Project Gutenberg's Ein Bruderzwist in Habsburg, by Franz Grillparzer

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Title: Ein Bruderzwist in Habsburg

Author: Franz Grillparzer

Release Date: September, 2005 [EBook #8964]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 1, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG ***




Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.




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EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG

von FRANZ GRILLPARZER

Trauerspiel in fnf Aufzgen



Personen:

Rudolf II., rmisch deutscher Kaiser
Mathias und Max, seine Brder
Ferdinand und Leopold, seine Neffen
Don Csar, des Kaisers natrlicher Sohn
Melchior Klesel
Herzog Julius von Braunschweig
Mathes Thurn
Ein Wortfhrer der Bhmischen Stnde [Graf Schlick]
Seyfried Breuner
Oberst Wallenstein
Wolf Rumpf, des Kaisers Kmmerer
Oberst Ramee
Ein Hauptmann
Feldmarschall Ruworm
Prokop, ein Brger von Prag
Lukrezia, seine Tochter
Ein Fahnenfhrer
Mehrere Soldaten, Brger und Diener.




Erster Aufzug

Auf dem Kleinseiter Ring zu Prag.

Feldmarschall Ruworm, ohne Waffen, von der Stadtwache gefhrt, an deren
Spitze eine Gerichtsperson. Rechts im Vorgrunde Don Csar mit Begleitern.
--Frher Morgen.


Gerichtsperson. Im Namen kaiserlicher Majestt
Ruf ich Euch zu: Lat ab!

Don Csar. Ich nicht, frwahr!
Ihr gebet den Gefangnen denn heraus,
Den man zurckhlt ohne Fug und Recht.

Gerichtsperson. Nach Recht und Urteil wie's der Richter sprach.

Don Csar. So war das Urteil falsch, der Richter toll.
Der Mann hat einen anderen erschlagen,
Weil jener ihn erschlug, kam er zuvor nicht.

Gerichtsperson. Der Richter kam zuvor, htt' er's geklagt.

Don Csar. Ha, Feiger Schutzwehr, die von Feigen stammt,
Wer hat ein Schwert und bettelt erst um Schutz?
Dann: wenn Belgioso fiel von seiner Hand,
Geschah's auf mein Gehei.

Ruworm. Mit Gunst, Don Csar.
Ich war Euch stets mit Neigung zugetan,
Als einem wackern Herrn von raschen Gaben,
Wohl auch erkennend und mich gerne fgend
Dem was in Euch von hherm Stamm und Ursprung,
Doch hat Feldmarschall Ruworm seiner Tage
Befehl gegeben andern oft und viel,
Empfangen nie, als nur vom Heeresfrsten.
Ob falsche Nachricht, Ohrenblser Tcke
Mich trieb zur Tat, die nun mich selbst verdammt,
Ob meine Dienst' in mancher Trkenschlacht
Rcksicht verdienen, Mildrung und Gehr,
Das mag der Richter prfen und erwgen;
Allein, da Belgiojoso Euch im Weg,
Euch Nebenbuhler war in Euerm Werben,
Hat seinen Tod so wenig ihm gebracht,
Als, war er's nicht, es ihn vom Tod errettet.

Don Csar. Nun denn, so fat mich auch und fhrt mich mit!
Denn wahrlich, htt' ihn dieser nicht gettet,
Belgioso fiel' durch mich, ich hatt's gelobt.

Gerichtsperson. Wir richten ob der Tat, den Willen Gott.

Don Csar. Ich aber duld es nicht! Mit diesem Schwert
Entrei ich euch die Beute, die euch lockt.
Setzt an! Auf sie! Macht den Gefangnen frei!

Gerichtsperson. Zu Hilfe der Gerechtigkeit!

(Brger kommen aus ihren Husern.)

Ruworm. Lat ab!
Ihr seid zu schwach und bringt die Stadt in Aufruhr.
Steht meinen Feinden offen, nun wie vor,
Des sonst so gt'gen, meines Kaisers Ohr,
So rettet mich kein Gott. Lat ab, lat ab!
Zu beten scheint jetzt nt'ger als zu fechten.
Wo ist der Minorit?

Don Csar. Und ich soll's ansehn,
Es ansehn, ich, mit meinen eignen Augen?

(Lukrezia kommt mit ihrem Vater aus einem Hause rechts im Vorgrunde.)

Don Csar. Ha Heuchlerin, so kommst du, dich zu weiden
Am Unheil, das durch dich, um deinetwillen da?
Sieh, dieser ist's, der deinen Buhlen schlug,
--Er tat's, nicht ich, doch freut mich was er tat--
Ein Ende setzte jenem ncht'gen Flstern,
Den Stndchen, dem Gekos', drob rgernis
Den Nachbarn kam, besorgt um scheue Tchter;
Er tat's, und statt dafr ihn zu belohnen,
Schleppt man ihn vor den Richter und verdammt ihn.

Prokop (zur Gerichtsperson). Ist es gestattet, Herr,
Auf offner Strae Ehrbare Mdchen zu beschimpfen also?

Don Csar. Ehrbare Mdchen? Ha sie tuscht dich Alter,
So wie sie mich getuscht und alle, alle Welt!
Wohin nur geht ihr? Ja, zur Kirche wohl!
Da weift sie ab die volle Sndenspule,
Um neue drauf zu winden, still bemht.
Warum gehst du in Schwarz? Dir starb kein Blutsfreund.
Register fhr ich ber alles Unheil,
Das dich bedroht und das dich schon betraf.
Kein Blutsfreund starb dir. Warum denn in Schwarz?
Klagst du ob dem, den dieser Mann erschlug?
Sprich ja, und dieses Schwert--O Nacht und Greuel!
Warum in Schwarz?

Prokop. Komm la uns gehn mein Kind!

Don Csar. Geh nicht, und du!--Bleib noch!--Lukrezia!
(Prokop mit seiner Tochter ab.)
Ich will ihr nach!--Und doch!--Ruworm verzeih,
Mich bermannte, blendete der Zorn.
Doch soll darob nicht deine Sache leiden.
Zum Kaiser geh ich, fordre deine Freiheit,
Und weigert er's--Glaub nur, er wird es nicht!--
So werf ich vor ihm ab die Gnaden alle,
Die Lasten, die mir seine Laune schuf,
Gnn andern das Bemhn ihm zu gefallen
Und such in Ungarn Trkensbel auf.
Leb wohl! Ihr andern aber merkt euch dieses Wort:
Wird ihm ein Haar gekrmmt, eh' neue Botschaft,
Des Kaisers eigener Befehl es heischt,
Zahlt euer Kopf fr jede rasche Regung
(Im Vorbergehen vor Lukrezias Hause.)
Haus, sei verdammt, du Hlle mir von je! (Ab.)

(Ruworm wird nach der andern Seite abgefhrt.)

Verwandlung
Saal im kaiserlichen Schlosse zu Prag.

Durch die Mitteltre treten Hofleute auf, die sich im Hintergrunde
zerstreuen. Ein Kmmerer kommt durch den Haupteingang, hinter ihm
Klesel und Erzherzog Mathias.

Klesel. Ich bitt Euch, Herr!

Kmmerer. Frwahr, es kann nicht sein.

Klesel. Ein Augenblick Gehr.

Kmmerer. Sie sind beschftigt.

Klesel. Des Kaisers Bruder selbst.

Kmmerer. Wenn auch, wenn auch!
Doch will ich wohl versuchen ob's gelingt.
(Ab in eine Seitentre rechts.)

Mathias. So viel denn braucht's, den Kaiser nur zu sehn!

Klesel. Den Kaiser? Herr, glaubt ihr, wir sind soweit?
Bei Wolfen Rumpf, geheimen Kmmerer,
Sucht Ihr nun Audienz.

Mathias. Du heil'ger Gott!
Und das im selben Schlo, denselben Zimmern,
Wo ich an unsers Vaters Hand einherging,
Mit meinem Bruder,--der geliebtre Sohn.

Klesel. Ja, der geliebtre Sohn! Da liegt es eben!
Htt' Euer Vater minder Euch geliebt,
Was gilt es? Euer Bruder liebt' Euch wrmer.

Mathias. Entehrt, verstoen!

Klesel. Hart, ich geh es zu.
Doch war der Schritt bedenklich wohl genug,
Der Euch zuletzt gebracht aus allen Hulden.
Reist ab von Wien ins ferne Niederland,
Stellt an die Spitze der Rebellen Euch,
Entzweit die Hfe von Madrid und Wien;
Und, was das schlimmste, kehrt denn endlich heim
Und habt nichts effektuiert.

Mathias. Ich ward getuscht,
Oranien betrog mich um den Sieg.
Doch war der Plan, gesteht es, gttlich schn:
Hineinzugreifen in den wilden Aufruhr
Und aus den Trmmern, schwimmend rechts und links,
Sich einen Thron erbaun, sein eigner Schpfer,
Niemand darum verpflichtet als sich selbst.

Klesel. Ich seh es kommen. Weht der Wind von daher?
Hab was du hast, woher du's hast gilt gleich,
Gekauft, ererbt,--nur nicht gestohlen, Herr.
Zwar Politik nennt so was akquiriert
Und find't sich wohl dabei.

Mathias. Mit mir ist's aus.
Ich will den Kaiser untertnig bitten
Mir zu verleihn die Stadt und Herrschaft Steyr,
Dort will ich leben, und dafr entsagen
All meinem Erbrecht, aller Sukzession,
Die mir gebhrt auf sterreich'sche Lande.
Der Anfallstag, er fnde mich im Grab.

Klesel. Nun allzuwenig, wie nur erst zuviel.
So treibt Ihr Euch denn stets im uersten
O Maximilians unweise Shne!
(Nachdem er sich umgesehen, leise.)
Eu'r Spiel steht gut, Ihr habt die Trmpfe, Herr!
Harrt aus! Harrt aus! Und nur nichts von Entsagung,
Von Schferglck! Begehrt mir ein Kommando
In Ungarn! Ein Kommando sag ich Herr!
Was soll Euch Steyr? Der Waagebalken steht,
Und kurze Frist, so schnellt ein Quentchen mehr
In Eurer Schale, diese in die Hh'.
Auf Euch ruht Habsburgs Heil, das Heil der Kirche,
Ruht unser aller Heil.

Mathias. Mit mir ist's aus!

Klesel. Ich seh es ist, und so geb ich Euch auf.
Hier kommt Herr Rumpf, fhrt selber Eure Sache.
(Er tritt zurck.)

(Wolf Rumpf kommt aus der zweiten Seitentre rechts, Schriften unter
dem Arme, gebckten Ganges, der Kmmerer hinter ihm. Der Kmmerer zeigt
mit der Hand auf Erzherzog Mathias. Rumpf geht, ohne darauf zu achten,
der Mitteltre zu. Nachdem er sie fast erreicht hat, tritt ihm Klesel
in den Weg.)

Klesel. Eu'r Strengen! Darf erzherzogliche Durchlaucht
Gehr beim Kaiser hoffen?

Rumpf. Kann nicht sein.

Klesel (auf Mathias zeigend, der im Vorgrunde steht).
Dort sind Sie selbst.

Rumpf. Je, Diener, Diener!--Geht nicht.
Des Kaisers Majestt sind unwohl.--Acta,
Negotia.

Klesel. Nur wenige Minuten.
(Leise zu Mathias.)
Drngt ihn! Drngt ihn!

Mathias. Herr Rumpf, gebt mir die Hand!

Rumpf. Je, meritier's nicht. Aber kann nicht sein.
Nicht wohl geruht; empfinden sich turbiert
Mit mal di testa. Wage meinen Dienst
So ich es permittier--

Klesel. Ihr scherzt Herr Rumpf.
Wer kennt nicht Eure Macht an diesem Hof.

Rumpf. So scheint's, so scheint's. Doch sind der Herr gar streng.
Je nher ihm, so nher seinem Zorn.
Noch gestern abend, waren hoch ergrimmt,
Sei'n kein Philipp der Dritte schrieen Sie,
Diktieren sich zu lassen von Privaden.
Mut' meinen Abzug nehmen eilig durch die Tr.
Es darf nicht sein. Ich kann nicht, kann nicht, nein!
(Er entfernt sich von ihnen.)

(Don Csar strmt zur Tre herein.)

Don Csar. Wo ist der Kaiser? Nun, Perckenmann,
Ist er zu sprechen?

Rumpf. Huldreichst guten Morgen
Senjor Don Csar. Gott erhalt' Eu'r Gnaden.

Don Csar. Wie geht's dem Kaiser?

Rumpf. Gut. Verwunderlich.
Der Herr verjngen sich mit jedem Tage,
Sehn wie ein Dreiiger. Sagt' ich doch heut nur:
Da Sie so selten ffentlich sich zeigten,
Die Weiber sein's, die drob am meisten klagten.
Da lachten Seine Majestt.

Don Csar. Ich glaub's wohl.
War ich dabei ich htte auch gelacht.
Ein Dreiiger! mit solchen Bauch und Beinen.
Wie nun, kann ich ihn sprechen?

Rumpf. Allerdings.
Ein Weilchen nur hochgndige Geduld.
Des Kaisers Majestt sind--
(Er spricht ihm ins Ohr auf Mathias zeigend.)

Don Csar. Gut denn, gut.
Wem ist das Pferd das man im Hofe fhrt?

Rumpf. Ach Euer wenn Ihr wollt. Der Kaiser hat es heute
Besehen und gekauft.

Don Csar. Ich will's besteigen. (Ab.)

Mathias. Wer ist der junge Mann?

Klesel. So wit Ihr nicht?
Ein Findelkind, im Schlosse hier gefunden.
Der Kaiser liebt ihn sehr. Begreift Ihr nun?

Mathias. Don Csar?

Klesel. Wohl, er selbst.--Nun noch einmal
Begehrt in Ungarn ein Kommando.

Mathias. Wozu?

Klesel. Ihr sollt noch hren. Doch verlangt es!

(Ein Kmmerer tritt ein.)

Kmmerer. Erzherzog Ferdinand aus Steiermark
Sind angekommen, bitten um Gehr.

Rumpf. Du liebe Zeit! Ihr Gnaden sind willkommen.

(Kmmerer ab.)

Klesel. Seht Ihr? Da kommt der knft'ge Kaiser an,
Der Erb' von sterreich, wenn Ihr nicht vorseht.

Mathias. Ich will in Ungarn ein Kommando suchen.
Dann--Hab ich dich verstanden?--Klesel, dann,
Die Macht in Hnden--

Klesel. Nur gemach, gemach!
Ihr habt die Macht noch nicht.

Mathias. Und ich soll betteln?

Klesel. Um Gottes willen, Ihr verderbt noch alles.

(Ein Kmmerer ffnet die Seitentre rechts.)

Rumpf. Der Kaiser kommt. Ich bitt Eu'r Durchlaucht freundlichst
Abseit zu treten, bis ich angefragt.

Mathias. Ich mu den Kaiser sprechen und ich bleibe.

Rumpf. Bedenkt!

Mathias. Ich hab's gesagt.

Rumpf. Nun denn, mit Gott!
Stellt Euch dorthin. Der Kaiser geht vorber
Wenn er zur Messe sich verfgt. Vielleicht
Will Euch das Glck, da er Euch sieht und anspricht.
Er kommt.

Klesel. Verfrbt Ihr Euch? Nur Mut, nur Mut!
Der Augenblick gibt alles oder nimmt es.

(Alles steht in ehrfurchtsvoller Erwartung. Erzherzog Mathias zieht
sich bis hinter die Seitentre links zurck. Klesel in seiner Nhe.
--Zwei Trabanten treten aus der Seitentre rechts und stellen sich
daneben auf; dann einige Pagen, zuletzt der Kaiser auf einen Krckenstab
gesttzt. Zwei Mnner, Gemlde haltend, knien auf seinem Wege. Er
bleibt vor dem ersten stehen, betrachtet es, zeigt dann mit dem Stocke
darnach hin und bezeichnet an seinem eigenen linken Arme die Stelle wo
das Bild ihm verzeichnet scheint. Er schttelt den Kopf, das Bild wird
weggebracht. Er steht vor dem zweiten und gibt Zeichen der Billigung.
Endlich nickt er Rumpfen zu, da dieses zu behalten sei. Zugleich hebt
er drei Finger der rechten Hand empor.)

Rumpf. Zweitausend?

Rudolf (heftig und stark). Drei.
(Er tritt zum Tische auf dem mehrere Bcher liegen. Er ergreift eins
derselben.)

Rumpf. Aus Spanien.

Rudolf (heiter).
Lope de Vega!

Rumpf. Depeschen auch von Eurer Majestt
Gesandten an dem Hofe zu Madrid.

(Rudolf schiebt die auf dem Tische liegenden Briefschaften verchtlich
zurck. Er setzt sich und liest, das aufgeschlagene Buch in der Hand.)

Rumpf. Erzherzog Ferdinand sind angelangt.

(Rudolf sieht, aufhorchend, einen Augenblick vom Buche weg und liest
dann weiter.)

Rumpf. Don Csar waren hier.

(Rudolf, obige Bewegung.)

Rumpf. Sie kommen wieder.

Klesel (zu Mathias).
Nehmt Euch nur Mut! Ihr zittert, wei es Gott.

(Der Kaiser lacht unterm Lesen laut auf.)

Klesel. Die Zeit ist gnstig. Seine Majestt
Scheint frohgelaunt. Versucht's!

Rudolf (im Lesen). Divino autor
Fenix de Espaa.

(Mathias nhert sich ihm.)

Mathias. Gnd'ger Herr und Kaiser,
Ich hab's gewagt aus meinem Bann zu Linz--

Rudolf (vom Buche aufblickend). Sortija del olvido--Ei, ei, ei!
Ring des Vergessens--Ja, wer den bese!

Mathias. Ob ihr vergnnt--
(Er lt sich auf ein Knie nieder.)
Bereit, mein Herr und Kaiser,
Die Rechte alle, die mein Eigentum,
Und die man mir beneidet, Aufzugeben,
Mein Erbrecht auf die sterreich'schen Lande,
Die Hoffnung einst zu folgen auf dem Thron,
Fr einen Ort um ruhig drauf zu sterben.
(Er legt die Hand auf die Armlehne von des Kaisers Stuhl.)

Rudolf. Wer da?--Rumpf! Will allein sein!--Rumpf, allein!
Allein.

Mathias. Mein Kaiser und mein Herr!

Rudolf (den Stock gegen Rumpf gehoben).
Allein!

Rumpf. Ich sagt' es ja, doch Seine Durchlaucht drngten.

Rudolf (mit steigender Heftigkeit).
Allein!

Rumpf (zu Mathias)
Entfernt Euch, gnd'ger Herr!

Klesel. Kommt, kommt!
Verloren geht sonst alles.

Mathias. Gott!

Rudolf (vor sich hin).
Allein.

Mathias. Fhrt mich ins Grab, da wird mir doch wohl Ruh.

(Ab, von Klesel gefhrt.)

Rudolf (dumpf).
Allein!

Rumpf. Was nun beginnen? Gott!
(Er hebt das Buch auf, das der Kaiser weggeworfen hat, und reicht es ihm.)
Das Buch!

(Rudolf weist es zurck.)

Rumpf. Berichte sind aus Ungarn eingelangt:
Raab ist entsetzt und Papa wird belagert.
Die Malkontenten sollen willens sein--
(Lebhafter.) Ein Kaufmann aus Florenz hat sich gemeldet.
Geschnittne Steine fhrt er aller Art
Von hohem Werte.

Rudolf. Sehn!

Rumpf. Allein die Preise
Sei'n unerschwinglich.

Rudolf. Albern.

Rumpf. Soll ich also?--Gut.
Der spanische Orator Balthasar
Zuiga wnscht Gehr.

(Der Kaiser schttelt den Kopf.)

Rumpf. Beliebt's Euch etwa
Nunmehro die Berichte--?

(Der Kaiser stt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)

Rumpf. Guter Gott!

(Don Csar kommt.)

Rumpf. Ihr kommt zur rechten Zeit. Versucht, ob etwa--

Don Csar. Ich k Eu'r Majestt die hohen Hnde.

(Der Kaiser mit ihn mit zornigem Blicke.)

Don Csar. Ihr scheint nicht gut gelaunt, doch mu ich sprechen.
Es gilt ein Leben, gilt wohl mehr als dies.--
Es hat ein Kriegsgericht, ob eines Totschlags,
Verbt im herben Fall der Selbstverteid'gung,
Zum Henkersschwert verurteilt Herman Ruworm,
Den treusten Diener Eurer Majestt,
Den Helden in der Trken heien Schlachten.
Ich bitt Euch nun, das Urteil aufzuheben,
Das Unsinn ist, Verrcktheit, Gotteslstrung.
Euch zu erhalten ein so teures Leben,
Mir einen Freund, den ich nicht lassen kann,
Und retten mu, glt' es das uerste.

(Rudolf sieht Wolfen Rumpf fragend an.)

Rumpf. Es ist von wegen Herman Ruworm,
Der, halb gereizt, und halb aus leid'gem Zufall,
Den Obersten erschlug.

(Der Kaiser wirft, wie suchend, die auf dem Tische liegenden Papiere
untereinander.)

Rumpf. Vielleicht das Urteil?
Es lag zur Unterschrift in Dero Kabinett.
Soll ich vielleicht--? Ich gehe, es zu holen.
(Ab durch die Tre rechts.)

Don Csar. Ich dank Eu'r Majestt denn nur im voraus
Fr die Begnadigung des wackern Manns,
Der alles ist was dieses Wort besagt,
Indes sein Feind ein Weiber-, Pfaffendiener,
Ein Heuchler und ein Schurk! Und wenn der Ruworm
In Zornesglut sich allzuweit verga,
So denkt: derselbe Zorn, der hier den Gegner schlug,
Gewann Euch auch in Ungarn zwanzig Schlachten.

(Rumpf kommt mit einem gesiegelten Paket zurck.)

Rumpf. Das Urteil.

(Er reicht die Schrift dem Kaiser, der sie zurckweist.)

Rumpf. Guter Gott!--Beliebt vielleicht
Eu'r Majestt hochgndig zu bestimmen
Was Dero Absicht mit so wicht'ger Schrift?

(Der Kaiser nimmt das Paket, liest hohnlachend die Aufschrift und gibt
es zurck.)

Rumpf. Ich wei recht wohl: die ure Fert'gung lautet
An Rat und Schffen Eurer Altstadt Prag.
Doch, wenn das Urteil wirklich unterschrieben,
Wie ich vermuten sollte--

(Der Kaiser stt unwillig mit dem Stocke auf den Boden.)

Don Csar. Gnd'ger Herr!
Ich mu Euch bitten fr zwei Augenblicke
Die feindlich dstre Laune aufzugeben,
Die sich in diesem Schweigen wohlgefllt.
Bedenkt: kommt dieses Urteil so gefertigt
Und unterschrieben auf das Prager Schlo,
So stirbt mein Freund.

Rudolf. Er stirbt!--Und du mit ihm,
Wagst ferner du's ein Wort fr ihn zu sprechen.
Entarteter! Ich kenne deine Wege.
Du schwrmst zu Nacht mit ausgelanen Leuten,
Stellst nach den Kindern ehrbar stiller Brger,
Hltst dich zu Meutern, Lutheranern.

Don Csar. Meuter
Hab ich mit meiner Freundschaft nie beehrt.
Und was den Glauben, Herr, betrifft, da richtet
Nur Gott.

Rudolf. Ja Gott und du. Ihr beide, nicht wahr?
Glaub du an das was deine Lehrer glaubten,
Die Weiseren, die Bessern la entscheiden,
Dann kommt's wohl noch an dich.--Der Ruworm stirbt!
Und dank es Gott und einem Rest von Neigung,
Da ich die Helfer, sie die darum wuten
Die lobten, billigten den feigen Mord
An Belgiojoso freventlich vollbracht,
Nicht ebnermaen suche mit dem Schwert.--
Das Mdchen, dem du nachstellst, wsten Sinns,
La frei!

Don Csar. Nein Herr, denn sie betrog mich.

Rudolf. Meinst du?
Csar, solang die ew'gen Sterne kreisen,
Betrgt der Mann das Weib.

Don Csar. Zum mindsten war's so,
Mit einer Frau, die mir gar nah verwandt.

Rudolf. Die dir verwandt? So kennst du deine Mutter?
Und kennst du den, der dir das Leben gab?
Sag ja! sag ja! und ewiges Gefngnis,
Entfernt vom Strahl des gottgegebnen Lichts--
So haben in den Sternen sie's gelesen:
Je nher mir, mir um so grimmrer Feind.
Und also steht er da, hohnlachend, trotzend,
Wie einst der Teufel vor des Menschen Sohn.
Fort dieses Lachen, fort!--Gib deine Waffen!
Nehmt ihn gefangen!--Wie, ihr zgert? weilt?
So will ich selbst mit meiner eignen Hand
(Zu einem Trabanten, der zu uerst rechts steht.)
Leih deine Partisan mir, alter Freund!
Da ich--

(Indem er den Stock fallen lt, um nach der Partisane zu greifen, wankt
er und ist im Begriff zu fallen. Die Umstehenden eilen herzu, ihn zu
untersttzen.)

Legt ihr die Hand an mich? Rebellen ihr!
Yo soy el emperador! Der Kaiser ich!
Bin ich verkauft im Innern meiner Burg,
Und ist kein Schirmer, ist kein Helfer nah?

(Erzherzog Ferdinand erscheint in der Tre.)

Erzherzog Ferdinand. Viel Glck ins Haus!--Wie, Eure Majestt?
Was ist? Was war? Wer sagt's?

Don Csar (zu Rumpf, der ihn zu begtigen strebt).
Mich kmmert's wenig,
Ob tausend Teufel mir entgegen grinsen!

Erzherzog Ferdinand (zu Don Csar, die Hand leicht ans Schwert gelegt).
Geht junger Mensch! Ihr lernt sonst einsehn,
Da uns der Bse nah, wenn man ihn ruft.
Fort Ihr! und ihr!

