The Project Gutenberg EBook of Nathan der Weise, by Gotthold Ephraim Lessing

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Title: Nathan der Weise
       Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Posting Date: October 12, 2014 [EBook #9186]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 13, 2003
[Last updated: November 5, 2020]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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NATHAN DER WEISE

Gotthold Ephraim Lessing

Ein Dramatisches Gedicht, in fnf Aufzgen


Introite, nam et heic Dii funt!--Apud Gellium


Personen:

Sultan Saladin
Sittah, dessen Schwester
Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem
Recha, dessen angenommene Tochter
Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden,
als Gesellschafterin der Recha
Ein junger Tempelherr
Ein Derwisch
Der Patriarch von Jerusalem
Ein Klosterbruder
Ein Emir
nebst verschiednen Mamelucken des Saladin

Die Szene ist in Jerusalem





Erster Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: Flur in Nathans Hause.)

Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.


Daja.
Er ist es! Nathan!--Gott sei ewig Dank,
Da Ihr doch endlich einmal wiederkommt.

Nathan.
Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
Hab ich denn eher wiederkommen wollen?
Und wiederkommen knnen? Babylon
Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
Gentigt worden, gut zweihundert Meilen;
Und Schulden einkassieren, ist gewi
Auch kein Geschft, das merklich fdert, das
So von der Hand sich schlagen lt.

Daja. O Nathan,
Wie elend, elend httet Ihr indes
Hier werden knnen! Euer Haus...

Nathan. Das brannte.
So hab ich schon vernommen.--Gebe Gott,
Da ich nur alles schon vernommen habe!

Daja.
Und wre leicht von Grund aus abgebrannt.

Nathan.
Dann, Daja, htten wir ein neues uns
Gebaut; und ein bequemeres.

Daja. Schon wahr!--
Doch Recha wr' bei einem Haare mit
Verbrannt.

Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie?--
Das hab ich nicht gehrt.--Nun dann! So htte
Ich keines Hauses mehr bedurft.--Verbrannt
Bei einem Haare!--Ha! sie ist es wohl!
Ist wirklich wohl verbrannt!--Sag nur heraus!
Heraus nur!--Tte mich: und martre mich
Nicht lnger.--ja, sie ist verbrannt.

Daja. Wenn sie
Es wre, wrdet Ihr von mir es hren?

Nathan.
Warum erschreckest du mich denn?--O Recha!
O meine Recha!

Daja. Eure? Eure Recha?

Nathan.
Wenn ich mich wieder je entwhnen mte,
Dies Kind mein Kind zu nennen!

Daja. Nennt Ihr alles,
Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte
Das Eure?

Nathan. Nichts mit grerm! Alles, was
Ich sonst besitze, hat Natur und Glck
Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein
Dank ich der Tugend.

Daja. O wie teuer lat
Ihr Eure Gte, Nathan, mich bezahlen!
Wenn Gt', in solcher Absicht ausgebt,
Noch Gte heien kann!

Nathan. In solcher Absicht?
In welcher?

Daja. Mein Gewissen...

Nathan. Daja, la
Vor allen Dingen dir erzhlen...

Daja. Mein
Gewissen, sag ich...

Nathan. Was in Babylon
Fr einen schnen Stoff ich dir gekauft.
So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe
Fr Recha selbst kaum einen schnern mit.

Daja.
Was hilft's? Denn mein Gewissen, mu ich Euch
Nur sagen, lt sich lnger nicht betuben.

Nathan.
Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,
Wie Ring und Kette dir gefallen werden,
Die in Damaskus ich dir ausgesucht:
Verlanget mich zu sehn.

Daja. So seid Ihr nun!
Wenn Ihr nur schenken knnt! nur schenken knnt!

Nathan.
Nimm du so gern, als ich dir geb:--und schweig!

Daja.
Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, da Ihr nicht
Die Ehrlichkeit, die Gromut selber seid?
Und doch...

Nathan. Doch bin ich nur ein Jude.--Gelt,
Das willst du sagen?

Daja. Was ich sagen will,
Das wit Ihr besser.

Nathan. Nun so schweig!

Daja. Ich schweige.
Was Strfliches vor Gott hierbei geschieht,
Und ich nicht hindern kann, nicht ndern kann,--
Nicht kann,--komm' ber Euch!

Nathan. Komm' ber mich!--
Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie?--Daja,
Wenn du mich hintergehst!--Wei sie es denn,
Da ich gekommen bin?

Daja. Das frag ich Euch!
Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
Noch malet Feuer ihre Phantasie
Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,
Im Wachen schlft ihr Geist: bald weniger
Als Tier, bald mehr als Engel.

Nathan. Armes Kind!
Was sind wir Menschen!

Daja. Diesen Morgen lag
Sie lange mit verschlonem Aug', und war
Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch!
Da kommen die Kamele meines Vaters!
Horch! seine sanfte Stimme selbst!"--Indem
Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
Dem seines Armes Sttze sich entzog,
Strzt auf das Kissen.--Ich, zur Pfort' hinaus!
Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!--
Was Wunder! ihre ganze Seele war
Die Zeit her nur bei Euch--und ihm.--

Nathan. Bei ihm?
Bei welchem Ihm?

Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer
Sie rettete.

Nathan. Wer war das? wer?--Wo ist er?
Wer rettete mir meine Recha? wer?

Daja.
Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage
Zuvor, man hier gefangen eingebracht,
Und Saladin begnadigt hatte.

Nathan. Wie?
Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin
Das Leben lie? Durch ein geringres Wunder
War Recha nicht zu retten? Gott!

Daja. Ohn' ihn,
Der seinen unvermuteten Gewinst
Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.

Nathan.
Wo ist er, Daja, dieser edle Mann?--
Wo ist er? Fhre mich zu seinen Fen.
Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schtzen
Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?
Verspracht ihm mehr? weit mehr?

Daja. Wie konnten wir?

Nathan.
Nicht? nicht?

Daja. Er kam, und niemand wei woher.
Er ging, und niemand wei wohin.--Ohn' alle
Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr
Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,
Er khn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach,
Die uns um Hilfe rief. Schon hielten wir
Ihn fr verloren, als aus Rauch und Flamme
Mit eins er vor uns stand, im starken Arm
Empor sie tragend. Kalt und ungerhrt
Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute
Er nieder, drngt sich unters Volk und ist
Verschwunden!

Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen.

Daja.
Nachher die ersten Tage sahen wir
Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,
Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.
Ich nahte mich ihm mit Entzcken, dankte,
Erhob, entbot, beschwor,--nur einmal noch
Die fromme Kreatur zu sehen, die
Nicht ruhen knne, bis sie ihren Dank
Zu seinen Fen ausgeweinet.

Nathan. Nun?

Daja.
Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;
Und go so bittern Spott auf mich besonders...

Nathan. Bis dadurch abgeschreckt...

Daja. Nichts weniger!
Ich trat ihn je den Tag von neuem an;
Lie jeden Tag von neuem mich verhhnen.
Was litt ich nicht von ihm! Was htt' ich nicht
Noch gern ertragen!--Aber lange schon
Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,
Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;
Und niemand wei, wo er geblieben ist.
Ihr staunt? Ihr sinnt?

Nathan. Ich berdenke mir,
Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl
Fr Eindruck machen mu. Sich so verschmht
Von dem zu finden, den man hochzuschtzen
Sich so gezwungen fhlt; so weggestoen,
Und doch so angezogen werden;--Traun,
Da mssen Herz und Kopf sich lange zanken,
Ob Menschenha, ob Schwermut siegen soll.
Oft siegt auch keines; und die Phantasie,
Die in den Streit sich mengt, macht Schwrmer,
Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald
Das Herz den Kopf mu spielen.--Schlimmer Tausch!--
Das letztere, verkenn ich Recha nicht,
Ist Rechas Fall: sie schwrmt.

Daja. Allein so fromm,
So liebenswrdig!

Nathan. Ist doch auch geschwrmt!

Daja.
Vornehmlich eine--Grille, wenn Ihr wollt,
Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr
Kein irdischer und keines irdischen;
Der Engel einer, deren Schutze sich
Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern
Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,
In die er sonst verhllt, auch noch im Feuer,
Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr
Hervorgetreten.--Lchelt nicht!--Wer wei?
Lat lchelnd wenigstens ihr einen Wahn,
In dem sich Jud' und Christ und Muselmann
Vereinigen;--so einen sen Wahn!

Nathan.
Auch mir so s!--Geh, wackre Daja, geh;
Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann.--
Sodann such ich den wilden, launigen
Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,
Hienieden unter uns zu wallen; noch
Beliebt, so ungesittet Ritterschaft
Zu treiben: find ich ihn gewi; und bring Ihn her.

Daja.
Ihr unternehmet viel.

Nathan. Macht dann
Der se Wahn der sern Wahrheit Platz:--
Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist
Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel--
So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zrnen,
Die Engelschwrmerin geheilt zu sehn?

Daja.
Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!
Ich geh!--Doch hrt! doch seht!--Da kommt sie selbst.



Zweiter Auftritt

Recha und die Vorigen.


Recha.
So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
Ich glaubt', Ihr httet Eure Stimme nur
Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was fr Berge,
Fr Wsten, was fr Strme trennen uns
Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,
Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
Die arme Recha, die indes verbrannte!
Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!
Es ist ein garstiger Tod, verbrennen. Oh!

Nathan.
Mein Kind! mein liebes Kind!

Recha. Ihr mutet ber
Den Euphrat, Tigris, Jordan; ber--wer
Wei was fr Wasser all?--Wie oft hab ich
Um Euch gezittert, eh' das Feuer mir
So nahe kam! Denn seit das Feuer mir
So nahe kam: dnkt mich im Wasser sterben
Erquickung, Labsal, Rettung,--Doch Ihr seid
Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht
Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,
Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen
Auf Flgeln seiner unsichtbaren Engel
Die ungetreuen Strm' hinber. Er,
Er winkte meinem Engel, da er sichtbar
Auf seinem weien Fittiche, mich durch
Das Feuer trge--

Nathan. (Weiem Fittiche!
Ja, ja! der weie vorgespreizte Mantel
Des Tempelherrn.)

Recha. Er sichtbar, sichtbar mich
Durchs Feuer trg', von seinem Fittiche
Verweht.--Ich also, ich hab einen Engel
Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
Und meinen Engel.

Nathan. Recha wr' es wert;
Und wrd' an ihm nichts Schnres sehn, als er
An ihr.

Recha (lchelnd).
Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem?
Dem Engel, oder Euch?

Nathan. Doch htt' auch nur
Ein Mensch--ein Mensch, wie die Natur sie tglich
Gewhrt, dir diesen Dienst erzeigt: er mte
Fr dich ein Engel sein. Er mt' und wrde.

Recha.
Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
Es war gewi ein wirklicher!--Habt Ihr,
Ihr selbst die Mglichkeit, da Engel sind,
Da Gott zum Besten derer, die ihn lieben,
Auch Wunder knne tun, mich nicht gelehrt?
Ich lieb ihn ja.

Nathan. Und er liebt dich; und tut
Fr dich, und deinesgleichen, stndlich Wunder;
Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit
Fr euch getan.

Recha. Das hr ich gern.

Nathan. Wie? weil
Es ganz natrlich, ganz alltglich klnge,
Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
Gerettet htte: sollt' es darum weniger
Ein Wunder sein?--Der Wunder hchstes ist,
Da uns die wahren, echten Wunder so
Alltglich werden knnen, werden sollen.
Ohn' dieses allgemeine Wunder, htte
Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je
Genannt, was Kindern blo so heien mute,
Die gaffend nur das Ungewhnlichste,
Das Neuste nur verfolgen.

Daja (zu Nathan). Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon berspanntes Hirn
Durch solcherlei Subtilitten ganz
Zersprengen?

Nathan. La mich!--Meiner Recha wr'
Es Wunders nicht genug, da sie ein Mensch
Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
Erst retten mssen? Ja, kein kleines Wunder!
Denn wer hat schon gehrt, da Saladin
Je eines Tempelherrn verschont? da je
Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
Verlangt? gehofft? ihm je fr seine Freiheit
Mehr als den ledern Gurt geboten, der
Sein Eisen schleppt; und hchstens seinen Dolch?

Recha.
Das schliet fr mich, mein Vater.--Darum eben
War das kein Tempelherr; er schien es nur.--
Kmmt kein gefangner Tempelherr je anders
Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;
Geht keiner in Jerusalem so frei
Umher: wie htte mich des Nachts freiwillig
Denn einer retten knnen?

Nathan. Sieh! wie sinnreich.
Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja
Von dir, da er gefangen hergeschickt
Ist worden. Ohne Zweifel weit du mehr.

Daja.
Nun ja.--So sagt man freilich;--doch man sagt
Zugleich, da Saladin den Tempelherrn
Begnadigt, weil er seiner Brder einem,
Den er besonders lieb gehabt, so hnlich sehe.
Doch da es viele zwanzig Jahre her,
Da dieser Bruder nicht mehr lebt,--er hie,
Ich wei nicht wie;--er blieb, ich wei nicht wo:--
So klingt das ja so gar--so gar unglaublich,
Da an der ganzen Sache wohl nichts ist.

Nathan.
Ei, Daja! Warum wre denn das so
Unglaublich? Doch wohl nicht--wie's wohl geschieht--
Um lieber etwas noch Unglaublichers
Zu glauben?--Warum htte Saladin,
Der sein Geschwister insgesamt so liebt,
In jngern Jahren einen Bruder nicht
Noch ganz besonders lieben knnen?--Pflegen
Sich zwei Gesichter nicht zu hneln?--Ist
Ein alter Eindruck ein verlorner?--Wirkt
Das Nmliche nicht mehr das Nmliche?
Seit wenn?--Wo steckt hier das Unglaubliche?
Ei freilich, weise Daja, wr's fr dich
Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur
Bedrf... verdienen, will ich sagen, Glauben.

Daja.
Ihr spottet.

Nathan. Weil du meiner spottest.--Doch
Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung
Ein Wunder, dem nur mglich, der die strengsten
Entschlsse, die unbndigsten Entwrfe
Der Knige, sein Spiel--wenn nicht sein Spott--
Gern an den schwchsten Fden lenkt.

Recha. Mein Vater!
Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wit, ich irre
Nicht gern.

Nathan. Vielmehr, du lt dich gern belehren.
Sieh! eine Stirn, so oder so gewlbt;
Der Rcken einer Nase, so vielmehr
Als so gefhret; Augenbraunen, die
Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen
So oder so sich schlngeln; eine Linie,
Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal,
Ein Nichts, auf eines wilden Europers
Gesicht:--und du entkommst dem Feu'r, in Asien!
Das wr' kein Wunder, wunderscht'ges Volk?
Warum bemht ihr denn noch einen Engel?

Daja.
Was schadet's--Nathan, wenn ich sprechen darf--
Bei alledem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fhlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel nher?

Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf
Von Eisen will mit einer silbern Zange
Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst
Ein Topf von Silber sich zu dnken.--Pah!--
Und was es schadet, fragst du? was es schadet?
Was hilft es? drft' ich nur hinwieder fragen.--
Denn dein "Sich Gott um so viel nher fhlen"
Ist Unsinn oder Gotteslsterung.--
Allein es schadet; ja, es schadet allerdings.--
Kommt! hrt mir zu.--Nicht wahr? dem Wesen, das
Dich rettete,--es sei ein Engel oder
Ein Mensch,--dem mchtet ihr, und du besonders,
Gern wieder viele groe Dienste tun?--
Nicht wahr?--Nun, einem Engel, was fr Dienste,
Fr groe Dienste knnt ihr dem wohl tun?
Ihr knnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
Knnt in Entzckung ber ihn zerschmelzen;
Knnt an dem Tage seiner Feier fasten,
Almosen spenden.--Alles nichts.--Denn mich
Deucht immer, da ihr selbst und euer Nchster
Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
Durch eu'r Entzcken; wird nicht mchtiger
Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!

Daja.
Ei freilich htt' ein Mensch, etwas fr ihn
Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.
Und Gott wei, wie bereit wir dazu waren!
Allein er wollte ja, bedurfte ja
So vllig nichts; war in sich, mit sich so
Vergngsam, als nur Engel sind, nur Engel
Sein knnen.

Recha. Endlich, als er gar verschwand...

Nathan.
Verschwand?--Wie denn verschwand?--Sich untern Palmen
Nicht ferner sehen lie?--Wie? oder habt
Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?

Daja.
Das nun wohl nicht.

Nathan. Nicht, Daja? nicht?--Da sieh
Nun was es schad't!--Grausame Schwrmerinnen!
Wenn dieser Engel nun--nun krank geworden!...

Recha.
Krank!

Daja. Krank! Er wird doch nicht!

Recha. Welch kalter Schauer
Befllt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst
So warm, fhl! ist auf einmal Eis.

Nathan. Er ist
Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt;
Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
Des Hungerns, Wachens ungewohnt.

Recha. Krank! krank!

Daja.
Das wre mglich, meint ja Nathan nur.

Nathan.
Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld
Sich Freunde zu besolden.

Recha. Ah, mein Vater!

Nathan.
Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach',
Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!

Recha.
Wo? wo?

Nathan. Er, der fr eine, die er nie
Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch
Ins Feu'r sich strzte...

Daja. Nathan, schonet ihrer!

Nathan.
Der, was er rettete, nicht nher kennen,
Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank
Zu sparen...

Daja. Schonet ihrer, Nathan!

Nathan. Weiter
Auch nicht zu sehn verlangt',--es wre denn,
Da er zum zweitenmal es retten sollte--
Denn g'nug, es ist ein Mensch...

Daja. Hrt auf, und seht!

Nathan.
Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts
Als das Bewutsein dieser Tat!

Daja. Hrt auf!
Ihr ttet sie!

Nathan. Und du hast ihn gettet!--
Httst so ihn tten knnen.--Recha! Recha!
Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.
Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank:
Nicht einmal krank!

Recha. Gewi?--nicht tot? nicht krank?

Nathan.
Gewi, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber,
Wieviel andchtig schwrmen leichter, als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andchtig schwrmt, um nur,--ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewut--
Um nur gut handeln nicht zu drfen?

Recha. Ah,
Mein Vater! lat, lat Eure Recha doch
Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann
Auch wohl verreist nur sein?--

Nathan. Geht!--Allerdings.--
Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick
Ein Muselmann mir die beladenen
Kamele. Kennt Ihr ihn?

Daja. Ha! Euer Derwisch.

Nathan.
Wer?

Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgesell!

Nathan.
Al-Hafi? das Al-Hafi?

Daja. Itzt des Sultans
Schatzmeister.

Nathan. Wie? Al-Hafi? Trumst du wieder?
Er ist's!--wahrhaftig, ist's!--kmmt auf uns zu.
Hinein mit Euch, geschwind!--Was werd ich hren!



Dritter Auftritt

Nathan und der Derwisch.


Derwisch.
Reit nur die Augen auf, so weit Ihr knnt!

Nathan.
Bist du's? Bist du es nicht?--In dieser Pracht,
Ein Derwisch!...

Derwisch. Nun? warum denn nicht? Lt sich
Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?

Nathan.
Ei wohl, genug!--Ich dachte mir nur immer,
Der Derwisch--so der rechte Derwisch--woll'
Aus sich nichts machen lassen.

Derwisch. Beim Propheten
Da ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.
Zwar wenn man mu--

Nathan. Mu! Derwisch!--Derwisch mu?
Kein Mensch mu mssen, und ein Derwisch mte?
Was mt' er denn?

Derwisch. Warum man ihn recht bittet,
Und er fr gut erkennt: das mu ein Derwisch.

Nathan.
Bei unserm Gott! da sagst du wahr.--La dich
Umarmen, Mensch.--Du bist doch noch mein Freund?

Derwisch.
Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?

Nathan.
Trotzdem, was du geworden!

Derwisch. Knnt' ich nicht
Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft
Euch ungelegen wre?

Nathan. Wenn dein Herz
Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl
Im Staat, ist nur dein Kleid.

Derwisch. Das auch geehrt
Will sein.--Was meint Ihr? ratet!--Was wr' ich
An Eurem Hofe?

Nathan. Derwisch; weiter nichts.
Doch nebenher, wahrscheinlich--Koch.

Derwisch. Nun ja!
Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.--Koch!
Nicht Kellner auch?--Gesteht, da Saladin
Mich besser kennt.--Schatzmeister bin ich bei--
Ihm worden.

Nathan. Du?--bei ihm?

Derwisch. Versteht:
Des kleinern Schatzes,--denn des grern wartet
Sein Vater noch--des Schatzes fr sein Haus.

Nathan.
Sein Haus ist gro.

Derwisch. Und grer, als Ihr glaubt;
Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.

Nathan.
Doch ist den Bettlern Saladin so feind--

Derwisch.
Da er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen
Sich vorgesetzt,--und sollt' er selbst darber
Zum Bettler werden.

Nathan. Brav!--So mein ich's eben.

Derwisch.
Er ist's auch schon, trotz einem!--Denn sein Schatz
Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang
Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch
Sie morgens eintritt, ist des Mittags lngst
Verlaufen--

Nathan. Weil Kanle sie zum Teil
Verschlingen, die zu fllen oder zu
Verstopfen, gleich unmglich ist.

Derwisch. Getroffen!

Nathan.
Ich kenne das!

Derwisch. Es taugt nun freilich nichts,
Wenn Frsten Geier unter sern sind.
Doch sind sie ser unter Geiern, taugt's
Noch zehnmal weniger.

Nathan. O nicht doch, Derwisch!
Nicht doch!

Derwisch. Ihr habt gut reden, Ihr!--Kommt an:
Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'
Euch ab.

Nathan. Was bringt dir deine Stelle?

Derwisch. Mir?
Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern.
--Denn ist es Ebb' im Schatz,--wie fters ist,
So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schiet vor,
Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefllt.

Nathan.
Auch Zins vom Zins der Zinsen?

Derwisch. Freilich!

Nathan. Bis
Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.

Derwisch.
Das lockt Euch nicht?--So schreibet unsrer Freundschaft
Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab
Ich sehr auf Euch gerechnet.

Nathan. Wahrlich? Wie
Denn so? wieso denn?

Derwisch. Da Ihr mir mein Amt
Mit Ehren wrdet fhren helfen; da
Ich allzeit offne Kasse bei Euch htte.--
Ihr schttelt?

