dass ein Empfindungsvorgang, d. h.
ein psychischer Vorgang von der Art, wie er immer vorausgesetzt ist, wenn
Empfindungsinhalte fr uns da sein sollen, nicht nur besteht und auf das
Dasein eines Empfindungsinhaltes abzielt, sondern dass er auch dies Ziel
erreicht oder erreicht hat. Dagegen nennen wir eine Empfindung eine
unbewusste, wenn dies nicht der Fall ist, wenn also nur das Unbewusste an
der Empfindung, d. h. nur der Empfindungs_vorgang_ gegeben ist, sein
natrliches Ziel, das Dasein des zugehrigen Empfindungsinhaltes aber von
ihm nicht erreicht wird. Das Gleiche gilt mit Rcksicht auf die bewussten
und unbewussten _Vorstellungen_.

Natrlich mssen fr die Annahme der an sich unbewussten Vorgnge, von
denen ich sage, dass sie dem Dasein der Empfindungs- und
Vorstellungsinhalte jederzeit zu Grunde liegen, zwingende Grnde
aufgezeigt werden knnen. Es muss andererseits dargethan werden knnen,
dass und wiefern ein Recht besteht, diese Vorgnge als psychische
Vorgnge zu bezeichnen. Hierfr nun verweise ich der Hauptsache nach auf
meine "Grundthatsachen des Seelenlebens" (Bonn 1883) und den auf dem
dritten internationalen Kongress fr Psychologie gehaltenen Vortrag "Der
Begriff des Unbewussten in der Psychologie".

Doch brauche ich mich hier mit diesem Hinweis nicht zu begngen. Ich
werde vielmehr im folgenden eine Thatsache zu bezeichnen haben, deren
Anerkenntnis die Anerkenntnis jener psychischen Vorgnge und ihrer
psychologischen Bedeutung ohne weiteres in sich schliesst.

Ich kehre zu der "Fhigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu
vollziehen" zurck. Diese Fhigkeit ist zunchst nichts als die
Mglichkeit, dass in uns Vorgnge, die auf das Dasein von Empfindungs-
und Vorstellungsinhalten abzielen, zu stande kommen. Sie ist erst in
zweiter Linie die Mglichkeit, dass auf Grund dieser Vorgnge
Empfindungs- und Vorstellungs_inhalte_ oder kurz Bewusstseinsinhalte da
sind. Es ist also auch, wenn wir die Fhigkeit, Empfindungen und
Vorstellungen zu vollziehen, als begrenzt bezeichnen, damit zunchst die
Begrenztheit jener Mglichkeit des Zustandekommens von _Vorgngen_, die
auf das Dasein von Empfindungen oder Vorstellungsinhalten _abzielen_,
gemeint. Daraus ergiebt sich erst sekundr die Begrenztheit der
Fhigkeit, Empfindungs- und Vorstellungsinhalte zu haben. Diese ist die
"Enge des Bewusstseins". Die Enge des Bewusstseins hat also die
Begrenztheit der Mglichkeit, dass in einem Momente nebeneinander
verschiedene, an sich unbewusste Vorgnge des Empfindens oder Vorstellens
sich vollziehen, zur Voraussetzung.

Diese letztere Begrenztheit pflege ich nun kurz als "Begrenztheit der
psychischen Kraft" zu bezeichnen. Die Enge des Bewusstseins besteht dann
auf der Basis der Begrenztheit der psychischen Kraft.


GENAUERES BER DIE "PSYCHISCHE KRAFT".

Den Begriff der psychischen Kraft und ihrer Begrenztheit mssen wir aber
noch genauer bestimmen. Damit wird auch das Verhltnis dieser
Begrenztheit der psychischen Kraft zur Enge des Bewusstseins deutlicher
werden.

Folgendes ist hier zunchst zu bedenken: Psychische Vorgnge knnen von
ihrem Ziel, das im Zustandekommen der Bewusstseinsinhalte besteht, weiter
oder weniger weit entfernt bleiben. Bezeichnen wir den Moment im Verlauf
psychischer Vorgnge, wo es ihnen gelingt das Dasein eines
Bewusstseinsinhaltes zu bewirken, als "Schwelle des Bewusstseins", so
drfen wir statt dessen auch sagen: Ein psychischer Vorgang kann von der
Schwelle des Bewusstseins mehr oder weniger weit entfernt bleiben. Und
stellen wir uns diese Entfernung vor wie eine rumliche, und die
Bewusstseinsschwelle wie einen rumlichen Hhepunkt des Vorganges, so
knnen wir auch sagen: Psychische Vorgnge gewinnen eine grssere oder
geringere psychische Hhe. Oder wenn wir endlich psychische Vorgnge mit
Wellen vergleichen: Sie gewinnen eine grssere oder geringere
Wellenhlle.

Dies Bild bedarf aber der Ergnzung. Ein psychischer Vorgang hat "die
Bewusstseinsschwelle berschritten", wenn der zugehrige
Bewutseinsinhalt da ist. Dieser Bewusstseinsinhalt bleibt aber nicht
endlos da, sondern verschwindet wieder. Er verschwindet, wenn der
psychische Vorgang, der die Bewusstseinsschwelle berschritten hatte,
wiederum "unter die Bewusstseinsschwelle herabsinkt". Dies "Herabsinken
unter die Bewusstseinsschwelle" besagt nichts anderes als dies, dass der
Vorgang nicht mehr auf dem Punkte steht oder in dem Stadium sich
befindet, wo er der gengende Grund fr das Dasein des begleitenden
Bewusstseinsinhaltes ist.

Ehe nun der Vorgang unter die Schwelle des Bewusstseins herabsank, konnte
er mehr oder weniger weit von diesem Punkte entfernt sein. Er kann
berhaupt mehr oder weniger weit ber diesen Punkt, also ber die
Schwelle des Bewusstseins sich _erhoben_ haben. Es giebt mit anderen
Worten verschiedene mgliche Hhen der psychischen Wellen nicht nur
unter, sondern auch _ber_ der Bewusstseinsschwelle.

Zu je grsserer Hhe nun eine _physische_ Welle sich erhebt, ein um so
grsseres Mass _physischer_ Bewegung, oder ein um so grsseres Quantum
_mechanischen_ Geschehens schliesst sie in sich. Analoges gilt auch von
der psychischen Welle, d. h. von jedem psychischen Vorgang. Auch ein
_psychischer_ Vorgang schliesst je nach seiner Wellenhhe ein greres
oder geringeres Mass der _psychischen_ Bewegung oder ein grsseres oder
geringeres Quantum des psychischen Geschehens in sich. Damit wird
jedesmal ein entsprechendes Quantum der Fhigkeit oder Mglichkeit, dass
berhaupt psychisch etwas geschehe oder psychische Vorgnge sich
vollziehen, verwirklicht oder in Anspruch genommen.

Dies knnen wir noch anders ausdrcken: Die materielle Welle, sagte ich,
schliesse je nach ihrer Hhe ein grsseres oder geringeres Quantum
mechanischer Bewegung in sich. Was ich hier Quantum der mechanischen
Bewegung nenne, ist dasselbe, was man auch als Quantum "lebendiger Kraft"
bezeichnet. So kann ich auch von der hheren psychischen Welle oder dem
psychischen Vorgang, der der Schwelle des Bewusstseins nher ist, bezw.
sich in hherem Grade ber dieselbe erhebt, sagen, er schliesse in sich
ein grsseres Quantum lebendiger psychischer Kraft, oder es werde in ihm
ein grsseres Quantum der vorhandenen psychischen Kraft lebendig oder
aktuell. Man erinnert sich, dass ich diesen Ausdruck schon einmal
gelegentlich gebraucht habe.

Damit hat die Thatsache der Begrenztheit der psychischen Kraft die
gesuchte nhere Bestimmung gewonnen. Die begrenzte psychische Kraft, das
ist die Kraft, die in den einzelnen psychischen Vorgngen, je nach ihrer
psychischen Wellenhhe, aktuell wird. Die Begrenztheit der psychischen
Kraft ist die Begrenztheit der Mglichkeit, dass--nicht berhaupt
Vorgnge des Empfindens oder Vorstellungen in uns sich vollziehen,
sondern dass solche Vorgnge sich vollziehen und eine bestimmte
psychische _Wellenhhe_ erreichen oder ein bestimmtes Mass lebendiger
psychischer _Kraft_ gewinnen. Oder, wenn wir die Wellenhhe der einzelnen
psychischen Vorgnge addiert denken und das Ergebnis als Gesamtwellenhhe
bezeichnen: Die Begrenztheit der psychischen Kraft ist die Thatsache,
dass die mgliche Gesamtwellenhhe der psychischen Vorgnge in jedem
Momente in bestimmte Grenzen eingeschlossen ist.


"AUFMERKSAMKEIT". "PSYCHISCHE ENERGIE".

Mit allem dem habe ich nun schliesslich doch nur, was jedermann gelufig
ist, in etwas bestimmtere Begriffe gefasst, als dies sonst wohl zu
geschehen pflegt. Jedermann vertraut sind Wendungen wie die, dass
Empfindungen oder Vorstellungen bald mehr bald minder beachtet, bemerkt,
in den Blickpunkt des Bewusstseins gerckt, appercipiert seien etc. Der
blichste der Begriffe, die hier Verwendung finden, ist der Begriff der
_Aufmerksamkeit_: Empfindungen und Vorstellungen knnen bald mehr bald
minder Gegenstand der Aufmerksamkeit sein.

Was will man mit allen diesen Ausdrcken? Vielleicht allerlei. In jedem
Falle dies Eine: Was in hherem Grade beachtet oder Gegenstand der
Aufmerksamkeit ist etc., spielt im Zusammenhange des psychischen Lebens
eine grssere Rolle, hat auf den Verlauf desselben in jeder Hinsicht mehr
Einfluss, bt strkere psychische Wirkungen. Statt dessen kann ich auch
sagen: Das in hherem Grade Beachtete oder meiner Aufmerksamkeit
Teilhafte reprsentiert ein grsseres Quantum lebendiger psychischer
Kraft. Denn lebendige Kraft ist berall nur ein anderer Ausdruck fr die
von einem Vorgang ausgehende Wirkung; ihr Mass ist die Grsse dieser
Wirkung.

Und auch dies weiss jedermann, dass das Quantum der "Aufmerksamkeit", die
ich jetzt oder in irgend einem anderen Momente zur Verfgung habe, oder
meinen Empfindungen oder Vorstellungen zur Verfgung stellen kann, ein
begrenztes ist. Es ist also auch das Quantum der "psychischen Kraft", die
in meinen Empfindungen oder Vorstellungen "lebendig" werden kann, ein
begrenztes. In dem Masse als die "Aufmerksamkeit" oder die psychische
Kraft von irgend welchen Empfindungen und Vorstellungen "in Anspruch
genommen" ist, kann sie nicht von anderen in Anspruch genommen werden.

Und nun endlich die Frage: Wenn Empfindungen oder Vorstellungen bald
grssere bald geringere Kraft haben, was eigentlich hat diese grssere
oder geringere Kraft? Oder mit Verwendung eines jener anderen Ausdrcke:
Wenn eine Empfindung mehr, die andere weniger "beachtet" ist, wenn also
zwei Empfindungen als mehr oder minder beachtete sich von einander
_unterscheiden_, was eigentlich ist dann in solcher Weise unterschieden?
Wer ist der Trger jener Prdikate?

Sind es die Empfindungs_inhalte_, allgemeiner gesagt die
_Bewusstseinsinhalte_? Dies kann niemand meinen.

Oder meint man es doch? Ist dann das "Beachtetsein" eine Farbe oder ein
Ton, bezw. die Eigenschaft eines Tones, eine rumliche Grsse oder
dergl.? Ist etwa die grssere Kraft, die eine Tonempfindung jetzt im
Zusammenhang meines Empfindens und Vorstellens ausbt, eine grssere
Kraft, d. h. eine grssere Lautheit des jetzt von mir empfundenen
_Tones_?

Dies meint man nicht. Man weiss, ein sehr leiser oder schwacher Ton kann
im hchsten Masse beachtet sein, also im Zusammenhang des psychischen
Lebens die grsste Kraft haben, ohne dass er doch aufhrte eben dieser
schwache Ton zu sein. So kann berhaupt eine und dieselbe Empfindung, d.
h. ein und derselbe Inhalt meines Bewusstseins mehr und minder beachtet
sein, oder mehr und minder Kraft in mir entfalten.

Damit ist dann zugleich unweigerlich die einzig mgliche Antwort auf jene
Frage gegeben. Kann ein und derselbe Bewusstseinsinhalt jetzt eine
grssere Kraft haben, als er sie sonst hat, dann ist diese grssere Kraft
nicht eine Eigenschaft der Bewusstseinsinhaltes. Eines und dasselbe kann
nicht jetzt grssere, jetzt geringere Kraft haben. Also ist der Trger
der grsseren Kraft etwas, das jenseits des Bewusstseinsinhaltes liegt.

Man wird vielleicht sagen: In Wahrheit "trete" nur der gleiche
Bewusstseinsinhalt jetzt mit grsserer Kraft "auf". Vortrefflich. Nur ist
dann doch "notwendig" dies "Auftreten" etwas Wirkliches und von dem
Bewusstseinsinhalte Verschiedenes. Nur Wirkliches kann wirklich Kraft
entfalten. Das "Auftreten" des Bewusstseinsinhaltes muss also ein
wirklicher, obzwar dem Bewusstsein sich entziehender Vorgang sein. Und
dies "Auftreten" kann kein anderer Vorgang sein als derjenige, dem der
Bewusstseinsinhalt sein Dasein verdankt, der Vorgang also, den wir als
Vorgang des Empfindens, oder allgemeiner, als an sich unbewussten
psychischen Vorgang bezeichnen. Dabei betone ich das "an sich unbewusst".
Unmglich kann ja jemand meinen, dass dies "Auftreten" eines
Empfindungsinhaltes, diese Weise, wie es "gemacht wird", dass
Empfindungsinhalte da sind, in seinem Bewusstsein sich abspiele.

Und von da knnen wir noch einen Schritt weiter gehen. Die "Kraft" des
"Auftretens" der Bewusstseinsinhalte ist nichts anderes als die
psychische Wirkungsfhigkeit. Ist also diese "Kraft" die Kraft der den
Bewusstseinshalten zu Grunde liegenden, an sich _unbewussten Vorgnge_,
so sind diese _Vorgnge_ das eigentlich phychisch Wirkungsfhige. Es gilt
also der allgemeine Satz: _Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht
die Bewusstseinsinhalte, sondern die an sich unbewussten psychischen
Vorgnge_. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloss
Bewusstseinsinhalte beschreiben will, muss dann darin bestehen, aus der
Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte und ihres zeitlichen
Zusammenhanges die Natur dieser unbewussten Vorgnge zu erschliessen. Die
Psychologie muss sein eine Theorie dieser Vorgnge. Eine solche
Psychologie wird aber sehr bald finden, dass es gar _mancherlei_
Eigenschaften dieser Vorgnge giebt, die in den entsprechenden
Bewusstseinsinhalten _nicht reprsentiert_ sind.

Noch zwei Bemerkungen habe ich dem hier Gesagten hinzuzufgen. Die
Aufmerksamkeit ist die psychische Kraft. Nun pflegt man zunchst oder
einzig von einer Aufmerksamkeit zu reden, die den bewussten Empfindungen
und Vorstellungen zu teil werde. Dies hat seine guten Grnde. Von
Gegenstnden der Aufmerksamkeit, die sich dem Bewusstsein entziehen,
haben wir kein unmittelbares Bewusstsein. Und das die Aufmerksamkeit oder
die Inanspruchnahme psychischer Kraft begleitende Aufmerksamkeitsgefhl
oder Gefhl der inneren Thtigkeit kann in unserem Bewusstsein nicht auf
Unbewusstes, also nicht auf die Vorgnge, denen kein Bewusstseinsinhalt
entspricht, bezogen erscheinen. Sondern es erscheint notwendig jederzeit
bezogen auf Bewusstseinsinhalte. Soweit also die Aufmerksamkeit im
Bewusstsein sich "spiegelt", ist sie allerdings immer nur Aufmerksamkeit
auf Bewusstseinsinhalte. Dies hindert doch nicht, dass auch die Vorgnge,
die keinen Bewusstseinsinhalt ins Dasein zu rufen vermgen, jederzeit
gleichfalls Gegenstand grsserer oder geringerer Aufmerksamkeit sind.
Natrlich verstehe ich dabei unter der Aufmerksamkeit nicht jene
"Spiegelung" der Aufmerksamkeit, oder jenes Bewusstseinssymptom
derselben, sondern die Aufmerksamkeit selbst. Diese wird nicht nur von
bewussten, das heisst Bewusstseinhalte erzeugenden, sondern ebensowohl
von unbewussten psychischen Vorgngen absorbiert. Sie wird immer _nur_
absorbiert von den an sich unbewussten Vorgngen.

Die zweite Bemerkung ist diese: Nehmen wir an, ein Empfindungs- oder
Vorstellungsvorgang, sei es ein "bewusster", sei es ein solcher, der ohne
seinen zugehrigen Bewusstseinsinhalt bleibt, absorbiere vor einem
anderen, oder auf Kosten eines anderen, psychische Kraft, so muss er dazu
die Fhigkeit besitzen. Psychische Vorgnge besitzen diese Fhigkeit bald
in grsserem, bald in geringeren Grade.

Hierfr nun pflege ich wiederum einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen:
Psychische Vorgnge besitzen grssere oder geringere "psychische
Energie". Ein Donnerschlag zwingt die Aufmerksamkeit unter im brigen
gleichen Umstnden in hherem Grade auf sich oder eignet sich die
psychische Kraft "energischer" an, als ein leichtes Gerusch. Nichts
anderes als dies meine ich, wenn ich sage, der Donnerschlag besitze
grssere psychische Energie als das leise Gerusch.

Oder: Ein Gedanke, der mir wichtig ist, braucht nur von fern in mir
angeregt zu werden, es gengt, dass eine Bemerkung fllt, die mit seinem
Inhalte in loser Beziehung stellt, und ich vollziehe ihn mit Bewusstsein,
und erscheine einen Moment von ihm erfllt und beherrscht, so dass ich
sonst fr nichts Sinn und Auge habe; whrend ein ebenso naheliegender,
aber gleichgltiger Gedanke, bei gleicher Art der Anregung, mir nicht zum
Bewusstsein gekommen wre. Nichts anderes als diese Thatsache meine ich,
wenn ich sage, jener Gedanke besitze, vermge seines wichtigen Inhaltes,
grere "seelische Energie".

Hiermit sind die allgemeinsten Voraussetzungen fr das Verstndnis der
Komik bezeichnet. Es fehlt nach ihre Specialisierung.


DIE BESONDEREN BEDINGUNGEN DER KOMIK.

Wenden wir uns zurck zu dem, was wir als das Wesen der Komik bisher
erkannt haben. berall in der Komik fanden wir einen Gegensatz des
Bedeutungsvollen oder Bedeutsamen und des Bedeutungslosen, oder, wie wir
spter fter sagten, des Erhabenen und des Kleinen oder Nichtigen. Ein
Erhabenes oder erhaben sich Gebrdendes schrumpfte fr uns zu einem
Nichtigen zusammen. Dabei war die Erhabenheit verschiedener Art. Immer
aber war mit dem Erhabenen ein solches gemeint, in dessen Natur es liegt,
uns oder die seelische Kraft in gewissem Grade in Anspruch zu nehmen, zu
absorbieren, festzuhalten.

Auch daran erinnere ich noch einmal, dass dies "Bedeutsame" nicht unter
allen Umstnden uns als ein solches zu erscheinen braucht. Worauf es
ankommt, ist, dass es als ein solches sich darstellt in dem
_Zusammenhang_, in dem es _auftritt_.

Wenn wir nun von jemand eine ausserordentliche Leistung erwarten und er
leistet nur Geringfgiges, so ist zunchst die erwartete Leistung ein
Bedeutsames. Die thatschliche geringfgige Leistung spielt aber, wie wir
sagten, die Rolle der bedeutsamen, oder erhebt--in unserem Bewusstsein
nmlich--den Anspruch eine bedeutsame zu sein, bauscht sich zu einer
solchen auf u. s. w. Von dem Bettler, der an Stelle des erwarteten
vornehmen Besuches zur Thre hereintritt, meinte ich, wir hielten oder
nhmen ihn im Momente seines Eintretens fr den vornehmen Besuch. Es
fragt sich jetzt, was mit der Vorstellung des Bedeutungslosen jedesmal in
uns geschieht, wenn sie die Rolle des Bedeutsamen spielt, sich aufbauscht
u. s. w.

Dieser Vorgang kann nach dem Obigen nur darin bestehen, dass das
Bedeutungslose trotz seiner Bedeutungslosigkeit ein Mass seelischer Kraft
gewinnt, wie sie sonst nur dem Bedeutungsvollen zuzustrmen pflegt. Es
kann sie aber nicht, wie das Bedeutungsvolle, gewinnen vermge seiner
eigenen Energie oder Anziehungskraft; es kann sie also nur gewinnen durch
die Gunst der Umstnde.

Dass das Bedeutungslose, das den Eindruck der Komik macht, thatschlich
ein relativ hohes Mass psychischer Kraft gewinnt, zeigt die Erfahrung
leicht. Die geringfgige Leistung wre vielleicht ganz und gar unbeachtet
geblieben, wir wren jedenfalls leicht darber hinweggegangen, wenn wir
in ihr nicht die klgliche Erfllung hochgespannter Erwartungen shen;
und ebenso in den anderen Fllen. Alles Kleine, das komisch erscheint,
nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselt sie in grsserem oder
geringerem Grade. Dagegen wrde es uns geringer oder gar keiner
Aufmerksamkeit wert scheinen ausserhalb des komischen Zusammenhanges.

Wir wissen aber auch schon, worin jene "Gunst der Umstnde" besteht, oder
wie dieser komische Zusammenhang die bezeichnete Wirkung zu ben vermag.
Wir "erwarten" die ausserordentliche Leistung. Diese Erwartung ist, wie
wir schon im ersten Abschnitt sahen, eine Bereitschaft zur Wahrnehmung
oder Erfassung der Leistung. Diese Bereitschaft bekundet sich darin, dass
wir die Leistung, wenn sie wirklich wird, mit grerer _Leichtigkeit_
erfassen. Nun ist der thatschliche Vollzug einer Wahrnehmung
"Absorbierung" seelischer Kraft: Die Wahrnehnumg eignet die zu ihrem
Vollzug erforderliche seelische Kraft an und entzieht sie damit zugleich
anderen seelischen Inhalten. Die Bereitschaft, von der wir hier reden,
besteht also, was sie auch sonst sein mag, jedenfalls in einem Grad der
Verfgbarkeit seelischer Kraft. Weil diese verfgbar ist, und in dem
Masse, als sie es ist, vermag die vorbereitete Wahrnehmung sich dieselbe
leichter anzueignen, als sie es sonst vermchte. Damit sagen wir nichts,
als was jeder, der die Bereitschaft zugiebt, selbstverstndlich finden
wird. Ich kann nicht bereit sein, eine Wahrnehmung oder einen Gedanken zu
vollziehen, wenn ich nicht bereit bin mit meiner Fhigkeit Wahrnehmungen
und Gedanken zu vollziehen, mich von dem, was mich sonst beschftigt,
hinweg und der Wahrnehmung oder dem Gedanken zuzuwenden oder ihm
entgegenzukommen. Ich kleide nur diesen Thatbestand in einen mglichst
bequemen und handlichen Ausdruck.

Diese zur Verfgung stehende Kraft kommt nun, wenn an die Stelle der
erwarteten bedeutsamen Leistung die geringfgige tritt, dieser zu gute
und wird von ihr leichter angeeignet, als dies ohne diese besondere
Verfgbarkeit mglich wre. Dies muss so sein, in dem Masse, als die
thatschliche Leistung mit der erwarteten bereinstimmt, also qualitativ
betrachtet eben diese Leistung _ist_.

Die Natur der Bereitschaft und die Art ihrer Wirksamkeit lsst sich noch
deutlicher machen, wenn wir auf die verschiedenen Arten von Fllen
achten. Ich erinnere noch einmal an den fter citierten, weil besonders
einfachen Fall, das kleine Huschen zwischen den grossen Palsten. Wenn
wir die grossen Palste gesehen haben, so bleibt das Bild derselben--als
Erinnerungsbild--noch eine Zeitlang in uns lebendig und drngt, je
lebendiger es ist, um so mehr nach Wiederherstellung seines Inhaltes in
der Wahrnehmung. Dies geschieht nach einem allgemeinen psychologischen
Gesetz, das nichts ist als das gengend vollstndig aufgefasste Gesetz
der Association und Reproduktion auf Grund der hnlichkeit. Von Haus aus
drngt jede (reproduktive) Vorstellung auf solche Wiederherstellung in
der Wahrnehmung hin. Dies Drngen ist nur unter besonderen Umstnden
besonders energisch, beispielsweise eben dann, wenn das Wahrnehmungsbild
unmittelbar vorher einmal oder gar mehrere Male gegeben war. Dies Drngen
wird zu einem "Entgegenkommen", wenn das Wahrnehmungsbild wirklich von
neuem auftritt. Es bethtigt sich einstweilen als Zurckdrngen dessen,
was sonst sich herandrngt. Kommt an Stelle des Wahrnehmungsbildes ein
hnliches, so gilt diesem das Entgegenkommen nach Massgabe der
hnlichkeit.

Der Vollstndigkeit halber muss hinzugefgt werden, dass die grossen
Palste auf uns wirken nicht nur vermge ihrer Grsse, sondern zugleich
vermge dessen, was sie uns "sagen", das heisst vermge des
hinzukommenden Gedankens an die materiellen Krfte, die in ihnen lebendig
sind, an die Menschen, die darin auf besondere Art sich fhlen und
bethtigen knnen und dergleichen. Auch dieser Gedanke wirkt in uns nach,
er erhlt, indem er nachwirkt, das mit ihm verbundene Erinnerungsbild der
Palste in uns lebendiger, und steigert damit zugleich die Tendenz
desselben, in das entsprechende Wahrnehmungsbild berzugeben. Dies
geschieht in bereinstimmung mit der jedermann gelufigen Erfahrung, dass
jeder Nebengedanke, der einem vorgestellten Gegenstand Interesse
verleiht, die Begierde erhht den Gegenstand zu sehen, berhaupt
wahrzunehmen. Wiederum zeigt dieser Gedanke, ehe die erwartete
Wahrnehmung sich einstellt, seine Wirksamkeit darin, dass er fremde
Vorstellungsinhalte zurckdrngt.

Indem dann die Wahrnehmung des _kleinen Huschens_ sich verwirklicht,
schwindet das Erinnerungsbild des grossen Palastes samt dem damit
verknpften Gedanken. Aber ihre vorbereitende Wirkung ist dann schon
geschehen. Die seelische Kraft ist einmal fr die Wahrnehmung verfgbar
gemacht, und anderes, was sonst sich herzugedrngt htte, ist
zurckgedrngt und in seiner Fhigkeit, den Vollzug der Wahrnehmung zu
hemmen, vermindert. Zudem verschwindet auch jenes Erinnerungsbild und der
hinzukommende Gedanke nicht momentan. Dasjenige, was das Huschen mit den
Palsten gemein hat, dass es nmlich doch auch menschliche Wohnung ist,
und in _einer Reihe_ mit den Palsten auftritt, _hlt_ jene
vorbereitenden Momente, und _erhlt_ damit ihre untersttzende Wirkung.
Dies Gemeinsame muss aber ebendarum, weil es das _eigentlich_
Vorbereitete ist, zunchst "ins Auge fallen" und psychologisch wirksam
werden. Im ersten Augenblicke des Entstehens der Wahrnehmung des
Huschens also wird das Erinnerungsbild noch untersttzend wirken und
jener Gedanke noch an die Wahrnehmung geheftet sein und auf ihren Vollzug
hindrngen, dagegen Andersgeartetes verdrngen.--Darin verwirklicht sich
der genauere Sinn der oben wiederholten Behauptung, wir nhmen oder
hielten im ersten Augenblick das an die Stelle des erwarteten Bedeutsamen
tretende Nichtige fr das Bedeutsame, oder hefteten ihm die Bedeutung
desselben an.

Erst wenn das kleine Huschen in seiner Bedeutungslosigkeit von uns
aufgefasst und erkannt ist, hat die Erwartung des Palastes und der
Gedanke an das, was er "sagt", gar keinen Platz mehr. Das
Wahrnehmungsbild erfreut sich dann in _seiner Nichtigkeit_ des Masses der
seelischen Kraft oder Aufmerksamkeit, oder bildlich gesagt, des Raumes in
meiner Seele, der durch die Wirkung des Erinnerungsbildes und der daran
sich heftenden Gedanken fr dasselbe bereit gehalten wurde und jetzt,
nachdem jene verschwunden sind, frei von ihm in Anspruch genommen werden
kann.

Die Wahrnehmung groer Palste ist in diesem Falle dasjenige, was die
Tendenz zum weiteren Vollzug derselben Wahrnehmung in mir entstehen
lsst. Wir haben es dabei, wie schon gesagt, zu thun mit einer Wirkung
des in seinem vollen Umfange gefassten Gesetzes der Association der
_hnlichkeit_. Dagegen beruht es auf dem zweiten Associationsgesetze, dem
Gesetze der Erfahrungsassociation, wenn die Ankndigung einer grossen
Leistung hindrngt oder die Bereitschaft erzeugt zum Vollzug der
Wahrnehmung einer grossen Leistung beziehungsweise zum Vollzug des
Urteils, dass eine grosse Leistung thatschlich vollbracht werde. Wir
haben in unserer Erfahrung auf Ankndigung grosser Thaten grosse Thaten
folgen sehen, oder wenigstens uns berzeugt, dass sie geschahen. Daraus
ist ein Zusammenhang der seelischen Erlebnisse entstanden, demzufolge die
Wiederkehr des ersten Erlebnisses, nmlich der Ankndigung, immer wieder
die Tendenz zur Wiederkehr des zweiten, der Wahrnehmung der That oder der
Gewissheit ihrer Ausfhrung, in sich schliesst. Die Art, wie diese
Tendenz oder Bereitschaft der thatschlich wahrgenommenen oder
konstatierten _geringfgigen_ Leistung zu Gute kommt, stimmt dabei mit
der Art des Hergangs im vorigen Falle berein.

Dies Letztere gilt nicht durchaus in andern Fllen; nmlich in allen
denjenigen, bei denen ein nach _gewhnlicher Anschauung_ Nichtiges in dem
Zusammenhang, in dem es auftritt, _wirklich_ als ein Bedeutungsvolles
erscheint, um dann die Bedeutung, eben angesichts der gewhnhlichen
Betrachtungsweise, wieder zu verlieren. Der Unterschied besteht darin,
dass in diesen Fllen das fr die Bereithaltung und Freimachung
seelischer Kraft vorhin erst in zweiter Linie in Betracht gezogene Moment
das eigentlich Bedingende wird. Die schwarze Hautfarbe des Negers
erscheint, weil sie doch auch, so gut wie die weisse des Kaukasiers,
Farbe menschlicher Krperformen ist, mit diesen Formen _zugleich_, als
Trger menschlichen Lebens. Achten wir dann auf die Farbe als solche, so
gewinnt die Erfahrung Macht, derzufolge nur die weisse Hautfarbe Trger
dieses Lebens sein kann. Die Farbe erscheint jetzt als nur thatschlich
vorhandene, also nichtsbedeutende Farbe. Sie ist aber nun einmal durch
die Wirksamkeit jenes Gedankens, dass sie Trger menschlichen Lebens sei,
in uns "emporgehoben" und in die "Mitte des Bewusstseins" gestellt, oder
sachlicher gesprochen, sie hat nun einmal durch Hilfe jenes Gedankens ihr
volles Mass von seelischer Kraft aneignen knnen; und sie vermag dasselbe
jetzt, wo jener Gedanke verschwunden ist und damit auch die von ihm
bisher in Anspruch genommene und fremden Vorstellungsinhalten abgentigte
Kraft freigelassen hat,--trotz ihrer Nichtigkeit und natrlichen
Anspruchslosigkeit--frei zu behaupten und weiter in Anspruch zu nehmen.
Sie vermag dies nicht fr immer, wohl aber solange, bis wir uns
"gesammelt" haben, das heisst bis die zurckgedrngten fremden
Vorstellungen wieder mit erneuter Energie sich herzudrngen und ihr
natrliches Anrecht auf die seelische Kraft geltend machen.

Ganz derselbe Hergang findet auch statt bei aller _subjektiven_ und
_naiven_ Komik. Dort bildet der Sinn, den eine usserung oder Handlung
gewinnt, den Inhalt des Gedankens, der die usserung oder Handlung
"emporhebt"; hier bildet die Bedeutung, die einer usserung oder Handlung
vom Standpunkt der naiven Persnlichkeit aus erwchst, den Inhalt dieses
Gedankens. Immer schafft dieser Gedanke, indem er mit der usserung oder
Handlung sich verbindet, dieser die Mglichkeit leichterer Aneignung
seelischer Kraft, und immer berlsst er, indem er verschwindet, die
Kraft, die er in Verbindung mit der usserung oder Handlung angeeignet
hat, der nunmehr nichtig gewordenen usserung oder Handlung zu weiterer
freier Inanspruchnahme. Es ist bildlich gesprochen, aber es trifft die
Sache, wenn wir mit Rcksicht auf alle Komik den Hergang so beschreiben,
dass wir sagen, ein Nichtiges, das heisst zur Aneignung seelischer Kraft
aus eigener Energie relativ Unfhiges, gewinne erst in Verbindung und
durch Verbindung mit einem Bedeutsamen, das heisst zu dieser Aneignung
seiner Natur nach Fhigen, Raum oder Luft in dem Gedrnge der seelischen
Vorgnge, und erfreue sich dann fr eine Zeitlang der Mglichkeit freier
Entfaltung und Selbstbehauptung in dem Raume, der nach Verschwinden des
Bedeutsamen ihm allein zur Verfgung bleibt.




IX. KAPITEL. DAS GEFHL DER KOMIK.


GESETZ DES LUSTGEFHLS.

Aus dem Vorstehenden ergiebt sich das Gefhl der Komik nach allgemeinen
psychologischen Gesetzen. Wie wir sehen werden, ist dies Gefhl zunchst
Gefhl der komischen Lust, es hat zunchst Lustfrbung oder, was dasselbe
sagt, es ist zunchst eine Frbung des Lustgefhls. Wir fragen demnach
zweckmssigerweise zuerst: Welches sind die allgemeinen Bedingungen des
Lustgefhls?

Darauf lautet die Antwort: Lust entsteht, wenn ein psychisches Geschehen
in uns gnstige, also untersttzende, frdernde, erleichternde
Bedingungen seines Vollzuges vorfindet.

Dieser Satz bedarf einer Erluterung. Jedes Geschehen, also auch jedes
psychische Geschehen vollzieht sich, wenn und soweit die Bedingungen
seines _Eintrittes_ gegeben sind. Jedes Geschehen, also auch jedes
psychische Geschehen unterliegt den natrlichen Bedingungen seines
Daseins.

Indessen, wenn ich hier von Bedingungen des _Vollzuges_ eines psychischen
Geschehens rede, so meine ich nicht die Bedingungen seines "Eintrittes",
sondern eben die Bedingungen seines "Vollzuges". Der "Eintritt" eines
psychischen Geschehens ist die Auslsung desselben. Diese Auslsung
geschieht bei Empfindungen--oder Komplexen von solchen--durch den
physiologischen Reiz; bei Vorstellungen durch den psychischen oder
reproduktiven Reiz. Will man, so kann man diesen Eintritt eines
psychischen Geschehens oder diese Auslsung eines Empfindungs- oder
Vorstellungsvorganges auch als Akt der "Perception" bezeichnen.

Mit dieser "Perception" ist nun aber, wie wir wissen, ber das Schicksal
des psychischen Geschehens noch nicht entschieden. Sondern es fragt sich
noch, wie weit dies psychische Geschehen, im Zusammenhang des psychischen
Geschehens berhaupt, zur "Geltung" kommt, sich entfaltet, welche
psychische Hhe es erreicht, oder welches Mass von psychischer Kraft es
sich anzueignen oder zu gewinnen vermag. Darin besteht, oder darnach
bestimmt sich der "Vollzug" des psychischen Geschehens. Es ist nichts
dagegen einzuwenden, wenn man diesen Vollzug des psychischen Geschehens
mit dem oben schon einmal gebrauchten Namen "Apperception" belegen will.

Dann sind die Bedingungen des psychischen Geschehens, von denen ich rede,
Bedingungen der Apperception. Sie sind mit dem _von uns_ meistgebrauchten
Ausdruck Bedingungen der psychischen Kraftaneignung.

Aber nicht alle Bedingungen der Apperception oder Kraftaneignung kommen
hier in Frage; sondern nur diejenigen, welche das psychische Geschehen
"vorfindet". Den von dem psychischen Geschehen _vorgefundenen_
Bedingungen der Apperception stehen die in ihm selbst enthaltenen, oder
mit seiner Auslsung oder dem Akte der Perception bereits gegebenen
entgegen. Diese also sind hier ausgeschlossen.

Was ich hiermit meine, verdeutliche ich, indem ich wiederum den Begriff
der psychischen Energie herbeiziehe.

Jedes psychische Geschehen hat, wenn es einmal "ausgelst" ist, seine
bestimmte Energie, d. h. seinen bestimmten Grad von Fhigkeit, die
psychische Kraft zu _beanspruchen_. Es hat diese Fhigkeit, weil es eben
dieses bestimmte Geschehen ist. Um Zweideutigkeiten vorzubeugen, will ich
diese Energie, oder diesen Grad der Inanspruchnahme psychischer Kraft,
der einem psychischen Geschehen an sich zukommt,--also unabhngig von dem
psychischen Zusammenhang, in welches das psychische Geschehen
eintritt--als _eigene Energie_ des psychischen Geschehens bezeichnen. Als
Beispiel diene die eigene Energie, welche dem Donnerschlag vermge seiner
Lautheit zukommt.

Das Mass von psychischer Kraft, das ein psychisches Geschehen
thatschlich gewinnt, oder der Grad seiner Apperception, ist nun, wie
bereits betont, zunchst abhngig von dieser eigenen Energie. Er ist aber
andererseits abhngig von den sonst in der Psyche gegebenen Bedingungen,
etwa von der in der "Erwartung" liegenden "Bereitschaft". Die Bedingungen
der letzteren Art knnen wir allgemein bezeichnen, und haben wir soeben
bereits bezeichnet als solche, die dem "_Zusammenhang_" angehren, in
welchen der einzelne psychische Vorgang sich einfgt. Sie sind, kurz
gesagt, Bedingungen des psychischen Zusammenhanges.

Wir mssen also sagen: Lust entsteht in dem Masse, als fr ein
psychisches Geschehen solche gnstige Bedingungen seiner Kraftaneignung
bestehen, die nicht in dem einzelnen psychischen Vorgange als solchem,
sondern irgendwie im Zusammenhang der Momente oder Faktoren des
psychischen Lebens begrndet liegen. Je mehr solche Bedingungen bestehen,
desto mehr wird ein psychisches Geschehen von uns, d. h. vom Zusammenhang
des psychischen Lebens frei "angeeignet". Wir knnen also auch diese
freie Aneignung als Grund der Lust bezeichnen. Je mehr von uns psychisch
angeeignet wird, oder je mehr psychisch geschieht, und je gnstiger
zugleich die im Zusammenhang des Ganzen gegebenen Bedingungen fr die
Aneignung oder fr den Vollzug des psychischen Geschehens sind, oder mit
einem anderen Ausdruck, je reicher und intensiver die psychische
"Thtigkeit" ist, und je mehr in ihr zugleich alle Faktoren _frei
zusammenwirken_, desto grsser ist die Lust.


"QUALITATIVE BEREINSTIMMUNG" ALS GRUND DER LUST.

Jetzt fragt es sich aber: Wann sind Bedingungen dem Vollzug eines
psychischen Geschehens gnstig. Darauf lautet die Antwort zunchst: Sie
sind es, wenn oder soweit zwischen ihnen und diesem Geschehen
_qualitative bereinstimmung_ besteht. Diese qualitative bereinstimmung
ist verschiedener Art. Hier muss ich mich begngen, sie durch einige
Beispiele zu verdeutlichen:

Es entsteht Lust aus der Folge zweier zu einander harmonischer Tne, weil
jeder den Vollzug des anderen vorbereitet oder untersttzt. Diese
Vorbereitung oder Untersttzung beruht auf der Verwandtschaft--nicht
zwischen den Tnen, diesen _Bewusstseinsinhalten_, sondern auf der
Verwandtschaft oder eigenartigen hnlichkeit, die zwischen den, diesen
Tnen zu Grunde liegenden psychischen _Vorgngen_ besteht.

Es entsteht ebenso Lust aus der Wahrnehmung einer regelmssigen
geometrischen Figur, weil die bereinstimmenden Teile derselben
aufeinander hinweisen. Hier ist im Gegensatz zum vorigen Falle die
bereinstimmung oder "hnlichkeit" eine solche, die zugleich in den
Bewusstseinsinhalten reprsentiert ist.

Es entsteht, um noch ein drittes Beispiel anzufhren, Lust aus der
Wahrnehmung eines edlen Entschlusses, weil in meiner eigenen sittlichen
Natur, wenn auch vielleicht in meinem sonstigen Leben praktisch
unwirksam, Triebfedern zu gleich edlen Entschlssen liegen, die durch
jene Wahrnehmung wachgerufen, dem wahrgenommenen Entschlusse
"entgegenkommen". Dies Vorbereiten, Untersttzen, Hinweisen,
Entgegenkommen sagt jedesmal dasselbe: Erleichterung der Aneignung
psychischer Kraft, Mitteilung derselben, Wirken als gnstige Bedingung
fr die Entfaltung oder das Zur-Geltung-Kommen eines psychischen
Geschehens. Jedesmal beruht die Erleichterung der Aneignung psychischer
Kraft auf einer qualitativen bereinstimmung zwischen einem psychischen
Vorgang und von ihm vorgefundenen Bedingungen seiner Kraftaneignung.


"QUANTITATIVE VERHLTNISSE". GEFHL DER "GRSSE".

Diese qualitative bereinstimmung ist, allgemein gesagt, eine Art des
qualitativen _Verhltnisses_. Diesem qualitativen Verhltnis steht
entgegen das quantitative Verhltnis, nmlich das quantitative Verhltnis
zwischen einem psychischen Geschehen und den von ihm vorgefundenen oder
den im psychischen Zusammenhang gegebenen Bedingungen seiner
Kraftaneignung. Auch dies quantitative Verhltnis hat fr das Lustgefhl
Bedeutung. Zugleich fhrt uns die Betrachtung desselben weiter: In diesem
quantitativen Verhltnis liegt der Grund der Gefhlsfrbungen, die wir
mit den Namen: Gefhl des Grossen, des Gewichtigen etc., andererseits mit
den Namen: Gefhl des Kleinen oder des Heiteren etc. bezeichnet haben.

Jeder psychische Vorgang, so sagte ich oben, hat, nachdem er einmal
ausgelst ist, eine bestimmte mit seiner Beschaffenheit gegebene "eigene
Energie". Er beansprucht oder fordert, als dieser bestimmte Vorgang, die
psychische Kraft energischer oder weniger energisch, oder er beansprucht
mehr oder weniger psychische Kraft.

Sei nun irgend ein Vorgang von bestimmter Energie gegeben, so fragt es
sich--nicht nur, ob der gesamte psychische Zusammenhang oder irgend ein
anderweitiger Vorgang sich qualitativ so zu ihm verhlt, dass er fhig
ist, jenem Vorgang die psychische Kraft zu berlassen oder zuzuweisen,
sondern es fragt sich auch, wie viel Kraft in jenem Zusammenhang
berhaupt vorhanden, oder in einem solchen anderweitigen Vorgang
reprsentiert ist, und demgemss jenem Vorgang auf dem eben bezeichneten
Wege zugewiesen werden kann, bezw. wie leicht diese Kraft _verfgbar_
gemacht, d. h. dem, was dieselbe sonst beansprucht, entzogen werden kann.

Dabei nun bestehen drei Mglichkeiten. Entweder dies Mass der verfgbaren
Kraft oder dies Mass der Verfgbarkeit der Kraft steht mit jenem Anspruch
oder jener Energie der Inanspruchnahme in einem bestimmten nicht nher
definierbaren Verhltnis des Gleichgewichtes. Oder es berwiegt jene
Energie. Oder endlich es berwiegt diese Verfgbarkeit.

Achten wir zunchst auf die erste der beiden letzten Mglichkeiten. Um
nicht allzu allgemein zu reden, fassen wir gleich spezieller geartete
Flle ins Auge. Ein Objekt schliesse eine Vielheit in sich. Der
psychische Vollzug der einzelnen Elemente dieser Vielheit finde in mir
Bedingungen vor, mit denen er in qualitativer bereinstimmung steht.
Zugleich bilden die Elemente eine qualitative Einheit. D. h. sie
untersttzen sich vermge zwischen ihnen bestehender qualitativer
bereinstimmung wechselseitig in der Aneignung der psychischen Kraft.
Daraus ergiebt sich eine starke Lust. Zugleich aber besitzt der
Gesamtvorgang eine erhebliche Energie der Inanspruchnahme psychischer
Kraft: Das Objekt als Ganzes drngt sich mit grosser Energie auf.

Diese Energie nun kann _beliebig_ gross gedacht werden. Dagegen ist die
Mglichkeit, dass dem Objekt psychische Kraft von mir zugewandt werde,
beschrnkt. Meine gesamte psychische Kraft ist ja in bestimmte Grenzen
eingeschlossen. Hier kann demnach ein bergewicht jener Energie ber
diese Verfgbarkeit stattfinden. In dem Masse als dies geschieht, gewinnt
die Lust an dem Objekte den Charakter der Grsse, des Gewichtigen, des
Mchtigen, des Tiefen, des Ernstes.

Dieser Charakter wechselt und verdient bald mehr den einen bald mehr den
anderen der soeben gebrauchten Namen, je nach dem Grade jenes
bergewichtes, andererseits je nach der Kraft, welche die Bedingungen des
Lustgefhles besitzen. Steigt jenes bergewicht, so wird das Gefhl mehr
und mehr zu einem Gefhl des Strengen, bermchtigen, berwltigenden.

Beispiele fr jenes Gefhl der Grsse sind die Gefhle, die wir haben
angesichts des Meeres, eines gewaltigen Gebirges, einer von einem Willen
bewegten und auf ein Ziel gerichteten Menge, auch gegenber der einzelnen
Persnlichkeit, die alle ihre Kraft in einem grossen Gedanken
zusammenfasst. In diesen Fllen bezeichnen wir das Gefhl auch als Gefhl
der Erhabenheit. Fr den besonderen Sinn der Erhabenheit verweise ich auf
S. 19[*] und auf den Anfang des vierten Abschnittes.

[* Im Unterkapitel ALLERLEI STHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]

"GRSSE" UND UNLUST.

Jenes Gefhl des Strengen, berwltigenden, bermchtigen ist unserer
Voraussetzung nach noch Gefhl der Lust, nur mit diesem besonderen
Charakter. Es kann aber in ihm die Lustfrbung mehr und mehr sich mindern
und schliesslich in eine Unlustfrbung sich verwandeln. Dies muss
geschehen, wenn wir uns die Wirkung der qualitativen bereinstimmung mehr
und mehr hinter der Wirkung des bergewichtes der Inanspruchnahme der
psychischen Kraft ber die Verfgbarkeit derselben zurcktretend denken.

Hiermit ist schon gesagt, dass dies bergewicht an sich Grund der Unlust
ist. So muss es sein gemss dem allgemeinen Gesetz der Unlust. Dies
gewinnen wir aus dem allgemeinen Gesetz der Lust, wenn wir an die Stelle
der bereinstimmung den Gegensatz oder Widerstreit treten lassen: Unlust
entsteht, wenn ein psychischer Vorgang Bedingungen vorfindet, die seinen
Vollzug oder seine Aneignung psychischer Kraft hemmen.

Auch dieser Widerstreit ist zunchst ein qualitativer. Ein einfaches
Beispiel eines solchen qualitativen Widerstreits bieten etwa die
disharmonischen Tne. Nicht die Tne, d. h. die Inhalte unserer
Tonempfindung, wohl aber die dem Dasein derselben zu Grunde liegenden
psychischen Vorgnge, mssen als zu einander qualitativ gegenstzlich,
und demgemss ihren Vollzug wechselseitig hemmend oder strend gedacht
werden.

Diesem qualitativen Gegensatz sieht aber gegenber der quantitative.
Dieser fllt mit dem bergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft
ber die Verfgbarkeit derselben zusammen. In dem Masse als dies
bergewicht besteht, vollzieht sich die Aneignung der Kraft zwangsweise,
unter Hemmungen. Der Vollzug des Vorgangs ist eine an uns gestellte
Zumutung, und wird schliesslich zur unlustvollen Vergewaltigung.

Darnach kann von dem Gefhl der lustvollen Grsse, oder des lustvoll
Gewaltigen, des Erhabenen etc. in gewissem Sinn gesagt werden, dass in
dasselbe Lust und Unlust als Faktoren eingehen. Nicht in dem Sinne, dass
in diesem Gefhl die _Gefhle_ der Lust und Unlust sich verbinden, wohl
aber in dem Sinne, dass _Bedingungen_ der Lust und Bedingungen der Unlust
zur Erzeugung eines neuen Gefhles, nmlich eben des eigenartigen
Gefhles der lustvollen Grsse _zusammenwirken_.

So knnen berhaupt in mannigfacher Weise Bedingungen der Lust und der
Unlust zur Erzeugung eines neuen Gefhles sich vereinigen. Insbesondere
haben Bedingungen der Unlust, die mit Bedingungen der Lust sich
vereinigen, nicht etwa ohne weiteres die Bedeutung einer Verringerung der
Lust. Vielmehr besteht ihre Bedeutung unter bestimmten Voraussetzungen
immer darin, der Lust einen anderen Charakter, vor allem mehr
Eindringlichkeit, grssere Tiefe, mehr Gehalt zu verleihen.

Diese Voraussetzungen knnen hier nicht allgemein untersucht werden. Die
Psychologie hat natrlich die Aufgabe, sie zu untersuchen. Diese Aufgabe
gehrt aber leider zu den vielen wichtigsten Aufgaben, die die
Psychologie jetzt zu ihrem Schaden vernachlssigt.

Nur dies ist uns in dem gegenwrtigen Zusammenhange wichtig, dass die
Bedingungen der Unlust, soweit sie in jenem quantitativen Gegensatz oder
jenem bergewicht der Inanspruchnahme psychischer Kraft ber die
Verfgbarkeit derselben bestehen, zusammen mit den in der qualitativen
bereinstimmung gegebenen Bedingungen der Lust jenes Gefhl der bald mehr
lustvollen, bald mehr unlustvollen _Grsse_ bedingen.

