The Project Gutenberg EBook of Die zaertlichen Schwestern, by 
Christian Fuerchtegott Gellert

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Title: Die zaertlichen Schwestern

Author: Christian Fuerchtegott Gellert

Posting Date: September 21, 2012 [EBook #9327]
Release Date: November, 2005
First Posted: September 22, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ZAERTLICHEN SCHWESTERN ***




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Die zrtlichen Schwestern

Christian Frchtegott Gellert

Ein Lustspiel von drei Aufzgen



Personen:

Cleon
Der Magister, sein Bruder
Lottchen, Cleons lteste Tochter
Julchen, dessen jngste Tochter
Siegmund, Lottchens Liebhaber
Damis, Julchens Liebhaber
Simon, Damis' Vormund




Erster Aufzug



Erster Auftritt

Cleon.  Lottchen.


Lottchen.  Lieber Papa, Herr Damis ist da.  Der Tee ist schon in dem
Garten, wenn Sie so gut sein und hinuntergehen wollen?

Cleon.  Wo ist Herr Damis?

Lottchen.  Er redt mit Julchen.

Cleon.  Meine Tochter, ist dir's auch zuwider, da ich den Herrn Damis
auf eine Tasse Tee zu mir gebeten habe?  Du merkst doch wohl seine
Absicht.  Geht dir's auch nahe?  Du gutes Kind, du dauerst mich.
Freilich bist du lter als deine Schwester und solltest also auch eher
einen Mann kriegen.  Aber...

Lottchen.  Papa, warum bedauern Sie mich?  Mu ich denn notwendig eher
heiraten als Julchen?  Es ist wahr, ich bin etliche Jahre lter; aber
Julchen ist auch weit schner als ich.  Ein Mann, der so vernnftig,
so reich und so galant ist als Herr Damis und doch ein armes
Frauenzimmer heiratet, kann in seiner Wahl mit Recht auf diejenige
sehen, die die meisten Annehmlichkeiten hat.  Ich mache mir eine Ehre
daraus, mich an dem gnstigen Schicksale meiner Schwester aufrichtig
zu vergngen und mit dem meinigen zufrieden zu sein.

Cleon.  Kind, wenn das alles dein Ernst ist: so verdienst du zehn
Mnner.  Du redst fast so klug als mein Bruder und hast doch nicht
studiert.

Lottchen.  Loben Sie mich nicht, Papa.  Ich bin mir in meinen Augen so
geringe, da ich sogar das Lob eines Vaters fr eine Schmeichelei
halten mu.

Cleon.  Nun, nun, ich mu wissen, was an dir ist.  Du hast ein Herz,
dessen sich die Tugend selbst nicht schmen drfte.  Hre nur...

Lottchen.  Oh, mein Gott, wie demtigen Sie mich!  Ein Lobspruch, den
ich mir wegen meiner Gre nicht zueignen kann, tut mir weher als ein
verdienter Verweis.

Cleon.  So bin ich nicht gesinnt.  Ich halte viel auf ein billiges Lob,
 und ich weigere mich keinen Augenblick, es anzunehmen, wenn ich's
verdiene.  Das Lob ist ein Lohn der Tugend, und den verdienten Lohn
mu man annehmen.  Hre nur, du bist verstndiger als deine Schwester,
wenn jene gleich schner ist.  Rede ihr doch zu, da sie ihren
Eigensinn fahrenlt und sich endlich zu einem festen Bndnisse mit
dem Herrn Damis entschliet, ehe ich als Vater ein Machtwort rede.
Ich wei nicht, wer ihr den wunderlichen Gedanken von der Freiheit in
den Kopf gesetzet hat.

Lottchen.  Mich deucht, Herr Damis ist Julchen nicht zuwider.  Und ich
hoffe, da er ihren kleinen Eigensinn leicht in eine bestndige Liebe
verwandeln kann.  Ich will ihm dazu behlflich sein.

Cleon.  Ja, tue es, meine Goldtochter.  Sage Julchen, da ich nicht
ruhig sterben wrde, wenn ich sie nicht bei meinem Leben versorgt
wte.

Lottchen.  Nein, lieber Papa, solche Bewegungsgrnde zur Ehe sind wohl
nicht viel besser als die Zwangsmittel.  Julchen hat Ursachen genug in
ihrem eigenen Herzen und in dem Werte ihres Geliebten, die sie zur
Liebe bewegen knnen; diese will ich wider ihren Eigensinn erregen und
sie durch sich selbst und durch ihren Liebhaber besiegt werden lassen.

Cleon.  Gut, wie du denkst.  Nur nicht gar zu lange nachgesonnen.
Rhme den Herrn Damis.  Sage Julchen, da er funfzigtausend Taler
bares Geld htte und...  Arme Tochter!  es mag dir wohl weh tun, da
deine Schwester so reich heiratet.  Je nun, du bist freilich nicht die
Schnste; aber der Himmel wird dich schon versorgen.  Betrbe dich
nicht.

Lottchen.  Der Himmel wei, da ich blo deswegen betrbt bin, weil
Sie mein Herz fr so niedrig halten, da es meiner Schwester ihr Glck
nicht gnnen sollte.  Dazu gehrt ja gar keine Tugend, einer Person
etwas zu gnnen, fr welche das Blut in mir spricht.  Kommen Sie, Papa,
 der Tee mchte kalt werden.

Cleon.  Du brichst mit Flei ab, weil du dich fhlst.  Sei gutes Muts,
mein Kind.  Ich kann dir freilich nichts mitgeben.  Aber solange ich
lebe, will ich alles an dich wagen.  Nimm dir wieder einen
Sprachmeister, einen Zeichenmeister, einen Klaviermeister und alles an.
  Ich bezahle, und wenn mich der Monat funfzig Taler kme.  Du bist es
wert.  Und hre nur, dein Siegmund, dein guter Freund, oder wenn du es
lieber hrst, dein Liebhaber, ist freilich durch den unglcklichen
Proze seines seligen Vaters um sein Vermgen gekommen; aber er hat
etwas gelernt und wird sein Glck und das deine gewi machen.

Lottchen.  Ach lieber Papa, Herr Siegmund ist mir itzt noch ebenso
schtzbar als vor einem Jahre, da er viel Vermgen hatte.  Ich wei,
da Sie unsere Liebe billigen.  Ich will fr die Verdienste einer Frau
sorgen, er wird schon auf die Ruhe derselben bedacht sein.  Er hat so
viel Vorzge in meinen Augen, da er sich keine Untreue von mir
befrchten darf, und wenn ich auch noch zehn Jahre auf seine Hand
warten sollte.  Wollen Sie mir eine Bitte erlauben: so lassen Sie ihn
heute mit uns speisen.

Cleon.  Gutes Kind, du wirst doch denken, da ich ihn zu deinem
Vergngen habe herbitten lassen.  Er wird nicht lange sein.

(Siegmund tritt herein, ohne da ihn Lottchen gewahr wird.)

Lottchen.  Wenn ihn der Bediente nur auch angetroffen hat.  Ich will
selber ein paar Zeilen an ihn schreiben.  Ich kann ihm und mir keine
grere Freude machen.  Er wird gewi kommen und den grten Anteil an
Julchens Glcke nehmen.  Er hat das redlichste und zrtlichste Herz.
Vergeben Sie mir's, da ich so viel von ihm rede.

Cleon.  Also hast du ihn recht herzlich lieb?

Lottchen.  Ja, Papa, so lieb, da, wenn ich die Wahl htte, ob ich ihn
mit einem geringen Auskommen oder den Vornehmsten mit allem berflusse
zum Manne haben wollte, ich ihn allemal whlen wrde.

Cleon.  Ist's mglich?  Htte ich doch nicht gedacht, da du so
verliebt wrest.

Lottchen.  Zrtlich, wollen Sie sagen.  Ich wrde unruhig sein, wenn
ich nicht so zrtlich liebte, denn dies ist es alles, wodurch ich die
Zuneigung belohnen kann, die mir Herr Siegmund vor so vielen andern
Frauenzimmern geschenkt hat.  Bedenken Sie nur, ich bin nicht schn,
nicht reich, ich habe sonst keine Vorzge als meine Unschuld, und er
liebt mich doch so vollkommen, als wenn ich die liebenswrdigste
Person von der Welt wre.

Cleon.  Aber sagst du's ihm denn selbst, da du ihn so ausnehmend
liebst?

Lottchen.  Nein, so deutlich habe ich es ihm nie gesagt.  Er ist so
bescheiden, da er kein ordentliches Bekenntnis der Liebe von mir
verlangt.  Und ich habe tausendmal gewnscht, da er mich ntigen
mchte, ihm eine Liebe zu entdecken, die er so sehr verdienet.

Cleon.  Du wirst diesen Wunsch bald erfllt sehen.  Siehe dich um,
mein liebes Lottchen.



Zweiter Auftritt

Cleon.  Lottchen.  Siegmund.


Lottchen.  Wie?  Sie haben mich reden hren?

Siegmund.  Vergeben Sie mir, mein liebes Lottchen.  Ich habe in meinem
Leben nichts Vorteilhafters fr mich gehrt.  Ich bin vor Vergngen
ganz trunken, und ich wei meine Verwegenheit mit nichts als mit
meiner Liebe zu entschuldigen.

Lottchen.  Eine bessere Frsprecherin htten Sie nicht finden knnen.
Haben Sie alles gehrt?  Ich habe es nicht gewut, da Sie zugegen
wren; um desto aufrichtiger ist mein Bekenntnis.  Aber wenn ich ja
auf den Antrieb meines Papas einen Fehler habe begehen sollen: so will
ich ihn nunmehr fr mich allein begehen: Ich liebe Sie.  Sind Sie mit
dieser Ausschweifung zufrieden?

Siegmund.  Liebstes Lottchen, meine Bestrzung mag Ihnen ein Beweis
von der Empfindung meines Herzens sein.  Sie lieben mich?  Sie sagen
mir's in der Gegenwart Ihres Papas?  Sie?  mein Lottchen!  Verdiene
ich dies?  Soll ich Ihnen antworten?  und wie?  O lassen Sie mich
gehen und zu mir selber kommen.

Cleon.  Sie sind ganz bestrzt, Herr Siegmund.  Vielleicht tut Ihnen
meine Gegenwart einigen Zwang an.  Lebt wohl, meine Kinder, und sorgt
fr Julchen.  Ich will mit dem Herrn Damis reden.



Dritter Auftritt

Lottchen.  Siegmund.


Siegmund.  Wird es Sie bald reuen, meine Geliebte, da ich so viel zu
meinem Vorteile gehrt habe?

Lottchen.  Sagen Sie mir erst, ob Sie so viel zu hren gewnscht haben.

Siegmund.  Gewnscht habe ich's tausendmal; allein, verdiene ich so
viele Zrtlichkeit?

Lottchen.  Wenn mein Herz den Ausspruch tun darf: so verdienen Sie
ihrer weit mehr.

Siegmund.  Nein, ich verdiene Ihr Herz noch nicht; allein ich will
mich zeitlebens bemhen, Sie zu berfhren, da Sie es keinem
Unwrdigen geschenkt haben.  Wie edel gesinnt ist Ihre Seele!  Ich
verlor als Ihr Liebhaber mein ganzes Vermgen, und mein Unglck hat
mir nicht den geringsten Teil von Ihrer Liebe entzogen.  Sie haben
Ihre Gewogenheit gegen mich vermehrt und mir durch sie den Verlust
meines Glcks ertrglich gemacht, Diese standhafte Zrtlichkeit ist
ein Ruhm fr Sie, den nur ein erhabenes Herz zu schtzen wei.  Und
ich wrde des Hasses der ganzen Welt wert sein, wenn ich jemals
aufhren knnte, Sie zu lieben.

Lottchen.  Ich habe einen Fehler begangen, da ich Sie so viel zu
meinem Ruhme habe sagen lassen.  Aber Ihr Beifall ist mir gar zu
kostbar, als da ihn meine Eigenliebe nicht mit Vergngen anhren
sollte.  Sie knnen es seit zwei Jahren schon wissen, ob ich ein
redliches Herz habe.  Welche Zufriedenheit ist es fr mich, da ich
ohne den geringsten Vorwurf in alle die vergngten Tage und Stunden
zurcksehen kann, die ich mit Ihnen, mit der Liebe und der Tugend
zugebracht habe!

Siegmund.  Also sind Sie vollkommen mit mir zufrieden, meine Schne?
O warum kann ich Sie nicht glcklich machen!  Welche Wollust mte es
sein, ein Herz, wie das Ihrige ist, zu belohnen, da mir die bloe
Vorstellung davon schon so viel Vergngen gibt!  Ach, liebstes Kind,
Julchen wird glcklicher, weit glcklicher als Sie, und...

Lottchen.  Sie beleidigen mich, wenn Sie mehr reden.  Und Sie
beleidigen mich auch schon, wenn Sie es denken.  Julchen ist nicht
glcklicher, als ich bin.  Sie habe ihrem knftigen Brutigam noch
soviel zu danken: so bin ich Ihnen doch ebensoviel schuldig.  Durch
Ihren Umgang, durch Ihr Beispiel bin ich zrtlich, ruhig und mit der
ganzen Welt zufrieden worden.  Ist dieses kein Glck: so mu gar keins
in der Welt sein.  Aber, mein liebster Freund, wir wollen heute zu
Julchens Glcke etwas beitragen.  Sie liebt den Herrn Damis und wei
es nicht, da sie ihn liebt.  Ihr ganzes Bezeigen versichert mich, da
der prchtige Gedanke, den sie von der Freiheit mit sich herumtrgt,
nichts als eine Frucht der Liebe sei.  Sie liebt; aber die
verdrliche Gestalt, die sie sich vielleicht von der Ehe gemacht hat,
umnebelt ihre Liebe.  Wir wollen diese kleinen Nebel vertreiben.

Siegmund.  Und wie?  mein liebes Kind.  Ich gehorche Ihnen ohne
Ausnahme.  Herr Damis verdient Julchen, und sie wird eine recht
liebenswrdige Frau werden.

Lottchen.  Hren Sie nur.  Doch hier kmmt Herr Damis.



Vierter Auftritt

Die Vorigen.  Damis.


Lottchen.  Sie sehen sehr traurig aus, mein Herr Damis.

Damis.  Ich habe Ursache dazu.  Anstatt, da ich glaubte, Julchen
heute als meine Braut zu sehen: so merke ich, da noch ganze Jahre zu
diesem Glcke ntig sind.  Je mehr ich ihr von der Liebe vorsage,
desto unempfindlicher wird sie.  Und je mehr sie sieht, da meine
Absichten ernstlich sind, desto mehr mifallen sie ihr.  Ich
Unglcklicher!  Wie gut wre es fr mich, wenn ich Julchen weniger
liebte!

Lottchen.  Lassen Sie sich ihre kleine Halsstarrigkeit lieb sein.  Es
ist nichts als Liebe.  Eben weil sie fhlt, da ihr Herz berwunden
ist: so wendet sie noch die letzte Bemhung an, der Liebe den Sieg
sauer zu machen.  Wir brauchen nichts, als sie dahin zu bringen, da
sie sieht, was in ihrem Herzen vorgeht.

Damis.  Wenn sie es aber nicht sehen will?

Lottchen.  Wir mssen sie berraschen und sie, ohne da sie es
vermutet, dazu ntigen.  Der heutige Tag ist ja nicht notwendig Ihr
Brauttag.  Glckt es uns heute nicht: so wird es ein andermal glcken.
 Es kmmt blo darauf an, meine Herren, ob Sie sich meinen Vorschlag
wollen gefallen lassen.

Siegmund.  Wenn ich zu des Herrn Damis Glcke etwas beitragen kann,
mit Freuden.

Damis.  Ich wei, da Sie beide gromtig genug darzu sind.  Und mir
wird nichts in der Welt zu schwer sein, das ich nicht fr Julchen
wagen sollte.

Lottchen.  Mein Herr Damis, verndern Sie die Sprache bei Julchen
etwas.  Fangen Sie nach und nach an, ihr in den Gedanken von der
Freiheit recht zu geben.  Diese bereinstimmung wird ihr anfangs
gefallen und sie sicher machen.  Sie wird denken, als ob sie Ihnen
deswegen erst gewogen wrde, da sie es doch lange aus weit schnern
Ursachen gewesen ist.  Und in diesem Selbstbetruge wird sie Ihnen ihr
ganzes Herz sehen lassen.

Damis.  Wollte der Himmel, da Ihr Rat seine Wirkung tte.  Wie
glcklich wollte ich mich schtzen!

Lottchen (zu Siegmunden).  Und Sie mssen dem Herrn Damis zum Besten
einen kleinen Betrug spielen und sich gegen Julchen zrtlich stellen.
Dieses wird ihr Herz in Unordnung bringen.  Sie wird bse auf Sie
werden.  Und mitten in dem Zorne wird die Liebe gegen den Herrn Damis
hervorbrechen.  Tun Sie es auf meine Verantwortung.

Siegmund.  Diese Rolle wird mir sehr sauer werden.


Fnfter Auftritt

Die Vorigen.  Julchen.


Julchen.  Da sind Sie ja alle beisammen.  Der Papa wollte gern wissen,
wo Sie wren, und ich kann ihm nunmehro die Antwort sagen.  (Sie will
wieder gehn.)

Lottchen.  Mein liebes Julchen, warum gehst du so geschwind?  Weit du
eine bessere Gesellschaft als die unsrige?

Julchen.  Ach nein, meine Schwester.  Aber wo Ihr und Herr Siegmund
seid, da wird gewi von der Liebe gesprochen.  Und ich finde heute
keinen Beruf, einer solchen Versammlung beizuwohnen.

Lottchen.  Warum rechnest du denn nur mich und Herr Siegmunden zu den
Verliebten?  Was hat dir denn Herr Damis getan, da du ihm diese Ehre
nicht auch erweisest?

Julchen.  Herr Damis ist so gtig gewesen und hat mir versprochen,
lange nicht wieder von der Liebe zu reden.  Und er ist viel zu billig,
als da er mir sein Wort nicht halten sollte.

Damis.  Ich habe es Ihnen versprochen, meine liebe Mamsell, und ich
verspreche es Ihnen vor dieser Gesellschaft zum andern Male.  Erlauben
Sie mir, da ich meine Zrtlichkeit in Hochachtung verwandeln darf.
Die Liebe knnen Sie mir mit Recht verbieten; aber die Hochachtung
kmmt nicht auf meinen Willen, sondern auf Ihre Verdienste an.  Scheun
Sie sich nicht mehr vor mir.  Ich bin gar nicht mehr Ihr Liebhaber.
Aber darf ich denn auch nicht Ihr guter Freund sein?

Julchen.  Von Herzen gern.  Dieses ist eben mein Wunsch, viele Freunde
und keinen Liebhaber zu haben; mich an einem vertrauten Umgange zu
vergngen, aber mich nicht durch die Vertraulichkeit zu binden und zu
fesseln.  Wenn Sie mir nichts mehr von der Liebe sagen wollen: so will
ich ganze Tage mit Ihnen umgehen.

Lottchen.  Kommen Sie, Herr Siegmund.  Bei diesen frostigen Leuten
sind wir nichts ntze.  Ob wir ihr kaltsinniges Gesprch von der
Freundschaft hren oder nicht.  Wir wollen zu dem Papa gehen.



Sechster Auftritt

Julchen.  Damis.


Julchen.  Ich bin meiner Schwester recht herzlich gut; aber ich wrde
es noch mehr sein, wenn sie weniger auf die Liebe hielte.  Es kann
sein, da die Liebe viel Annehmlichkeiten hat; aber das traurige und
eingeschrnkte Wesen, das man dabei annimmt, verderbt ihren Wert, und
wenn er noch so gro wre.  Ich habe ein lebendiges Beispiel an meiner
Schwester.  Sie war sonst viel munterer, viel ungezwungener.

Damis.  Ich habe Ihnen versprochen, nicht von der Liebe zu reden, und
ich halte mein Wort.  Die Freundschaft scheint mir in der Tat besser.

Julchen.  Ja.  Die Freundschaft ist das frohe Vergngen der Menschen
und die Liebe das traurige.  Man will einander recht genieen, darum
liebt man; und man eilt doch nur, einander satt zu werden.  Habe ich
nicht recht, Herr Damis?

Damis.  Ich werde die Liebe in Ihrer Gesellschaft gar nicht mehr
erwhnen.  Sie mchten mir sonst dabei einfallen.  Und wie wrde es
alsdann um mein Versprechen stehen?

Julchen.  Sie knnten es vielleicht fr einen Eigensinn, oder ich wei
selbst nicht fr was fr ein Anzeichen halten, da ich die Liebe so
fliehe.  Aber nein.  Ich sage es Ihnen, es gehrt zu meiner Ruhe, ohne
Liebe zu sein.  Lassen Sie mir doch diese Freiheit.  Mu man denn
diese traurige Plage fhlen?  Nein, meine Schwester irrt: es geht an,
sie nicht zu empfinden.  Ich sehe es an mir.  Aber warum schweigen Sie
so stille?  Ich rede ja fast ganz allein.  Sie sind verdrielich?  O
wie gut ist's, da Sie nicht mehr mein Liebhaber sind!  Sonst htte
ich Ursache, Ihnen zu Gefallen auch verdrielich zu werden.

