Project Gutenberg's Fabeln und Erzaehlungen, by Gotthold Ephraim Lessing
#7 in our series by Gotthold Ephraim Lessing

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Title: Fabeln und Erzaehlungen

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Release Date: October, 2005 [EBook #9158]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FABELN UND ERZAEHLUNGEN ***




Produced by Delphine Letttau




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Fabeln und Erzhlungen

Gotthold Ephraim Lessing


Inhalt:

Das Geheimnis
Das Kruzifix
Das Muster der Ehen
Der ber uns
Der Adler und die Eule
Der Eremit
Der Hirsch und der Fuchs
Der Lwe und die Mcke
Der Sperling und die Feldmaus
Der Tanzbr
Der Wunsch zu sterben
Die Bre
Die Brille
Die Nu und die Katze
Die Sonne
Die Teilung
Die eheliche Liebe
Die kranke Pulcheria
Faustin
Morydan
Nix Bodenstrom




Das Geheimnis

Hans war zum Pater hingetreten,
Ihm seine Snden vorzubeten.
Hans war noch jung, doch ohne Ruhm,
So jung er war, von Herzen dumm.
Der Pater hrt ihn an.  Hans beichtete nicht viel.
Was sollte Hans auch beichten?
Von Snden wut er nichts, und destomehr vom Spiel.
Spiel ist ein Mittelding, das braucht er nicht zu beichten.
"Nun, soll das alles sein?
Fllt", sprach der Pater, "dir sonst nichts zu beichten ein?"
"Ehrwrdger Herr, sonst nichts--"Sonst weit du gar nichts mehr?"
"Gar nichts, bei meiner Ehr!"
"Sonst weit du nichts?  das wre schlecht!
So wenig Snden?  Hans besinn dich recht."
"Ach Herr, mit Seinem scharfen Fragen--
Ich wte wohl noch was."
"Nu?  Nur heraus!--"Ja das,
Herr Pater, kann ich Ihm bei meiner Treu nicht sagen."
"So?  weit du etwa schon, worber junge Dirnen,
Wenn man es ihnen tut, und ihnen nicht tut, zrnen?"
"Herr, ich versteh Euch nicht"--"Und desto besser; gut.
Du weit doch nichts von Dieberei, von Blut?
Dein Vater hurt doch nicht?"--"O meine Mutter sprichts;
Doch das ist alles nichts."
"Nichts?  Nu, was weit du denn?  Gesteh! du mut es sagen!
Und ich versprech es dir,
Was du gestehest bleibt bei mir."
"Auf Sein Versprechen, Herr, mag es ein andrer wagen;
Da ich kein Narre bin!
Er darfs, Ehrwrdger Herr, nur einem Jungen sagen,
So ist mein Glcke hin."
"Verstockter Bsewicht", fuhr ihn der Pater an,
"Weit du, vor wem du stehst?--da ich dich zwingen kann?
Geh! dein Gewissen soll dich brennen!
Kein Heiliger dich kennen!
Dich kenn Maria nicht, auch nicht Mariens Sohn!"
Hier wr dem armen Bauerjungen
Vor Angst beinah das Herz zersprungen.
Er weint und sprach voll Reu: "Ich wei"--"Das wei ich schon,
Da du was weit; doch was?"--"Was sich nicht sagen lt"--
"Noch zauderst du?"--"Ich wei"--"Was denn?"  "Ein Vogelnest.
Doch wo es ist, fragt nicht; ich frchte drum zu kommen.
Vorm Jahre hat mir Matz wohl zehne weggenommen."
"Geh Narr, ein Vogelnest war nicht der Mhe wert,
Da du es mir gesagt, und ichs von dir begehrt."

Ich kenn ein drolligt Volk,* mit mir kennt es die Welt,
Das schon seit manchen Jahren
Die Neugier auf der Folter hlt,
Und dennoch kann sie nichts erfahren.
Hr auf, leichtglubge Schar, sie forschend zu umschlingen!
Hr auf, mit Ernst in sie zu dringen!
Wer kein Geheimnis hat, kann leicht den Mund verschlieen.
Das Gift der Plauderei ist, nichts zu plaudern wissen.
Und wissen sie auch was, so kann mein Mrchen lehren,
Da oft Geheimnisse uns nichts Geheimes lehren,
Und man zuletzt wohl spricht: War das der Mhe wert,
Da ihr es mir gesagt, und ichs von euch begehrt?

* Die Freimurer.




Das Kruzifix

"Hans", spricht der Pater, "du mut laufen,
Uns in der nchsten Stadt ein Kruzifix zu kaufen.
Nimm Matzen mit, hier hast du Geld.
Du wirst wohl sehn, wie teuer man es hlt."
Hans kmmt mit Matzen nach der Stadt.
Der erste Knstler war der beste.
"Herr, wenn Er Kruzifixe hat,
So la Er uns doch eins zum heilgen Osterfeste."

Der Knstler war ein schalkscher Mann,
Der gern der Einfalt lachte,
Und Dumme gern noch dmmer machte,
Und fing im Scherz zu fragen an:
"Was wollt ihr denn fr eines?"

"Je nun", spricht Matz, "ein wacker feines.
Wir werden sehn, was ihr uns gebt."

"Das glaub ich wohl, allein das frag ich nicht.
Ein totes, oder eins das lebt?"

Hans guckte Matzen und Matz Hansen ins Gesicht.
Sie ffneten das Maul, allein es redte nicht.
"Nun gebt mir doch Bericht.
Habt ihr den Pater nicht gefragt?"
"Mein Blut!" spricht endlich Hans, der aus dem Traum erwachte,
"Mein Blut! er hat uns nichts gesagt.
Weit du es, Matz?"--"Ich dachte;
Wenn dus nicht weit; wie soll ichs wissen?"
"So werdet ihr den Weg noch einmal gehen mssen.
"Das wollen wir wohl bleiben lassen.
Ja, wenn es nicht zur Frone wr."

Sie denken lange hin und her,
Und wissen keinen Rat zu fassen.
Doch endlich fllt es Matzen ein:
"Je!  Hans, sollts nicht am besten sein,
Wir kauften eins das lebt?--Denn sieh,
Ists ihm nicht recht, so machts ja wenig Mh,
Wrs auch ein Ochs, es tot zu schlagen."
"Nun ja", spricht Hans, "das wollt ich eben sagen:
So haben wir nicht viel zu wagen."

Das war ein Argument, ihr Herren Theologen,
Das Hans und Matz ex tuto zogen.




Das Muster der Ehen

Ein rares Beispiel will ich singen,
Wobei die Welt erstaunen wird.
Da alle Ehen Zwietracht bringen,
Glaubt jeder, aber jeder irrt.
Ich sah das Muster aller Ehen,
Still, wie die stillste Sommernacht.
Oh! da sie keiner mge sehen,
Der mich zum frechen Lgner macht!

