The Project Gutenberg EBook of Die Ahnfrau, by Franz Grillparzer

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Title: Die Ahnfrau

Author: Franz Grillparzer

Posting Date: October 12, 2014 [EBook #9181]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 12, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Die Ahnfrau

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fnf Akten (1817)




Personen:

Graf Zdenko von Borotin
Berta, seine Tochter
Jaromir
Boleslav
Gnther, Kastellan
Ein Hauptmann
Ein Soldat
Mehrere Soldaten und Diener
Die Ahnfrau des Hauses Borotin




Erster Aufzug

Gotische Halle.  Im Hintergrunde zwei Tren.  An beiden Seitenwnden,
links und rechts, ebenfalls eine Tre.  An einer Kulisse des
Vorgrundes hngt ein verrosteter Dolch in seiner Scheide.  Spter
Winterabend.  Licht auf dem Tische.


Graf Borotin.  Berta.

Der Graf (am Tische sitzend und auf einen Brief hinstarrend, den er in
beiden Hnden hlt).
Nun Wohlan, was mu geschehe!
Fallen seh ich Zweig' auf Zweige,
Kaum noch hlt der morsche Stamm.
Noch ein Schlag, so fllt auch dieser
Und im Staube liegt die Eiche,
Die die reichen Segensste
Weit gebreitet rings umher.
Die Jahrhunderte gesehen
Werden, wachsen und vergehen,
Wird vergehen so wie sie;
Keine Spur wird brigbleiben;
Was die Vter auch getan,
Wie gerungen, wie gestrebt,
Kaum da fnfzig Jahr' verflieen
Wird kein Enkel mehr es wissen
Da ein Borotin gelebt!

Berta (am Fenster).
Eine grause Nacht, mein Vater!
Kalt und dunkel wie das Grab.
Losgerine Winde wimmern
Durch die Luft, gleich Nachtgespenstern;
Schnee soweit das Auge trgt,
Auf den Hgeln, auf den Bergen,
Auf den Bumen, auf den Feldern,
Wie ein Toter liegt die Erde
In des Winters Leichentuch;
Und der Himmel, sternelos,
Starrt aus leeren Augenhhlen
In das ungeheure Grab
Schwarz herab!

Graf.
Wie sich doch die Stunden dehnen!
Was ist wohl die Glocke, Berta?

Berta (vom Fenster zurckkommend, und sich, dem Vater gegenber, zur
Arbeit setzend).
Sieben Uhr hat's kaum geschlagen.

Graf.
Sieben?  Und schon dunkle Nacht!
Ach, das Jahr ist alt geworden,
Krzer werden seine Tage,
Starrend stocken seine Pulse
Und es wankt dem Grabe zu.

Berta.
Ei, kommt doch der holde Mai,
Wo das Feld sich kleidet neu,
Wo die Lfte sanfter wehen
Und die Blumen auferstehen!

Graf.
Wohl wird sich das Jahr erneuen,
Diese Felder werden grnen,
Diese Bche werden flieen,
Und die Blume, die jetzt welket,
Wird vom langen Schlaf erwachen
Und das Kinderhaupt erheben
Von dem weien, weichen Kissen,
ffnen ihre klaren Augen
Freundlich lchelnd wie zuvor.
Jeder Baum, der jetzt im Sturme
Seine nackten, drren Arme
Hilfeflehend streckt zum Himmel,
Wird mit neuem Grn sich kleiden.
Alles was nur lebt und webt
In dem Hause der Natur,
Weit umher, in Wald und Flur,
Wird sich frischen Lebens freuen,
Wird im Lenze sich erneuen:
Nie erneut sich Borotin!

Berta.
Ihr seid traurig, lieber Vater!

Graf.
Glcklich, glcklich nenn ich den,
Dem des Daseins letzte Stunde
Schlgt in seiner Kinder Mitte.
Solches Scheiden heit nicht Sterben;
Denn er lebt im Angedenken,
Lebt in seines Wirkens Frchten,
Lebt in seiner Kinder Taten,
Lebt in seiner Enkel Mund.
O es ist so schn, beim Scheiden
Seines Wirkens ausgestreuten Samen
Lieben Hnden zu vertraun,
Die der Pflanze sorglich warten,
Und die spte Frucht genieen;
Im Genusse doppelt fhlend
Den Genu und das Geschenk.
O es ist so s, so labend,
Das was uns die Vter gaben
Seinen Kindern hinzugeben
Und sich selbst zu berleben!

Berta.
ber diesen bsen Brief!
Ihr wart erst so heiter, Vater,
Schienet seiner Euch zu freuen,
Und nun, da Ihr ihn gelesen,
Seid mit eins Ihr umgestimmt.

Graf.
Ach, es ist nicht dieses Schreiben,
Seinen Inhalt konnt' ich ahnen.
Nein es ist die berzeugung,
Die sich immer mehr bewhrt;
Da das Schicksal hat beschlossen,
Von der Erde auszustoen
Das Geschlecht der Borotin!
Sieh, man schreibt mir, da ein Vetter,
Den ich kaum einmal gesehen,
Der der einz'ge auer mir
Von dem Namen unsers Hauses,
Kinderlos, ein welker Greis,
Ghlings ber Nacht gestorben.
Und so bin ich denn der Letzte
Von dem hochberhmten Stamme,
Der mit mir zugleich erlischt.
Ach, kein Sohn folgt meiner Bahre,
Trauernd wird der Leichenherold
Meines Hauses Wappenschild,
Oft gezeigt im Schlachtgefild,
Und den wohlgebrauchten Degen
Mir nach in die Grube legen.
Es geht eine alte Sage,
Fortgepflanzt von Mund zu Mund,
Da die Ahnfrau unsers Hauses,
Ob begangner schwerer Taten,
Wandeln msse ohne Ruh',
Bis der letzte Zweig des Stammes,
Den sie selber hat gegrndet,
Ausgerottet von der Erde.
Nun wohlan, sie mag sich freuen,
Denn ihr Ziel ist nicht mehr fern!
Fast mcht' ich das Mrchen glauben,
Denn frwahr ein mcht'ger Finger
War bemht bei unserm Fall.
Krftig stand ich, herrlich blhend
In der Mitte dreier Brder;
Alle raubte sie der Tod!
Und ein Weib fhrt' ich nach Hause,
Schn und gut und hold wie du.
Hochbeglckt war unsre Ehe
Und ein Knabe und ein Mdchen
Sproten aus dem keuschen Bund.
Bald wart ihr mein einz'ger Trost,
Meine einz'ge Lebensfreude,
Denn mein Weib ging ein zu Gott.
Sorgsam, wie mein Augenlicht,
Wahrte ich die teuern Pfnder;
Doch umsonst!  Vergeblich Streben!
Welche Klugheit, welche Macht,
Mag das Opfer wohl erhalten,
Das die finsteren Gewalten
Ziehen wollen in die Nacht!
Kaum drei Jahre war der Knabe,
Als er in dem Garten spielend
Von der Wrtrin sich verlief.
Offen stand die Gartentre,
Die zum nahen Weiher fhrt.
Immer sonst war sie geschlossen,
Eben damals stand sie offen, (bitter)
Htt' ihn sonst der Streich getroffen!

Ach, ich sehe deine Trnen
Treu sich schlieen an die meinen.
Weit du etwa schon den Ausgang?
Ach, ich armer, schwacher Mann,
Habe dir wohl oft erzhlet
Die alltgliche Geschichte.
Was ist's weiter?--Er ertrank!
Sind doch manche schon ertrunken!
Da es just mein Sohn gewesen,
Meine ganze, einz'ge Hoffnung,
Meines Alters letzter Stab;
Was kann's helfen!--Er ertrank--
Und ich sterbe kinderlos!

Berta.
Lieber Vater!

Graf.
Ich verstehe
Deiner Liebe sanften Vorwurf.
Kinderlos konnt' ich mich nennen,
Und ich habe dich, du Treue!
Ach, verzeih dem reichen Manne,
Der sein Habe halb verloren
In des Unglcks hartem Sturm,
Und nun mit der reichen Hlfte,
Lang an berflu gewhnet,
Sich fr einen Bettler hlt.
Ach verzeih, wenn das Verlorne
In so hellem Lichte glht,
Ist doch der Verlust ein Blitzstrahl,
Der verklrt was er entzieht!
Ja frwahr, ich handle unrecht!
Ist mein Name denn das Hchste?
Leb ich nur fr meinen Stamm?
Mag ich kalt das Opfer nehmen,
Das du mit der Jugend Freuden,
Mit des Lebens Glck mir bringst!
Meines Daseins letzte Tage
Seien deinem Glck geweiht.
Ja an eines Gatten Seite,
Der dich liebt, der dich verdient,
Werde dir ein andrer Name
Und mit ihm ein andres Glck!
Whle von des Landes Shnen,
Frei den knftigen Gemahl,
Denn dein Wert verbrgt mir deine Wahl!
Wie du seufzest!--Hast wohl schon gewhlet?
Jener Jngling?--Jaromir--
Jaromir von Eschen denk ich.
Ist's nicht also?

Berta.
Wag ich es?--

Graf.
Glaubtest du dem Vaterauge
Bleib' ein Wlkchen nur verborgen,
Das an deinem Himmel hngt?
Sollt' ich gleich wohl eher schelten,
Da ich erst erraten mu
Was ich lngst schon wissen sollte:
War ich je ein harter Vater,
Bist du nicht mein teures Kind?
Edel nennst du sein Geschlecht,
Edel nennt ihn seine Tat,
Bring ihn mir, ich will ihn kennen,
Und besteht er auf der Probe
So kann manches noch geschehn.
Fallen gleich die weiten Lehen
Als erloschen heim dem Thron,
Ein bescheidnes Los zu grnden
Hat noch Borotin genug.

Berta.
O wie soll ich--

Graf.
Mir nicht danke!
Zahl ich doch nur alte Schulden.
Hast nicht du's um mich verdient,
Hat nicht er's, der wackre Mann?
Denn er war's doch, der im Walde
Dir das Leben einst gerettet,
Und mit eigener Gefahr?
Ist's nicht also, liebe Tochter?

Berta.
Oh, mit augenscheinlicher Gefahr!
Hab ich's Euch doch schon erzhlet,
Wie in einer Sommernacht
Ich dort in dem nahen Walde
Mich lustwandelnd einst erging,
Und vom Schmeichelhauch der Lfte,
Von dem Duft der tausend Blten
Eingelullt in s Vergessen
Weiter ging als je zuvor.
Wie mit einmal durch die Nacht
Einer Laute Klang erwacht,
Klagend, sthnend, Mitleid flehend
Mit der Tonkunst ganzer Macht;
Girrend bald gleich zarten Tauben
Durch die dichtverschlungnen Lauben,
Bald mit langgedehntem Schall
Lockend gleich der Nachtigall,
Da die Lfte schweigend horchten
Und das Laub der regen Espe
Seine Regsamkeit verga.
Wie ich so da steh und lausche,
Ganz in Wehmut aufgelst,
Fhl ich mich mit eins ergriffen,
Und zwei Mnner, angetan
Mit des Mordes blut'ger Farbe,
Mit dem Dolch, den Augen druend,
Seh ich grlich neben mir.
Schon erheben sie die Dolche,
Schon glaub ich die Todeswunde,
Schreiend, in der Brust zu fhlen:
Da teilt schnell sich das Gebsche,
Reiend springt ein junger Mann,
Hoch den Degen in der Rechten,
In der Linken eine Laute
Auf die bleichen Mrder zu.
Wie er ihnen obgesieget,
Wie er, einzeln, sie bezwang,
Wie die khne Tat gelang
Wei ich nicht.  In starre Ohnmacht
War ich zagend hingesunken.
Ich erwacht' in seinen Armen,
Und zum Leben neu geboren,
Unbehilflich, schwach und duldend
Wie ein Kind am Mutterbusen
Hing ich an des Teuren Lippen
Seine heien Ksse trinkend.
Und mein Vater, fr das alles
Was er erst fr mich getan,
Konnt' ich wen'ger als ihn lieben?

Graf.
Und ihr saht euch fter?

Berta.
Zufall
Lie mich drauf ihn wieder finden.
Bald--nicht blo der Zufall mehr.

Graf.
Warum flieht er deines Vaters,
Seines Freundes Angesicht.

Berta.
Obgleich edlem Stamm entsprossen,
Nur des Hauses edler Stolz,
Nicht sein Gut kam auf den Erben.
Arm und drftig wie er ist,
Frchtet er, hrt' ich ihn sagen,
Da der reiche Borotin
Andern Lohn fr seine Tochter,
Als die Tochter selber zahle.

Graf.
Ich wei Edelmut zu ehren,
Wenn er sich und andre ehrt.
Bring ihn mir, er soll erfahren,
Da dem reichen Borotin
Er sein reichstes Gut erhalten,
Soll erfahren, da dein Vater
Fr das Gold der ganzen Welt
Dich nicht fr bezahlet hlt.--
Doch jetzt, Berta, nimm die Harfe
Und versuch es, meinen Kummer
Um ein Stndchen zu betrgen.
Spiel ein wenig, liebe Tochter!

(Berta nimmt die Harfe.  Bald nach den ersten Akkorden nickt der Alte
und schlummert ein.  Sobald er schlft stellt Berta die Harfe weg.)

Berta.
Schlummre ruhig, guter Vater!
Da doch all die sen Blumen,
Die du streust auf meinen Pfad,
Dir zum Kranze werden mchten
Auf dein sorgenschweres Haupt.--
Ich soll also ihm gehren,
Mein ihn nennen, wirklich mein?
Und das Glck, das schon als Hoffnung
Mir der Gter grtes schien,
Giet in freudiger Erfllung
Mir sein schwellend Fllhorn hin!

Ich kann's nicht fassen,
Mich selber nicht fassen,
Alles zeigt mir und spricht mir nur ihn,
Den Wolken, den Winden
Mcht' ich's verknden,
Da sie's verbreiten so weit sie nur ziehn!

Mir wird's zu enge
In dem Gedrnge
Fort auf den Sller, wie lastet das Haus;
Dort von den Stufen
Will ich es rufen
In die schweigende Nacht hinaus.

Und naht der Treue,
Dem ich mich weihe,
Knd ich ihm jubelnd das frohe Geschick
An seinem Munde
Preis ich die Stunde
Preis ich die Liebe, preis ich das Glck.  (Ab.)

(Pause.--Die Ahnfrau, Bertan an Gestalt ganz hnlich, und in der
Kleidung nur durch einen wallenden Schleier unterschieden, erscheint
neben dem Stuhle des Schlafenden und beugt sich schmerzlich ber ihn.)

Graf (unruhig im Schlafe).
Fort von mir!--Fort!--Fort!  (Er erwacht.)
Ah--bist du hier meine Berta?
Ei das war ein schwerer Traum,
Noch emprt sich mir das Innre!
Geh doch nach der Harfe, Berta,
Mich verlangt's Musik zu hren!

(Die Gestalt hat sich aufgerichtet und starrt den Grafen mit
weitgeffneten toten Augen an.)

Graf (entsetzt).
Was starrst du so gra nach mir,
Da das Herz im Mnnerbusen
Sich mit bangem Grausen wendet,
Und der Beine Mark gerinnt!
Weg den Blick!  Von mir die Augen!
Also sah ich dich im Traume
Und noch siedet mein Gehirn.
Willst du deinen Vater tten?

(Die Gestalt wendet sich ab und geht einige Schritte gegen die Tre.)

Graf.
So!--Nun kenn ich selbst mich wieder!--
Wohin gehst du Kind?

Die Gestalt (wendet sich an der Tre um.  Mit unbetonter Stimme).
Nach Hause.  (Ab.)

Der Graf (strzt niedergedonnert in den Sessel zurck.  Nach einer
Weile).
Was war das?--Hab ich getrumt?--
Sah ich sie nicht vor mir stehn,
Hrt' ich nicht die toten Worte,
Fhl ich nicht mein Blut noch starren
Von dem grassen, eis'gen Blick?--
Und doch, meine sanfte Tochter!--
Berta!  Hre, Berta!

(Berta und Kastellan kommen.)

Berta (hereinstrzend).
Ach, was fehlt Euch, lieber Vater?

Graf.
Bist du da!  Was ficht dich an,
Sprich, was ist's, unkindlich Mdchen,
Da du wie ein Nachtgespenst
Durch die den Sle wandelst
Und mit seltsamen Beginnen
Lebensmde Schlfer schreckst?

Berta.
Ich, mein Vater?

Graf.
Du, ja du!
Wie, du weit nicht?  Und noch haften
Deine starren Leichenblicke
Mir gleich Dolchen in der Brust.

Berta.
Meine Blicke?

Graf.
Deine Blicke!
Zieh nicht staunend auf die Augen!
Siehst du, so!--doch nein, viel starrer!
Starr?--die Sprache hat kein Wort!
Blickst du mich liebkosend an,
Um den Eindruck wegzuwischen
Jenes finstern Augenblicks?
All umsonst!  So lang ich lebe
Wird das Schreckbild vor mir stehn,
Auf dem Todbett werd ich's sehn!
Scheint dein Blick gleich Mondenschimmer
ber einer Abendlandschaft,
O ich wei, er kann auch tten!

Berta.
Ach, was hab ich denn begangen,
Das Euch also aufgeregt,
Und Euch heit die Augen schelten,
Die den Euern bang begegnend
Sich mit Wehmutstrnen fllen.
Da ich Euch im Schlaf verlassen,
Unbedachtsam fortgegangen--

Graf.
Da du fortgingst?--Da du hier warst!

Berta.
Da ich hier war?

Graf.
Standst du nicht
Hier auf dieser, dieser Stelle
Schieend deine kalten Pfeile
Nach des grauen Vaters Brust.

Berta.
Als Ihr schliefet?

Graf.
Kurz erst, jetzt erst!

Berta.
Eben komm ich von dem Sller!
Als der Schlummer Euch umfing
Ging ich sehnsuchtsvoll hinaus
Nach dem Teuern umzuschauen.

Graf.
Schndlich!--Mdchen, hhnst du mich?

Berta.
Hhnen?--ich, mein Vater?--ich?

(Mit berstrmenden Augen zu Gnther.)

Ach sprich du!--Ich wei nicht--kann nicht!

Gnther.
Ja frwahr, mein gnd'ger Herr,
Ja, das Frulein kmmt vom Sller.
Ich stand bei ihr, und wir schauten
In die schneeerhellte Gegend
Ob kein Wanderer sich nahe.
Erst als Ihr sie gellend rieft,
Eilte sie mit mir herbei.

Graf (rasch).
Und ich sah--

Gnther.
Ihr sahet--?

Graf.
Nichts!

Gnther.
Ihr saht etwa--?

Graf.
Nichts!  nichts sag ich!

(Vor sich hin.)

Es ist klar, ich hab getrumt!
Wenn sich gleich die Sinne struben,
Das Gedchtnis es verneint,
Doch ist's so; ich hab getrumt!
Kann der Schein sich also hllen
Ins Gewand der Wirklichkeit?
Diese Hand seh ich nicht klarer
Als ich jenes Bild gesehn!
Und doch, meine sanfte Berta!
Es ist klar, ich hab getrumt!--
Was stehst du so ferne, Berta?
Hast du keinen Vorwurf, Liebe,
Fr den harten, rauhen Vater
Der so bitter dich gekrnkt?
Ach, so warst du schon als Kind,
Trugest immerdar zugleich
Der Beleid'gung herben Schmerz
Und das Unrecht des Beleid'gers.
Immer gut und immer schuldlos,
Schienst du stets die Schuldige--

Berta (an seiner Brust).
Und bin ich nicht wirklich schuldig?
Wenn auch nicht als Grund des Zornes,
Ach, doch als sein Gegenstand!

