The Project Gutenberg EBook of Emilia Lagotti, by Gotthold Ephraim Lessing

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Title: Emilia Lagotti

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Posting Date: February 24, 2015 [EBook #9108]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 7, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EMILIA LAGOTTI ***




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EMILIA GALOTTI

von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING

Personen:

Emilia Galotti
Odoardo und Claudia Galotti, Eltern der Emilia
Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla
Marinelli, Kammerherr des Prinzen
Camillo Rota, einer von des Prinzen Rten
Conti, Maler
Graf Appiani
Grfin Orsina
Angelo und einige Bediente




Erster Aufzug

Die Szene: ein Kabinett des Prinzen.


Erster Auftritt

Der Prinz (an einem Arbeitstische voller Briefschaften und Papiere,
deren einige er durchluft). Klagen, nichts als Klagen!
Bittschriften, nichts als Bittschriften!--Die traurigen Geschfte; und
man beneidet uns noch!--Das glaub ich; wenn wir allen helfen knnten:
dann wren wir zu beneiden.--Emilia? (Indem er noch eine von den
Bittschriften aufschlgt und nach dem unterschriebenen Namen sieht.)
Eine Emilia?--Aber eine Emilia Bruneschi--nicht Galotti. Nicht Emilia
Galotti!--Was will sie, diese Emilia Bruneschi? (Er lieset.) Viel
gefodert, sehr viel.--Doch sie heit Emilia. Gewhrt! (Er
unterschreibt und klingelt, worauf ein Kammerdiener hereintritt.) Es
ist wohl noch keiner von den Rten in dem Vorzimmer?


Der Kammerdiener. Nein.

Der Prinz. Ich habe zu frh Tag gemacht.--Der Morgen ist so schn.
Ich will ausfahren. Marchese Marinelli soll mich begleiten. Lat ihn
rufen. (Der Kammerdiener geht ab.)--Ich kann doch nicht mehr arbeiten.
--Ich war so ruhig, bild ich mir ein, so ruhig--Auf einmal mu eine
arme Bruneschi Emilia heien:--weg ist meine Ruhe, und alles!--Der
Kammerdiener (welcher wieder hereintritt). Nach dem Marchese ist
geschickt. Und hier, ein Brief von der Grfin Orsina.

Der Prinz. Der Orsina? Legt ihn hin.

Der Kammerdiener. Ihr Lufer wartet.

Der Prinz. Ich will die Antwort senden; wenn es einer bedarf.--Wo ist
sie? In der Stadt? oder auf ihrer Villa?

Der Kammerdiener. Sie ist gestern in die Stadt gekommen.

Der Prinz. Desto schlimmer--besser, wollt' ich sagen. So braucht der
Lufer um so weniger zu warten. (Der Kammerdiener geht ab.) Meine
teure Grfin! (Bitter, indem er den Brief in die Hand nimmt) So gut,
als gelesen! (und ihn wieder wegwirft.)--Nun ja; ich habe sie zu
lieben geglaubt! Was glaubt man nicht alles? Kann sein, ich habe sie
auch wirklich geliebt. Aber--ich habe!

Der Kammerdiener (der nochmals hereintritt). Der Maler Conti will die
Gnade haben-Der Prinz. Conti? Recht wohl; lat ihn hereinkommen.
--Das wird mir andere Gedanken in den Kopf bringen. (Steht auf.)



Zweiter Auftritt

Conti. Der Prinz.


Der Prinz. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunst?

Conti. Prinz, die Kunst geht nach Brot.

Der Prinz. Das mu sie nicht; das soll sie nicht--in meinem kleinen
Gebiete gewi nicht.--Aber der Knstler mu auch arbeiten wollen.

Conti. Arbeiten? Das ist seine Lust. Nur zu viel arbeiten mssen
kann ihn um den Namen Knstler bringen.

Der Prinz. Ich meine nicht vieles, sondern viel; ein weniges, aber
mit Flei.--Sie kommen doch nicht leer, Conti?

Conti. Ich bringe das Portrt, welches Sie mir befohlen haben,
gndiger Herr. Und bringe noch eines, welches Sie mir nicht befohlen:
aber weil es gesehen zu werden verdient--Der Prinz. Jenes ist?--Kann
ich mich doch kaum erinnern--Conti. Die Grfin Orsina.

Der Prinz. Wahr!--Der Auftrag ist nur ein wenig von lange her.

Conti. Unsere schnen Damen sind nicht alle Tage zum Malen. Die
Grfin hat, seit drei Monaten, gerade einmal sich entschlieen knnen
zu sitzen.

Der Prinz. Wo sind die Stcke?

Conti. In dem Vorzimmer, ich hole sie.



Dritter Auftritt

Der Prinz. Ihr Bild!--mag!--Ihr Bild, ist sie doch nicht selber.--Und
vielleicht find ich in dem Bilde wieder, was ich in der Person nicht
mehr erblicke.--Ich will es aber nicht wiederfinden.--Der
beschwerliche Maler! Ich glaube gar, sie hat ihn bestochen.--Wr' es
auch! Wenn ihr ein anderes Bild, das mit andern Farben, auf einen
andern Grund gemalet ist--in meinem Herzen wieder Platz machen will:
--Wahrlich, ich glaube, ich wr' es zufrieden. Als ich dort liebte,
war ich immer so leicht, so frhlich, so ausgelassen.--Nun bin ich von
allem das Gegenteil.--Doch nein; nein, nein! Behglicher oder nicht
behglicher: ich bin so besser.



Vierter Auftritt

Der Prinz. Conti mit den Gemlden, wovon er das eine verwandt gegen
einen Stuhl lehnet.


Conti (indem er das andere zurechtstellet). Ich bitte, Prinz, da Sie
die Schranken unserer Kunst erwgen wollen. Vieles von dem
Anzglichsten der Schnheit liegt ganz auer den Grenzen derselben.
--Treten Sie so!--Der Prinz (nach einer kurzen Betrachtung).
Vortrefflich, Conti--ganz vortrefflich!--Das gilt Ihrer Kunst, Ihrem
Pinsel.--Aber geschmeichelt, Conti; ganz unendlich geschmeichelt!

Conti. Das Original schien dieser Meinung nicht zu sein. Auch ist es
in der Tat nicht mehr geschmeichelt, als die Kunst schmeicheln mu.
Die Kunst mu malen, wie sich die plastische Natur--wenn es eine
gibt--das Bild dachte: ohne den Abfall, welchen der widerstrebende
Stoff unvermeidlich macht; ohne den Verderb, mit welchem die Zeit
dagegen ankmpfet.

Der Prinz. Der denkende Knstler ist noch eins soviel wert.--Aber das
Original, sagen Sie, fand demungeachtet--Conti. Verzeihen Sie, Prinz.
Das Original ist eine Person, die meine Ehrerbietung fodert. Ich habe
nichts Nachteiliges von ihr uern wollen.

Der Prinz. Soviel als Ihnen beliebt!--Und was sagte das Original?

Conti. Ich bin zufrieden, sagte die Grfin, wenn ich nicht hlicher
aussehe.

Der Prinz. Nicht hlicher?--O das wahre Original!

Conti. Und mit einer Miene sagte sie das--von der freilich dieses ihr
Bild keine Spur, keinen Verdacht zeiget.

Der Prinz. Das meint' ich ja; das ist es eben, worin ich die
unendliche Schmeichelei finde.--Oh! ich kenne sie, jene stolze,
hhnische Miene, die auch das Gesicht einer Grazie entstellen wrde!
--Ich leugne nicht, da ein schner Mund, der sich ein wenig spttisch
verziehet, nicht selten um so viel schner ist. Aber, wohl gemerkt,
ein wenig: die Verziehung mu nicht bis zur Grimasse gehen, wie bei
dieser Grfin. Und Augen mssen ber den wollstigen Sptter die
Aufsicht fhren--Augen, wie sie die gute Grfin nun gerade gar nicht
hat. Auch nicht einmal hier im Bilde hat.

Conti. Gndiger Herr, ich bin uerst betroffen--Der Prinz. Und
worber? Alles, was die Kunst aus den groen, hervorragenden, stieren,
starren Medusenaugen der Grfin Gutes machen kann, das haben Sie,
Conti, redlich daraus gemacht.--Redlich, sag ich?--Nicht so redlich,
wre redlicher. Denn sagen Sie selbst, Conti, lt sich aus diesem
Bilde wohl der Charakter der Person schlieen? Und das sollte doch.
Stolz haben Sie in Wrde, Hohn in Lcheln, Ansatz zu trbsinniger
Schwrmerei in sanfte Schwermut verwandelt.

Conti (etwas rgerlich). Ah, mein Prinz--wir Maler rechnen darauf,
da das fertige Bild den Liebhaber noch ebenso warm findet, als warm
er es bestellte. Wir malen mit Augen der Liebe: und Augen der Liebe
mten uns auch nur beurteilen.

Der Prinz. Je nun, Conti--warum kamen Sie nicht einen Monat frher
damit?--Setzen Sie weg.--Was ist das andere Stck?

Conti (indem er es holt und noch verkehrt in der Hand hlt). Auch ein
weibliches Portrt.

Der Prinz. So mcht' ich es bald--lieber gar nicht sehen. Denn dem
Ideal hier (mit dem Finger auf die Stirne)--oder vielmehr hier (mit
dem Finger auf das Herz) kmmt es doch nicht bei.--Ich wnschte, Conti,
Ihre Kunst in andern Vorwrfen zu bewundern.

Conti. Eine bewundernswrdigere Kunst gibt es, aber sicherlich keinen
bewundernswrdigern Gegenstand als diesen.

Der Prinz. So wett ich, Conti, da es des Knstlers eigene Gebieterin
ist.--(Indem der Maler das Bild umwendet.) Was seh ich? Ihr Werk,
Conti? oder das Werk meiner Phantasie?--Emilia Galotti!

Conti. Wie, mein Prinz? Sie kennen diesen Engel?

Der Prinz (indem er sich zu fassen sucht, aber ohne ein Auge von dem
Bilde zu verwenden). So halb!--um sie eben wiederzukennen.--Es ist
einige Wochen her, als ich sie mit ihrer Mutter in einer Vegghia traf.
--Nachher ist sie mir nur an heiligen Sttten wieder vorgekommen--wo
das Angaffen sich weniger ziemet.--Auch kenn ich ihren Vater. Er ist
mein Freund nicht. Er war es, der sich meinen Ansprchen auf
Sabionetta am meisten widersetzte.--Ein alter Degen, stolz und rauh,
sonst bieder und gut!-Conti. Der Vater! Aber hier haben wir seine
Tochter.

Der Prinz. Bei Gott! wie aus dem Spiegel gestohlen! (Noch immer die
Augen auf das Bild geheftet.) Oh, Sie wissen es ja wohl, Conti, da
man den Knstler dann erst recht lobt, wenn man ber sein Werk sein
Lob vergit.

Conti. Gleichwohl hat mich dieses noch sehr unzufrieden mit mir
gelassen.--Und doch bin ich wiederum sehr zufrieden mit meiner
Unzufriedenheit mit mir selbst.--Ha! da wir nicht unmittelbar mit den
Augen malen! Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den
Pinsel, wieviel geht da verloren!--Aber, wie ich sage, da ich es wei,
was hier verlorengegangen und wie es verlorengegangen und warum es
verlorengehen mssen: darauf bin ich ebenso stolz und stolzer, als ich
auf alles das bin, was ich nicht verlorengehen lassen. Denn aus jenem
erkenne ich, mehr als aus diesem, da ich wirklich ein groer Maler
bin, da es aber meine Hand nur nicht immer ist.--Oder meinen Sie,
Prinz, da Raffael nicht das grte malerische Genie gewesen wre,
wenn er unglcklicherweise ohne Hnde wre geboren worden? Meinen Sie,
Prinz?

Der Prinz (indem er nur eben von dem Bilde wegblickt). Was sagen Sie,
Conti? Was wollen Sie wissen?

Conti. O nichts, nichts!--Plauderei! Ihre Seele, merk ich, war ganz
in Ihren Augen. Ich liebe solche Seelen und solche Augen.

Der Prinz (mit einer erzwungenen Klte). Also, Conti, rechnen Sie
doch wirklich Emilia Galotti mit zu den vorzglichsten Schnheiten
unserer Stadt?

Conti. Also? mit? mit zu den vorzglichsten? und den vorzglichsten
unserer Stadt?--Sie spotten meiner, Prinz. Oder Sie sahen die ganze
Zeit ebensowenig, als Sie hrten.

Der Prinz. Lieber Conti--(die Augen wieder auf das Bild gerichtet,)
wie darf unsereiner seinen Augen trauen? Eigentlich wei doch nur
allein ein Maler von der Schnheit zu urteilen.

Conti. Und eines jeden Empfindung sollte erst auf den Ausspruch eines
Malers warten?--Ins Kloster mit dem, der es von uns lernen will, was
schn ist! Aber das mu ich Ihnen doch als Maler sagen, mein Prinz:
eine von den grten Glckseligkeiten meines Lebens ist es, da Emilia
Galotti mir gesessen. Dieser Kopf, dieses Antlitz, diese Stirne,
diese Augen, diese Nase, dieser Mund, dieses Kinn, dieser Hals, diese
Brust, dieser Wuchs, dieser ganze Bau, sind, von der Zeit an, mein
einziges Studium der weiblichen Schnheit.--Die Schilderei selbst,
wovor sie gesessen, hat ihr abwesender Vater bekommen. Aber diese
Kopie--Der Prinz (der sich schnell gegen ihn kehret). Nun, Conti? ist
doch nicht schon versagt?

Conti. Ist fr Sie, Prinz, wenn Sie Geschmack daran finden.

Der Prinz. Geschmack!--(Lchelnd.) Dieses Ihr Studium der weiblichen
Schnheit, Conti, wie knnt' ich besser tun, als es auch zu dem
meinigen zu machen?--Dort, jenes Portrt nehmen Sie nur wieder
mit--einen Rahmen darum zu bestellen.

Conti. Wohl!

Der Prinz. So schn, so reich, als ihn der Schnitzer nur machen kann.
Es soll in der Galerie aufgestellet werden.--Aber dieses bleibt hier.
Mit einem Studio macht man soviel Umstnde nicht: auch lt man das
nicht aufhngen, sondern hat es gern bei der Hand.--Ich danke Ihnen,
Conti; ich danke Ihnen recht sehr.--Und wie gesagt: in meinem Gebiete
soll die Kunst nicht nach Brot gehen--bis ich selbst keines habe.
--Schicken Sie, Conti, zu meinem Schatzmeister, und lassen Sie, auf
Ihre Quittung, fr beide Portrte sich bezahlen--was Sie wollen.
Soviel Sie wollen, Conti.

Conti. Sollte ich doch nun bald frchten, Prinz, da Sie so noch
etwas anders belohnen wollen als die Kunst.

Der Prinz. O des eiferschtigen Knstlers! Nicht doch!--Hren Sie,
Conti; soviel Sie wollen. (Conti geht ab.)



Fnfter Auftritt

Der Prinz. Soviel er will!--(Gegen das Bild.) Dich hab ich fr jeden
Preis noch zu wohlfeil.--Ah! schnes Werk der Kunst, ist es wahr, da
ich dich besitze?--Wer dich auch bese, schnres Meisterstck der
Natur!--Was Sie dafr wollen, ehrliche Mutter! Was du willst, alter
Murrkopf! Fodre nur! Fodert nur!--Am liebsten kauft' ich dich,
Zauberin, von dir selbst!--Dieses Auge voll Liebreiz und
Bescheidenheit! Dieser Mund!--Und wenn er sich zum Reden ffnet! wenn
er lchelt! Dieser Mund!--Ich hre kommen.--Noch bin ich mit dir zu
neidisch. (Indem er das Bild gegen die Wand drehet.) Es wird
Marinelli sein. Htt' ich ihn doch nicht rufen lassen! Was fr einen
Morgen knnt' ich haben!



Sechster Auftritt

Marinelli. Der Prinz.


Marinelli. Gndiger Herr, Sie werden verzeihen.--Ich war mir eines so
frhen Befehls nicht gewrtig.

Der Prinz. Ich bekam Lust, auszufahren. Der Morgen war so schn.
--Aber nun ist er ja wohl verstrichen; und die Lust ist mir vergangen.
--(Nach einem kurzen Stillschweigen.) Was haben wir Neues, Marinelli?

Marinelli. Nichts von Belang, das ich wte.--Die Grfin Orsina ist
gestern zur Stadt gekommen.

Der Prinz. Hier liegt auch schon ihr guter Morgen (auf ihren Brief
zeigend) oder was es sonst sein mag! Ich bin gar nicht neugierig
darauf.--Sie haben sie gesprochen?

Marinelli. Bin ich, leider, nicht ihr Vertrauter?--Aber, wenn ich es
wieder von einer Dame werde, der es einkmmt, Sie in gutem Ernste zu
lieben, Prinz: so--Der Prinz. Nichts verschworen, Marinelli!

Marinelli. Ja? In der Tat, Prinz? Knnt' es doch kommen?--Oh! so
mag die Grfin auch so unrecht nicht haben.

Der Prinz. Allerdings, sehr unrecht!--Meine nahe Vermhlung mit der
Prinzessin von Massa will durchaus, da ich alle dergleichen Hndel
frs erste abbreche.

Marinelli. Wenn es nur das wre: so mte freilich Orsina sich in ihr
Schicksal ebensowohl zu finden wissen als der Prinz in seines.

Der Prinz. Das unstreitig hrter ist als ihres. Mein Herz wird das
Opfer eines elenden Staatsinteresse. Ihres darf sie nur zurcknehmen,
aber nicht wider Willen verschenken.

Marinelli. Zurcknehmen? Warum zurcknehmen? fragt die Grfin: wenn
es weiter nichts als eine Gemahlin ist, die dem Prinzen nicht die
Liebe, sondern die Politik zufhret? Neben so einer Gemahlin sieht
die Geliebte noch immer ihren Platz. Nicht so einer Gemahlin frchtet
sie aufgeopfert zu sein, sondern--Der Prinz. Einer neuen Geliebten.
--Nun denn? Wollten Sie mir daraus ein Verbrechen machen, Marinelli?

Marinelli. Ich?--Oh! vermengen Sie mich ja nicht, mein Prinz, mit der
Nrrin, deren Wort ich fhre--aus Mitleid fhre. Denn gestern,
wahrlich, hat sie mich sonderbar gerhret. Sie wollte von ihrer
Angelegenheit mit Ihnen gar nicht sprechen. Sie wollte sich ganz
gelassen und kalt stellen. Aber mitten in dem gleichgltigsten
Gesprche entfuhr ihr eine Wendung, eine Beziehung ber die andere,
die ihr gefoltertes Herz verriet. Mit dem lustigsten Wesen sagte sie
die melancholischsten Dinge: und wiederum die lcherlichsten Possen
mit der allertraurigsten Miene. Sie hat zu den Bchern ihre Zuflucht
genommen; und ich frchte, die werden ihr den Rest geben.

Der Prinz. So wie sie ihrem armen Verstande auch den ersten Sto
gegeben.--Aber was mich vornehmlich mit von ihr entfernt hat, das
wollen Sie doch nicht brauchen, Marinelli, mich wieder zu ihr
zurckzubringen?--Wenn sie aus Liebe nrrisch wird, so wre sie es,
frher oder spter, auch ohne Liebe geworden--Und nun, genug von ihr.
--Von etwas andern!--Geht denn gar nichts vor in der Stadt?--Marinelli.
So gut wie gar nichts.--Denn da die Verbindung des Grafen Appiani
heute vollzogen wird--ist nicht viel mehr als gar nichts.

Der Prinz. Des Grafen Appiani? und mit wem denn?--Ich soll ja noch
hren, da er versprochen ist.

Marinelli. Die Sache ist sehr geheimgehalten worden. Auch war nicht
viel Aufhebens davon zu machen.--Sie werden lachen, Prinz.--Aber so
geht es den Empfindsamen! Die Liebe spielet ihnen immer die
schlimmsten Streiche. Ein Mdchen ohne Vermgen und ohne Rang hat ihn
in ihre Schlinge zu ziehen gewut--mit ein wenig Larve, aber mit
vielem Prunke von Tugend und Gefhl und Witz--und was wei ich?