Und gleichwohl war die Frau kein Engel,
Und der Gemahl kein Heiliger;
Es hatte jedes seine Mngel.
Denn niemand ist von allen leer.

Doch sollte mich ein Sptter fragen,
Wie diese Wunder mglich sind?
Der lasse sich zur Antwort sagen:
Der Mann war taub, die Frau war blind.




Der Adler und die Eule

Der Adler Jupiters und Pallas Eule stritten.
"Abscheulich Nachtgespenst!"--"Bescheidner, darf ich bitten.
Der Himmel heget mich und dich;
Was bist du also mehr, als ich?"
Der Adler sprach: Wahr ists, im Himmel sind wir beide;
Doch mit dem Unterscheide:
Ich kam durch eignen Flug,
Wohin dich deine Gttin trug.




Der Eremit

Im Walde nah bei einer Stadt,
Die man mir nicht genennet hat,
Lie einst ein seltenes Gefieder,
Ein junger Eremit sich nieder.
"In einer Stadt", denkt Applikant,
"Die man ihm nicht genannt?
Was mu er wohl fr eine meinen?
Beinahe sollte mir es scheinen,
Da die,--nein die--gemeinet wr."
Kurz Applikant denkt hin und her,
Und schliet, noch eh er mich gelesen,
Es sei gewi Berlin gewesen.

"Berlin?  Ja, ja, das sieht man bald;
Denn bei Berlin ist ja ein Wald.--

Der Schlu ist stark, bei meiner Ehre:
Ich dachte nicht, da es so deutlich wre.
Der Wald pat herrlich auf Berlin,
Ohn ihn beim Haar herbeizuziehn.
Und ob das brige wird passen,
Will ich dem Leser berlassen.
Auf Griechisch wei ich, wie sie hie;
Doch wer verstehts?  Kerapolis.

Hier, nahe bei Kerapolis,
Wars, wo ein junger Eremite,
In einer kleinen leeren Htte,
Im dicksten Wald sich niederlie.
Was je ein Eremit getan,
Fing er mit grtem Eifer an.
Er betete, er sang, er schrie,
Des Tags, des Nachts, und spt und frh.
Er a kein Fleisch, er trank nicht Wein,
Lie Wurzeln seine Nahrung sein,
Und seinen Trank das helle Wasser;
Bei allem Appetit kein Prasser.
Er geielte sich bis aufs Blut,
Und wute wie das Wachen tut.
Er fastete wohl ganze Tage,
Und blieb auf einem Fue stehn;
Und machte sich rechtschaffne Plage,
In Himmel mhsam einzugehn.
Was Wunder also, da gar bald
Vom jungen Heiligen im Wald
Der Ruf bis in die Stadt erschallt?

Die erste, die aus dieser Stadt
Zu ihm die heilge Wallfahrt tat,
War ein betagtes Weib.
Auf Krcken, zitternd, kam sie an,
Und fand den wilden Gottesmann,
Der sie von weitem kommen sahe,
Dem hlzern Kreuze knieend nahe.
Je nher sie ihm kmmt, je mehr
Schlgt er die Brust, und weint, und winselt er,
Und wie es sich fr einen Heilgen schicket,
Erblickt sie nicht, ob er sie gleich erblicket.
Bis er zuletzt vom Knieen matt,
Und heiliger Verstellung satt,
Vom Fasten, Kreuzgen, Klosterleben,
Marienbildern, Opfergeben,
Von Beichte, Salbung, Seelenmessen,
Ohn das Vermchtnis zu vergessen,
Von Rosenkrnzen mit ihr redte,
Und das so oratorisch sagt,
Da sie erbrmlich weint und klagt,
Als ob er sie geprgelt htte.
Zum Schlu bricht sie von seiner Htte,
Wozu der saure Eremite
Mit Not ihr die Erlaubnis gab,
Sich einen heilgen Splitter ab,
Den sie beksset und belecket,
Und in den welken Busen stecket.
Mit diesem Schatz von Heiligkeit
Kehrt sie zurck begnadigt und erfreut,
Und lt daheim die frmmsten Frauen
Ihn kssen, andre nur beschauen.
Sie ging zugleich von Haus zu Haus,
Und rief auf allen Gassen aus:
"Der ist verloren und verflucht,
Der unsern Eremiten nicht besucht!"
Und brachte hundert Grnde bei,
Warum es sonderlich den Weibern ntzlich sei.

Ein altes Weib kann Eindruck machen;
Zum Weinen bei der Frau, und bei dem Mann zum Lachen.
Zwar ist der Satz nicht allgemein;
Auch Mnner knnen Weiber sein.
Doch diesmal waren sie es nicht.
Die Weiber schienen nur erpicht,
Den teuern Waldseraph zu sehen.
Die Mnner aber?--wehrtens nicht,
Und lieen ihre Weiber gehen.
Die Hlichen und Schnen,
Die ltesten und jngsten Frauen,
Das arme wie das reiche Weib,--
Kurz jede ging, sich zu erbauen,
Und jede fand erwnschten Zeitvertreib.

"Was?  Zeitvertreib, wo man erbauen will?
Was soll der Widerspruch bedeuten?"
Ein Widerspruch?  Das wre viel!
"Er sprach ja sonst von lauter Seligkeiten!"--
Oh! davon sprach er noch, nur mit dem Unterscheide:
Mit Alten sprach er stets von Tod und Eitelkeit,
Mit Armen von des Himmels Freude,
Mit Hlichen von Ehrbarkeit,
Nur mit den Schnen allezeit
Vom ersten jeder Christentriebe.
Was ist das?  Wer mich fragt, kann der ein Christ wohl sein?
Denn jeder Christ kmmt damit berein,
Es sei die liebe Liebe.

Der Eremit war jung; das hab ich schon gesagt.
Doch schn?  Wer nach der Schnheit fragt,
Der mag ihn hier besehn.
Genug, den Weibern war er schn.
Ein starker, frischer, junger Kerl,
Nicht dicke wie ein Fa, nicht hager wie ein Querl--
"Nun, nun, aus seiner Kost ist jenes leicht zu schlieen."
Doch sollte man auch wissen,
Da Gott dem, den er liebt,
Zu Steinen wohl Gedeihen gibt;
Und das ist doch kein fett Gerichte!
Ein brunlich mnnliches Gesichte,
Nicht allzu klein, nicht allzu gro,
Das sich im dichten Barte schlo;
Die Blicke wild, doch sonder Anmut nicht;
Die Nase lang, wie man die Kaisernasen dichtt.
Das ungebundne Haar flo straubicht um das Haupt;
Und wesentlichre Schnheitsstcke
Hat der zerrine Rock dem Blicke
Nicht ganz entdeckt, nicht ganz geraubt.
Der Waden nur noch zu gedenken:
Sie waren gro, und hart wie Stein.
Das sollen, wie man sagt, nicht schlimme Zeichen sein;
Allein den Grund wird man mir schenken.