Damis.  O nein, ich bin gar nicht verdrielich.

Julchen.  Und wenn Sie es auch wren, und zwar deswegen, weil ich
nicht mehr von der Liebe reden will: so wrde mir doch dieses gar
nicht nahegehen.  Es ist mir nicht lieb, da ich Sie so verdrielich
sehe; aber als Ihre gute Freundin werde ich darber gar nicht unruhig.
 O nein!  Ich bin ja auch nicht jede Stunde zufrieden.  Sie knnen ja
etwas zu berlegen haben.  Ich argwohne gar nichts.  Ich mag es auch
nicht wissen...  Doch, mein Herr, Sie stellen einen sehr stummen
Freund vor.  Wenn bin ich Ihnen denn so gleichgltig geworden?

Damis.  Nehmen Sie es nicht bel, meine schne Freundin, da ich
einige Augenblicke ganz fhllos geschienen habe.  Ich habe, um Ihren
Befehl zu erfllen, die letzten Bemhungen angewandt, die ngstlichen
Regungen der Liebe vllig zu ersticken und den Charakter eines
aufrichtigen Freundes anzunehmen.  Die Vernunft hat nunmehr ber mein
Herz gesiegt.  Die Liebe war mir sonst angenehm, weil ich sie Ihrem
Werte zu danken hatte.  Nunmehr scheint mir auch die Unempfindlichkeit
schn und reizend zu sein, weil sie durch die Ihrige in mir erwecket
worden ist.  Verlassen Sie sich darauf, ich will mir alle Gewalt antun;
 aber vergeben Sie mir nur, wenn ich zuweilen wider meinen Willen in
den vorigen Charakter verfalle.  Ich liebe Sie nicht mehr; aber, ach,
sollten Sie doch wissen, wie hoch ich Sie schtze, meine englische
Freundin!

Julchen.  Aber warum schlagen Sie denn die Augen nieder?  Darf man in
der Freundschaft einander auch nicht ansehen?

Damis.  Es gehrt zu meinem Siege.  Wer kann Sie sehen und Sie doch
nicht lieben?

Julchen.  Sagten Sie mir nicht wieder, da Sie mich liebten?  O das
ist traurig!  Ich werde ber Ihr Bezeigen recht unruhig.  Einmal reden
Sie so verliebt, da man erschrickt, und das andere Mal so
gleichgltig, als wenn Sie mich zum ersten Male shen.  Nein,
schweifen Sie doch nicht aus.  Sie widersprechen mir ja stets.  Ist
dies die Eigenschaft eines guten Freundes?  Wir brauchen ja nicht zu
lieben.  Ist denn die Freiheit nicht so edel als die Liebe?

Damis.  O es gehrt weit mehr Strke des Geistes zu der Freiheit als
zu der Liebe.

Julchen.  Das sage ich auch, warum halten Sie mir's denn fr bel, da
ich die Freiheit hochschtze, da ich statt eines Liebhabers lieber
zehn Freunde, statt eines einfachen lieber ein mannigfaltiges
Vergngen haben will?  Sind denn meine Grnde so schlecht, da ich
darber Ihre Hochachtung verlieren sollte?  Tun Sie den Ausspruch, ob
ich blo aus Eigensinn rede.  (Damis sieht sie zrtlich an.)  Aber
warum sehen Sie mich so ngstlich an, als ob Sie mich bedauerten?  Was
wollen mir Ihre Augen durch diese Sprache sagen?  Ich kann mich gar
nicht mehr in Ihr Bezeigen finden.  Sie scheinen mir das Amt eines
Aufsehers und nicht eines Freundes ber sich genommen zu haben.  Warum
geben Sie auf meine kleinste Miene Achtung und nicht auf meine Worte?
Mein Herr, ich wollte, da Sie nunmehr...

Damis.  Da Sie gingen, wollten Sie sagen.  Auch diesen Befehl nehme
ich an, so sauer er mir auch wird.  Sie mgen mich nun noch so sehr
hassen: so werde ich mich doch in Ihrer Gegenwart nie ber mein
Schicksal beklagen.  Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.

Julchen.  Hassen?  Wenn habe ich denn gesagt, da ich Sie hasse?  Ich
verstehe diese Sprache.  Weil Sie mich nicht lieben sollen, so wollen
Sie mich hassen.  Dies ist sehr gromtig.  Das sind die Frchte der
berhmten Zrtlichkeit.  Ich werde aber nicht aus meiner Gelassenheit
kommen, und wenn Sie auch mit dem kaltsinnigsten Stolze noch einmal zu
mir sagen sollten: Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.  Das
ist ja eine rechte Hofsprache.

Damis.  Es ist die Sprache der Ehrerbietung.  (Er geht ab.)



Siebenter Auftritt

Julchen allein.


Wie?  Er geht?  Aber warum bin ich so unruhig?  Ich liebe ihn ja nicht.
..  Nein, ich bin ihm nur gewogen.  Es ist doch ein unertrglicher
Stolz, da er mich verlt.  Aber habe ich ihn etwan beleidiget?  Er
ist ja sonst so vernnftig und so gromtig...  Nein, nein, er liebt
mich nicht.  Es mu Verstellung gewesen sein.  Ich habe heute ein
recht mrrisches Wesen.  (Lottchen tritt unvermerkt herein.)  Wenn ich
nur meine Laute hier htte, ich wollte...



Achter Auftritt

Julchen.  Lottchen.


Lottchen.  Ich will sie gleich holen, wenn du es haben willst.  Aber,
mein Kind, was hast du mit dir allein zu reden?  Es ist ja sonst deine
Art nicht, da du mit der Einsamkeit sprichst?

Julchen.  Wenn htte ich denn mit mir allein geredet?  Ich wei nicht,
da ich heute allen so verdchtig vorkomme.

Lottchen.  Aber woher wte ich's, da du die Laute httest haben
wollen, wenn du nicht geredt httest?  Mich hast du nicht gesehen,
liebes Kind, und also mut du wohl mit dir selbst geredt haben.  Ich
dchte es wenigstens, oder bist du anderer Meinung?

Julchen.  Ihr mt euch alle beredt haben, mir zu widersprechen.

Lottchen.  Wieso?  Ich habe dir nicht widersprochen.  Und wenn es Herr
Damis getan hat, so kann ich nichts dafr.  Warum ziehst du deine
guten Freunde nicht besser?  Er sagte mir im Vorbeigehen, du wrest
recht bse geworden, weil er es etliche Mal versehen und wider sein
Versprechen an die Liebe gedacht htte.

Julchen.  Schwester, ich glaube, Ihr kommt, um Rechenschaft von mir zu
fordern.  Ihr hrt es ja, da ich mich nicht zur Liebe zwingen lasse.

Lottchen.  Recht, Julchen, wenn dir Herr Damis zuwider ist: so bitte
ich dich selber, liebe ihn nicht.

Julchen.  Was das fr ein weiser Spruch ist!  Wenn er dir zuwider ist..
.  Mu man denn einander hassen, wenn man nicht lieben will?  Ich habe
ja noch nicht gefragt, ob dir dein Herr Siegmund zuwider ist.

Lottchen.  Nein, du hast mich noch nicht gefragt.  Aber wenn du mich
fragen solltest, so wrde ich dir antworten, da ich ihn recht
zrtlich, recht von Herzen liebe und mich meiner Zrtlichkeit nicht
einen Augenblick schme.  Es gehrt weit mehr Hoheit des Gemts dazu,
die Liebe vernnftig zu fhlen, als die Freiheit zu behaupten.

Julchen.  Ich mchte vor Verdru vergehen.  Herr Damis hat gleich
vorhin das Gegenteil behauptet.  Wem soll man nun glauben?  Nehmt
mir's nicht bel, meine Schwester, ich wei, da Ihr mehr Einsicht
habt als ich; aber erlaubt mir, da ich meinen Einfall dem Eurigen
vorziehe.  Und warum kann Herr Damis nicht so gut recht haben als Ihr?
 Ihr habt ja immer gesagt, da er ein vernnftiger und artiger Mann
wre.

Lottchen.  Das Beiwort artig htte nicht eben notwendig zu unserer
Streitfrage gehrt; aber vielleicht gehrt diese Vorstellung sonst in
die Reihe deiner Empfindungen.  Herr Damis ist ganz gewi verstndiger
als ich; aber er ist auch ein Mensch wie ich; und der beste Verstand
hat seine schwache Seite.

Julchen.  Lottchen, also seid Ihr hiehergekommen, um mir zu
demonstrieren, da Herr Damis ein Mensch und kein Engel am Verstande
ist?  Das glaube ich.  Aber, mein liebes Lottchen, Eure Spttereien
sind mir sehr ertrglich.  Ich knnte Euch leicht die Antwort
zurckgeben, da Euer Herr Siegmund auch unter die armen Sterblichen
gehrte; aber ich will es nicht tun.  Ihr wrdet nur denken, da ich
aus Eigensinn den Herrn Damis verteidigen wollte.  Nein, er soll nicht
den grten Verstand haben; er soll nicht so galant, nicht so
liebenswrdig sein als Euer Siegmund.  So habe ich noch eine Ursache
mehr, meine Freiheit zu behaupten und ihn nicht zu lieben.

Lottchen.  Mein liebes Kind, du kmmst recht in die Hitze.  Du
schmlst auf mich und meinen Geliebten, und ich bleibe dir doch gut.
Man kann dich nicht hassen.  Du trgst dein gutes Herz in den Augen
und auf der Zunge, ohne da du daran denkst.  Du bist meine liebe
schne Schwester.  Deine kleinen Fehler sind fast ebenso gut als
Schnheiten.  Wenigstens kann man sie nicht begehen, wenn man nicht so
aufrichtig ist, wie du bist.  Kind, ich habe diese Nacht einen
merkwrdigen Traum von einer jungen angenehmen Braut gehabt und ich...

Julchen.  Ich bitte dich, liebe Schwester, la mich allein.  Ich bin
verdrielich, recht sehr verdrielich, und ich werde es nur mehr, je
mehr ich rede.

Lottchen.  Bist du etwan darber verdrielich, da ich in der
Heftigkeit ein Wort wider den Herrn Damis...?

Julchen.  O warum denkst du wieder an ihn?  Willst du mich noch mehr
zu Fehlern bringen?  La ihm doch seinen schwachen Verstand und mir
meinen verdrielichen Geist und das Glck, einige Augenblicke allein
zu sein.  Die ltern Schwestern haben doch immer etwas an den jngern
auszusetzen.

Lottchen.  Ich hre es wohl, ich soll gehen.  Gut.  Komm bald nach,
sonst mut du wieder mit dir allein reden.


Neunter Auftritt

Julchen.  Der Magister.


Julchen.  Ist es nicht mglich, da ich allein sein kann?  Mssen Sie
mich notwendig stren?  Herr Magister!  Sagen Sie mir's nur kurz, was
zu Ihren Diensten ist.

Der Magister.  Jungfer Muhme, ich will etwas mit Ihnen berlegen.
Vielleicht bin ich wegen meiner Jahre und meiner Erfahrung nicht
ungeschickt dazu.  Ich liebe Sie, und Sie wissen, was der Verstand fr
eine unentbehrliche Sache bei allen unsern Handlungen ist.

Julchen.  Ja, das wei ich.  Demungeachtet wollte ich wnschen, da
ich heute gar keinen htte; vielleicht wre ich ruhiger.

Der Magister.  Sie bereilen sich.  Wer wrde uns das Wahre von dem
Falschen, das Scheingut von dem wahren Gute unterscheiden helfen?  Wer
wrde unsern Willen zu festen und glcklichen Entschlieungen bringen,
wenn es nicht der Verstand tte?  Und wrden Sie wohl so liebenswrdig
geworden sein, wenn Sie nicht immer verstndig gewesen wren?

Julchen.  Herr Magister, Sie sind ja nicht auf Ihrer Studierstube.
Was qulen Sie mich mit Ihrer Gelehrsamkeit?  Ich mag ja nicht so
weise sein als Sie.  Ich kann es auch nicht sein, weil ich nicht so
viel Geschicklichkeit besitze.

Der Magister.  Zu eben der Zeit, da Sie wnschen, da sie keine
Vernunft haben mchten, beweisen Sie durch Ihre Bescheidenheit, da
Sie ihrer sehr viel haben.  Ich fordere keine Gelehrsamkeit von Ihnen.
 Ich will sogar die meinige vergessen, indem ich mit Ihnen spreche.
Sie sollen heute den Schritt zu Ihrem Glcke tun.  Es scheint aber
nicht, da Sie dazu entschlossen sind.  Gleichwohl wnscht es Ihr Herr
Vater herzlich.  Ich habe ihm versprochen, Ihnen einige kleine
Vorstellungen zu tun.  Und ich wnschte, da Sie solche anhren und
mir Einwrfe dagegen machen mchten.  Dies kann ich, so alt ich bin,
doch wohl leiden.  Die Liebe ist eine der schnsten, aber auch der
gefhrlichsten Leidenschaften.  Sie rcht sich an uns, wenn wir sie
verschmhen; und sie rcht sich auch, wenn wir uns in unserm Gehorsame
bereilen.

Julchen.  Sie sind etwas weitluftig in Ihren Vorstellungen.  Allein,
Sie sollen ohne Einwurf recht haben.  Lassen Sie mich nur in Ruhe.
Mein Verstand ist freilich nicht so stark an Grnden als eine
Philosophie.  Dennoch ist er noch immer stark genug fr mein Herz
gewesen.

Der Magister.  Wissen Sie nicht, da uns unsere Leidenschaften am
ersten besiegen, wenn sie am ruhigsten zu sein scheinen?  Das Herz der
Menschen ist der grte Betrger.  Und der Klgste wei oft selbst
nicht, was in ihm vorgeht.  Wir lieben und werden es zuweilen nicht
eher gewahr, als bis wir nicht mehr geliebt werden.  Dieses alles
sollen Sie nicht glauben, weil ich's sage.  Nein, weil es die grten
Kenner des menschlichen Herzens, ein Sokrates, ein Plato, ein Seneca
und viele von den neuern Philosophen gesagt haben.

Julchen.  Ich kenne alle diese Mnner nicht und verlange sie auch
nicht zu kennen.  Aber wenn sie so weise gewesen sind, wie Sie
behaupten, so werden sie wohl auch gesagt haben, da man ein unruhiges
Herz durch viele Vorstellungen nicht noch unruhiger machen soll.  Und
ich traue dem Plato und Seneca, und wie sie alle heien, so viel
Einsicht und Hflichkeit zu, da sie Sie bitten wrden, mich zu
verlassen, wenn sie zugegen wren.  Sobald ich die Leidenschaften und
insonderheit die Liebe nicht mehr regieren kann: so will ich Ihre
Philosophie um Beistand ansprechen.

Der Magister.  Ihre Aufrichtigkeit gefllt mir, ob sie mir gleich zu
widersprechen scheint.  Aber ich wrde mich fr sehr unphilosophisch
halten, wenn ich den Widerspruch nicht gelassen anhren knnte.  Sie
sollen mich nicht beleidiget haben.  Nein!  Aber Sie sagen, Sie sind
unruhig.  Sollte es itzt nicht Zeit sein, diese Unruhe durch
berlegung zu dmpfen?  Was verursacht Ihre Unruhe?  Ist's der Affekt
der Liebe oder des Abscheus?  Der Furcht oder des Verlangens?  Ich
wollte wnschen, da Sie ein anschauendes Erkenntnis davon htten.
Wenn man die Ursache eines moralischen bels wei: so wei man auch
das moralische Gegenmittel.  Ich meine es gut mit Ihnen.  Ich rede
begreiflich, und ich wollte, da ich noch deutlicher reden knnte.

Julchen.  Ich setze nicht das geringste Mitrauen weder in Ihre
Aufrichtigkeit noch in Ihre Gelehrsamkeit.  Aber ich bin verdrielich.
 Ich wei nicht, was mir fehlt, und mag es auch zu meiner Ruhe nicht
wissen.  Verlassen Sie mich.  Sie sind mir viel zu scharfsinnig.

Der Magister.  Warum loben Sie mich?  Wenn Sie so viele Jahre der
Wahrheit nachgedacht htten als ich: so wrden Sie vielleicht ebenso
helle denken.  Unterdrcken Sie Ihre Unruhe und berlegen Sie das
Glck, das sich Ihnen heute auf Ihr ganzes Leben anbietet.  Herr Damis
verlangt Ihr Herz und scheint es auch zu verdienen.  Was sagt Ihr
Verstand dazu?  Auf die Wahl in der Liebe kmmt das ganze Glck der
Ehe an; und kein Irrtum bestraft uns so sehr als der, den wir in der
Liebe begehn.  Allein wenn kann man sich leichter irren als bei dieser
Gelegenheit?

Julchen.  Ich glaube, da dieser Unterricht recht gut ist.  Aber was
wird er mir ntzen, da ich nicht lieben will?

Der Magister.  Sie reden sehr hitzig.  Dennoch werde ich nicht aus
meiner Gelassenheit kommen.  Sie wollen nicht lieben, nicht heiraten?
Aber wissen Sie denn auch, da Sie dazu verbunden sind?  Soll ich
Ihnen den Beweis aus meinem Rechte der Natur vorlegen?  Sie wollen
doch, da das menschliche Geschlecht erhalten werden soll?  Dieses ist
ein Zweck, den uns die Natur lehrt.  Das Mittel dazu ist die Liebe.
Wer den Zweck will, der mu auch das Mittel wollen, wenn er anders
verstndig ist.  Sehn Sie denn nicht, da Sie zur Ehe verbunden sind?
Sagen Sie mir nur, ob Sie die Kraft dieser Grnde nicht fhlen?

Julchen.  Ich fhle sie in der Tat nicht.  Und wenn die Liebe nichts
ist als eine Pflicht: so wundert mich's, wie sie so viele Herzen an
sich ziehen kann.  Ich will ungelehrt lieben.  Ich will warten, bis
mich die Liebe durch ihren Reiz bezaubern wird.

Der Magister.  Jungfer Muhme, das heit halsstarrig sein, wenn man die
Augen vor den klrsten Beweisen zuschliet.  Wenn Sie erkennen, da
Sie zur Ehe verbunden sind, wie knnte denn Ihr Wille undeterminiert
bleiben?  Ist denn der Beifall im Verstande und der Entschlu im
Willen nicht eine und ebendieselbe Handlung unserer Seele?  Warum
wollen Sie sich denn nicht zur Heirat mit dem Herrn Damis entschlieen,
 da Sie sehen, da Sie eine Pflicht dazu haben?

Julchen.  Nehmen Sie mir's nicht bel, Herr Magister, da ich Sie
verlasse, ohne von Ihrer Sittenlehre berzeugt zu sein.  Was kann ich
armes Mdchen dafr, da ich nicht so viel Einsicht habe als Plato,
Seneca und Ihre andern weisen Mnner?  Machen Sie es mit diesen Leuten
aus, warum ich keine Lust zur Heirat habe, da ich doch durch ihren
Beweis dazu verbunden bin.  Ich habe noch etliche Anstalten in der
Kche zu machen.



Zehnter Auftritt

Der Magister.  Cleon.


Der Magister.  Ich habe deiner Tochter Julchen alle mgliche
Vorstellungen getan.  Ich habe mit der grten Selbstverleugnung mit
ihr gesprochen.  Ich habe ihr die strksten Beweise angefhrt; aber...

Cleon.  O httest du ihr lieber ein paar Exempel von glcklich
verheirateten Mdchen angefhrt.

Der Magister.  Sie widersprach mir mehr als einmal; aber ich kam nicht
aus meiner Gelassenheit.  Ich erwies ihr, da sie verbunden wre zu
heiraten.

Cleon.  Du hast dir viel Mhe geben.  Ich denke, wenn ein Mdchen
achtzehn Jahre alt ist: so wird sie nicht viel wider diesen Beweis
einwenden knnen.

Der Magister.  Julchen sah alles ein.  Ich machte es ihr sehr deutlich.
  Denn wenn man mit Ungelehrten zu tun hat, die nicht abstrakt denken
knnen: so mu man sich herunterlassen und das Ingenium zuweilen zu
Hlfe nehmen.

Cleon.  Aber wie weit hast du Julchen durch deine Grnde gebracht?
Will sie den Herrn Damis heiraten?  Hat sie denn ihre Herzensmeinung
nicht verraten?  Ich kann ja den rechtschaffenen Mann nicht lnger
aufhalten.  Er meint es so redlich und hat so viele Verdienste.

Der Magister.  Sie sagte, sie wre unruhig.  Und das war eben schlimm.
 Denn die Grnde der Philosophie fordern ein ruhiges Herz, wenn sie
die berzeugung wirken sollen.  Wenn der Verstand durch die Triebe des
Willens bestrmt wird: so ist er nicht aufmerksam.  Und ohne
Aufmerksamkeit sind die schrfsten Beweise nichts als stumpfe Pfeile.