(Die Anwesenden ziehen sich gegen den Hintergrund. Don Csar in ihrer
Mitte von Rumpf geleitet. Alle ab.)

Erzherzog Ferdinand (zum Kaiser tretend).
Mein kaiserlicher Herr!

Rudolf. Wer seid Ihr? Wer? Und wie erkhnt Ihr Euch?

Erzherzog Ferdinand. Eu'r Neffe bin ich, Herr, und Euer Knecht,
Fernand von Grz, zu jedem Dienst bereit.

Rudolf (sich vor der Berhrung zurckziehend).
Es bien! es bien! All gut! Seid uns willkommen!

Erzherzog Ferdinand. Wollt Ihr nicht sitzen, Herr? Ich seh's, der Zorn
Er zehrt mit Macht an Euerm edlen Sein.
(Er leitet den Kaiser zum Lehnstuhle.)

Rudolf (sitzend).
Seht Ihr, so halten wir's in unserm Schlo.--
So dringt die Zeit, die wildverworrne, neue,
Durch hundert Wachen bis zu uns heran,
Und zwingt zu schauen uns ihr greulich Antlitz.
Die Zeit, die Zeit! Denn jener junge Mann,
Wie sehr er tobt, er ist doch nur ihr Schler,
Er bt nur was die Meisterin gelehrt.--
Schaut rings um Euch in aller Herren Land,
Wo ist noch Achtung fr der Vter Sitte
Fr edles Wissen und fr hohe Kunst?
Sind sie vom alten Tempel ihres Gottes
Nicht ausgezogen auf den Berg von Dan,
Und haben dort ein Kalb sich aufgerichtet,
Vor dem sie knieen, ihrer Hnde Werk?
Es heit: den Glauben reinigen. Da Gott!
Der Glaube reint sich selbst im reinen Herzen,
Nein, Eigendnkel war es, Eigensucht,
Die nichts erkennt was nicht ihr eignes Werk.
Deshalb nun tadl' ich jenen Jngling, straf ihn,
Und fhrt er fort, erreicht ihn bald sein Ziel,
Allein erkenn auch was ihn so entstellt.

Deucht mir's doch manchmal grimmiges Vergngen,
Mit ihm zu ringen, in des Argen Brust
Die Keime aufzusuchen der Verkehrtheit,
Die ihm geliehn so wildverworrne Welt.
Die Zeit kann ich nicht bnd'gen, aber ihn,
Ihn will ich bnd'gen, hilft der gnd'ge Gott.

Erzherzog Ferdinand. Ihr werdet's, Herr, und bndigtet die Zeit,
Wr' Euch der Wille dort so fest als hier.

Rudolf. Mein Ohm, der fnfte Karl hat's nicht gekonnt,
Sankt Just sah ihn als benden Karthuser.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Ich kann es auch nicht.

Erzherzog Ferdinand. O des argen Mitrauns
In Euer edles Selbst und seine Gaben!
Wollt erst nur, wollt! und Gottes Beistand wird
Wie ein erhrt Gebet auf Euch sich senken.
Die Zeit bedarf des Arztes und Ihr seid's.

Rudolf. Ein wackrer Arzt, der selber Heilung braucht!
Und dann: allein!

Erzherzog Ferdinand. So wrt Ihr, Herr, allein?
Verzeiht dem Schler, der den Meister meistert.
Um Euch schart sich die Hlfte einer Welt,
Die treu noch ihrem Gott und seinem Abbild.
Dem Frsten auf dem angestammten Thron.
Fr Euch ist Spanien, der Papst, ist Welschland,
Des eignen Erblands ungebrochne Kraft,
Noch nicht verfhrt von falschen Glaubenslehren.
Zhlt Eure Schar, und zehnfach, hundertfach
Wiegt sie die Gegner auf, die, schwach an Zahl,
Nur scheinbar sich durch Regsamkeit verdoppeln.

Rudolf. Der Arme viel, wo aber bleibt das Haupt?

Erzherzog Ferdinand. Ihr selbst, dem niemand gleich an Sinn und Wissen.
Dann noch die edlen Frsten Eures Hauses,
Die Gott als Helfer selbst Euch anerschuf.

Rudolf. Sprecht Ihr von Euch?

Erzherzog Ferdinand. So werde nie mir Heil,
Als je mein Sinn ein andres Trachten kannte,
Als streichs Wohl und Jesu Christi Ruhm.
Mein Alter heit mich lernen statt zu lehren
Auch bin nicht ich's, die Brder sind's, die Nchsten
Der edle Max, Albrecht der sinnig weise,
Und jener dritte--Erste, den nur eben
Im Vorgemach ich kummervoll--

Rudolf (sich abwendend). Es bien!

Erzherzog Ferdinand. Seht ihr, da senkt das alte Mitraun wieder
Sich nebelgleich herab auf Eure Stirn!
O weh uns, wenn es wahr, was man sich sagt,
Da jener finstern Sternekund'gen einer,
Die Euern Hof zum Sammelplatz erwhlt,
Mit astrologisch dunkler Prophezeiung
Euch abgewandt von Euerm edeln Haus
Gefahr androhend von den Nahverwandten.
O weh uns, wenn es so, und Ihr fr Schein
Den wahren Vorteil aufgebt, aller Heil.

Rudolf (auffahrend).
Fr Schein? fr Schein? So kennst du diese Kunst,
--Wenn's eine Kunst--da du so hart sie schmhst?
Glaubst du, es gb' ein Sandkorn in der Welt,
Das nicht gebunden an die ew'ge Kette
Von Wirksamkeit, von Einflug und Erfolg?
Und jene Lichter wren Pfennigkerzen
Zu leuchten trunknen Bettlern in der Nacht?

Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,
Doch jene Sterne auch sie sind von Gott.
Die ersten Werke seiner Hand, in denen
Er seiner Schpfung Abri niederlegte,
Da sie und er nur in der wsten Welt.
Und htt' es spter nicht dem Herrn gefallen,
Den Menschen hinzusetzen, das Geschpf,
Es wren keine Zeugen seines Waltens,
Als jene hellen Boten in der Nacht.
Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht,
Wie eine Lmmerherde ihrem Hirten,
So folgen sie gelehrig seinem Ruf
So heut als morgen wie am ersten Tag.
Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,
In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.
Und wer's verstnde still zu sein wie sie,
Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,
Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,
Ihm wrde leicht ein Wort der Wahrheit kund,
Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.
Fragst aber du: ob sie mir selber kund,
Die hohe Wahrheit aus der Wesen Munde?
So sag ich: nein, und aber, wieder: nein.
Ich bin ein schwacher, unbegabter Mann,
Der Dinge tiefster Kern ist mir verschlossen.
Doch ward mir Flei und noch ein andres: Ehrfurcht
Fr das da andre mchtig und ich nicht.

Wenn aber, ob nur Schler, Meister nicht,
Ich gerne weile in den lichten Rumen;
Kennst du das Wrtlein: Ordnung, junger Mann?
Dort oben wohnt die Ordnung, dort ihr Haus,
Hier unten eitle Willkr und Verwirrung.
Macht mich zum Wchter auf dem Turm bei Nacht,
Da ich erwarte meine hellen Sterne,
Belausche das verstnd'ge Augenwinken
Mit dem sie stehn um ihres Meisters Thron.--
(Immer leiser sprechend.)
Wenn nun der Herr die Uhr rckt seiner Zeit,
Die Ewigkeit in jedem Glockenschlag
Fr die das Oben und das Unten gleich
Ins Brautgemach--des Weltbaus Krfte eilen
--Gebunden--in der Strahlen Konjunktur--
Und der Malefikus--das bse Trachten--

(Er verstummt allmhlich. Sein Haupt sinkt auf die Brust. Pause.
Erzherzog Ferdinand tritt ihm, besorgt, einen Schritt nher.)

Rudolf (emporfahrend).
Ist jemand hier?--Ja so!--Was soll's?--
Ihr spracht von meinem Bruder, von Mathias.
Ich seh es ist ein Plan. Was also will man?
Warum verlie er seinen Bann zu Linz?

Erzherzog Ferdinand. Und wenn's der Wunsch nach Ttigkeit nur wre?

Rudolf. Nach Ttigkeit? Ist er denn ttig nicht?
Er reitet, rennt und ficht. Wir beide haben
Von unserm Vater Tatkraft nicht geerbt,
--Allein ich wei es, und er wei es nicht.
Was also noch? Zum mindsten will ich zeigen,
Da nicht der Sterne Drohn, da euer Trachten,
Die Heimlichkeit der nahverwandten Brust,
Mir Mitraun gab und gibt.--Die Klugheit riete,
Zu halten ihn in heilsamer Entfernung,
Allein ihr wollt's. Was also soll's mit ihm?

Erzherzog Ferdinand. Er wnschte--

Rudolf. Nun?

Erzherzog Ferdinand. In Ungarn ein Kommando.

Rudolf. Hat er schon je, und wo hat er gesiegt?
Zwar ist der Mansfeld dort, ein tcht'ger Degen,
Der gnnt ihm gern die Ehre des Befehls
Und tut die Pflichten selbst. Schickt ihn denn hin!
Doch heit ihn zgeln seine Ttigkeit;
Er fge sich des Feldherrn berer Einsicht.
Auch sind der Krieger dort, der Fhrer viel,
Die zugetan der neuen Glaubensmeinung.
Es ist jetzt nicht die Zeit, noch da der Ort
Zu streiten fr die Wahrheit einer Lehre.

(Da Erzherzog Ferdinand zurcktritt.)

Rudolf. Was ist? Was geht Ihr fort?

Erzherzog Ferdinand. Nicht anzuhren,
Wie streichs Haupt, wie Deutschlands Herr und Kaiser
Das Wort fhrt den Abtrnnigen vom Glauben.

Rudolf. Das Wort fhrt, ich? Kommt Euch die Lust zu scherzen?
Allein wer wagt's, in dieser trben Zeit
Den vielverschlungnen Knoten der Verwirrung
Zu lsen eines Streichs.

Erzherzog Ferdinand. Wer's wagte? Ich!

Rudolf. Das spricht sich gut.

Erzherzog Ferdinand. Nur das? Es ist geschehn.
In Steyer mindestens, in Krain und Krnten
Ist ausgetilgt der Keim der Ketzerei.
An einem Tag auf frstlichen Befehl
Bekehrten sich an sechzigtausend Seelen
Und zwanzigtausend wandern flchtig aus.

Rudolf. Und ohne mich zu fragen?

Erzherzog Ferdinand. Herr, ich schrieb
So wiederholt als dringend, aber fruchtlos.

Rudolf (die auf dem Tische liegenden Papiere untereinanderschiebend).
Es ist hier wohl Verwirrung oft mit Schriften.

Erzherzog Ferdinand. Da schritt ich denn zur Tat, dem besten Rat.
Mein Land ist rein, o wr' es auch das Eure!

Rudolf. Und zwanzigtausend wandern flchtig aus?
Mit Weib und Kind? Die Nchte sind schon khl.

Erzherzog Ferdinand. Durch Drangsal, Herr, und Schmerz erzieht uns Gott.

Rudolf. Und das im selben Augenblick wo du
Die Sachsenfrstin freist, die Protestantin?

Erzherzog Ferdinand. Gott gab mir Kraft die Neigung zu besiegen,
Wenn Ihr's erlaubt, so steh ich ab von ihr
Und werbe um des Baierherzogs Tochter.

Rudolf. Sie ist nicht schn.

Erzherzog Ferdinand. Ihr Herz ist schn vor Gott.

Rudolf (eine Gebrde des Schielgewachsenseins machend).
Beinah--

Erzherzog Ferdinand. Gerad ihr Sinn, ihr Wandel und ihr Glauben.

Rudolf. Nun, ich bewundre Euch.--Weis deine Hnde!
Ist das hier Fleisch? lebendig, wahres Fleisch?
Und fliet hier Blut in diesen bleichen Adern?
Freit eine andre als er meint und liebt--
Mit Weib und Kind, bei zwanzigtausend Mann,
In kalten Herbstesnchten, frierend, darbend!
Mir kommt ein Grauen an. Sind hier nicht Menschen?
Ich will bei Menschen sein. Herbei! Herein!

(Mit dem Stocke auf den Boden stampfend. Die Hofleute kommen zurck.)

Rudolf. Die Kinderzeiten werden wieder wahr,
Und mich umschaudert's wie Gespensterglauben.
(Zu Erzherzog Ferdinand.)
Weilt Ihr noch lnger hier bei uns in Prag,
Treibt's Euch zurck vielleicht schon nach der Heimat?

Erzherzog Ferdinand. Ich reise nchst, wenn manches erst geschlichtet
(lebhaft) Und meinen Bruder ich Euch vorgestellt.

Rudolf. So ist der Leupold da? Wo ist, wo weilt er?

Rumpf. Im Schlohof tummelt er das trk'sche Ro,
Das Ihr gekauft und das Don Csar schulte.
Sie jubeln, da der Erker widerhallt.

Rudolf. Sie jubeln? Tummelt? Ein verzogner Fant,
Hbsch wild und rasch, bei Wein und Spiel und Schmaus.
Wohl selbst bei Weibern auch; man spricht davon.
Allein er ist ein Mensch. Ich will ihn sehn,
Den Leupold sehn! Wo ist er? Bringt ihn her!

(Einige sind gegangen.)

Rudolf (zu Ferdinand).
Beliebt's Euch unterdessen, die Gemcher,
Die man Euch hier bereitet, zu besehn?
Wo bleibt der Range? Warum kommt er nicht?

Erzherzog Leopolds Stimme (von auen).
Senjor!

Rudolf. Aha, er ruft.--Was gibt es dort?

(Aus der Seitentre links ist ein Hofbedienter herausgetreten.)

Rumpf. Die Kapellne fragen untertnigst,
Ob Eure Majestt den Gottesdienst--

Rudolf (das Barett abnehmend und Mantel und Kleid ordnend).
Des Herren Dienst vor allem.
(Zu Erzherzog Ferdinand.)
Wenn's beliebt!
(Zu den brigen.)
Und kommt mein Neffe, heit ihn nur uns folgen.

Erzherzog Leopold (zur Tre hereinstrzend).
Mein gnd'ger Ohm! (Da er den bereits geordneten Zug sieht, stutzt er
und zieht das Barett ab.)

Rudolf. Nur dort, an Eure Stelle.

(Auf einen Wink Erzherzog Ferdinands stellt sich Leopold ihm zur Seite.
--Der Zug setzt sich in Bewegung, die beiden Erzherzoge unmittelbar vor
dem Kaiser. Nach einigen Schritten tippt letzterer Erzherzog Leopold
auf die Schulter. Dieser wendet sich um und kt ihm lebhaft die Hand.
Der Kaiser winkt ihm liebreich drohend Stillschweigen zu und sie gehen
weiter. Die brigen folgen paarweise.--Der Vorhang fllt.)




Zweiter Aufzug

Freier Platz im kaiserlichen Lager. Im Hintergrunde Gezelte.

Ein Hauptmann (tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze
Partisane waagrecht vor sich hlt).
Zurck, sag ich, zurck auf eure Posten!
Seid ihr Soldaten, wie?--und flieht den Feind?

(Ein Trupp Soldaten kommt von derselben Seite, ein Fahnentrger
unter ihnen.)

Fahnentrger. Wir fliehen meint Ihr, Herr? Nun denn mit Gunst,
Sagt erst: wo ist der Feind, ob vor--ob rckwrts?
Ein Krieger ficht wohl, wei er gegen wen,
Doch wo nicht Ordnung, Kundschaft und Befehl,
Wehrt er sich seiner Haut und weiter nichts.

Hauptmann. So meisterst du, ein Knecht, den Heeresfrsten?

Fahnentrger. Ob zehnmal Herr und zwanzigmale Knecht,
Wenn einer irrt, hat doch der andre recht.
Wir waren auf am Damm bei Raab gestellt,
Wir da und fnfzig andre, die der Sbel
Der Trken fra in dieser blut'gen Nacht,
Auf blachem Feld, zur Untersttzung rings
Soweit das Auge trug, nicht Wacht, noch Posten.
Doch machten wir 'nen Kirchhof zum Kastell
Und hielten straff. Da bricht's mit einmal los:
Allah, Allah! aus tausend brt'gen Kehlen,
Nicht vor uns, hinter uns. Die Donau durch,
Rauscht wie ein zweiter Strom, quer durch den andern
Der Spahi und sein Ro. Hilf' Jesu Christ!
Da galt kein Sumen, und war eitel Nacht.
Trapp trapp, da sprengen kaiserliche Reiter
Und jagen andre kaiserlich wie sie.
Der Musketier schiet los, und den er traf
Es war sein Landsmann, in des Dunkels Wirren
Die rasche Kugel wechselnd mit dem Freund.
Bald ist das ganze Heer nur eine Flucht,
Ein Jammern und ein Tten und ein Schrein.
In all der Hast verga man ganz auf uns,
Zu gehn, zu bleiben waren wir die Meister,
Doch blieben wir. Erst nach drei heien Strmen,
Als mancher schon mit seiner Haut bezahlt,
Brach auf das kleine Huflein; und nicht seitwrts,
Nur Sicherheit fr unsre Leiber suchend,
Zum Lager gradaus schlugen wir uns durch.
Und sind nun hier, dem Trken, sucht er uns,
Der Rckkehr Strae schwarz mit Blut zu zeichnen,
Doch ihn zu suchen keineswegs gewillt,
Man zeig' uns denn wer fhrt und wer befiehlt.

Mehrere im Trupp So ist's!--Ein Fhrer erst!--Dann folgen alle.

Hauptmann. So bin ich unter Meutern?

(Oberst Ramee kommt.)

Hauptmann. Mein Herr Oberst,
Verrat und Aufruhr in des Lagers Mitte.
Die hier und der--

(Es haben sich nach und nach immer mehrere gesammelt.)

Ramee (halblaut).
Lat nur, lat nur fr jetzt.
Der Feind im Anzug und das Heer entmutigt,
Man drckt jetzt fglicher ein Auge zu,
Als den Gehorsam noch durch Strenge prfen.
Was wei man von dem Feldherrn?

Hauptmann. Prinz Mathias?

Ramee. Wen sonst?

Hauptmann. Verschieden gehen die Gerchte.
Er ward gesehn in Mitte der Verwirrung.
Die einen lassen ihn am rechten Donauufer
Die Strae nehmen nach Haimburg und Wien,
Die andern--Heil'ger Gott, wenn er den Trken--!
Was machen wir, vereinzelt, ohne ihn?

Ramee. Dasselbe mein ich was mit ihm, den Frieden.

Hauptmann. Allein der Kaiser will nicht.

Ramee. Wollen! Wollen!
Hier fragt sich was man mu, nicht was man will.
Auch, ist der ure Krieg erst beigelegt,
Hat man die rst'gen Arme frei nach innen.

Hauptmann. Was aber soll mit all der Soldateska?
Wir sind in Rckstand mit zwlf Monat Sold.

Ramee. Erzherzog Leupold wirbt in Passau Vlker,
Wenn hier das Handwerk ruht, fragt an bei uns.

Hauptmann. Und gegen wen--?

Ramee. Die Rstung geht in Passau!
Man wei noch nicht. Fr wen, ich hab's gesagt,
Auf jeden Fall fr streich und den Kaiser.
Wer sind die Mnner?

(Einige schwarzgekleidete Herren gehen quer ber die Bhne. Mehrere
gren sie mit abgezogenen Hten.)

Hauptmann. Mit den goldnen Ketten?
Die protestant'schen Herrn aus sterreich.
Sie kamen, den Erzherzog anzusprechen
In Sachen ihres neuen Christentums
Und halten sich derweile zu den Ungarn.
Das lauscht und flstert, schleicht und konspiriert.
Wr' ich der Prinz, wie wollt' ich heim sie senden!

Ramee. Heim senden? ei, wenn Ihr sie selbst berieft?

(Weibergeschrei hinter der Szene.)

Ramee. Was dort?

Ein Soldat (eine gefangene Trkin an der Hand fhrend).
Nein sag ich, nein!

Zwei Krassiere (die ihm folgen).
Mu doch! mu doch!

Soldat. Mein ist die Heidin zehn- und hundertmal.
Ihr Haus in Gran fiel mir zum Beuteteil,
Ich war's, der ihren Brutigam erschlug,
Drum ist sie mein und das von Rechtes wegen.

Krassier. Mir drcken sie die Hand.

Soldat (zur Trkin).
Ist's wahr?--Sie kann nicht reden.
Wenn's wahr so spalt ich ihr den Kopf. Doch jetzt,
Jetzt ist sie mein und--

Krassiere (die Hand am Sbel)
Wollen eben sehn.

Soldat. Kommt an, kommt an! Ob einer gegen zwei.
Ist niemand da, der einem Landsmann hilft?

Hauptmann (zwischen sie tretend).
Zurck Samlnder, ketzerische Hunde!

Krassier. Was sagen Mann?

Hauptmann. Ist's etwa nicht bekannt,
Da Trk' und Lutheraner stets im Bunde?
Wie ging' sonst alles schief in Rat und Lager?
Die heute nacht der Flucht das Beispiel gaben,
Die Ketzer waren's, sinnend auf Verrat.

Fahnentrger (im Vorgrunde rechts).
Wer das sagt lgt.

Hauptmann (sein Schwert halb gezogen).
Mir das? Wer hat gesprochen?

Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde).
Mit Gunst: hat er doch recht. Hier dieser Mann,
Obgleich ein Luthrischer und Kirchenleugner,
Gefochten hat er in der heut'gen Schlacht
Wie einer der gedenkt des ew'gen Heils.
Und ob ich gleich als rechter Katholik
Verdammen mu was seine Pred'ger lehren,
Im Lager hier sind alle Tapfern Brder,
Und somit meine Hand.

Fahnentrger (einschlagend).
Hier meine.

Mehrere (ein Gleiches tuend).
Freund und Bruder!

Ringsherum. Auf Ja und Nein!
Trotz Papst und Rom!
Wir alle!

Hauptmann. Hrt Ihr?

Ramee. Lat nur!

Geschrei (im Hintergrunde).
Hoheisa! Die Zigeuner!

(Im Hintergrunde tritt schlechte Musik auf. Einige Paare folgen sich
bei den Hnden haltend und zum Tanze anschickend. Die anwesenden
Soldaten sammeln sich bei dem dort stehenden Marketenderzelte. Musik
und Tnzer gehen hinein. Gelchter, Zutrinken.)

Klesel (von der rechten Seite kommend).
Du heil'ger Gott! bin ich im Christenlager,
Und dient kathol'schen Frsten dieses Heer?

Ramee. Wenn Euch das krnkt, seid wohlgemut,
Das Lager wird Euch frder nicht mehr rgern.
Ihr seid nach Prag berufen, wissen wir,
Der Kaiser sieht Euch hier nicht allzugern.
Wann reist Ihr ab?

Klesel. Wenn's meine Pflicht erheischt,
Die keineswegs mir Prag bis jetzt bezeichnet.
Der Seelenhirt gehrt in seinen Sprengel.

Ramee. Und ist Eu'r Sprengel hier im Lager? Neustadt,
Neustadt und Wien, dort leuchte Euer Licht.
Ihr seid hier Schuld an manchem Schief' und Argem,
Setzt Eure Meinung durch und fhrt den Krieg
Als eine Wallfahrt nach 'nem Gnadenort,
Nebstdem da wenig Gnad' in Euerm Tun.
Verkehrt Ihr doch mit eitel Protestanten
Und wendet Euerm Herrn die Herzen ab,
Die ihm bereit aus den getreuen Landen.
Doch ist zur Zeit ein andres Regiment.
Mathias, dieses Lagers Frst und Fhrer,
Er fand den Rckweg nicht der andern Flcht'gen,
Und die Erzherzoge, die Ihr berieft
Aus Grz und Wien, zu einem Ratschlag heit es,
Sie sind im Lager, treten in sein Amt
Und werden Euerm Flstern wenig horchen.

Klesel. Ob Ihr beleidigt mich, es sei verziehn,
Allein um aller Heil'gen willen sagt
Was von Erzherzog Mathias Euch bekannt.

Ramee. Bekannt, da nichts bekannt. Er ist nicht hier,
Ob nun in Wien, ob--Hoffen wir das Beste,
Euch sei genug: im Lager ist er nicht.
Drum reist nur ab; wenn Ihr nicht vorher noch
Bei denen, die ihm folgen im Befehl
Und die dort nahn, wollt Euer Heil versuchen.
Stellt euch in Ordnung! Die Erzherzoge.

(Die im Hintergrunde Befindlichen stellen sich in eine Reihe. Von der
linken Seite kommen die Erzherzoge Ferdinand, Leopold und Maximilian.)

Maximilian (ein beleibter, wohlbehaglicher Herr).
Die Wege rtteln wie das bse Fieber.
Hat noch von unserm Bruder nichts verlautet?

Klesel (der in den Vorgrund rechts getreten, auf sie zugebend).
Gott segne Euern Eintritt, edle Herrn!

(Die Erzherzoge gehen nach der entgegengesetzten Seite und gehen quer
ber die Bhne ab.)

Klesel (sich zurckziehend).
Du heil'ger Gott!

Erzherzog Leopold (der zurckgeblieben, links in den Vordergrund tretend).
Ramee!

Oberst Ramee (zu ihm tretend).
Erlauchter Herr!

Erzherzog Leopold. Es steht hier schlimm, und doch, bedenk ich's recht,
Mcht ich fast sagen: gut. Sie haben Plne.
Das Lager hier, ich frchte, lst sich auf.
Hast du versucht ob ein und andre willig
Bei uns zu dienen im Passauer Heer?

Ramee. Bei zwanzig Fhrer.

Leopold. Halt, sprich leise, hier!

(Er zieht sich mit ihm nach der linken Seite, wo Ramee zu ihm spricht.)