Und wenn nun zum qualitativen _Gegensatz_ dieser quantitative Gegensatz
tritt? Dann steigert sich nach dem allgemeinen Gesetz der Unlust die
Unlust. Zugleich gewinnt auch diese Unlust eine Art der Grsse, nur eben
der unlustvollen Grsse; auch die Unlust gewinnt Schwere,
Eindringlichkeit, Tiefe. Es ist etwas _qualitativ_ Anderes um das Gefhl
der Unlust, wenn ich von allerlei Kleinigkeiten gergert, von
fortgesetzten "Nadelstichen" gepeinigt, von einer aus dem Wechsel
einander entgegengesetzter Antriebe fliessenden inneren Unruhe gefoltert
bin, als wenn ein grosses Unglck, ein einziges bitteres Leid, ein tiefer
Schmerz mich in Anspruch nimmt.

Dabei ist freilich zu bedenken, dass nichts mich innerlich ganz in
Anspruch nehmen kann, ohne mein Wesen in Eines zusammenzufassen, und dass
solche innere Vereinheitlichung an sich betrachtet wiederum ein
lusterzeugendes Moment ist. Steigert sich dies, so nhert sich das
fragliche Gefhl dem lustgefrbten Gefhl der Grsse. Es geht, wenn
weitere lusterzeugende Momente hinzutreten, stetig in dies Gefhl ber,
ebenso wie wir vorhin dies Gefhl in jenes stetig bergehen sahen. Doch
kann auch hierauf in diesem Zusammenhang nicht im Einzelnen eingegangen
werden. Es wre dazu eine vollkommen sichere Analyse der einzelnen Flle
erforderlich.


GEFHL DES "HEITEREN".

Setzen wir jetzt den umgekehrten Fall, d. h. nehmen wir an, es berwiege
das Mass der verfgbaren psychischen Kraft, oder es berwiege das Mass
ihrer Verfgbarkeit, ber die Energie, mit der Objekte diese Kraft in
Anspruch nehmen. Dann gewinnen wir das entgegengesetzte Bild.

Was uns in einem Augenblick beschftigt, sei an sich, weil es mit den
Bedingungen seines psychischen Vollzuges in qualitativer bereinstimmung
steht, Gegenstand der Lust, aber es vermge seiner Natur nach uns nur
wenig in Anspruch zu nehmen. Zugleich seien wir innerlich frei genug, um
uns ihm mit unserer ganzen Kraft zuzuwenden. Dann geschieht jener
psychische Vollzug spielend. Daraus ergiebt sich ein Zuwachs von Lust.
Auch dieser berschuss von verfgbarer Kraft ist ja eine gnstige
Bedingung fr den psychischen Vollzug oder die Kraftaneignung der
Objekte. Auch damit ist eine Art der bereinstimmung psychischer Vorgnge
mit den Bedingungen ihrer Kraftaneignung gegeben; nicht eine qualitative,
sondern eine quantitative bereinstimmung. Zugleich aber gewinnt das
Gefhl der Lust einen neuen Charakter, nmlich den Charakter des
Leichten, des Heiteren, des "Spielenden". Das Spiel der Kinder ist eine
solche Art der psychischen Bethtigung.

Wiederum gewinnt auch das an sich Unlustvolle einen _gleichartigen_
Charakter, wenn die gleichen Bedingungen gegeben sind. Auch mit kleinen
Widerwrtigkeiten knnen wir innerlich spielen. Voraussetzung ist, dass
sie--nicht nur an sich, sondern fr uns _kleine_ Widerwrtigkeiten sind,
d. h. als solche sich uns darstellen und auf uns wirken, dass sie also
nicht heftig sich aufdrngen; andererseits dass wir in der Verfassung
sind, sie frei aufzufassen und in ihrer Kleinheit hell zu beleuchten,
dass wir ihnen gegenber mglichst wenig passiv und in mglichst hohem
Grade aktiv, mglichst wenig von ihnen affiziert und in mglichst hohem
Grade ihnen gegenber berlegen oder souvern sind, oder mit einem Worte,
dass wir ihnen mit "Humor" gegenberstehen. Mit allen diesen Ausdrcken
ist immer dasselbe bezeichnet, nmlich das bergewicht der verfgbaren
psychischen Kraft oder der Verfgbarkeit dieser Kraft ber die Energie,
mit der das Objekt von sich aus diese Kraft beansprucht. Die
"Souvernitt", von der ich hier rede, oder die "geistige Freiheit", von
der ich vorhin sprach, das ist eben diese relativ hohe Verfgbarkeit der
psychischen Kraft. Je grsser sie ist, desto anspruchsvoller oder
aufdringlicher kann die Widerwrtigkeit ihrer Natur nach sein, und
trotzdem die Betrachtung der Unannehmlichkeit fr uns zum Spiel werden,
oder was dasselbe sagt, Gegenstand einer Unlust sein, die einen Charakter
des "Heiteren" an sich trgt.

Was diesem Charakter des Heiteren oder diesem unserem "Leichtnehmen" zu
Grunde liegt, ist nach vorhin Gesagtem an sich Grund der Lust. So wirken
also auch hier wiederum, wie beim Gefhl der lustvollen Grsse, nur in
umgekehrter Weise, Bedingungen der Lust und der Unlust zusammen. Und
wiederum ergiebt sich daraus ein Neues, nmlich eben dies Gefhl, das wir
soeben als Gefhl des Heiteren oder des Leichtnehmens bezeichnet
haben.--Auch Schmerzen knnen in solcher leichten Weise uns anmuten, wenn
wir die ntige "geistige Freiheit" haben.


DAS BERRASCHEND GROSSE.

Lassen wir in Gedanken diese geistige Freiheit sich steigern und die
Energie, mit der die Unannehmlichkeit uns affiziert, sich mindern, so
geht dies Gefhl der heiteren oder leichtgenommenen Unlust in ein
lustbetontes Gefhl der Heiterkeit ber: Die kleine Widerwrtigkeit oder
der geringe Schmerz "belustigt" uns oder wird Gegenstand eines Gefhles
der "Heiterkeit" in dem gewhnlichen Sinne des Wortes.

Eine besondere Steigerung jener geistigen Freiheit nun, andererseits
ebensowohl eine Minderung derselben, also eine Mehrung des bergewichtes
der Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft ber die Verfgbarkeit
derselben, ergiebt sich uns, wenn wir wiederum den Begriff der Erwartung,
oder das, was in diesem Begriff fr uns eingeschlossen war, hinzunehmen.

Ich machte vorhin, als vom Gefhl der Grsse die Rede war, und ebenso
jetzt eben, beim Gefhl des Heiteren oder des Spieles, nicht die
Voraussetzung, dass das "Grosse" oder das heiter Anmutende einer
Erwartung widerspreche. Ich redete von dem Grossen, das ein Gefhl der
Grsse erweckt, auch wenn eben dies Grosse erwartet wird. Man erinnere
sich wiederum an das Meer, oder an das gewaltige Gebirge. Ebenso war mit
dem minder Aufdringlichen oder mit minderer psychischer Energie Begabten,
das leicht oder heiter genommen wird, ein solches gemeint, das diesen
Charakter besitzt, auch wenn nichts Anderes, vor allem nichts Grosses an
seiner Stelle erwartet wird.

Nehmen wir jetzt die Erwartung hinzu, so haben wir eine neue und
wesentliche Bedingung fr jede der beiden Gefhlswirkungen.

Der Einfachheit halber fassen wir hier die Erwartung im positiven Sinne,
also als Erwartung eines Bedeutungs- oder Eindrucksvollen. Dann mindert
die Erwartung das Gefhl der Grsse. Umgekehrt lsst der Mangel einer
solchen Erwartung auch dem minder Grossen gegenber einen gesteigerten
Eindruck der Grsse entstehen: Wir sind berrascht, wir erstaunen; es
wird dasjenige zum berwltigenden, was dann, wenn es erwartet worden
wre, vielleicht zwar auch noch als gross erschienen wre, aber keine
berwltigende Wirkung gebt htte. Erwartung ist eben, wie wir schon
sahen, eine besondere Weise psychische Kraft fr das Erwartete zur
_Verfgung_ zu stellen. Damit wird das bergewicht der Energie des
Erwarteten ber die Verfgbarkeit der psychischen Kraft vermindert. Und
darauf beruht ja, wie wir wissen, das Gefhl der Grsse.

Je grsser aber, abgesehen von der Erwartung, jenes bergewicht ist, d.
h. je mehr das Erwartete ein Grosses ist, desto strker muss die in der
Erwartung liegende Vorbereitung sein, wenn dem Gefhl der Lust, bezw. der
Unlust sein Charakter des Groen, berwltigenden, Erstaunlichen genommen
werden soll. Das Groe sei etwa wiederum ein mchtig vor mir
aufsteigendes Gebirge. Dann bedarf es eines entschiedeneren
Vorbereitetseins, wenn das Gefhl des Staunens unterbleiben soll, als
wenn es sich um einen Gegenstand von minderer Mchtigkeit handelte.
Gleiches gilt von dem _unerfreulichen_, aber mchtig auf mich
eindringenden Getse. Bin ich auf dies durch entsprechende Erwartung
entschieden vorbereitet, so bleibt es zwar fr mich unlustvoll. Aber es
verliert sein Geprge des momentan berwltigenden.

Wir erfreuen uns aber des Grades der Bereitschaft, wie er zur Aufhebung
dieses Gefhlscharakters erforderlich ist, um so sicherer, je mehr wir
gleichartige Objekte von eben solcher oder grerer Aufdringlichkeit oder
Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft erwarten. Die Bereitschaft
zur Auffassung oder zum psychischen "Vollzug" eines Bedeutungsvollen oder
Grossen ist zugleich eine Bereitschaft in entsprechendem _Grade_. Dies
mu so sein nach dem, was wir als das Wesen der Erwartung kennen gelernt
haben. Diese besteht in der seelische Kraft aneignenden und fr das
Erwartete verfgbar machenden Wirksamkeit der Vorstellung des Erwarteten,
einschliesslich der Gedanken, die mit dem Erwarteten sich verknpfen, und
ihm fr uns Bedeutung und Interesse verleihen. Je bedeutungsvoller aber
das Erwartete an sich ist, und je bedeutungsvolleren Inhalt diese
Gedanken haben, um so strker muss nach unserem Begriff des
"Bedeutungsvollen" jene Kraft aneignende und Kraft zur Verfgung
stellende Wirksamkeit sich erweisen.

Wir knnen also, was uns die Betrachtung der Gefhlswirkung des
erwarteten und des nicht erwarteten gewaltigen Gebirges, bezw.
berwltigenden Getses lehrt, auch so ausdrcken, dass wir sagen: Je
Grsseres erwartet wird, um so mehr mindert sich das Gefhl der Grsse,
das wir angesichts des durch die Erwartung vorbereiteten Objektes haben.


DAS BERRASCHEND KLEINE. DIE KOMIK.

Nehmen wir jetzt an, das durch die Erwartung vorbereitete Objekt sei ein
Kleines oder relativ Nichtiges, dann mu dies Kleine, in dem Masse als es
durch die Erwartung eines Grossen vorbereitet ist, nicht nur ein minderes
Gefhl der Grsse, sondern ein strkeres Gefhl der Kleinheit erzeugen.
Oder: Ist ein grsseres Objekt um so mehr Gegenstand des Gefhls der
Grsse, je weniger wir auf die Erfassung eines Grossen vorbereitet sind,
so muss das Kleine um so mehr Gegenstand des Gefhles des Heiteren sein,
je mehr eine solche Vorbereitung stattgefunden hat. Die Erwartung eines
Grossen schliesst hier ein um so grsseres _bergewicht_ der verfgbaren
psychischen _Kraft_ ber die Energie der _Inanspruchnahme_ derselben in
sich, je grsser das Grosse, zugleich je kleiner oder nichtiger das
Kleine ist. Auf diesem bergewicht aber beruhte uns das Gefhl des
Heiteren. Das _besondere_ bergewicht aber, das unter der hier
bezeichneten Voraussetzung stattfindet, lsst das Gefhl des Heiteren,
das wir vorhin auch schon dann eintreten sahen, wenn diese besondere
Voraussetzung nicht gegeben war, zu dem ausgesprochenen Gefhl des
Heiteren werden, das wir als Gefhl der Komik bezeichnen.

Das Gleiche, was durch die Erwartung des Grossen bedingt wird, wird auch
zuwege gebracht, wenn _Dasselbe_ erst bedeutungsvoll, dann nichtig
erscheint. Es besitzt, als Bedeutungsvolles, sein erhebliches Mass
psychischer Kraft; und diese verbleibt ihm, wenn es ein Nichtiges
geworden ist. Wir sahen freilich, dass diese beiden Flle nicht
grundstzlich verschieden sind. Auch in jenem Falle kann gesagt werden,
es erscheine Dasselbe erst bedeutungsvoll dann nichtig. Und auch in
diesem Falle kann von einer "Erwartung" eines Bedeutungsvollen gesprochen
werden.

Hiermit ist das Gefhl der Komik verstndlich geworden. Nicht jedes
beliebige Gefhl der Komik, sondern das Gefhl der Komik im allgemeinen.
Zugleich leuchtet ein, warum dasselbe zunchst als Gefhl komischer Lust
sich darstellen muss. Wir sahen ja: Das bergewicht der Verfgbarkeit der
psychischen Kraft ber die Inanspruchnahme derselben ist Grund der Lust
und lsst _zugleich_ dies Gefhl den Charakter des Heiteren, Leichten,
Spielenden gewinnen.

Ist es erlaubt, fr den Grund der Entstehung dieses Gefhles schliesslich
noch ein verdeutlichendes Bild zu gebrauchen, so denke man sich, jemand
erwarte und sei gerstet auf den Besuch einer aus mehreren Kpfen
bestehenden Familie, habe also den Raum, und was sonst erforderlich ist,
verfgbar gemacht. Kommt nun statt der erwarteten eine grssere Anzahl
von Gsten, so werden diese die Insassen des Hauses beengen und sich
selbst beengt fhlen. Kommt dagegen nur ein einziger, so wird dieser
freier sich entfalten und bequemer sich ausbreiten knnen, als wenn auf
ihn allein gerechnet worden wre. Oder nehmen wir an, es sei berhaupt
niemand angekndigt, die ans mehreren Kpfen bestehende Familie sei aber
gekommen und habe den Hausherrn gentigt, wohl oder bel, den fr sie
erforderlichen Platz zu schaffen; dann seien alle bis auf einen wieder
abgereist; so wird wiederum der Zurckbleibende, so lange bis die alte
Ordnung wieder hergestellt ist, sich freier ausbreiten knnen, als wenn
er von vornherein der einzige Gast gewesen wre.

hnlich nun, wie jenem, an Stelle der angekndigten Familie
eingetroffenen Gaste, ergeht es in uns der Wahrnehmung des kleinen
Huschens, das an Stelle des Palastes tritt. Der Wahrnehmungsvorgang
breitet sich in der Seele leicht und ungehemmt aus, und ist darum
Gegenstand einer, zugleich lustbetonten Komik. Und hnlich, wie diesem
allein brig gebliebenen Gaste, ergeht es der schwarzen Hautfarbe des
Negers, dem Spiel mit Worten, der naiven usserung oder Handlung, nachdem
der Gedanke an ihre Bedeutung zurckgetreten ist. Auch diese Inhalte
vermgen leicht und mhelos, "spielend", sich in uns zur Geltung zu
bringen.

Diese spielende Entfaltung des relativen Nichts unterbricht und lst die
Spannung, welche die Erwartung oder der Schein des Bedeutungsvollen
erzeugte. Insofern hat _Kant_ Recht, wenn er die Komik als die "Auflsung
einer Spannung" in Nichts bezeichnet. Das relative Nichts erlangt, indem
es sich entfaltet, in unserem Bewusstsein momentan die Herrschaft. In
diesem Sinne kann das "vive la bagatelle" _Jean Paul_'s zur Devise, nicht
nur des Humors, sondern aller Komik gemacht werden.




X. KAPITEL. DAS GANZE DES KOMISCHEN AFFEKTES.


UMFANG UND ERNEUERUNG DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.

Ich habe im Vorstehenden das Gefhl der Komik bezeichnet, und den
Prozess, durch welchen dasselbe entsteht, dargelegt. Damit ist doch noch
kein vollstndiges Bild gegeben vom psychologischen Thatbestande der
Komik.

Zunchst ist die komische Vorstellungsbewegung umfassender, als bisher
ausdrcklich gesagt wurde. Wir nannten komisch die geringfgige Leistung
nach grossen Versprechungen. Aber nicht nur die geringfgige Leistung
schrumpft in nichts zusammen, wenn sie als das, was sie ist, betrachtet
wird. Auch die Versprechungen, nicht minder die Person dessen, der sie
gab, wird in diese Vernichtung hineingezogen. Die Leistung erhob den
Anspruch grosse Versprechungen zu erfllen. Jetzt ist sie dieses
Anspruches verlustig. Gleicherweise erhoben die Versprechungen den
Anspruch Ankndigung oder Brgschaft grosser Leistungen zu sein, die
Person erhob den Anspruch der Zuverlssigkeit und der Fhigkeit zur
Verwirklichung der versprochenen Leistungen. Jetzt sind die
Versprechungen leer, der Versprechende ist ein eitler Grosssprecher.
Schliesslich werden auch solche komisch, die auf die Versprechungen etwas
gaben, darunter wir selbst.

Indessen wichtiger ist mir hier ein zweiter Punkt. Zunchst dieser: Je
hher die Erwartung gespannt ist, oder je mehr das Nichtige zuerst als
ein Bedeutungsvolles erschien, um so mehr war im Anfang der komischen
Vorstellungsbewegung unsere Aufmerksamkeit von der Erwartung oder der
scheinbaren Grsse des Nichtigen in Anspruch genommen, um so strker
ist dann die Entladung. Ich achtete nur auf das zu Erwartende oder auf
das scheinbar Grosse; jetzt hat in mir neben dem Nichtigen wiederum
allerlei Platz, das vorher verdrngt war. Die komische Enttuschung
bringt mich "zu mir"; meine Aufmerksamkeit geht wiederum ber den
Vorstellungszusammenhang, dem das komische Erlebnis angehrt, hinaus zu
solchem, das zu ihm keine Beziehung hat.

Doch das eigentlich Wichtige, das ich hier meine, besteht nicht sowohl
darin, dass dies geschieht, als vielmehr darin, dass solches Hinausgehen
ber den komischen Vorstellungszusammenhang nicht in dem Masse und nicht
so unmittelbar stattfindet, wie man erwarten knnte.

Dem komischen Objekt ist mehr psychische Kraft zu teil geworden, als es
beansprucht, also auch mehr als es festzuhalten vermag. Die Energie der
Festhaltung ist ja dieselbe wie die Energie der Beanspruchung. Es scheint
also die psychische Kraft leicht von dem komischen Objekt sich wieder
lsen zu mssen. Beliebiges Andere scheint dieselbe leicht aneignen zu
mssen. Die Komik scheint nur ein momentanes Dasein haben zu knnen.

Dies ist in der That nicht der Fall. Wir bleiben eine Zeitlang in der
komischen Vorstellungsbewegung. Wir bleiben darin, um sie zu wiederholen.

Dies verstehen wir, wenn wir uns wiederum der psychischen Stauung
erinnern, die bedingt ist durch den Charakter des Unerwarteten, Neuen,
Seltsamen, Rtselhaften, das dem Komischen anhaftet. Dadurch ist die
Brcke zwischen dem Komischen, und dem, was jenseits desselben liegt,
abgebrochen. Der "Abfluss" der Vorstellungsbewegung ist gehemmt, der
komische Vorstellungszusammenhang ist psychisch relativ isoliert.

Darum hat doch der Umstand, dass das komisch gewordene Nichtige
geringe eigene Energie der Aneignung psychischer Kraft, also
auch geringe Fhigkeit der Festhaltung derselben besitzt, seine
Wirkung. Nur bleibt diese Wirkung zunchst innerhalb des komischen
Vorstellungszusammenhanges. Die psychische Kraft "fliesst" in der That
von dem Nichtigen "ab"--wenn es erlaubt ist auch hier diesen bildlichen
Ausdruck zu gebrauchen, dessen erfahrungsgemsser Sinn zur Genge
deutlich gemacht worden ist--, aber sie fliesst ab auf das Grosse und zur
Aneignung psychischer Kraft Fhige, das unmittelbar mit dem Nichtigen
zusammenhngt, das heisst, sie fliesst zurck zu dem Erwarteten, an
dessen Stelle das Nichtige getreten ist, beziehungsweise zu dem, was das
Nichtige zuerst als ein Grosses erscheinen liess.


RCKLUFIGE WIRKUNG DER PSYCHISCHEN "STAUUNG".

Damit sind wir einer psychischen Thatsache begegnet, die bei jeder
psychischen "Stauung" in grsserem oder geringerem Masse stattfindet, und
eine ebenso grosse und umfassende psychologische Bedeutung besitzt, wie
die Stauung selbst. Es ist die Thatsache, auf der all unser zweckmssiges
Thun beruht, das heisst im letzten Grunde, all unser Thun im Gegensatz
zum blossen Geschehen in uns, jedes Nachdenken, jede praktische oder
theoretische berlegung, jede Wahl von Mitteln zu einem Zweck u. s. w.
Wir knnen auch sagen: Es ist die Thatsache, in welcher alles solche Thun
_besteht_.

Alles "Sich nicht Erinnern", jeder Zweifel, jede Ungewissheit, alles
Nichthaben dessen, worauf wir innerlich gerichtet sind, oder worauf eine
psychische Bewegung ihrer Natur nach abzielt, ist eine Unterbrechung
eines naturgemssen Ablaufs oder Verlaufs eines psychischen Geschehens.
Eines naturgemssen, das heisst eines solchen, wie er sich ergbe, wenn
die in dem Geschehen wirksamen Bedingungen frei sich verwirklichen
knnten. Jeder der bezeichneten Thatbestnde schliesst also die
Bedingungen einer "Stauung" in sich. Wir knnten statt dessen mit dem
oben gebrauchten Ausdruck auch sagen: Jeder solche psychische Thatbestand
involviert eine "Verblffung". Alles sich Besinnen, alles Fragen "Wie"
oder "Was ist dies", alles berlegen, alles nicht, oder nicht sofort sich
verwirklichende Wollen ist zunchst ein Stehenbleiben der psychischen
Bewegung an der Stelle, wo diese Bewegung nicht in ihrer natrlichen Bahn
weiter kann. Es ist dann weiterhin ein sich Ausbreiten und sich
Rckwrtswenden der psychischen Bewegung oder des "Stromes" des
psychischen Geschehens.

Wir besinnen uns auf einen Namen, das heisst: wir bleiben innerlich vor
dem Namen stehen, wir wenden uns dann zurck zu der Person, die den Namen
trgt, zur Gelegenheit, wo wir den Namen hrten u. s. w. Alle diese
Momente gewinnen erneute Kraft, und damit erneute und gesteigerte
Fhigkeit der Reproduktion. Sie gewinnen diese Kraft, einfach darum, weil
die Kraft vorhanden und vermge der Stauung an diesen bestimmten Punkt,
die Vorstellung "Name dieser bestimmten Person", gebannt ist, und weil
ihnen, an sich und vermge ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit dieser
Vorstellung, die Fhigkeit eignet, sich diese zwangsweise zur Verfgung
gestellte Kraft anzueignen, beziehungsweise sie festzuhalten. Vielleicht
gelingt auf Grund dieser Kraftaneignung und der damit gewonnenen erhhten
Fhigkeit des Reproduzierens die Reproduktion des Namens. Dann ist, durch
die Stauung und ihre natrlichen Folgen, das Hindernis hinweggerumt, und
die psychische Bewegung geht ber den Namen oder durch denselben
hindurch, weiter.

Oder: Wir erleben es, dass auf ein A, dem in frherer Erfahrung ein B
folgte, jetzt ein, das B ausschliessendes B1[*] folgt, und "suchen" die
"Erklrung". Wre auf das A niemals das B, sondern auch sonst jedesmal
das B1, gefolgt, so gingen wir von A ber B1 beruhigt weiter. Diesen
Fortgang hindert das B, oder der Widerspruch zwischen ihm und dem B1.
Darum bleiben wir vor dem B1. Wir unterliegen einer Stauung; wir erleben
eine "Verblffung", oder erleben die "Verwunderung", die der Anfang aller
Weisheit ist.

[* Ordnungszahl hier und ff. im Original tiefgestellt. Transkriptor.]

Dann gehen wir von B1 zurck zu A. Das A, von dem wir ausgegangen waren,
tritt in den Blickpunkt des Bewusstseins. Ohne die Stauung wre es
Durchgangspunkt der psychischen Bewegung. Jetzt ist es Haltpunkt
derselben. Es wird von der gestauten psychischen Bewegung emporgehoben.
Das A ist merkwrdig, interessant, nicht an sich, sondern sofern es
jetzt, gegen frhere Erfahrung, nicht ein B, sondern ein B1 nach sich
zieht.

Dies ist der Ausgangspunkt des "Suchens" nach der Erklrung. Aber dies
emporgehobene A hat nun--ebenso wie vorhin die Vorstellung des Trgers
des gesuchten Namens und die Vorstellung der Gelegenheit, bei welcher der
Name gehrt wurde--, eine seiner "psychischen Hhe" entsprechende
Fhigkeit des Reproduzierens. Es hat in gleichem Grade die Fhigkeit, die
"Aufmerksamkeit" auf solche Momente zu lenken, die dem A, so wie es in
der Wahrnehmung sich darstellt, anhaften, vorher aber bersehen wurden.

In der Wirksamkeit jener oder dieser Fhigkeit nun _besteht_ jenes
Suchen. Vielleicht tritt vermge derselben an dem A jetzt ein Moment
hervor, das es zu einem A1 macht. Dann ist der Widerspruch gelst. Nicht
das A1, sondern das A war es ja, das mir auf Grund vorangegangener
Erfahrungen das B aufntigte. An die Stelle des A ist jetzt A1 getreten.
Von diesem kann ich also, ohne durch vergangene Erfahrungen daran
gehindert zu sein, zu B1, und durch B1 hindurch zu irgend welchen
sonstigen Gedankeninhalten weitergehen. Die Verbindung A1 B1 ist keine
verwunderliche Thatsache mehr, sondern einfach eine Thatsache, wie
tausend andere. Wir haben die "Erklrung".

Zugleich geben wir--nebenbei bemerkt--dem Erklrenden oder den
Widerspruch Lsenden einen besonderen Namen. Wir bezeichnen A1, oder den
Umstand, dass A1 nicht A, sondern A1 ist, als Ursache des B1 oder als
Ursache des Umstandes, dass B, nicht B, sondern B1 ist.

Oder weiter: Wir wollen, dass ein B sei, das heisst: es liegen in der
Natur unseres Vorstellungsverlaufes die Bedingungen fr das
Zustandekommen des Urteils, dass B sei oder sein werde. Aber wir sehen, B
ist nicht. Wiederum bleiben wir vor dieser Thatsache stehen; wir bleiben
stehen vor dem vorgestellten aber nicht wirklichen B. Und wiederum
ergiebt sich daraus die Rckwrtswendung der psychischen Bewegung. Und
diese kann auch hier die Hemmung beseitigen. Die rckwrts gewendete
Bewegung gelangt zu einem A, das erfahrungsgemsse Bedingung der
Wirklichkeit des B ist. Sie erfasst die Vorstellung des A, und rckt sie
in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Das heisst: die Vorstellung des
"Zweckes" zwingt mich zurck zur Vorstellung des "Mittels"; das Streben
nach dem Zweck wird zum Streben nach dem Mittel. Vielleicht fhrt dies
zur Verwirklichung des Mittels. Dann verwirklicht sich auch der Zweck,
und die gehemmte Vorstellungsbewegung geht ihren Weg weiter.

Wir knnten dies alles in ein Gesetz zusammenfassen, das in einem Gesetz
der "teleologischen Mechanik" des krperlichen Lebens sein Gegenstck
htte: Hemmungen des psychischen Lebensablaufes ergeben aus sich eine
psychische Bewegung, in deren Natur es liegt, auf die Beseitigung der
Hemmung hinzuwirken. Wir knnten dies Gesetz bezeichnen als das Gesetz
der Selbstkorrektur psychischer Hemmungen. In der Verwirklichung
desselben besteht unsere Zweckthtigkeit.

Ich rede hiervon in diesem Zusammenhang nicht genauer, sondern verweise
fr eine etwas nhere--obgleich keineswegs gengende--Ausfhrung auf mein
mehrfach citiertes psychologisches Werk. Es ist zu bedauern, dass auch
das hier angedeutete Problem von der heutigen Psychologie bersehen zu
werden pflegt. Freilich, vor Bumen den Wald nicht zu sehen, dies ist
vielfach die eigentliche Signatur der Psychologie unserer Tage.


HIN- UND HERGEHEN DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.

Hier liegt uns nur an der komischen Vorstellungsbewegung. Bei dieser aber
gilt dasselbe Gesetz. Auch das komische Erlebnis schliesst eine
psychische Hemmung, also eine Stauung in sich. Auch hier ergiebt sich
daraus eine Rckwrtsbeweguug. Wie schon gesagt, ist das nchste Ziel
derselben das "Grosse", oder das, was das Nichtige als gross erscheinen
liess. Jemehr es im Vergleich mit dem Nichtigen ein Grosses, also zur
Aneignung der psychischen Kraft Befhigtes, und je enger der Zusammenhang
zwischen ihm und dem Nichtigen ist oder jemehr zwischen beiden Identitt
besteht, umso sicherer muss die Rckwrtsbewegung erfolgen. Das heisst,
sie muss umso sicherer erfolgen, je ausgesprochener die Komik ist.

So fhrt uns die nichtige Leistung, die auf die grossen Versprechungen
gefolgt ist, wiederum zurck zu den grossen Versprechungen. Der
gewichtige Sinn der Worte, der hohe Anspruch der darin liegt, tritt uns
jetzt erst recht deutlich vor Augen. Dann fordern wir auch von neuem die
grosse Leistung. Es besteht ja noch immer der erfahrungsgemsse Weg,
der vom Versprechen zur Leistung fhrt. Die vorgestellte Leistung
zergeht wiederum in nichts. Kurz, es wiederholt sich die ganze
Vorstellungsbewegung. Und sie kann sich aus dem gleichen Grunde mehrmals
wiederholen, wenn auch in bestndig abnehmendem Grade.

Das Ergebnis ist ein Hin- und Hergehen und sich Erneuern der
Vorstellungsbewegung, das dauert, bis die Bewegung in sich selbst ihr
natrliches Ende findet, oder durch neu eintretende ernstere
Wahrnehmungs- oder Gedankeninhalte gewaltsam aufgehoben wird. Der ganze
Vorgang ist naturgemss begleitet von einem entsprechenden, jetzt
nachlassenden, jetzt sich wieder erneuernden Gefhl der komischen Lust.

Wie weit dies Bild der Wirklichkeit entspricht, hngt nun freilich,
abgesehen von strenden _fremden_ Vorstellungsinhalten, von mancherlei
Umstnden ab. Vor allem von der Intensitt, die der ganzen Bewegung von
vornherein eignet, von der Menge dessen, was vom Schicksal, in nichts zu
zerrinnen, erreicht werden kann, von der Ungestrtheit durch ernstere
Gedankeninhalte, die in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
sich ergeben mgen.

Doch wird man das Bild in der Erfahrung leicht wiedererkennen. Ich sitze
im Theater, und sehe auf der Bhne gewaltige Leidenschaften in gewaltigen
Worten und Thaten sich Luft machen. Pltzlich fllt eine Kulisse den
Schauspielern ber den Kopf. Die Kulisse stellte einen Palast vor, jetzt
ist sie in ihr kulissenhaftes Nichts zurckgesunken. Zugleich ist alle
sonstige Illusion zerstrt. Die Worte, die Personen sind oder bedeuten
nicht mehr, was sie waren oder bedeuteten. Ich lebe nicht mehr in der
idealen Welt des Dargestellten, sondern bin in die wirkliche Welt
zurckgeschleudert. Ich "komme zu mir", sehe meine Umgebung, sehe und
fhle mich wiederum auf meinem Platze sitzen u. s. w. Und alles dies ist
getaucht in die Stimmung der komischen Lust. Ein leichter und ungehemmter
Wellenschlag seelischer Bewegung, bald dies bald jenes leicht emporhebend
und ins helle Licht des Bewusstseins setzend, so stellt sich mir mein
inneres Geschehen dar, whrend vorher ernste Gedanken, gravittisch
einherschreitend und sich drngend, mein Inneres erfllt hatten.

Jene Leichtigkeit und Ungehemmtheit verrt sich im Gefhl komischer Lust
oder lustbetonter Komik, wie das Drngen der ernsten Gedanken in dem
Gefhl des Ernstes und der Spannung sich kundgegeben hatte.

Doch auch hier ist, bereinstimmend mit dem oben Gesagten, dies
Zurckgeschleudertwerden in die wirkliche Welt nicht das
Charakteristische des Vorgangs der Komik. Ich bin nicht sofort oder ich
bin nur halb in der wirklichen Welt. Zunchst bin ich in der Welt des
komischen Geschehens festgehalten. Der "Wellenschlag" erneuert sich. Das
den Ernst so jh vernichtende Missgeschick weist mich auf den Ernst
zurck. Es ersteht wiederum vor mir das Pathos der Situation. Dies
zergeht von neuem etc.; bis endlich das Interesse am komischen Vorgang in
sich selbst erlahmt, oder der Fortgang des Stckes mich wiederum in
ernste Gedanken hineinzieht.

Dies Beispiel gehrt, ebenso wie das vorige, der objektiven Komik an. In
anderen Fllen, vor allem solchen der witzigen oder naiven Komik kann das
Bild der komischen Vorstellungsbewegung ein weniger umfassendes sein. Es
ist darum doch prinzipiell dasselbe. Beim einfachen, niemand
abfertigenden Wortspiel, das ich nur lese, das mir also in voller
Unpersnlichkeit entgegentritt, ist der Vorstellungszusammenhang ein
engerer und abgeschlossenerer. Umso sicherer geht mein Blick nach
rckwrts: Er kehrt zurck zu den Momenten, die den Worten ihre logische
Kraft verliehen. Diese Momente kommen also wiederum zur Wirkung, und der
komische Prozess beginnt hier, ebenso wie bei der objektiven Komik, von
neuem.

Auch beim Witz gewinnt der psychische Vorgang einen _umfassenderen_
Boden, wenn die Person, die den Witz macht, in den Kreis der Betrachtung
tritt. Sie schien erst eine gewichtige Wahrheit zu verknden, dann
erscheint sie als lediglich mit Worten spielend. Sie wird also in
gewisser Weise Gegenstand einer, allerdings _objektiven_ Komik. Sie
steigt durch den Witz jederzeit etwas von ihrer Hhe herab, rckt mit dem
Witzwort zugleich in eine Art komischer Beleuchtung.

Der Prozess der Komik erweitert sich nach anderer Richtung, wenn der Witz
abfertigt, und andere zum Gegenstand objektiver Komik macht. Alle diese
Momente der Komik nehmen, wie an der komischen Bewegung berhaupt, so
auch an ihrer Wiedererneuerung teil.


DAS ENDE DER KOMISCHEN VORSTELLUNGSBEWEGUNG.

Es fragt sich aber jetzt noch: Was heisst dies, die komische
Vorstellungsbewegung erlahme in sich selbst, oder finde in sich selbst
ihr natrliches Ende.

Ein Doppeltes ist damit gesagt. Einmal dies: Wir sagten, der komische
Vorstellungszusammenhang sei psychisch isoliert. Dies ist er doch nur
relativ. Ich lebe doch, whrend der komische Vorgang sich in mir
abspielt, in einer Welt, die noch allerlei anderes in sich schliesst. Und
wir sahen auch schon, wie die komische Vorstellungsbewegung, indem sie
das Nichtige loslsst oder zurcktreten lsst, ber die Grenzen des
komischen Zusammenhanges hinausgehen kann. Daraus ergeben sich ber
diesen Zusammenhang hinausfhrende Associationen. In keinem Falle kann
dieser Zusammenhang umhin, mit dem, was sonst fr mich besteht, durch
solche Associationen sich zu verweben.

Und diese Associationen knpfen sich enger und enger. Sie begrnden also
eine strkere und strkere Tendenz des Abflusses oder des Ausgleichs der
psychischen Bewegung. Nichts kann in uns dauernd isoliert bleiben. Alles,
also auch der komische Vorstellungszusammenhang wird schliesslich fr uns
zu einem "Gewohnten", das heisst eben: der Tendenz des Abflusses oder
Ausgleiches Verfallenen.

Und dazu kommt ein anderer, in der Natur dieses Zusammenhanges selbst
begrndeter Umstand. Eine erste Bedingung der Komik besteht, unserer
Darstellung zufolge, in der Sicherheit der Erwartung, beziehungsweise in
der Sicherheit, mit der wir dem Nichtigen einen bedeutsamen Sinn oder
Inhalt zuerkennen, andererseits ihm denselben absprechen.

Jene und diese Sicherheit nun muss sich mindern. Ist die Erwartung einmal
enttuscht, so hat sie, wenn mein Blick zurckkehrt, an Sicherheit
eingebsst. Die Worte, die mir grosse Leistungen ankndigten, wecken die
Vorstellung derselben in minderem Grade, wenn sie einmal als leere Worte
sich ausgewiesen haben. Daraus ergiebt sich eine Herabsetzung der
komischen Vorstellungsbewegung.

Ebenso mindert sich die Sicherheit, mit der ich dem scheinbar logischen
Spiel mit Worten einen bedeutsamen Sinn zuschreibe, nachdem ich es einmal
in seiner logischen Nichtigkeit erkannt habe. Oder im umgekehrten Falle:
Habe ich einmal die, der gewohnten, logisch korrekten Ausdrucksweise
widersprechende, und insofern fr die gewhnliche Betrachtungsweise
nichtige Aussage, trotzdem als berechtigten Trger ihres Sinnes
anerkennen mssen, so hat nunmehr diese gewhnliche Betrachtungsweise
einen Teil ihrer Macht verloren. In jenem ersteren Falle ist mir die
Anerkenntnis der scheinbar sinnvollen Worte als sinnloser, in diesem
letzteren die Anerkenntnis der scheinbar sinnlosen Worte als sinnvoller
in gewissem Grade natrlich geworden. Es hat sich sozusagen, wenn auch
nur fr einen Augenblick, eine neue "Regel" der logischen Beurteilung von
Worten herausgebildet. Damit muss, im einen wie im anderen Falle, die
Komik des Witzes eine Abschwchung erfahren.

Endlich kann auch die naive Rede oder Handlung, nachdem ich sie einmal
als "erhaben" und nichtig zugleich erkannt habe, sich mir nicht mehr mit
gleicher Sicherheit _zuerst_ als erhaben, _dann_ als nichtig darstellen.
Beide Betrachtungsweisen, die vom Standpunkte des Individuums, und die
"objektive", das heisst die Betrachtung von _unserem_ Standpunkte aus,
haben sich einmal zur Beurteilung der Rede oder Handlung miteinander
verbunden, und verhindern sich nun wechselseitig, in ihrer Reinheit, die
eine _nach_ der anderen, zur Geltung zu kommen. Darauf beruht ja aber die
naive Komik.

Will man in allen diesen Fllen den Grund der Erlahmung der komischen
Vorstellungsbewegung so ausdrcken, dass man sagt, das einmalige oder
mehrmalige Zergehen eines Bedeutsamen in nichts "gewhne" uns an dies
Zergehen, und darum wirke dasselbe in geringerem Grade, so mag man dies
thun. Die Gewohnheit ist in psychologischen Fragen so oft, und bei so
verschiedenartigen Gelegenheiten das Wort, das zur rechten Zeit sich
einstellt, dass es auch hier ohne Schaden sich einstellen mag.


EINZIGARTIGKEIT DES KOMISCHEN PROZESSES.

Die komische Vorstellungsbewegung, wie sie im Vorstehenden genauer und
vollstndiger beschrieben wurde, ist einzigartig. Dennoch hat sie mit
anderen Arten der Vorstellungsbewegung Hauptzge bald mehr bald minder
gemein. Es dient dem oben Gesagten, vor allem unserer Begrndung des
Gefhls der Komik zur wertvollen Besttigung, wenn wir sehen, wie in dem
Masse, als in einem ausserkomischen Vorgang die Faktoren der komischen
Vorstellungsbewegung wiederkehren, auch das begleitende Gefhl sich dem
der Komik nhert.

Man erinnert sich, dass wir bereits das Spiel der Kinder mit der Komik in
Beziehung brachten. Verwandt ist das Spiel, speciell das Spiel mit
Gedanken, oder das Spiel geselliger Unterhaltung, dem wir uns nach
abgeschlossener Arbeit berlassen. Die Arbeit, die auf ernste Zwecke
abzielt, mit der wir Pflichten gengen, die beherrscht ist von mehr oder
weniger tiefgreifenden Interessen, wird uns, je mehr sie ihren Namen
verdient, um so mehr mit gewisser Strenge in Anspruch nehmen und
erfllen. Und diese Strenge wird sich jederzeit auch in der Art der
Befriedigung spiegeln, die uns die Arbeit gewhrt, die Befriedigung mag
im brigen eine noch so hohe sein. Dagegen ist es dem Spiele eigen, von
dem Gewicht der Zwecke, der Pflichten, der tiefgreifenden Interessen
nicht beschwert zu sein. Was wir im Spiele thun und erleben, hat also an
sich nicht die gleiche Macht, uns in Anspruch zu nehmen, wie die ernste
Arbeit. Nichtsdestoweniger kommen wir ihm, wenn die Ermdung uns nicht
auch zum Spiele unfhig macht, mit demselben Masse von seelischer Kraft
entgegen, das wir der Arbeit entgegenbringen. Daraus ergiebt sich auch
hier ein relativ leichter und ungehemmter Wellenschlag seelischen Lebens,
hnlich dem, in welchem der Vorgang der Komik psychologisch betrachtet
besteht. Und daraus wiederum ergiebt sich ein gleichartiger, "heiterer"
Grundzug des Gefhls.

Doch drfen wir ber allem dem den wesentlichen Unterschied nicht
vergessen. Der Komik ist der Kontrast des Bedeutsamen und Nichtigen und
die pltzliche Lsung der Spannung eigen. Diese Momente gehren nicht zu
jenem Spiel. Es fehlt darum bei ihm sowohl die eigenartige Lebhaftigkeit
der Vorstellungsbewegung, ihre Weise, pltzlich und an einem Punkte
auszubrechen, ihre explosive Art, als auch jene eigenartige Ausbreitung
und Erneuerung. Und es fehlt zugleich dem _Gefhl_ der "Heiterkeit" das
Losgelassene, schliesslich "Unbndige", wodurch das Gefhl der Komik
umsomehr charakterisiert ist, je mehr jene besonderen Momente in ihm zur
Wirkung kommen.

Wir haben auch die Komik gelegentlich als Spiel bezeichnet. Wir nennen
gewisse Witze Wortspiele. Aber dies Spiel bleibt doch immer ein Spiel von
ganz besonderer Art.




XI. KAPITEL. LUST- UND UNLUSTFRBUNGEN DER KOMIK.


PRIMRE MOMENTE DER LUST UND UNLUST.

Indem ich den komischen Vorstellungsprozess als ein Hin- und Hergehen und
sich Erneuern der seelischen Bewegung bezeichnete, habe ich mich im
Ausdruck der _Hecker_'schen Erklrung des Gefhls der Komik, die im
ersten Kapitel abgewiesen wurde, wiederum in gewisser Weise genhert.
Doch nur im Ausdruck. Denn nicht um ein Hin- und Hergehen zwischen Lust
und Unlust, sondern um ein Hin- und Hergehen der Vorstellungsbewegung und
damit zugleich um ein Hin- und Hergehen zwischen Spannung und Lsung und
demgemss zwischen Ernst und Komik handelt es sich uns. Die Komik ist
hierbei nicht die hin- und hergehende _Bewegung_, sondern sie ist eines
der Elemente, _zwischen_ denen die Hin- und Herbewegung stattfindet.

Dies Hin- und Hergehen mag dann freilich auch im einzelnen Falle mehr
oder minder als ein Hin- und Hergehen zwischen relativer Lustfrbung und
relativer Unlustfrbung der Komik sich darstellen. Inwiefern dies mglich
ist, dies ergiebt sich, wenn wir jetzt auch die Betrachtung des Gefhls
der Komik vervollstndigen.

Komik, so wiederholen wir zunchst, ist an sich nicht Lust noch Unlust,
sondern ein eigenartiges Gefhl. Wir sahen aber, dass und warum die Komik
zur Lustfrbung hinneigt, oder zunchst Lustfrbung besitzt. Der Prozess,
dem das Spezifische des Gefhls der Komik sein Dasein verdankt, ist, so
sahen wir, in sich selbst zugleich Grund der Lust.

Doch ist er zugleich auch in sich selbst in hherem oder geringerem Grade
ein Grund der Unlust. Die Erwartung ist ein Hindrngen auf das Erwartete.
Diesem Hindrngen tritt das Nichtige, sofern es anders beschaffen ist,
als das Erwartete, feindlich entgegen. Die Erwartung wird enttuscht.
Enttuschung bringt ein Gefhl der Unbefriedigung. Bezeichnen wir den
Unterschied zwischen dem Erwarteten und dem dafr Eintretenden als
"qualitativen Kontrast", so ist dieser _qualitative Kontrast_ der Grund
der Unbefriedigung.

Man sieht, wie hier der Grund der komischen Lust und der Grund der Unlust
dicht bei einander stehen. Das nicht Erwartete, sofern es doch auch
wiederum das Erwartete, zugleich aber ein Nichtiges ist, wird spielend
aufgefasst; sofern es nicht das Erwartete ist, unterliegt es einer
Hemmung. Wir fallen auf das Komische herein, oder fallen darber her.
Dies Fallen ist so anstrengungslos, wie das Fallen zu sein pflegt. Aber
es ist durch ein vorangehendes Stolpern bedingt.

Das Gleiche findet statt, da wo das Wort "Erwartung" weniger am Platze
ist. Meine Gewohnheit, menschliche Formen mit der weissen Hautfarbe
verbunden zu sehen, wird durchbrochen durch die Hautfarbe des Negers.
Ebenso die Gewohnheit logischer Rede durch das Spiel mit Worten, die
Gewohnheit einer bestimmten Art des Handelns unter bestimmten
Voraussetzungen durch die naive Handlungsweise. Auch diese Durchbrechung
unserer Vorstellungsgewohnheit durch die andere Beschaffenheit des
Gegenstandes der Komik knnen wir als qualitativen Kontrakt bezeichnen.
Der qualitative Kontrast ist dann berall der Grund der komischen Unlust.

Man wird freilich finden, dass eine solche Enttuschung oder
Durchbrechung unserer Vorstellungsgewohnheit nicht immer von einem
merkbaren Unlustgefhl begleitet sei. Dies beweist dann nur, dass das
daraus fliessende Unlustgefhl schwach sein und durch ein strkeres
Lustgefhl leicht ausgeglichen oder berboten werden kann. In der That
werden wir bei der Komik jenes Unlustgefhl unter gewhnlichen Umstnden
so schwach zu denken haben, dass es gegenber der komischen Lust nicht
aufkommen kann. Wir bezeichnen jenes Gefhl allgemein als Gefhl der
berraschung oder des Befremdens. Aber die berraschung oder Befremdung,
die nur darauf beruht, dass etwas anders ist, als wir erwarteten oder
gewohnt sind, gleichgltig, welchen Wert das Erwartete oder Gewohnte,
und ebenso, welchen Wert das an die Stelle tretende Unerwartete
oder Ungewohnte fr uns hat,--und dies neutrale Gefhl der
berraschung oder des Befremdens meinen wir hier--hat wenig Kraft.
Nichtsdestoweniger mssen wir dies Gefhl von Haus aus als--in seinen
_Bedingungen_--vorhanden annehmen. Und es kann auch unter Umstnden, vor
allem bei solchen, die Sklaven ihrer Vorstellungsgewohnheiten geworden
sind, empfindlich zu Tage treten.


QUALITATIVE BEREINSTIMMUNG UND QUANTITATIVER KONTRAST.

Dagegen ist jede Erfllung der Erwartung, jede bereinstimmung mit
unseren Vorstellungsgewonheiten Grund der Lust. Es wchst darum auch die
komische Lust mit dieser "qualitativen bereinstimmung".

Die Lust wchst aber mit der qualitativen bereinstimmung auch noch aus
dem weiteren Grunde, weil mit derselben die Vorstellungsbewegung, aus der
wir eben die komische Lust hervorgehen sahen, eine Steigerung erfhrt.
Das Nichtige, das an die Stelle des erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
vermag sich ja, wie wir sahen, die diesem verfgbar gemachte seelische
Kraft anzueignen _in dem Masse_, als es damit _bereinstimmt_. Und eben
auf dieser Aneignung beruht ja der Lust erzeugende komische Prozess.

So muss das kleine Huschen neben den grossen Palsten uns in hherem
Grade belustigen, wenn es nicht nur auch als menschliche Wohnung, sondern
als Miniaturpalast mit denselben Formen, die die Palste auszeichnen,
sich darstellt. Wir werden hier nicht nur durch die bereinstimmung
befriedigt, wie durch jede bereinstimmung, sondern das Huschen erhebt
auch fr unsere Vorstellung in hherem Masse den Anspruch, selbst einer
der grossen Palste zu sein. Es muss also in hherem Masse die spezifisch
komische Lust erwecken.

Ebenso erscheint das Spiel mit Worten um so leichter als Trger eines
bedeutungsvollen Sinnes, je mehr es, bei aller logischen Nichtigkeit,
usserlich der logischen Form sich nhert, oder mit der gewhnlichen
Hausordnung unseres Denkens und Redens bereinstimmt.

Und schliesslich ist nicht minder die naive Handlungsweise in um so
hherem Grade geeignet, den Eindruck des vom naiven Standpunkte aus
Wohlberechtigten zu machen, je mehr die Handlungsweise trotz aller
Naivett der gewhnlichen Handlungsweise sich nhert. So werden wir
herzlicher lachen, wenn ein Kind in seiner kindlichen Unschuld
Hflichkeitsformen, die es bei Erwachsenen beobachtet hat, am falschen
Platze anwendet, als wenn es, in voller Unkenntnis derselben, einfach,
obgleich echt kindlich, gegen alle Hflichkeit verstsst.