Cleon.  Rede nicht so tiefsinnig.  Du httest sie eben sollen ruhig
machen: so she ich den Nutzen von deiner Geschicklichkeit.

Der Magister.  Ich versuchte alles.  Ich zeigte ihr die schne Seite
der Liebe.  Ich sagte ihr erstlich, da eine glckliche Ehe das grte
Vergngen wre.

Cleon.  Ja, die glcklichen Ehen sind etwas sehr Schnes.  Aber du
httest ihr sagen sollen, da ihre Ehe wahrscheinlicherweise sehr
glcklich werden wrde.  Das ist meine Absicht gewesen, warum ich dich
zu ihr geschickt habe.

Der Magister.  Kurz und gut, durch Lehrstze und Erweise ist sie nicht
zu gewinnen, das sehe ich wohl.  Sie versteht wohl die einzelnen Stze;
 aber wenn sie sie in Gedanken zusammen verbinden und dem Schlusse das
Leben geben soll: so weichet ihr Verstand zurck, und sie wird
ungehalten, da er sie verlt.

Cleon.  Also kannst du mir weiter nicht helfen und sie nicht berreden?

Der Magister.  Es gibt noch gewisse witzige Beweise zur berredung,
die man Beweise kat' anJrwpon nennen knnte.  Dergleichen sind bei den
alten Rednern die Fabeln und Allegorien oder Parabeln.  Bei Leuten,
die nicht scharf denken knnen, tun diese witzigen Blendwerke oft gute
Dienste.  Ich will sehen, ob ich durch mein Ingenium das ausrichten
kann, was sie meinem Verstande versagt hat.  Vielleicht macht ihr eine
Fabel mehr Lust zur Heirat als eine Demonstration.  Ich will eine
machen und sie ihr vorlesen und tun, als ob ich sie in dem Fabelbuche
eines jungen Menschen in Leipzig gefunden htte, der sich durch seine
Fabeln und Erzhlungen bei der Schuljugend so beliebt gemacht hat.

Cleon.  Ach ja, das tue doch, damit wir alles versuchen.  Wenn die
Fabel hbsch ist: so kannst du sie gleich auf meiner Tochter Hochzeit
der Welt mitteilen.  Mache nur nicht gar zu lange darber.  Eine Fabel
ist ja keine Predigt.  Es mu ja nicht alles so akkurat sein.  Meine
Tochter wird dich nicht verraten.  Mache, da sie ja spricht: so will
ich dir ohne Fabel, aber recht aufrichtig danken.

(Der Magister geht ab.)



Eilfter Auftritt

Cleon.  Lottchen.


Lottchen.  Papa, der Herr Vormund des Herrn Damis hat durch seinen
Bedienten dieses Zettelchen an Sie geschickt.

Cleon (er liest).  Weil Sie es verlangen: so werde ich die Ehre haben,
 gegen die Kaffeezeit zu Ihnen zu kommen.  Ich lasse mir die Wahl des
Herrn Damis, meines Mndels, sehr wohl gefallen.  Er htte nicht
glcklicher whlen knnen.  Kurz, ich will mich diesen Nachmittag mit
Ihnen und Ihren Jungfern Tchtern recht vergngen, weil ich ohnedies
heute eine angenehme Nachricht vom Hofe erhalten habe.  Zugleich mu
ich Ihnen melden, da heute oder morgen das Testament Ihrer seligen
Frau Muhme, der Frau Stephan, geffnet werden soll.  Ich glaube gewi,
da sie Ihnen etwas vermacht hat.  Vielleicht kann ich Ihnen die
Gewiheit davon um vier Uhr mitbringen.  Ich bin usw.

Das geht ja recht gut, meine liebe Tochter.  Ich dachte immer, der
Herr Vormund wrde seine Einwilligung nicht zur Heirat geben, weil
meine Tochter kein Vermgen hat.

Lottchen.  Das habe ich gar nicht befrchtet.  Der Herr Vormund ist ja
die Leutseligkeit und Menschenliebe selbst und macht sich gewi eine
Freude daraus, zu dem Glcke eines Frauenzimmers etwas beizutragen,
der man keinen grern Vorwurf machen kann, als da sie nicht reich
ist.

Cleon.  Tochter, du hast sehr recht.  Es ist ein lieber Mann.  Ich
habe nur gedacht, da er einen gewissen Fehler haben mte, weil er
schon nahe an vierzig ist und noch kein Amt hat.  Aber was hilft uns
das alles, wenn Julchen den Herrn Damis nicht haben will?

Lottchen.  Machen Sie sich keine Sorge, lieber Papa.  Julchen ist so
gut als besiegt.  Und ich denke, es knnte ihr kein grer Unglck
widerfahren, als wenn man ihr ihren Schatz, die sogenannte Freiheit,
ungeraubt liee.  Ich habe die sichersten Merkmale, da sie den Herrn
Damis liebt.

Cleon.  Sollte es mglich sein?  Ich drfte es bald selbst glauben.
Ihr losen Mdchen tut immer, als wenn euch nichts an den Mnnern lge,
und heimlich habt ihr doch eine herzliche Freude an ihnen.  Je nun,
die Liebe ist auch ntig in der Welt, sonst htte sie uns der Himmel
nicht gegeben.

Lottchen.  Papa, diese Satire auf die losen Mdchen trifft mich nicht.
 Ich dchte, ich machte kein Geheimnis aus meiner Liebe.  Wenigstens
halte ich die vernnftige Liebe fr kein grer Verbrechen als die
vernnftige Freundschaft.  Unser Leben ist vielleicht deswegen mit so
vielen Beschwerlichkeiten belegt, da wir es uns desto mehr durch die
Liebe sollen leicht und angenehm zu machen suchen.

Cleon.  Mein Kind, wenn mir die Frau Muhme Stephan etwas vermacht
haben sollte: so she ich's sehr gerne, wenn ich euch, meine Tchter,
auf einen Tag versprechen und euch in kurzem auf einen Tag die
Hochzeit ausrichten knnte.  Ich wollte gern das ganze Vermchtnis
dazu hergeben.

Lottchen.  Sie sind ein liebreicher Vater.  Nein, wenn Sie auch durch
das Testament etwas bekommen sollten: so wrde es doch ungerecht sein,
wenn wir Sie durch unsre Heiraten gleich um alles brchten.  Nein,
lieber Papa, ich kann noch lange warten.  Und mein Geliebter wird sich
ohnedies nicht zur Ehe entschlieen, bis er nicht eine hinlngliche
Versorgung hat.

Cleon.  Tue dein mglichstes, da Julchen heute noch ja spricht.  Die
Mdchen mssen wohl ein wenig sprde tun; aber sie mssen es den
Junggesellen auch nicht so gar sauer machen.

Lottchen.  Papa, unsere selige Mama sagte nicht so.

Cleon.  Loses Kind, ein Vater darf ja wohl ein Wort reden.  Ich bin ja
auch jung gewesen, und meine Jugend reut mich gar nicht.  Ich und
deine selige Mutter haben uns ein Jahr vor der Ehe und sechzehn Jahre
in der Ehe wie die Kinder vertragen.  Sie hat mir tausend vergngte
Stunden gemacht, und ich will's ihr noch in der Ewigkeit danken.  Sie
hat auch euch, meine Kinder, ohne Ruhm zu melden, recht gut gezogen.
Ich weine vielmal, wenn ich des Abends nach der Betstunde von euch
gehe und eure Andacht, insonderheit die deinige, sehe.  Es wird dir
gewi wohlgehen.  Verlasse dich darauf.  Du tust mir viel Gutes.  Du
fhrst meine ganze Haushaltung.  Sei zufrieden mit deinem Schicksale.
Ich lasse dir nach meinem Tode einen ehrlichen Namen und eine gute
Auferziehung.  La mich ja zu meiner seligen Frau ins Grab legen.  Ich
will schlafen, wo sie schlft.

Lottchen.  Ach, Papa, warum machen Sie mich weichmtig?  Sie werden,
wenn es nach meinem Wunsche geht, noch lange leben und erfahren, da
ich meinen Ruhm in der Pflicht, Ihnen zu dienen, suche.  Und wenn ich
Sie hundert Jahre versorge: so habe ich nichts mehr getan, als was mir
meine Schuldigkeit befiehlt.  Heute mssen Sie vergngt sein.  Doch
vielleicht ist die traurige Empfindung, die in Ihnen entstanden ist,
die angenehmste, die nur ein rechtschaffener Vater fhlen kann.  Aber,
lieber Papa, es ist kein Wein mehr im Keller als das gute Fa, das Sie
in meinem Geburtsjahre eingelegt haben.  Was werden wir heute unsern
Gsten fr Wein vorsetzen?

Cleon.  Tochter, zapfe das Fa an.  Und wenn es Nektar wre: so ist er
fr den heutigen Tag nicht zu gut.  Es wird bald Mittagszeit sein.
Ich will immer gehen und die Forellen aus dem Fischhlter langen.
Wenn ich Julchen sehe: so will ich dir sie wohl wieder herschicken,
wenn du noch einmal mit ihr reden willst.

Lottchen.  Recht gut, Papa, ich will noch einige Augenblicke hier
warten.



Zwlfter Auftritt

Lottchen.  Siegmund.


Siegmund.  Ich habe schon einen Augenblick mit Julchen gesprochen.
Sie ist ungehalten auf den Herrn Damis, aber ihre ganze Anklage
scheint mir nichts als eine Liebeserklrung in einer fremden Sprache
zu sein.  Ich htte nicht gedacht, da sie so zrtlich wre.  Die
Liebe und Freundschaft reden zugleich aus ihren Augen und aus ihrem
Munde, je mehr sie nach ihrer Meinung die erste verbergen will.

Lottchen.  Ei, ei, mein lieber Herr Siegmund!  Ich knnte bald einige
Minuten eiferschtig werden.  Nicht wahr, meine Schwester ist
reizender als ich?  Aber dennoch lieben Sie mich.

Siegmund.  Wer kann Sie einmal lieben und nicht bestndig lieben?
Ihre Jungfer Schwester hat viele Verdienste; aber Sie haben ihrer weit
mehr.  Sie kennen mein Herz.  Dieses mu Ihnen fr meine Treue der
sicherste Brge sein.

Lottchen.  Ja, ich kenne es und bin stolz darauf.  Ach, mein liebster
Freund, ich mu Ihnen sagen, da uns vielleicht ein kleines Glck
bevorsteht.  Wollte doch der Himmel, da es zu Ihrer Beruhigung etwas
beitragen knnte!  Der Herr Vormund des Herrn Damis hat dem Papa in
einem Billette gemeldet, da heute das Testament der Frau Muhme
Stephan geffnet werden wrde und da er glaubte, sie wrde den Papa
darinne bedacht haben.  O wenn es doch die Vorsicht wollte, da ich so
glcklich wrde, Ihre Umstnde zu verbessern!

Siegmund.  Machen Sie mich nicht unruhig.  Sie lieben mich mehr, als
ich verdiene.  Gedulden Sie sich, es wird noch alles gut werden und...

Lottchen.  Sie sind unruhig?  Was fehlt Ihnen?  Sagen Sie mir's.  Mein
Leben ist mir nicht lieber als Ihre Ruhe.

Siegmund.  Ach, mein schnes Kind, es fehlt mir nichts, nichts als das
Glck, Sie ewig zu besitzen.  Ich bin etwas zerstreut.  Ich habe diese
Nacht nicht wohl geschlafen.

Lottchen.  O kommen Sie und werden Sie mir zuliebe munter.  Wir wollen
erst zu Julchen auf ihre Stube und dann gleich zur Mahlzeit gehn.

(Ende des ersten Aufzugs.)




Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

Cleon.  Julchen.


Cleon.  Du wirst doch wissen, ob du ihm gut bist?

Julchen.  Lieber Papa, woher soll ich's denn wissen?  Ich will Ihnen
gerne gehorchen; aber lassen Sie mir nur meine Freiheit.

Cleon.  Ich will Ihnen gerne gehorchen; aber lassen Sie mir nur meine
Freiheit. Kleiner Affe, was redst du denn?  Wenn ich dir deine
Freiheit lassen soll: so brauchst du mir ja nicht zu gehorchen.  Ich
will dich gar nicht zwingen.  Ich bin dir viel zu gut.  Nein, sage mir
nur, ob er dir gefllt.

Julchen.  Ob mir Herr Damis gefllt?  Vielleicht, Papa.  Ich wei es
nicht gewi.

Cleon.  Tochter, schme dich nicht, mit deinem Vater aufrichtig zu
reden.  Du bist ja erwachsen, und die Liebe ist ja nichts Verbotenes.
Gefllt dir seine Person, seine Bildung?

Julchen.  Sie mifllt mir nicht.  Vielleicht...  gefllt sie mir gar.

Cleon.  Mdchen, was willst du mit deinem Vielleicht?  Wir reden ja
nicht von verborgenen Sachen: du darfst ja nur dein Herz fragen.

Julchen.  Aber wenn nun mein Herz so untreu ist und mir nicht
aufrichtig antwortet?

Cleon.  Rede nicht so poetisch.  Dein Herz bist du, und du wirst doch
wissen, was in dir vorgeht.  Wenn du einen jungen, wohlgebildeten,
geschickten, vernnftigen und reichen Menschen siehst, der dich zur
Frau haben will: so wirst du doch leicht von dir erfahren knnen, ob
du ihn zum Manne haben mchtest.

Julchen.  Zum Manne?...  Ach, Papa!  lassen Sie mir Zeit.  Ich bin
heute unruhig, und in der Unruhe knnte ich mich bereilen.  Ich
glaube in der Tat nicht, da ich ihn liebe, sonst wrde ich munter und
zufrieden sein.  Wer wei auch, ob ich ihm gefalle?

Cleon.  Wenn du darber unruhig bist: so hat es gute Wege.  Bist du
nicht ein albernes Kind!  Wenn du ihm nicht gefielst: so wrde er sich
nicht so viel Mhe um dich geben.  Er kennt dich vielleicht besser,
als du dich selbst kennst.  Stelle dir einmal vor, ob ich deine selige
Mutter, da sie noch Jungfer war, zur Ehe begehret haben wrde, wenn
sie mir nicht gefallen htte.  Indem er zu dir sagt: Jungfer Julchen,
 oder wie er dich nennt...  Du kannst mir's ja sagen, wie er dich
heit.

Julchen.  Er heit mich Mamsell.

Cleon.  Kind, du betrgst mich.  Er sprche schlechtweg Mamsell?
Das kann nicht sein.

Julchen.  Zuweilen spricht er auch liebe Mamsell.

Cleon.  Tochter, du verstellst dich.  Ich bin ja dein Vater.  Im
Ernste, wie heit er dich, wenn er's recht gut meint?

Julchen.  Ich kann mich selbst nicht besinnen.  Er spricht...  er
spricht...  mein Julchen...

Cleon.  Warum sprichst du das Wort so klglich aus?  Seufzest du ber
deinen Namen?  Dein Name ist schn.  Also spricht er zu dir: Mein
Julchen?  Gut, hat er dich nie anders geheien?

Julchen.  Ach ja, lieber Papa.  Er heit mich auch zuweilen: Mein
schnes Julchen. Warum fragen Sie mich denn so aus?

Cleon.  La mir doch meine Freude, du kleiner Narr.  Ein
rechtschaffener Vater hat seine Tchter lieb, wenn sie wohlgezogen
sind.  Ich bin ja stets freundlich mit euch umgegangen.  Aber da ich
wieder auf das Hauptwerk komme.  Ja, indem Herr Damis z.  E.  zu dir
spricht: Mein schnes Julchen, ich habe dich...

Julchen.  Oh!  Er heit mich Sie.  Er wrde nicht du sprechen.  Das
wre sehr vertraut, oder doch wenigstens unhflich.

Cleon.  Nun, nun, wenn er dich auch einmal du hiee, deswegen verlrst
du nichts von deiner Ehre.  Hat mich doch meine selige Frau als Braut
mehr als einmal du geheien, und es klang mir immer schn.  Indem er
also zu dir spricht: Mein schnes Julchen, ich bin Ihnen gut: so
sagt er auch zugleich, Sie gefallen mir; denn sonst wrde er das
erste nicht sagen.

Julchen.  Das sagt er niemals zu mir.

Cleon.  Du machst mich bse.  Ich habe es ja mehr als einmal selber
gehrt.

Julchen.  Da er zu mir gesagt htte: Ich bin Ihnen gut?

Cleon.  Jawohl!

Julchen.  Mit Ihrer Erlaubnis, Papa, das hat Herr Damis in seinem
Leben nicht zu mir gesagt.  Ich liebe Sie von Herzen, das spricht er
wohl; aber niemals, ich bin Ihnen gut.

Cleon.  Bist du nicht ein znkisches Mdchen!  Wir streiten ja nicht
um die Worte.

Julchen.  Aber das klinget doch allemal besser: Ich liebe Sie von
Herzen, als das andere.

Cleon.  Das mag sein.  Ich habe das letzte immer zu meiner lieben Frau
gesagt, und es gefiel ihr ganz wohl.  Da die Welt die Sprache immer
ndert, dafr kann ich nicht.  Ihr Mdchen gebt heutzutage auf ein
Wort Achtung wie ein Rechenmeister auf eine Ziffer.  Es gefllt dir
also, wenn er so zu dir spricht?  Gut, meine Tochter, so nimm ihn doch.
  Was wegerst du dich denn?  Ich gehe nach der Grube zu.  Worauf
willst du denn warten?  Kind, ich sage dir's, es drfte sich keine
Grfin deines Brutigams schmen.  Herr Damis mchte heute gerne die
vllige Gewiheit haben, ob er...

Julchen.  Papa!

Cleon.  Nun, was willst du?  Nur nicht so verzagt.  Ich bin ja dein
Vater.  Ich gehe ja mit dir wie mit einer Schwester um.

Julchen.  Papa, darf ich etwas bitten?

Cleon.  Herzlich gern.  Du bist mir so lieb als Lottchen, wenn jene
gleich etwas gelehrter ist.  Bitte, was willst du?

Julchen.  Ich?  Ich bin sehr unentschlossen, sehr verdrielich.

Cleon.  Das ist ja keine Bitte.  Rede offenherzig.

Julchen.  Ich wollte bitten, da Sie...  mir meine Freiheit lieen.

Cleon.  Mit deiner ewigen Freiheit!  Ich dachte, du wolltest schon um
das Brautkleid bitten.  Ich lasse dir ja deine Freiheit.  Du sollst ja
aus freiem Willen lieben, gar nicht gezwungen.  Bedenke dich noch eine
Stunde.  berlege es hier allein.  Ich will dich nicht lnger stren.
Ich will fr dich beten.  Das will ich tun.



Zweiter Auftritt

Julchen.  Damis.


Damis.  Darf ich mit Ihnen reden, mein schnes Kind?

Julchen.  Es ist gut, da Sie kommen.  Die Gesundheit, die Sie mir
ber Tische von der Liebe zubrachten, hat mich recht gekrnkt.  Meine
Schwester lachte darber; aber das kann ich nicht.  Sie hat heute
berhaupt eine widerwrtige Gemtsart, die sich sogar bis auf Sie,
mein Herr, erstreckt.

Damis.  Bis auf mich?  Darf ich weiterfragen?

Julchen.  Ich sagte ihr, da Sie meiner Meinung wren und behauptet
htten, da mehr Hoheit der Seele zur Freiheit als zur Liebe gehrte.
Darber spottete sie und sagte dreist, Sie htten unrecht, wo sie
nicht gar noch mehr sagte.  Aber lassen Sie sich nichts gegen sie
merken; sie mchte sonst denken, ich wollte eine Feindschaft anrichten.

Damis.  Lottchen wird es nicht so bse gemeint haben.  Sie ist ja die
Gutheit und Unschuld selbst.

Julchen.  Das konnte ich mir einbilden, da Sie mir widersprechen
wrden.  Und ich will es Ihnen nur gestehen, da ich's zu dem Ende
gesagt habe.  Freilich hat meine Schwester mehr Gutheit als ich.  Sie
redt von der Liebe, und so gtig bin ich nicht.

Damis.  Vergeben Sie es ihr, wenn sie auch etwas von mir gesagt hat.
Ich bin ja nicht ohne Fehler.  Und vielleicht wrde ich Ihnen mehr
gefallen, wenn ich ihrer weniger htte.

Julchen.  Wozu soll diese Erniedrigung?  Wollen Sie mich mit dem Worte
Fehler demtigen?

Damis.  Ach, liebstes Kind, werden Sie es denn niemals glauben, wie
gut ich mit Ihnen meine?

Julchen.  Daran zweifele ich gar nicht.  Sie sind ja meiner Schwester
gewogen; und also wird es Ihnen nicht sauer ankommen, mir Ihre
Gewogenheit in ebendem Grade zu schenken.

Damis.  Ja, ich versichere Sie, da ich Lottchen allen Schnen
vorziehen wrde, wenn ich Julchen nicht kennte.