Klesel (in der Mitte der Bhne mit einer Bewegung gegen den Erzherzog.).
Ob ich's versuche, noch einmal versuche?

(Eine Gruppe Soldaten rechts im Vorgrunde.)

Erster (halblaut).
Des Kaisers Sohn Don Csar ist im Lager.
Er wirbt Gehilfen zu geheimem Anschlag.
Es soll 'ner Kutsche mit zwei Frauen gelten,
Begleitet nur von wenigen Berittnen.

Zweiter. Das wr' ja wie ein Ruberberfall.

Erster. Des Kaisers Sohn und Ruber? Dann zuletzt,
Was kmmert's dich? Sieh hier, man zahlt mit Gold.
(Mnzen zeigend.)

Zweiter. Gehst du?

Erster. Jawohl! und Kunz und Hans und Mrten.

Klesel (im Mittelgrunde).
Nein, lieber sterben, als den Einsichtslosen
Die Einsicht opfern und gerechten Stolz.

Leopold (zu Ramee).
Sei rasch und klug und hte dich vor dem!
(Auf Klesel zeigend, ab.)

Zweiter Soldat (rechts im Vorgrunde).
Hier hast du mich! Soll's bald?

Erster. Heut abend.

Zweiter. Gut!

Geschrei (hinter der Szene).
Vivat! Vivat!

Ramee. Was ist?

Hauptmann (in die Szene nach links blickend).
Ein Mann--umgeben--
In ung'risch niedrer Tracht.--'s ist der Erzherzog.

Ramee. Mathias?

Hauptmann. Wohl!--Nun vivat, vivat denn,
Wer's treu mit streich meint und seinem Haus.

(Klesel, der bei dem Worte Mathias zusammengefahren, strzt jetzt
auf den Hauptmann zu, ihm die Rechte mit beiden Hnden drckend,
dann eilt er nach der linken Seite ab.)

Alle (in derselben Richtung folgend).
Vivat! Vivat!

Ramee. Nun, vivat denn wir alle!
(Er schliet sich an.)

Erster Soldat (aus der Gruppe rechts).
Wir kommen noch zurecht. Doch wahrt die Zunge.

(Sie ziehen sich nach der rechten Seite zurck. Die Bhne ist leer
geworden.)

Verwandlung
Das Innere eines Zeltes. Kurzer Raum, im Hintergrunde durch einen
Vorhang geschlossen.

Von auen hrt man noch immer Vivat rufen. Erzherzog Mathias in
einfachen ungarischen bis an die Knie reichenden Rocke, ein paar
Diener hinter sich, von der rechten Seite.

Mathias. Ha jubelt nur, ihr wackern treuen Jungen!
Diesmal frwahr ging's nahe g'nug an Leib.
(Sein Kleid besehend, zu den Dienern.)
Gebt einen andern Rock!--Und doch, lat immer!
Nicht trennen will ich mich von diesen Kleidern
Bis abgewaschen dieses Tages Schimpf.
Doch einen Stuhl, denn auszuruhn geziemt sich,
Eh man die Kraft zu neuem Wirken spannt.

Klesel (von rechts eintretend).
Gebt Raum! Gebt Raum! Ich mu zu meinem Herrn!
(Sich vor ihm auf die Knie werfend und seine Hand fassend.)
Ihr seid's, Ihr lebt! O uns ist allen Heil!

Mathias (Klesel emporhebend).
Habt Dank, mein Freund! Habt Dank fr Eure Liebe.
Ja diesmal galt's. Ein Zoll, ein Haar,
Und Prinz Mathias ging zum dunkeln Land,
Wo Frsten sich als Bettlergleiche finden.
(Sein Kleid zeigend.)
Der Ri hier, schau! Das war ein trk'scher Sbel,
Den einzeln ich der einzelne bestand.
Es gab zu tun, (mit einer Handbewegung) doch eine schiefe Quart
Des alten Mazzamoro, unsers Lehrers
Aus frher Knabenzeit, das endlich half.
Ein alter Landmann gab mir diesen Rock
Und so kam ich zurck ins eigne Lager.

(Diener haben einen kurzen Mantel gebracht.)

Mathias. Was soll's?--Sagt' ich denn nicht--? Es gilt wohl gleich!

(Diener ziehen ihm das ungarische Kleid aus und geben ihm den Mantel
um, whrenddessen)

Klesel. Wie waren wir besorgt seit Flucht und Schlacht.

Mathias. Die Schlacht ging schief. Der alte Mansfeld
Mit seinem Zaudern hat das Heer verderbt,
Da ist kein Mann fr tcht'ges Werk und Wagen.
Dagegen diese Trken,
(den Mantel zurecht ziehend, die Diener entfernen sich)
wahr bleibt wahr.
Sonst schtzt ein Flu den drangelehnten Flgel,
Sie aber schwimmen durch mit Ro und Mann,
Und was ein Bollwerk schien wird Punkt des Angriffs.
In Zukunft sieht man sich wohl vor.--Nun aber
Was geht fr Nachricht von den Flchtigen?
Sind sie zurck im Lager? Fehlen viel?

Klesel. Ein Dritteil sagt man fast des ganzen Heers.

Mathias (auf und nieder gehend).
Ein Dritteil, schlimm!

Klesel. Nicht wahr? Ihr seht nun selbst--

Mathias. Es finden manche sich wohl spter ein.
Doch htt' ich nicht gedacht--

Klesel. Der Rest entmutigt,
So da kein Mittel, als--

Mathias (stille stehend).
Erneuter Angriff.

Klesel. Als Frieden.

Mathias. Neuer, doppeltstarker Angriff.

Klesel. Ihr wart ja doch vor kurzem berzeugt,
Da nur allein Vertrag--

Mathias. Vor kurzem, ja,
Da war ich Sieger. Aber nun: besiegt.
Bei diesem Wort emprt sich mir das Blut
Und steigt vom Herzen glhend in die Wangen.
Mir schwebt ein Plan vor aus Vegetius,
Bewhrt sich der, dann sprechen wir des weitern.

Klesel. Ist das Eu'r Wort, im selben Augenblick,
Wo die Erzherzoge, von Euch berufen,
Im Lager schon, zu handeln von dem Frieden.

Mathias. Sie mgen sich den Krieg einmal besehn,
Mitmachen etwa gar, dergleichen frommt
Fr Gegenwart und Zukunft; endlich gehn
Wohin sie Laune treibt, Beruf, Geschft.

Klesel. Und wenn der Kaiser nun erfhrt,
Da man hier Rat gehalten gegen seinen Willen.

Mathias. Erfahren mut' er's, ob nun so, ob so.

Klesel. Doch schtzte der Erfolg vor seinem Zrnen.

Mathias. Den besten Schutz gibt in der Faust das Schwert.

Klesel. Und wenn er Euch nun ab vom Heer beruft?

Mathias. Vielleicht gehorcht' ich nicht.

Klesel. Gesttzt auf was?
Der Feldherr, der Gehorsam weigert, heit
Verrter, aber wer den Frieden gibt
Dem ausgesognen Land, wr's ohne Auftrag,
Er ist der Reiter, Abgott seines Volks.
(Halbleise.)
Verget Ihr denn, da Sultan Amurat
Der Frieden braucht, dem Geber dieser Ruh'
In Ungarn Macht und Einflu gerne gnnt;
Sowie, da streichs Stnde beiden Glaubens
Dem Retter in der Not sich in die Arme
--Die doch auch Hnde haben--freudig strzen.

Mathias. Ich hab's gesagt. Die Schmach ertrg' ich nicht.

Ein Diener (anmeldend).
Die Herrn Erzherzoge.

Klesel. Um Gottes willen!
Erkennt doch, da es Wahnsinn was ihr wollt.
Und doch--Kommt's wie ein Lichtstrahl nicht von oben?
Es ist zu spt. Bleibt, Herr, bei Eurer Weigrung.
(Sich nach dem Vorgrunde entfernend.)
Vielleicht reift unsern Anschlag grade dies.

(Die Erzherzoge werden eingefhrt.)

Max. Nun Bruder, Gott zum Gru. Doppelt willkommen,
Als kaum entronnen solcher Fhrlichkeit.
Nun aber ans Geschft. Man rief uns her,
Als Zeugen dachten wir von einem Sieg,
Um zu bewundern Eure Strategie;
Doch scheint Gott Mars, der strahlende Planet,
Vorlufig in rckgngiger Bewegung.

Mathias. Aus vor- und rckwrts bildet sich der Kreislauf.

Max. Doch bleibt man hbsch im Kreis und kommt nicht vorwrts.
Nun Bruder sei nicht unwirsch, ging's mir auch doch
Viel anders nicht im Streit um Polens Krone.
Sie fingen mich sogar, trotz Stand und Wrde.
Der Krieg kennt nicht Respekt, er zahlt auf Sicht.
Hier bring ich dir die Neffen, die du kennst
Obgleich seitdem (auf Leopold zeigend) gewachsen (auf Ferdinand) und
gealtert.
Sie kamen her, den Kreislauf zu studieren
Des Gottes Mars. Auch will man, heit's, beraten
Um dies und das. Zuletzt denn sind wir hier.

Ferdinand (auf Max zeigend).
Des Bruders Gru, nicht teilend seinen Scherz.

Leopold. Und hocherfreut, Euch, Oheim, wohl zu finden.

Mathias. Das geht nun so im Lager ab und zu,
Bald oben und bald unten. Ist's gefllig?
Ein Imbi findet sich wohl noch zur Labung.

Max. Ich liebe nichts vom Krieg, am wenigsten
Die Kriegerkost. Ein deutscher Ordensmeister
Will alles ordentlich, zumal die Tafel.
Wir haben uns aus unsrer Reisekche
Im Wagen schon gestrkt und danken freundlichst.
Auch will ich keine Lorbeern hier erwerben;
Drum rasch nur ans Geschft, ist das beendigt,
Kehr ich nach Wien zurck sobald nur mglich
Und wo ein Weg noch von den Trken frei.
Du scheinst nicht meiner Meinung, Leopold?
Bleib hier, gebrauch dein Schwert! Du bist noch jung,
Und kommt's zur Flucht, bewegst du rst'ge Beine.
Ich bin von Blei, das zwar aus der Muskete
Ein rasches Ding, sonst aber trg und schwer.
Nun aber: wo der Ratstisch und die Sthle?

(Klesel zieht an einer Schnur, der Vorhang des Zeltes ffnet sich und
zeigt einen grnbehangnen Tisch und Armsessel.)

Max. Der Teppich grn, ah, so bin ich's gewohnt.
An einem roten Tisch fiel' mir nichts ein,
Ein blaubehangner fhrte grad ins Tollhaus,
Doch grn, das strkt das Aug' und den Verstand.
Kommt sitzen denn ihr Herrn! (Leise zu Mathias.) Doch hier ist einer,
Der berlei mir dnkt in unserm Rat.

Klesel (zu Mathias).
Befehlt Ihr irgend noch, erlauchter Herr,
Sonst, mit Erlaubnis, zieh ich mich zurck
Max. Bleibt immer denn, und fhrt das Protokoll!
Man spricht sonst her und hin und wei zuletzt
Nicht ja, noch nein und wer und was gesprochen.
(Zu den brigen.)
Geht sitzen, sitzen! Kommt!
(Kleseln das Ende rechts am Tische anweisend.)
Hier Euer Platz!
Doch mir zulieb, sprecht erst wenn man Euch fragt.
Nun Leopold?

Leopold (am Ende links).
Ihr wit, ich stehe gern.

Max. Ich wei, ich wei! In Grz vorm Bckerladen
Hast du gestanden, eisern, stundenlang,
Bis sich die holde Mehlverwandlerin
Am Fenster, gnstig, eine Venus, zeigte.

Leopold. Ein Stadtgeklatsch.

Max. Es klatschte wie von Kssen,
Und niemand wut' es als die ganze Stadt.
(Zu Klesel.)
Tunkt Ihr die Feder ein? Ihr werdet doch nicht
Das alles setzen schon ins Protokoll?
Seht nur, er mahnt uns Klgeres zu sprechen
Und er hat recht, nun also denn: zur Sache.
Komm sitzen, Leopold!

Leopold. Nicht bis ich wei:
Ob mit des Kaisers Willen, ob entgegen
Wir uns vereinen hier zu Spruch und Rat.

Mathias (nach einer Pause).
Sagt etwas, Klesel!

Klesel. Wenn ich also darf:
Es will gewi der Mensch sein eignes Bestes.
Wird nun des Kaisers Bestes hier beraten,
Kann man noch zweifeln, ob es auch sein Wille?

Leopold. Ich aber will nur was ich selber will,
Und Herrscher heit wer herrscht nach eignen Willen.

Mathias. Man merkt es wohl, Ihr sucht des Kaisers Gunst

Leopold. Wer sie nicht wnscht ist nicht sein Untertan.

Mathias. Doch hngt ein Nebenvorteil manchmal noch
Der Demut an, die nur Gehorsam schien.

Ferdinand. Komm Bruder Leopold, es soll nicht heien,
Da wir aus Grz Gerchten Nahrung geben,
Die Erberschleichung gegen das Gesetz
Auf unsers Hauses Wappenmantel spritzen.

Leopold. So will ich hren denn, doch sitzen nicht.

Mathias. Wie's Euch beliebt.

Max. Nun also denn: was soll's?

(Da Klesel nach einer Schrift in seinem Busen greift.)

Max. Lat stecken, Herr, wir wissen was Ihr bringt:
Ein knstlich ausgefeilt Elaborat
Das uns den Frieden mit den Trken soll
Als rtlich, ntig, unerllich schildern.
Ihr seid der Widerhall von Euerm Herrn,
Wenn nicht vielmehr das Echo er von Euch.
Und deshalb ohne Vorwort zur Beratung.
Der Friede wre gut, allein der Kaiser,
Des Landes Haupt und Herr, er will ihn nicht.
Nebstdem, da unter solchen Schmeichelhllen
Ein Anschlag, meint man, andrer Art sich birgt.
(Zu Klesel.)
Ich will Euch schelten, Herr, drum hie ich Euch
Hier sitzen unter uns; da Bruderliebe
Und Frstenachtung mir nicht will gestatten
Zu schelten meinen Bruder, Euern Herrn.
Die Stnde, sagt man, protestant'schen Glaubens
Aus sterreich verkehren still mit Euch,
Und als den Preis der Sichrung vor den Trken
Nebst Zugestndnis ihrer Glaubensbung,
Verspricht man einem Frsten unsers Hauses,
Den ich nicht kennen will, nicht nennen mag,
Ein neuerdachtes Schtzeramt zu grnden
Halb abgesondert von dem Stamm des Reichs.
Ihr seht, was Ihr gesponnen kam ans Licht.
Seid noch Ihr fr den Frieden?

Klesel. Durchlaucht ja.
Wenn diesmal auch Verleumdung wahr gesprochen,
Was gut bleibt gut, wr' auch der Geber schlimm.

Max. Und Bruder du?--Allein was frag ich noch
(auf Klesel zeigend)
Hat dieser deine Meinung doch gesprochen.

Mathias. Glaubst du? (Zu Klesel.) Sagt Eure Meinung noch einmal.

Klesel. Den Frieden, hoher Herr.

Mathias. Und ich den Krieg.
Ich bin beschimpft im Angesicht der Welt.
Die Ehre unsrer Waffen stell ich her,
Dann mag die Klugheit und die Furcht beraten.

Max. Nun Bruder sei nicht kindisch, mcht' ich sagen.
Hoffst du, geschlagen mit dem ganzen Heer,
Nun, mit dem halben, Sieg dir zu erringen?
Von hier bis Wien ist nirgends eine Stellung,
Die Mauern Wiens verfallen, ungebessert,
Ein Wandelgang fr friedliche Bewohner,
Nicht eine Abwehr gegen solchen Feind.

Klesel (die Feder eintauchend, eifrig).
So seid Ihr fr den Frieden?

Max. Ich? Bewahr!

Klesel. Doch spracht entgegen Ihr dem Krieg.

Max. Ei, lat mich!

Ferdinand (zu Mathias).
Wozu noch kommt, da es mich heidnisch dnkt,
Fr Kriegesruhm und weltlich eitle Ehre,
Das Wohl des Lands, der ganzen Christenheit
Zu setzen auf ein trgerisches Spiel.

Leopold. Fernand, sie haben dich.

Ferdinand. Was fllt dir ein?

Leopold. Wer billigt, der bewilligt wohl zuletzt.

Ferdinand (fortfahrend).
Auch sind im Heer beinah nur Protestanten,
Und wo der Glaube fehlt, wo bleibt die Hoffnung?

Klesel (zu Mathias).
Beliebt's Euch hoher Herr?

Mathias. Was das betrifft,
So wei ich keinen glubiger als mich.
Doch ist das Land, sind seine hchsten Stellen
Mit diesen Protestanten dicht besetzt.
Mu ich sie schonen nicht, will ich sie brauchen?
Mu ich sie brauchen nicht, wenn zwingt die Not?
Und sag ich's nur: die Fhigsten, die Khnsten,
Die Ketzer sind's, ich wei nicht wie es kommt.

Klesel (auf sein Papier herabgebeugt, wie vor sich).
Der Krieg ist dieser Spaltung Keim und Wurzel.

Ferdinand (auf Klesel).
Da spracht Ihr wahr, wenn irgend jemals sonst!
Weil Ruhe war in meiner Steiermark,
Weil ich bei Ketzern brauchte nicht zu betteln,
Gelang's mir ihre Rotte zu zerstreun;
Und deshalb, wre nicht des Kaisers Wille,
Stimmt' ich in Euern Antrag freudig ein.
Doch gb' es einen Ausweg, wie mir deucht,
Der Krieg und Frieden gleicherweis vereint:
Den Waffenstillstand--(Zu Klesel.) Schttelt Ihr den Kopf?

Mathias. Und soll er nicht, solang sein Kopf ihm eigen?
Glaubt ihr, der Trke werde mig gehn,
Fr Waffenruh' und solchen armen Tand,
Des Vorteils sich begeben, der ihm lacht?
--Wenn er im Vorteil ja, wie's wirklich scheint.--
Das ist der Fluch von unserm edeln Haus:
Auf halben Wegen und zu halber Tat
Mit halben Mitteln zauderhaft zu streben.
Ja oder nein, hier ist kein Mittelweg.

Ferdinand. Wenn man uns drngt, das ist nicht Brauch noch Sitte.

Mathias. Es drngt die Zeit; wir selbst sind die Bedrngten.

Ferdinand. Und kennt man die Bedingungen des Feinds?

Klesel (den Stuhl rckend).
Das ist zu wissen leicht aus erster Quelle.
Des Ofner Bassa Sekretr und Dolmetsch
Ist hier im Lager; wenn Ihr es gestattet,
Fhr ich ihn her, hrt selbst dann was er bringt.

Max. Mir ist gemein nichts mit den grimmen Trken.

Ferdinand (heftig).
Wei sonst man irgend, frag ich noch einmal,
Die Punkte die der Heide nimmt und gibt.

Klesel. Der Stand wie vor dem Krieg.

Max. Das wre billig.

Leopold. Halt aus, Fernand, halt aus! Kehr ruhig heim.
Ich bleibe hier; wr's als gemeiner Reiter,
Wr's auf den Trmmern des zerstrten Wiens,
Durch Blut und Krieg mit allen seinen Schrecken,
Zu fechten fr des Kaisers Macht und Willen.

Ferdinand (sich mit Abscheu von ihm wendend).
Nun Frieden also denn!

Leopold. Fernand auch du?

Ferdinand. Fragst du mich noch, der du mich selber zwingst,
Mir schildernd alle Greuel des Verweigerns?

Klesel (ruhig zu Mathias).
Ihr seid fr Krieg?

Mathias. Wenn man mich berstimmt!

Leopold. Hier ist noch einer. Ohm, wir sind zu zwei.

Mathias. Gerade deshalb Frieden auch.

Max. Wir sind zu Ende.

Klesel. Vorerst erlaubt, da mit zwei Worten nur,
Dem Pfortendolmetsch, der im Lager harrt,
Den Ratschlu ich verknde samt dem Frieden.

Ferdinand. Warum so rasch?

Klesel. Wir haben dann was Ihr
In Eurer Weisheit wnschenswert erachtet:
Stillstand der Waffen. Denn, o Herr bedenkt!
Bentzt der Trke seinen jetz'gen Vorteil
Und schneidet ab das Heer im Rcken gar,
So steigert er, befrcht ich, seine Fordrung
Und unsre Opfer steigern sich zugleich.

Max. Schreibt immer denn!

Ferdinand. In mir ringt's wirren Zweifels.
Was gb' ich nicht wr' mir der Schritt erspart.

Max. Zuletzt hat unser Bruder jngster Zeit
So sehr sich von Geschften rckgezogen
Und aufgeschoben was doch unverschieblich,
Da ihm ein milder Zwang vielleicht erwnscht.

Leopold. Ihr werdet sehen was Ihr angerichtet.

(Klesel klingelt, ein Diener erscheint.)

Klesel (den gefalteten Zettel bergebend).
Des Ofner Bassa Sekretr. Sogleich!

(Diener ab.)

Max. Noch einmal sag ich denn: wir sind zu Ende.

Klesel. Nicht ganz, erlauchte Herrn! (Aufstehend.) Wenn ich bisher
Nur auf Erlaubnis sprach und wider Willen,
Tret ich nun auf in meinem eignen Amt,
Als Seelenhirt, als Redner fr ein Volk
Und als Vertreter unsers heil'gen Glaubens.
Dieselbe Stimme, die in Wien und Neustadt
Zu Tausenden bekehrt mit ihrer Macht
Erheb ich nun mit gleichem Feuereifer
Im Angesicht der Gegenwart und Zukunft.
Ihr schlot den Frieden edle Herrn, allein
Wenn ihn, gesetzt, der Kaiser nun verwirft?

Max. Er wird es nicht.

Leopold. Er wird's.

Klesel (zu Leopold hhnisch).
Ihr habt's getroffen
Und kennt, so scheint's, des Kaisers tiefste Meinung.

(Mathias will auffahren, Klesel hlt ihn mit einer Handbewegung
zurck.)

Ferdinand. Das sagt Ihr uns, nachdem der Bote fort,
Der unser Wort verpfndet an den Trken?

Klesel. Die Not erkennend schlot Ihr den Vertrag,
Doch erst gehalten sind Vertrge wirklich.
Wenn nun der Kaiser Euern Schlu verwirft?

Max. Dann waschen wir in Unschuld unsre Hnde.

Klesel. Das wre Unschuld schlimmer noch als Schuld.
Dies edle Land, es darf nicht untergehn
Und alles was dem Menschen hoch und heilig
Nicht von dem berdru, den Wechsellaunen
Und der Entfernung zwischen Prag und Wien
Abhngig sein zu drohendem Verderben.
Am heut'gen Tag, vertragend mit dem Feind,
--Obgleich vorlufig nur, auf sptern Abschlu--
Erkanntet in Euch selber Ihr die Macht
Zu sorgen fr des Vaterlandes Beste.
Doch nicht der Kaiser nur ist wankelmtig,
Der Trk' ist treulos, als ein Heide schon,
Im ganzen Reich der fernen Mglichkeiten
Ist nichts als Zweifel, Arglist und Gefahr.
Ihr knnt nicht immer hier zu Rate sitzen,
Deshalb ist ntig, da fr alle einer
Mit Macht bekleidet, wenns die Not erheischt,
Zu handeln als des Hauses Hort und Sule.

Leopold. Er spricht fr seinen Herrn.

Klesel. Diesmal nicht also!
Befragt Ihr mich, wen ich vor allen liebe,
Wen ich an Tapferkeit, an hohem Sinn,
Voran den Frsten mancher Lnder setze,
So ist die Antwort: ihn dort, meinen Herrn.
Allein zu solchem Amt fehlt ihm die Festigkeit,
Nicht Kraft, doch das Beharren im Entschlu.

Mathias (zornig).
Ich will Euch zeigen, ob ich fest, ob nicht.

Klesel. Auch hat man uns geheimes Einverstndnis
Mit Ketzern, Unzufriednen Schuld gegeben,
Das darf nicht sein bei anvertrauter Macht.
Erzherzog Maximilian wre rein.

Max. Ich bin entwohnt des Wirkens und Befehlens,
Mich trfe ganz was meinen Bruder halb.

Klesel. Nun denn: ein Muster hier der Festigkeit,
Der Herr der Steiermark, der, rascher Tat,
Die Ketzerei getilgt in seinem Land.

Mathias. Was fllt Euch ein? Ist Euch denn nicht bekannt,
Da diese Grzer um des Kaisers Gunst,
Mit Hoffnung wohl zu folgen auf dem Thron,
Der eine laut, der andre leise buhlen?

Ferdinand (zu Klesel).
Auch, habt gerhmt Ihr meine Festigkeit,
Vergat Ihr ihre Wurzel: das Gewissen;
Das eine Beugung etwa mir erlaubt
Zu gutem Zweck, wie etwa heut und jetzt;
Doch bertretung, frmliche Verletzung
Mir nicht gestattet, glt' es eine Krone.
Mathias ist des Hauses ltester,
Tut not denn bertragene Gewalt,
Wie es fast scheint, so sei sie ihm vertraut.

Mathias. Ja mir gebhrt's vor allen und mit Recht.

Klesel (ein Papier aus dem Busen ziehend).
Da braucht es nur noch Eure Unterschrift.

Leopold. Seht Ihr den Schalk? er hat's schon in der Tasche.

Klesel. Die Vollmacht ja, allein der Name fehlt.
(Die Schrift hinhaltend.)
Er blieb hier wei.

Ferdinand (zu Max).
Wenn's Oheim Euch genehm.

(Sie lesen die Schrift.)

Leopold. Schreibt nur Rudolphus, so bleibt's nach wie vor.
Ihr habt uns hier am Narrenseil geleitet,
Ich geh nach Prag und zeig's dem Kaiser an.

Mathias. Das drft Ihr nicht.