Nach dem Gesagten sind wir im stande allgemein die Bedingungen anzugeben,
denen das Verhltnis der Lust und Unlust im Gefhl der Komik unterliegt.
Der Gegensatz der Bedeutsamkeit und Bedeutungslosigkeit, der Erhabenheit
und Nichtigkeit, oder, wie wir in Anlehnung an den "qualitativen
Kontrast" krzer sagen wollen, der "quantitative Kontrast" bedingt in
erster Linie die komische Lust. Die Lust wchst mit der Grsse dieses
quantitativen Kontrastes. Sie wchst zugleich in doppelter Weise mit der
qualitativen bereinstimmung. Dagegen wchst die Unlust mit der Grsse
des qualitativen Kontrastes.

Dazu tritt dann noch ein Moment, das die Komik nach ihrer Lust- wie nach
ihrer Unlustseite steigert. Die Reihe von Palsten ergiebt, wie schon
oben gesagt, eine _bestimmtere_ Erwartung, dass wieder ein Palast folgen
werde, als der einzelne Palast. Je bestimmter nun die Erwartung, um so
fhlbarer wird das Strende der Enttuschung. Zugleich aber _wirkt_ die
bestimmtere Erwartung, auch soweit sie dem Nichtigen seelische Kraft
verfgbar macht, energischer. Das ganze Gefhl der Komik also wird durch
die grssere Bestimmtheit der Erwartung lebhafter. Nehmen wir an, die
Erwartung htte dadurch, dass schon vorher zwischen die Palste kleine
Huschen traten, an Bestimmtheit verloren, so wrde das Gefhl der Komik
wesentlich herabgedrckt erscheinen.

Das ganze Gefhl der Komik, sage ich, wird lebhafter. Dies hindert doch
nicht, dass fr gewhnlich aus der bestimmteren Erwartung die komische
Lust _grsseren_ Vorteil ziehen wird, als die von Hause aus geringfgige
komische Unlust. Nur fr den Pedanten und Eigensinnigen, der, was er
einmal erwartet, so gleichgltigen Inhaltes es anch sein mag, in Gedanken
nicht mehr los werden kann, mag es sich umgekehrt verhalten.

In der Erwartung besteht in dem besprochenen Falle die bei der Komik
wirksame Vorstellungsbeziehung. Bei der witzigen Rede tritt an ihre
Stelle die Beziehung zwischen Wort und Sinn, logischer Form und logischem
Inhalt. Auch die Festigkeit und Sicherheit dieser Beziehung erhht die
Lust wie die Unlust. Je fester und sicherer in mir logische Form und
logischer Inhalt verbunden sind, je bestimmter immer eines auf das andere
hinweist, um so mehr kann mich die unlogische Form, in der ein Inhalt
vorgebracht wird, stren. Um so mehr wird aber zugleich das wirklich oder
scheinbar Logische an der unlogischen Form mich auf den bedeutungsvollen
Inhalt, als dessen Trger sie, eben vermge ihres logischen oder
pseudologischen Charakters erscheint, hinweisen, also den Eindruck eines
bedeutungsvollen Sinnes erzeugen. Gebildete, logisch geschulte Menschen
zeichnen sich durch Sicherheit jener Beziehung aus. Sie werden darum die
Durchbrechung der logischen Gewohnheit leichter strend empfinden und
zugleich den Witz leichter herausfinden. Hat sie die logische Schulung zu
logischen Pedanten, Fanatikern der logischen Form gemacht, so mag jenes
Gefhl der Strung sogar berwiegen. Besitzen sie "Humor", so wird sie
die Freude am Witz ber die Strung leicht hinwegheben.

Endlich erhht ebenso die Festigkeit derjenigen Vorstellungsbeziehung,
die aller _naiven_ Komik zu Grunde liegt, die Komik in beiderlei
Hinsicht. Je sicherer ich bin in der Beurteilung der Zweckmssigkeit oder
Wohlanstndigkeit einer Handlung, um so leichter erkenne ich die
unzweckmssige oder gegen den Anstand verstossende Handlung als solche
und empfinde die darin liegende Strung meiner Vorstellungsgewohnheit, um
so leichter erkenne ich andererseits die relative Zweckmssigkeit oder
sittliche Berechtigung, die der Handlung vom naiven Standpunkte aus
zugeschrieben werden muss. Wiederum sind aus diesem Grunde gebildete
Leute dem naiv Komischen gegenber sowohl "empfindlicher" als
empfnglicher. Und wiederum sind sie mehr das Eine oder mehr das Andere,
je nachdem sie Pedanten, Fanatiker der gewohnten Weise zu handeln oder zu
reden geworden sind, oder die geistige Freiheit des Humors besitzen.


AUSSERKOMISCHE GEFHLSMOMENTE.

Damit sind, soviel ich sehe, die Bedingungen der komischen Lust und
Unlust, soweit sie in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst
enthalten sind, erschpft. Es treten aber dazu schliesslich noch
Bedingungen der Lust und Unlust, die schon, abgesehen von diesem
Vorstellungszusammenhang, bestehen und wirken. Obgleich darnach die Lust
und Unlust, die aus ihnen sich ergiebt, mit dem Gefhl der Komik
eigentlich nichts zu thun hat, kann doch dies Gefhl durch ihr
Hinzukommen wesentlich beeinflusst werden.

Ich erwarte ein furchtbares Ereignis mit ngstlicher Spannung. Dabei
haftet die Furcht oder Angst an dem Ereignis, gleichgltig was
nachtrglich aus der Erwartung wird. Das peinliche Furcht- oder
Angstgefhl weicht, und ich fhle mich angenehm berhrt, wenn die
Erwartung schwindet. Wiederum habe ich die angenehme Empfindung
ebensowohl, wenn genauere berlegung des Sachverhaltes sie zum
Verschwinden bringt, als wenn sie in komischer Weise in nichts zergeht.
Immerhin kommt im letzteren Falle die angenehme Empfindung zur komischen
Lust verstrkend, zugleich ihren Charakter ndernd hinzu. Vielleicht ist
das Nichts, trotz seiner Nichtigkeit, an und fr sich angenehm. Dann
verstrkt sich die Lust von neuem. Im gegenteiligen Falle erleidet sie
eine Einbusse.

Oder ich erwarte auf Grund irgendwelcher Ankndigung ein Ereignis, das
fr mich positiven Wert htte, also Gegenstand meiner Freude wre. Dann
bedaure ich die komische, ebenso wie jede andere Art der Enttuschung.
Vielleicht trstet mich bei der komischen Enttuschung das Nichtige, das
an die Stelle tritt, in gewissem Grade. Auch dasjenige, was nicht dazu
angethan ist, mich mit grosser Gewalt in Anspruch zu nehmen, kann ja
einen Grad der Befriedigung gewhren. Dann vermindert sich jenes
Bedauern. Dagegen kommt ein neues Unlustmoment hinzu, wenn das
Nichtsbedeutende an sich ein Missflliges ist. In jedem Falle sind auch
hier die positiven und negativen Werte, die den Elementen des komischen
Vorstellungszusammenhanges an sich eignen, wesentliche Faktoren im
schliesslichen Gesamteffekt des komischen Vorgangs.

Ebensolche Faktoren spielen auch bei allen anderen Fllen der Komik
starker oder schwcher mit. Die schwarze Hautfarbe ist nicht nur komisch,
sondern auch hsslich, weil der Gedanke, den sie mir auf Grund
gewhnlicher Erfahrung zu vollziehen verbietet, obgleich ihn zugleich die
_Formen_ des Negerkrpers gebieterisch fordern--der Gedanke nmlich eines
dahinter waltenden menschlichen Lebens--ein an sich wertvoller ist. Das
Urteil, das der Witz spielend fllt, beleidigt an sich, wenn es eine
Bosheit ist, oder in allzu niedriger Sphre sich bewegt; es erfreut, wenn
es eine berechtigte Abfertigung in sich schliesst, oder die Wahrheit, die
es verkndigt, eine an sich erfreuliche ist. Die witzige Form, das Spiel
selbst, kann beleidigen, wenn es Spiel mit Worten ist, die man nicht
"vergeblich fhren" soll; es kann erfreuen, wenn es an sich anmutiges,
kunstvolles Spiel ist u. s. w.

Am engsten sind schliesslich solche ausserkomische Lust- und
Unlustmomente verbunden mit dem _naiv Komischen_. Sie haften ihm nicht
nur gelegentlich an, sondern gehren zu seiner eigensten Natur. Ebendamit
ragt das naiv Komische, wie ich schon frher sagte, ber die Komik
hinaus. Die objektive Komik umfasst alle Gebiete der Wirklichkeit. Das
sittlich Wertvollste wird in ihr zu Schanden; zugleich findet sie auf dem
Gebiete des blinden, geist- und herzlosen Zufalls ein reiches Feld ihrer
Verwirklichung. Der Witz, an und fr sich aller objektiven Wirklichkeit
vllig entrckt und allein der khlen Sphre der Logik angehrig, ein
Spiel des Denkens mit sich selbst, ist mehr oder weniger geistreich, aber
herzlos. Nur das Naive hat jederzeit Herz. Entsprechend seinem
persnlichen Charakter beleidigt und befriedigt es Forderungen, die wir
an die Persnlichkeit stellen, die den Takt, die Klugheit, den Geschmack,
die sittliche Tchtigkeit, kurz den Wert der Person betreffen. Dieser
Wert ist aber nicht nur der hchste, sondern der einzig absolute. Was
sonst wertvoll ist, ist es doch nur in seiner Beziehung und Wirkung auf
die Person. Die Person allein ist der letzte und endgltige Trger aller
Werte.

Indem  diese ausserkomischen Lust- und Unlustmomente zum eigentlichen
Gefhl der Komik hinzutreten, modifizieren sie natrlich den Gesamteffekt
der Komik in grsserem oder geringerem Grade. Dies mssten sie thun, auch
wenn ihre Bedingungen mit den Bedingungen der eigentlich komischen Lust
und Unlust in keiner Beziehung stnden. Thatschlich aber besteht ein
Verhltnis der Abhngigkeit dieser Bedingungen von jenen, und zwar ein
solches, das enge genug ist, um unter Umstnden das ganze Gefhl der
Komik zu erdrcken.

Ein Nichts, das an die Stelle eines erwarteten Bedeutungsvollen tritt,
wird, wie wir sahen, komisch, indem es die seelische Kraft aneignet, die
der Gedanke an das Erwartete bereithlt oder verfgbar macht. Je
wertvoller aber das Erwartete ist, oder je mehr uns jetzt gerade aus
allgemeinen oder persnlichen Grnden an ihm gelegen ist, um so
energischer halten wir den Gedanken des Erwarteten, und speciell das, was
seinen Wert ausmacht, fest, um so strker drngt die seelische Bewegung
auf die Verwirklichung seines Inhaltes, soweit er ein wertvoller ist,
hin. Dass es so ist, dass der Gedanke im Zusammenhang des psychischen
Lebens eine Stellung einnimmt, oder zu diesem Zusammenhang in einer
Beziehung steht, aus der dies Festhalten desselben und dies Hindrngen
auf Verwirklichung seines Inhaltes notwendig sich ergiebt, das ist es
eben, was den Gedanken zu einem fr mich wertvollen macht, oder worin,
psychologisch betrachtet, sein "Wert" fr mich besteht.

Kommt nun das Nichtige, das dieses Wertes entbehrt, und setzt sich der
Gewalt jenes Hindrngens und Festhaltens zum Trotz, also gewaltsam an die
Stelle des erwarteten Wertvollen, so entsteht zunchst, eben wegen dieser
Gewaltsamkeit, das schon in Rechnung gezogene ausserkomische Gefhl der
Unlust. Und dies verstrkt zunchst das, wie wir annahmen, in der Regel
geringfgige Unlustmoment, das aus der Enttuschung der Erwartung in
jedem Falle, abgesehen von dem Werte des Erwarteten entspringt. Zugleich
aber ist die Leichtigkeit, mit der das Nichtige die fr die Erfassung des
erwarteten Wertvollen bestimmte seelische Kraft sich aneignen kann,
vermindert. Diese Leichtigkeit ist ja das Gegenteil jener
"Gewaltsamkeit". Drngt der Gedanke an das erwartete Wertvolle auf die
Erfassung eben dieses Wertvollen, so hemmt er notwendig die Erfassung des
Nichtigen, in welchem, und soweit in ihm jener wertvolle Inhalt _negiert_
erscheint. Macht er die seelische Kraft fr das erwartete Wertvolle als
_solches_ verfgbar, so verweigert er sie ebendamit dem an die Stelle
tretenden Nichtigen, das mir _verbietet_ den Gedanken an jenen wertvollen
Inhalt zu vollziehen. Daraus ergiebt sich eine Herabdrckung der leichten
Vorstellungsbewegung, aus der wir die komische Lust haben hervorgehen
sehen, eine Herabdrckung, die bis zur vollstndigen Lhmung sich
steigern kann.

Eine ebensolche Herabdrckung oder Lhmung kann, aus analogen Grnden,
bei der subjektiven Komik stattfinden. Am heiligen Orte, bei der ernsten
religisen Feier, erwarten wir nicht nur, sondern wir fordern aus
sittlichen Grnden die Aussprache ernster Gedanken, wie sie uns da von
selbst sich aufdrngen. Ein Witz an solcher Stelle, ein Witz, vollends,
der mit Worten spielt, die selbst solche ernste Gedanken in uns wecken,
geht seiner Komik verlustig. Die ernsten Gedanken bleiben dabei, sich uns
aufzudrngen; sie hngen sich wie Gewichte an das nichtige Spiel, so dass
der leichte seelische Wellenschlag, der das Wesen der Komik macht,
unterbleiben muss. Was brig bleibt, ist das Gefhl der Unlust, das aus
der Nichterfllung und Verneinung unserer Forderung in jedem Falle sich
ergeben muss.

Die _sittlichen_ Forderungen sind es, die wir, von persnlichen
Interessen abgesehen, am strengsten festhalten und am wenigsten leicht
fr einen Augenblick dahingestellt lassen. Wo solche Forderungen verneint
werden, schwindet darum am leichtesten das Gefhl der Komik. Das Komische
wird lcherlich, verchtlich, schliesslich emprend. Vielleicht entsteht
das Gefhl der Komik im ersten Moment. Die Grsse des quantitativen
Kontrastes und der qualitativen bereinstimmung, insbesondere die
Sicherheit, mit der wir gerade in dem Augenblick, wo das Nichtige sich
einstellt, das Bedeutungsvolle erwarten, bezw.--beim Witze--die
Sicherheit, mit der die scheinbare Logik des nichtigen Wortspiels auf den
bedeutungsvollen Inhalt hinweist,--dies zusammen thut vielleicht im
ersten Momente trotz der Strenge der sittlichen Forderung seine komische
Wirkung. Die seelische Kraft wird durch die bezeichneten Kanle zum
Nichtigen herbergeleitet und jene Forderung muss wohl oder bel
zurcktreten. In diesem Falle wird aber doch die komische Wirkung nicht
nur von vornherein eine weniger freie sein, sondern sie wird auch
schneller sich verzehren mssen, als sie es sonst thte. Die komische
Wirkung, so sahen wir oben, erhlt und erneuert sich, indem wir zu dem,
was die Erwartung eines Bedeutsamen erregte, oder zu dem scheinbar
Logischen, das uns den bedeutungsvollen Gedanken aufntigte, unseren
Blick zurckwenden. Die Wirkung ist aber bei jeder neuen Rckwrtswendung
den Blickes eine geringere, weil die Erwartung, nachdem sie ein oder
mehrere Male ihre Enttuschung erfahren hat, immer weniger sicher
geworden ist, weil ebenso die Bestimmtheit, mit der die scheinbare Logik
des nichtigen Wortspiels auf den bedeutungsvollen Inhalt hinweist, durch
die ein- oder mehrmalige Bewusstwerdung seiner thatschlichen Bedeutungs-
und Inhaltslosigkeit eine immer grssere Einbusse erlitten hat.

Ebendamit nun gewinnt zugleich die sittliche Forderung, die an ihrer
Strenge _nichts_ eingebsst hat, grssere hemmende Gewalt. Indem das
Nichtige weniger leicht seelische Kraft gewinnt, vermag der Gedanke an
das geforderte Wertvolle, der erst zurckgetreten war, entsprechend
strker hervorzutreten, und nun auch mit entsprechender Energie auf die
weitere Verminderung der Komik hinzuarbeiten. Jene Verminderung der
Fhigkeit des Nichtigen, seelische Kraft zu gewinnen, und dieses
Hervortreten der sittlichen Forderung, diese beiden Momente steigern sich
in ihren Wirkungen wechselseitig. So geschieht es, dass der Eindruck der
Komik grsserem und grsserem Widerstreben begegnet, bis schliesslich
nichts mehr brig bleibt, als das Gefhl des Widerstrebens oder der
Emprung.

Es kann aber nicht nur durch unerfllte, sondern auch durch erfllte
Forderungen, nicht nur durch negierte, sondern auch durch realisierte
Werte der Komik der Boden entzogen werden. Wir sehen den bermtigen zu
Fall kommen, sich in seinen eigenen Schlingen fangen, seine gerechte
Strafe finden. Wir sehen ihn beschmt. Diese Beschmung hat positiven
Wert. Hier tritt wiederum zur Komik ein ihr gegenstzliches Element
hinzu. Das Nichts, in das der Anspruch des bermutes zergeht, kann nur
als nichtig sich darstellen und in seiner Nichtigkeit spielend aufgefasst
werden, wie dies zur Komik erforderlich ist, so lange es als dies
Nichtige erscheint. Scheint es nicht mehr nichtig, sondern mit dem
Gedanken der Bestrafung oder Beschmung beschwert, so mindert sich das
Gefhl der Komik. Freilich bleibt auch hier das Nchste das Zergehen des
Anspruchs. Dann aber tritt jener ernste Gedanke, die Freiheit und
Leichtigkeit der psychischen Bewegung aufhebend hinzu. Je nher und in
die Augen springender der Fall des bermtigen ist, desto sicherer kann
im ersten Momente die Komik sich einstellen. Dann aber schmen wir uns
vielleicht unseres Gefhls der Komik.


BESONDERHEIT DER NAIVEN KOMIK.

So sehen wir die Komik in doppelter Weise in ihr Gegenteil umschlagen,
das eine Mal in ernste Unlust, das andere Mal in ernste Befriedigung.
Dieser Umschlag kann bei der objektiven und nicht minder bei der
subjektiven Komik geschehen. Doch immer nur unter bestimmten Umstnden.
An sich liegt dazu in diesen beiden Gattungen des Komischen kein Anlass.

Dagegen besteht ein solcher Anlass jederzeit in gewissem Grade in der
naiven Komik. Hier werden, wie oben gesagt, jederzeit Forderungen von
unbedingtem Wert verneint und erfllt. Daraus kann sich von vornherein
eine wesentliche Herabstimmung der Komik ergeben. Das Gefhl kann von
vornherein an der Grenze stehen, wo die Komik in ernste Lust oder Unlust
bergeht. Oder es kann erst ausgesprochenes Gefhl der Komik sein, dann
ein Gefhl des Ernstes an die Stelle treten.

Wer von dem Wert der Ehre, wie wir sie gemeinhin zu fassen pflegen, auch
derjenigen, von der wir meinten, dass sie _Falstaff_ mit Recht
herunterziehe, in hohem Masse durchdrungen ist, wird fr die Komik der
_Falstaff_'schen Rede ber die Ehre wenig Verstndnis haben. Andererseits
knnte uns die Bewunderung, die wir der Sicherheit des sittlichen
Bewusstseins beim Korporal Trim entgegenbringen, derart gefangen nehmen,
dass wir seine Antwort auf die Frage des Doktors der Theologie nicht
komisch, sondern von vornherein nur erhaben fnden. Angenommen aber, wir
haben Sinn fr die Komik der _Trim_'schen Rede; dann wird doch das Ende
der Komik hier nicht die Komik, sondern der Ernst sein, nmlich eine Art
ernster Befriedigung.

Hier zeigt sich deutlich die besondere Eigenart der naiven Komik. Sie
liegt im Unterscheidenden dieser Gattung, wie wir es kennen gelernt
haben, notwendig begrndet. Die angemasste Erhabenheit des Nichtigen
zergeht in der objektiven Komik thatschlich. Ebenso die scheinbare
Wahrheit des nichtigen Spieles mit Worten in der subjektiven Komik.
Dagegen zergeht die Erhabenheit der naiv komischen usserung oder
Handlung, die ihren Grund hat in der Klugheit, Gesundheit, dem
natrlichen sittlichen Gefhl, kurz dem Wertvollen der Persnlichkeit,
das darin sich zu erkennen giebt, immer nur fr die allgemeine und
ebendarum einseitige Betrachtungsweise, sie bleibt bestehen fr die
persnliche Beurteilung, also fr die tiefere, weil dem Individuum
gerecht werdende Einsicht. Indem der Blick zurckkehrt, findet er das
wertvolle Erhabene in seinem Wert und seiner Erhabenheit wieder; nicht
als Inhalt einer unerfllten und darum peinlichen Forderung, sondern als
erkannte Thatsache. Oder vielmehr, dies Wertvolle kommt jetzt erst recht
in seinem Werte zum Bewusstsein und wirkt als das Erhabene, das es ist.
Es thut dies immer ausschliesslicher, indem die Komik in sich und im
Kampfe mit ihm erlahmt. Der Gedanke an das Wertvolle wird zum
herrschenden, und die erhebende Freude an seinem Inhalte zum herrschenden
Gefhl.

Andererseits wird die unerfllte Forderung, welche die allgemeine und
einseitige Betrachtungsweise stellt, in ihrer Einseitigkeit erkannt. Die
Strenge dieser Forderung schwindet oder mildert sich gegenber dem naiven
Individuum, auf das sie nicht oder nicht in ihrer Strenge anwendbar
erscheint. So kann sich auch ihr gegenber das Bewusstsein des Wertvollen
im Individuum behaupten. Ja es kann dies Letztere schliesslich so erhaben
erscheinen, dass nun im Vergleich mit ihm das Erhabene der gemeinen
Betrachtungsweise in nichts zergeht und so seinerseits komisch wird.
Damit ist die naive Komik in ihr vollkommenes Gegenteil umgeschlagen.

       *       *       *       *       *

Blicken wir jetzt zurck, so erscheint die Komik arm und reich, leer und
inhaltsvoll zugleich. An sich ist sie nichts als inhaltlich
gleichgltiges, leichtes und leicht verklingendes Spiel der
Vorstellungen, das als solches begleitet erscheint von einem Gefhl
heiterer, durch die notwendig stattfindende Enttuschung der Erwartung
oder Durchbrechung des gewohnten Vorstellungszusammenhanges kaum
getrbter, aber vergnglicher Lust. Die Komik erhlt hhere Bedeutung
erst, wenn Werte, die auch ausserhalb der Komik bestehen, in sie
eingehen. Solche Werte knnen in den komischen Vorstellungszusammenhang
eintreten und von dem Strudel der komischen Vorstellungsbewegung
hinabgezogen werden, dann aber auftauchen und sieghaft sich behaupten.
Indem sie dies thun, erscheinen sie erst recht in ihrem Werte, und wirken
auf das Gemt, wie sie es nicht vermocht htten in dem gewhnlichen
Vorstellungszusammenhang, wo sie in Gefahr waren, zu Momenten in dem
gleichmssig fortgehenden Strome des seelischen Geschehens herabgesetzt
und keiner besonderen Beachtung gewrdigt zu werden.

Damit hebt dann freilich die Komik sich selbst in ihr Gegenteil auf. Will
man von einer hheren Aufgabe der Komik reden,--und sie hat eine solche
im Leben und in der Kunst,--so besteht sie eben in diesem Dienste, den
sie dem Wertvollen in der Welt leistet, indem sie selbst, als reine
Komik, zu bestehen aufhrt.

Die Komik, so drfen wir dies steigern, ist dazu da, Wertvolles und
zuletzt sittlich Wertvolles in seiner Erhabenheit darzustellen. Mit einem
Worte: Sie ist dazu da, zum Humor sich aufzuheben. Darin besteht ihre
sittliche und zugleich sthetische Bedeutung. Der Humor tritt neben die
Tragik, der eine gleichartige Aufgabe zufllt. Nur dass dort das
Nichtige, hier das Leiden den Durchgangspunkt bildet und die Vermittlung
vollzieht. Humor und Tragik, das sind die beiden Weisen, im Leben und in
der Kunst durch Dissonanzen der Konsonanz, d. h. dem Guten erst die
rechte Kraft zu geben.

       *       *       *       *       *

IV. ABSCHNITT. DIE UNTERARTEN DES KOMISCHEN.


XII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER OBJEKTIVEN UND NAIVEN KOMIK.


STUFEN DER OBJEKTIVEN KOMIK.

Doch ehe wir dazu bergehen, betrachten wir die Unterarten der im
Bisherigen unterschiedenen Alten der Komik. Zunchst die der objektiven
Komik. Unsere Betrachtungsweise ist, wie bisher immer, zunchst die
allgemein psychologische, die aber weiterhin in die sthetische
Betrachtungsweise mnden soll.

Hinsichtlich der objektiven Komik besteht in erster Linie diejenige
psychologische Einteilung zu Recht, die schon frher von uns
vorausgesetzt wurde. hnlichkeit oder erfahrungsgemsser Zusammenhang
zwischen einem Gegebenen und einem erwarteten oder vorausgesetzten
Erhabenen bildet den Grund fr unsere Erwartung oder Voraussetzung dieses
Erhabenen, die dann in nichts zergeht. Es giebt eine objektive Komik auf
Grund dieser beiden, das ganze seelische Leben beherrschenden Arten der
Association. Das kleine Huschen zwischen mchtigen Palsten mag noch
einmal als Beispiel der einen, die nichtige Leistung des Grosssprechers
noch einmal als Beispiel der andern Art erwhnt werden.

Neben dieser formalen ist eine doppelte inhaltliche Einteilung mglich,
mit der wir uns schon der sthetischen Betrachtungsweise nhern. Die in
nichts zergehende Erhabenheit ist zunchst _sinnliche_ Erhabenheit, d. h.
Erhabenheit, die lediglich in der Energie und Dauer der Wirkung besteht,
die ein wahrgenommener Gegenstand, nur als wahrgenommener, auf uns bt.

Diese Wirkung bleibt aber nie fr sich. Welches Objekt auch auf uns
wirken mag, immer verbindet sich mit seiner Wahrnehmung die Vorstellung
eines so oder so gearteten, in ihm waltenden oder sich verkrpenden
Lebens. Der Baumriese hat nicht nur eine gewisse Grsse und Form, sondern
er scheint sie zu haben, indem er sich reckt, dehnt, Widerstand leistet,
kurz frei oder im Kampfe gegen Hindernisse seine Kraft entfaltet. Und der
Gedanke daran lsst ihn erst eigentlich als erhaben erscheinen. Von
solcher "Kraft" _sehen_ wir nichts. Wir kennen berhaupt, was den
eigentlichen und ursprnglichen Sinn dieses Wortes ausmacht, nicht
anders, denn als Inhalt unseres Kraftgefhls, des Gefhls freierer oder
gehemmterer Anstrengung. Aber eben diesen Gefhlsinhalt projizieren wir
durch einen Akt der allergelufigsten Vermenschlichung berall in die
Objekte hinein. Man erinnere sich hier wiederum des auf S. 19 f.[*]
Gesagten. Ausserdem bitte ich hierber meine "Raumsthetik und
geometrisch-optische Tuschungen" (Leipzig 1898) zu vergleichen.

[* Im Unterkapitel ALLERLEI STHETISCHE THEORIEN. Transkriptor.]

Diese dynamische, wir knnten auch sagen animalische Erhabenheit bestimmt
sich dann in dieser oder jener Weise nher. Sie bekommt einen konkreteren
und konkreteren Inhalt. Das "Leben", das von vornherein ein Analogon
menschlichen Lebens ist, nhert sich dem Leben, wie wir es im Einzelnen
in uns erleben oder erleben knnen. Es gewinnt bewussten _geistigen_
Inhalt. Seine Erhabenheit stellt sich dar als _geistige_ Erhabenheit.
Schon der Baumriese hat nicht nur Kraft, sondern seine Kraft ist auf
Bestimmtes gerichtet. Er will etwas, er hat Ziele oder Zwecke. Er
"_sucht_" Luft und Licht. Er "erfreut" sich ihrer, wenn er davon umspielt
wird. Er flstert schliesslich und trumt, wie eine Art selbstbewussten
Individuums.

Sowenig darnach Objekte als sinnlich, dynamisch, geistig erhaben einander
gegenbergestellt werden knnen, so wertvoll ist die Unterscheidung
dieser Arten und Stufen der Erhabenheit fr den sthetischen
Gesichtspunkt. Je hherer Stufe die Erhabenheit angehrt, um so schrfer
wird ihr Zergehen in nichts empfunden. Der Mensch, der das hchste
Erhabene ist, ist ebendarum das einzige ursprngliche Objekt der
Lcherlichkeit. Alles andere kann lcherlich erscheinen nur in dem Masse,
als es von uns vermenschlicht wird.

Wiederum ist jene hchste, geistige Erhabenheit intellektuelle
Erhabenheit; oder Erhabenheit des auf Zwecke, vor allem sittliche Zwecke,
gerichteten Wollens; oder endlich Erhabenheit, die in der Kraft, dem
Reichtum, der Feinheit des Gefhls besteht. Auch darnach lassen sich
Stufen der objektiven Komik unterscheiden.


SITUATIONS- UND CHARAKTERKOMIK.

Neben solchen Einteilungen steht eine andere mgliche Einteilung der
objektiven Komik, fr welche gleichfalls der Inhalt der Komik den
Einteilungsgrund bildet.

Wir scheiden das bel oder das Nichtseinsollende, das uns widerfhrt, von
dem Bsen, dem Mangel, dem Fehler, der an uns ist und in unserem Thun
oder Gebaren zu Tage tritt. Das Nichtseinsollende ist Begegnis oder
Eigenschaft, Schicksal oder Charakter.

So ist auch jede Komik fr die Person, oder auch die Sache, die darin
verflochten ist, Schicksal oder Charakter. Wir unterscheiden also
Schicksals- oder Charakterkomik. Statt Schicksalskomik knnen wir auch
sagen: Situationskomik.

Dies erinnert uns an unser drittes Kapitel. Dort stellten wir
einstweilen--mit _Krpelin_--der Situationskomik nicht die
Charakterkomik, sondern die Anschauungskomik gegenber. Aber die hier
gewhlte Bezeichnung des Gegensatzes ist klarer. Wir bleiben darum bei
ihr. Missfllt der Ausdruck Charakterkomik, dann sage man: Komik des
Wesens, oder: an der Beschaffenheit des komischen Objektes haftende
Komik.

Auch dies ist klar, dass beide Arten der Komik Hand in Hand gehen knnen,
dass eine Komik beides zugleich sein kann, Situations- und
Charakterkomik. Doch davon spter, wenn es sich um die sthetische
Bedeutung dieses Gegensatzes handeln wird. Dass derselbe eine solche
sthetische Bedeutung haben muss, braucht ja nicht gesagt zu werden.


NATRLICHE UND GEWOLLTE KOMIK.

Hiermit verbinde ich weiterhin solche Unterschiede der objektiven Komik,
die sich aus der Betrachtung der Arten oder der Grnde des Auftretens der
Komik ergeben.

Objektive Komik kann einmal durch den natrlichen Zusammenhang der Dinge
gegeben sein, oder im natrlichen Verlauf des Geschehens sich einstellen.
Sie ist ein andermal knstlich oder geflissentlich hervorgerufen.

Fr Letzteres bestehen wiederum verschiedene Mglichkeiten. Ich hnge
jemanden etwas an, das ihn komisch macht, oder bringe ihn in eine
komische Situation, spiele ihm einen "Possen", mache mit ihm einen
"Witz".

Von solcher Hervorrufung der Komik, bei welcher das Komische oder der
eigentliche Gegenstand der Komik erst von mir ins Dasein gerufen wird,
unterscheide ich die komische Darstellung, die nicht das Komische, wohl
aber die Komik erst erzeugt.

Auch diese "komische Darstellung" kann wiederum einen verschiedenen Sinn
haben. Sie besteht einmal lediglich darin, dass ich dasjenige an einer
Person oder Sache, das an sich komisch zu wirken geeignet ist,
beschreibe, zur Kenntnis bringe, ans Licht setze. Indem ich dies thue,
mache ich erst die Komik mglich. Dabei ist es gleichgltig, ob das
dargestellte Komische ein wirkliches oder ein fingiertes ist. Ich rechne
also hierher auch die Darstellung erfundener oder durch knstlerische
Phantasie gefundener komischer Gestalten und Situationen.

Hiervon deutlich unterschieden ist die Darstellung, die erst durch die
Weise der Darstellung die Komik hervorruft. Ein Objekt trgt an sich
nichts, das mir bei gewhnlicher Betrachtung komisch erschiene. Nun
manipuliere ich aber in der Darstellung mit dem Objekte so, dass ein
komisches Licht darauf fllt. Ich beleuchte es komisch.

Diese komische Beleuchtung wird immer zugleich im eigentlichen Sinne des
Wortes "witzig" sein, d. h. einen Fall der subjektiven Komik darstellen.
Die Manipulation, von der ich rede, erzeugt ja der Voraussetzung nach
eine Komik, die nicht im Objekte liegt. Sie ist also ein Spiel, das etwas
sagt, das ein Urteil ber ein Objekt entstehen lsst, angesichts des
Objektes aber doch wiederum als nichtssagendes Spiel erscheint. Es ist
die sachlich unberechtigte Einfgung in einen Vorstellungszusammenhang,
die das Objekt hinsichtlich seines Eindruckes auf uns in ein anderes
verwandelt, und doch das Objekt selbst lsst wie es ist.

Hierhin gehrt die Komik der Nachahmung, von der oben die Rede war. Die
komische Nachahmung lst, wie wir sagten, das Nachgeahmte aus dem
Zusammenhang der Person, in der es in der Ordnung, also nicht komisch
erscheint, und stellt es isoliert hin. Damit nimmt sie dem Nachgeahmten
seinen Sinn oder seine individuelle Berechtigung.

Neben diese komische Nachahmung tritt die durch die Mittel der Sprache
bewirkte komische Gruppierung von Zgen eines wirklichen oder fingierten
Menschen oder Dinges, die Zusammenstellung des relativ Erhabenen und des
Nichtigen, der Art, dass daraus eine komische Beleuchtung sich ergiebt.

Die komische Darstellung geht von hier noch einen Schritt weiter, wenn
sie zur karikierenden, bertreibenden, verzerrenden Darstellung wird.
Sofern solche Darstellung glaublich erscheint, das Dargestellte als damit
"getroffen" anerkannt wird, und andererseits doch wiederum die Karikatur,
bertreibung, Verzerrung als solche, d. h. als von der Wirklichkeit
abweichendes, willkrliches und demnach nichtsbedeutendes Spiel
erscheint, ist sie zugleich eine besondere Art des Witzes. Als solche
gehrt sie nicht hierhin.

Hierzu fge ich als weitere und eigenartige Weisen der "komischen
Darstellung", in unserem Sinne, die Travestie und die Parodie. Auch sie
sind Arten der komischen Gruppierung oder der unmittelbaren
Aneinanderrckung des Erhabenen und des Nichtigen. Aber nicht Zge des
Objektes sind es, die hier unmittelbar aneinandergerckt und zur Einheit
verbunden scheinen, sondern: In der Travestie wird das Erhabene in Worten
und Wendungen, die einer niedrigeren Sphre angehren, dargestellt, in
der Parodie umgekehrt das Niedrige oder Triviale durch Einkleidung in
eine dem Erhabenen zugehrige sprachliche Form zu einem Scheinerhabenen
gestempelt. Dort zergeht die Erhabenheit des Inhaltes durch die Form, und
zugleich die Form, die vermge des Inhaltes Erhabenheit sich anmasste, in
sich selbst. Hier zergeht die erhabene Form durch den Inhalt, und
zugleich der durch die Form zum Scheinerhabenen aufgebauschte Inhalt in
sich selbst.


POSSENHAFTE, BURLESKE, GROTESKE KOMIK.

Die hier gemachten Unterscheidungen bringen wir endlich wiederum in
Zusammenhang mit gewissen herkmmlichen Begriffen, in denen Arten des
Komischen bezeichnet scheinen.

Nennen wir ein Komisches "_possenhaft_", so wollen wir es wohl zunchst
als ein Derbkomisches charakterisieren. Possenhafte Komik ist eine Komik,
bei der wir nicht lcheln, sondern ber etwas, vor allem ber Personen
herzlich lachen, sie, wenn auch gutmtig, belachen, verlachen, auslachen.
Aber wir nennen andererseits mit diesem Namen nicht dasjenige
Derbkomische, das jemandem natrlicherweise anhaftet oder geschieht.
Sondern, wie jeder fhlt: Das Possenhafte ist jederzeit ein
beabsichtigtes, gemachtes. Es ist eine gewollte Weise, jemanden komisch
erscheinen zu lassen.

Eine solche Weise liegt nun zunchst vor, wenn ich jemandem "einen Possen
spiele". Dabei spekuliere ich auf seine Dummheit, sein Ungeschick, seine
Feigheit, sein krperliches Unvermgen u. dgl. Die possenhafte Komik ist
die Komik der "Streiche", die dem Dummen, Ungeschickten, Feigen,
vielleicht aber sehr klug, geschickt, tapfer sich Dnkenden oder
Gebrdenden, auch dem mit einem Gebrechen Behafteten, gespielt werden und
diese Eigenschaften hervortreten lassen und dem Lachen preisgeben.

Es ist aber zum Possenhaften nicht erforderlich, dass der "Possenreisser"
anderen einen Possen spiele. Es ist auch possenhaft, wenn jemand sich
selbst in komischer Weise als Narren, Ungeschickten, Feigen oder
dergleichen darstellt, sein krperliches Gebrechen dem Lachen preisgiebt,
oder ein solches fingiert; wenn er den Narren, Tlpel, Feigling, den mit
einem Gebrechen Behafteten "spielt", um damit zu belustigen.

Bisher verstand ich unter der possenhaften Komik eine Komik des
Verhaltens, Thuns, Gebarens. Possenhafte Komik ist aber weiter auch die
Komik der Darstellung in Wort und Bild, die Verlachenswertes zum Inhalte
hat, sei es, dass sie lediglich ein der Wirklichkeit Angehriges oder
fingiertes Verlachenswertes beschreibt, es erzhlt, davon berichtet, sei
es, dass sie dasselbe erst durch die Weise der Darstellung als ein
Verlachenswertes erscheinen lsst oder dazu macht. Auch hier wird die
Dummheit, das Ungeschick, die Feigheit, das Gebrechen und dergleichen den
Inhalt der Komik ausmachen.

Indem ich das Possenhafte in diesem Sinne nehme, weiss ich mich
einigermassen in bereinstimmung mit _Schneegans_, der in seiner
"Geschichte der grotesken Satire" das Possenhafte als die Komik, die aus
der angeschauten Dummheit sich ergiebt, bezeichnet. Diese Bestimmung ist
freilich zunchst enger als die unsrige, und zweifellos zu eng.
Andererseits unterlsst es _Schneegans_, ausdrcklich zu betonen, dass
nicht komische Dummheit, der wir irgendwo im Leben begegnen, possenhaft
ist, sondern nur die geflissentlich hervorgelockte oder komisch
beleuchtete; nicht die "angeschaute", sondern die zur Anschauung
gebrachte. Oder bestimmter und zugleich allgemeiner gesagt, dass
"Possenhaft" nicht ein Prdikat der _Komik_, oder des Komischen als
solchen ist, sondern vielmehr ein Prdikat, durch welches wir das auf
Hervorbringung des komischen Effektes abzielende und zur Erreichung
dieses Zieles bestimmte Mittel anwendende, bewusste menschliche _Thun_
bezeichnen. Possenhaft ist nicht das Opfer eines Streiches, sondern der
Streich; nicht die Dummheit, die der Clown fingiert, sondern dies sein
Spiel; nicht das in Wort oder Bild dargestellte Verlachenswerte, sondern
diese Darstellung; zugleich doch wiederum diese Darstellung nicht als
solche, sondern sofern sie diesen bestimmten Inhalt hat, oder mit diesem
Mittel diesen bestimmten komischen Effekt hervorbringt.

Dieser possenhaften Komik tritt dann zur Seite die "_burleske_". Auch
"Burlesk" ist nicht eine Bezeichnung fr eine bestimmte Art des
Komischen, sondern fr eine Weise etwas komisch erscheinen zu lassen oder
eine Weise der Darstellung mit komischem Inhalt oder Effekt. Und zwar
erscheint es historisch und durch den Sprachgebrauch gengend
gerechtfertigt, wenn wir mit _Schneegans_ als burlesk die parodierende
und travestierende komische Darstellung bezeichnen.

Endlich werden wir berechtigt sein, wiederum im Einklang mit
_Schneegans_, als "_grotesk_" die komische Darstellung zu bezeichnen, fr
welche die Karikatur, die bertreibung, die Verzerrung, das Unglaubliche,
das Ungeheuerliche, das Phantastische das Mittel zur Erzeugung der
komischen Wirkung ist.

Hiermit haben nicht alle Arten der geflissentlich ins Dasein gerufenen
objektiven Komik ihre besonderen Namen bekommen. Es bleiben daneben viele
Mglichkeiten der Hervorrufung oder Darstellung einer Komik, die vom
Possenhaften, Burlesken, Grotesken mehr oder weniger weit entfernt sind.
Es bleiben insbesondere vielerlei Arten, durch den Witz eine Person oder
einen Vorgang in komische Beleuchtung zu rcken. Soweit dabei eine
besondere Eigenart des Witzes vorausgesetzt ist, werden diese
Mglichkeiten nachher zu unterscheiden sein. Im brigen htte es nicht
viel Wert, wenn wir hier weitere Einteilungen und Unterscheidungen
versuchen wollten.

Alle die bezeichneten Mglichkeiten der objektiven Komik bleiben
sthetisch wertlos, solange sie nichts sind als Mglichkeiten der Komik.
Es ist aber teilweise im Obigen schon angedeutet, wie sie sthetischen
Wert gewinnen knnen. Die possenhafte Komik braucht als solche nicht,
aber sie kann gutmtig sein. Noch mehr, sie kann herzerfreuend sein. Dies
ist nur mglich, wenn etwas Gesundes, ursprnglich Menschliches, Wahres,
Ehrliches, Gutes in ihr ist, vielleicht gar eine besondere Strke und
menschliche Grsse. Dergleichen kann in der possenhaften Komik nicht nur
nebenbei enthalten sein, sondern es kann eben durch dieselbe erst recht
zum Bewusstsein gebracht werden. Dann wird die possenhafte Komik zum
Humor; es entsteht das Kunstwerk der Posse, etwa der Volksposse, ein
Kunstwerk, das trotz der "niedrigeren" Sphre und der drastischen Mittel
sthetisch hher stehen, also im hherem Grade ein "Kunstwerk" sein kann,
als Dutzende von "feineren" Lustspielen, die vielleicht nur darum feiner
heissen, weil ihnen alle Kraft und Tiefe fehlt, weil sie unterhalten,
"interessieren", eine "Belustigung des Verstandes und Witzes"
hervorbringen, aber alles innerlich Erhebenden und Erwrmenden baar sind,
ebenso geistreich wie herzlos.

Noch weniger kann mir daran gelegen sein, in eingehenderer Weise, als ich
es oben schon that, Arten der naiven Komik zu unterscheiden.

Dagegen verlohnt es die Mhe, die unendliche Menge der Mglichkeiten
einer subjektiven Komik nach Gesichtspunkten, die in der Natur der Sache
liegen, zu ordnen. Dies soll im Folgenden versucht werden.




XIII. KAPITEL. DIE UNTERARTEN DER SUBJEKTIVEN KOMIK.


ALLGEMEINES.

Auch die subjektive Komik oder der Witz kommt durch Wirkung jener beiden
Arten der Vorstellungsassociation, der Association des hnlichen und der
Association auf Grund der Erfahrung, zu stande. Wir verbinden aber diesen
Gesichtspunkt hier von vornherein mit dem aus der spezifischen Eigenart
des Witzes sich ergebenden logischen Gesichtspunkt. Der in Zeichen, vor
allem in sprachlichen Zeichen formulierte Gedanke, das ist, wie wir
wissen, das besondere Gebiet des Witzes. Entsprechend muss bei der
Einteilung der Witzarten der logische Gesichtspunkt, ich meine den
Gesichtspunkt derjenigen "Logik", die eben mit dem _formulierten_
Gedanken zu thun hat, der eigentlich sachgemsse sein.

Die Logik redet von Begriffen, das heisst Worten, die etwas bezeichnen,
von Beziehungen zwischen Begriffen, von Urteilen, von Beziehungen
zwischen Urteilen, endlich von Schlssen. Darnach werden wir
unterscheiden den Begriffs- oder Wortwitz, die witzige Begriffsbeziehung,
das witzige Urteil, die witzige Beziehung zwischen Urteilen, endlich den
witzigen Schluss. Die Untereinteilung ergiebt sich dann einerseits aus
dem Gegensatz jener beiden Arten des Vorstellungszusammenhanges,
andererseits aus dem Unterschied solcher Arten des Witzes, bei denen der
Witz auf lediglich usseren, sprachlichen Momenten beruht, und solcher,
bei denen er irgendwie sachlich begrndet ist. Wir gewinnen auf diesem
Wege eine Unterscheidung von vier Arten von Begriffswitzen, witzigen
Begriffsbeziehungen, witzigen Urteilen etc., nmlich (A. 1) solchen, die
zu stande kommen durch hnlichkeit, beziehungsweise Gleichheit von Worten
oder Stzen, (A. 2) solchen, deren Mglichkeit darauf beruht, dass wir
irgendwelchen Sprachformen die Bedeutung, die sie in unserer Erfahrung
gewonnen haben, auf Grund davon, also gewohnheitsmssig, auch da
zugestehen, wo sie ihnen nicht zukommt, oder nicht zuzukommen scheint,
(B. 1) solchen, bei denen eine sachliche bereinstimmung, und endlich (B.
2) solchen, bei denen ein erfahrungsgemsser sachlicher Zusammenhang die
logische oder pseudologische Grundlage bildet.


DER WORT- ODER BEGRIFFSWITZ.

I. Der "_Wort- oder Begriffswitz_" erzeugt illegitime Begriffe, die wir
uns dennoch, wenigstens fr den Augenblick, gefallen lassen; er macht und
gebraucht Worte, die etwas bezeichnen oder zu bezeichnen scheinen und
doch wiederum nichts bezeichnen oder nichts scheinen bezeichnen zu
knnen.

A. Gleich bei dieser ersten und niedrigsten Witzart ist jene
Untereinteilung am Platze. Die Witzart beruht zunchst auf lediglich
_usseren_ Momenten, Momenten der reinen _sprachlichen Form_, und zwar

1. auf _Worthnlichkeit_. Man kennt die jugendliche Mode, Worte so zu
verndern, oder umzudrehen, dass sie aufgehrt haben, sinnvolle
Sprachzeichen zu sein, und doch wegen der hnlichkeit mit dem Original
noch verstanden werden. Der Witz dieser "_witzigen Wortverdrehung_"
beruht, wie berhaupt der Wortwitz, nur eben auf diesem Gegensatz von
Sinnlosigkeit und verstndlichem Sinne.--Als eine besondere Art der
witzigen Wortverdrehung kann die Verdrehung von Fremdwrtern--ohne
Anklang an andere, wovon spter--bezeichnet werden, wie sie "Unkel
Brsig" so oft wider Willen begegnet.

2. Auf der gewohnheitsmssigen Festhaltung der erfahrungsgemssen Geltung
sprachlicher Formen knnen Wortwitze in doppelter Weise beruhen. Auf der
Gewohnheit mit Worten berhaupt einen Sinn zu verbinden, beruht die
Mglichkeit der "_witzigen Scheinbegriffe_". Ich antworte etwa auf die
Frage, was dies oder jenes sei, mit einem Worte, das es nirgends giebt,
und das fr niemand einen Sinn hat; lediglich vertrauend auf den Glauben
des Hrers, es msse sich, wenn er nur Worte hrt, dabei doch etwas
denken lassen. Der Witz besteht fr den, der sich verblffen lsst und
einen Augenblick darauf "hereinfllt", dann aber sofort weiss, dass er
dpiert ist.

Hher steht die "_witzige Wortbildung_" nach usserer Analogie, das
heisst nach einer erfahrungsgemss feststehenden, im gegebenen Falle aber
unanwendbaren Regel der Wortbildung. Alle Wortbildungsmittel, mgen sie
Endsilben, Vorsilben oder sonstwie heissen, beliebige grammatikalische
Formen, die ungeheuerlichsten Wortzusammensetzungen, knnen in den Dienst
dieser Witzart treten. Vorausgesetzt ist nur, dass sie aus der sonstigen
sprachlichen Erfahrung verstndlich sind, und darum in ihrer
Sinnlosigkeit doch sinnvoll erscheinen. Ihr Wert erhht sich, wenn sie
nicht blosse Spielerei sind, sondern eine Sache kurz und schlagend
bezeichnen.

B. Dem usseren Zusammenhange haben wir den _inhaltlichen_ oder
_sachlichen_ entgegengestellt. Verstehen wir darunter, wie nachher, den
objektiven Zusammenhang der Dinge, so kann es einen Wortwitz auf Grund
irgendwelchen sachlichen Zusammenhanges nicht geben. _Urteile_ gewinnen
wirkliche oder scheinbare Geltung aus dem Zusammenhange der Thatsachen.
Einem _Worte_ aber einen Sinn zuzuschreiben, dazu kann kein solcher
Zusammenhang veranlassen. Der einzige sachliche Zusammenhang, der hier in
Frage kommt, ist eben der zwischen dem Wort und seinem Sinn. Der ist es
denn auch, der hier an die Stelle des Zusammenhangs der Dinge treten
muss.

1. Dieser Zusammenhang ist Zusammenhang der hnlichkeit bei
berraschenden, und sprachlich unerlaubten, aber doch bezeichnenden
onomatopoetischen Bildungen, wie wir sie auch im gewhnlichen Leben oft
in witziger oder witzelnder Weise vollziehen.