Julchen.  Ich sehe, die Gefahr, mich hochmtig zu machen, ist zu wenig,
 Sie von einer Schmeichelei abzuschrecken.

Damis.  Meine liebe Freundin, ich verliere meine Wohlfahrt, wenn
dieses eine Schmeichelei war.  Warum halten Sie mich nicht fr
aufrichtig?

Julchen (zerstreut).  Ich...  ich habe die beste Meinung von Ihnen.

Damis.  Warum sprechen Sie diesen Lobspruch mit einem so traurigen
Tone aus?  Kostet er Sie so viel?  In Wahrheit, ich bin recht
unglcklich.  Je lnger ich die Ehre habe, Sie zu sehen und zu
sprechen, desto unzufriedner werden Sie.  Sagen Sie mir nur, was Sie
beunruhiget.  Ich will Ihnen ja Ihre Freiheit nicht rauben.  Nein, ich
will nicht den geringsten Anspruch auf Ihr Herz machen.  Ich will Sie
ohne alle Belohnung, ohne alle Hoffnung lieben.  Wollen Sie mir denn
auch dieses Vergngen nicht gnnen?

Julchen.  Sie sind wirklich gromtiger, als ich geglaubt habe.  Wenn
Sie mich lieben wollen, ohne mich zu fesseln: so wird mir Ihr Beifall
sehr angenehm sein.  Aber dies ist auch alles, was ich Ihnen sagen
kann.  Werfen Sie mir mein verdrieliches Wesen nicht mehr vor.  Ich
will gleich so billig sein und Sie verlassen.

Damis.  Aber was fehlt Ihnen denn, mein Engel?

Julchen (unruhig).  Ich wei es in Wahrheit nicht.  Es ist mir alles
so ngstlich, und es scheint recht, als ob ich das ngstliche heute
suchte und liebte.  Ich bitte Sie recht sehr, lassen Sie deswegen
nichts von Ihrer Hochachtung gegen mich fallen.  Es ist unhflich von
mir, da ich Sie nicht munterer unterhalte, da Sie unser Gast sind.
Aber der Himmel wei, ich kann nichts dafr.  Ich will mir eine Tasse
Kaffee machen lassen.  Vielleicht kann ich mein verdrieliches Wesen
zerstreuen.  Aber gehn Sie nicht gleich mit mir.  Lottchen mchte mir
sonst einige kleine Spttereien sagen.  Wollen Sie so gtig sein?



Dritter Auftritt

Damis.  Lottchen.


Lottchen.  Nun, Herr Damis, wie weit sind Sie in Ihrer Liebe?  Sie
weinen?  Ist das mglich?

Damis.  O gnnen Sie mir dieses Glck.  Es sind Trnen der Wollust,
die meine ganze Seele vergngen.  Wenn Sie nur das liebenswrdige Kind
htten sollen reden hren!  Wenn Sie nur die Gewalt htten sehen
sollen, die sie ihrem Herzen antat, um es nicht sehn zu lassen!  Sie
sagte endlich aufrichtig, sie wre unruhig.  Ach Himmel!  mit welcher
Annehmlichkeit, mit welcher Unschuld sagte sie dies!  Sie liebt mich
wohl, ohne es recht zu wissen.  Bedenken Sie nur, mein liebes Lottchen,
 o bedenken Sie nur, wie...

Lottchen.  Warum reden Sie nicht weiter?

Damis.  Lassen Sie mich doch mein Glck erst recht berdenken.  Sie
nannte ihre Unruhe ein verdrieliches Wesen.  Sie bat mich, da ich
deswegen nichts von der Hochachtung gegen sie sollte fahrenlassen.
Und das Wort Hochachtung drckte sie mit einem Tone aus, der ihm die
Bedeutung der Liebe gab.  Sie sagte endlich in aller Unschuld, sie
wollte sich eine Tasse Kaffee machen lassen, um den Nebel in ihrem
Gemte dadurch zu zerstreuen.

Lottchen.  Das gute Mdchen!  Wenn der Kaffee eine Arznei fr die
Unruhen des Herzens wre: so wrden wir wenig Gemtskrankheiten haben.
 Nunmehr wird sie bald empfinden, was Liebe und Freiheit ist.  Das
Traurige, das sich in ihrem Bezeigen meldet, scheint mir ein Beweis zu
sein, da sie ihre Freiheit nicht mehr zu beschtzen wei.  Verwandeln
Sie sich nunmehr nach und nach wieder in den Liebhaber, damit Julchen
nicht gar zu sehr bestraft wird.

Damis.  Diese Verwandlung wird mir sehr natrlich sein.  Aber ich
frchte, wenn Julchen in Gegenwart so vieler Zeugen mir ihre Liebe
wird bekrftigen sollen: so wird ihr Herz wieder scheu werden.  Sie
bat mich, da sie mich verlie, da ich ihr nicht gleich nachfolgen
sollte, damit ihr Lottchen nicht einige Spttereien sagen mchte.  Wie
furchtsam klingt dieses!

Lottchen.  Ja, es heit aber vielleicht nichts anders, wenn man es in
seine Sprache bersetzt, als: Gehen Sie nicht mit mir, damit Lottchen
nicht so deutlich sieht, da ich Sie liebe.  Ihre Braut scheut sich
nicht vor der Liebe, sondern nur vor dem Namen derselben.  Wenn sie
weniger natrliche Schamhaftigkeit htte, so wrde ihre Liebe sich in
einem grern Lichte sehen lassen; aber vielleicht wrde sie nicht so
reizend erscheinen.  Vielleicht geht es mit der Zrtlichkeit eines
Frauenzimmers wie mit ihren uerlichen Reizungen, wenn sie gefallen
sollen.

Damis.  Was meinen Sie, meine liebe Jungfer Schwester, soll ich...
Aber wie?  Ich nenne Sie schon Jungfer Schwester, und ich scheue mich
doch zugleich, Sie deswegen um Vergebung zu bitten?

Lottchen.  Ich will den Fehler gleich wieder gutmachen, mein lieber
Herr Bruder.  Ich habe Ihnen nun nichts vorzuwerfen.  Aber was wollten
Sie sagen?

Damis.  Fragen Sie mich nicht.  Ich habe es wieder vergessen.  Ich
kann gar nicht mehr zu meinen eignen Gedanken kommen.  Sie verbergen
sich in die entlegenste Gegend von meiner Seele.  Julchen denkt und
sinnt und redt in mir.  Und seitdem ich sie traurig gesehen habe, habe
ich groe Lust, es auch zu sein.  Was fr ein Geheimnis hat nicht ein
Herz mit dem andern!  Ich sehe, da ich glcklich bin, und sollte
vergngt sein.  Ich sehe, da mich Julchen liebt, und indem ich dieses
sehe, werde ich traurig, weil sie es ist.  Welche neue Entdeckung in
meinem Herzen!

Lottchen.  Ich wei Ihnen keinen bessern Rat zu geben als den, folgen
Sie Ihrer Neigung und vertreiben Sie sich die Traurigkeit nicht, sonst
werden Sie zerstreut werden.  Sie wird ihres Platzes von sich selber
mde werden und ihn bald dem Vergngen von neuem einrumen.

Damis.  Ich werde recht furchtsam.  Und ich glaube, wenn ich Julchen
wiedersehe, da ich gar stumm werde.

Lottchen.  Das kann leicht kommen.  Vielleicht geht es Julchen auch
also.  Ich mchte Sie beide itzt beisammen sehen, ohne von Ihnen
bemerkt zu werden.  Sie wrden beide tiefsinnig tun.  Sie wrden reden
wollen und statt dessen seufzen.  Sie wrden die verrterischen
Seufzer durch gleichgltige Mienen entkrften wollen und ihnen nur
mehr Bedeutung geben.  Sie wrden einander wechselsweise bitten, sich
zu verlassen, und einander Gelegenheit geben, zu bleiben.  Und
vielleicht wrde Ihre beiderseitige Wehmut zuletzt in etliche mehr als
freundschaftliche Ksse ausbrechen.  Aber ich hre meine Schwester
kommen.  Ich will Sie nicht stren.  (Sie geht und bleibt in der Szene
versteckt stehen.)



Vierter Auftritt

Julchen.  Damis.


Julchen.  War nicht meine Schwester bei Ihnen?  Wo ist sie?

Damis (in tiefen Gedanken).  Sie ging und sagte, sie wollte uns nicht
stren.

Julchen.  Nicht stren?  Was soll das bedeuten?

Damis.  Vergeben Sie mir.  Ich habe mich bereilet.  Ach, Juliane!

Julchen.  Sie haben sich bereilet, und woher?  Aber...  Ja...  Ich
will Sie verlassen.  Sie sind tiefsinnig.

Damis.  Sie wollen mich verlassen?  meine Juliane!  Mich...?

Julchen.  Meine Juliane!  so haben Sie mich ja sonst nicht geheien?
Sie vergessen sich.  Ich will Sie verlassen.

Damis.  O gehn Sie noch nicht.  Ich habe Ihnen recht viel zu sagen.
Ach viel!

Julchen.  Und was denn?  Sie halten mich wider meinen Willen zurck.
Ist Ihnen etwas begegnet?  Was wollen Sie sagen?  Reden Sie doch.

Damis (bange).  Meine Juliane!

Julchen (mit beweglicher Stimme).  Juliane!  den Namen hre ich zum
dritten Male.  Sie schweigen wieder?  Ich mu nur gehn.  (Sie geht.
Er sieht ihr traurig nach, und sie sieht sich um.)  Wahrhaftig, es mu
Ihnen etwas Groes begegnet sein.  Darf ich's nicht wissen?

Damis (er kmmt auf sie zu).  Wenn Sie mir's vergeben wollten: so
wollte ich Ihnen sagen; aber nein...  Ich wrde Ihre Gewogenheit
darber verlieren und...  (Er kt ihr die Hand und hlt sie dabei.)
Nein, ich habe Ihnen nichts zu sagen.  Ach, Sie sind verdrielich,
meine Juliane?

Julchen (ganz betroffen).  Nein, ich bin nicht traurig.  Aber ich
erschrecke, da ich Sie so bestrzt sehe.  Ja...  Ich bin nicht
traurig.  Ich bin ganz gelassen, und ich wollte, da Sie auch so wren.
  Halten Sie mich nicht bei der Hand.  Ich will Sie verlassen.  Ich
wollte meine Schwester suchen und ihr sagen...

Damis.  Was wollten Sie ihr denn sagen?  mein schnes Kind!

Julchen.  Ich wollte ihr sagen...  da der Papa nach ihr gefragt htte
und...

Damis.  Der Papa?  mein Engel!

Julchen.  Nein, ich irre mich.  Herr Siegmund hat nach ihr gefragt und
meine Schwester sprechen wollen und mich gebeten...  (Sie sieht ihn an.
)  In Wahrheit, Sie sehen so traurig aus, da man sich des Mitleidens..
.  (Sie wendet das Gesichte beiseite.)

Damis.  Meine Juliane!  Ihr Mitleiden...  Sie bringen mich zur
uersten Wehmut.

Julchen.  Und Sie machen mich auch traurig.  Warum hielten Sie mich
zurck?  Warum weinen Sie denn?  (Sie will ihre Trnen verbergen.)
Was fehlt Ihnen?  Verlassen Sie mich, wenn ich bitten darf.

Damis.  Ja.

Julchen (fr sich).  Er geht?

Damis (indem er wieder zurckkehrt).  Aber darf ich nicht wissen,
meine Schne, was Ihnen begegnet ist?  Sie waren ja Vormittage nicht
so traurig.

Julchen.  Ich wei es nicht.  Sie wollten ja gehn.  Ist Ihnen meine
Unruhe beschwerlich?  Sagen Sie mir nur, warum Sie...  Sie reden ja
nicht.

Damis.  Ich?

Julchen.  Ja.

Damis.  O wie verschnert die Wehmut Ihre Wangen!  Ach, Juliane!

Julchen.  Was seufzen Sie?  Sie vergessen sich.  Wenn doch Lottchen
wiederkme!  Bedenken Sie, wenn sie Sie so betrbt she und mich...
Was wrde sie sagen?  (Lottchen tritt aus der Szene hervor.)



Fnfter Auftritt

Die Vorigen.  Lottchen.


Lottchen.  Ich wrde sagen, da man einander durch bekmmerte Fragen
und Trnen die strkste Liebeserklrung machen kann, ohne das Wort
Liebe zu nennen.  Mehr wrde ich nicht sagen.

Julchen.  O wie spttisch!  Ich mu nur gehn.

Lottchen.  O ich habe es wohl eher gesehn, da du hast gehn wollen,
und doch...

Julchen.  Das wte ich in der Tat nicht.  (Sie geht ab.)


Sechster Auftritt

Damis.  Lottchen.


Lottchen.  Es dauert mich in der Tat, da ich Sie beide gestret habe.
 Ich htte es nicht tun sollen: Aber ich konnte mich vor Freuden nicht
lnger halten.  Kann wohl ein schnerer Anblick sein, als wenn man
zwei Zrtliche sieht, die es vor Liebe nicht wagen wollen, einander
die Liebe zu gestehen?  Mein lieber Herr Damis, habe ich den Plan
Ihres zrtlichen Schicksals nicht gut entworfen gehabt?  Htte ich
mich noch einige Augenblicke halten knnen: so wrde Ihre
beiderseitige Wehmut gewi noch bis zu etlichen vertraulichen
Liebkosungen gestiegen sein.

Damis.  Daran zweifele ich sehr.  Ich war in Wahrheit recht traurig,
und ich bin's noch.

Lottchen.  Ja, ich sehe es.  Und es wird Ihnen sehr sauer werden, mit
mir allein zu reden.  Holen Sie unmageblich Ihre betrbte Freundin
wieder zurck.  Ich will Sie miteinander aufrichten.

Damis.  Ja, das will ich tun.



Siebenter Auftritt

Lottchen.  Simon.


Simon.  Ich bitte Sie um Vergebung, Mamsell, da ich unangemeldet
hereintrete.  Das Vergngen macht mich unhflich.  Sind Sie nicht die
liebenswrdige Braut meines Herrn Mndels?

Lottchen.  Und wenn ich nun seine Braut wre, was...

Simon.  So habe ich die Ehre, Ihnen zu sagen, da Ihnen Ihre selige
Frau Muhme in ihrem Testamente ihr ganzes Rittergut vermacht hat.  Sie
werden die Gewiheit davon noch heute vom Rathause erhalten.  Das
Testament ist geffnet, und Ihr Herr Pate, der Herr Hofrat, der bei
der Erffnung zugegen gewesen, hat mir aufgetragen, Ihrem Herrn Vater
diese angenehme Zeitung zum voraus zu hinterbringen, ehe er noch die
gerichtliche Insinuation erhlt.

Lottchen.  Ist das mglich?  Die Frau Muhme hat ihr Versprechen
zehnfach erfllt.  Wie glcklich ist meine Schwester!  Sie verdient es
in der Tat.  Das ist eine sonderbare Schickung.  Mein Herr, Sie setzen
mich in das empfindlichste Vergngen.  Ich bin nicht die Braut Ihres
Herrn Mndels.  Aber die Nachricht wrde mich kaum so sehr erfreuen,
wenn sie mich selbst anginge.

Simon.  Kurz, Mamsell, ich wei nicht, welche von Ihnen meinen Mndel
glcklich machen will.  Allein genug, die jngste Tochter des Herrn
Cleon ist die Erbin des ganzen Ritterguts und also eines Vermgens von
mehr als funfzigtausend Talern.

Lottchen.  Das ist meine Schwester.  Wie erfreue ich mich!

Simon.  Es tut mir leid, da ich Ihnen nicht ebendiese Nachricht
bringen kann.  Ich wollte es mit tausend Freuden tun.  Wo ist Ihr
lieber Herr Vater?  Wird er nicht eine Freude haben!

Lottchen.  Ich habe gleich die Ehre, Sie zu ihm zu fhren.  Aber ich
will Sie erst um etwas bitten.  Gnnen Sie mir doch das Vergngen, da
ich meiner Schwester und Ihrem Herrn Mndel die erste Nachricht von
dieser glcklichen Erbschaft bringen darf.  Es ist meine grte
Wollust, die Regungen des Vergngens bei andern ausbrechen zu sehen.
Und wenn ich viel htte, ich glaube, ich verschenkte alles, nur um die
Welt froh zu sehen.  Lassen Sie mir immer das Glck, meiner Schwester
das ihrige anzukndigen.

Simon.  Von Herzen gern.  Eine so edle Liebe habe ich nicht leicht
unter zwo Schwestern gefunden.  Ich erstaune ganz.  Ich wute wohl,
Mamsell, da Sie die Braut meines Mndels nicht waren; allein, ich
wollte mir meinen Antrag durch eine verstellte Ungewiheit leichter
machen.  Ich glaubte, Sie wrden erschrecken und ber die Vorteile
Ihrer Jungfer Schwester unruhig werden.  Aber ich sehe das Gegenteil
und fange an zu wnschen, da Sie selbst die Braut meines lieben
Mndels und die glckliche Erbin der Frau Stephan sein mchten.

Lottchen.  Wenn man Ihren Beifall dadurch gewinnen kann, da man frei
vom Neide und zur Menschenliebe geneigt ist: so hoffe ich mir Ihr
Wohlwollen zeitlebens zu erhalten.  Also wollen Sie Julchen und dem
Herrn Damis nichts von der Erbschaft sagen, sondern es mir berlassen?
 Sie sind sehr gtig.

Simon.  Ich will sogar dem Herrn Vater nichts davon sagen, wenn Sie es
ihm selber hinterbringen wollen.  Hier kmmt er.



Achter Auftritt

Die Vorigen.  Herr Cleon.  Herr Siegmund.


Cleon.  Mein wertester Herr, ich habe Sie mit dem Herrn Siegmund schon
im Garten gesucht.  Ich sahe Sie in das Haus hereintreten, und ich
glaubte, Sie wrden den Kaffee im Garten trinken wollen.  Ich erfreue
mich ber die Ehre Ihrer Gegenwart.  Ich erfreue mich recht von Herzen.

Simon.  Und ich erfreue mich, Sie wohl zu sehen und heute einen Zeugen
von Ihrem Vergngen abzugeben.

Lottchen.  Ach, lieber Papa!  Ach, lieber Herr Siegmund!  Soll ich's
sagen?  Herr Simon!

Simon.  Wenn Sie es erzhlen, wird mir's so neu klingen, als ob ich's
selbst noch nicht wte.

Cleon.  Nun, was ist es denn?  meine Tochter!  Wem willst du es erst
sagen, mir oder meinem lieben Nachbar?  Welcher ist dir lieber, du
loses Kind?

Lottchen.  Wenn ich die Liebe der Ehrfurcht frage: so sind Sie's.  Und
wenn ich die Liebe der Freundschaft hre: so ist es Ihr lieber Nachbar.
  Ich will's Ihnen beiden zugleich sagen, was mir Herr Simon itzt
erzhlt hat.  Die selige Frau Muhme hat Julchen in ihrem Testamente
ihr ganzes Rittergut vermacht.  Das Testament ist geffnet, und mein
Herr Pate, der Herr Hofrat, lt Ihnen durch den Herrn Simon diese
Nachricht bringen.

Cleon.  Dafr sei Gott gedankt.  Das Gut ist doch Weiberlehn?  Ja!
Ich erschrecke ganz vor Freuden.  Das htte ich nimmermehr gedacht.  O
sie war dem Mdchen sehr gut!  Gott vergelte es ihr in der frohen
Ewigkeit.  Das ganze Rittergut?

Siegmund.  Das ist vortrefflich.  Die rechtschaffene Frau!

Simon (zu Cleon).  Ich habe mir in Ihrem Namen die Abschrift von dem
Testamente schon ausgebeten, und ich hoffe sie gegen Abend zu erhalten.
  Sie werden auch bald eine gerichtliche Verordnung bekommen.

Cleon.  Das ist ja ganz was Auerordentliches.  Ich will's die Armen
gewi genieen lassen.  Aber du, meine liebe Tochter, du kmmst dabei
zu kurz.

Lottchen.  Ich?  Papa.  Nein.  Wenn ich das Glck tragen knnte: so
wrde mir der Himmel gewi auch welches geben.  Ich habe schon Glck
genug.  Nicht wahr?  Herr Siegmund!  Was meinen Sie?

Siegmund.  Da Sie es ebenso wrdig sind als Ihre Jungfer Schwester.

Cleon.  Herr Simon, Sie haben mir ja in Ihrem Billette gemeldet, da
auch Sie eine erfreuliche Nachricht erhalten htten.  Kommen Sie doch
mit mir in den Garten und vertrauen Sie mir's.  Diese beiden
feindseligen Gemter werden sich schon hier allein vertragen oder uns
nachkommen.



Neunter Auftritt

Lottchen.  Siegmund.