Graf.
Du verzeihst mir also, Berta?

Berta.
Ihr habt wohl getrumt, mein Vater!
Es gibt gar lebend'ge Trume!
Oder dieser Halle Dunkel
Matt vom Kerzenlicht erhellt
Tuscht' in trgender Gestaltung
Euer schlummertrunknes Aug'.

Oh, ich hab es oft erfahren,
Wie die Sinne, aufgeregt,
Stumpfe Diener unsrer Seele,
Gern fr wahr und wirklich halten
Die verworrenen Gestalten,
Die der Geist in sich bewegt.
Gestern nur, mein Vater, ging ich
In des Zwielichts mattem Strahl
Durch den alten Ahnensaal.
In der Mitte hngt ein Spiegel,
Halb erblindet und voll Flecken.
Wie ich ihn vorber gehe
Bleib ich, meinen Anzug musternd,
Vor dem matten Glase stehn.
Eben senk ich nach dem Grtel
Nieder meine beiden Hnde,
Da--Ihr werdet lachen, Vater!
Und auch ich mu jetzt fast lcheln
Meiner kindisch schwachen Furcht,
Doch in jenem Augenblicke
Konnt' ich nur mit Schreck und Grauen
Das verzerrte Wahnbild schauen.
Wie ich senke meine Hnde
Um den Grtel anzuziehn,
Da erhebt mein Bild im Spiegel
Seine Hnde an das Haupt,
Und mit starrendem Entsetzen
Seh ich in dem dunkeln Glase
Meine Zge sich verzerren.
Immer sind es noch dieselben
Und doch anders, furchtbar anders,
Und mir selbst nicht hnlicher
Als ein Lebend'ger seiner Leiche.
Weit reit es die Augen auf
Starrt nach mir, und mit dem Finger
Droht es warnend gegen mich.

Gnther.
Weh, die Ahnfrau!

Graf (wie von einem pltzlichen schrecklichen Gedanken ergriffen, vom
Sessel aufspringend).
Ahnfrau!

Berta (verwundert).
Ahnfrau?

Gnther.
Saht Ihr nie ihr Bild im Saale,
Euch so hnlich, gnd'ges Frulein,
Gleich als httet Ihr dem Maler,
Lieblich wie Ihr seid, gesessen?

Berta.
Oftmals hab ich's wohl gesehn,
Es mit Staunen mir betrachtet,
Und es war mir immer teuer
Wegen dieser hnlichkeit.

Gnther.
Und Ihr kennet nicht die Sage,
Die von Mund zu Munde geht?

Berta.
Schon als Kind hrt' ich's erzhlen,
Doch ein Mrchen nennt's der Vater.

Gnther.
Ach, er fhlt's zu dieser Frist,
Wie er sich's auch selbst verhehle,
Fhlt's im Tiefsten seiner Seele,
Da es mehr als Mrchen ist.
Ja, die Ahnfrau Eures Hauses,
Jung und blhend noch an Jahren,
Berta, so wie Ihr geheien,
Schn und reizend, so wie Ihr,
Von der Eltern Hand gezwungen,
Zu verhater Ehe Bund,
Sie verga ob neuen Pflichten
Langgehegter Liebe nicht;
In den Armen ihres Buhlen
berfiel sie der Gemahl.
Durstend seine Schmach zu rchen,
Straft' er selber das Verbrechen
Stie ins Herz ihr seinen Stahl,
Jenen Stahl, den in der Blinde
Man dort aufgehangen hat,
Zum Gedchtnis ihrer Snde,
Zum Gedchtnis seiner Tat.
Ruhe ward ihr nicht vergnnet,
Wandeln mu sie ohne Rast,
Bis das Haus ist ausgestorben,
Dessen Mutter sie gewesen,
Bis weit auf der Erde hin
Sich kein einz'ger Zweig mehr findet
Von dem Stamm den sie gegrndet,
Von dem Stamm der Borotin.
Und wenn Unheil droht dem Hause,
Sich Gewitter trmen auf,
Steigt sie aus der dunkeln Klause
An die Oberwelt herauf.
Da sieht man sie klagend gehen,
Klagend, da ihr Macht gebricht,
Denn sie kann's nur vorhersehen,
Ab es wenden kann sie nicht!

Berta.
Und das ist es--?

Gnther.
Das ist alles
Was ich hier zu sagen wage,
Wenn gleich all nicht was ich wei.
Eines ist noch brig, eines,
Das des Hauses ltre Diener,
Das der Gegend welke Greise
Bang sich in die Ohren raunen,
Das der Sage heil'ger Mund
Aus der Vter fernen Tagen
In die Enkelwelt getragen.
Eines, das den Schlssel gibt
Zu so manchem finstern Rtsel,
Das ob diesem Hause brtet.
Aber wag ich es zu sagen
Hier an diesem, diesem Ort
Wo noch kurz zuvor der Schatten--

(Mit scheuen Blicken umhergehend.  Berta schmiegt sieh an ihn, und
folgt mit ihren Augen den seinigen.)

Runzelt Ihr die hohen Brauen
Edler Herr?  Ich kann nicht anders!
Meinen Busen will's zerbrechen
Und es drngt mich's auszusprechen
Beb ich selber gleich zurck.--
Kommt hierher, mein Frulein, hierher
Und vernehmt und staunt und bebt.--
Mit der Ahnfrau blut'ger Leiche
Ward der Snde Keim begraben,
Aber nicht der Snde Frucht.
Das Verbrechen, das des Gatten
Blut'ger Rachestahl bestraft,
War, wie jene Sage spricht,
Wohl das Letzte ihres Lebens
Aber ach, ihr erstes nicht.
Ihres Schoes einz'ger Sohn,
Den Ihr unter Euren Ahnen,
Unter Euren Vtern zhlt,
Der des mcht'gen Borotin
Lehen, Gut und Namen erbte,
Er--

Graf.
Schweig!

Gnther.
Es ist ausgesprochen.
Er, dem Vater unbewut,
War ein Pfand geheimer Lust,
War ein Denkmal ihrer Snde!
Darum mu sie klagend wallen
Durch die weiten, den Hallen,
Die das Werk von Trug und Nacht
Auf ein fremd Geschlecht gebracht.
Und in jedem Enkelkinde,
Das entsprot aus ihrem Blut,
Hat sie die vergangne Snde,
Liebt sie die vergangne Glut.
Also harret sie seit Jahren,
Wird noch harren jahrelang
Auf des Hauses Untergang;
Und ob der sie gleich befreiet,
Htet sie doch jeden Streich,
Der dem Haupt der Lieben druet,
Den sie wnscht und scheut zugleich.
Darum wimmert es so klglich
In den halbverfallnen Gngen,
Darum pocht's in dunkler Nacht--

(Entferntes Getse.)

Berta.
Himmel!

Gnther.
Weh uns!

Graf.
Was ist das?

(Das Getse wiederholt sich.)

Fast gefhrlich scheint dein Wahnsinn
Er steckt auch Gesunde an.
An die Pforte wird geschlagen
Einla fordernd.  Geh hinab
Und sieh zu, was man begehrt!

(Gnther ab.)

Berta.
Vater, du siehst bleich!  Ist's Wahrheit
Was der alte Mann da spricht?

Graf.  Was ist wahr, was ist es nicht?
La uns eignen Wertes freuen
Und nur eigne Snden scheuen.
La, wenn in der Ahnen Schar
Jemals eine Schuld'ge war,
Alle andre Furcht entweichen
Als die Furcht ihr je zu gleichen.--
Und jetzt komm, mein liebes Kind,
Fhre mich nach meinem Zimmer.
Ist's gleich noch nicht Schlafens Zeit
Ruhe heischt der mde Krper
Hat er doch in einer Stunde
Mehr als manchen Tag gelebt.  (Ab mit Berta.)

(Pause.--Dann strzt wankend, mit verworrenem Haar und aufgerissenem
Wams, einen zerbrochenen Degen in der Rechten, Jaromir herein.)

Jaromir (atemlos).
Bis hierher!--Ich kann nicht weiter!
Wankend brechen meine Kniee,
Es ist aus!--Ich kann nicht weiter!

(Sinkt gebrochen auf den Sessel hin.)

Gnther (nachkommend).
Sagt doch Herr, ist das wohl Sitte?
Einzudringen so ins Haus
Achtlos auf mein mahnend Wehren.
Sprecht, was wollt Ihr?  was begehrt Ihr?

Jaromir.
Ruhe!--Nur ein Stndchen Ruhe,
Nur ein kurzes Stndchen Ruhe!--

Gnther.
Was ist Euch begegnet, Herr?
Woher kommt Ihr?

Jaromir.
Dort--vom Walde--
Wurde--wurde berfallen--

Gnther.
Ach man hrt so manches Unheil
Von den Rubern dort im Walde!
Wie bedaur' ich Euch, mein Herr!
Ach verzeihet, wenn ich anfangs
Eure bange Hast mideutend
Und das Fremde Eures Eintritts
Anders sprach, als ich gesollt.
Wenn's Euch gutdnkt, folgt mir Herr
Nach den oberen Gemchern,
Wo Euch wrdig Speis und Trank
Und willkommne Lagersttte--

Jaromir.
Nein, ich kann--ich mag nicht schlafen!
La mich hier in diesem Stuhl,
Bis die Sinne sich gesammelt
Und ich wieder selber bin.

(Er legt den Arm auf den Tisch, und den Kopf darauf.)

Gnther.
Was soll ich mit ihm beginnen?
Ganz verwirrt hat ihn der Schreck.
Bleib ich?  geh ich?  La ich ihn?
Ich will's nur dem Grafen melden,
Mag er selber doch empfangen
Seinen sonderbaren Gast.  (Ab.)

Jaromir.
Ha, er geht, er geht!--Was soll ich?
Sei es denn!--Nun Fassung, Fassung!

(Der Graf und Gnther kommen.)

Gnther.
Hier mein gnd'ger Herr, der Fremde!

Jaromir (steht auf).

Graf.
Lat Euch doch nicht stren, Herr,
Und geniet der nt'gen Ruhe.
Hoch willkommen seid Ihr mir,
Doppelt wert, denn Euch empfiehlt
Eure Not und Euer Selbst--

Jaromir.
Ihr verzeihet wohl die Stunde
Und die Weise meines Eintritts.
Mag mein Unfall mich entschuld'gen
Wo ich selbst es nicht vermag.
Dort in jenem nahen Walde
Ward ich rubrisch berfallen.
Ich und meine beiden Diener
Wehrten lang uns ritterlich:
Aber wachsend stieg die Menge,
Meine treuen Diener lagen
Hingestreckt in ihrem Blut.
Da gewahr ich meines Vorteils,
Und ins dunkle Dickicht springend,
Schnell, die Ruber auf der Ferse,
Such ich fliehend zu entrinnen
Und das Freie zu gewinnen.
Gibt die Hoffnung schnelle Fe
Leiht dafr das Schrecken Flgel.
Bald gewinn ich einen Vorsprung,
Und heraus ins Freie tretend
Blinkt mir Euer Schlo entgegen.
Gastfrei schien 's mich einzuladen,
Zgernd folgt' ich,--und bin hier.

Graf.
Halten wird Euch der Besitzer
Was sein Eigentum versprach.
Was nur dieses Haus vermag
Ist das Eure, Euch zu Dienste.

Berta (kommt,).
Hrt' ich hier nicht seine Stimme?
Ja er ist's!--Mein Jaromir!

Jaromir.
Berta!

(Eilt auf sie zu.  Pltzlich hlt er ein, und tritt mit einer
Verbeugung zurck.)

Graf.
Wr' es etwa dieser?--

Berta.
Ja er ist's, er ist's, mein Vater!
Ja er ist's, der mich gerettet,
Ja er ist's der teure Mann!

Graf.
Zieht Euch nicht so fremd zurck,
Seid Ihr doch nicht unter Fremden!
Schliet sie immer in die Arme;
Ihr habt Euch ein Recht erworben,
Da sie lebt ist Euer Werk!
Wohl mir, da mir ward vergnnt
Den zu sehen, dem zu danken,
Der mir meine letzten Tage,
Mir mein Sterbebett verschnt,
Mit dem Glcke mich vershnt.
Komm an meine Brust, du Teurer,
Lebensretter, Segensengel!
Knnt' ich dankbar nur mein Leben
Fr dich hin, du Guter, geben,
Wie du deines gabst fr sie!

Jaromir.
Staunend steh ich und beschmt--

Graf.
Du?  An uns ist's so zu stehn!
Ist doch unser Dank so wenig,
Ach, und deine Tat so viel!

Jaromir.
Viel?  O da ich's sagen knnte!
Da es etwas mich gekostet!
Da ich eine Wunde trge,
Eine kleine, kleine Narbe
Nur als Denkmal jener Tat!
Es krnkt tief das Kstliche
Um so schlechten Preis zu kaufen!

Graf.
Ziert Bescheidenheit den Jngling,
Nicht verkenn er seinen Wert!

Berta.
Glaubt ihm nicht, o glaubt ihm nicht!
Er liebt selber sich zu schmhen,
Ich wei das von lange her!
Wie so oft lag er vor mir,
Meine Kniee hei umfassend,
Und mit schmerzgebrochner Stimme
Rief er klagend, weinend aus,
Ich verdiene dich nicht Berta!
Er nicht mich, er mich nicht!--

Jaromir.
Berta!

Graf.
Wolltet Ihr wohl, da sie minder
Des Geschenkes Wert erkennte!
Trieb Euch gleich zu jener Tat
Nur des Herzens edles Streben
Recht zu tun und gro und gut,
Lat uns glauben, lat uns schmeicheln,
Da auf uns, auf unsre Not
Auch ein flcht'ger Blick gefallen,
Da Ihr nicht nur blo beglcken,
Da ihr uns beglcken wolltet.
Wer sich ganz dem Dank entzieht,
Der erniedrigt den Beschenkten,
Freund, indem er sich erhebt!

Jaromir.
Was erwidr' ich auf das alles!
Wie ich bin, vom Kampf ermdet,
Von den Schrecken dieser Nacht,
Taug ich wenig zu bestehen
In der Gromut edlem Wettstreit.

Graf.
Mutet Ihr mich erst erinnern
Da Ihr md und ruhedrstend!

Berta.
Ach, was ist ihm denn begegnet?

Graf.
Das auf morgen, liebes Kind.
Berta komm und la uns gehn.
Unser Gnther mag ihn weisen
In das kstlichste Gemach.
Dort umhlle tiefer Frieden
Mit der Segenshand den Mden
Bis der spte Morgen naht.
O er hat ein weiches Kissen
Ein noch unentweiht Gewissen,
Das Bewutsein seiner Tat!--
So, noch diesen Hndedruck,
So, noch diesen Segensku,
So, mein Sohn jetzt geh zur Ruh'
Ein Engel drck' das Aug' dir zu!

Berta (den Alten abfhrend).
Schlummre ruhig!

Jaromir.
Lebe wohl'

Berta (an der Tre umwendend).
Gute Nacht denn!

Jaromir.
Gute Nacht!

(Graf und Berta ab.)

Gnther.
So, nun kommt mein wackrer Herr
Ich will Euch zur Ruhe leiten.

Jaromir (in den Vorgrund tretend).
Nehmt mich auf Ihr Gtter dieses Hauses,
Nimm mich auf du heil'ger Ort,
Von dem Laster nie betreten,
Von der Unschuld Hauch durchweht.
Unentweihte, reine Stelle
Werde wie des Tempels Schwelle
Mir zum heiligen Asyl!--

Unerbittlich strenge Macht,
Ha nur diese, diese Nacht,
Diese Nacht nur gnne mir,
Harte!  und dann steh ich dir!

(Mit Gnther ab.)

Ende des ersten Aufzuges




Zweiter Aufzug

Halle wie im vorigen Aufzuge.  Dichtes Dunkel.


Jaromir (strzt herein).
Ist die Hlle losgelassen
Und knpft sich an meine Fersen?
Grinsende Gespenster seh ich
Vor mir, an mir, neben mir,
Und die Angst mit Vampirrssel
Saugt das Blut aus meinen Adern,
Aus dem Kopfe das Gehirn!
Da ich dieses Haus betreten!
Engel sah ich an der Schwelle
Und die Hlle
Hauset drin!--
Doch wo bin ich hingeraten
Von der innern Angst getrieben?
Ist dies nicht die wrd'ge Halle,
Die den Kommenden empfing?
Still!  Die Schlfer nicht zu stren!
Stille!  Wenn sie wrden innen
Hier mein seltsames Beginnen!

(An des Grafen Gemach horchend.)

Alles stille.

(An der Tre zur linken Seite des Hintergrundes.)

Welche Laute!
Se Laute, die ich kenne,
Die ich einzuschlrfen brenne!
Horch!--ha!--Worte!--Ach sie betet!
Betet!--Betet wohl fr mich!
Habe Dank du reine Seele!  (Horchend.)
Heil'ger Engel steh uns bei!
Steh mir bei du heil'ger Engel!
Und beschtz uns!--O beschtz uns!
Ja beschtz mich vor mir selber!
O du ses, reines Wesen!
Nein, ich kann mich nicht mehr halten,
Ich mu hin, ich mu zu ihr.
Will vor ihr mich niederstrzen
Und an ihrer reinen Seite
Ruh' und Frieden mir erflehn!
Ja sie mge ber mir
Wie ob einem Leichnam beten,
Und in ihres Atems Wehn
Will ich heilig auferstehn!

(Er nhert sich der Tre; sie geht auf und die Ahnfrau tritt heraus,
mit beiden Hnden ernst ihn fortwinkend.)

Jaromir.
Ach, da bist du ja du Holde!
Ich bin's Teure, zrne nicht!
Wink mich nicht so kalt von dir,
Gnne dem gepreten Herzen
Die so lang entbehrte Lust,
An der engelreinen Brust,
Aus den himmelklaren Augen
Trost und Ruhe einzusaugen!

(Die Gestalt tritt aus der Tre, die sich hinter ihr schliet, und
winkt noch einmal mit beiden Hnden ihm Entfernung zu.)

Jaromir.
Ich soll fort?  Ich kann nicht, kann nicht!
Wie ich dich so schn, so reizend
Vor den trunknen Augen sehe
Reit es mich in deine Nhe!
Ha ich fhle, es wird Tag
In der Brust geheimsten Tiefen
Und Gefhle, die noch schliefen,
Schtteln sich und werden wach.--
Kannst du mich so leiden sehn?
Soll ich hier vor dir vergehn?
La dich rhren meinen Jammer,
La mich ein in deine Kammer!
Hat die Liebe je verwehrt
Was die Liebe hei begehrt?

(Auf sie zueilend.)

Berta!  Meine Berta!

(Wie er sich ihr nhert, hlt die Gestalt den rechten Arm mit dem
ausgestreckten Zeigefinger ihm entgegen.)

Jaromir (strzt schreiend zurck).
Ha!

Berta (von innen).
Hr ich dich nicht Jaromir?

(Beim ersten Laut vom Bertas Stimme seufzt die Gestalt und bewegt sich
langsam in die Szene.  Ehe sie diese noch ganz erreicht hat, tritt
Berta aus der Tre, ohne aber die Gestalt zu sehen, da sie nach dem in
der entgegengesetzten Ecke stehenden Jaromir blickt.)

Berta (mit einem Lichte kommend).
Jaromir du hier?

Jaromir (die abgehende Gestalt mit den Augen und dem ausgestreckten
Finger verfolgend).
Da!  Da!  Da!  Da!

Berta.
Was ist dir begegnet, Lieber?
Warum starrst du also wild
Hin nach jenem dstern Winkel?

Jaromir.
Hier und dort, und dort und hier!
b'rall sie und nirgends sie!

Berta.
Himmel, was ist hier geschehn?