2. Er beruht auf Erfahrung bei allen den witzigen Wortbildungen, die wir
uns nur darum gefallen lassen, weil sie thatschlich bestehen. berall,
bei Kindern, bei den verschiedenen Stnden Gesellschafts- und
Berufsklassen, in Provinzen und Stdten, begegnen wir neben der
allgemeingltigen einer eigenen Sprache. Die Worte sind witzig, nicht fr
denjenigen, dem sie vllig gelufig und naturgemss sind, wohl aber fr
den, dem sie verstndlich und doch, weil dem anerkannten Sprachgebrauche
fremd, eigentlich sinnlos erscheinen. Auch fremdsprachliche Worte, die
ganz anders klingen, als wir es gewohnt sind, und die darum berhaupt
nicht als mgliche Sprachzeichen erscheinen, knnen aus gleichem Grunde
den Eindruck des Witzigen machen. Der Wert des Witzes erhht sich
wiederum, wenn die Worte die Sache kurz bezeichnen.--Wie dort, bei der
"_witzigen Onomatopoesie_", in der hnlichkeit des Wortes mit der
bezeichneten Sache, so liegt hier, bei den "_witzigen Idiotismen_", in
der erfahrungsgemssen Thatsache, dass das Wort die Sache bezeichnet, die
"sachliche" Begrndung des Witzes.


DIE WITZIGE BEGRIFFSBEZIEHUNG.

II. Die "_witzige Begriffsbeziehung_" stellt Beziehungen zwischen
Begriffen unrechtmssig oder scheinbar unrechtmssig her, Beziehungen der
Gleichheit oder Verschiedenheit, der Identitt oder des Gegensatzes.
Beziehungen endlich der Zusammengehrigkeit dieser oder jener Art.

A. Betrachten wir auch hier zuerst die Flle, in denen _ussere Momente_
den Witz begrnden.

1. Wir haben dann, soweit das ussere Moment in Worthnlichkeit besteht,
in erster Linie zu nennen die "_witzige Wortverwechselung_". Ein Wort
tritt an Stelle eines anderen, ihm hnlichen Wortes, das seinen eigenen
und wohlbekannten Sinn hat. Der Witz entsteht, indem wir die
Verwechselung verstehen, d. h. sie, durch die hnlichkeit der Worte
verfhrt, in Gedanken mitmachen, und damit die entsprechenden Begriffe
und Gegenstnde fr einen Augenblick identifizieren. Jemand "insultiert"
etwa den Arzt statt ihn zu konsultieren und erweckt damit die
Vorstellung, als ob in der That das Konsultieren ein Insultieren wre,
und nicht bloss ein Wort fr ein anderes taschenspielerisch eintrte.

Wie hier, so ist berhaupt bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund
von Worthnlichkeit, die hergestellte Beziehung die der Identitt oder
wenigstens der Vergleichbarkeit. Eine weitere Art bezeichnen wir als
"_witzige Wortkarikatur_". Wenn ich den Perckentrger einen "Perckles"
nenne, so ersetze ich nicht ein Wort durch ein anderes, ebenso
sprachgebruchliches, sondern ich verndere oder verdrehe ein Wort, ohne
es doch vllig unkenntlich werden zu lassen, knstlich in der Weise, dass
es an ein anderes bekanntes anklingt, oder in ein (illegitimes) neues,
mit selbstndigem Sinn, sich verwandelt. Insofern das Wort trotz seiner
Vernderung verstndlich bleibt, liegt zunchst eine einfache "witzige
Wortverdrehung" oder "Wortbildung", also ein blosser Wortwitz vor. Indem
wir aber zugleich den durch die Vernderung erschlichenen neuen Sinn mit
dem festgehaltenen alten identifizieren, entsteht die genannte neue, in
diesen Zusammenhang gehrige Witzart. Der "Perckles" erscheint als eine
Art Perikles, ebenso die als "Dichteritis" bezeichnete Dichterei im
Lichte einer der Diphtheritis vergleichbaren Krankheit u. s. w.

Wir knnen Dinge bezeichnen direkt und bildlich. Auch das Bild kann
derart verschoben werden, dass es kein legitimes Bild mehr ist, aber doch
noch erkannt wird und zugleich in der Verschiebung einen scherzhaften
Nebensinn ergiebt. Eine sehr gelufige derartige Bildkarikatur lasse ich
mir beispielsweise zu Schulden kommen, wenn ich sage, jemandem sei--nicht
ein Licht, sondern ein Nachtlicht, eine Thranlampe oder etwas dergleichen
aufgegangen. So wenig Witz in solchen Witzen stecken mag, so habe ich sie
doch hier mit zu erwhnen.

Alle mglichen Wortverdrehungen und Wortbildungen knnen in den Dienst
jener witzigen Wortkarikatur treten. Wir knnen aber aus der Menge der
mglichen Flle diejenigen noch besonders hervorheben, in denen der mit
dem knstlichen Wortgebilde ursprnglich gemeinte Gegenstand nicht nur in
spielende, sachlich bedeutungslose Beziehung zu dem durch die Umbildung
neu entstehenden Begriffe gesetzt, sondern durch den Inhalt dieses
Begriffes charakterisiert, erklrt, illustriert werden soll. Derart sind
die _Fischart_'schen "_charakterisierenden Wortbildungen_"--"Jesuwider"
statt Jesuit oder Jesuiter, "Maulhenkolisch" statt Melancholisch und
unzhlige andere. Der besondere Wert dieser Art leuchtet ein. Jene
Neubildung ist zugleich ein vernichtendes Urteil, diese wenigstens eine
drastische Veranschaulichung.

In allen diesen Fllen wird der mit dem gebrauchten Worte eigentlich
gemeinte Begriff oder Gegenstand erraten oder kann erraten werden. Es
gengt, dass ich sage, jemand habe die Dichteritis und man weiss, dass
seine Dichterei damit witzig charakterisiert werden soll. Dagegen werden
bei anderen Arten der witzigen Begriffsbeziehung beide Begriffe
ausdrcklich bezeichnet und auch usserlich in Beziehung gesetzt.--Ein
analoger Gegensatz wird uns noch fter begegnen.

Auch hierbei sind die beiden Mglichkeiten: die Trger der beiden
Begriffe sind gebruchliche Worte, oder es findet eine Wortneubildnng
statt. Das Erstere ist der Fall bei den "_einfachen Klangwitzen_" der
_Schiller_'schen Kapuzinerrede: Krug--Krieg, Sabel--Schnabel,
Ochse--Oxenstirn; das Letztere bei den demselben Zusammenhange
angehrigen "karikierenden Klangwitzen": Abteien--Raubteien,
Bistmer--Wsttmer. In beiden Fllen liegt eine Beziehung der Begriffe
bereits ausdrcklich vor. Wir verwandeln aber diese--bloss usserlich
thatschliche Beziehung, verfhrt durch den Gleichklang der Worte, in
eine Art innerer Wesensbeziehung. Jene thatschliche Beziehung wird fr
uns zu einer sozusagen selbstverstndlichen, in der Natur der
Begriffsinhalte selbst liegenden. Eben darauf beruht bei beiden der Witz.

Als eine besondere Art des Klangwitzes kann noch der "_antithetische
Klangwitz_" bezeichnet werden, von der Art des recht bezeichnenden, der
mit Bezug auf eine Berliner Kunstausstellung gemacht wurde: es seien dort
viele eingerahmte Bilder, aber noch mehr eingebildete Rahmen zu sehen
gewesen. Entsprechend der Umkehrung der Worte scheinen auch die Begriffe
inhaltlich einer als blosse Umkehrung oder ergnzende Kehrseite des
anderen.--Zugleich gehrt freilich die unlogische Begriffsverbindung
"eingebildete Rahmen" fr sich allein noch einer andern und zwar einer
gleich zu besprechenden Witzart zu.

2. Auf der Grenze zwischen der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund der
Worthnlichkeit und derjenigen, bei der die gewohnheitsmssige
Festhaltung der logischen Bedeutung von usseren Sprachformen den Witz
macht, steht die "_witzige Wortverschmelzung_". Zu jenen hier in Betracht
kommenden "usseren Sprachformen" gehren alle erfahrungsgemssen Formen
der Wortverbindung. Eine derselben ist die Wortzusammensetzung. Als eine
karikierende Abart derselben kann die sprachlich unmgliche
Wortverschmelzung--Famillionr, Unterleibnizianer, Revolutionrrisch
etc.--betrachtet werden. Insofern gehrt die witzige Wortverschmelzung in
_diesen_ Zusammenhang. Zugleich ist sie doch auch "witzige
Wortkarikatur". Entsprechend dieser Doppelnatur besteht der in ihr
entstehende "Nebensinn" je nach der Art der Verschmelzung bald im
Gedanken einer Identitt, bald in der Vorstellung einer gewissen
Zusammengehrigkeit der Begriffsinhalte, nmlich der Inhalte der
Begriffe, die in der Wortverschmelzung vereinigt sind. Der
"Unterleibnizianer", d. h. der mit seiner Verdauung nicht recht zuwege
Kommende, erscheint ohne weiteres als eine Art Schler oder
"Unterschler" des grossen Philosophen, das "revolutionrrische" Gebaren
ist ein als nrrisch charakterisiertes revolutionres Gebaren, das
"famillionre" ein familires mit dem Beigeschmack des Millionrtums.

Als Gegenbild der witzigen Wortverschmelzung nennen wir gleich die
"_witzige Wort_- oder _Begriffsteilung_", durch die der Schein einer
Teilung eines Begriffs in zwei selbstndige erzeugt wird. So, wenn ich
von Demo-, Bureau- und anderen Kraten spreche. Der Schein, dass die
Wortteile, in unserem Falle insbesondere das "Kraten" selbstndige
Begriffe darstellen, kann entstehen, weil wir es oft genug erfahren
haben, dass selbstndige Worte mit anderen zu einem vereinigt sind. Der
Witz gehrt zugleich zur Gattung der "einfachen Klangwitze", wenn die
Klanghnlichkeit oder -gleichheit des abgetrennten Wortteils mit einem
selbstndigen Worte, das mit jenem Wortteil inhaltlich nichts zu thun
hat, benutzt wird, um den Schein der Inhaltsgleichheit beider zu
erzeugen. "Welcher Ring ist nicht rund?--Der Hering"; "Photo-, Litho- und
andere Grafen".--Die witzige Begriffsteilung ist zugleich "karikierender
Klangwitz", wenn der abgetrennte Begriffsteil erst karikiert werden muss,
ehe er mit dem ihm fremden Worte zu inhaltlicher Identitt gebracht
werden kann. "Auch bei den Alten schon gab es allerlei Klsse; z. B.
Sophoklsse, Periklsse" u. s. w.

Von der witzigen Wortverschmelzung verschieden ist die "_witzige
Wortzusammensetzung_":--"Sprechruhr" u. dgl. Wieder anderer Art ist die
"witzige Aufzhlung" nach der Art des _Heine_'schen "Studenten, Vieh,
Philister" etc.; mit dieser nchstverwandt die "_witzige Koordination_",
die ihrem Sinne nach bald Unterordnung unter denselben Begriff, bald
Unterscheidung, bald Entgegensetzung sein kann: "Mit einer Gabel und mit
Mh' zog ihn die Mutter aus der Brh'"; "Der Lwe ist gelb aber
grossmtig"--als ob die Mhe ein Instrument wre, wie die Gabel, die
Grossmut eine sichtbare Eigenschaft, die mit der Farbe verglichen werden
knnte;--"Nicht nur Gelehrte, sondern auch einige vernnftig denkende
Menschen"--als ob es unter den Gelehrten nicht auch mitunter vernnftig
denkende Menschen gbe;--"Klein aber niedlich"--als ob dies nicht
vielmehr sehr nahe verwandte Begriffe wren.

Die attributive Verbindung wird witzig missbraucht im "_witzigen
Widersinn_" von der Art des hlzernen Schreisens oder des
Lichtenberg'schen Messers ohne Klinge, an dem der Stiel fehlt.
Widersprechendes scheint vertrglich, weil wir, von der usseren
Verbindung der Worte berrascht, den Widerspruch nicht oder nicht
sogleich empfinden. Andere Beispiele, wie das "messingne Schlsselloch",
der "lederne Handschuhmacher", der "doppelte Kinderlffel fr Zwillinge"
gehren, sofern bei ihnen dem Glauben an die Gltigkeit des Begriffes
zugleich ein erfahrungsgemsser sachlicher Zusammenhang zu Grunde liegt,
zugleich zu einer spter zu besprechenden Gattung.--Dagegen verfhrt uns
die ussere Verschiedenheit von Gegenstand und Attribut zur Annahme einer
sachlichen Verschiedenheit in der "_witzigen Tautologie_". Eine solche
wre die "reitende Artillerie zu Pferde", die man der bekannten
"reitenden Artillerie zu Fuss" konsequenterweise entgegenstellen msste.

B. Von der witzigen Begriffsbeziehung, soweit sie auf inneren Momenten
und zwar

1. auf teilweiser sachlicher _bereinstimmung_ beruht, gilt speciell, was
_Jean Paul_ vom Witze berhaupt sagt, nmlich, dass sie halbe,
Viertelshnlichkeiten zu Gleichheiten mache und so den sthetischen
Lichtschein eines neuen Verhltnisses erzeuge, indes unser
Wahrheitsbewusstsein das alte festhalte. Zur Bezeichnung von Personen,
Dingen, Eigenschaften werden Begriffe verwandt, die mit dem, was sie
bezeichnen, sich teilweise decken, zugleich aber ihm irgendwie
inkongruent, also zur Bezeichnung eigentlich nicht geeignet erscheinen.
Der Eindruck des Witzigen entsteht, indem wir uns die Bezeichnung
gefallen lassen, also die teilweise bereinstimmung fr eine ganze
nehmen, dann aber sogleich wiederum der Inkongruenz uns bewusst werden.

Insofern die witzige Bezeichnung jedesmal an die Stelle der unmittelbar
geeigneten tritt, lassen sich alle hierher gehrigen Flle unter den
Begriff der "_witzigen Begriffssubstitution_" fassen. Dieselbe ist

a) "logische" Begriffssubstitution. Personen, Dinge, Eigenschaften,
Thtigkeiten werden bezeichnet statt durch den sachlich eigentlich
geforderten und nach einfach logischem Sprachgebrauch nchstliegenden
Begriff, durch einen ihm bergeordneten oder nebengeordneten oder
untergeordneten: die Begriffssubstitution ist verallgemeinernde oder
vergleichende oder individualisierende Bezeichnung. Dabei bleibt der
stellvertretende Begriff undeterminert oder er erhlt eine nhere
Bestimmung, die die Bezeichnung erst verstndlich macht.
Verallgemeinernde Bezeichnungen der ersteren Art whlen wir besonders, um
verblmt zu reden, oder zum Bewusstsein zu bringen, dass uns der
Gegenstand des specielleren Namens nicht wert scheine. Der im Gefngnis
Sitzende hat frei Quartier oder frei Kost und Logis, wird auf ffentliche
Kosten gespeist, hat sich der Einsamkeit ergeben, sich fr eine Zeitlang
von der ffentlichkeit zurckgezogen etc.; der Redner hat "es nicht
halten knnen", hat die Lnft erschttert, sich in Bewegung seiner
Lungenmuskeln ergangen, sein Stimmband in tnende Schwingungen versetzt
u. dgl. Witzig vergleichende Bezeichnungen sind in vielen Fllen die
sprichwrtlichen Redensarten: Er hat geruchertes Fleisch (Ausschlag) im
Gesicht; Den Teufel barfuss laufen hren; Etwas auf der unrechten Bank
finden (= stehlen). Die meisten dergleichen Wendungen sind zugleich
individualisierend: Die Laus um den Balg schinden; Aus einem .... einen
Donnerschlag machen; Den .... (nmlich die untere Fortsetzung des
Rckens) hinten tragen, d. h. sich betragen, wie man sich natrlicher
Weise betrgt u. dgl. Eine reine Individualisierung ist es, wenn ich
statt von den Malern einer Stadt von den dort lebenden Rafaels und
Tizians rede.

Tritt zum substituierten Begriff die nhere Bestimmung hinzu, so wird die
Substitution zur vollstndigeren oder weniger vollstndigen
"_witzigen_"--wenn nmlich witzigen--"_Umschreibung_", und zwar wiederum
zur--zunchst wenigstens--verallgemeinernden oder vergleichenden oder
individualisierenden, bezw. auch hier zur individualisierend
vergleichenden. Auch die "verallgemeinernde" _Umschreibung_ wird speciell
der verblmenden Bezeichnung dienen; die vergleichende und
individualisierende ihrerseits wird oft vergleichen, was im Grunde nicht
zu vergleichen ist und erst durch die einschrnkende nhere Bestimmung
vergleichbar erscheint. So wenn ich, nach Heine, eine alte hssliche Frau
als eine zweite Venus von Milo bezeichne, nmlich was das Alter, die
Zahnlosigkeit und die gelben Flecken angehe.

Witze dieser Art sind billig, solange sie nur Dinge mehr oder weniger
knstlich bezeichnen. Ihr Interesse wchst, wenn sie "_karikierende
Bezeichnungen_" oder "_witzige Hyperbeln_" sind, und doch, was sie
eigentlich sagen wollen, deutlich zu verstehen geben. Im Grunde ist
freilich, da jeder Vergleich hinkt und jede Individualisierung neue
Momente hinzufgt, nmlich eben die individualisierenden, jede darauf
beruhende Bezeichnung irgendwie karikierend, das heisst die Sache
verschiebend. Und diese Verschiebung wird leicht, obgleich durchaus nicht
immer, zugleich eine Steigerung sein. Dass umgekehrt die
Steigerung--Kilometernase, Quadratmeilengesicht etc.--jederzeit eine
Verschiebung ist, braucht nicht gesagt zu werden.--Aber nicht jede
witzige Karikatur oder Hyperbel ist so drastisch, wie etwa die
hyperbolisch karikierenden Bezeichnungen, die Falstaff auf Bardolphs Nase
huft.

Abgesehen davon besteht noch ein weiterer Unterschied. Die witzigen
Bezeichnungen sind entweder nur spielende Bezeichnungen, denen es nicht
darauf ankommt, ob das Wesen der Sache, so wie es wirklich ist, getroffen
wird, oder sie heben eine wesentliche Eigenschaft treffend hervor, sind
also charakterisierend, oder endlich sie sind ironisch gemeint. Dem
letzteren Zwecke dient insbesondere eine Art, die darum speciell den
Namen der "_ironischen Bezeichnung_" fhren muss. Es liegt Ironie darin,
wenn ich meine bescheidene Wohnung als meinen Palast oder meine Residenz
bezeichne; insofern ich nmlich erwarte, der Hrer werde aus dem stolzen
Namen das ungefhre Gegenteil, die gar nicht stolze Wohnung, heraushren.
Zunchst aber will ich, wenn ich solche Ausdrcke gebrauche, einen
Gegenstand, durch den Namen fr einen hnlichen, spielend bezeichnen.
Wenn ich dagegen eine tadelnswerte Handlung, ohne weiteres, recht
lobenswert, ein abstossendes Benehmen recht liebenswrdig nenne, so setze
ich einen Begriff an die Stelle des direkt gegenteiligen und zwar in der
einzigen Absicht dies direkte Gegenteil des Gesagten recht eindringlich
zu machen. Die in sich nichtige Bezeichnung soll, indem sie wie eine
geltende sich gebrdet, ihre nicht bloss teilweise, sondern vllige
Nichtgeltung offenbaren und ihrem eigenen Gegenteil Geltung verschaffen;
und sie soll nur eben dies. In solcher Vernichtung des Nichtigen und
seinem Umschlag ins Gegenteil besteht aber, wie wir schon frher meinten,
das eigentliche Wesen der Ironie. Die Ironie ist subjektiv komische oder
witzige, sofern das mit _logischem_ Anspruch auftretende nichtige Wort
oder Zeichen das Umschlagende ist.--So besonders geartet die ironische
Bezeichnung ist, so lsst sie sich doch unter die vergleichenden
Begriffssubstitutionen unterordnen. Auch tadelnswert und lobenswert,
abstossend und liebenswndig sind ja einander nebengeordnete Begriffe.

Eine dritte Bemerkung betrifft die ussere Form der witzigen
Substitution. Wie bei der witzigen Begriffsbeziehung auf Grund usserer
hnlichkeit das eine Mal der eine der beiden Begriffe, nmlich der im
Witze eigentlich gemeinte, aus dem anderen erraten werden musste, das
andere Mal beide, Begriffe ausdrcklich sich gegenberstanden, so muss
auch hier der eine der beiden in die Beziehung eingehenden Begriffe oder
Gegenstnde, nmlich der mit der Bezeichnung gemeinte, das eine Mal aus
der Bezeichnung erraten werden, whrend er das andere Mal ausdrcklich
genannt wird. Das Letztere wird speciell dann der Fall sein, wenn die
Bezeichnung nicht gelegentlich auftritt, als Teil eines Satzes, der
_irgend etwas_ aussagt, sondern als der eigentliche Gegenstand der
Aussage. Natrlich wird sie in diesem Falle im allgemeinen hheren
Anspruch erheben. Sie wird witzige Charakteristik oder etwas dergleichen
sein. Jenen Namen wollen wir ihr den auch a parte potiori allgemein
beilegen.

Darum ist doch diese geflissentliche "_witzige Charakteristik_" in ihrem
Wesen nichts anderes als die gelegentliche witzige Bezeichnung. Die ganze
oben gemachte Unterscheidung hat hier weit weniger zu bedeuten, als in
dem angefhrten frheren Falle. Insbesondere ist die witzige
Charakteristik nicht, weil sie in Form eines vollstndigen Urteils
auftritt, "witziges Urteil". Denn nicht darum handelt es sich dabei, eine
wirkliche oder scheinbare Wahrheit zum Bewusstsein zu bringen oder eine
Thatsache glaublich zu machen, durch Mittel, die dann doch wiederum die
ganze Aussage als nichtig erscheinen lassen, vielmehr will auch sie nur,
was als thatschlich bestehend _vorausgesetzt_ ist, in treffender und
zugleich unzutreffender Form _bezeichnen_. So will die witzige
Charakteristik der Beine Brsigs,--sie haben ausgesehen, als ob sie
verkehrt eingeschroben wren, oder die _Fallstaff_'sche Charakteristik
_Schaals_,--er war wie ein Mnnchen, nach Tisch aus einer Kserinde
verfertigt--nicht glaublich machen, _Brsigs_ Beine oder _Schaals_ ganzes
ussere sei wirklich der Art gewesen, um dann das Bewusstsein
wachzurufen, dass die Worte gar nicht als Trger irgend einer Wahrheit,
also in keiner Weise ernsthaft gemeint sein knnen, sondern die eine will
eine bestimmte Beschaffenheit der Beine _Brsigs_, ebenso die andere eine
bestimmte Beschaffenheit des _Schaal_'schen usseren, an die sie glaubt
und an die wir glauben, in einer bestimmten Weise kenntlich machen und
charakterisieren. Nur unter jener Bedingung aber wren die Stze, wie wir
sehen werden, "witzige Urteile"; sie knnten es, genauer gesagt, nur
sein, wenn sie als "witzige bertreibungen" gemeint wren. Dagegen
gehren sie, so wie sie gemeint sind, trotz ihrer Form durchaus zu
unserer Gattung.

Endlich erweitert sich die witzige Charakteristik zur "_witzigen
Charakterzeichnung_", in der von einer Person oder Sache durch wenige
Zge, die von rechtswegen kein mgliches Bild geben knnen, dennoch eines
gegeben wird. So wenn _Heyse_ sagt: er sah gesund, satt und gtig aus.
Das Wesentliche der Witzart ist, dass mehrere Bezeichnungen in ihrer
Zusammenordnung das Bild gegen alle strenge Logik pltzlich
hervorspringen lassen, mgen im brigen die Bezeichnungen, wie in dem
angefhrten Beispiel, allgemein, oder vergleichend oder
individualisierend sein. Ein Musterbeispiel der vergleichenden Art ist
Falstaffs bekannte Beschreibung der von ihm angeworbenen Soldaten.

Hier ist auch der Ort, wo wir der "_witzig zeichnenden Darstellung_" zu
gedenken haben. Sie steht mit jener witzigen Charakterzeichnung auf einer
Linie. Einige Striche, scheinbar planlos hingeworfen, ergeben pltzlich
ein Gesicht und erscheinen doch wiederum dazu vllig ungengend. Dabei
kann die Karikatur fehlen.

Es giebt aber daneben eine "_witzige Karikaturzeichnung_". Sie ist witzig
nicht als Karikatur, sondern sofern sie das Urteil erzeugt, die Zeichnung
sei diese oder jene Person oder bezeichne diesen oder jenen Charakter,
whrend doch zugleich das Bezeichnungsmittel gnzlich unzutreffend
erscheint. Auch wieweit die Karikatur objektiv komisch ist, kommt fr den
Witz nur soweit in Frage, als die komischen Zge zugleich bezeichnend und
nicht bezeichnend erscheinen; an sich hat diese Komik mit dem Witze
nichts zu thun. Genauer steht die witzige Karikaturzeichnung mit der
witzig karikierenden Bezeichnung und, wenn sie ihr Objekt anderen
Gegenstnden, etwa Menschen einem Tier oder einer geometrischen Figur
hnlich macht, mit dem karikierenden Vergleich auf einer Stufe.--Jede
solche Zeichnung kann mehr oder weniger charakterisieren; sie kann auch
in den Dienst der Ironie treten.

b) Mit Vorstehendem sind wir bereits ber die logische
Begriffssubstitution hinausgegangen. Zu ihr gesellt sich, wenn wir in das
Gebiet des sprachlichen Witzes zurckkehren, die bildliche Substitution
oder die "_witzig bildliche Bezeichnung_". Jedes Bild ist seiner Natur
nach Substitution; zur witzigen Bezeichnung wird es, wenn es
berraschend, unzutreffend, allzuweit hergeholt scheint und doch
verstanden wird. Wie weit dafr die obigen Bestimmungen gelten, habe ich
nicht ntig nher auszufhren. Nur daran erinnere ich, wie auch hier
gelegentliche Bezeichnung und ausdrckliche Charakteristik sich
entgegenstehen. In einem trefflichen Beispiel dieser "_witzig bildlichen
Charakteristik_" bezeichnet Jeau Paul den Witz selbst als den Priester,
der jedes Paar kopuliert. Der Witz und ein Priester, das scheinen denkbar
unvergleichbare Dinge und doch trifft die Definition.

c) Die dritte Art der witzigen Substitution ist die "_parodische
Bezeichnung_". Eine doppelte Art derselben lsst sich unterscheiden. Die
eine beruht auf dem Vorhandensein verschiedener Sprachen innerhalb einer
und derselben Sprache. Das Volk, der Dichter, der Gelehrte, der
Handwerker, der Knstler in seinem Beruf, jeder spricht seine eigene
Sprache. Von solchen eigenen Sprachen war schon frher die Rede. Aber
nicht um den witzigen Eindruck, den die Worte der Sprache auf den Fremden
machen, der sie versteht, und doch zugleich nicht als sinnvolle
Sprachzeichen anerkennen kann, handelt es sich hier, sondern in gewisser
Art um das volle Gegenteil davon. Nicht fremd mssen dem Hrer die Worte,
die Redewendungen und Redeformen sein, die ich _parodierend_ gebrauche,
sondern wohlbekannt, aber bekannt als einer Gedankenwelt angehrig, die
derjenigen fremd ist, in die ich sie verpflanze. Indem ich sie
verpflanze, nehme ich jene Gedankenwelt mit; die damit bezeichneten Dinge
erscheinen in der Beleuchtung derselben selbst fremdartig, verschoben,
verwandelt; zugleich sind sie doch dieselben geblieben; der fremdartige
Schein verschwindet; die parodierende Bezeichnung erscheint als Spiel,
das zur Sache nichts hinzugethan hat.

Die andere Art, die Parodie im engeren Sinn, verpflanzt nicht nur aus
einer Gedankenwelt, sondern aus einem speciellen Wort- und
Gedankenzusammenhang in einen anderen und fremdartigen. Vor allem sind es
dichterische Zusammenhnge, aus denen wir parodierend Worte entnehmen
knnen. Auch diesen speciellen Wort- und Gedankenzusammenhang nehmen wir
bei der Verpflanzung mit. Indem er bei der bezeichneten Sache als
sachwidrig sich in nichts auflst, entsteht der Witz.--Wie Worte und
Redewendungen, so knnen schliesslich ganze Citate--Spt kommt ihr, doch
ihr kommt etc.--als parodische Bezeichnungen fungieren. Ich will ja, wenn
ich jemanden mit dem angefhrten Citate begrsse, trotz der Satzform nur
eben ein Faktum mit _Schiller_'schen Worten _bezeichnen_.

Hierbei dachte ich vorzugsweise an diejenige Parodie, die aus
_aussergewhnlichem_ Zusammenhange Worte und Wendungen in den
Zusammenhang des _gewhnlichen Lebens_ verpflanzt. Ihr steht aber mit dem
gleichen Anspruche auf jenen Namen diejenige entgegen, die umgekehrt
Alltgliches und Gelufiges aus seinem alltglichen Gedankenzusammenhang
hineinversetzt in den ausserordentlichen. Der Unterschied der beiden
Arten ist derselbe, den wir immer wieder zu machen Veranlassung hatten
und haben werden. Whrend dort das aussergewhnliche Wort das ihm von
Rechtswegen zukommende besondere Pathos verliert angesichts des von ihm
bezeichneten gewhnlichen Gegenstandes, fr welches das Pathos nun einmal
nicht passt, scheint _hier_ das _gewhnliche_ Wort, indem es in dem
aussergewhnlichen Zusammenhange verwandt wird, ein Pathos zu _gewinnen_,
zu dessen Trger es dann doch wiederum nach gewhnlicher Anschauung nicht
dienen kann.--So sehr beide Arten sich gegenberstehen, so ist doch der
psychologische Vorgang, soweit er fr den Witz in Betracht kommt, im
wesentlichen derselbe.

Wiederum erwhne ich die karikierende und hyperbolische, die
charakterisierende und ironische Parodie nicht besonders, obgleich alle
diese Mglichkeiten bestehen. Dagegen ist mir die Beziehung der Parodie
zur objektiven Komik wichtig. Nichts hindert natrlich, das Wort Parodie
zugleich in einem allgemeineren Sinne zu nehmen und jede Einfgung in
einen neuen und fremdartigen Zusammenhang, wodurch das Eingefgte Trger
der Komik wird, so zu nennen. Dann giebt es neben der witzigen auch eine
objektiv komische oder krzer objektive Parodie, beide sich entsprechend
und doch so unterschieden wie Witz und objektive Komik berhaupt
unterschieden sind. Insbesondere gehrt zur objektiven Parodie die oben
besprochene _Darstellung_ des objektiv Komischen--einschliesslich der
mimischen "Nachahmung"--sofern sie das Komische aus dem Zusammenhange, in
dem es sich versteckt, heraushebt und in den Zusammenhang der Darstellung
und damit in das helle Tageslicht setzt, in dem es erst in seiner Komik
offenbar wird; dann freilich auch jene Afterparodie, die auch das
Erhabenste so mit dem Niedrigen zu verbinden weiss, dass es von seiner
Hhe herabstrzt und dem Lachen preisgegeben wird. Jene
charakterisierende Art dient, wie wir sahen, dem Humor, ich meine dem
echten Humor, von dem die sthetik redet. Diese, die schon _Goethe_ mit
Recht "gewissenlos" fand, ist ebendarum auch jedes sthetischen Wertes
bar.

Es kann aber auch, abgesehen von dieser Korrespondenz, die objektiv
komische Parodie, vor allem die der Nachahmung--ebenso wie die objektiv
komische Karikatur--zur witzigen Parodie werden. Die parodierende
Nachahmung ist es immer, wenn ich durch sie nicht nur das Nachgeahmte
lcherlich erscheinen lasse, sondern zugleich etwas, das ich sagen will,
in spielender Weise ausdrcke. Hierher gehrt die witzige Rache des
italienischen Malers, von der schon im zweiten Abschnitt die Rede war.
Der Maler stellt den Prior, indem er dem Judas seine Zge leiht, in den
Gedankenzusammenhang, der durch den Namen Judas bezeichnet ist. Dass der
Prior zum Judas wird, ist objektiv komisch. Dass aber der Maler ihn so
erscheinen lsst, also sein Urteil ber den Prior zu erkennen giebt durch
dieses Quidproquo, diese unlogische Einfgung der Gestalt in den vllig
fremdartigen Zusammenhang, dies ist witzig. Es ist Bezeichnung durch ein
zur Bezeichnung von Rechtswegen untaugliches Mittel und insofern Witz von
der hier in Rede stehenden Art.

Etwas anders geartet, aber ebenso hierhergehrig ist die bekannte witzige
Selbstparodie aus den fliegenden Blttern: Ein X. pflegt sich in seiner
regelmssigen Gesellschaft nur dadurch bemerkbar zu machen, dass er in
allem, was vorkommt, einen "famosen Witz" findet. Einmal verabredet sich
die Gesellschaft ihm durch Schweigen die Gelegenheit dazu zu nehmen. X.
tritt ein, sieht sich um, und meint: "famoser Witz". Damit parodiert er
sich selbst, bezeichnet aber zugleich die Situation. Er thut es witzig,
eben weil er damit nur sich selbst zu parodieren scheint.

2. Mit der vorstehend errterten Witzart hngt diejenige, bei der ein
erfahrungsgemsser sachlicher Zusammenhang von Begriffen der witzigen
Begriffsbeziehung zu Grunde liegt, eng zusammen. Dies gilt insbesondere,
insoweit auch diese Begriffsbeziehung als Beziehung zwischen einem
Gegenstande und seiner Bezeichnung sich darstellt. Ich kann bezeichnen
nicht nur, indem ich sage, was etwas ist, sondern auch durch die Angabe
sekundrer Momente, durch Kennzeichnung der Grnde oder Folgen einer
Sache, der Arten einer Person zu handeln sich zu gebaren etc., kurz durch
Momente, die mit dem zu Bezeichnenden erfahrungsgemss zusammenhngen.
Diese Bezeichnung muss nur wieder, um witzig zu sein, berraschend,
fremdartig, ganz ungehrig, die angegebenen Umstnde mssen weithergeholt
oder gnzlich unmglich, trotzdem aber bezeichnend erscheinen. So ist es
weithergeholt, wenn der Italiener einen, wenn nicht nach italienischen,
so doch nach unseren Begriffen unentbehrlichen Teil der menschlichen
Wohnung als denjenigen bezeichnet, dove anche la regina va a piedi;
dagegen wird Unmgliches vorausgesetzt, wenn ich von einem Menschen sage,
er sei so fett, dass sein Anblick Sodbrennen errege, oder wenn ich eine
lange Nase--nach Haug--damit bezeichne, dass ich erzhle, sie sei fr
einen Schlagbaum gehalten worden, oder--nach Jean Paul--damit, dass ich
angebe, ihr Eigentmer habe nicht sterben knnen, weil sein Geist, wenn
er ihn habe aufgeben wollen, immer wieder in die Nase zurckgefahren
sei.--Die letzteren Flle knnten auch einer anderen Witzgattung
zugehrig scheinen. In der That ist es ein witziges Urteil, und speciell
eine Art "Mnchhausiade", wenn ich jemand glauben machen will, der blosse
Anblick des Fetten knne die angegebene Wirkung auf den Magen haben. Aber
nicht um die Erzeugung dieses Glaubens handelt es sich hier, sondern um
seine Verwertung zu einem anderen Zweck, nmlich eben zum Zweck der
witzigen Bezeichnung. Dass eine Wirkung einen Augenblick fr mglich
gehalten werden knne, dies ist die _Voraussetzung_ fr die Mglichkeit,
die bermssige Fettigkeit in der angegebenen Weise zu bezeichnen. Indem
jener Gedanke in nichts zergeht, erscheint auch die Bezeichnung wiederum
nichtig. So verhalten sich also Mglichkeit und Unmglichkeit der
behaupteten Wirkung, die das witzige _Urteil_ machen, zur zutreffenden
und zugleich nicht zutreffenden, kurz zur witzigen _Bezeichnung_, wie
Voraussetzung und Folge; jene witzige Bezeichnung ist so wenig ein
witziges Urteil, als die Voraussetzung die Folge ist.

Diese "_witzige Bezeichnung durch abgeleitete Momente_" kann wiederum,
wie die Beispiele zeigen, zugleich karikierend und speciell hyperbolisch
sein. Sie ist andererseits bald rein spielend bald charakterisierend oder
ironisierend. Auch sie wird zur witzigen Charakteristik und erweitert
sich zur witzigen Charakterzeichnung. Man denke etwa an die Art, wie
_Heinz Percy_'s Charakter aus seinen Worten und der Art sich zu gebaren
mit wenig Strichen zeichnet.

Neben dieser Art steht als zweite die eigentliche "_witzige
Begriffsverbindung_". Bei ihr sind dieselben beiden Mglichkeiten; die
Begriffsverbindung ist sachlich in Ordnung und scheint nur nichtig, weil
sie berraschend, fremdartig oder mit scheinbarem Widerspruch behaftet
ist, oder sie ist unmglich, scheint aber mglich, weil ein sachlicher
Zusammenhang zu Grunde liegt, der nur gesteigert, ergnzt, verschoben,
kurz witzig ausgebeutet wird. Die erstere Mglichkeit verwirklicht sich
in der "_witzigen Scheintautologie_" und dem "_Oxymoron_" oder witzigen
Scheinwiderspruch:--Beides ist vereinigt, wenn ich von Waschweibern oder
alten Jungfern weiblichen und mnnlichen Geschlechtes rede--; sie
verwirklicht sich andererseits in allen mglichen dem gewhnlichen
Sprachgebrauch zuwiderlaufenden, knappen, Mittelglieder auslassenden oder
nach sachlicher Analogie gebildeten Begriffsverbindungen, so wenn
_Falstaff_ sagt: ich kann "keinen Schritt weiter rauben" u. s. w.

Der zweiten Art sind zunchst die schon an anderer Stelle angefhrten
Flle des "_witzigen Widersinns_": Messingnes Schlsselloch und
dergleichen. Der Zusammenhang zwischen Messing und Schlsselloch leuchtet
ein, nur dass das Schlsselloch nicht selbst aus Messing sein kann.
Ebendahin gehrt der doppelte Kinderlffel fr Zwillinge, der lederne
Handschuhmacher und dergleichen. Sofern hier die sachlich zu Recht
bestehende Begriffsverbindung witzig verschoben ist, kann der Witz als
"_karikierende Begriffsverbindung_" bezeichnet werden. Eine Abart
wiederum ist das "_witzige Fallen aus dem Bilde_" und die "_witzige
Bilderverwechselung_"--Mitten im tiefsten Morpheus--Beim ersten Krhen
der rosenfingrigen Eos--; auch hier wird ja der Witz durch einen
sachlichen Zusammenhang ermglicht.


DAS WITZIGE URTEIL.

III. Das _witzige Urteil_ bildet, wie schon gesagt, die dritte
Hauptgattung. Bei ihr wird eine Wahrheit verkndigt in einer Form, die
die ganze Aussage wiederum als nichtig, als blosses Spiel erscheinen
lsst; oder eine Scheinwahrheit, die logisch in nichts zergeht. Wiederum
beruht die witzige Aussage auf den genannten vier Arten des
Vorstellungszusammenhanges.

A. 1. Ein witziges Urteil ist zunchst die "_witzige Satzverdrehung_",
die der witzigen Wortverdrehung entspricht. Ein Satz sagt genau genommen
gar nichts, aber der Hrer erkennt ihn als geflissentliche Verdrehung
eines anderen und findet die gemeinte Wahrheit heraus. Oder ein Satz
enthlt einen vlligen Widersinn, der Hrer errt aber, was gesagt sein
soll, aus der blossen hnlichkeit des Gesagten mit einem mglichen
sinnvollen Satz. Im letzteren Falle ist die Verdrehung zum "_witzigen
Gallimathias_" geworden. Jedes Durcheinanderwerfen von Worten, allerlei
falsche Konstruktionen knnen diesen Witzarten dienen.

Das Gegenstck bildet der "_witzige Unsinn_", der an anerkannte
Wahrheiten usserlich anklingt und darum selbst fr den Augenblick als
Ausdruck einer Wahrheit genommen wird. Der wesentliche Unterschied ist,
dass dort eine Wahrheit im Gewande des Unsinns, hier ein Unsinn im
Gewnde der Wahrheit auftritt.

2. Derselbe Erfolg kann erreicht werden durch allerlei ussere
Sprachformen, die nun einmal erfahrungsgemss der Verkndigung oder
Eindringlichmachung der Wahrheit zu dienen pflegen. Es giebt allerlei
berzeugungsmittel, z. B. Grnde. Aber die stehen nicht jederzeit zur
Verfgung. Da mssen dann andere Mittel eintreten. Man betont, druckt
gesperrt oder fett. Manche Schriftsteller lieben es, in dieser Weise dem
Drucker das berzeugen zu berlassen. Man kann sich darauf verlassen,
dass sie um so betonter reden, je weniger Grnde sie haben. Dieses
Mittels kann sich auch der Witz bedienen, so wie jedes unlogischen
Mittels. Man betont den Widersinn, spricht ihn mit Emphase aus. Je
grsser der Applomb und die Unverfrorenheit, desto eher wird das
Vertrauen sich rechtfertigen, dass man wenigstens fr den Augenblick den
Eindruck der Wahrheit mache.

hnliche Wirkung haben andere Mittel. Man bringt eine Behauptung immer
wieder vor, man bringt sie nebenbei, im Tone der Selbstverstndlichkeit,
man leitet sie ein mit einem "bekanntlich", citiert angeblich: wie schon
der oder der grosse Gelehrte oder Dichter mit Recht gesagt hat; man
kleidet sie in mglichst wissenschaftliche Form, spart auch langatmige
Fremdwrter nicht; berhmte allermodernste Philosophen knnen dabei als
Muster dienen. Endlich ist die poetische Form nicht zu verachten.

Immer beruht bei diesem "_witzigen Erschleichen_" der Eindruck des Witzes
auf der Gewohnheit, Wahrheit zu suchen hinter dem usseren Gewande der
Wahrheit. Es stehen aber neben jenen Fllen andere, in denen nicht eine
vllig neue Wahrheit verkndigt, sondern nur eine nichtsbedeutende in
eine gewichtige verwandelt wird. Dazu dienen speciellere formale Mittel.
Ein Beispiel ist die bekannte witzige Definition des Kopfes: "Der Kopf
ist ein Auswuchs zwischen den beiden Schulterknochen, welcher erstens das
Herausrutschen des Krawatt'ls verhindert, und zweitens das Tragen des
Helmes bedeutend erleichtert". Dass der Kopf dies ist, bezweifelt
niemand. Die Form der Definition aber macht daraus eine Wesensbestimmung.
Sofern der Witz unmglich wre ohne die in der Definition thatschlich
liegende Wahrheit, die der Witz nur steigert oder ergnzt, scheint er
freilich einer anderen sogleich zu besprechenden Art anzugehren.
Indessen ist es eben doch diese ussere Form der Definition, durch die
die Steigerung oder Ergnzung bewerkstelligt wird.

B. Worin diese andere Art bestehe, ist auch schon gesagt. Mit Vernderung
eines schon citierten _Jean Paul_'schen Ausdrucks knnen wir sie als
diejenige bezeichnen, die halbe, Viertelswahrheiten zu ganzen Wahrheiten
macht.

1. Dies kann in doppelter Weise geschehen. Wir lassen uns verfhren, den
Inhalt einer Behauptung zu glauben, oder momentan fr mglich zu halten,
weil hnliches allerdings vorkommen kann. Ich erzhle etwa allerlei
eigene oder fremde Erlebnisse, wie sie im Einzelnen wohl erlebt sein
knnten, die aber im Ganzen so ausserordentlich sind, und ein so
merkwrdiges Zusammentreffen von Umstnden voraussetzen wrden, dass der
Hrer, ohne mit Grnden widersprechen zu knnen, doch Grund hat die
"_witzige Aufschneiderei_" fr eine solche zu halten.

Oder ich steigere mgliche Vorkommnisse bis zur Unglaublichkeit oder
Unmglichkeit, doch so, dass ein gewisser Schein der Mglichkeit bleibt.
Diese "_witzige bertreibung_" haben wir schon unterschieden von der
hyperbolischen Bezeichnung, die nicht etwas Ungeheuerliches glauben
machen, sondern ein als wirklich Vorausgesetztes in ungeheuerlicher Weise
_bezeichnen_ will.

2. Mit diesen beiden Witzarten nahe verwandt und doch davon verschieden
ist diejenige, durch die wir verfhrt werden die erfahrungsgemsse
Beziehung zwischen einem Thatbestand und einem anderen gewohnheitsmssig
festzuhalten, unter Umstnden, unter denen dieselbe aus einleuchtenden
Grnden nicht mehr stattfinden kann. Wir vollziehen, indem wir sie
festhalten, einen falschen Analogieschluss, den wir doch sofort als
falsch erkennen. Solche "_Witze aus falschem Analogieschluss_" sind die
"_Mnchhausiaden_" nach Art der schon einmal angefhrten Erzhlung
Mnchhausens, dass er sich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen habe.
Nicht minder die "_witzigen Probleme_": "Wie kann man mit einer Kanone um
die Ecke schiessen?--Bekanntlich beschreibt das Geschoss eine Kurve; man
braucht also nur das Rohr auf die Seite zu legen". Speciell als
"_Vexierwitze_" knnte man die Witze bezeichnen, die auf Grund der
falschen Analogie einen bestehenden Sachverhalt vllig auf den Kopf
stellen, wie die Anklage gegen _Schiller_, dass er in seinem Wallenstein
eine so abgedroschene Phrase vorbringe, wie "Spt kommt ihr, doch ihr
kommt".

Wie bei diesen Witzen "Unsinn im Gewande der Wahrheit", so tritt auch
hier in einer zweiten Art "Wahrheit im Gewande des Unsinns" auf. Ich
denke an die "_spielenden Urteile_" im engeren Sinne, bei denen sachlich
alles in Ordnung und nur die Form unfhig erscheint, berhaupt als Trger
einer Wahrheit zu dienen. Hier findet _Schleiermacher_'s Definition der
Eifersucht ihre Stelle, und mit ihr alle mglichen wichtigen und banalen
Wahrheiten, deren Form durch gleichartig wiederkehrende Worte oder auch
nur Konsonanten oder Vokale, durch Hufung sehr kurzer oder sehr langer
Worte--man denke etwa an das Wortgefecht zwischen _schylos_ und
_Euripides_ in _Droysen_'s herrlicher bersetzung der "Frsche"--durch
scherzhafte Reimerei oder dgl. den Charakter des Spielenden und damit
logisch Kraftlosen gewonnen haben. Als besondere Art hinzugefgt werden
kann noch die "_witzige Krze_", die mit einem Wort, einer Handbewegung
eine Antwort giebt, oder ein Urteil fllt, und endlich so kurz werden
kann, dass nur das beredte "_witzige Schweigen_" brig bleibt.


DIE WITZIGE URTEILSBEZIEHUNG.

IV. Die _witzige Urteilsbeziehung_ setzt zwei--oder mehrere--Urteile in
Beziehung. Dabei ist--sogut wie bei der witzigen Begriffsbeziehung--die
Beziehung der eigentliche Trger des Witzes. Sie wird hergestellt durch
Mittel, die doch logisch nichtig sind oder scheinen. Ebenso nichtig
erscheint dann die Beziehung zwischen den Urteilen oder die Geltung, die
einem Urteil aus dieser Beziehung erwachsen ist.

A. 1. Das erste logisch nichtige und trotzdem wirksame Mittel eine solche
Beziehung herzustellen, die ussere hnlichkeit oder Gleichheit,
begrndet Witzarten von ziemlich verschiedenem Charakter. Vor allem sind
wieder die beiden Flle mglich, dass das eine Urteil ausgesprochen wird
und das andere aus ihm erschlossen oder in ihm wiedererkannt werden muss,
und dass die ausdrckliche Beziehung beider Urteile zu einander den Witz
begrndet. Dann aber verwirklicht sich wiederum jene Mglichkeit, die der
"_Doppelsinn-Witze_", in verschiedener Art.

Das ausgesprochene Urteil lsst ein anderes _ohne weiteres_ erraten in
der "_witzigen Zweideutigkeit_" von der Art des bekannten "C'est le
premier vol de l'aigle". Niemand konnte etwas dagegen einwenden, wenn der
franzsische Hofmann die erste That des _Louis Philipp_, die Konfiskation
der Gter der Orleans, als ersten Flug des Adlers, also als le premier
"vol" de l'aigle bezeichnet. War sie aber le premier vol du l'aigle, dann
war sie auch der erste Raub des Adlers, da in dem Satze beides liegt. Es
folgt also aus der Annahme des einen Gedankens, durch das Mittel des
Satzes, in dem er sich verkrpert, die Annahme des anderen Gedankens,
nicht mit logischer, aber mit einer gewissen psychologischen
Notwendigkeit. Genauer ist hier das Bindemittel das zweideutige Wort
"vol".

Nicht so ohne weiteres ergiebt sich das Urteil, das erraten oder
erschlossen werden soll, bei anderen Arten. Indem der franzsische
Dichter auf die Aufforderung des Knigs ein Gedicht zu machen, dessen
sujet er sei, antwortet, le roi n'est pas sujet, erwartet er wiederum,
dass man aus der Selbstverstndlichkeit, die er sagt, dass nmlich der
Knig nicht Unterthan sei, durch das Mittel des Wortes sujet das andere
Urteil ableite, der Knig knne nicht sujet eines Gedichtes sein. Aber er
erwartet es, weil das Wort sujet soeben von dem Knig in diesem anderen
Sinne gebraucht worden ist. Der Dichter hat in seiner Antwort diesen Sinn
mit demjenigen, den die Antwort voraussetzt, vertauscht. Wir knnen diese
Witzart darum als "_witzige Begriffsvertauschung_" bezeichnen.

Dieselbe gewinnt anderen und anderen Charakter je nach dem Verhltnis, in
dem die beiden Bedeutungen des einen Wortes zu einander stehen. Verhalten
sie sich zu einander als engere und weitere Bedeutung, so mag man den
Witz "limitierende" Begriffsvertauschung nennen. "Kann er Geister
citieren?--Ja, aber sie kommen nicht" wre ein Beispiel. Der Gefragte
kann Geister citieren wie jedermann. Nehmen wir das Wort zugleich in dem
engeren Sinne der Frage, so hat der Frager seine vollgltige Antwort.

Eine andere Abart der witzigen Vertauschung ist die "_witzige Deutung_".
"Wenn ein Soldat in einem Wirtshaus mit einem Offizier zusammentrifft, so
trinkt er sein Bier aus und geht nach Hause.--Was thust du also, wenn du
in einem Wirtshause mit einem Offizier zusammentriffst?--Ich trinke sein
Bier aus und gehe nach Hause". Hier ist das doppeldeutige auf den
Soldaten und den Offizier beziehbare "sein" das Bindemittel.