Klesel (demtig).
Herr, das war die Bedingung:
Geheimzuhalten was beschlo der Rat.

Leopold (sein Wehrgehng zurechtrichtend).
So will ich nur im offnen und geheimen
Den Kaiser schtzen, den Ihr doch bedroht.

Ferdinand. Ich setze denn Mathias.

Max. Immerhin.

Ferdinand (unterzeichnend).
Und hier die Unterschrift.

Max (ebenso).
Sowie die meine.

Ferdinand (der aufgestanden ist).
Wenn ich betrachte dieses Unglcksblatt
So geht's durch meine Seele wie Verderben.

Klesel. Sie liegt noch hier; es braucht nur sie zerreien,
So stehen wir auf gleichem Platz wie vor.

Ferdinand. Ich fhle wohl, es mu. Komm Leupold mit nach Grz,
Es drngt mich mein Gewissen auszuschtten
Vor dem der seine Zweifel kennt und lst.

Max (aufstehend).
Es ist geschehn. Nun Bruder aber hre:
Sei fest und treu! Vor allem aber wisse:
Warst eines Sinnes du mit diesem Mann
(auf Klesel zeigend) Ich htte die Gewalt dir nicht gegeben.
Drum brauch ihn, er ist klug, doch hte dich.

Mathias (streng).
Ich werde wohl, und hab ihn heut erkannt.

Ferdinand. Vielmehr begehr ich, da Ihr ihn gebraucht,
Er ist ein Eifrer fr die fromme Sach.

Leopold. Du zitterst ja!

Ferdinand. La nur, es geht vorber.

Leopold. Wir haben keinen guten Kampf gekmpft.

Mathias. Wollt ihr schon fort?

Max. La uns! wir sind betrbt.
Und ohne Abschied denn!--Geht ihr?

Ferdinand. Leopold. Wir folgen.

Mathias. Zur Kutsche wenigstens nehmt das Geleit.
Auf bald'ges, frohes Wiedersehn.

Die Erzherzoge. Wir hoffen's.

(Sie gehen, von Mathias geleitet.)

Klesel. Nun rasch ans Werk! Vor allem die Depeschen.
(Er setzt sich und schreibt.)

Mathias (zurckkommend).
Wie, du noch hier? Du trittst vor meine Augen,
Nachdem du erst gesprochen wider mich?

Klesel (aufstehend).
Herr, wider Euch? fr Euch! Ihr habt die Schrift,
Die Euch zum Herren macht in diesem Land.

(Da Mathias zu ihm tritt.)

Wenn Ihr mich strt such anderwrts ich Ruh'.
Es gilt zu schreiben, schreiben, rasch und viel.
Und diese Schrift, Ihr sollt mir sie noch kssen,
Wie ich sie ksse jetzt.
Wir sind geborgen.

(Er tritt ins Innere des Zeltes, dessen Vorhnge er herablt.)

Mathias. Er ist ein Rtsel was er tut und spricht
Und seine Rede streitet mit ihm selber.--
Nun ja, die Schrift (Freudig auffahrend.) He Klesel, Klesel hre!
(Er tritt an den Vorhang.)
Er gibt nicht Antwort. La ich ihn denn jetzt!
Ein Meer von Bildern schwimmt vor meiner Seele.

(Auf die Seitentre zugehend bleibt er stehen, als ob er umkehren
wollte, geht aber nach einigem Besinnen ab.)



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Gegend in der Nhe des kaiserlichen Lagers.

Abenddmmerung. Man hrt einige Flintenschsse hinter der Szene.
Prokop, ein bloes Schwert in der Hand, kommt mit seiner Tochter.

Prokop. Komm meine Tochter, noch hlt dieser Arm
Und fhlt sich stark genug dich zu verteid'gen.

(Zwei kaiserliche Soldaten folgen.)

Erster. Gebt Euch, sag ich, Ihr lebtet lngst nicht mehr,
Wr' nicht die Furcht das Mdchen zu verletzen.

Prokop (rufend).
Janek! Basil!

Zweiter. Die hrten auf zu hren.
Ihr seid der einzig Lebende, drum hrt!

Prokop. So will ich sterben denn, mein Kind verteid'gend.
Allein was wird aus ihr, wenn ich erlag.

Erster. Das eben, Herr, bedenkt und weicht der Not
Sonst eins, zwei, drei, und Euer Tag ist aus.

(Sie nhern sich ihm.)

Prokop. Lebt denn kein Retter mehr im weiten All?
Kein Helfer, der bedrngte Unschuld schirmt?

(Trompeten in der Nhe.)

Prokop. Hrt ihr?

(Ein dritter Soldat kommt.)

Erster. Was ist?

Dritter. Die Herrn Erzherzoge,
Die, stark begleitet, aus dem Lager kehren,
Ein Unstern fhrt sie eben hier vorbei.
Wir sind zu schwach, entflieht!

Erster. Ich werde wohl!
Der Lohn, zum Glck, ward vorhinein bezahlt.

(Sie ziehen sich zurck.)

Prokop. Wir sind gerettet Kind! Lukrezia hrst du?

(Erzherzog Leopold und Oberst Ramee kommen mit Begleitung, die bloen
Schwerter in der Hand.)

Leopold. Nicht Trken sind's, des eignen Lagers Auswurf,
Zu Brudermord gezckt das feige Schwert.
Verfolgt sie, gebt dem Henker seine Beute!

(Ramee und einige in der Richtung der Flchtigen, ab.)

Leopold. Und wer seid Ihr?

(Erzherzog Ferdinand mit Dienern und Fackeln ist gekommen.)

Prokop (gegen Ferdinand gewendet).
Ein Brger, Herr, von Prag,
Mit seiner Tochter, die Euch dankt die Rettung.
Ein Mchtiger am Hof verfolgte sie;
Deshalb nun wollt' ich sie nach Dukla bringen
Zu einer Tante, die dort lebt im Schlo.
Allein der Kriegslrm, damals weit entfernt,
Er berholte uns auf unsrer Reise.
Seitdem nun irren wir auf Seitenwegen
Und hofften in dem Christenlager Schutz.

Leopold (Lukrezias Hand fassend).
Erholt Euch, schnes Kind.

Lukrezia (die Hand zurckziehend).
Nicht schn, doch ehrbar.

(Ramee und seine Begleiter kommen mit einem in einen dunkeln Mantel
Verhllten zurck.)

Ramee. Den einz'gen nur gelang es zu ereilen.

Leopold. Verhllt Ihr Euch? Es ist nicht Fastnachtzeit!
Die Fackel her!

(Ein Diener leuchtet hin.)

Lukrezia. O Gott, er ist's.

Erzherzog Ferdinand. Don Csar!

Prokop. Derselbe den wir flohn.

Ferdinand. Wie kommt Ihr hieher?

Don Csar. Fragt nicht und lat mich frei.

Ferdinand. Nicht also, Freund!
Der Kaiser will Euch gern in seiner Nhe,
Und Ihr bedrft, so seh ich, strenger Hut.
(Zu einem Befehlshaber.)
Geleitet ihn mit Eurer Schar von Reitern
Und sagt dem Kaiser, wenn ihr kommt nach Prag--
Allein das tu ich selbst, wenn's an der Zeit.
Geht nur! Ihr haftet mir fr seine Stellung.

(Don Csar wird fortgebracht.)

Prokop. Allein was wird aus uns?

Erzherzog Ferdinand. Schliet Euch nur an,
Bis Ihr die Grenze habt erreicht von Mhren,
Wo sicher Euer Weg.

Prokop. Nehmt tausend Dank.
Komm nur mein Kind!
(Nach Don Csar hinweisend.)
Er kann nicht weiter schaden.

(Ab mit Lukrezia.)

Leopold. Nun, Bruder, sieh, wir taten doch ein Gutes.

Ferdinand. Nachdem wir Schlimmes erst, ich fhl's, getan.

Leopold. Sei nicht betrbt, es findet sich noch alles.
Was halb du weit und halb ich dir verschwieg:
Das Heer in Passau, das ich, andern Vorwands,
Seit lange werb, es stellt die Waage gleich
Und gibt dem Kaiser wieder seine Rechte.

Ferdinand (die Arme auf seine Schultern legend).
Nichts Unvorsichtiges mein Freund und Bruder!

Leopold (whrend Ferdinand sich auf ihn sttzt).
Voraussicht ist ja Vorsicht, oder nicht?
Die Klugheit gibt nur Rat, die Tat entscheidet.
Es soll sich alles noch zum Guten wenden.

(Indem sie abgehen, fllt der Vorhang.)




Dritter Aufzug

Zimmer im Schlosse auf dem Hradschin. Rechts im Hintergrunde eine
trfrmige ffnung, in der ein Schmelztiegel auf einem chemischen
Ofen steht. Daneben der Haupteingang.

Kaiser Rudolf kommt aus einer Seitentre rechts.


Rudolf. He Martin, Martin! Plagt dich denn der Bse?
Ist alles denn verworren und verkehrt?
Es fehlt an Kohlen, Kohlen.

(Ein Mann in beruter Jacke und Mtze, einen Korb Kohlen am Arme,
ist eingetreten.)

Rudolf. Trger Zaudrer!
Besorgt denselben Dienst seit dreiig Jahren
Und gafft und glotzt als wr's zum erstenmal.

(Der Mann beschftigt sich im Hintergrunde.)

Wo schttest du die Kohlen hin? Carajo!
Scheint's doch du willst mir die Retorte fllen
Und nicht den Herd. Verwnschter Schlingel!
Bist du bezahlt zu Tode mich zu rgern?

Der Mann (nach vorn kommend, seine Mtze abnehmend und sich auf ein
Knie niederlassend).
Verzeiht, o Herr, ich bin's nur nicht gewohnt.

Rudolf. Du bist nicht Martin!--Fuego de Dios!

(Der Mann hat auch das Wams geffnet.)

Rudolf. Ah--Herzog Julius von Braunschweig Liebden!
Wie kommt Ihr her? und doch zumeist
(Mitrauisch mehrere Schritte zurcktretend.) Was wollt Ihr?

Herzog Julius. Seit vierzehn Tagen such ich Audienz
Und konnte nun und nimmer sie erhalten,
Da griff ich in der Not zu dieser List.
Verzeiht dem Treuen der es gut gemeint.

Rudolf. Ha, ha, ha, ha! Kein bler Spa! Steht auf!
Ihr knnt nun wenigstens dem Volk besttigen,
Da ich noch lebe, was man, heit's, bezweifelt.

Julius (der aufgestanden ist).
Bezweifelt, und mit Recht.

Rudolf. Ja alter Freund,
Damit ich lebe mu ich mich begraben,
Ich wre tot, lebt' ich mit dieser Welt.
Und da ich lebe ist vonnten Freund.
Ich bin das Band, das diese Garbe hlt,
Unfruchtbar selbst, doch ntig, weil es bindet.

Julius (der den Kittel ausgezogen und auf einen Stuhl gelegt hat).
Doch wird das Band nun locker, Majestt?

Rudolf. Mein Name herrscht, das ist zur Zeit genug.
Glaubst: in Voraussicht lauter Herrschergren
Ward Erbrecht eingefhrt in Reich und Staat?
Vielmehr nur: weil ein Mittelpunkt vonnten,
Um den sich alles schart was Gut und Recht
Und widersteht dem Falschen und dem Schlimmen,
Hat in der Zukunft zweifelhaftes Reich
Den Samen man geworfen einer Ernte,
Die manchmal gut und vielmal wieder sprlich.
Zudem gibt's Lagen wo ein Schritt voraus
Und einer rckwrts gleicherweis' verderblich.
Da hlt man sich denn ruhig und erwartet
Bis frei der Weg, den Gott dem Rechten ebnet.

Julius. Doch wenn Ihr ruht, ruhn deshalb auch die andern?

Rudolf. Sie regen sich, doch immerdar im Kreis.
Die Zeit hat keine Mnner, Freund wie Feind.

Julius. Allein der Krieg in Ungarn?

Rudolf. Der ist gut.
Den Krieg, ich ha ihn als der Menschheit Brandmal
Und einen Tropfen meines Blutes gb' ich
Fr jede Trne, die sein Schwert erpret;
Allein der Krieg in Ungarn der ist gut.
Er hlt zurck die streitenden Parteien,
Die sich zerfleischen in der Meinung schon.
Die Trkenfurcht bezhmt den Lutheraner,
Der Aufruhr sinnt in Taten wie im Wort,
Sie schreckt den Eifrer meines eignen Glaubens,
Der seinen Ha andichtet seinem Gott.
Fluch jedem Krieg! Doch besser mit den Trken,
Als Brgerkrieg, als Glaubens-, Meinungsschlachten.
Hat erst der Eifer sich im Stehn gekhlt,
Die Meinung sich gelst ins eigne Nichts,
Dann ist es Zeit zum Frieden, dann mein Freund,
Soll grnen er auf unsern lichten Grbern.

Julius. Allein der Friede ward geschlossen.

Rudolf. Ward.
Ich wei, doch nicht besttiget von mir,
Und also ist es Krieg bis Gott ihn schlichtet.
Doch da ich nicht auf Zwist und Streit gestellt--
Siehst du? ich schmelze Gold in jenem Tiegel.
Weit du wozu?--Es hrt uns niemand mein ich.--
Ich hab erdacht im Sinn mir einen Orden,
Den nicht Geburt und nicht das Schwert verleiht,
Und Friedensritter soll die Schar mir heien.
Die whl ich aus den Besten aller Lnder,
Aus Mnnern, die nicht dienstbar ihrem Selbst,
Nein, ihrer Brder Not und bitterm Leiden;
Auf da sie weithin durch die Welt zerstreut,
Entgegentreten fernher jedem Zwist,
Den Lndergier und was sie nennen: Ehre,
Durch alle Staaten st der Christenheit,
Ein heimliches Gericht des offnen Rechts.
Dann mag der Trke drun, wir drohn ihm wieder.
Nicht auen auf der Brust trgt man das Zeichen,
Nein innen wo der Herzschlag es erwrmt,
Es sich belebt am Puls des tiefsten Lebens.
Mach auf dein Kleid!--Wir sind noch unbemerkt.
(Er hat aus der Schublade des Tisches eine Kette mit daranhngender
Schaumnze hervorgezogen.)
Der Wahlspruch heit: Nicht ich, nur Gott.--Sprich's nach!

Julius (der sein Kleid geffnet und sich auf ein Knie niedergelassen
hat).
Nun denn. Nicht ich, nur Gott--und Ihr!

Rudolf. Nein wrtlich.

Julius. Nicht ich, nur Gott.

Rudolf (nachdem er ihm die Kette umgehangen).
Nun aber schlie die Hlle,
Da niemand es erblickt. Du bist ein Ketzer,
Allein ein Ehrenmann. So sei geehrt.

Julius (der aufgestanden ist).
O Herr, wenn Ihr dem Andersmeinenden,
Ihr mir die Huld verleiht, die mich beglckt,
Warum vershnt Ihr nicht den Streit der Meinung
Und gebt dem Glauben seinen Wert: die Freiheit,
Euch selbst befreiend so zu voller Macht?

Rudolf. Zu voller Macht? Die Macht ist's was sie wollen.
Mag sein, da diese Spaltung im Beginn
Nur miverstandne Satzungen des Glaubens,
Jetzt hat sie gierig in sich eingezogen
Was Unerlaubtes sonst die Welt bewegt.
Der Reichsfrst will sich lsen von dem Reich,
Dann kommt der Adel und bekmpft die Frsten;
Den gibt die Not, die Tochter der Verschwendung
Drauf in des Brgers Hand, des Krmers, Mklers,
Der allen Wert abwgt nach Goldgewicht.
Der dehnt sich breit und hrt mit Spotteslcheln
Von Toren reden, die man Helden nennt,
Von Weisen, die nicht klug fr eignen Sckel,
Von allem was nicht ntzt und Zinsen trgt.
Bis endlich aus der untersten der Tiefen
Ein Scheusal aufsteigt, grlich anzusehn
Mit breiten Schultern, weitgespaltnem Mund,
Nach allem lstern und durch nichts zu fllen.
Das ist die Hefe, die den Tag gewinnt
Nur um den Tag am Abend zu verlieren,
Angrenzend an das Geist- und Willenlose.
Der ruft: Auch mir mein Teil, vielmehr das Ganze!
Sind wir die Mehrzahl doch, die Strkern doch,
Sind Menschen so wie ihr, uns unser Recht!

Des Menschen Recht heit hungern, Freund, und leiden,
Eh' noch ein Acker war, der frommer Pflege
Die Frucht vereint, den Vorrat fr das Jahr;
Als noch das wilde Tier, ein Brudermrder,
Den Menschen schlachtete der waffenlos,
Als noch der Winter und des Hungers Zahn
Alljhrlich Ernte hielt von Menschenleben.
Begehrst ein Recht du als ursprnglich erstes,
So kehr zum Zustand wieder der der erste.
Gott aber hat die Ordnung eingesetzt,
Von da an ward es licht, das Tier ward Mensch.

Ich sage dir: nicht Szythen und Chazaren,
Die einst den Glanz getilgt der alten Welt,
Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Vlker:
Aus eignem Scho ringt los sich der Barbar,
Der, wenn erst ohne Zgel, alles Groe,
Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche
Herabstrzt von der Hhe, die sie schtzt,
Zur Oberflche eigener Gemeinheit,
Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig.
(Er setzt sich.)

Julius. Ihr schtzt die Zukunft richtig ab, das Ganze,
Doch drngt das Einzelne, die Gegenwart.

Rudolf. Mein Haus wird bleiben, immerdar, ich wei,
Weil es mit eitler Menschenklugheit nicht
Dem Neuen vorgeht oder es begleitet,
Nein, weil es einig mit dem Geist des All,
Durch klug und scheinbar unklug, rasch und zgernd,
Den Gang nachahmt der ewigen Natur,
Und in dem Mittelpunkt der eignen Schwerkraft
Der Rckkehr harrt der Geister, welche streifen.

Julius. Doch Eure Brder denken nicht wie Ihr.

Rudolf. Mein Bruder ist nicht schlimm, obgleich nicht klug.
Ich geh ihm Spielraum, er begehrt zu spielen.

Julius. War's Spiel? da eigner Macht er schlo den Frieden,
Ist's Spiel? da er den Herren spielt im Land?

Rudolf. Du spielst mit Worten wie er mit der Macht.

Julius. Man sagt, der Trke hab ihm angeboten
Die Krone Ungarns.

Rudolf. Sagt! Die Krone Ungarns.
Der Trke hat das Land. Was soll das Zeichen?

Julius. Die Protestanten,--Herr, ich bin ein Protestant,
Doch nur im Glauben, nicht in Widersetzung--
Sie haben ihm als Preis der Glaubensbung
Beistand geschworen wider mnniglich.

Rudolf. Mein Bruder ist katholischer als ich.
Er ist's aus Furcht, indes ich's nur aus Ehrfurcht.
Die Glaubensfreiheit stnde gut mit ihm!

Julius. So ntzt er sie um spter sie zu tuschen.
Die Wirkung bleibt die nmliche fr jetzt.
In Mhren greift die Regung schon um sich
Und fremde Truppen ziehen durch die Stdte.

Rudolf. Das ist der Tilly, den ich hingesandt--
Ich bin so blind nicht all ihr etwa glaubt--
Der hlt das Land in Zaum.

Julius. Es sind die Vlker
Aus Eures Bruders ungarischem Heer.
In Bhmen selbst--

Rudolf. Du weit nicht was du sprichst.
Die Bhmen sind ein starres Volk, doch treu.

Julius. Vor allem treu stammalter berzeugung.
Der Hu ist tot, doch neu regt sich sein Glaube.
In Prag hlt man schon Rat und knpft Vereine.

Rudolf (gegen die Tre gewendet).
Und das verschweigt man mir?

Julius. Verzeiht o Herr!
Man will es Euch gemeldet haben, doch--

Rudolf. Der eine sagt mir dies, der andre das,
Wie's ihm sein Vorteil eingibt, seine Meinung.
Arm sind wir Frsten, wissen das Geheime,
Allein das Offenkund'ge, was der Bettler wei,
Der Tagelhner, bleibt uns ein Geheimnis.
Auch war soviel zu tun in letzter Zeit.
Der Schotte Dee war hier. Ein Mann der Wunder,
Der eindringt in die Urnacht des Geschaffnen
Und sie erhellt mit gottgegebnem Licht.
Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.
Htt' ich gleich ihm nur einen mir zur Seite,
Ich stnde dieser Welt und ihrem Drun.

Julius. Ihr seid verraten, hoher Herr, verkauft.
Indes Ihr lernt, lehrt Ihr der Welt den Aufruhr,
Der schon entfesselt tobt in Euern Stdten.

Rudolf. Hast du's gesehn?

Julius. Ich nicht.

Rudolf. So sprich auch nicht!
Ein jeder sieht ein andres, nein, sieht nichts
Und gibt den Rat, der nichtig schon von vornher.

Julius. Ein Mann ist hier, er kommt von Brnn und Wien.
Er hat gesehn. Es ist derselbe, Herr,
Der Euern Flchtling rckgebracht--Don Csar.

Rudolf. Bring ihn zu mir den Mann! Ich will ihn sprechen.
Er hat geleistet mir den hchsten Dienst,
Der mir erwiesen ward seit langen Jahren.

Julius. Er ist im Vorgemach.

Rudolf. Warum nicht hier?
Was zgert er? Warum nicht mir genber?
Don Csar! Wie mein Innres sich emprt!
Der freche Sohn der Zeit.--Die Zeit ist schlimm,
Die solche Kinder nhrt und braucht des Zgels.
Der Lenker findet sich, wohl auch der Zaum.

(Herzog Julius hat indessen Lukrezias Vater eingefhrt.)

Rudolf (ihm einige Schritte entgegengehend).
Ah du, mein Ehrenmann! (Zurcktretend.) Bleibt immer dort!
Dort an der Tr. Ihr seid ein Brger Prags?

Prokop. Ich bin es, Majestt.

Rudolf. Seit wann denn fhren
Die Brger Waffen?

Prokop (auf den Dolch in seinem Grtel blickend).
Herr, die bse Zeit
Gebeut zu rsten sich
(Den Dolch mit der Scheide aus dem Grtel ziehend, mit einer Bewegung
nach der Tre.)
Doch will ich--

Rudolf. Bleibt!
Ihr habt den Flchtling der sich Csar nennt
Gestellt uns als Gefangenen zur Haft.
Wir danken Euch, und denken Eure Tochter
Zu schtzen gegen ihn; vorausgesetzt,
Da sie nicht selbst, wie etwa Weiberart,
Ihn anfangs tndelnd angezogen--

Prokop. Nein!

Rudolf. Nun Ihr sprecht kurz. Ihr seid ein Protestant?

Prokop. Herr, Utraquist, des bhm'schen Glaubens.

Rudolf. So!
Warum des bhmischen und nicht des deutschen?
Des welschen, griechisch, span'schen?--Arme Wahrheit!
Verga ich fast doch, da es so viel Kirchen
Als Kirchenrume gibt und--Kirchhofgrber.
Nun gut. Vor Csar lebt nur knftig sicher,
Ich will ihn hten wie des Auges Stern.
Und hrt ihr einst er sei zu Nacht gestorben,
So denkt nur: seine Krankheit hie Verbrechen
Und Strafe war sein Arzt.--Ihr kommt von Wien.
Ich wei was man dort treibt und halb ich dulde
Und halb ein Wink von meiner Hand zerstreut.
Doch lstet mich's zu hren was ihr saht,
Ein einfach schlichter Mann.

Prokop (gegen Herzog Julius).
Das von der Huld'gung?
(zum Kaiser.) Ich war dabei in Wien als beide streich
Im Landhaussaal geschworen Euerm Bruder.

Rudolf. Geschworen als Erzherzog, nun er ist's.

Prokop. Umringt war er von ung'rischen Magnaten
Als er den Saal betrat, die laut und jubelnd
Ihn grten als des Ungarlandes Knig.

Rudolf. Das ist nicht wahr!

Prokop (zu Herzog Julius).
So kann ich wieder gehn?

Rudolf. Wenn ich Euch's heie, frher nicht noch spter.
Der Ungarn Knig? Nun: voraus bezeichnet,
Nachfolger etwa; ob auch das zur Zeit
Nicht sicher noch, abhngig von gar vielem.
In Mhren dann?

Prokop. Ich war in Brnn zugegen
Beim Einzug Eures Bruders, wo er jubelnd,
Vor allem von den Dienern meines Glaubens,
Empfangen ward, ein Retter in der Not.
Die protestant'schen Kirchen stehen offen;
Und ob er gleich sich letzter Zeit entfernt--

Rudolf. Entfernt? Wohin?

Prokop. Man wei nicht, Herr, die Richtung.

Rudolf (zu Herzog Julius).
Ich sage dir: er ging zurck nach Wien.
Ihm fehlt der Mut. Ich kenne diesen Menschen:
Zum Anfang rasch, doch zgernd kommt's zur Tat.
(Zu Prokop.) Ich danke dir mein Freund und wei genug;
Der Aufstand ist am Schlu wie dein Bericht.

Prokop. Obgleich sich der Erzherzog nun entfernt,
Blieb doch an seiner Stelle Bischof Klesel,
Der mit der Grenze meuterisch verkehrt.

Rudolf. Wie war das? Klesel? Ist er doch in Neustadt,
Wohin ich ihn gebannt, in seinem Sprengel.

Prokop. Er ist in Brnn, wo ich ihn selber sprach
Von wegen meines sicheren Geleits,
Und steht vor allen nahe dem Erzherzog.

Rudolf (zu Herzog Julius).
Das wre schlimm. Wenn jener list'ge Priester
Das was dem andern fehlt, den Mut, die Tatkraft,
Ihm gsse in die unentschiedne Seele.
Das wre schlimm, und denk ich fort und weiter,
Vergrert sich's zu wirklicher Gefahr.
(Zu Prokop.) Ich dank Euch guter Freund! Ihr seid entlassen,
Und Euer Kind, es zhl' auf meinen Schutz.