Jaromir.
Ei bei Gott, ich bin ein Mann!
Ich vermag was einer kann.
Stellt den Teufel mir entgegen
Und zhlt an der Pulse Schlgen
Ob die Furcht mein Herz bewegt!
Doch allein soll er mir kommen.
Grad als grader Feind.  Er werbe
Nicht in meiner Phantasie,
Nicht in meinem heien Hirn
Helfershelfer wider mich!
Komm' er dann als mcht'ger Riese,
Stahl vom Haupte bis zum Fu,
Mit der Finsternis Gewalt,
Von der Hlle Glut umstrahlt;
Ich will lachen seinem Wten
Und ihm khn die Stirne bieten.
Oder komm' als grimmer Leu
Will ihm stehen ohne Scheu,
Auge ihm ins Auge tauchen,
Zhne gegen Zhne brauchen,
Gleich auf gleich.  Allein er be
Nicht die feinste Kunst der Hlle,
Schlau und tckevoll, und stelle
Nicht mich selber gegen mich!

Berta (auf ihn zueilend).
Jaromir, mein Jaromir!

Jaromir (zurcktretend).
O ich kenn dich, schnes Bild!
Nah ich mich wirst du vergehn
Und mein Hauch wird dich verwehn!

Berta (ihn umfassend).
Kann ein Wahnbild so umarmen?
Und blickt also ein Phantom?
Fhle, fhle ich bin's selber
Die in deinen Armen liegt!

Jaromir.
Ja, du bist's!  Ich fhle freudig
Deine warmen Pulse klopfen,
Deinen lauen Atem wehn.
Ja, das sind die klaren Augen,
Ja, das ist der liebe Mund,
Ja, das ist die se Stimme,
Deren wohlbekannter Laut
Frieden auf mich niedertaut.
Ja, du bist's, du bist's, Geliebte!

Berta.
Wohl bin ich's, o wrst du's auch!
Wie du zitterst!

Jaromir.
Zittern!  zittern!
Wer sieht das und zittert nicht?
Bin ich doch nur Fleisch und Blut,
Hat doch keine wilde Brin
Mich im rauhen Forst geboren
Und mit Tigermark genhrt,
Steht auf meiner offnen Stirne
Doch der heitre Name: Mensch!
Und der Mensch hat seine Grenzen!
Grenzen, ber die hinaus
Sich sein Mut im Staube windet,
Seiner Klugheit Aug' erblindet,
Seine Kraft wie Binsen bricht
Und sein Innres zagend spricht:
Bis hierher und weiter nicht!

Berta.
Du bist krank, ach geh zurck,
Geh zurck nach deiner Kammer.

Jaromir.
Eher in die heie Hlle
Als noch einmal auf die Stelle!
Ehrt Ihr so die Pflicht des Hauses
Und des Gastes heilig Recht?
Arglos und vertrauensvoll
Folgt' ich meinem Fhrer nach
In das weite Prunkgemach.
Mde, ruhelechzend steig ich
Schnell das hohe Bett hinan
Und das Licht ist ausgetan.
Wehend fhl ich schon den Schlummer,
Mild wie eine Friedenstaube
Mit dem lzweig in dem Munde,
ber meinem Haupte schweben,
Und in immer engern Kreisen
Sich auf mich herniederlassen.
Jetzo, jetzo senkt sie sich,
Se Ruhe fesselt mich.
Da durchzuckt es meine Glieder,
Ich erwache, horch und lausche.
Laut wird's in dem den Zimmer,
Rauschend wogt es um mich her
Wie ein wehend hrenmeer,
Seltsam fremde Tne wimmern,
Zuckend fahle Lichter schimmern,
Es gewinnt die Nacht Bewegung
Und der Staub gewinnt Gestalt.
Schleppende Gewnder rauschen
Durch das Zimmer auf und nieder,
Hr es weinen, hr es klagen
Und zuletzt in meiner Nhe
Wimmert es ein dreifach Wehe!
Da rei ich des Bettes Vorhang
Auf in ungestmer Hast;
Und mit tausend Flammenaugen
Starrt die Nacht mich glotzend an.
Lichter seh ich schwindelnd drehen
Und mit tausend fahlen Ringen
Schnell sich ineinander schlingen,
Und nach mir streckt's hundert Hnde,
Kriecht an mich mit hundert Fen,
Fletscht auf mich aus hundert Fratzen.
Und an meines Bettes Fen
Dmmert es wie Mondenlicht,
Und ein Antlitz tauchet auf
Mit geschlonen Leichenaugen,
Mit bekannten, holden Zgen,
Ja, mit deinen, deinen Zgen.
Jetzt reit es die Augen auf,
Starrt nach mir hin, und Entsetzen
Zuckt mir reiend durchs Gehirn.
Auf spring ich vom Flammenlager,
Und durchs flirrende Gemach
Strz ich fort, der Spuk mir nach.
Wie von Furien gepeitscht
Lang ich an hier in der Halle.
Da hrt' ich dich Holde beten,
Will zu dir ins Zimmer treten,
Da verstellt mir--Siehst du?  Siehst du?

Berta.
Was Geliebter?

Jaromir.
Siehst du nicht?
Dort im Winkel, wie sich's regt,
Wie's gestaltlos sich bewegt!

Berta.
Es ist nichts Geliebter, nichts,
Als die wilde Ausgeburt
Der erhitzten Phantasie.
Du bist mde, ruh ein wenig,
Setz dich hier in diesen Stuhl.
Ich will schtzend bei dir stehn,
Labekhlung zu dir wehn.

Jaromir (sitzend, an ihre Brust gelehnt).
Habe Dank, du treue Seele!
Ses Wesen, habe Dank!
Schling um mich her deine Arme,
Da der Hlle Nachtgespenster,
Scheu vor dem geweihten Kreise,
Nicht in meine Nhe treten.
Lieg ich so in deinen Armen,
Angeweht von deinem Atem,
ber mir dein holdes Auge;
Dnkt es mich auf Rosenbetten
In des Frhlings Hauch zu schlummern,
Klar den Himmel ber mir.

(Der Graf kmmt.)

Graf.
Wer ist hier noch in der Halle?
Berta, du?  Und ihr?

Berta.
Mein Vater!--

Jaromir.
Wei ich doch kaum was ich sagen,
Wei kaum wie ich's sagen soll.
Tricht werdet Ihr mich nennen,
Und fast mcht' ich's selber tun,
Fhlt' ich nicht im tiefsten Innern
Jede meiner Fibern beben,
Beben, ja; und Ihr mgt glauben,
Es gibt Menschen, welche leichter
Zu erschttern sind als ich.

Graf.
Wie versteh ich?--

Berta.
Ach, so hrt nur,
Oben in der Erkerstube
Hatte man ihn hingewiesen.
Schon senkt schlummernd sich sein Auge,
Da erhebt sich pltzlich--

Graf.
Ah!
Zhlt man dich schon zu den Meinen?
Ist's in jenen dunkeln Orten
Also auch schon kundgeworden
Sohn, da du mir teuer bist.
Warum kamst du auch hierher!
Glaubtest du, getuschter Jngling,
Wir hier feiern Freudenfeste?
Sieh uns nur einmal beisammen
In der weiten, den Halle,
An dem freudelosen Tische;
Wie sich da die Stunden dehnen,
Das Gesprch in Pausen stockt,
Bei dem leisesten Gerusche
Jedes rasch zusammenfhrt,
Und der Vater seiner Tochter
Nur mit Angst und innerm Grauen
Wagt ins Angesicht zu schauen,
Ungewi, ob es sein Kind,
Ob's ein hllisch Nachtgesicht
Das mit ihm zur Stunde spricht.
Sieh, mein Sohn, so leben die,
Die das Unglck hat gezeichnet!
Und du willst den mut'gen Sinn,
Willst die rasche Lebenslust
Und den Frieden deiner Brust,
Kstlich hohe Gter, werfen
Rasch in unsers Hauses Brand?
O mein Kind, du wirst nicht lschen,
Wirst mit uns nur untergehn.
Flieh, mein Sohn, weil es noch Zeit ist:
Nur ein Tor baut seine Htte
Hin auf jenes Platzes Mitte,
Den der Blitz getroffen hat.

Jaromir.
Mge was da will geschehn,
Ich will Euch zur Seite stehn,
Mu es, mit Euch untergehn!

Graf.
Nun wohlan, ist das dein Glaube,
So komm her an meine Brust
So, und dieser Vaterku
Schliet dich ein in unsre Leiden,
Schliet dich ein in unsre Freuden.
Ja in unsre Freuden, Sohn,
Ist kein Dorn doch also schneidend,
Da er nicht auch Rosen trgt.

(Der Alte setzt sich, von Jaromir und Berta untersttzt, in den Stuhl.
Die beiden stehen Hand in Hand vor ihm.)

So, habt Dank, habt Dank, ihr Lieben!--
Seh ich euch so vor mir stehen,
Mit dem freudetrunknen Auge,
Mit dem lebensmut'gen Blick,
Will die Hoffnung neu sich regen,
Und erloschne, dunkle Bilder
Aus entschwundnen, schnern Tagen
Dmmern auf in meiner Brust.
Seid willkommen Duftgestalten,
Froh und schmerzlich mir willkommen!

(Er versinkt in Nachdenken.)

Jaromir.
Berta, sieh doch nur, dein Vater!

Berta (mit ihm etwas zurcktretend).
La ihn nur, er pflegt so fter
Und sieht ungern sich gestrt.
Aber, Lieber, sei vergngt!
Sieh, mein Vater wei schon alles.

Jaromir (rasch).
Alles?

Berta.
Ja, und scheint's zu bill'gen!
Heute nur--er war so gut,
Ach so gut, so mild und sanft.
Sanfter, gtiger als du,
Der du kalt und trocken stehst,
Whrend ich nicht Worte finde,
Fr mein Fhlen, fr mein Glck.

Jaromir.
Glaube mir--

Berta.
Ei, glauben, glauben!
Besser stnd' es dem zu schweigen,
Der nicht wei wie Liebe spricht:
Kann der Blick nicht berzeugen,
berred't die Lippe nicht.
Sieh, man hat mir wohl erzhlet,
Da es leichte Menschen gebe,
Deren Liebe nicht blo brennt
Auch verbrennt, und dann erlischt:
Menschen, die die Liebe lieben,
Aber nicht den Gegenstand;
Schmetterlinge, bunte Gaukler,
Die die keusche Rose kssen,
Aber nicht weil sie die Rose,
Weil sie eine Blume ist.
Bist du auch so, Stummer, Bser?

(Vom Nhrahmen eine Schrpe nehmend.)

Ich will dir die Flgel binden,
Binden--binden Trotz'ger--binden
Da kein Gott sie lsen soll!

Jaromir.
Ses Wesen!--

(Sie bindet ihm die Schrpe um.)

Graf (hinberblickend).
Wie sie glht!
Wie es sie hinberzieht!
Aller Widerstand genommen
Und im Strudel fortgeschwommen.
Nun Wohlan, es sei!  Der Himmel
Scheint mir selbst den Weg zu zeigen,
Den ich wandeln soll und mu.
Stemmt gleich manches sich entgegen,
Glimmt gleich in der tiefsten Brust
Noch verborgen mancher Funke
Von der einst so mcht'gen Glut.
Tricht Treiben!  Eitles Trachten!
Der Palast ist eingesunken,
Kaum noch geben seine Trmmer
Eine Htte fr mein Kind.
Wohl es sei!  Ach wie so schwer
Lsen sich die Hoffnungen,
In der Jugend Lenz empfangen,
Holde Zeichen, eingegraben
In des Bumchens frische Rinde,
Aus des Alters morscher Brust.
Als sie mir geboren ward
Und vor mir lag in der Wiege
Freundlich lchelnd, schn und hold,
Wie durchlief ich im Gedanken
Die Geschlechter unsers Landes,
Sorgsam whlend, kindisch suchend
Nach dem knftigen Gemahl.
Fand den Hchsten noch zu niedrig,
Kaum den Besten gut genug:
Damit ist's nun wohl vorbei!
Ach, ich fhl es wohl, wir scheiden
Kaum so schwer von wahren Freuden,
Als von einem schnen Traum!

Berta (an der Schrpe musternd).
Halt mir still, du Ungeduld'ger!

Graf.
Und ziemt mir so ekles Whlen?
Wenn es wahr was er gesprochen,
Was im Nebel der Erinnrung
Aus der fernen Jugendzeit
Unbestimmt, in sich verflieend
Meine Stirn vorberschwebt;
Wenn sie wahr die alte Sage,
Da der Name, den ich trage,
Der mein Stolz war und mein Schmuck,
Nur durch tief geheime Snden--
Fort Gedanke!--Ha, und doch, und doch!

Berta (ihr Werk betrachtend).
So nun steht es schn und gut.
Aber nun sei mir auch freundlich,
Da mich nicht die Arbeit reue!

Graf.
Jaromir!

Jaromir (aufgeschreckt).
Was!--Ihr Herr Graf!

Graf.
Noch bist du uns Kunde schuldig
Von den Deinen, deiner Abkunft.
Jaromir von Eschen heit du,
Fern am Rhein wardst du geboren,
Dienste suchst du hier im Heer,
So erzhlte mir mein Mdchen,
Aber weiter wei ich nichts.

Jaromir.
Ist doch weiter auch nichts brig.
Mchtig waren meine Ahnen,
Reich und mchtig.  Arm bin ich.
Arm, so arm, da wenn dies Herz,
Ein entschloner krft'ger Sinn
Und ein schwergeprfter, doch vielleicht
Grade darum festrer Wille
Nicht fr etwas gelten knnen,
Ich nichts habe und nichts bin.

Graf.
Du sagst viel mit wenig Worten.
Also recht!  Du bist mein Mann!
Sieh, mein Sohn, ich bin ein Greis.
Die Natur winkt mir zu Grabe,
Und ein dunkel, dumpf Gefhl
Nennt mir nah des Lebens Ziel.
Nie hab ich dem Tod gezittert,
Und auch jetzt schreckt er mich nicht.
Doch dies Mdchen, sie mein Kind.
Knntest du in meinen Trnen,
Hier in meinem Herzen lesen
Was sie alles mir gewesen,
Du verstndest meinen Schmerz.
Da ich sie allein mu lassen
In der unbekannten Welt,
Macht dem Tode mich erblassen,
Das ist's was so tief mich qult.
Sohn, auf dich ist ihrer Neigung
Schlaferwachtes Aug' gefallen;
Du weit ihren Wert zu schtzen,
Weit zu schtzen was dir wert;
Du gabst einmal schon dein Leben
Und wirst's freudig wieder geben,
Wenn das Schicksal winkt, fr sie.
Dir vertrau ich dieses Kleinod,
Sohn du liebst sie?

Jaromir.
Wie mein Leben!

Graf.
Und du ihn?

Berta.
Mehr als mich selbst.

Graf.
Mg' denn Gottes Finger walten!
Nimm sie hin, die du erhalten!

(Schlge ans Haustor.)

Graf.
Was ist das?--Wer naht so spt
Noch sich dieses Schlosses Toren!

Berta.
Gott, wenn etwa--

Graf.
Sei nicht kindisch.
Glaubst du wohl, verdchtig Volk
Wage sich an feste Schlsser,
Wohlverwahrt und wohlbemannt.

Gnther (kmmt).
Herr, ein kniglicher Hauptmann
An der Spitze seines Haufens
Bittet Einla an der Pforte.

Graf.
Wie?  Soldaten?

Gnther.
Ja, Herr Graf.

Graf.
Wei ich gleich nicht was sie suchen,
ffne ihnen schnell die Pforten,
Stets willkommen sind sie mir.

(Gnther geht.)

Graf.
Was fhrt den hierher zu uns?
Und in dieser Stunde?  Gleichviel.
Wird doch seine Gegenwart
Wohl die Stunden uns beflgeln
Dieser peinlich langen Nacht.

Berta.
Jaromir, geh doch zu Bette.
O du bist noch gar nicht wohl!
Sieh, ich fhl's an diesem Zucken,
An dem Strmen deiner Pulse,
Da du krank, bedenklich krank!

Jaromir.
Krank?  ich krank?  Was fllt dir ein!
Strmen gleich die raschen Pulse,
Grad im Sturme ist mir wohl!

(Gnther ffnet die Tre.  Der Hauptmann tritt ein.)

Hauptmann.
Ihr verzeihet, mein Herr Graf,
Da ich noch in spter Nacht
Eures Hauses Ruhe stre.

Graf.
Wer des Knigs Farben trgt
Dem ist stets mein Haus geffnet;
Euch, mein Herr, auch ohne sie.

Hauptmann.
Hier gr ich wohl Eure Tochter?

Graf.
Ja, es ist mein einzig Kind.

Hauptmann.
Wie soll ich mich hier entschuld'gen?
Doch bringt meine Ankunft Schrecken,
Soll sie Schrecken auch zerstreun.
Jene mcht'ge Ruberbande,
Die die Geiel dieser Gegend--

Graf.
Ja, frwahr, 'ne schwere Geiel!
Dieses Mdchen, meine Tochter,
Da sie lebt noch, da sie ist,
Dankt sie nur dem khnen Mute
Ihres wackern Brutigams
Jaromir von Eschen hier.
Ja er selbst, noch diese Nacht
Ward im Forst er berfallen,
Seine Diener ihm erschlagen,
Kaum entging er gleichem Los.

Hauptmann.
Diese Nacht?

Jaromir.
Ja, diese Nacht.

Hauptmann.
Und wann--

Jaromir.
Vor drei Stunden etwa!

Hauptmann (ihn ins Auge fassend, dann zum Grafen).
Euer Eidam?

Graf.
Ja, mein Herr.

Hauptmann.
Reistet Ihr ein Stndchen spter
War euch jene Angst erspart.

(Zu den brigen.)

Frder mgt Ihr ruhig sein
Und nichts Arges mehr befahren,
Denn die Euer Schrecken waren,
Jene Ruber, sind nicht mehr!
Lange schon auf ihren Fersen,
berfielen wir sie heute.
Nach beherztem, blut'gem Streite
Trat der Sieg auf unsre Seite
Und die Mrderschar erlag.
Teils gettet, teils gefangen,
Retteten sich wen'ge nur;
Wir verfolgen ihre Spur.

Graf.
Nun habt Dank, ihr wackern Krieger,
Habt den wrmsten, besten Dank!

Hauptmann.
Jetzt noch nicht, bis es vollendet.
Ist der Stamm gleich schon gefallen,
Haften doch noch manche Wurzeln;
Und ich hab mir's selbst geschworen,
Als man mich zur Tat erkoren,
Auszurotten diese Brut.
Bauern haben ausgesagt,
Da hier in des Schlosses Nhe,
In des nahen Weihers Schilf,
Den verfallnen Auenwerken
Sich verdchtig Volk gezeigt.
Drum erlaubt, mein edler Graf,
Da ich hier aus Euerm Schlosse,
Meiner Spher Suchen leite,
Stets bereit nach jeder Seite
Wo es Not tut abzugehn.
Bald, so hoff ich, ist's vorber.
Ringsum stehen meine Posten;
Wenn sich auch in Busch und Feld
Einer noch verborgen hlt
Sollen sie ihn tchtig fassen,
Ihm ist nur die Wahl gelassen
Zwischen Ketten, zwischen Tod.

Graf.
Dieses Schlo ist nicht mehr mein.
Bis Ihr Euer Werk vollendet,
Ist es Euer, ist des Knigs.
O wie lieb ich diesen Eifer,
Der das Rechte schnell ergreift
Und fest hlt, was er ergriffen.