Der Prinz. Wer sich den Eindrcken, die Unschuld und Schnheit auf
ihn machen, ohne weitere Rcksicht, so ganz berlassen darf--ich
dchte, der wre eher zu beneiden als zu belachen.--Und wie heit denn
die Glckliche? Denn bei alledem ist Appiani--ich wei wohl, da Sie,
Marinelli, ihn nicht leiden knnen; ebensowenig als er Sie--, bei
alledem ist er doch ein sehr wrdiger junger Mann, ein schner Mann,
ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre. Ich htte sehr gewnscht, ihn
mir verbinden zu knnen. Ich werde noch darauf denken.

Marinelli. Wenn es nicht zu spt ist.--Denn soviel ich hre, ist sein
Plan gar nicht, bei Hofe sein Glck zu machen.--Er will mit seiner
Gebieterin nach seinen Tlern von Piemont--Gemsen zu jagen, auf den
Alpen, und Murmeltiere abzurichten.--Was kann er Besseres tun? Hier
ist es durch das Mibndnis, welches er trifft, mit ihm doch aus. Der
Zirkel der ersten Huser ist ihm von nun an verschlossen--Der Prinz.
Mit euren ersten Husern!--in welchen das Zeremoniell, der Zwang, die
Langeweile und nicht selten die Drftigkeit herrschet.--Aber so nennen
Sie mir sie doch, der er dieses so groe Opfer bringt.

Marinelli. Es ist eine gewisse Emilia Galotti.

Der Prinz. Wie, Marinelli? eine gewisse--Marinelli. Emilia Galotti.

Der Prinz. Emilia Galotti?--Nimmermehr!

Marinelli. Zuverlssig, gndiger Herr.

Der Prinz. Nein, sag ich; das ist nicht, das kann nicht sein.--Sie
irren sich in dem Namen.--Das Geschlecht der Galotti ist gro.--Eine
Galotti kann es sein: aber nicht Emilia Galotti, nicht Emilia!

Marinelli. Emilia--Emilia Galotti!

Der Prinz. So gibt es noch eine, die beide Namen fhrt.--Sie sagten
ohnedem, eine gewisse Emilia Galotti--eine gewisse. Von der rechten
kann nur ein Narr so sprechen--Marinelli. Sie sind auer sich,
gndiger Herr.--Kennen Sie denn diese Emilia?

Der Prinz. Ich habe zu fragen, Marinelli, nicht Er.--Emilia Galotti?
Die Tochter des Obersten Galotti, bei Sabionetta?

Marinelli. Ebendie.

Der Prinz. Die hier in Guastalla mit ihrer Mutter wohnet?

Marinelli. Ebendie.

Der Prinz. Unfern der Kirche Allerheiligen?

Marinelli. Ebendie.

Der Prinz. Mit einem Worte--(Indem er nach dem Portrte springt und
es dem Marinelli in die Hand gibt.) Da!--Diese? Diese Emilia
Galotti?--Sprich dein verdammtes "Ebendie" noch einmal und sto mir
den Dolch ins Herz!

Marinelli. Ebendie!

Der Prinz. Henker!--Diese?--Diese Emilia Galotti wird heute--Marinelli.
Grfin Appiani!--(Hier reit der Prinz dem Marinelli das Bild wieder
aus der Hand und wirft es beiseite.) Die Trauung geschiehet in der
Stille, auf dem Landgute des Vaters bei Sabionetta. Gegen Mittag
fahren Mutter und Tochter, der Graf und vielleicht ein paar Freunde
dahin ab.

Der Prinz (der sich voll Verzweiflung in einen Stuhl wirft). So bin
ich verloren!--So will ich nicht leben!

Marinelli. Aber was ist Ihnen, gndiger Herr?

Der Prinz (der gegen ihn wieder aufspringt). Verrter!--was mir
ist?--Nun ja, ich liebe sie; ich bete sie an. Mgt ihr es doch wissen!
Mgt ihr es doch lngst gewut haben, alle ihr, denen ich der tollen
Orsina schimpfliche Fesseln lieber ewig tragen sollte!--Nur da Sie,
Marinelli, der Sie so oft mich Ihrer innigsten Freundschaft
versicherten--O ein Frst hat keinen Freund! kann keinen Freund haben!
--, da Sie, Sie, so treulos, so hmisch mir bis auf diesen Augenblick
die Gefahr verhehlen drfen, die meiner Liebe drohte: wenn ich Ihnen
jemals das vergebe--so werde mir meiner Snden keine vergeben!

Marinelli. Ich wei kaum Worte zu finden, Prinz--wenn Sie mich auch
dazu kommen lieen--, Ihnen mein Erstaunen zu bezeigen.--Sie lieben
Emilia Galotti!--Schwur dann gegen Schwur: Wenn ich von dieser Liebe
das geringste gewut, das geringste vermutet habe, so mge weder Engel
noch Heiliger von mir wissen!--Ebendas wollt' ich in die Seele der
Orsina schwren. Ihr Verdacht schweift auf einer ganz andern Fhrte.

Der Prinz. So verzeihen Sie mir, Marinelli--(indem er sich ihm in die
Arme wirft) und bedaueren Sie mich.

Marinelli. Nun da, Prinz! Erkennen Sie da die Frucht Ihrer
Zurckhaltung!--"Frsten haben keinen Freund! knnen keinen Freund
haben!"--Und die Ursache, wenn dem so ist?--Weil sie keinen haben
wollen.--Heute beehren sie uns mit ihrem Vertrauen, teilen uns ihre
geheimsten Wnsche mit, schlieen uns ihre ganze Seele auf: und morgen
sind wir ihnen wieder so fremd, als htten sie nie ein Wort mit uns
gewechselt.

Der Prinz. Ah! Marinelli, wie konnt' ich Ihnen vertrauen, was ich
mir selbst kaum gestehen wollte?

Marinelli. Und also wohl noch weniger der Urheberin Ihrer Qual
gestanden haben?

Der Prinz. Ihr?--Alle meine Mhe ist vergebens gewesen, sie ein
zweites Mal zu sprechen.--Marinelli. Und das erstemal--Der Prinz.
Sprach ich sie--Oh, ich komme von Sinnen! Und ich soll Ihnen noch
lange erzhlen?--Sie sehen mich einen Raub der Wellen: was fragen Sie
viel, wie ich es geworden? Retten Sie mich, wenn Sie knnen: und
fragen Sie dann.

Marinelli. Retten? ist da viel zu retten?--Was Sie versumt haben,
gndiger Herr, der Emilia Galotti zu bekennen, das bekennen Sie nun
der Grfin Appiani. Waren, die man aus der ersten Hand nicht haben
kann, kauft man aus der zweiten:--und solche Waren nicht selten aus
der zweiten um so viel wohlfeiler.

Der Prinz. Ernsthaft, Marinelli, ernsthaft, oder--Marinelli. Freilich,
auch um so viel schlechter-Der Prinz. Sie werden unverschmt!

Marinelli. Und dazu will der Graf damit aus dem Lande.--Ja, so mte
man auf etwas anders denken.--Der Prinz. Und auf was?--Liebster,
bester Marinelli, denken Sie fr mich. Was wrden Sie tun, wenn Sie
an meiner Stelle wren?

Marinelli. Vor allen Dingen eine Kleinigkeit als eine Kleinigkeit
ansehen--und mir sagen, da ich nicht vergebens sein wolle, was ich
bin--Herr!

Der Prinz. Schmeicheln Sie mir nicht mit einer Gewalt, von der ich
hier keinen Gebrauch absehe.--Heute, sagen Sie? schon heute?

Marinelli. Erst heute--soll es geschehen. Und nur geschehenen Dingen
ist nicht zu raten.--(Nach einer kurzen berlegung.) Wollen Sie mir
freie Hand lassen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich tue?

Der Prinz. Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann.

Marinelli. So lassen Sie uns keine Zeit verlieren.--Aber bleiben Sie
nicht in der Stadt. Fahren Sie sogleich nach Ihrem Lustschlosse, nach
Dosalo. Der Weg nach Sabionetta geht da vorbei. Wenn es mir nicht
gelingt, den Grafen augenblicklich zu entfernen: so denk ich--Doch,
doch; ich glaube, er geht in diese Falle gewi. Sie wollen, Prinz,
wegen Ihrer Vermhlung einen Gesandten nach Massa schicken? Lassen
Sie den Grafen dieser Gesandte sein; mit dem Bedinge, da er noch
heute abreiset.--Verstehen Sie?

Der Prinz. Vortrefflich!--Bringen Sie ihn zu mir heraus. Gehen Sie,
eilen Sie. Ich werfe mich sogleich in den Wagen. (Marinelli geht ab.)



Siebenter Auftritt

Der Prinz. Sogleich! sogleich!--Wo blieb es?--(Sich nach dem Portrte
umsehend.) Auf der Erde? das war zu arg! (Indem er es aufhebt.) Doch
betrachten? betrachten mag ich dich frs erste nicht mehr.--Warum
sollt' ich mir den Pfeil noch tiefer in die Wunde drcken? (Setzt es
beiseite)--Geschmachtet, geseufzet hab ich lange genug--lnger als ich
gesollt htte: aber nichts getan! und ber die zrtliche Unttigkeit
bei einem Haar alles verloren!--Und wenn nun doch alles verloren wre?
Wenn Marinelli nichts ausrichtete?--Warum will ich mich auch auf ihn
allein verlassen? Es fllt mir ein--um diese Stunde (nach der Uhr
sehend), um diese nmliche Stunde pflegt das fromme Mdchen alle
Morgen bei den Dominikanern die Messe zu hren.--Wie, wenn ich sie da
zu sprechen suchte?--Doch heute, heut an ihrem Hochzeittage--heute
werden ihr andere Dinge am Herzen liegen als die Messe.--Indes, wer
wei?--Es ist ein Gang.--(Er klingelt, und indem er einige von den
Papieren auf dem Tische hastig zusammenrafft, tritt der Kammerdiener
herein.) Lat vorfahren!--Ist noch keiner von den Rten da?


Der Kammerdiener. Camillo Rota.

Der Prinz. Er soll hereinkommen. (Der Kammerdiener geht ab.) Nur
aufhalten mu er mich nicht wollen. Dasmal nicht!--Ich stehe gern
seinen Bedenklichkeiten ein andermal um so viel lnger zu Diensten.
--Da war ja noch die Bittschrift einer Emilia Bruneschi.--(Sie suchend.
) Die ist's.--Aber, gute Bruneschi, wo deine Vorsprecherin Achter
Auftritt

Camillo Rota, Schriften in der Hand. Der Prinz.

Der Prinz. Kommen Sie, Rota, kommen Sie.--Hier ist, was ich diesen
Morgen erbrochen. Nicht viel Trstliches!--Sie werden von selbst
sehen, was darauf zu verfgen.--Nehmen Sie nur.

Camillo Rota. Gut, gndiger Herr.

Der Prinz. Noch ist hier eine Bittschrift einer Emilia Galot..
Bruneschi will ich sagen.--Ich habe meine Bewilligung zwar schon
beigeschrieben. Aber doch--die Sache ist keine Kleinigkeit.--Lassen
Sie die Ausfertigung noch anstehen.--Oder auch nicht anstehen: wie
Sie wollen.

Camillo Rota. Nicht wie ich will, gndiger Herr.

Der Prinz. Was ist sonst? Etwas zu unterschreiben?

Camillo Rota. Ein Todesurteil wre zu unterschreiben.

Der Prinz. Recht gern.--Nur her! geschwind.

Camillo Rota (stutzig und den Prinzen starr ansehend). Ein
Todesurteil--sagt' ich.

Der Prinz. Ich hre ja wohl.--Es knnte schon geschehen sein. Ich
bin eilig.

Camillo Rota (seine Schriften nachsehend). Nun hab ich es doch wohl
nicht mitgenommen!--Verzeihen Sie, gndiger Herr.--Es kann Anstand
damit haben bis morgen.

Der Prinz. Auch das!--Packen Sie nur zusammen; ich mu fort--Morgen,
Rota, ein Mehres! (Geht ab.)

Camillo Rota (den Kopf schttelnd, indem er die Papiere zu sich nimmt
und abgeht). Recht gern?--Ein Todesurteil recht gern?--Ich htt' es
ihn in diesem Augenblicke nicht mgen unterschreiben lassen, und wenn
es den Mrder meines einzigen Sohnes betroffen htte.--Recht gern!
Recht gern!--Es geht mir durch die Seele dieses grliche Recht gern!




Zweiter Aufzug

Die Szene: ein Saal in dem Hause der Galotti.



Erster Auftritt

Claudia Galotti. Pirro.


Claudia (im Heraustreten zu Pirro, der von der andern Seite
hereintritt). Wer sprengte da in den Hof?

Pirro. Unser Herr, gndige Frau.

Claudia. Mein Gemahl? Ist es mglich?

Pirro. Er folgt mir auf dem Fue.

Claudia. So unvermutet?--(Ihm entgegeneilend.) Ach! mein Bester!
Zweiter Auftritt

Odoardo Galotti und die Vorigen.


Odoardo. Guten Morgen, meine Liebe!--Nicht wahr, das heit
berraschen?--Claudia. Und auf die angenehmste Art!--Wenn es anders
nur eine berraschung sein soll.

Odoardo. Nichts weiter! Sei unbesorgt.--Das Glck des heutigen Tages
weckte mich so frh; der Morgen war so schn; der Weg ist so kurz; ich
vermutete euch hier so geschftig--Wie leicht vergessen sie etwas,
fiel mir ein.--Mit einem Worte: ich komme, und sehe, und kehre
sogleich wieder zurck.--Wo ist Emilia? Unstreitig beschftigt mit
dem Putze?--Claudia. Ihrer Seele!--Sie ist in der Messe.--"Ich habe
heute, mehr als jeden andern Tag, Gnade von oben zu erflehen", sagte
sie und lie alles liegen und nahm ihren Schleier und eilte--Odoardo.
Ganz allein?

Claudia. Die wenigen Schritte--Odoardo. Einer ist genug zu einem
Fehltritt!--Claudia. Zrnen Sie nicht, mein Bester; und kommen Sie
herein--einen Augenblick auszuruhen und, wann Sie wollen, eine
Erfrischung zu nehmen.

Odoardo. Wie du meinest, Claudia.--Aber sie sollte nicht allein
gegangen sein.--Claudia. Und Ihr, Pirro, bleibt hier in dem Vorzimmer,
alle Besuche auf heute zu verbitten.



Dritter Auftritt

Pirro und bald darauf Angelo.


Pirro. Die sich nur aus Neugierde melden lassen.--Was bin ich seit
einer Stunde nicht alles ausgefragt worden!--Und wer kmmt da?

Angelo (noch halb hinter der Szene, in einem kurzen Mantel, den er
ber das Gesicht gezogen, den Hut in die Stirne). Pirro!--Pirro!

Pirro. Ein Bekannter?--(Indem Angelo vollends hereintritt und den
Mantel auseinanderschlgt.) Himmel! Angelo?--Du?

Angelo. Wie du siehst.--Ich bin lange genug um das Haus herumgegangen,
dich zu sprechen.--Auf ein Wort!--Pirro. Und du wagst es, wieder ans
Licht zu kommen?--Du bist seit deiner letzten Mordtat vogelfrei
erklret; auf deinen Kopf steht eine Belohnung

Angelo. Die doch du nicht wirst verdienen wollen?--Pirro. Was willst
du?--Ich bitte dich, mache mich nicht unglcklich.

Angelo. Damit etwa? (Ihm einen Beutel mit Gelde zeigend.)--Nimm! Es
gehret dir!

Pirro. Mir?

Angelo. Hast du vergessen? Der Deutsche, dein voriger Herr--Pirro.
Schweig davon!

Angelo. Den du uns, auf dem Wege nach Pisa, in die Falle
fhrtest--Pirro. Wenn uns jemand hrte!

Angelo. Hatte ja die Gte, uns auch einen kostbaren Ring zu
hinterlassen.--Weit du nicht?--Er war zu kostbar, der Ring, als da
wir ihn sogleich ohne Verdacht htten zu Gelde machen knnen. Endlich
ist mir es damit gelungen. Ich habe hundert Pistolen dafr erhalten,
und das ist dein Anteil. Nimm!

Pirro. Ich mag nichts--behalt alles.

Angelo. Meinetwegen!--wenn es dir gleichviel ist, wie hoch du deinen
Kopf feil trgst--(Als ob er den Beutel wieder einstecken wollte.)

Pirro. So gib nur! (Nimmt ihn.)--Und was nun? Denn da du blo
deswegen mich aufgesucht haben solltest--Angelo. Das kmmt dir nicht
so recht glaublich vor?--Halunke! Was denkst du von uns?--da wir
fhig sind, jemand seinen Verdienst vorzuenthalten? Das mag unter den
sogenannten ehrlichen Leuten Mode sein: unter uns nicht.--Leb wohl!
--(Tut, als ob er gehen wollte, und kehrt wieder um.) Eins mu ich
doch fragen.--Da kam ja der alte Galotti so ganz allein in die Stadt
gesprengt. Was will der?

Pirro. Nichts will er; ein bloer Spazierritt. Seine Tochter wird
heut abend auf dem Gute, von dem er herkmmt, dem Grafen Appiani
angetrauet. Er kann die Zeit nicht erwarten--Angelo. Und reitet bald
wieder hinaus?

Pirro. So bald, da er dich hier trifft, wo du noch lange verziehest.
--Aber du hast doch keinen Anschlag auf ihn? Nimm dich in acht. Er
ist ein Mann--Angelo. Kenn ich ihn nicht? Hab ich nicht unter ihm
gedienet?--Wenn darum bei ihm nur viel zu holen wre!--Wenn fahren die
junge Leute nach?

Pirro. Gegen Mittag.

Angelo. Mit viel Begleitung?

Pirro. In einem einzigen Wagen.--die Mutter, die Tochter und der Graf.
Ein paar Freunde kommen aus Sabionetta als Zeugen.

Angelo. Und Bediente?

Pirro. Nur zwei; auer mir, der ich zu Pferde voraufreiten soll.

Angelo. Das ist gut.--Noch eins: wessen ist die Equipage? Ist es
eure? oder des Grafen?

Pirro. Des Grafen.

Angelo. Schlimm! Da ist noch ein Vorreiter, auer einem handfesten
Kutscher. Doch!--Pirro. Ich erstaune. Aber was willst du?--Das
bichen Schmuck, das die Braut etwa haben drfte, wird schwerlich der
Mhe lohnen--Angelo. So lohnt ihrer die Braut selbst!

Pirro. Und auch bei diesem Verbrechen soll ich dein Mitschuldiger
sein?

Angelo. Du reitest vorauf. Reite doch, reite! und kehre dich an
nichts!

Pirro. Nimmermehr!

Angelo. Wie? ich glaube gar, du willst den Gewissenhaften spielen.
Bursche! ich denke, du kennst mich.--Wo du plauderst! Wo sich ein
einziger Umstand anders findet, als du mir ihn angegeben!--Pirro. Aber,
Angelo, um des Himmels willen!--Angelo. Tu, was du nicht lassen
kannst! (Geht ab.)

Pirro. Ha! La dich den Teufel bei einem Haare fassen, und du bist
sein auf ewig! Ich Unglcklicher!



Vierter Auftritt

Odoardo und Claudia Galotti. Pirro.


Odoardo. Sie bleibt mir zu lang aus--Claudia. Noch einen Augenblick,
Odoardo! Es wrde sie schmerzen, deines Anblicks so zu verfehlen.

Odoardo. Ich mu auch bei dem Grafen noch einsprechen. Kaum kann
ich's erwarten, diesen wrdigen jungen Mann meinen Sohn zu nennen.
Alles entzckt mich an ihm. Und vor allem der Entschlu, in seinen
vterlichen Tlern sich selbst zu leben.

Claudia.--Das Herz bricht mir, wenn ich hieran gedenke.--So ganz
sollen wir sie verlieren, diese einzige, geliebte Tochter?

Odoardo. Was nennst du, sie verlieren? Sie in den Armen der Liebe zu
wissen? Vermenge dein Vergngen an ihr nicht mit ihrem Glcke.--Du
mchtest meinen alten Argwohn erneuern:--da es mehr das Gerusch und
die Zerstreuung der Welt, mehr die Nhe des Hofes war als die
Notwendigkeit, unserer Tochter eine anstndige Erziehung zu geben, was
dich bewog, hier in der Stadt mit ihr zu bleiben--fern von einem Manne
und Vater, der euch so herzlich liebet.

Claudia. Wie ungerecht, Odoardo! Aber la mich heute nur ein
einziges Wort fr diese Stadt, fr diese Nhe des Hofes sprechen, die
deiner strengen Tugend so verhat sind.--Hier, nur hier konnte die
Liebe zusammenbringen, was freinander geschaffen war. Hier nur
konnte der Graf Emilien finden; und fand sie.