Nathan. Nun, verstehn wir uns nur recht!
Hier gibt's zu unterscheiden.--Du? warum
Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,
Was ich vermag, mir stets willkommen.--Aber
Al-Hafi Defterdar des Saladin,
Der--dem--

Derwisch. Erriet ich's nicht? Da Ihr doch immer
So gut als klug, so klug als weise seid!--
Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,
Soll bald geschieden wieder sein.--Seht da
Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.
Eh' es verschossen ist, eh' es zu Lumpen
Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,
Hngt's in Jerusalem am Nagel, und
Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfu
Den heien Sand mit meinen Lehrern trete.

Nathan.
Dir hnlich g'nug!

Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele.

Nathan.
Dein hchstes Gut!

Derwisch. Denkt nur, was mich verfhrte!--
Damit ich selbst nicht lnger betteln drfte?
Den reichen Mann mit Bettlern spielen knnte?
Vermgend wr' im Hui den reichsten Bettler
In einen armen Reichen zu verwandeln?

Nathan.
Das nun wohl nicht.

Derwisch. Weit etwas Abgeschmackters!
Ich fhlte mich zum erstenmal geschmeichelt;
Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt--

Nathan.
Der war?

Derwisch. "Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern
Zumute sei; ein Bettler habe nur
Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.
Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,
Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab;
Erkundigte so ungestm sich erst
Nach dem Empfnger; nie zufrieden, da
Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch
Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe
Nach dieser Ursach' filzig abzuwgen.
Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild
Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!
Al-Hafi gleicht verstopften Rhren nicht,
Die ihre klar und still empfangnen Wasser
So unrein und so sprudelnd wiedergeben.
Al-Hafi denkt; Al-Hafi fhlt wie ich!"--
So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis
Der Gimpel in dem Netze war.--Ich Geck!
Ich eines Gecken Geck!

Nathan. Gemach, mein Derwisch,
Gemach!

Derwisch. Ei was!--Es wr' nicht Geckerei,
Bei Hunderttausenden die Menschen drcken,
Ausmergeln, plndern, martern, wrgen; und
Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen?
Es wr' nicht Geckerei, des Hchsten Milde,
Die sonder Auswahl ber Bs' und Gute
Und Flur und Wstenei, in Sonnenschein
Und Regen sich verbreitet,--nachzuffen,
Und nicht des Hchsten immer volle Hand
Zu haben? Was? es wr' nicht Geckerei...

Nathan.
Genug! hr auf!

Derwisch. Lat meiner Geckerei
Mich doch nur auch erwhnen!--Was? es wre
Nicht Geckerei, an solchen Geckereien
Die gute Seite dennoch auszuspren,
Um Anteil, dieser guten Seite wegen,
An dieser Geckerei zu nehmen? He?
Das nicht?

Nathan. Al-Hafi, mache, da du bald
In deine Wste wieder kmmst. Ich frchte,
Grad unter Menschen mchtest du ein Mensch
Zu sein verlernen.

Derwisch. Recht, das frcht ich auch.
Lebt wohl!

Nathan. So hastig?--Warte doch, Al-Hafi.
Entluft dir denn die Wste?--Warte doch!--
Da er mich hrte!--He, Al-Hafi! hier!--
Weg ist er; und ich htt' ihn noch so gern
Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,
Da er ihn kennt.



Vierter Auftritt

Daja eilig herbei. Nathan.


Daja. O Nathan, Nathan!

Nathan. Nun?
Was gibt's?

Daja. Er lt sich wieder sehn! Er lt
Sich wieder sehn!

Nathan. Wer, Daja? wer?

Daja. Er! Er!

Nathan.
Er? Er?--Wann lt sich der nicht sehn!--Ja so,
Nur euer Er heit er.--Das sollt' er nicht!
Und wenn er auch ein Engel wre, nicht!--

Daja.
Er wandelt untern Palmen wieder auf
Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln.

Nathan.
Sie essend?--und als Tempelherr?

Daja. Was qult
Ihr mich?--Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter
Den dicht verschrnkten Palmen schon; und folgt
Ihm unverrckt. Sie lt Euch bitten,--Euch
Beschwren,--ungesumt ihn anzugehn.
O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,
Ob er hinauf geht oder weiter ab
Sich schlgt. O eilt!

Nathan. So wie ich vom Kamele
Gestiegen?--Schickt sich das?--Geh, eile du
Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft.
Gib acht, der Biedermann hat nur mein Haus
In meinem Absein nicht betreten wollen;
Und kmmt nicht ungern, wenn der Vater selbst
Ihn laden lt. Geh, sag, ich la ihn bitten,
Ihn herzlich bitten...

Daja. All umsonst! Er kmmt
Euch nicht.--Denn kurz; er kmmt zu keinem Juden.

Nathan.
So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten;
Ihn wenigstens mit deinen Augen zu
Begleiten.--Geh, ich komme gleich dir nach.

(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.)



Fnfter Auftritt

Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und
nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von
der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle.


Tempelherr.
Der folgt mir nicht vor langer Weile!--Sieh,
Wie schielt er nach den Hnden!--Guter Bruder,...
Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht?

Klosterbruder.
Nur Bruder--Laienbruder nur; zu dienen.

Tempelherr.
Ja, guter Bruder, wer nur selbst was htte!
Bei Gott! bei Gott! Ich habe nichts--

Klosterbruder. Und doch
Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach,
Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille
Und nicht die Gabe macht den Geber.--Auch
Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar
Nicht nachgeschickt.

Tempelherr. Doch aber nachgeschickt?

Klosterbruder.
Ja; aus dem Kloster.

Tempelherr. Wo ich eben jetzt
Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?

Klosterbruder.
Die Tische waren schon besetzt; komm' aber
Der Herr nur wieder mit zurck.

Tempelherr. Wozu?
Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen:
Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif.

Klosterbruder.
Nehm' sich der Herr in acht' mit dieser Frucht.
Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft
Die Milz; macht melancholisches Geblt.

Tempelherr.
Wenn ich nun melancholisch gern mich fhlte?--
Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr
Mir doch nicht nachgeschickt?

Klosterbruder. O nein!--Ich soll
Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn
Euch fhlen.

Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst?

Klosterbruder.
Warum nicht?

Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!)--Hat
Das Kloster Euresgleichen mehr?

Klosterbruder. Wei nicht.
Ich mu gehorchen, lieber Herr.

Tempelherr. Und da
Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu klgeln?

Klosterbruder.
Wr's sonst gehorchen, lieber Herr?

Tempelherr. (Da doch
Die Einfalt immer Recht behlt!)--Ihr drft
Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern
Genauer kennen mchte?--Da Ihr's selbst
Nicht seid, will ich wohl schwren.

Klosterbruder. Ziemte mir's?
Und frommte mir's?

Tempelherr. Wem ziemt und frommt es denn,
Da er so neubegierig ist? Wem denn?

Klosterbruder.
Dem Patriarchen; mu ich glauben.--Denn
Der sandte mich Euch nach.

Tempelherr. Der Patriarch?
Kennt der das rote Kreuz auf weiem Mantel
Nicht besser?

Klosterbruder. Kenn ja ich's!

Tempelherr. Nun, Bruder? nun?--
Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner.--
Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,
Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde
Wir gern erstiegen htten, um sodann
Auf Sidon loszugehn;--setz ich hinzu:
Selbzwanzigster gefangen und allein
Vom Saladin begnadiget: so wei
Der Patriarch, was er zu wissen braucht;
Mehr, als er braucht.

Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr,
Als er schon wei.--Er wt' auch gern, warum
Der Herr vom Saladin begnadigt worden;
Er ganz allein.

Tempelherr. Wei ich das selber?--Schon
Den Hals entblt, kniet' ich auf meinem Mantel,
Den Streich erwartend: als mich schrfer Saladin
Ins Auge fat, mir nher springt, und winkt.
Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will
Ihm danken; seh sein Aug' in Trnen: stumm
Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe.--Wie
Nun das zusammenhngt, entrtsle sich
Der Patriarche selbst.

Klosterbruder. Er schliet daraus,
Da Gott zu groen, groen Dingen Euch
Mss' aufbehalten haben.

Tempelherr. Ja, zu groen!
Ein Judenmdchen aus dem Feu'r zu retten;
Auf Sinai neugier'ge Pilger zu
Geleiten; und dergleichen mehr.

Klosterbruder. Wird schon
Noch kommen!--Ist inzwischen auch nicht bel.--
Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits
Weit wicht'gere Geschfte fr den Herrn.

Tempelherr.
So? meint Ihr, Bruder?--Hat er gar Euch schon
Was merken lassen?

Klosterbruder. Ei, Jawohl!--Ich soll
Den Herrn nur erst ergrnden, ob er so
Der Mann wohl ist.

Tempelherr. Nun ja; ergrndet nur!
(Ich will doch sehn, wie der ergrndet!)--Nun?

Klosterbruder.
Das Krzste wird wohl sein, da ich dem Herrn
Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch
Erffne.

Tempelherr. Wohl!

Klosterbruder. Er htte durch den Herrn
Ein Briefchen gern bestellt.

Tempelherr. Durch mich? Ich bin
Kein Bote.--Das, das wre das Geschft,
Das weit glorreicher sei, als Judenmdchen
Dem Feu'r entreien?

Klosterbruder. Mu doch wohl! Denn--sagt
Der Patriarch--an diesem Briefchen sei
Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.
Dies Briefchen wohl bestellt zu haben,--sagt
Der Patriarch,--werd einst im Himmel Gott
Mit einer ganz besondern Krone lohnen.
Und dieser Krone,--sagt der Patriarch,
Sei niemand wrd'ger, als mein Herr.

Tempelherr. Als ich?

Klosterbruder.
Denn diese Krone zu verdienen,--sagt
Der Patriarch,--sei schwerlich jemand auch
Geschickter, als mein Herr.

Tempelherr. Als ich?

Klosterbruder. Er sei
Hier frei; knn' berall sich hier besehn;
Versteh', wie eine Stadt zu strmen und
Zu schirmen; knne,--sagt der Patriarch,--
Die Strk' und Schwche der von Saladin
Neu aufgefhrten, innern, zweiten Mauer
Am besten schtzen, sie am deutlichsten
Den Streitern Gottes,--sagt der Patriarch,--
Beschreiben.

Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch
Nun auch des Briefchens nhern Inhalt wte.

Klosterbruder.
Ja den,--den wei ich nun wohl nicht so recht.
Das Briefchen aber ist an Knig Philipp.--
Der Patriarch... Ich hab mich oft gewundert,
Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz
Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet
Von Dingen dieser Welt zu sein herab
Sich lassen kann. Es mu ihm sauer werden.

Tempelherr.
Nun dann? der Patriarch?

Klosterbruder. Wei ganz genau,
Ganz zuverlssig, wie und wo, wie stark,
Von welcher Seite Saladin, im Fall
Es vllig wieder losgeht, seinen Feldzug
Erffnen wird.

Tempelherr. Das wei er?

Klosterbruder. Ja, und mcht'
Es gern dem Knig Philipp wissen lassen:
Damit der ungefhr ermessen knne,
Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um
Mit Saladin den Waffenstillestand,
Den Euer Orden schon so brav gebrochen,
Es koste was es wolle, wiederher-
Zustellen.

Tempelherr. Welch ein Patriarch!--Ja so!
Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem
Gemeinen Boten; will mich--zum Spion.
Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,
Soviel Ihr mich ergrnden knnen, wr'
Das meine Sache nicht.--Ich msse mich
Noch als Gefangenen betrachten; und
Der Tempelherren einziger Beruf
Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht
Kundschafterei zu treiben.

Klosterbruder. Dacht' ich's doch!--
Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verbeln.--
Zwar kmmt das Beste noch.--Der Patriarch
Hiernchst hat ausgegattert, wie die Feste
Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,
In der die ungeheuern Summen stecken,
Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater
Das Heer besoldet, und die Zurstungen
Des Kriegs bestreitet. Saladin verfgt
Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen
Nach dieser Feste sich, nur kaum begleitet.--
Ihr merkt doch?

Tempelherr. Nimmermehr!

Klosterbruder. Was wre da
Wohl leichter, als des Saladins sich zu
Bemchtigen? den Garaus ihm zu machen?--
Ihr schaudert?--O es haben schon ein paar
Gottsfrcht'ge Maroniten sich erboten,
Wenn nur ein wackrer Mann sie fhren wolle,
Das Stck zu wagen.

Tempelherr. Und der Patriarch
Htt' auch zu diesem wackern Manne mich
Ersehn?

Klosterbruder. Er glaubt, da Knig Philipp wohl
Von Ptolemais aus die Hand hierzu
Am besten bieten knne.

Tempelherr. Mir? mir, Bruder?
Mir? Habt Ihr nicht gehrt? nur erst gehrt,
Was fr Verbindlichkeit dem Saladin
Ich habe?

Klosterbruder. Wohl hab ich's gehrt.

Tempelherr. Und doch?

Klosterbruder.
Ja,--meint der Patriarch,--das wr' schon gut:
Gott aber und der Orden...

Tempelherr. ndern nichts!
Gebieten mir kein Bubenstck!

Klosterbruder. Gewi nicht!--
Nur,--meint der Patriarch,--sei Bubenstck
Vor Menschen, nicht auch Bubenstck vor Gott.

Tempelherr.
Ich wr' dem Saladin mein Leben schuldig:
Und raubt' ihm seines?

Klosterbruder. Pfui!--Doch bliebe,--meint
Der Patriarch,--noch immer Saladin
Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund
Zu sein, kein Recht erwerben knne.

Tempelherr. Freund?
An dem ich blo nicht will zum Schurken werden;
Zum undankbaren Schurken?

Klosterbruder. Allerdings!--
Zwar,--meint der Patriarch,--des Dankes sei
Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns
Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.
Und da verlauten wolle,--meint der Patriarch,--
Da Euch nur darum Saladin begnadet,
Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen
So was von seinem Bruder eingeleuchtet...

Tempelherr.
Auch dieses wei der Patriarch; und doch?--
Ah! wre das gewi! Ah, Saladin!--
Wie? die Natur htt' auch nur einen Zug
Von mir in deines Bruders Form gebildet:
Und dem entsprche nichts in meiner Seele?
Was dem entsprche, knnt' ich unterdrcken,
Um einem Patriarchen zu gefallen?--
Natur, so leugst du nicht! So widerspricht
Sich Gott in seinen Werken nicht!--Geht, Bruder!
Erregt mir meine Galle nicht!--Geht! geht!

Klosterbruder.
Ich geh; und geh vergngter, als ich kam.
Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute
Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.



Sechster Auftritt

Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von
weiten beobachtet hatte und sich nun ihm nhert.


Daja.
Der Klosterbruder, wie mich dnkt, lie in
Der besten Laun' ihn nicht.--Doch mu ich mein
Paket nur wagen.

Tempelherr. Nun, vortrefflich!--Lgt
Das Sprichwort wohl: da Mnch und Weib, und Weib
Und Mnch des Teufels beide Krallen sind?
Er wirft mich heut aus einer in die andre.

Daja.
Was seh ich?--Edler Ritter, Euch?--Gott Dank!
Gott tausend Dank!--Wo habt Ihr denn
Die ganze Zeit gesteckt?--Ihr seid doch wohl
Nicht krank gewesen?

Tempelherr. Nein.

Daja. Gesund doch?

Tempelherr. Ja.

Daja.
Wir waren Euertwegen wahrlich ganz
Bekmmert.

Tempelherr. So?

Daja. Ihr wart gewi verreist?

Tempelherr.
Erraten!

Daja. Und kamt heut erst wieder?

Tempelherr. Gestern.

Daja.
Auch Rechas Vater ist heut angekommen.
Und nun darf Recha doch wohl hoffen?

Tempelherr. Was?

Daja.
Warum sie Euch so fters bitten lassen.
Ihr Vater ladet Euch nun selber bald
Aufs dringlichste. Er kmmt von Babylon.
Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,
Und allem, was an edeln Spezereien,
An Steinen und an Stoffen, Indien
Und Persien und Syrien, gar Sina,
Kostbares nur gewhren.

Tempelherr. Kaufe nichts.

Daja.
Sein Volk verehret ihn als einen Frsten.
Doch da es ihn den Weisen Nathan nennt
Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft
Gewundert.

Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise
Vielleicht das Nmliche.

Daja. Vor allen aber
Htt's ihn den Guten nennen mssen. Denn
Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.
Als er erfuhr, wieviel Euch Recha schuldig:
Was htt', in diesem Augenblicke, nicht
Er alles Euch getan, gegeben!

Tempelherr. Ei!

Daja.
Versucht's und kommt und seht!

Tempelherr. Was denn? wie schnell
Ein Augenblick vorber ist?

Daja. Htt' ich,
Wenn er so gut nicht wr', es mir so lange
Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa,
Ich fhle meinen Wert als Christin nicht?
Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen,
Da ich nur darum meinem Ehgemahl
Nach Palstina folgen wrd', um da
Ein Judenmdchen zu erziehn. Es war
Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht
In Kaiser Friedrichs Heere--

Tempelherr. Von Geburt
Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward,
Mit Seiner Kaiserlichen Majestt
In einem Flusse zu ersaufen.--Weib!
Wievielmal habt Ihr mir das schon erzhlt?
Hrt Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen?

Daja.
Verfolgen! lieber Gott!

Tempelherr. Ja, ja, verfolgen.
Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!
Nicht hren! Will von Euch an eine Tat
Nicht fort und fort erinnert sein, bei der
Ich nichts gedacht; die, wenn ich drber denke,
Zum Rtsel von mir selbst mir wird. Zwar mcht'
Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht;
Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr
Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn
Ich mich vorher erkund--und brennen lasse,
Was brennt.

Daja. Bewahre Gott!

Tempelherr. Von heut an tut
Mir den Gefallen wenigstens, und kennt
Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lat
Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude.
Ich bin ein plumper Schwab. Des Mdchens Bild
Ist lngst aus meiner Seele; wenn es je
Da war.

Daja. Doch Eures ist aus ihrer nicht.

Tempelherr.
Was soll's nun aber da? was soll's?

Daja. Wer wei!
Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.

Tempelherr.
Doch selten etwas Bessers. (Er geht.)

Daja. Wartet doch!
Was eilt Ihr?

Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht
Verhat, worunter ich so gern sonst wandle.

Daja.
So geh, du deutscher Br! so geh!--Und doch
Mu ich die Spur des Tieres nicht verlieren.

(Sie geht ihm von weiten nach.)





Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

(Die Szene: des Sultans Palast.)

Saladin und Sittah spielen Schach.


Sittah.
Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?

Saladin.
Nicht gut? Ich dchte doch.

Sittah. Fr mich; und kaum.
Nimm diesen Zug zurck.

Saladin. Warum?

Sittah. Der Springer
Wird unbedeckt.

Saladin. Ist wahr. Nun so!

Sittah. So zieh
Ich in die Gabel.

Saladin. Wieder wahr.--Schach dann!

Sittah.
Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
Bist, wie du warst.

Saladin. Aus dieser Klemme seh
Ich wohl, ist ohne Bue nicht zu kommen.
Mag's! nimm den Springer nur.

Sittah. Ich will ihn nicht.
Ich geh vorbei.

Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
An diesem Plane mehr, als an dem Springer.

Sittah.
Kann sein.

Saladin. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht
Vermuten?

Sittah. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch
Vermuten, da du deiner Knigin
So mde wrst?

Saladin. Ich meiner Knigin?

Sittah.
Ich seh nun schon.--ich soll heut meine tausend
Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen.

Saladin.
Wieso?

Sittah. Frag noch!--Weil du mit Flei, mit aller
Gewalt verlieren willst.--Doch dabei find
Ich meine Rechnung nicht. Denn auer, da
Ein solches Spiel das unterhaltendste
Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
Mit dir' wenn ich verlor? Wenn hast du mir
Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen
Zu trsten, doppelt nicht hernach geschenkt?

Saladin.
Ei sieh! so httest du ja wohl, wenn du
Verlorst, mit Flei verloren, Schwesterchen?

Sittah.
Zum wenigsten kann gar wohl sein, da deine
Freigebigkeit, mein liebes Brderchen,
Schuld ist, da ich nicht besser spielen lernen.

Saladin.
Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!

Sittah.
So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!

Saladin.
Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht
Gesehn, das meine Knigin zugleich
Mit niederwirft.

Sittah. War dem noch abzuhelfen?
La sehn.

Saladin. Nein, nein; nimm nur die Knigin.
Ich war mit diesem Steine nie recht glcklich.

Sittah.
Blo mit dem Steine?

Saladin. Fort damit!--Das tut
Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
Geschtzt.

Sittah. Wie hflich man mit Kniginnen
Verfahren msse: hat mein Bruder mich
Zu wohl gelehrt. (Sie lt sie stehen.)

Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht!
Ich habe keine mehr.

Sittah. Wozu sie nehmen?
Schach!--Schach!

Saladin. Nur weiter.

Sittah. Schach!--und Schach!--und Schach!--

Saladin.
Und matt!

Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
Dazwischen; oder was du machen willst.
Gleichviel!

Saladin. Ganz recht!--Du hast gewonnen: und
Al-Hafi zahlt.--Man lass' ihn rufen! gleich!
Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich
War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine
Bestndig? die an nichts erinnern, nichts
Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn
Gespielt?--Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
Die umgeformten Steine, Sittah, sind's,
Die mich verlieren machten: deine Kunst,
Dein ruhiger und schneller Blick...

Sittah. Auch so
Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.

Saladin.
Als du? Was htte dich zerstreuet?

Sittah. Deine
Zerstreuung freilich nicht!--O Saladin,
Wenn werden wir so fleiig wieder spielen.

Saladin.
So spielen wir um so viel gieriger!--
Ah! weil es wieder losgeht, meinst du?--Mag's!--
Nur zu!--Ich habe nicht zuerst gezogen;
Ich htte gern den Stillestand aufs neue
Verlngert; htte meiner Sittah gern,
Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
Und das mu Richards Bruder sein: er ist
Ja Richards Bruder.

Sittah. Wenn du deinen Richard
Nur loben kannst!

Saladin. Wenn unserm Bruder Melek
Dann Richards Schwester wr' zu Teile worden:
Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
Der besten Huser in der Welt das beste!
Du hrst, ich bin mich selbst zu loben, auch
Nicht faul. Ich dnk mich meiner Freunde wert.
Das htte Menschen geben sollen! das!