Nun wahrlich, so ein Kerl kann Weiber lstern machen.
Ich sag es nicht fr mich; es sind geschehne Sachen.
"Geschehne Sachen?  was?
So ist man gar zur Tat gekommen?"
Mein lieber Simplex, fragt sich das?
Weswegen htt er denn die Predigt unternommen?
Die se Lehre ser Triebe?
Die Liebe heischet Gegenliebe,
Und wer ihr Priester ist, verdienet keinen Ha.

O Andacht, mut du doch so manche Snde decken!
Zwar die Moral ist hier zu scharf,
Weil mancher Mensch sich nicht bespiegeln darf,
Aus Furcht, er mchte vor sich selbst erschrecken.
Drum will ich nur mit meinen Lehren
Ganz still nach Hause wieder kehren.
Kmmt mir einmal der Einfall ein,
Und ein Verleger will fr mich so gndig sein,
Mich in gro Quart in Druck zu nehmen;
So knnt ich mich vielleicht bequemen,
Mit hundert englischen Moralen,
Die ich im Laden sah, zu prahlen,
Exempelschtze, Sittenrichter,
Die alten und die neuen Dichter
Mit witzgen Fingern nachzuschlagen,
Und was die sagen, und nicht sagen,
In einer Note abzuschreiben.
Bringt, sag ich noch einmal, man mich gedruckt an Tag;
Denn in der Handschrift la ichs bleiben,
Weil ich mich nicht belgen mag.

Ich fahr in der Erzhlung fort--
Doch mcht ich in der Tat gestehn,
Ich htte manchmal mgen sehn,
Was die und die, die an den Wallfahrtsort
Mit heiligen Gedanken kam,
Fr fremde Mienen an sich nahm,
Wenn der verwegne Eremit,
Fein listig, Schritt vor Schritt,
Vom Geist aufs Fleisch zu reden kam.
Ich zweifle nicht, da die verletzte Scham
Den Zorn nicht ins Gesicht getrieben,
Da Mund und Hand nicht in Bewegung kam,
Weil beide die Bewegung lieben;
Allein, da die Vershnung ausgeblieben,
Glaub ich, und wer die Weiber kennt,
Nicht eher, als kein Stroh mehr brennt.
Denn wird doch wohl ein Lwe zahm.
Und eine Frau ist ohnedem ein Lamm.
"Ein Lamm?  du magst die Weiber kennen."
Je nun, man kann sie doch insoweit Lmmer nennen,
Als sie von selbst ins Feuer rennen.

"Fhrst du in der Erzhlung fort?
Und bleibst mit deinem Kritisieren
Doch ewig an demselben Ort?"
So kann das Ntzliche den Dichter auch verfhren.
Nun gut, ich fahre fort,
Und sag, um wirklich fortzufahren,
Da nach fnf Vierteljahren
Die Schelmereien ruchbar waren.
"Erst nach fnf Vierteljahren?  Nu;
Der Eremit hat wacker ausgehalten.
So viel trau ich mir doch nicht zu;
Ich mchte nicht sein Amt ein Vierteljahr verwalten.
Allein, wie ward es ewig kund?
Hat es ein schlauer Mann erfahren?
Verriet es einer Frau waschhafter Mund?
Wie?  oder da den Hochverrat
Ein alt neugierig Weib, aus Neid, begangen hat?"
O nein; hier mu man besser raten,
Zwei muntre Mdchen hatten schuld,
Die voller frommen Ungeduld
Das taten, was die Mtter taten;
Und dennoch wollten sich die Mtter nicht bequemen,
Die guten Kinder mitzunehmen.
"Sie merkten also wohl den Braten?"--
Und haben ihn gar dem Papa verraten.
"Die Tchter sagtens dem Papa?
Wo blieb die Liebe zur Mama?"
Oh! die kann nichts darunter leiden;
Denn wenn ein Mdchen auch die Mutter liebt,
Da es der Mutter in der Not
Den letzten Bissen Brot
Aus seinem Munde gibt;
So kann das Mdchen doch die Mutter hier beneiden,
Hier, wo so Lieb als Klugheit spricht:
Ihr Schnen, trotz der Kinderpflicht,
Verget euch selber nicht!
Kurz, durch die Mdchen kams ans Licht,
Da er, der Eremit, beinah die ganze Stadt
Zu Schwgern oder Kindern hat.

Oh! der verfluchte Schelm!  Wer htte das gedacht!
Die ganze Stadt ward aufgebracht,
Und jeder Ehmann schwur, da in der ersten Nacht,
Er und sein Mitgeno der Hain,
Des Feuers Beute msse sein.
Schon rotteten sich ganze Scharen,
Die zu der Rache fertig waren.
Doch ein hochweiser Magistrat
Besetzt das Tor, und sperrt die Stadt,
Der Eigenrache vorzukommen,
Und schicket alsobald
Die Schergen in den Wald,
Die ihn vom Kreuze weg, und in Verhaft genommen.
Man redte schon von Galgen und von Rad,
So sehr schien sein Verbrechen hlich;
Und keine Strafe war so grlich,
Die, wie man sagt, er nicht verdienet hat.
Und nur ein Hagestolz, ein schlauer Advokat,
Sprach: "Oh! dem kmmt man nicht ans Leben,
Der es Unzhligen zu geben,
So rhmlich sich beflissen hat."

Der Eremite, der die Nacht
Im Kerker ungewi und sorgend durchgemacht,
Ward morgen ins Verhr gebracht.
Der Richter war ein schalkscher Mann,
Der jeden mit Vergngen schraubte,
Und doch--(wie man sich irren kann!)
Von seiner Frau das beste glaubte.
"Sie ist ein Ausbund aller Frommen,
Und nur einmal in Wald gekommen,
Den Pater Eremit zu sehn.
Einmal!  Was kann da viel geschehn?"
So denkt der gtige Herr Richter.
Denk immer so, zu deiner Ruh,
Lacht gleich die Wahrheit und der Dichter,
Und deine fromme Frau dazu.