(Da Prokop sich entfernt und die Tre offensteht.)

He Wolfgang Rumpf! Wolfgang Rumpf!

Wolfgang Rumpf (eintretend).
Hier Majestt.

Rudolf. Bringt die Berichte dieser letzten Tage,
Und was an Briefen, in mein Kabinett.
Und will ich knftig ungestrt mich wissen,
So hindert's nicht, da, wenn das Haus in Flammen,
Ihr dennoch kommt und ansagt: Herr, es brennt.

Herzog Julius (zu Rumpf halblaut).
War's mglich denn?

Rumpf (ebenso).
Ihr wit nicht edler Herzog.
Der Kaiser drohten mit geschwungnem Dolch,
Wenn jemand nur ihn anzusprechen wagte.

Rudolf. Nun wohl, Ihr habt das Znglein an der Waage,
Das ich mit Sorge hielt im Gleichgewicht,
Ihr habt es rohen Drngens angestoen,
Es schwankt und blut'ge Todeslose fallen
Aus beiden Schalen auf die bange Welt.
Leiht mir nicht Eure Schuld; wenn's etwa Schuld nicht,
Da ich vertraut, und nur ein Mensch, kein Gott.
Ruft mir den Kanzler!

Rumpf. Herr, er ist schon hier
Und spricht im span'schen Saale zu den Stnden.

Rudolf. Die Stnde, wie?

Rumpf. Die gleicherweise erschienen
Von des Gerchtes Stimmen aufgeregt.
(Zu Herzog Julius.)
O Herr, o Herr! Wir wissen's erst seit jetzt:
Des Herrn Erzherzoges Mathias Gnaden
Sind insgeheim von Brnn verrckt nach Tabor,
Von wo sie nun durch Meuterer verstrkt
Mit Heeresmacht heranziehn gegen Prag.
Die Stadt ist in Bewegung, Manifeste
Sind angeschlagen an den Straenecken,
Die von des Kaisers Hoheit ehrfurchtlos--

Rudolf. Ich wei den Inhalt dieser Manifeste:
Da ich, ein alter Mann, an Willen schwach
Entziehe mich dem Reich und seinen Sorgen;
Indes mich das Gespenst der blut'gen Zukunft
Verfolgt bis in mein innerstes Gemach,
Und, nachts empor auf meinem Lager sitzend,
Der Trommel Ruf, des Schlachtenlrms Getos
Mir wachend schlgt ans Ohr, den Traum ergnzend.
Dazu noch das Bewutsein, da im Handeln,
Ob so nun oder so, der Zndstoff liegt,
Der diese Mine donnernd sprengt gen Himmel.
Ihr habt gehandelt, wohl! das Tor geht auf
Und eine grasse Zeit hlt ihren Einzug.

Was wollen sie die Stnde? Wei man es?

Rumpf. Sie tragen eine Handfest vor sich her,
Von Pergament gerollt, auf einem Kissen.

Rudolf. Es ist der Majesttsbrief, den sie frher
Mir vorgelegt, doch damals ich zurckwies,
Berechtigung zusichernd ihrem Glauben.
(Bitter.) Die Zeit scheint ihnen gnstig zum Vertrag.
(Die Mtze abziehend, heftig.)
Allmcht'ger Gott, der du mich eingesetzt,
Zu wahren deiner Ehre und der meinen,
Die Doppellast sie spottet meiner Kraft
Und nicht vermag ich frder sie zu tragen.
Ich stelle dir zurck was deines Reichs,
Bist du der Starke doch, und was du willst
Fhrst du zum Ziel durch unerforschte Wege.
Doch was mein eignes Amt, da diese Welt
Ein Spiegel sei, ein Abbild deiner Ordnung,
Da Fried' und Eintracht wohnen brderlich
Vom Unrecht ungestrt und von Verrat,
Das will ich ben, stehst du, Gott, mir bei.
(Er hat sein Barett wieder aufgesetzt.)
Ich will hinber zu den treuen Stnden;
Treu nmlich, wenn--und ehrenhaft, obgleich--
Anhnglich auch, jedoch--wahrhaft, nur da--
Und wie die krummen Wege alle heien,
Auf denen Selbstsucht geht und die Gemeinheit.
(Er macht einige Schritte gegen die Tre, dann bleibt er stehen, mit
dem Fue stampfend.)
Mich widerts an. Ich mag den Hohn nicht sehn,
Die Schadenfreude auf den frechen Stirnen.
Ruft sie herber. Heit das: einen Ausschu
Fr alle fhrend insgesamt das Wort.
Ertrglich ist der Mensch als einzelner,
Im Haufen steht die Tierwelt gar zu nah.

Was zgerst du? ruf sie herber, sag ich.

(Rumpf ab.)

Nun Herzog Julius, fhlt Ihr noch die Kraft
Das Schwert zu schwingen in der alten Rechte?
Mich selbst befllt ein Hauch der Jugendzeit
Und an der Spitze, denk ich, meiner Treuen
Hinauszuziehn, um Stirne gegen Stirn
Den Aufruhr zu befragen was sein Ziel.
Nicht da mich lockt die stolze Herrschermacht
Und wt' ich Schultern die zum Tragen tchtig,
Ich schttelte sie ab als ekle Last,
Von da an erst ein Mensch und neu geboren,
Doch wenn es wahr, da Gott die Kronen gibt,
Geziemt es Gott allein nur sie zu nehmen,
Sie abzulegen, selbst, auch ziemt sich nicht.
Wo ist mein Degen? Wolfgang! Wolfgang Rumpf!
Er lehnt am Tisch zunchst an meinem Bette.

(Da Herzog Julius auf das Kabinett zugeht.)

Herr, Ihr bemht Euch selbst? Habt Dank, o Lieber!

(Herzog Julius ins Kabinett ab.)

Rudolf (gegen den Haupteingang gewendet).
Hrt mich denn niemand? Sind sie schon geflohn
Vom Niedergang gewendet zu dem Aufgang?
Das soll sich ndern, ja es soll, es mu.

(Herzog Julius kommt zurck.)

Rudolf. Ihr bringt den Mantel auch? Habt Ihr doch recht
Die Welt verlangt den Schein. Wir beide nur
Wir tragen innerhalb des Kleids den Orden.
(Nachdem er mit Herzog Julius Hilfe den Mantel umgehngt.)
Den Degen legt nur hin! Ist doch das Eisen
Fast wie der Mensch. Geschaffen um zu ntzen,
Wird es zur schneid'gen Wehr und trennt und spaltet
Die schne Welt und aller Wesen Einklang.

Ich hre kommen. Nun wir sind bereit,
Und frommt die Milde nicht, so hilft das Schwert.

(Der Kaiser setzt sich. Mehrere bhmische Stnde treten ein. Vor
ihnen ein Page, der auf einem samtenen Kissen eine Pergamentrolle trgt.)

Rudolf. Fragt sie was ihr Begehr?

(Da einer vortritt.)

Rudolf. Nicht Ihr Graf Thurn!
Ihr seid kein Eingeborner, seid kein Bhme,
Die Lust an Unruh hat Euch hergefhrt.
Lat einen andern, lat den nchsten sprechen.

Zweiter (vortretend).
Erlauchter Herr und Knig, gnd'ger Kaiser,
Euch ist bekannt was sich im Land begibt
Und in dem Nachbarland an seinen Grenzen.
Bewaffnet ziehen Scharen gegen Prag
Und Eurer Hoheit Bruder heit ihr Fhrer.
Da ist das Volk nun mannigfach bewegt:
Die einen wittern heimlich Einverstndnis
Mit Eurer Majestt betrauten Rten,
Und meinen, wenn das fremde Heer im Land,
Werd' es die Schneide kehren gegen uns,
Zum Umsturz unsrer Satzungen und Rechte.

Rudolf (vor sich hinsprechend).
Sehr heimlich wr' das Einverstndnis, wahrlich.

Der Wortfhrer. Die andern wieder werden angelockt
Von dem was ihnen anbeut die Emprung:
Freiheit der Meinung und der Glaubensbung,
Was jedem Menschen teurer als sein Selbst.
Nicht wir nur sind's die diese Sprache fhren,
Allein das Volk--

Rudolf. Das Volk! Ei ja, das Volk!
Habt ihr das Volk bedacht, wenn ihr die Zehnten,
Das Herrenrecht von ihnen eingetrieben?
Das Volk! Das sind die vielen leeren Nullen,
Die gern sich beisetzt wer sich fhlt als Zahl,
Doch wegstreicht, kommt's zum Teilen in der Rechnung.
Sagt lieber, da ihr selbst ergreift den Anla
Mit abzuzwingen, was ich euch verweigert,
Und jetzt auch weigern wrde, stnde gleich
Ein Mrder mit gehobnem Dolch vor mir.
Doch handelt sich's von mir nicht jetzt, noch euch,
Vielmehr von dem was sein mu und geschehn,
Soll nicht der Grundbau jener weisen Fgung,
Die Gott gesetzt und die man nennt den Staat,
Im wilden Taumel auseinandergehn.
Ich seh's an jener Schrift. Es ist die gleiche,
Wie sie seit Monden liegt in meinem Zimmer,
Gleichstellung fordernd fr den neuen Glauben.
Was ihr hier bittet, beut euch an der Aufruhr.
Vor Irrtum kann ich lnger euch nicht wahren,
Aufruhr ersparen aber kann ich euch.
Seid ihr zufrieden wenn ich euch verspreche,
Sobald gestillt die Unruh in dem Land,
Frei zu bewilligen was ihr begehrt?

Ihr schweigt. Mitraut ihr mir?

Abgeordneter. Nicht Euch, Herr Kaiser,
Dem Einflu aber von Madrid und Rom.

Rudolf. Htt' ich gehrt auf das was dorther tnt,
Wr' lngst getilgt die Lehre samt den Schlern
Und in Verbannung geiferte der Trotz.
Ich aber duldete mit Vatermilde,
Die berzeugung ehrend selbst im Irrtum.
Verfolgt ward niemand wegen seiner Meinung;
Im Heer im Rate sitzen eure Jnger,
(auf Herzog Julius zeigend)
Selbst hier mein Freund ist euch ein Lehrgeno.
Geduldet hab ich, aber nicht gebilligt,
Bestt'gen wre billigen zugleich.

Zuckt ihr die Schulter? Nun ihr meint, das Messer
Sitzt eben an der Kehle, und habt recht.
Will ich vergessen nicht mein weltlich Amt,
Mu ich dem Himmel berlassen seines.
Gebt her die Schrift! Sie ist wohl gleichen Inhalts
Mit jener frhern; doch da ihr mitraut,
Ziemt Mitraun wohl auch mir. Gebt eure Schrift!
(Die Rolle, die der Page ihm kniend darbietet, vom Kissen nehmend.)
Ist's doch als ginge wild verzehrend Feuer
Aus dieser Rolle, das die Welt entzndet
Und jede Zukunft, bis des Himmels Quellen
Mit neuer Sndflut bndigen die Glut,
Und Pbelherrschaft heit die berschwemmung.
(Die Schrift entfaltend und lesend.)
Der Eingang, wie gewhnlich, leere Formel.
Von Treu, Anhnglichkeit--Wohl Liebe gar!
Drum fordert ihr auch meiner Neigung Pfnder.

(Ein Hofdiener ist unmittelbar aus der Tre links gekommen und hat
sich Wolfgang Rumpf genhert, der dem Kaiser gegenber im Vorgrunde
steht.)

Diener (leise).
Erzherzog Leopold aus Steiermark
Sind angekommen, heimlich, unerkannt,
Und wnschen augenblickliches Gehr.

Rumpf (ebenso).
Es ist nicht mglich jetzt.

Diener. Sie dringen sehr.

(Da Wolfgang Rumpf einige Schritte gegen den Kaiser macht.

Rudolf. Was soll's? Jetzt ist nicht Zeit.--Was immer. Spter!

(Rumpf zieht sich zurck und bedeutet dem Diener durch Zeichen, der
sich entfernt.)

Rudolf (weiter lesend).
Hier ist ein Punkt der neu. Der mu hinweg.
Gehorsam zu verweigern gibt er euch
Das ausgesprochne Recht, wird irgendwie
Geordnet was entgegen eurer Satzung.
Das ist der Aufruhr, stndig, als Gesetz.
Bedenkt ihr auch das Beispiel das ihr gebt?
Ich nicht allein bin Herr, auch ihr seid Herren,
Habt Untertanen, die in eurer Pflicht;
Wenn ihr mir trotzt, so drohen sie euch wieder.
Erst gebt dem einzelnen, dem Unverstnd'gen
Ein Urteil ihr in dem, wo selbst die Weisen
Verstummend stehn als an der Weisheit Grenze;
Dann ruft ihr ihn vom Acker auf den Markt,
Zhlt seine Stimme mit und heit ihn mehren
Die Mehrzahl wider Ehrfurcht und Gesetz.
Ihr stellt ihn gleich mit euch, und hofft doch knftig
Als Mindern ihn zu stellen unter euch?
Und wrt ihr auch so christlich mild gesinnt
Im Menschen nur zu sehen euern Bruder:
Seht an die Welt, die sichtbar offenkund'ge,
Wie Berg und Tal und Flu und Wiese stehn.
Die Hhen, selber kahl, ziehn an die Wolken
Und senden sie als Regen in das Tal,
Der Wald hlt ab den zehrend wilden Sturm,
Die Quelle trgt nicht Frucht, doch nhrt sie Frchte,
Und aus dem Wechselspiel von hoch und niedrig,
Von Frucht und Schutz erzeugt sich dieses Ganze,
Des Grund und Recht in dem liegt, da es ist.
Zieht nicht vor das Gericht die heil'gen Bande,
Die unbewut, zugleich mit der Geburt,
Erweislos weil sie selber der Erweis,
Verknpfen was das Klgeln feindlich trennt.
Du ehrst den Vater,--aber er ist hart;
Du liebst die Mutter,--die beschrnkt und schwach,
Der Bruder ist der nchste dir der Menschen,
Wie sehr entfernt in Worten und in Tat;
Und wenn das Herz dich zu dem Weibe zieht,
So fragst du nicht ob sie der Frauen Beste,
Das Mal auf ihrem Hals wird dir zum Reiz,
Ein Fehler ihrer Zunge scheint Musik,
Und das: ich wei nicht was, das dich entzckt,
Ist ein: ich wei nicht was fr alle andern;
Du liebst, du hoffst, du glaubst. Ist doch der Glaube
Nur das Gefhl der Eintracht mit dir selbst,
Das Zeugnis, da du Mensch nach beiden Seiten:
Als einzeln schwach, und stark als Teil des All.
Da deine Vter glaubten was du selbst,
Und deine Kinder knftig treten gleiche Pfade
Das ist die Brcke die aus Menschenherzen
Den unerforschten Abgrund berbaut
Von dem kein Senkblei noch erforscht die Tiefe.
O prfe nicht die Sttzen, bere nicht!
Dein Menschenwerk zerstrt den geist'gen Halt
Und deine Enkel lachen einst der Trmmer
In denen deine Weisheit modernd liegt.
Ist eure Satzung wahr, wird sie bestehn,
Und wie das Bumchen, das vom Stein gedrckt,
Die Zweige breiten, siegend ob der Last;
Allein wenn falsch, so wit, da seine Wurzeln
Auflockern all was fest und alt und sicher.
Der Zweifel zeugt den Zweifel an sich selbst,
Und einmal Ehrfurcht in sich selbst gespalten,
Lebt sie als Ehrsucht nur noch und als Furcht.
Mat euch nicht an zu deuteln Gottes Wahrheit.

Abgeordneter. Wir baun auf festen Boden, auf die Schrift.

Rudolf. Die Schrift? (Rasch unterschreibend.)
Hier meine Unterschrift. Da ihr
Den toten Zgen einer toten Hand
Mehr traut als dem lebendig warmen Wort,
Das von dem Mund der Liebe fortgepflanzt,
Empfangen wird vom liebedurst'gen Ohr,
Hier schwarz auf wei.--Und nun noch Blut als Siegel.
Blut ist das rote Wachs, das jede Lge
Zur Wahrheit stempelt; wenn von Volk zu Volk,
Warum nicht auch von Frst zu Untertan?
Und nun hinaus, beweisen mit dem Schwert
Was nur der Geist dem Geiste soll beweisen.
Des Reiches Ehre soll und mu bestehn.
Und ist das Tor dem Unheil nun geffnet,
Ist Mord und Brand geschleudert in die Welt,
Dann denkt einst spt, wenn lngst ich modre:
Wir waren auch dabei und haben es gewollt.

(Ein ferner Kanonenschu.)

Rudolf (zusammenfahrend).
Was ist?--Mein Geist ist stark, mein Leib nur zittert.
(Zu einem Diener der eingetreten ist und sich Rumpf genhert hat.)
Was soll's?

Diener. Man hat den Wall am Wissehrad besetzt
Und schiet auf Truppen, die der Stadt sich nahn.

Rudolf. Man soll nicht schieen!

(Neuer Kanonenschu.)

Rudolf (mit dem Fue stampfend).
Soll nicht, sag ich euch!

Stnde (die Schwerter ziehend).
Mit Gut und Blut fr unsern Herrn und Kaiser!

Rudolf. Da steht's vor mir! Der Mord, der Brgerkrieg.
Was ich vermieden all mein Leben lang,
Es tritt vor mich am Ende meiner Tage.
Es soll, es darf nicht. Steckt die Schwerter ein,
Vertragt euch mit dem Feind! Und diese Handfest,
Die ihr als Preis des Beistands abgetrotzt,
Sei euch geschenkt.--Ihr selbst Herr Kanzler seht
Was sie begehren drauen vor der Stadt.
Ist es mein Bruder doch, bestimmt zu herrschen,
Wenn mich der Tod, ich hoffe bald, hinwegrafft.
Er be sich vorlufig in der Kunst,
Der undankbaren, ewig unerreichten,
In der verkehrt was sonst den Menschen adelt:
Erst der Erfolg des Wollens Wert bestimmt,
Der reinste Wille wertlos--wenn erfolglos.
In Bhmen aber will ich ruhig weilen
Und harren bis der Herr mich zu sich ruft.
(Mit einer Entlassungsbewegung gegen die Stnde.)
Mit Gott, ihr Herrn!

(Die Stnde entfernen sich.)

Und Ihr Herr Kanzler eilt!

(Alle bis auf Herzog Julius und den Kaiser ab.)

Rudolf. So sind wir denn allein.--Ein wstes Wort.
Du tadelst mich mein Freund?

Julius. Herr, ich verehr Euch.

Rudolf. Ich bin so gut nicht als es etwa scheint--
Die andern nennen's schwach, ich nenn es gut.
Denn was Entschlossenheit den Mnnern heit des Staats
Ist meistenfalls Gewissenlosigkeit
Hochmut und Leichtsinn, der allein nur sich
Und nicht das Schicksal hat im Aug' der andern;
Indes der gute Mann auf hoher Stelle
Erzittert vor den Folgen seiner Tat,
Die als die Wirkung eines Federstrichs
Glck oder Unglck forterbt spten Enkeln.
Ich aber bin so gut nicht als du glaubst.
In diesen Adern strubt sich noch der Herrscher
Und Zorn und Rachsucht glht in meiner Brust.
Zu zchtigen die sich an mir vergessen,
Die schwach mich nennen, schwcher weit als ich;
Die alte Brust zu schnren noch in Erz
Und in dem Glanz verletzter Majestt
Genber mich zu stellen den Verrtern,
Ob sich ihr Aug' empor zu meinem wagt.
Und war ein Funke Glut in diesen Mnnern,
Die sich Vertreter nennen eines Volks,
War irgend etwas nur in ihrem Blick,
Das mehr als Eigennutz und Schadenfreude,
Ich stnde jetzt mit ihnen drau im Feld
Und ttete mit Blicken den Verrat.

(Die Seitentre links ffnet sich, Erzherzog Leopold in einen dunkeln
Mantel gehllt, tritt heraus.)

Rudolf. Siehst du, da kommt er der Versucher, da!
Mein Sohn, mein Leopold!--Und doch, hinweg!
Er steht im Bund mit meines Herzens Wnschen.
Er wird mir sagen, da ja noch ein Heer
In Passau steht, zu meinem Dienst geworben;
Da Rache s und da der Kampf gerecht.
Mein Sohn es ist zu spt! Ich darf nicht, will nicht.
Sie nennen schwach mich, und ich bin's zum Kampf,
Allein zum Fliehen reichen noch die Krfte.
Versucher fort! Ob hundertmal mein Sohn.
(Er eilt ins Kabinett rechts.)

Erzherzog Leopold (der den Mantel abgeworfen).
Mein Oheim und mein Herr! (An der Tre des Kabinetts.)
Verschliet Ihr Euch?

Herzog Julius (zu Rumpf).
Geht Ihr und weilet drauen vor der Tr,
Damit kein Unberufner strend nahe.

(Rumpf geht hinaus.)

Leopold. So komm ich her spornstreichs auf Seitenwegen,
Verborgen, unerkannt, und bring Euch Hilfe,
Und Ihr verschliet die Pforte mir, das Herz?
Ja denn, noch ist ein Kriegsheer Euch bereit,
Mit Mh' halt ich's in Passau nur zurck.
Ein Wort von Euch und tausend Schwerter flammen
Zu Euerm Schutz, zum Schutz der Majestt.
Doch wenn Ihr auch den Retterarm verschmht,
Stot nicht zurck das Herz, die Kindestreue.
Lat mich, das Haupt gelehnt an diese Pfosten,
Nicht glauben Eure Brust sei hart wie sie.--
Die Tre wird bewegt--sie ffnet sich--Mein Vater!
(Er strzt in das Kabinett, dessen Tre sich hinter ihm schliet.)

Julius (mit gefalteten Hnden).
O da nun nicht der Groll, gekrnkte Wrde,
Und die Empfindung, die, wenn aufgeregt,
Gern bergeht in jegliches Empfinden:
Von hart zu weich, von Innigkeit zu Zorn,
Ihn hinreit einzuwill'gen in das Schlimmste:
Zu handeln, da's zu spt.

Rumpf (Zur Tre hereinsprechend).
Herr Bischof Klesel.

Julius. Nicht jetzt, nur jetzo nicht!

Rumpf. Sie lassen sich
Abweisen nicht.

Klesel (eintretend).
Nein wahrlich, in der Tat.

Julius (ihm entgegen tretend, mit gedmpfter Stimme).
Ihr wagt es, Herr, hier in denselben Rumen,
Die Euer Rat mit Zwietracht angefllt--

Klesel. Ich komme her im Auftrag meines Herrn.

Julius. Wollt Ihr den Kaiser zwingen Euch zu sprechen?

Klesel. Da sei Gott fr! Gemeldet will ich werden,
So heit mein Auftrag und, wenn abgewiesen,
Kehr ich zurck. Doch melden mu man mich.
(Er setzt sich links im Vorgrunde.)

Julius. Ich bitt Euch, Herr, sprecht leise.

Klesel. Und warum?

Julius. Glaubt Ihr denn nicht die Stimme schon des Mannes,
Der ihm, er glaubt's, so Schlimmes zugefgt,
Mu in des Kaisers Brust, jetzt, wo Entschlsse
Hart mit Entschlssen kmpfen, Scham und Zorn--

Klesel. Jetzt ist nicht von Entschlssen mehr die Rede,
Notwendigkeit ist da und sie schliet ab.

(In des Kaisers Kabinett wird geklingelt.)

Julius. Es ist geschehn! Nun wahre Gott der Folgen!

(Wolfgang Rumpf geht ins Kabinett.)

Julius. Und war kein anderer als Ihr zu finden
Zu solcher Botschaft, die fast klingt wie Hohn?

Klesel. Vielleicht weil ich allein kein Schranz und Hfling,
Gewohnt zu sagen gradaus was gemeint.

Julius. Die Derbheit ist nicht immer Redlichkeit.

Klesel. So ist sie denn Arznei, die schon als bitter,
Den langverwhnten Magen strkt und heilt;
Und Heilung war gemeint mit diesem Umschwung,
Man wird's zuletzt erkennen, hrt man mich.
Wer den Ertrinkenden erfat am Haar,
Er hat gerettet ihn und nicht beleidigt.

(Rumpf kommt aus dem Kabinette zurck.)

Rumpf. Der Kaiser ist ergrimmt, er heit Euch gehn,
Von seinem Antlitz fern der Strafe harren.
Der nchste Augenblick droht Euch Gefahr.

Klesel. Ich gehe denn. Den Frieden wollt' ich bringen,
Whlt man den Ha, so suche man nach Macht.
Die Strafe die man droht, sie liegt so fern,
Wir freuen uns indessen an dem Lohn. (Er geht.)

Julius. Es werden Stimmen laut im Kabinett.
Geht Ihr hinein, versucht es sie zu stren.
Ich frchte dies Gesprch und seine Folgen.

(Erzherzog Leopold kommt aus dem Kabinette, in das sogleich Rumpf
hineingeht.)

Leopold (einen Zettel in die Hhe haltend).
Ich hab's, ich hab's'

(Aus der Seitentre links tritt Oberst Ramee heraus.)

Leopold. Ramee und nun die Pferde!
(Er nimmt seinen Mantel auf.)
Nichts teurer ist hierlands als der Entschlu,
Man mu ihn warm verzehren eh' er kalt wird.

Rumpfs Stimme (im Kabinett).
Erzherzogliche Hoheit!

Julius (sich Leopold nhernd).
Gnd'ger Herr!

Leopold. Schon kommt die Reue dnkt mich, la uns gehn!

(Erzherzog Leopold und Ramee durch die Seiten Tre links ab.)

Rumpf (aus dem Kabinett kommend).
Der Kaiser will noch einmal mit Euch sprechen,
Es ist noch eins zu sagen.

Julius. Er ist fort.

Rumpf. Der Herr ist wie von Sinnen, schlgt die Brust.