Odoardo. Das rum ich ein. Aber, gute Claudia, hattest du darum
recht, weil dir der Ausgang recht gibt?--Gut, da es mit dieser
Stadterziehung so abgelaufen! La uns nicht weise sein wollen, wo wir
nichts als glcklich gewesen! Gut, da es so damit abgelaufen!--Nun
haben sie sich gefunden, die freinander bestimmt waren: nun la sie
ziehen, wohin Unschuld und Ruhe sie rufen.--Was sollte der Graf hier?
Sich bcken, schmeicheln und kriechen und die Marinellis auszustechen
suchen? um endlich ein Glck zu machen, dessen er nicht bedarf? um
endlich einer Ehre gewrdiget zu werden, die fr ihn keine
wre?--Pirro!

Pirro. Hier bin ich.

Odoardo. Geh und fhre mein Pferd vor das Haus des Grafen. Ich komme
nach und will mich da wieder aufsetzen. (Pirro geht ab.)--Warum soll
der Graf hier dienen, wenn er dort selbst befehlen kann?--Dazu
bedenkest du nicht, Claudia, da durch unsere Tochter er es vollends
mit dem Prinzen verderbt. Der Prinz hat mich--Claudia. Vielleicht
weniger, als du besorgest.

Odoardo. Besorgest! Ich besorg auch so was!

Claudia. Denn hab ich dir schon gesagt, da der Prinz unsere Tochter
gesehen hat?

Odoardo. Der Prinz? Und wo das?

Claudia. In der letzten Vegghia, bei dem Kanzler Grimaldi, die er mit
seiner Gegenwart beehrte. Er bezeigte sich gegen sie so
gndig--Odoardo. So gndig?

Claudia. Er unterhielt sich mit ihr so lange--Odoardo. Unterhielt
sich mit ihr?

Claudia. Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witze so
bezaubert--Odoardo. So bezaubert?--Claudia. Hat von ihrer Schnheit
mit so vielen Lobeserhebungen gesprochen--Odoardo. Lobeserhebungen?
Und das alles erzhlst du mir in einem Tone der Entzckung? O Claudia!
eitle, trichte Mutter!

Claudia. Wieso?

Odoardo. Nun gut, nun gut! Auch das ist so abgelaufen.--Ha! wenn ich
mir einbilde--Das gerade wre der Ort, wo ich am tdlichsten zu
verwunden bin!--Ein Wollstling, der bewundert, begehrt.--Claudia!
Claudia! der bloe Gedanke setzt mich in Wut.--Du httest mir das
sogleich sollen gemeldet haben.--Doch, ich mchte dir heute nicht gern
etwas Unangenehmes sagen. Und ich wrde (indem sie ihn bei der Hand
ergreift), wenn ich lnger bliebe.--Drum la mich! la mich!--Gott
befohlen, Claudia!--Kommt glcklich nach!



Fnfter Auftritt


Claudia Galotti. Welch ein Mann!--Oh, der rauhen Tugend!--wenn anders
sie diesen Namen verdienet.--Alles scheint ihr verdchtig, alles
strafbar!--Oder, wenn das die Menschen kennen heit:--wer sollte sich
wnschen, sie zu kennen?--Wo bleibt aber auch Emilia?--Er ist des
Vaters Feind: folglich--folglich, wenn er ein Auge fr die Tochter hat,
so ist es einzig, um ihn zu beschimpfen?



Sechster Auftritt


Emilia und Claudia Galotti.

Emilia (strzet in einer ngstlichen Verwirrung herein). Wohl mir!
wohl mir!--Nun bin ich in Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt?
(Indem sie den Schleier zurckwirft und ihre Mutter erblicket.) Ist er,
meine Mutter? ist er? Nein, dem Himmel sei Dank!

Claudia. Was ist dir, meine Tochter? was ist dir?

Emilia. Nichts, nichts--Claudia. Und blickest so wild um dich? Und
zitterst an jedem Gliede?

Emilia. Was hab ich hren mssen? Und wo, wo hab ich es hren mssen?

Claudia. Ich habe dich in der Kirche geglaubt--Emilia. Eben da! Was
ist dem Laster Kirch' und Altar?--Ach, meine Mutter! (Sich ihr in die
Arme werfend.)

Claudia. Rede, meine Tochter!--Mach meiner Furcht ein Ende.--Was kann
dir da, an heiliger Sttte, so Schlimmes begegnet sein?

Emilia. Nie htte meine Andacht inniger, brnstiger sein sollen als
heute: nie ist sie weniger gewesen, was sie sein sollte.

Claudia. Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht
immer in unserer Gewalt. Dem Himmel ist beten wollen auch beten.

Emilia. Und sndigen wollen auch sndigen.

Claudia. Das hat meine Emilia nicht wollen!

Emilia. Nein, meine Mutter; so tief lie mich die Gnade nicht sinken.
--Aber da fremdes Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen
machen kann!

Claudia. Fasse dich!--Sammle deine Gedanken, soviel dir mglich.--Sag
es mir mit eins, was dir geschehen.

Emilia. Eben hatt' ich mich--weiter von dem Altare, als ich sonst
pflege--denn ich kam zu spt--, auf meine Knie gelassen. Eben fing
ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter mir etwas seinen Platz
nahm. So dicht hinter mir!--Ich konnte weder vor noch zur Seite
rcken--so gern ich auch wollte; aus Furcht, da eines andern Andacht
mich in meiner stren mchte.--Andacht! das war das Schlimmste, was
ich besorgte.--Aber es whrte nicht lange, so hrt' ich, ganz nah an
meinem Ohre--nach einem tiefen Seufzer--nicht den Namen einer
Heiligen--den Namen--zrnen Sie nicht, meine Mutter--den Namen Ihrer
Tochter!--Meinen Namen!--O da laute Donner mich verhindert htten,
mehr zu hren!--Es sprach von Schnheit, von Liebe--Es klagte, da
dieser Tag, welcher mein Glck mache--wenn er es anders mache--sein
Unglck auf immer entscheide.--Es beschwor mich--hren mut' ich dies
alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es nicht
hrte.--Was konnt' ich sonst?--Meinen guten Engel bitten, mich mit
Taubheit zu schlagen; und wann auch, wenn auch auf immer!--Das bat ich;
das war das einzige, was ich beten konnte.--Endlich ward es Zeit,
mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu Ende. Ich zitterte,
mich umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel
erlauben drfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte--Claudia.
Wen, meine Tochter?

Emilia. Raten Sie, meine Mutter, raten Sie--Ich glaubte in die Erde
zu sinken--Ihn selbst.

Claudia. Wen, ihn selbst?

Emilia. Den Prinzen.

Claudia. Den Prinzen!--O gesegnet sei die Ungeduld deines Vaters, der
eben hier war und dich nicht erwarten wollte!

Emilia. Mein Vater hier?--und wollte mich nicht erwarten?

Claudia. Wenn du in deiner Verwirrung auch ihn das httest hren
lassen!

Emilia. Nun, meine Mutter?--Was htt' er an mir Strafbares finden
knnen?

Claudia. Nichts; ebensowenig als an mir. Und doch, doch--Ha, du
kennest deinen Vater nicht! In seinem Zorne htt' er den unschuldigen
Gegenstand des Verbrechens mit dem Verbrecher verwechselt. In seiner
Wut htt' ich ihm geschienen, das veranlat zu haben, was ich weder
verhindern noch vorhersehen knnen.--Aber weiter, meine Tochter,
weiter! Als du den Prinzen erkanntest--Ich will hoffen, da du deiner
mchtig genug warest, ihm in einem Blicke alle die Verachtung zu
bezeigen, die er verdienst.

Emilia. Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem
ich ihn erkannte, hatt' ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu
richten. Ich floh--Claudia. Und der Prinz dir nach--Emilia. Was ich
nicht wute, bis ich in der Halle mich bei der Hand ergriffen fhlte.
Und von ihm! Aus Scham mut' ich standhalten: mich von ihm
loszuwinden wrde die Vorbeigehenden zu aufmerksam auf uns gemacht
haben. Das war die einzige berlegung, deren ich fhig war--oder
deren ich nun mich wieder erinnere. Er sprach; und ich hab ihm
geantwortet. Aber was er sprach, was ich ihm geantwortet--fllt mir
es noch bei, so ist es gut, so will ich es Ihnen sagen, meine Mutter.
Jetzt wei ich von dem allen nichts. Meine Sinne hatten mich
verlassen.--Umsonst denk ich nach, wie ich von ihm weg und aus der
Halle gekommen. Ich finde mich erst auf der Strae wieder, und hre
ihn hinter mir herkommen, und hre ihn mit mir zugleich in das Haus
treten, mit mir die Treppe hinaufsteigen--Claudia. Die Furcht hat
ihren besondern Sinn, meine Tochter! Ich werde es nie vergessen, mit
welcher Gebrde du hereinstrztest.--Nein, so weit durfte er nicht
wagen, dir zu folgen.--Gott! Gott! wenn dein Vater das wte!--Wie
wild er schon war, als er nur hrte, da der Prinz dich jngst nicht
ohne Mifallen gesehen!--Indes, sei ruhig, meine Tochter! Nimm es fr
einen Traum, was dir begegnet ist. Auch wird es noch weniger Folgen
haben als ein Traum. Du entgehest heute mit eins allen Nachstellungen.

Emilia. Aber, nicht, meine Mutter? Der Graf mu das wissen. Ihm mu
ich es sagen.

Claudia. Um alle Welt nicht!--Wozu? warum? Willst du fr nichts und
wieder fr nichts ihn unruhig machen? Und wann er es auch itzt nicht
wrde: wisse, mein Kind, da ein Gift, welches nicht gleich wirket,
darum kein minder gefhrliches Gift ist. Was auf den Liebhaber keinen
Eindruck macht, kann ihn auf den Gemahl machen. Den Liebhaber knnt'
es sogar schmeicheln, einem so wichtigen Mitbewerber den Rang
abzulaufen. Aber wenn er ihm den nun einmal abgelaufen hat: ah! mein
Kind--so wird aus dem Liebhaber oft ein ganz anderes Geschpf. Dein
gutes Gestirn behte dich vor dieser Erfahrung.

Emilia. Sie wissen, meine Mutter, wie gern ich Ihren bessern
Einsichten mich in allem unterwerfe.--Aber, wenn er es von einem
andern erfhre, da der Prinz mich heute gesprochen? Wrde mein
Verschweigen nicht, frh oder spt, seine Unruhe vermehren?--Ich
dchte doch, ich behielte lieber vor ihm nichts auf dem Herzen.

Claudia. Schwachheit! verliebte Schwachheit!--Nein, durchaus nicht,
meine Tochter! Sag ihm nichts. La ihn nichts merken!

Emilia. Nun ja, meine Mutter! Ich habe keinen Willen gegen den
Ihrigen.--Aha! (Mit einem tiefen Atemzuge.) Auch wird mir wieder ganz
leicht.--Was fr ein albernes, furchtsames Ding ich bin!--Nicht, meine
Mutter?--Ich htte mich noch wohl anders dabei nehmen knnen und wrde
mir ebensowenig vergeben haben.

Claudia. Ich wollte dir das nicht sagen, meine Tochter, bevor dir es
dein eigner gesunder Verstand sagte. Und ich wute, er wurde dir es
sagen, sobald du wieder zu dir selbst gekommen.--Der Prinz ist galant.
Du bist die unbedeutende Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt.
Eine Hflichkeit wird in ihr zur Empfindung, eine Schmeichelei zur
Beteurung, ein Einfall zum Wunsche, ein Wunsch zum Vorsatze. Nichts
klingt in dieser Sprache wie alles, und alles ist in ihr so viel als
nichts.

Emilia. O meine Mutter!--so mte ich mir mit meiner Furcht vollends
lcherlich vorkommen!--Nun soll er gewi nichts davon erfahren, mein
guter Appiani! Er knnte mich leicht fr mehr eitel als tugendhaft
halten.--Hui! da er da selbst kmmt! Es ist sein Gang.



Siebenter Auftritt

Graf Appiani. Die Vorigen.


Appiani (tritt tiefsinnig, mit vor sich hin geschlagenen Augen herein
und kmmt nher, ohne sie zu erblicken; bis Emilia ihm entgegenspringt).
Ah, meine Teuerste!--Ich war mir Sie in dem Vorzimmer nicht vermutend.

Emilia. Ich wnschte Sie heiter, Herr Graf, auch wo Sie mich nicht
vermuten.--So feierlich? so ernsthaft?--Ist dieser Tag keiner
freudigern Aufwallung wert?

Appiani. Er ist mehr wert als mein ganzes Leben. Aber schwanger mit
so viel Glckseligkeit fr mich--mag es wohl diese Glckseligkeit
selbst sein, die mich so ernst, die mich, wie Sie es nennen, mein
Frulein, so feierlich macht.--(Indem er die Mutter erblickt.) Ha!
auch Sie hier, meine gndige Frau!--nun bald mir mit einem innigern
Namen zu verehrende!

Claudia. Der mein grter Stolz sein wird!--Wie glcklich bist du,
meine Emilia!--Warum hat dein Vater unsere Entzckung nicht teilen
wollen?

Appiani. Eben habe ich mich aus seinen Armen gerissen:--oder vielmehr,
er sich aus meinen.--Welch ein Mann, meine Emilia, Ihr Vater! Das
Muster aller mnnlichen Tugend! Zu was fr Gesinnungen erhebt sich
meine Seele in seiner Gegenwart! Nie ist mein Entschlu, immer gut,
immer edel zu sein, lebendiger, als wenn ich ihn sehe--wenn ich ihn
mir denke. Und womit sonst als mit der Erfllung dieses Entschlusses
kann ich mich der Ehre wrdig machen, sein Sohn zu heien--der Ihrige
zu sein, meine Emilia?

Emilia. Und er wollte mich nicht erwarten!

Appiani. Ich urteile, weil ihn seine Emilia, fr diesen
augenblicklichen Besuch, zu sehr erschttert, zu sehr sich seiner
ganzen Seele bemchtiget htte.

Claudia. Er glaubte dich mit deinem Brautschmucke beschftiget zu
finden und hrte--Appiani. Was ich mit der zrtlichsten Bewunderung
wieder von ihm gehrt habe.--So recht, meine Emilia! Ich werde eine
fromme Frau an Ihnen haben, und die nicht stolz auf ihre Frmmigkeit
ist.

Claudia. Aber, meine Kinder, eines tun und das andere nicht lassen!
--Nun ist es hohe Zeit; nun mach, Emilia!

Appiani. Was? meine gndige Frau.

Claudia. Sie wollen sie doch nicht so, Herr Graf--so wie sie da ist,
zum Altare fhren?

Appiani. Wahrlich, das werd ich nun erst gewahr.--Wer kann Sie sehen,
Emilia, und auch auf Ihren Putz achten?--Und warum nicht so, so wie
sie da ist?

Emilia. Nein, mein lieber Graf, nicht so; nicht ganz so. Aber auch
nicht viel prchtiger, nicht viel.--Husch, husch, und ich bin fertig!
--Nichts, gar nichts von dem Geschmeide, dem letzten Geschenke Ihrer
verschwenderischen Gromut! Nichts, gar nichts, was sich nur zu
solchem Geschmeide schickte!--Ich knnte ihm gram sein, diesem
Geschmeide, wenn es nicht von Ihnen wre. Denn dreimal hat mir von
ihm getrumt--Claudia. Nun! davon wei ich ja nichts.

Emilia. Als ob ich es trge, und als ob pltzlich sich jeder Stein
desselben in eine Perle verwandele.--Perlen aber, meine Mutter, Perlen
bedeuten Trnen.

Claudia. Kind!--Die Bedeutung ist trumerischer als der Traum.
--Warest du nicht von jeher eine grere Liebhaberin von Perlen als
von Steinen?--Emilia. Freilich, meine Mutter, freilich--Appiani
(nachdenkend und schwermtig). Bedeuten Trnen--bedeuten Trnen!

Emilia. Wie? Ihnen fllt das auf? Ihnen?

Appiani. Jawohl, ich sollte mich schmen.--Aber, wenn die
Einbildungskraft einmal zu traurigen Bildern gestimmt ist--Emilia.
Warum ist sie das auch?--Und was meinen Sie, das ich mir ausgedacht
habe?--Was trug ich, wie sah ich, als ich Ihnen zuerst gefiel?--Wissen
Sie es noch?

Appiani. Ob ich es noch wei? Ich sehe Sie in Gedanken nie anders
als so; und sehe Sie so, auch wenn ich Sie nicht so sehe.

Emilia. Also, ein Kleid von der nmlichen Farbe, von dem nmlichen
Schnitte; fliegend und frei--Appiani. Vortrefflich!

Emilia. Und das Haar--Appiani. In seinem eignen braunen Glanze; in
Locken, wie sie die Natur schlug--Emilia. Die Rose darin nicht zu
vergessen! Recht! recht!--Eine kleine Geduld, und ich stehe so vor
Ihnen da!



Achter Auftritt

Graf Appiani. Claudia Galotti.


Appiani (indem er ihr mit einer niedergeschlagenen Miene nachsieht).
Perlen bedeuten Trnen!--Eine kleine Geduld!--Ja, wenn die Zeit nur
auer uns wre!--Wenn eine Minute am Zeiger sich in uns nicht in Jahre
ausdehnen knnte!--Claudia. Emiliens Beobachtung, Herr Graf, war so
schnell als richtig. Sie sind heut ernster als gewhnlich. Nur noch
einen Schritt von dem Ziele Ihrer Wnsche--sollt' es Sie reuen, Herr
Graf, da es das Ziel Ihrer Wnsche gewesen?

Appiani. Ah, meine Mutter, und Sie knnen das von Ihrem Sohne
argwhnen?--Aber, es ist wahr; ich bin heut ungewhnlich trbe und
finster.--Nur sehen Sie, gndig Frau:--noch einen Schritt vom Ziele
oder noch gar nicht ausgelaufen sein, ist im Grunde eines.--Alles was
ich sehe, alles was ich hre, alles was ich trume, prediget mir seit
gestern und ehegestern diese Wahrheit. Dieser eine Gedanke kettet
sich an jeden andern, den ich haben mu und haben will.--Was ist das?
Ich versteh es nicht.--Claudia. Sie machen mich unruhig, Herr
Graf--Appiani. Eines kmmt dann zum andern!--Ich bin rgerlich;
rgerlich ber meine Freunde, ber mich selbst--Claudia. Wieso?

Appiani. Meine Freunde verlangen schlechterdings, da ich dem Prinzen
von meiner Heirat ein Wort sagen soll, ehe ich sie vollziehe. Sie
geben mir zu, ich sei es nicht schuldig; aber die Achtung gegen ihn
woll' es nicht anders.--Und ich bin schwach genug gewesen, es ihnen zu
versprechen. Eben wollt' ich noch bei ihm vorfahren.

Claudia (stutzig). Bei dem Prinzen?



Neunter Auftritt

Pirro, gleich darauf Marinelli und die Vorigen.


Pirro. Gndige Frau, der Marchese Marinelli hlt vor dem Hause und
erkundiget sich nach dem Herrn Grafen.

Appiani. Nach mir?

Pirro. Hier ist er schon. (ffnet ihm die Tre und gehet ab.)

Marinelli. Ich bitt um Verzeihung, gndige Frau.--Mein Herr Graf, ich
war vor Ihrem Hause und erfuhr, da ich Sie hier treffen wrde. Ich
hab ein dringendes Geschft an Sie--Gndige Frau, ich bitte nochmals
um Verzeihung; es ist in einigen Minuten geschehen.

Claudia. Die ich nicht verzgern will. (Macht ihm eine Verbeugung
und geht ab.)



Zehnter Auftritt

Marinelli. Appiani.


Ap piani. Nun, mein Herr?

Marinelli. Ich komme von des Prinzen Durchlaucht.

Appiani. Was ist zu seinem Befehle?

Marinelli. Ich bin stolz, der berbringer einer so vorzglichen Gnade
zu sein.--Und wenn Graf Appiani nicht mit Gewalt einen seiner
ergebensten Freunde in mir verkennen will--Appiani. Ohne weitere
Vorrede, wenn ich bitten darf.

Marinelli. Auch das!--Der Prinz mu sogleich an den Herzog von Massa,
in Angelegenheit seiner Vermhlung mit dessen Prinzessin Tochter,
einen Bevollmchtigten senden. Er war lange unschlssig, wen er dazu
ernennen sollte. Endlich ist seine Wahl, Herr Graf, auf Sie gefallen.

Appiani. Auf mich?