Nun tritt der Eremit vor ihn.
"Mein Freund, wollt Ihr von selbst die nennen,
Die--die Ihr kennt, und die Euch kennen:
So knnt Ihr der Tortur entfliehn.
Doch"--"Darum la ich mich nicht plagen.
Ich will sie alle sagen.
Herr Richter, schreib Er nur!"  Und wie?
Der Eremit entdecket sie?
Ein Eremite kann nicht schweigen?
Sonst ist das Plaudern nur den Stutzern eigen.
Der Richter schrieb.  "Die erste war
Kamilla"--"Wer?  Kamilla?"  "Ja frwahr!
Die andern sind: Sophia, Laura, Doris,
Angelika, Korinna, Chloris"--
"Der Henker mag sie alle fassen,
Gemach! und eine nach der andern fein!
Denn eine nur vorbei zu lassen"--
"Wird wohl kein groer Schade sein",
Fiel jeder Ratsherr ihm ins Wort.
"Hrt", schrieen sie, "erzhlt nur fort!"
Weil jeder Ratsherr in Gefahr,
Sein eigen Weib zu hren war.
"Ihr Herren", schrie der Richter, "nein!
Die Wahrheit mu am Tage sein;
Was knnen wir sonst fr ein Urteil fassen?"
"Ihn", schrieen alle, "gehn zu lassen."
"Nein, die Gerechtigkeit"--und kurz der Delinquent
Hat jede noch einmal genennt,
Und jeder hing der Richter dann
Ein loses Wort fr ihren Hahnrei an.
Das Hundert war schon mehr als voll;
Der Eremit, der mehr gestehen soll,
Stockt, weigert sich, scheut sich zu sprechen--
"Nu, nu, nur fort!  was zwingt Euch wohl,
So unvermutet abzubrechen?"
"Das sind sie alle!"  "Seid Ihr toll?
Ein Held wie Ihr!  Gestehet nur, gesteht!
Die letzten waren, wie Ihr seht:
Klara, Pulcheria, Susanne,
Charlotte, Mariane, Hanne.
Denkt nach! ich la Euch Zeit dazu!"
"Das sind sie wirklich alle!"  "Nu--
Macht, eh wir schrfer in Euch dringen!"
"Nein keine mehr; ich wei genau_--
"Ha! ha! ich seh, man soll Euch zwingen"--
"Nun gut, Herr Richter,--Seine Frau"--

*
Da man von der Erzhlung nicht
Als einem Weibermrchen spricht,
So mach ich sie zum Lehrgedicht,
Durch beigefgten Unterricht:
Wer seines Nchsten Schande sucht,
Wird selber seine Schande finden!
Nicht wahr, so liest man mich mit Frucht?
Und ich erzhle sonder Snden?




Der Hirsch und der Fuchs

"Hirsch, wahrlich, das begreif ich nicht",
Hrt ich den Fuchs zum Hirsche sagen,
"Wie dir der Mut so sehr gebricht?
Der kleinste Windhund kann dich jagen.
Besieh dich doch, wie gro du bist!
Und sollt es dir an Strke fehlen?
Den grten Hund, so stark er ist,
Kann dein Geweih mit einem Sto entseelen.
Uns Fchsen mu man wohl die Schwachheit bersehn;
Wir sind zu schwach zum widerstehn.
Doch da ein Hirsch nicht weichen mu,
Ist sonnenklar.  Hr meinen Schlu.
Ist jemand strker, als sein Feind,
Der braucht sich nicht vor ihm zurckzuziehen;
Du bist den Hunden nun weit berlegen, Freund:
Und folglich darfst du niemals fliehen."
"Gewi, ich hab es nie so reiflich berlegt.
Von nun an", sprach der Hirsch, "sieht man mich unbewegt,
Wenn Hund' und Jger auf mich fallen;
Nun widersteh ich allen."

Zum Unglck, da Dianens Schar
So nah mit ihren Hunden war.
Sie bellen, und sobald der Wald
Von ihrem Bellen widerschallt,
Fliehn schnell der schwache Fuchs und starke Hirsch davon.

*
Natur tut allzeit mehr, als Demonstration.




Der Lwe und die Mcke

Ein junger Held vom muntern Heere,
Das nur der Sonnenschein belebt,
Und das mit saugendem Gewehre
Nach Ruhm gestochner Beulen strebt,
Doch die man noch zum groen Glcke
Durch zwei Paar Strmpfe hindern kann,
Der junge Held war eine Mcke.
Hrt meines Helden Taten an!
Auf ihren Kreuz- und Ritterzgen
Fand sie, entfernt von ihrer Schar,
Im Schlummer einen Lwen liegen,
Der von der Jagd entkrftet war.
Seht, Schwestern, dort den Lwen schlafen,
Schrie sie die Schwestern gaukelnd an.
Jetzt will ich hin, und will ihn strafen.
Er soll mir bluten, der Tyrann!

Sie eilt, und mit verwegnem Sprunge
Setzt sie sich auf des Knigs Schwanz.
Sie sticht, und flieht mit schnellem Schwunge,
Stolz auf den sauern Lorbeerkranz.
Der Lwe will sich nicht bewegen?
Wie?  ist er tot?  Das hei ich Wut!
Zu mrdrisch war der Mcke Degen:
Doch sagt, ob er nicht Wunder tut?

"Ich bin es, die den Wald befreiet,
Wo seine Mordsucht sonst getobt.
Seht, Schwestern, den der Tiger scheuet,
Der stirbt!  Mein Stachel sei gelobt!"
Die Schwestern jauchzen, voll Vergngen,
Um ihre laute Siegerin.
Wie?  Lwen, Lwen zu besiegen!
Wie, Schwester, kam dir das in Sinn?

"Ja, Schwestern, wagen mu man!  wagen!
Ich htt es selber nicht gedacht.
Auf! lasset uns mehr Feinde schlagen.
Der Anfang ist zu schn gemacht."
Doch unter diesen Siegesliedern,
Da jede von Triumphen sprach,
Erwacht der matte Lwe wieder,
Und eilt erquickt dem Raube nach.




Der Sperling und die Feldmaus

Zur Feldmaus sprach ein Spatz: Sieh dort den Adler sitzen!
Sieh, weil du ihn noch siehst! er wiegt den Krper schon;
Bereit zum khnen Flug, bekannt mit Sonn und Blitzen,
Zielt er nach Jovis Thron.
Doch wette,--seh ich schon nicht adlermig aus--
Ich flieg ihm gleich.--Fleug, Prahler, rief die Maus.
Indes flog jener auf, khn auf geprfte Schwingen;
Und dieser wagts, ihm nachzudringen.
Doch kaum, da ihr ungleicher Flug
Sie beide bis zur Hh gemeiner Bume trug,
Als beide sich dem Blick der blden Maus entzogen,
Und beide, wie sie schlo, gleich unermelich flogen.

*
Ein unbiegsamer F* will khn wie Milton singen.
Nach dem er Richter whlt, nach dem wirds ihm gelingen.




Der Tanzbr

Ein Tanzbr war der Kett entrissen,
Kam wieder in den Wald zurck,
Und tanzte seiner Schar ein Meisterstck
Auf den gewohnten Hinterfen.
"Seht", schrie er, "das ist Kunst; das lernt man in der Welt.
Tut mir es nach, wenns euch gefllt,
Und wenn ihr knnt!"  "Geh", brummt ein alter Br,
"Dergleichen Kunst, sie sei so schwer,
Sie sei so rar sie sei!
Zeigt deinen niedern Geist und deine Sklaverei."