Nicht immer ist es ein einzelnes Wort, dessen Doppelsinn beide Urteile
entstehen lsst. Auch ein Satz als Ganzes, eine Frage oder Behauptung,
endlich eine Handlung kann in doppeltem Sinn genommen werden und so den
Witz begrnden. Eine Handlung etwa ist Gegenstand der witzigen
Sinnvertauschung, wenn der Bediente, dessen Herr im Zorn ein Gericht zum
Fenster hinauswirft, Miene macht das ganze brige Essen sammt Tischtuch
etc. folgen zu lassen: der Herr wnschte ja wohl auf dem Hofe zu speisen.

berall haftet hier der Doppelsinn an denselben unvernderten Zeichen.
Muss mit diesen erst eine Vernderung vorgenommen werden, so entsteht die
"_witzige Urteilskarikatur_", der witzigen Wortkarikatur entsprechend.
Sie ist jenachdem Vernderung der Interpunktion, der Betonung, oder
einzelner Worte. Ich verwandle das _Schiller_'sche: "Mein Freund kannst
du nicht lnger sein" in die Frage: Mein Freund, kannst du nicht _lnger_
sein? als htte Schiller jemanden diese Frage stellen lassen. Oder ich
lasse _Schiller_ sagen: Die schnen Tage von Oranienburg sind jetzt
vorber u. dgl.

Ihrer Stellung nach damit verwandt sind die "_witzigen bersetzungen_",
soweit sie eine in Gedanken vollzogene Karikatur der bersetzten Worte
voraussetzen. "Vides, ut alta stet nive candidus Soracte--Siehst du, wie
da der alte Kandidat Sokrates im Schnee steht". Zugleich rechnen sie auf
Gleichklang von fremden Worten und solchen der eigenen Sprache, und vor
allem auf den Umstand, dass die fremde Sprache eben eine fremde ist, bei
der wir uns auf den ersten Blick allerlei unglaubliche Konstruktionen und
Verdrehungen gefallen lassen.

Auch bei dieser Witzart soll noch aus dem einen Urteil, in dem der Witz
enthalten ist, das andere _wiedererkannt_ werden. Sehr viel weniger
mannigfaltig als diese Gattung ist die andere, in der die ausdrckliche
Beziehung der Urteile zu einander den Witz begrndet. Wir wollen sie als
"_witzige Urteilsantithese_" bezeichnen. "Es giebt viele Dinge zwischen
Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts trumen
lsst; aber noch viel mehr Dinge lsst sich unsere Schulweisheit trumen,
die es weder im Himmel noch auf Erden giebt". Das zweite Urteil hat im
Grunde mit dem ersteren inhaltlich wenig zu thun. Vermge der usseren
hnlichkeit aber scheint es nur eine Modifikation desselben. Diese Art
ist dem "Klangwitz" vllig analog.

2. Ebenso steht mit der witzigen Begriffsverbindung in Analogie die
"_witzige Urteilsverbindung_", in der der Schein der logischen
Zusammengehrigkeit von Urteilsinhalten erzeugt wird durch ussere
Sprachmittel, die sonst erfahrungsgemss die Zusammengehrigkeit
bezeichnen.

Auf der Grenze zwischen dem witzigen Urteil und dieser neuen Witzart
steht die "_witzige Urteilsverschmelzung_". Wenn ich "Galilei auf dem
Scheiterhaufen zu Worms" in die Worte ausbrechen lasse: "Solon, Solon,
gieb mir meine Legionen wieder" so verschmelze ich nicht weniger als fnf
Urteile oder Thatsachen miteinander. Freilich stehen die Thatsachen auch
an sich in einem gewissen Zusammenhang. Aber ihre Vereinigung in eine
einzige ist doch nur durch die ussere Form, die in diesem Falle keine
andere ist als die Form des einheitlichen Urteils, zuwege gebracht.

So pflegt auch bei den beliebten Vereinigungen unzusammengehriger
_Schiller_'scher und sonstiger Verse, die bald Verschmelzung bald
Verbindung ist, eine gewisse sachliche Beziehung zu Grunde zu liegen.
"Wie ein Gebild aus Himmelshhen sieht er die Jungfrau vor sich stehen,
die mit grimmigen Gebrden urpltzlich anfngt scheu zu werden".
Ausserdem trgt die ussere Form, das gemeinsame Pathos dazu bei, die
ussere Verbindung als Trger einer sachlichen Zusammengehrigkeit und
damit den ganzen Unsinn als wirkliches dichterisches Erzeugnis erscheinen
zu lassen.

Es bedarf aber weder dieser sekundren usseren Hilfsmittel noch
irgendwelches einleuchtenden sachlichen Zusammenhangs, um die witzige
Urteilsverbindung herzustellen. Ich lese in einer Zeitung Anzeigen aller
Art ohne Pause hintereinander ab, verbinde was mir gerade einfllt, durch
satzverbindende Worte, begrnde eine Aussage durch ein Beispiel, das
keines ist, eine Analogie, die nicht zutrifft, eine allgemeine Regel, die
nicht hierhergehrt--lediglich darauf vertrauend, dass der Hrer, durch
die ussere Verbindung verfhrt, eine sachliche wenigstens suchen, oder
durch die begrndende Form, das "denn", "also", "wie z. B." getuscht,
einen Augenblick an eine wirkliche Begrndung glauben, also dem nichts
bedeutenden Satze die entsprechende Geltung zugestehen werde.

Immerhin wird auch hierbei der Witz gewinnen, wenn zur usseren Form eine
gewisse, nur logisch ungengende, sachliche Beziehung hinzutritt. Dies
gilt auch von einigen Fllen der witzigen Urteilsverbindung, die noch
besondere Hervorhebung verdienen. Ich meine zunchst den "_verdeckten
Hieb_" oder die "_gelegentliche Abfertigung_", die eine wichtige
Bemerkung, durch die jemand getroffen werden soll, in eben ihr
fremdartigen Zusammenhang zugestandener Thatsachen nebenbei einflicht, so
dass sie als dazu gehrig und mit ihm gleich unangreifbar erscheint, oder
die umgekehrt eine richtige Behauptung in einen Zusammenhang offenbar
unsinniger Behauptungen gelegentlich verwebt und dadurch als gleichfalls
unsinnig charakterisiert. Die Mglichkeit dieser Witzart beruht darauf,
dass wir auch in unserem Glauben und Nichtglauben einem Gesetze der
Trgheit unterliegen. Sind wir einmal im Zuge fr wahr oder fr nichtig
zu halten, Beifall zu spenden oder zu verurteilen, so lassen wir uns
nicht so leicht irre machen. Wir bedrfen sozusagen eines neuen Anlaufes,
damit wir wieder kritikfhig werden. Aber eben dazu lsst uns die
gelegentliche Bemerkung keine Zeit.

Diesem Falle steht zur Seite und doch in gewisser Art entgegen das
"_witzige Ceterum censeo_", das eine Behauptung dadurch beweist, dass es
sie mit mglichst verschiedenartigen Thatsachen verbindet, und durch die
Art der Verbindung als den Punkt erscheinen lsst, in dem alle die
Thatsachen mnden, oder von dem sie alle ausgehen.

Schliesslich muss noch ein Fall ganz besonders hervorgehoben werden,
nmlich der Fall der nicht nur nebenbei ironisierenden, sondern
eigentlich "ironischen Urteilsverbindung". Sie ist wiederum "_witzige
Einschrnkung_" oder "_ironische Widerlegung_". Jene verkndigt eine
angebliche Thatsache, z. B. volle Pressfreiheit, um dann Ausnahmen oder
Einschrnkungen hinzuzufgen, die von der Thatsache nichts mehr brig
lassen. Diese widerlegt ein scheinbar angenommenes Urteil--"Brutus ist
ein ehrenwerter Mann; so sind sie alle ehrenwerte Mnner"--durch
Thatsachen, die dasselbe scheinbar besttigen. In beiden sind die
Bedingungen der Ironie verwirklicht, insofern beide ein nichtiges Urteil,
das erst wie ein gltiges auftritt, vernichten und in sein Gegenteil
umschlagen lassen. Nur dass bei der ironischen Widerlegung auch der
Schein der Besttigung umschlgt. Das Mittel der Vernichtung sind beide
Male Thatsachen. Damit ist eine zweite Art der Ironie gewonnen neben
jener, die in der ironischen Bezeichnung uns entgegentrat.

B. Eine innere sachliche Beziehung und zwar zunchst eine innere
Verwandtschaft oder teilweise Inhaltsgleichheit liegt der witzigen
Urteilsbeziehung zu Grunde vor allem in den der witzigen
Begriffssubstitution analogen Fllen, in denen eine Wahrheit in--logisch
betrachtet--zu allgemeiner Form oder in Form einer Analogie, oder zu
speciell ausgesprochen wird, doch so, dass aus dem vorhandenen Urteile
das gemeinte, also jene Wahrheit, unmittelbar abgeleitet werden kann. Ich
beantworte eine Frage, spreche ein Urteil, einen Tadel aus, nicht direkt,
sondern in Form einer allgemeinen Wahrheit, eines Urteils, das sich auf
hnliche Dinge oder vergleichbare Verhltnisse bezieht, durch eine
Geschichte, ein Beispiel, das ich erzhle oder an das ich erinnere.

Diese Witzart kann als "_witzige Urteilssubstitution_", sie knnte, wenn
es erlaubt wre, das Wort Allegorie in seinem weitesten Sinn zu nehmen,
auch als "_witzige Allegorie_" bezeichnet werden. Wie bei der witzigen
Begriffssubsitution, so sind hier die drei Mglichkeiten: die
Substitution ist einfach logische, bildliche, parodische. Die beiden
letzteren begrnden das "_witzig bildliche Urteil_" und das "_parodische
Urteil_".

Wiederum sind innerhalb der ersteren, nicht bildlichen oder parodischen
Art diejenigen Unterarten die wichtigsten, die das gemeinte Urteil durch
eines von verwandtem oder von speciellerem Inhalt ersetzen. Das Eine wie
das Andere kann geschehen in einem Satze oder in lngerer Rede: in
Epigrammen, Sprichwrtern, wie sie der Volkswitz schafft, oder in
ausgefhrten Gleichnissen, Schwnken, Fabeln. "Aus ungelegten Eiern
schlpfen keine Hhner"; "Wer auf dem Markt singt, dem bellt jeder Hund
ins Lied"; "Die Laus, die in den Grind kommt, ist stolzer als die schon
drin sitzt", so sagt der Volkswitz, und drckt damit drastisch allgemeine
Wahrheiten aus. Dagegen erzhlt _Hans Sachs_ in "St Peter mit der Gais"
eine _Geschichte_, um zu zeigen, wie thricht es ist, Gott ins
Weltregiment zu reden.--Nebenbei muss bemerkt werden, dass das
volkstmliche Sprichwort aller mglichen Mittel des Witzes sich bedient,
die in diesem Zusammenhange erwhnt wurden, deren eigentmliche
Verwendung innerhalb des Volkssprichwortes aber nicht jedesmal bezeichnet
werden konnte.

Auch das witzig bildliche Urteil ist vorzugsweise im Volkssprichwort zu
Hause. Von der bildlichen Bezeichnung ist es dadurch unterschieden, dass
es ganz in die Sphre des Bildes sich begiebt und da urteilt. Es muss
zunchst in der bildlichen Sphre einleuchten, und es muss ebendarum auch
einleuchten, wenn das Bild in die Sache bersetzt wird. "Die Nase hoch
tragen" ist bildliche Bezeichnung. "Wer die Nase hoch trgt, dem regnet's
hinein" ist ein bildliches Urteil. Solche Urteile werden witzig in dem
Masse als sie zugleich fremdartig, berraschend, im Grunde zum Ausdruck
ihrer Meinung logisch ungeeignet erscheinen.--In ausgefhrterer Weise und
kunstmssiger tritt das bildliche Urteil auf in der "_Allegorie_" im
engeren Sinne. Man denke etwa an _Schiller_'s "Pegasus im Joche."

Ebenso wie zur bildlichen Bezeichnung das bildliche Urteil, verhlt sich
zur parodischen Bezeichnung das parodierende Urteil. Es kann sich
steigern bis zur ausgefhrten Parodie, die Gewhnliches in der Sprache
und Form der hohen Epik oder umgekehrt Erhabenes in der Sprache des
Alltagslebens darstellt. Die letztere Art der Parodie pflegt man auch
wohl als Travestie zu bezeichnen. Kleidet das parodierende Urteil, was es
sagen will, nicht nur im allgemeinen in die Sprache und Form, die nun
einmal einer fremden Gedankenwelt eigentmlich ist, sondern in Worte, die
einem bestimmten fremdartigen Gedankenzusammenhange angehren, so wird es
zum "parodierenden Citat". Jedes Citat, das sich an Stelle einer direkten
Aussage setzt, gehrt hierher, wenn es gengend fremdartig klingt.

Bei Betrachtung der witzigen Begriffssubstitution hob ich besonders
hervor die karikierende und speciell hyperbolische, andererseits die
charakterisierende und ironische. Diese Unterschiede gelten auch hier.
Aber nur auf die hierhergehrigen ironischen Urteile mache ich besonders
aufmerksam. Wir begegneten dort einer ironischen Bezeichnung im engeren
und eigentlichen Sinne. Dieser entspricht das einfache "_ironische
Urteil_". Es wre ein parodierendes Urteil mit ironischem Charakter, wenn
ich dem Wunsch eines anderen, eine Kleinigkeit, die er bei mir sieht, in
die Hand oder an sich zu nehmen, mit den Worten begegnete: Die Sterne,
die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht. Ich redete von
Sternen und meinte etwas einem Sterne mglichst wenig hnliches. Ein
ironisches Urteil aber htte ich damit nicht gefllt. Dazu gehrt, nach
unserem Begriff der Ironie, dass das ganze Urteil als solches, indem es
gefllt wird, zergeht und in sein Gegenteil umschlgt. Und ein einfaches
ironisches Urteil kann nur dasjenige heissen, das ohne weiteres oder in
sich selbst zergeht und umschlgt, indem es ins Dasein tritt. Ein solches
ironisches Urteil flle ich, wenn ich jemand lobe, dass er seine Pflicht
gethan, so oder so sich verhalten habe, in keiner anderen Absicht, als um
ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass er alles das nicht gethan hat. Nur
die Art des Urteils und die Gelegenheit, bei der es auftritt, machen
hier, dass das Urteil ins Gegenteil umschlgt.

In allen vorstehend errterten Fllen lsst der Witz aus einem Urteil ein
anderes ableiten. Ihnen stehen diejenigen gegenber, in denen er es
selbst ableitet. Die Ableitung kann blosses Spiel sein, und sie kann
wiederum eine neue Art der witzigen Ironie reprsentieren. In jenem
Falle, dem der einfachen "_witzigen Folgerung_", muss vor allem die
Unerlaubtheit der Ableitung, in diesem, dem der "_ironischen Folgerung_",
vor allem die Nichtigkeit des Abgeleiteten einleuchten. Ich abstrahiere
aus einem Begegnis, das mir erzhlt wird, oder das ich selbst erlebt
habe, und an dem nicht eben viel Besonderes ist, scherzend eine Regel,
die auf das Erzhlte passt, aber darum doch durchaus nicht aus ihm folgt,
zum Beispiel aus einem kleinen Unfall, der jemand bei einem Spaziergang
traf, die Regel, dass Spazierengehen eine hchst schdliche und
naturwidrige Beschftigung sei. Damit vollziehe ich eine, wenn auch in
dem angegebenen Beispiele nicht gerade erschtternde, witzige Folgerung.

Dagegen leitet die ironische Folgerung aus einem in sich nichtigen oder
als nichtig angenommenen Urteile, dessen Recht sie scheinbar anerkennt,
ein anderes ebenso nichtiges, bezw. das Recht zu einem solchen ab, um mit
der Nichtigkeit dieses zugleich die Nichtigkeit jenes Urteils
eindringlich zu machen. Bei dieser ironischen Folgerung ist die Ironie
auf ihrer vollen Hhe. Durch ein selbst Nichtiges, in dessen Gewand sich
die Wahrheit kleidet, also auf gleichem Boden oder mit gleichen Waffen,
werden die Ansprche des Nichtigen in ihr Gegenteil verkehrt.

Es kann dies aber in mannigfacher Weise geschehen. Ich illustriere eine
thrichte allgemeine Behauptung durch "_ironische Exemplifikation_", d.
h. durch ein Beispiel, dessen Sonderbarkeit einleuchtet, oder bringe
umgekehrt ein specielleres Urteil zu Fall durch "_ironische
Verallgemeinerung_"; ich widerlege eine Lge durch "_ironische
Analogie_", d. h. indem ich ihr nach Art des _Gellert_'schen Bauern eine
andere gleichartige an die Seite setze. In der Regel wird diese ironische
Analogie zugleich "_ironische Steigerung_" sein. Kein besseres Mittel
Aufschneidereien zu widerlegen, als indem man sie berbietet, und so die
Aufschneiderei offenkundig macht.

Auch in Handlungen kann sich diese Witzart verwirklichen. Sie wird dann
zum "_witzigen Bezahlen mit gleicher Mnze_". Ich behandle jemand, der an
mir oder einem Dritten eine Ungeschicklichkeit oder ein Unrecht gethan
hat, bei gleicher Gelegenheit in genau derselben Weise, nicht so, dass
ich mich zu rchen, sondern vielmehr so, dass ich ihm Recht zu geben und
daraus das gleiche Recht fr meine Handlungsweise abzuleiten scheine.
Indem ihm mein Unrecht einleuchtet, folgt dann daraus fr ihn sein
Unrecht und seine Beschmung.

2. Kaum habe ich nun ntig, die witzigen Urteilsbeziehungen, die auf
erfahrungsgemssem Zusammenhang beruhen, noch besonders zu bezeichnen.
Der Unterschied zwischen ihnen und der vorigen Art besteht nur eben
darin, dass der erfahrungsgemsse Zusammenhang an die Stelle der
teilweisen sachlichen bereinstimmung tritt.

Auf Grund dieses Zusammenhanges lsst ein Urteil ein anderes erschliessen
in den Fllen des "_witzigen Erratenlassens_" im engeren Sinne. Ich lobe
etwa, um mein Urteil ber einen Gegenstand befragt, Nebenschlichkeiten,
die nicht gemeint waren, und gebe damit zu erkennen, dass ich den
Gegenstand selbst nicht eben loben kann. Oder:--Ihr Herr Vater war ja
auch ein ehrlicher Mann, sagt _Heine_ zu einem Brsenbaron, der sich
wundert, dass die Seine oberhalb Paris so rein und unterhalb so schmutzig
sei, und fordert damit auf, diesen erfahrungsgemssen Zusammenhang auf
den Herrn Baron zu bertragen und daraus sich ber letzteren ein Urteil
zu bilden.

Dagegen wird im Witze selbst aus einem Urteil, bezw. einer Thatsache ein
Urteil von anderem Inhalt erschlossen, wenn Phokion das Klatschen der
Menge mit der Frage beantwortet: Was habe ich Dummes gesagt?--Die
"_witzige Konsequenz_", wie wir solche Flle im Unterschied zur witzigen
Folgerung nennen wollen, wendet sich hier zurck und lsst zugleich ein
Urteil ber die Thatsache, auf der sie beruht, erraten. Insofern ist sie
besonderer Art, "Abfertigung durch witzige Konsequenz", und von der
"einfachen witzigen Konsequenz", die nur scherzweise unerlaubte
Konsequenzen zieht, verschieden.

Dagegen nhert sie sich der "_ironischen Konsequenz_", die, der
ironischen Folgerung analog, aus einem nichtigen Urteil nach Gesetzen
erfahrungsgemsser Zusammenhnge nichtige Urteile ableitet und so
wiederum Thorheit durch Thorheit vernichtet.


DER WITZIGE SCHLUSS.

V. Unter dem "_witzigen Schluss_" kann nach dem Bisherigen nur der Witz
verstanden werden, der ausdrcklich in Schlussform auftritt. Denn ein
Schluss _vorausgesetzt_ wird im Grunde bei jedem Witze. Es ist aber bei
ihm in der That die Schlussform das einzig Auszeichnende, whrend die
Mittel dieselben sind, die in den anderen Hauptarten, vor allem den
witzigen Urteilsbeziehungen, bereits vorliegen. So ist der witzige
Schluss, der im zweiten Abschnitt angefhrt wurde: "Wer einen guten Trunk
thut etc., der kommt in den Himmel", der Art nach nur eine Reihe von
witzigen Begriffsvertauschungen, bei denen Begriffe abwechselnd im
engeren und im weiteren Sinne genommen werden.

Eine Einteilung nach den Mitteln, durch die der Witz zu stande kommt, ist
die in Obigem versuchte Einteilung. Sie ist ebendamit nicht eine
Einteilung nach dem sthetischen Gesichtspunkt. Dieser Gesichtspunkt wird
spter zu seinem Rechte kommen.

       *       *       *       *       *

V. ABSCHNITT. DER HUMOR.


XIV. KAPITEL. KOMIK UND STHETISCHER WERT.


ALLGEMEINES BER "STHETISCHEN WERT".

Das sthetisch Wertvolle ist in unseren Tagen gelegentlich vom Schnen
unterschieden worden. Der Streit hierber wre jedoch ein blosser
Wortstreit. Ich entziehe mich demselben, indem ich erklre, dass ich
unter dem Schnen, wie freilich im Grunde jeder, nichts anderes verstehe,
als eben das sthetisch Wertvolle. Das Verhltnis des Komischen zum
sthetisch Wertvollen ist also das Verhltnis des Komischen zum Schnen,
und umgekehrt.

Wertvoll ist dasjenige, das Wert hat, d. h. das so beschaffen ist, dass
es fr uns erfreulich sein kann. sthetisch wertvoll ist dasjenige, das
um seiner Beschaffenheit willen Gegenstand der sthetischen Freude oder
des sthetischen Genusses sein kann.

Dies mssen wir nach einer bestimmten Richtung hin genauer bestimmen.
Etwas kann Wert haben, weil es ein an sich Wertvolles, d. h. vermge
seines blossen Daseins Erfreuliches schafft, hervorbringt, ermglicht,
etwa eine wertvolle Erkenntnis, oder eine wertvolle Erinnerung, oder das
Dasein eines von ihm unterschiedenen wertvollen Objektes. Solcher Wert
ist Ntzlichkeitswert. Dabei nehme ich dies Wort, wie man sieht, nicht im
engsten, sondern in einem weiteren, ber die blosse _praktische_
Ntzlichkeit hinausgehenden Sinne.

Davon nun unterscheidet sich der sthetische Wert, sofern er Wert des
wertvollen Objektes selbst ist, also ein Wert, dessen wir inne werden,
indem wir nur dies Objekt, so wie es ist oder sich uns darstellt, uns
vergegenwrtigen und auf uns wirken lassen. Mit einem Worte, der
sthetische Wert ist Eigenwert; der sthetische Genuss Genuss dieses
Eigenwertes.

Hiermit ist nicht etwa eine Definition des "sthetischen Wertes" gegeben,
sondern nur gesagt, welcher umfassenderen Gattung von Werten der
sthetische Wert angehre. Auch das sinnlich Angenehme und das sittlich
Gute sind ja an sich wertvoll. Ich habe also hier lediglich das
sthetisch Wertvolle mit diesen anderen Arten des Wertvollen
zusammengeordnet.

Aber vielleicht gesteht man mir das Recht dieser Zusammenordnung nicht
zu. Oder man findet, damit sei ein Standpunkt bezeichnet, dem gegenber
andere Standpunkte mglich seien.

Dann bemerke ich, dass ich hier allerdings nicht einen Standpunkt
vertreten, sondern eine Thatsache feststellen will. Die Thatsache aber,
um die es hier sich handelt, ist im wesentlichen eine Thatsache des
Sprachgebrauches.

Es handelt sich um den "sthetischen Wert". Nicht jeder sthetische Wert
ist Wert eines _Kunstwerkes_. Auch Naturobjekte haben sthetischen Wert.
Wohl aber gilt das Umgekehrte: Jedes Kunstwerk hat, sofern es diesen
Namen verdient, sthetischen Wert. Daraus folgt, dass das Spezifische des
sthetischen Wertes nur in Etwas liegen kann, dem wir auch beim
Kunstwerke, und zwar bei jedem Kunstwerke begegnen.

Andererseits knnte ein Kunstwerk, nicht berhaupt, sondern als solches,
auch noch einen anderen als den sthetischen Wert haben. Und es knnte
speciell sein "_Kunstwert_" in einem solchen von "sthetischen" Werten
prinzipiell verschiedenen Werte bestehen.

Dann ist unsere Frage eine doppelte. Sie lautet einmal: Was macht den
Wert des Kunstwerkes? und zum anderen: Was macht seinen sthetischen
Wert?

Zunchst fragen wir: Worin besteht der Sinn des Wortes "Kunst"? Darauf
sind verschiedene Antworten mglich. Etwa: "Kunst" kommt von "Knnen".
Kunst ist also jedes Knnen u. s. w.

Indessen der Sprachgebrauch unterscheidet auch deutlich zwischen "Kunst"
und "Kunst". Es giebt eine "Kunst", von der die Kunstgeschichte
berichtet, die denjenigen, der sie treibt, zum Knstler, nicht zum
blossen Handwerker oder "Artisten" stempelt. Diese Kunst ist es, deren
Erzeugnisse sthetischen Wert und "Kunstwert" besitzen.

Um nun den Sinn dieser "Kunst" festzustellen, giebt es soviel ich sehe,
nur einen Weg. Wir mssen fragen, welche Arten derselben vorliegen; was
fr Erzeugnisse der menschlichen Thtigkeit nach jedermanns Meinung, in
jenem eben angedeuteten engeren oder hheren Sinne des Wortes,
_Kunstwerke_ sind.

Diese Frage aber beantworten wir, indem wir uns erinnern, dass
beispielsweise die Poesie, die Malerei, die Plastik, die Architektur, die
Musik allgemein als solche Knste bezeichnet werden. Die Frage lautet
also: Was haben diese Knste Gemeinsames? Dies Gemeinsame muss den
allgemeinen Sinn des Wortes "Kunst" ausmachen.


ERKENNTNISWERT UND STHETISCHER WERT.

Ich habe oben vom sthetischen Wert die Ntzlichkeitswerte, im weiteren
Sinne dieses Wortes, unterschieden. In verschiedenen solchen
Ntzlichkeitswerten knnte der Sinn der Kunst gefunden werden. Ich
schliesse hier gleich diejenigen aus, die niemand mit dem Werte, den das
Kunstwerk, eben als Kunstwerk hat, oder kurz: mit dem _knstlerischen_
Werte des Kunstwerkes verwechselt: etwa den Kaufwert eines Gemldes, oder
den zuflligen Affektionswert, oder den Wert als kunsthistorisches
Dokument, oder endlich den praktischen Wert, wie ihn etwa die Musik, als
kriegerische Musik, besitzt.

Dann bleiben noch brig allerlei Erkenntniswerte oder durch Erkenntnis
vermittelte Werte. Hiermit habe ich schon einen Unterschied angedeutet,
den wir festhalten wollen. Es bestehen offenbar die beiden Mglichkeiten:
Das Kunstwerk kann seinen Wert haben, weil es Erkenntnis vermittelt; oder
dieser Wert beruht darauf, dass uns das Kunstwerk das Dasein eines
_Wertvollen_ ausser ihm selbst erkennen lsst. Im ersteren Falle wre der
Wert des Kunstwerkes der Wert einer Erkenntnis, die Wertschtzung des
Kunstwerkes Freude an einem Erkennen als solchem, an einem Wissen, an
einer Einsicht. Im letzteren Falle dagegen wre der Wert des Kunstwerkes
der Wert dessen, was wir aus der Betrachtung desselben erkennen, die
Wertschtzung des Kunstwerkes wre die Freude--nicht an einem Erkennen,
sondern an einem, durch Hilfe des Kunstwerkes _erkannten_ Objekte oder
Thatbestande.

Achten wir zunchst auf die erstere Mglichkeit. Man sagt etwa, das
dramatische Kunstwerk "zeige" uns, wie es in der Welt zugehe, was es um
Menschen, Menschenleben und Menschenschicksal fr eine Sache sei.

Hier erhebt sich sofort ein Bedenken. ber die Wirklichkeit Aufschluss
geben knnen uns doch nur Thatsachen, die der Wirklichkeit angehren,
oder von denen wir wissen, dass sie mit der Wirklichkeit bereinstimmen.
Die erdichteten Charaktere und Schicksale des dramatischen Kunstwerkes
insbesondere mssen von uns als der Wirklichkeit gemss erkannt sein,
wenn sie als ber die Wirklichkeit belehrend von uns anerkannt werden,
wenn wir also aus ihnen Belehrung schpfen sollen. Ist dies nicht der
Fall, fehlt uns der Eindruck der Wirklichkeitsgemssheit, so sehen wir in
ihnen eben willkrliche Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, die mit
der Wirklichkeit nichts zu thun haben. Diesen Eindruck der
Wirklichkeitsgemssheit knnen wir aber nur gewinnen, wenn wir bereits
wissen, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist.

Indessen so meint man die Sache nicht. Wir sollen nicht ber das, von dem
wir vorher keine Kenntnis haben, im Kunstwerk belehrt werden; sondern es
soll uns, was wir schon wissen, "gezeigt", vor Augen gestellt, zur
Anschauung gebracht werden. Unser wissenschaftliches Wissen ist ein
allgemeines, abstraktes, in allgemeine Begriffe und Regeln gefasstes. Im
Kunstwerk dagegen tritt uns an Stelle der Regel der bestimmte einzelne
Fall entgegen, nicht ein beliebiger, sondern ein typischer oder
charakteristischer, bei dem zugleich allerlei weggelassen ist, was nicht
zur Sache gehrt. Das Kunstwerk zeigt uns unser Wissen, in dem einen
Falle in eigentmlicher Weise _verdichtet_, so das wir daraus unmittelbar
und zugleich in besonderer Reinheit, Klarheit, Einfachheit das
Wesentliche bestimmter Thatsachen und Verhltnisse der Wirklichkeit
wiedererkennen.

Solches Wiedererkennen hat zweifellos Wert. Es freut uns, wenn wir an
einem Exemplar einer Gattung, etwa an einer Pflanze, die Eigentmlichkeit
der Gattung besonders leicht und unmittelbar wiedererkennen. Es freut uns
das Experiment, das uns ein physikalisches Gesetz in besonders
unmittelbar anschaulicher Weise vergegenwrtigt. Gleichartig wre die
Freude an jenem Wiedererkennen der Gesetze oder der allgemeinen Weisen
des Geschehens in der Menschenwelt, wenn uns in einem dramatischen
Kunstwerk ein besonders klarer und einleuchtender Fall desselben
vorgefhrt wird.

Aber wenn uns nun auch die _Dramatik_ die Freude solchen Wiedererkennens
oder solcher anschaulichen Auffassung der bekannten Wirklichkeit
verschaffen kann, wie ist es in diesem Punkte mit der Musik bestellt?

Es ist klar: Was die Musik giebt, ist vllig anderer Art. Die Musik
schliesst unmittelbar in sich Weisen der Bewegung, ein Jubeln, ein
Klagen, ein sehnsuchtsvolles Verlangen, rasches Strmen, sanftes Gleiten.
Alles dies erleben wir in uns, wenn wir die Musik hrend uns zu eigen
machen. Dies Erleben ist beglckend. Was wir so unmittelbar erleben,
macht den Wert des musikalischen Kunstwerkes.

Hierauf kann man erwidern: Musik sei eben nicht Dramatik. Kein Wunder,
wenn beide Verschiedenes leisten.

Aber man vergesse nicht, was hier in Frage steht. Es ist der Sinn der
"Kunst". Was will die menschliche Thtigkeit, die man mit diesem Namen
bezeichnet? Zweifellos sind die Knste von einander verschieden. Und
demgemss ist von vornherein klar, dass sie Verschiedenes wollen mssen.
Die Dramatik will dies, die Bildnerei jenes, die Musik ein Drittes. Aber
ich frage hier nicht: Was will die Dramatik als Dramatik, die Bildnerei
als Bildnerei, die Musik als Musik; sondern: Was wollen sie alle, als
Beispiele des einen Begriffes der "_Kunst_". Welches Eigenartige an allen
diesen Knsten macht sie dazu? Was charakterisiert sie als Arten der
Kunst? Was berechtigt sie alle diesen selben Namen zu tragen? Wie die
Knste, so wollen auch die Wissenschaften Verschiedenes. Dennoch erkennt
jedermann das Recht der Frage an: Was Wissenschaft berhaupt wolle. Das
gleiche Recht muss die Frage haben, was die Kunst berhaupt wolle.

Auf diese Frage haben wir nun einstweilen die negative Antwort gewonnen:
Es ist unmglich, dass der spezifische Sinn der "Kunst" darin bestehe,
ein "Wiedererkennen" der bezeichneten Art zu ermglichen oder die Freude
eines solchen Wiedererkennens zu gewhren. Es ist unmglich, dass die
Kunst als solche die Aufgabe habe uns eine einfachere, leichtere, klarere
Auffassung von Dingen oder Vorgngen der Wirklichkeit zu verschaffen.

Oder drfen wir nicht Wissenschaft und Kunst, so wie wir soeben thaten,
in Parallele stellen? Ist zwar die Wissenschaft einheitlich, und auf das
gleiche Ziel gerichtet, Kunst aber ein Sammelname fr Heterogenes?

Dann beachte man, wie heterogen unter solcher Voraussetzung die Knste im
Vergleich miteinander sein mssten. Jenes Wiedererkennen, jene einfache,
klare, leichte Auffassung ist ein intellektueller Vorgang, ein Akt des
Verstandes, die Freude daran intellektuelle Freude. Solche Freude zu
gewhren soll der eigentliche Sinn und Zweck gewisser Knste sein,
whrend andere ihrer Natur nach bestimmt sind, eine vllig andere Seite
unseres Wesens in Thtigkeit zu setzen.

Fassen wir diesen Gegensatz in seiner vollen Schrfe. Es giebt _einen
fundamentalsten_ Gegensatz des psychischen Geschehens oder des
"Vorstellungsablaufes". Dieser Gegensatz ist kein anderer als der
Gegensatz des logischen Verhaltens, des Intellektes, der
Verstandesthtigkeit einerseits, und jeder sonstigen Weise der
psychischen Thtigkeit andererseits. In unserem logischen Verhalten,
unserem Denken und Erkennen, ist der Vorstellungsverlauf objektiv
bedingt, das heisst: er ist bedingt und einzig bedingt durch die Weise
der Objekte unseres Bewusstseins, ohne unser Zuthun, als diese bestimmten
Objekte in uns aufzutreten und in dieser bestimmten Weise miteinander
verbunden zu sein. Er ist objektiv bedingt, das heisst: wir, unser ganzes
Wesen, verhlt sich zur Beschaffenheit der Bewusstseinsobjekte und der
Weise ihrer Verbindung passiv oder gleichgltig. Unsere Neigungen und
Wnsche, dass etwas so oder so sei, sind in solchem Vorstellungsverlauf
ausser Wirkung gesetzt. Es giebt innerhalb desselben nur ein Interesse,
nmlich das Interesse, ohne alles Interesse an der _Beschaffenheit_ des
Vorgestellten und der Weise seiner Verbindung lediglich den Forderungen
zu gengen, die die Objekte des Bewusstseins an uns stellen, oder
lediglich der "objektiven Ntigung" zu gehorchen, der wir unterliegen,
wenn wir jede Reaktion unseres Wesens dem Inhalte der Objekte und der
Weise ihrer Verbindung gegenber unterlassen.

Diesem objektiv bedingten Vorstellungsverlauf oder inneren Verhalten
steht gegenber das subjektiv bedingte, von dem das vllige Gegenteil
gilt. Der Vorstellungsverlauf ist subjektiv bedingt, das heisst: es kommt
darin eben die Anteilnahme unserer Persnlichkeit oder die "Reaktion"
unseres Wesens auf den Inhalt des Vorgestellten und die Beschaffenheit
der Vorstellungszusammenhnge zur Aussprache. Es giebt sich darin kund,
was das Vorgestellte fr uns, so wie wir einmal sind, bedeutet, ob seine
Beschaffenheit mit unserem Wesen einstimmig ist, oder ihm widerstreitet,
ihm zusagt oder widerstrebt, ob sie uns erfreut, erhht, ausweitet, oder
in uns Unlust weckt, uns niederdrckt, uns einengt.--Es ist, nebenbei
bemerkt, eine gar nicht selbstverstndliche, sondern hchst merkwrdige
Thatsache, dass diese beiden Weisen psychischer Bethtigung nicht nur
nebeneinander existieren, sondern vollkommen unabhngig voneinander sich
vollziehen knnen, dass wir also das eine Mal logisch oder erkennend
thtig sein, das heisst unseren Wnschen, oder der Reaktion unseres
Wesens auf die Beschaffenheit des Vorgestellten den Einfluss auf den
Vorstellungsverlauf verbieten, das andere Mal dagegen eben diesen
Reaktionen unseres Wesens uns berlassen knnen. Es ist eine merkwrdige
Sache um diese wechselseitige Selbstndigkeit von "Verstand" und "Gemt".

Und in diese verschiedenen psychischen Lebensgebiete nun sollen die
"Knste" sich teilen. Gewisse Knste sollen an den "Verstand", andere an
das "Gemt" sich wenden. Bei einigen soll die Frage lauten: Was oder wie
ist dies, bei anderen: Wie vermag mich dies innerlich anzumuten. Offenbar
gehrten jene Knste demselben Lebensgebiete an, dem die Wissenschaft
angehrt, diese dem Gebiete des psychischen Lebens, das fr die
Wissenschaft ihrer Natur nach nicht besteht und nicht bestehen darf.

Angenommen, das Wort Kunst htte in der That unserem Sprachgebrauch
zufolge diese grundstzlich verschiedene Bedeutung, so mssten wir, da
doch Begriffe im wissenschaftlichen Zusammenhange nicht vllig
Heterogenes vereinigen sollen, uns entschliessen von jetzt an nur noch
die eine Gruppe von Knsten mit diesem Namen zu bezeichnen. Und zwar
msste dies die Gruppe sein, der die Musik angehrt. Die andere knnte
dann etwa unter dem Namen "Knste der Belustigung des Verstandes und
Witzes" zusammengefasst werden.

Indessen diese Scheidung ist nicht erforderlich. Wir drfen von
vornherein annehmen, dass diejenigen, die den Wert der Werke gewisser
Knste, etwa der Dramatik oder der Malerei oder der Plastik, darein
setzen, dass sie uns etwas wiedererkennen lassen, uns etwas zeigen, uns
Rtsel lsen, in die Wirklichkeit oder das Leben einen Einblick gewhren,
uns von Thatschlichem Verstndnis schaffen, uns eine leichte, sichere,
anschauliche Auffassung desselben ermglichen, oder wie die Wendungen
sonst lauten mgen,--dass sie alle im Grunde nicht meinen, was sie sagen,
oder dass sie bei dem, was sie sagen, Anderes stillschweigend
voraussetzen, oder ihnen selbst unbewusst mit einschlieen.

Und es ist leicht zu sehen, was dies sein muss. Zweifellos hat ja die
dramatische Kunst,--um speciell bei dieser zu bleiben--die Absicht uns
durch Vorfhrung charakteristischer Flle zu zeigen, was es um
Menschendasein und Menschenschicksal fr eine Sache ist. Aber damit ist
nicht gesagt, dass hierin ihre Endabsicht besteht. Wer mir dergleichen
"zeigt", kann ja gar nicht umhin--da ich doch nun einmal auch Mensch
bin--mir zugleich den entsprechenden Eindruck zu schaffen. Und zeigt er
mir's in der Weise, wie es die Dramatik thut, dann heisst dies: Ich lebe
in ganz eigenartig eindrucksvoller Weise das Menschendasein und
Menschenschicksal mit. Meine Persnlichkeit,--nicht mein die Thatsachen
nur einfach hinnehmender Verstand,--findet darin ihre eigenen
Lebensmglichkeiten, Lebensbedrfnisse, Lebensantriebe verwirklicht.

Fassen wir die Sache so, dann verstehen wir, warum die Dramatik mir Leben
"zeigt", mir einen "Blick" in dasselbe gewhrt, mich dasselbe leicht,
sicher, anschaulich "auffassen" lsst; und wiefern sie dies, als Gattung
der "Kunst", notwendig thut. Das Leben, das ich mitleben soll, muss eben
doch fr mich da sein. Es kann aber fr mich im Kunstwerk da sein, nur
soweit ich in demjenigen, was das Kunstwerk meinen Sinnen bietet, ein mir
bekanntes, nmlich aus der Wirklichkeit bekanntes Leben "wiedererkenne".
Ich muss die Sprache des Kunstwerkes "verstehen", wenn es berhaupt fr
mich eine Sprache reden soll. Und je tiefer das Kunstwerk in das mir
bekannte Leben greift, und mich einen "Blick" in dies Leben und seine
"Rtsel" thun lsst, desto tiefer geht auch mein Miterleben.
Andererseits, je leichter, klarer, unmittelbarer dies Leben von mir aus
dem Kunstwerk herausgelesen werden kann, umso sicherer und reiner kann
mein Miterleben geschehen.

So besteht also der allgemeine Sinn der Kunst, mag sie nun Musik oder
Dramatik oder sonstwie heissen, darin, dass ich--nicht an einer
Verstandeseinsicht oder Bethtigung des Intellektes, sondern an der
Bethtigung meiner zu innerem Anteil fhigen Persnlichkeit reicher
werde. Nur verwendet dazu natrlich jede Kunst die Mittel, die sie hat.
Die Musik hat aber dazu nun einmal die Tne, die Dramatik das Mittel
einzelne Gestalten und Erlebnisse uns "schauen" zu lassen.

Und damit ist zugleich das Allgemeinere gesagt, dass der Wert des
Kunstwerkes nicht das eine Mal in etwas besteht, wozu uns das Kunstwerk
Gelegenheit giebt, oder wozu es dienlich ist, das andere Mal in einem dem
Kunstwerk selbst Angehrigen, sondern dass derselbe in jedem Falle der
letzteren Art, also Eigenwert des Kunstwerkes ist. Solcher Eigenwert ist
ja der Wert des der Musik verwirklichten und ebenso der Wert des im Drama
von uns "wiedererkannten" Lebens. Dagegen wre der Wert unseres
Wiedererkennens, unserer klaren, einfachen Auffassung etc. nicht ein dem
Kunstwerke selbst eigener, nicht ein unmittelbar in ihm liegender.


"VERSTNDNIS" DES KUNSTWERKES.

Wir mssen nun aber diesen Sachverhalt noch nach anderer Richtung hin
feststellen. Ich gelangte zu demselben, indem ich nach dem spezifischen
Sinne des alle Knste umfassenden Wortes "Kunst" fragte. Man knnte nun
sagen; Es giebt auch eine Befriedigung des _Verstandes_, die allen
Knsten gemeinsam ist. Nmlich die Befriedigung aus der Erkenntnis der
Weise, wie "es" gemacht wird oder gemacht ist, aus der Einsicht in die
knstlerische Thtigkeit oder Leistung, wie sie im Kunstwerk offenbar
wird, aus dem "Verstndnis" des Kunstwerkes in diesem Sinne.

Auch solche Wendungen sind wiederum nicht eindeutig. Dreierlei sogar kann
damit gemeint sein. Zunchst dasjenige, was damit unmittelbar gemeint
_scheint_: Ich freue mich ber meine Einsicht als solche, aber die
Thatsache, dass ich verstehe, wie das Kunstwerk dazu kommt, als dies
Kunstwerk dazusein, wie die Bedingungen des vorliegenden knstlerischen
Ergebnisses zu eben diesem Ergebnisse zusammengewirkt haben oder
zusammenwirken.

Dann ist zu bemerken, dass die Einsicht in die _Unfhigkeit_ des
Knstlers, in die _Vergeblichkeit_ seiner Bemhungen, in die
_Zweckwidrigkeit_ der von ihm aufgewendeten Mittel, genau ebensogut
"_Einsicht_" ist, wie die Einsicht von entgegengesetztem Inhalte. Und
jene Einsicht kann eine ebenso klare und sichere, also vom rein
intellektuellen Standpunkt ebenso befriedigende Einsicht sein. Wird man
nun sagen, ein Kunstwerk habe, als Kunstwerk, Wert, auch wenn es nur die
Mglichkeit einer _solchen_ Einsicht, oder eines _solchen_ Verstndnisses
gewhrt, wenn ich aus ihm mglichst deutlich ersehe, welchen Bedingungen
es seine Leerheit und Mangelhaftigkeit verdankt, und wiefern aus diesen
Bedingungen nur eben dies Ergebnis entstehen konnte. Zweifellos hat
dieses Verstndnis _Wert_. Aber es ist darum nicht Verstndnis eines
wertvollen, sondern eines wertlosen "Kunstwerkes". Nichts Schlechtes in
der Welt wird dadurch gut, dass ich verstehe, oder einsehe warum es nicht
besser ist.

Zweitens kann die Meinung diese sein: Ein Kunstwerk hat Wert in dem
Masse, als darin das Vermgen des Knstlers, irgendwelche, gleichgltig
ob sinnvolle oder widersinnige Absicht zu verwirklichen, sich kund giebt.
Offenbar stehen wir hiermit schon an einem vllig anderen Standpunkte.
Die Befriedigung ist jetzt nicht mehr eine solche des Verstandes. Wir
sollen im Kunstwerk die Geschicklichkeit oder die Begabung des Knstlers
erkennen. Aber indem wir sie erkennen, ist sie fr uns da. Wir freuen uns
nicht mehr darber, dass wir erkennen, sondern wir freuen uns ber das
_Erkannte_. Die Geschicklichkeit des Knstlers, oder allgemeiner gesagt,
der Knstler, ist Gegenstand unserer Freude. Der Wert des Kunstwerkes ist
der Wert des knstlerischen Knnens, das wir aus dem Kunstwerke
erschliessen.

Dagegen knnte zunchst eingewandt werden, dass wir uns doch sonst ber
eine auf Wertloses oder Widersinniges verwendete Geschicklichkeit nicht
zu freuen, sondern sie zu beklagen pflegen. Wir nennen denjenigen, der
seine Geschicklichkeit so missbraucht, einen Narren. Das Erste, was wir
vom Menschen fordern, also doch auch wohl vom Knstler fordern drfen,
ist, dass er Sinnvolles wolle, sich vernnftige Zwecke setze.

Es kommt aber hinzu, dass wir in den allerwenigsten Fllen von den
Absichten eines Knstlers eine genaue Kenntnis haben knnen. Angenommen,
ein Stmper behauptete, er habe in jedem seiner Werke genau das
beabsichtigt, was darin erreicht sei, und wir knnten ihm nicht das
Gegenteil beweisen; dann mssten wir der hier vorausgesetzten Theorie
zufolge seine Werke smtlich fr vollendete Kunstwerke ansehen. Dann wer
genau das erreicht, was er beabsichtigt, zeigt jederzeit, dass er zur
Erreichung seiner Absicht vollkommen "geschickt" ist. Oder, mssen wir in
einem Falle zweifeln, ob ein "Kunstwerk" dem Ungeschick sein Dasein
verdankt, oder genau so gemeint ist, wie wir es vor uns sehen, so mssen
wir ebendamit zugleich zweifeln, ob es ein grosses Kunstwerk oder das
vllige Gegenteil davon sei. Vielleicht neigen wir erst zur ersteren
Ansicht; dann sagen wir: das ist eine Stmperei. Nachher scheint uns die
letztere Ansicht die glaubhaftere; dann brechen wir in Kunstbegeisterung
aus.

Aber auch dies ist nicht die Meinung der Theorie, die den Wert des
Kunstwerkes auf das knstlerische "Knnen" zurckfhrt. Mit diesem
knstlerischen Knnen ist eben das _knstlerische_ Knnen gemeint, d. h.
das Knnen, das auf knstlerische Absichten gerichtet ist. Dann hngt
alles an der Frage: Was sind "knstlerische" Absichten.

Gewiss nun sind dies nicht solche Absichten, die zu irgend einer Zeit ein
"Knstler" hat. Ein Knstler kann allerlei Absichten haben, z. B. Essen
und Schlafen. Er kann auch in seiner Kunst die Absicht haben, von sich
reden zu machen, zu verblffen, oder um jeden Preis Geld zu erwerben.
Sondern knstlerische Absichten sind solche, die ein Knstler _als
Knstler_ hat. Einem Knstler, so sagt man mit vollem Rechte, ist in
seiner Kunst alles erlaubt. Noch mehr: Alles was ein Knstler will und
thut, hat ebendamit absoluten knstlerischen Wert. Aber wann ist ein
Knstler ein Knstler? In welchem Wollen und Thun stellt er sich als
Knstler dar?

Damit sind wir wiederum angelangt bei unserer ersten Frage. Was macht den
specifischen Sinn des Wortes "Kunst" aus? Wir sahen: Kunst ist gerichtet
auf Erzeugung eines in sich selbst Wertvollen. Das Kunstwerk schliesst in
sich selbst etwas, das, wenn wir es in uns aufnehmen, unsere, der
Anteilnahme an vorgestellten Inhalten fhige Persnlichkeit, oder, wie
ich statt dessen auch kurz sagte, das unser "Gemt" bereichert, erweitet,
erhht. Ein solches in sich selbst Wertvolles wird also notwendig der
Inhalt der knstlerischen Absicht sein, ein solches will der Knstler,
als Knstler. Und das Kunstwerk hat Wert, wenn wir daraus ersehen, der
Knstler habe eine solche Absicht gehabt, und zugleich die Fhigkeit
besessen, dieselbe zu verwirklichen.

Was nun aber heisst dies anders als: Das Kunstwerk hat Wert, wenn es in
sich selbst einen wertvollen Inhalt trgt. Die Verwirklichung der
knstlerischen Absicht, so wie sie in einem Kunstwerke vorliegt, das ist
doch eben das Kunstwerk. Sie ist, sofern die knstlerische Absicht auf
einen an sich wertvollen, oder positive Anteilnahme hervorrufenden Inhalt
gerichtet ist, das im Kunstwerke enthaltene Wertvolle oder positive
Anteilnahme Erzeugende. Und: das _Knnen_ des Knstlers ist im Kunstwerke
oder spricht sich darin aus, dies heisst nichts anderes als: Dies
Wertvolle ist nicht bloss der Absicht nach, sondern wirklich da.
Vielleicht kann der Knstler auch sonst noch allerlei. Aber das Knnen,
das in einem bestimmten Kunstwerk vorliegt, kann nun und nimmer etwas
anderes sein, als genau das, was dies bestimmte Kunstwerk dem Beschauer,
der es in allen seinen Teilen und Zgen auffasst, bietet.

Natrlich ist dieser Inhalt des Kunstwerkes dann auch in gleicher Weise
fr mich da, wenn ich an den Knstler und seine Bemhungen, fr die dabei
aufgewendete Kunst gar nicht denke, sondern nur dem Kunstwerk als
solchem, oder als wre es vom Himmel gefallen, mich hingebe.