Lottchen.  Wenn ich Ihre Gre nicht kennte: so wrde ich gezittert
haben, Ihnen die Nachricht von dem groen Glcke meiner Schwester zu
hinterbringen.  Aber ich wei, Sie schtzen mich deswegen nicht einen
Augenblick geringer.  Unser Schicksal steht in den Hnden der Vorsicht.
  Diese teilen allemal weise aus, und sie werden sich auch noch zu
unserm Vorteile ffnen, wenngleich nicht in dem Augenblicke, da wir es
wnschen.

Siegmund.  Mein liebes Lottchen, es wird mir sehr leicht, ber Ihrem
Herzen das Glck zu vergessen.  Wir wollen hoffen.  Vergeben Sie mir
nur, da ich noch immer den Zerstreuten vorstelle.  Ich habe lange mit
Ihrem Papa gesprochen, und ich wei in Wahrheit nicht was.

Lottchen.  Wenn Sie mich so lieben, wie ich Sie: so wundert mich's
nicht, da Ihnen ein Tag, wie der heutige ist, wo solche Anstalten
gemacht werden, einige Wnsche und Unruhen abntiget.  Trauen Sie doch
der Vorsehung.  Es ist eben heute ein Jahr, da Sie durch den
unglcklichen Proze Ihres seligen Herrn Vaters Ihr Vermgen verloren.
 Vielleicht beunruhiget Sie dieser Gedanke; aber vielleicht haben Sie
auch alles heute ber ein Jahr wieder.  Haben Sie mit Julchen
gesprochen und dem Herrn Damis zum besten sich etwas zrtlich gestellt?

Siegmund.  Nein, weil ich so zerstreut bin, so...

Lottchen.  Gut.  Sie werden diese kleine Mhe fast ersparen knnen.
Ihr Herz scheint keinen groen Antrieb mehr ntig zu haben.  Aber
sagen Sie ihr noch nichts von der Erbschaft.  Ich will sie holen und
es ihr in Ihrer Gegenwart entdecken und ihrem Geliebten zugleich.



Zehnter Auftritt

Siegmund allein.


Welche entsetzliche Nachricht!...  Julchen!...  Ein ganzes Rittergut!
Julchen...  die so viel Reizungen, so viel Schnheit und Anmut besitzt!
...  Kennte ich Lottchens Wert nicht: so wrde Julchen....  Aber ist
Julchen nicht auch tugendhaft...  gromtig...  klug...  unschuldig...
?  Ist sie nicht die Sittsamkeit selbst?  Ist Lottchen so schamhaft?
oder...  Himmel, wo bin ich?  Verdammte Liebe, wie qulst du mich!
Mu man auch wider seinen Willen untreu werden?...  Warum konnte jene
nicht die reiche Erbschaft bekommen?  Sahe die Muhme auch, da die
jngste mehr Verdienste hatte?...  Ich Elender!  Ich bin ohne meine
Schuld um das grte Vermgen gekommen...  Aber habe ich weniger
Vorzge als Damis?  Julchen widersteht ja seiner Liebe...  Ist es ein
Verbrechen?...  Was kann ich dafr, da sie mich rhrt?  Sind meine
Wnsche verdammlich, wenn sie mit Julchens Wnschen vielleicht gar
bereinstimmen?  O Himmel!  Sie kmmt allein.



Eilfter Auftritt

Siegmund.  Julchen.


Julchen.  Meine Schwester hat gesagt, ich soll sie hier in Ihrer
Gesellschaft erwarten.  Sie sucht den Herrn Damis und will alsdann
hieherkommen und uns etwas Angenehmes erzhlen.

Siegmund.  Wird Ihnen unterdessen die Zeit in meiner Gesellschaft
nicht verdrielich werden?

Julchen.  Mir?  Bei Ihnen?  Gewi nicht.  Sie sind heute am
freundschaftlichsten mit mir umgegangen.  Und es wird Ihnen auch wohl
kein Geheimnis sein, da ich ihnen gut bin, wenngleich nicht so wie
meine Schwester.

Siegmund (er kt ihr die Hand).  Sie sagen mir vieles Schnes,
angenehme Braut.

Julchen.  Bin ich denn eine Braut?  Das hat mir noch kein Mensch
gesagt.  Nein, mein Herr, heien Sie mich nicht so.  Es kann sein, da
ich dem Herrn Damis gewogen bin; aber mu ich darum seine Braut sein?
Nein, er ist so gtig und sagt mir fast gar nichts mehr von der Liebe.

Siegmund.  Aber, wenn ich Ihnen etwas von der Liebe sagte, wrden Sie
auch zrnen?  Sie wissen es wohl nicht, wie hoch ich Sie...  doch...

Julchen.  Bei Ihnen bin ich sehr sicher.  Solange ein Lottchen in der
Welt ist, werden Ihre Liebeserklrungen nicht viel zu bedeuten haben.
Sie wollen mich vielleicht ausforschen; aber Sie werden nichts
erfahren.

Siegmund.  Meine Schne, ich wollte wnschen, da ich aus Verstellung
redte; aber ach nein!  Denken Sie denn, da man...

Julchen.  Und was?

Siegmund.  Da man Sie sehn und doch unempfindlich bleiben kann?

Julchen.  Sie spielen die Rolle des Herrn Damis, wie ich sehe.

Siegmund.  So werde ich sehr unglcklich sein, weil Sie mit seiner
Rolle nicht zufrieden sind.

Julchen.  Was verlieren denn Sie und meine Schwester, wenn ich seine
Wnsche nicht erflle?

Siegmund.  Vielleicht gewnne ich.  Vielleicht wrden Sie die
Absichten des aufrichtigsten Herzens sehn.  Ich verehre Sie; doch...
wie kann ich Ihnen das sagen, was ich empfinde!

Julchen.  Sie knnen eine fremde Person vortrefflich annehmen.  Aber
auch die Liebe im Scherze beunruhigt mich.  Ich wei nicht, wo meine
Schwester bleibt.  Ich mchte doch wissen, was sie mir zu sagen htte;
sie kte mich vor Freuden.  Es mu etwas Wichtiges sein.  Ich mu sie
nur suchen..  Verziehn Sie einen Augenblick.



Zwlfter Auftritt

Siegmund allein.


Ich Abscheu!  Was habe ich getan?  Ich werde der redlichsten Seele
untreu, die mich mit Entzckung liebt?  Ich...?  Aber wie schn, wie
reizend ist Julchen!  Sie liebt ihn noch nicht...  Und mir, mir ist
sie gewogen?  Aber die Vernunft...?  Sie soll schweigen...  Mein Herz
mag die Sache ausfhren....  Milingt mir meine Absicht: so bleibt mir
Lottchen noch gewi.  ...  Hat sie mir nicht selbst befohlen, mich
verliebt in Julchen zu stellen?  Werde ich ihr darum untreu?  Wie?
Sie kmmt noch einmal?  Sucht sie mich mit Flei?



Dreizehnter Auftritt

Siegmund.  Julchen.  Der Magister.


Julchen (zu Siegmund).  Lottchen will mir nichts eher sagen, bis Herr
Damis wiederkmmt.  Er ist eine halbe Stunde nach Hause gegangen, und
Sie sollen so gtig sein und zu dem Papa kommen.  Er wartet mit dem
Kaffee auf Sie.

Siegmund.  Nach Ihrem Befehle.  Aber darf ich hoffen?

Julchen.  Weil Sie in der Sprache der Liebhaber reden: so mu ich
Ihnen in der Sprache der Schnen antworten: Sie mssen mit meinem Papa
davon sprechen.

Der Magister.  Ja, Herr Siegmund, mein Bruder wartet auf Sie, und ich
mchte gern ein Wort mit Jungfer Julchen allein sprechen.



Vierzehnter Auftritt

Julchen.  Der Magister.


Julchen.  Herr Magister, wollen Sie mir etwa sagen, was mir Lottchen
Neues erzhlen will?

Der Magister.  Nein, ich habe sie gar nicht gesehn.  Ich komme aus
meiner Studierstube und habe zum Zeitvertreibe in einem deutschen
Fabelbuche gelesen.  Wenn Sie mir zuhren wollten: so wollte ich Ihnen
eine Fabel daraus vorlesen, die mir ganz artig geschienen hat.  Ich
wei, Sie hren gerne witzige Sachen.

Julchen.  Ja, aber nur heute nicht, weil ich gar zu unruhig bin.  Sie
lesen mir ja sonst keine Fabeln vor.  Wie kommen Sie denn heute auf
diesen Einfall?  Ja, ich wei wohl eher, da Sie mir eine ziemliche
finstere Miene gemalt haben, wenn Sie mich in des Fontaine oder
Hagedorns Fabeln haben lesen sehen.

Der Magister.  Sie haben recht.  Ich halte mehr auf grndliche
Schriften.  Und das Solide ist fr die Welt allemal besser als das
Witzige.  Aber wie man den Verstand nicht immer anstrengen kann: so
ist es auch erlaubt, zuweilen etwas Seichtes zu lesen.  Wollen Sie die
Fabel hren?  Sie heit Die Sonne.

Julchen.  O ich habe schon viele Fabeln von der Sonne gelesen!  Ich
will es Ihnen auf Ihr Wort glauben, da sie artig ist.  Lesen Sie mir
sie nur nicht vor.

Der Magister.  Jungfer Muhme, ich wei nicht, was Sie heute fr eine
verdrieliche Gemtsart haben.  Ihnen zu gefallen, verderbe ich mir
etliche kostbare Stunden.  Ich arbeite fr Ihr Glck, fr Ihre
Beruhigung.  Und Sie sind so unerkenntlich und beleidigen mich alle
Augenblicke dafr?  Bin ich Ihnen denn so geringe?  Verdienen meine
Absichten nicht wenigstens Ihre Aufmerksamkeit?  Sind denn Ihre
Pflichten gegen mich durch die Blutsverwandtschaft nicht deutlich
genug bestimmt?  Warum widersprechen Sie mir denn?  Kann ich etwas
dafr, da Sie nach der Vernunft verbunden sind, zu heiraten?  Habe
ich den Gehorsam, den Sie Ihrem Herrn Vater und mir schuldig sind,
etwa erdacht?  Ist er nicht in dem ewigen Gesetze der Vernunft
enthalten?

Julchen.  Sie schmlen auf mich, Herr Magister; aber Sie schmlen doch
gelehrt, und deswegen will ich mich zufriedengeben.  Darf ich bitten:
so lesen Sie mir die Fabel vor, damit ich wieder zu meiner Schwester
gehn kann.  Sie wissen nicht, wie hoch ich Sie schtze.

Der Magister.  Warum sollte ich's nicht wissen?  Wenn Sie gleich nicht
den schrfsten Verstand haben, so haben Sie doch ein gutes Herz.  Und
ich wollte wetten, wenn Sie statt der Bremischen Beitrge und anderer
solchen leichten Schriften eine systematische Moralphilosophie lsen,
da Sie bald anders sollten denken lernen.  Wenn Sie die Triebe des
Willens und ihre Natur philosophisch kennen sollten: so wrden Sie
sehen, da der Trieb der Liebe ein Grundtrieb wre, und also...

Julchen.  Sie reden mir so viel von der Liebe vor.  Haben Sie denn in
Ihrer Jugend auch geliebt?  Kennen Sie denn die Liebe recht genau?
Was ist sie denn?  Ein Rtsel, das niemand auflsen kann.

Der Magister.  Als der Verstand genug hat, in die Natur der Dinge zu
dringen.  Die Liebe ist eine bereinstimmung zweener Willen zu
gleichen Zwecken.  Mich deucht, dies ist sehr adquat.  Oder soll ich
Ihnen eine andere Beschreibung geben?

Julchen.  Nein, ich habe mit dieser genug zu tun.  Sagen Sie mir
lieber die Fabel.  Ich mu zu meiner Schwester.

Der Magister.  Ja, ja, die Fabel ist freilich nicht so schwer zu
verstehen als eine Kausaldefinition.  Sie ist kurz, und sie scheint
mir mehr eine Allegorie als eine Fabel zu sein.  Sie klingt also: Die
Sonne verliebte sich, wie man erzhlt, einsmals in den Mond.  Sie
entdeckte ihm ihre Wnsche auf das zrtlichste; allein der Mond blieb
seiner Natur nach kalt und unempfindlich.  Er verlachte alle die
Grnde, womit ihn einige benachbarte Planeten zur Zrtlichkeit gegen
die Sonne bewegen wollten.  Ein heimlicher Stolz hie ihn sprde tun,
ob ihm die Liebe der Sonne gleich angenehm war.  Er trotzte auf sein
schnes und reines Gesicht, bis es eine Gottheit auf das Bitten der
Sonne mit Flecken verunstaltete.  Und dies sind die Flecken, die wir
noch heutzutage in dem Gesichte des Monden finden.  Dies ist die Fabel.
  Was empfinden Sie dabei?

Julchen.  Ich empfinde, da sie mir nicht gefllt und da der
Verfasser ihrer noch viel machen wird.  Ich will doch nicht hoffen,
da Sie diese Erzhlung im Ernste fr artig halten.

Der Magister.  Freilich kann der Verstand bei witzigen Sachen seine
Strke nicht sehen lassen.  Aber wie?  wenn ich die Fabel selbst
gemacht htte?

Julchen.  So wrde ich glauben mssen, da die Schuld an mir lge,
warum sie mir nicht schn vorkmmt.

Der Magister.  Sie wissen sich gut herauszuwickeln.  Ich will es Ihnen
gestehen.  Es ist meine Arbeit.  Ich will mich eben nicht gro damit
machen, denn Witz kann auch ein Ungelehrter haben.  Aber wollten Sie
diese Fabel wohl auflsen?  Was soll die Moral sein?

Julchen.  Das werden Sie mir am besten sagen knnen.

Der Magister.  Die Moral soll etwan diese sein: Ein schnes
Frauenzimmer, die gegen den Liebhaber gar zu lange sprde tut, steht
in der Gefahr, da das Alter ihr schnes Gesicht endlich verwstet.

Julchen.  Sie sind heute recht sinnreich, Herr Magister.  Ich merke,
die Fabel geht auf mich.  Ich bin der Mond.  Herr Damis wird die Sonne
sein, und die Planeten werden auf Sie und meine Schwester zielen.
Habe ich nicht alles erraten?

Der Magister.  Ich sehe wohl, wenn man Ihnen seine Gedanken unter
Bildern vortrgt: so machen sie einen groen Eindruck bei Ihnen.
Jungfer Muhme, denken Sie unmageblich an die Fabel und widerstehen
Sie der Liebe des Herrn Damis nicht lnger.  Was soll ich Ihrem Papa
fr eine Antwort bringen?

Julchen.  Sagen Sie ihm nur, da ich ber Ihre Fabel htte lachen
mssen: so verdrielich ich auch gewesen wre.  Ich habe die Ehre,
mich Ihnen zu empfehlen.


Funfzehnter Auftritt

Der Magister.  Cleon.  Siegmund.


Cleon.  Nun, mein lieber Magister, was spricht Julchen?  Ich denke,
sie wird sich wohl ohne deine Fabel zur Liebe entschlossen haben.

Der Magister.  Sie bleibt unbeweglich.  Ich wei nicht, warum ich mir
des eigensinnigen Mdchens wegen so viel Mhe gebe.  Wer weder durch
philosophische noch durch sinnliche Beweise zu bewegen ist, den mu
man seinem Wahne zur Strafe berlassen.  Ich sage ihr kein Wort mehr.
So geht es, wenn man seinen Kindern nicht beizeiten ein grndliches
Erkenntnis von der Moral beibringen lt.  Ich habe mich zehnmal
erboten, deine Tchter denken zu lehren und ihnen die Grundursachen
der Dinge zu zeigen.  Aber nein, sie sollten witzig und nicht
vernnftig werden.

Siegmund.  Mein Herr, dies war ein verwegner Ausspruch.  Ist Julchen
nicht vernnftig genug?

Der Magister.  Warum denn nur Julchen?  Ich verstehe Sie.  Ich habe
ein andermal die Ehre, Ihnen zu antworten.  Itzt warten meine Zuhrer
auf mich.



Sechzehnter Auftritt

Cleon.  Siegmund.


Cleon.  Ich wei nicht, wem ich glauben soll, ob dem Magister oder
Lottchen?  Diese spricht, Julchen liebt den Herrn Damis, und jener
spricht: nein.  Er hat ja Verstand.  Sollte er denn die Sache nicht
einsehen?  Sagen Sie mir doch Ihre aufrichtige Meinung, Herr Siegmund.

Siegmund.  Ich komme fast selbst auf die Gedanken, da Julchen den
Herrn Damis nicht wohl leiden kann.

Cleon.  Aber was soll denn daraus werden?  Wenn sie schon etwas von
der Erbschaft wte: so dchte ich, das Rittergut machte sie stolz.
Herr Damis ist so redlich gewesen und hat sie zur Frau verlangt, da
sie arm war.  Nun soll sie ihn, da sie reich ist, zur Dankbarkeit
heiraten.  Sie wird sich wohl noch geben.

Siegmund.  Aber Sie wissen wohl, da der Zwang in der Ehe ble Frchte
bringt.

Cleon.  Es wird schon gehen.  Ich verlasse mich auf die Fgung.  Und
ich wollte wohl wnschen, Herr Siegmund, wenn Sie anders noch willens
sind, meine Tochter Lottchen zu ehelichen, da ich heute ein doppeltes
Verlbnis ausrichten knnte.

Siegmund.  Ja, wenn nur meine Umstnde...  Ich habe einige hundert
Taler Schulden...

Cleon.  Gut.  Julchen soll Ihre Schulden von ihrer Erbschaft bezahlen
und Ihnen auch noch tausend Taler zum Anfange in der Ehe geben.

Siegmund.  Das ist sehr schn; aber...

Cleon.  Sie kriegen an Lottchen gewi eine verstndige Frau.  Das
Mdchen hat fast gar keinen Fehler, und ihr Gesichte ist auch nicht
schlecht.  Ich darf's ihr nur nicht sagen, aber sie sieht eine Sache
manchmal besser ein als ich.  Wenn doch die Abschrift von dem
Testamente bald kme!  Also, wollen Sie Lottchen haben?

Siegmund.  Ja, ich wnsche mir Lottchen.  Ich gehorche Ihnen als
meinem Vater.  Aber darf ich Ihnen sagen, da es scheint, da mir
Julchen gewogener ist als dem Herrn Damis; und da Lottchen hingegen
mit diesem sehr zufrieden zu sein scheinet.  Darf ich Ihnen wohl sagen,
 da mir Julchen nur itzt noch befohlen hat, bei Ihnen um sie
anzuhalten und...

Cleon.  Was hre ich?  Nun errate ich, warum das Mdchen sich so
geweigert hat.  Lieber Herr Siegmund, ich beschwre Sie, sagen Sie mir,
 was bei der Sache anzufangen ist.  Ich vergehe, ich...  Ja doch.
Julchen kann Ihnen gewogen sein, aber Lottchen ist Ihnen noch
gewogener.

Siegmund.  Sie haben vollkommen recht, lieber Papa.

Cleon.  Also will Lottchen zwei Mnner und Herr Damis zwo Weiber
haben?  Das ist ja unsinnig.

Siegmund.  Es ist eine verwirrte Sache, bei der ich eine sehr
ungewisse Person spiele.  Das beste wird sein, da Sie alles so
geheimhalten, als es mglich ist, und die Verlobung mit dem Herrn
Damis etwan noch acht Tage anstehen lassen.  Vielleicht besinnt sich
Julchen anders.

Cleon.  Lieber Gott, zu wem wollte ich davon reden als zu Ihnen?  Ich
mte mich ja schmen.

Siegmund.  Wenn Lottchen den Herrn Damis freiwillig whlen sollte: so
bin ich viel zu redlich, als da ich ihr einen Mann mit so groem
Vermgen entziehen will.

Cleon.  Sie sind die Gromut selbst.  Ich kann alles zufrieden sein.
Ich wollte Ihnen Julchens Vermgen ebensowohl gnnen als dem Herrn
Damis.  Freilich wre die Einteilung nicht uneben.  Lottchen wre
durch Herrn Damis' Vermgen und Ihnen durch Julchens Erbschaft
geholfen.  Ich wei nicht, was ich anfangen soll.

Siegmund.  Also wollten Sie mir, wenn es so weit kommen sollte,
Julchen versprechen?

Cleon.  Aber Lottchen hat Sie so lieb, lieber als mich.  Und ich
dchte, es wre unbillig, da Sie sie vergen.  Ich kann mir nicht
einbilden, da meine Tochter so unbestndig sein sollte.  Ich habe sie
selber vielmal fr Sie beten hren, da es Ihnen der Himmel mchte
wohlgehen und Sie ihr zum Vergngen leben lassen, wenn es sein Wille
wre.  Sollte sie denn so leichtsinnig sein?  Nein.  Sie irren sich
wohl.

Siegmund.  Eben deswegen wollen wir die Sache noch geheimhalten.  Ich
liebe Lottchen wie meine Seele, und ich werde sie auf alle Art zu
erhalten suchen.