Sittah.
Hab ich des schnen Traums nicht gleich gelacht?
Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
Mit Menschlichkeit den Aberglauben wrzt,
Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan.--
Wohl ihnen, da er so ein guter Mensch
Noch war! Wohl ihnen, da sie seine Tugend
Auf Treu und Glaube nehmen knnen!--Doch
Was Tugend?--Seine Tugend nicht; sein Name
Soll berall verbreitet werden; soll
Die Namen aller guten Menschen schnden,
Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
Ist ihnen nur zu tun.

Saladin. Du meinst: warum
Sie sonst verlangen wrden, da auch ihr,
Auch du und Melek, Christen hieet, eh'
Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

Sittah.
Jawohl! Als wr' von Christen nur, als Christen,
Die Liebe zu gewrtigen, womit
Der Schpfer Mann und Mnnin ausgestattet!

Saladin.
Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
Als da sie die nicht auch noch glauben knnten!
Und gleichwohl irrst du dich.--Die Tempelherren,
Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
Als Tempelherren schuld. Durch die allein
Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,
Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
Zum Brautschatz bringen mte, schlechterdings
Nicht fahren lassen. Da des Ritters Vorteil
Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mnch,
Den albern Mnch. Und ob vielleicht im Fluge
Ein guter Streich gelnge: haben sie
Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
Erwarten knnen.--Lustig! Nur so weiter!
Ihr Herren, nur so weiter!--Mir schon recht!--
Wr' alles sonst nur, wie es mte.

Sittah. Nun?
Was irrte dich denn sonst? Was knnte sonst
Dich aus der Fassung bringen?

Saladin. Was von je
Mich immer aus der Fassung hat gebracht.--
Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
Er unterliegt den Sorgen noch...

Sittah. O weh!

Saladin.
Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;
Es fehlt bald da, bald dort--

Sittah. Was klemmt? was fehlt?

Saladin.
Was sonst, als was ich kaum zu nennen wrd'ge?
Was, wenn ich's habe, mir so berflssig,
Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint.--
Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
Ihm aus?--Das leidige, verwnschte Geld!--
Gut, Hafi, da du kmmst.



Zweiter Auftritt

Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.


Al-Hafi. Die Gelder aus
gypten sind vermutlich angelangt.
Wenn's nur fein viel ist.

Saladin. Hast du Nachricht?

Al-Hafi. Ich?
Ich nicht. Ich denke, da ich hier sie in
Empfang soll nehmen.

Saladin. Zahl an Sittah tausend
Dinare! (In Gedanken hin und her gebend.)

Al-Hafi. Zahl! anstatt empfang! O schn!
Das ist fr Was noch weniger als Nichts.--
An Sittah?--wiederum an Sittah? Und
Verloren?--wiederum im Schach verloren?--
Da steht es noch das Spiel!

Sittah. Du gnnst mir doch
Mein Glck?

Al-Hafi (das Spiel betrachtend).
Was gnnen? Wenn--Ihr wit ja wohl.

Sittah (ihm winkend).
Bst! Hafi! bst!

Al-Hafi (noch auf das Spiel gerichtet).
Gnnt's Euch nur selber erst!

Sittah.
Al-Hafi; bst!

Al-Hafi (zu Sittah). Die Weien waren Euer?
Ihr bietet Schach?

Sittah. Gut, da er nichts gehrt.

Al-Hafi.
Nun ist der Zug an ihm?

Sittah (ihm nhertretend). So sage doch,
Da ich mein Geld bekommen kann.

Al-Hafi (noch auf das Spiel geheftet).
Nun ja;
Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen.

Sittah.
Wie? bist du toll?

Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus.
Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.

Saladin (kaum hinhrend).
Doch! doch! Bezahl! bezahl!

Al-Hafi. Bezahl! bezahl!
Da steht ja Eure Knigin.

Saladin (noch so). Gilt nicht;
Gehrt nicht mehr ins Spiel.

Sittah. So mach und sag,
Da ich das Geld mir nur kann holen lassen.

Al-Hafi (noch immer in das Spiel vertieft).
Versteht sich, so wie immer.--Wenn auch schon;
Wenn auch die Knigin nichts gilt: Ihr seid
Doch darum noch nicht matt.

Saladin (tritt hinzu und wirft das Spiel um).
Ich bin es; will
Es sein.

Al-Hafi. Ja so!--Spiel wie Gewinst! So wie
Gewonnen, so bezahlt.

Saladin (zu Sittah). Was sagt er? was?

Sittah (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend).
Du kennst ihn ja. Er strubt sich gern; lt gern
Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.--

Saladin.
Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht?
Was hr ich, Hafi? Neidisch? du?

Al-Hafi. Kann sein!
Kann sein!--Ich htt' ihr Hirn wohl lieber selbst;
Wr' lieber selbst so gut, als sie.

Sittah. Indes
Hat er doch immer richtig noch bezahlt.
Und wird auch heut bezahlen. La ihn nur!--
Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld
Schon holen lassen.

Al-Hafi. Nein; ich spiele lnger
Die Mummerei nicht mit. Er mu es doch
Einmal erfahren.

Saladin. Wer? und was?

Sittah. Al-Hafi!
Ist dieses dein Versprechen? Hltst du so
Mir Wort?

Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, da es so
Weit gehen wrde.

Saladin. Nun? erfahr ich nichts?

Sittah.
Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden.

Saladin.
Das ist doch sonderbar! Was knnte Sittah
So feierlich, so warm bei einem Fremden,
Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,
Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen.
Al-Hafi, nun befehl ich.--Rede, Derwisch!

Sittah.
La eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir
Nicht nher treten, als sie wrdig ist.
Du weit, ich habe zu verschiednen Malen
Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.
Und weil ich itzt das Geld nicht ntig habe;
Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld
Nicht eben allzuhufig ist: so sind
Die Posten stehngeblieben. Aber sorgt
Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,
Noch Hafi, noch der Kasse schenken.

Al-Hafi. Ja,
Wenn's das nur wre! das!

Sittah. Und mehr dergleichen.--
Auch das ist in der Kasse stehngeblieben,
Was du mir einmal ausgeworfen; ist
Seit wenig Monden stehngeblieben.

Al-Hafi. Noch
Nicht alles.

Saladin. Noch nicht?--Wirst du reden?

Al-Hafi.
Seit aus gypten wir das GeId erwarten,
Hat sie...

Sittah (zu Saladin). Wozu ihn hren?

Al-Hafi. Nicht nur nichts
Bekommen...

Saladin. Gutes Mdchen!--Auch beiher
Mit vorgeschossen. Nicht?

Al-Hafi. Den ganzen Hof
Erhalten; Euern Aufwand ganz allein
Bestritten.

Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester!
(Sie umarmend.)

Sittah.
Wer hatte, dies zu knnen, mich so reich
Gemacht, als du, mein Bruder?

Al-Hafi. Wird schon auch
So bettelarm sie wieder machen, als
Er selber ist.

Saladin. Ich arm? der Bruder arm?
Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt?--
Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,--und Einen Gott!
Was brauch ich mehr? Wenn kann's an dem mir fehlen?
Und doch, Al-Hafi, knnt' ich mit dir schelten.

Sittah.
Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater
Auch seine Sorgen so erleichtern knnte!

Saladin.
Ah! Ah! Nun schlgst du meine Freudigkeit
Auf einmal wieder nieder!--Mir, fr mich
Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,
Ihm fehlet; und in ihm uns allen.--Sagt,
Was soll ich machen?--Aus gypten kommt
Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,
Wei Gott. Es ist doch da noch alles ruhig.--
Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
Mir gern gefallen lassen; wenn es mich,
Blo mich betrifft; blo mich, und niemand sonst
Darunter leidet.--Doch was kann das machen?
Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, mu ich doch haben.
Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.
Ihm gngt schon so mit wenigem genug;
Mit meinem Herzen.--Auf den berschu
Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr
Gerechnet.

Al-Hafi. berschu?--Sagt selber, ob
Ihr mich nicht httet spieen, wenigstens
Mich drosseln lassen, wenn auf berschu
Ich von Euch wr' ergriffen worden. Ja,
Auf Unterschleif! das war zu wagen.

Saladin. Nun,
Was machen wir denn aber?--Konntest du
Vorerst bei niemand andern borgen, als
Bei Sittah?

Sittah. Wrd' ich dieses Vorrecht, Bruder,
Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?
Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf
Dem Trocknen vllig nicht.

Saladin. Nur vllig nicht!
Das fehlte noch!--Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!
Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst!
Geh, borg, versprich.--Nur, Hafi, borge nicht
Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen
Von diesen, mchte wiederfordern heien.
Geh zu den Geizigsten; die werden mir
Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,
Wie gut ihr Geld in meinen Hnden wuchert.

Al-Hafi.
Ich kenne deren keine.

Sittah. Eben fllt
Mir ein, gehrt zu haben, Hafi, da
Dein Freund zurckgekommen.

Al-Hafi (betroffen). Freund? mein Freund?
Wer wr' denn das?

Sittah. Dein hochgepriesner Jude.

Al-Hafi.
Gepriesner Jude? hoch von mir?

Sittah. Dem Gott,--
Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst
Du selber dich von ihm bedientest,--dem
Sein Gott von allen Gtern dieser Welt
Das Kleinst' und Grte so in vollem Ma
Erteilet habe.--

Al-Hafi. Sagt' ich so?--Was meint'
Ich denn damit?

Sittah. Das Kleinste: Reichtum. Und
Das Grte: Weisheit.

Al-Hafi. Wie? von einem Juden?
Von einem Juden htt' ich das gesagt?

Sittah.
Das httest du von deinem Nathan nicht
Gesagt?

Al-Hafi. Ja so! von dem! vom Nathan!--Fiel
Mir der doch gar nicht bei.--Wahrhaftig? Der
Ist endlich wieder heimgekommen? Ei!
So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn.--
Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen!
Den Reichen auch.

Sittah. Den Reichen nennt es ihn
Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,
Was fr Kostbarkeiten, was fr Schtze
Er mitgebracht.

Al-Hafi. Nun, ist's der Reiche wieder:
So wird's auch wohl der Weise wieder sein.

Sittah.
Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?

Al-Hafi.
Und was bei ihm?--Doch wohl nicht borgen?--Ja,
Da kennt Ihr ihn.--Er borgen!--Seine Weisheit
Ist eben, da er niemand borgt.

Sittah. Du hast
Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm
Gemacht.

Al-Hafi. Zur Not wird er Euch Waren borgen.
Geld aber, Geld? Geld nimmermehr.--Es ist
Ein Jude freilich brigens, wie's nicht
Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er wei
Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er
Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten
Von allen andern Juden aus.--Auf den,
Auf den nur rechnet nicht.--Den Armen gibt
Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin.
Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern;
Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ
Und Muselmann und Parsi, alles ist
Ihm eins.

Sittah. Und so ein Mann...

Saladin. Wie kommt es denn,
Da ich von diesem Manne nie gehrt?...

Sittah.
Der sollte Saladin nicht borgen? nicht
Dem Saladin, der nur fr andre braucht,
Nicht sich?

Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder;
Den ganz gemeinen Juden!--Glaubt mir's doch!--
Er ist aufs Geben Euch so eiferschtig,
So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in
Der Welt gesagt wird, zg' er lieber ganz
Allein. Nur darum eben leiht er keinem,
Damit er stets zu geben habe. Weil
Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die
Geflligkeit ihm aber nicht geboten: macht
Die Mild' ihn zu dem ungeflligsten
Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit
Geraumer Zeit ein wenig bern Fu
Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, da ich
Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.
Er ist zu allem gut: blo dazu nicht;
Blo dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich
Nur gehn, an andre Tren klopfen... Da
Besinn ich mich soeben eines Mohren,
Der reich und geizig ist.--Ich geh; ich geh.

Sittah.
Was eilst du, Hafi?

Saladin. La ihn! la ihn!



Dritter Auftritt

Sittah. Saladin.


Sittah. Eilt
Er doch, als ob er mir nur gern entkme!
Was heit das?--Hat er wirklich sich in ihm
Betrogen, oder--mcht' er uns nur gern
Betrgen?

Saladin. Wie? das fragst du mich? Ich wei
Ja kaum, von wem die Rede war; und hre
Von euerm Juden, euerm Nathan heut
Zum erstenmal.

Sittah. Ist's mglich? da ein Mann
Dir so verborgen blieb, von dem es heit,
Er habe Salomons und Davids Grber
Erforscht, und wisse deren Siegel durch
Ein mchtiges geheimes Wort zu lsen?
Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit
Die unermelichen Reichtmer an
Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.

Saladin.
Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Grbern,
So waren's sicherlich nicht Salomons,
Nicht Davids Grber. Narren lagen da
Begraben!

Sittah. Oder Bsewichter!--Auch
Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger,
Weit unerschpflicher, als so ein Grab
Voll Mammon.

Saladin. Denn er handelt; wie ich hrte.

Sittah.
Sein Saumtier treibt auf allen Straen, zieht
Durch alle Wsten; seine Schiffe liegen
In allen Hfen. Das hat mir wohl eh'
Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzcken
Hinzugefgt, wie gro, wie edel dieser
Sein Freund anwende, was so klug und emsig
Er zu erwerben fr zu klein nicht achte.
Hinzugefgt, wie frei von Vorurteilen
Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend,
Wie eingestimmt mit jeder Schnheit sei.

Saladin.
Und itzt sprach Hafi doch so ungewi,
So kalt von ihm.

Sittah. Kalt nun wohl nicht; verlegen.
Als halt' er's fr gefhrlich, ihn zu loben,
Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.--
Wie? oder wr' es wirklich so, da selbst
Der Beste seines Volkes seinem Volke
Nicht ganz entfliehen kann? da wirklich sich
Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite
Zu schmen htte?--Sei dem, wie ihm wolle!--
Der Jude sei mehr oder weniger
Als Jud', ist er nur reich: genug fr uns!

Saladin.
Du willst ihm aber doch das Seine mit
Gewalt nicht nehmen, Schwester?

Sittah. Ja, was heit
Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein,
Was braucht es mit den Schwachen fr Gewalt,
Als ihre Schwche?--Komm vor itzt nur mit
In meinen Haram, eine Sngerin
Zu hren, die ich gestern erst gekauft.
Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,
Den ich auf diesen Nathan habe.--Komm!



Vierter Auftritt

(Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stt.)

Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.


Recha.
Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er
Wird kaum noch mehr zu treffen sein.

Nathan. Nun, nun;
Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:
Doch anderwrts.--Sei itzt nur ruhig.--Sieh!
Kmmt dort nicht Daja auf uns zu?

Recha. Sie wird
Ihn ganz gewi verloren haben.

Nathan. Auch
Wohl nicht.

Recha. Sie wrde sonst geschwinder kommen.

Nathan.
Sie hat uns wohl noch nicht gesehn...

Recha. Nun sieht
Sie uns.

Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sieh!
Sei doch nur ruhig! ruhig!

Recha. Wolltet Ihr
Wohl eine Tochter, die hier ruhig wre?
Sich unbekmmert liee, wessen Wohltat
Ihr Leben sei? Ihr Leben,--das ihr nur
So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.

Nathan.
Ich mchte dich nicht anders, als du bist:
Auch wenn ich wte, da in deiner Seele
Ganz etwas anders noch sich rege.

Recha. Was,
Mein Vater?

Nathan. Fragst du mich? so schchtern mich?
Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
Natur und Unschuld. La es keine Sorge
Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
Sich einst erklrt, mir seiner Wnsche keinen
Zu bergen.

Recha. Schon die Mglichkeit, mein Herz
Euch lieber zu verhllen, macht mich zittern.

Nathan.
Nichts mehr hiervon! Das ein fr allemal
Ist abgetan.--Da ist ja Daja.--Nun?

Daja.
Noch wandelt er hier untern Palmen; und
Wird gleich um jene Mauer kommen.--Seht,
Da kmmt er!

Recha. Ah! und scheinet unentschlossen,
Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?
Ob links?

Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster
Gewi noch fter; und dann mu er hier
Vorbei.--Was gilt's?

Recha. Recht! recht!--Hast du ihn schon
Gesprochen? Und wie ist er heut?

Daja. Wie immer.

Nathan.
So macht nur, da er Euch hier nicht gewahr
Wird. Tretet mehr zurck. Geht lieber ganz
Hinein.

Recha. Nur einen Blick noch!--Ah! die Hecke,
Die mir ihn stiehlt.

Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat
Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,
Da auf der Stell' er umkehrt.

Recha. Ah! die Hecke!

Nathan.
Und kmmt er pltzlich dort aus ihr hervor:
So kann er anders nicht, er mu Euch sehn.
Drum geht doch nur!

Daja. Kommt! kommt! Ich wei ein Fenster,
Aus dem wir sie bemerken knnen.

Recha. Ja?

(Beide hinein.)



Fnfter Auftritt

Nathan und bald darauf der Tempelherr.


Nathan.
Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht
Mich seine rauhe Tugend stutzen. Da
Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen
Soll machen knnen!--Ha! er kmmt.--Bei Gott!
Ein Jngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl
Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang!
Die Schale kann nur bitter sein: der Kern
Ist's sicher nicht.--Wo sah ich doch dergleichen?--
Verzeihet, edler Franke...

Tempelherr. Was?

Nathan. Erlaubt...

Tempelherr.
Was, Jude? was?

Nathan. Da ich mich untersteh,
Euch anzureden.

Tempelherr. Kann ich's wehren? Doch
Nur kurz.

Nathan. Verzieht, und eilet nicht so stolz,
Nicht so verchtlich einem Mann vorber,
Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.

Tempelherr.
Wie das?--Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid...

Nathan.
Ich heie Nathan; bin des Mdchens Vater,
Das Eure Gromut aus dem Feu'r gerettet;
Und komme...

Tempelherr. Wenn zu danken:--spart's! Ich hab
Um diese Kleinigkeit des Dankes schon
Zu viel erdulden mssen.--Vollends Ihr,
Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wut' ich denn,
Da dieses Mdchen Eure Tochter war?
Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten
Dem besten beizuspringen, dessen Not
Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem
In diesem Augenblicke lstig. Gern,
Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,
Es fr ein andres Leben in die Schanze
Zu schlagen: fr ein andres--wenn's auch nur
Das Leben einer Jdin wre.

Nathan. Gro!
Gro und abscheulich!--Doch die Wendung lt
Sich denken. Die bescheidne Gre flchtet
Sich hinter das Abscheuliche, um der
Bewundrung auszuweichen.--Aber wenn
Sie so das Opfer der Bewunderung
Verschmht: was fr ein Opfer denn verschmht
Sie minder?--Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd
Und nicht gefangen wret, wrd' ich Euch
So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit
Kann man Euch dienen?

Tempelherr. Ihr? Mit nichts.

Nathan. Ich bin
Ein reicher Mann.

Tempelherr. Der reichre Jude war
Mir nie der bere Jude.

Nathan. Drft Ihr denn
Darum nicht ntzen, was dem ungeachtet
Er Beres hat? nicht seinen Reichtum ntzen?

Tempelherr.
Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden;
Um meines Mantels willen nicht. Sobald
Der ganz und gar verschlissen; weder Stich
Noch Fetze lnger halten will: komm ich
Und borge mir bei Euch zu einem neuen,
Tuch oder Geld.--Seht nicht mit eins so finster!
Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit
Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch
Im Stande. Nur der eine Zipfel da
Hat einen garstigen Fleck; er ist versengt.
Und das bekam er, als ich Eure Tochter
Durchs Feuer trug.

Nathan (der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet).
Es ist doch sonderbar,
Da so ein bser Fleck, da so ein Brandmal
Dem Mann ein beres Zeugnis redet, als
Sein eigner Mund. Ich mcht' ihn kssen gleich--
Den Flecken!--Ah, verzeiht!--Ich tat es ungern.

Tempelherr.
Was?

Nathan. Eine Trne fiel darauf.

Tempelherr. Tut nichts!
Er hat der Tropfen mehr.--(Bald aber fngt
Mich dieser Jud' an zu verwirren.)

Nathan. Wrt
Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel
Auch einmal meinem Mdchen?

Tempelherr. Was damit?

Nathan.
Auch ihren Mund an diesen Fleck zu drcken.
Denn Eure Kniee selber zu umfassen,
Wnscht sie nun wohl vergebens.

Tempelherr. Aber, Jude--
Ihr heiet Nathan?--Aber, Nathan--Ihr
Setzt Eure Worte sehr--sehr gut--sehr spitz--
Ich bin betreten--Allerdings--ich htte...

Nathan.
Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find
Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,
Um hflicher zu sein.--Das Mdchen, ganz
Gefhl; der weibliche Gesandte, ganz
Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt--
Ihr trugt fr ihren guten Namen Sorge;
Floht ihre Prfung; floht, um nicht zu siegen.
Auch dafr dank ich Euch--

Tempelherr. Ich mu gestehn,
Ihr wit, wie Tempelherren denken sollten.

Nathan.
Nur Tempelherren? sollten blo? und blo
Weil es die Ordensregeln so gebieten?
Ich wei, wie gute Menschen denken; wei,
Da alle Lnder gute Menschen tragen.

Tempelherr.
Mit Unterschied, doch hoffentlich?

Nathan. Jawohl;
An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.

Tempelherr.
Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

Nathan.
Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her.
Der groe Mann braucht berall viel Boden;
Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen
Sich nur die ste. Mittelgut, wie wir,
Find't sich hingegen berall in Menge.
Nur mu der eine nicht den andern mkeln.
Nur mu der Knorr den Knuppen hbsch vertragen.
Nur mu ein Gipfelchen sich nicht vermessen,
Da es allein der Erde nicht entschossen.

Tempelherr.
Sehr wohl gesagt!--Doch kennt Ihr auch das Volk,
Das diese Menschenmkelei zuerst
Getrieben? Wit Ihr, Nathan, welches Volk
Zuerst das auserwhlte Volk sich nannte?
Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hate,
Doch wegen seines Stolzes zu verachten,
Mich nicht entbrechen knnte? Seines Stolzes;
Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
Nur sein Gott sei der rechte Gott!--Ihr stutzt,
Da ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?
Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
Der ganzen Welt als besten auf zudringen,
In ihrer schwrzesten Gestalt sich mehr
Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt
Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch
Sei blind, wer will!--Verget, was ich gesagt;
Und lat mich! (Will gehen.)