Marinelli. Und das--wenn die Freundschaft ruhmredig sein darf--nicht
ohne mein Zutun--Appiani. Wahrlich, Sie setzen mich wegen eines Dankes
in Verlegenheit.--Ich habe schon lngst nicht mehr erwartet, da der
Prinz mich zu brauchen geruhen werde.--Marinelli. Ich bin versichert,
da es ihm blo an einer wrdigen Gelegenheit gemangelt hat. Und wenn
auch diese so eines Mannes wie Graf Appiani noch nicht wrdig genug
sein sollte, so ist freilich meine Freundschaft zu voreilig gewesen.

Appiani. Freundschaft und Freundschaft um das dritte Wort!--Mit wem
red ich denn? Des Marchese Marinelli Freundschaft htt' ich mir nie
trumen lassen.--Marinelli. Ich erkenne mein Unrecht, Herr Graf, mein
unverzeihliches Unrecht, da ich, ohne Ihre Erlaubnis, Ihr Freund sein
wollen.--Bei dem allen: was tut das? Die Gnade des Prinzen, die Ihnen
angetragene Ehre bleiben, was sie sind: und ich zweifle nicht, Sie
werden sie mit Begierd' ergreifen.

Appiani (nach einiger berlegung). Allerdings.

Marinelli. Nun so kommen Sie.

Appiani. Wohin?

Marinelli. Nach Dosalo, zu dem Prinzen.--Es liegt schon alles fertig;
und Sie mssen noch heut abreisen.

Appiani. Was sagen Sie?--Noch heute?

Marinelli. Lieber noch in dieser nmlichen Stunde als in der
folgenden. Die Sache ist von der uersten Eil'.

Appiani. In Wahrheit?--So tut es mir leid, da ich die Ehre, welche
mir der Prinz zugedacht, verbitten mu.

Marinelli. Wie?

Appiani. Ich kann heute nicht abreisen--auch morgen nicht--auch
bermorgen noch nicht.--Marinelli. Sie scherzen, Herr Graf.

Appiani. Mit Ihnen?

Marinelli. Unvergleichlich! Wenn der Scherz dem Prinzen gilt, so ist
er um so viel lustiger.--Sie knnen nicht?

Appiani. Nein, mein Herr, nein.--Und ich hoffe, da der Prinz selbst
meine Entschuldigung wird gelten lassen.

Marinelli. Die bin ich begierig zu hren.

Appiani. Oh, eine Kleinigkeit!--Sehen Sie; ich soll noch heut eine
Frau nehmen.

Marinelli. Nun? und dann?

Appiani. Und dann?--und dann?--Ihre Frage ist auch verzweifelt naiv.

Marinelli. Man hat Exempel, Herr Graf, da sich Hochzeiten
aufschieben lassen.--Ich glaube freilich nicht, da der Braut oder dem
Brutigam immer damit gedient ist. Die Sache mag ihr Unangenehmes
haben. Aber doch, dcht' ich, der Befehl des Herrn--Appiani. Der
Befehl des Herrn?--des Herrn? Ein Herr, den man sich selber whlt,
ist unser Herr so eigentlich nicht--Ich gebe zu, da Sie dem Prinzen
unbedingtem Gehorsam schuldig wren. Aber nicht ich.--Ich kam an
seinen Hof als ein Freiwilliger. Ich wollte die Ehre haben, ihm zu
dienen, aber nicht sein Sklave werden. Ich bin der Vasall eines
grern Herrn--Marinelli. Grer oder kleiner: Herr ist Herr.

Appiani. Da ich mit Ihnen darber strittet--Genug, sagen Sie dem
Prinzen, was Sie gehrt haben--da es mir leid tut, seine Gnade nicht
annehmen zu knnen, weil ich eben heut eine Verbindung vollzge, die
mein ganzes Glck ausmache.

Marinelli. Wollen Sie ihm nicht zugleich wissen lassen, mit wem?

Appiani. Mit Emilia Galotti.

Marinelli. Der Tochter aus diesem Hause?

Appiani. Aus diesem Hause.

Marinelli. Hm! Hm!

Appiani. Was beliebt?

Marinelli. Ich sollte meinen, da es sonach um so weniger
Schwierigkeit haben knne, die Zeremonie bis zu Ihrer Zurckkunft
auszusetzen.

Appiani. Die Zeremonie? Nur die Zeremonie?

Marinelli. Die guten Eltern werden es so genau nicht nehmen.

Appiani. Die guten Eltern?

Marinelli. Und Emilia bleibt Ihnen ja wohl gewi.

Appiani. Ja wohl gewi?--Sie sind mit Ihrem ja wohl--ja wohl ein
ganzer Affe!

Marinelli. Mir das, Graf?

Appiani. Warum nicht?

Marinelli. Himmel und Hlle!--Wir werden uns sprechen.

Appiani. Pah! Hmisch ist der Affe; aber--Marinelli. Tod und
Verdammnis!--Graf, ich fodere Genugtuung.

Appiani. Das versteht sich.

Marinelli. Und wrde sie gleich itzt nehmen--nur da ich dem
zrtlichen Brutigam den heutigen Tag nicht verderben mag.

Appiani. Gutherziges Ding! Nicht doch! Nicht doch! (Indem er ihn
bei der Hand ergreift.) Nach Massa freilich mag ich mich heute nicht
schicken lassen, aber zu einem Spaziergange mit Ihnen hab ich Zeit
brig.--Kommen Sie, kommen Sie!

Marinelli (der sich losreit und abgeht). Nur Geduld, Graf, nur
Geduld!



Elfter Auftritt

Appiani. Claudia Galotti.


Appiani. Geh, Nichtswrdiger!--Ha! das hat gut getan. Mein Blut ist
in Wallung gekommen. Ich fhle mich anders und besser.

Claudia (eiligst und besorgt). Gott! Herr Graf--Ich hab einen
heftigen Wortwechsel gehrt.--Ihr Gesicht glhet. Was ist vorgefallen?

Appiani. Nichts, gndige Frau, gar nichts. Der Kammerherr Marinelli
hat mir einen groen Dienst erwiesen. Er hat mich des Ganges zum
Prinzen berhoben.

Claudia. In der Tat?

Appiani. Wir knnen nun um so viel frher abfahren. Ich gehe, meine
Leute zu treiben, und bin sogleich wieder hier. Emilia wird indes
auch fertig.

Claudia. Kann ich ganz ruhig sein, Herr Graf?

Appiani. Ganz ruhig, gndige Frau. (Sie geht herein und er fort.)




Dritter Aufzug

Die Szene: ein Vorsaal auf dem Lustschlosse des Prinzen.



Erster Auftritt

Der Prinz. Marinelli.


Marinelli. Umsonst; er schlug die angetragene Ehre mit der grten
Verachtung aus.

Der Prinz. Und so bleibt es dabei? So geht es vor sich? so wird
Emilia noch heute die Seinige?

Marinelli. Allem Ansehen nach.

Der Prinz. Ich versprach mir von Ihrem Einfalle so viel!--Wer wei,
wie albern Sie sich dabei genommen.--Wenn der Rat eines Toren einmal
gut ist, so mu ihn ein gescheiter Mann ausfhren. Das htt' ich
bedenken sollen.

Marinelli. Da find ich mich schn belohnt!

Der Prinz. Und wofr belohnt?

Marinelli. Da ich noch mein Leben darber in die Schanze schlagen
wollte.--Als ich sahe, da weder Ernst noch Spott den Grafen bewegen
konnte, seine Liebe der Ehre nachzusetzen, versucht' ich es, ihn in
Harnisch zu jagen. Ich sagte ihm Dinge, ber die er sich verga. Er
stie Beleidigungen gegen mich aus, und ich forderte Genugtuung--und
forderte sie gleich auf der Stelle.--Ich dachte so: entweder er mich
oder ich ihn. Ich ihn: so ist das Feld ganz unser. Oder er mich: nun,
wenn auch; so mu er fliehen, und der Prinz gewinnt wenigstens Zeit.

Der Prinz. Das htten Sie getan, Marinelli?

Marinelli. Ha! man sollt' es voraus wissen, wenn man so tricht
bereit ist, sich fr die Groen aufzuopfern--man sollt' es voraus
wissen, wie erkenntlich sie sein wrden--Der Prinz. Und der Graf?--Er
stehet in dem Rufe, sich so etwas nicht zweimal sagen zu lassen.

Marinelli. Nachdem es fllt, ohne Zweifel.--Wer kann es ihm
verdenken?--Er versetzte, da er auf heute doch noch etwas Wichtigers
zu tun habe, als sich mit mir den Hals zu brechen. Und so beschied er
mich auf die ersten acht Tage nach der Hochzeit.

Der Prinz. Mit Emilia Galotti! Der Gedanke macht mich rasend!
--Darauf lieen Sie es gut sein und gingen--und kommen und prahlen,
da Sie Ihr Leben fr mich in die Schanze geschlagen, sich mir
aufgeopfert--Marinelli. Was wollen Sie aber, gndiger Herr, das ich
weiter htte tun sollen?

Der Prinz. Weiter tun?--Als ob er etwas getan htte!

Marinelli. Und lassen Sie doch hren, gndiger Herr, was Sie fr sich
selbst getan haben.--Sie waren so glcklich, sie noch in der Kirche zu
sprechen. Was haben Sie mit ihr abgeredet?

Der Prinz (hhnisch). Neugierde zur Genge!--Die ich nur befriedigen
mu.--Oh, es ging alles nach Wunsch.--Sie brauchen sich nicht weiter
zu bemhen, mein allzu dienstfertiger Freund!--Sie kam meinem
Verlangen mehr als halbes Weges entgegen. Ich htte sie nur gleich
mitnehmen drfen. (Kalt und befehlend.) Nun wissen Sie, was Sie
wissen wollen--und knnen gehn!

Marinelli. Und knnen gehn!--Ja, ja, das ist das Ende vom Liede! und
wrd' es sein, gesetzt auch, ich wollte noch das Unmgliche versuchen.
--Das Unmgliche sag ich?--So unmglich wr' es nun wohl nicht; aber
khn!--Wenn wir die Braut in unserer Gewalt htten, so stnd' ich
dafr, da aus der Hochzeit nichts werden sollte.

Der Prinz. Ei! wofr der Mann nicht alles stehen will! Nun drft'
ich ihm nur noch ein Kommando von meiner Leibwache geben, und er legte
sich an der Landstrae damit in Hinterhalt und fiele selbst funfziger
einen Wagen an, und riss' ein Mdchen heraus, das er im Triumphe mir
zubrchte.

Marinelli. Es ist eher ein Mdchen mit Gewalt entfhrt worden, ohne
da es einer gewaltsamen Entfhrung hnlich gesehen.

Der Prinz. Wenn Sie das zu machen wten, so wrden Sie nicht erst
lange davon schwatzen.

Marinelli. Aber fr den Ausgang mte man nicht stehen sollen.--Es
knnten sich Unglcksflle dabei ereignen--Der Prinz. Und es ist meine
Art, da ich Leute Dinge verantworten lasse, wofr sie nicht knnen!

Marinelli. Also, gndiger Herr--(Man hrt von weitem einen Schu.) Ha!
was war das?--Hrt' ich recht?--Hrten Sie nicht auch, gndiger Herr,
einen Schu fallen?--Und da noch einen!

Der Prinz. Was ist das? was gibt's?

Marinelli. Was meinen Sie wohl?--Wie, wann ich ttiger wre, als Sie
glauben?

Der Prinz. Ttiger?--So sagen Sie doch--Marinelli. Kurz: wovon ich
gesprochen, geschieht.

Der Prinz. Ist es mglich?

Marinelli. Nur vergessen Sie nicht, Prinz, wessen Sie mich eben
versichert.--Ich habe nochmals Ihr Wort--Der Prinz. Aber die Anstalten
sind doch so--Marinelli. Als sie nur immer sein knnen!--Die
Ausfhrung ist Leuten anvertrauet, auf die ich mich verlassen kann.
Der Weg geht hart an der Planke des Tiergartens vorbei. Da wird ein
Teil den Wagen angefallen haben; gleichsam, um ihn zu plndern. Und
ein anderer Teil, wobei einer von meinen Bedienten ist, wird aus dem
Tiergarten gestrzt sein; den Angefallenen gleichsam zur Hlfe.
Whrend des Handgemenges, in das beide Teile zum Schein geraten, soll
mein Bedienter Emilien ergreifen, als ob er sie retten wolle, und
durch den Tiergarten in das Schlo bringen.--So ist die Abrede.--Was
sagen Sie nun, Prinz?

Der Prinz. Sie berraschen mich auf eine sonderbare Art.--Und eine
Bangigkeit berfllt mich--(Marinelli geht an das Fenster.) Wornach
sehen Sie?

Marinelli. Dahinaus mu es sein!--Recht!--und eine Maske kmmt
bereits um die Planke gesprengt--ohne Zweifel, mir den Erfolg zu
berichten.--Entfernen Sie sich, gndiger Herr.

Der Prinz. Ah, Marinelli--Marinelli. Nun? Nicht wahr, nun hab ich zu
viel getan, und vorhin zu wenig?

Der Prinz. Das nicht. Aber ich sehe bei alledem nicht ab--Marinelli.
Absehn?--Lieber alles mit eins!--Geschwind, entfernen Sie sich.--Die
Maske mu Sie nicht sehen. (Der Prinz gehet ab.)



Zweiter Auftritt

Marinelli und bald darauf Angelo.


Marinelli (der wieder nach dem Fenster geht). Dort fhrt der Wagen
langsam nach der Stadt zurck.--So langsam? Und in jedem Schlage ein
Bedienter?--Das sind Anzeichen, die mir nicht gefallen--da der
Streich wohl nur halb gelungen ist:--da man einen Verwundeten
gemchlich zurckfhret--und keinen Toten.--Die Maske steigt ab.--Es
ist Angelo selbst. Der Tolldreiste!--Endlich, hier wei er die
Schliche.--Er winkt mir zu. Er mu seiner Sache gewi sein.--Ha, Herr
Graf, der Sie nicht nach Massa wollten, und nun noch einen weitern Weg
mssen!--Wer hatte Sie die Affen so kennen gelehrt? (Indem er nach
der Tre zugeht.) Jawohl sind sie hmisch.--Nun, Angelo?

Angelo (der die Maske abgenommen). Passen Sie auf, Herr Kammerherr!
Man mu sie gleich bringen.

Marinelli. Und wie lief es sonst ab?

Angelo. Ich denke ja, recht gut.

Marinelli. Wie steht es mit dem Grafen?

Angelo. Zu dienen! So, so!--Aber er mu Wind gehabt haben. Denn er
war nicht so ganz unbereitet.

Marinelli. Geschwind sage mir, was du mir zu sagen hast!--Ist er tot?

Angelo. Es tut mir leid um den guten Herrn.

Marinelli. Nun da, fr dein mitleidiges Herz! (Gibt ihm einen Beutel
mit Gold.)

Angelo. Vollends mein braver Nicolo! der das Bad mit bezahlen mssen.

Marinelli. So? Verlust auf beiden Seiten?

Angelo. Ich knnte weinen um den ehrlichen Jungen! Ob mir sein Tod
schon das (indem er den Beutel in der Hand wieget) um ein Vierteil
verbessert. Denn ich bin sein Erbe, weil ich ihn gerchet habe. Das
ist so unser Gesetz; ein so gutes, mein ich, als fr Treu' und
Freundschaft je gemacht worden. Dieser Nicolo, Herr Kammerherr
--Marinelli. Mit deinem Nicolo!--Aber der Graf, der Graf--Angelo.
Blitz! der Graf hatte ihn gut gefat. Dafr fat' ich auch wieder
den Grafen!--Er strzte; und wenn er noch lebendig zurck in die
Kutsche kam, so steh ich dafr, da er nicht lebendig wieder
herauskommt.

Marinelli. Wenn das nur gewi ist, Angelo.

Angelo. Ich will Ihre Kundschaft verlieren, wenn es nicht gewi ist!
--Haben Sie noch was zu befehlen? Denn mein Weg ist der weiteste: wir
wollen heute noch ber die Grenze.

Marinelli. So geh.

Angelo. Wenn wieder was vorfllt, Herr Kammerherr--Sie wissen, wo ich
zu erfragen bin. Was sich ein andrer zu tun getrauet, wird fr mich
auch keine Hexerei sein. Und billiger bin ich als jeder andere.
(Geht ab.)

Marinelli. Gut das!--Aber doch nicht so recht gut.--Pfui, Angelo! so
ein Knicker zu sein! Einen zweiten Schu wre er ja wohl noch wert
gewesen.--Und wie er sich vielleicht nun martern mu, der arme Graf!
--Pfui, Angelo! Das heit sein Handwerk sehr grausam treiben--und
verpfuschen.--Aber davon mu der Prinz noch nichts wissen. Er mu
erst selbst finden, wie zutrglich ihm dieser Tod ist.--Dieser Tod!
--Was gb' ich um die Gewiheit!



Dritter Auftritt

Der Prinz. Marinelli.


Der Prinz. Dort kmmt sie die Allee herauf. Sie eilet vor dem
Bedienten her. Die Furcht, wie es scheinet, beflgelt ihre Fe. Sie
mu noch nichts argwhnen. Sie glaubt sich nur vor Rubern zu retten.
--Aber wie lange kann das dauren?

Marinelli. So haben wir sie doch frs erste.

Der Prinz. Und wird die Mutter sie nicht aufsuchen? Wird der Graf
ihr nicht nachkommen? Was sind wir alsdenn weiter? Wie kann ich sie
ihnen vorenthalten?

Marinelli. Auf das alles wei ich freilich noch nichts zu antworten.
Aber wir mssen sehen. Gedulden Sie sich, gndiger Herr. Der erste
Schritt mute doch getan sein.--Der Prinz. Wozu? wenn wir ihn
zurcktun mssen.

Marinelli. Vielleicht mssen wir nicht.--Da sind tausend Dinge, auf
die sich weiter fuen lt.--Und vergessen Sie denn das Vornehmste?

Der Prinz. Wie kann ich vergessen, woran ich sicher noch nicht
gedacht habe?--Das Vornehmste? was ist das?

Marinelli. Die Kunst zu gefallen, zu berreden--die einem Prinzen,
welcher liebt, nie fehlet.

Der Prinz. Nie fehlet? Auer, wo er sie gerade am ntigsten brauchte.
--Ich habe von dieser Kunst schon heut einen zu schlechten Versuch
gemacht. Mit allen Schmeicheleien und Beteuerungen konnt' ich ihr
auch nicht ein Wort auspressen. Stumm und niedergeschlagen und
zitternd stand sie da; wie eine Verbrecherin, die ihr Todesurteil
hret. Ihre Angst steckte mich an, ich zitterte mit und schlo mit
einer Bitte um Vergebung. Kaum getrau ich mir, sie wieder anzureden.
--Bei ihrem Eintritte wenigstens wag ich es nicht zu sein. Sie,
Marinelli, mssen sie empfangen. Ich will hier in der Nhe hren, wie
es abluft; und kommen, wenn ich mich mehr gesammelt habe.



Vierter Auftritt

Marinelli, und bald darauf dessen Bedienter Battista mit Emilien.


Marinelli. Wenn sie ihn nicht selbst strzen gesehen--Und das mu sie
wohl nicht; da sie so fortgeeilet--Sie kmmt. Auch ich will nicht das
erste sein, was ihr hier in die Augen fllt. (Er zieht sich in einen
Winkel des Saales zurck.)

Battista. Nur hier herein, gndiges Frulein!

Emilia (auer Atem). Ah!--Ah!--Ich danke Ihm, mein Freund--ich dank
Ihm.--Aber Gott, Gott! wo bin ich?--Und so ganz allein? Wo bleibt
meine Mutter? Wo blieb der Graf?--Sie kommen doch nach? mir auf dem
Fue nach?

Battista. Ich vermute.

Emilia. Er vermutet? Er wei es nicht? Er sah sie nicht?--Ward
nicht gar hinter uns geschossen?--Battista. Geschossen?--Das wre!
--Emilia. Ganz gewi! Und das hat den Grafen oder meine Mutter
getroffen.--Battista. Ich will gleich nach ihnen ausgehen.

Emilia. Nicht ohne mich.--Ich will mit; ich mu mit: komm' Er, mein
Freund!