*
Ein groer Hofmann sein,
Ein Mann, dem Schmeichelei und List
Statt Witz und Tugend ist;
Der durch Kabalen steigt, des Frsten Gunst erstiehlt,
Mit Wort und Schwur als Komplimenten spielt,
Ein solcher Mann, ein groer Hofmann sein,
Schliet das Lob oder Tadel ein?




Der ber uns

Hans Steffen stieg bei Dmmerung (und kaum
Konnt er vor Nschigkeit die Dmmerung erwarten)
In seines Edelmannes Garten
Und plnderte den besten pfelbaum.
Johann und Hanne konnten kaum
Vor Liebesglut die Dmmerung erwarten,
Und schlichen sich in eben diesen Garten,
Von ungefhr an eben diesen pfelbaum.

Hans Steffen, der im Winkel oben sa
Und fleiig brach und a,
Ward muschenstill, vor Wartung bser Dinge,
Da seine Nscherei ihm diesmal schlecht gelinge.
Doch bald vernahm er unten Dinge,
Worber er der Furcht verga
Und immer sachte weiter a.

Johann warf Hannen in das Gras.
"O pfui," rief Hanne; "welcher Spa!
Nicht doch, Johann!--Ei was?
Oh, schme dich!--Ein andermal--o la--
Oh, schme dich!--Hier ist es na."--
"Na, oder nicht; was schadet das?
Es ist ja reines Gras."--

Wie dies Gesprche weiter lief,
Das wei ich nicht.  Wer brauchts zu wissen?
Sie stunden wieder auf und Hanne seufzte tief:
"So, schner Herr! heit das blo kssen?
Das Mnnerherz!  Kein einzger hat Gewissen!
Sie knnten es uns so versen!
Wie grausam aber mssen
Wir armen Mdchen fters dafr ben!
Wenn nun auch mir ein Unglck widerfhrt--
Ein Kind--ich zittre--wer ernhrt
Mir dann das Kind?  Kannst du es mir ernhren?"
"Ich?" sprach Johann; "die Zeit mags lehren.
Doch wirds auch nicht von mir ernhrt,
Der ber uns wirds schon ernhren,
Dem ber uns vertrau!"

Dem ber uns!  Dies hrte Steffen.
Was, dacht er, will das Pack mich ffen?
Der ber ihnen?  Ei, wie schlau!
"Nein!" schrie er: "lat euch andre Hoffnung laben!
Der ber euch ist nicht so toll!
Wenn ich ein Bankbein nhren soll:
So will ich es auch selbst gedrechselt haben!"

Wer hier erschrak und aus dem Garten rann,
Das waren Hanne und Johann.
Doch gaben bei dem Edelmann
Sie auch den pfeldieb wohl an?
Ich glaube nicht, da sies getan.




Der Wunsch zu sterben
Eine Erzhlung.


Ein durch die Jagd ergrimmter Br
Latscht hinter einen Wandrer her.
Aus Rache will er ihn zerreien.
(Das mag dem Wandrer wohl ein unverdientes Unglck heien.)
Aus Rache, dummes Tier?  wird mancher Leser sprechen,
Kannst du dich nicht an deinen Jgern rchen?
O schimpft mir nicht das gute Vieh:
Es folgt den Trieben nur; Vernunft regiert es nie.
Es hat ja unter uns--was sagt ich?  nein--bei Hunden
Gewi nicht wenige von gleicher Art gefunden.
Geschwinde!  Wanderer, geschwind und rette dich.
Er luft, der Br luft nach.  Er schreit, will sich verstecken,
Der Br nicht faul, sucht ihn, bricht brummend durch die Hecken,
Und jagt ihn wieder vor.  Der ndert oft den Lauf;
Bald rechts, bald vor, bald links.  Doch alle diese Rnke
Sind hier umsonst.  Warum?  Der Br hat auch Gelenke.
Gewi so eine Jagd wr mir nicht lcherlich!
Jedoch zu was wird sich der Wandrer nun entschlieen?
Er springt den nchsten Baum hinauf.
Oh! das wird niemand wohl das beste Mittel nennen.
Er mute doch in aller Angst nicht wissen,
Da Bre gleichfalls klettern knnen.
Das tolle Tier erblickt es kaum,
So stutzt es, brummt und kratzt den Baum,
Es bumt den schweren Leib, es setzt die Vordertatzen
An Rind und sten ein, so schnell, als scheue Katzen.
So langsam Gegenteils hebt es des Krpers Wucht;
Doch kmmt es schon so hoch, da der den Gipfel sucht.
Was gibt uns oft die Angst nicht ein?
Der Wandrer sucht des Feindes los zu sein.
Er stt, und stt den Fu mit voller Leibesstrke
Dem Bre vor den Kopf.  Doch groe Wunderwerke
Tat dieses Stchen nicht.  Wie kann es anders sein?
Wer Bre tten will, braucht der den Fu allein?
Er taumelt nur, anstatt zu fallen,
Und fasset schnell mit seinen Krallen
Des Wandrers Fu, der nach ihm stie.
Er hlt ihn, wie ein Br.  Durch Zerren und durch Beien
Sucht er den Raub herabzureien.
Jedoch je mehr er ri, je mehr hlt jener sich
An sten fest und ritterlich.
Wenn Witz und Tapferkeit uns nicht erretten kann,
Beut oft das blinde Glck uns seine Rettung an.
Der wtend plumpe Br
Ist fr den dnnen Ast zu schwer;
Der bricht, und er fllt schtternd schnell zu Boden.
Der Fall bringt ihn fast um den Oden,
Und keuchend schleicht er zornig fort.
Von Schrecken, Furcht und Schmerzen eingenommen,
Sieht kaum der Wanderer, da er der Not entkommen.
Nun lobt er wohl, durch jedes Wort,
Mit zrtlich dankbarem Gemte
Des Himmels unverhoffte Gte?
O weit gefehlet! nein! mit zitternd schwacher Sprache
Flucht, lstert, schreiet er selbst wider GOtt um Rache.
Er kriecht vom Baum herab und lt sich murrend nieder.
Sein nasses Auge sieht das Blut der wunden Glieder.
Der Schmerz verfhret ihn, da er den Tod begehrt,
Den Tod, vor dem er sich mit Fliehn und Schrein gewehrt.
Bald flucht er auf den Br, der ihn nicht ganz zerrissen;
Bald flucht er auf sich selbst, da er sich retten mssen.
"O nh're dich, erwnschter Tod!
Benimm mir Leben Schmerz und Not!
Entfhr mir dieser Wunsch doch mit dem letzten Hauche!"
St! St! was raschelt dort, dort hinter jenem Strauche?
Beglckter Wanderer! dein Wunsch ist schon erhrt.
Es kmmt ein neuer Br, der dich im Klagen strt.
Ein Br?  Erschrick nur nicht!  Ein Br.
Ohn Zweifel schickt der Tod ihn her.
Der Tod?  Ja! ja, der Tod den du gewnschet hast,
Gewnschet und erfleht.  "Das ist ein schlimmer Gast.
Der Henker!  wei er denn gar nichts von Komplimenten?
Wenn meine Beine doch mich nur erretten knnten!"
Mit Mhe sucht er aufzustehn;
Doch kann er nicht vom Flecke gehn.
Hier kam ihm schnell ein ander Mittel ein,
Das ihm vorher nicht eingekommen.
Er hatt es einst (zehn Jahre mocht es sein)
Von einem Reisenden vernommen;
Und hatt es nie, nur in der Not, vergessen,
Da Bre selten Tote fressen.
Sein Einfall wirft ihn hurtig nieder;
Die schon vor Schrecken kalten Glieder
Streckt er starr von sich weg, so sehr er immer kann,
Und hlt den Oden mhsam an.
Der Br beschnopert ihn, findt keines Lebens Spur,
Mag sich an Toten nicht begngen,
Kehrt sittsam um, und brummet nur,
Und lt den Schalk in Ruhe liegen.
Was ist bei dir ein Wunsch?  Mein Freund, la michs verstehen.
Du wnschst den Tod: er kmmt; du suchst ihm zu entgehen.
Steh auf! der Br ist fort.  Was fluchst du ihm noch nach?
Zum Danke, da er dir nicht Hals und Beine brach?
Was soll die Lsterung?  Verringert sie die Schmerzen?
Noch wnschest du den Tod?  Das geht dir wohl von Herzen?
Nur schade, da er dich vorhin so spotten sah:
Sonst wr er wahrlich lngst auf dein Ersuchen da.
Der schwle Tag vergeht; der Abend bricht herein.
O knnt er, in geborstnen Feldern,
Wie durch die Hitze matten Wldern,
Mein Wandrer, ebenfalls dir zur Erquickung sein!
Man sieht die Luft, sich abzukhlen,
Mit stummen Blitzen hufig spielen.
"Oh!" schreit der Wanderer, "zg sich ein Wetter auf!
O hemmten Blitz und Schlag mir Pein und Lebenslauf!"
Schnell zeigt der Donnergott dem Wunsche sich gewogen.
Des ganzen Himmels weite Ferne
Verdeckt viel Dunst; die hellsten Sterne
Sind schwarz mit Wolken berzogen,
Schnell fhrt der Blitz heraus, kracht hier und dort ein Schlag.
Auf, Wandrer, freue dich! das ist dein Sterbetag!
Nun wird der Tod auf Donnerkeilen
Zu dir verlanem Armen eilen.
Was scherzst du noch voll Furcht?--Ihr Freunde, gebt doch acht;
Doch bitt ich, zwnget euch, da ihr nicht drber lacht...
"Ja! das ist Pein--o strb ich doch!--
Komm Tod! komm doch--du zauderst noch?
Jedoch hier mag ich wohl nicht allzusicher liegen?
Ich habe ja einmal gehrt,
Wie die Erfahrung oft gelehrt,
Da Donner gern in Eichen schlgen.
O machte mir ein Lorbeerbaum
Doch unter seinen sten Raum.
O weh! wie schmerzt das Bein!  Erbarm dich doch o Tod!
Jedoch dort schlug es ein--Nun ists die hchste Not,
Soll mich das Wetter nicht verletzen,
Mich schnell in Sicherheit zu setzen!"
Geh! dummer Wandrer, geh! such einen sichern Ort;
Und wnsche bald den Tod; bald wnsch ihn wieder fort.
Mich soll dein Wankelmut der Menschen Zagheit lehren,
Mu ich sie so, wie dich, verwegen wnschen hren.
Glaubt, Freunde, glaubet mir! der ist ein weiser Mann,
Der zwar das Leben liebt, doch mutig sterben kann!