Nathan. Ha! Ihr wit nicht, wie viel fester
Ich nun mich an Euch drngen werde.--Kommt,
Wir mssen, mssen Freunde sein!--Verachtet
Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
Wir unser Volk? Was heit denn Volk?
Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
Gefunden htte, dem es gngt, ein Mensch
Zu heien!

Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
Das habt Ihr!--Eure Hand!--Ich schme mich,
Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

Nathan.
Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine
Verkennt man selten.

Tempelherr. Und das Seltene
Vergit man schwerlich.--Nathan, ja;
Wir mssen, mssen Freunde werden.

Nathan. Sind
Es schon.--Wie wird sich meine Recha freuen!--
Und ah! welch eine heitre Ferne schliet
Sich meinen Blicken auf!--Kennt sie nur erst.

Tempelherr.
Ich brenne vor Verlangen.--Wer strzt dort
Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja?

Nathan.
Jawohl. So ngstlich?

Tempelherr. Unsrer Recha ist
Doch nichts begegnet?



Sechster Auftritt

Die Vorigen und Daja eilig.


Daja. Nathan! Nathan!

Nathan. Nun?

Daja.
Verzeihet, edler Ritter, da ich Euch
Mu unterbrechen.

Nathan. Nun, was ist's?

Tempelherr. Was ist's?

Daja.
Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will
Euch sprechen. Gott, der Sultan!

Nathan. Mich? der Sultan?
Er wird begierig sein, zu sehen, was
Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei
Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.

Daja.
Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,
Euch in Person, und bald; sobald Ihr knnt.--

Nathan.
Ich werde kommen.--Geh nur wieder, geh!

Daja.
Nehmt ja nicht bel auf, gestrenger Ritter--
Gott, wir sind so bekmmert, was der Sultan
Doch will.

Nathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!



Siebenter Auftritt

Nathan und der Tempelherr.


Tempelherr.
So kennt Ihr ihn noch nicht?--ich meine, von
Person.

Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
Von ihm, da ich nicht lieber glauben wollte,
Als sehn. Doch nun,--wenn anders dem so ist,
Hat er durch Sparung Eures Lebens...

Tempelherr. Ja;
Dem allerdings ist so. Das Leben, das
ich leb, ist sein Geschenk.

Nathan. Durch das er mir
Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
Hat alles zwischen uns verndert; hat
Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
Gestehn, da ich es Euertwegen bin.

Tempelherr.
Noch hab ich selber ihm nicht danken knnen:
Sooft ich auch ihm in den Weg getreten.
Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.
Wer wei, ob er sich meiner gar erinnert.
Und dennoch mu er, einmal wenigstens,
Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
Ganz zu entscheiden. Nicht genug, da ich
Auf sein Gehei noch bin, mit seinem Willen
Noch leb: ich mu nun auch von ihm erwarten,
Nach wessen Willen ich zu leben habe.

Nathan.
Nicht anders; um so mehr will ich nicht sumen.--
Es fllt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
Zu kommen, Anla gibt.--Erlaubt, verzeiht--
Ich eile--Wenn, wenn aber sehn wir Euch
Bei uns?

Tempelherr. Sobald ich darf.

Nathan. Sobald Ihr wollt.

Tempelherr.
Noch heut.

Nathan. Und Euer Name?--mu ich bitten.

Tempelherr.
Mein Name war--ist Curd von Stauffen.--Curd!

Nathan.
Von Stauffen?--Stauffen?--Stauffen?

Tempelherr. Warum fllt
Euch das so auf?

Nathan. Von Stauffen?--Des Geschlechts
Sind wohl noch mehrere...

Tempelherr. O ja! hier waren,
Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
Mein Oheim selbst,--mein Vater will ich sagen,
Doch warum schrft sich Euer Blick auf mich
Je mehr und mehr?

Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann
Ich Euch zu sehn ermden?

Tempelherr. Drum verla
Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
Nicht selten mehr, als er zu finden wnschte.
Ich frcht ihn, Nathan. Lat die Zeit allmhlich,
Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.

(Er geht.)

Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht).
"Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
Zu finden wnschte."--Ist es doch, als ob
In meiner Seel' er lese!--Wahrlich ja;
Das knnt' auch mir begegnen.--Nicht allein
Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So,
Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf
Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen.
Wie solche tiefgeprgte Bilder doch
Zu Zeiten in uns schlafen knnen, bis
Ein Wort, ein Laut sie weckt.--Von Stauffen!--
Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen.--
Ich will das bald genauer wissen; bald.
Nur erst zum Saladin.--Doch wie? lauscht dort
Nicht Daja?--Nun so komm nur nher, Daja.



Achter Auftritt

Daja. Nathan.


Nathan.
Was gilt's? nun drckt's euch beiden schon das Herz,
Noch ganz was anders zu erfahren, als
Was Saladin mir will.

Daja. Verdenkt Ihr's ihr?
Ihr fingt soeben an, vertraulicher
Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft
Uns von dem Fenster scheuchte.

Nathan. Nun, so sag
Ihr nur, da sie ihn jeden Augenblick
Erwarten darf.

Daja. Gewi? gewi?

Nathan. Ich kann
Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei
Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll
Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst
Soll seine Rechnung dabei finden. Nur
Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur
Erzhl und frage mit Bescheidenheit,
Mit Rckhalt...

Daja. Da Ihr doch noch erst so was
Erinnern knnt!--Ich geh; geht Ihr nur auch.
Denn seht! ich glaube gar, da kmmt vom Sultan
Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.)



Neunter Auftritt

Nathan. Al-Hafi.


Al-Hafi.
Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder.

Nathan.
Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn
Von mir?

Al-Hafi. Wer?

Nathan. Saladin.--Ich komm, ich komme.

Al-Hafi.
Zu wem? Zum Saladin?

Nathan. Schickt Saladin
Dich nicht?

Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?

Nathan.
Ja freilich hat er.

Al-Hafi. Nun, so ist es richtig.

Nathan.
Was? was ist richtig?

Al-Hafi. Da... ich bin nicht schuld;
Gott wei, ich bin nicht schuld.--Was hab ich nicht
Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!

Nathan.
Was abzuwenden? Was ist richtig?

Al-Hafi. Da
Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich
Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht.
Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon
Gehrt, wohin; und wit den Weg.--Habt Ihr
Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin
Zu Diensten. Freilich mu es mehr nicht sein,
Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.
Ich geh, sagt bald.

Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi.
Besinn dich, da ich noch von gar nichts wei.
Was plauderst du denn da?

Al-Hafi. Ihr bringt sie doch
Gleich mit, die Beutel?

Nathan. Beutel?

Al-Hafi. Nun, das Geld,
Das Ihr dem Saladin vorschieen sollt.
Nathan.
Und weiter ist es nichts?

Al-Hafi. Ich sollt' es wohl
Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag
Aushhlen wird bis auf die Zehen? Sollt'
Es wohl mit ansehn, da Verschwendung aus
Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern
So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
Die armen eingebornen Muschen drin
Verhungern?--Bildet Ihr vielleicht Euch ein,
Wer Euers Gelds bedrftig sei, der werde
Doch Euerm Rate wohl auch folgen?--Ja;
Er Rate folgen! Wenn hat Saladin
Sich raten lassen?--Denkt nur, Nathan, was
Mir eben itzt mit ihm begegnet.

Nathan. Nun?

Al-Hafi.
Da komm ich zu ihm, eben da er Schach
Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt
Nicht bel; und das Spiel, das Saladin
Verloren glaubte, schon gegeben hatte,
Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,
Und sehe, da das Spiel noch lange nicht
Verloren.

Nathan. Ei! das war fr dich ein Fund!

Al-Hafi.
Er durfte mit dem Knig an den Bauer
Nur rcken, auf ihr Schach.--Wenn ich's Euch gleich
Nur zeigen knnte!

Nathan. O ich traue dir!

Al-Hafi.
Denn so bekam der Roche Feld: und sie
War hin.--Das alles will ich ihm nun weisen
Und ruf ihn.--Denkt!...

Nathan. Er ist nicht deiner Meinung?

Al-Hafi.
Er hrt mich gar nicht an, und wirft verchtlich
Das ganze Spiel in Klumpen.

Nathan. Ist das mglich?

Al-Hafi.
Und sagt: er wolle matt nun einmal sein;
Er wolle! Heit das spielen?

Nathan. Schwerlich wohl;
Heit mit dem Spielen spielen.

Al-Hafi. Gleichwohl galt
Es keine taube Nu.

Nathan. Geld hin, Geld her!
Das ist das wenigste. Allein dich gar
Nicht anzuhren! ber einen Punkt
Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal
Zu hren! deinen Adlerblick nicht zu
Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?

Al-Hafi.
Ach was! Ich sage Euch das nur, damit
Ihr sehen knnt, was fr ein Kopf er ist.
Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht lnger aus.
Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren
Herum, und frage, wer ihm borgen will.
Ich, der ich nie fr mich gebettelt habe,
Soll nun fr andre borgen. Borgen ist
Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,
Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an
Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche
Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr
Der einzige, der noch so wrdig wre,
Da er am Ganges lebte.--Wollt Ihr mit?--
Lat ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,
Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach
Und nach doch drum. So wr' die Plackerei
Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.
Kommt! kommt!

Nathan. Ich dchte zwar, das blieb' uns ja
Noch immer brig. Doch, Al-Hafi, will
Ich's berlegen. Warte...

Al-Hafi. berlegen?
Nein, so was berlegt sich nicht.

Nathan. Nur bis
Ich von dem Sultan wiederkomme; bis
Ich Abschied erst...

Al-Hafi. Wer berlegt, der sucht
Bewegungsgrnde, nicht zu drfen. Wer
Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht,
Entschlieen kann, der lebet andrer Sklav'
Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch
Wohl dnkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da.

Nathan.
Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine
Berichtigen?

Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand
Von meiner Kass' ist nicht des Zhlens wert;
Und meine Rechnung brgt--Ihr oder Sittah.
Lebt wohl! (Ab.)

Nathan (ihm nachsehend).
Die brg ich!--Wilder, guter, edler--
Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist
Doch einzig und allein der wahre Knig!
(Von einer andern Seite ab.)





Dritter Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: in Nathans Hause.)


Recha und Daja.

Recha.
Wie, Daja, drckte sich mein Vater aus?
"Ich drf' ihn jeden Augenblick erwarten?"
Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald
Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke
Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt
An die verflossenen?--Ich will allein
In jedem nchsten Augenblicke leben.
Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

Daja.
O der verwnschten Botschaft von dem Sultan!
Denn Nathan htte sicher ohne sie
Ihn gleich mit hergebracht.

Recha. Und wenn er nun
Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
Nun meiner Wnsche wrmster, innigster
Erfllet ist: was dann?--was dann?

Daja. Was dann?
Dann hoff ich, da auch meiner Wnsche wrmster
Soll in Erfllung gehen.

Recha. Was wird dann
In meiner Brust an dessen Stelle treten,
Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden
Wunsch aller Wnsche sich zu dehnen?--Nichts?
Ah, ich erschrecke!...

Daja. Mein, mein Wunsch wird dann
An des erfllten Stelle treten; meiner.
Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Hnden
Zu wissen, welche deiner wrdig sind.

Recha.
Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht,
Das nmliche verhindert, da er meiner
Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
Und meines, meines sollte mich nicht halten?
Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele
Noch nicht verloschen, sollte mehr vermgen,
Als die ich sehn, und greifen kann, und hren,
Die Meinen?

Daja. Sperre dich, soviel du willst!
Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
Und wenn es nun dein Retter selber wre,
Durch den sein Gott, fr den er kmpft, dich in
Das Land, dich zu dem Volke fhren wollte,
Fr welche du geboren wurdest?

Recha. Daja!
Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
Begriffe! "Sein, sein Gott! fr den er kmpft!"
Wem eignet Gott? was ist das fr ein Gott,
Der einem Menschen eignet? der fr sich
Mu kmpfen lassen?--Und wie wei
Man denn, fr welchen Erdklo man geboren,
Wenn man's fr den nicht ist, auf welchem man
Geboren?--Wenn mein Vater dich so hrte!--
Was tat er dir, mir immer nur mein Glck
So weit von ihm als mglich vorzuspiegeln?
Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
Den er so rein in meine Seele streute,
Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja,
Er will nun deine bunten Blumen nicht
Auf meinem Boden!--Und ich mu dir sagen,
Ich selber fhle meinen Boden, wenn
Sie noch so schn ihn kleiden, so entkrftet,
So ausgezehrt durch deine Blume; fhle
In ihrem Dufte, sauersem Dufte,
Mich so betubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn
Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
Die strkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
Nur schlgt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
Wie wenig fehlte, da er mich zur Nrrin
Gemacht?--Noch schm ich mich vor meinem Vater
Der Posse!

Daja. Posse!--Als ob der Verstand
Nur hier zu Hause wre! Posse! Posse!
Wenn ich nur reden drfte!

Recha. Darfst du nicht?
Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir
Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden
Nicht immer Trnen gern gezollt? Ihr Glaube
Schien freilich mir das Heldenmigste
An ihnen nie. Doch so viel trstender
War mir die Lehre, da Ergebenheit
In Gott von unserm Whnen ber Gott
So ganz und gar nicht abhngt.--Liebe Daja,
Das hat mein Vater uns so oft gesagt;
Darber hast du selbst mit ihm so oft
Dich einverstanden: warum untergrbst
Du denn allein, was du mit ihm zugleich
Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein
Gesprch, womit wir unserm Freund' am besten
Entgegensehn. Fr mich zwar, ja! Denn mir,
Mir liegt daran unendlich, ob auch er...
Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Tre?
Wenn Er es wre! horch!



Zweiter Auftritt

Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von auen die Tre ffnet,
mit den Worten:


Nur hier herein!

Recha (fhrt zusammen, fat sich und will ihm zu Fen fallen).
Er ist's!--Mein Retter, ah!

Tempelherr. Dies zu vermeiden
Erschien ich blo so spt: und doch--

Recha. Ich will
Ja zu den Fen dieses stolzen Mannes
Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.
Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig
Als ihn der Wassereimer will, der bei
Dem Lschen so geschftig sich erwiesen.
Der lie sich fllen, lie sich leeren, mir
Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
Ward nur so in die Glut hineingestoen;
Da fiel ich ungefhr ihm in den Arm;
Da blieb ich ungefhr, so wie ein Funken
Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
Bis wiederum, ich wei nicht was, uns beide
Herausschmi aus der Glut.--Was gibt es da
Zu danken?--In Europa treibt der Wein
Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren,
Die mssen einmal nun so handeln; mssen
Wie etwas besser zugelernte Hunde,
Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.

Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit ber betrachtet).
O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken
Des Kummers und der Galle, meine Laune
Dich bel anlie, warum jede Torheit,
Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
Das hie sich zu empfindlich rchen, Daja!
Doch wenn du nur von nun an besser mich
Bei ihr vertreten willst.

Daja. Ich denke, Ritter
Ich denke nicht, da diese kleinen Stacheln,
Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr
Geschadet haben.

Recha. Wie? Ihr hattet Kummer?
Und wart mit Euerm Kummer geiziger
Als Euerm Leben?

Tempelherr. Gutes, holdes Kind!--
Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
Und Ohr geteilt!--Das war das Mdchen nicht,
Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
Ich holte.--Denn wer htte die gekannt,
Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer htte
Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck.
(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)

Recha.
Ich aber find Euch noch den nmlichen.--
(Dergleichen; bis sie fortfhrt, um ihn in seinem Anstaunen zu
unterbrechen.)
Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange
Gewesen?--Fast drft' ich auch fragen: wo
Ihr itzo seid?

Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht
Nicht sollte sein.--

Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch
Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?
Das ist nicht gut.

Tempelherr. Auf--auf--wie heit der Berg?
Auf Sinai.

Recha. Auf Sinai?--Ah schn!
Nun kann ich zuverlssig doch einmal
Erfahren, ob es wahr...

Tempelherr. Was? was? Ob's wahr,
Da noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses
Vor Gott gestanden, als...

Recha. Nun das wohl nicht.
Denn wo er stand, stand er vor Gott. Und davon
Ist mir zur Gnge schon bekannt.--Ob's wahr,
Mcht' ich nur gern von Euch erfahren, da--
Da es bei weitem nicht so mhsam sei,
Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als
Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch
Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.--
Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab?
Wollt mich nicht sehn?

Tempelherr. Weil ich Euch hren will.

Recha.
Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, da
Ihr meiner Einfalt lchelt; da Ihr lchelt,
Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers
Von diesem heiligen Berg' aller Berge
Zu fragen wei? Nicht wahr?

Tempelherr. So mu
Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.--
Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeit
Das Lcheln Ihr? wie ich noch erst in Mienen,
In zweifelhaften Mienen lesen will,
Was ich so deutlich hr, Ihr so vernehmlich
Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie
Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!"

Recha.
Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt?

Tempelherr. "Kennt sie
Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt;
Von Euch gesagt.

Daja. Und ich nicht etwa auch?
Ich denn nicht auch?

Tempelherr. Allein wo ist er denn?
Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch
Beim Sultan?

Recha. Ohne Zweifel.

Tempelherr. Noch, noch da?--
O mich Vergelichen! Nein, nein; da ist
Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei
Dem Kloster meiner warten; ganz gewi.
So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!
Ich geh, ich hol ihn...

Daja. Das ist meine Sache.
Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzglich.

Tempelherr.
Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen;
Nicht Euch. Dazu, er knnte leicht... wer wei? ...
Er knnte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt
Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit
Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr,
Wenn ich nicht geh.

Recha. Gefahr? was fr Gefahr?

Tempelherr.
Gefahr fr mich, fr Euch, fr ihn: wenn ich
Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)



Dritter Auftritt

Recha und Daja.


Recha. Was ist das, Daja?--
So schnell?--Was kmmt ihm an? Was fiel ihm auf?
Was jagt ihn?

Daja. Lat nur, lat. Ich denk, es ist
Kein schlimmes Zeichen.

Recha. Zeichen? und wovon?

Daja.
Da etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
Und soll nicht berkochen. Lat ihn nur.
Nun ist's an Euch.

Recha. Was ist an mir? Du wirst,
Wie er, mir unbegreiflich.

Daja. Bald nun knnt
Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die
Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.

Recha.
Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.

Daja.
Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?

Recha.
Das bin ich; ja das bin ich...

Daja. Wenigstens
Gesteht, da Ihr Euch seiner Unruh' freut;
Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt
Von Ruh' geniet.

Recha. Mir vllig unbewut!
Denn was ich hchstens dir gestehen knnte,
Wr', da es mich--mich selbst befremdet, wie
Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
So eine Stille pltzlich folgen knnen.
Sein voller Anblick, sein Gesprch, sein Ton
Hat mich...

Daja. Gesttigt schon?

Recha. Gesttigt, will
Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht.

Daja.
Den heien Hunger nur gestillt.

Recha. Nun ja:
Wenn du so willst.

Daja. Ich eben nicht.

Recha. Er wird
Mir ewig wert; mir ewig werter, als
Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls
Nicht mehr bei seinem bloen Namen wechselt;
Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,
Geschwinder, strker schlgt.--Was schwatz ich? Komm,
Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
Das auf die Palmen sieht.

Daja. So ist er doch
Wohl noch nicht ganz gestillt, der heie Hunger.

Recha.
Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn:
Nicht ihn blo untern Palmen.

Daja. Diese Klte
Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.

Recha.
Was Klt'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich
Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.



Vierter Auftritt

(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)


Saladin und Sittah.

Saladin (im Hereintreten, gegen die Tre).
Hier bringt den Juden her, sobald er kmmt.
Er scheint sich eben nicht zu bereilen.

Sittah.
Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich
Zu finden.

Saladin. Schwester! Schwester!

Sittah. Tust du doch,
Als stnde dir ein Treffen vor.

Saladin. Und das
Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu fhren.
Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
Soll Fallen legen; soll auf Glatteis fhren.
Wenn htt' ich das gekonnt? Wo htt' ich das
Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu?
Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld,
Geld einem Juden abzubangen; Geld!
Zu solchen kleinen Listen wr' ich endlich
Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
Zu schaffen?

Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr
Verschmht, die rcht sich, Bruder.

Saladin. Leider wahr.--
Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
Vernnft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir
Ihn ehedem beschrieben?

Sittah. O nun dann!
Was hat es dann fr Not! Die Schlinge liegt
Ja nur dem geizigen, besorglichen,
Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht
Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergngen,
Zu hren, wie ein solcher Mann sich ausred't;
Mit welcher dreisten Strk' entweder er
Die Stricke kurz zerreiet; oder auch
Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
Vorbei sich windet: dies Vergngen hast
Du obendrein.

Saladin. Nun, das ist wahr. Gewi;
Ich freue mich darauf.

Sittah. So kann dich ja
Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
Ist's einer aus der Menge blo; ist's blo
Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
Wirst du dich doch nicht schmen, so zu scheinen,
Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;
Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
Als Geck, als Narr.

Saladin. So mu ich ja wohl gar
Schlecht handeln, da von mir der Schlechte nicht
Schlecht denke?

Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

Saladin.
Was htt' ein Weiberkopf erdacht, das er
Nicht zu beschnen wte!

Sittah. Zu beschnen!

Saladin.
Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,
In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was
Will ausgefhrt sein, wie's erfunden ist:
Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch,
Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;
Und knnt' es freilich lieber--schlechter noch
Als besser.

Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig!
Ich stehe dir fr dich! Wenn du nur willst.--
Da uns die Mnner deinesgleichen doch
So gern bereden mchten, nur ihr Schwert,
Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
Der Lwe schmt sich freilich, wenn er mit
Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List.

Saladin.
Und da die Weiber doch so gern den Mann
Zu sich herunter htten!--Geh nur, geh!--
Ich glaube meine Lektion zu knnen.

Sittah.
Was? ich soll gehn?

Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?

Sittah.
Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben--
Doch hier im Nebenzimmer--

Saladin. Da zu horchen?
Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.--
Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kmmt!--doch da
Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

(Indem sie sich durch eine Tre entfernt, tritt Nathan zu der andern
herein; und Saladin hat sich gesetzt.)



Fnfter Auftritt

Saladin und Nathan.


Saladin.
Tritt nher, Jude!--Nher!--Nur ganz her!
Nur ohne Furcht!

Nathan. Die bleibe deinem Feinde!

Saladin.
Du nennst dich Nathan?

Nathan. Ja.