Julius. Ich will ihm nach! Gibt Flgel die Gefahr,
So flieg ich statt zu gehn; denn das Verderben
Es steht vor mir in grlicher Gestalt.
(Er folgt dem Erzherzog durch die Seitentre links.)

Rumpf (sich dem Kabinett nhernd).
Man bringt ihn noch zurck.--Der Herzog selber.
Eh' er sein Pferd besteigt ereilt man ihn.
(Er geht ins Kabinett.)



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Der Kleinseitner Ring in Prag.

Volk fllt mannigfach bewegt den Hintergrund. Die drei Wortfhrer der
Stnde kommen von der linken Seite.

Graf Thurn. Lat uns hinaus, begren den Erzherzog.
Der Vortrab seines Heers nimmt heute nacht
Quartier in unsrer Stadt. Man hofft ihn selbst
Ob freilich nur im Durchzug vorderhand,
Dem knft'gen Untertan den knft'gen Herrn
Mit mildem Segensblick vorerst zu zeigen.
Wie immer denn! Kommt, schliet euch an!
Ist er ja doch der Retter, der Befreier.

Schlick. Nur, frcht ich, sprot in ihm der alte Same,
Zur Macht gelangt, wirft er die Maske weg.

Thurn. Fr neues Drngen gibt es neue Mittel,
Und sag ich: neue, mein ich nur die alten.
Der leise Widerstand stumpft jeden Stachel,
Und streiten sie um unsre Krone sich,
Verarmen wie im Rechtsstreit beide Teile,
Reich werden Richter nur und Anwalt, wir.
Kommt Zeit, kommt Rat.--Hrt ihr die Glocken?
Man hat ihn von den Trmen wohl erblickt
Und dort der erste Trupp von seinen Scharen.

(Gelut von Glocken. Im Hintergrund beginnt von der rechten Seite mit
Musik und Fahnen der Vorberzug von Soldaten. Das Volk drngt sich nach
rckwrts, die Blicke eben dahin gerichtet, so da sie den Zug verdecken
und der Vorgrund leer bleibt.--Erzherzog Leopold und Oberst Kamee, in
Mntel gehllt, kommen von links im Vorgrunde. Herzog Julius folgt ihnen.)

Julius. Ich la Euch nicht. Ihr mt zurck zum Kaiser.

Leopold. Ich habe schriftlich seinen hohen Willen,
Nun ist's an mir ihn treulich zu vollziehn.

Julius. Kommt Ihr ins Land mit fremdgeworbnen Truppen,
So grt der Aufruhr neu, des Kaisers Gegner
Bentzen es zu seinem Untergang.
Es ist zu spt.

Leopold. Und frher war's zu frh.
Wann ist die rechte Zeit?

Julius (ihn anfassend).
Ich la Euch nicht.
So fa ich Euch und flehe: kehrt zurck!

Leopold (den Mantel abstreifend der in Herzog Julius' Hand zurckbleibt).
Wie Joseph denn im Hause Potiphar
La ich den Mantel Euch, mich selber nicht.

Ramee (auf das Volk zeigend).
Herr, wenn man Euch erkennt.

Leopold. Man soll mich kennen!
(Mit starken Schritten nach rechts abgehend.)
Halt ihn zurck!

(Ramee tritt zwischen beide.)

Julius. Nun denn, es ist geschehn.
(Den Mantel fallen lassend.)
Die Hlle liegt am Boden, das Verhllte
Geht offen in die Welt als Untergang.

(Ramee folgt dem Erzherzog.--Der Zug im Hintergrunde hat sich indessen
fortgesetzt. Jetzt erscheint Erzherzog Mathias zu Ro die Menge
berragend. Das Volk drngt sich ihm entgegen.)

Volk. Vivat Mathias! Hoch des Landes Recht!

(Indem Herzog Julius mit einer schmerzlich abwehrenden Bewegung sich
nach rckwrts wendet fllt der Vorhang.)




Vierter Aufzug

Die Kleinseite in Prag, wie zu Anfang des ersten Aufzuges.
Die Sturmglocke wird gezogen. Man hrt schieen.

Brger treten fliehend auf.


Ein Brger. Flieht Nachbar, flieht! 's ist das Passauer Kriegsvolk.
Der Kaiser hat sie in das Land gerufen,
Erzherzog Leopold sein Neffe fhrt sie.

Prokop (aus seinem Hause tretend).
Was ist? was soll's?

Brger. Ihr wit ja: die Passauer.

Prokop. Doch ist die Stadt bewahrt.

Brger. Man hat die Pforte
Geffnet ihnen oben am Hradschin
Und nun ergiet der Trupp sich durch die Straen.

Prokop (sein Schwert ziehend).
So greift zur Wehr!

Brger. Dort, seht Ihr? kommt ein Trupp.

Prokop. Schliet euch und haltet aus! Ist doch die Stadt
Von Mnnern voll. Tut jeder seine Pflicht,
So lehren wir den Rubern wohl die Reue.
(Gegen sein Haus gewendet.)
Dich, Kind, indes befehl ich Gottes Hut.
Der ist kein Brger, der die eigne Sorge
Vergit nicht in der Not des Allgemeinen.

Zieht euch zu jener Ecke, sie gibt Schutz,
Und gehn sie vor, so fallt in ihre Seiten.

(Sie ziehen sich zurck.--Oberst Ramee tritt auf mit Soldaten.)

Ramee (zu einigen, die ihre Gewehre anschlagen).
Halt ein mit Schieen! Es erweckt die Schlfer.
Wir berfallen sie, und ohne Blut,
So will es der Erzherzog, sind wir Sieger.

Drngt nicht zu scharf! Denn rasch in ihrem Rcken
Eilt eine Reiterschar der Moldau zu,
Besetzt die Brcke, dringt ins offne Tor;
Die Altstadt unser, sind wir Herrn von Prag.

(Trompeten in weiter Ferne.)

Ramee. Die Brcke ist genommen. Jetzt auf sie!

(Mit den Soldaten nach der rechten Seite ab. Man hrt Lrm des Gefechts.
--Don Csar im Wams, ohne Hut, kommt von einigen Soldaten umgeben.)

Csar. Ich dank euch, Freunde, da ihr mich entledigt
Der bittern Haft, in der mich hielt die Willkr,
Um jener wegen, die dort oben wacht.
(Auf Prokops Haus zeigend, in dessen oberem Gescho ein Licht brennt.)
Ich will mit euch, will kmpfen, fechten, sterben,
Gleichviel fr wen und gleichviel gegen wen;
Den der mich ttet nenn ich meinen Freund.
Doch vorher noch ein Wrtchen oder zwei
Mit ihr, die mich verdarb.
(Da einige sich der Tre nhern.)
Halt, kein Gerusch!
Ich kenne die Gelegenheit des Hauses,
Aus frh'rer Zeit. Dort rckwrts an der Mauer
Ist noch ein Pfrtchen das ins Innre fhrt,
Von wo zwei Treppen nach der Gartenseite
Zum Sller steigen nchst an ihr Gemach.
Dort sei's versucht und ihr bewahrt den Eingang!

(Sie verlieren sich hinter dem Hause.)



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Zimmer in Prokops Hause. An der linken Seite ein Fenster. Gegenber
eine Tre. Im Hintergrunde zwei andere, worunter eine Glastre, die
nach dem Sller fhrt.

Lukrezia. (tritt aus der Seitentre links).
Es kommt der Tag, allein mein Vater nicht.
Ich hrte schieen, schrein, Geklirr der Waffen
Und er verlt sein Kind in dieser Not.
O da die Mnner nur ins Weite streben!
Sie nennen's Staat, das allgemeine Beste,
Was doch ein Trachten nach dem Fernen nur.
Gibt's denn ein Bestes, das nicht auch ein Nchstes?
Mein Herz sagt nein, nchstpochend an die Brust.
(Ans Fenster tretend.)
Nun ist es ruhig und der graue Schein
Vom Ziskaberg verkndet schon die Sonne.
(Rasch umgewendet.)
Hr ich Gerusch und kehrt mein Vater heim?

(Die Glastre des Sllers ffnet sich und Don Csar tritt ein.)

Don Csar. Viel Glck ins Haus!

Lukrezia. O Gott, so schaut das Unglck!

Don Csar. Erschreckt nicht holde Maid! Ich bin es selbst;
Und bin's auch nicht. Die Asche nur des Feuers,
Das einst fr Euch geglht, Ihr wit wie hei;
Der Schatten nur des Wesens das ich war.
Und selbst der letzte Schimmer dieses Daseins,
Der noch ins Dunkel strahlt, das Leben heit,
Kommt zu verlschen mir in dieser Nacht.
Ich geh in Kampf und wei ich werde fallen,
Die Ahnung trgt nicht wenn vom Wunsch erzeugt.
Was soll ich auch in dieser wsten Welt,
Ein Zerrbild zwischen Niedrigkeit und Gre;
Verleugnet von dem Manne der mein Vater,
Miachtet von dem Weib das ich geliebt.--
Erzittert nicht! Davon ist nicht die Rede.
Die Leidenschaften und die heien Wnsche,
Die mich bewegt, sie liegen hinter mir,
Ich habe sie begraben, eingesargt.
Was ist es auch--ein Weib? Halb Spiel, halb Tcke,
Ein Etwas, das ein Etwas und ein Nichts,
Je demnach ich mir's denke, ich, nur ich.
Und Recht und Unrecht, Wesen, Wirklichkeit,
Das ganze Spiel der buntbewegten Welt,
Liegt eingehllt in des Gehirnes Rumen,
Das sie erzeugt und aufhebt wie es will.
Ich plagte mich mit wirren Glaubenszweifeln,
Ich pochte forschend an des Fremden Tr,
Gelesen hab ich und gehrt, verglichen,
Und fand sie beide haltlos, beide leer.
Vertilgt die Bilder solchen Schattenspiels,
Blieb nur das Licht zurck, des Gauklers Lampe,
Das sie als Wesen an die Wnde malt,
Als einz'ge Leidenschaft der Wunsch: zu wissen.
Lat mich erkennen Euch, nur deshalb kam ich;
Zu wissen was Ihr seid, nicht was Ihr scheint.
Denn wie's nur eine Tugend gibt: die Wahrheit,
Gibt's auch ein Laster nur: die Heuchelei.

Lukrezia. Mir aber dnkt, der Heuchler, wie Ihr's nennt,
Zeigt mindstens Ehrfurcht vor dem Heil'gen, Groen,
Das Eure Wahrheit leugnet wenn sie's schmht.

Don Csar. So seid Ihr Heuchlerin?

Lukrezia. Ich war es nie.

Don Csar. Ich frchte doch: ein bichen, holde Maid.
Als ich, nun lang, zum erstenmal Euch sah,
Da schien mir alle Reinheit, Unschuld, Tugend
Vereint in Eurem jungfrulichen Selbst;
Zeigt wieder Euch mir also, lat mich glauben!
Und wie der Mann der abends schlafen geht
Von eines holden Eindrucks Macht umfangen,
Er trumt davon die selig lange Nacht,
Und beim Erwachen tritt dasselbe Bild
Ihm mit dem Sonnenstrahl zugleich vors Auge.
So gebt mir Euch, Euch selber auf die Reise
Von der zurck der Wandrer nimmer kehrt.
Kein Weib, ein Engel; nicht geliebt, verehrt.

Lukrezia. Wie ohne Grund Ihr mich zu hoch gestellt,
So stellt Ihr mich zu tief nun ohne Grund.

Don Csar. Nicht doch, nicht doch!--Ihr stieet mich zurck.
Ich mut' es dulden, manchen Fehls bewut.
Doch seht, da war ein Mann, Belgioso hie er,
Ein Heuchler und ein Schurk'

Lukrezia. Er war es nicht.

Don Csar. Verteidigt Ihr ihn denn?

Lukrezia. Wer klagt ihn an?

Don Csar. Ich, der ich ihn gekannt.--Er hielt zu mir;
In all dem Treiben das mit Recht man tadelt,
Im wilden Toben war er mein Genoss'.
Doch ging er hin und zeigt' es heimlich an
Und brachte mich um meines Vaters Liebe.

Lukrezia. Der laute Ruf erspart' ihm diese Mh'.

Don Csar. Die Welt hat Recht zum Tadel, nicht der Freund.
Doch pltzlich kehrt' er sichtlich mir den Rcken,
Zu gleicher Zeit betrat er Euer Haus.

Lukrezia. Er war der Freund des Vaters, nicht der meine.

Don Csar. Als Freund des Vaters denn nahmt Ihr ihn auf,
Doch als der Eure, denk ich, kam er wieder,
War Mitbewohner fast in diesem Haus,
Bei Tag, bei Nacht.

Lukrezia. Zu Abend wollt Ihr sagen,
Im Beisein meines Vaters, anders nie.

Don Csar. Ich aber stand genber auf der Strae
Mit Reif und Schnee bedeckt und sah empor
Zum Fenster, wo die Schatten Glcklicher
Wie Mcken flogen um den Strahl des Lichts.
Da endlich kam der Tag, der ihn bestrafte.

Lukrezia. Erinnert Ihr mich noch an seinen Tod?

Don Csar. Nicht ich tat's, noch geschah's um meinetwillen,
Das Euch zu sagen kam zumeist ich her.
Feldmarschall Ruworm, zwar mein Freund und Lehrer,
Doch Tter seiner Taten er allein,
Im Streit, beim Spiel, was wei ich? oder sonst
Hat ihn besiegt in ehrlichem Gefecht
Wie's Edelleute pflegen und Soldaten.
Und wit Ihr welches Los ward meinem Freund?
Der Kaiser lie auf offnem Marktplatz ihm
Das Haupt vom Rumpfe trennen, angesichts
Des ganzen Volks, beinah vor meinen Augen.
Gedenk' ich jenes Tags, so grt's in mir,
Und blutige Gedanken werden wach.
Stnd' er vor mir der heuchelnde Verrter,
Nicht damals tat ich's, aber jetzt geschh's:
Das Schwert bis an das Heft in seiner Brust,
Bezahlt' er mir die Schrecken jener Stunde.

Lukrezia. O Gott, wer rettet mich?

Don Csar. Seid nicht besorgt!
Mir ist's, sagt' ich, um Wahrheit nur zu tun.
Glaubt nicht auch, da mich Eifersucht bewegt!
Die Eifersucht ist Demut, ich bin stolz,
Verachtung liegt mir nher als der Ha.
Doch da Ihr von erlogner Tugend Hhe
Herabseht auf die Welt, auf mich, auf alle,
Den gleichen Fehl verhehlend in der Brust,
Das soll nicht sein. Fluch aller Heuchelei!
Sagt mir, ich liebt' ihn den geschiednen Freund,
Ich liebt' ihn, weil sein Antlitz zart und wei,
Ich liebt' ihn, weil sein Haar von Salben duftend,
Ich liebt' ihn, weil ich tricht, albern, schwach,
Sagt's, und ich la Euch frei.

Lukrezia. Ich liebt' ihn nicht;
Nur Gott hat meine Liebe und mein Vater.

Don Csar. Recht gut, recht schn!--Doch wes ist dieses Bild
--Ich bin vertraut mit Eures Hauses Rumen--
(die Seitentre ffnend)
Wes ist das Bild das hngt an jener Wand,
Vom Licht der Lampe buhlerisch beschienen?
Ist's Belgiojosos nicht? Ertappt, ertappt!

Lukrezia. Mein Vater hngt' es hin.

Don Csar. Und Ihr Madonna,
Ihr rcktet Euern Schemel zum Gebet
Hart an das Bild, da wenn die Lippen beten,
Das Herz zugleich schwelgt in Erinnerungen,
Erinnerungen die--Und wenn ich tot,
Lacht an der Seite eines neuen Buhlen
Ihr mein und meiner Liebe, wie Ihr lachtet
An Belgiojosos Hand.

(Lukrezia entflieht ins Seitengemach.)

Csar. Nicht dort hinein!
Nicht dort hinein vor meines Feindes Bild,
Des Heuchlers, Heuchlerin!--Ringst du die Hnde
Zu ihm als deinem Heil'gen?
(Er hat eine Pistole aus dem Grtel gezogen, die er jetzt in der Richtung
der offnen Tre abschiet.)
Folg ihm nach!
--Was ist geschehn?
(In die Tre blickend.)
Weh mir!--O meine Taten!

(Er wirft sich auf ein Knie, die Augen mit den Hnden bedeckend.--Ein
Hauptmann kommt mit Soldaten.)

Hauptmann. Hier fiel ein Schu und er ist in der Nhe.

Prokop (der sich durch die Soldaten drngt).
Lukrezia mein Kind!
(An der offenen Tre.)
Oh! greulich, grlich!
(Er strzt hinein, die Tre schliet hinter ihm.)

Hauptmann (Don Csar emporrichtend).
Wir suchten Euch!

Don Csar. Nun denn Ihr habt gefunden.
Gibt's Richter noch in Prag?

Hauptmann. Es gibt sie wieder.
Der Feind hinausgeschlagen aus der Stadt,
Kehrt Ordnung und das Recht zurck von neuem.

Don Csar. So richtet mich! Erspart mir selbst die Mh'.
(Er geht auf die Hintertre zu, von den Soldaten gefolgt.)

Prokop (in der Seitentre erscheinend).
Hieher, hieher! Vielleicht ist Hilfe mglich.

(Einige Diener, die whrend des Vorigen gekommen sind, folgen ihm ins
Seitengemach.--Alle ab.)

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Garten im kniglichen Schlosse auf dem Hradschin. In der Mitte des
Hintergrundes ein Ziehbrunnen mit einem Schpfrade.

Heinrich Thurn und Graf Schlick kommen mit einigen bewaffneten Brgern.

Thurn. Stellt Wachen aus, besetzt die uern Pforten!
Von hier aus lie den Feind man in die Stadt,
Darum bewahrt vor allem den Hradschin.

(Die Brger gehen.)

Schlick. Scheint's doch ein Wunder fast, da wir gerettet.

Thurn. Das Wunder war der Mut, die Tapferkeit
Der wackern Brger unsrer Altstadt Prag.
Der Feinde Plan war listig angelegt.
Hier oben von Verrtern eingelassen,
Drang ihre Schar nur langsam, zgernd vor,
Als ob den Widerstand der Gegner scheuend;
Doch desto schneller fliegt durch Seitengassen
Ihr Reitertrupp der Moldaubrcke zu,
Die Altstadt, wohl im Schlaf noch, berfallend.
Schon fllt die Brcke sich mit Ro und Mann,
Schon dringen, die zuvrderst, in die Stadt;
Da fllt mit eins das Gitter vor das Tor
Und von dem Turm aus Bchsen und Kartaunen
Ergiet sich Feuer auf die wilde Schar.
Die Rosse bumen und die Reiter strzen,
Der Vortrupp weicht, der Nachzug drngt nach vorn,
Ein unentwirrter Knuel fllt die Brcke
Entladend in die Moldau sein Gedrng';
Bis endlich Schrecken, mcht'ger als die Raubgier,
Nach rckwrts treibt den lauten Menschenstrom,
Sich berstrzend und den Nachbar schd'gend,
Ins eigne Fuvolk bricht die Reiterei,
Da unsern Brgern, die im Ausfall folgen,
Die Mhe nur des Schlachtens brig bleibt.
Die Wege die er kam, verfolgt der Rckzug,
Und Brgertreue schliet die Einbruchspforte,
Die Rachsucht ffnete und der Verrat.

Schlick. Doch sind sie stark noch auen vor der Stadt.

Thurn. Seid unbesorgt! Der ruberische Durchzug
Von Passau her durchs obre sterreich
Bis fern nach Bhmen, blieb nicht unbewacht,
So wie er unvorhergesehen nicht.
Von ringsum sammeln sich die Garnisonen,
Der Landmann greift zur Wehr, und der Erzherzog,
Mathias, derzeit noch von Ungarn Knig,
Und bald von Bhmen, denk ich, etwa auch
Er ist zur Hand, rasch folgend ihrer Ferse.
Ja nur, weil nicht gewachsen ihm im Feld,
Versuchten sie heut nacht den berfall.
Von hier verdrngt, ihr Zufluchtsort verloren,
Zerstubt in alle Winde bald die Schar.

Schlick. Allein was tun wir selbst?

Thurn. Man wirbt um euch.
Verhaltet euch wie die verschmte Braut,
Der neue Freier bringt euch neue Gaben.

(Herzog Julius kommt mit einem Hauptmanne, der einen Schlssel trgt.)

Julius. Ihr Herrn ist das wohl Fug und Recht? Man stellt
Im Schlosse Wachen wie in Kerkermauern,
Selbst vor des Kaisers frstliches Gemach.
Man fordert ab die Schlssel aller Pforten,
Des Eingangs Freiheit und des Ausgangs hemmend.
Zuletzt noch diesen, der vor allem ntig.
Er fhrt zum Turm, in den man rck Don Csar
Den unglckselig wildverworrnen brachte,
Im Wahnsinnfieber gen sich selber wtend.
Die rzte haben, Blut mit Blut bekmpfend,
Die Adern ihm geffnet an dem Arm.
Er braucht des Beistands und des freien Zutritts,
Drum fordr' ich diesen Schlssel hier von Euch.

Thurn. Doch deucht mich, da Don Csar, eben er,
Verbunden mit den Rubern heute nacht,
Teilnahm an all dem Greuel der geschah,
Weshalb er in Gewahrsam nur mit Recht.

Julius. Der Richter wird erkennen seine Schuld.

Thurn. Man wei noch nicht wer Richter hier im Land.

Julius. Doch wohl nicht Ihr?

Thurn. Verht' es Gott!
Doch auch nicht jene, die des Unheils Stifter,
Als schuldig etwa selber sich gezeigt.
Wir harren eines Hhern, der schon naht.
Allein damit Ihr seht, da Euer Wert
Als Frst des Reiches und als Ehrenmann
Auch hier im fernen Bhmen anerkannt;
Nehmt diesen Schlssel; ob zwar auf Bedingung:
Da nur der Eintritt und fr rzte nur,
Nicht auch der Austritt etwa gar fr ihn
Geknpft an diesen Brgen seiner Haft.

Julius. Ich dank Euch edler Graf, und bin erbtig
Zu gleichem Dienst, kommt Ihr in gleichen Fall.
Doch jetzt nehmt Euern Abschied, wenn's beliebt.
Von fern seh ich des Kaisers Majestt,
Den Ihr vertrieben aus der Burg Gemchern,
Gnnt ihm den Atem in der freien Luft.

Thurn. Die Luft ist frei fr jeden, doch die Burg
Verschliet man gern vor Untreu und Verrat.
(Er entfernt sich mit seinem Begleiter.)

(Der Kaiser kommt, von Rumpf und einigen begleitet von der linken Seite.
Er bleibt vor einem Blumenbeete stehen.)

Rumpf. Die Blumen sind zum guten Teil geknickt,
Das tat der bse Sturm in heut'ger Nacht.

(Der Kaiser winkt besttigend mit dem Kopfe.)

Rumpf. Den Sturmwind mein ich eben, Majestt.

(Der Kaiser hat sich nach vorn bewegt, jetzt bleibt er stehen und fhrt
mit dem Stabe einige Male ber den Boden.)

Rumpf. Der Futritt vieler Kommenden und Geh'nden
Hat arg gehaust in dieses Gartens Wegen.
Des Grtners Rechen gleicht es wieder aus.

Beliebt's Euch nun den Tieren nachzusehn,
Die in den Kfigen der Fttrung harren?
Der Lwe nimmt die Nahrung nur von Euch,
Die Wrter sagen, da gesenkten Haupts
Er leise sthnt, wie einer der betrbt.

(Der Kaiser hat den Herzog von Braunschweig bemerkt und hlt ihm die
Hand hin.)

Julius (auf ihn zugehend).
Mein Kaiser und mein Herr!

(Er will ihm die Hand kssen, der Kaiser zieht sie zurck und hlt sie,
als zum Handschlag, wieder hin.)

Julius (des Kaisers Hand mit beiden fassend).
Nun denn: willkommen!
Mich freut das Wohlsein Eurer Majestt.

(Der Kaiser lacht hhnisch.)

Julius. Nach Wolken, sagt ein Sprichwort, kommt die Sonne,
Die Sonne aller aber ist das Recht.

(Der Kaiser weist mit dem Stabe gen Himmel.)

Julius. Nicht nur dort oben, auch schon, Herr, hienieden.
Denn selbst der Bsewicht will nur fr sich
Als einzeln ausgenommen sein vom Recht,
Die andern wnscht er vom Gesetz gebunden,
Damit vor Ruberhand bewahrt sein Raub.
Die andern denken gleich in gleichem Falle
Und jeder Schurk' ist einzeln gegen alle;
Die Mehrheit siegt und mit ihr siegt das Recht.
Wr's anders, Herr, die Welt bestnde nicht
Und alle Bande des gemeinen Wohls
Sie wren lngst gelst von Eigennutz.
In Eurem Fall: glaubt Ihr, des Reiches Frsten
Sie werden ruhig zusehn dem Verderben hier,
Nicht bses Beispiel fr sich selbst befrchten?
Selbst Euer Volk--

(Ein Brger, nachlssig bewaffnet, die Muskete auf der Schulter tritt von
der linken Seite auf, betrachtet die Anwesenden und kehrt auf einen Wink
Herzog Julius' wieder zurck. Der Kaiser fhrt zusammen.)

Rumpf. Es sind die Wachen--
Die Leibwacht freilich nicht der Knigsburg--
Vielmehr die Brger, die man ausgestellt,
Weil sie behaupten, da hier vom Hradschin
Den Feind man eingelassen in die Stadt
Und weil man Tor und Pforte will verwahren.

(Der Kaiser droht heftig mit dem Finger in die Ferne.)