L. a. C.




Die Bre

Den Bren glckt' es, nun schon seit geraumer Zeit,
Mit Brummen, plumpem Ernst und stolzer Frmmigkeit,
Das Sittenrichteramt, bei allen schwchern Tieren,
Aus angemater Macht, gleich Wtrichen, zu fhren.
Ein jedes furchte sich, und keines war so khn,
Sich um die saure Pflicht nebst ihnen zu bemhn;
Bis endlich noch im Fuchs der Patriot erwachte,
Und hier und da ein Fuchs auf Sittensprche dachte.
Nun sah man beide stets auf gleiche Zwecke sehn;
Und beide sah man doch verschiedne Wege gehn.
Die Bre wollen nur durch Strenge heilig machen;
Die Fchse strafen auch, doch strafen sie mit Lachen.
Dort brauchet man nur Fluch; hier brauchet man nur Scherz;
Dort bessert man den Schein; hier bessert man das Herz.
Dort sieht man Dsternheit; hier sieht man Licht und Leben;
Dort nach der Heuchelei; hier nach der Tugend streben.
Du, der du weiter denkst, fragst du mich nicht geschwind:
Ob beide Teile wohl auch gute Freunde sind?
O wren sies!  Welch Glck fr Tugend, Witz und Sitten!
Doch nein, der arme Fuchs wird von dem Br bestritten,
Und, trotz des guten Zwecks, von ihm in Bann getan.
Warum?  der Fuchs greift selbst die Bre tadelnd an.

*
Ich kann mich diesmal nicht bei der Moral verweilen;
Die fnfte Stunde schlgt; ich mu zum Schauplatz eilen.
Freund, leg die Predigt weg!  Willst du nicht mit mir gehn?
Was spielt man?  Den Tartff.  Dies Schandstck sollt ich sehn?




Die Brille

Dem alten Freiherrn von Chrysant,
Wagts Amor, einen Streich zu spielen.
Fr einen Hagestolz bekannt,
Fing, um die Sechzig, er sich wieder an zu fhlen.
Es flatterte, von Alt und Jung begafft,
Mit Reizen ganz besondrer Kraft,
Ein Brgermdchen in der Nachbarschaft.
Dies Brgermdchen hie Finette.
Finette ward des Freiherrn Siegerin.
Ihr Bild stand mit ihm auf, und ging mit ihm zu Bette.
Da dacht in seinem Sinn
Der Freiherr: "Und warum denn nur ihr Bild?
Ihr Bild, das zwar den Kopf, doch nicht die Arme fllt?
Sie selbst steh mit mir auf, und geh mit mir zu Bette.
Sie werde meine Frau!  Es schelte, wer da schilt;
Gendge Tant und Nicht und Schwgerin!
Finett ist meine Frau, und--ihre Dienerin."