Hauptmann.
Nicht mehr Lob, als ich verdiene.
Fhr ich hier des Rechtes Sache
Fhr ich meine auch zugleich.
Hat doch dieses Rubervolk
Mir mein Stammschlo berfallen,
Und geraubt, gebrannt, gemordet,
Da noch jetzt bei der Erinnrung
Mir das Herz im Busen bebt.
O mich drngt es, zu bezahlen
Was ich schwer nur schuldig bin.
Ich will schonen, grimmig schonen!
Nicht der Tod in Kampf und Schlacht
Werde dieser Brut zu Teile,
Nein, dem Rad, dem Henkerbeile
Sei ihr schuldig Haupt gebracht.

Berta.
Nicht doch!  Wollt Ihr Menschen richten,
Geht als Mensch ans blut'ge Werk!

Hauptmann.
Httet Ihr gesehn, mein Frulein,
Was ich sah, mit Schauder sah,
Ihr verschlsset Euer Herz,
Wieset das geschft'ge Mitleid
Gleich 'nem unverschmten Bettler
Von der streng geschlonen Tr.
Jene rauchenden Ruinen,
Von der Flamme Glut beschienen,
Greise zagend,
Weiber klagend,
Kinder weinend
An erschlagner Mtter Brsten
Durch die leergebrannten Wsten.
Und dazu nun der Gedanke,
Da die Geldgier, da die Habsucht
Wen'ger feiger Bsewichter--

Jaromir (vortretend und ihn hart anfassend).
Wollt Ihr dieses holde Wesen,
Ihrer Seele schnen Spiegel,
Der auf seiner klaren Flche
Rein die Schpfung stellet dar,
Weil er selber rein und klar,
Mit der Rachsucht gift'gem Hauch,
Mit des Hasses Atem trben!
Lat sie ses Mitleid ben,
Und in dem Gefallnen auch
Den gefallnen Bruder lieben.
O es lt der Binse wohl
Der gebrochnen Eiche spotten!

Hauptmann.
Rasch ins Feuer, wenn sie brach.

Jaromir.
Eure Zunge richtet scharf;
Doch was vorschnell sie gesndigt
Macht der Arm wohl zgernd gut.

Hauptmann.
Ha, wie nehm ich diese Worte?

Jaromir.
Nehmt sie, Herr, wie ich sie gab.

Hauptmann.
Wr' es nicht an diesem Orte--

Jaromir.
Legtet Ihr den Trotz wohl ab!

Hauptmann.
Warm seh ich Euch Rubern dienen!

Jaromir.
Wer in Not ist, zhl' auf mich!

Hauptmann.
Nah der Beste unter ihnen--

Hauptmann.
Ruft ihn!  Vielleicht stellt er sich!

Graf.
Jaromir, was mu ich hren!
Fhrt der Eifer dich so weit.
Magst du meinen Gast beleid'gen,
Kannst du Menschen wohl verteid'gen,
Welche selber sich verdammt.
Doch was gilt's, trotz dieser Hitze
Hab ich richtig dich erkannt,
Braucht es wen'ge Worte nur
Und dem Fehlgriff folgt die Reue,
Ja du folgst uns selbst ins Freie
Auf der Bsewichter Spur.

Jaromir.
Ich?

Graf.
Ja, du!

Jaromir.
Ich, nimmermehr!
Wie?  Ich sollte einen Armen,
Einen Stiefsohn des Geschicks,
Den die unnatrlich harte Mutter
Stiefgesinnt hinausgetrieben,
Fern von Wesen seiner Art
Zu des Waldes Nachtrevieren
Wo im Kreis von Raubgetieren
Selber er zum Raubtier ward,
Wie, ich sollt' ihm, wenn er naht,
Alles bietend was er hat,
Mit der Reue herben Zeichen,
Statt der Hand, um die er bat,
Meinen blut'gen Degen reichen?
Wer tut das, und ist ein Mann?
Einen Feind mir, der noch ficht,
Doch zum Hscher taug ich nicht!

Graf.
Und wenn ich nun selber gehe,
Und, des Knigs Lehensmann,
Diese Hscher fhre an,
Wirst du folgen?

Jaromir.
Ihr?

Graf.
Ja, ich.
Ich mag Menschenleben schonen,
Wei zu schtzen Menschenwert:
Doch la uns nicht grausam sein
Gegen unsre bessern Brder
Um den Schlimmen mild zu sein.
Ob das Herz auch ngstlich bebe,
La uns tun die strenge Pflicht,
Und damit der Gute lebe
Mit dem Mrder zum Gericht!

Jaromir.
Recht gesprochen!  Recht gesprochen!
Da die Kindlein ruhig schlafen,
Mit den Hunden vor die Tr!
Mir ein Schwert!  Ich will hinaus,
Will hinaus auf Menschenleben!
Ei, sie werden tchtig fechten!
Ist das Leben doch so schn,
Aller Gter erstes, hchstes,
Und wer alles setzt daran,
Wahrlich, der hat recht getan!
Waffen, Waffen!  Gebt mir Waffen!
Fort, hinaus!  auf Menschenleben!
Lat die Treiber fertig sein,
Und dann wacker losgejagt,
Bis der spte Morgen tagt!
Waffen!  Waffen!  Heda Waffen!

Berta.
Sagt' ich Euch es nicht, mein Vater?
Er ist krank, gefhrlich krank.

Jaromir.
Ist's doch nur gerechte Strafe!
Seht doch!  Konnten sie es wagen
Die Verruchten, rckzuschlagen,
Da auf sie das Schicksal schlug!
Menschen, Menschen!--Toller Wahn!
Auer uns wer geht uns an?
Fort hinaus aus unserm Kahn,
Der nur uns und Unsre fat,
Fort hinaus unntze Last!
Wenn empor ein Schwimmer taucht,
Schnell das Ruder wohl gebraucht.
Weg vom Rande deine Hnde,
Da sich unser Kahn nicht wende,
In dem Wellenstrudel ende!

Graf.
Jaromir, was ficht dich an?

Jaromir.
Ach verzeiht!  Kaum wei ich's selber!
Es ward mir die Jagdlust rege
Bei der frhlichen Erzhlung
Wie die Netze sei'n gestellt
Und nun bald das Wild gefllt.

Graf (zum Hauptmann).
Ihr verzeihet wohl, mein Herr,
Seht, der Unfall dieser Nacht,
Und dann noch so manches andre,
Hat sein Wesen so zerrttet,
Da er kaum er selber noch.

Hauptmann.
So bewegt, in dieser Stimmung
Ist nicht von Beleidigung,
Von Verzeihen nicht die Rede.
Pflegt der Ruhe, Herr von Eschen.
Unser widriges Geschft,
Hat's gleich seine gute Seite,
Taugt fr kein bewegt Gemt.

Berta.
Wohl, mein Lieber, folge mir.

Jaromir.
Nicht doch!  La mich!  La mich!  Sieh,
Mir ist wohl, wahrhaftig wohl.

Hauptmann.
Uns geziemt es vorzuschlagen,
Anzunehmen steht bei Euch,
Und so nehm ich denn jetzt Urlaub
Zu vollenden mein Geschft.

Graf.
Doch Herr, kennt Ihr auch die Ruber?
Da Ihr arglos stille Wandrer
Nicht belstigt ohne Not.

Hauptmann.
Kennen?  Ich nicht.  Denn im Dunkeln
berfielen wir sie heute,
Und in Kampfes blut'gem Ringen
Sieht man auf der Feinde Klingen
Mehr als auf ihr Angesicht:
Doch im Vorgemache drauen
Harret einer meiner Leute,
Der, von seinem Trupp getrennt,
Einst in ihre Hand geraten,
Der oft Zeuge ihrer Taten,
Und die Ruber alle kennt.
Heda!  Holla!

(Soldat kommt.)

Hauptmann.
Walter komme!

(Soldat ab.)

Graf.
Zwinge dich doch lnger nicht,
Jaromir, und geh zu Bette.
Leichenbla ist dein Gesicht
Und aus deinem dstern Auge
Blickt des Fiebers dumpfe Glut.
Geh zu Bette, lieber Sohn!

(Auf die Seitentre rechts zeigend.)

Hier in diesem stillen Zimmer
Soll nichts deine Ruhe stren.

Berta.
Jaromir, la dich erbitten.

Jaromir.
Wohl, ihr wnscht es, und es sei!
Fast fhl ich mich selber unpa.

(Das Schnupftuch an die Stirne pressend.)
(Walter kmmt.)

Hauptmann.
Komm!  Wir machen jetzt die Runde,
Und du folgst mir!

Walter.
Wohl Herr Hauptmann.

Hauptmann.
Ist dir dein Gedchtnis treu;
Wirst du jeden dieser Ruber
Wieder kennen, der sich zeigt?

Walter.
Sicher werd ich, sorget nicht!

Berta (Jaromir fhrend).
Wie du wankst!  Sieh, hier hinein!

(Jaromir geht durch die Seitentre rechts ab.)

Graf.
So, und jetzt geht denn mit Gott!

Hauptmann.
Eins ist vorher noch zu tun,
Meines Auftrags leichtste Hlfte,
Die mir hier zur schwersten wird.
Aber sei's, ich mu.--Gar manches
Scheint dem Menschen berflssig
Und ist's dem Soldaten nicht.
Mein Herr Graf, Ihr mgt erlauben,
Da ich Eures Schlosses Innres
Noch vor allem erst durchforsche.

Graf.
Dieses?  Meines Schlosses, Herr?

Hauptmann.
Streng gemessen ist mein Auftrag,
Jede Wohnung zu durchsuchen,
Wem sie sei, wem sie gehre,
Nach der flcht'gen Ruber Spur.
Mag ich ungestm erscheinen,
Ich erflle meine Pflicht.
Und zudem, Ihr mgt verzeihen,
Wer brgt Euch fr Eure Leute?

Graf.
Und wer Euch, denkt Ihr, fr mich!

Hauptmann.
Htt' ich wirklich Euch beleidigt,
So bedenkt--

Graf.
O lat das!  lat das!
Wird es mir denn nimmer klar
Welcher weite Abgrund scheidet
Das was ist von dem was war.
Mu es mich denn immer mahnen!
Ich gedachte meiner Ahnen,
Deren Wort hier, weit und breit
Mehr galt, als der hchste Eid,
Unter denen der Verdacht
Und des Argwohns finstre Macht,
Schamrot sich geweigert htten
Diese Hallen zu betreten.
Doch ich bin der Letzte und ein Greis!
Nun so glaubt denn Euren Augen!

(Die Tren nach der Reihe ffnend.)

Kommt und seht!--Hier dies mein Zimmer
Meiner Tochter Schlafgemach

(An der Tre von Jaromirs Gemach.)

Hier--

Berta.
O gnnt ihm Ruhe, Vater!

Graf.
Nun, Ihr saht ja erst vor kurzem
Meinen Eidam es betreten.

Hauptmann.
Ihr verlangt mich zu beschmen.

Graf.
Nur zu berzeugen, Herr!
Und nun kommt!

Hauptmann.
Wohin?

Graf.
Ins Freie
Mit Euch auf der Ruber Spur.

Hauptmann.
Wie, Ihr wolltet?

Graf.
Was ich mu.
Bin ich nicht Vasall des Knigs?
Und ich kenne meine Pflicht
Minder nicht als Ihr die Eure.
Drum ohn' eine zweite Mahnung
Lat uns gehen--

Berta.
O mein Vater!
So bedenkt doch!

Graf.
Still, mein Kind!
Hier hr ich nur eine Stimme
Und die hat bereits gesprochen.--
Kommt mein Herr, und sagt dem Knig,
Da ich Graf von Borotin
Kein Geno von Rubern bin,
Sagt, da in des Lwen Hhle,
Statt des krftigen, gesunden
Einen welken Ihr gefunden,
Der gebeugt und hilflos zwar (aufgerichtet)
Aber doch noch Lwe war.

(Ab mit dem Hauptmann.)

Berta.  Ach er geht, er hrt nicht, geht!
Lt mich hier allein zurck,
Der Verzweiflung preisgegeben
Und der Sorge Natterzahn.

Soll ich fr den Vater beben,
Frchten was dem Trauten droht?
Hab doch nur dies eine Leben
Warum zweifach mir den Tod!
(An der Tre von Jaromirs Gemach)
Jaromir!  Mein Jaromir!
Keine Antwort, alles stille,
Alles schweigend wie das Grab.

Wie bezhm ich diese Angst,
Wie bezhm ich dieses Bangen,
Das mir schwl wie Wetterwolken
Auf der schweren Brust sich lagert.

O ich seh es in der Ferne,
Es verhllen sich die Sterne,
Es erlischt des Tages Licht,
Der erzrnte Donner spricht,
Und mit schwarzen Eulenschwingen
Fhl ich es gehaltnen Flugs
Sich um meine Schlfe schlingen.
O ich kenn dich finstre Macht,
Ahne was du mir gebracht,
Mu ich's vor die Seele fhren!
O es heit, es heit verlieren,
Und des Unheils ganzes Reich
Kennt kein Schrecken deinem gleich
Weh!  Besitzen und verlieren!
Besitzen und verlieren!--

Wohin seid ihr goldne Tage?
Wohin bist du, Feenland?
Wo ich ohne Wunsch und Klage,
Mit mir selber unbekannt,
Lebte an der Unschuld Hand.

Wo ein Hnfling meine Liebe,
Eine Blume meine Lust,
Und der schmerzlichste der Triebe
Noch ein Fremdling dieser Brust.

War der Himmel auch umzogen,
Heiter strahlte doch mein Sinn
Und auf spiegelhellen Wogen
Taumelte das Leben hin.

Spielend in dem Strahl der Sonne,
Lockte mich des Bechers Rand,
Und ich trank der Liebe Wonne
Und ihr Gift aus seiner Hand.

Seit sein Arm mich hat umwunden,
Seit ich fhlte seinen Ku,
Ist das Feenland verschwunden
Und auf Dornen tritt mein Fu;

Dornen, die zwar Rosen schmcken,
Aber Dornen, Dornen doch,
In dem glhendsten Entzcken
Fhl ich ihren Stachel noch.

Sehnend wnsch ich seine Nhe,
Und er kommt.  Wie jauchzt die Braut!
Doch wie ich ins Aug' ihm sehe,
Werden innre Stimmen laut,

Tief im Busen scheint's zu sprechen
Wenn mein Blick in seinem ruht,
Deine Liebe ist Verbrechen,
Gottverhat ist diese Glut.

Jenes dumpfe, trbe Brten,
Seines Auges starrer Blick,
Scheint Entfernung zu gebieten
Und ich bebe bang zurck.

Doch will ich mich ihm entziehen,
Trifft sein Blick mich weich und warm,
Mit dem Willen zu entfliehen,
Flieh ich nur in seinen Arm,

Und wie der Charybde Tosen,
Erst von sich stt Schiff und Mann,
Dann verschlingt die Rettungslosen,
Stt er ab und zieht er an.

Wer mag mir das Rtsel lsen?
Ist es gut; warum so bang?
Ach und fhret es zum Bsen;
Woher dieser Himmelsdrang?

(Mit ausgebreiteten Armen.)

Kann mein Flehen dich erreichen,
Unerklrbar hohe Macht,
Die ob diesem Hause wacht,
So gib gndig mir ein Zeichen,
Einen Leitstern in der Nacht!

Ist es Tod--(Es fllt ein Schu.)
Ha!--Was war das?--Ein Schu!
Deut ich es das grause Zeichen?
Ward mein frevler Wunsch erhrt?--
Weh mir!--Weh!--Ich bin allein!--
Ha, allein?--Was streifte da
Kalt und wehend mir vorber!--
Bist du's geist'ge Snderin?--
Ha, ich fhle deine Nhe,
Ha, ich hre deinen Tritt!
(An der Tre von Jaromirs Gemach.)
Jaromir, wach auf, wach auf!
Schtze deine Berta!--Jaromir!
Nur ein Wort, nur einen Laut,
Da du wachst, da du mich hrst,
Da ich nicht allein!--Bei dir!--
Schweigst du?--Ha ich mu dich sehen,
Dich umfangen, dich umschlingen,
Sehen, fhlen da du lebst.

(ffnet die Tre und strzt hinein.  Es fllt noch ein Schu.
Heraustaumelnd.)

Haltet ein!  O haltet ein!
Alles leer!--das Fenster offen!
Er ist fort!--ist tot!  tot!--tot!

Ende des zweiten Aufzuges




Dritter Aufzug

Halle wie in den vorigen Aufzgen.


Berta (sitzt am Tische, den Kopf in die Hand gesttzt).
Liebe das sind deine Freuden,
Das Besitz ist deine Lust?
Wie sind dann der Trennung Leiden,
Und wie martert der Verlust?

(Sinkt in ihre vorige Stellung zurck.)
(Pause--Jaromir ffnet die Seitentre rechts, und will schnell zurck
da er jemanden erblickt.)

Berta.
Jaromir!--Du weichst zurck?
Weichst vor mir zurck?--O bleib!
Wie hab ich um dich gezittert,
O Geliebter, wie gebebt!
Sprich, wie fhlst du dich?

Jaromir (scheu und dster).
Gut!  Gut!

Berta.
Gut?  O da ich's glauben knnte!
Jaromir, wie siehst du bleich!
Gott!  Am Arm die Binde--

Jaromir.
Binde?

Berta.
Hier!

Jaromir.
Ei Scherz!

Berta.
Ein blut'ger Scherz!
Sieh das Blut hier an dem rmel.

Jaromir.
Hat's geblutet?  Possen, Possen!

Berta.
Rei mich doch aus dieser Angst!
Wo wardst du, und wie verwundet?

(Ihre Augen begegnen den seinigen, er wendet sich schnell ab.)

Berta.
Du erbebst?  du kehrst dich ab?

Jaromir (einige Schritte sich entfernend).
Nein ich kann nicht, kann nicht, kann nicht!
Seh ich diese reinen Zge,
Senkt zu Boden sich mein Blick
Und der finstre Geist der Lge
Kehrt zur finstern Brust zurck.
Hlle!  eh' du das begehrst,
La zuvor dies Herz sich wandeln,
Und soll ich als Teufel handeln,
Mache mich zum Teufel erst!

Berta.
Jaromir, ich la dich nicht!
Steh mir Rede, gib mir Antwort!
Wo wardst du und wie verwundet?

Jaromir (mit gesenktem Aug').
Schlafend ritzt' ich mich am Arme.

Berta.
Schlafend?  Du hast nicht geschlafen!
Sieh, ich war in deiner Kammer,
Du warst fort, das Fenster offen!

Jaromir (erschreckend).
Ha!

Berta.
Geliebter, la mich's wissen!
O du weit nicht, welche Bilder
Schwarz vor meine Seele treten.
Hei sie weichen!  Hei sie fliehn!
Wo wardst du, und wie verwundet?

Jaromir (mit Bedeutung).
Du begehrst's, so sei es denn!  (Mit Abstzen.)
Angelangt in meiner Kammer
Hrt' ich schieen, klirren, schreien--
Deinen Vater wut' ich unten--
Wollte helfen--schtzen--retten--
Wei kaum selbst mehr was ich wollte.  (Gefater.)
Wie ich nun so sinnend stehe,
Da gewahr ich einer Linde,
Die die frostentlaubten Aste
Bis zu jenem Fenster streckt.
Ich ergriff die starken Zweige,
Die sie hilfreich bot, und steige,
Unbesonnen, unbedacht
Rasch hinunter in die Nacht.
Hundert Schritte kaum gegangen--
Fllt ein Schu--Ob Freund ob Feind--
Wei ich nicht--genug--er traf.
Da erwacht' ich zur Besinnung,
Sah mit Schreck was ich gewagt.
Weiter gehen schien gefhrlich,
Drum eilt' ich zurck zur Linde,
Die herab mir half, und finde
Auch den Rckweg so zurck.