Dies weist nun auf zwei mgliche Standpunkte der Betrachtung. Der eine
nimmt das Kunstwerk thatschlich wie ein Geschenk des Himmels. Der andere
erinnert sich, dass es nicht daher stammt, sondern einem Knstler und
seinem Wollen und Knnen sein Dasein verdankt. Jener Standpunkt ist der
rein sthetische, dieser der Standpunkt des sthetischen Theoretikers
oder des naturgemss am knstlerischen Thun interessierten Knstlers.

Aber beide Standpunkte betrachten doch nur dieselbe Sache von
verschiedenen Seiten. Und sie ergeben demgemss keine verschiedene
Beurteilung des Kunstwerkes und seines Wertes. Ich kann nicht dem
_knstlerischen_ Knnen und Thun, so wie es in einem bestimmten Kunstwerk
steckt oder sich kund giebt, Wert beimessen, ohne eben damit dem
_Kunstwerke_ einen _gleichartigen_ Wert beizumessen. Es kommt nur in
jenem Falle hinzu, dass ich mein Wertbewusstsein zugleich auf den
Knstler bertrage, oder ihn, als Ursache des Wertvollen, das ich vor mir
sehe, in meine Wertschtzung mit einbeziehe.

Nicht anders verhlt es sich mit allerlei verwandten Wendungen. Wir
bewundern, so sagt man, im Kunstwerk die Phantasie, die schpferische
Kraft, die Individualitt des Knstlers. Von allem dem kann uns aber
wiederum das Kunstwerk nur Kunde geben, sofern es im Kunstwerk realisiert
ist. Die Phantasie des Knstlers, die uns im Kunstwerk entgegentritt, und
uns erfreut, das sind die im Kunstwerk verwirklichten Gestalten seiner
Phantasie; der Reichtum dieser Phantasie ist der Reichtum des Inhaltes
des Kunstwerkes. Ebenso ist die Individualitt des Knstlers, wie sie im
Kunstwerk sich zeigt, die Individualitt, der Charakter, die in sich
einstimmige und geschlossene Eigenart des Kunstwerkes. Und auch hier
knnen wir sagen: Der Knstler mag im brigen noch so viel Phantasie und
eine noch so ausgeprgte Individualitt haben, solange und soweit diese
Phantasie oder diese Individualitt nicht im Kunstwerk, als Inhalt oder
Moment desselben, uns entgegentritt, besteht sie nicht fr die
Betrachtung des Kunstwerkes. Finden wir aber die Phantasie und
Individualitt im Kunstwerk, so finden wir sie da auch, und haben den
Eindruck ihres Wertes, wenn wir den Gedanken an den Knstler vllig zur
Seite lassen.

Nicht als htte dieser Gedanke nicht seinen Wert. Es ist eine schne
Sache, nicht nur, dass ein Kunstwerk so phantasievoll und charaktervoll
ist, wie es ist, sondern auch, dass es Menschen giebt, die vermge ihrer
Phantasie und ihres Charakters so Phantasie- und Charaktervolles wollen
und vollbringen knnen. Aber beide Werte sind in ihrer Wurzel nur einer.
Der Knstler hat fr uns Wert als derjenige, der--nicht irgend etwas,
sondern dies Wertvolle wollte und vollbrachte. Es wird also auch hier nur
derselbe Wert von zwei verschiedenen Seiten betrachtet.

So fhrt uns jede berlegung darauf zurck, dass Wert des Kunstwerkes
eben Wert des Kunstwerkes ist, und nicht Wert von irgend etwas ausser
ihm, zu dem das Kunstwerk Gelegenheit giebt oder dient, oder dessen
Dasein wir aus dem Kunstwerk erschliessen.


"KUNSTWERT".

Schliesslich komme ich noch einmal zurck auf die oben als mglich
bezeichnete Unterscheidung des "_Kunstwertes_" von dem sthetischen Werte
des Kunstwerkes. Auch die schne Landschaft, der wir in der Wirklichkeit
begegnen, hat sthetischen Wert. Aber sie hat keinen Kunstwert. Die
gemalte Landschaft dagegen hat Kunstwert. Was heisst dies?

Zunchst einfach dies, dass die wirkliche Landschaft keine gemalte, also
kein Kunsterzeugnis ist, dass mithin ihr sthetischer Wert nicht der Wert
eines Kunstwerkes sein kann. Mit anderen Worten; Wir nennen Kunstwert den
sthetischen Wert des _Kunstwerkes_.

Dies erfordert doch noch eine genauere Bestimmung. Die gemalte Landschaft
ist auch sthetisch nicht dieselbe wie ihr wirkliches Vorbild. Nehmen wir
auch an, der Knstler ndere die Motive, die Beleuchtung, den ganzen
Inhalt und Charakter der wirklichen Landschaft nicht, sondern gebe alles
vllig genau wieder. Dann giebt er es doch eben wieder, und zwar mit
knstlerischen Mitteln. Er bertrgt z. B. die Landschaft auf eine
Flche, hlt sie in bestimmtem Massstabe, giebt ihr bestimmte Grenzen.
Alles dies sind Elemente der knstlerischen Form, die der Knstler zum
Objekte der Wirklichkeit, und den an ihm vorgefundenen und von ihm
bernommenen Formelementen hinzufgt. Es sind Mittel, durch die eine
specifische Weise der sthetischen Anschauung ermglicht und
herbeigefhrt wird, eine solche, wie sie keinem Naturobjekte gegenber
mglich ist. Und durch alle diese Formelemente oder Kunstmittel wird der
wertvolle Inhalt des Kunstwerkes oder sein Wertinhalt im Vergleich mit
dem sthetischen Wertinhalte des Naturobjektes ein anderer und
eigenartiger. So muss es sein, wenn die fraglichen Formelemente wirklich
knstlerische, die Kunstmittel wirklich Kunstmittel sein sollen. Es giebt
kein knstlerisches Formelement, das nicht, als solches, zur Eigenart des
knstlerischen Inhaltes etwas beitrage, so wie es keinen knstlerischen,
das heisst im Kunstwerk wirklich vorhandenen Inhalt giebt, der nicht an
eine Form gebunden wre. Auch Form und Inhalt beim Kunstwerke verhalten
sich wie verschiedene Seiten _Desselben_. Knstlerische Form ist alles im
Kunstwerke, das macht, dass ein sthetisch unmittelbar Wirksames fr uns
im Kunstwerke da ist, und so wirkt, wie es wirkt. Und Inhalt des
Kunstwerkes ist eben dies im Kunstwerk fr uns unmittelbar Vorhandene und
Wirksame selbst, soweit es in ihm vorhanden und wirksam ist. Was anders
wirkt, ist eben damit ein anderes Wirksames, also ein anderer Inhalt des
Kunstwerkes. So hat es keinen Sinn zu fragen, ob ein Kunstwerk durch die
Form oder den Inhalt wirke, weil keines ohne das andere mglich, oder
jede Wirkung notwendig eine Wirkung von beidem ist.

Dasjenige nun, was der Knstler durch die _specifisch_ knstlerischen,
ich meine die am Naturobjekte nicht vorgefundenen Formelemente zum
Wertinhalte des Kunstwerkes hinzugefgt, kann man als spezifischen
"Kunstwert", im Gegensatz zu dem sthetischen Werte, der auch dem
Naturobjekte als solchem eignet, bezeichnen. Es ist nach dem Gesagtem
dasselbe, wenn ich diesen Kunstwert als den Wert jener spezifisch
knstlerischen _Formelemente_ bezeichne, da diese ihren knstlerischen
Wert nicht als leere Formen, sondern als inhaltvolle und den Inhalt
bestimmende Formen besitzen.

Damit ist dann aber zugleich gesagt, dass solcher "Kunstwert" nicht etwas
vom sthetischen Werte, der auch schon dem Naturobjekte zukommt, der Art
nach Verschiedenes ist. Er ist vielmehr eine diesen Wert steigernde,
reinigende, konzentrierende Modifikation desselben. Der in solcher Weise
modifizierte sthetische Wert des Naturobjektes, das ist der
schliessliche gesamte _sthetische Wert_ des Erzeugnisses der
Kunst,--soweit nmlich dasselbe Naturobjekte zum Vorbilde hat.

Freilich ist nun das, was ich hier ber den spezifischen Kunstwert sagte,
ebenso wie das, was vorhin ber die sthetische Bedeutung der
knstlerischen Absichten, des knstlerischen Knnens, der knstlerischen
Phantasie und Individualitt gesagt wurde, fr uns in diesem
Zusammenhange zunchst nicht von unmittelbarer Bedeutung. Womit wir es
hier zunchst zu thun haben, das ist ja der "sthetische Wert" berhaupt.
Ihn hat, wie wir sahen, einerseits jedes Kunstwerk; andererseits besteht
er auch schon ausserhalb des Kunstwerkes. Halten wir dies beides zugleich
fest, so kann das Spezifische des sthetischen Wertes berhaupt nur in
dem gefunden werden, was allen Kunstwerken und zugleich allem ausserhalb
der Kunst vorhandenen sthetisch Wertvollen gemeinsam ist. Und dabei
kommt der Wert des knstlerischen Knnens und Thuns, der knstlerischen
Individualitt etc. nicht mehr in Frage. Es bleibt also einzig brig die
Fhigkeit des sthetisch wertvollen Objektes, unmittelbar durch das, was
es an sich selbst ist oder uns zu sein scheint, auf uns zu wirken, kurz
sein "_Eigenwert_". Auch das sthetisch Wertvolle der Natur ist ja
freilich irgendwie _geworden_. Aber hier unterscheidet jedermann die
Freude an der Erkenntnis, wie die Objekte geworden sind, die Freude des
Zoologen, Botanikers etc. an seinem "Verstndnis" der Formen, von der
sthetischen Befriedigung, die aus der blossen betrachtenden Hingabe an
das, was thatschlich vorliegt, erwchst.


DIE KOMIK ALS "SPIEL".

_Eine_ Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Wertes eines Kunstwerkes
habe ich oben geflissentlich ausser Acht gelassen. Es ist die uns bereits
bekannte Antwort, die _Groos_ giebt: Unsere Freude am Kunstwerk ist die
Freude am Spiel der inneren Nachahmung.

Diesen Gedanken haben wir bereits abgewiesen. Angenommen indessen, er
wre wahr. Dann wrde die Komik wohl in erster Linie das Recht haben,
sthetisch wertvoll zu heissen. Denn die Komik ist, wie wir gesehen
haben, Spiel. Und sie ist Spiel der inneren Nachahmung, wenn wir unter
Nachahmung alles das verstehen, was _Groos_ so nennt Sie ist spielende
Auffassung von Objekten; und zwar, vermge ihrer besonderen Bedingungen,
Spiel von besonders ausgeprgter Art.

In Wahrheit aber kann die Komik eben deswegen _keinen_ sthetischen Wert
beanspruchen. Das Komische ist belustigend. Lust ist Freude. Aber die
Freude haftet hier nicht am komischen Objekte als solchem. Wir sahen, das
komische Objekt kann wertvoll und unwert sein. Aber dieser Wert oder
Unwert hat mit der Komik als solcher nichts zu thun. Die geringfgige
Leistung, die auf grosse Versprechungen folgt, ist komisch, aber sie ist
nicht wertvoll, kein Gegenstand unserer Lust oder Freude.

Woran aber haftet oder worauf bezieht sich dann die komische Lust? Wir
sagten soeben: auf das Spiel. Aber auch dies ist noch keine eindeutige
Erklrung. Es liegt darin dieselbe Zweideutigkeit, die auch jener eben
von neuem erwhnten Theorie des knstlerischen Wertes anhaftet. Was ist
mit jenem Spiel der inneren Nachahmung gemeint? Eine bestimmt geartete
_Thtigkeit_ des Nachahmens oder eine bestimmte Weise ihres _Gelingens_?

Die gleichen beiden Mglichkeiten mssen auch bei der Komik unterschieden
werden. Die erstere aber mssen wir hier gleich abweisen. Die Lust am
Komischen ist nicht Lust an unserem Spielen oder unserer spielenden
_Thtigkeit_. Nicht unser _Thun_ ist belustigend, sondern das komische
Objekt.  Man erinnert sich, dass wir ehemals die Behauptung, die Lust am
Komischen sei Lust an unserer berlegenheit, schon darum fr unzutreffend
erklrten, weil die Lust von uns thatschlich nicht auf unsere
berlegenheit, sondern auf das inferiore Objekt bezogen werde.  So wenig
wie auf unsere berlegenheit beziehen wir aber die Lust auf unsere
Thtigkeit des spielenden Auffassens.  Wie soeben gesagt, nicht unser
Thun erscheint uns belustigend, sondern das Objekt.

Damit scheinen wir aber in einen Widerspruch mit um selbst geraten. Erst
sollte die Lust nicht am Objekte haften, sondern am Spiele. Jetzt
konstatieren wir, dass nicht unsere Thtigkeit des spielenden Auffassens,
sondern das Objekt das Belustigende sei.

Die Lsung dieses Widerspruches habe ich schon angedeutet: Das spielende
_Gelingen_ unserer Auffassungsthtigkeit ist der Gegenstand der Lust.
Doch fassen wir diese Frage etwas allgemeiner.


ARTEN VON GEGENSTNDEN DES GEFHLS BERHAUPT.

Drei mgliche Arten der Beziehung unseres Lust- oder Unlustgefhles auf
Gegenstnde mssen unterschieden werden. Ich habe Lust an einem Objekt,
oder ich habe Lust an meiner Thtigkeit. Dazu tritt als Drittes die Lust,
die weder Lust am Objekt noch Lust an meinem Thun und eben darum in
gewisser Weise beides ist.

Es giebt eine Lust an den Objekten meines _Denkens_: Ich freue mich an
dem erfreulichen Inhalte meiner Gedanken. Dieser Lust steht gegenber die
Lust an meiner Thtigkeit des Denkens oder meiner Denkarbeit, ihrer
Energie, Konzentriertheit. Solche Lust kann ich haben, auch solange diese
Denkarbeit ihr Ziel nicht erreicht, das heisst: solange ich noch nicht
erkenne, was ich erkennen mchte. Endlich ist von beidem unterschieden
die Freude an der _Erkenntnis_. Die Erkenntnis ist das "Gelingen" der
Denkarbeit. Die Freude an ihr ist also Freude am "Gelingen".

Dies nun verallgemeinern wir. Die drei Mglichkeiten der Beziehung der
Lust auf einen Gegenstand derselben, oder die drei hier zu
unterscheidenden Arten des Wertgefhls sind diese: Gefhl des Wertes
eines vorgestellten, von mir unterschiedenen Objektes als solchen;
zweitens Gefhl des Wertes meines Thuns; und drittens Wertgefhl, das
sich ergiebt aus der Beziehung eines Objektes zu einer jetzt in mir
vorhandenen Weise innerer Thtigkeit.

Wertgefhle der ersteren Art knnen wir kurz bezeichnen als
Objektswertgefhle, die der zweiten Art als Subjektswertgefhle, die der
dritten Art als Gefhle den Wertes einer Beziehung des Objektes zum
Subjekt. Die Erkenntnis ist eine solche "_Beziehung_". Sie ist eine
bestimmte Weise, wie Objekte in einen Vorstellungszusammenhang sich
einordnen.

Diese drei Mglichkeiten der "Wertbeziehung" knnen wir weiter verfolgen.
Wir sahen sie soeben verwirklicht auf dem Gebiete des (logischen)
Denkens. Wir begegnen ihnen aber ebenso auf dem Gebiete des praktischen
Wollens. Lust gewhrt mir der Gedanke an ein zu verwirklichendes Objekt,
etwa einen zu erlangenden Genuss. Lust gewhrt mir andererseits die in
sich einstimmige, sei es auch vergebliche _Bemhung_ der Verwirklichung
eines Objektes, das starke, konzentrierte, khne Wollen. Lust gewhrt mir
endlich auch hier wiederum das "Gelingen".

Und dieselben Mglichkeiten bestehen endlich auf dem Gebiete des
einfachen, weder auf Erkenntnis noch auf Verwirklichung eines von mir
verschiedenen Objektes gerichteten Vorstellens. _Objekte_ unserer
Betrachtung gefallen, oder wecken Lust. Der Knstler freut sich am
Reichtum und der Kraft seines geistigen _Schaffens_. Beide endlich freuen
sich oder knnen sich freuen, wenn ihnen Objekte sich darstellen, die,
gleichgltig ob in sich selbst wertvoll oder nicht, in die Richtung, die
ihr Vorstellen jetzt eben genommen hat, _widerspruchslos sich einfgen_
oder vermge dieser Richtung _hemmungslos sich auffassen_ lassen.

Hierhin gehrt die Komik. Sie gehrt zu den Gefhlen der Lust, nicht an
Objekten und nicht an unserem Thun, sondern an einer Weise, wie sich
Objekte einem gegenwrtigen Thun oder inneren Vorgang einfgen. Dasselbe
drckte ich eben so aus: Das Gefhl der Komik ist ein Gefhl von der
Weise, wie mein Thun gelingt.

Kein unwichtiger Unterschied ist es, auf den ich im Vorstehenden
aufmerksam mache. Die Freude am Gelingen der Denk- oder
Erkenntnisthtigkeit oder kurz die Freude am Erkennen ist die specifisch
logische. Es ergiebt sich schon aus dem ber die Erkenntnis frher
Gesagten, dass diese Freude logisch ist, genau soweit sie nicht
mitbestimmt ist durch den Wert, den das erkannte Objekt fr mich haben
mag. Und sie ist es, soweit sie ebenso wenig mitbestimmt ist durch den
Wert, den mein Denken, das heisst meine Denkarbeit fr mich besitzt. Der
ist wissenschaftlich verloren, der sein Bejahen oder Verneinen einer
Thatsache davon abhngig macht, ob ihm die Thatsache zusagt. Und nicht
minder derjenige, der an einer Theorie festhlt, weil er sich nicht
entschliessen kann, die von ihm auf ihre Gewinnung gerichtete Bemhung
fr vergeblich anzusehen, oder kurz gesagt, weil sie seine Theorie ist.

Nicht mindere Wichtigkeit besitzt die fragliche Unterscheidung auf dem
praktischen oder ethischen Gebiet. Der verschiebt den Begriff des
sittlich Wertvollen, der den Wert der Handlung bemisst nach dem Wert des
gewollten Objektes. Ich kann das Wertvolle wollen, und doch es in
sittlich unwerter Weise wollen. Und ebenso aussersittlich oder unsittlich
ist die moralische Beurteilung, fr welche dieser Wert sich bemisst nach
dem Gelingen oder dem glcklichen Erfolg. In Wahrheit ist sittlich
wertvoll einzig die Weise des Wollens, also des inneren Thuns: Es giebt
nichts in der Welt, das, "ohne alle Einschrnkung fr gut knnte gehalten
werden, als allein ein guter Wille".

Und gleich gross ist endlich die Bedeutung jener Unterscheidung auf dem
Gebiete der weder auf Erkenntnis, noch auf Verwirklichung eines von mir
verschiedenen Objektes abzielenden Betrachtung, vor allem der
sthetischen Betrachtung. sthetisch wertvoll ist nicht meine Thtigkeit
der Auffassung eines Objektes oder die Weise dieser Thtigkeit.
Ebensowenig die Weise, wie mir die Auffassung gelingt, etwa die
Leichtigkeit, Sicherheit, Klarheit derselben, von der oben die Rede war.
Sondern, wie wir feststellten, sthetischer Wert ist einzig der Wert des
Objektes selbst, oder dessen, was fr mich in dem Objekte unmittelbar
enthalten liegt.

Vergleichen wir die drei hier nebeneinander gestellten Weisen der
Bethtigung des menschlichen Geistes, die logische, die praktisch
ethische, und die sthetisch betrachtende, mit Rcksicht auf ihr
Verhltnis zu jenen drei Arten der Wertbeziehung, so ergiebt sich aus dem
Gesagten, dass bei jeder derselben die Wertbeziehung eine andere ist,
dass also jene drei Thtigkeiten diese drei Wertbeziehungen unter sich
aufteilen: Logischer Wert ist ein Wert des Gelingens; ethischer Wert ist
ein Wert des inneren Thuns; sthetischer Wert ist ein Wert des Objektes.


DER WERT DER KOMIK KEIN STHETISCHER WERT.

Damit ist zunchst von neuem, aber in ganz anderer Richtung, als es
frher geschah, der sthetische Wert gegen den logischen oder
intellektuellen abgegrenzt. Zugleich ist die Stelle, die dem Werte des
Komischen zukommt, genauer bestimmt.  Er gehrt--von dem Gesichtspunkt
der "Wertbeziehungen" aus--in _eine_ Wertgattung mit dem logischen oder
Erkenntniswert. Er nimmt die mittlere Stellung ein, die allen Werten des
Gelingens eignet. Das Gelingen besteht allemal im Sicheinstellen eines
Objektes oder eines Objektiven. Insofern kann das _Objekt_ als Gegenstand
des Wertgefhles erscheinen. Zugleich ist doch das Gelingen ein sich
Einstellen eines Objektiven unter der Voraussetzung eines darauf
gerichteten Thuns oder inneren Geschehens.  Insofern erscheint wiederum
_nicht_ das Objekt, d. h. nicht das Objekt an sich, als Gegenstand des
Wertgefhles, sondern die durch das Objekt ermglichte Weise der
Vollfhrung oder Vollendung dieses Thuns, oder die Weise meiner
Bethtigung.--Damit ist der oben konstatierte scheinbare Widerspruch
gehoben.

Ich stellte eben die Komik neben die Erkenntnis. Unmittelbarer gehrt
natrlich das komische Wertgefhl zusammen mit den anderweitigen
Wertgefhlen, in denen gleichfalls ein Gelingen einer Thtigkeit der
blossen _Betrachtung_ oder _Auffassung_, oder allgemeiner gesagt, in
denen gleichfalls die Beziehung eines lediglich _aufzufassenden_ Objektes
zu der vorhandenen psychischen Thtigkeitsrichtung das Wertgefhl
bedingt.

Solche Flle haben wir bereits kennen gelernt. Ich erinnere an das Gefhl
des Erstaunens oder des berraschtseins, weil wir ein weniger "Grosses"
erwarteten. Ebendahin gehrt das Gefhl des Schrecks, das, wie man weiss,
auch entstehen kann, wenn objektiv gar nichts Schreckliches vorliegt oder
geschieht. Ich bin etwa, vermeintlich allein, in meinen Gedanken
versunken. Dann kann mich die leise Berhrung meiner Schulter durch den
unerwartet und unbemerkt zu mir Hinzugetretenen aufs heftigste
erschrecken. Die Beziehung der Berhrung zu meinem gegenwrtigen, in
vllig anderer Richtung gehenden Gedankengang ist es, die hier dies
Gefhl verschuldet. So wenig braucht schliesslich das Erschreckende ein
an sich Schreckliches zu sein, dass auch Hocherfreuliches das gleiche
Gefhl erzeugen kann.

"Knstler" machen wohl gelegentlich die Kunst zu einem Mittel der
berraschung oder gar Verblffung. Die Unfhigkeit durch das Kunstwerk
selbst zu wirken, veranlasst sie zu wirken, indem sie das Kunstwerk zu
den jetzt zufllig in uns bestehenden Vorstellungsgewohnheiten in
Gegensatz treten lassen. Hier ist der Gegensatz des sthetischen Wertes,
und des Wertes, der an solcher Beziehung zwischen dem Objekt und den
jeweiligen Vorgngen im Subjekt haftet, besonders unmittelbar
einleuchtend.--Genau so einleuchtend ist der Gegensatz zwischen jedem
sthetischen Werte und dem Wert der Komik.

Dennoch hat man der Komik als solcher einen sthetischen Wert zuerkannt.
Dies war aber immer nur mglich, wenn man den Sinn des Komischen oder des
sthetisch Wertvollen oder beider verkannte.  Am nchsten liegt aus schon
angegebenen Grunde jener Irrtum fr die vorhin von neuem erwhnte
sthetische Theorie, fr welche der sthetische Wert Wert des "Spieles
der inneren Nachahmung" ist.  Ich leugne nicht, dass hier die innere
"Nachahmung" eine Ahnung des Richtigen enthlt.  Ich werde darauf nachher
zurckkommen. Zunchst interessiert mich die Weise, wie die fragliche
Theorie das Richtige geistreich verschiebt und in Widersinn verkehrt.

Auch bei der Komik findet nach jener Theorie ein Nachahmen statt.  An
Stelle des Nachahmens tritt dann wohl das sich "Hineinleben" in das
Objekt oder das sich "Hineinversetzen" in dasselbe. Soweit angesichts des
Komischen dies Nachahmen stattfindet, soll das Komische sthetischen Wert
haben.  Genauer gesagt, das Komische hat fr die fragliche Theorie
sthetischen Wert, sofern wir uns in das "Verkehrte" hineinversetzen, es
innerlich mitmachen. Damit geben wir dem Komischen den "brderlichen
Vershnungskuss." Dieser brderliche Vershnungskuss ist das die Komik
"Veredelnde". Soweit dies Moment an die Stelle der unbrderlichen
Erhebung ber das verkehrte Objekt oder an die Stelle unseres Gefhls der
berlegenheit tritt, verwandelt sich die komische Betrachtung in die
humoristische.

Hierin liegt die richtige Einsicht, dass das Gefhl der berlegenheit
ber eine Verkehrtheit gewiss _keinen_ sthetischen Wert begrnden, also
auch nicht das Wesen des Humors bezeichnen kann. Im brigen ist jener
"brderliche Vershnungskuss" zunchst ein schnes Wort.

Was heisst dies: ich mache die Verkehrtheit oder das Verkehrte innerlich
mit? Zweierlei kann damit gesagt sein. Einmal einfach dies: Ich nehme von
der Verkehrtheit Kenntnis, erfasse sie in ihrem Wesen oder in ihrer
Eigenart, gelte ihr in meinen Gedanken nach. "Wenn wir die Verkehrtheit
wirklich durchschauen wollen, so mssen wir fr einen Augenblick den
verkehrten Gedankengang nachdenken." Damit scheint nichts anderes als
dies Kenntnisnehmen bezeichnet.

Die andere mgliche Auffassung ist die: Wir "machen" die Verkehrtheit
innerlich "mit", d. h. wir denken oder wollen, kurz verhalten uns
innerlich ebenso verkehrt. Wir denken den verkehrten Gedankengang nicht
nur nach, sondern wir glauben daran, stimmen ihm bei, ebenso wie es
derjenige thut, dem wir ihn nachdenken.

Diese beiden Mglichkeiten werden nun aber in jener Theorie nicht
ausdrcklich geschieden. Immerhin verstehen wir, dass die zweite gemeint
sein muss. Die erstere wrde ja ber das Gefhl der berlegenheit nicht
hinausfhren. Bei ihr fehlte der "brderliche Vershnungskuss". Ich kann
unmglich das Gefhl der berlegenheit haben ber eine Verkehrtheit, wenn
ich sie nicht "durchschaue", also sie in Gedanken nachdenke.

Indessen, wenn ich auch das "Mitmachen" in jenem zweiten Sinne nehme, so
scheint mir wenig gebessert. Ich finde dann erstlich, dass ich in sehr
vielen Fllen der Komik gar nicht weiss, worin dies innerliche Mitmachen
bestehen sollte. So sehe ich beispielsweise nicht ein, was es heissen
soll, dass ich mit dem leeren Grosssprecher mich innerlich aufblhe, und
dann seine geringfgige Leistung mitmache. Da die geringfgige Leistung
nichts Innerliches ist, so kann hier das innerliche Mitmachen doch nur
bestehen in dem Kenntnisnehmen, dem Beachten, der Weise dem Vorgang mit
meinen Gedanken zu folgen.

Ebensowenig weiss ich, wie ich eine ussere Ungeschicklichkeit, das
Stolpern eines erwachsenen Menschen ber ein kleines, nicht
wahrgenommenes Hindernis anders innerlich nachmachen soll, als so, dass
ich es konstatiere. Oder besteht hier das Mitmachen in dem Gedanken, dass
mir dergleichen unter gleichen Umstnden ebensowohl begegnen knnte?

Nehmen wir das Letztere an. Oder besser: Nehmen wir einen Fall, in
welchem das "Mitmachen" in dem bezeichneten _prgnanten_ Sinne ohne
weiteres einen Sinn ergiebt. Ich frage: Wenn ich einer Dummheit innerlich
beistimme, wenn ich den Rechenfehler nicht nur "nachrechne", sondern im
Nachrechnen gleichfalls begehe, wenn ich in diesem Sinne mit der
komischen Verkehrtheit eine Zeitlang "Eines" bin,--liegt darin ohne
weiteres ein Grund zur sthetischen Befriedigung? Gewiss werde ich die
Dummheit weniger von oben herab betrachten, oder mich ihr gegenber
weniger "berlegen" fhlen, wenn ich so zum Mitschuldigen geworden bin.
Aber diese Minderung des Gefhles der berlegenheit, dieser angebliche
"brderliche Vershnungskuss", ist doch nicht gleichbedeutend mit
sthetischem Genuss. Es scheint mir, auch die schnsten Redewendungen
knnen nicht darber tuschen, dass eine solche verminderte berlegenheit
nicht veredelte, sondern eben verminderte berlegenheit ist, also eine
relative Negation der komischen Lust, und weiter nichts.

Allerdings kann dazu noch ein Element hinzutreten. Nmlich ein Gefhl der
Beschmung ber die Mitschuld. Aber die Vereinigung von vermindertem
Gefhl der komischen Lust und Gefhl der Beschmung ist doch auch nicht
Dasselbe wie sthetischer Genuss. Mit einem Wort, wir kommen auf diese
Weise nicht weiter.




XV. KAPITEL. DIE TRAGIK ALS GEGENSTCK DES HUMORS.


DIE TRAGIK ALS "SPIEL".

Vielleicht gelingt es uns eher, weiter, d. h. den Bedingungen, unter
denen das Komische in ein sthetisch Wertvolles sich verwandelt, nher zu
kommen, wenn wir--bei dem Begriff der inneren Nachahmung noch einen
Augenblick bleiben, aber zunchst einmal zusehen, welche Bedeutung
derselbe auf einem anderen Gebiete haben kann.

Ich bezeichnete schon die "Modifikation des Schnen", innerhalb welcher
das Komische sthetischen Wert gewinnt, als Humor. Neben dem Humor
nun--nicht etwa neben der Komik--steht die Tragik. Immer wieder hat man
diese beiden als Geschwister betrachtet. Dann werden beide eine
Familienhnlichkeit haben. Es ist zu erwarten, dass das Verstndnis des
einen der Geschwister einen wesentlichen Teil des Verstndnisses des
anderen in sich schliessen werde.

Wie knnen Leiden, Besorgnis, Angst, Untergang Gegenstand unseres
Genusses sein? Man sagt vielleicht auch hier wiederum: Indem wir sie
"innerlich nachahmen". Dies wird zutreffen. Nur kommt dabei alles darauf
an, dass wir das "innerliche Nachahmen" recht verstehen.

Die blosse Kenntnisnahme von dem Leiden kann nicht erfreuen. Das
innerliche Mitmachen aber scheint diese Wirkung noch weniger haben zu
knnen. Das Mitmachen des Leidens ist ein Leiden mit dem Leidenden, das
Mitmachen der Sorge ein Sichsorgen mit dem Sorgenden. Daraus, scheint es,
kann uns nur Unlust erwachsen.

Hier aber wird uns wiederum das "Spiel" entgegengehalten: Die innere
Nachahmung ist Spiel, und demgemss erfreulich, wie jedes Spiel. Das
Leiden der tragischen Gestalt ist nicht wirklich. Es ist nur Schein.
Diesem Schein berlassen wir uns freiwillig, um ebenso freiwillig
wiederum uns ihm herauszutreten. Das heisst in unserem Falle: Wir
berlassen uns dem Mitleiden oder der Mitsorge, wissen aber zugleich,
dass dazu in Wirklichkeit kein vernnftiger Grund vorliegt, da ja ein
wirkliches Leiden oder eine wirkliche Sorge gar nicht stattfindet. Wir
geben uns also nur spielend jenem Erleben hin. Wir geben es dann ebenso
spielend wieder preis. Und an diesem Spiele, dieser Freiheit auf den
Schein uns einzulassen und auch wiederum von ihm loszumachen, oder ihn
innerlich in nichts aufzulsen, an dieser Selbstherrlichkeit unserer
Phantasie haben wir unsere Freude.

Ich wiederhole nicht mehr, was ich ber diesen ausgeklgelten Widersinn
oben angedeutet und an anderer Stelle[3] ausfhrlicher gesagt habe. Ich
begnge mich hier zu bemerken, dass ich diese Freiheit _nicht_ habe, und
dass ich, falls ich sie htte, davon angesichts des tragischen
Kunstwerkes keinen Gebrauch machen wrde.

[3] Im "Dritten sthetischen Literaturbericht", der im "Archiv fr
    systematische Philosophie" demnchst erscheinen soll.

Ich habe sie nicht, weil das tragische Kunstwerk, wenn es nicht etwa ein
schlechtes Machwerk ist, mich festzuhalten pflegt; weil es mich wider
meinen Willen fortreisst; weil es mit Zaubergewalt mich festbannt in
seiner Welt des Scheines.

Und ich wrde von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen, weil mir der
ernste und erschtternde Genuss des tragischen Kunstwerkes lieber ist als
die kindische Freude an solcher armseligen Freiheit.

Ausserdem fge ich hinzu, dass nicht bloss angesichts der Scheinwelt der
Bhne, sondern auch gegenber der Tragik der _Wirklichkeit_ ein
tragischer Genuss mglich ist. Hier hat aber doch wohl jenes Spiel der
Phantasie keine Stelle mehr. Hier ist ja das Leiden harte Thatsache.

Wie der, oder die Vertreter jener Theorie, so mache ja gewiss auch ich
das Leiden der tragischen Gestalt innerlich mit. Nur wie schon
angedeutet, in anderer Weise. Ich leide mit dem Leidenden, und _bleibe_
dabei mit ihm zu leiden. Wiefern ich nun aber davon Genuss haben kann,
dies ergiebt sich aus der Beantwortung der einfachen Frage: Wann wir denn
von dem Leiden eines anderen, sei es einer Person im Drama, sei es eines
wirklichen Menschen, nicht bloss Notiz nehmen, sondern es im eigentlichen
Sinne des Wortes miterleben oder "mitmachen".


TRAGIK UND "STHETISCHE SYMPATHIE".

Jemand leidet, d. h. empfindet Unlust, weil ihm eine Bberei, ein
thrichter oder verbrecherischer Anschlag misslungen ist. Auch dies
Leiden erleben wir innerlich mit, d. h. wir vollziehen in uns die
Vorstellung dieses Gemtszustandes. Aber wir erleben das Leiden auch
wiederum nicht innerlich mit, d. h. wir nehmen nicht daran teil. Warum
dies? Zweifellos, weil die Wurzel, aus welcher dies Leiden stammt, d. h.
der Wunsch, das Niedrige oder Bse vollendet zu sehen, oder allgemeiner
gesagt, weil dies dem Leiden zu Grunde liegende oder in ihm sich
kundgebende Moment in der Persnlichkeit dessen, der leidet, uns
widerstrebt oder unserem Wesen widerstreitet. Aus gleichem Grunde freuen
wir uns nicht mit demjenigen, der ber eine gelungene Schlechtigkeit
Freude empfindet.

Umgekehrt weckt Leiden unser Mitleiden, Freude unsere Mitfreude, wir
nehmen berhaupt teil an jeder Regung in einem Menschen, wenn und soweit
das Moment der Persnlichkeit, aus welchem dieselbe stammt, in unserem
Wesen Widerhall findet, oder wir hinsichtlich dieses Momentes mit der
leidenden oder sich freuenden Persnlichkeit uns einstimmig fhlen
knnen.

Damit ist ohne weiteres der Grund zum Genusse gegeben. Der Genuss ist
Genuss dieser Einstimmigkeit, Genuss der "_Sympathie_".

Dies kann genauer bestimmt werden. Woher wissen wir denn von fremden
Persnlichkeiten? Wie kommt es, dass es solche berhaupt fr uns giebt?
Was wir wahrnehmen, wenn ein Mensch uns gegenbersteht, ist eine Gestalt,
eine ussere Erscheinung, eine Summe von Lebensusserungen. Aber dies
alles ist nicht die fremde Persnlichkeit, ich meine die seelische oder
geistige, die leidende, sich freuende, hoffende, frchtende u. s. w.
Persnlichkeit.

Das Bild dieser Persnlichkeit kann nur aufgebaut sein aus Elementen
unserer eigenen Persnlichkeit. Das Bild der fremden Persnlichkeit ist
die an einen fremden Krper geknpfte, je nach der Art dieses fremden
Krpers und der Besonderheit seiner Lebensusserungen modifizierte
Vorstellung von uns selbst.

Wie wir uns selbst in der Vorstellung modifizieren knnen, ist jedermann
wohl bekannt. Wie oft haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir so oder
so sein knnten. Wir wnschen vielleicht auch, dass wir so oder so wren.
Nun, eine Vorstellung von dem, was wir sein knnten, oder die
Vorstellung, wie sie ein solcher Wunsch in sich schliesst, eine solche
Vorstellung, geknpft an eine fremde sinnliche Erscheinung, das ist die
fremde Persnlichkeit.

Sie ist noch etwas mehr. Die fremde Persnlichkeit _ist_, was wir sein
knnten; sie ist es wirklich. Die eigene, in dieser oder jener Weise
modifizierte Persnlichkeit tritt uns in der fremden Person als etwas
_Wirkliches entgegen_.

Zunchst in der _wirklichen_ fremden Person. Aber auch in gewisser Weise
in der fremden Person, die nur knstlerisch _dargestellt_ ist. Die
ideelle, d. h. nur fr unsere Phantasie bestehende Welt des Kunstwerkes
hat fr uns Wirklichkeit, nicht im Sinne der erkannten, wohl aber in dem
eigen- und einzigarten Sinne der sthetischen Realitt: Auch in der nur
dargestellten Person tritt uns unsere eigene Persnlichkeit, wie sie sein
knnte, als etwas "_Objektives_", als ein nicht von uns ins Dasein
Gerufenes, sondern uns "Gegebenes", uns von aussen Aufgentigtes
entgegen.

Und in jedem Zuge oder jeder Lebensusserung der fremden Person finden
wir eine mgliche Weise der Bethtigung unserer eigenen Person
verwirklicht oder sich auswirkend, vor. Jetzt fragt es sich, wie diese
Bethtigungsweise in das Ganze unserer Persnlichkeit, so wie sie
thatschlich geartet ist, sich einfgt, ob damit einstimmig oder den
eigenen thatschlichen Bethtigungsantrieben derselben widerstreitend, ob
befreiend oder bedrckend, frdernd oder verletzend. Je nachdem haben wir
diese oder jene Weise des Selbstgefhls.

Das Sympathiegefhl berhaupt und demnach auch das sthetische
Sympathiegefhl ist also eine psychologisch wohl verstndliche, ja wenn
man will selbstverstndliche Sache. Es ist, wenn wir einmal vom Dasein
fremder Persnlichkeiten und von Regungen, die in ihnen stattfinden,
wissen, ohne weiteres gegeben.

Dies Sympathiegefhl ist Selbstgefhl, aber doch wiederum vom
unmittelbaren Selbstgefhl verschieden. Der Gegenstand desselben ist
unser "_objektiviertes_", in Andere hineinverlegtes, und demgemss in
Anderen vorgefundenes Selbst. So mssen wir auch das Sympathie_gefhl_
als objektiviertes _Selbstgefhl_ bezeichnen. Wir fhlen uns in Anderen,
oder fhlen Andere unmittelbar in uns. Wir fhlen uns in oder durch den
Anderen beglckt, befreit, ausgeweitet, gehoben, oder das Gegenteil.

Das _sthetische_ Sympathiegefhl ist aber nicht nur eine Weise des
sthetischen Genusses, sondern es ist der sthetische Genuss. Aller
sthetischer Genuss liegt schliesslich einzig und allein in der Sympathie
begrndet. Auch der sthetische Genuss, den Linien, geometrische,
architektonische, tektonische, keramische Formen etc. gewhren. Was
diesen letzteren Punkt betrifft, so verweise ich auf meine "Raumsthetik
und geometrisch-optische Tuschungen".

Diese ganze Thatsache bersieht die oben bekmpfte Theorie. Sie bersieht
damit im sthetischen das sthetische. Sie greift darum zu jenem
lppischen "_Spiel_".


VOLKELTS AUSSERSTHETISCHE BEGRNDUNG DER TRAGIK.

Nicht das Gleiche kann gesagt werden von einem anderen sthetiker der
Tragik, _Volkelt_. Ich denke dabei sowohl an _Volkelts_ "sthetik des
Tragischen", wie an seine "sthetischen Zeitfragen". Aber auch _Volkelt_
erkennt die sthetische Sympathie nicht als das eigentlich Entscheidende
an. Darum mssen auch bei ihm aussersthetische Momente, oder solche
Momente, die nur scheinbar selbstndige Bedeutung haben, den sthetischen
Genuss vervollstndigen. Ja schliesslich erscheinen solche Momente als
die eigentlichen Faktoren des sthetischen Genusses.

Es ist schon bedenklich, dass diese Momente so verschiedenartig sind. Das
Kunstwerk, so hren wir einmal, lsst uns in die "Rtsel" des Lebens
"blicken"; es "zeigt" uns, was es um das Leben fr eine Sache sei. Es
lsst auf die Stellung von Freude und Leid, von Gut und Bse, von
Vernunft und Unvernunft im Leben "ein Licht fallen". Die Tragik soll auch
Unerfreuliches darstellen, bloss darum, weil auch das Unerfreuliche zur
_Wirklichkeit des Lebens_ gehrt. Mit einem Worte, die Kunst soll uns das
Wirkliche in seinen bedeutsamen Zgen erkennen, wiedererkennen, verstehen
lassen.

Dies alles sind Wendungen, wie wir sie schon oben kennen gelernt und
abgewiesen haben. Wir sahen, mit dem Wiedererkennen hat es freilich in
der Poesie seine Richtigkeit. Aber der Zweck der Kunst kann nicht in
dergleichen bestehen. Wir knnen jetzt genauer sagen: Dieser Zweck
besteht nicht im Wiedererkennen, nicht darin, dass uns etwas gezeigt
wird, sondern darin, dass wir mit dem _Wiedererkannten_, oder dem, was
uns gezeigt wird, menschlich mitfhlen oder "sympathisieren" knnen.

Auch gegen die Behauptung haben wir uns schon erklrt, dass das Kunstwerk
seine Wirkung be, indem es uns die Individualitt des Knstlers
offenbare, die Weise, wie in ihm die Welt sich spiegelt, seine
Gestaltungskraft, den Reichtum seiner Phantasie. Alles dies offenbart
sich uns, so sagten wir, im Kunstwerke, nur soweit es im Kunstwerke
verwirklicht ist. Soweit es aber darin verwirklicht ist, bildet es einen
Teil des Inhaltes des Kunstwerkes, und ist, wie der ganze Inhalt des
Kunstwerkes, Gegenstand unserer sthetischen Sympathie.

Nur dann knnten diese Momente den Anspruch erheben, einen eigenen und
neuen Faktor des sthetischen Genusses zu bezeichnen, wenn es erlaubt
wre, zur _sthetischen_ Bewertung des _Kunstwerkes_ auch _das_
Wertgefhl zu rechnen, das wir gewinnen, wenn wir vom Kunstwerk und der
in ihm verkrperten ideellen Welt unseren Blick abwenden, um statt dessen
dem Knstler, und dem, was er ausserhalb des Kunstwerkes ist, uns
zuzuwenden und ihn, diese wirkliche Persnlichkeit, zum Gegenstand einer
Betrachtung zu machen, die mit sthetischer Betrachtung nichts zu thun
hat. Ich nehme aber an, dass _Volkelt_ diese Erlaubnis nicht zu geben
beabsichtigt.

Als weiteren Faktor des sthetischen Genusses bezeichnet _Volkelt_ die
Freude an unserer "Belebung", an der "ber das Mittelmass hinausgehenden
Erregung des seelischen Lebens", an der inneren "Durchschttelung". Hier
htte _Volkelt_ wohl zunchst zeigen mssen, ob es eine solche Freude
berhaupt gebe, bezw. unter welchen Bedingungen es dieselbe geben knne.
Er wrde dann zweifellos gefunden haben, dass es auch eine ber das
Mittelmass hinausgehende Erregung oder eine Durchschttelung giebt, die
alles andere als genussreich ist, einen inneren Aufruhr, ein sich Drngen
heftiger Erregungen, ein Hoch- und Durcheinandergehen der Wogen unseres
Inneren von qulender, entsetzlicher Art.

Es fragt sich also, was uns durchschttelt. Wir haben Freude, wenn die
Durchschttelung eine Lebenssteigerung bedeutet, das heisst, wenn uns in
dem, was uns durchschttelt, etwas gegeben ist, das eine solche
Lebenssteigerung in sich schliesst. Und damit sind wir wiederum angelangt
bei dem Genuss, den die sthetische Sympathie gewhrt.

Daneben giebt es freilich auch noch eine Durchschttelung anderer Art,
durch das berraschende, Verblffende, Sensationelle, Drastische, durch
allerlei vom inhaltlichen Werte des Kunstwerkes unabhngige "Effekte".
Ich nehme aber wiederum an, dass Volkelt solche Faktoren, soweit sie
nicht etwa der sichereren Wirkung des wertvollen Inhaltes des Kunstwerkes
dienen, nicht als sthetische Faktoren preisen will.

Viertens wird von _Volkelt_ statuiert eine sthetische Lust aus der
"Entlastung": Die sthetischen Gefhlsbewegungen tragen den Charakter der
Leichtigkeit, Freiheit und Stille. Wir sind hinausgehoben ber unser
individuelles Ich mit seinem Bleigewicht, seinen Fesseln, seinen
Stacheln. Damit ist gewiss eine Bedingung des sthetischen Genusses
bezeichnet. Ohne solche Freiheit ist es unmglich, dass wir das
sthetisch Wertvolle ganz in uns aufnehmen, oder in seiner ganzen Flle
und Wirkungskraft in uns erleben. Aber diese negative Bedingung des
Kunstgenusses ist doch nicht gleichbedeutend mit einem positiven Faktor
desselben. Die Befreiung von dem individuellen Ich mag eine Aufhebung von
allerlei Grnden der Unlust in sich schliessen. Daraus ergiebt sich doch
positive Lust lediglich unter der Voraussetzung, dass dazu im Kunstwerk
irgend welche positiven Grnde gegeben sind.

Endlich wird von Volkelt darauf hingewiesen, dass die Kunst dem Bedrfnis
unserer Phantasie nach freier Gestaltung reiche Befriedigung schaffe.
Dagegen erwidere ich einmal dasjenige, was ich schon oben gegen das
"Spiel der inneren Nachahmung" bemerkte. Die Kunst, die dramatische zum
wenigsten, ermglicht nicht, sondern verbietet vielmehr unserer Phantasie
die freie Gestaltung. Der Inhalt des Kunstwerkes ist uns gegeben, vllig
unabhngig von unserem freien Belieben.

Und damit ist auch schon das Andere gesagt: Die Befriedigung unserer
Phantasie, von der hier die Rede ist, kann nichts anderes sein, als die
Befriedigung an den Gegenstnden unserer Phantasie, das heisst am Inhalte
des Kunstwerkes.

Oder sollen wir ausser dieser Befriedigung an den Gegenstnden oder
Inhalten unserer Phantasie auch noch eine besondere Befriedigung
verspren an unserer Thtigkeit der Phantasie, an dieser unserer
geistigen Arbeit, und der Weise, wie sie sich vollzieht. Die Mglichkeit
einer solchen Befriedigung leugne ich wiederum nicht. Nur ist, soviel ich
sehe, auch diese Befriedigung,--ebenso wie die Befriedigung an der
Phantasie des Knstlers, soweit dieselbe nicht im Kunstwerk verwirklicht
ist,--dadurch bedingt, dass ich meinen Blick vom Kunstwerk weg wende, und
ihn richte auf das Stck der wirklichen Welt, das durch meine reale
Persnlichkeit, mein individuelles Ich reprsentiert ist. Denn dieser
Welt, und nicht der Welt des Kunstwerkes, gehrt doch eben meine, mit den
Inhalten des Kunstwerkes beschftigte Phantasiethtigkeit an. Es ist also
auch die Freude daran nicht Freude am Kunstwerk, sondern Freude an der
ausserhalb des Kunstwerkes liegenden realen Welt. Diese aber kann
_Volkelt_ umso weniger zur Freude am Kunstwerk rechnen wollen, als er ja
selbst mit vollem Rechte die Loslsung vom individuellen Ich zur
Bedingung des sthetischen Genusses macht. In der That ist der
sthetische Genuss nichts anderes als der Genuss, der sich aus der reinen
_sthetischen Betrachtung_ ergiebt. Und diese _besteht_ in der Loslsung
von allem, was nicht im Kunstwerk unmittelbar gegeben ist. Sie besteht im
Aufgehen in diesem Objekte der Betrachtung. Die sthetische Sympathie ist
die Sympathie unter _Voraussetzung_ solcher Loslsung oder solchen
Aufgehens.

Ich bezeichnete diese sthetische Sympathie auch damit, dass ich sagte,
wir erleben im Kunstwerke uns selbst, nicht bloss, wie wir jetzt sind,
sondern wie wir sein knnten. Wir erleben darin unser ideelles Ich. Dies
kann bald in diesem, bald in jenem Zuge zu einem idealen, oder ber das
Mass unseres realen Ich gesteigerten Ich werden. Wie es aber hiermit
bestellt sein mag: Immer wenn uns im Kunstwerk Persnliches
entgegentritt, nicht ein Mangel am Menschen, sondern ein positiv
Menschliches, das mit unseren eigenen Mglichkeiten und Antrieben des
Lebens und der Lebensbethtigung im Einklang steht oder darin Widerhall
findet; immer wenn uns dies positiv Menschliche entgegentritt so
objektiv, so rein und losgelst von allen ausserhalb des Kunstwerkes
stehenden Wirklichkeitsinteressen, wie dies das Kunstwerk ermglicht und
die sthetische Betrachtung fordert, immer dann ist dieser Einklang oder
Widerhall fr uns beglckend.

Persnlichkeitswert ist ethischer Wert. Es giebt keine mgliche andere
Bestimmung und Abgrenzung des Ethischen. Aller Kunstgenuss, aller
sthetische Genuss berhaupt ist darnach Genuss eines ethisch Wertvollen,
nicht als eines Bestandteiles des Wirklichkeitszusammenhanges, sondern
als eines Gegenstandes der sthetischen Anschauung.