Schon so gewi?  Man wird es hren.
Der Freiherr kmmt, sich zu erklren,
Er greift das Mdchen bei der Hand,
Tut, wie ein Freiherr, ganz bekannt,
Und spricht: "Ich, Freiherr von Chrysant,
Ich habe Sie, mein Kind, zu meiner Frau ersehen.
Sie wird sich hoffentlich nicht selbst im Lichte stehen.
Ich habe Guts die Hll und Flle."
Und hierauf las er ihr, durch eine groe Brille,
Von einem groen Zettel ab,
Wie viel ihm Gott an Gtern gab;
Wie reich er sie beschenken wolle;
Welch groen Witwenschatz sie einmal haben solle.
Dies alles las der reiche Mann
Ihr von dem Zettel ab, und guckte durch die Brille
Bei jedem Punkte sie begierig an.

"Nun, Kind, was ist Ihr Wille?"
Mit diesen Worten schwieg der Freiherr stille,
Und nahm mit diesen Worten seine Brille
(Denn, dacht er, wird das Mdchen nun
So wie ein kluges Mdchen tun;
Wird mich und sie ihr schnelles Ja beglcken;
Werd ich den ersten Ku auf ihre Lippen drcken:
So knnt ich, im Entzcken,
Die teure Brille leicht zerknicken!)
Die teure Brille wohlbedchtig ab.

Finette, der dies Zeit sich zu bedenken gab,
Bedachte sich, und sprach nach reiflichem Bedenken:
"Sie sprechen, gndger Herr, vom Freien und vom Schenken:
Ach! gndger Herr, das alles wr sehr schn!
Ich wrd in Samt und Seide gehn--
Was gehn?  Ich wrde nicht mehr gehn;
Ich wrde stolz mit Sechsen fahren.
Mir wrden ganze Scharen
Von Dienern zu Gebote stehn.
Ach! wie gesagt, das alles wr sehr schn,
Wenn ich--wenn ich--"

"Ein Wenn?  Ich will doch sehn",
(Hier sahe man den alten Herrn sich blhn,)
"Was fr ein Wenn mir kann im Wege stehn!"

"Wenn ich nur nicht verschworen htte--"
"Verschworen?  was?  Finette,
Verschworen nicht zu frein?--
O Grille", rief der Freiherr, "Grille!"
Und griff nach seiner Brille,
Und nahm das Mdchen durch die Brille
Nochmals in Augenschein,
Und rief bestndig: "Grille!  Grille!
Verschworen nicht zu frein!"

"Behte!" sprach Finette,
"Verschworen nur mir keinen Mann zu frein,
Der so, wie Ihre Gnaden pflegt,
Die Augen in der Tasche trgt!"




Die eheliche Liebe

Klorinde starb; sechs Wochen drauf
Gab auch ihr Mann das Leben auf,
Und seine Seele nahm aus diesem Weltgetmmel
Den pfeilgeraden Weg zum Himmel.
"Herr Petrus", rief er, "aufgemacht!"
"Wer da?"--"Ein wackrer Christ."--
"Was fr ein wackrer Christ?"--
"Der manche Nacht,
Seitdem die Schwindsucht ihn aufs Krankenbette brachte,
In Furcht, Gebet und Zittern wachte.
Macht bald!"--Das Tor wird aufgetan.
"Ha! ha!  Klorindens Mann!
Mein Freund", spricht Petrus, "nur herein;
Noch wird bei Eurer Frau ein Pltzchen ledig sein."
"Was?  meine Frau im Himmel?  wie?
Klorinden habt Ihr eingenommen?
Lebt wohl! habt Dank fr Eure Mh!
Ich will schon sonst wo unterkommen."




Die kranke Pulcheria
Freie bersetzung einer Erzhlung aus dem Fontaine


Pulcheria ward krank...  "Vielleicht die Lust zu ben,
Die..." Pfui, wer wird nun gleich so voller Argwohn sein?
Schweigt, Neider! hrt mir zu!  ich lenke wieder ein.
Pulcheria ward krank.  Unruhig im Gewissen,
Lie ihr der Schmerz manchmal, die Schwermut niemals Ruh.
"Wie?  Was?  Pulcheria wr melancholisch worden?
Sprich, Lgner, lieber gar, sie trat in Nonnenorden."
Schon wieder strt ihr mich?  Schweigt doch, und hrt mir zu!
Als sie einst ihre Not zu lauten Seufzern trieb,
Sprach Lady, ihre Magd: "Lat doch den Priester holen;
Legt dem die Beichte ab, so seid Ihr GOtt empfohlen;
Und beichten msset Ihr, ist Euch der Himmel lieb."
"Ja dieser Rat ist gut", spricht unsre kranke Schne.
"Lauf, oder schicke gleich zum Pater Andres hin;
Andres--merks wohl--weil ich auch sonst sein Beichtkind bin,
So oft ich mich mit dir, o lieber GOtt! vershne."
Gleich luft ein Diener hin, klopft an das Kloster an,
Und so, als wenn das Tor davon zerspringen solle.
"Nu, Nu!  Gemach!  Gemach!" Man fragt, zu wem er wolle?
"Je, macht nur erstlich auf." Das Tor wird aufgetan.
"Der Pater Andres wird zu meiner Frau begehret,
Die gerne beichten will, weil sie bald sterben kann."
"Wer?" fragt ein Bruder ihn; "Andres?  der gute Mann!
Zehn Jahr ists schon, da der im Himmel Beichte hret."

L.




Die Nu und die Katze
Eine Fabel.


"Gewi, Herr Wirt, dies Obst ist nicht fr meinen Magen.
Denn wenn ich mir, es frei zu sagen,
Ja eine Baumfrucht loben mu,
So lob ich mir die welsche Nu.
Die schmeckt doch noch!--Bei meiner Treu!
Der zartste Apfel kmmt der Nu, der Nu nicht bei."
Ein Ktzchen, das der Wirtin Liebe
Nie mit Gewalt zum Mausen triebe,
Und itzt in ihrem Schoe sa,
War schlau, vernahm und merkte das.
"Was?" dacht es, "eine Nu soll so vortrefflich schmecken?
Halt! diese Wahrheit soll mein Maul gleich selbst entdecken."
Es sprang vom Schoe weg, und lief dem Garten zu.
Nu, Katze, nu, wie dumm bist du!
Der schnen Chloris Scho um eine Nu zu lassen?
Wrst du ein junger Herr, wie wrde sie dich hassen!
Nein, Schnen, rumet mir nur diesen Ort erst ein;
So wahr er mich ergetzt, ich will kein Ktzchen sein.
Doch dieses sag ich nur so im Vorbergehen.
Horcht! ich erzhle fort.  Beim Garten blieb ich stehen?
Nicht?  Ja.  Wohl gut.  Hier fand der Katze Lsternheit
Beim nchsten Nubaum nun, worauf sie sich gefreut.
Wollt ihr etwan ein Bild zu meiner Fabel malen:
So malt die Nsse ja noch in den grnen Schalen,
Die unsre Katze fand.  Darauf kmmt alles an.
Denn als sie kaum darein den ersten Bi getan,
So schnaubt und sprudelt sie, als wenn sie Glas gefressen.
"Dich", spricht sie, "lobt der Mensch: so mag er dich auch essen.
Oh! pfui, was mu er nicht fr eine Zunge haben!
An solcher Sure sich zu laben!"