Saladin. Den weisen Nathan?

Nathan.
Nein.

Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.

Nathan.
Kann sein; das Volk!

Saladin. Du glaubst doch nicht, da ich
Verchtlich von des Volkes Stimme denke?--
Ich habe lngst gewnscht, den Mann zu kennen,
Den es den Weisen nennt.

Nathan. Und wenn es ihn
Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
Nichts weiter wr' als klug? und klug nur der,
Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

Saladin.
Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

Nathan.
Dann freilich wr' der Eigenntzigste
Der Klgste. Dann wr' freilich klug und weise
Nur eins.

Saladin. Ich hre dich erweisen, was
Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre
Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.
Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
Hast drber nachgedacht: das auch allein
Macht schon den Weisen.

Nathan. Der sich jeder dnkt
Zu sein.

Saladin. Nun der Bescheidenheit genug!
Denn sie nur immerdar zu hren, wo
Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.
(Er springt auf.)
La uns zur Sache kommen! Aber, aber
Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

Nathan. Sultan, ich
Will sicherlich dich so bedienen, da
Ich deiner fernern Kundschaft wrdig bleibe.

Saladin. Bedienen? wie?

Nathan. Du sollst das Beste haben
Von allem; sollst es um den billigsten
Preis haben.

Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht
Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir
Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)--
Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.

Nathan.
So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,
Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
Der allerdings sich wieder reget, etwa
Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen...

Saladin.
Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
Gesteuert. Davon wei ich schon, so viel
Ich ntig habe.--Kurz-,--

Nathan. Gebiete, Sultan.

Saladin.
Ich heische deinen Unterricht in ganz
Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun
So weise bist: so sage mir doch einmal--
Was fr ein Glaube, was fr ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?

Nathan. Sultan,
Ich bin ein Jud'.

Saladin. Und ich ein Muselmann.
Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei
Religionen kann doch eine nur
Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Grnden, Wahl des Bessern.
Wohlan! so teile deine Einsicht mir
Dann mit. La mich die Grnde hren, denen
Ich selber nachzugrbeln, nicht die Zeit
Gehabt. La mich die Wahl, die diese Grnde
Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen,
Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
Du stutzest? wgst mich mit dem Auge?--Kann
Wohl sein, da ich der erste Sultan bin,
Der eine solche Grille hat; die mich
Doch eines Sultans eben nicht so ganz
Unwrdig dnkt.--Nicht wahr?--So rede doch!
Sprich!--Oder willst du einen Augenblick,
Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir.
(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
Will hren, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach.
Geschwind denk nach! Ich sume nicht, zurck-
Zukommen.
(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)



Sechster Auftritt

Nathan allein.


Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist
Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin
Auf Geld gefat; und er will--Wahrheit. Wahrheit!
Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob
Die Wahrheit Mnze wre!--ja, wenn noch
Uralte Mnze, die gewogen ward!--
Das ginge noch! Allein so neue Mnze,
Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
Nur zhlen darf, das ist sie doch nun nicht!
Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl
Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar,
Zwar der Verdacht, da er die Wahrheit nur
Als Falle brauche, wr' auch gar zu klein!--
Zu klein?--Was ist fr einen Groen denn
Zu klein?--Gewi, gewi: er strzte mit
Der Tre so ins Haus! Man pocht doch, hrt
Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich mu
Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz
Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.--
Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
Denn, wenn kein Jude, drft' er mich nur fragen,
Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann
Mich retten!--Nicht die Kinder blo, speist man
Mit Mrchen ab.--Er kommt. Er komme nur!



Siebenter Auftritt

Saladin und Nathan.


Saladin.
(So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch
Nicht zu geschwind zurck? Du bist zu Rande
Mit deiner berlegung.--Nun so rede!
Es hrt uns keine Seele.

Nathan. Mcht' auch doch
Die ganze Welt uns hren.

Saladin. So gewi
Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
Verhehlen! fr sie alles auf das Spiel
Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

Nathan.
Ja! Ja! wann's ntig ist und nutzt.

Saladin. Von nun
An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
Mit Recht zu fhren.

Nathan. Traun, ein schner Titel!
Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzhlen?

Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzhlt.

Nathan. Ja, gut erzhlen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin. Schon wieder
So stolz bescheiden?--Mach! erzhl, erzhle!

Nathan.
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschtzbarem Wert
Aus lieber Hand besa. Der Stein war ein
Opal, der hundert schne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Da ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger lie; und die Verfgung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nmlich so. Er lie den Ring
Von seinen Shnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, da dieser wiederum
Den Ring von seinen Shnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Frst des Hauses werde.--
Versteh mich, Sultan.

Saladin. Ich versteh dich. Weiter!

Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Shnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergieend Herz
Die andern zwei nicht teilten,--wrdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging.--Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kmmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Shnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu krnken.--Was zu tun?--
Er sendet in geheim zu einem Knstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mhe sparen heit, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Knstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Shne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen,--
Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hrst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hr, ich hre!--Komm mit deinem Mrchen
Nur bald zu Ende.--Wird's?

Nathan. Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.--
Kaum war der Vater tot, so kmmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Frst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich;--
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt--der rechte Glaube.

Saladin. Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage?...

Nathan. Soll
Mich blo entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen lie,
Damit sie nicht zu unterscheiden wren.

Saladin.
Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich dchte,
Da die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wren.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

Nathan.
Und nur von seiten ihrer Grnde nicht.
Denn grnden alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder berliefert!--Und
Geschichte mu doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden?--Nicht?--
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getuscht, als wo
Getuscht zu werden uns heilsamer war?--
Wie kann ich meinen Vtern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.--
Kann ich von dir verlangen, da du deine
Vorfahren Lgen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nmliche gilt von den Christen. Nicht?--

Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich mu verstummen.)

Nathan. La auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Shne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genieen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater,
Beteurt' jeder, knne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass': eh' mss' er seine Brder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verrter
Schon auszufinden wissen; sich schon rchen.

Saladin.
Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hren,
Was du den Richter sagen lssest. Sprich!

Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, da ich Rtsel
Zu lsen da bin? Oder harret ihr,
Bis da der rechte Ring den Mund erffne?--
Doch halt! Ich hre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das mu
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht knnen!--Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurck? und nicht
Nach auen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, lie der Vater
Die drei fr einen machen.

Saladin. Herrlich! herrlich!

Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache vllig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten.--Mglich; da der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht lnger
In seinem Hause dulden willen!--Und gewi;
Da er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drcken mgen,
Um einen zu begnstigen.--Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Vertrglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Krfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern uern:
So lad ich ber tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der
Bescheidne Richter.

Saladin. Gott! Gott!

Nathan. Saladin,
Wenn du dich fhlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein:...

Saladin (der auf ihn zustrzt und seine Hand ergreift, die er bis zu
Ende nicht wieder fahren lt).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

Nathan. Was ist dir, Sultan?

Saladin. Nathan, lieber Nathan!--
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund.

Nathan.
Und weiter htte Saladin mir nichts
Zu sagen?

Saladin. Nichts.

Nathan. Nichts?

Saladin. Gar nichts.--Und warum?

Nathan.
Ich htte noch Gelegenheit gewnscht,
Dir eine Bitte vorzutragen.

Saladin. Braucht's
Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede!

Nathan.
Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher
Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich
Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt
Bedenklich wiederum zu werden;--und
Ich wei nicht recht, wo sicher damit hin.--
Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch
Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
Erfordert,--etwas brauchen knntest.

Saladin (ihm steif in die Augen sehend).
Nathan!--
Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen,
Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
Erbieten freierdings zu tun:...

Nathan. Ein Argwohn?

Saladin.
Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's?
Ich mu dir nur gestehen,--da ich im
Begriffe war--

Nathan. Doch nicht, das Nmliche
An mich zu suchen?

Saladin. Allerdings.

Nathan. So wr'
Uns beiden ja geholfen!--Da ich aber
Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
Das macht der junge Tempelherr. Du kennst
Ihn ja. Ihm hab ich eine groe Post
Vorher noch zu bezahlen.

Saladin. Tempelherr?
Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
Mit deinem Geld auch untersttzen wollen?

Nathan.
Ich spreche von dem einen nur, dem du
Das Leben spartest...

Saladin. Ah! woran erinnerst
Du mich!--Hab ich doch diesen Jngling ganz
Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er?

Nathan. Wie?
So weit du nicht, wieviel von deiner Gnade
Fr ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.

Saladin.
Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus.
Das htte traun mein Bruder auch getan,
Dem er so hnelt!--Ist er denn noch hier?
So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester
Von diesem ihren Bruder, den sie nicht
Gekannt, so viel erzhlet, da ich sie
Sein Ebenbild doch auch mu sehen lassen!--
Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat,
Gebar sie auch schon bloe Leidenschaft,
Doch so viel andre gute Taten flieen!
Geh, hol ihn!

Nathan (indem er Saladins Hand fahren lt).
Augenblicks! Und bei dem andern
Bleibt es doch auch? (Ab.)

Saladin. Ah! da ich meine Schwester
Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn
Wie soll ich alles das ihr nun erzhlen?

(Ab von der andern Seite.)



Achter Auftritt

Die Szene: unter den Palmen, in der Nhe des Klosters, wo der

Tempelherr Nathans wartet.


Tempelherr (geht, mit sich selbst kmpfend, auf und ab; bis er
losbricht).
--Hier hlt das Opfertier ermdet still.--
Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht nher wissen,
Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst
Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch
Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!--
Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
Gefallen; unter den zu kommen, ich
So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn,
Die ich zu sehn so wenig lstern war,
Sie sehn, und der Entschlu, sie wieder aus
Den Augen nie zu lassen.--Was Entschlu?
Entschlu ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt',
Ich litte blo.--Sie sehn, und das Gefhl
An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,
War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt
Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wr'
Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode
Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe:
So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt
Der Christ das Judenmdchen freilich.--Hm!
Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,--
Und drum auch mir gelobt auf immerdar!--
Der Vorurteile mehr schon abgelegt.--
Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wr'
Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem
Nichts wei, was jenem eingeplaudert ward,
Was jenen band.--Und ist ein berer; fr
Den vterlichen Himmel mehr gemacht.
Das spr ich ja. Denn erst mit ihm beginn
Ich so zu denken, wie mein Vater hier
Gedacht mu haben; wenn man Mrchen nicht
Von ihm mir vorgelegen.--Mrchen?--doch
Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr
Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel?
Ich will mit Mnnern lieber fallen, als
Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel brget mir
Fr seinen Beifall. Und an wessen Beifall
Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen
Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!--
Und der so ganz nur Jude scheinen will!
Da kmmt er; kmmt mit Hast; glht heitre Freude.
Wer kam vom Saladin je anders?--He!
He, Nathan!



Neunter Auftritt

Nathan und der Tempelherr.


Nathan. Wie? seid Ihr's?

Tempelherr. Ihr habt
Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten.

Nathan.
So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn
Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann
Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist blo sein Schatten.
Doch lat vor allen Dingen Euch geschwind
Nur sagen...

Tempelherr. Was?

Nathan. Er will Euch sprechen; will,
Da ungesumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet
Mich nur nach Hause, wo ich noch fr ihn
Erst etwas anders zu verfgen habe:
Und dann, so gehn wir!

Tempelherr. Nathan, Euer Haus
Betret ich wieder eher nicht...

Nathan. So seid
Ihr doch indes schon da gewesen? habt
Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie
Gefllt Euch Recha?

Tempelherr. ber allen Ausdruck!
Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie!
Nie! nie!--Ihr mtet mir zur Stelle denn
Versprechen:--da ich sie auf immer, immer--
Soll knnen sehn.

Nathan. Wie wollt Ihr, da ich das
Versteh?

Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm pltzlich um den Hals fallend).
Mein Vater!

Nathan.--Junger Mann!

Tempelherr (ihn ebenso pltzlich wieder lassend).
Nicht Sohn?--
Ich bitt Euch, Nathan!--

Nathan. Lieber junger Mann!

Tempelherr.
Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwr
Euch bei den ersten Banden der Natur!--
Zieht ihnen sptre Fesseln doch nicht vor!--
Begngt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stot mich
Nicht von Euch!

Nathan. Lieber, lieber Freund!...

Tempelherr. Und Sohn?
Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn
Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
Der Liebe schon den Weg gebahnet htte?
Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen,
Auf Euern Wink nur beide warteten?--
Ihr schweigt?

Nathan. Ihr berrascht mich, junger Ritter.

Tempelherr.
Ich berrasch Euch?--berrasch Euch, Nathan,
Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr
Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?--
Ich berrasch Euch?

Nathan. Eh' ich einmal wei,
Was fr ein Stauffen Euer Vater denn
Gewesen ist!

Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was?
In diesem Augenblicke fhlt Ihr nichts
Als Neubegier?

Nathan. Denn seht! Ich habe selbst
Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,
Der Conrad hie.

Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn
Nun ebenso geheien htte?

Nathan. Wahrlich?

Tempelherr.
Ich heie selber ja nach meinem Vater: Curd
Ist Conrad.

Nathan. Nun--so war mein Conrad doch
Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermhlt.

Tempelherr.
O darum!

Nathan. Wie?

Tempelherr. O darum knnt' er doch
Mein Vater wohl gewesen sein.

Nathan. Ihr scherzt.

Tempelherr.
Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was wr's
Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!
Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch
Entlat mich immer meiner Ahnenprobe.
Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
In Euern Stammbaum setzte. Gott behte!
Ihr knnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
Hinauf belegen. Und von da so weiter,
Wei ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwren.

Nathan.
Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug
Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja
Nur bei dem Worte nicht den Augenblick
So fassen.--Weiter nichts.

Tempelherr. Gewi?--Nichts weiter?
O so vergebt!...

Nathan. Nun kommt nur, kommt!

Tempelherr. Wohin?
Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!--
Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!--
Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
Schon viel zu viel...

Nathan. Ich will mich mglichst eilen.



Zehnter Auftritt

Der Tempelherr und bald darauf Daja.


Tempelherr.
Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn fat so
Unendlich viel; und ist doch manchmal auch
So pltzlich voll! von einer Kleinigkeit
So pltzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei
Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld!
Die Seele wirkt den aufgedunsnen Stoff
Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht
Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn
Zum ersten Male?--Oder war, was ich
Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe
Nur was ich itzt empfinde?...

Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen).
Ritter! Ritter!

Tempelherr.
Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr?

Daja. Ich habe mich
Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch
Knnt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt
Doch nher zu mir, hinter diesen Baum.

Tempelherr.
Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's?

Daja.
Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was
Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.
Das eine wei nur ich; das andre wit
Nur Ihr.--Wie wr' es, wenn wir tauschten?
Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch
Das meine.

Tempelherr. Mit Vergngen.--Wenn ich nur
Erst wei, was Ihr fr meines achtet. Doch
Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt
Nur immer an.

Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter.
Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein
Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn
Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur
Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt
Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann
Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid
Ihr los.--Doch armer Ritter!--Da Ihr Mnner
Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben
Zu knnen, auch nur glaubt!

Tempelherr. Das wir zu haben
Oft selbst nicht wissen.

Daja. Kann wohl sein. Drum mu
Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt
Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt--
Was hie denn das, da Ihr so Knall und Fall
Euch aus dem Staube machtet? da Ihr uns
So sitzenlieet?--da Ihr nun mit Nathan
Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig
Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?--
So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels,
Der an der Rute klebt, Geflattre mich
Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich,
Da Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und
Ich sag Euch was...

Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr
Versteht Euch trefflich drauf.

Daja. Nun gebt mir nur
Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch
Erlassen.

Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?--
Ein Tempelherr ein Judenmdchen lieben!...

Daja.
Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch
Zuweilen ist des Sinns in einer Sache
Auch mehr, als wir vermuten; und es wre
So unerhrt doch nicht, da uns der Heiland
Auf Wegen zu sich zge, die der Kluge
Von selbst nicht leicht betreten wrde.

Tempelherr. Das
So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands
Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht
Mich neubegieriger, als ich wohl sonst
Zu sein gewohnt bin.

Daja. Oh! das ist das Land
Der Wunder!

Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann
Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt
Drngt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja,
Nehmt fr gestanden an, was Ihr verlangt:
Da ich sie liebe; da ich nicht begreife,
Wie ohne sie ich leben werde; da...

Daja.
Gewi? gewi?--So schwrt mir, Ritter, sie
Zur Eurigen zu machen; sie zu retten:
Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

Tempelherr.
Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwren, was
In meiner Macht nicht steht?

Daja. In Eurer Macht
Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort
In Eure Macht.

Tempelherr. Da selbst der Vater nichts
Dawider htte?

Daja. Ei, was Vater! Vater!
Der Vater soll schon mssen.

Tempelherr. Mssen, Daja?--
Noch ist er unter Ruber nicht gefallen.
Er mu nicht mssen.

Daja. Nun, so mu er wollen;
Mu gern am Ende wollen.

Tempelherr. Mu und gern!--
Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, da
Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen
Bereits versucht?

Daja. Was? und er fiel nicht ein?

Tempelherr.
Er fiel mit einem Milaut ein, der mich--
Beleidigte.

Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr httet
Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha
Ihm blicken lassen: und er wr' vor Freuden
Nicht aufgesprungen? htte frostig sich
Zurckgezogen? htte Schwierigkeiten
Gemacht?

Tempelherr. So ungefhr.

Daja. So will ich denn
Mich lnger keinen Augenblick bedenken.

(Pause.)

Tempelherr.
Und Ihr bedenkt Euch doch?

Daja. Der Mann ist sonst
So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!--
Da er doch gar nicht hren will!--Gott wei,
Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

Tempelherr.
Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut
Aus dieser Ungewiheit. Seid Ihr aber
Noch selber ungewi; ob, was Ihr vorhabt,
Gut oder bse, schndlich oder lblich
Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, da
Ihr etwas zu verschweigen habt.

Daja. Das spornt,
Anstatt zu halten. Nun; so wit denn: Recha
Ist keine Jdin; ist--ist eine Christin.

Tempelherr (kalt).
So? Wnsch Euch Glck! Hat's schwer gehalten? Lat
Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja
Mit Eifer fort, den Himmel zu bevlkern:
Wenn Ihr die Erde nicht mehr knnt!

Daja. Wie, Ritter?
Verdienet meine Nachricht diesen Spott?
Da Recha eine Christin ist: das freuet
Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,
Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

Tempelherr. Besonders, da
Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

Daja.
Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein!
Den will ich sehn, der die bekehren soll!
Ihr Glck ist, lngst zu sein, was sie zu werden
Verdorben ist.

Tempelherr. Erklrt Euch, oder--geht!

Daja.
Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern
Geboren; ist getauft...

Tempelherr (hastig). Und Nathan?

Daja. Nicht
Ihr Vater!

Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wit
Ihr, was Ihr sagt?

Daja. Die Wahrheit, die so oft
Mich blut'ge Trnen weinen machen.--Nein,
Er ist ihr Vater nicht...

Tempelherr. Und htte sie
Als seine Tochter nur erzogen? htte
Das Christenkind als eine Jdin sich
Erzogen?

Daja. Ganz gewi.

Tempelherr. Sie wte nicht,
Was sie geboren sei?--Sie htt' es nie
Von ihm erfahren, da sie eine Christin
Geboren sei, und keine Jdin?

Daja. Nie!

Tempelherr.
Er htt' in diesem Wahne nicht das Kind
Blo auferzogen? lie das Mdchen noch
In diesem Wahne?

Daja. Leider!

Tempelherr. Nathan--Wie?
Der weise gute Nathan htte sich
Erlaubt, die Stimme der Natur so zu
Verflschen?--Die Ergieung eines Herzens
So zu verrenken, die, sich selbst gelassen,
Ganz andre Wege nehmen wrde?--Daja,
Ihr habt mir allerdings etwas vertraut--
Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,--
Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht wei,
Was mir zu tun.--Drum lat mir Zeit.--Drum geht!
Er kmmt hier wiederum vorbei. Er mcht'
Uns berfallen. Geht!

Daja. Ich wr' des Todes!

Tempelherr.
Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar
Nicht fhig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt
Ihm nur, da wir einander bei dem Sultan
Schon finden wrden.

Daja. Aber lat Euch ja
Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so
Den letzten Druck dem Dinge geben; soll
Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur
Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach
Europa fhrt: so lat Ihr doch mich nicht
Zurck?

Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht!





Vierter Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: in den Kreuzgngen des Klosters.)

Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.


Klosterbruder.
Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch!
Es hat mir freilich noch von alledem
Nicht viel gelingen wollen, was er mir
So aufgetragen.--Warum trgt er mir
Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag
Nicht fein sein; mag nicht berreden; mag
Mein Nschen nicht in alles stecken; mag
Mein Hndchen nicht in allem haben.--Bin
Ich darum aus der Welt geschieden, ich
Fr mich; um mich fr andre mit der Welt
Noch erst recht zu verwickeln?

Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend).
Guter Bruder!
Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon
Gesucht.

Klosterbruder. Mich, Herr?

Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr?

Klosterbruder.
Doch, doch! Ich glaubte nur, da ich den Herrn
In meinem Leben wieder nie zu sehn
Bekommen wrde. Denn ich hofft' es zu
Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der wei,
Wie sauer mir der Antrag ward, den ich
Dem Herrn zu tun verbunden war. Er wei,
Ob ich gewnscht, ein offnes Ohr bei Euch
Zu finden; wei, wie sehr ich mich gefreut,
Im Innersten gefreut, da Ihr so rund
Das alles, ohne viel Bedenken, von
Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.--
Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!

Tempelherr.
Ihr wit es schon, warum ich komme? Kaum
Wei ich es selbst.

Klosterbruder. Ihr habt's nun berlegt;
Habt nun gefunden, da der Patriarch
So unrecht doch nicht hat; da Ehr' und Geld
Durch seinen Anschlag zu gewinnen; da
Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel
Auch siebenmal gewesen wre. Das,
Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,
Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott!

Tempelherr.
Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
Deswegen komm ich nicht; deswegen will
Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
Noch denk ich ber jenen Punkt, wie ich
Gedacht, und wollt' um alles in der Welt
Die gute Meinung nicht verlieren, deren
Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
Einmal gewrdiget.--Ich komme blo,
Den Patriarchen ber eine Sache
Um Rat zu fragen...

Klosterbruder. Ihr den Patriarchen?
Ein Ritter, einen--Pfaffen?
(Sich schchtern umsehend.)

Tempelherr. Ja;--die Sach'
Ist ziemlich pfffisch.

Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe
Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
So ritterlich.

Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat,
Sich zu vergehn; das unsereiner ihm
Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur
Fr mich zu handeln htte; freilich, wenn
Ich Rechenschaft nur mir zu geben htte:
Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber
Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
Nach andrer Willen, machen; als allein
Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl,
Religion ist auch Partei; und wer
Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,
Hlt, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner
Die Stange. Weil das einmal nun so ist:
Wird's so wohl recht sein.

Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber.
Denn ich versteh den Herrn nicht recht.

Tempelherr. Und doch!--
(La sehn, warum mir eigentlich zu tun!
Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder
Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank
Euch fr den guten Wink.--Was Patriarch?--
Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch
Den Christen mehr im Patriarchen, als
Den Patriarchen in dem Christen fragen.--
Die Sach' ist die...

Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter!
Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel wei,
Hat viel zu sorgen; und ich habe ja
Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut!
Hrt! seht! Dort kmmt, zu meinem Glck, er selbst.
Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.



Zweiter Auftritt

Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang
heraufkommt, und die Vorigen.


Tempelherr.
Ich wich' ihm lieber aus.--Wr' nicht mein Mann!
Ein dicker, roter, freundlicher Prlat!
Und welcher Prunk!

Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn
Nach Hofe sich erheben. Itzo kmmt
Er nur von einem Kranken.

Tempelherr. Wie sich da
Nicht Saladin wird schmen mssen!

Patriarch (indem er nherkommt, winkt dem Bruder). Hier!--
Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will
Er?

Klosterbruder. Wei nicht.

Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge
zurcktreten).
Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut,
Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch
So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus
Kann etwas werden.

Tempelherr. Mehr, ehrwrd'ger Herr,
Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch,
Was weniger.

Patriarch. Ich wnsche wenigstens,
Da so ein frommer Ritter lange noch
Der lieben Christenheit, der Sache Gottes
Zu Ehr' und Frommen blhn und grnen mge!
Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein
Die junge Tapferkeit dem reifen Rate
Des Alters folgen will!--Womit wr' sonst
Dem Herrn zu dienen?

Tempelherr. Mit dem nmlichen,
Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.

Patriarch.
Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen.

Tempelherr.
Doch blindlings nicht?

Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich
Mu niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,
Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin-
Gehrt.--Gehrt sie aber berall
Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott
Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen,
Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel
Bekannt zu machen wrdiget, das Wohl
Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche,
Auf irgendeine ganz besondre Weise
Zu frdern, zu befestigen: wer darf
Sich da noch unterstehn, die Willkr des,
Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft
Zu untersuchen? und das ewige
Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach
Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre
Zu prfen?--Doch hiervon genug.--Was ist
Es denn, worber unsern Rat fr itzt
Der Herr verlangt?

Tempelherr. Gesetzt, ehrwrd'ger Vater,
Ein Jude htt' ein einzig Kind,--es sei
Ein Mdchen,--das er mit der grten Sorgfalt
Zu allem Guten auferzogen, das
Er liebe mehr als seine Seele, das
Ihn wieder mit der frmmsten Liebe liebe.
Und nun wrd' unsereinem hinterbracht,
Dies Mdchen sei des Juden Tochter nicht;
Er hab' es in der Kindheit aufgelesen,
Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse,
Das Mdchen sei ein Christenkind, und sei
Getauft; der Jude hab' es nur als Jdin
Erzogen; lass' es nur als Jdin und
Als seine Tochter so verharren:--sagt,
Ehrwrd'ger Vater, was wr' hierbei wohl
Zu tun?

Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst
Erklre sich der Herr, ob so ein Fall
Ein Faktum oder eine Hypothes'.
Das ist zu sagen: ob der Herr sich das
Nur blo so dichtet, oder ob's geschehn,
Und fortfhrt zu geschehn.

Tempelherr. Ich glaubte, das
Sei eins, um Euer Hochehrwrden Meinung
Blo zu vernehmen.

Patriarch. Eins?--Da seh' der Herr
Wie sich die stolze menschliche Vernunft
Im Geistlichen doch irren kann.--Mitnichten!
Denn ist der vorgetragne Fall nur so
Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich
Der Mhe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.
Ich will den Herrn damit auf das Theater
Verwiesen haben, wo dergleichen pro
Et contra sich mit vielem Beifall knnte
Behandeln lassen.--Hat der Herr mich aber
Nicht blo mit einer theatral'schen Schnurre
Zum besten; ist der Fall ein Faktum; htt'
Er sich wohl gar in unsrer Dizes',
In unsrer lieben Stadt Jerusalem
Ereignet:--ja alsdann--

Tempelherr. Und was alsdann?

Patriarch.
Dann wre an dem Juden frdersamst
Die Strafe zu vollziehn, die ppstliches
Und kaiserliches Recht so einem Frevel,
So einer Lastertat bestimmen.

Tempelherr. So?

Patriarch.
Und zwar bestimmen obbesagte Rechte
Dem Juden, welcher einen Christen zur
Apostasie verfhrt,--den Scheiterhaufen,
Den Holzsto--

Tempelherr. So?

Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden,
Der mit Gewalt ein armes Christenkind
Dem Bunde seiner Tauf' entreit! Denn ist
Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?--
Zu sagen:--ausgenommen, was die Kirch'
An Kindern tut.

Tempelherr. Wenn aber nun das Kind,
Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
Vielleicht im Elend umgekommen wre?

Patriarch.
Tut nichts! der Jude wird verbrannt!--Denn besser,
Es wre hier im Elend umgekommen,
Als da zu seinem ewigen Verderben
Es so gerettet ward.--Zudem, was hat
Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott
Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten.

Tempelherr.
Auch trotz ihm, sollt' ich meinen,--selig machen.

Patriarch.
Tut nichts! der Jude wird verbrannt.

Tempelherr. Das geht
Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe
Das Mdchen nicht sowohl in seinem, als
Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger
Gelehrt, als der Vernunft gengt.

Patriarch. Tut nichts!
Der Jude wird verbrannt... Ja, wr' allein
Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt
Zu werden!--Was? ein Kind ohn' allen Glauben
Erwachsen lassen?--Wie? die groe Pflicht,
Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?
Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,
Euch selbst...

Tempelherr. Ehrwrd'ger Herr, das brige,
Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.)

Patriarch. Was? mir nun
Nicht einmal Rede stehn?--Den Bsewicht,
Den Juden mir nicht nennen?--mir ihn nicht
Zur Stelle schaffen?--O da wei ich Rat!
Ich geh sogleich zum Sultan.--Saladin,
Vermge der Kapitulation,
Die er beschworen, mu uns, mu uns schtzen;
Bei allen Rechten, allen Lehren schtzen,
Die wir zu unsrer Allerheiligsten
Religion nur immer rechnen drfen!
Gottlob! wir haben das Original.
Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!--
Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie
Gefhrlich selber fr den Staat es ist,
Nichts glauben! Alle brgerliche Bande
Sind aufgelset, sind zerrissen, wenn
Der Mensch nichts glauben darf.--Hinweg! hinweg
Mit solchem Frevel!...

Tempelherr. Schade, da ich nicht
Den trefflichen Sermon mit berer Mue
Genieen kann! Ich bin zum Saladin
Gerufen.

Patriarch. Ja?--Nun so--Nun freilich--Dann--

Tempelherr.
Ich will den Sultan vorbereiten, wenn
Es Eurer Hochehrwrden so gefllt.

Patriarch.
Oh, oh!--Ich wei, der Herr hat Gnade funden
Vor Saladin!--Ich bitte meiner nur
Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.--
Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.
Was ich zuviel tu, tu ich ihm.--Das wolle
Doch ja der Herr erwgen!--Und nicht wahr,
Herr Ritter? das vorhin Erwhnte von
Dem Juden, war nur ein Problema?--ist
Zu sagen--

Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.)

Patriarch. (Dem ich tiefer
Doch auf den Grund zu kommen suchen mu.
Das wr' so wiederum ein Auftrag fr
Den Bruder Bonafides.)--Hier, mein Sohn!

(Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.)



Dritter Auftritt

(Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven
eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinandergestellt
werden.)

Saladin und bald darauf Sittah.


Saladin (der dazukmmt).
Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.--Ist
Des Dings noch viel zurck?

Ein Sklave. Wohl noch die Hlfte.

Saladin.
So tragt das brige zu Sittah.--Und
Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich
Al-Hafi zu sich nehmen.--Oder ob
Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier
Fllt mir es doch nur durch die Finger.--Zwar
Man wird wohl endlich hart; und nun gewi
Soll's Knste kosten, mir viel abzuzwacken.
Bis wenigstens die Gelder aus gypten
Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn,
Wie's fertig wird!--Die Spenden bei dem Grabe,
Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger
Mit leeren Hnden nur nicht abziehn drfen!
Wenn nur--

Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld
Bei mir?

Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg
Auf Vorrat, wenn was brigbleibt.

Sittah. Ist Nathan
Noch mit dem Tempelherrn nicht da?

Saladin. Er sucht
Ihn aller Orten.

Sittah. Sieh doch, was ich hier,
Indem mir so mein alt Geschmeide durch
Die Hnde geht, gefunden.

(Ihm ein klein Gemlde zeigend.)

Saladin. Ha! mein Bruder!
Das ist er, ist er!--War er! war er! ah!--
Ah wackrer lieber Junge, da ich dich
So frh verlor! Was htt' ich erst mit dir,
An deiner Seit' erst unternommen!--Sittah,
La mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab
Es deiner ltern Schwester, seiner Lilla,
Die eines Morgens ihn so ganz und gar
Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war
Der letzte, den er ausritt.--Ah, ich lie
Ihn reiten, und allein!--Ah, Lilla starb
Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, da
Ich so allein ihn reiten lassen.--Er
Blieb weg!

Sittah. Der arme Bruder!

Saladin. La nur gut
Sein!--Einmal bleiben wir doch alle weg!--
Zudem,--wer wei? Der Tod ist's nicht allein,
Der einem Jngling seiner Art das Ziel
Verrckt. Er hat der Feinde mehr; und oft
Erliegt der Strkste gleich dem Schwchsten.--Nun,
Sei wie ihm sei!--Ich mu das Bild doch mit
Dem jungen Tempelherrn vergleichen; mu
Doch sehn, wieviel mich meine Phantasie
Getuscht.

Sittah. Nur darum bring ich's. Aber gib
Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das
Versteht ein weiblich Aug' am besten.

Saladin (zu einem Trsteher, der hereintritt).
Wer
Ist da?--der Tempelherr?--Er komm'!

Sittah. Euch nicht
Zu stren: ihn mit meiner Neugier nicht
Zu irren--
(Sie setzt sich seitwrts auf einen Sofa und lt den Schleier fallen.)

Saladin. Gut so! gut!--(Und nun sein Ton!
Wie der wohl sein wird!--Assads Ton
Schlft auch wohl wo in meiner Seele noch!)



Vierter Auftritt

Der Tempelherr und Saladin.


Tempelherr.
Ich, dein Gefangner, Sultan...

Saladin. Mein Gefangner?
Wem ich das Leben schenke, werd ich dem
Nicht auch die Freiheit schenken?

Tempelherr. Was dir ziemt
Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht
Vorauszusetzen. Aber, Sultan,--Dank,
Besondern Dank dir fr mein Leben zu
Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem
Charakter nicht.--Es steht in allen Fllen
Zu deinen Diensten wieder.

Saladin. Brauch es nur
Nicht wider mich!--Zwar ein paar Hnde mehr,
Die gnnt' ich meinem Feinde gern. Allein
Ihm so ein Herz auch mehr zu gnnen, fllt
Mir schwer.--Ich habe mich mit dir in nichts
Betrogen, braver junger Mann! Du bist
Mit Seel' und Leib mein Assad. Sieh! ich knnte
Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit
Gesteckt? in welcher Hhle du geschlafen?
In welchem Ginnistan, von welcher guten
Div diese Blume fort und fort so frisch
Erhalten worden? Sieh! ich knnte dich
Erinnern wollen, was wir dort und dort
Zusammen ausgefhrt. Ich knnte mit
Dir zanken, da du ein Geheimnis doch
Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir
Doch unterschlagen:--Ja das knnt' ich; wenn
Ich dich nur sh', und nicht auch mich.--Nun, mag's!
Von dieser sen Trumerei ist immer
Doch so viel wahr, da mir in meinem Herbst
Ein Assad wieder blhen soll.--Du bist
Es doch zufrieden, Ritter?

Tempelherr. Alles, was
Von dir mir kmmt,--sei was es will--das lag
Als Wunsch in meiner Seele.

Saladin. La uns das
Sogleich versuchen.--Bliebst du wohl bei mir?
Um mir?--Als Christ, als Muselmann: gleichviel!
Im weien Mantel, oder Jamerlonk;
Im Tulban, oder deinem Filze: wie
Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,
Da allen Bumen eine Rinde wachse.

Tempelherr.
Sonst wrst du wohl auch schwerlich, der du bist:
Der Held, der lieber Gottes Grtner wre.

Saladin.
Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst:
So wren wir ja halb schon richtig?

Tempelherr Ganz!

Saladin (ihm die Hand bietend).
Ein Wort?

Tempelherr (einschlagend).
Ein Mann!--Hiermit empfange mehr
Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!

Saladin.
Zuviel Gewinn fr einen Tag! zuviel!
Kam er nicht mit?

Tempelherr. Wer?

Saladin. Nathan.

Tempelherr (frostig). Nein. Ich kam
Allein.

Saladin. Welch eine Tat von dir! Und welch
Ein weises Glck, da eine solche Tat
Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.

Tempelherr.
Ja, ja!

Saladin. So kalt?--Nein, junger Mann! wenn Gott
Was Gutes durch uns tut, mu man so kalt
Nicht sein!--selbst aus Bescheidenheit so kalt
Nicht scheinen wollen!

Tempelherr. Da doch in der Welt
Ein jedes Ding so manche Seiten hat!--
Von denen oft sich gar nicht denken lt,
Wie sie zusammenpassen!

Saladin. Halte dich
Nur immer an die best', und preise Gott!
Der wei, wie sie zusammenpassen.--Aber,
Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann:
So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut
Mich mit dir halten mssen? Leider bin
Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die
Oft nicht so recht zu passen scheinen mgen.

Tempelherr.
Das schmerzt!--Denn Argwohn ist so wenig sonst
Mein Fehler--

Saladin. Nun, so sage doch, mit wem
Du's hast?--Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?
Auf Nathan Argwohn? du?--Erklr dich! sprich!
Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.

Tempelherr.
Ich habe wider Nathan nichts. Ich zrn
Allein mit mir--

Saladin. Und ber was?

Tempelherr. Da mir
Getrumt, ein Jude knn' auch wohl ein Jude
Zu sein verlernen; da mir wachend so
Getrumt.

Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume!

Tempelherr.
Du weit von Nathans Tochter, Sultan. Was
Ich fr sie tat, das tat ich,--weil ich's tat.
Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn
Nicht sete, verschmht' ich Tag fr Tag,
Das Mdchen noch einmal zu sehn. Der Vater
War fern; er kmmt; er hrt; er sucht mich auf;
Er dankt; er wnscht, da seine Tochter mir
Gefallen mge; spricht von Aussicht, spricht
Von heitern Fernen.--Nun, ich lasse mich
Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich
Ein Mdchen... Ah, ich mu mich schmen, Sultan!--

Saladin.
Dich schmen?--da ein Judenmdchen auf
Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?

Tempelherr.
Da diesem Eindruck, auf das liebliche
Geschwtz des Vaters hin, mein rasches Herz
So wenig Widerstand entgegensetzte!--
Ich Tropf! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer.
Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmht.

Saladin.
Verschmht?

Tempelherr. Der weise Vater schlgt nun wohl
Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater
Mu aber doch sich erst erkunden, erst
Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das
Nicht auch? Erkundete, besann ich denn
Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie?--
Frwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schnes,
So weise, so bedchtig sein!

Saladin. Nun, nun!
So sieh doch einem Alten etwas nach!
Wie lange knnen seine Weigerungen
Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,
Da du erst Jude werden sollst?

Tempelherr. Wer wei!

Saladin.
Wer wei?--der diesen Nathan besser kennt.

Tempelherr.
Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht ber uns.--Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

Saladin.
Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan...

Tempelherr.
Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
Fr den ertrglichern zu halten...

Saladin. Mag
Wohl sein! Doch Nathan...,

Tempelherr. Dem allein
Die blde Menschheit zu vertrauen, bis
Sie hellern Wahrheitstag gewhne; dem
Allein...

Saladin. Gut! Aber Nathan!--Nathans Los
Ist diese Schwachheit nicht.

Tempelherr. So dacht' ich auch! ...
Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen
So ein gemeiner Jude wre, da
Er Christenkinder zu bekommen suche,
Um sie als Juden aufzuziehn:--wie dann?

Saladin.
Wer sagt ihm so was nach?

Tempelherr. Das Mdchen selbst,
Mit welcher er mich krnt, mit deren Hoffnung
Er gern mir zu bezahlen schiene, was
Ich nicht umsonst fr sie getan soll haben:--
Dies Mdchen selbst ist seine Tochter--nicht;
Ist ein verzettelt Christenkind.

Saladin. Das er
Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?

Tempelherr (heftig).
Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.
Der tolerante Schwtzer ist entdeckt!
Ich werde hinter diesen jd'schen Wolf
Im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon
Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!

Saladin (ernst).
Sei ruhig, Christ!

Tempelherr. Was? ruhig Christ?--Wenn Jud'
Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann
Bestehen: soll allein der Christ den Christen
Nicht machen drfen?

Saladin (noch ernster). Ruhig, Christ!

Tempelherr (gelassen). Ich fhle
Des Vorwurfs ganze Last,--die Saladin
In diese Silbe pret! Ah, wenn ich wte,
Wie Assad,--Assad sich an meiner Stelle
Hierbei genommen htte!

Saladin. Nicht viel besser!--
Vermutlich ganz so brausend!--Doch, wer hat
Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er
Mit einem Worte zu bestechen? Freilich
Wenn alles sich verhlt, wie du mir sagest:
Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.--
Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde
Mu keiner mit dem andern hadern.--La
Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht
Sofort den Schwrmern deines Pbels preis!
Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm
Zu rchen, mir so nahe legen wrde!
Sei keinem Juden, keinem Muselmanne
Zum Trotz ein Christ!

Tempelherr. Bald wr's damit zu spt!
Doch dank der Blutbegier des Patriarchen,
Des Werkzeug mir zu werden graute!

Saladin. Wie?
Du kamst zum Patriarchen eher, als
Zu mir?

Tempelherr. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel
Der Unentschlossenheit!--Verzeih!--Du wirst
Von deinem Assad, frcht ich, ferner nun
Nichts mehr in mir erkennen wollen.

Saladin. Wr'
Es diese Furcht nicht selbst! Mich dnkt, ich wei,
Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.
Pfleg diese ferner nur, und jene sollen
Bei mir dir wenig schaden.--Aber geh!
Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;
Und bring ihn her. Ich mu euch doch zusammen
Verstndigen.--Wr' um das Mdchen dir
Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!
Auch soll es Nathan schon empfinden, da
Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind
Erziehen drfen!--Geh!

(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verlt den Sofa.)



Fnfter Auftritt

Saladin und Sittah.


Sittah. Ganz sonderbar!

Saladin.
Gelt, Sittah? Mu mein Assad nicht ein braver,
Ein schner junger Mann gewesen sein?

Sittah.
Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde
Der Tempelherr vielmehr gesessen!--Aber
Wie hast du doch vergessen knnen dich
Nach seinen Eltern zu erkundigen?

Saladin.
Und insbesondre wohl nach seiner Mutter?
Ob seine Mutter hierzulande nie
Gewesen sei?--Nicht wahr?

Sittah. Das machst du gut!

Saladin.
Oh, mglicher wr' nichts! Denn Assad war
Bei hbschen Christendamen so willkommen,
Auf hbsche Christendamen so erpicht,
Da einmal gar die Rede ging--Nun, nun;
Man spricht nicht gern davon.--Genug; ich hab
Ihn wieder!--will mit allen seinen Fehlern,
Mit allen Launen seines weichen Herzens
Ihn wieder haben!--Oh! das Mdchen mu
Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?

Sittah. Ihm geben?
Ihm lassen!

Saladin. Allerdings! Was htte Nathan,
Sobald er nicht ihr Vater ist, fr Recht
Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,
Tritt einzig in die Rechte des, der ihr
Es gab.

Sittah. Wie also, Saladin? wenn du
Nur gleich das Mdchen zu dir nhmst? Sie nur
Dem unrechtmigen Besitzer gleich
Entzgest?

Saladin. Tte das wohl not?

Sittah. Not nun
Wohl eben nicht!--Die liebe Neubegier
Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.
Denn von gewissen Mnnern mag ich gar
Zu gern, so bald wie mglich, wissen, was
Sie fr ein Mdchen lieben knnen.

Saladin. Nun,
So schick und la sie holen.

Sittah. Darf ich, Bruder?

Saladin.
Nur schone Nathans! Nathan mu durchaus
Nicht glauben, da man mit Gewalt ihn von
Ihr trennen wolle.

Sittah. Sorge nicht.

Saladin. Und ich,
Ich mu schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.



Sechster Auftritt

(Szene: die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im
ersten Auftritte des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und
Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird.)


Nathan und Daja.

Daja. Oh, alles herrlich! alles auserlesen!
Oh, alles--wie nur Ihr es geben knnt.
Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken
Gemacht? Was kostet er?--Das nenn ich noch
Ein Brautkleid! Keine Knigin verlangt
Es besser.

Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben?

Daja.
Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,
Als Ihr ihn kauftet.--Aber wahrlich, Nathan,
Der und kein andrer mu es sein! Er ist
Zum Brautkleid wie bestellt. Der weie Grund;
Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Strme,
Die allerorten diesen Grund durchschlngeln;
Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!

Nathan.
Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid
Sinnbilderst du mir so gelehrt?--Bist du
Denn Braut?

Daja. Ich?

Nathan. Nun wer denn?

Daja. Ich?--lieber Gott!

Nathan.
Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn?
Das alles ist ja dein, und keiner andern.

Daja.
Ist mein? Soll mein sein?--Ist fr Recha nicht?

Nathan.
Was ich fr Recha mitgebracht, das liegt
In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!
Trag deine Siebensachen fort!