Marinelli (der pltzlich herzutritt, als ob er eben hereinkme). Ah,
gndiges Frulein! Was fr ein Unglck, oder vielmehr, was fr ein
Glck--was fr ein glckliches Unglck verschafft uns die Ehre--Emilia
(stutzend). Wie? Sie hier, mein Herr?--Ich bin also wohl bei
Ihnen?--Verzeihen Sie, Herr Kammerherr. Wir sind von Rubern ohnfern
berfallen worden. Da kamen uns gute Leute zu Hilfe--und dieser
ehrliche Mann hob mich aus dem Wagen und brachte mich hierher.--Aber
ich erschrecke, mich allein gerettet zu sehen. Meine Mutter ist noch
in der Gefahr. Hinter uns ward sogar geschossen. Sie ist vielleicht
tot--und ich lebe?--Verzeihen Sie. Ich mu fort; ich mu wieder
hin--wo ich gleich htte bleiben sollen.

Marinelli. Beruhigen Sie sich, gndiges Frulein. Es stehet alles
gut; sie werden bald bei Ihnen sein, die geliebten Personen, fr die
Sie so viel zrtliche Angst empfinden.--Indes, Battista, geh, lauf:
sie drften vielleicht nicht wissen, wo das Frulein ist. Sie drften
sie vielleicht in einem von den Wirtschaftshusern des Gartens suchen.
Bringe sie unverzglich hierher. (Battista geht ab.)

Emilia. Gewi? Sind sie alle geborgen? Ist ihnen nichts
widerfahren?--Ah, was ist dieser Tag fr ein Tag des Schreckens fr
mich!--Aber ich sollte nicht hier bleiben--ich sollte ihnen
entgegeneilen--Marinelli. Wozu das, gndiges Frulein? Sie sind
ohnedem schon ohne Atem und Krfte. Erholen Sie sich vielmehr und
geruhen in ein Zimmer zu treten, wo mehr Bequemlichkeit ist.--Ich will
wetten, da der Prinz schon selbst um Ihre teure, ehrwrdige Mutter
ist und sie Ihnen zufhret.

Emilia. Wer, sagen Sie?

Marinelli. Unser gndigster Prinz selbst.

Emilia (uerst bestrzt). Der Prinz?

Marinelli. Er floh auf die erste Nachricht Ihnen zu Hlfe.--Er ist
hchst ergrimmt, da ein solches Verbrechen ihm so nahe, unter seinen
Augen gleichsam, hat drfen gewagt werden. Er lt den Ttern
nachsetzen, und ihre Strafe, wenn sie ergriffen werden, wird unerhrt
sein.

Emilia. Der Prinz!--Wo bin ich denn also?

Marinelli. Auf Dosalo, dem Lustschlosse des Prinzen.

Emilia. Welch ein Zufall!--Und Sie glauben, da er gleich selbst
erscheinen knne?--Aber doch in Gesellschaft meiner Mutter?

Marinelli. Hier ist er schon.



Fnfter Auftritt

Der Prinz. Emilia. Marinelli.


Der Prinz. Wo ist sie? wo?--Wir suchen Sie berall, schnstes
Frulein.--Sie sind doch wohl?--Nun so ist alles wohl! Der Graf, Ihre
Mutter--Emilia. Ah, gndigster Herr! Wo sind sie? Wo ist meine
Mutter?

Der Prinz. Nicht weit; hier ganz in der Nhe.

Emilia. Gott, in welchem Zustande werde ich die eine oder den andern
vielleicht treffen! Ganz gewi treffen!--denn Sie verhehlen mir,
gndiger Herr--ich seh es, Sie verhehlen mir--Der Prinz. Nicht doch,
bestes Frulein.--Geben Sie mir Ihren Arm und folgen Sie mir getrost.

Emilia (unentschlossen). Aber--wenn ihnen nichts widerfahren--wenn
meine Ahnungen mich trgen:--warum sind sie nicht schon hier? Warum
kamen sie nicht mit Ihnen, gndiger Herr?

Der Prinz. So eilen Sie doch, mein Frulein, alle diese
Schreckenbilder mit eins verschwinden zu sehen.

Emilia. Was soll ich tun? (Die Hnde ringend.)

Der Prinz. Wie, mein Frulein? Sollten Sie einen Verdacht gegen mich
hegen?--Emilia (die vor ihm niederfllt). Zu Ihren Fen, gndiger
Herr--Der Prinz (sie aufhebend). Ich bin uerst beschmt.--Ja, Emilia,
ich verdiene diesen stummen Vorwurf.--Mein Betragen diesen Morgen ist
nicht zu rechtfertigen:--zu entschuldigen hchstens. Verzeihen Sie
meiner Schwachheit.--Ich htte Sie mit keinem Gestndnisse beunruhigen
sollen, von dem ich keinen Vorteil zu erwarten habe. Auch ward ich
durch die sprachlose Bestrzung, mit der Sie es anhrten, oder
vielmehr nicht anhrten, genugsam bestraft.--Und knnt' ich schon
diesen Zufall, der mir nochmals, ehe alle meine Hoffnung auf ewig
verschwindet--mir nochmals das Glck, Sie zu sehen und zu sprechen,
verschafft; knnt' ich schon diesen Zufall fr den Wink eines
gnstigen Glckes erklren--fr den wunderbarsten Aufschub meiner
endlichen Verurteilung erklren, um nochmals um Gnade flehen zu drfen:
so will ich doch--beben Sie nicht, mein Frulein--einzig und allein
von Ihrem Blicke abhangen. Kein Wort, kein Seufzer soll Sie
beleidigen.--Nur krnke mich nicht Ihr Mitrauen. Nur zweifeln Sie
keinen Augenblick an der unumschrnktesten Gewalt, die Sie ber mich
haben. Nur falle Ihnen nie bei, da Sie eines andern Schutzes gegen
mich bedrfen.--Und nun kommen Sie, mein Frulein--kommen Sie, wo
Entzckungen auf Sie warten, die Sie mehr billigen. (Er fhrt sie,
nicht ohne Struben, ab.) Folgen Sie uns, Marinelli.--Marinelli.
Folgen Sie uns--das mag heien: folgen Sie uns nicht!--Was htte ich
ihnen auch zu folgen? Er mag sehen, wie weit er es unter vier Augen
mit ihr bringt.--Alles, was ich zu tun habe, ist--zu verhindern, da
sie nicht gestret werden. Von dem Grafen zwar hoffe ich nun wohl
nicht. Aber von der Mutter; von der Mutter! Es sollte mich sehr
wundern, wenn die so ruhig abgezogen wre und ihre Tochter im Stiche
gelassen htte.--Nun, Battista? was gibt's?



Sechster Auftritt

Battista. Marinelli.


Battista (eiligst). Die Mutter, Herr Kammerherr--Marinelli. Dacht'
ich's doch!--Wo ist sie?

Battista. Wann Sie ihr nicht zuvorkommen, so wird sie den Augenblick
hier sein.--Ich war gar nicht willens, wie Sie mir zum Schein geboten,
mich nach ihr umzusehen: als ich ihr Geschrei von weitem hrte. Sie
ist der Tochter auf der Spur, und wo nur nicht--unserm ganzen
Anschlage! Alles, was in dieser einsamen Gegend von Menschen ist, hat
sich um sie versammelt; und jeder will der sein, der ihr den Weg
weiset. Ob man ihr schon gesagt, da der Prinz hier ist, da Sie hier
sind, wei ich nicht.--Was wollen Sie tun?

Marinelli. La sehen!--(Er berlegt.) Sie nicht einlassen, wenn sie
wei, da die Tochter hier ist?--Das geht nicht.--Freilich, sie wird
Augen machen, wenn sie den Wolf bei dem Schfchen sieht.--Augen? Das
mchte noch sein. Aber der Himmel sei unsern Ohren gndig!--Nun was?
die beste Lunge erschpft sich, auch sogar eine weibliche. Sie hren
alle auf zu schreien, wenn sie nicht mehr knnen.--Dazu, es ist doch
einmal die Mutter, die wir auf unserer Seite haben mssen.--Wenn ich
die Mtter recht kenne--so etwas von einer Schwiegermutter eines
Prinzen zu sein, schmeichelt die meisten.--La sie kommen, Battista,
la sie kommen!

Battista. Hren Sie! hren Sie!

Claudia Galotti (innerhalb). Emilia! Emilia! Mein Kind, wo bist du?

Marinelli. Geh, Battista, und suche nur ihre neugierigen Begleiter zu
entfernen.



Siebenter Auftritt

Claudia Galotti. Battista. Marinelli.


Claudia (die in die Tr tritt, indem Battista herausgehen will). Ha!
der hob sie aus dem Wagen! Der fhrte sie fort! Ich erkenne dich.
Wo ist sie? Sprich, Unglcklicher!

Battista. Das ist mein Dank?

Claudia. Oh, wenn du Dank verdienest (in einem gelinden Tone)--so
verzeihe mir, ehrlicher Mann!--Wo ist sie?--Lat mich sie nicht lnger
entbehren. Wo ist sie?

Battista. Oh, Ihre Gnaden, sie knnte in dem Schoe der Seligkeit
nicht aufgehobner sein.--Hier mein Herr wird Ihre Gnaden zu ihr fhren.
(Gegen einige Leute, die nachdringen wollen.) Zurck da! ihr!



Achter Auftritt

Claudia Galotti. Marinelli.


Claudia. Dein Herr?--(Erblickt den Marinelli und fhrt zurck.) Ha!
--Das dein Herr?--Sie hier, mein Herr? Und hier meine Tochter? Und
Sie, Sie sollen mich zu ihr fhren?

Marinelli. Mit vielem Vergngen, gndige Frau.

Claudia. Halten Sie!--Eben fllt mir es bei--Sie waren es
ja--nicht?--der den Grafen diesen Morgen in meinem Hause aufsuchte?
mit dem ich ihn allein lie? mit dem er Streit bekam?

Marinelli. Streit?--Was ich nicht wte: ein unbedeutender
Wortwechsel in herrschaftlichen Angelegenheiten--Claudia. Und
Marinelli heien Sie?

Marinelli. Marchese Marinelli.

Claudia. So ist es richtig.--Hren Sie doch, Herr Marchese.
--Marinelli war--der Name Marinelli war--begleitet mit einer
Verwnschung--Nein, da ich den edeln Mann nicht verleumde!--begleitet
mit keiner Verwnschung--Die Verwnschung denk ich hinzu--Der Name
Marinelli war das letzte Wort des sterbenden Grafen.

Marinelli. Des sterbenden Grafen? Grafen Appiani?--Sie hren,
gndige Frau, was mir in Ihrer seltsamen Rede am meisten auffllt.
--Des sterbenden Grafen?--Was Sie sonst sagen wollen, versteh ich
nicht.

Claudia (bitter und langsam). Der Name Marinelli war das letzte Wort
des sterbenden Grafen!--Verstehen Sie nun?--Ich verstand es erst auch
nicht, obschon mit einem Tone gesprochen--mit einem Tone!--Ich hre
ihn noch! Wo waren meine Sinne, da sie diesen Ton nicht sogleich
verstanden?

Marinelli. Nun, gndige Frau?--Ich war von jeher des Grafen Freund;
sein vertrautester Freund. Also, wenn er mich noch im Sterben
nannte--Claudia. Mit dem Tone?--Ich kann ihn nicht nachmachen; ich
kann ihn nicht beschreiben: aber er enthielt alles! alles!--Was?
Ruber wren es gewesen, die uns anfielen?--Mrder waren es; erkaufte
Mrder!--Und Marinelli, Marinelli war das letzte Wort des sterbenden
Grafen! Mit einem Tone!

Marinelli. Mit einem Tone?--Ist es erhrt, auf einen Ton, in einem
Augenblicke des Schreckens vernommen, die Anklage eines rechtschaffnen
Mannes zu grnden?

Claudia. Ha, knnt' ich ihn nur vor Gerichte stellen, diesen Ton!
--Doch, weh mir! Ich vergesse darber meine Tochter.--Wo ist
sie?--Wie? auch tot?--Was konnte meine Tochter dafr, da Appiani dein
Feind war?

Marinelli. Ich verzeihe der bangen Mutter.--Kommen Sie, gndige
Frau--Ihre Tochter ist hier; in einem von den nchsten Zimmern, und
hat sich hoffentlich von ihrem Schrecken schon vllig erholt. Mit der
zrtlichsten Sorgfalt ist der Prinz selbst um sie beschftiget--Claudia.
Wer?--Wer selbst?

Marinelli. Der Prinz.

Claudia. Der Prinz?--Sagen Sie wirklich der Prinz?--Unser Prinz?

Marinelli. Welcher sonst?

Claudia. Nun dann!--Ich unglckselige Mutter!--Und ihr Vater! ihr
Vater!--Er wird den Tag ihrer Geburt verfluchen. Er wird mich
verfluchen.

Marinelli. Um des Himmels willen, gndige Frau! Was fllt Ihnen nun
ein?

Claudia. Es ist klar!--Ist es nicht?--Heute im Tempel! vor den Augen
der Allerreinesten! in der nhern Gegenwart des Ewigen!--begann das
Bubenstck, da brach es aus! (Gegen den Marinelli.) Ha, Mrder!
feiger, elender Mrder! Nicht tapfer genug, mit eigner Hand zu morden,
aber nichtswrdig genug, zu Befriedigung eines fremden Kitzels zu
morden!--morden zu lassen!--Abschaum aller Mrder!--Was ehrliche
Mrder sind, werden dich unter sich nicht dulden! Dich! Dich!--Denn
warum soll ich dir nicht alle meine Galle, allen meinen Geifer mit
einem einzigen Worte ins Gesicht speien?--Dich! Dich Kuppler!

Marinelli. Sie schwrmen, gute Frau.--Aber migen Sie wenigstens Ihr
wildes Geschrei, und bedenken Sie, wo Sie sind.

Claudia. Wo ich bin? Bedenken, wo ich bin?--Was kmmert es die Lwin,
der man die Jungen geraubt, in wessen Walde sie brllet?

Emilia (innerhalb). Ha, meine Mutter! Ich hre meine Mutter!

Claudia. Ihre Stimme? Das ist sie! Sie hat mich gehrt, sie hat
mich gehrt. Und ich sollte nicht schreien?--Wo bist du, mein Kind?
Ich komme, ich komme! (Sie strzt in das Zimmer und Marinelli ihr
nach.)




Vierter Aufzug

Die Szene bleibt.



Erster Auftritt

Der Prinz. Marinelli.


Der Prinz (als aus dem Zimmer von Emilien kommend). Kommen Sie,
Marinelli! Ich mu mich erholen--und mu Licht von Ihnen haben.

Marinelli. O der mtterlichen Wut! Ha! ha! ha!

Der Prinz. Sie lachen?

Marinelli. Wenn Sie gesehen htten, Prinz, wie toll sich hier, hier
im Saale, die Mutter gebrdete--Sie hrten sie ja wohl schreien!--und
wie zahm sie auf einmal ward, bei dem ersten Anblicke von Ihnen--Ha!
ha!--Das wei ich ja wohl, da keine Mutter einem Prinzen die Augen
auskratzt, weil er ihre Tochter schn findet.

Der Prinz. Sie sind ein schlechter Beobachter!--Die Tochter strzte
der Mutter ohnmchtig in die Arme. Darber verga die Mutter ihre Wut,
nicht ber mir. Ihre Tochter schonte sie, nicht mich, wenn sie es
nicht lauter, nicht deutlicher sagte--was ich lieber selbst nicht
gehrt, nicht verstanden haben will.

Marinelli. Was, gndiger Herr?

Der Prinz. Wozu die Verstellung?--Heraus damit. Ist es wahr? oder
ist es nicht wahr?

Marinelli. Und wenn es denn wre!

Der Prinz. Wenn es denn wre?--Also ist es?--Er ist tot?
tot?--(Drohend.) Marinelli! Marinelli!

Marinelli. Nun?

Der Prinz. Bei Gott! Bei dem allgerechten Gott! Ich bin unschuldig
an diesem Blute.--Wenn Sie mir vorher gesagt htten, da es dem Grafen
das Leben kosten werde--Nein, nein! und wenn es mir selbst das Leben
gekostet htte!--Marinelli. Wenn ich Ihnen vorher gesagt htte?--Als
ob sein Tod in meinem Plane gewesen wre! Ich hatte es dem Angelo auf
die Seele gebunden, zu verhten, da niemanden Leides geschhe. Es
wrde auch ohne die geringste Gewaltttigkeit abgelaufen sein, wenn
sich der Graf nicht die erste erlaubt htte. Er scho Knall und Fall
den einen nieder.

Der Prinz. Wahrlich, er htte sollen Spa verstehen!

Marinelli. Da Angelo sodann in Wut kam und den Tod seines Gefhrten
rchte--Der Prinz. Freilich, das ist sehr natrlich!

Marinelli. Ich hab es ihm genug verwiesen.

Der Prinz. Verwiesen? Wie freundschaftlich!--Warnen Sie ihn, da er
sich in meinem Gebiete nicht betreten lt. Mein Verweis mchte so
freundschaftlich nicht sein.

Marinelli. Recht wohl!--Ich und Angelo, Vorsatz und Zufall: alles ist
eins.--Zwar ward es voraus bedungen, zwar ward es voraus versprochen,
da keiner der Unglcksflle, die sich dabei ereignen knnten, mir
zuschulden kommen solle--Der Prinz. Die sich dabei ereignen--knnten,
sagen Sie? oder sollten?

Marinelli. Immer besser!--Doch, gndiger Herr--ehe Sie mir es mit dem
trocknen Worte sagen, wofr Sie mich halten--eine einzige Vorstellung!
Der Tod des Grafen ist mir nichts weniger als gleichgltig. Ich
hatte ihn ausgefodert; er war mir Genugtuung schuldig, er ist ohne
diese aus der Welt gegangen, und meine Ehre bleibt beleidiget.
Gesetzt, ich verdiente unter jeden andern Umstnden den Verdacht, den
Sie gegen mich hegen, aber auch unter diesen?--(Mit einer angenommenen
Hitze.) Wer das von mir denken kann!--Der Prinz (nachgebend). Nun gut,
nun gut--Marinelli. Da er noch lebtet. O da er noch lebte! Alles,
alles in der Welt wollte ich darum geben--(bitter) selbst die Gnade
meines Prinzen--diese unschtzbare, nie zu verscherzende Gnade--wollt'
ich drum geben!

Der Prinz. Ich verstehe.--Nun gut, nun gut. Sein Tod war Zufall,
bloer Zufall. Sie versichern es; und ich, ich glaub es.--Aber wer
mehr? Auch die Mutter? Auch Emilia?--Auch die Welt?

Marinelli (kalt). Schwerlich.

Der Prinz. Und wenn man es nicht glaubt, was wird man denn
glauben?--Sie zucken die Achsel?--Ihren Angelo wird man fr das
Werkzeug und mich fr den Tter halten--Marinelli (noch klter).
Wahrscheinlich genug.

Der Prinz. Mich! mich selbst!--Oder ich mu von Stund' an alle
Absicht auf Emilien aufgeben--Marinelli (hchst gleichgltig). Was Sie
auch gemut htten--wenn der Graf noch lebte.--Der Prinz (heftig, aber
sich gleich wieder fassend). Marinelli!--Doch Sie sollen mich nicht
wild machen.--Es sei so--Es ist so! Und das wollen Sie doch nur sagen:
der Tod des Grafen ist fr mich ein Glck--das grte Glck, was mir
begegnen konnte--das einzige Glck, was meiner Liebe zustatten kommen
konnte. Und als dieses--mag er doch geschehen sein, wie er will!--Ein
Graf mehr in der Welt oder weniger! Denke ich Ihnen so recht?--Topp!
auch ich erschrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht. Nur, guter
Freund, mu es ein kleines Verbrechen, ein kleines stilles, heilsames
Verbrechen sein. Und sehen Sie, unseres da, wre nun gerade weder
stille noch heilsam. Es htte den Weg zwar gereiniget, aber zugleich
gesperrt. Jedermann wrde es uns auf den Kopf zusagen--und leider
htten wir es gar nicht einmal begangen!--Das liegt doch wohl nur blo
an Ihren weisen, wunderbaren Anstalten?

Marinelli. Wenn Sie so befehlen--Der Prinz. Woran sonst?--Ich will
Rede!

Marinelli. Es kmmt mehr auf meine Rechnung, was nicht darauf gehrt.

Der Prinz. Rede will ich!

Marinelli. Nun dann! Was lge an meinen Anstalten? da den Prinzen
bei diesem Unfalle ein so sichtbarer Verdacht trifft?--An dem
Meisterstreiche liegt das, den er selbst meinen Anstalten mit
einzumengen die Gnade hatte.

Der Prinz. Ich?