*
O schweig nur dummes Tier!
Du schmhst zur Ungebhr,
Du httest auf den Kern nur erstlich kommen sollen,
Denn den, die Schale nicht, hat Lydas loben wollen!

L.




Die Sonne

Der Stern, durch den es bei uns tagt--
"Ach!  Dichter, lern, wie unsereiner sprechen!
Mu man, wenn du erzhlst,
Und uns mit albern Fabeln qulst,
Sich denkend noch den Kopf zerbrechen?"
Nun gut! die Sonne ward gefragt:
Ob sie es nicht verdrsse,
Da ihre unermene Gre
Die durch den Schein betrogne Welt
Im Durchschnitt grer kaum, als eine Spanne, hlt?
"Mich", spricht sie, "sollte dieses krnken?
Wer ist die Welt?  wer sind sie, die so denken?
Ein blind Gewrm!  Genug, wenn jene Geister nur,
Die auf der Wahrheit dunkeln Spur,
Das Wesen von dem Scheine trennen,
Wenn diese mich nur besser kennen!"

*
Ihr Dichter, welche Feur und Geist
Des Pbels bldem Blick entreit,
Lernt, will euch migeschtzt des Lesers Kaltsinn krnken,
Zufrieden mit euch selbst, stolz wie die Sonne denken!




Die Teilung

An seiner Braut, Frulein Christinchens, Seite
Sa Junker Bogislav Dietrich Karl Ferdinand
Von--sein Geschlecht bleibt ungenannt--
Und tat, wie alle seine Landesleute,
Die Pommern, ganz abscheulich witzig und galant.
Was schwatzte nicht fr zuckerse Schmeicheleien
Der Junker seinem Frulein vor!
Was raunte nicht fr khne Schelmereien
Er ihr vertraut ins Ohr?
Mund, Aug und Nas und Brust und Hnde,
Ein jedes Glied macht ihn entzckt,
Bis er, entzckt auch ber Hft und Lende,
Den plumpen Arm um Hft und Lende drckt,
Das Frulein war geschnrt (vielleicht zum ersten Male)
"Ha!" schrie der Junker; "wie geschlank!
Ha, welch ein Leib! verdammt, da ich nicht male!
Als km er von der Drechselbank!
So dnn!--Was braucht es viel zu sprechen?
Ich wette gleich--was wetten wir?  wie viel?
Ich will ihn voneinander brechen!
Mit den zwei Fingern will ich ihn zerbrechen,
Wie einen Pfeifenstiel!"

"Wie?" rief das Frulein; "wie?  zerbrechen?
Zerbrechen" (rief sie nochmals) "mich?
Sie knnten sich an meinem Latze stechen.
Ich bitte, Sie verschonen sich."

"Beim Element! so will ichs wagen,"
Schrie Junker Bogislav, "wohlan!"
Und hatte schon die Hnde kreuzweis angeschlagen,
Und packte schon heroisch an;
Als schnell ein: "Bruder!  Bruder, halt!"
Vom Ofen her aus einem Winkel schallt.

In diesem Winkel sa, vergessen, nicht verloren,
Des Brutgams jngster Bruder, Fritz.
Fritz sa mit offnen Aug und Ohren,
Ein Kind voll Mutterwitz.

"Halt!" schrie er, "Bruder!  Auf ein Wort!"
Und zog den Bruder mit sich fort.
"Zerbrichst du sie, die schne Docke,
So nimm die Oberhlfte dir!
Die Hlfte mit dem Unterrocke,
Die, lieber Bruder, schenke mir!"




Faustin


Faustin, der ganze funfzehn Jahr
Entfernt von Haus und Hof und Weib und Kindern war,
Ward, von dem Wucher reich gemacht,
Auf seinem Schiffe heimgebracht.
"Gott", seufzt der redliche Faustin,
Als ihm die Vaterstadt in dunkler Fern erschien,
"Gott, strafe mich nicht meiner Snden,
Und gib mir nicht verdienten Lohn!
La, weil du gndig bist, mich Tochter, Weib und Sohn
Gesund und frhlich wieder finden."
So seufzt Faustin, und Gott erhrt den Snder.
Er kam, und fand sein Haus in berflu und Ruh.
Er fand sein Weib und seine beiden Kinder,
Und--Segen Gottes!--zwei dazu.




Morydan


Das Schiff, wo Morydan mit Weib und Kindern war
Kam pltzlich in Gefahr.
"Ach Gtter, lasset euch bewegen!
Befehlt", schrie Morydan, "da See und Sturm sich legen.
Nur diesmal lasset mich der nassen Gruft entfliehn;
Nie, nie, gelob ich euch, mehr bers Meer zu ziehn!
Neptun, erhre mich!
Sechs schwarze Rinder schenk ich dir
Zum Opfer dankbar froh dafr!"
"Sechs schwarze Rinder?" rief Mondar,
Sein Nachbar der zugegen war.
"Sechs schwarze Rinder?  Bist du toll?
Mir ist es ja, mir ist es schon bekannt,
Da solchen Reichtum dir das Glck nicht zugewandt,
Und glaubst doch, da es Gott Neptun nicht wissen soll?"

*
Wie oft, o Sterblicher, wie ofte trauest du
Der Gottheit weniger als deinem Nachbar zu!




Nix Bodenstrom


Nix Bodenstrom, ein Schiffer, nahm--
War es in Hamburg oder Amsterdam,
Daran ist wenig oder nichts gelegen--
Ein junges Weib.
"Das ist auch sehr verwegen,
Freund!" sprach ein Kaufherr, den zum Hochzeitschmause
Der Schiffer bat.  "Du bist so lang und oft von Hause;
Dein Weibchen bleibt indes allein:
Und dennoch--willst du mit Gewalt denn Hahnrei sein?
Indes, da du zur See dein Leben wagst,
Indes, da du in Surinam, am Amazonenflusse,
Dich bei den Hottentotten, Kannibalen plagst:
Indes wird sie--"

"Mit Eurem schnen Schlusse!"
Versetzte Nix.  "Indes, indes!  Ei nun!
Das nmliche kann Euer Weibchen tun--
Denn, Herr, was brauchts dazu fr Zeit?
Indes Ihr auf der Brse seid."


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Fabeln und Erzhlungen, von
Gotthold Ephraim Lessing.






End of the Project Gutenberg EBook of Fabeln und Erzaehlungen
by Gotthold Ephraim Lessing

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          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
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     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
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