Berta.
Und bei allen dem befiel dich
Auch nicht ein, nicht ein Gedanke
Nur an mich, an meinen Schmerz.
Einem Einfall hingegeben,
Wagtest lieblos du dies Leben
Das zugleich das meine ist.
O du fhlst nicht so wie ich!
Wenn dich gleiche Sehnsucht triebe,
Wtest du wohl, da die Liebe
Auch das eigne Leben ehrt,
Weil's dem Teuern angehrt.

Jaromir (an seinem verwundeten Arm zerrend).
Tobe, tobe, heier Schmerz,
bertube dieses Herz!

Berta.
Warum zerrst du so am Arme?
Deine Wunde--

Jaromir.
Ist verbunden!

Berta.
Rauh die Schrpe umgewunden!
Harter, fhle meine Schmerzen,
Wenn du deine auch nicht fhlst.

Hier ist Balsam--hier ist Linnen--
Mir den Arm!  Ich will ihn heilen.
Reich mir ihn; ich will versuchen,
Ob es mir vielleicht gelingt,
Einen jener lieben Blicke,
Ein Geschenk in schnern Tagen,
Jetzt als Lohn davonzutragen.
Jaromir, ich will's versuchen,
Ob die Hand hier mehr erreicht,
Als dies Herz voll heier Triebe,
Ach und ob dein Dank vielleicht
Reicher ist, als deine Liebe, (Die Schrpe ablsend.)
Sieh doch nur, die schne Schrpe,
Die ich mhevoll gestickt,
Und auf die, statt reicher Perlen,
Manche Trne frommer Liebe,
Dir einst teurer Schmuck, gefallen,
Sieh, wie ist sie doch zerrissen.
Ach zerrissen, wie mein Herz!

(Sie verbindet ihn.  Die Schrpe fllt vor ihr auf den Boden hin.)

Berta.
Immer stumm noch, immer dster!
Ach du bist so sonderbar.
Im Gesichte wechselt Glut
Mit des Todes fahler Farbe,
Gichtrisch zuckt der bleiche Mund
Und dein Aug' sucht scheu den Grund.
Gott, du schreckst mich!

Jaromir (wild).
Schreck ich dich?

Berta.
Gt'ger Himmel, was war das?

Jaromir.
Horch!--Im Vorsaal--Hrst du?  Tritte!
Fort!

Berta.
Bleib doch!

Jaromir.
Nein, nein, nein!
Horch, man kmmt!--Schnell fort!  fort!  fort!

(Eilt ins Gemach zurck.)

Berta.
Ist er's noch?  Ist's noch derselbe?
Wie er bebte, und erblich,
Wie sein Aug' zu Boden sank!
Himmel!  Wie er's auch verhehle,
Schwer ist noch sein Krper krank,
Oder--schwerer seine Seele.

Ein Soldat (kmmt, ein abgerissenes Stck von einer Schrpe in der
Hand).
Ihr verzeiht!  Ist hier mein Hauptmann?

Berta.
Nein, mein Freund.

Soldat.
Wo mag der sein?
Erst war er bei unsern Posten,
Und jetzt nirgends aufzufinden.
Glaubt' ihn schon zurckgekehrt
Um der Ruhe hier zu pflegen.

Berta.
Und mein Vater?--

Soldat.
Ist bei ihm!
Habt nicht Angst, mein holdes Frulein.
An den Rubern ist's zu zittern,
Denn wir sind auf ihrer Spur.
Zielte Kurt ein bichen schrfer,
Oder hatt' ich beres Glck,
War der Ruberhauptmann unser.
Ja der Hauptmann!  Staunt nur Frulein.
Ei, ich war ihm nah genug
Um ihn wieder zu erkennen!
Wie er da so um die Mauern
Und durch die Gebsche kroch,
Da scho Kurt nach ihm, und brav,
Denn, bei meiner Treu, es traf,
Hier, am Arme.

Berta.
Gott!--Am Arme?

Soldat.
Ja, am Arm, 's flo Blut darnach.
Taumelnd wankt' er hart und schwer,
Und es wollt' uns fast bednken,
Jetzt mss' er zu Boden sinken.
Wie ich ihn so wanken sehe,
Ich hervor, und auf ihn hin.
Hart fat' ich ihn an am Grtel
Und am Hals mit starker Hand,
Trotz dem Struben, trotz dem Ringen,
Meint' es msse mir gelingen:
Doch bald war er aufgerafft,
Packte mich mit Riesenkraft,
Wie ich mich verzweifelt wehrte,
Mut' ich dennoch auf die Erde
Und der Hllensohn verschwand.
Ob wir rasch gleich nach ihm setzen,
All umsonst, und dieser Fetzen,
Blieb statt ihm in meiner Hand.

(Das Stck der Schrpe hinhaltend.)

Berta (es erkennend).
Ha!

(Sie lt ihr Schnupftuch auf die Erde fallen, so da es die am Boden
liegende Schrpe bedeckt, und steht zitternd.)

Soldat.
Ei ja mein schnes Frulein.
Glaubt, frwahr es ist kein Scherz
Dem da in den Weg zu treten.
Ich war lang in seinen Klauen,
Und noch jetzt denk ich mit Grauen,
Mit Entsetzen jener Zeit.
Wenn er so nach seiner Weise
Stand in der Gefhrten Kreise,
Mit dem dunkel glhnden Blick,
Wie da nicht ein Laut entschwebte,
Und der Mutigste selbst bebte,
Und der Ungestmste schwieg.
Bis er mchtig dann begann:
Frisch Genossen, drauf und dran!
Jeder zu den Waffen eilte,
Und der wilde Haufen heulte,
Da es bis gen Himmel drang
Und die Gegend rings erklang.
Und dann fort der ganze Tro,
Er vorauf auf schwarzem Ro,
Wie des Teufels Kampfgeno,
Hei von Wut und Rachgier glhend,
Blitze aus den Augen sprhend.
Wo der Haufe sich lie sehen
War's um Menschenglck geschehen;
Nichts verschonte ihre Wut,
Alles nieder!  Menschenblut
Rauchte auf der den Sttte
Mit den Trmmern um die Wette.
Schaudert ihr?  Es ist darnach.
Doch gekommen ist der Tag,
Wo auch ihnen wird ihr Lohn
Und der Henker wartet schon.

Berta.
Weh!

Soldat (den Fetzen auf den Tisch werfend).
Da lieg unntzes Stck.
Will noch mal hinaus zum Tanz,
Und was gilt's, ich bring ihn ganz!
Gott befohlen, schnes Frulein!  (Ab.)

Berta.
Weh mir weh!--Es ist geschehn!

(In den Sessel strzend, und die Hnde vors Gesicht schlagend.)

Jaromir (die Tre ffnend).
Ist er fort?--Was fehlt dir Berta?

Berta (deutet mit abgewandten Blicken auf das am Boden liegende
Schnupftuch hin).

Jaromir (es aufhebend).
Meine Schrpe!

Berta (hlt ihm das abgerissene Stck vor, mit bebender Stimme).
Ruber!

Jaromir (zurcktaumelnd).
Ha!
Nun wohlan, es ist geschehn!
Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen,
Den die Wolke lang getragen,
Und ich atme wieder frei.
Fhl ich gleich es hat getroffen,
Ist vernichtet gleich mein Hoffen,
Doch ist's gut, da es vorbei!
Jene Binde mute reien
Und verschwinden jener Schein;
Soll ich zittern das zu heien,
Was ich nicht gebebt zu sein?
Nun braucht's nicht mehr zu betrgen,
Fahret wohl ihr feigen Lgen,
Ihr wart niemals meine Wahl:
Da ich es im Innern wute,
Und es ihr verschweigen mute,
Das war meine gift'ge Qual.
Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen,
Das Gewitter ist vorbei;
Frei kann ich nun wieder sagen
Was ich auf der Brust getragen,
Und ich atme wieder frei.--

Ja ich bin's, du Unglcksel'ge,
Ja ich bin's, den du genannt!
Bin's den jene Hscher suchen,
Bin's dem alle Lippen fluchen,
Der in Landmanns Nachtgebet
Hart an an dem Teufel steht;
Den der Vater seinen Kindern
Nennt als furchtbares Exempel,
Leise warnend: Htet euch,
Nicht zu werden diesem gleich!
Ja ich bin's, du Unglcksel'ge,
Ja ich bin's, den du genannt!
Bin's den jene Wlder kennen,
Bin's den Mrder: Bruder nennen,
Bin der Ruber Jaromir!

Berta.  Weh mir, wehe!

Jaromir.
Bebst du Mdchen?
Armes Kind, schon bei dem Namen
Fat es dich mit Schauder an?
La dich nicht so schnell betren,
Was du schauderst anzuhren,
Mdchen, das hab ich getan!
Dieses Aug', des deinen Wonne,
War des Wanderers Entsetzen;
Diese Stimme, dir so lieblich,
War des Ruberarms Gehilfin
Und entmannte bis er traf;
Diese Hand, die sich so schmeichelnd
In die deinige getaucht,
Hat von Menschenblut geraucht!

Schttle nicht dein ses Haupt,
Ja ich bin's, du Unglcksel'ge!
Weil die Augen Wasser blinken,
Weil die Arme kraftlos sinken,
Weil die Stimme bebend bricht,
Glaubst du, Kind, ich sei es nicht?
Ach der Ruber hat auch Stunden,
Wo sein Schicksal, ganz empfunden,
Solche Tropfen ihm erpret.
Berta, Berta, glaube mir,
Dessen Augen jetzt in Weinen
Fruchtlos suchen nach den deinen,
Ist der Ruber Jaromir!

Berta.
Himmel!  Fort!

Jaromir.
Ja du hast recht!
Fast verga ich wer ich bin!
Feige Trnen fahret hin!
Darf ein Ruber menschlich fhlen?
Darf sein heies Auge khlen
Einer Trne kstlich Na?
Fort!  Von Menschen ausgestoen,
Sei dir auch ihr Trost verschlossen,
Dir Verzweiflung nur und Ha!
Wie ich oft mit mir gestritten,
Wie gerungen, wie gelitten,
Darnach frgt kein Menschenrat.
Vor des Blutgerichtes Schranken
Richtet man nicht die Gedanken,
Richtet man nur ob der Tat!

Nun, so weiht mich eurem Grimme,
Willig steig ich aufs Schafott,
Doch zu dir ruft meine Stimme,
Auf zu dir du heil'ger Gott!
Du hrst gtig meine Klagen,
Dir Gerechter will ich's sagen,
Was mein wunder Busen hegt,
Du, mein Gott, wirst gndig richten,
Und ein Herz nicht ganz vernichten,
Das in Angst und Reue schlgt.

Unter Rubern aufgewachsen,
Gro gezogen unter Rubern,
Frh schon Zeuge ihrer Taten,
Unbekannt mit milderm Beispiel,
Mit dem Vorrecht des Besitzes,
Mit der Menschheit sen Pflichten,
Mit der Lehre Lebenshauch,
Mit der Sitte heil'gem Brauch;
Wirst du wohl den Ruberssohn,
Wirst Gerechter ihn verdammen,
Menschenhnlich, schroff und hart,
Wenn er selbst ein Ruber ward!
Ihn verdammen, wenn er bte,
Was die taten, die er liebte,
Und an seines Vaters Hand,
Dem Verbrechen sich verband.
Weit du doch, wie beim Erwachen
Aus der Kindheit langem Schlummer,
Er mit Schrecken sich empfand,
Seinem schwarzen Lose fluchte,
Zweifelnd einen Ausweg suchte,
Suchte, Himmel, und nicht fand.
Weit du doch, wie seit den Stunden,
Als ich sie, ich sie gefunden,
Die mich nun bei dir verklagt,
Meinem wsten Tun entsagt;
Weit du--Doch wozu die Worte!
Wie mein Herz auch schwellend bricht,
Bleibt versperrt des Mitleids Pforte,
Du weit alles, ew'ges Licht,
Und die Harte hrt mich nicht.
Ab von mir bleibt sie gewendet.--
Nun wohlan, so sei's vollendet!
Ach, geendet ist's ja doch!
Ob mein Blut die Erde rtet:
Hat doch sie mich schon gettet,
Henker, sprich!  Was kannst du noch?

(Geht rasch der Tre zu.)

Berta (aufspringend).
Jaromir!--Halt ein!

Jaromir.
Was hr ich?
Das ist meiner Berta Blick!
Ihre Stimme tnt mir wieder,
Und auf goldenem Gefieder
Kehrt das Leben mir zurck.

(Auf sie zueilend.)

Berta!  Berta!  Meine Berta!

Berta.
La mich!

(Sie eilt fliehend gegen den Vorgrund.  Jaromir erreicht sie und fat
ihre Hand, die sie nach einigem Widerstreben in seiner lt.  Sie
steht mit abgewandtem Gesichte.)

Jaromir.
Nein, ich la dich nicht!
Ach soll denn der Unglcksel'ge,
Kaum dem Schiffbruch nur entgangen,
Dem die Kraft schon schwindend sinkt,
Treibend auf der Wasserwste,
Denn umklammern nicht die Kste,
Die ihm reich entgegenblinkt?
Nimm mich auf, o nimm mich auf!
Was aus meinem frhern Leben
Noch mir hafte, noch mir bliebe,
Alles, bis auf deine Liebe,
Als unwrdig deinem Blick,
Sto ich's in die Flut zurck;
Als ein neues, reines Wesen,
Wie aus meines Schpfers Hand,
Lieg ich hier zu deinen Fen
Um zu lernen, um zu ben.

(Ihre Kniee umfassend.)

Nimm mich auf!  O nimm mich auf!
Mild, wie eine Mutter, leite
Mich, dein Kind, wie's dir gefllt,
Da mein Fu nicht strauchelnd gleite
In der neuen, fremden Welt.
Lehr mich deine Wege treten,
Glck gewinnen, Glck und Ruh',
Lehr mich hoffen, lehr mich beten,
Lehr mich heilig sein wie du!

Berta, Berta, und noch immer,
Und noch immer fllt kein Blick
Auf den Flehenden zurck?
Meine Berta, sei nicht strenger,
Als der strenge Richter, Gott;
Der mit seiner Sonne Strahlen
In des Snders letzten Qualen
Noch vergoldet das Schafott.--
Ha ich fhle--dieses Beben--
Ja--du bist mir rckgegeben!

(Die schwach sich Strubende in seine Arme ziehend.)

Berta!  Mdchen!  Gattin!  Engel!

(Aufspringend.)

Strze jetzt die Erde ein!
Ist doch hier der Himmel mein!

Berta.
Jaromir, ach Jaromir!

Jaromir.
Fort jetzt Trnen, fort jetzt Klagen!
Mag das Schicksal immer schlagen,
Wenn dein Arm mich, Teure, hlt,
Trotz ich einer ganzen Welt.

Meine Schuld ist ausgestrichen,
Jubelnd bin ich mir's bewut,
Und Gefhle, lngst verblichen,
Blhen neu in dieser Brust.

Wieder bin ich aufgenommen
In der Menschheit heil'gem Rund,
Und des Himmels Geister kommen
Segnend den erneuten Bund.

Unschuld mit dem Lilienstengel,
Liebe mit der goldnen Frucht,
Hoffnung, jener Friedensengel,
Der sich jenseits Kronen sucht.

Nun strmt immer, wilde Wogen,
Schwellt in himmelhohen Bogen,
In des Hafens sichrer Hut
Lach ich der ohnmcht'gen Wut.

Und nun hre, meine Berta!
Lange noch eh' ich dich kannte,
Dacht ich schon auf knft'ge Flucht.
Weit von hier, am fernen Rhein
Ist ein Schlo, ein Gtchen mein,
Gelder, Wechsel stehn bereit,
Fertig wie mein Wink gebeut.
Dorthin, wo mich niemand kennt,
Wo man mich: von Eschen nennt,
Nach dem stillen Gtchen hin,
Dahin, Berta, la uns fliehn.
Dort fang ich auf neuer Bahn
Auch ein neues Leben an,
Und nach wenig kurzen Jahren,
Dnkt uns was wir frher waren
Wie ein altes Mrchen, kaum
Klarer als ein Morgentraum.

Berta.
Fliehen soll ich?

Jaromir.
Kann ich bleiben?
Kann ich fliehen ohne dich?

Berta.
Und mein Vater?

Jaromir.
Weib, und ich?
Wohl so bleib, auch ich will bleiben!
Hier, hier sollen sie mich finden,
Fassen, wrgen, fesseln, binden,
Hier vor deinem Angesicht.
Wohl, so bleib du gute Tochter,
Pflege deinen grauen Vater,
Fhr lustwandelnd ihn hinaus,
Hin zu jener schwarzen Sttte,
Wo auf sturmdurchwehtem Bette
Im durch dich vergonen Blut
Dein ermordet Liebchen ruht.
Zeig ihm dann am Rabensteine
Jene modernden Gebeine--

Berta.
Ach, halt ein!

Jaromir.
Du willst?

Berta (halb ohnmchtig).
Ich will!

Jaromir.
So hab Dank, hab Dank, mein Leben!
Schnell jetzt fort, ich kann nicht weilen;
Hier wird mich ihr Arm ereilen,
Meine Spur ist schon entdeckt.
Dieses Schlo wird man durchspren,
Sie durch die Gemcher fhren
Denn ihr Argwohn ist geweckt.
Abwrts suchen jetzt die Spher,
Dieses Schlosses Auenwerke,
Seine halbverfallnen Gnge
Sind dem Ruber lngst bekannt.
Dorthin will ich mich verbergen,
Bis der Augenblick erscheint,
Der auf ewig uns vereint.

Wenn erschallt die zwlfte Stunde
Und kein lebend Wesen wacht,
Nah ich leise, leis im Bunde
Mit der stillen Mitternacht.

Im Gewlbe, wo in Reihen
Deiner Vter Srge stehn,
Fhrt ein Fenster nach dem Freien,
Dort, mein Kind, sollst du mich sehn--

Und schnell eil ich, wenn das Zeichen
Von der lieben Hand erschallt,
Schnell dahin, wo unter Leichen,
Mir dies liebe Leben wallt.

Dort an deiner Vter Srgen,
Die Verdacht und Argwohn fliehn,
Soll die Liebe sich verbergen,
Und dann schnell ins Weite hin!

Also kommst du?

Berta (leise).
Ja, ich komme!

Jaromir.
Also willst du?

Berta.
Ja, ich will!

Jaromir.
Jetzt leb wohl, denn ich mu fort;
Da sie uns nicht berraschen.
Lebend soll man mich nicht haschen.
Doch noch eins!  Kind, schaff mir Waffen!

Berta.
Waffen?  Waffen?  Nimmermehr!
Da du von Gefahr gedrngt,
Selber nach dem eignen Leben--

Jaromir.
Sei nur unbesorgt, mein Kind.
Seit ich wei wie du gesinnt,
Seit ich deinen Schwur gehrt,
Hat mein Leben wieder Wert.
Auch bedrft' es nicht der Waffen.
Um mir Freiheit zu verschaffen,
Wr' dies Flschchen wohl genug.

Berta.
Fort dies Flschchen!

Jaromir.
Kind, warum?

Berta.
Glaubst du denn, mir wrde Ruh',
Glaubst ich knnt' es bei dir wissen
Ohne da mein Herz zerrissen?

Jaromir.
Macht's dich ruhig, nimm es hin!

(Das Flschchen auf den Tisch werfend.)

Doch nun schaff mir Waffen, Waffen!

Berta.
Waffen?  Ach woher?

Jaromir.
Ei hngt nicht,
Hngt denn nicht an jener Mauer
Dort ein Dolch?