Marinelli. Er erlaube mir, ihm zu sagen, da der Schritt, den er
heute morgen in der Kirche getan--mit so vielem Anstande er ihn auch
getan--so unvermeidlich er ihn auch tun mute--, da dieser Schritt
dennoch nicht in den Tanz gehrte.

Der Prinz. Was verdarb er denn auch?

Marinelli. Freilich nicht den ganzen Tanz, aber doch voritzo den Takt.

Der Prinz. Hm! Versteh ich Sie?

Marinelli. Also, kurz und einfltig. Da ich die Sache bernahm,
nicht wahr, da wute Emilia von der Liebe des Prinzen noch nichts?
Emiliens Mutter noch weniger. Wenn ich nun auf diesen Umstand baute?
und der Prinz indes den Grund meines Gebudes untergrub?

Der Prinz (sich vor die Stirne schlagend). Verwnscht!

Marinelli. Wenn er es nun selbst verriet, was er im Schilde fhre?

Der Prinz. Verdammter Einfall!

Marinelli. Und wenn er es nicht selbst verraten htte?--Traun! Ich
mchte doch wissen, aus welcher meiner Anstalten Mutter oder Tochter
den geringsten Argwohn gegen ihn schpfen knnte?

Der Prinz. Da Sie recht haben!

Marinelli. Daran tu ich freilich sehr unrecht--Sie werden verzeihen,
gndiger Herr.



Zweiter Auftritt

Battista. Der Prinz. Marinelli.


Battista (eiligst). Eben kmmt die Grfin an.

Der Prinz. Die Grfin? Was fr eine Grfin?

Battista. Orsina.

Der Prinz. Orsina?--Marinelli!--Orsina?--Marinelli!

Marinelli. Ich erstaune darber nicht weniger als Sie selbst.

Der Prinz. Geh, lauf, Battista: Sie soll nicht aussteigen. Ich bin
nicht hier. Ich bin fr sie nicht hier. Sie soll augenblicklich
wieder umkehren. Geh, lauf!--(Battista geht ab.) Was will die Nrrin?
Was untersteht sie sich? Wie wei sie, da wir hier sind? Sollte
sie wohl auf Kundschaft kommen? Sollte sie wohl schon etwas vernommen
haben?--Ah, Marinelli! So reden Sie, so antworten Sie doch!--Ist er
beleidiget, der Mann, der mein Freund sein will? Und durch einen
elenden Wortwechsel beleidiget? Soll ich ihn um Verzeihung bitten?

Marinelli. Ah, mein Prinz, sobald Sie wieder Sie sind, bin ich mit
ganzer Seele wieder der Ihrige!--Die Ankunft der Orsina ist mir ein
Rtsel wie Ihnen. Doch abweisen wird sie schwerlich sich lassen. Was
wollen Sie tun?

Der Prinz. Sie durchaus nicht sprechen, mich entfernen--Marinelli.
Wohl! und nur geschwind. Ich will sie empfangen--Der Prinz. Aber blo,
um sie gehen zu heien.--Weiter geben Sie mit ihr sich nicht ab. Wir
haben andere Dinge hier zu tun--Marinelli. Nicht doch, Prinz! Diese
andern Dinge sind getan. Fassen Sie doch Mut! Was noch fehlt, kmmt
sicherlich von selbst.--Aber hr ich sie nicht schon?--Eilen Sie,
Prinz!--Da (auf ein Kabinett zeigend, in welches sich der Prinz
begibt), wenn Sie wollen, werden Sie uns hren knnen.--Ich frchte,
ich frchte, sie ist nicht zu ihrer besten Stunde ausgefahren.



Dritter Auftritt

Die Grfin Orsina. Marinelli.


Orsina (ohne den Marinelli anfangs zu erblicken). Was ist
das?--Niemand kmmt mir entgegen, auer ein Unverschmter, der mir
lieber gar den Eintritt verweigert htte?--Ich bin doch zu Dosalo? Zu
dem Dosalo, wo mir sonst ein ganzes Heer geschftiger Augendiener
entgegenstrzte? wo mich sonst Liebe und Entzcken erwarteten?--Der
Ort ist es, aber, aber!--Sieh da, Marinelli!--Recht gut, da der Prinz
Sie mitgenommen.--Nein, nicht gut! Was ich mit ihm auszumachen htte,
htte ich nur mit ihm auszumachen.--Wo ist er?

Marinelli. Der Prinz, meine gndige Grfin?

Orsina. Wer sonst?

Marinelli. Sie vermuten ihn also hier? wissen ihn hier?--Er
wenigstens ist der Grfin Orsina hier nicht vermutend.

Orsina. Nicht? So hat er meinen Brief heute morgen nicht erhalten?

Marinelli. Ihren Brief? Doch ja, ich erinnere mich, da er eines
Briefes von Ihnen erwhnte.

Orsina. Nun? habe ich ihn nicht in diesem Briefe auf heute um eine
Zusammenkunft hier auf Dosalo gebeten?--Es ist wahr, es hat ihm nicht
beliebet, mir schriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, da er eine
Stunde darauf wirklich nach Dosalo abgefahren. Ich glaubte, das sei
Antworts genug, und ich komme.

Marinelli. Ein sonderbarer Zufall!

Orsina. Zufall?--Sie hren ja, da es verabredet worden. So gut als
verabredet. Von meiner Seite der Brief, von seiner die Tat.--Wie er
dasteht, der Herr Marchese! Was er fr Augen macht! Wundert sich das
Gehirnchen? und worber denn?

Marinelli. Sie schienen gestern so weit entfernt, dem Prinzen jemals
wieder vor die Augen zu kommen.

Orsina. Berer Rat kmmt ber Nacht.--Wo ist er? wo ist er?--Was
gilt's, er ist in dem Zimmer, wo ich das Gequieke, das Gekreische
hrte?--Ich wollte herein, und der Schurke von Bedienten trat vor.

Marinelli. Meine liebste, beste Grfin--Orsina. Es war ein weibliches
Gekreische. Was gilt's, Marinelli?--O sagen Sie mir doch, sagen Sie
mir--wenn ich anders Ihre liebste, beste Grfin bin--Verdammt, ber
das Hofgeschmei! Soviel Worte, soviel Lgen! Nun, was liegt daran,
ob Sie mir es voraussagen oder nicht? Ich werd es ja wohl sehen.
(Will gehen.)

Marinelli (der sie zurckhlt). Wohin?

Orsina. Wo ich lngst sein sollte.--Denken Sie, da es schicklich ist,
mit Ihnen hier in dem Vorgemache einen elenden Schnickschnack zu
halten, indes der Prinz in dem Gemache auf mich wartet?

Marinelli. Sie irren sich, gndige Grfin. Der Prinz erwartet Sie
nicht. Der Prinz kann Sie hier nicht sprechen--will Sie nicht
sprechen.

Orsina. Und wre doch hier? und wre doch auf meinen Brief hier?

Marinelli. Nicht auf Ihren Brief--Orsina. Den er ja erhalten, sagen
Sie--Marinelli. Erhalten, aber nicht gelesen.

Orsina (heftig). Nicht gelesen?--(Minder heftig.) Nicht
gelesen?--(Wehmtig und eine Trne aus dem Auge wischend.) Nicht
einmal gelesen?

Marinelli. Aus Zerstreuung, wei ich--Nicht aus Verachtung.

Orsina (stolz). Verachtung?--Wer denkt daran?--Wem brauchen Sie das
zu sagen?--Sie sind ein unverschmter Trster, Marinelli!--Verachtung!
Verachtung! Mich verachtet man auch! mich!--(Gelinder, bis zum Tone
der Schwermut.) Freilich liebt er mich nicht mehr. Das ist ausgemacht.
Und an die Stelle der Liebe trat in seiner Seele etwas anders. Das
ist natrlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja nur
Gleichgltigkeit zu sein. Nicht wahr, Marinelli?

Marinelli. Allerdings, allerdings.

Orsina (hhnisch). Allerdings?--O des weisen Mannes, den man sagen
lassen kann, was man will!--Gleichgltigkeit! Gleichgltigkeit an die
Stelle der Liebe?--Das heit, nichts an die Stelle von etwas. Denn
lernen Sie, nachplauderndes Hofmnnchen, lernen Sie von einem Weibe,
da Gleichgltigkeit ein leeres Wort, ein bloer Schall ist, dem
nichts, gar nichts entspricht. Gleichgltig ist die Seele nur gegen
das, woran sie nicht denkt; nur gegen ein Ding, das fr sie kein Ding
ist. Und nur gleichgltig fr ein Ding, das kein Ding ist--das ist
soviel als gar nicht gleichgltig.--Ist dir das zu hoch, Mensch?

Marinelli (vor sich). O weh! wie wahr ist es, was ich frchtete!

Orsina. Was murmeln Sie da?

Marinelli. Lauter Bewunderung!--Und wem ist es nicht bekannt, gndige
Grfin, da Sie eine Philosophin sind?

Orsina. Nicht wahr?--Ja, ja, ich bin eine.--Aber habe ich mir es itzt
merken lassen, da ich eine bin?--O pfui, wenn ich mir es habe merken
lassen, und wenn ich mir es fterer habe merken lassen! Ist es wohl
noch Wunder, da mich der Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding
lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das
denkt, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll
es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schpfung
bei guter Laune zu erhalten.--Nun, worber lach ich denn gleich,
Marinelli?--Ach, jawohl! ber den Zufall! da ich dem Prinzen
schreibe, er soll nach Dosalo kommen; da der Prinz meinen Brief nicht
lieset und da er doch nach Dosalo kmmt. Ha! ha! ha! Wahrlich ein
sonderbarer Zufall! Sehr lustig, sehr nrrisch!--Und Sie lachen nicht
mit, Marinelli?--Mitlachen kann ja wohl der gestrenge Herr der
Schpfung, ob wir arme Geschpfe gleich nicht mitdenken drfen.
--(Ernsthaft und befehlend.) So lachen Sie doch!

Marinelli. Gleich, gndige Grfin, gleich!

Orsina. Stock! Und darber geht der Augenblick vorbei. Nein, nein,
lachen Sie nur nicht.--Denn sehen Sie, Marinelli, (nachdenkend bis zur
Rhrung) was mich so herzlich zu lachen macht, das hat auch seine
ernsthafte--sehr ernsthafte Seite. Wie alles in der Welt!--Zufall?
Ein Zufall wr' es, da der Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu
sprechen, und mich doch hier sprechen mu? Ein Zufall?--Glauben Sie
mir, Marinelli: das Wort Zufall ist Gotteslsterung. Nichts unter der
Sonne ist Zufall--am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die
Augen leuchtet.--Allmchtige, allgtige Vorsicht, vergib mir, da ich
mit diesem albernen Snder einen Zufall genennet habe, was so offenbar
dein Werk, wohl gar dein unmittelbares Werk ist!--(Hastig gegen
Marinelli.) Kommen Sie mir und verleiten Sie mich noch einmal zu so
einem Frevel!

Marinelli (vor sich). Das geht weit!--Aber gndige Grfin....

Orsina. Still mit dem Aber! Die Aber kosten berlegung--und mein
Kopf! mein Kopf! (Sich mit der Hand die Stirne haltend.)--Machen Sie,
Marinelli, machen Sie, da ich ihn bald spreche, den Prinzen; sonst
bin ich es wohl gar nicht imstande.--Sie sehen, wir sollen uns
sprechen, wir mssen uns sprechen!



Vierter Auftritt

Der Prinz. Orsina. Marinelli.


Der Prinz (indem er aus dem Kabinette tritt, vor sich). Ich mu ihm
zu Hilfe kommen

Orsina (die ihn erblickt, aber unentschlssig bleibt, ob sie auf ihn
zugeben soll). Ha! da ist er.

Der Prinz (geht quer ber den Saal, bei ihr vorbei, nach den andern
Zimmern, ohne sich im Reden aufzuhalten). Sieh da! unsere schne
Grfin.--Wie sehr bedaure ich, Madame, da ich mir die Ehre Ihres
Besuchs fr heute so wenig zunutze machen kann! Ich bin beschftiget.
Ich bin nicht allein.--Ein andermal, meine liebe Grfin! Ein
andermal.--Itzt halten Sie lnger sich nicht auf. Ja nicht lnger!
--Und Sie, Marinelli, ich erwarte Sie.



Fnfter Auftritt

Orsina. Marinelli.


Marinelli. Haben Sie es, gndige Grfin, nun von ihm selbst gehrt,
was Sie mir nicht glauben wollen?

Orsina (wie betubt). Hab ich? hab ich wirklich?

Marinelli. Wirklich.

Orsina (mit Rhrung). "Ich bin beschftiget. Ich bin nicht allein."
Ist das die Entschuldigung ganz, die ich wert bin? Wen weiset man
damit nicht ab? Jeden berlstigen, jeden Bettler. Fr mich keine
einzige Lge mehr? Keine einzige kleine Lge mehr, fr mich?
--Beschftiget? womit denn? Nicht allein? wer wre denn bei
ihm?--Kommen Sie, Marinelli; aus Barmherzigkeit, lieber Marinelli!
Lgen Sie mir eines auf eigene Rechnung vor. Was kostet Ihnen denn
eine Lge?--Was hat er zu tun? Wer ist bei ihm?--Sagen Sie mir, sagen
Sie mir, was Ihnen zuerst in den Mund kmmt--und ich gehe.

Marinelli (vor sich). Mit dieser Bedingung kann ich ihr ja wohl einen
Teil der Wahrheit sagen.

Orsina. Nun? Geschwind, Marinelli, und ich gehe.--Er sagte ohnedem,
der Prinz: "Ein andermal, meine liebe Grfin!" Sagte er nicht
so?--Damit er mir Wort hlt, damit er keinen Vorwand hat, mir nicht
Wort zu halten: geschwind, Marinelli, Ihre Lge, und ich gehe.

Marinelli. Der Prinz, liebe Grfin, ist wahrlich nicht allein. Es
sind Personen bei ihm, von denen er sich keinen Augenblick abmigen
kann; Personen, die eben einer groen Gefahr entgangen sind. Der Graf
Appiani.

Orsina. Wre bei ihm?--Schade, da ich ber diese Lge Sie ertappen
mu. Geschwind eine andere.--Denn Graf Appiani, wenn Sie es noch
nicht wissen, ist eben von Rubern erschossen worden. Der Wagen mit
seinem Leichname begegnete mir kurz vor der Stadt.--Oder ist er nicht?
Htte es mir blo getrumt?

Marinelli. Leider nicht blo getrumt!--Aber die andern, die mit dem
Grafen waren, haben sich glcklich hieher nach dem Schlosse gerettet:
seine Braut nmlich und die Mutter der Braut, mit welchen er nach
Sabionetta zu seiner feierlichen Verbindung fahren wollte.

Orsina. Also die? Die sind bei dem Prinzen? Die Braut? und die
Mutter der Braut?--Ist die Braut schn?

Marinelli. Dem Prinzen geht ihr Unfall ungemein nahe.

Orsina. Ich will hoffen, auch wenn sie hlich wre. Denn ihr
Schicksal ist schrecklich.--Armes gutes Mdchen, eben da er dein auf
immer werden sollte, wird er dir auf immer entrissen!--Wer ist sie
denn, diese Braut? Kenn ich sie gar?--Ich bin so lange aus der Stadt,
da ich von nichts wei.

Marinelli. Es ist Emilia Galotti.

Orsina. Wer?--Emilia Galotti? Emilia Galotti?--Marinelli! da ich
diese Lge nicht fr Wahrheit nehme!

Marinelli. Wieso?

Orsina. Emilia Galotti?

Marinelli. Die Sie schwerlich kennen werden--Orsina. Doch! doch!
Wenn es auch nur von heute wre.--Im Ernst, Marinelli? Emilia
Galotti?--Emilia Galotti wre die unglckliche Braut, die der Prinz
trstet?

Marinelli (vor sich). Sollte ich ihr schon zuviel gesagt haben?

Orsina. Und Graf Appiani war der Brutigam dieser Braut? der eben
erschossene Appiani?

Marinelli. Nicht anders.

Orsina. Bravo! o bravo! bravo! (In die Hnde schlagend.)

Marinelli. Wie das?

Orsina. Kssen mcht' ich den Teufel, der ihn dazu verleitet hat!

Marinelli. Wen? verleitet? wozu?

Orsina. Ja, kssen, kssen mcht' ich ihn--Und wenn Sie selbst dieser
Teufel wren, Marinelli.

Marinelli. Grfin!

Orsina. Kommen Sie her! Sehen Sie mich an! steif an! Aug' in Auge!

Marinelli. Nun?

Orsina. Wissen Sie nicht, was ich denke?

Marinelli. Wie kann ich das?

Orsina. Haben Sie keinen Anteil daran?

Marinelli. Woran?

Orsina. Schwren Sie!--Nein, schwren Sie nicht. Sie mchten eine
Snde mehr begehen.--Oder ja, schwren Sie nur. Eine Snde mehr oder
weniger fr einen, der doch verdammt ist!--Haben Sie keinen Anteil
daran?

Marinelli. Sie erschrecken mich, Grfin.

Orsina. Gewi?--Nun, Marinelli, argwohnet Ihr gutes Herz auch nichts?

Marinelli. Was? worber?

Orsina. Wohl--so will ich Ihnen etwas vertrauen--etwas, das Ihnen
jedes Haar auf dem Kopfe zu Berge struben soll.--Aber hier, so nahe
an der Tre, mchte uns jemand hren. Kommen Sie hierher!--Und!
(Indem sie den Finger auf den Mund legt) Hren Sie! ganz in geheim!
ganz in geheim! (und ihren Mund seinem Ohre nhert, als ob sie ihm
zuflstern wollte, was sie aber sehr laut ihm zuschreiet.) Der Prinz
ist ein Mrder!

Marinelli. Grfin--Grfin--sind Sie ganz von Sinnen?

Orsina. Von Sinnen? Ha! ha! ha! (Aus vollem Halse lachend.) Ich bin
selten oder nie mit meinem Verstande so wohl zufrieden gewesen als
eben itzt.--Zuverlssig, Marinelli--aber es bleibt unter uns--(leise)
der Prinz ist ein Mrder! des Grafen Appiani Mrder!--Den haben nicht
Ruber, den haben Helfershelfer des Prinzen, den hat der Prinz
umgebracht!

Marinelli. Wie kann Ihnen so eine Abscheulichkeit in den Mund, in die
Gedanken kommen?

Orsina. Wie?--Ganz natrlich.--Mit dieser Emilia Galotti--die hier
bei ihm ist--deren Brutigam so ber Hals ber Kopf sich aus der Welt
trollen mssen--mit dieser Emilia Galotti hat der Prinz heute morgen,
in der Halle bei den Dominikanern, ein Langes und Breites gesprochen.
Das wei ich, das haben meine Kundschafter gesehen. Sie haben auch
gehrt, was er mit ihr gesprochen--Nun, guter Herr? Bin ich von
Sinnen? Ich reime, dcht' ich, doch noch ziemlich zusammen, was
zusammen gehrt.--Oder trifft auch das nur so von ungefhr zu? Ist
Ihnen auch das Zufall? Oh, Marinelli, so verstehen Sie auf die
Bosheit der Menschheit sich ebenso schlecht als auf die Vorsicht.

Marinelli. Grfin, Sie wrden sich um den Hals reden

Orsina. Wenn ich das mehrern sagte?--Desto besser, desto besser!
--Morgen will ich es auf dem Markte ausrufen.--Und wer mir
widerspricht--wer mir widerspricht, der war des Mrders Spiegeselle.
--Leben Sie wohl. (Indem sie fortgehen will, begegnet sie an der Tre
dem alten Galotti, der eiligst hereintritt.)



Sechster Auftritt

Odoardo Galotti. Die Grfin. Marinelli.


Odoardo Galotti. Verzeihen Sie, gndige Frau--Orsina. Ich habe hier
nichts zu verzeihen. Denn ich habe hier nichts belzunehmen--An
diesen Herrn wenden Sie sich. (Ihn nach dem Marinelli weisend.)

Marinelli (indem er ihn erblicket, vor sich). Nun vollends! der Alte!
--Odoardo. Vergeben Sie, mein Herr, einem Vater, der in der uersten
Bestrzung ist--da er so unangemeldet hereintritt.

Orsina. Vater? (Kehrt wieder um.) Der Emilia, ohne Zweifel.--Ha,
willkommen!

Odoardo. Ein Bedienter kam mir entgegengesprengt, mit der Nachricht,
da hierherum die Meinigen in Gefahr wren. Ich fliege herzu und hre,
da der Graf Appiani verwundet worden, da er nach der Stadt
zurckgekehret, da meine Frau und Tochter sich in das Schlo gerettet.
--Wo sind sie, mein Herr? wo sind sie?