DAS SPEZIFISCHE DES TRAGISCHEN GENUSSES.

Im Vorstehenden ist doch noch in keiner Weise das eigentlich Spezifische
des tragischen Genusses erwhnt worden. Mitfreude ist Genuss, Miterleben
des Leidens ist hherer Genuss. Wie ich gelegentlich an anderer
Stelle--in dem oben erwhnten "Litteraturbericht"--sagte: Es ist eine
schne Sache um eine Mutter, die ber ihr gesundes und frhlich
spielendes Kind sich freut. Aber es ist eine erhabenere Sache um die
Mutter, die um ihr krankes oder sterbendes Kind in Sorge sich verzehrt.
Jene Freude ist fr uns erfreulich; dieser Schmerz ist verehrungswrdig,
heilig. Er ist nicht nur ein hherer, sondern ein anderer Genuss, tiefer
und ernster. Solchen tiefen und ernsten Genuss giebt die Tragik.

Wie dies mglich ist, dies wird uns verstndlich aus einem
psychologischen Gesetz, das wir bereits in anderem Zusammenhang kennen
gelernt haben. Indem ich es hier zur Erklrung herbeiziehe, scheine ich
Erhabenes aus Banalem ableiten zu wollen. Aber kein Gesetz ist banal an
sich. Jedes Gesetz ist erhaben, wenn es Erhabenes vollbringt.

Ich meine hier das Gesetz der "psychischen Stauung". Ich formuliere es
von neuem: Wird ein Vorstellungszusammenhang, der einmal in mir angeregt
ist, in seinem natrlichen Ablauf gehindert, so entsteht eine psychische
Stauung, d. h. die Vorstellungsbewegung macht an dem Punkte, wo die
Strung stattfindet, Halt. Damit wird zunchst das, was vor diesem Punkte
sich findet, von dieser Bewegung strker, als es sonst geschehen wrde,
erfasst und emporgehoben. Es kommt in uns in hherem Masse zur Geltung
und Wirkung. Es bt insbesondere auch in hherem Masse die
Gefhlswirkung, die es an sich zu ben fhig ist. Wir werden seines
Wertes in hherem Masse inne.

Mannigfache Wirkungen dieses Gesetzes, die auf seine Bedeutung fr die
Tragik hinweisen knnen, sind uns schon aus dem alltglichen Leben
gelufig. Ein wertvolles Objekt, das wir besassen, sei zerbrochen oder
vernichtet. Jetzt schtzen wir erst recht seinen Wert. Der Freund, den
wir verloren haben, erscheint uns in idealisiertem Lichte. Wir sind
geneigt von den Toten Gutes zu reden. Die Strafe, die dem Verbrecher zu
teil wird, shnt uns mit ihm aus.

Dies alles sind Wirkungen jenes Gesetzes. Vieles an einem Menschen kann
Gegenstand unseres Hasses sein. Daneben ist er doch auch Mensch wie wir.
Es finden sich in ihm positiv menschliche Zge, hinsichtlich deren ich
mit ihm einstimmig bin, die in mir Widerhall finden knnen, kurz mit
denen ich sympathisieren kann. Von diesem Positiven, oder von der
Persnlichkeit, sofern sie eben Persnlichkeit ist, fordern wir, dass sie
bestehe, daure, sich bethtige, frei sich auslebe. Dabei verstehe ich
unter dem freien Sichausleben das durch kein inneres oder usseres
Hindernis gehemmte Sichbefriedigen, die freie Verwirklichung dessen,
worauf irgend ein positiver Lebensantrieb abzielt. Solche Forderungen
sind nichts anderes als unser _eigenes_ Verlangen, zu dauern, uns zu
bethtigen, uns frei auszuleben.

Hier nun haben wir einen bestimmten Vorstellungszusammenhang und zwar den
denkbar zwingendsten. Es ist eben der Zusammenhang zwischen dem Positiven
der Persnlichkeit und seiner Dauer, seiner Bethtigung, seinem
Sichausleben. In der Natur dieses Zusammenhanges liegt die Tendenz mit
voller Sicherheit in _dieser Weise_, oder als dieser bestimmte
Zusammenhang abzulaufen. Dies heisst nichts anderes als: Es knpft sich
an das Bewusstsein, es sei ein positiv Menschliches gegeben, unbedingt
jene Forderung.

Ein solcher Vorstellungszusammenhang wird nun in uns angeregt, immer wenn
wir von einem Menschen wissen. Und sein freier Ablauf wird gehemmt durch
die Wahrnehmung seines Todes, durch das Bewusstsein von jedem Leiden,
jeder Strafe, jedem Eingriff in sein Dasein. Der ganze Mensch, also auch
jenes Positive in ihm, dauert nicht, wenn er stirbt, lebt nicht frei sich
aus, wenn ihn ein bel trifft. Damit ist die Stauung gegeben, d. h. die
Notwendigkeit, das wir bei jenem Positiven und seiner Natur nach uns
Sympathischen haften. Dies "tritt heraus", wird Gegenstand der
"Aufmerksamkeit", gewinnt psychische Hhe und steigt fr uns an Wert,
oder gewinnt jetzt erst, in unseren Augen nmlich, seinen Wert. Und
diesen Wert geniesse ich mitfhlend in einer Weise, wie es sonst unter
keinen Umstnden mglich wre. In dem Bilde des Verstorbenen tritt das
Gute und Tchtige, das was ihn wert machte, zu leben, oder was mir sein
Leben wertvoll machte, deutlicher hervor. Bei dem Freunde fllt hellstes
Licht auf das, was ich an ihm schtzte. Der Verbrecher wird fr mich erst
Mensch, d. h. menschlicher Wertschtzung wert. Dass wir dem Verbrecher
die erlittene Strafe zu gute schreiben, oder sie zu seinen Gunsten
anrechnen, ist nichts als ein populrer, aus einer anderen Sphre
hergenommener Ausdruck fr diese psychologische Thatsache.

Sowie hier der Tod oder das Erleiden der Strafe, so wirkt berall im
Leben und in der Kunst,--nur in der Kunst, vermge der Besonderheit der
knstlerischen Darstellung und unserer sthetischen Anschauung, in
hchstem Masse,--alles was irgendwie als ein Eingriff in eine
Persnlichkeit, oder als eine Strung des unmittelbaren freien
Sichauslebens der menschlichen Persnlichkeit, oder einen Positiven in
ihr, bezeichnet werden kann; jede Einengung eines Menschen, jeder Druck,
jedes Nichtgelingen, alles was wir Kummer, Sorge, Mangel, Not, Elend
nennen, jedes Missgeschick; auch jede innere Hemmung, jeder Zweifel, jede
Verkmmerung; schliesslich in hchstem Masse der, sei es physische, sei
es auch sittliche Untergang. Es wirkt dies alles _in dem Masse_, als
wirklich ein _positiv Menschliches_, dessen Wert wir in uns inne werden
knnen, in seinem Bestande, seiner Dauer, seinem freien Sichausleben
gehemmt erscheint; im hchsten Masse, wenn dies positiv Menschliche
zugleich _Grsse_ hat. Immer ist die Art der Wirkung dieselbe: Erleben
unserer selbst in einem Anderen, Erklingen oder lauteres Erklingen einer
sonst nicht erklingenden oder nur schwach erklingenden Saite unseres
Inneren, also vollerer Zusammenklang der Momente unseres Wesens,
Steigerung, Erhhung, Ausweitung unserer selbst; alles dies zugleich in
einem Anderen, also objektiviert; in der fremden Persnlichkeit mit
sthetischer Realitt uns entgegentretend.

Zugleich ist diese Wirkung umso strker, je schrfer der Eingriff in den
Bestand, die Bettigung des Sichausleben der Persnlichkeit erscheint.
Gewiss wchst mit der Schrfe des Eingriffes auch die Unlust am Leiden.
Und diese kann sich steigern zu einem Gefhl des Entsetzlichen, das
keinen tragischen Genuss mehr aufkommen lsst. Diesseits dieser Grenze
aber liegen die unendlich vielen Stufen der Mglichkeit, dass sich die
Grnde der Unlust und die Grnde der Lust zur Erzeugung des tiefen,
ernsten, erschtternden Genusses vereinigen, als welcher eben der
tragische Genuss sich uns darstellt.


WEITERE STHETISCHE WIRKUNGEN DES KONFLIKTES.

Ich betrachte hier die Tragik nicht um ihrer selbst willen, sondern als
Gegenbild des Humors. Soll aber die Tragik das volle Gegenbild des Humors
sein, so drfen wir sie nicht in dem engen Sinne nehmen, in dem wir sie
zu nehmen pflegen, sondern mssen als tragisch jede Art des ernsten
Konfliktes bezeichnen.

Die Tragik, im engeren Sinne, ist Tragik des usserlich ungelsten
Konfliktes. Konflikte knnen aber auch sich lsen; die Sache kann einen
glcklichen Ausgang nehmen. Dann gewinnt die Stauung eine weitere
Bedeutung. Die durch die Stauung gesteigerte oder zu grsserer
psychischer Hhe gebrachte psychische Bewegung ergiesst sich, wenn der
Konflikt gelst, also das Hindernis des freien Vorstellungsablaufes
beseitigt ist, mit grsserer Kraft. Die Lsung, oder das worin sie
besteht, gewinnt grssere psychische Bedeutung und grssere
Eindrucksfhigkeit.

Auch dies ist eine im gewhnlichen Leben uns wohl vertraute Thatsache.
Das schwer Errungene hat fr uns doppelten Wert. Die Konsonanz, in
welcher die Dissonanz sich lst, hat ein besonderes und eigenartiges
Gewicht. Wem Namen statt Erklrungen dienen, der hat hier eine neue
Gelegenheit von "Kontrastwirkung" zu sprechen und einen Fall des
sogenannten "Kontrastgesetzes" zu statuieren.

Zwei Arten der Wirkung des Konfliktes oder des Eingriffes in
Menschendasein und freies Sichausleben von Menschen haben wir hiermit
einander gegenbergestellt. Beide Wirkungen sind zunchst unmittelbar
subjektiv begrndete, d. h. Wirkungen die unmittelbar in einem Vorgang im
Beschauer ihren Grund haben: Die Stauung, die der Konflikt _in uns_
bewirkt, lsst uns das Positive der Persnlichkeit, die in den Konflikt
gert oder jenen Eingriff erfhrt, bedeutsamer erscheinen; und die Lsung
der Stauung, die _in uns_ sich vollzieht, macht uns das, worin die Lsung
sich vollzieht, eindrucksvoller.

Neben diesen subjektiv bedingten Wirkungen stehen aber dann objektiv
bedingte. Davon habe ich in meiner Schrift "Der Streit ber die Tragdie"
ausfhrlicher geredet. Wir sehen, wie eine Persnlichkeit leidet, d. h.
wie tief sie vom Leiden erfasst wird, und welchen Charakter dies Leiden
in ihr gewinnt. Und wir sehen, _wovon_ oder _worunter_ sie leidet. Daraus
gewinnen wir ein Bild von ihrer Tiefe und ihrer Hhe und von ihrem
inneren Wesen. Nichts wrde so uns das Innerste ihres Wesens enthllen,
als es das Leiden vermag. Ungeahnt Grosses kann das Leiden im Menschen zu
Tage frdern, die feinsten Fasern der Persnlichkeit herausstellen, die
verborgensten Saiten zum Anklingen bringen.

Wir sehen dann vor allem auch, wie die Persnlichkeit dem Leiden
standhlt, oder von ihm gebrochen wird. Die Persnlichkeit kann im Leiden
auch sittlich gebrochen, zerbrckelt, zerrieben werden, und doch
tragische Gestalt bleiben. Es ist nur ntig, dass in ihr, in ihrem
inneren Wesen etwas Grosses, Echtes liegt, und dass dies wirklich, im
Kampf mit dem feindlichen Geschick, _zerrieben_ wird.

Es kann aber auch die Persnlichkeit dem Leiden innerlich standhalten.
Sie will lieber leiden als das Grosse in sich preisgeben. Sie bleibt sich
getreu, auch indem sie untergeht. Das Grosse in ihr zeigt sich Leiden und
Tod berwindend.

Hier ist berall die Wirkung auf uns zugleich objektiv bedingt: Das Bild
der tragischen Persnlichkeit selbst wird ein reicheres, tieferes, es
wird ein in sich selbst wirkungsfhigeres. Je mehr es dies ist, um so
mehr steigert sich zugleich die Wirkung jenes subjektiven Faktors, d. h.
der in uns stattfindenden Stauung. Das Ganze der Wirkung ist ja notwendig
ein Produkt aus den beiden Faktoren. Und in einem Produkt wirkt jeder
Faktor um so mehr, je grsser der andere ist.

Dies gilt auch, wo der Konflikt berwunden wird, falls nmlich er nicht
durch den dummen Zufall oder einen Deus ex machina, sondern durch eine
Kraft oder Grsse berwunden wird, mit der wir sympathisieren. Die Kraft
und Grsse wird, indem sie berwindet, fr uns objektiv oder an sich
bedeutsamer. Zugleich steigert sie die Stauung oder die Erwartung ihres
sich Auslebens, die "Spannung". Um so wirksamer wird dann auch die
Lsung.


STHETISCHE BEDEUTUNG DES BSEN.

Auf dies alles gehe ich hier nicht weiter ein. Dagegen interessiert uns
noch ein fundamentaler Gegensatz. Wir sprachen bisher von Eingriffen in
die Persnlichkeit, von Hemmungen ihres freien sich Auslebens, kurz vom
Leiden, und der daraus sich ergebenden Stauung.

Aber neben dem Leiden steht das Bse. Auch das Bse greift strend ein in
den freien Ablauf eines Vorstellungszusammenhanges, bewirkt also eine
Stauung und damit eine Steigerung der psychischen Bewegung. Der
Vorstellungszusammenhang besteht hier in dem Zusammenhang zwischen dem
Menschen und der sittlichen Forderung, die wir an ihn stellen.

Eine Persnlichkeit vollziehe in sich mit Bewusstsein die Negation des
Sittlichen, verhalte sich also wollend widersittlich, oder was dasselbe
sagt, in irgend einem Punkte widermenschlich. Sie leugne in Worten oder
durch die That eine sittliche Forderung. Dann gewinnt in uns diese
sittliche Forderung erhhte Kraft. Jemehr sie geleugnet wird, um so
bestimmter setzen wir sie der Verneinung entgegen. Unser eigenes
sittliches Bewusstsein tritt uns mchtiger entgegen.

Darin liegt nun nicht ohne weiteres ein sthetischer Wert. Die
wahrgenommene Auflehnung gegen die in mir bestehende sittliche Forderung
erfllt mich mit Unlust. Die Kraft, mit der ich das eigene sittliche
Bewusstsein festhalte, giebt mir sittliches Kraftgefhl, etwas von
sittlichem Stolz. Und dies Gefhl ist an sich beglckend. Das Objekt aber
erscheint um so unlustvoller.

Nehmen wir indessen jetzt an, die sittliche Persnlichkeit sei nicht nur
in uns, und werde in uns wachgerufen und durch den "Kontrast" zur
"Reaktion" veranlasst, sondern sie finde sich auch irgendwie neben der
Negation des Sittlichen in einem Kunstwerke, dann ergiebt sich, auf Grund
dieser Negation, ein besonderer _sthetischer Wert_.

Es bestehen dafr verschiedene Mglichkeiten, die ich wiederum nur
andeute. Das Bse ist "Folie" des Guten, d. h. wir finden die sittliche
Forderung, die einerseits geleugnet erscheint und dadurch in uns Kraft
gewinnt, andererseits verwirklicht, und erleben es jetzt, dass diese
Verwirklichung uns eindrucksvoller, also in hherem Grade in ihrem vollen
Werte sich darstellt. Oder wir sehen in einer und derselben
Persnlichkeit das Gute neben dem Bsen, als Kehrseite desselben, und
erfahren eine gleichartige Wirkung. Oder das Bse, die ihr Mass
berschreitende Leidenschaft, hat ein Gutes zu ihrer Wurzel und weist uns
darauf hin. Oder das Bse ist Durchgangspunkt des Guten, der Weg, auf dem
das Gute in einem Menschen sich Bahn bricht.

Hier ist die den Eindruck des Guten steigernde Wirkung zunchst wiederum
eine subjektiv bedingte. Der Gegensatz und die dadurch bedingte Stauung
oder "Spannung" steigert die psychische Bewegung in uns. Auch hier aber
gesellen sich zur subjektiv bedingten objektiv bedingte Wirkungen.

Es verfllt etwa der Bse einem blen Geschick. Jetzt erscheint unserer
alles vermenschlichenden Phantasie dies Geschick wie eine dem Bsen sich
entgegensetzende quasi-persnliche Macht, mit deren Wollen wir uns Eines
fhlen. Vielleicht bedient sich das Geschick der Bsen. Bses Wollen und
bses Wollen bekmpfen sich und bringen sich zu Falle. Dann ist unser
sittliches Bewusstsein befreit; wir sind vershnt. Das Gute hat Recht
behalten.

Aber dies Gute ist doch einstweilen nur "das" Gute, die sittliche Macht
nur eine quasi-persnliche. Sie wird zu einer persnlichen, wenn gutes,
berechtigtes, sittliches Wollen eines Menschen gegen das Bse sich kehrt
und darin seine Kraft bethtigt. Diese Kraft erweist sich doppelt gross,
wenn in der bsen Persnlichkeit selbst ein sittliches Bewusstsein oder
ein Zwang der Anerkennung, dass das Gute Recht habe, sich regt; oder wenn
endlich dies sittliche Bewusstsein das Bse besiegt und endgltig die
bermacht in der Persnlichkeit behauptet.

Auch darauf gehe ich hier nicht nher ein. Es gengt mir auch hier, die
Hauptmomente der tragischen Wirkung kurz bezeichnet zu haben. Alle diese
Momente haben in der Wirkung des Humors ihr Gegenstck.




XVI. KAPITEL. DAS WESEN DES HUMORS.


LAZARUS' THEORIE.

Dass durch die Negation, die am positiv Menschlichen geschieht, dies
positiv Menschliche uns nher gebracht, in seinem Wert offenbarer und
fhlbarer gemacht wird, darin besteht, wie wir sahen, das allgemeinste
Wesen der Tragik. Ebendarin besteht auch das allgemeinste Wesen des
Humors. Nur dass hier die Negation anderer Art ist als dort, nmlich
komische Negation.

Ich sagte vom Naivkomischen, dass es auf dem Wege liege von der Komik zum
Humor. Dies heisst nicht: die naive Komik ist Humor. Vielmehr ist auch
hier die Komik als solche das Gegenteil des Humors. Die naive Komik
entsteht, indem das vom Standpunkte der naiven Persnlichkeit aus
Berechtigte, Gute, Kluge, von unserem Standpunkte aus im gegenteiligen
Lichte erscheint. Der Humor entsteht umgekehrt, indem jenes relativ
Berechtigte, Gute, Kluge aus dem Prozess der komischen Vernichtung
wiederum emportaucht, und nun erst recht in seinem Werte einleuchtet und
genossen wird. Dieser Erfolg wird in den auf S. 104 ff.[*] zuletzt
angefhrten Fllen der naiven Komik notwendig eintreten. Insofern waren
sie zugleich Flle des Humors.

[* Im Unterkapitel MGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. Transkriptor.]

Der eben bezeichneten Auffassung des Humors scheint Lazarus in seinem
Werke "Das Leben der Seele" zu widersprechen, indem er im Humor berhaupt
nicht eine eigene Kunstform, sondern vielmehr eine eigene Denkweise und
Gemtsverfassung, sozusagen eine eigene Weltanschauung sehen will.
Indessen damit ist uns hier nicht gedient. Mag immerhin das Wort Humor in
diesem Sinne genommen werden knnen--und wir werden es selbst spter so
nehmen--hier handelt es sich um etwas anderes. Wie es uns ehemals nicht
auf den Witz ankam, den man hat, sondern auf denjenigen, den man macht,
so beschftigt uns hier nicht der Humor, den man hat, sondern das
humoristische Thun oder Verhalten, der einzelne Fall des Humors.

Thatschlich nimmt nun auch _Lazarus_ im Verlaufe seiner Abhandlung das
Wort Humor in diesem letzteren Sinne. Der von uns als naiv in Anspruch
genommene Ausspruch des Korporals Trim ist fr _Lazarus_ ein Fall des
Humors. Nun kommt in diesem Ausspruch freilich eine bestimmte Denkweise
zu Tage. Aber weder, dass diese Denkweise vorhanden ist, noch dass sie
berhaupt zu Tage kommt, sondern die Art, wie sie zu Tage kommt, macht
den Vorfall zu einem humoristischen. Und Entsprechendes gilt von der Rede
_Falstaff_'s, die _Lazarus_ gleichfalls der Gattung des Humors zuweist.

Wichtiger aber ist uns, dass _Lazarus_ bei der Erklrung dieser einzelnen
Flle des Humors--ebenso wie _Hecker_ und _Krpelin_ bei ihrer Erklrung
des Naiven--die Hauptsache bersieht. "Wie lcherlich," sagt er mit Bezug
auf Trim, "wenn einer das vierte Gebot nicht als einen selbstndigen Satz
auswendig kennt, wie erhaben, wenn einer es so strikt, so reich, so voll
erfllt. Wie humoristisch, wenn wir beides zugleich von ihm erfahren". In
der That ist es gar nicht humoristisch, wenn wir diese beiden Dinge
zugleich und von Einem erfahren. Man lasse Trim auf die Frage des Doktors
der Theologie einfach erklren, er wisse nur, was das Gebot von ihm
verlange, nmlich, dass er seinem Vater von seinen 14 Groschen Lohn 7
geben solle, und der Eindruck des Humors ist dahin. Eine solche Erklrung
wre eben eine einfach sachgemsse Erklrung, nicht mehr eine
gleichzeitig treffende und unzutreffende, erhabene und nichtige
_Beantwortung der Katechismusfrage_.

Noch weniger trifft _Lazarus_' Erklrung des Humors der _Falstaff_'schen
Rede die Sache. _Falstaff_ wecke, so meint er, alle hohen Ideen, deren
Widerpart er in Leben und Gesinnung sei, durch sein Reden und Thun. "Er
spricht von Ehre, Mut u. s. w.; er stellt den Knig dar, wie er Heinrich
straft u. s. w.; in allem ist er ein Gebildeter, die Ansprche der Idee
Kennender und Zeigender. Wir lachen ber ihn, obgleich er das Hohe
erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre); wir lachen, weil er
selbst die wahre Idee in uns weckt, und diese um so sicherer zeigt, je
angelegentlicher er dagegen kmpft".

Der Humor der Rede _Falstaff_'s beruht also fr _Lazarus_ darin, dass die
Erniedrigung der Ehre doch zugleich die Idee der Ehre in uns wachruft.
Wre damit ohne weiteres der Humor gegeben, so msste jeder, der nicht
aus Unkenntnis, sondern in bewusster Bosheit das Edle erniedrigte und in
den Schmutz zge, humoristisch erscheinen, auch wenn er dies ohne allen
"Humor" thte. Denn je boshafter es herabgezogen wird, um so deutlicher
wird uns jederzeit das Edle als solches zum Bewusstsein kommen. In
Wirklichkeit wrde aber solche Bosheit nicht den Eindruck des Humors,
sondern das Gefhl der Emprung hervorrufen. So ist denn auch der Grund
der Humors der _Falstaff_'schen Rede in gewisser Weise gerade der
entgegengesetzte von demjenigen, den _Lazarus_ angiebt. Nicht dass
_Falstaff_ das Recht des Sittlichen bewusst verneint, sondern das er zu
dem, was er sagt, selbst ein gewisses, nmlich individuelles, sittliches
Recht _hat_, das macht den Humor der Rede.

Wie _Lazarus_ in der Bestimmung des Humors die Hauptsache bersieht, dies
wird nicht minder deutlich aus seinem allgemeinen Erklrungsversuch. Der
Seelenzustand des Humors soll sich ergeben "aus dem Wesen und Verhltnis
von Fhlen und Denken. Indem das Gefhl der Realitt ebenso herrschend
ist, wie der Gedanke des Idealen, entspringt durch die Gleichzeitigkeit
eine notwendige Verschmelzung beider, vermge deren das Ideale den
psychologischen Wert und Reiz des Realen erhlt, sodass im Humor nicht
nur die Wirklichkeit und die sinnliche Welt, sondern auch die Idee selbst
anders, nmlich tiefer, krftiger, lebensvoller aufgefasst wird als im
abstrakten Idealismus."

Diese Erklrung erweckt allerlei Bedenken. Zunchst frage ich mich
vergeblich, nach welchem psychologischen Gesetz jene Verschmelzung
geschehen, und nach welchem psychologischen Gesetz sie die ihr hier von
_Lazarus_ aufgebrdete Wirkung haben solle. Ich knnte weiterhin darauf
aufmerksam machen, wie viel Unheil in der sthetik das nichtssagende
Abstraktum Idee schon angerichtet hat. Lassen wir uns aber diesen Begriff
gefallen, dann mssen wir allgemein sagen: Mag noch so sehr das Ideale
und Reale in uns gleichzeitig Macht gewinnen und das Gefhl des einen mit
dem Gedanken des andern, ich weiss nicht wie, "verschmelzen"; der
Eindruck des Humors ensteht uns jedenfalls erst, wenn wir das Ideale in
einer Persnlichkeit verwirklicht finden, und zugleich auch nicht
verwirklicht finden, wenn also das Ideale das Reale ist, und doch
zugleich nicht ist. Oder wenn wir jetzt wiederum auf das "Ideale" und
"Reale" verzichten. Der eigentliche Grund und Kern des Humors ist berall
und jederzeit das relativ Gute, Schne, Vernnftige, das auch da sich
findet, wo es nach unseren gewhnlichen Begriffen nicht vorhanden, ja
geflissentlich negiert erscheint.

_Lazarus_ bezeichnet den Humor der _Fallstaff_'schen Rede im Gegensatz
zum Humor _Trim_'s als objektiven. Dieser Unterschied ist ungltig.
_Falstaff_ und _Trim_ erscheinen humoristisch aus vllig gleichem Grunde.


NAIVITT UND HUMOR.

In allem naiv Komischen steckt nach oben Gesagtem Humor. Ich bezeichnete
diesen Humor als die Kehrseite der naiven Komik. Aber es kann nicht
umgekehrt gesagt werden, jeder Humor sei naiv. Vielleicht ist man
geneigt, schon einige der oben angefhrten Flle des naiv Komischen, vor
allem die naive Komik des _Sokrates_ nicht mehr als naiv-komisch gelten
zu lassen. Zur Naivitt gehrt es, ihrer selbst unbewusst zu sein. Daraus
folgt dann, was den Humor betrifft, freilich zunchst nur dies, dass es
einen unbewussten Humor giebt. Andererseits kann aber der Humor als
vollbewusster sich darstellen.

Diesen bewussten Humor will _Hecker_ einzig als Humor anerkennen. Der
Humor, meint er, sei im Gegensatz zum Naiven vllig bewusst, ja
willkrlich. Das ist dann eine engere Fassung des Begriffs des Humors,
die wir nicht mitmachen wollen. Die Einsicht in das positive Wesen des
Humors, das vom Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten unabhngig
ist, verbietet es uns. Auch der Sprachgebrauch widerspricht.

Es ist naiv, wenn die Putten in _Rafaels_ Madonna di San Sisto so recht
kindlich, und doch so ganz entgegen dem feierlichen Charakter des
Vorganges sich ber die Brstung lehnen. Aber niemand wird uns verwehren
drfen zu sagen, es stecke darin kstlicher Humor. Wenn _Brsig_ gegen
Bildung und Sitte verstsst, so thut er dies meist vllig unbewusst. Er
ist also insofern naiv. Und doch bezeichnet _Lazarus_ mit Recht _Brsig_
als eine der groartigsten humoristischen Schpfungen,

Und wir knnen noch mehr sagen. Auch im bewussten Humor steckt eine Art
der Naivitt. Nicht nur bei _Falstaff_ und _Trim_, sondern auch bei
_Hamlet_, beim Narren im Lear, selbst bei _Mephisto_, ist der eigentliche
Kern des Humors nicht ein Ergebnis bewusster Reflexion, sondern das
Gesunde, Gute, Vernnftige, das in der innersten "Natur" der
Persnlichkeit liegt und darum nicht umhin kann, in ihrem verkehrten oder
nrrischen Gebaren mit "naiver" Gewalt sich geltend zu machen.

Damit ist doch jener Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten nicht
aufgehoben. Der Humor kann, sagte ich, schliesslich ein vollbewusster
sein. Er ist ein solcher, wenn der Trger desselben sich sowohl des
Rechtes, als auch der Beschrnktheit seines Standpunktes, sowohl seiner
Erhabenheit als auch seiner relativen Nichtigkeit bewusst ist, wenn er
also neben seinem Rechte auch das Recht derer anerkennt, denen sein Thun
komisch ist. Dies ist der Humor, von dem Kuno Fischer sagt, er sei "die
volle und freie Selbsterkenntnis, die nicht mglich ist, ohne helle
Erleuchtung der eigenen Karikatur, ohne die komischen Vorstellungen der
anderen heiter ber sich ergehen zu lassen". Es muss nur hinzugefgt
werden, dass dies heitere bersichergehenlassen der komischen
Vorstellungen anderer nur mglich ist, wenn der Trger des Humors
zugleich des relativen Rechtes seines Thuns, wenn er also eines diesem
Thun zu Grunde liegenden positiven Kernes seiner Persnlichkeit, der
durch das Lachen der anderen nicht getroffen wird, sich bewusst ist. Die
vollbewusste humoristische Persnlichkeit lsst andere ber ihr Gebaren
lachen und lacht selbst herzlich mit; zugleich weiss sie sich doch im
innersten Kern ihrer Persnlichkeit ber jenes Lachen erhaben. Sie lacht
auch wieder ber dies Lachen und lacht so am besten, weil sie zuletzt
lacht.

Man erinnert sich, dass wir das Verhalten des _Sokrates_ bei Auffhrung
der Wolken oben als letztes Beispiel der naiven Komik auffhrten,
zugleich aber zugaben, dass der Name des Humors dafr geeigneter
erscheine. Wir knnen jetzt nicht nur Humor, sondern vollbewussten Humor
im eben bezeichneten Sinne darin erblicken. Es entfernt sich dann
_Sokrates_' Verhalten mglichst weit von dem naiv Komischen im engeren
Sinne. Schon dass _Sokrates_ der Auffhrung der Wolken beiwohnt und
mitlacht, wenn sein Gegenbild auf der Bhne verlacht wird, ist
humoristisch. Wie thricht, wenn man dem Lachen Anderer zu begegnen
meint, indem man mitlacht; wie schwchlich, wenn man auch nur dies
Lachen, statt irgendwie dagegen aufzutreten oder es abzuwehren, sich
gefallen lsst. Giebt man nicht damit den Lachern Recht?--Aber eben dies
ist die Meinung des _Sokrates_. Er versteht den Standpunkt des
Volksbewusstseins, zu dessen Vertreter sich _Aristophanes_ gemacht hat,
und sieht darin etwas relativ Gutes und Vernnftiges. Er anerkennt eben
damit das relative Recht derer, die seinen Kampf gegen das
Volksbewusstsein verlachen. Damit erst wird sein Lachen zum Mitlachen.
Andererseits lacht er doch ber die Lacher. Er thut es und kann es thun,
weil er des hheren Rechtes und notwendigen Sieges seiner Anschauungen
gewiss ist. Eben dieses Bewusstsein leuchtet durch sein Lachen, und lsst
es in seiner Thorheit logisch berechtigt, in seiner Nichtigkeit sittlich
erhaben erscheinen.

Dieser Humor steigert sich dann noch, wenn _Sokrates_ sich erhebt und
seinen Lachern geflissentlich preisgiebt. Jetzt erst begeht er eine
rechte Thorheit; und er begeht sie mit vollem Bewusstsein. Er erniedrigt
sich nicht nur in den Augen der Menge, sondern er weiss, dass er sich
erniedrigt, und er weiss es nicht nur, sondern er giebt wiederum denen,
die ihn jetzt erst recht verlachen, relativ Recht. Die Menge, wie kann
sie anders--nach gewhnlicher und in ihrer Art wohlberechtigter
Anschauung--als solches Gebaren thricht finden, und wie sollte sie das
natrliche Recht sich verkmmern lassen, ber das zu lachen, was nun
einmal ihren Horizont berschreitet. Zugleich lacht doch _Sokrates_
wiederum ber die, deren relatives Recht, ihn zu verlachen, er einrumt,
weil er weiss, das seine Erhabenheit der Erniedrigung zum Trotz bestehen
bleibt, ja in derselben erst recht zu Tage tritt.

Indem ich hier den vollbewussten Humor zu kennzeichnen versuche, habe ich
im Grunde auch schon das Wesen des Humors nicht als einzelnen
humoristischen Thuns, sondern als einer Gesinnung oder Denkweise
bezeichnet. Diese beiden Begriffe des Humors wollten wir oben scharf
unterscheiden. Auch jetzt bleiben wir bei dieser Unterscheidung. Zugleich
sehen wir doch, dass die Inhalte dieser beiden Begriffe aufs
unmittelbarste zusammenhngen. Die Denkweise des Humors ist es, die dem
bewusst humoristischen Thun zu Grunde liegt und darin sich kundgiebt.
Auch _Sokrates_ handelt nicht nur humoristisch, sondern er denkt
humoristisch oder hat Humor. Er knnte sonst nicht so handeln wie er
handelt.--Andererseits brauchen wir Humor, um den Humor des
_Sokrates_'schen Thuns zu verstehen.

Wir knnen aber berhaupt _jeder_ Art der Komik mehr oder weniger Humor
entgegenbringen. Je mehr wir ihr entgegenbringen, um so mehr "Sinn" fr
Komik haben wir. Ich sagte schon oben, dass in der Komik nicht nur das
Komische in nichts zergeht, sondern auch wir in gewisser Weise, mit
unserer Erwartung, unserem Glauben an eine Erhabenheit oder Grsse, den
Regeln oder Gewohnheiten unseres Denkens u. s. w. "zu nichte" werden.
ber dieses eigene Zunichtewerden erhebt sich der Humor. Dieser Humor,
der Humor, den wir angesichts des Komischen _haben_, besteht schliesslich
ebenso wie derjenige, den der Trger des bewusst humoristischen
Geschehens hat, in der Geistesfreiheit, der Gewissheit des eigenen Selbst
und des Vernnftigen, Guten und Erhabenen in der Welt, die bei aller
objektiven und eigenen Nichtigkeit bestehen bleibt, oder eben darin zur
Geltung kommt. Er besteht "_schliesslich_" darin, das will sagen, dass
freilich nicht jeder Humor diese hchste Stufe erreicht. Es giebt
niedrigere Arten des Humors, und es giebt neben dem hier vorausgesetzten
positiven einen negativen, neben dem vershnten einen entzweiten Humor.


HUMOR UND "PSYCHISCHE STAUUNG".

Auf diese Unterschiede werden wir spter zurckzukommen haben.
Einstweilen sahen wir, dass Erhabenheit in der Komik das Wesen des Humors
bezeichnet.

Wir sagten aber auch schon, der Humor sei Erhabenheit in der Komik und
_durch_ dieselbe. Die Erhabenheit ist nicht nur bei der Komik, oder
irgendwie mit ihr verbunden, sondern die Komik lsst die Erhabenheit erst
eigentlich fr uns zu stande kommen.

Wie dies mglich ist, dies sagt uns wiederum das Gesetz der "psychischen
Stauung". Wiefern eine solche Stauung bei aller Komik stattfinde, haben
wir gesehen. Wir sahen, wie diese Stauung die "Verblffung" bewirkt, wie
sie dann den Anspruch des Nichtigen ein Erhabenes zu sein, heraustreten
lsst und dadurch das Nichtige, auch nachdem es als solches, das heisst
als Nichtiges sich dargestellt hat, zum Gegenstande der Aufmerksamkeit,
und damit zum Objekte des freien und heiteren Spieles der Auffassung
werden lsst.

Zugleich aber bewirkt die Stauung ein Weiteres; nmlich die nachfolgende
Rckwrtswendung des Blickes auf dasjenige, das den Anspruch der
Erhabenheit machte. Dabei bestehen die beiden Mglichkeiten: Dieser
Anspruch erscheint auch jetzt als blosser Anspruch; oder er erscheint als
berechtigter Anspruch.

Wie sonst, so lsst auch hier die "Rckwrtswendung des Blickes", das
heisst die Rckkehr der seelischen Bewegung nach ihrem Ausgangspunkte zu,
an diesem Ausgangspunkte neue Seiten entdecken, falls nmlich an ihm
solche zu entdecken sind.

Ich erinnere noch einmal an eines der oben angefhrten Beispiele: Auf ein
A sahen wir in der Erfahrung sonst ein B folgen. Jetzt folgt ihm ein dem
B widersprechendes B1. Dann ist das Erste die Verblffung, das
[Griechisch: thaumazein], die Frage: Was ist oder was will das. Ihr folgt
das sich Besinnen, die Konzentration auf das A und die Erwartung, dass
wieder B folge. Das Dritte ist in diesem Falle--nicht die Auflsung der
Erwartung in nichts, aber das Bewusstsein des Widerspruches.

Daran aber schliesst sich die Rckkehr zu dem A. Und diese Rckkehr ist
gleichbedeutend mit einer genaueren Betrachtung des A, mit der Frage, ob
A wirklich das A sei, auf das sonst das B folgte. Dabei kann an dem A
etwas gefunden werden, das es von jenem A unterscheidet, es zu einem
davon verschiedenen A1 macht.

Der gleiche Prozess vollzieht sich auch bei der Komik. Auch hier fhrt
die Rckkehr zu A, ich meine zu dem, was als erhaben sich gebrdete, zur
volleren Erkenntnis desselben. Hat dasselbe begrndeten Anspruch auf
Erhabenheit, so wird, was diesen Anspruch begrndet, entdeckt, oder es
tritt deutlicher ins Bewusstsein. Das Komische erscheint schliesslich
vielleicht als das eigentlich Erhabene.

Indem das nicht nur scheinbar, sondern in Wahrheit Erhabene
solchergestalt aus dem komischen Prozess erst recht als ein Erhabendes
emportaucht, besitzt es zugleich fr uns einen besonderen Charakter. Es
giebt eben doch an ihm eine Seite, oder es giebt fr dasselbe eine
mgliche Beleuchtung, die es jederzeit wiederum zum Gegenstand der Komik
oder unserer spielenden Anfassung werden lassen kann. Dadurch mildert
sich seine Erhabenheit. Hat die Erhabenheit Strenge, so weicht diese
Strenge. Der Gegenstand der Ehrfurcht wird uns vertrauter, wird Gegentand
der Liebe. Es ist die Aufgabe des Humors, Erhabenes liebenswert
erscheinen zu lassen, wie es andererseits seine Aufgabe ist, Erhabenes im
Verborgenen, in der Enge und Gedrcktheit, im Geringgeachteten und
Verachteten, in jeder Art der Kleinheit und Niedrigkeit aufzusuchen.




XVII. KAPITEL. ARTEN DES HUMORS.


DIE DASEINSWEISEN DES HUMORS.

Das allgemeine Wesen des Humors, von dem im Vorstehenden die Rede war,
bestimmt sich genauer und gewinnt mannigfache speciellere Zge in den
verschiedenen Arten des Humors.

Solche lassen sieh zunchst unterscheiden nach zwei Gesichtspunkten.
Mehrfach schon war die Rede vom Humor als Stimmung, oder als Weise der
Betrachtung der Dinge. Ich "habe" Humor, wenn ich diese Stimmung habe
oder dieser Weise der Betrachtung mich hingebe. Ich selbst bin hier der
Erhabene, der sich Behauptende, der Trger des Vernnftigen oder
Sittlichen. Als dieser Erhabene oder im Lichte dieses Erhabenen betrachte
ich die Welt. Ich finde in ihr Komisches und gehe betrachtend in die
Komik ein. Ich gewinne aber schliesslich mich selbst, oder das Erhabene
in mir, erhht, befestigt, gesteigert wieder. Damit ist hier der
humoristische Prozess vollendet.

Man erinnert sich des Gegenstckes dieser humoristischen Weltbetrachtung,
das uns oben bei Betrachtung der Tragik begegnete. Es besteht in der
Weltbetrachtung, die einen sittlichen Massstab anlegt--nicht an das
Kleine und Nichtige, oder an das, was so erscheint, sondern an das
Schlechte, das Bse, das bel; kurz das ernste Nichtseinsollende. Auch
aus solcher Weltbetrachtung kann ich in meiner Persnlichkeit oder meinem
sittlichen Bewusstsein gesteigert zu mir zurckkehren.

Neben diese ernst sittliche Weltbetrachtung stellten wir die gleichartige
_Darstellung_ der Welt, der Menschen, des Geschehens in der Welt. Dieser
entspricht in der Sphre des Humors die _humoristische Darstellung_. Ich
finde das Kleine, Nichtige, Belachens- und Verlachenswerte _dargestellt_
und komisch beleuchtet: zugleich offenbart sich in der Weise der
Darstellung der vernnftige oder sittliche Standpunkt. Sein Recht, seine
Wahrheit, seine berlegenheit wird aus der Darstellung offenbar und
eindringlich.

Die dritte "Daseinsweise" des Humors endlich ist verwirklicht im
"objektiven Humor". Hier ist das Positive des Humors, d. h. das Erhabene
nicht mehr bloss in mir, auch nicht lediglich in der Weise der
Darstellung, sondern es findet sich, ebenso wie das Nichtige, in den
dargestellten Objekten. Diese Daseinsweise des Humors erst hat ihr
Gegenstck in der Tragik, und weiterhin in jeder knstlerischen
Darstellung, in der das Bse und das ernste bel in der Welt einen Faktor
des sthetischen Genusses ausmacht.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei diesen drei Daseinsweisen des
Humors. Der Humor, so sagen wir, ist Erhabenheit in der Komik und durch
dieselbe. Bei der humoristischen Weltbetrachtung nun ist zunchst das
Erhabene in mir. Dann freilich ist auch das Komisch-Nichtige in mir, aber
nur sekundrer Weise, nur sofern, wie schon frher gesagt, mein Eingehen
in die Komik zugleich eine Art des Zunichtewerdens meiner selbst in sich
schliesst. Lediglich soweit dies der Fall ist, besteht hier Erhabenheit
in der Komik und demnach Humor.

Damit ist zugleich gesagt, dass dieser Humor in sehr verschiedenen Graden
sich verwirklichen kann. Es fragt sich jedesmal, in welchem Masse ich mir
das eigene Zunichtewerden gefallen lassen kann, und in welchem Masse ich
doch zugleich davor geschtzt bin, thatschlich zu nichte zu werden. Ich
muss, um diesen Humor zu erleben, von meiner Hhe herabsteigen; aber
nicht, um da unten zu bleiben, sondern um von da aus jene Hhe zu
ermessen und erst recht zu erkennen, also in meinen Gedanken,--und darum
handelt es sich ja hier--doch auch wiederum auf der Hhe zu bleiben, und
jetzt erst mit vollem Bewusstsein da zu sein.

Darin liegt dann zugleich das Umgekehrte: Ich bin auf der Hhe nicht
abgeschlossen, wie auf einer einsamen weltabgeschiedenen Hhe. Sondern
ich bin da mit der Mglichkeit, immer wiederum herabzusteigen und mich in
die nichtige Welt zu mischen. Und ich bin immer wiederum im Begriff dies
zu thun. Ich bin auf der Hhe mit der eigentmlichen Geistesfreiheit, die
hieraus sich ergiebt.

Derselbe Humor liegt bei der humoristischen _Darstellung_ in der Weise
der _Darstellung_. Er liegt zugleich in mir, sofern ich die Darstellung
innerlich nachmache und ihren Humor in mir nacherlebe. Auch hier ist das
Komische oder das Zunichtewerden nur sekundrer Weise mit dem
Erhabenen--in der Darstellung und in mir--vereinigt. Sofern ich den
hieraus sich ergebenden Humor in der Darstellung finde, ist derselbe
objektiver Humor; das Gefhl dafr ist eine Weise des objektivierten
Selbstgefhls. Andererseits ist der Humor der Darstellung doch wiederum
kein objektiver: Er ist noch nicht in den dargestellten Objekten.

Darum bezeichne ich den oben sogenannten objektiven Humor speciell mit
diesem Namen. Bei ihm ist der Humor dreifach da: in den Objekten, in der
Weise der Darstellung und in mir. Dies doch nicht im Sinne des
Nebeneinander. Der Humor ist in Wahrheit nur in mir. Aber ich erlebe ihn
in den Objekten und der ihrer Natur entsprechenden Darstellung.


HUMOR DER DARSTELLUNG.

Der Humor der Darstellung ist lyrisch. Das Spezifische der Lyrik ist
dies, dass bei ihr das eigentliche Objekt der Darstellung, das innere
Geschehen, keinen persnlichen Trger hat. Man sagt wohl, Trger dieses
inneren Geschehens sei der Dichter. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem
Dichter diese bekannte oder unbekannte wirkliche Persnlichkeit meint.
Diese Persnlichkeit mag ein hnliches inneres Geschehen thatschlich
einmal erlebt haben. Aber fr das dichterische Erzeugnis kommt nur die
Thatsache in Betracht, dass der Dichter als _Dichter_ den Inhalt der
Dichtung in sich erlebt hat. Er hat ihn erlebt als Dichter, d. h. aber;
er hat ihn erlebt als ideelle Persnlichkeit, nicht als dieser bestimmte
Mensch, sondern als ideeller Reprsentant _des_ Menschen. Sein etwaiges
wirkliches Erleben ist hierfr nur Vorbild.

Als solcher ideeller Reprsentant _des_ Menschen erlebt der Dichter das
lyrisch dargestellte innere Geschehen, _solange_ er es eben erlebt, d. h.
insbesondere im Akte des Dichtens. Genau in derselben Weise aber erleben
wir es, wenn wir die Dichtung hren, lesen, uns derselben erinnern, und
sie geniessen. So oft wir dies thun, treten _wir_ an die Stelle des
Dichters. Wir sind jetzt die Trger jenes inneren Geschehens, wiederum
nicht als diese realen Persnlichkeiten, sondern als ideelle
Reprsentanten des Menschen. Ich sage: des Menschen; in jedem einzelnen
Falle ist dies natrlich nicht der Mensch berhaupt, sondern eine
bestimmte Seite am Menschen oder eine mehr oder minder speciell geartete,
auch durch ussere Umstnde mehr oder minder determinierte Modifikation
"des" Menschen.

Dies meine ich, wenn ich sage, das in der Lyrik dargestellte innere
Geschehen habe keinen persnlichen Trger. Es hat zum Trger nicht eine
Persnlichkeit, die von derjenigen, die das lyrische Produkt in sich
erlebt und geniesst, verschieden wre. Es hat also bald diesen bald jenen
Trger. Zugleich sind alle diese Trger doch wiederum nur Beispiele des
persnlichen Trgers, der so oder so gearteten Modifikation des Menschen
oder des Menschseins.

Darum ist es doch nicht in jedem Sinne zutreffend, wenn man die Lyrik die
"_subjektive_" Dichtungsgattung nennt. Eben dieser unpersnliche Trger
ist nicht nur im Dichter vorhanden, wenn er dichtet, und in uns, wenn wir
das dichterische Erzeugnis uns innerlich zu eigen machen, sondern er ist
zugleich im Kunstwerk, also objektiv da. Als objektiver Vorgang, als
etwas uns Gegebenes tritt uns das dargestellte innere Geschehen entgegen.
Es ist fr uns nicht nur ein subjektives, sondern zugleich ein objektives
persnliches Erleben. Das innere Geschehen wird nicht nur von uns erlebt,
sondern es geschieht zugleich ausser uns, und wird von uns miterlebt.
Oder was dasselbe sagt: Auch hier objektivieren wir unser Erleben, und
uns, sofern wir es erleben; auch hier erleben wir, was wir erleben, in
einem Anderen. Nur nicht in einem bestimmten, vom Dichter uns vor Augen
gestellten Anderen, sondern in einem Anderen, der fr uns--nicht
individuell, sondern der Art nach dieser oder jener ist, soweit ihn das
dargestellte innere Geschehen als diesen oder jenen charakterisiert, d.
h. von anderen _qualitativ_ unterscheidet.--Natrlich rede ich hier von
der _reinen_ Lyrik.

So nun verhlt es sich auch bei der humoristischen Darstellung im hier
vorausgesetzten Sinne dieses Begriffes. Wir erleben den Humor mit oder
nach, aber nicht als Humor in einem dargestellten Individuum, sondern als
berindividuellen Humor oder als Humor im Menschen, nmlich im Menschen,
sofern er eben solchen Humor haben kann und hat.

Dagegen ist der speciell von uns sogenannte objektive Humor, sofern er
knstlerisch verwirklicht ist, episch oder dramatisch. Das heisst: er ist
Humor eines dargestellten Individuums, das je nachdem einer, obzwar auch
nur ideellen Zeit, oder keiner Zeit, d. h. der zeitlosen Gegenwart
angehrt. In jenem Falle wird er von uns im engeren Sinne des Wertes
nacherlebt, in diesem unmittelbar miterlebt.


STUFEN DES HUMORS.

Die zweite Einteilung von Arten des Humors hat mit der soeben vollzogenen
dies gemein, dass auch bei ihr die Beziehung des Erhabenen zum Komischen
den Einteilungsgrund bezeichnet. Nur ist diese Beziehung hier anderer
Art. Die Komik, die einer Person anhaftet, oder in welche dieselbe
verflochten ist, kann einmal harmlos, unschdlich, ohne ernsten Stachel
sein. Wir sind, indem wir das Komische wahrnehmen, unmittelbar damit
vershnt, weil wir uns unmittelbar darber erheben knnen oder
unmittelbar darber erhoben werden. Ohne Konflikt oder Kampf ist die
Erhabenheit zugleich mit der Komik fr uns da.

Ein andermal ist das Komische an sich ein Verletzendes. Das Objekt der
Komik ist nicht Gegenstand des Lchelns oder des harmlos herzlichen
Lachens; sondern es erscheint lcherlich und wird verlacht. Ein
Gegensatz, ein Kampf, ein Konflikt findet statt zwischen ihm und einem
Erhabenen oder der Forderung eines solchen. Eben dieser Konflikt aber
stellt das Erhabene ins Licht. Und zwar nehmen wir hier an, dass das
_Dasein_ des Konfliktes, ohne usserliche Lsung desselben, diese Wirkung
hat.