Julius. O scheltet nicht den Neffen der Euch liebt!
Erzherzog Leopold, glaubt mir o Herr,
Er fhlt das Unglck tiefer als Ihr selbst.
Er war bei mir als schon der Kampf entschieden
Und bat mich, nassen Augs, ihn zu vertreten
Ob seiner Wagnis, die der Zufall nur,
Ein miverstandener Befehl vereitelt,
Sonst wart Ihr frei und Herr in Euerm Land.
Er geht nach Deutschland, um des Reiches Stnde
Zum Schutze zu vereinen seines Herrn.
Zugleich die andern Frsten Eures Hauses--
(Zu Rumpf.) Ward es gemeldet schon?
(Auf eine entschuldigende Gebrde Rumpfs.)
Sie sind uns nah.
Sie kommen heut nach Prag um als Vermittler
Zu schlichten diesen unheilvollen Zwist,
Dabei auch, wie Ihr frher selbst begehrt,
Abbittend der verletzten Majestt,
Genugzutun fr alles was sie selbst
In guter Meinung frherhin gesndigt.
Die Welt sie fhlt die Ordnung als Bedrfnis
Und braucht nur ihr entsetzlich Gegenteil
In voller Ble nackt vor sich zu sehn,
Um schaudernd rckzukehren in die Bahn.

(Der Kaiser zeigt auf die Erde, wiederholt mit dem Stabe auf den Boden
stoend und entfernt sich dann auf Rumpf gesttzt nach dem Hintergrunde.
--Ein Diener von der rechten Seite kommend, halblaut zu Herzog Julius.)

Diener. Um Gottes willen gebt den Schlssel, Herr!

Julius. Was ist?

Diener. Die rzte fordern Einla zu Don Csar.

(Der Kaiser hat sich umgewendet und blickt forschend nach den Sprechenden.)

Rumpf. Der Kaiser wnscht zu wissen was die Sache.

Julius. Man hat Don Csar in den Turm gebracht,
Wo als Erkranktem, der dem Wahnsinn nahe,
Die Adern man geffnet ihm am Arm.

Diener. Er aber tobte an dem Eisengitter
Und rief nach einem Richter, um Gericht,
Er wolle leben nicht; bis pltzlich, jetzt nur,
Er den Verband sich von den Adern ri.
Es strmt sein Blut und die verschlone Tr
Verwehrt den Eintritt den berufnen rzten.
Gibt man den Schlssel nicht ist er verloren.

Julius (den Schlssel aus dem Grtel ziehend).
Hier nimm und eil.

(Der Kaiser winkt mit dem Finger.)

Julius. Allein bedenkt, o Herr!

(Da der Kaiser den Schlssel genommen hat und sich damit entfernt, ihm
zur Seite folgend.)

Von einem Augenblick hngt ab sein Leben,
Und nicht sein Leben nur, sein Ruf, sein Wert.
Ihm selbst und jedem andern der ihm nah,
Liegt nun daran, da er vor seinen Richtern
Erlutre was er tat und was ihn trieb,
Da nicht wie ein verzehrend, reiend Tier,
Da wie ein Mensch er aus dem Leben scheide,
Wenn nicht gereinigt, doch entschuldigt mindstens.
Ihm werde Spruch und Recht.

Der Kaiser (der auf den Stufen des Brunnens stehend, den Schlssel
hinabgeworfen hat, mit starker Stimme).
Er ist gerichtet,
Von mir, von seinem Kaiser, seinem--
(mit zitternder, von Weinen erstickter Stimme)
Herrn!

(Er wankt nach der linken Seite von Rumpf untersttzt, ab.)

Julius (auf die Stufen des Brunnens tretend und hinabsehend).
Es ist umsonst! Don Csar ist verloren.
Sprengt auf die Tr!--Und doch, es ziemt uns nicht
Dem Urteil vorzugreifen seines Richters.--
O da er doch mit gleicher Festigkeit
Das Unrecht ausgetilgt in seinem Staat,
Als er es austilgt nun in seinem Hause.
Geht nur, es ist geschehn.

Hinder der Szene wird gerufen. Halt da! Zurck!

Julius. Was dort?
Der Kaiser aufgehalten von den Wachen?
Legst du die Hand an ihn, an den Gesalbten?
Das soll nicht sein, so lang ich leb und atme.
Mein letztes Blut fr ihn. Zurck die Hnde!
Sonst zahlst du deine Frechheit mit dem Tod.

(Er geht, die Hand am Schwert, nach der linken Seite ab.)




Verwandlung
Gemach in der Burg wie zu Anfang des dritten Aufzuges. Die nischenartige
Vertiefung rechts im Hintergrunde mit einem herabgelassenen Vorhange
bedeckt.

Thurn und Schlick kommen, ein Arbeiter mit Schurzfell hinter ihnen.

Thurn. Ward jeder Ausgang nach Gehei verschlossen?
Hier ist noch eine Tr.

Arbeiter (den Vorhang wegziehend und an einer in der Mauer befestigten
Spange zurckschlagend).
Sie ist nicht mehr.
Mit starken Bohlen hat man sie verrammelt,
Sie hlt so fest nun als die feste Wand.

Thurn. Geht immer nur und seht nach auen zu.

(Arbeiter ab.)

Thurn. Vor allem liegt daran, da unser Knig,
Der aus sich selbst wohl Schlimmes nie begehrt,
Nicht von Verrtern heimlich weggebracht
Zur Fahne diene feindlichem Beginn.

Schlick. Allein, mein Freund, wir ehren unsern Knig,
Und das geht weiter als die Absicht war.

Thurn. Die Absicht, Freund, ist ein vorsicht'ger Reiter
Auf einem Renner feurig, der die Tat,
Den spornt er an zu hastigem Vollzug.
Hat er das Ziel erreicht, zieht er die Zgel
Und meint nun wr's genug. Allein das Tier,
Von seiner edlen Art dahingerissen
Und von dem Wurf des Laufes und der Kraft,
Es strmt noch fort durch Feld und Busch und Korn,
Bis endlich das Gebi die Glut besiegt.
Da kehrt man denn zurck.

Schlick. Wenn's dann noch mglich.

Thurn. Wenn nicht, dann nur kein Trost von Zweck und Absicht,
All was geschehn das hast du auch gewollt.
Doch nahen Tritte; wohl der Kaiser selbst,
La uns noch sehen nach der uern Pforte.

(Sie gehen durch die Tre links.)
(Der Kaiser kommt auf Rumpf gesttzt, Herzog Julius geht vor ihm her.)

Julius. Verzeiht o Herr, der Wachen Unverstand.
Der Mann, den man zur Obhut hingestellt,
Erkannt' Euch nicht.

(Der Kaiser nickt hhnisch mit dem Kopfe.)

Julius. Er folgte dem Befehl,
Der jedermann den Zutritt untersagte.

(Der Kaiser erblickt den verschlossenen Eingang zum Laboratorium und
zeigt mit dem Stocke darauf hin.)

Rumpf (den zurckgeschlagenen Vorhang herablassend).
Besorgnis wohl fr Eure Sicherheit,
Man will den Eingang Unberufnen wehren.

Rudolf. Den Eingang? Sag den Ausgang! Mir. Dem Kaiser.
Ich bin's und fhle mich als Herrn, obgleich in Haft.
Drum fort von mir du menschlich naher Schmerz,
Gib Raum dem Ingrimm der verletzten Wrde.
Und weit du wer's getan? Nicht da mein Bruder
Die Hand erhoben wider meine Krone;
Ich hab ihn nie geliebt und er ist eitel,
Er tat nach seinem Wesen, obgleich schlimm.
(Ans Fenster tretend.)
Doch diese Stadt. Schau wie sie ppig liegt
Geziert mit Trmen und mit edlem Bau
Verschnt durch Kunst was Gott schon reich geschmckt.
Und mein Werk ist's. Hier war mein Knigssitz.
Fr Prag gab ich das lebensvolle Wien,
Den Sitz der Ahnen seit des Reiches Wiege.
Die heuchlerische Stille tat mir wohl
Weil selbst ich still und heimisch gern in mir.
Gehtet wie den Apfel meines Auges
Hab ich dies Land und diese arge Stadt,
Und whrend alle Welt ringsum in Krieg,
Lag einer blhenden Oase gleich
Es in der Wste von Gewalt und Mord.
Doch bist du mde deiner Herrlichkeit
Und stehst in Waffen gegen deinen Freund?
Ich aber sage dir: wie eine bse Beule
Die schlimmen Sfte all des Krpers anzieht,
Zum Herde wird der Fulnis und des Greuls,
So wird der Zndstoff dieses Kriegs zu dir,
Der lang verschonten nehmen seinen Weg,
Nachdem du ihm gewiesen deine Straen.
In deinem Umfang kmpft er seine Schlachten,
Nach deinen Kindern richtet er sein Schwert,
Die Hupter deiner Edlen werden fallen,
Und deine Jungfraun, losgebundnen Haars,
Mit Schande zahlen ihrer Vter Schande.
Das sei dein Los und also--fluch ich dir!--
Die du die Wohltat zahlst mit bsen Taten.

Wo ist mein Stock? Die Kniee werden schwach,
Lat niemand ein! ich hre Stimmen drau,
Wer immer auch, ein Feind ist's und Verrter.

(Die Erzherzoge Maximilian und Ferdinand erscheinen in der Tre.)

Rumpf. Es sind die Herrn Erzherzoge. O Wonne!

Rudolf. Ihr seid es? Bruder du? Willkommen Vetter!
Nehmt Sitz! Ihr kommt in wunderlicher Zeit.
(Er hat sich gesetzt.)
Was Neues in der Welt? Zwar stets dasselbe:
Das Alte scheidet und das Neue wird.
Kommt ihr zum Taufschmaus oder zum Begrbnis?

Ferdinand. Eh' wir uns setzen, so erlaubt da knieend
Abbitte wir fr das Vergangne leisten,
Den Willen unterstellend fr die Tat.

(Die Erzherzoge knien.)

Rudolf. Vom Boden auf!--Und du mein guter Bruder
Sprichst nicht?

Max. Mir ist das Weinen nher.
Auch kniet sich's schwer mit meines Krpers Last.

Rudolf. Vom Boden auf! Soll unser edles Haus
Vor jemand knieen als vor seinem Gott?
Ist einer tot so liegt er auf dem Grund,
Doch lebend kniet kein Mann und kein Erzherzog.

(Die beiden sind aufgestanden.)

Rudolf. Sollt' ich euch strenger richten als mich selbst?
Wir haben's gut gemeint, doch kam es bel.
Das macht: dem reinen Trachten eines Edlen,
Kann er's nicht selbst vollfhren, er allein,
Mischt von der Leidenschaft, der bsen Selbstsucht
Der andern, die als Werkzeug ihm zur Hand,
So viel sich bei, da, hat er nun vollbracht,
Ein Zerrbild vor ihm steht statt seiner Tat.
Ich habe viel gefehlt, ich seh es ein,
Seitdem ich aus den Nebeln, die am Gipfel,
Herabgestiegen in das tiefe Tal,
In dem das Grab liegt als die letzte Stufe.
Ich hielt die Welt fr klug, sie ist es nicht.
Gemartert vom Gedanken droh'nder Zukunft,
Dacht' ich die Zeit von gleicher Furcht bewegt,
Im weisen Zgern seh'nd die einz'ge Rettung.
Allein der Mensch lebt nur im Augenblick,
Was heut ist kmmert ihn, es gibt kein morgen.
So rannten sie hinein ins tolle Werk,
Und ihr, ihr ranntet nicht, allein ihr gingt.
Ich tadl' euch nicht, ihr wart besorgt ums Ganze,
Nicht bse Selbstsucht hat euch irrgefhrt.
Nur einen tadl' ich, den ich hier nicht nenne;
Den ich verachtet einst, alsdann gehat.
Und nun bedaure als des Jammers Erben.
Er hat nur seiner Eitelkeit gefrnt,
Und dacht' er an die Welt, so war's als Bhne,
Als Schauplatz fr sein leeres Heldenspiel.

Max (vom Stuhle aufstehend).
Gerade darum, Bruder, sind wir hier.
Es mu der bse Zwist zum Abgrund kehren,
Und Recht dir werden, der du rechtlich bist.

Rudolf. Davon kein Wort! Der Knig ist dahin.
Ich geb ihn auf. Allein das Knigtum
Mcht' ich der Welt erhalten, der's vonnten.
Mein Bruder herrscht in Ungarn und in streich,
Er will's in Bhmen auch, nicht knftig, jetzt.
Wohlan es sei darum; denn keine Teilung
Vertrgt was alle Teile eint zum Ganzen.
Ich selbst, wie einst mein Oheim, Karl der Fnfte,
Als er die Welt, wie sie nun mich, zurckstie,
Im Kloster von Sankt Justus in Hispanien
Den Tod erwartete, so will auch ich.
Es whrt nicht lang, ich fhl es wohl, denn Undank
Grbt tiefer als des Totengrbers Spaten;
Und Kloster sei und Zelle mir dies Schlo.
Mathias herrsche denn. Er lerne fhlen,
Da tadeln leicht und Besserwissen trglich,
Da es mit bunten Mglichkeiten spielt;
Doch handeln schwer, als eine Wirklichkeit,
Die stimmen soll zum Kreis der Wirklichkeiten.
Er sieht dann ein, da Satzungen der Menschen
Ein Ma des Trichten notwendig beigemischt,
Da sie fr Menschen, die der Torheit Kinder.
Da an der Uhr, in der die Feder drngt,
Das Kronrad wesentlich mit seiner Hemmung,
Damit nicht abrollt eines Zugs das Werk,
Und sie in ihrem Zgern weist die Stunde.
Ihr selbst wart um mein Herrscheramt bemht,
Mehr fast als gut. Sorgt auch fr ihn.
Allein bedenkt: der auf dem Throne sitzt,
Er ist die Fahne doch des Regiments,
Zerrissen oder ganz, verdient sie Ehrfurcht.

Fernand, du glaubst dich stark, und bist es auch,
Vor allem wenn du meinst fr Gott zu streiten.
Sei's gleicherweis auch sonst, und stark, nicht hart!
Was dir als Hchstes gilt: die berzeugung,
Acht sie in andern auch, sie ist von Gott,
Und er wird selbst die Irrenden belehren.
Des Menschen Innres wie die Auenwelt
Hat er geteilt in Tag und dunkle Nacht.
Das Aug' ertrge nicht bestnd'ges Licht,
Da fhrt er an dem Horizont herauf
Die Dunkelheit mit ihrer holden Stille,
Wo die Empfindung aufwacht, das Gefhl
Und se Schauer durch die Seele schreiten.
Doch immer Nacht, wr' schlimmer noch als nie,
Und was du weit, weit du durch Tag und Licht.

Ich selber war ein Mann der Dunkelheit.
Von ihren Streitigkeiten angeekelt,
Floh ich dahin allwo die frhsten Menschen
Zuerst erkannten ihres Lebens Meister.
Vom Hgel auf zu den Gestirnen blickend
Und ihre stt'ge Wiederkehr betrachtend,
Erscholl's in ihrer Brust: es ist ein Gott
Und ewig die Gesetze seines Waltens.
Seitdem hat er sich kundig offenbart
Und bertnt die Stimmen der Natur,
Doch in der Stille klingen sie noch nach,
Und als er selbst als Mensch zu Menschen kam,
Da sandt' er einen Stern, und jene Weisen,
Sie lieen ruhen ihrer Weisheit Dnkel,
Und folgten jenem Zeichen bis zur Htte,
Wo schon die Hirten standen und die Engel
Aus weiter Ferne: Friede, Friede sangen.
--Ist hier Musik?

Julius. Wir hren nichts, o Herr.

Rudolf. Nun denn, so ist's der Nachklang von der Weihnacht,
Die mir herbertnt aus ferner Zeit,
An die ich glaube und im Glauben sterbe.
--Nicht Stern, nur Gott!--Wer bist denn du,
Du flammender Komet? Nur Dunst und Nebel.--
Nun Frieden auch mit dir, mit allen Frieden.--
Wie hold es klingt und fort und fort und weiter!--

Max. Sein Geist beginnt zu schwrmen.

Ferdinand. Lat uns gehn!
Vershnen was zu shnen ist, und dann
Ihm schtzend stehn zur Seite, Wchtern gleich.

Rumpf. Ach wir empfehlen Euch den frommen Herrn.

(Die Erzherzoge gehen.)

Rudolf. Und einig, einig seid! Das Neue drngt.
Die alternden Geschlechter sterben aus,
Das Band gelst, bricht es die einzelnen.

Rumpf. Sie sind schon fort.

Rudolf. Schon fort? Nun, um so besser!
Mir ist so leicht, so wohl. Gebt mir nur Luft!
Ich will ans Fenster.

Rumpf. Herr, wir leiten Euch.

Rudolf. Was fllt dir ein? Ich fhle Jugendkraft.
(Er versucht aufzustehen.)
Doch ist's der Geist nur, meine Glieder wanken.
Rckt einen Stuhl ins Fenster, ich will Luft.
(Untersttzt ans Fenster gehend, zu Herzog Julius.)
Siehst du? So lohnt die Welt fr unsre Sorge.
Sie saugt uns aus und findet uns dann welk,
Indes sie prangt mit unsern besten Krften.
(Er sitzt.) Das Fenster auf!

Rumpf. Allein, o Herr, bedenkt!
Ihr habt der Luft Euch sorglich stets verschlossen.

Rudolf. Nicht Kaiser bin ich mehr, ich bin ein Mensch
Und will mich laben an dem Allgemeinen.
Wie wohl, wie gut! Und unter mir die Stadt
Mit ihren Straen, Pltzen, voll von Menschen.

Julius. Und gabt Ihr erst den Fluch in Euerm Zorn.

Rudolf. Tat ich's? Nun ich bereu's. Mit jedem Atemzug
Saug ich zurck ein vorschnell rasches Wort,
Ich will allein das Weh fr alle tragen.
Und also segn' ich dich, verlockte Stadt,
Was Bses du getan, es sei zum Guten.

Mein Geist verirrt sich in die Jugendzeit.
Als ich aus Spanien kam, wo ich erzogen,
Und man nun meldete, da Deutschlands Kste
Sich nebelgleich am Horizonte zeige,
Da lief ich aufs Verdeck und offner Arme
Rief ich: mein Vaterland! Mein teures Vaterland!
--So dnkt mich nun ein Land in dem ein Vater--
Am Rand der Ewigkeit emporzutauchen.
--Ist es denn dunkel hier?--Dort seh ich Licht
Und flgelgleich umgibt es meinen Leib.
--Aus Spanien komm ich, aus gar harter Zucht,
Und eile dir entgegen,--nicht mehr deutsches,
Nein himmlisch Vaterland.--Willst du?--Ich will!
(Er sinkt zurck.)

Rumpf. Ruft rzte! Er hat fter solchen Anfall.
Der Herzschlag geht. Nach rzten, Hilfe, schnell!
Und bringt ihn auf sein Bett in jene Kammer!
Ich mag nicht denken, da es Schlimmres wre.

Julius (sich entfernend).
Das Schlimmste kennt kein Schlimmres, er erlitt's.
Der Kaiser starb, ob auch der Mensch genese.

Rumpf. Er lebt, ich fhl's. Fat ihn nur sorglich an!

Julius (auf ihn zueilend).
Mein edler, frommer, mildgesinnter Herr!

(Der Vorhang fllt.)




Fnfter Aufzug

Saal in der kaiserlichen Burg zu Wien.

Klesel steht wartend, Erzherzog Ferdinand tritt ein.


Ferdinand. Ist's endlich mir gegnnt, bei meinem Oheim,
Mit dem ich sprechen mu, Gehr zu finden?

Klesel. Die Tre steht Euch offen jederzeit,
Ihr seht ihn tglich, stndlich, wenn Ihr wollt.

Ferdinand. O ja, im Schwall des Hofs, bei Spiel, beim Tanz.
Wohl auch im Kabinett, in Eurem Beisein.

Klesel. Er ist der Herr und ich sein Diener nur.
Befiehlt er mir zu gehen, geh ich; bleibe,
Wenn er mein Bleiben frderlich ermit.

Ferdinand. Nur neulich sprach ich endlich ihn allein,
Nur merkt' ich wohl aus den zerstreuten Blicken,
Die stets er warf nach der Tapetentr,
Da jemand dort versteckt, der uns behorchte.
Und Ihr wart's, mein ich; leugnet's wenn Ihr knnt.

Klesel. Wr' es geschehn, geschah es auf Befehl:
Gehorchen schliet das Horchen selbst nicht aus.

Ferdinand. Wir aber wollen's lnger nicht mehr dulden,
Da sich ein Fremder eindrngt zwischen uns
Und strt die Einigkeit von unserm Hause.
War's darum da wir uns Euch angeschlossen
Und gegen ihn den rechten gt'gen Herrn?
So da die Rte mir der Scham noch jetzt
Indem ich spreche aufsteigt bis zur Stirne.
Da hie es, da ein Haupt dem Reich vonnten,
Da nur mit festem Tritt und sicherm Aug'
Der Ausweg sei zu finden aus den Wirren,
In denen labyrinthisch geht die Zeit,
Und wir, wir stimmten ein--wr's nie geschehn!
Doch kaum erreicht das langersehnte Ziel,
Gestillt die Gier des Herren und--des Dieners,
Wankt man auf gleichem Irrweg durch den Wald,
Und meint: sich regen sei schon weitergehn.

Klesel. Ihr irrt; ein fester Plan beherrscht das Ganze
Und jeder Schritt fhrt nher an das Ziel.

Ferdinand. Doch dieses Ziel, sag ich, es ist verderblich.
Ausgleichung heit's, Gleichgltigkeit fr jedes;
Vermengung des was Menschen ist und Gottes.
Sagt selbst ob Euer Herr--

Klesel. Nur meiner?

Ferdinand. Meiner auch.
Doch einen Abstand bildet wohl was nah und nchst.
Sagt selbst: war er nicht heier Tatendurst,
Zu zgeln kaum und kaum zurckzuhalten,
So lang die Krone lag im Reich der Hoffnung;
Und nun, bedeckt mit ihr als einem Helm
Den Szepter als ein Schwert in seiner Hand
Schlft er auf trgen Purpurkissen ein
Und bringt die Zeiten Kaiser Rudolfs wieder.
Ja schlimmer noch; denn jener war die Waage
Die beide Teile hielt im Gleichgewicht;
Ihr aber legt was Euch noch bleibt an Schwere
Der einen Schale zu, und zwar der schlechten,
Der gottverhaten, der verderblichen.
Ist nicht halb sterreich noch protestantisch,
Mit Ketzern nicht besetzt ein jeglich Amt.
Die hohe Schule, deren Rektor Ihr,
Ertnt von Worten frecher Kirchenleugner.

Klesel. Wir suchen Wissen bei der Wissenschaft,
Der Glaube wird gelehrt von glub'gen Meistern.

Ferdinand. Fluch jedem Wissen, das nicht aufwrts geht
Zu aller Wesen Herrn und einz'gem Ursprung.

Klesel. Von oben rinnt der Quell, doch rinnt er nicht zurck,
Wo er das Licht betritt ist er schon Lauf, nicht Quelle.

Ferdinand. Seid Ihr derselbe der, ein Kirchenfrst,
Berufen zur Verteid'gung ihrer Lehre?
Der sie verteidigt auch, o ja ich wei,
Solang der Kirche Gold und Rang und Ansehn
Euch noch ein Lohn schien, der des Strebens wert,
Und habt, so sagt die Welt, nicht nur von Glaubensschtzen,
Auch von den Schtzen dieser ird'schen Welt
Ein Artiges gehuft in Euern Speichern.

Klesel. Man sieht sich vor; die Zeiten schlagen um.

Ferdinand. So mag der einzelne vielleicht sich trsten,
Doch fr den Staat gibt es kein einzelnes,
Fr ihn hngt alles an derselben Kette.
Ja selbst die Mchte, die mit uns vereint,
Die gleichen Wegs mit unsern ebnen Bahnen,
Sie nehmen an der Lauheit rgernis
Und ziehen sich zurck. Was bleibt uns dann?
Hispanien, der Papst, das fromme Baiern.

Klesel. Von daher also kommt's? Mein hoher Herr,
Es sorgt ein jeder doch zunchst fr sich,
Der Freund ist mehr als meiner noch sein eigner.
Hispanien begehrt die Niederlande
Durch unsern Beistand und mit unserm Blut.
Der Papst ist der Kompa, des sichre Nadel
Die Richtung anzeigt uns zum fernen Pol;
Allein die Segel stellen und das Ruder brauchen,
Das berlt er uns; wir hoffen so.
Und endlich Baiern. Arglos frommer Herr,
So seht ihr nicht wohin sein Streben geht?
Ist streich erst verworren und geschwcht,
Steht nichts in Weg ihm zu der Kaiserkrone.

Ferdinand. Der Baierfrst hegt gottesfrcht'gen Sinn,
Das Wohl der Kirche sucht er, nicht sein eignes.

Klesel. Will einer erst die Herrschaft Gott verschaffen,
Sieht er in sich gar leicht des Herren Werkzeug
Und strebt zu herrschen, damit jener herrsche,
Auch ist der Seeleneifer und der Eigennutz
Nicht gar so unvereinbar als man glaubt.
Die berspannung lt zuweilen nach,
Und wie der Adler, der der Sonne nchst,
Holt er sich Krftigung durch ird'sche Beute.
Man meint's selbst von der Kurie in Rom.

Ferdinand. Ob Ihr nun sprecht was Euch und mir nicht ziemt,
--Ihr nennt, ich wei es, derlei Politik--
Doch eins tut not in allen ernsten Dingen:
Entschiedenheit; ob unser Ihr, ob nicht.