Daja. Versucher!
Nein, wren es die Kostbarkeiten auch
Der ganzen Welt! Nicht rhr an! wenn Ihr mir
Vorher nicht schwrt, von dieser einzigen
Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel
Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.

Nathan.
Gebrauch? von was?--Gelegenheit? wozu?

Daja.
O stellt Euch nicht so fremd!--Mit kurzen Worten!
Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm,
So hat doch einmal Eure Snde, die
Ich lnger nicht verschweigen kann, ein Ende.
So kmmt das Mdchen wieder unter Christen;
Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was
Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,
Was wir Euch nicht genug verdanken knnen,
Nicht Feuerkohlen blo auf Euer Haupt
Gesammelt.

Nathan. Doch die alte Leier wieder?--
Mit einer neuen Saite nur bezogen,
Die, frcht ich, weder stimmt noch hlt.

Daja. Wieso?

Nathan.
Mir wr' der Tempelherr schon recht. Ihm gnnt'
Ich Recha mehr als einem in der Welt.
Allein... Nun, habe nur Geduld.

Daja. Geduld?
Geduld ist Eure alte Leier nun
Wohl nicht?

Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld! ...
Sieh doch!--Wer kmmt denn dort?
Ein Klosterbruder?
Geh, frag ihn was er will.

Daja. Was wird er wollen?

(Sie geht auf ihn zu und fragt.)

Nathan.
So gib!--und eh' er bittet.--(Wt' ich nur
Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne
Die Ursach' meiner Neugier ihm zu sagen!
Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht
Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst
Den Vater auf das Spiel gesetzt.)--Was ist's?

Daja.
Er will Euch sprechen.

Nathan. Nun, so la ihn kommen;
Und geh indes.



Siebenter Auftritt

Nathan und der Klosterbruder.


Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater
Doch gar zu gern!--Zwar kann ich's denn nicht bleiben,
Auch wenn ich aufhr, es zu heien?--Ihr,
Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heien,
Wenn sie erkennt, wie gern ich's wre.)--Geh!--
Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder?

Klosterbruder.
Nicht eben viel.--Ich freue mich, Herr Nathan,
Euch annoch wohl zu sehn.

Nathan. So kennt Ihr mich?

Klosterbruder.
Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem
Ja Euern Namen in die Hand gedrckt.
Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.

Nathan (nach seinem Beutel langend).
Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf.

Klosterbruder. Habt Dank!
Ich wrd' es rmern stehlen; nehme nichts.--
Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig
Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn
Ich kann mich rhmen, auch in Eure Hand
Etwas gelegt zu haben, was nicht zu
Verachten war.

Nathan. Verzeiht!--Ich schme mich--
Sagt, was?--und nehmt zur Bue siebenfach
Den Wert desselben von mir an.

Klosterbruder. Hrt doch
Vor allen Dingen, wie ich selber nur
Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand
Erinnert worden.

Nathan. Mir vertrautes Pfand?

Klosterbruder.
Vor kurzem sa ich noch als Eremit
Auf Quarantana, unweit Jericho.
Da kam arabisch Raubgesindel, brach
Mein Gotteshuschen ab und meine Zelle
Und schleppte mich mit fort. Zum Glck entkam
Ich noch und floh hierher zum Patriarchen,
Um mir ein ander Pltzchen auszubitten,
Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit
Bis an mein selig Ende dienen knne.

Nathan.
Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht
Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!

Klosterbruder.
Sogleich, Herr Nathan.--Nun, der Patriarch
Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,
Sobald als eine leer; und hie inzwischen
Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.
Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange
Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn
Der Patriarch braucht mich zu allerlei,
Wovor ich groen Ekel habe. Zum
Exempel:

Nathan. Macht, ich bitt Euch!

Klosterbruder. Nun, es kmmt!--
Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:
Es lebe hier herum ein Jude, der
Ein Christenkind als seine Tochter sich
Erzge.

Nathan. Wie? (Betroffen.)

Klosterbruder. Hrt mich nur aus!--Indem
Er mir nun auftrgt, diesem Juden stracks,
Wo mglich, auf die Spur zu kommen, und
Gewaltig sich ob eines solchen Frevels
Erzrnt, der ihm die wahre Snde wider
Den heil'gen Geist bednkt;--das ist, die Snde,
Die aller Snden grte Snd' uns gilt,
Nur da wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,
Worin sie eigentlich besteht:--da wacht
Mit einmal mein Gewissen auf; und mir
Fllt bei, ich knnte selber wohl vor Zeiten
Zu dieser unverzeihlich groen Snde
Gelegenheit gegeben haben.--Sagt:
Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren
Ein Tchterchen gebracht von wenig Wochen?

Nathan.
Wie das?--Nun freilich--allerdings--

Klosterbruder. Ei, seht
Mich doch recht an!--Der Reitknecht, der bin ich.

Nathan.
Seid ihr?

Klosterbruder. Der Herr, von welchem ich's Euch brachte,
War--ist mir recht--ein Herr von Filnek.--Wolf
Von Filnek!

Nathan. Richtig!

Klosterbruder. Weil die Mutter kurz
Vorher gestorben war; und sich der Vater
Nach--mein ich--Gazza pltzlich werfen mute,
Wohin das Wrmchen ihm nicht folgen konnte:
So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit
Nicht in Darun?

Nathan. Ganz recht!

Klosterbruder. Es wr' kein Wunder,
Wenn mein Gedchtnis mich betrg'. Ich habe
Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem
Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.
Er blieb bald drauf bei Askalon: und war
Wohl sonst ein lieber Herr.

Nathan. Ja wohl! Ja wohl!
Dem ich so viel, so viel zu danken habe!
Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!

Klosterbruder.
O schn! So werd't Ihr seines Tchterchens
Euch um so lieber angenommen haben.

Nathan.
Das knnt Ihr denken.

Klosterbruder. Nun, wo ist es denn?
Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben?--
Lat's lieber nicht gestorben sein!--Wenn sonst
Nur niemand um die Sache wei: so hat
Es gute Wege.

Nathan. Hat es?

Klosterbruder. Traut mir, Nathan!
Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar
So ziemlich zuverlssig kennen, aber
Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl
Natrlich; wenn das Christentchterchen
Recht gut von Euch erzogen werden sollte:
Da Ihr's als Euer eigen Tchterchen
Erzgt.--Das httet Ihr mit aller Lieb'
Und Treue nun getan, und mtet so
Belohnet werden? Das will mir nicht ein.
Ei freilich, klger httet Ihr getan;
Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand
Als Christin auferziehen lassen: aber
So httet Ihr das Kindchen Eures Freunds
Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
Wr's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,
In solchen Jahren mehr, als Christentum.
Zum Christentume hat's noch immer Zeit.
Wenn nur das Mdchen sonst gesund und fromm
Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
So blieb's vor Gottes Augen, was es war.
Und ist denn nicht das ganze Christentum
Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft
Gergert, hat mir Trnen g'nug gekostet,
Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
Da unser Herr ja selbst ein Jude war.

Nathan.
Ihr, guter Bruder, mt mein Frsprach sein,
Wenn Ha und Gleisnerei sich gegen mich
Erheben sollten,--wegen einer Tat--
Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt
Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab!
Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,
Sie jemand andern zu erzhlen. Euch
Allein erzhl ich sie. Der frommen Einfalt
Allein erzhl ich sie. Weil die allein
Versteht, was sich der gottergebne Mensch
Fr Taten abgewinnen kann.

Klosterbruder. Ihr seid
Gerhrt, und Euer Auge steht voll Wasser?

Nathan.
Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
Ihr wit wohl aber nicht, da wenig Tage
Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
Mit Weib und Kind ermordet hatten; wit
Wohl nicht, da unter diesen meine Frau
Mit sieben hoffnungsvollen Shnen sich
Befunden, die in meines Bruders Hause,
Zu dem ich sie geflchtet, insgesamt
Verbrennen mssen.

Klosterbruder. Allgerechter!

Nathan. Als
Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Ncht' in Asch'
Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.--
Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
Gezrnt, getobt, mich und die Welt verwnscht;
Der Christenheit den unvershnlichsten
Ha zugeschworen--

Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl!

Nathan.
Doch nun kam die Vernunft allmhlich wieder.
Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott!
Doch war auch Gottes Ratschlu das! Wohlan!
Komm! be, was du lngst begriffen hast,
Was sicherlich zu ben schwerer nicht,
Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
Willst du nur, da ich will!--Indem stiegt Ihr
Vom Pferd, und berreichtet mir das Kind,
In Euern Mantel eingehllt.--Was Ihr
Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich
Vergessen. Soviel wei ich nur; ich nahm
Das Kind, trug's auf mein Lager, kt' es, warf
Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
Doch nun schon Eines wieder!

Klosterbruder. Nathan! Nathan!
Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
Ein berer Christ war nie!

Nathan. Wohl uns! Denn was
Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
Zum Juden!--Aber lat uns lnger nicht
Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat!
Und ob mich siebenfache Liebe schon
Bald an dies einz'ge fremde Mdchen band,
Ob der Gedanke mich schon ttet, da
Ich meine sieben Shn' in ihr aufs neue
Verlieren soll:--wenn sie von meinen Hnden
Die Vorsicht wieder fordert,--ich gehorche!

Klosterbruder.
Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich
So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
Euch Euer guter Geist schon angeraten!

Nathan.
Nur mu der erste beste mir sie nicht
Entreien wollen!

Klosterbruder. Nein, gewi nicht!

Nathan. Wer
Auf sie nicht grre Rechte hat, als ich,
Mu frhere zum mind'sten haben--

Klosterbruder. Freilich!

Nathan.
Die ihm Natur und Blut erteilen.

Klosterbruder. So
Mein ich es auch!

Nathan. Drum nennt mir nur geschwind
Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,
Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.--
Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie,
Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde
Zu sein erschaffen und erzogen ward.--
Ich hoff, Ihr wit von diesem Euern Herrn
Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.

Klosterbruder.
Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn
Ihr habt ja schon gehrt, da ich nur gar
Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.

Nathan. Wit
Ihr denn nicht wenigstens, was fr Geschlechts
Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin?

Klosterbruder.
Wohl mglich!--Ja, mich dnkt.

Nathan. Hie nicht ihr Bruder
Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr?

Klosterbruder.
Wenn mich's nicht trgt. Doch halt! Da fllt mir ein,
Da ich vom sel'gen Herrn ein Bchelchen
Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als
Wir ihn bei Askalon verscharrten.

Nathan. Nun?

Klosterbruder.
Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein
Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch
Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht
Ich kann nicht lesen--

Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache.

Klosterbruder.
In diesem Bchelchen stehn vorn und hinten,
Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn
Selbsteigner Hand, die Angehrigen
Von ihm und ihr geschrieben.

Nathan. O erwnscht!
Geht! lauft! holt mir das Bchelchen. Geschwind!
Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;
Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!

Klosterbruder. Recht gern!
Es ist Arabisch aber, was der Herr
Hineingeschrieben. (Ab.)

Nathan. Einerlei! Nur her!--
Gott! wenn ich doch das Mdchen noch behalten,
Und einen solchen Eidam mir damit
Erkaufen knnte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall'
Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn
Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
So etwas angebracht? Das mu ich doch
Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar
Von Daja kme?



Achter Auftritt

Daja und Nathan.


Daja (eilig und verlegen).
Denkt doch, Nathan!

Nathan. Nun?

Daja.
Das arme Kind erschrak wohl recht darber!
Da schickt...

Nathan. Der Patriarch?

Daja. Des Sultans Schwester,
Prinzessin Sittah...

Nathan. Nicht der Patriarch?

Daja.
Nein, Sittah!--Hrt Ihr nicht!--Prinzessin Sittah
Schickt her, und lt sie zu sich holen?

Nathan. Wen?
Lt Recha holen?--Sittah lt sie holen?--
Nun; wenn sie Sittah holen lt, und nicht
Der Patriarch...

Daja. Wie kommt Ihr denn auf den?

Nathan.
So hast du krzlich nichts von ihm gehrt?
Gewi nicht? Auch ihm nichts gesteckt?

Daja. Ich? ihm?

Nathan.
Wo sind die Boten?

Daja. Vorn.

Nathan. Ich will sie doch
Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur
Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.)

Daja.
Und ich--ich frchte ganz was anders noch.
Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter
So eines reichen Juden wr' auch wohl
Fr einen Muselmann nicht bel?--Hui,
Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich
Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht
Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!--
Getrost! La mich den ersten Augenblick,
Den ich allein sie habe, dazu brauchen!
Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn
Ich sie begleite. So ein erster Wink
Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.
Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.)





Fnfter Aufzug



Erster Auftritt

(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit
Geld getragen worden, die noch zu sehen.)

Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken.


Saladin (im Hereintreten).
Da steht das Geld nun noch! Und niemand wei
Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich
Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,
Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;--
Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's?

Ein Mameluck.
Erwnschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ...
Die Karawane von Kahira kommt,
Ist glcklich da! mit siebenjhrigem
Tribut des reichen Nils.

Saladin. Brav, Ibrahim!
Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!--
Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank
Der guten Zeitung.

Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!)

Saladin.
Was wartst du?--Geh nur wieder.

Der Mameluck. Dem Willkommnen
Sonst nichts?

Saladin. Was denn noch sonst?

Der Mameluck. Dem guten Boten
Kein Botenbrot?--So wr' ich ja der erste,
Den Saladin mit Worten abzulehnen
Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste,
Mit dem er knickerte.

Saladin. So nimm dir nur
Dort einen Beutel.

Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst
Mir sie nun alle schenken wollen.

Saladin. Trotz!--
Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht?
Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher
Mu ihm es saurer werden, auszuschlagen,
Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt
Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt
Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?--
Will Saladin als Saladin nicht sterben?--
So mut' er auch als Saladin nicht leben.

Ein zweiter Mameluck.
Nun, Sultan!...

Saladin. Wenn du mir zu melden kommst...

Zweiter Mameluck.
Da aus gypten der Transport nun da!

Saladin.
Ich wei schon.

Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spt!

Saladin. Warum
Zu spt?--Da nimm fr deinen guten Willen
Der Beutel einen oder zwei.

Zweiter Mameluck. Macht drei!

Saladin.
Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur.

Zweiter Mameluck.
Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn
Er anders kommen kann.

Saladin. Wie das?

Zweiter Mameluck. Je nu;
Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn
Sobald wir drei der Ankunft des Transports
Versichert waren, sprengte jeder frisch
Davon. Der Vorderste, der strzt'; und so
Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in
Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker,
Die Gassen besser kennt.

Saladin. Oh, der gestrzte!
Freund, der gestrzte!--Reit ihm doch entgegen.

Zweiter Mameluck.
Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt:
So ist die Hlfte dieser Beutel sein. (Geht ab.)

Saladin.
Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!--
Wer kann sich solcher Mamelucken rhmen?
Und wr' mir denn zu denken nicht erlaubt,
Da sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort
Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt
Noch an ein anders zu gewhnen!...

Ein dritter Mameluck. Sultan....

Saladin.
Bist du's, der strzte?

Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,--
Da Emir Mansor, der die Karawane
Gefhrt, vom Pferde steigt...

Saladin. Bring ihn! geschwind!--
Da ist er ja!--



Zweiter Auftritt

Emir Mansor und Saladin.


Saladin. Willkommen, Emir! Nun,
Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast
Uns lange warten lassen!

Mansor. Dieser Brief
Berichtet, was dein Abulkassem erst
Fr Unruh' in Thebais dmpfen mssen:
Eh, wir es wagen durften abzugehen.
Den Zug darauf hab ich beschleuniget
Soviel, wie mglich war.

Saladin. Ich glaube dir!
Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich...
Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische
Bedeckung nur sogleich. Du mut sogleich
Noch weiter; mut der Gelder grern Teil
Auf Libanon zum Vater bringen.

Mansor. Gern!
Sehr gern!

Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja
Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon
Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht
Gehrt? Die Tempelherrn sind wieder rege.
Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo hlt
Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst
Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah.



Dritter Auftritt

Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und
niedergeht.


Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird
Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man
Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!--
Will's noch erleben, da er sich's verbittet,
Vor seinem Hause mich so fleiig finden
Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch
Sehr rgerlich.--Was hat mich denn nun so
Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja:
Noch schlg' er mir nichts ab. Und Saladin
Hat's ber sich genommen, ihn zu stimmen.--
Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ
Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?--
Wer kennt sich recht? Wie knnt' ich ihm denn sonst
Den kleinen Raub nicht gnnen wollen, den
Er sich's zu solcher Angelegenheit
Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich;
Kein kleiner Raub, ein solch Geschpf!--Geschpf?
Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf
Des Lebens den Strand den Block geflt,
Und sich davongemacht? Des Knstlers doch
Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke
Die gttliche Gestalt sich dachte, die
Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater
Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt
In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir
Sie lediglich als Christendirne denke,
Sie sonder alles das mir denke, was
Allein ihr so ein Jude geben konnte:--
Sprich, Herz,--was wr' an ihr, das dir gefiel?
Nichts! Wenig! Selbst ihr Lcheln, wr' es nichts
Als sanfte schne Zuckung ihrer Muskeln;
Wr', was sie lcheln macht, des Reizes unwert,
In den es sich auf ihrem Munde kleidet:--
Nein; selbst ihr Lcheln nicht! Ich hab es ja
Wohl schner noch an Aberwitz, an Tand,
An Hhnerei, an Schmeichler und an Buhler
Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert?
Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben
In seinem Sonnenscheine zu verflattern?--
Ich wte nicht. Und bin auf den doch launisch,
Der diesen hhern Wert allein ihr gab?
Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente,
Mit dem mich Saladin entlie! Schon schlimm
Genug, da Saladin es glauben konnte!
Wie klein ich ihm da scheinen mute! wie
Verchtlich!--Und das alles um ein Mdchen?--
Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends
Mir Daja nur was vorgeplaudert htte,
Was schwerlich zu erweisen stnde?--Sieh,
Da tritt er endlich, im Gesprch vertieft,
Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm?
Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so wei
Er sicherlich schon alles! ist wohl gar
Dem Patriarchen schon verraten!--Ha!
Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Da
Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft
Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!--
Geschwind entschlie dich, was nunmehr zu tun!
Ich will hier seitwrts ihrer warten;--ob
Vielleicht der Klosterbruder ihn verlt.



Vierter Auftritt

Nathan und der Klosterbruder.


Nathan (im Nherkommen).
Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!

Klosterbruder.
Und Ihr desgleichen!

Nathan. Ich? von Euch? wofr?
Fr meinen Eigensinn, Euch aufzudrngen,
Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur
Auch nachgegeben htt'; Ihr mit Gewalt
Nicht wolltet reicher sein, als ich.

Klosterbruder. Das Buch
Gehrt ja ohnedem nicht mir; gehrt
Ja ohnedem der Tochter; ist ja so
Der Tochter ganzes vterliches Erbe.
Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur,
Da Ihr es nie bereuen drft, so viel
Fr sie getan zu haben!

Nathan. Kann ich das?
Das kann ich nie. Seid unbesorgt!

Klosterbruder. Nu, nu!
Die Patriarchen und die Tempelherren...

Nathan.
Vermgen mir des Bsen nie so viel
Zu tun, da irgend was mich reuen knnte:
Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz
Versichert, da ein Tempelherr es ist,
Der Euern Patriarchen hetzt?

Klosterbruder. Es kann
Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr
Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hrte,
Das klang darnach.

Nathan. Es ist doch aber nur
Ein einziger itzt in Jerusalem.
Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.
Ein junger, edler, offner Mann!

Klosterbruder. Ganz recht;
Der nmliche!--Doch was man ist, und was
Man sein mu in der Welt, das pat ja wohl
Nicht immer.

Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's
Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!
Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen;
Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.

Klosterbruder.
Viel Glcks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.

Nathan.
Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja
Doch bald, doch fleiig wieder.--Wenn nur heut
Der Patriarch noch nichts erfhrt!--Doch was?
Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.

Klosterbruder. Ich nicht.
Lebt wohl! (Geht ab.)

Nathan. Verget uns ja nicht, Bruder!--Gott!
Da ich nicht hier gleich unter freiem Himmel
Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich
Der Knoten, der so oft mir bange machte,
Nun von sich selber lset!--Gott! wie leicht
Mir wird, da ich nun weiter auf der Welt
Nichts zu verbergen habe! da ich vor
Den Menschen nun so frei kann wandeln, als
Vor dir, der du allein den Menschen nicht
Nach seinen Taten brauchst zu richten, die
So selten seine Taten sind, o Gott!--



Fnfter Auftritt

Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt.


Tempelherr.
He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!

Nathan. Wer ruft?--
Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, da
Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?

Tempelherr.
Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's
Nicht bel.

Nathan. Ich nicht; aber Saladin...

Tempelherr.
Ihr wart nur eben fort...

Nathan. Und spracht ihn doch?
Nun, so ist's gut.

Tempelherr. Er will uns aber beide
Zusammen sprechen.

Nathan. Desto besser. Kommt
Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm.

Tempelherr.
Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer
Euch da verlie?

Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht?

Tempelherr.
War's nicht die gute Haut, der Laienbruder,
Des sich der Patriarch so gern zum Stber
Bedient?

Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist
Er allerdings.

Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht bel:
Die Einfalt vor der Schurkerei voraus-
Zuschicken.

Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme.

Tempelherr.
An fromme glaubt kein Patriarch.

Nathan. Fr den
Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen
Nichts Ungebhrliches vollziehen helfen.

Tempelherr.
So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat
Er Euch von mir denn nichts gesagt?

Nathan. Von Euch?
Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er wei
Ja wohl auch schwerlich Euern Namen?

Tempelherr. Schwerlich.

Nathan.
Von einem Tempelherren freilich hat
Er mir gesagt...

Tempelherr. Und was?

Nathan. Womit er Euch
Doch ein fr allemal nicht meinen kann!

Tempelherr.
Wer wei? Lat doch nur hren.

Nathan. Da mich einer
Bei seinem Patriarchen angeklagt...