Die dritte Mglichkeit endlich ist die, dass ein solcher Konflikt nicht
nur besteht, sondern sich lst, d. h. das Lcherliche berwunden, das
Nichtige vernichtet wird oder selbst sich vernichtet, und damit das
Erhabene oder die Forderung desselben, die vorher geleugnet war, zum Sieg
gelangt.

Offenbar ist unter diesen drei Stufen des Humors die erste diejenige, der
nun zunchst den Namen des Humors zugestehen wird. Wir wollen sie als die
des vershnten, oder des konfliktlosen, oder des in sich unentzweiten
Humors bezeichnen.

Die zweite Stufe drfen wir dann bezeichnen als die Stufe des in sich
entzweiten oder des satirischen Humors. Entzweiung, Gegensatz, Konflikt
ist ja das Charakteristische der Satire. Ich verhalte mich zum Komischen
satirisch, indem ich es als zum Erhabenen oder zur Forderung eines
solchen gegenstzlich erkenne, verlache, lachend verurteile. In dieser
Verurteilung tritt die Erhabenheit des Erhabenen, sein hheres Recht,
seine berlegenheit ans Licht. Dieser Humor kann scharf, bitter, ja
verzweifelt sein. Er bleibt doch Humor, so lange er das Komische nicht
einfach als nichtseinsollend abweist, sondern, wie es in der Natur der
Satire liegt, lachend in dasselbe eingeht, also daran teil nimmt.

Was endlich die dritte der oben bezeichneten Stufen des Humors betrifft,
so ist dabei dies zu bedenken: Das Nichtige, so sagte ich, tritt hier zum
Erhabenen in Gegensatz und wird vernichtet. Das Erhabene erringt den
Sieg. Aber dies muss, wenn hier wirklich eine Stufe, des Humors gegeben
sein soll, in "humoristischer" Weise geschehen. Und dies schliesst in
sich, dass dem Nichtigen das Erhabene nicht als ein durchaus Fremdes
entgegentritt. Das Erhabene darf nicht einfach von aussen her dem
Nichtigen entgegentreten und es beseitigen oder seinen Geltungs- oder
Herrschaftsanspruch aufheben. Sondern das Nichtige muss dazu, als
solches, eine Handhabe bieten. Es muss in gewisser Weise sich selbst
vernichten und dem Erhabenen zum Siege verhelfen. Es muss in solcher
Weise das Erhabene in sich selbst tragen. Oder umgekehrt, das Erhabene
muss in das Nichtige eingehen, und indem es dies thut, also in gewisser
Weise als Nichtiges, seine Erhabenheit zum Sieg bringen. Auch hier
erscheint dieser Sieg unter dem Gesichtspunkt einer Selbstvernichtung des
Nichtigen.

Nun war uns, wie man sich erinnert, die "_Ironie_" die Komik der
Selbstvernichtung. Sie war das Zergehen eines Erhabenheitsanspruches
durch diesen Anspruch selbst, oder durch die Weise, wie er erhoben wird,
durch die Festhaltung desselben, oder die aus ihm folgenden Konsequenzen.
Ironie des Schicksals ist die objektive Komik, die darin besteht, dass
das selbstgewiss auftretende Wollen sich selbst ad absurdum fhrt, oder
gerade durch das, was seiner Verwirklichung zu dienen schien, oder zu
dienen bestimmt war, ad absurdum gefhrt wird. Witzige Ironie ist die
Vernichtung des scheinbar Sinnvollen oder auf Sinn Anspruch Erhebenden
durch die Art wie der Anspruch erhoben wird, oder auf Grund der aus ihm
sich ergebenden Konsequenzen.

Demgemss haben wir ein Recht, diese dritte Stufe des Humors als die des
"_ironischen Humors_" zu bezeichnen. Will man diesen Namen vermeiden, so
nenne man ihn wiedervershnten Humor, entsprechend dem von Hause aus
vershnten und dem entzweiten Humor.


UNTERARTEN DES HUMORS.

Die beiden im Vorstehenden unterschiedenen Einteilungen von Arten des
Humors kreuzen sich. Und daraus ergeben sich dreimal drei Arten.

Ich erhebe mich das eine Mal ber das Zunichtewerden dieser oder jener
Erwartungen und Forderungen in der Welt, weil ich den Humor dazu besitze,
d. h. weil mein _Glaube_ an das Seinsollende, meine Empfnglichkeit fr
das Gute, meine Freude am Schnen stark genug ist, um durch jenes
Zunichtewerden nicht angetastet zu werden. Mag sich die Welt auch
nrrisch gebrden, und auch an meiner Person oder meinem Geschick das
Nrrische nicht fehlen, so bleibe ich doch meiner selbst und der Welt, in
dem, was den Kern oder das Wesentliche an beiden ausmacht, gewiss.
Vielmehr, indem ich diese Selbstgewissheit oder diese Erhabenheit meiner
Betrachtung oder Stimmung dem Nrrischen entgegensetze und sie ihm zum
Trotz behaupte, tritt diese Selbstgewissheit erst in ihrer Strke hervor,
oder zeigt sich in der Macht, die sie in mir besitzt.

Offenbar gewinnt dieser "subjektive" Humor oder dieser Humor meiner
Weltbetrachtung eine andere und andere Bedeutung, je nachdem die
Betrachtung lediglich vom Standpunkte meiner individuellen Neigungen,
Wnsche, Anschauungen, Stimmungen, oder von einem objektiven, d. h.
allgemein menschlichen Standpunkt aus geschieht. Sie hat im letzteren
Falle, obgleich ihrem Wesen nach subjektiv, doch objektive Geltung oder
objektiven Wert. Die fragliche Weise der Weltbetrachtung gewinnt in
anderer Richtung einen verschiedenen Charakter, je nachdem der Gegensatz
des Erhabenen und Nichtigen, um den es sich dabei handelt, dem Gebiet der
verstandesgemssen Erkenntnis oder dem Gebiet eudmonistischer
Zweckmssigkeit, oder endlich dem eigentlich sittlichen Gebiete angehrt.

Der Weltbetrachtung des vershnten oder unentzweiten Humors steht
gegenber die Weltbetrachtung des entzweiten Humors oder die satirische
Weltbetrachtung. Nicht immer ist die Negation des Seinsollenden harmlos.
Oft genug sehen wir das Nichtige, das _wesentlichen_ Forderungen der
"Idee" widerstreitet, in Macht und Geltung, Unvernunft, Zweckwidrigkeit,
sittliche Verkehrtheit herrschen in der Welt. Sie gebrden sich und
drfen sich gebrden als wahre Vernunft, als echte Zweckmigkeit, als
hohe Moral. Der Wahnwitz wird heilig gesprochen. Der gebildete und der
ungebildete Pbel fllt anbetend nieder vor der aufgeblasenen und
aufgeputzten Possenreisserei. Halte ich dem gegenber--noch nicht den
Glauben an den endlichen Sieg der Idee, aber das Bewusstsein der
Erhabenheit und Wrde ihres Wesens fest, gewinne ich es zugleich ber
mich, jenes Nichtige, weil ich seine Nichtigkeit und Hohheit
durchschaue--nicht nur zu verurteilen, sondern zu verlachen, und in mir
selbst oder in meinem Bewusstsein lachend zu vernichten, so verhalte ich
mich in meiner Weltbetrachtung satirisch. Ich verspre zunchst das
Nichtige als Nichtiges, ich erlebe es, dass mit der Verneinung des
Sittlichen, die ich in der Welt vorfinde, zugleich meine sittlichen
Forderungen zunichte werden. Zugleich aber gewinnt mein sittliches
Bewusstsein, indem es gegen seine Verneinung sich "erhebt", seine volle
Grsse und Hhe. In dieser "Erhebung" besteht hier das Positive des
Humors oder das siegreiche Auftauchen des Erhabenen aus dem komischen
Prozess. Auch hier wiederum knnen die soeben, bei der vershnt
humoristischen Weltbetrachtung, angedeuteten Unterschiede gemacht werden.

Endlich erscheint der in dieser satirischen Weltbetrachtung liegende
Gegensatz wiederum aufgehoben, der Humor wird im einem wiederum in sich
vershnten Humor, wenn und soweit ich mich zu der berzeugung
hindurchzuarbeiten vermag, dass das Nichtige, so sehr es in Geltung sein
mag, doch schliesslich auch usserlich oder objektiv in seiner
Nichtigkeit offenbar werde, dass das Nichtige, wenn es sich auswirke,
nicht umhin knne, sich aufzuheben oder seine Macht zu verlieren, und
damit der Idee zum Siege zu verhelfen. Diese im tiefsten und hchsten
Sinne humoristische Weltbetrachtung bezeichnen wir als ironische
Weltbetrachtung oder als Weltbetrachtung des ironischen Humors. Ich
brauche nicht zu sagen, dass dieser ironische Humor mit der "Ironie" der
romantischen Schule nicht etwa eine und dieselbe Sache ist.

Die gleichen drei Mglichkeiten, wie bei der humoristischen
Weltbetrachtung, bestehen rcksichtlich des Humors der Darstellung. Die
Darstellung ist harmlos humoristisch, oder wenn man will humoristisch im
engeren Sinn, d. h. nie stellt das Kleine, die Schwchen an Menschen und
das Komische ihres Schicksals dar; zugleich tritt aus der Darstellung der
Glaube an das von der Komik umspielte Hhere, Sittliche, Erhabene
vershnend und erhebend heraus. Sie ist andererseits satirische
Darstellung des anmasslichen und in Geltung stehenden Nichtigen und
Verkehrten, eine Darstellung, die diesem Anmasslichen die Maske vom
Gesicht reisst, den Schein, dass es ein Recht habe, in Ansehen und
Geltung zu stehen, zerstrt, es dem Verlachen preisgiebt, aber eben
dadurch die Wrde und einzige Hoheit der "Idee"' vor Augen stellt.

Offenbar ist hiermit dasjenige bezeichnet, was man gemeinhin oder
vorzugsweise mit dem Namen der Satire zu belegen pflegt.

Die humoristische Darstellung ist endlich ironische Darstellung des die
Idee Negierenden, das heisst eine Darstellung, die nicht nur _gegen_ das
Nichtseinsollende sich "erhebt", sondern zugleich in demselben den Keim
der Selbstvernichtung erblickt, und im Glauben, dass schliesslich alles
zum Guten dienen msse, das Dasein desselben heiter ber sich ergehen
lsst.


DIE HUMORISTISCHE DARSTELLUNG UND DER WITZ.

Hier ist der Punkt, wo auf die sthetische Bedeutung, die der Witz zu
gewinnen vermag, oder auf die Bedeutung des Witzes als eines Elementes
des Humors, speciell hingewiesen werden kann.

Der Witz an und fr sich, als dies reine Vorstellungsspiel, kann
ebensowenig wie die objektive Komik auf sthetischen Wert Anspruch
erheben. Auch er kann einem sthetisch Wertvollen nur _dienen_. Er ist
aber als _logisches_ Spiel, zu dem jede sachliche und persnliche
Beziehung nur als ein ihm Fremdes hinzukommt, auch davon noch um einen
Schritt weiter entfernt als das objektiv Komische.

Der Witz nhert sich jener Aufgabe zunchst, insoweit bei ihm
_Wahrheiten_ aus dem komischen Prozess auftauchen und sich behaupten.
Aber er nhert sich ihr damit auch nur. Das sthetisch Wertvolle, oder
das "Schne", ist nicht das Wahre, so gewiss Wahrheit Bedingung der
Schnheit ist. Auch "_ergetzliche_ Belehrung" ist keine sthetische
Leistung.

sthetischer Wert ist Wert von Objekten, von Gegenstnden der Anschauung
oder der Phantasie. Es ergiebt sich daraus, dass der Witz sthetische
Bedeutung besitzen kann, nur sofern er solche Objekte, also Dinge,
Menschen, ein Geschehen an Dingen oder Menschen, in die komische
Vorstellungsbewegung, in welcher er psychologisch betrachtet besteht,
hineinzieht. Insoweit aber dies der Fall ist, ist der Witz nicht mehr
blosser Witz, sondern trgt ein Moment der objektiven Komik in sich. Als
Mittel zur Erzeugung der objektiven Komik also kann der Witz allein
sthetische Bedeutung gewinnen.

In die komische Vorstellungsbewegung des Witzes wird nun zunchst
dasjenige hineingezogen, auf dessen Kosten der Witz gemacht wird. Dies
"Objekt" des Witzes wird durch den Witz in komische Beleuchtung gerckt,
also als komisch oder in seiner Komik _dargestellt_. Der Witz, sofern er
objektive Komik erzeugt, ist demnach eine Weise der komischen
Darstellung. Diese wird zur humoristischen Darstellung, wenn
sie--humoristisch ist Und dies kann sie sein in der soeben bezeichneten
dreifachen Art:

Der Witz deckt _harmlos_ witzig, oder im engeren Sinne humoristisch,
Schden und Schwchen auf, greift die Wirklichkeit, selbst die erhabenste
an, wo immer sie ihm einen Angriffspunkt bietet, und verrt dabei seinen
Glauben an die unmittelbare Gegenwart und Macht der "Idee". Er geisselt
_satirisch_, mit schneidendem Witze, das Nichtseinsollende, das sich
blht, und zeigt darin die Festigkeit seines vernnftigen und sittlichen
Bewusstseins. Er wird endlich zur witzig _ironischen_ Darstellung, aus
der der Glaube an den schliesslichen Sieg des Seinsollenden oder der Idee
hindurchleuchtet.

Sowenig, wie bereits zugestanden, die im XIII. Kapitel gegebene
Einteilung der Arten des Witzes vom sthetischen Gesichtspunkte
beherrscht war, so wollte ich doch in ihr auf die soeben bezeichnete
dreifache Mglichkeit der sthetischen Verwertung des Witzes schon in
gewisser Weise vorbereiten. Ich wollte dies durch die Art, wie ich von
dem bloss scherzenden Witze den charakterisierenden und andererseits den
ironischen Witz unterschied.

Nicht als knnte diese Unterscheidung mit jener Unterscheidung des
harmlosen, satirischen, und ironischen Humors einfach zusammentreffen.
Der charakterisierende Witz kann ja auch Schwchen _harmlos_
charakterisieren; er dient andererseits der Charakterisierung des
Wertvollen sogut wie der des Nichtigen. Der ironische Witz kann dem
harmlos Bescheidenen, das selbst keinen Anspruch erhebt, spielend einen
Anspruch leihen, um diesen Anspruch wieder in sein Gegenteil umschlagen
zu lassen, und auch er kann andererseits am Wertvollen sich vergreifen.

Immerhin fehlt eine Beziehung zwischen beiden Unterscheidungen nicht.
Der bloss scherzende Witz, der nur, was ihm eben vorkommt, in seine
willkrliche Beleuchtung rckt, ohne den Anspruch zu machen, es in
seinem eigentlichen Wesen zu treffen oder in seinem wahren Lichte
erscheinen zu lassen, kann auch nicht den Anspruch erheben, das
_Nichtseinsollende_ in seinem wahren Wesen blosszustellen oder in
sein Nichts zrckzuschleudern. Ihm bleibt nichts als das harmlose
_Spiel_ mit Personen und Objekten, und die das Wesen der Objekte
nicht berhrende Komik, der sie damit verfallen.

Dagegen liegt es in der Natur den charakterisierenden Witzes, auch das
Wesen des thatschlich Nichtigen oder der Idee Widrigen, das sich erhaben
geberdet, zu beleuchten.

Ebenso wird der ironische Witz, der zunchst nichts ist, als die in ihr
Gegenteil umschlagende Bezeichnung oder Aussage, im ironischen Humor, der
den Anspruch des Nichtseinsollenden in sein Gegenteil umschlagen lsst,
eine wichtige, ber den Witz hinausgehende Aufgabe haben. Er wird diese
Aufgabe erfllen, beispielsweise immer dann, wenn die in ihr Gegenteil
umschlagende Bezeichnung oder Aussage einen solchen Anspruch des
Nichtseinsollenden zum Inhalte hat.




XVIII. KAPITEL. DER OBJEKTIVE HUMOR.


UNENTZWEITER HUMOR.

Dieselben drei Mglichkeiten oder Stufen, wie wir sie beim Humor der
Weltbetrachtung und beim Humor der Darstellung unterschieden haben,
bestehen endlich auch beim objektiven Humor. Darauf haben wir noch etwas
nher einzugehen.

Nach dem oben Gesagten unterscheiden wir einen harmlosen, in sich
unmittelbar vershnten, unentzweiten, im engeren Sinne "humoristischen"
objektiven Humor; andererseits einen in sich entzweiten oder satirischen;
endlich einen wiedervershnten oder ironischen objektiven Humor.

Der objektive Humor gewinnt ein mannigfaltigeres Ansehen, wenn wir mit
dieser Dreiteilung hier sogleich den Gegensatz der Situations- oder
Schicksalskomik und der Charakterkomik verbinden, den wir oben bei
Betrachtung der objektiven Komik feststellten, dann aber einstweilen
ausser Acht liessen. Indem ich die hieraus sich ergebenden Arten des
Humors bezeichne, setze ich gleich voraus, dass der Humor in Form des
Kunstwerkes uns entgegentrete. Dabei nehme ich mir die Freiheit, den
Namen "Komdie" zu verallgemeinern, und nicht nur das zunchst so
benannte dramatische Kunstwerk damit zu bezeichnen, in dem die Komik die
hchste knstlerische Verwertung findet, sondern jedes Kunstwerk, in dem
und soweit in ihm ein dargestelltes Komisches Trger des Schnen oder
Vermittler des sthetischen Wertes ist.

Die "Komdie" in diesem Sinne ist erstlich harmlose oder im engeren Sinne
"_humoristische_" _Schicksalskomdie_. Der Mensch erfhrt die Tcke des
Schicksals, sei es in Gestalt des blinden Zufalls, sei es in Gestalt des
neckenden oder feindlichen Thuns anderer, und wird objektiv komisch, er
erhebt sich aber darber, als ber etwas, das ihm und seinen wesentlichen
Zwecken nichts anhaben kann.--Ihr steht entgegen die harmlose
_Charakterkomdie_, das heisst dasjenige Kunstwerk, in dem in der
Schwche, Beschrnktheit, Verkehrtheit des Individuums und durch dieselbe
das relativ Gute, Vernnftige, Gesunde, kurz das positiv Menschliche sich
offenbart.

Diese Art der Schicksals- und Charakterkomdie verwirklicht sich in der
epischen Poesie, und soweit jener Gegensatz des Individuums und seiner
Komik in einer einzigen Situation darstellbar ist, schon in der bildenden
Kunst. Dass sie dagegen in Gestalt des dramatischen Kunstwerkes auftrete,
daran hindert der ihr eigentmliche Mangel des dramatischen Konflikts und
der dramatischen Entwicklung. Mag im komischen Drama der Konflikt gelst
werden, oder zur Unlsbarkeit sich zuspitzen, in jedem Falle besteht ein
Konflikt, und in jedem Falle wird--nicht der Konflikt, aber das Komische
oder Nichtige, irgendwie berwunden, nmlich objektiv thatschlich im
Falle der Lsung, nur innerlich im Falle der Unlsbarkeit des Konfliktes.
Wo aber die Person ber die Tcke des Schicksals sich im oben
vorausgesetzten Sinne unmittelbar "erhebt", ich meine in dem Sinne, dass
sie trotz alles Strauchelns und Fallens doch ihrer selbst und ihrer guten
Zwecke sicher bleibt, da ist der Gegensatz zwischen ihr und dem Schicksal
fr sie selbst von vornherein aufgehoben. Und damit ist Beides
ausgeschlossen, sowohl dass sie das Schicksal bekmpfe und usserlich
darber triumphiere, als auch dass sie dem bermchtigen und sie
usserlich vernichtenden Schicksal die Wrde ihrer Persnlichkeit
entgegenstelle und es so innerlich berwinde. Ebenso ist bei der
komischen Person, ber deren verkehrtes Gebahren wir uns um des
dahinterliegenden Guten willen "erheben", so dass es uns nicht hindert,
den Wert der Person zu erkennen und anzuerkennen, der Gegensatz zwischen
dem Guten und der Verkehrtheit _fr uns_ von vornherein berwunden. Wir
knnen darum nicht fordern, dass eine solche berwindung noch besonders
sich _vollziehe_. Das heisst: wir knnen weder fordern, dass das
Verkehrte in der Person thatschlich negiert, beseitigt, weggeschafft
werde, noch dass die bleibende Verkehrtheit in ihr Nichts
zurckgeschleudert und dadurch ein von ihr _negiertes_ Erhobene in seiner
Wrde uns erst zum Bewusstsein gebracht werde.

In mancherlei Graden kann dieser harmlose Humor im Kunstwerk verwirklicht
sein. Vor allem kommt hier jener Unterschied des unbewuten und bewussten
Humors zu seinem Rechte, der bereits von uns betont wurde. In erster
Linie war damals gedacht an den Humor des komischen _Charakters_.
Derselbe Gegensatz besteht aber auch beim Humor des komischen Schicksals.
Wir begegnen der untersten Stufe des objektiven Humors der einen und der
anderen Art im Humor des naiven Kindergemtes, das weder der
Unzulnglichkeit oder Verkehrtheit seines Wollens, noch der Komik des
Schicksals, die es straucheln und fallen lsst, sich bewusst ist. Wir
begegnen beiden Arten des Humors in ihrer hchsten Steigerung bei der
vollbewussten Persnlichkeit, die in ihrem erhabenen Wollen nicht nur die
komische Situation deutlich erkennt, in welche, sie der natrliche Lauf
der Dinge geraten lsst, sondern auch die eigene Unvollkommenheit klar
durchschaut, darum aber doch weder am Weltverlauf noch an sich selbst
irre wird.

Ohne Zweifel wrde es zur vollkommenen Persnlichkeit gehren, dass sie
das komische Geschick jederzeit vorausshe und abzuwenden wsste. Darnach
muss vom erhabensten Standpunkte aus jede Schicksalskomik zugleich als
Charakterkomik erscheinen. Aber auch fr den niedrigeren, menschlichen
Standpunkt knnen die beiden Arten der Komik nicht nur in einer Person
sich vereinigen, sondern sie werden sich jederzeit irgendwie, bald in
hherem bald in geringerem Grade, wechelseitig bedingen. Es ist also auch
die Scheidung zwischen Schicksals- und Charakterkomdie nur eine in
Gedanken rein vollziehbare; whrend in der Wirklichkeit der Kunst die
beiden in mannigfacher Weise sich verbinden. Je mehr die Charakterkomdie
ber die Einfachheit eines Bildes hinausgeht oder aus der Stille eines
bescheidenen Daseins in den Strom des Lebens tritt, um so weniger werden
dem Helden, um seiner eigenen Komik willen, komische Situationen erspart
bleiben knnen. Umgekehrt wird die Schicksalskomdie, je weniger sie sich
auf der Oberflche des blinden Zufalls hlt, um so mehr im Charakter des
Helden einen schwachen Punkt statuieren mssen, aus dem das komische
Schicksal begreiflich erscheint. Das Leben des anspruchslosen
Schulmeisterleins Wuz von Auenthal kann so "still und meergrn"
verlaufen, wie es verluft. Schon Onkel Brsig dagegen greift soweit in
das Geschick Anderer ein, dass er es sich gefallen lassen muss, durch
sein gutmtiges Ungeschick in allerlei Ungemach zu geraten; und dass er
darein gert, ist uns wiederum nur aus seiner komischen Natur
verstndlich.


SATIRISCHER HUMOR.

Was hier ber das Zusammentreffen und Zusammenwirken von Schicksals- und
Charakterskomdie gesagt wurde, gilt nun ebensowohl auch fr die anderen
Gattungen der Komdie, d. h. fr die des ungelsten und die des gelsten
Konfliktes, die ich nach Obigem auch als satirische und ironische Komdie
oder als Komdie des entzweiten und des wiedervershnten Humors
bezeichnen kann. Mit beiden stehen wir auf dramatischem Boden, ohne dass
doch die epische Gestaltung ausgeschlossen wre.

Wenn ich hier von einem Konflikte spreche, so meine ich nicht
irgendwelchen Konflikt, sondern denjenigen zwischen dem Nichtigen, der
Thorheit, dem Lcherlichen in irgend einer Sphre einerseits, und dem
Erhabenen, der Vernunft, dem Seinsollenden andererseits. Und der Konflikt
ist ungelst, dies heisst, dieser Gegensatz bleibt bestehen; das
Lcherliche, sei es nun ein Lcherliches an einer Person, oder das
Lcherliche einer Situation, oder beides zugleich, hrt nicht auf zu
existieren. Es wird nicht thatschlich aus der Welt geschafft, macht
nicht einem Erhabenen Platz, schlgt nicht in ein solches um. Es wird
freilich berwunden, aber nur innerlich, d. h. im Bewusstsein. Diese
berwindung kann nur darin bestehen, dass sein Anspruch als ein Erhabenes
oder Seinsollendes betrachtet zu werden, als ein Zurechtbestehendes,
berlegenes, Vornehmes, Grosses zu gelten, oder auch sein Anspruch ein
Mchtiges zu sein, zu nichte wird.

Dies Zunichtewerden muss nun irgendwie sich vollziehen. Es muss im
humoristischen Kunstwerke etwas geben, dass solchen Anspruch aufhebt.
Dies erscheint dann als Trger des Seinsollenden oder der "Idee"; und
zwar als Trger der siegreichen Idee. Auch dieser Sieg ist beim
objektiven satirischen Humor oder in der satirischen "Komdie" nicht ein
thatschlicher, sondern ein solcher im Bewusstsein.

Hier erhebt sich nun die Frage: In wessen Bewusstsein? Die Antwort
lautet: In jedem Falle in dem unsrigen. Vielleicht aber auch im
Bewusstsein dargestellter Personen.

Und dazu tritt die andere Frage: Wo findet sich die Idee, oder was ist
der Trger derselben? Auch darauf sind verschiedene Antworten mglich.

Das Nichtige, Unvernnftige, Lcherliche, aber mit Anmassung, d. h. mit
Anspruch auf Wrde Auftretende kann zunchst sich in seiner Nichtigkeit
offenbaren im natrlichen Verlauf der Dinge, im einfachen sich Auswirken,
in irgend einem Konflikt mit den Umstnden. Dabei nehmen wir an, der
Trger des Lcherlichen sei sich seiner Lcherlichkeit nicht bewusst. Er
verlacht, so setzen wir voraus, nicht sich selbst, sondern geht frhlich
seinen Weg. Er erreicht sein Ziel, behlt also usserlich betrachtet
Recht. Er steigt nur eben notgedrungen von seiner angemassten Hhe herab,
muss sich ohne Maske zeigen, muss mit dem von ihm Verachteten, dass seine
Nichtigkeit und vielleicht Nichtswrdigkeit offen zur Schau trgt, sich
auf eine Linie stellen, mit ihm paktieren, ihm den "brderlichen
Vershnungskuss" reichen.

Dass dies geschieht, ist das Verdienst jenes natrlichen Verlaufs der
Dinge. Der Zusammenhang des Geschehens, die innere Logik desselben, die
in ihm waltende sittliche Notwendigkeit will es so. Mit diesem
Zusammenhang, dieser Logik, dieser sittlichen Notwendigkeit
sympathisieren wir. Sie erscheint als das Erhabene. In dem hieraus
entspringenden Gefhl sind wir vershnt.

Man kann dies Vershntsein als Schadenfreude bezeichnen. Aber es ist
Schadenfreude besonderer Art, nmlich sittliche Schadenfreude. Jede
Schadenfreude ist--nicht Freude am Schaden Anderer als solchem, sondern
Freude an der Aufhebung eines auf der eigenen Persnlichkeit liegenden
Druckes, Freude am einer Befreiung und damit Steigerung des
Selbstbewusstseins. Und sittliche Schadenfreude ist Freude an einer
Befreiung und damit einer Steigerung des sittlichen Selbstbewusstseins.

Solche Schadenfreude oder solche sittliche Befreiung kommt in uns auch zu
stande angesichts der satirischen Darstellung, von der ich oben sagte,
dass ihr wohl zunchst der Name der Satire zukomme. Davon unterscheidet
sich die satirische "Komdie", von der wir hier reden, dadurch, dass bei
ihr das Befreiende nicht nur in der Darstellung, sondern objektiv als
Gegenstand der Darstellung uns entgegentritt. Die Befreiung besteht im
Miterleben der durch den Zusammenhang des Geschehens bewirkten
Vernichtung des Erhabenheitsanspruches des Nichtigen.

Dieser Zusammenhang des Geschehens ist hier der eigentliche Held, oder
tritt an die Stelle desselben. Wo wir eine _Person_ in einem poetischen
Kunstwerk als Helden bezeichnen, meinen wir damit die Person, auf welche
schliesslich der ganze mannigfache Inhalt des Kunstwerkes sich bezieht,
nicht irgendwie usserlich, sondern sthetisch, d. h. in der Art, dass
unser sthetisches Interesse an diesem Inhalt in dem Interesse am Helden
mndet oder zur Einheit sich zusammenfasst. Dies Interesse ist aber
positives Miterleben, d. h. ein solches, in welchem wir eine eigene
Lebenssteigerung erfahren. Wir knnen also auch sagen: Der "Held"
bezeichnet den Punkt, in dem dasjenige, was wir angesichts des ganzen
Kunstwerkes miterleben sollen, oder was uns durch das ganze Kunstwerk
Positives gegeben werden soll, in Eines sich zusammenfasst.

Dieser Punkt nun ist in unserem Falle bezeichnet durch den Zusammenhang
des Geschehens. Er ist also der "Held". Oder: die "Idee" ist der Held,
sofern sie in diesem Zusammenhang sich als bermchtg ausweist, nmlich
bermchtig ber den Erhabenheitsanspruch des Nichtigen. Dagegen knnen
die Trger des Nichtigen nicht Helden sein. Ihnen fehlt das Positive. Es
wird darum auch kein Einzelner in einem solchen Kunstwerk alles
beherrschend heraustreten. Was uns entgegentritt, wird eine Gruppe von
Menschen sein, eine Gesellschaftsklasse, Vertreter eines Standes oder
mehrerer Stnde.

Damit ist zugleich gesagt, dass der _Humor_ der Sache hier--nicht in den
Entlarvten oder ihres Erhabenheitsanspruches Beraubten, sondern in diesem
Zusammenhang des Geschehens, oder dieser "Idee" seinen Trger hat. Der
Humor liegt in der aus der Verschleierung oder versuchten Vernichtung
emportauchenden Wahrheit. Dieser Humor ist nicht Schicksalshumor und
nicht Charakterhumor, oder er ist beides. Der Gegensatz zwischen beiden
kann eben hier, weil der Held nicht persnlich ist, noch nicht
hervortreten. Der Zusammenhang des Geschehens ist komisch. Und sofern die
Idee, das Seinsollende, die Wahrheit, nur in diesem Geschehen, oder in
Gestalt desselben fr uns gegenwrtig ist, erscheint auch sie mit der
Komik _behaftet_. Andererseits ist doch jener Zusammenhang ein
Zusammenhang des _Geschehens_; die Komik ist also Schicksal; die komische
Verschleierung oder versuchte Vernichtung _widerfhrt_ der Idee.

Ist die Idee oder das Positive bei dieser satirischen Komdie nicht
persnlich, so ist es doch quasi-persnlich. Wir beleben, beseelen, also
personifizieren schliesslich auch einen solchen abstrakten Zusammenhang
des Geschehens. Wir reden von treibenden Krften, die in einem solchem
Zusammenhang wirken. Solche "Krfte" sind, wie alle "Krfte",
Persnlichkeitsanaloga.

Immerhin steht ein derart abstrakter Zusammenhang uns persnlich umso
ferner und ist unserem Mitleben umso weniger unmittelbar zugnglich, je
abstrakter er ist. Er wird aber in der That so abstrakt, wie wir ihn
bisher gedacht haben, niemals bleiben.

Verschiedene Mglichkeiten bestehen zunchst, wie konkret Persnliches in
ihn eingehen kann. Immer wird es in dieser satirischen Komdie geschehen,
dass Lcherliches und Lcherliches _wechselseitig_ sich blosstellt, noch
nicht mit Bewusstsein von der Lcherlichkeit oder Jmmerlichkeit des
Blossgestellten, sondern nur einfach thatschlich. Es ist dann die Macht
der Wahrheit in dem Lcherlichen selbst wirksam. Dass diese Wirksamkeit
unbewusst, ja gegen den Willen des Lcherlichen geschieht, mindert nicht,
sondern steigert den Eindruck dieser Macht.

Es knnen aber auch die Trger des Lcherlichen mehr oder minder bewusst
einer dem anderen das Recht auf Erhabenheit streitig machen, und einer
den anderen in seiner Nacktheit zeigen. Ebenso knnen andererseits
diejenigen, denen dies widerfhrt, von ihrer Nacktheit ein mehr oder
minder deutliches Bewusstsein haben. Vielleicht auch ist unter den
Verkehrten ein Cyniker, der das Kind beim rechten Namen nennt und damit
der sich vornehm dnkenden Niedrigkeit ihren Spiegel vorhlt. In allen
solchen Fllen ist es von Wichtigkeit, dass der _selbst_ in die
Verkehrtheit _Verstrickte_ die Verkehrtheit in ihr Nichts verweist oder
zurckschleudert. Es zeigt sich darin die Macht der Wahrheit doppelt
deutlich. Der Cyniker, der die Wahrheit eingestellt, thut der Wahrheit
einen grsseren Dienst, als der Tugendhafte, der sie verkndigt, oder gar
der Moralist, der sie predigt. Hier ist die Wahrheit einfach da. Dort
siegt sie ber das Schlechte, dessen natrlicher Schutz die _Lge_ ist.

Andererseits kann zu denjenigen, um deren Verkehrtheit eigentlich es sich
handelt, eine Gestalt _hinzutreten_, die irgendwie in positiver Weise die
Idee, und damit den Standpunkt des Beschauers vertritt. Mit ihr ist ein
Zuwachs des Humors gegeben, schon wenn sie lediglich lachend und
verlachend in die Komik eingeht oder sich _einlsst_. Einen weiteren
Zuwachs erfhrt die Komik, wenn diese Gestalt gleichfalls in ihrem
_Wesen_ komisch und schliesslich lcherlich ist, aber eben in ihrem
komischen Gebaren oder in ihrer lcherlichen Erscheinung das Bewusstsein
von jener Verkehrtheit erst recht machtvoll zu Tage tritt.

Ein Verkommener etwa, ein mauvais sujet, sagt den Heuchlern derbe
Wahrheiten; und wir verspren die Wirkung viel eindrucksvoller, als wenn
sie aus anderem Munde kme. Vielleicht hat er das Recht der Wahrheiten an
seinem eigenen Leibe erfahren. Ehe er so verachtet war, wie er es jetzt
ist, war er so verchtlich, wie diejenigen sind, die ihn jetzt verachten.
Oder eine niedrige Gesinnung von der Art, die hier vor ihm sich brstet,
und als edel oder menschenfreundlich sich ausgiebt, hat ihn zu dem
gemacht, was er jetzt ist. Er wird von den Heuchlern ausgestossen. Aber
sie sind die Gerichteten.

Oder ein komischer Polterer, aber gesund und ehrlich, nicht ohne
moralische Grsse, vertritt seinen Standpunkt gegenber dem Unwahren,
Verschrobenen oder innerlich Verrotteten. Die sich erhaben Dnkenden
gehen aber ber ihn hinweg. Er ist in ihren Augen ein Narr. Um so mehr
bt seine Gesundheit und Ehrlichkeit ihre herzerfreuende Wirkung.

Hierbei ist nicht vorausgesetzt, dass solche Gestalten Helden seien. Sie
knnen Nebenpersonen sein, die auftreten und wieder verschwinden. Dann
bleibt der "Held" noch immer der Zusammenhang des Geschehens, nur dass
zugleich die in diesem Zusammenhang waltende Idee in solchen Gestalten
verdichtet, uns anschaulich gemacht und dadurch nher gerckt ist. Sie
sind noch nicht _die_ Trger, aber sie sind doch Trger der Idee, das
heisst des Positiven, das uns nahe gebracht werden soll.

Von da geht die "Verdichtung" der Idee weiter. Zugleich scheidet sich
schrfer und schrfer der Humor der Schicksals- und der Humor der
Charakterkomik. Eine Persnlichkeit wird nicht nur verlacht, sondern sie
ist der eigentliche Gegenstand des Lachens. Sie ist es um des
Vernnftigen oder Guten willen, das in ihr ist, das aber in eine
verschrobene oder heuchlerische Umgebung nicht hineinpasst. Sie hlt dem
Lachen stand und bethtigt damit die Sicherheit ihres vernnftigen oder
sittlichen Bewusstseins. Dies ist satirischer Schicksalshumor. Das
Kunstwerk, das uns dergleichen zeigt, ist satirische Schicksalskomdie.
In ihr ist jener Verlachte der Held. Ein Beispiel ist _Molire_'s
"Menschenfeind", dessen Titelheld uns in seiner eigensinnigen Ehrlichkeit
um so lieber wird, jemehr alle ihn verspotten und im Stiche lassen. Dass
zugleich auch sein Wesen nicht von Komik frei ist, macht uns dies
Schicksal begreiflicher und lsst es uns milder erscheinen.

Diesem ausgeprgten satirischen Schicksalshumor steht entgegen der
satirische Charakterhumor, bei welchem in der verkehrten Persnlichkeit
selbst der Gegensatz des Erhabenen und des Nrrischen zu einem usserlich
ungelsten Konflikte sich zuspitzt. Das verkehrte Wollen zeigt sich
machtlos. Die Persnlichkeit erlebt es an sich selbst, dass die Vernunft
oder das Gute dem verkehrten Wollen berlegen ist. Sie giebt, wenn auch
widerwillig der Vernunft oder dem Guten Recht. Der Konflikt ist ungelst,
sofern wir hier voraussetzen, dass der Verkehrte nicht etwa vernnftig
wird. Es wird ihm nur eben die Unvernunft seines Gebarens zum Bewusstsein
gebracht. Er steht beschmt. So steht _Mephisto_ "beschmt", indem er
"gestehen muss", der "dunkle Drang" im Menschen sei mchtiger als er. Er
hhnt ber sich und seine Mitteufel, weil die Liebe sich ihnen berlegen
erwiesen hat. Darin liegt solcher satirischer Charakterhumor.

Was _Mephisto_ dazu bringt, die Nichtigkeit seines verkehrten Wollens zu
erkennen, ist das komische Scheitern seiner Plne, also die Komik seines
Schicksals. So wird berhaupt dieser satirische Charakterhumor oder
dieser Humor "des in sich komisch entzweiten Charakters" berall durch
die Komik des Schicksals, die ihrerseits durch die Verkehrtheit des
Charakters bedingt ist, vermittelt sein.

Nicht nur die Schicksalskomik, sondern der Humor des dem komischen
Geschick sich entgegenstellenden und standhaltenden Charakters, verbindet
sich mit solchem Charakterhumor bei _Hamlet_, _Lear_ u. a. Auch _Lear_
ist beschmt in der Erkenntnis der Thorheit, durch die er sich sein
lcherliches Schicksal zugezogen. Zugleich zeigt er sich als "jeder Zoll
ein Knig" in dem Geschick, das ihn durch seine Schuld und doch so
unverdient trifft. Beides zusammen macht ihn erst so gross und
liebenswert.

Der Humor im _Lear_ schlgt in furchtbare Tragik um. Aber, wie schon
gesagt, Humor und Tragik sind Geschwister. Und es sind Geschwister, die
sich oft schwer unterscheiden lassen.

Zunchst ist leicht zu sehen, welche _speciellere Parallele_ hier
zwischen Humor und Tragik sich ergiebt: Der Schicksals- und
Charakterkomdie, speciell der soeben besprochenen Art, entspricht eine
Schicksals- und Charaktertragdie, und der Vereinigung jener beiden die
Vereinigung dieser. Dem Humor im Misanthrop steht gegenber die
Schicksalstragik in Antigone, Maria Stuart, die nicht dem komischen,
sondern dem in brutaler Hrte auftretenden Schicksal usserlich
unterliegen, um es innerlich zu berwinden. Ebenso dem Humor des
Mephistopheles die Tragik des Macbeth, der nicht seine Thorheit, sondern
das Furchtbare seines Thuns erkennt, dadurch aber ebenso wie
Mephistopheles der Idee Recht giebt und ihre Macht an sich erweist.
Endlich sind beide Arten der Tragik vereinigt im Wallenstein, Coriolan
etc. Dass die Schicksalstragdie, von der ich hier rede, nicht
zusammenfllt mit der Karikatur derselben, die in der Literaturgeschichte
speciell diesen Namen trgt, brauche ich nicht besonders zu betonen.

Andererseits berhren sich Humor und Tragik unmittelbar. Es braucht nur
der komische Konflikt ein gewisses Mass der Schrfe zu berschreiten, um
ohne weiteres zum tragischen zu werden. Umgekehrt sehen wir den Ruber
Moor seine Auflehnung gegen die sittliche Weltordnung humoristisch
fassen, wenn auch verzweiflungsvoll humoristisch, nachdem er die ganze
Widersinnigkeit seines Beginnens eingesehen hat.


DER IRONISCHE HUMOR.

Ebenso wie der zweiten Art des objektiven Humors die Tragik, so
entspricht der dritten Art desselben, die wir kurz als den _ironischen_
objektiven Humor bezeichnet haben, die Darstellung des Menschen, der
ernste Konflikte glcklich berwindet. Insbesondere hat die dramatische
Schicksalskomdie des gelsten Konflikts in dem Schauspiele, dessen Held
ernste ussere Widerwrtigkeiten besiegt, die entsprechende
Charakterkomdie in dem Schauspiele, dessen Held ber Regungen des Bsen
in sich Herr wird, ihr Gegenbild.

Wir nennen diese dritte Art des Humors ironisch, weil wir, wie nun fter
betont, in der berwindung des Nichtigen, im Umschlag seiner Ansprche in
ihr Gegenteil, das Wesen der Ironie sehen. In gewisser Art ist ja
freilich Vernichtung des Nichtigen oder des der Idee Widrigen das
eigentliche Wesen jeden Humors. So knnen wir es als eine Vernichtung
bezeichnen, wenn das Nichtige dem Erhabenen von vornherein nichts anhaben
kann, also von Hause aus machtlos erscheint, wie beim harmlosen Humor.
Ebenso wenn es zur thatschlichen Geltung kommt, zugleich aber innerlich
berwunden wird, wie beim entzweiten oder satirischen Humor. Aber alles
dies ist nicht Vernichtung in unserem Sinne, nicht Umschlag des die
_Geltung_ in der Welt sich anmutenden Nichtigen _selbst_ in seiner
objektiven _Thatschlichkeit_, wodurch die bermacht der Idee
dokumentiert wird; darum nicht objektive Ironie, oder Ironie als Art des
objektiven Humors.

Es kann aber das Nichtige in dreifacher Weise jener Vernichtung und jenem
Umschlag anheimfallen. Dieselbe entspricht den drei Arten der witzigen
Ironie, die wir oben schon mit Rcksicht hierauf unterschieden haben. Wir
sahen in der ironischen Bezeichnung und dem ironischen Urteil eine
Bezeichnung oder ein Urteil zergehen und der Wahrheit Recht geben, ohne
weiteres, durch den blossen Eintritt in den Zusammenhang unseres
Bewusstseins; wir sahen es in der "witzigen Widerlegung" zu Schanden
werden durch eine Wahrheit, die ihm geflissentlich entgegentrat; wir
sahen endlich in der "witzigen Folgerung" und "Konsequenz" den Umschlag
erfolgen durch ein gleich Nichtiges, in dessen Gewand sich die Wahrheit
kleidete. Dem entsprechend kann hier, bei dem ironischen objektiven
Humor, das Nichtige zergehen, ohne besondere Anstrengung seitens eines
Erhabenen, nur durch den Zusammenhang der Wirklichkeit, den natrlichen
und vernnftigen Lauf der Dinge; oder es wird zu Falle gebracht durch die
bermacht eines ihm geflissentlich entgegentretenden und den Kampf mit
ihm aufnehmenden Guten und Vernnftigen; oder endlich es wird in seiner
Nichtigkeit und Machtlosigkeit offenbar durch seinesgleichen.

Eine ironische Schicksalskomdie der ersten dieser drei Stufen ist die
"Komdie der Irrungen", und die ganze Mannigfaltigkeit der Komdien, in
denen eine komische Verwickelung in ihrem eigenen Verlauf, durch die
Laune des Zufalls, durch das Wechselspiel nrrischer Vorflle und
Einflle sich lst.

Ihr steht entgegen die Cbarakterkomdie von der Art etwa der "Gelehrten
Frauen", die von ihrer Vergtterung der Scheingelehrsamkeit durch die
zufllige Entlarvung ihres Abgottes geheilt werden. Insofern ihre
Thorheit zugleich den beiden Liebenden als feindliches, aber ohne ihr
Zuthun sich lsendes Schicksal entgegentritt, ist diese Komdie zugleich,
soweit diese beiden in Betracht kommen, Schicksalskomdie der gleichen
Stufe.

Dagegen besiegt Petrucchio durch mnnliche Kraft und Klugheit die Komik
des Geschicks, dass er sich mit Kthchen aufgebunden hat. Er thut es,
indem er Kthchen selbst besiegt, und zur Vernunft bringt. So sind hier
ironische Schicksals- und Charakterkomdie der zweiten Stufe unmittelbar
verbunden. Ebenso sehen wir ein andermal die Damen in "Liebes Lust und
Leid" durch ihre Liebenswrdigkeit, und die Liebe, die sie dadurch
erwecken, ber die Kavaliere, die ihnen die Thre weisen, usserlich
triumphieren und zugleich sie von ihrem nrrischen Vorsatz heilen.

Der Unterschied zwischen dieser Stufe und der vorigen ist kein
unwesentlicher. Es ist ein Anderes, ob das Nichtige in sich selbst zu
Fall kommt und das Gute und Vernnftige Recht behlt, oder ob das
Nichtige zu Fall gebracht wird durch ein positiv Gutes und Vernnftiges,
das darin seine bermacht bettigt. Dies hindert doch nicht, dass beide
Stufen im selben Kunstwerk sich verbinden und dass sie in einander
bergehen. berhaupt handelt es sich ja hier nicht um feste Grenzen,
sondern um fliessende Unterschiede; nicht um eine Klassifikation von
Kunstwerken, sondern um die Aufstellung von Gesichtspunkten, denen sich
dies oder jenes ganze Kunstwerk, oder auch nur diese oder jene Gestalt
einen solchen mehr oder weniger unterordnet.

Ich sagte, Petrucchio siege durch mnnliche Kraft und Klugheit.
Humoristisch ist doch er selbst und sein Thun nicht durch diese Kraft und
Klugheit als solche. Der Humor fehlte, wenn dieselbe sich zur
Verkehrtheit lediglich in Gegensatz stellte, sie in stolzer
Selbstbewusstheit aufdeckte, abkanzelte, abwiese. Im Gegensatz hierzu
schliesst der Humor, von dem ich hier rede, dies in sich, dass der Trger
des Vernnftigen oder Guten von seiner Hhe herabsteigt, in die Komik
eingeht, oder sich einlsst, demgemss die Verkehrtheit _lachend_
berwindet. So berwindet Petrucchio lachend Kthchens Tollheit.

Aber freilich Petrucchio thut noch mehr. Er bertollt die Tollheit der
Widerspnstigen. Er besiegt sie mit ihren eigenen Waffen. Sofern er dies
thut, gehrt sein Humor bereits der dritten Stufe des ironischen Humors
an.

Diese dritte Stufe findet sich, zunchst in der Form der
Schicksalskomdie, verwirklicht in allen Komdien, in denen und soweit in
ihnen das feindliche Schicksal oder die Person, die seine Rolle spielt,
auf eigenem Boden und mit eigenen Waffen geschlagen wird. Hier wird das
Nichtige von dem Erhabenen im Gewande seiner eigenen Nichtigkeit
berwunden.

Mit dieser Schicksalskomdie muss nicht, aber es kann sich mit ihr die
Charakterkomdie der gleichen Stufe verbinden. So ist "Minna von
Barnhelm" beides, sofern der Major, der die Heldin in die komische
Situation bringt, von ihr nicht nur besiegt, sondern damit zugleich
geheilt wird. Beides gelingt ihr, indem sie ihm in der Maske seiner
eigenen Narrheit entgegentritt.

In Minna von Barnhelm ist die Narrheit nur Maske; in den Helden der
"Vgel" ist sie Wirklichkeit. Die Grnder des Vogelstaates sind ganz
ausbndige Narren. Und doch sind auch sie Vertreter der Idee. Eben in
ihrer Narrheit reprsentieren sie die gesunde Vernunft. Und indem das
nrrische Athenervolk mit seinen nrrischen Gttern vor ihnen sich beugt,
beugt es sich vor der gesunden Vernunft. Oder wohin anders sollte sich,
wenn es in der Welt und im Olymp so nrrisch zugeht, die gesunde Vernunft
flchten knnen, als dahin, wohin sie sich flchten, nach
Wolkenkukuksheim? Was anders kann man noch wnschen, wenn es um alle
hheren Interessen so bel bestellt ist, als sein Leben in Ruhe zu
verbringen und seinen Leib zu pflegen?--Wie erhaben bricht aber doch
wiederum die Idee, ich meine das sittliche Bewusstsein an dem Gewande der
Narrheit hervor, dann etwa, wenn der Hauptnarr dem schlechten Sohne das
Gebot, Vater und Mutter zu ehren, entgegenhlt, oder den Sykophanten auf
die Mittel hinweist, sich ehrlich und ohne Schurkenprozesse sein
tgliches Brod zu verdienen. Wie nichtig erscheint die Anmassung des
Schlechten, wenn sie aus solchem Munde sich muss strafen lassen, wie
erhaben die Idee, wenn ihre Karikatur gengt, die Karikatur in der Welt
der Wirklichkeit zu ihren Fssen zu zwingen und zu entthronen. Denn nicht
das karikierte Athenertum, wie Droysen meint, knnen die Grnder des
Vogelstaates sein, sondern nur die Karikatur, ich meine die nrrische
Verkleidung und absichtliche Verzerrung der gesunden Vernunft, die den
Athenern _abhanden_ gekommen ist, und nun trotz ihrer Karikatur und in
aller Niedrigkeit und Possenhaftigkeit die wahre Narrheit lachend ad
absurdum fhrt,

In der aristophanischen Komdie hat die Komik ihre ausgiebigste
Verwertung im Dienste des Kunstwerkes gefunden. Hier ist hchster Humor,
das heisst tiefster sittlicher Ernst, und grsste Freiheit des Geistes,
lachend in den Strudel der Verkehrtheit hinabzutauchen, und darin die
Hoheit des Vernnftigen, Guten, Grossen, kurz des Menschlichen zu
bewhren.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KOMIK UND HUMOR ***

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