Berta.
Ach la ihn, la ihn!
Zieh ihn nicht aus seiner Scheide,
Unglck hngt an dieser Schneide.
Von dem Dolche, den du siehst,
Ward der Ahnfrau unsers Hauses
Einst in unglcksel'ger Stunde
Eingedrckt die Todeswunde.
Als ein Zeichen hngt er da
Von dem nchtlichen Verhngnis
Das ob unserm Hause brtet.
Blut'ges hat er schon gesehn,
Blut'ges kann noch jetzt geschehn!

(Die Ahnfrau erscheint hinter den beiden, die Hnde, wie abwehrend,
gegen sie ausgestreckt.)

Berta.
Was starrst du so grlich hin?
Mann du zitterst?  Ich auch bebe!
Grabesschauer fat mich an,
Leichenduft weht um mich her!

(Sich an ihn schmiegend.)

Ich erstarre!  Ich vergehe!

Jaromir.
La mich!--Diesen Dolch da kenn ich!

Berta.
Bleib zurck!  Berhr ihn nicht!

Jaromir.
Sei gegrt, du hilfreich Werkzeug!
Ja du bist's, frwahr du bist's!
Wie ich dich so vor mir sehe
Tauchen ferner Kindheit Bilder,
Lang verborgen, lang entzogen
Von des Lebens wilden Wogen,
Wie der Heimat blaue Berge,
Auf aus der Erinnrung Flut.--
An dem Morgen meiner Tage
Hab ich dich schon, dich gesehn.

Seitdem durch die Nacht des Lebens
Schwebtest du mir grlich vor
Wie ein blutig Meteor.
In der flucherfllten Nacht,
Als ich auf der ersten Stufe
Meinem furchtbaren Berufe
Scheu die Erstlinge gebracht,
Da sah ich mit bleichem Schrecken
In der Wunde, die ich schlug,
Statt des Dolches, den ich trug,
Deine, deine Klinge stecken.
Und seit jenem Schreckenstag
Blieb dein Bild mir immer wach!
Sei gegrt, du hilfreich Werkzeug!
Lockend seh ich her dich blinken,
Und mein Schicksal scheint zu winken.
Du bist mein!  Drum her zu mir!

(Drauf los gehend.)

Berta (zu seinen Fen).
Ach, halt ein!

Jaromir (immer unverwandt auf den Dolch blickend).
Weg da!--Zurck!

(Er nimmt den Dolch.  Die Ahnfrau verschwindet.)

Jaromir.
Was ist das?  Was ist geschehn?
Als du dort noch flimmernd hingst,
Schien von deiner blut'gen Schneide
Auszugehn ein glhend Licht,
Das durch der Vergangenheit
Nachtumhllte Nebeltler,
Scheu, mit mattem Strahle flammte.
Und Gestalten, oft gesehn,
Wie in einem frhern Leben
Fhlt' ich ahnend mich umschweben.
Diese Hallen grten mich
Dies Gert schien mir zu winken,
Und in meines Busens Grnden
Schien ich mir mich selbst zu finden.
Und jetzt ausgelscht, verweht,
Wie ein Blitzstrahl kommt und geht.

Berta.
Diesen Dolch!  O leg ihn hin!

Jaromir.
Ich, den Dolch?  Nein, nimmermehr!
Er ist mein, ist mein, ist mein!
Ei frwahr ein tchtig Eisen!
Wie ich ihn so prfend schwinge
Wird mit eins mir guter Dinge
Und mein innres Treiben klar.
Wen's mit dir, mein guter Stahl,
Mir gelingt so recht zu fassen,
Der wird mich wohl ziehen lassen
Und kmmt nicht zum zweitenmal.
Nun leb wohl, leb wohl mein Kind!
Mutig!  Froh!  Die Zukunft lacht!
Und gedenk!--Um Mitternacht!

(Mit erhobenem Dolche ins Seitengemach ab.)

Ende des dritten Aufzuges




Vierter Aufzug

Halle wie in den vorigen Aufzgen.  Lichter auf dem Tische.  Berta
sitzt, den Kopf in die flachen Hnde und diese auf den Tisch gelegt.


Gnther (kommt).
Ihr seid hier, mein gnd'ges Frulein?
Mgt Ihr weilen so allein
In den dsteren Gemchern
Und in dieser, dieser Nacht?
Wahrlich, eine schreckenvollre
Hat dies Aug' noch nie gesehn.
Wimmernd heult der Sturm von auen
Und im Innern schleicht Entsetzen
Sinnverwirrend durch das Schlo.
Auf den dunkeln Stiegen rauscht es,
Durch die den Gnge wimmert's,
Und im Grabgewlbe drunten
Poltert's mit den morschen Srgen,
Da das Hirn im Kreise treibt
Und das Haar empor sich strubt.
Manches steht uns noch bevor,
Wandelt doch die Ahnfrau wieder;
Und man wei aus alten Zeiten,
Da das Groes zu bedeuten,
Schweres anzuknden hat,
Unglck oder Freveltat!

Berta.
Unglck oder Freveltat?
Unglck, ach und Freveltat.--
Reichte nicht das Unglck hin
Dieses Dasein zu vernichten,
Warum noch den schweren Frevel
Laden auf die wunde Brust?
Warum, du gerechtes Wesen,
Noch mit des Gewissens Fluch
Deinen harten Fluch verschrfen?
Warum, Gott, zwei Blitze werfen,
Wo's an einem schon genug?

Gnther.
Ach, und Euer grauer Vater
Drauen in dem Wintersturm
Blogestellt der Wut des Wetters
Und der blut'gen Ruber Dolch!

Berta.
Dolch?--Was sagst du?--Welcher Dolch?
Gab ich?  Nahm er nicht?

Gnther.
Liebes Frulein,
Lat den Mut nicht ganz entweichen!
Alle diese trben Zeichen
Sind ja doch nur Wetterwolken,
Die des Sturmes Nahn verknden:
Doch nicht alle Donner znden,
Und des Blitzes glhnder Brand
Liegt in Gottes Vaterhand.

Berta.
Du hast recht.--In Gottes Hand!
Du hast recht!--Ja ich will beten!
Er wird Hilf' und Trost verleihn;
Er kann schlagen, er kann retten,
Er kann strafen und verzeihn!

(Am Sessel niederknieend.)

Gnther (ans Fenster tretend).
Es erhellet sich die Gegend,
Fackeln streifen durch das Feld.
Man verfolgt den Rest der Ruber,
Der sich hier verborgen hlt.

Berta (knieend).
Heil'ge Mutter aller Gnaden,
La mich dir mein Herz entladen,
Aus mich schtten meinen Schmerz;
Mild, mit weichem Finger streife
Von der Brust den Kummer, trufe
Balsam in dies wunde Herz!

Gnther.
Rund herum im Kreis sie stehen,
Jeder Ausweg ist verstellt.
Da mag keiner wohl entgehen,
Wie er sich verborgen hlt.

Berta (in steigender Angst).
Hll ihn ein in deinen Schleier
Den Geliebten, mir so teuer,
Er ist ja zurckgekehrt!
Wollest gndig ihn bewahren!
Fhr ihn durch der Spher Scharen,
Fhr ihn durch der Feinde Schwert!

Gnther.
Wr' doch Euer Vater hier.
Da es ihn hinausgetrieben!
Wr' er doch bei uns geblieben,
Wenn--mit Schaudern denk ich's mir!

Berta.
Schau herab vom Sternensitze,
Und auch ihn, auch ihn beschtze,
Dem man schon so viel geraubt;
Was den Teuern, Lieben druet,
Sei auf dieses Haupt gestreuet,
Sei gelegt auf dieses Haupt!

Gnther.
Jetzt scheint etwas auf gesprt!
Alles eilt der Mauer zu.
Setzt er sich auch noch zur Wehr,
Der entkmmt wohl nimmermehr.

Berta (in hchster Angst, fast schreiend).
Wend es ab!--Ach, wende!  wende!
Hier erheb ich meine Hnde.
Oder ende!--ende!--ende!

(Pause.--Beide horchen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.  Berta
richtet sieh langsam auf.)

Gnther.
Horch!--Ein Schrei!

Berta.
Ein Schrei!

Gnther.
Wieder Stille.

Berta.
Wieder Stille--

Gnther.
Himmel!  War das nicht die Stimme?

Berta.
Wessen Stimme?

Gnther.
Fort Gedanke!
Das zu denken wr' schon Tod!

Berta.
Wessen Stimme?

Gnther.
Ei nicht doch!
Alle stehen sie versammelt
Rings um einen Gegenstand,
Der, so scheint's, am Boden liegt.

Berta.
Liegt?  Am Boden liegt?

Gnther,
Ich kann
Nicht hinvor bis dahin blicken,
Denn des Hauses scharfer Vorsprung
Hemmt die Aussicht nach der Seite.
Doch dnkt mich an jener Linde,
Die das Fenster dort beschattet--

Berta.
An der Linde?

Gnther.
Ja, so dnkt mich.

Berta.
An der Linde?--Liegt am Boden?

Gnther.
Wie ich sagte.  Also scheint's.

Berta.
Gott, mein Jaromir!

Gnther.
Ei Frulein,
Der schlft ruhig in der Kammer.

Berta.
Schlft?  Ach schlft um nie zu wachen!

Gnther.
Horch, man kmmt.--Da lat uns fragen
Was sich unten zugetragen.

(Hauptmann kommt.)

Hauptmann (eintretend).
Heda!  Betten!  Tcher!  Betten!

Gnther.
Ach sagt an doch, edler Herr!

Berta (steht bewegungslos).

Hauptmann.
Ihr auch hier, mein holdes Frulein?
Darauf war ich nicht bereitet.
Hilfe wollt' ich hier begehren,
Nicht des Unglcks Bote sein.
Euer Vater ist--

Berta (schnell).
Und Er?

Hauptmann.
Wer, mein Frulein?

Berta.
Und--die Ruber?

Hauptmann.
Noch ist es uns nicht gelungen.
Ach und Euer Vater--

Berta.
Nicht?--
Nun habt Dank fr Eure Botschaft!  2

Hauptmann.
Botschaft?  Welche Botschaft?

Berta.
Da--
Ich erwarte wollt' ich sagen,
Ich erwarte Eure Botschaft.

Hauptmann.
Hrt sie denn mit wenig Worten.--
Euer Vater ist verwundet.

Berta.
Ist verwundet?  Wie, mein Vater?
O ich will ihn pflegen, warten,
Sorglich heilen seine Wunden,
Und er soll gar bald gesunden
An der Tochter frommen Brust.

Hauptmann.
Nun mich freut's, da meine Botschaft,
Euch gefater, mut'ger trifft,
Als ich frchtete und--hoffte.

Gnther.
Also war's doch seine Stimme!
Ich will alsogleich hinaus--

Hauptmann.
Bleib!  Bereite lieber alles,
Denn man bringt ihn schon hierher.
Hart traf ihn der Sto des Rubers--

Berta.
Ha!--des Rubers?

Hauptmann.
Wohl, des Rubers;
Wessen sonst?  Doch ja, Ihr wit nicht.--
Wir durchstreiften rings die Gegend,
Euern Vater in der Mitte,
Denn trotz meiner warmen Bitte,
Blieb er, tief die Krnkung fhlend,
Die ich schuldlos ihm gebracht,
Helfend, leitend unter uns--
Horch!  Da rauscht's durch die Gebsche,
Und die Wachen rufen's an.
Keine Antwort.  Meine Leute
Froh ob der gefundnen Beute
Strzen jubelnd drauf und dran.
Und nach einem jener Gnge
Die in wildverworrner Menge,
Halb verfallen, weit umhin
Dieses Schlosses Wall umziehn,
Sahn wir einen Schatten fliehn.
Euer Vater stand der Nchste,
Und mit vorgehaltnem Degen
Strzt er jugendlich verwegen,
Nach dem Ruber in den Gang.
Da ertnt ein matter Schrei.
Eilig strzen wir herbei.
Euer Vater liegt am Boden,
Ohne Leben, ohne Odem,
Seiner selbst sich nicht bewut,
Einen Dolch in seiner Brust.

Berta.
Einen Dolch?

Hauptmann.
Ja, liebes Frulein!

Berta.
Einen Dolch?

Hauptmann.
Ja, einen Dolch.

Berta.
Fort!  hinaus!  hinaus!  hinaus!

Hauptmann (sie zurckhaltend).
Bleibt doch, liebes Frulein, bleibt doch!
Seht man bringt ihn.--

(Soldaten und Diener bringen den Grafen auf einer Tragbahre, die sie
in der Mitte der Bhne niedersetzen.)

Berta.
Gott!  Mein Vater!
Lat mich!  Lat mich!

Hauptmann.
Ruhig, Frulein!
Denn Ihr ttet Euch und ihn!
Ruhig!

Berta.
Ruhig?--Lat mich!  Lat mich!

(Sich losreiend und an der Bahre niederstrzend.)

Vater!  Vater!  O mein Vater!

Graf (in Abstzen).
Ah bist du es, meine Berta?
Gutes Mdchen, armes Kind,
Armes, armes, armes Kind!

Berta.
Vater, mir nicht diese Gte,
Vater, mir nicht diese Huld,
Sie vergrert meine Schuld!

Graf.
Wenn in jenem Augenblicke
Bei der Fackeln fernem Licht
Mich getuscht mein Auge nicht,
Wenn er's war, er den ich meine--
Armes, armes Kind, dann weine
Um dich selber, nicht um mich!
Wo ist Jaromir?

Berta (bebend, leise).
Ich wei nicht.

Graf.
Wo ist Jaromir, mein Kind?

Berta (ihr Gesicht in die Kissen verbergend).
Vater!  Vater!

Graf.
Nun, es sei!
Fahre wohl denn, fahre wohl
Meine letzte, einz'ge Hoffnung!
Wohl, die Sonne ist hinunter,
Ausgeglimmt der letzte Schein,
Dunkle Nacht bricht rings herein.
Es ist Schlafens-, Schlafenszeit!--
Gutes Mdchen, armes Kind,
Klage, dulde, leide, stirb!
Dir kann nimmer Segen werden,
Fr dich gibt's kein Glck auf Erden,
Bist du ja doch meine Tochter,
Bist doch eine Borotin.

Gnther.
Haltet ein, mein gnd'ger Herr!
Eure matte, wunde Brust
Leidet unter Eurem Sprechen.

Graf.
La mich, treuer Diener, la mich
Noch einmal, am Rand des Grabes,
Diesem wsten, wirren Leben,
Wst und rauh und dennoch schn,
Noch einmal ins Auge sehn.
Seine Freuden, seine Leiden
Mich zum letzten, letzten Abschied,
Noch einmal als Mensch mich fhlend,
Drcken an die Menschenbrust.
Noch zum letzten Male schlrfen
Aus dem bittersen Becher--
Und dann Schicksal nimm ihn hin!

Berta.
Vater, nein!  Nicht sterben!--Nein!
Nein, Ihr drft nicht, drft nicht sterben!
Seht, ich klammre mich an Euch
Seht, Ihr drft, Ihr knnt nicht sterben!

Graf.
Willst du mit den Kinderhnden
In des Schicksals Speichen greifen?
Seines Donnerwagens Lauf
Hlt kein sterblich Wesen auf.

(Ein Soldat kmmt.)

Soldat (zum Hauptmann).
Eben hat man einen Ruber,
Der im Schilfe lag verborgen
Von dem nahgelegnen Weiher,
Edler Herr, hier eingebracht.

Graf.
Einen Ruber?

Berta.
Gt'ger Gott!

Graf.
Jngling noch?  Von schlankem Wuchse?

Soldat.
Nein, Herr Graf, beinah schon Greis.
Er verlangt mit Euch zu sprechen.
Wicht'ges hab' er zu verknden,
Wichtiges fr ihn und Euch.

Hauptmann.
Mag der Bsewicht es wagen
Dieses Mannes letzte Stunden--

Graf.
Lat ihn kommen, lieber Herr!
Hat er sich gen mich vergangen,
Will ich sterbend ihm verzeihn,
Oder ward vielleicht von mir
Ihm Beleid'gung oder Unbild,
Soll ich aus dem Leben scheiden
Mit des Armen Fluch beschwert?

Hauptmann.
Wohl, er komme!

(Soldat ab.)

Gnther.
Gnd'ger Herr,
Unbequem ist dieses Lager.
Ihr erlaubt es wohl, wir tragen
Euch in Euer Schlafgemach.

Graf.
Nein, nicht doch!  Hier will ich bleiben,
Hier in dieser heil'gen Halle:
Die des Knaben muntre Spiele,
Die des Jnglings bunte Trume,
Die des Mannes Taten sah,
Soll auch sehn des Greises Ende.
Hier, wo meiner Ahnen Geister
Mich mit leisem Flug umschweben,
Hier, wo von den hohen Wnden
Eine lange, wrd'ge Reihe,
Die noch jetzt der Ruhm erhebt,
Niederschaut auf ihren Erben,
Wo die Vter einst gelebt,
Soll der letzte Enkel sterben!

(Boleslav tritt ein, von Wachen gefhrt.)

Boleslav (sich auf die Kniee niederwerfend).
Gnd'ger Herr, ach habt Erbarmen!
Lat mich Gnade, Gnade finden,
Sprecht fr mich ein mchtig Wort!
Und zum Lohne will ich dann
Eine Kunde Euch erteilen,
Die schnell Euer Siechtum heilen,
Euch mit Lust erfllen soll.

Graf.
Gibt's fr mich gleich keine Kunde,
Die so mchtig wie du sprichst,
Doch versprach ich dir zur Stunde,
Hier in meines Freundes Geist,
Wenn's zum Guten was du weit
Sollst du gnd'ge Richter finden,
Gndig auch bei schweren Snden.

Boleslav.
Wohl so hrt, ach, und verzeiht!
Einst, jetzt sind's wohl zwanzig Jahre,
Ging ich eines Sommerabends,
Damals schon auf schlimmen Wegen,
Hier an Euerm Schlo vorbei.
Wie ich lauernd ringsum sphe,
Da gewahr ich an dem Weiher,
Der an Eure Mauern stt,
Einen schnen, holden Knaben,
Kaum drei Jahre mocht' er haben;
Der warf spielend Stein auf Stein
In die klare Flut hinein.

Gnther.
Gt'ger Gott!

Graf.
Was werd ich hren!

Boleslav.
Schn und kstlich war sein Kleid,
Und um seinen weien Nacken
Hing ein funkelndes Geschmeid.
Mich gelstet nach der Beute.
Ringsum schau ich, nirgends Leute,
Ich und er nur ganz allein.
Ich versuch's ihn anzulocken,
Abzulocken ihn vom Schlosse,
Zeig ihm Blumen, zeig ihm Frchte,
Und der Knabe froh und heiter
Folgt mir weiter, immer weiter
Bei des Abends Dmmerschein
In den dstern Wald hinein.

Graf.
Ach es war, es war mein Sohn!

Gnther.
Und wir glaubten ihn ertrunken,
In des Weihers Schlamm versunken,
Weil sein Hut im Wasser schwamm!

Graf.
Jubelst du in toller Lust,
Glaubst du, da in Rubers Brust
Menschlichkeit und Mitleid wohnet?
Glaubst du, da er ihn verschonet?

Boleslav.
Ja ich habe ihn verschont!
Morden wollten ihn die Brder,
Da nicht durch des Knaben Mund
Unsre Wege wrden kund,
Doch ich setzte mich dawider.
Und als die Gefhrten schwren,
Nimmer soll' er wiederkehren
Aus des Waldes Nacht heraus
In der Eltern heimisch Haus,
Da, Herr, dau'rte mich der Kleine,
Da ward Euer Sohn der meine.
Bald verga er Euch und sich,
Und er ehrt als Vater mich.

Graf.
Gott!  Mein Sohn!--Er lebt!  er lebt!
Aber wie?--Ha, unter Rubern!
Ist wohl gar?--Weh ist--

Boleslav (mit gesenkten Augen).
Was ich!