Marinelli. Sein Sie ruhig, Herr Oberster. Ihrer Gemahlin und Ihrer
Tochter ist nichts bels widerfahren, den Schreck ausgenommen. Sie
befinden sich beide wohl. Der Prinz ist bei ihnen. Ich gehe sogleich,
Sie zu melden.

Odoardo. Warum melden? erst melden?

Marinelli. Aus Ursachen--von wegen--Von wegen des Prinzen. Sie
wissen, Herr Oberster, wie Sie mit dem Prinzen stehen. Nicht auf dem
freundschaftlichsten Fue. So gndig er sich gegen Ihre Gemahlin und
Tochter bezeiget--es sind Damen--Wird darum auch Ihr unvermuteter
Anblick ihm gelegen sein?

Odoardo. Sie haben recht, mein Herr, Sie haben redet.

Marinelli. Aber, gndige Grfin--kann ich vorher die Ehre haben, Sie
nach Ihrem Wagen zu begleiten?

Orsina. Nicht doch, nicht doch.

Marinelli (sie bei der Hand nicht unsanft ergreifend). Erlauben Sie,
da ich meine Schuldigkeit beobachte.--Orsina. Nur gemach!--Ich
erlasse Sie deren, mein Herr! Da doch immer Ihresgleichen
Hflichkeit zur Schuldigkeit machen, um, was eigentlich ihre
Schuldigkeit wre, als die Nebensache betreiben zu drfen!--Diesen
wrdigen Mann je eher, je lieber zu melden, das ist Ihre Schuldigkeit.

Marinelli. Vergessen Sie, was Ihnen der Prinz selbst befohlen?

Orsina. Er komme und befehle mir es noch einmal. Ich erwarte ihn.

Marinelli (leise zu dem Obersten, den er beiseite ziehet). Mein Herr,
ich mu Sie hier mit einer Dame lassen, die--der--mit deren
Verstande--Sie verstehen mich. Ich sage Ihnen dieses, damit Sie
wissen, was Sie auf ihre Reden zu geben haben--deren sie oft sehr
seltsame fhret. Am besten, Sie lassen sich mit ihr nicht ins Wort.

Odoardo. Recht wohl.--Eilen Sie nur, mein Herr.



Siebenter Auftritt

Die Grfin Orsina. Odoardo Galotti.


Orsina (nach einigem Stillschweigen, unter welchem sie den Obersten
mit Mitleid betrachtet, so wie er sie mit einer flchtigen Neugierde).
Was er Ihnen auch da gesagt hat, unglcklicher Mann!--Odoardo (halb
vor sich, halb gegen sie). Unglcklicher?

Orsina. Eine Wahrheit war es gewi nicht--am wenigsten eine von denen,
die auf Sie warten.

Odoardo. Auf mich warten?--Wei ich nicht schon genug?--Madame!--Aber,
reden Sie nur, reden Sie nur.

Orsina. Sie wissen nichts.

Odoardo. Nichts?

Orsina. Guter, lieber Vater!--Was gbe ich darum, wenn Sie auch mein
Vater wren!--Verzeihen Sie! Die Unglcklichen ketten sich so gern
aneinander.--Ich wollte treulich Schmerz und Wut mit Ihnen teilen.

Odoardo. Schmerz und Wut? Madame!--Aber ich vergesse--Reden Sie nur.

Orsina. Wenn es gar Ihre einzige Tochter--Ihr einziges Kind wre!
--Zwar einzig oder nicht. Das unglckliche Kind ist immer das einzige.

Odoardo. Das unglckliche?--Madame!--Was will ich von ihr?--Doch, bei
Gott, so spricht keine Wahnwitzige!

Orsina. Wahnwitzige? Das war es also, was er Ihnen von mir
vertraute?--Nun, nun, es mag leicht keine von seinen grbsten Lgen
sein.--Ich fhle so was!--Und glauben Sie, glauben Sie mir: Wer ber
gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu
verlieren.--Odoardo. Was soll ich denken?

Orsina. Da Sie mich also ja nicht verachten!--Denn auch Sie haben
Verstand, guter Alter, auch Sie.--Ich seh es an dieser entschlossenen,
ehrwrdigen Miene. Auch Sie haben Verstand; und es kostet mich ein
Wort--so haben Sie keinen.

Odoardo. Madame!--Madame!--Ich habe schon keinen mehr, noch ehe Sie
mir dieses Wort sagen, wenn Sie mir es nicht bald sagen.--Sagen Sie es!
sagen Sie es! Oder es ist nicht wahr--es ist nicht wahr, da Sie von
jener guten, unsers Mitleids, unserer Hochachtung so wrdigen Gattung
der Wahnwitzigen sind--Sie sind eine gemeine Trin. Sie haben nicht,
was Sie nie hatten.

Orsina. So merken Sie auf!--Was wissen Sie, der Sie schon genug
wissen wollen? Da Appiani verwundet worden? Nur verwundet?--Appiani
ist tot!

Odoardo. Tot? tot?--Ha, Frau, das ist wider die Abrede. Sie wollten
mich um den Verstand bringen: und Sie brechen mir das Herz.

Orsina. Das beiher!--Nur weiter.--Der Brutigam ist tot, und die
Braut--Ihre Tochter--schlimmer als tot.

Odoardo. Schlimmer? schlimmer als tot?--Aber doch zugleich auch
tot?--Denn ich kenne nur ein Schlimmeres--Orsina. Nicht zugleich auch
tot. Nein, guter Vater, nein!--Sie lebt, sie lebt. Sie wird nun erst
recht anfangen zu leben.--Ein Leben voll Wonne! Das schnste,
lustigste Schlaraffenleben--solang es dauert.

Odoardo. Das Wort, Madame, das einzige Wort, das mich um den Verstand
bringen soll! heraus damit!--Schtten Sie nicht Ihren Tropfen Gift in
einen Eimer.--Das einzige Wort! geschwind.

Orsina. Nun da, buchstabieren Sie es zusammen!--Des Morgens sprach
der Prinz Ihre Tochter in der Messe, des Nachmittags hat er sie auf
seinem Lust--Lustschlosse.

Odoardo. Sprach sie in der Messe? Der Prinz meine Tochter?

Orsina. Mit einer Vertraulichkeit! mit einer Inbrunst!--Sie hatten
nichts Kleines abzureden. Und recht gut, wenn es abgeredet worden,
recht gut, wenn Ihre Tochter freiwillig sich hierher gerettet! Sehen
Sie: so ist es doch keine gewaltsame Entfhrung, sondern blo ein
kleiner--kleiner Meuchelmord.

Odoardo. Verleumdung! verdammte Verleumdung! Ich kenne meine Tochter.
Ist es Meuchelmord, so ist es auch Entfhrung.--(Blickt wild um sich
und stampft und schumet.) Nun, Claudia? Nun, Mtterchen?--Haben wir
nicht Freude erlebt! O des gndigen Prinzen! O der ganz besondern
Ehre!

Orsina. Wirkt es, Alter! wirkt es?

Odoardo. Da steh ich nun vor der Hhle des Rubers--(indem er den
Rock von beiden Seiten auseinanderschlgt und sich ohne Gewehr sieht.)
Wunder, da ich aus Eilfertigkeit nicht auch die Hnde zurckgelassen!
--(An alle Schubscke fhlend, als etwas suchend.) Nichts! gar nichts!
nirgends!

Orsina. Ha, ich verstehe!--Damit kann ich aushelfen!--Ich hab einen
mitgebracht. (Einen Dolch hervorziehend.) Da nehmen Sie! Nehmen Sie
geschwind, eh' uns jemand sieht!--Auch htte ich noch etwas--Gift.
Aber Gift ist nur fr uns Weiber, nicht fr Mnner.--Nehmen Sie ihn!
(Ihm den Dolch aufdrngend.) Nehmen Sie!

Odoardo. Ich danke, ich danke.--Liebes Kind, wer wieder sagt, da du
eine Nrrin bist, der hat es mit mir zu tun.

Orsina. Stecken Sie beiseite! geschwind beiseite!--Mir--wird die
Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird sie nicht
fehlen, diese Gelegenheit, und Sie werden sie ergreifen, die erste,
die beste--wenn Sie ein Mann sind.--Ich, ich bin nur ein Weib, aber so
kam ich her! fest entschlossen!--Wir, Alter, wir knnen uns alles
vertrauen. Denn wir sind beide beleidiget, von dem nmlichen
Verfhrer beleidiget.--Ah, wenn Sie wten--wenn sie wten, wie
berschwenglich, wie unaussprechlich, wie unbegreiflich ich von ihm
beleidiget worden und noch werde--Sie knnten, Sie wrden Ihre eigene
Beleidigung darber vergessen.--Kennen Sie mich? Ich bin Orsina, die
betrogene, verlassene Orsina.--Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter
verlassen.--Doch was kann Ihre Tochter dafr?--Bald wird auch sie
verlassen sein.--Und dann wieder eine!--Und wieder eine!--Ha! (wie in
der Entzckung) welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal
alle--wir, das ganze Heer der Verlassenen--wir alle in Bacchantinnen,
in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns htten, ihn unter
uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwhlten--um das
Herz zu finden, das der Verrter einer jeden versprach und keiner gab!
Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!



Achter Auftritt

Claudia Galotti. Die Vorigen.


Claudia (die im Hereintreten sich umsiehet und, sobald sie ihren
Gemahl erblickt, auf ihn zuflieget). Erraten!--Ah, unser Beschtzer,
unser Retter! Bist du da, Odoardo? Bist du da?--Aus ihren Wispern,
aus ihren Mienen schlo ich es.--Was soll ich dir sagen, wenn du noch
nichts weit?--Was soll ich dir sagen, wenn du schon alles
weit?--Aber wir sind unschuldig. Ich bin unschuldig. Deine Tochter
ist unschuldig. Unschuldig, in allem unschuldig!

Odoardo (der sich bei Erblickung seiner Gemahlin zu fassen gesucht).
Gut, gut. Sei nur ruhig, nur ruhig--und antworte mir. (Gegen die
Orsina.) Nicht, Madame, als ob ich noch zweifelte--Ist der Graf tot?

Claudia. Tot.

Odoardo. Ist es wahr, da der Prinz heute morgen Emilien in der Messe
gesprochen?

Claudia. Wahr. Aber wenn du wtest, welchen Schreck es ihr
verursacht, in welcher Bestrzung sie nach Hause kam-Orsina. Nun, hab
ich gelogen?

Odoardo (mit einem bittern Lachen). Ich wollt' auch nicht, Sie htten!
Um wie vieles nicht!

Orsina. Bin ich wahnwitzig?

Odoardo (wild hin und her gehend). Oh--noch bin ich es auch nicht.
--Claudia. Du gebotest mir ruhig zu sein, und ich bin ruhig.--Bester
Mann, darf auch ich--ich dich bitten--Odoardo. Was willst du? Bin ich
nicht ruhig? Kann man ruhiger sein, als ich bin? (Sich zwingend.)
Wei es Emilia, da Appiani tot ist?

Claudia. Wissen kann sie es nicht. Aber ich frchte, da sie es
argwohnet, weil er nicht erscheinet.--Odoardo. Und sie jammert und
winselt.--Claudia. Nicht mehr.--Das ist vorbei: nach ihrer Art, die du
kennest. Sie ist die Furchtsamste und Entschlossenste unsers
Geschlechts. Ihrer ersten Eindrcke nie mchtig, aber nach der
geringsten berlegung in alles sich findend, auf alles gefat. Sie
hlt den Prinzen in einer Entfernung, sie spricht mit ihm in einem
Tone--Mache nur, Odoardo, da wir wegkommen.

Odoardo. Ich bin zu Pferde.--Was zu tun?--Doch, Madame, Sie fahren ja
nach der Stadt zurck?

Orsina. Nicht anders.

Odoardo. Htten Sie wohl die Gewogenheit, meine Frau mit sich zu
nehmen?

Orsina. Warum nicht? Sehr gern.

Odoardo. Claudia--(ihr die Grfin bekannt machend) die Grfin Orsina,
eine Dame von groem Verstande, meine Freundin, meine Wohltterin.--Du
mut mit ihr herein, um uns sogleich den Wagen herauszuschicken.
Emilia darf nicht wieder nach Guastalla. Sie soll mit mir.

Claudia. Aber--wenn nur--Ich trenne mich ungern von dem Kinde.

Odoardo. Bleibt der Vater nicht in der Nhe? Man wird ihn endlich
doch vorlassen. Keine Einwendung!--Kommen Sie, gndige Frau. (Leise
zu ihr.) Sie werden von mir hren.--Komm, Claudia. (Er fhrt sie ab.)




Fnfter Aufzug

Die Szene bleibt.



Erster Auftritt

Marinelli. Der Prinz.


Marinelli. Hier, gndiger Herr, aus diesem Fenster knnen Sie ihn
sehen. Er geht die Arkade auf und nieder.--Eben biegt er ein, er
kmmt.--Nein, er kehrt wieder um.--Ganz einig ist er mit sich noch
nicht. Aber um ein Groes ruhiger ist er--oder scheinet er. Fr uns
gleichviel!--Natrlich! Was ihm auch beide Weiber in den Kopf gesetzt
haben, wird er es wagen zu uern?--Wie Battista gehrt, soll ihm
seine Frau den Wagen sogleich heraussenden. Denn er kam zu Pferde.
--Geben Sie acht, wenn er nun vor Ihnen erscheinet, wird er ganz
untertnigst Eurer Durchlaucht fr den gndigen Schutz danken, den
seine Familie bei diesem so traurigen Zufalle hier gefunden; wird sich,
mitsamt seiner Tochter, zu fernerer Gnade empfehlen; wird sie ruhig
nach der Stadt bringen und es in tiefster Unterwerfung erwarten,
welchen weitern Anteil Euer Durchlaucht an seinem unglcklichen,
lieben Mdchen zu nehmen geruhen wollen.

Der Prinz. Wenn er nun aber so zahm nicht ist? Und schwerlich,
schwerlich wird er es sein. Ich kenne ihn zu gut.--Wenn er hchstens
seinen Argwohn erstickt, seine Wut verbeit: aber Emilien, anstatt sie
nach der Stadt zu fhren, mit sich nimmt? bei sich behlt? oder wohl
gar in ein Kloster, auer meinem Gebiete, verschliet? Wie dann?

Marinelli. Die frchtende Liebe sieht weit. Wahrlich!--Aber er wird
ja nicht--Der Prinz. Wenn er nun aber! Wie dann? Was wird es uns
dann helfen, da der unglckliche Graf sein Leben darber verloren?

Marinelli. Wozu dieser traurige Seitenblick? Vorwrts! denkt der
Sieger, es falle neben ihm Feind oder Freund.--Und wenn auch! Wenn er
es auch wollte, der alte Neidhart, was Sie von ihm frchten, Prinz.
--(berlegend.) Das geht! Ich hab es!--Weiter als zum Wollen soll er
es gewi nicht bringen. Gewi nicht!--Aber da wir ihn nicht aus dem
Gesichte verlieren.--(Tritt wieder ans Fenster.) Bald htt' er uns
berrascht! Er kmmt.--Lassen Sie uns ihm noch ausweichen, und hren
Sie erst, Prinz, was wir auf den zu befrchtenden Fall tun mssen.

Der Prinz (drohend). Nur, Marinelli!--Marinelli. Das Unschuldigste
von der Welt!



Zweiter Auftritt


Odoardo Galotti. Noch niemand hier?--Gut, ich soll noch klter werden.
Es ist mein Glck.--Nichts verchtlicher als ein brausender
Jnglingskopf mit grauen Haaren! Ich hab es mir so oft gesagt. Und
doch lie ich mich fortreien: und von wem? Von einer Eiferschtigen,
von einer fr Eifersucht Wahnwitzigen.--Was hat die gekrnkte Tugend
mit der Rache des Lasters zu schaffen? Jene allein hab ich zu retten.
--Und deine Sache--mein Sohn! mein Sohn!--Weinen konnt' ich nie--und
will es nun nicht erst lernen--Deine Sache wird ein ganz anderer zu
seiner machen! Genug fr mich, wenn dein Mrder die Frucht seines
Verbrechens nicht geniet.--Dies martere ihn mehr als das Verbrechen!
Wenn nun bald ihn Sttigung und Ekel von Lsten zu Lsten treiben, so
verglle die Erinnerung, diese eine Lust nicht gebet zu haben, ihm
den Genu aller! In jedem Traume fhre der blutige Brutigam ihm die
Braut vor das Bette, und wann er dennoch den wollstigen Arm nach ihr
ausstreckt, so hre er pltzlich das Hohngelchter der Hlle und
erwache!



Dritter Auftritt

Marinelli. Odoardo Galotti.


Marinelli. Wo blieben Sie, mein Herr? wo blieben Sie?

Odoardo. War meine Tochter hier?

Marinelli. Nicht sie, aber der Prinz.

Odoardo. Er verzeihe.--Ich habe die Grfin begleitet.

Marinelli. Nun?

Odoardo. Die gute Dame!

Marinelli. Und Ihre Gemahlin?

Odoardo. Ist mit der Grfin--um uns den Wagen sogleich herauszusenden.
Der Prinz vergnne nur, da ich mich so lange mit meiner Tochter
noch hier verweile.

Marinelli. Wozu diese Umstnde? Wrde sich der Prinz nicht ein
Vergngen daraus gemacht haben, sie beide, Mutter und Tochter, selbst
nach der Stadt zu bringen?

Odoardo. Die Tochter wenigstens wrde diese Ehre haben verbitten
mssen.

Marinelli. Wieso?

Odoardo. Sie soll nicht mehr nach Guastalla.

Marinelli. Nicht? und warum nicht?

Odoardo. Der Graf ist tot.

Marinelli. Um so viel mehr--Odoardo. Sie soll mit mir.

Marinelli. Mit Ihnen?

Odoardo. Mit mir. Ich sage Ihnen ja, der Graf ist tot.--Wenn Sie es
noch nicht wissen--Was hat sie nun weiter in Guastalla zu tun?--Sie
soll mit mir.

Marinelli. Allerdings wird der knftige Aufenthalt der Tochter einzig
von dem Willen des Vaters abhangen. Nur vors erste--Odoardo. Was vors
erste?

Marinelli. Werden Sie wohl erlauben mssen, Herr Oberster, da sie
nach Guastalla gebracht wird.

Odoardo. Meine Tochter? nach Guastalla gebracht wird? und warum?

Marinelli. Warum? Erwgen Sie doch nur--Odoardo (hitzig). Erwgen!
erwgen! Ich erwge, da hier nichts zu erwgen ist.--Sie soll, sie
mu mit mir.

Marinelli. O mein Herr--was brauchen wir uns hierber zu ereifern?
Es kann sein, da ich mich irre, da es nicht ntig ist, was ich fr
ntig halte.--Der Prinz wird es am besten zu beurteilen wissen. Der
Prinz entscheide.--Ich geh und hole ihn.



Vierter Auftritt

Odoardo Galotti. Wie?--Nimmermehr!--Mir vorschreiben, wo sie hin
soll?--Mir sie vorenthalten?--Wer will das? Wer darf das?--Der hier
alles darf, was er will? Gut, gut, so soll er sehen, wieviel auch ich
darf, ob ich es schon nicht drfte! Kurzsichtiger Wterich! Mit dir
will ich es wohl aufnehmen. Wer kein Gesetz achtet, ist ebenso
mchtig, als wer kein Gesetz hat. Das weit du nicht? Komm an! komm
an!--Aber, sieh da! Schon wieder, schon wieder rennet der Zorn mit
dem Verstande davon.--Was will ich? Erst mt' es doch geschehen sein,
worber ich tobe. Was plaudert nicht eine Hofschranze! Und htte
ich ihn doch nur plaudern lassen! Htte ich seinen Vorwand, warum sie
wieder nach Guastalla soll, doch nur angehrt!--So knnte ich mich
itzt auf eine Antwort gefat machen.--Zwar auf welchen kann mir eine
fehlen?--Sollte sie mir aber fehlen, sollte sie--Man kmmt. Ruhig,
alter Knabe, ruhig!



Fnfter Auftritt

Der Prinz. Marinelli. Odoardo Galotti.


Der Prinz. Ah, mein lieber, rechtschaffner Galotti--so etwas mu auch
geschehen, wenn ich Sie bei mir sehen soll. Um ein Geringeres tun Sie
es nicht. Doch keine Vorwrfe!