Tempelherr.
Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst--
Erlogen.--Hrt mich, Nathan!--Ich bin nicht
Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen
Imstande wre. Was ich tat, das tat ich!
Doch bin ich auch nicht der, der alles, was
Er tat, als wohlgetan verteid'gen mchte.
Was sollt' ich eines Fehls mich schmen? Hab
Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?
Und wei ich etwa nicht, wie weit mit dem
Es Menschen bringen knnen?--Hrt mich, Nathan!--
Ich bin des Laienbruders Tempelherr,
Der Euch verklagt soll haben, allerdings.--
Ihr wit ja, was mich wurmisch machte! was
Mein Blut in allen Adern sieden machte!
Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel'
Euch in die Arme mich zu werfen. Wie
Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau
Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen
Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;
Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen
Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:
Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn
Ich soll gelassen bleiben.--Hrt mich, Nathan!--
In dieser Grung schlich mir Daja nach,
Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf
Das mir den Aufschlu Euers rtselhaften
Betragens zu enthalten schien.

Nathan. Wie das?

Tempelherr.
Hrt mich nur aus!--Ich bildete mir ein,
Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen
So abgejagt, an einen Christen wieder
Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,
Euch kurz und gut das Messer an die Kehle
Zu setzen.

Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt
Das Gute?

Tempelherr. Hrt mich, Nathan!--Allerdings:
Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.--
Die Nrrin Daja wei nicht was sie spricht--
Ist Euch gehssig--sucht Euch nur damit
In einen bsen Handel zu verwickeln--
Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe,
Der immer nur an beiden Enden schwrmt;
Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut--
Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.

Nathan. Wenn
Ihr so mich freilich fasset--

Tempelherr. Kurz, ich ging
Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht
Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!
Ich hab ihm blo den Fall ganz allgemein
Erzhlt, um seine Meinung zu vernehmen.--
Auch das htt' unterbleiben knnen: ja doch!--
Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon
Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber
Nur gleich zur Rede stellen?--Mut' ich der
Gefahr, so einen Vater zu verlieren,
Das arme Mdchen opfern?--Nun, was tut's?
Die Schurkerei des Patriarchen, die
So hnlich immer sich erhlt, hat mich
Des nchsten Weges wieder zu mir selbst
Gebracht.--Denn hrt mich, Nathan; hrt mich aus!--
Gesetzt; er wt' auch Euern Namen: was
Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Mdchen
Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.
Er kann sie doch aus Euerm Hause nur
Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir!
Gebt sie nur mir; und lat ihn kommen. Ha!
Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib
Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei
Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!
Sei Christin, oder Jdin, oder keines!
Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt
Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben
Darum befragen. Sei, wie's sei!

Nathan. Ihr whnt
Wohl gar, da mir die Wahrheit zu verbergen
Sehr ntig?

Tempelherr. Sei, wie's sei!

Nathan. Ich hab es ja
Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt--
Noch nicht geleugnet, da sie eine Christin,
Und nichts als meine Pflegetochter ist.--
Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?--
Darber brauch ich nur bei ihr mich zu
Entschuldigen.

Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr
Nicht brauchen.--Gnnt's ihr doch, da sie Euch nie
Mit andern Augen darf betrachten! Spart
Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja,
Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt
Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!
Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male
Euch retten kann--und will.

Nathan. Ja--konnte! konnte!
Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spt.

Tempelherr.
Wieso? zu spt?

Nathan. Dank sei dem Patriarchen...

Tempelherr.
Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofr?
Dank htte der bei uns verdienen wollen?
Wofr? wofr?

Nathan. Da wir nun wissen, wem
Sie unverwandt; nun wissen, wessen Hnden
Sie sicher ausgeliefert werden kann.

Tempelherr.
Das dank' ihm--wer fr mehr ihm danken wird!

Nathan.
Aus diesen mt Ihr sie nun auch erhalten;
Und nicht aus meinen.

Tempelherr. Arme Recha! Was
Dir alles zustt, arme Recha! Was
Ein Glck fr andre Waisen wre, wird
Dein Unglck!--Nathan!--Und wo sind sie, diese
Verwandte?

Nathan. Wo sie sind?

Tempelherr. Und wer sie sind?

Nathan.
Besonders hat ein Bruder sich gefunden,
Bei dem Ihr um sie werben mt.

Tempelherr. Ein Bruder?
Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?
Ein Geistlicher?--Lat hren, was ich mir
Versprechen darf.

Nathan. Ich glaube, da er keines
Von beiden--oder beides ist. Ich kenn
Ihn noch nicht recht.

Tempelherr. Und sonst?

Nathan. Ein braver Mann
Bei dem sich Recha gar nicht bel wird
Befinden.

Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich wei zuzeiten
Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:--
Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht
Die Christin spielen mssen, unter Christen?
Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt,
Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,
Den Ihr gest, das Unkraut endlich nicht
Ersticken?--Und das kmmert Euch so wenig?
Dem ungeachtet knnt Ihr sagen--Ihr?
Da sie bei ihrem Bruder sich nicht bel
Befinden werde?

Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn
Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat
Sie Euch und mich denn nicht noch immer?--

Tempelherr. Oh!
Was wird bei ihm ihr mangeln knnen! Wird
Das Brderchen mit Essen und mit Kleidung,
Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen
Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht
Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch
Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den
Wird ihr das Brderchen zu seiner Zeit
Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!
Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan!
Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,
Den Euch nun andre so verhunzen werden!

Nathan.
Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe
Noch immer wert genug behaupten.

Tempelherr. Sagt
Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht!
Denn die lt nichts sich unterschlagen; nichts.
Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen!
Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit
Ihr vorgeht?

Nathan. Mglich; ob ich schon nicht wte,
Woher?

Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie mu
In beiden Fllen, was ihr Schicksal droht,
Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,
Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,
Als bis ich sie die Meine nennen drfe,
Fllt weg. Ich eile...

Nathan. Bleibt! wohin?

Tempelherr. Zu ihr!
Zu sehn, ob diese Mdchenseele Manns genug
Wohl ist, den einzigen Entschlu zu fassen,
Der ihrer wrdig wre!

Nathan. Welchen?

Tempelherr. Den:
Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht
Zu fragen--

Nathan. Und?

Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn
Sie drber eines Muselmannes Frau
Auch werden mte.

Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht.
Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.

Tempelherr.
Seit wenn? warum?

Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen
Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit.

Tempelherr.
Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?

Nathan.
Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!

(Er fhrt ihn fort.)



Sechster Auftritt

(Szene: in Sittahs Harem.)

Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.


Sittah.
Was freu ich mich nicht deiner, ses Mdchen!--
Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schchtern!--
Sei munter! sei gesprchiger! vertrauter!

Recha.
Prinzessin....

Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn
Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester.
Nenn mich dein Mtterchen!--Ich knnte das
Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm!
Was du nicht alles weit! nicht alles mut
Gelesen haben!

Recha. Ich gelesen?--Sittah,
Du spottest deiner kleinen albern Schwester.
Ich kann kaum lesen.

Sittah. Kannst kaum, Lgnerin!

Recha.
Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte,
Du sprchst von Bchern.

Sittah. Allerdings! von Bchern.

Recha.
Nun, Bcher wird mir wahrlich schwer zu lesen!

Sittah. Im Ernst?

Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt
Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich
Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drckt,
Zu wenig.

Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes
Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was
Du weit...?

Recha. Wei ich allein aus seinem Munde
Und knnte bei dem meisten dir noch sagen,
Wie? wo? warum? er mich's gelehrt.

Sittah. So hngt
Sich freilich alles besser an. So lernt
Mit eins die ganze Seele.--

Recha. Sicher hat
Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!

Sittah.
Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil.
Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?

Recha.
Sie ist so schlecht und recht; so unverknstelt;
So ganz sich selbst nur hnlich...

Sittah. Nun?

Recha. Das sollen
Die Bcher uns nur selten lassen! sagt
Mein Vater.

Sittah. O was ist dein Vater fr
Ein Mann!

Recha. Nicht wahr?

Sittah. Wie nah er immer doch
Zum Ziele trifft!

Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater--

Sittah.
Was ist dir, Liebe?

Recha. Diesen Vater--

Sittah. Gott!
Du weinst?

Recha. Und diesen Vater--Ah! es mu
Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft...

(Wirft sich, von Trnen berwltiget, zu ihren Fen.)

Sittah. Kind, was
Geschieht dir? Recha?

Recha. Diesen Vater soll--
Soll ich verlieren!

Sittah. Du? verlieren? ihn?
Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf!

Recha.
Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,
Zu meiner Schwester nicht erboten haben!

Sittah.
Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich mu
Sonst Hilfe rufen.

Recha (die sich ermannt und aufsteht).
Ah! verzeih! vergib!
Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer
Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein
Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft
Will alles ber sie allein vermgen.
Wes Sache diese bei ihr fhrt, der siegt!

Sittah.
Nun dann?

Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester
Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, da mir
Ein andrer Vater aufgedrungen werde!

Sittah.
Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir?
Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?

Recha.
Wer? Meine gute bse Daja kann
Das wollen,--will das knnen.--ja; du kennst
Wohl diese gute bse Daja nicht?
Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr!
Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Bses
Erwiesen!

Sittah. Bses dir?--So mu sie Gutes
Doch wahrlich wenig haben.

Recha. Doch! recht viel,
Recht viel!

Sittah. Wer ist sie?

Recha. Eine Christin, die
In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so
Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter
So wenig missen lassen!--Gott vergelt'
Es ihr!--Die aber mich auch so gengstet!
Mich so geqult!

Sittah. Und ber was? warum?
Wie?

Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja
Ist eine Christin;--mu aus Liebe qulen;
Ist eine von den Schwrmerinnen, die
Den allgemeinen, einzig wahren Weg
Nach Gott zu wissen whnen!

Sittah. Nun versteh ich!

Recha.
Und sich gedrungen fhlen, einen jeden,
Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.--
Kaum knnen sie auch anders. Denn ist's wahr,
Da dieser Weg allein nur richtig fhrt:
Wie sollen sie gelassen ihre Freunde
Auf einem andern wandeln sehn,--der ins
Verderben strzt, ins ewige Verderben?
Es mte mglich sein, denselben Menschen
Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.--
Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen
Mich ber sie zu fhren zwingt. Ihr Seufzen,
Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen htt'
Ich gern noch lnger ausgehalten; gern!
Es brachte mich doch immer auf Gedanken,
Die gut und ntzlich. Und wem schmeichelt's doch
Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,
Von wem's auch sei, gehalten fhlen, da
Er den Gedanken nicht ertragen kann,
Er mss' einmal auf ewig uns entbehren!

Sittah.
Sehr wahr!

Recha. Allein--allein--das geht zu weit!
Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht
Geduld, nicht berlegung; nichts!

Sittah. Was? wem?

Recha.
Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.

Sittah.
Entdeckt? und eben itzt?

Recha. Nur eben itzt!
Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem
Verfallnen Christentempel. Pltzlich stand
Sie still; schien mit sich selbst zu kmpfen; blickte
Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald
Auf mich. Komm, sprach sie endlich, la uns hier
Durch diesen Tempel in die Richte gehn!
Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift
Mit Graus die wankenden Ruinen durch.
Nun steht sie wieder; und ich sehe mich
An den versunknen Stufen eines morschen
Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da
Mit heien Trnen, mit gerungnen Hnden
Zu meinen Fen strzte...

Sittah. Gutes Kind!

Recha.
Und bei der Gttlichen, die da wohl sonst
So manch Gebet erhrt, so manches Wunder
Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken
Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner
Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu
Vergeben, wenn sie mir entdecken msse,
Was ihre Kirch' auf mich fr Anspruch habe.

Sittah.
(Unglckliche!--Es ahnte mir!)

Recha. Ich sei
Aus christlichem Geblte; sei getauft;
Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!--
Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah!
Sieh mich aufs neu' zu deinen Fen...

Sittah. Recha!
Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder kmmt! steh auf!



Siebenter Auftritt

Saladin und die Vorigen.


Saladin.
Was gibt's hier, Sittah?

Sittah. Sie ist von sich! Gott!

Saladin.
Wer ist's?

Sittah. Du weit ja...

Saladin. Unsers Nathans Tochter?
Was fehlt ihr?

Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan...

Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Fen schleppt, den Kopf
zur Erde gesenkt).
Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher
Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher
Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit
Und Gte nicht in seinen Augen, nicht
Auf seiner Stirn bewundern...

Saladin. Steh... steh auf!

Recha.
Eh' er mir nicht verspricht...

Saladin. Komm! ich verspreche...
Sei was es will!

Recha. Nicht mehr, nicht weniger,
Als meinen Vater mir zu lassen; und
Mich ihm!--Noch wei ich nicht, wer sonst mein Vater
Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch
Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut
Den Vater? nur das Blut?

Saladin (der sie aufhebt).
Ich merke wohl!--
Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst
Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist
Es denn schon vllig ausgemacht? erwiesen?

Recha.
Mu wohl! Denn Daja will von meiner Amm'
Es haben.

Saladin. Deiner Amme!

Recha. Die es sterbend
Ihr zu vertrauen sich verbunden fhlte.

Saladin.
Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und wr's
Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein
Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum
Den Vater eines Tieres! gibt zum hchsten
Das erste Recht, sich diesen Namen zu
Erwerben!--La dir doch nicht bange sein!
Und weit du was? Sobald der Vter zwei
Sich um dich streiten:--la sie beide; nimm
Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater!

Sittah.
O tu's! o tu's!

Saladin. Ich will ein guter Vater,
Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir fllt
Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn
Der Vter berhaupt? Wenn sie nun sterben?
Beizeiten sich nach einem umgesehn,
Der mit uns um die Wette leben will!
Kennst du noch keinen?...

Sittah. Mach sie nicht errten!

Saladin.
Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.
Errten macht die Hlichen so schn:
Und sollte Schne nicht noch schner machen?--
Ich habe deinen Vater Nathan; und
Noch einen--einen noch hierher bestellt.
Errtst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch
Erlauben, Sittah?

Sittah. Bruder!

Saladin. Da du ja
Vor ihm recht sehr errtest, liebes Mdchen!

Recha.
Vor wem? errten?...

Saladin. Kleine Heuchlerin!
Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst
Und kannst!--

(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.)

Sie sind doch etwa nicht schon da?

Sittah (zur Sklavin).
Gut! la sie nur herein.--Sie sind es, Bruder!



Letzter Auftritt

Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.


Saladin.
Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich,
Dich, Nathan, mu ich nur vor allen Dingen
Bedeuten, da du nun, sobald du willst,
Dein Geld kannst wieder holen lassen!

Nathan. Sultan!

Saladin.
Nun steh ich auch zu deinen Diensten.

Nathan. Sultan!

Saladin.
Die Karawan' ist da. Ich bin so reich
Nun wieder, als ich lange nicht gewesen.
Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Groes
Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr,
Ihr Handelsleute, knnt des baren Geldes
Zuviel nie haben!

Nathan. Und warum zuerst
Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort
Ein Aug' in Trnen, das zu trocknen, mir
Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.)
Du hast geweint?
Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch?

Recha.
Mein Vater!...

Nathan. Wir verstehen uns. Genug!--
Sei heiter! Sei gefat! Wenn sonst dein Herz
Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst
Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist
Dir unverloren!

Recha. Keiner, keiner sonst!

Tempelherr.
Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen.
Was man nicht zu verlieren frchtet, hat
Man zu besitzen nie geglaubt, und nie
Gewnscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das ndert, Nathan,
Das ndert alles!--Saladin, wir kamen
Auf dein Gehei. Allein, ich hatte dich
Verleitet; itzt bemh dich nur nicht weiter!

Saladin.
Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles
Dir denn entgegenkommen? Alles dich
Erraten?

Tempelherr. Nun du hrst ja! siehst ja, Sultan!

Saladin.
Ei wahrlich!--Schlimm genug, da deiner Sache
Du nicht gewisser warst!

Tempelherr. So bin ich's nun.

Saladin.
Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,
Nimmt sie zurck. Was du gerettet, ist
Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wr'
Der Ruber, den sein Geiz ins Feuer jagt,
So gut ein Held wie du!

(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzufhren.)

Komm, liebes Mdchen,
Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn wr'
Er anders; wr' er minder warm und stolz:
Er htt' es bleibenlassen, dich zu retten.
Du mut ihm eins frs andre rechnen.--Komm!
Beschm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!
Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!
Und wenn er dich verschmht; dir's je vergit,
Wie ungleich mehr in diesem Schritte du
Fr ihn getan, als er fr dich... Was hat
Er denn fr dich getan? Ein wenig sich
Beruchern lassen! ist was Rechts!--so hat
Er meines Bruders, meines Assad, nichts!
So trgt er seine Larve, nicht sein Herz.
Komm, Liebe...

Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist
Fr deine Dankbarkeit noch immer wenig;
Noch immer nichts.

Nathan. Halt Saladin! halt Sittah!

Saladin.
Auch du?

Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen...

Saladin.
Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, kmmt
So einem Pflegevater eine Stimme
Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hrst,
Ich wei der Sache ganze Lage.

Nathan. Nicht so ganz!--
Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;
Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,
Doch auch vorher zu hren bitte.

Saladin.--Wer?

Nathan.
Ihr Bruder!

Saladin. Rechas Bruder?

Nathan. Ja!

Recha. Mein Bruder?
So hab ich einen Bruder?

Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend).
Wo? wo ist
Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt'
Ihn hier ja treffen.

Nathan. Nur Geduld!

Tempelherr (uerst bitter). Er hat
Ihr einen Vater aufgebunden:--wird
Er keinen Bruder fr sie finden?

Saladin. Das
Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger
Verdacht wr' ber Assads Lippen nicht
Gekommen.--Gut! fahr nur so fort!

Nathan. Verzeih
Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer wei, was wir
An seiner Stell', in seinem Alter dchten!
(Freundschaftlich auf ihn zugehend.)
Natrlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Mitraun!--
Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich
Gewrdigt httet...

Tempelherr. Wie?

Nathan. Ihr seid kein Stauffen!

Tempelherr.
Wer bin ich denn?

Nathan. Heit Curd von Stauffen nicht!

Tempelherr.
Wie hei ich denn?

Nathan. Heit Leu von Filnek.

Tempelherr. Wie?

Nathan.
Ihr stutzt?

Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das?

Nathan. Ich; der mehr,
Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes
Euch keiner Lge.

Tempelherr. Nicht?

Nathan. Kann doch wohl sein,
Da jener Nam' Euch ebenfalls gebhrt.

Tempelherr.
Das sollt' ich meinen!--(Das hie Gott ihn sprechen!)

Nathan.
Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin.
Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,
Dem Eure Eltern Euch in Deutschland lieen,
Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,
Sie wieder hierzulande kamen:--Der
Hie Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt
Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid
Ihr lange schon mit ihm nun auch herber-
Gekommen? Und er lebt doch noch?

Tempelherr. Was soll
Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's!
Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten
Verstrkung unsers Ordens.--Aber, aber--
Was hat mit diesem allen Rechas Bruder
Zu schaffen?

Nathan. Euer Vater...

Tempelherr. Wie? auch den
Habt Ihr gekannt? Auch den?

Nathan. Er war mein Freund.

Tempelherr.
War Euer Freund? Ist's mglich, Nathan!...

Nathan. Nannte
Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher...

Tempelherr.
Ihr wit auch das?

Nathan. War einer Deutschen nur
Vermhlt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland
Auf kurze Zeit gefolgt...

Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt
Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder...

Nathan.
Seid Ihr!

Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder?

Recha. Er mein Bruder?

Sittah.
Geschwister!

Saladin. Sie Geschwister!

Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder!

Tempelherr (tritt zurck).
Ihr Bruder!

Recha (hlt an, und wendet sich zu Nathan).
Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz
Wei nichts davon!--Wir sind Betrger! Gott!

Saladin (zum Tempelherrn).
Betrger? wie? Das denkst du? kannst du denken?
Betrger selbst! Denn alles ist erlogen
An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!
So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!

Tempelherr (sich demtig ihm nahend).
Mideut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!
Verkenn in einem Augenblick', in dem
Du schwerlich deinen Assad je gesehen,
Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.)
Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!
Mit vollen Hnden beides!--Nein! Ihr gebt
Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!
(Recha um den Hals fallend.)
Ah! meine Schwester! meine Schwester!

Nathan. Blanda
Von Filnek.

Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht?
Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstot
Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!
Verstot sie meinetwegen!--Nathan! Nathan!
Warum es sie entgelten lassen? sie!

Nathan.
Und was?--O meine Kinder! meine Kinder!
Denn meiner Tochter Bruder wr' mein Kind
Nicht auch,--sobald er will?
(Indem er sich ihren Umarmungen berlt, tritt Saladin mit unruhigem
Erstaunen zu seiner Schwester.)

Saladin. Was sagst du, Schwester?

Sittah.
Ich bin gerhrt...

Saladin. Und ich,--ich schaudere
Vor einer grern Rhrung fast zurck!
Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.

Sittah.
Wie?

Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort!

(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm
ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.)

Hr! hr doch, Nathan! Sagtest du vorhin
Nicht--?

Nathan. Was?

Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht
Gewesen; ein geborner Deutscher nicht.
Was war er denn? Wo war er sonst denn her?

Nathan.
Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.
Aus seinem Munde wei ich nichts davon.

Saladin.
Und war auch sonst kein Frank? kein Abendlnder?

Nathan.
Oh! da er der nicht sei, gestand er wohl.
Er sprach am liebsten Persisch...

Saladin. Persisch? Persisch?
Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es!

Nathan. Wer?

Saladin.
Mein Bruder! ganz gewi! Mein Assad! ganz
Gewi!

Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfllst:--
Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!

(Ihm das Brevier berreichend.)

Saladin (es begierig aufschlagend).
Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!

Nathan.
Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir
Allein, was sie davon erfahren sollen!

Saladin (indes er darin geblttert).
Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?
Ich meine Neffen--meine Kinder nicht?
Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?
(Wieder laut.)
Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's!
Sind beide meines... deines Bruders Kinder!
(Er rennt in ihre Umarmungen.)

Sittah (ihm folgend).
Was hr ich!--Konnt's auch anders, anders sein!--

Saladin (zum Tempelherrn).
Nun mut du doch wohl, Trotzkopf, mut mich lieben!
(Zu Recha.)
Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?
Magst wollen, oder nicht!

Sittah. Ich auch! ich auch!

Saladin (zum Tempelherrn zurck).
Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!

Tempelherr.
Ich deines Bluts!--So waren jene Trume,
Womit man meine Kindheit wiegte, doch--
Doch mehr als Trume!
(Ihm zu Fen fallend.)

Saladin (ihn aufhebend).
Seht den Bsewicht!
Er wute was davon, und konnte mich
Zu seinem Mrder machen wollen! Wart!

(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fllt der Vorhang.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold
Ephraim Lessing.










End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Ephraim Lessing

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