Graf.
Ruber?--Gott, er sagt nicht: Nein!
Schweigt erstarrt und sagt nicht: Nein!
Ha mein Sohn ein Ruber, Ruber!
Htt' ihn doch dein schwarzer Mund
Tckisch Wassergrab verschlungen,
Besser, schien's mir gleich so hart,
Wr' sein Name nie erklungen,
Als mit Ruber jetzt gepaart.
Aber ach, was fluch ich ihm?
Gott, hab Dank fr diesen Strahl!
Ruber!  War's denn seine Wahl?
Bring ihn, Guter, bring ihn mir,
Auch fr den Ruber dank ich dir!

Boleslav.
Er ist hier in Euerm Schlosse!

Graf.
Hier?--

Boleslav.
Ja, Herr, Euch unbekannt.
Jener Fremde der heut abend
Matt und bleich um Zuflucht bat--

Berta.
Jaromir?

Boleslav.
Derselbe, ja!

Graf.
Teufel!  Schadenfroher Teufel!
Nimm's zurck das Donnerwort,
Nimm's zurck!

Boleslav.
Er ist's, mein Herr!

Graf.
Widerruf!

Boleslav.
Ich kann nicht, Herr!

Graf (sich mit hchster Anstrengung aller Krfte vom Lager
aufrichtend).
Widerruf!

Hauptmann (besnftigend zum Grafen).
Herr Graf!

(Auf Boleslav zeigend.)

Fort mit ihm!

Boleslav.
Mein Herr Ritter!

Hauptmann.
Fort mit ihm!

(Boleslav wird abgefhrt.)

Graf.
Er geht fort, und sagt nicht: Nein!
So begrabt mich denn ihr Mauern,
Und Verwstung brich herein,
Strzet ein ihr festen Sulen,
Die der Erde Ball getragen,
Denn den Vater hat sein Sohn erschlagen!

(Zurcksinkend.)

Berta (aufs Lager hinstrzend).
Todespforte tu dich auf!

(--Pause.--Alle stehen in stummen Entsetzen.)

Graf.
Wie hab ich so oft geklagt,
Da ein Sohn mir ward versagt,
Kampfgerecht und lehenbar,
Wie der Vter hohe Schar.
Seht des Schicksals giftigen Hohn!
Seht, ich habe einen Sohn,
Es erhielt ihn mild am Leben,
Mir den Todesstreich zu geben!

Wenn mein Aug' sich trnend netzte,
War die Klage ohne Not,
Vter, ich bin nicht der Letzte!
Noch lebt einer!--am Schafott!--
Was liegt dort zu meinen Fen
Und blinkt mich so blutig an?

Gnther (den Dolch aufhebend und hinhaltend).
's ist der Dolch, der Euch verwundet!

Graf.
Dieser war es?  Dieser Dolch?
Ja du bist es, blutig Eisen,
Ja, du bist's, du bist dasselbe,
Das des Ahnherrn blinde Wut
Tauchte in der Gattin Blut.
Ich seh dich, und es wird helle,
Hell vor meinem trben Blick.
Seht ihr mich verwundert an?
Das hat nicht mein Sohn getan!
Tiefverhllte, finstre Mchte
Lenkten seine schwanke Rechte!

(Gnthern anfassend.)

Wie war, Alter, deine Sage,
Von der Ahnfrau frher Schuld,
Von dem sndigen Geschlecht,
Das in Snden ward geboren
Um in Snden zu vergehn!
Seht ihr jenen blut'gen Punkt
Aus der grauen Vterwelt,
Glhendhell herberblinken?
Seht, vom Vater zu dem Sohne
Und vom Enkel hin zum Enkel
Rollt er wachsend, wallend fort,
Und zuletzt zum Strom geschwollen,
Hin durch wildgesprengte Dmme,
ber Felder, ber Fluren,
Menschendaseins, Menschenglcks
Leichtdahingeschwemmte Spuren,
Wlzt er seine Fluten her,
Uferlos, ein wildes Meer.
Ha, es steigt, es schwillt heran,
Des Gebudes Fugen krachen,
Sinkend schwankt die Decke droben
Und ich fhle mich gehoben!

Tiefverhllte Warnerin,
Snd'ge Mutter snd'ger Kinder,
Trittst du druend hin vor mich?
Triumphiere!  Freue dich!
Bald, bald ist dein Stamm vernichtet;
Ist mein Sohn doch schon gerichtet!
Nimm denn auch dies Leben hin,
Es stirbt der letzte Borotin!  (Sinkt sterbend zurck.)

Gnther.
Gott!  Es sprengen die Verbande!
Weh, er stirbt!

(ber ihn gebeugt, die Hand auf seine Brust gelegt, nach einer Pause.)

Er ist nicht mehr!--
Kalt und bleich sind diese Wangen,
Diese Brust hat ausgebebt.
Qualvoll ist er heimgegangen,
Qualvoll, so wie er gelebt.
Fahr denn wohl, du reine Seele,
Ach und deine Tugenden
Tragen dich wie lichte Engel,
Von der Erde Leiden los
In des Allerbarmers Scho.
Schlummre bis zum Morgenrot,
Guter Herr, und was dies Leben,
Karg und hart, dir nicht gegeben,
Gebe freundlich dir der Tod!

(Er sinkt betend auf die Kniee nieder.  Der Hauptmann und alle
Umstehenden entblen die Hupter.  Feierliche Stille.)

Hauptmann.
So, ihm ward der Andacht Zoll!
Und jetzt Freunde, auf, zu rchen
Das entsetzliche Verbrechen
Auf des blut'gen Mrders Haupt!

Gnther.
Wie, Ihr wolltet?

Hauptmann.
Fort, mir nach!

(Ab mit seinen Leuten.)

Gnther.
Gt'ger Himmel!  Haltet ein!
Hrt Ihr nicht?  Es ist sein Sohn!
Meines Herren einz'ger Sohn!
Frulein Berta!--Hrt doch, hrt!

(Dem Hauptmanne nach.)

Berta (sich aufrichtend).
Rief man mir?--Nu, Berta rief es,
Ei, und Berta ist mein Name.--
Aber nein, ich bin allein!

(Vom Boden aufstehend.)

Stille, still!  Hier liegt mein Vater,
Liegt so sanft und regt sich nicht.
Stille!  Stille!  Stille!  Stille!

Wie so schwer ist dieser Kopf,
Meine Augen trbe, trbe!
Ach ich wei wohl, manche Dinge,
Manche Dinge sind geschehn,
Noch vor kurzem erst geschehn;
Sinnend denk ich drber nach;
Aber ach, ein lichter Punkt,
Der hier an der Stirne brennt,
Der verschlingt die wirren Bilder!

Halt!  Halt!  Sagten sie denn nicht,
Nicht, mein Vater sei ein Ruber?
Nicht mein Vater, nicht mein Vater!
Jaromir, so hie der Ruber!
Der stahl eines Mdchens Herz
Aus dem tiefverschlonen Busen,
Ach, und statt des warmen Herzens
Legte er in ihren Busen
Einen kalten Skorpion,
Der nun grimmig, wtend nagt
Und zu Tod' das Mdchen plagt.
Und ein Sohn erschlug den Vater

(freudig.)

Und mein Bruder kam zurck,
Mein ertrunkner, toter Bruder!
Und der Bruder--Halt!--Hinunter!
Nur hinunter, da hinunter!
Fort in euren schwarzen Kfich!

(Die Hand krampfig aufs Herz gepret.)

Nage, nage, gift'ges Tier,
Nage, aber schweige mir!

(Ein Licht vom Tische nehmend.)

Ei, ich will nur schlafen gehn,
Schlafen, schlafen, schlafen gehn.
Lieblich sind des Schlafes Trume,
Nur das Wachen trumt so schwer!

(Ihre umherschweifenden Blicke auf den Tisch heftend.)

Was blinkt dort vom Tisch mich an?
O ich kenn dich, schnes Flschchen!
Gab mir's nicht mein Brutigam?
Gab zum Brautgeschenke mir's.
Sprach er nicht als er mir's gab,
Da in dieser kleinen Wiege
Schlummernd drin der Schlummer liege?
Ach der Schlummer!  Ja, der Schlummer!
La an deinem Rand mich nippen,
Khlen diese heien Lippen,
Aber leise--leise--leise.--

(Sie geht auf den Zehenspitzen, mit jedem Schritte mehr wankend auf
den Tisch zu.  Eh' sie ihn noch erreicht, sinkt sie zu Boden.)

Ende des vierten Aufzuges




Fnfter Aufzug

Schlozwinger.  Von allen Seiten halbverfallene Werke.  Links an einer
Wand des Vorgrundes ein Fenster in der Mauer.  Im Hintergrunde ein
Teil des Wohngebudes mit der Schlokapelle.


Jaromir (kommt durch die Nacht).
So,--Hier ist der Ort, das Fenster!
Hier in diesen wsten Mauern
Will ich tiefverborgen lauern,
Bis des Glckes Stunde schlgt.

(Auf und ab gehend.)

Fort, ihr marternden Gedanken,
Schlingt nicht eure dunkeln Ranken
In dies weichliche Gefhl!
Pfui!  Der nie dem Tod gezittert,
Fest und mutig, den erschttert
Loser Bilder leichtes Spiel!--

Ha, und wenn ich ihn erschlug,
Ihn der mich erschlagen wollte,
Was ist's, da ich zittern sollte?
Hat die Tat nicht Grund genug?
Hab ich ihm den Tod gegeben,
War's in ehrlichem Gefecht,
Ei, und Leben ja um Leben,
Spricht die Sitte, spricht das Recht!
Wer ist's, der darob errtet,
Da er seinen Feind gettet,
Was ist's mehr?--Drum fort mit euch,
War ich sonst doch nicht so weich!--

Und wenn's recht, was ich getan,
Warum fat mich Schauder an?
Warum brennt es hier so hei,
Warum wird mein Blut zu Eis?
Warum schien's, als ich es tat,
In dem schwarzen Augenblicke,
Teufel zgen mich zur Tat,
Gottes Engel mich zurcke!

Als ich fliehend in den Gang,
Der Verfolger nach mir sprang,
Schon sein Atem mir im Nacken,
Jetzt mich seine Hnde packen,
Da rief's warnend tief in mir,
Deine Waffen wirf von dir
Und dich hin zu seinen Fen,
S ist's durch den Tod zu ben!
Aber rasch, mit neuer Glut
Flammt empor die Ruberwut
Und ruft ungestm nach Blut.
Vor den Augen seh ich's flirren,
Hr es um die Ohren schwirren,
Geister, bleich wie Mondenglanz,
Wirbeln sich im Ringeltanz,
Und der Dolch in meiner Hand
Glhet wie ein Hllenbrand!
Rette, ruft es, rette dich!
Und blind sto ich hinter mich.
Ha es traf.  Ein wimmernd Ach
Folgt dem raschen Stoe nach,
Mit bekannter, ser Stimme,
Mit erstorbner Klagestimme.
Bebend hr ich sie erschallen.
Da fat ungeheure Angst
Mich mit kalten Eises-Krallen.
Wahnsinn zuckt mir durchs Gehirn.
Bebend such ich zu entweichen
Mit dem blutigen Kains-Zeichen
Flammend auf der Mrderstirn.

All mein Ringen, all mein Treiben
Kann den Ton nicht bertuben,
Immer drhnt mir dumpf und bang
In das Ohr sein hohler Klang;
Und mag ich mir's immer sagen:
Deinen Feind hast du erschlagen;
Ruft der Hlle gift'ger Hohn:
Das war keines Feindes Ton!--
Doch wer naht dort durch die Trmmer,
Eilig schreitend auf mich zu?
Tor!  Den Rckweg findst du nimmer,
Ich mu fallen, oder du.
Denn wenn einmal nur der Tiger
Erst gesttigt seine Wut,
Bleibt die Gierde ewig Sieger
Und sein Innres schreit nach Blut.  (Er zieht sich zurck.)

(Boleslav kommt.)

Boleslav.
Gott sei Dank!  Es ist gelungen,
Ledig bin ich meiner Haft,
Doch von Mauern noch umrungen
Und schon schwindet meine Kraft.
Da ich ihn doch finden knnte,
Ihn, den Teuern, den ich suche,
Meinen, seinen, unsern Sohn.
Werf ich mich mit Jaromir
Zu des mcht'gen Vaters Fen,
O dann mu der Richter schonen,
Trifft desselben Schwertes Streich,
Doch den Sohn mit mir zugleich.

Jaromir (hervortretend).
Das ist meines Vaters Stimme!

Boleslav.
Jaromir!--du bist's?

Jaromir.
Ich bin's.

Boleslav.
Sei gesegnet!

Jaromir.
Groen Dank!
Ei, behaltet Euren Segen,
Rubers Segen ist wohl Fluch.
Und woher des Wegs, mein Vater?
Welcher Dietrich, welche Leiter
Fhrt Euch in des Sohnes Arm?

Boleslav.
Ach, ich war in Feindeshnden.
An dem Weiher dort gefangen,
Ward ich in das Schlo gebracht.
Doch benutzend die Verwirrung,
Die des Grafen jhe Krankheit
Unter seine Diener streute,
Sucht' ich Rettung, und entsprang.

Jaromir.
Und entsprangt?  Ihr seid mein Mann!
Seht, so hab ich auch getan;
Denn uns blht kein Glck, uns beiden,
Unter unbescholtnen Leuten,
In des Waldes Nacht und Graus,
Fhlt ein Ruber sich zu Haus.
Recht mein Vater!  Wackrer Vater!
Wrdig eines solchen Sohns.

Boleslav.
Solchen Sohns?--Er wei noch nicht!--
Jaromir, du nennst mich Vater!

Jaromir.
Soll ich nicht?--Wohl, tauschen wir!
Nehmt den Vater Ihr zurck,
Doch erlat mir auch den Sohn!

Boleslav.
Wozu mag noch Schweigen frommen,
Ist die Stunde doch gekommen,
Wo die Hlle fallen mu.
Nun wohlan denn, so erfahre
Das Geheimnis langer Jahre:
Wer dir gab des Lebens Licht.
La den Dank nur immer walten,
Denn ich habe dir's erhalten,
Wenn auch gleich gegeben nicht.

Jaromir.
Ha!--Wenn gleich gegeben nicht?
Nicht gegeben?  Nicht gegeben?

Boleslav.
Nein, mein Sohn, nicht mehr mein Sohn.

Jaromir.
Nicht dein Sohn?--Ich nicht der Sohn
Jenes Rubers Boleslav?
Alter Mann, ich nicht dein Sohn?
La mich's denken, la mich's fassen,
O es fat, es denkt sich schn!
Ich gehrte mit zum Bunde,
Den verzweifelnd ich gesucht,
Und Gott htte in der Stunde
Der Geburt mir nicht geflucht?
Meinen Namen nicht geschrieben
Ein in der Verwerfung Buch,
Drfte hoffen, drfte lieben
Und mein Beten ist kein Fluch?

(Boleslav hart anfassend.)

Ungeheuer!  Ungeheuer!
Und du konntest mir's verhehlen,
Sahst mich gift'ge Martern qulen,
Sahst des Innern blut'gen Krieg,
Ha, und deine Lippe schwieg!
Schlichst dich kirchenruberisch
In des reinen Kinderbusens
Unentweihtes Heiligtum;
Stahlst des teuren Vaters Bild
Von der gottgeweihten Schwelle,
Setztest deines an die Stelle!

Ungeheuer!  Ungeheuer!
Wenn ich im Gebete kniete,
Und des Dankes Gegenstand,
Der, mir selber unbekannt,
In dem heien Herzen brannte,
Lebensschenker, Vater nannte,
Segen auf ihn niederflehte,
Schlichst du dich in die Gebete,
Eignetest dir, Mrder, du,
Meiner Lippen Segen zu!
Sprich's noch einmal, sprich es aus,
Da du dir den Vaternamen
Wie ein feiger Dieb gestohlen,
Mrder!  Da ich nicht dein Sohn!

Boleslav.
Ach mein Sohn--

Jaromir.
Sprich es nicht aus!
Deine Zunge tne Mord,
Aber nicht dies heil'ge Wort!--
Nicht dein Sohn!  Ich nicht dein Sohn!
Habe Dank fr diese Nachricht!
Mrder!  Darum hat' ich dich,
Seit ich Gottes Namen nenne,
Seit ich Gut und Bses kenne.
Darum bohrten deine Blicke
Sich wie Meuchelmrder-Dolche
In des Knaben warme Brust,
Darum fat' ihn kalter Schauder,
Wenn du mit den blut'gen Hnden
Seine vollen Wangen strichst,
Dich zu ihm herunter neigtest,
Auf erschlagne Leichen zeigtest,
Und dein Mund mit Lcheln sprach:
Werd ein Mann, und tu mir nach!
Und ich Tor, ich blinder Tor,
Ich verstand des eignen Innern
Tief geheime Warnung nicht,
Rang mit meinem weichen Herzen,
Rang in fruchtlos blut'gem Ringen
Um ihm Liebe abzudrngen
Fr des Mannes greises Haar,
Der der Unschuld Henker war.
Bsewicht, gib mir zurck,
Was mir die Geburt beschieden,
Meiner Seele goldnen Frieden,
Meines Daseins ganzes Glck,
Meine Unschuld mir zurck!

Boleslav.
Gott im Himmel!  Hre doch!

Jaromir.
Und wo ist, wer ist mein Vater?
Fhr mich hin zu seinen Fen.
La ihn einen Landmann sein,
Der mit seiner Stirne Schwei
Seiner Vter Erbe dnget.
Hin zu ihm!  An seiner Seite,
Will ich gern, ein Landmann nur,
Mit der sparsamen Natur
Ringen um die karge Beute,
Legen meiner Trnen Saat
Mit dem Samen in die Erde,
Froh wenn mir die Hoffnung naht,
Da noch beides grnen werde.
La ihn einen Bettler sein;
Ich will leiten seine Schritte,
Teilen seine drft'ge Htte,
Teilen seine Angst und Not,
Teilen sein erbettelt Brot;
Will, wenn spte Sterne blinken,
Auf den nackten Boden sinken,
Und mich reich und selig dnken,
Reicher als kein Knig ist,
Wenn der Schlaf mein Auge schliet.
Sprich wo ist er?  Fhr mich hin!

Boleslav.
Nun wohlan, so folge mir!
Nicht ein niedrig dunkler Landmann
Nicht ein Sklav' in Bettlertracht,
Nein, ein Mann von Rang und Macht,
Den des Landes Hchste kennen
Und den Frsten Bruder nennen,
Dem der Ersten Haupt sich beugt,
Jaromir, hat dich gezeugt.
Hei den dstern Mimut fliehn,
Denn dein Los ist nicht so herbe,
Stolz sieh auf den Boden hin,
Du trittst deiner Vter Erbe,
Bist ein Graf von Borotin!

Jaromir (zusammenfahrend).
Ha!--

Boleslav.
Deiner Kindheit erstes Lallen
Hrten dieses Schlosses Hallen,
Hier hast du das Licht erblickt,
Und bei des Besitzers Kssen
Hast du ohne es zu wissen
Vaters Brust ans Herz gedrckt.

Jaromir (schreiend).
Nein!

Boleslav.
Es ist so wie ich sagte!
Komm mit mir hinauf zu ihm.
Des Gesetzes rauhe Stimme,
Hart und frchterlich dem Ruber,
Mildert seinen strengen Ton
Gegen jenes Mcht'gen Sohn!
Komm mit mir, weil es noch Zeit.
Hart verletzt liegt er darnieder
Und wer wei, ersteht er wieder,
Denn nur jetzt, in dieser Nacht,
In des Schlosses dstern Gngen,
Unsrer Brder Spur verfolgend
Traf ihn eines Flcht'gen Dolch.