Klesel. Was nennt Ihr unser? Ich bin meines Herrn.
Er ist mein Uns, mein Euch, mein Ich, mein Alles.
Er ist entschieden und ich bin es auch.
Doch wenn die Macht nicht einig wie der Wille,
Wer trgt die Schuld als jene, die im Dunkeln
Am Hofe selbst sich bilden zur Partei
Und die Parteiung in den Lndern nhren?
In Bhmen selbst, wo man den Majesttsbrief
Erfllen will, getreulich, ohne Hehl,
Trifft jeder Auftrag Seiner Majestt
Auf einen heimlich widersprechenden,
Gegeben von den Nchsten seines Hauses.
Die Utraquisten wollen Kirchen baun,
Wozu sie Kaiser Rudolfs Brief berechtigt,
Man hindert sie und stellt die Arbeit ein.

Ferdinand. Null ist der Majesttsbrief, als erzwungen.

Klesel. Erzwungen ist zuletzt ein jeder Friede;
Der Schwchere gibt nach. Doch soll das Schwert
Nicht wten bis zu vlliger Vertilgung,
Mu Friede werden, der nur Friede ist
Wenn er gehalten wird, ob frei, ob nicht.
Sie sollen Kirchen baun, so will's ihr Knig.

Ferdinand. Sagt doch vielmehr nur: Ihr.

Klesel. Nun also: Ich,
Sofern mein Rat ein Teil von seinem Willen.
Mich hat umsonst aus meiner Niedrigkeit
Die Vorsicht nicht gestellt auf jene Stufe
Zu der sonst nur Geburt und Gunst erhebt.
Der Kirche Macht bekleidet mit dem Purpur,
Der mich den Knigen zur Seite stellt.
Ich werde nicht vor Menschen feig erzittern,
Und wren's Knige--im Land der Zukunft;
Die nmlich kommen kann, nicht kommen mu.

Ferdinand. Da wr' zu zittern denn an mir?

Klesel. Niemand soll zittern!
Vor allem der im Recht ist und der klug.

Ferdinand (auf die Kabinettstre zugehend).
Da ist denn einer nur der hier entscheidet.

Klesel (mit einer gleichen Bewegung).
Ich bin bestellt.

Ferdinand. Und ich, ich bin berufen,
Im Sinn der Schrift. Berufen und--erwhlt,
In Bhmen wenigstens als knft'ger Knig.

(Ein Kmmerling erscheint in der Kabinettstre.)

Klesel. Sagt, da wir warten hier, und sputet Euch!

(Der Kmmerling geht ins Kabinett zurck)
(Klesel geht mit starken Schritten auf und nieder.)

Ferdinand (sich entfernend).
Der Bauer steckt noch ganz in seinem Leibe
Mit des Emporgekommnen bermut.

(Der Kmmerling kommt zurck.)

Ferdinand. Hat man gemeldet also?

Kmmerling (mit einer Einlabewegung).
Eminenz.

(Klesel geht mit starkem Schritt ins Kabinett.)

Kmmerling. Entschuld'gen soll ich seine Majestt,
Hochwicht'ge Nachricht sei aus Prag gekommen,
Sie stehn zu Dienst wenn das Geschft beendigt.

Ferdinand. Ich bin's gewohnt den Dienern nachzustehn.
Wie ist's in Prag, vor allem mit dem Kaiser?

Kmmerling. Ein Anfall wie er fter schon ihn traf,
Nur stark wie nie, bedroht sein Leben, sagt man,
Doch gibt man Hoffnung noch--fr dieses Mal.

Ferdinand. Ich bete drum, denn er ist unsre Hoffnung,
Der schutzlos selber, unser einziger Schutz.

(Kmmerling geht zurck.)

Ferdinand. Nun denn, der Augenblick der Tat, er kam.
Stirbt Kaiser Rudolf, was wohl furchtbar nah,
Und folgt Mathias auf dem deutschen Throne,
Verdoppeln sich die furchtsamen Bedenken,
Die ihm dies Schwanken in die Brust gelegt.
Des Reiches Frsten, ketzerisch zumeist,
Hier Sachsen, Brandenburg, die bse Pfalz,
Sie ntigen zu Schonung, schwachem Dulden
Und jene Spaltung setzt sich endlos fort,
In der Gott selbst so wie sein Wort gespalten.

Vor allem jetzt mu dieser Priester fort,
Des schlimme Schmeichelei, gehllt in Derbheit,
Ihn ehrlich nennt wo listig er zumeist.
Des Leichtigkeit in Schrift und Wort und Tat,
Ihn unentbehrlich macht, weil er bequem
Die Herrschaft auflst in die Unterschrift.

Jetzt oder nie! Seit Monden seh ich's kommen,
Und der ich Festigkeit von andern fordre,
Mir ringen Zweifel selber in der Brust.
(Aus der Tasche seines Mantels Briefe hervorziehend.)
Bin ich gewappnet nicht mit aller Vollmacht
Von Rom, von Spanien, dem kathol'schen Deutschland?
Das bse Beispiel das ich etwa gebe,
Es findet sich geheiliget im Zweck:
Der Ehre Gottes und dem Sieg der Kirche.
(Das Barett abnehmend.)
So war dem Hohenpriester wohl zu Mut
Als er den Ahab ttete im Haus des Herrn.
Er warf sich nieder vor der Bundeslade
Wie ich jetzt beugen mchte hier mein Knie
Und Gottes Wink erflehn und seine Stimme.

Ich will noch einmal meinen Oheim sprechen,
Ihm vor die Augen legen diese Briefe,
Die alle fordern was das Heil von allen.
Dann aber rasch, denn er ist wankelmtig!
Der nchste Tag bringt einen andern Sinn
Und die Gewohnheit ist das Band der Schwche.
(Die Tre im Hintergrunde ffnend.)
Seyfried bist du bereit?

Seyfried Breuner (eintretend).
Ich bin's seit lange.

Ferdinand. Nun diesmal gilt's. Besorg erst einen Wagen.

Seyfried. Des Klesel Kutsche, die ihn hergebracht,
Hlt unten noch im Hof.

Ferdinand. Um desto besser.
Indes ich noch mit meinem Oheim spreche,
Halt ihn zurck durch irgend einen Vorwand,
Bis ich dir sage: jetzt! Dann schnell nach Kufstein.
Merk wohl, er darf zurck nicht in sein Haus,
Denn seine Schriften sind vor allem wichtig.
Er kommt. Geh nur und sieh nach deinen Leuten.

(Seyfried ab.--Klesel kommt aus dem Kabinett.)

Ferdinand. Darf ich nun endlich meinem Oheim nahn?

Klesel. Er ging nur eben nach der Schlokapelle,
Doch kehrt er wieder, ehrt ihn der Besuch.

Ferdinand. Es ist kaum zehn, um eilf Uhr ist die Messe.

Klesel. Die Andacht bindet sich an keine Zeit.

Ferdinand. Nun das habt Ihr getan. Ich dank Euch drum.
Ich forderte ein Zeichen erst vom Himmel,
Ihr gebt das Zeichen selbst. Noch einmal: Dank!
Das ist der Lohn der Schlauheit, da sie fein
Den Faden spinnt, bis er, am feinsten, bricht.
Ihr sollt nach Kufstein, Herr!

Klesel. Nicht da ich wte!
Mir ist zu reisen weder Zeit noch Lust.

Ferdinand. Doch wenn Ihr mt?

Klesel (sich dem Kabinette nhernd).
Wer wagt hier zu gebieten?

Ferdinand. Ihr habt ja selbst den Schutz von Euch entfernt.
Der Knig ist in seinen Zimmern nicht,
Gesendet habt Ihr ihn nach der Kapelle
Und seid gegeben nun in unsre Macht.
Der Papst will Euch in Rom; deshalb nach Kufstein,
Das annoch deutsch und auf dem Weg nach Welschland.

Klesel. Der Knig ruft zurck mich Augenblicks.

Ferdinand. Seid dessen wirklich Ihr so sicher?

Klesel.--Nein!
Ihm hat die Herrschaft aufgedrckt die Makel,
Die sie der Kn'ge besten nur erspart:
Unsicherheit und Mangel an Entschlu.
Doch spter, wenn der Samen aufgegangen,
Den man gest in den entzweiten Landen,
Verwirrung und Emprung, ja der Krieg
In blutigroter Blte wuchernd sprossen,
Dann wird man pilgern hin zu Kufsteins Toren,
Dann kehr ich heim in siegendem Triumph.

Seyfried (eintretend).
Es drngt die Zeit.

Ferdinand. Sei immer ruhig, Freund,
Er hat dafr gesorgt, da uns sein Herr
Nicht vor der Zeit hier stre im Beginnen.
Nun aber fort! Es ziemt nicht meiner Wrde
Den Schergen hier zu spielen nebst dem Richter.
Obwohl's mich freut, erquickt in meinem Sinn,
--Nicht meinetwillen, nein um Gottes wegen--
Im Staub zu sehn den Mann, der ihm getrotzt.
Glck auf den Weg! Nach Kufstein also rasch!

(Durch die Mitteltre ab.)

Klesel. Herr Seyfried, seht, ich war Euch stets ein Freund.

Seyfried. Drum habt Ihr meiner Schwester auch verweigert
Die Pension, die ihr zu Recht gebhrt.

Klesel. Sie soll sie haben, und verlangt ihr Gold,
Nennt den Betrag bis dreiigtausend Kronen,
Nur gnnt mir Aufschub, eine Viertelstunde.
Lat mich zu Hause ordnen noch Papiere,
Man hat so viel was nicht fr jeden taugt.

Seyfried. Ich bin vom selben Stoff wie meine Waffen:
Die Faust von Eisen und die Brust von Erz.
(Auf die Seitentre links zeigend.)
Dort unser Weg. Verlegt Euch nicht auf Bitten.

Klesel. Ihr mahnt mich recht. Ich habe hier geboten
Und will nicht betteln um der Bettler Gnade.
Vollfhrt denn die Befehle Eures Herrn,
Der sich von Eisen fhlt, wie Euer Harnisch
So oft ihn Glaubenseifer vorwrts treibt,
Doch kommt's einmal zu menschlicher Zerwrfnis
Vor jedem zittern wird, der, starken Sinns
Sich dienend aufgedrungen ihm zum Herrn.
Er wird mein Rcher sein. Ich ahn ihn schon
Und hre seine Tritte aus der Ferne.

Ein Diener (der die Mitteltre ffnet, anmeldend).
Herr Oberst Wallenstein.

Klesel. Hrt Ihr den Namen?

Seyfried. Jetzt ist nicht Zeit zu sprechen. Dort hinaus!

(Aus der Seitentre sind Trabanten herausgetreten.)

Klesel (zu Seyfried, der vorausgehen will).
Zurck! Mir bleibt der Vorrang, wr's in Ketten.

(Er geht mitten durch die Trabanten ab. Seyfried folgt. Oberst
Wallenstein ist eingetreten und sieht ihnen verwundert nach.
Erzherzog Ferdinand kommt durch die Mitteltre.)

Ferdinand. Wir freuen uns, Herr Oberst, Euch zu sehn.
Ihr kommt aus Prag?

Wallenstein. Auf einem Umweg, ja.

Ferdinand. Wie steht's im Schlo?

Wallenstein. Verwirrung aller Orten.
Man spricht von Krankheit, manche gar von Tod.

Ferdinand. Verht' es Gott!

Wallenstein. Er wird wohl etwa, denk ich.
Allein im Land bedarf es unsre Sorge,
Da ist das Unterste zuoberst, Herr.

Ferdinand. Vielleicht das Oberste zuunterst bald.

Wallenstein. Man hat den Bau der Kirchen eingestellt,
Die ihnen zugesagt der Majesttsbrief.

Ferdinand. Das hat er nicht.

Wallenstein. Nun auch gut, also nicht.
Allein sie glauben's und der Aufstand lodert
In Braunau, Pilsen, weit herum im Land.
Schon bis nach Prag erstreckt sich die Bewegung.
Der Mathes Thurn liegt dort im Hinterhalt.

Ferdinand. Und unsre Treuen, Martiniz, Slawata,
Des Landes fromme Pfleger, dulden sie's?

Wallenstein. Sie haben rgeres bereits erduldet.
Der Mathes Thurn lie eben als ich abging,
Nach einer alten Landessitte, sagt er,
Sie aus den Fenstern werfen am Hradschin,
Im vollen Landtag und im besten Sprechen.
Doch sind sie unverletzt, seid unbesorgt.
Sie haben noch gar hflich sich entschuldigt
Weil nach dem Rang sie nicht zu liegen kamen,
Zuoberst, weil zuletzt, der Sekretr.
Betrachtet Bhmen drum als feindlich Land.

Ferdinand. Nun um so besser denn!

Wallenstein. Ihr seid mein Mann!
Drum eben ist Gewalt Gewalt genannt,
Weil sie entgegen tritt dem Widerstand.
Und wie im Feld der Heeresfrst gebeut,
Nicht fremde Meinung oder Tadel scheut,
So sei auch in des Landes Regiment
Ein Gott, ein Herr, ein Wollen ungetrennt.
Ich will nun noch zu Seiner Majestt.

Ferdinand. Lat das auf spter. Setzt fr jetzt Euch hin,
Schreibt die Befehle an die Garnisonen.

Wallenstein. Das ist bereits geschehn.

Ferdinand. Durch wen? und wann?

Wallenstein. Da auf den Stationen als ich herritt,
Man mit den Pferden zgerte, wie's Brauch,
Benutzt' ich jede Rast und schrieb die Orders
An die entfernt gelegnen Truppen selbst,
Sie teils nach Brnn, teils her nach Wien bescheidend.
Erwartet heut noch die Dampierrschen Reiter,
Kapraras Fuvolk auch ist wohl schon nah.
Der Krieg hat Fe denn doch nur und Hnde
Wenn er Geschwindigkeit mit Kraft vereint.

Ferdinand. Und das nahmt Ihr auf Euch?

Wallenstein. So sollt' ich nicht?

Ferdinand. Ich dank Euch, Herr; und denk Euch wohl zu brauchen,
Wenn mich einst Gott auf diesen Thron gesetzt.
Doch will ich mich auch hten, nehmt's nicht bel,
Da Ihr nicht mehr mir dient, als lieb mir selbst.

Wallenstein. Wer kann wohl sagen, meint ein altes Sprichwort:
Aus diesem Brunnen will ich niemals trinken!
Die Zeit entscheidet da, Herr--und der Durst.

Erzherzog Ferdinand (die Mitteltre ffnend).
Herbei wer in den Vorgemchern drauen
Und treu es meint mit streichs edlem Haus.

(Mehrere treten ein.)

Ferdinand. In Prag hat sich der Pbel, Glaubenspbel
Erfrecht was nimmermehr zu dulden ziemt.
Wer Christ und Edelmann ist aufgefordert
Zu ziehn mit uns fr Gott und fr das Recht.

Einige. Seht uns bereit!

Andere. Mit Gut und Blut und Leben!

Ferdinand. Besendet Tilly, schreibt an Baierns Herzog,
Da uns ihr Beistand sicher, wenn er not.

Obwohl fr jedes Menschenleben gern
Ich einen Teil hingbe meines Selbst,
Will ich nicht ruhn, bis dieses bse Schlingkraut
Vertilgt in jeder Windung bis zum Kern.

(Trompeten in der Ferne.)

Wallenstein (ans Fenster eilend).
Das sind, wei Gott! schon die Dampierrschen Reiter.
Die habt Ihr nun wie Wrfel in der Hand.

(Knig Mathias kommt aus dem Kabinette.)

Mathias. Was sind das fr Trompeten? und was soll's?

Ferdinand. Die Truppen, Herr, die sich nach Prag bewegen,
Wo frecher Aufruhr uns die Stirne beut.

Mathias. Die Frchte das von dem geheimen Treiben,
Das hinter unserm Rcken still bemht.
Schickt nach dem Kardinal!
(Da die Angeredeten verlegen zurcktreten.)
Was zgert ihr?

Ferdinand. Er ist nur eben abgereist nach Kufstein.

Mathias. In diesem Augenblick? Ist er von Sinnen?

Ferdinand. Gerad in diesem Augenblick, mein Knig.
(Auf das Kabinett zeigend.)
Gefllt's Euch hier ins Innre einzutreten,
So leg ich Euch die Grnde dienstlich vor.

Mathias (streng).
Sprecht ffentlich, damit ich offen richte.

Ferdinand (Schriften aus dem Mantel ziehend, halblaut).
Die Briefe hier von Baiern, Spanien, Rom,
Den einz'gen Sttzen unsrer guten Sache,
Die nur auf die Entfernung dieses Manns
Den Beistand uns verheien, den wir brauchen.
Hier Oberst Wallenstein, er kommt aus Prag
Und meldet uns, da dort der Aufstand rege.
Die Andersglubigen der andern Lnder,
Erwarten nur das Zeichen solchen Ausbruchs,
Um zu vereinen sich zu gleichem Trotz.
Glaubt Ihr, da wir mit unsern eignen Krften
(auf die Schriften zeigend)
Nicht untersttzt von gleichgesinnten Mchten,
Dem Sturm gewachsen der uns rings bedroht?

Mathias. Wr' Klesel hier er wte des wohl Rat.

Ferdinand. Er ist kaum auf dem Weg. Geliebt es Euch,
So bringen Boten ihn noch heut zurck.
Allein alsdann verzeiht, wenn ich mich selbst
Vereine mit den Schreibern dieser Briefe,
Zurck mich ziehend in mein stilles Land.
(Mit gebeugtem Knie die Schriften hinhaltend.)

Mathias (die Schriften ihm heftig aus der Hand nehmend).
Wir wollen sehn!--Herr Oberst Wallenstein
Ihr kommt von Prag. Wie steht es mit dem Kaiser?
(Mit einem Seitenblicke auf Erzherzog Ferdinand.)
Ich fhle mich nur jetzt an ihn gemahnt.

Wallenstein. Er ward so oft im Leben totgesagt,
Da nun auch kaum man den Gerchten glaubt,
Die unheilkndend sich vom Schlo verbreiten.
Doch berholt' ich an der Taborbrcke
Ein Sechsgespann mit kaiserlichem Wappen
Und Herren drin in Schwarz, vielleicht in Trauer.
Hier sind sie deucht mich; hrt die Antwort selbst.

(Herzog Julius von Braunschweig und einige Hofleute, die reichverzierte
Kleinodien-Gehuse tragen, smtlich in Trauer, treten ein.)

Mathias. Ich wei genug. Es sprechen eure Kleider.
Mein Bruder tot. Wr' ich es erst nur auch.
(An der Tre des Kabinetts.)
Und niemand folge mir! Ich will allein sein.
(Er geht hinein.)

Ferdinand. Und ist es so?

Julius. Es ist. Ein jher Anfall,
Der noch der Hoffnung Raum lie, weil er fter,
So sagen seine Diener, ihn ergriff.
Doch diesmal war's der Tod. Er ist geschieden.

Ferdinand. O da der Drang der Zeit mir Weile gnnte
Ihn zu beweinen wie er es verdient.
Er war ein frommer Frst.

Julius. Wohl, und ein Weisrer,
Als ihm die Hast der bereilung zugibt.

Ferdinand. Doch zeigt die Weisheit sich im Handeln meist.

Julius. Wo nichts zu wirken ist auch nicht zu handeln
Die Zeit hilft selbst sich mehr als man ihr hilft.
Wir bringen die Insignien des Reichs,
Das einem andern nun zu Recht gehrt,
Ein Erbe, der die Erbschaft schon besitzt.
Und so nun, meine Freundespflicht erfllt,
--Er war mein Freund, ich wenigstens der seine--
Empfehl ich dieses Land in Gottes Schutz
Und kehre rck zu meinem das mich ruft.

Ferdinand. Vor allem noch nehmt unsers Hauses Dank,
Herr, und erlaubt, da bis zur uern Tr--

Julius (ablehnend).
Der Tod macht gleich. Wir alle mssen sterben.

(Er geht. Seine Begleiter setzen die Kapseln mit den Insignien auf
einen rechts im Hintergrunde stehenden Tisch.--Militrmusik in der Ferne.)

Wallenstein (ans Fenster eilend).
Das ist Kapraras Fuvolk, wie ich sagte.

Ferdinand. Lat diese Tne schweigen, die den Jubel
In unsers Herzens Trauer spottend mischen.
--Auch strt es etwa Seine Majestt,
Die jetzt wohl schwer von anderen Gedanken.

(Es ist jemand auf den Balkon getreten und hat mit dem Schnupftuch ein
Zeichen gemacht. Die Musik schweigt.)

Ferdinand. Und so im Geist der Leichenfeier folgend
Des hingeschiednen Herrn, lat uns ihn rchen.
Zwar Rache ziemt dem echten Christen nicht,
Doch seine Feinde strafen die auch unsre;
Und strafend sie, wr's mit dem uersten,
Zugleich erretten von dem ew'gen Tod.
Ein kurzer Feldzug nur steht uns bevor--

Wallenstein (in der Menge).
Der Krieg ist gut, und whrt' er dreiig Jahr.

Ferdinand. Wer sprach? Was fllt Euch ein? Und warum dreiig?
Ist's doch als ob mit wiederholtem Schall
Das Wort von allen Wnden widertnte.
Ein kurzer Feldzug sagt' ich, und so ist's.
Was fllt Euch ein? Und warum dreiig eben?

Wallenstein. Ei, Herr, man nennt so viel ein Menschenleben.
Und eh' nicht, die nun Mnner, fat das Grab,
Und die nun Kinder, Mnner sind geworden,
Legt sich die Grung nicht, die jetzt im Blut.

Ferdinand. Wir achten Euch als wohlerprobten Krieger,
Als tcht'gen Fhrer, wohl dereinst als Feldherrn,
Doch zum Propheten seid Ihr noch zu jung.
Und wenn Ihr, wie man sagt, in Sternen lest,
So denkt an Kaiser Rudolfs traurig Wissen.

Nun lat uns die Befehle noch bereiten,
Da jedem kundig wo sein wahrer Punkt.
Denn gleich der Tat ehr ich die kluge Schrift;
Die Feder schlgt oft sichrer als die Waffe.

Musik und Lrm auf der Strae. Vivat Mathias!

Ferdinand. Schweigt man nimmer denn?

Ein Diener (der eingetreten ist).
Der Tod des Kaisers hat sich schon verbreitet.
Man jauchzt dem neuen Herrn. Man will ihn sehn.

Auf der Strae. Vivat Mathias!

Ferdinand (auf das Kabinett zeigend).
Geh denn einer hin
Und sage--Meldet Seiner Majestt
Des Volkes Wunsch und der Getreuen Bitte.

(Der Diener geht ins Kabinett.)

Ferdinand. Man mu die Stimmung ntzen wenn sie neu.
Gealtert teilt sie gern des Alters Zweifel
Und frgt nach Grnden; endlos im Warum?

Mathias (aus dem Kabinette).
Wird mir denn nimmer Ruh'? Was soll es noch?

Ferdinand. Das Volk von dem Ereignis unterrichtet,
Das seinen Herrn beruft zum deutschen Thron,
Dazu die Krieger, die ins Feld sich rsten,
Verlangen Euch zu sehn, erlauchter Herr.

Mathias. Nun denn, nur schnell.

Ferdinand (auf die Glastre zeigend).
Vielleicht hier vom Balkon.

Mathias. Geht Ihr mit mir und steht an meiner Seite,
Vielleicht erkennt das Volk dann wer sein Herr.

(Erzherzog Ferdinand tritt mit einer ehrerbietigen Verbeugung zurck.)

Mathias. So ffnet denn die Tr!--Und--
(mit einer Abschiedsbewegung)
Gott befohlen!

(Er tritt auf den Balkon. Jubelgeschrei von auen.)

Ferdinand. Wir wollen denn nicht lnger lstig fallen.
Ich selber ziehe nicht mit Euch ins Feld,
Doch will ich sorgen, da, dieweil Ihr fern
Die Feinde tilgt mit scharfgeschliffner Waffe,
Die Gegner in dem Rcken Eures Heers,
Die heimlichen, deshalb gefhrlichsten,
Gejtet und gesichtet und getilgt,
Auf da das Land ein wohlbestellter Garten,
Ein hrenfeld, zu Frucht dem hchsten Herrn.

(Indem die Anwesenden sich ffnen und einen Durchgang bilden.)

Ferdinand. Es geht in Krieg, seid froh Herr Wallenstein.

Wallenstein. Ich bin's.

Mehrere. Wir auch, und whrt' es dreiig Jahr
--Ja wren's dreiig--Dreiig!--Um so besser.

(Indem sie Wallenstein die Hand schtteln, alle ab.)

Mathias (der vom Balkon zurckkommt).
Was sprechen sie von Krieg und dreiig Jahren?
Ich werd es nicht erleben. Glck genug.
Und brall Lrm. Ich aber brauchte Stille
Tnt's doch in meinem Innern laut genug;
Und wieder de, da kein Widerhall
Des allgemeinen Jubels rckerklingt.
Am Ziel ist nichts mir deutlich als der Weg,
Der kein erlaubter war und kein gerechter.
(Sein Blick trifft die Reichskleinodien, er wendet die Augen ab.)
O Bruder, lebtest du und wr' ich tot!
Gekostet hab ich was mir herrlich schien,
Und das Gebein ist mir darob vertrocknet,
Entschwunden jene Trume knft'ger Taten,
Machtlos wie du wank ich der Grube zu.

Ich will ins Freie, mich zerstreun--und doch,
Wie ein Magnet ziehts mir die Augen hin
Und tuscht mit Formen, die nicht sind, ich wei.
Reicht denn dein Ha herber bers Grab,
Selbst nach der Strafe noch?

(Lrm und Musik von neuem aus der Ferne.)

Mathias (gegen den Tisch gekehrt in einiger Entfernung niederkniend und
wiederholt die Brust schlagend).
Mea culpa, mea culpa,
Mea maxima culpa

Von der Strae. Vivat Mathias!

(Indem das Vivatrufen fortwhrt und Mathias das Gesicht mit beiden Hnden
bedeckt fllt der Vorhang.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ein Bruderzwist in Habsburg,
von Franz Grillparzer.







End of Project Gutenberg's Ein Bruderzwist in Habsburg, by Franz Grillparzer

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BRUDERZWIST IN HABSBURG ***

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