Cleon.  Wir wollen heute zusehn.  Wir wollen genau auf alles achtgeben.
  Ich denke gewi, es soll bei der ersten Einrichtung bleiben.  Ich
will Ihnen Lottchen mit einer guten Art herschicken.  Sagen Sie ihr
nur recht viel Zrtliches vor.  Sie hrt es gern.  Julchen will ich
selber noch einmal ausforschen; aber ganz schlau.  Ich habe mich lange
aufgehalten und den Herrn Simon alleine gelassen.  Wenn es nur der
rechtschaffene Mann nicht belnimmt.



Siebenzehnter Auftritt

Siegmund allein.


Das geht gut.  Julchen wird noch meine...  Sie ist schn, reich und
wohlgesittet, aufrichtig, edelgesinnt...  Aber, Himmel, wenn Lottchen
mein Vorhaben erfahren sollte!  Wrde sie mein Herz nicht verfluchen?..
.  Doch nein.  Sie ist sicher.  Sie liebt mich...  Aber was qult
mich?  Sind es die Schwre, die ich ihr...?  Unkrftige Schwre der
Treue, euch hrt der Himmel nicht...  O Julchen, wie reizend bist du!
Dich zu besitzen, ist dies kein gerechter Wunsch?



Achtzehnter Auftritt

Siegmund.  Lottchen.


Lottchen.  Itzt kommen sie beide.  Nun wollen wir's ihnen entdecken.
Wie wird sich Julchen erfreuen, o wie wird sie sich erfreuen!  Und Sie,
 mein Freund, Sie haben mich doch noch lieb?  Vergeben Sie mir diese
berflssige Frage.

Siegmund.  Ja, meine Schne, ich liebe Sie ewig und bin durch Ihre
Liebe fr meine Treue unendlich belohnet.  O knnte ich Sie doch
vollkommen glcklich machen!  (Er kt sie.)  Um dies Vergngen mu
mich ein Prinz beneiden.  Hier kommen sie.  Erlauben Sie, meine Schne,
 der Papa wartet schon lange mit dem Kaffee auf mich.  Er mchte
ungehalten werden.



Neunzehnter Auftritt

Lottchen.  Julchen.  Damis.


Lottchen (zu Damis).  Ich wollte Ihnen ein schnes, junges,
liebenswrdiges Frauenzimmer mit einem Rittergute anbieten, wenn Sie
Julchen wollen fahren lassen.

Julchen.  Ist das die Neuigkeit?

Damis.  Und wenn Ihr Frauenzimmer zehn Rittergter htte: so wrde mir
Julchen auch in einer Schferhtte besser gefallen.

Julchen.  Was reden Sie?  Hren Sie doch Lottchen an.  Wer wei, wie
glcklich Sie werden!  Ich gnne es Ihnen und der andern Person.
Lottchen, wer ist sie denn?

Lottchen.  Es ist ein artiges Kind.  Sie hat ein Rittergut fr
funfzigtausend Reichstaler.  Sie ist wohlerzogen.

Julchen.  So?  Aber, wo...  Wie heit sie denn?

Lottchen.  Sie ist fast so schn wie du.

Julchen.  Das mag ich ja nicht wissen.  Wenn ich schn bin: so wird
mir's der Spiegel sagen.  So mu keine Schwester mit der andern reden.
 Sage es dem Herrn Damis allein.  Ich werde wohl nicht dabei ntig
sein.  (Sie will gehn.)

Damis.  Ach, liebe Mamsell, gehn Sie noch nicht.  Ich gehe mit Ihnen.

Julchen.  Das wird sich nicht schicken.  Das Frauenzimmer mit dem
Rittergute, das sich in Sie verliebt hat, wrde es sehr belnehmen.
Es ist gut, da Sie sich bei mir in den Liebeserklrungen gebt haben.
 Nunmehr werden sie Ihnen wenig Mhe machen.

Lottchen.  Hre nur, meine Schwester.  Es kmmt erst darauf an, ob das
Frauenzimmer dem Herrn Damis gefallen wird.  Sie hat freilich schne
groe blaue Augen, fast wie du; eine gefllige Bildung und eine recht
erobernde Miene; kleine volle runde Hnde.  (Julchen sieht ihre Hnde
an.)  Sie ist dem Herrn Damis gut; aber sie liebt auch die Freiheit.

Julchen.  O ich wei gar nicht, was du haben willst?  Kurz, wie heit
denn das Frauenzimmer, die den Herrn Damis liebt?

Lottchen.  Sie heit ebenfalls, wie du, Julchen.

Julchen.  Oh!  du willst mich zum Kinde machen.

Lottchen.  Nein, Julchen, ich kndige hiermit dir und deinem Liebhaber
ein ansehnliches Glck an.  Die selige Frau Muhme hat dir in ihrem
Testamente ihr ganzes Rittergut vermacht.  Herr Simon hat uns die
Nachricht nur itzt gegeben, und ich habe ihn gebeten, da er mir die
Freude gnnen mchte, sie euch beiden zuerst zu hinterbringen.  Meine
liebe Schwester, ich wnsche dir tausend Glck zu deiner Erbschaft,
und Ihnen, mein Freund, wnsche ich meine Schwester.  Wie glcklich
bin ich heute!

Julchen.  Was?  Das ganze Rittergut?  Und dir nichts?  Htte sie es
denn nicht teilen knnen?  Ist es denn auch gewi?  Kann es nicht ein
Miverstand sein?  Warum hat sie denn dir nichts vermacht?

Lottchen.  Wenn sie dich nun lieber gehabt hat als mich.  Genug, die
Erbschaft ist deine und fr dich bestimmt gewesen.  Ich habe genug,
wenn ich knftig ohne Kummer mit meinem Geliebten leben kann.  Ach,
Julchen, ich wei, da dem Papa ein jeder Augenblick zu lang wird, bis
er dir seinen Glckwunsch abstatten kann.  Ich habe ihn gebeten, dich
nichts merken zu lassen, bis ich mit dir geredt htte.

Damis.  Ich erstaune ganz.  Vielleicht wre es ein Glck fr mich,
wenn kein Testament wre.  Ach, mein liebes Julchen, soll ich Sie
verlieren?

Julchen.  Lottchen, ich teile das Gut mit dir und dem Papa.  Nein,
ganz wnsche ich mir es nicht.  Ich verdiene es auch nicht.  Traurige
Erbschaft!...  Ich war unruhig vor dieser Nachricht, und ich bin noch
nicht vergngt.  (Sie sieht den Damis an.)  Und Sie, mein Herr...?

Damis.  Und Sie, meine Schne...?

Lottchen.  Kommt, sonst geht die traurige Szene wieder an.  Ich wei,
da der Papa schon ein wenig geschmlet haben wird.



Zwanzigster Auftritt

Die Vorigen.  Cleon.


Cleon.  Ihr losen Kinder, wo bleibt ihr denn?  Soll sich der Kaffee
selber einschenken?

Lottchen.  Schmlen Sie nicht, lieber Papa.  Ihre Tchter sind in
guten Hnden.  Wir waren gleich im Begriffe, zu Ihnen zu kommen.

Julchen.  Ach, lieber Papa...

Cleon.  Nun, was willst du?  Soll ich dir zu deinem Glcke
gratulieren?  Ich habe vor Freuden schon darber geweint.  Hast du
auch Gott fr die reiche Erbschaft gedankt?  Du gutes Kind.  Ach
Lottchen, geh doch und schenke dem Herrn Simon noch eine Tasse Kaffee
ein.  Er will alsdann gehn und sich um die Abschrift des Testaments
bemhn.  Sie, Herr Damis, sollen so gtig sein und ihm Gesellschaft
leisten.

Damis.  Von Herzen gern.

(Er geht mit Lottchen und Julchen, und der Vater winkt Julchen.)



Einundzwanzigster Auftritt

Cleon.  Julchen.


Cleon.  Nun, meine Tochter, wie steht es mit deinem Herzen?  Es mu
dir doch lieb sein, da du ein Rittergut hast.

Julchen.  Ja, deswegen, damit ich's Ihnen und meiner Schwester
anbieten kann.

Cleon.  Du gutes Kind!  Behalte, was dein ist.  Willst du deiner
Schwester etwas geben; wohl gut.  Ich werde schon, solange ich lebe,
Brot in meinem kleinen Hause haben.  Aber, was spricht Herr Damis?
Hat auch der eine Freude ber deine Erbschaft?

Julchen.  Meine Erbschaft scheint ihm sehr gleichgltig zu sein.

Cleon.  Ja, ja, er hat freilich selber genug Vermgen.  Aber du mut
auch bedenken, da er dich gewhlt hat, da du noch ein armes Mdchen
warest.  Ach, wenn du wissen solltest, wieviel Gutes mir der Herr
Vormund itzt von ihm erzhlet hat, du wrdest ihn gewi lieben!  Ich
habe immer gedacht, er wre nicht gar zu gelehrt, weil er nicht so
hoch redt wie mein Bruder, der Magister; allein, sein Vormund hat mich
versichert, da er ein rechter scharfsinniger Mensch wre und mehr
gute Bcher gelesen htte, als Stunden im Jahre wren.  Wer htte das
denken sollen?

Julchen.  Da er gelehrt ist, habe ich lange gewut; allein da ich's
nicht bin, wei ich leider auch.  Vielleicht sucht er die
Gelehrsamkeit bei einem Frauenzimmer und nicht ein Rittergut.

Cleon.  Du redst artig.  Da werden die Tchter studieren knnen wie
die Shne.  Du kannst ja auf der Laute spielen.  Du kannst schn
singen.  Du kannst dein bichen Franzsisch.  Du schreibst einen
feinen Brief und eine gute Hand.  Du kannst gut tanzen, verstehst die
Wirtschaft und siehst ganz fein aus, bist ehrlicher Geburt, gesittet
und fromm und nunmehr auch ziemlich reich.  Was will denn ein Mann
mehr haben?  Herr Damis liebt dich gewi.  Mache, da ich ihn bald
Herr Sohn und dich Braut heien kann.

Julchen.  Braut?  Das wei ich nicht.  Sollte er mich lieben?  Papa,
Sie haben mich wohl zu sehr gelobt.  Meine Schwester kann ja
ebensoviel und noch mehr als ich.

Cleon.  Es ist itzt die Rede nicht von deiner Schwester.  Sie hat
ihren Herrn Siegmund und verlangt kein groes Glck.  Gib ihr etwas
von deinem Vermgen: so wird sie vollkommen zufrieden sein.  Und so
will ich sie gleich heute verloben.  Oder mchtest du Herrn Siegmunden
lieber zum Manne haben?

Julchen.  Ich, Papa?  Herrn Siegmunden?  Wie kommen Sie auf die
Gedanken?  Wenn ich lieben wollte: warum sollte ich nicht den Herrn
Damis lieben?  Hat er nicht vielleicht noch mehr Verdienste als jener?
 Und wenn auch dieser liebenswrdiger wre, da er es doch nicht ist,
wie knnte ich ohne Verbrechen an ihn denken, da ihn meine Schwester
und er sie so zrtlich liebt?

Cleon.  So gefllst du mir.  Ich bin ein rechter glcklicher Vater.
(Er klopft sie auf die Backen.)  Meine liebe schne Tochter, bleibe
bei den Gedanken.  Du wirst wohl dabei fahren.  Nicht wahr, du hast
den Herrn Damis viel lieber als Herrn Siegmunden?  Dieser scheint mir
zuweilen ein bichen leichtsinnig zu sein oder doch lose.  Ich habe
alleweile mit dem Herrn Simon von ihm gesprochen und allerhand...

Julchen.  Papa, wenn ich mich zur Liebe entschliee: so gebe ich Ihnen
mein Wort, da ich einen Mann whle, wie Herr Damis ist.  Wenn ich nur
nicht meine Freiheit dabei verlre!  Wenn ich nur wte, ob ich ihn
etwan schon gar liebte!  Nein, Papa, ich liebe ihn noch nicht.  Ich
habe eine so reiche Erbschaft getan, und gleichwohl bin ich nicht
zufriedner.  Ob ich etwan gar krank werde?

Cleon.  Ja, wohl kann man vor Liebe krank werden.  Aber die Gegenliebe
macht wieder gesund.  Ich sprche ja, wenn ich wie du wre, damit ich
der Krankheit zuvorkme.

Julchen.  Ach!  Papa.

Cleon.  Ach!  Du sollst nicht Ach, du sollst Ja sprechen.  Du
gefllst ihm ganz ausnehmend.  Er wird dich wie sein Kind lieben.

Julchen.  Aber werde ich ihm stets gefallen?

Cleon.  Das kannst du denken.  Woran stt sich denn dein Herz noch?
Befrchtest du denn gar, da er dir knftig untreu werden mchte?
Nimmermehr!  Der Herr Vormund hat mir gesagt, da dein Liebster sehr
viel Religion htte und oft zu sagen pflegte, da er kein Mensch sein
mchte, wenn er nicht zugleich ein Christ sein sollte.  Er wird dich
gewi zeitlebens fr gut halten.  Er wird seine Schwre nicht brechen.

Julchen.  Ich hre keine Schwre von ihm.  Wrde er seine Liebe nicht
beteuern, wenn er mich...?

Cleon.  Das ist schn, da er nicht schwrt.  Um desto mehr kannst du
auf sein Wort bauen.  Das ffentliche Versprechen ist eben der Schwur
in der Liebe.  Und diesen Schwur will er heute tun, wenn du ihn
zugleich tun willst.

Julchen.  Papa, ich bin unentschlossen und ungeschickt, die Sache
recht zu berlegen.  Lassen Sie mir noch Zeit.

Cleon.  Bis auf den Abend bei Tische sollst du Zeit haben.  Alsdann
sprich Ja oder Nein.  Die Sache ist ernstlich gemeint.  Ich habe
dir mein Herz entdeckt.  Du hast meine Einwilligung.  Mache es, wie du
willst.  Komm, dein Liebster wird sich schon recht nach dir umgesehen
haben.  Die beiden schwarzen Pflsterchen lassen recht hbsch zu
deinem Gesichte.  Bist du denn etwan ausgefahren?

Julchen.  Ja, ich habe zu Mittage ein Glas Wein getrunken.

Cleon.  Nun, nun, es wird schon wieder vergehen, ehe du mir einen
Gevatterbrief schickst.  Komm und fhre mich bei der Hand.  Ich mchte
gern einmal von einer Braut gefhret werden.

(Ende des zweiten Aufzugs.)




Dritter Aufzug



Erster Auftritt

Siegmund.  Julchen.


Julchen.  Was sagen Sie mir?  Das glaube ich in Ewigkeit nicht.

Siegmund.  Ich aber glaube es.

Julchen (bestrzt).  Hat er es Ihnen denn selbst gesagt?  Ich
Unglckliche!

Siegmund.  Er hat mir's nicht mit deutlichen Worten gesagt: aber es
ist gewi, da er Ihnen Lottchen weit vorzieht.  Ich wollte ihm diese
Beleidigung, so gro sie auch ist, gern vergeben, wenn er nur Sie
nicht zugleich beleidigte.  Ich bedaure Sie, mein Engel.  Ich wei,
Sie meinen es aufrichtig und werden meine Redlichkeit dadurch belohnen,
 da Sie dem Unbestndigen wenigstens meinen Namen verschweigen.

Julchen.  War dies die Ursache seiner Traurigkeit?  Der Treulose!  Was
hat er fr Vorteil davon, ein unerfahrnes Herz zu betrgen?  Wenn er
mir aus Rache das Leben htte nehmen wollen: so wrde ich ihn noch
nicht hassen.  Aber da er mich unter der Maske der Liebe und
Aufrichtigkeit hintergeht, ist die schandbarste Tat.

Siegmund.  Er wird es leugnen, denken Sie an mich.

Julchen.  Der Verrter!  Ja, er soll es leugnen.  Ich mag dieses
Verbrechen nie aus seinem Munde erfahren.  Ich will ihn nicht
bestrafen.  Nein!  Sein Gewissen wird mich rchen...  Wie?  Er?  dem
ich heute mein Herz schenken...  doch nein, ich habe ihn nicht geliebt.
  Aber hat er nicht tausendmal gesagt, da er mich liebte?  Hlt man
sein Wort unter den Mnnern nicht besser?

Siegmund.  O meine Freundin, lassen Sie das Verbrechen eines einzigen
nicht auf unser ganzes Geschlecht fallen.  Sollten Sie mein Herz sehen!
  Ja...  auch der Zorn macht Sie noch liebenswrdiger.

Julchen.  Verlassen Sie mich, liebster Freund.  Ich will...  Und du,
meine Schwester, du schweigst?  Und alles dies tust du, o Liebe, du
Pest der Menschen!...  Verlassen Sie mich.  Ich verspreche Ihnen bei
meiner Ehre, Ihren Namen nicht zu entdecken und Ihre Aufrichtigkeit
zeitlebens zu belohnen.  Aber kommen Sie bald wieder hieher.

Siegmund.  Sobald, als ich glaube, da sich Ihre Hitze etwas gelegt
haben wird.



Zweiter Auftritt

Julchen.  Damis.


Julchen (die ihn in der Hitze nicht kommen sieht).  Eben zu der Zeit,
da er mir die teuresten Versicherungen der Liebe gibt, wird er auch
untreu...?  Und ich, ich kann ihn noch nicht hassen?  Bin ich
bezaubert?

Damis.  Allerliebstes Kind, sehen Sie mich denn nicht?  Mit wem reden
Sie?

Julchen.  Mit einem Betrger, den ich geliebt haben wrde, wenn ich
weniger von ihm erfahren htte.  (Gelinder.)  Ist es Ihnen mglich
gewesen, mich zu hintergehn?  Mich?  die ich schon anfing, Sie im
Herzen allen Personen Ihres Geschlechts vorzuziehn?  Warum handeln Sie
so grausam und erwecken eine Neigung in mir, die ich verabscheuen mu,
nachdem ich sie gefhlt habe?  Doch um Ihnen zu zeigen, was Sie fr
ein Herz hintergangen haben: so sage ich Ihnen, da ich Sie niemals
hassen, da ich mich vielmehr bemhen werde, Ihren Fehler vor mir
selbst zu verbergen.

Damis.  Ich Unglcklicher!  Ist der Betrger der Name, den ich
verdiene?  Ich entschuldige mich nicht einen Augenblick, erzrnte
Freundin.  Ich sage Ihnen vielmehr mit dem Stolze eines guten
Gewissens, da mein Herz gar keines Betrugs fhig ist.  Ich verlange
es auch nicht zu wissen, wer Ihnen die bele Meinung beigebracht hat.
Die Zeit wird mich schon rechtfertigen.

Julchen.  Und Sie sprechen noch mit so vielem Stolze?



Dritter Auftritt

Die Vorigen.  Lottchen.


Damis (zu Lottchen).  Kommen Sie, meine Freundin, und fangen Sie an,
mich zu hassen.  Ich soll meine Juliane hintergangen haben.

Lottchen.  Haben Sie sich beide schon ein wenig gezankt?  Vermutlich
ber die ersten Ksse.

Damis (zu Julchen).  Verklagen Sie mich doch bei Ihrer Jungfer
Schwester.  Sagen Sie ihr doch mein Verbrechen.

Julchen.  Vielleicht fnde ich da die wenigste Hlfe.

Lottchen.  Ach, Julchen, wenn die selige Frau Muhme es htte wissen
sollen, da du dich an dem Tage deiner Verlobung mit deinem Brutigam
zanken wrdest: sie htte dir nicht einen Ziegel von ihrem Rittergute
vermacht.  Ich habe die gute Hoffnung, da der Krieg nicht lange
dauern wird.  Dein Herz ist von Natur friedfertig, wenngleich die
Liebe etwas znkisch ist.

Julchen.  O scherze nicht.

Lottchen (zu Damis).  Sehn Sie nur Ihre liebe Braut recht an.  Haben
Sie sie durch eine kleine Liebkosung erbittert gemacht: so wollte ich
Ihnen den Rat geben, sie durch zwo neue zu besnftigen.  Julchen, rede
wenigstens mit mir, wenn es Herr Damis nicht verdient.  Oder wenn er
dich ja beleidiget hat: so la dir den Ku wiedergeben: so seid ihr
geschiedene Leute.  Was habt ihr denn miteinander?

Julchen.  Was wir miteinander haben?  Das werde ich in deiner
Gegenwart nicht sagen knnen.  Ich glaube zwar gar nicht, da du ihm
Gelegenheit gegeben hast.  Und was kann er dafr, da du
liebenswrdiger bist als ich?  Auch sein Vergehn ist noch ein
Verdienst.  Er wrde dich nicht lieben, wenn er nicht die grten
Vorzge zu lieben gewohnt wre.  Ich entschuldige ihn selbst.

Lottchen.  Du gutes Kind!  Also bin ich deine Nebenbuhlerin!  Du
dauerst mich in Wahrheit.  Ich will dir das ganze Geheimnis erffnen.
Kommen nicht die Beschuldigungen wider deinen Liebhaber von Herrn
Siegmunden her?  Ich kann mir's leicht einbilden.  Er hat sich in dich
verliebt stellen sollen, um dich zu berfhren, da du vielleicht
schon liebtest.  Er wird also die List gebraucht und dich beredt haben,
 da Herr Damis mich liebte.  Vergib ihm diesen Scherz.  Er hat seine
Rolle gar zu gut gespielt.