Jaromir.
Teufel!  Schadenfroher Teufel!
Ttest du mit einem Wort?
Glaubst du, weil ich keine Waffen?
Die Natur, die halb nichts tut,
Gab mir Krallen, gab mir Zhne,
Gab zu der Hyne Wut
Mir auch Waffen der Hyne!
Natter, la mich dich zertreten,
Senden dich ins Heimatland!
Knnen deine Worte tten,
Besser kann's noch diese Hand!

(Auf ihn losgehend.)

Boleslav.
Er ist rasend!  Rettung!  Hilfe!

(Fliehend ab.)

Jaromir.
Wr' es wahr?  Ha wr' es wahr,
Was des Untiers Mund gesprochen?
Und wovon schon der Gedanke,
Nur das Bild der Mglichkeit,
Meine raschen Pulse stocken,
Mir das Mark gerinnen macht.
Wr' es Wahrheit?--Ja, es ist!
Ja, es ist!  es ist!  es ist!
Ja!  tnt's durch die dumpfen Sinne,
Ja!  heult's aus dem finstern Innern
Und die schwarzen Schreckgestalten,
Die vor meiner Stirne schweben,
Neigend ihre blut'gen Hupter,
Winken mir ein grlich Ja!
Ha und jener Klageton,
Der erscholl in blut'ger Stunde
Aus des Hingesunknen Munde,
Er ist meinem Ohre nah
Und seufzt wimmernd, sterbend: Ja!

Er mein Vater, er mein Vater!
Ich sein Sohn, sein Sohn und--Ha!
Wer spricht hier?  Wer sprach es aus?
Aus das Wort, das selbst ein Mrder,
In des Herzens tiefste Falten
Bleich und bebend sich verbirgt.
Wer sprach's aus?  Sein Sohn und Mrder!
Ha, sein Sohn, sein Sohn und Mrder!

(Die Hnde vors Gesicht schlagend.)

Was die Erde Schnes kennet,
Was sie hold und lieblich nennet,
Was sie hoch und heilig glaubt,
Reicht nicht an des Vaters Haupt.
Balsam strmt von seinen Lippen
Und auf wem sein Segen ruht,
Der schifft durch des Lebens Klippen
Lchelnd ob der Strme Wut.

Doch wer in der Sinne Toben,
Gottesruberisch, verrucht,
Gegen ihn die Hand erhoben
Ist verworfen und verflucht.
Ja, ich hr mit blut'gem Beben
Wie der ew'ge Richter spricht:
Allen Sndern wird vergeben,
Nur dem Vatermrder nicht!

Sprenge deine starken Fesseln
Gift'ges Laster, komm hervor
Aus der Hlle offnem Tor.

La sie los die schwarzen Scharen,
Die so lang gebunden waren.
Hinterlist mit Netz und Stricken,
Lge mit dem falschen Wort,
Neid, du mit den hohlen Blicken,
Mit dem blut'gen Dolche Mord!
Meineid mit dem gift'gen Mund,
Gotteslstrung, toller Hund,
Der die Zhne grimmig bleckt
Gegen den, der ihn gepflegt.
Brecht hervor, durchstreift die Welt
Und verbt was euch gefllt.
Was ihr auch getan, getrieben,
Ungestraft mgt ihr's verben,
Euer Tun reicht nicht hinan,
Nicht an das, was ich getan!

Ha, getan!--Hab ich's getan?
Kann die Tat die Schuld beweisen,
Mu der Tter Mrder sein?
Weil die Hand, das blut'ge Eisen,
Ist drum das Verbrechen mein?
Ja ich tat's, frwahr ich tat's!
Aber zwischen Sto und Wunde,
Zwischen Mord und seinem Dolch,
Zwischen Handlung und Erfolg
Dehnt sich eine weite Kluft,
Die des Menschen grbelnd Sinnen,
seiner Willensmacht Beginnen,
Alle seine Wissenschaft,
Seines Geistes ganze Kraft,
Seine brstende Erfahrung,
Die nicht lter als ein Tag,
Auszufllen nicht vermag.
Eine Kluft, in deren Scho,
Tiefverhllte, finstre Mchte
Wrfeln mit dem schwarzen Los
ber kommende Geschlechte.

Ja, der Wille ist der meine,
Doch die Tat ist dem Geschick,
Wie ich ringe, wie ich weine,
Seinen Arm hlt nichts zurck.
Wo ist der, der sagen drfe:
So will ich's, so sei's gemacht!
Unsre Taten sind nur Wrfe
In des Zufalls blinde Nacht.
Ob sie frommen, ob sie tten?
Wer wei das in seinem Schlaf!
Meinen Wurf will ich vertreten,
Aber das nicht was er traf!
Dunkle Macht, und du kannst's wagen
Rufst mir Vatermrder zu?
Ich schlug den, der mich geschlagen,
Meinen Vater schlugest du!--

--Doch wer hlt dies Bild mir vor?
Ha, wer flstert mir ins Ohr?
Halt!  La mich die Kunde teilen!
Wunden, sprichst du, Wunden heilen
Und Verwundete genesen.
Habe Dank du gt'ges Wesen,
Segensbote habe Dank!
Mit der Hoffnung auf sein Leben
Hast du meines mir gegeben,
Das verzweifelnd schon versank.
Ja, er wird, er mu gesunden,
Heilen mssen jene Wunden,
Die der Hlle gift'ger Trug,
Nicht der Sohn dem Vater schlug.

Ich will hin zu seinen Fen,
Will die blut'gen Male kssen,
Und des Schmerzes heie Glut
Khlen mit der Trnen Flut.

Nein, in jenen dstern Fernen,
Waltet keine blinde Macht,
ber Sonnen, ber Sternen
Ist ein Vateraug' das wacht;
Keine finstern Mchte raten
Blutig ber unsern Taten,
Sie sind keines Zufalls Spiel,
Nein, ein Gott, ob wir's gleich leugnen,
Fhrt sie, wenn auch nicht zum eignen,
Immer doch zum guten Ziel.
Ja, er hat auch mich geleitet,
Wenn ich gleich die Hand nicht sah,
Der die Schmerzen mir bereitet,
Ist vielleicht in Wonne nah.

(Die Fenster der Schlokapelle haben sich whrend dem erleuchtet, und
sanfte, aber ernste Tne klingen jetzt herber.)

Was ist das?--Habt Dank!  Habt Dank!

Suselt, suselt, holde Tne,
Suselt lieblich um mich her,
Sanft und weich, wie Silberschwne
ber ein bewegtes Meer.

Schttelt eure weichen Schwingen,
Trufelt Balsam auf dies Herz,
Lat die Himmelslieder klingen,
Einzuschlfern meinen Schmerz.

Ja, ich kenne eure Stimme,
Ihr sollt laden mich zum Bund,
Der mich rief in Donners Grimme,
Ruft mich jetzt durch euren Mund.

Lat ihr mich Verzeihung hoffen?
Ihr tnt fort und sagt nicht: Nein,
Seht die Pforten stehen offen,
Friedensboten ziehet ein!

(Die Tne nehmen nach und nach einen immer ernsteren Charakter an, und
begleiten zuletzt folgende Worte:)

Chor (von innen).
Auf, ihr Brder!
Senkt ihn nieder
In der Erde stillen Scho,
In der Truhe
Finde Ruhe,
Die dein Leben nicht geno.

Jaromir.
ndert ihr so schnell das Antlitz
Unerklrte Geisterstimmen?
Habt so lieblich erst geschienen,
Zoget ein, wie Honigbienen,
Und jetzt kehrt ihr frchterlich
Euren Stachel wider mich!
Das sind keine Friedensklnge,
Ha, so tnen Grabgesnge!
Dort in der Kapelle Licht--
Stille Herz!  Weissage nicht!
Ich will sehen, sehen, sehen!
Sollt' ich drber auch vergehen.

(Er klettert an verfallenem Gestein bis zum Kapellfenster empor.)

Gesang (fhrt fort).
Hat hienieden
Auch den Frieden
Dir dein eigen Kind entwandt,
Dort, zum Lohne,
Statt dem Sohne
Reicht ein Vater dir die Hand.

Und den Blinden
Wird er finden
Wie er Abels Mrder fand,
Das Verbrechen
Wird er rchen
Mit des Richters schwerer Hand.

Jaromir (wankend und bleich zurckkommend).
Was war das?--Hab ich gesehn?
Ist es Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit,
Oder spiegeln diese Augen
Nur des Innern dunkle Bilder
Statt der lichten Auenwelt?

Starr und dumpf in wstem Graus
Lag das weite Gotteshaus,
Seine leichenblassen Wangen
Mit des Trauers Flor umhangen;
Am Altar des Heilands Bild
Abgewandt und tief verhllt,
Als ob Dinge da geschehen,
Die's ihn schaudre anzusehen.
Und aus schwarzverhlltem Chor
Wanden Tne sich empor,
Die um Straf' und Rache baten
ber ungeheure Taten.
Und am den Hochaltar,
Ringsum eine Dienerschar,
Lag, umstrahlt von dumpfen Kerzen,
Eine Wunde auf dem Herzen,
Weit geffnet, blutig rot,
Lag mein Vater bleich und tot.
Wie, mein Vater?  Mag ich's sagen?
Nein, lag der, den ich erschlagen,
Denn, was auch die Hlle spricht,
Nein, er war mein Vater nicht!

Bin ich ja doch nur ein Mensch,
Meine Taten, wenn gleich schwarz,
Sind ja doch nur Menschentaten,
Und ein Teufel wrde beben,
Glt' es eines Vaters Leben.
Hab ich doch gehrt, gelesen
Von der Stimme der Natur,
Wr' mein Vater es gewesen,
Warum schwieg sie damals nur?
Mute sie nicht donnernd schreien,
Als der Dolch zum Sto geneigt,
Halt!  Dem deine Hnde druen,
Mrder, der hat dich gezeugt!
Und wenn sie, sie die ich liebe,
Liebe?--Nein die ich begehre,
Wenn sie meine Schwester wre,
Woher diese heie Gier,
Die mich flammend treibt zu ihr?
Schwester?  Schwester!  Toller Wahn!
Zieht es so den Bruder an?
Wenn uns Hymens Fackeln blinken,
Wir uns in die Arme sinken,
In des Brautbetts Bindeglut,
Dann erst nenn ich sie mein Blut.

Mir wird Tag.  Die Nebel schwinden,
Es erhellet sich die Nacht.
Was ich suchte will ich finden,
Was ich anfing sei vollbracht!
Glaubst du, Wnsche knnen retten,
Und entshnen kann ein Wort?
Nie mu man den Weg betreten,
Wer ihn trat, der wandle fort.
Sie mu ich, ja sie besitzen,
Mag der Himmel Rache blitzen,
Mag die Hlle Flammen sprhn
Und mit Schrecken sie umziehn.
Wie der tolle Wahn sie heie,
Weib und Gattin heit sie hier
Und durch tausend Donner reie
Ich die Teure her zu mir.

Hier der Ort und hier das Fenster!
Die Entscheidungsstunde naht
Und mahnt laut mich auf zur Tat.

(Im Hinaufsteigen.)

Schauderst Liebchen?  Sei nicht bange!
Sieh, du harrest nicht mehr lange,
In des Heigeliebten Arm
Ruht sich's selig, ruht sich's warm!

(Durchs Fenster hinein.)
(Hauptmann kommt mit Soldaten, die Boleslav fhren.)

Hauptmann.
Suche nicht mehr zu entrinnen,
Du hast Sorgfalt uns gelehrt!
Ruhig und nicht von der Stelle!
Aber wo ist dein Geselle?
Hier, sprachst du, verlieest du ihn?

Boleslav.
Ja, mein Herr!

Hauptmann.
Er ist nicht hier!

Soldat.
Herr, an jenem kleinen Fenster
Sah ich es von weitem blinken,
Und es wollte mich bednken,
Da ein Mensch in voller Hast
Durch die enge ffnung steige.
Und ich wette, Herr, er war's;
In des Schlosses innern Gngen
Suchet er wohl Sicherheit.

Hauptmann.
Wohl, nicht mehr kann er entweichen,
Wo er sei, an jedem Ort
Soll die Rache ihn erreichen.
Und nun folgt mir!  Eilig fort!

(Ab mit den Soldaten.)

Grabgewlbe.

Im Hintergrunde das hohe Grabmal der Ahnfrau mit passenden Sinnbildern.
Rechts im Vorgrunde eine Erhhung, mit schwarzem Tuch bedeckt.

Jaromir (kommt).
So!  Hier bin ich!--Mutig!  Mutig!--
Schauer weht von diesen Wnden,
Und die leisgesprochnen Worte
Kommen meinem Ohre wieder
Wie aus eines Fremden Mund.--

Wie ich gehe, wie ich wandle,
Ziehet sich ein schwarzer Streif,
Dunkel wie vergones Blut
Vor mir auf dem Boden hin,
Und ob gleich das Innre schaudert,
Sich empret die Natur,
Ich mu treten seine Spur.

(Seine Hnde begegnen sich.)

Ha, wer fat so kalt mich an?
Meine Hand?--Ja, 's ist die meine.
Bist du jetzt so starr und kalt,
Sonst von heiem Blut durchwallt,
Kalt und starr wie Mrderhand,
Mrder, Mrder, Mrderhand!

(Vor sich hinbrtend.)

Possen!--Fort!  Gebt euch zur Ruh'!
Fort, es geht der Hochzeit zu!
Liebchen, Braut, wo weilest du?
Berta, Berta, komm!

Die Ahnfrau (tritt aus dem Grabmale).
Wer ruft?

Jaromir.
Du bist's!  Nun ist alles gut,
Wieder kehret mir mein Mut.
La mich Mdchen dich umfangen,
Kssen diese bleichen Wangen--
Warum trittst du scheu zurck,
Warum starrt so trb dein Blick,
Lustig Mdchen, lustig Liebe!
Ist dein Hochzeittag so trbe?
Ich bin heiter, ich bin froh,
Und auch du sollst's sein, auch du!
Sieh mein Kind, ich wei Geschichten,
Wunderbar und lcherlich,
Lgen, derbe, arge Lgen,
Aber drum grad lcherlich.
Sieh sie sagen--Lustig, lustig!
Sagen, du seist meine Schwester!
Meine Schwester!--Lache Mdchen,
Lache, lache sag ich dir!

Ahnfrau (mit dumpfer Stimme).
Ich bin deine Schwester nicht.

Jaromir.
Sagst du s doch so weinerlich.
Meine Schwester!--Lache sag ich!
Und mein Vater--Von was anderm!
Alles ist zur Flucht bereitet,
Komm!

Ahnfrau.
Wo ist dein Vater?

Jaromir.
Schweige!
Schweig!

Ahnfrau (steigend).
Wo ist dein Vater?

Jaromir.
Weib,
Schweig und reiz mich lnger nicht!
Du hast mich nur mild gesehn,
Aber wenn die finstre Macht
In der tiefen Brust erwacht
Und erschallen lt die Stimme,
Ist ein Leu in seinem Grimme
Nur ein Schohund gegen mich;
Blut schreit's dann in meinem Innern,
Und der Nchste meinem Herzen
Ist der Nchste meinem Dolch.
Darum schweig!

Ahnfrau (mit starker Stimme).
Wo ist dein Vater!

Jaromir.
Ha!
Wer heit mich dir Rede stehn?--
Wo mein Vater?--Wei ich's selbst?
Meinst du jenen bleichen Greis
Mit den heil'gen Silberlocken?
Sieh, den hab ich eingesungen,
Und er schlft nun, schlft nun, schlft!

(Die Hand auf die Brust gepret.)

Manchmal, manchmal regt er sich,
Aber legt sich wieder nieder,
Schliet die schweren Augenlider
Und schlft murrend wieder ein.--
Aber Mdchen, narrst du mich?
Komm mit mir, hinaus ins Freie!
Schttelst du dein bleiches Haupt?
Eidvergene, Undankbare,
Lohnst du so mir meine Liebe,
Lohnst du so was ich getan?
Was mir teuer war hienieden,
Meiner Seele goldnen Frieden,
Welt und Himmel setzt' ich ein
Um dich mein zu nennen, mein!
Kenntest du die Hllenschmerzen,
Die mir nagen tief im Herzen,
Fhltest du die grimme Pein,
Knntest Reine du es wissen,
Was ein blutendes Gewissen,
O du wrdest milder sein,
O du sagtest jetzt nicht: Nein!

Ahnfrau.
Kehr zurck!

Jaromir.
Ha, ich?  zurck?
Nimmermehr!  Nicht ohne dich,
Geh ich, Weib, so folgst du mir.
Und wenn selbst dein Vater kme,
Und dich in die Arme nhme,
Mit der grassen Todeswunde,
Die mit offnem, blut'gem Munde,
Mrder!  Mrder!  zu mir spricht,
Meiner Hand entgingst du nicht.

Ahnfrau.
Kehr zurck!

Jaromir.
Nein, sag ich, nein!

(Man hrt eine Tre aufsprengen.)

Ahnfrau.
Horch, sie kommen!

Jaromir.
Mag es sein!
Leben, Berta, dir zur Seite
Oder sterben neben dir.

Ahnfrau.
Flieh, entflieh, noch ist es Zeit!

(Eine zweite Tre wird eingesprengt.)

Jaromir.
Berta!  Hierher meine Berta.

Ahnfrau.
Deine Berta bin ich nicht!
Bin die Ahnfrau deines Hauses,
Deine Mutter, Sndensohn!

Jaromir.
Das sind meiner Berta Wangen,
Das ist meiner Berta Brust,
Du mut mit!  Hier strmt Verlangen
Und von dorther winkt die Lust.

Ahnfrau.
Sieh den Brautschmuck den ich bringe!

(Sie reit das Tuch von der bedeckten Erhhung.  Berta liegt tot im
Sarge.)

Jaromir (zurcktaumelnd).
Weh mir!--
Truggeburt der Hlle!
All umsonst!  Ich la dich nicht!
Das ist Bertas Angesicht
Und bei dem ist meine Stelle!

(Auf sie zueilend.)

Ahnfrau.
So komm denn Verlorner!

(ffnet die Arme.  Er strzt hinein.)

Jaromir (schreiend).
Ha!--

(Er taumelt zurck, wankt mit gebrochenen Knieen einige Schritte und
sinkt dann an Bertas Sarge nieder.)
(Die Tre wird aufgesprengt.  Gnther, Boleslav, der Hauptmann und
Soldaten strzen herein.)

Hauptmann (hereinstrzend).
Mrder, gib dich!  Du mut sterben!

(Die Ahnfrau streckt die Hand gegen sie aus.  Alle bleiben erstarrt an
der Tre stehen.)

Ahnfrau (sich ber Jaromir neigend).
Scheid in Frieden, Friedenloser!

(Sie neigt sich zu ihm herunter und kt ihn auf die Stirne, hebt dann
die Sargdecke auf und breitet sie wehmtig ber beide Leichen.  Dann
mit emporgehobenen Hnden:)

Nun wohlan, es ist vollbracht,
Durch der Schlsse Schauernacht
Sei gepriesen ew'ge Macht!--
ffne dich, du stille Klause,
Denn die Ahnfrau kehrt nach Hause!

(Sie geht feierlichen Schrittes in ihr Grabmal zurck.  Wie sie
verschwunden ist, bewegen sich die Eingetretenen gegen den Vorgrund zu.)

Hauptmann.
Ha, nun bist du unser--

Gnther (eilt dem Sarge zu, hebt die Decke auf und spricht mit Trnen).
Tot!

(Der Vorhang fllt.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Ahnfrau, von Franz
Grillparzer.










End of the Project Gutenberg EBook of Die Ahnfrau, by Franz Grillparzer

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from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
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contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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with your written explanation. The person or entity that provided you
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the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