Odoardo. Gndiger Herr, ich halte es in allen Fllen fr unanstndig,
sich zu seinem Frsten zu drngen. Wen er kennt, den wird er fodern
lassen, wenn er seiner bedarf. Selbst itzt bitte ich um
Verzeihung--Der Prinz. Wie manchem andern wollte ich diese stolze
Bescheidenheit wnschen!--Doch zur Sache. Sie werden begierig sein,
Ihre Tochter zu sehen. Sie ist in neuer Unruhe wegen der pltzlichen
Entfernung einer so zrtlichen Mutter.--Wozu auch diese Entfernung?
Ich wartete nur, da die liebenswrdige Emilie sich vllig erholet
htte, um beide im Triumphe nach der Stadt zu bringen. Sie haben mir
diesen Triumph um die Hlfte verkmmert, aber ganz werde ich mir ihn
nicht nehmen lassen.

Odoardo. Zu viel Gnade!--Erlauben Sie, Prinz, da ich meinem
unglcklichen Kinde alle die mannigfaltigen Krnkungen erspare, die
Freund und Feind, Mitleid und Schadenfreude in Guastalla fr sie
bereit halten.

Der Prinz. Um die sen Krnkungen des Freundes und des Mitleids,
wrde es Grausamkeit sein, sie zu bringen. Da aber die Krnkungen
des Feindes und der Schadenfreude sie nicht erreichen sollen, dafr,
lieber Galotti, lassen Sie mich sorgen.

Odoardo. Prinz, die vterliche Liebe teilet ihre Sorgen nicht gern.
--Ich denke, ich wei es, was meiner Tochter in ihren itzigen
Umstnden einzig ziemet--Entfernung aus der Welt--ein Kloster--sobald
als mglich.

Der Prinz. Ein Kloster?

Odoardo. Bis dahin weine sie unter den Augen ihres Vaters.

Der Prinz. So viel Schnheit soll in einem Kloster verblhen?--Darf
eine einzige fehlgeschlagene Hoffnung uns gegen die Welt so
unvershnlich machen?--Doch allerdings: dem Vater hat niemand
einzureden. Bringen Sie Ihre Tochter, Galotti, wohin Sie wollen.

Odoardo (gegen Marinelli). Nun, mein Herr?

Marinelli. Wenn Sie mich sogar auffodern!

Odoardo. O mitnichten, mitnichten.

Der Prinz. Was haben Sie beide?

Odoardo. Nichts, gndiger Herr, nichts.--Wir erwgen blo, welcher
von uns sich in Ihnen geirret hat.

Der Prinz. Wieso?--Reden Sie, Marinelli.

Marinelli. Es geht mir nahe, der Gnade meines Frsten in den Weg zu
treten. Doch wenn die Freundschaft gebietet, vor allem in ihm den
Richter aufzufodern--Der Prinz. Welche Freundschaft?--Marinelli. Sie
wissen, gndiger Herr, wie sehr ich den Grafen Appiani liebte, wie
sehr unser beider Seelen ineinander verwebt schienen--Odoardo. Das
wissen Sie, Prinz? So wissen Sie es wahrlich allein.

Marinelli. Von ihm selbst zu seinem Rcher bestellet--Odoardo. Sie?

Marinelli. Fragen Sie nur Ihre Gemahlin. Marinelli, der Name
Marinelli war das letzte Wort des sterbenden Grafen, und in einem Tone!
in einem Tone!--Da er mir nie aus dem Gehre komme, dieser
schreckliche Ton, wenn ich nicht alles anwende, da seine Mrder
entdeckt und bestraft werden!

Der Prinz. Rechnen Sie auf meine krftigste Mitwirkung.

Odoardo. Und meine heiesten Wnsche!--Gut, gut!--Aber was weiter?

Der Prinz. Das frag ich, Marinelli.

Marinelli. Man hat Verdacht, da es nicht Ruber gewesen, welche den
Grafen angefallen.

Odoardo (hhnisch). Nicht? Wirklich nicht?

Marinelli. Da ein Nebenbuhler ihn aus dem Wege rumen lassen.

Odoardo (bitter). Ei! Ein Nebenbuhler?

Marinelli. Nicht anders.

Odoardo. Nun dann--Gott verdamm' ihn, den meuchelmrderischen Buben!

Marinelli. Ein Nebenbuhler, und ein begnstigter Nebenbuhler--Odoardo.
Was? ein begnstigter?--Was sagen Sie?

Marinelli. Nichts, als was das Gerchte verbreitet.

Odoardo. Ein begnstigter? von meiner Tochter begnstiget?

Marinelli. Das ist gewi nicht. Das kann nicht sein. Dem
widersprech ich, trotz Ihnen.--Aber bei dem allen, gndiger Herr--denn
das gegrndetste Vorurteil wieget auf der Waage der Gerechtigkeit
soviel als nichts--bei dem allen wird man doch nicht umhin knnen, die
schne Unglckliche darber zu vernehmen.

Der Prinz. Jawohl, allerdings.

Marinelli. Und wo anders? wo kann das anders geschehen als in
Guastalla?

Der Prinz. Da haben Sie recht, Marinelli, da haben Sie recht.--Ja so,
das verndert die Sache, lieber Galotti. Nicht wahr? Sie sehen
selbst--Odoardo. O ja, ich sehe--Ich sehe, was ich sehe.--Gott! Gott!

Der Prinz. Was ist Ihnen? was haben Sie mit sich?

Odoardo. Da ich es nicht vorausgesehen, was ich da sehe. Das rgert
mich, weiter nichts.--Nun ja, sie soll wieder nach Guastalla. Ich
will sie wieder zu ihrer Mutter bringen, und bis die strengste
Untersuchung sie freigesprochen, will ich selbst aus Guastalla nicht
weichen. Denn wer wei--(mit einem bittern Lachen) wer wei, ob die
Gerechtigkeit nicht auch ntig findet, mich zu vernehmen.

Marinelli. Sehr mglich! In solchen Fllen tut die Gerechtigkeit
lieber zuviel als zuwenig.--Daher frchte ich sogar--Der Prinz. Was?
was frchten Sie?

Marinelli. Man werde vor der Hand nicht verstatten knnen, da Mutter
und Tochter sich sprechen.

Odoardo. Sich nicht sprechen?

Marinelli. Man werde gentiget sein, Mutter und Tochter zu trennen.

Odoardo. Mutter und Tochter zu trennen?

Marinelli. Mutter und Tochter und Vater. Die Form des Verhrs
erfodert diese Vorsichtigkeit schlechterdings. Und es tut mir leid,
gndiger Herr, da ich mich gezwungen sehe, ausdrcklich darauf
anzutragen, wenigstens Emilien in eine besondere Verwahrung zu bringen.

Odoardo. Besondere Verwahrung?--Prinz! Prinz!--Doch ja, freilich,
freilich! Ganz recht: in eine besondere Verwahrung! Nicht, Prinz?
nicht?--O wie fein die Gerechtigkeit ist! Vortrefflich! (Fhrt
schnell nach dem Schubsacke, in welchem er den Dolch hat.)

Der Prinz (schmeichelhaft auf ihn zutretend). Fassen Sie sich, lieber
Galotti--Odoardo (beiseite, indem er die Hand leer wieder herauszieht).
Das sprach sein Engel!

Der Prinz. Sie sind irrig, Sie verstehen ihn nicht. Sie denken bei
dem Worte Verwahrung wohl gar an Gefngnis und Kerker.

Odoardo. Lassen Sie mich daran denken: und ich bin ruhig!

Der Prinz. Kein Wort von Gefngnis, Marinelli! Hier ist die Strenge
der Gesetze mit der Achtung gegen unbescholtene Tugend leicht zu
vereinigen. Wenn Emilia in besondere Verwahrung gebracht werden mu,
so wei ich schon--die alleranstndigste. Das Haus meines
Kanzlers--Keinen Widerspruch, Marinelli!--Da will ich sie selbst
hinbringen, da will ich sie der Aufsicht einer der wrdigsten Damen
bergeben. Die soll mir fr sie brgen, haften.--Sie gehen zu weit,
Marinelli, wirklich zu weit, wenn Sie mehr verlangen.--Sie kennen doch,
Galotti, meinen Kanzler Grimaldi und seine Gemahlin?

Odoardo. Was sollt' ich nicht? Sogar die liebenswrdigen Tchter
dieses edeln Paares kenn ich. Wer kennt sie nicht?--(Zu Marinelli.)
Nein, mein Herr, geben Sie das nicht zu. Wenn Emilia verwahrt werden
mu, so msse sie in dem tiefsten Kerker verwahret werden. Dringen
Sie darauf, ich bitte Sie.--Ich Tor, mit meiner Bitte! ich alter Geck!
--Jawohl hat sie recht die gute Sibylle: "Wer ber gewisse Dinge
seinen Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren!"

Der Prinz. Ich verstehe Sie nicht.--Lieber Galotti, was kann ich mehr
tun?--Lassen Sie es dabei, ich bitte Sie.--Ja, ja, in das Haus meines
Kanzlers! da soll sie hin; da bring ich sie selbst hin; und wenn ihr
da nicht mit der uersten Achtung begegnet wird, so hat mein Wort
nichts gegolten. Aber sorgen Sie nicht.--Dabei bleibt es! dabei
bleibt es!--Sie selbst, Galotti, mit sich, knnen es halten, wie Sie
wollen.--Sie knnen uns nach Guastalla folgen, Sie knnen nach
Sabionetta zurckkehren: wie Sie wollen. Es wre lcherlich, Ihnen
vorzuschreiben.--Und nun, auf Wiedersehen, lieber Galotti!--Kommen Sie,
Marinelli, es wird spt.

Odoardo (der in tiefen Gedanken gestanden). Wie? so soll ich sie gar
nicht sprechen, meine Tochter? Auch hier nicht?--Ich lasse mir ja
alles gefallen, ich finde ja alles ganz vortrefflich. Das Haus eines
Kanzlers ist natrlicherweise eine Freistatt der Tugend. Oh, gndiger
Herr, bringen Sie ja meine Tochter dahin, nirgends anders als dahin.
--Aber sprechen wollt' ich sie doch gerne vorher. Der Tod des Grafen
ist ihr noch unbekannt. Sie wird nicht begreifen knnen, warum man
sie von ihren Eltern trennet. Ihr jenen auf gute Art beizubringen,
sie dieser Trennung wegen zu beruhigen--mu ich sie sprechen, gndiger
Herr, mu ich sie sprechen.

Der Prinz. So kommen Sie denn--Odoardo. Oh, die Tochter kann auch
wohl zu dem Vater kommen.--Hier, unter vier Augen, bin ich gleich mit
ihr fertig. Senden Sie mir sie nur, gndiger Herr.

Der Prinz. Auch das!--O Galotti, wenn Sie mein Freund, mein Fhrer,
mein Vater sein wollten! (Der Prinz und Marinelli geben ab.)



Sechster Auftritt

Odoardo Galotti (ihm nachsehend, nach einer Pause). Warum
nicht?--Herzlich gern.--Ha! ha! ha!--(Blickt wild umher.) Wer lacht
da?--Bei Gott, ich glaub, ich war es selbst.--Schon recht! Lustig,
lustig! Das Spiel geht zu Ende. So oder so!--Aber--(Pause) wenn sie
mit ihm sich verstnde? Wenn es das alltgliche Possenspiel wre?
Wenn sie es nicht wert wre, was ich fr sie tun will?--(Pause.) Fr
sie tun will? Was will ich denn fr sie tun?--Hab ich das Herz, es
mir zu sagen?--Da denk ich so was: So was, was sich nur denken lt.
--Grlich! Fort, fort! Ich will sie nicht erwarten. Nein!--(Gegen
den Himmel.) Wer sie unschuldig in diesen Abgrund gestrzt hat, der
ziehe sie wieder heraus. Was braucht er meine Hand dazu? Fort! (Er
will gehen und sieht Emilien kommen.) Zu spt! Ah! er will meine Hand,
er will sie!



Siebenter Auftritt

Emilia. Odoardo.


Emilia. Wie? Sie hier, mein Vater?--Und nur Sie?--Und meine Mutter?
nicht hier?--Und der Graf? nicht hier?--Und Sie so unruhig, mein Vater?

Odoardo. Und du so ruhig, meine Tochter?--Emilia. Warum nicht, mein
Vater?--Entweder ist nichts verloren: oder alles. Ruhig sein knnen
und ruhig sein mssen: kmmt es nicht auf eines?

Odoardo. Aber, was meinest du, da der Fall ist?

Emilia. Da alles verloren ist--und da wir wohl ruhig sein mssen,
mein Vater.

Odoardo. Und du wrest ruhig, weil du ruhig sein mut?--Wer bist du?
Ein Mdchen? und meine Tochter? So sollte der Mann und der Vater sich
wohl vor dir schmen?--Aber la doch hren, was nennest du, alles
verloren?--Da der Graf tot ist?

Emilia. Und warum er tot ist! Warum! Ha, so ist es wahr, mein
Vater? So ist sie wahr, die ganze schreckliche Geschichte, die ich in
dem nassen und wilden Auge meiner Mutter las?--Wo ist meine Mutter?
Wo ist sie hin, mein Vater?

Odoardo. Voraus--wenn wir anders ihr nachkommen.

Emilia. Je eher, je besser. Denn wenn der Graf tot ist, wenn er
darum tot ist--darum! was verweilen wir noch hier? Lassen Sie uns
fliehen, mein Vater!

Odoardo. Fliehen?--Was htt' es dann fr Not?--Du bist, du bleibst in
den Hnden deines Rubers.

Emilia. Ich bleibe in seinen Hnden?

Odoardo. Und allein, ohne deine Mutter, ohne mich.

Emilia. Ich allein in seinen Hnden?--Nimmermehr, mein Vater.--Oder
Sie sind nicht mein Vater.--Ich allein in seinen Hnden?--Gut, lassen
Sie mich nur, lassen Sie mich nur.--Ich will doch sehn, wer mich
hlt--wer mich zwingt--wer der Mensch ist, der einen Menschen zwingen
kann.

Odoardo. Ich meine, du bist ruhig, mein Kind.

Emilia. Das bin ich. Aber was nennen Sie ruhig sein? Die Hnde in
den Scho legen? Leiden, was man nicht sollte? Dulden, was man nicht
drfte?

Odoardo. Ha! wenn du so denkest!--La dich umarmen, meine Tochter!
--Ich hab es immer gesagt: das Weib wollte die Natur zu ihrem
Meisterstcke machen. Aber sie vergriff sich im Tone, sie nahm ihn zu
fein. Sonst ist alles besser an euch als an uns.--Ha, wenn das deine
Ruhe ist, so habe ich meine in ihr wiedergefunden! La dich umarmen,
meine Tochter!--Denke nur: unter dem Vorwande einer gerichtlichen
Untersuchung--o des hllischen Gaukelspieles!--reit er dich aus
unsern Armen und bringt dich zur Grimaldi.

Emilia. Reit mich? bringt mich?--Will mich reien, will mich bringen:
will! will!--Als ob wir, wir keinen Willen htten, mein Vater!

Odoardo. Ich ward auch so wtend, da ich schon nach diesem Dolche
griff (ihn herausziehend), um einem von beiden--beiden!--das Herz zu
durchstoen. Emilia. Um des Himmels willen nicht, mein Vater!
--Dieses Leben ist alles, was die Lasterhaften haben.--Mir, mein Vater,
mir geben Sie diesen Dolch.

Odoardo. Kind, es ist keine Haarnadel.

Emilia. So werde die Haarnadel zum Dolche!--Gleichviel.

Odoardo. Was? Dahin wre es gekommen? Nicht doch; nicht doch!
Besinne dich.--Auch du hast nur ein Leben zu verlieren.

Emilia. Und nur eine Unschuld!

Odoardo. Die ber alle Gewalt erhaben ist.--Emilia. Aber nicht ber
alle Verfhrung.--Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen?
Was Gewalt heit, ist nichts: Verfhrung ist die wahre Gewalt.--Ich
habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch
meine Sinne sind Sinne. Ich stehe fr nichts. Ich bin fr nichts gut.
Ich kenne das Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude. Eine
Stunde da, unter den Augen meiner Mutter--und es erhob sich so mancher
Tumult in meiner Seele, den die strengsten bungen der Religion kaum
in Wochen besnftigen konnten!--Der Religion! Und welcher
Religion?--Nichts Schlimmers zu vermeiden, sprangen Tausende in die
Fluten und sind Heilige!--Geben Sie mir, mein Vater, geben Sie mir
diesen Dolch.

Odoardo. Und wenn du ihn kenntest, diesen Dolch!--Emilia. Wenn ich
ihn auch nicht kenne!--Ein unbekannter Freund ist auch ein Freund.
--Geben Sie mir ihn, mein Vater, geben Sie mir ihn.

Odoardo. Wenn ich dir ihn nun gebe--da! (Gibt ihr ihn.)

Emilia. Und da! (Im Begriffe, sich damit zu durchstoen, reit der
Vater ihr ihn wieder aus der Hand.)

Odoardo. Sieh, wie rasch!--Nein, das ist nicht fr deine Hand.

Emilia. Es ist wahr, mit einer Haarnadel soll ich--(Sie fhrt mit der
Hand nach dem Haare, eine zu suchen, und bekommt die Rose zu fassen.)
Du noch hier?--Herunter mit dir! Du gebtest nicht in das Haar
einer--wie mein Vater will, da ich werden soll!

Odoardo. Oh, meine Tochter!--Emilia. Oh, mein Vater, wenn ich Sie
erriete!--Doch nein, das wollen Sie auch nicht. Warum zauderten Sie
sonst?--(In einem bittern Tone, whrend da sie die Rose zerpflckt.)
Ehedem wohl gab es einen Vater, der seine Tochter von der Schande zu
retten, ihr den ersten, den besten Stahl in das Herz senkte--ihr zum
zweiten Male das Leben gab. Aber alle solche Taten sind von ehedem!
Solcher Vter gibt es keinen mehr!

Odoardo. Doch, meine Tochter, doch! (Indem er sie durchsticht.)
--Gott, was hab ich getan! (Sie will sinken, und er fat sie in
seine Arme.)

Emilia. Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblttert.--Lassen
Sie mich sie kssen, diese vterliche Hand.



Achter Auftritt

Der Prinz. Marinelli. Die Vorigen.


Der Prinz (im Hereintreten). Was ist das?--Ist Emilien nicht wohl?

Odoardo. Sehr wohl, sehr wohl!

Der Prinz (indem er nher kmmt). Was seh ich?--Entsetzen!

Marinelli. Weh mir!

Der Prinz. Grausamer Vater, was haben Sie getan!

Odoardo. Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblttert.--War es
nicht so, meine Tochter?

Emilia. Nicht Sie, mein Vater--Ich selbst--ich selbst--Odoardo. Nicht
du, meine Tochter--nicht du!--Gehe mit keiner Unwahrheit aus der Welt.
Nicht du, meine Tochter! Dein Vater, dein unglcklicher Vater!

Emilia. Ah--mein Vater--(Sie stirbt, und er legt sie sanft auf den
Boden.)

Odoardo. Zieh hin!--Nun da, Prinz! Gefllt sie Ihnen noch? Reizt
sie noch Ihre Lste? Noch, in diesem Blute, das wider Sie um Rache
schreiet? (Nach einer Pause.) Aber Sie erwarten, wo das alles hinaus
soll? Sie erwarten vielleicht, da ich den Stahl wider mich selbst
kehren werde, um meine Tat wie eine schale Tragdie zu beschlieen?
Sie irren sich. Hier! (Indem er ihm den Dolch vor die Fe wirft.)
Hier liegt er, der blutige Zeuge meines Verbrechens! Ich gehe und
liefere mich selbst in das Gefngnis. Ich gehe und erwarte Sie als
Richter--Und dann dort--erwarte ich Sie vor dem Richter unser aller!

Der Prinz (nach einigem Stillschweigen, unter welchem er den Krper
mit Entsetzen und Verzweiflung betrachtet, zu Marinelli). Hier! heb
ihn auf.--Nun? Du bedenkst dich?--Elender!--(Indem er ihm den Dolch
aus der Hand reit.) Nein, dein Blut soll mit diesem Blute sich nicht
mischen.--Geh, dich auf ewig zu verbergen!--Geh! sag ich.--Gott! Gott!
--Ist es, zum Unglcke so mancher, nicht genug, da Frsten Menschen
sind: mssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Emilia Galotti, von Gotthold
Ephraim Lessing.











End of Project Gutenberg's Emilia Lagotti, by Gotthold Ephraim Lessing

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without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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