Julchen.  Er tat sehr ernstlich und...

Damis (zu Julchen).  Sehn Sie, was ich fr ein betrgerisches Herz
habe?

Julchen.  Aber...

Damis.  Sie knnen noch ein Mitrauen in mich setzen?  Wie wenig
mssen Sie mich kennen!

Julchen.  Ich?  mein Herr...

Damis.  Ist das der Lohn fr meine Liebe?

Julchen.  Der Lohn?  Hassen Sie mich denn?  Wrde ich eiferschtig
geworden sein, wenn ich nicht...  Also haben Sie mich nicht
hintergangen?  Ja, mein ganzes Herz hat fr Sie gesprochen.

Lottchen.  Du hast dich fangen lassen, meine gute Schwester.  Und ich
merke, da es dir schon weh tut, da du deinen Geliebten wegen deiner
Hitze noch nicht um Vergebung gebeten hast.  Ich will es an deiner
Stelle tun.  (Zum Damis.)  Mein Herr, sein Sie so gtig und vergeben
Sie es Julchen, da Sie zrtlicher von ihr geliebt werden, als Sie
gedacht haben.

Julchen.  Nein, wenn ich mich geirrt habe: so bitte ich Ihnen meinen
Fehler freiwillig ab.

Damis.  Aber lieben Sie mich denn auch?

Julchen.  Ja.  Nunmehr wei ich's gewi, da ich Sie liebe.  Und
nunmehr bin ich bereit, dieses Bekenntnis vor meinem Vater und Ihrem
Herrn Vormunde zu wiederholen, wenn Ihre Wnsche dadurch befriediget
werden.

Damis.  Meine Juliane!  Ich bin zu glcklich.

Julchen.  Wenn ich Ihr Herz noch nicht htte: so wrde ich nunmehr
selbst darum bitten, so hoch schtze ich's.

Damis.  Vortreffliche Juliane!  Ich bin...  Doch es ist mir kein
Gedanke anstndig genug fr Sie.  Dieses ist es alles, was ich Ihnen
in der Entzckung antworten kann.

Lottchen.  Meine liebe Schwester (sie umarmt Julchen), deine Liebe sei
ewig glcklich!  Sei mir ein Beispiel der Zrtlichkeit und der
Zufriedenheit.  (Zum Damis.)  Und Sie, mein lieber Herr Bruder, sollen
so glcklich sein, als ich meine Schwester zu sehn wnsche.  Bleiben
Sie ein Freund meines Freundes, und befrdern Sie unsere Ruhe durch
Ihre Aufrichtigkeit.  Kommen Sie, wir wollen zu unserm ehrlichen Vater
gehn.  Wie froh wird der fromme Alte nicht sein, wenn er Julchens
Entschlu hrt!  Doch ich sehe den Herrn Vormund kommen.  Gehn Sie,
ich will das Vergngen haben, diesem rechtschaffenen Mann, der mir
heute eine freudige Post gebracht hat, auch die erste Nachricht von
der Gewiheit Ihrer beiderseitigen Liebe zu geben.

(Julchen und Damis gehn ab.)



Vierter Auftritt

Lottchen.  Simon.


Simon.  Endlich habe ich die Ehre, Ihnen die Abschrift von dem
Testamente zu bringen.  Ich habe sie selbst geholet.  Wollen Sie
unbeschwert diesen Punkt lesen?  (Er reicht ihr die Abschrift.)

Lottchen (sie liest).  Wie?  Ich bin die Erbin des Ritterguts?  Ich?

Simon.  Ja, Sie sind es, Mamsell, und nicht Ihre Jungfer Schwester.
Der Herr Hofrat, der mir die erste Nachricht gegeben, mu sich
entweder geirret oder diese kleine Verwirrung mit Flei angerichtet
haben, um seiner Jungfer Pate eine desto grere Freude zu machen.
Genug, es ist nunmehr gewi, da Sie die Erbin des Ritterguts sind,
und kein Mensch kann Ihnen dieses Glck aufrichtiger gnnen, als ich
tue.  Sie verdienen noch weit mehr.

Lottchen.  O das ist ein trauriges Glck!  Wird nicht meine liebe
Schwester darber betrbt werden?  Wird nicht Ihr Herr Mndel...?

Simon.  Waren Sie doch viel zufriedner, da ich Ihnen die erste und
nunmehr falsche Nachricht brachte.  Lesen Sie doch nur weiter.  Sie
sind die Erbin des Ritterguts, aber Sie sollen Jungfer Julchen
zehntausend Taler abgeben, sobald sie heiraten wird.

Lottchen.  Nun bin ich zufrieden.  Sie soll noch mehr haben als
zehntausend Taler, wenn sie sich nur nicht ber ihren Verlust krnkt.
O was fr Bewegungen fhle ich in meiner Seele!  Und was werde ich
erst da empfinden, wenn ich meinen Geliebten vor Freuden ber mein
Glck erschrecken sehe?  O wie schn wird er erschrecken!  Gott, wie
glcklich bin ich!  Wenn nur meine liebe Schwester nicht unruhig wird.



Fnfter Auftritt

Die Vorigen.  Siegmund.


Siegmund.  Jungfer Julchen hat, wie ich gleich gehrt, endlich ihr Ja
von sich gegeben?  Ist es gewi?  Das ist mir sehr angenehm.

Lottchen (zu Simon).  Ja, sie hat sich nach dem Wunsche Ihres Herrn
Mndels erklrt und wird die Ehre haben, Sie um einen Brutigam zu
bitten, der unter Ihren Hnden so liebenswrdig geworden ist.  Aber,
mein Liebster, hier ist die Abschrift von dem Testamente.  Geht es
Ihnen nicht ein wenig nahe, da die Frau Muhme uns beide vergessen hat?

Siegmund.  Nein, nicht einen Augenblick.  Sie sind mir mehr als ein
reiches Testament.

Lottchen.  Aber wenn uns Julchen etwas von ihrer Erbschaft anbieten
sollte, wollen wir's annehmen?

Siegmund.  Da sie nicht mehr ber ihr Herz zu gebieten hat: so hat sie
auch nicht ber ihr Vermgen zu befehlen.

Simon.  O mein Herr, Sie knnen versichert sein, da ihr mein Mndel
die vllige Freiheit lassen wird, freigebig und erkenntlich zu sein.
Er sucht seinen Reichtum nicht in dem berflusse, sondern in dem
Gebrauche desselben.  Er wrde Julchen gewhlt haben, wenn sie auch
keine Erbschaft getan htte.  Und vielleicht wre es ihm gar lieber,
wenn er ihr Glck durch sich allein htte machen knnen.  Wir wollen
wnschen, da alle Liebhaber so edel gesinnt sein mgen als er.

Lottchen.  Hren Sie, Herr Siegmund, was wir fr einen gromtigen
Bruder bekommen haben?

Siegmund.  Er macht seinem Herrn Vormunde und uns die grte Ehre.

Simon.  Ja, ich bin in der Tat stolz auf ihn.  Er ist von seinem
zehnten Jahre an in meinem Hause gewesen und hat bis auf diese Stunde
alle meine Sorgfalt fr ihn so reichlich belohnet und mir so vieles
Vergngen gemacht, da ich nicht wei, wer dem andern mehr Dank
schuldig ist.

Lottchen.  Dieses ist ein Lobspruch, den ich niemanden als dem
Brutigam meiner Schwester gnne.  Und wenn mein Papa sterben sollte:
so wrde ich Ihr Mndel sein, um ebendieses Lob zu verdienen.  O was
ist der Umgang mit groen Herzen fr eine Wollust!  Aber, Herr Simon,
darf ich in Ihrer Gegenwart eine Freiheit begehen, die die Liebe
gebeut und rechtfertiget?  Ja, Sie sind es wrdig, die Regungen meiner
Seele ohne Decke zu sehen.  (Sie geht auf Siegmund zu und umarmet ihn.
)  Endlich, mein Freund, bin ich so glcklich, Ihren Umgang und Ihre
Treue gegen mich durch ein unvermutetes Schicksal zu belohnen.  Sie
haben mich als ein armes Frauenzimmer geliebt.  Die Vorsicht hat mich
heute mit einer Erbschaft beschenkt, die ich nicht rhmlicher
anzuwenden wei, als wenn ich sie in Ihre Hnde bringe.  Ich wei, Sie
werden es mir und der Tugend davon wohlgehen lassen.  Hier ist eine
Abschrift des Testaments, worin ich zur Erbin erklret bin, anstatt
da es meine liebe Schwester nach unserer Meinung war.  Kurz, die
Erbschaft ist Ihre, und ein Teil von zehntausend Talern gehrt Julchen.
  Fragen Sie nunmehr Ihr Herz, was Sie mit mir anfangen wollen.

Siegmund.  Ohne Ihre Liebe ist mir Ihr Geschenke sehr gleichgltig.

Lottchen.  Eben deswegen verdienen Sie's.  Fehlt zu Ihrem Glcke
nichts als meine Liebe: so knnen Sie nie glcklicher werden.

Siegmund.  Ach, meine Schne, wie erschrecke ich!  Sie machen, da man
die Liebe und das Glck erst hochschtzt.  O warum kann nicht die
ganze Welt Ihrer Gromut zusehen!  Sie wrden auch den
niedertrchtigsten Seelen liebenswrdig vorkommen und ihnen bei aller
Verachtung der Tugend den Wunsch auspressen, da sie Ihnen gleichen
mchten.  Ich danke es der Schickung ewig, da sie mir Ihren Besitz
zugedacht hat.  Und ich eile mit Ihrer Erlaubnis zu Ihrem Herrn Vater,
um ihn nunmehr...



Sechster Auftritt

Die Vorigen.  Ein Bedienter.


Der Bediente (zu Lottchen).  Hier ist ein Brief an Sie, Mamsell.  Er
kmmt von der Post.

Lottchen.  Ein Brief von der Post?

Siegmund.  Ja, ich habe den Brieftrger selbst auf dem Saale stehen
sehen, ehe ich hereingekommen bin.

Lottchen.  Wollen Sie erlauben, meine Herren, da ich den Brief in
Ihrer Gegenwart erbrechen darf?

Simon.  Ich will indessen meinem lieben Mndel meinen Glckwunsch
abstatten.



Siebenter Auftritt

Lottchen.  Siegmund.


Lottchen (indem sie den Brief fr sich gelesen hat).  O mein Freund,
man will mir mein Glck sauermachen.  Man beneidet mich, sonst wrde
man Sie nicht verkleinern.  Es ist ein boshafter Streich; er ist mir
aber lieb, weil ich Ihnen einen neuen Beweis meines Vertrauens und
meiner Liebe geben kann.  Ich will Ihnen den Brief lesen.  Er besteht,
wie Sie sehen, nur aus zwo Zeilen.  (Sie liest.)  Mamsell, trauen Sie
Ihrem Liebhaber, dem Herrn Siegmund, nicht.  Er ist ein Betrger.  N.
N.

Siegmund.  Was?  Ich ein Betrger?

Lottchen (sie nimmt ihn bei der Hand).  Ich wei, da Sie gro genug
sind, dieses hassenswrdige Wort mit Gelassenheit anzuhren.  Es ist
ein Lobspruch fr Sie.  Ich verlange einen solchen Betrger, als Sie
sind, mein Freund.

Siegmund.  Aber wer mu mir diesen boshaften Streich an dem heutigen
Tage spielen?  Wie?  Sollte es auch Herr Simon selbst sein?  Liebt er
Sie vielleicht?  Macht ihn Ihre Erbschaft boshaft?  Warum ging er, da
der Brief kam?  Soll ich ihm dieses Laster vergeben?  Wenn er mir
meinen Verstand, meinen Witz abgesprochen htte: so wrde ich ihm fr
diese Demtigung danken; aber da er mir die Ehre eines guten Herzens
rauben will, das ist rger, als wenn er mir Gift htte geben wollen.
Ich?...  Ich, ein Betrger?  Himmel, bringe es an den Tag, wer ein
Betrger ist, ich oder der, der diesen Brief geschrieben hat!  Ist das
der edelgesinnte Vormund?

Lottchen.  Ich bitte Sie bei Ihrer Liebe gegen mich, beruhigen Sie
sich.  Verschonen Sie den Herrn Vormund mit Ihrem Verdachte.  Es ist
nicht mglich, da er eine solche Niedertrchtigkeit begehen sollte.
Sein Charakter ist edel.  Wer wei, was Sie sonst fr einen Feind
haben, der von unserer Liebe und von meiner Erbschaft heute Nachricht
bekommen hat.

Siegmund.  Sie entschuldigen den Vormund noch?  Hrten Sie nicht den
boshaften Ausdruck: Wir wollen wnschen, da alle Liebhaber so edel
gesinnt sein mgen als mein Mndel?  Ist dieses nicht eine
unverschmte Anklage wider mich?

Lottchen.  Ich sage Ihnen, da Sie mich beleidigen, wenn Sie ihn noch
einen Augenblick in Verdacht haben.  So, wie ich ihn kenne und wie mir
ihn sein Mndel beschrieben hat: so ist er ein Mann, dem man sein
Leben, seine Ehre und alles vertrauen kann.

Siegmund.  Aber sollte er nicht unerlaubte Absichten haben?  Ich habe
gemerkt, da er sehr genau auf Ihr ganzes Bezeigen, bis auf das
geringste Wort Achtung gegeben hat.  Es kmmt noch ein merkwrdiger
Umstand dazu.  Er hat in dem Billette an Ihren Herrn Vater schon
triumphieret, da er heute eine erfreuliche Nachricht vom Hofe
erhalten htte.  Und er hat es dem Herrn Vater auch schon entdeckt;
aber mir nicht.

Lottchen.  Ich beschwre Sie bei Ihrer Aufrichtigkeit, lassen Sie
diesen Mann aus dem Verdachte.

Siegmund.  Warum hat er mir nicht gesagt, da man ihm vom Hofe einen
vornehmen Charakter und eine ungewhnliche Pension gegeben hat?  Was
sucht er darunter, wenn er nicht mein Unglck bei Ihnen sucht?

Lottchen.  Ich vergebe Ihren Fehler Ihrer zrtlichen Liebe zu mir.
Auerdem wrde ich Sie nicht lnger anhren.  Wir wollen die Sache zu
unserm Vorteile enden.  Ihre Feinde mgen sagen, was sie wollen.  Sie
sind bestraft genug, da sie Ihren Wert nicht kennen.  Und wir knnen
uns nicht besser rchen, als da wir uns nicht die geringste Mhe
geben, sie zu entdecken.  Lassen Sie Ihren Zorn hier verfliegen.  Ich
komme in der Gesellschaft meines Vaters und der brigen gleich wieder
zu Ihnen, unser Bndnis in den Augen unserer Feinde sicher zu machen.


Achter Auftritt

Siegmund allein.


Das war ein verfluchter Streich!  Aber er macht mich nur mutiger.
Julchen ist verloren...  Gut, ist doch Lottchen, ist doch das
Rittergut mein...  Ich bin nicht untreu gewesen.  Nein!  Ich habe es
nur sein wollen; aber ich war zu edel, als da mich's die Umstnde
htten werden lassen.  Aber wo bleibt Lottchen?  Hat sie gar meine
Untreue erfahren?  Ich will sie sicher machen.



Neunter Auftritt

Julchen.  Damis.


Julchen.  Wo bleibt Lottchen?  Hat sie gar meine Untreue erfahren?
Ich will sie sicher machen. Der Boshafte!  Hrten Sie sein
Bekenntnis?  Wir wollten sehen, wie er sich nach diesem Briefe
auffhren wrde.  O htten wir diese unglckselige Entdeckung doch
niemals gemacht!  Du arme Schwester!  Du verbindest dich mit einem
Menschen, der ein bses Herz bei der Miene der Aufrichtigkeit hat.

Damis.  Ja, es ist ein nichtswrdiger Freund, wie ich Ihnen gesagt
habe.  Er hat den grten Betrug begangen.  Ich bitte ihn heute
Vormittage, wie man einen Bruder bitten kann, da er mir Ihre Liebe
sollte gewinnen helfen.  Und statt dessen bittet er Ihren Herrn Vater,
unsere Verlobung noch acht Tage aufzuschieben, und will ihn bereden,
als ob Sie, meine Braut, ihn selbst liebten.  Ist das mein Freund, dem
ich mehr als einmal mein Haus und mein Vermgen angeboten habe?

Julchen.  Mich hat er bereden wollen, da Sie meiner Schwester
gewogener wren als mir.  Nunmehro wei ich gewi, da es keine
Verstellung gewesen.  Aber meine arme Schwester wird es doch denken,
weil sie ihm diese List aus gutem Herzen aufgetragen hat.  Wer soll
ihr ihren Irrtum entdecken?  Wird sie uns hren?  Und wenn sie es
glaubt, berfhren wir sie nicht von dem grten Unglcke!  Wie dauret
sie mich!

Damis.  Ja.  Aber sie mu es doch erfahren, und wenn Sie schweigen, so
rede ich.

Julchen.  Ach, bedenken Sie doch das Elend meiner lieben Schwester!
Schweigen Sie.  Vielleicht...  Vielleicht ist er nicht von Natur
boshaft, vielleicht hat ihn nur meine Erbschaft...

Damis.  Es habe ihn, was auch immer wolle, zur Untreue bewogen: so ist
er in meinen Augen doch allemal weniger zu entschuldigen als ein
Mensch, der den andern aus Hunger auf der Strae umbringt.  Hat ihn
die ausnehmende Zrtlichkeit, die ganz bezaubernde Unschuld, die
edelste Freundschaft Ihrer Jungfer Schwester nicht treu und tugendhaft
erhalten knnen: so mu es ihm nunmehr leicht sein, um eines Gewinstes
willen seinen nchsten Blutsfreund umzubringen und die Religion der
geringsten Wollust wegen abzuschwren.

Julchen.  Aber ach, meine Schwester...  Tun Sie es nicht.  Ich zittre..
.

Damis.  Meine Braut, Sie sind mir das Kostbarste auf der Welt.  Aber
ich sage Ihnen, ehe ich Lottchen so unglcklich werden lasse, sich mit
einem Nichtswrdigen zu verbinden: so will ich mein Vermgen, meine
Ehre und Sie selbst verlieren.  Ich gehe und sage ihr alles, und wenn
sie auch ohne Trost sein sollte.  Mein Herr Vormund hat das Billett an
Lottchen auf meine Bitte schreiben und auf die Post bringen lassen.
ihr ehrlicher Vater und der Magister, die Siegmund beide fr zu
einfltig gehalten, haben seine tckischen Absichten zuerst gemerkt,
und ihr Herr Vater hat sie meinem Vormunde vertraut.  Dieser hat und
sieht die kleinsten Betrgereien.

Julchen.  Ist er denn gar nicht zu entschuldigen?

Damis.  Nein, sage ich Ihnen.  Wir haben alles untersucht.  Er ist ein
Betrger.  (Mit Bitterkeit.)  Ich habe in meinem Leben noch kein Tier
gern umgebracht; aber diesen Mann, wenn er es leugnen und Lottchen
durch seine Verstellung unglcklich machen sollte, wollte ich mit
Freuden umbringen.  Was?  Wir Mnner wollen durch den hlichsten
Betrug das Frauenzimmer im Triumph auffhren, das wir durch unsere
Tugend ehren sollten?

Julchen.  Was soll aber meine Schwester mit dem Untreuen anfangen?

Damis.  Sie soll ihn mit Verachtung bestrafen.  Sie soll ihn fhlen
lassen, was es heit, ein edles Herz hintergehn.

Julchen.  Wenn ihm aber meine Schwester verzeihen wollte.  Wre das
nicht auch gromtig?

Damis.  Sie braucht ihn nicht zu verfolgen.  Sie kann alle Regungen
der Rache ersticken und sich doch seiner ewig entschlagen.  Er ist ein
Unmensch.



Zehnter Auftritt

Die Vorigen.  Simon.


Simon.  Ich stehe die grte Qual aus.  Unsere Absicht mit dem Briefe
schlgt leider fehl.  Sie liebt ihn nur desto mehr, je mehr sie ihn
fr unschuldig hlt.  Sie dringt in ihren Vater, da er die Verlobung
beschleunigen soll.  Dieser gute Alte liebt seine Tochter und vergit
vielleicht in der groen Liebe die Vorsichtigkeit und meine
Erinnerungen.  Wenn es niemand wagen will, sich dem Sturme
preiszugeben: so will ich's tun.

Damis.  Ich tue es auch.

Julchen.  Wenn nur meine Schwester kme.  Ich wollte...  Aber sie
liebt ihn unaussprechlich.  Was wird ihr Herz empfinden, wenn es sich
auf einmal von ihm trennen soll?

Simon.  Es wird viel empfinden.  Sie liebt ihn so sehr, als man nur
lieben kann.  Aber sie liebt ihn deswegen so sehr, weil sie ihn der
Liebe wert hlt.  Sobald sie ihren Irrtum sehen wird: so wird sich die
Vernunft, das Gefhl der Tugend und das Abscheuliche der Untreue wider
ihre Liebe empren und sie verdringen.  Der Ha wird sich an die
Stelle der Liebe setzen.  Wir mssen alle drei noch einmal mit ihr und
dem Herrn Vater sprechen, ehe er sie um das Ja betrgt.

Julchen.  Du redliche Schwester!  Knnte ich doch dein Unglck durch
Wehmut mit dir teilen!  Wie traurig wird das Ende dieses Tages fr
mich!

Simon.  Betrben Sie sich nicht ber den Verlust eines solchen Mannes.
 Lottchen ist glcklich, wenn sie ihn verliert, und unglcklich, wenn
sie ihn behlt.  Herr Damis, haben Sie die Gte und sehen Sie, wie Sie
Lottchen einen Augenblick von ihrem Liebhaber entfernen und
hieherbringen knnen.

Damis.  Ja, das ist das letzte Mittel.

Simon (zu Damis).  Noch ein Wort.  Haben Sie die Abschrift des
Testaments schon gelesen, die ich itzt mitgebracht habe?

Damis.  Nein, Herr Vormund.

Simon.  Sie auch nicht, Mamsell Julchen?

Julchen.  Nein.

Simon.  Also wissen Sie beide noch nicht, da die erste Nachricht
falsch gewesen ist.  Mamsell Julchen, erschrecken Sie nicht.  Sie sind
nicht die Erbin des Ritterguts.

Julchen.  Wie?  Ich bin's nicht?  Warum haben Sie mir denn eine
falsche Freude gemacht?  Das ist betrbt.  Geht denn heute alles
unglcklich?  Ach, Herr Damis, Sie sagen nichts?  Bin ich nicht mehr
Ihre Braut?  Geht denn das Unglck gleich mit der Liebe an?  Ich
wollte meinen Vater und meine liebe Schwester mit in mein Gut nehmen.
Ich lie schon die besten Zimmer fr sie zurechtemachen.  Ach, mein
Herr, was fr Freude empfand ich nicht, wenn ich mir vorstellte, da
ich Sie an meiner Hand durch das ganze Gut, durch alle Felder und
Wiesen fhrte...  !  Also habe ich nichts?

Damis.  Sie haben so viel, als ich habe.  Vergessen Sie die traurige
Erbschaft.  Es wird uns an nichts gebrechen.  Mir ist es recht lieb,
da Sie das Rittergut nicht bekommen haben.  Vielleicht htte die Welt
geglaubt, da ich bei meiner Liebe mehr auf dieses als auf Ihren
eigenen Wert gesehen htte.  Und dies soll sie nicht glauben.  Sie
soll meine Braut aus ebender Ursache hochschtzen, aus der ich sie
verehre und whle.  Fhren Sie mich an Ihrer Hand in meinem eigenen
Hause herum: so werden Sie mir ebendas Vergngen machen.  Genug, da
Sie ein Rittergut verdienen.  O wenn ich nur Lottchen aus ihrem Elende
gerissen htte.  Ich werde eher nicht ruhig.

Simon.  Jungfer Lottchen ist die Erbin des Ritterguts.

Julchen.  Meine Schwester ist es?  Meine Schwester?  Bald htte ich
sie beneidet; aber verwnscht sei diese Regung!  Nein!  Ich gnne ihr
alles.  (Zu Damis.)  Was knnte ich mir noch wnschen, wenn Sie mit
mir zufrieden sind.  Sie soll es haben.  Ich gnne ihr alles.

Damis.  Auch mich, meine Braut?

Julchen.  Ob ich Sie meiner Schwester gnne?  Nein, so redlich bin ich
doch nicht.  Es ist keine Tugend; aber...  Fragen Sie mich nicht mehr.

Damis.  Nein.  Ich will Mamsell Lottchen suchen.  Die Zrtlichkeit
soll der Freundschaft einige Augenblicke nachstehen.



Eilfter Auftritt

Julchen.  Simon.


Julchen.  Ob ich ihn meiner Schwester gnne?  Wie knnte sie das von
mir verlangen?  Sie hat ja das Rittergut.  Ich liebe sie sehr; aber
wenn ich ihre Ruhe durch den Verlust des Herrn Damis befrdern soll:
so fordert sie zu viel.  Das ist mir nicht mglich.

Simon.  Machen Sie sich keine Sorge.  Sie wird es gewi nicht begehren.
  Ich mu Ihnen auch sagen, da sie Ihnen nach dem Testamente
zehntausend Taler zu Ihrer Heirat abgeben soll.

Julchen.  Das ist alles gut.  Wenn ich nur meiner Schwester ihren
Liebhaber durch dieses Geld treu machen knnte, wie gern wollte ich's
ihm geben!  Der bse Mensch!  Kann er nicht machen, da ich den Herrn
Damis verliere, indem er Lottchen verliert?  Aber warum lt der
Himmel solche Bosheiten zu?  Was kann denn ich fr seine Untreue?  Ich
bin ja unschuldig.

Simon.  Mein Mndel kann niemals aufhren, Sie zu lieben.  Verlassen
Sie sich auf mein Wort.  Jungfer Lottchen ist zu beklagen.  Aber
besser ohne Liebe leben, als unglcklich lieben.  Wenn sie doch kme!

Julchen.  Aber wenn sie nun kmmt?  Ich kann ja ihre Ruhe nicht
herstellen.  Ich habe sie herzlich lieb.  Aber warum soll denn meine
Liebe mit der ihrigen leiden?  Nein, so gromtig kann ich nicht sein,
da ich ihr zuliebe mich und...  mich und ihn verge.  Wenn sie doch
glcklich wre!  Ich werde recht unruhig.  Er sagte, er wollte die
Zrtlichkeit der Freundschaft nachsetzen.  Was heit dieses?

Simon.  Bleiben Sie ruhig.  Mein Mndel ist der Ihrige.  Sie verdienen
ihn.  Und wenn Sie knftig an seiner Seite die Glckseligkeiten der
Liebe genieen: so verdanken Sie es der Tugend, da sie uns durch
Liebe und Freundschaft das Leben zur Lust macht.



Zwlfter Auftritt

Die Vorigen.  Der Magister.


Der Magister.  Herr Simon, ich mchte Ihnen gern ein paar Worte
vertrauen.  Wenn ich nicht sehr irre: so habe ich heute eine wichtige
Entdeckung gemacht, was die Reizungen der Reichtmer fr Gewalt ber
das menschliche Herz haben.

Simon.  Ich frchte, da mir diese unglckliche Entdeckung schon mehr
als zu bekannt ist.

Der Magister.  Ich habe der Sache alleweile auf meiner Studierstube
nachgedacht.

Julchen.  Knnen Sie uns denn sagen, wie ihr zu helfen ist?  Tun Sie
es doch, lieber Herr Magister.

Der Magister.  Siegmund mu bestraft werden, damit er gebessert werde.

Simon.  Er verdient nicht, da man ihn anders bestrafe als durch
Verachtung.

Der Magister.  Aber wie sollen seine Willenstriebe gebessert werden?

Simon.  Ist denn die Verachtung kein Mittel, ein Herz zu bessern?

Der Magister.  Das will ich itzt nicht ausmachen.  Aber sagen Sie mir,
Herr Simon, ob die Stoiker nicht recht haben, wenn sie behaupten, da
nur ein Laster ist; oder da, wo ein Laster ist, die andern alle ihrer
Kraft nach zugegen sind?  Sehn Sie nur Siegmunden an.  Ist er nicht
recht das Exempel zu diesem Paradoxo?

Simon.  Ja, Herr Magister.  Aber wie werden wir Jungfer Lottchen von
der Liebe zu Siegmunden abbringen?  Sie glaubt es ja nicht, da er
untreu ist.

Der Magister.  Das wird sich schon geben.  O wie erstaunt man nicht
ber die genaue Verwandtschaft, welche ein Laster mit dem andern hat
und welche alle mit einem haben!  Siegmund wird bei der Gelegenheit
des Testaments geizig.  Ein Laster.  Er strebt nach Julchen, damit er
ihre Reichtmer bekomme.  Welcher schndliche Eigennutz!  Er wird
Lottchen untreu und will Julchen untreu machen.  Wieder zwei neue
Verbrechen.  Er kann sein erstes Laster nicht ausfhren, wenn er nicht
ein Betrger und Verrter wird.  Also hintergeht er seinen Freund,
seinen Schwiegervater, Sie, mich und alle, nachdem er einmal die
Tugend hintergangen hat.  Aber alle diese Bosheiten auszufhren, mute
er ein Lgner und ein Verleumder werden.  Und er ward es.  Welche
unselige Vertraulichkeit herrscht nicht unter den Lastern?  Sollten
also die Stoiker nicht recht haben?

Simon.  Wer zweifelt daran?  Herr Magister.  Ich glaube es, da Sie
die Sache genauer einsehen als ich und Jungfer Julchen.  Sie reden
sehr wahr, sehr gelehrt.  Sie haben seine Untreue zuerst mit entdeckt,
und wir danken Ihnen zeitlebens dafr.  Aber entdecken Sie nun auch
das Mittel, Lottchen so weit zu bringen, da sie sich nicht mit dem
untreuen Siegmund verbindet.

Der Magister.  Darauf will ich denken.  Lottchen ist zu leichtglubig
gewesen.  Aber sie kann bei dieser Gelegenheit lernen, wieviel man
Ursache hat, ein Mitrauen in das menschliche Herz zu setzen, wenn Man
es genau kennt und die Erzeugung der Begierden recht ausstudiert hat.
Wir haben so viele Vernunftlehren.  Eine Willenslehre ist ebenso ntig.
  Ist denn der Wille kein so wesentlicher Teil der Seele als der
Verstand?  So wie der Verstand Grundstze hat, die sein Wesen
ausmachen: so hat der Wille gewisse Grundtriebe.  Kennt man diese, so
kennt man sein Wesen; und so kennt man auch die Mittel, ihn zu
verbessern.  Jungfer Muhme, reden Sie aufrichtig, habe ich's Ihnen
nicht hundertmal gesagt, da Siegmund nichts Grndliches in der
Philosophie wei?  Dies sind die traurigen Frchte davon.

Julchen.  Lieber Herr Magister, wenn Sie so viel bei der betrbten
Sache empfnden als ich, Sie wrden diese Frage itzt nicht an mich tun.
  Sie haben mich heute eine Fabel gelehrt.  Und ich wollte wnschen,
da Sie an die Fabel von dem Knaben gedchten, der in das Wasser
gefallen war.  Anstatt da Sie uns in der Gefahr beistehen sollen: so
zeigen Sie uns den Ursprung und die Gre derselben.  Nehmen Sie meine
Freiheit nicht bel.

Der Magister.  Ich kann Ihnen nichts belnehmen.  Zu einer Beleidigung
gehrt die gehrige Einsicht in die Natur der Beleidigung.  Und da
Ihnen diese mangelt: so sehen Ihre Reden zwar beleidigend aus; aber
sie sind es nicht.

Simon.  Aber, was wollen Sie denn bei der Sache tun?

Der Magister.  Ich will, ehe die Versprechung vor sich geht, Lottchen
und meinem Bruder kurz und gut sagen, da ich meine Einwilligung nicht
darein gebe.  Alldann mu die Sache ein ander Aussehn gewinnen.

Simon.  Gut, das tun Sie.


Dreizehnter Aufzug
Julchen.  Simon.

Julchen.  Ich will dem Herrn Magister nachgehen.  Er mchte sonst gar
zu groe Hndel anrichten.  Entdecken Sie Lottchen, wenn sie kmmt,
die traurige Sache zuerst.  Ich will sorgen, da Sie Siegmund in Ihrer
Unterredung nicht strt und Ihnen, wenn ich glaube, da es Zeit ist,
mit meinem Brutigame zu Hlfe kommen.

Simon.  Ich will als ein redlicher Mann handeln.  Und wenn ich mir
auch den grten Zorn bei Ihrer Jungfer Schwester und die
niedertrchtigste Rache von dem Herrn Siegmund zuziehen sollte: so
will ich doch lieber mich als eine gute Absicht vergessen.


Vierzehnter Auftritt

Simon.  Lottchen.


Lottchen.  Was ist zu Ihrem Befehle?  Haben Sie etwa wegen der
zehntausend Taler, die ich meiner Schwester herausgeben soll, etwas zu
erinnern?  Tun Sie nur einen Vorschlag.  Ich bin zu allem bereit.

Simon.  Mamsell, davon wollen wir ein andermal reden.  Glauben Sie
wohl, da mir Ihr Glck lieb ist und da ich ein ehrlicher Mann bin?
So unhflich diese beiden Fragen sind: so mu ich sie doch an Sie tun,
weil ich sonst in der Gefahr stehe, da Sie meinen Antrag nicht
anhren werden.

Lottchen.  Mein Herr, womit kann ich Ihnen dienen?  Reden Sie frei.
Ich sage es Ihnen, da ich ebenden Gehorsam gegen Sie trage, den ich
meinem Vater schuldig bin.  Ich will Ihnen den grten Dank sagen,
wenn Sie mir eine Gelegenheit geben, Ihnen meine Hochachtung durch die
Tat zu beweisen.  Ich bin ebensosehr von Ihrer Aufrichtigkeit
berzeugt als von der Aufrichtigkeit meines Brutigams.  Kann es Ihnen
nunmehr noch schwerfallen, frei mit mir zu reden?

Simon.  Meine Bitte gereicht zum Nachteile Ihres Liebhabers.

Lottchen.  Will Ihr Herr Mndel etwa das Rittergut gern haben, weil es
so nahe an der Stadt liegt?  Nun errate ich's, warum er itzt gegen den
guten Siegmund etwas verdrielich tat.  Warum hat er mir's nicht
gleich gesagt?  Er soll es haben und nicht mehr dafr geben, als Sie
selbst fr gut befinden werden.  Kommen Sie zur Gesellschaft.  Ich
habe mich wegen des boshaften Briefs, den ich vorhin erhalten,
entschlossen, in Ihrer Gegenwart dem Herrn Siegmund ohne fernern
Aufschub das Recht ber mein Herz abzutreten und seinen Feinden zu
zeigen, da ich auf keine gemeine Art liebe.

Simon.  Aber diesen boshaften Brief habe ich schreiben und auf die
Post bringen helfen.

Lottchen.  Ehe wollte ich glauben, da ihn mein Vater, der mich so
sehr liebt, geschrieben htte.  Sie scherzen.

Simon.  Nein, Mamsell, ich bin zu einem Scherze, den mir die
Ehrerbietung gegen Sie untersagt, zu ernsthaft.  Erschrecken Sie nur,
und hassen Sie mich.  Ich wiederhole es Ihnen, Ihr Liebhaber meint es
nicht aufrichtig mit Ihnen.

Lottchen.  Sie wollen gewi das Vergngen haben, meine Treue zu
versuchen und mich zu erschrecken, weil Sie wissen, da ich nicht
erschrecken kann.

Simon.  Sie glauben, ich scherze?  Ich will also deutlicher reden.
Ihr Liebhaber ist ein Betrger.

Lottchen (erbittert).  Mein Herr, Sie treiben die Sache weit.  Wissen
Sie auch, da ich fr die Treue meines Liebhabers stehe und da Sie
mich in ihm beleidigen?  Und wenn er auch der Untreue fhig wre: so
wrde ich doch den, der mich davon berzeugte, ebensosehr hassen als
den, der sie begangen.  Aber ich komme gar in Zorn.  Nein, mein Herr,
ich kenne ja Ihre Gromut.  Es ist nicht Ihr Ernst, so gewi, als ich
lebe.

Simon.  So gewi, als ich lebe, ist es mein Ernst.  Er ist unwrdig,
noch einen Augenblick von Ihnen geliebt zu werden.

Lottchen.  Und ich werde ihn ewig lieben.

Simon.  Sie kennen ihn nicht.

Lottchen.  Besser als Sie, mein Herr.

Simon.  Ihre natrliche Neigung zur Aufrichtigkeit, Ihr gutes Zutrauen
macht, da Sie ihn fr aufrichtig halten; aber dadurch wird er's nicht.

Lottchen.  Geben Sie mir die Waffen wider Sie nicht in die Hand.  Ich
habe Sie und meinen Liebhaber fr aufrichtig gehalten.  Ich will mich
betrogen haben.  Aber wen soll ich zuerst hassen?  Ist Ihnen etwas an
meiner Freundschaft gelegen: so schweigen Sie.  Sie verndern mein
ganzes Herz.  Sie haben mir und meinem Hause viel Wohltaten erwiesen;
aber dadurch haben Sie kein Recht erlangt, mit mir eigenntzig zu
handeln.  Wre es Ihrem Charakter nicht gemer, mich tugendhaft zu
erhalten, als da Sie mich niedertrchtig machen wollen?  Warum reden
Sie denn nur heute so?

Simon.  Weil ich's erst heute gewi erfahren habe.  Wenn Sie mir nicht
glauben: so glauben Sie wenigstens Ihrer Jungfer Schwester und meinem
Mndel.

Lottchen.  Das ist schrecklich.  Haben Sie diese auch auf Ihre Seite
gezogen?

Simon.  Ja, sie sind auf meiner Seite sowohl als Ihr Herr Vater.  Und
ehe ich zugebe, da ein Niedertrchtiger Ihr Mann wird, ehe will ich
mich der grten Gefahr aussetzen.  Sie sind viel zu edel, viel zu
liebenswrdig fr ihn.

Lottchen.  Wollen Sie mir denn etwa selbst Ihr Herz anbieten?  Mu er
nur darum ein Betrger sein, weil ich in Ihren Augen so liebenswrdig
bin?  Und Sie glauben, da sich ein edles Herz auf diese Art gewinnen
lt?  Nunmehr mu ich entweder nicht tugendhaft sein oder Sie hassen.
 Und bald werde ich Sie nicht mehr ansehn knnen.

Simon.  Machen Sie mir noch so viele Vorwrfe.  Die grten
Beschuldigungen, die Sie wider mich ausstoen, sind nichts als Beweise
Ihres aufrichtigen Herzens.  Die Meinung, in der Sie stehen,
rechtfertiget sie alle.  Und ich wrde Sie vielleicht hassen, wenn Sie
mein Anbringen gelassener angehrt htten.  Genug...

Lottchen.  Das ist ein neuer Kunstgriff.  Mein Herr, Ihre List, wenn
es eine ist, und sie ist es, sei verwnscht!  Wie?  Er, den ich wie
mich liebe?...  Sie wollen sich an seine Stelle setzen?  Ist es
mglich?

Simon.  Dieser Vorwurf ist der bitterste; aber auch den will ich
verschmerzen.  Es ist wahr, da ich Sie ungemein hochachte; aber ich
habe ein sicheres Mittel, Ihnen diesen grausamen Gedanken von meiner
Niedertrchtigkeit zu benehmen.  Ich will Ihnen versprechen, Ihr Haus
nicht mehr zu betreten, solange ich lebe.  Und wenn ich durch diese
Entdeckung Ihre Liebe zu gewinnen suche: so strafe mich der Himmel auf
das entsetzlichste.  Nach diesem Schwure schme ich mich, mehr zu
reden.  (Er geht ab.)



Funfzehnter Auftritt

Lottchen allein.


Gott, was ist das?...  Er soll mir untreu sein?...  Nimmermehr!  Nein!
 Der Vormund sei ein Betrger und nicht er.  ...  Du, redliches Herz!
Du, mein Freund, um dich will man mich bringen?  Warum beweist er
deine Untreue nicht?



Sechzehnter Auftritt

Lottchen.  Damis.


Lottchen.  Kommen Sie mir zu Hlfe.  Und wenn sie mein Unglck auch
alle wollen: so sind doch Sie zu gromtig dazu.  Was geht mit meinem
Brutigam vor?  Sagen Sie mir's aufrichtig.

Damis.  Er ist Ihnen untreu.

Lottchen.  Auch Sie sind mein Feind geworden?  Hat Sie mein Liebhaber
beleidiget: so handeln Sie doch wenigstens so gromtig und sagen mir
nichts von der Rache, die Sie an ihm nehmen wollen.

Damis.  Mein Herz ist viel zu gro zur Rache.

Lottchen.  Aber klein genug zur Undankbarkeit?  Hat Ihnen mein
Geliebter nicht heute den redlichsten Dienst erwiesen?

Damis.  Wollte der Himmel, er htte mir ihn nicht erwiesen: so wrden
Sie glcklicher, und er wrde nur ein verborgner Verrter sein.

Lottchen.  Betrger!  Verrter!  Sind das die Namen meines Freundes,
den ich zwei Jahr kenne und liebe?

Damis.  Wenn ich die Aufrichtigkeit weniger liebte: so wrde ich mit
mehr Migung vor Ihnen reden.  Aber mein Eifer gibt mir fr Ihren
Liebhaber keinen andern Namen ein.  Sie, meine Schwester, sind Ihres
Herzens wegen wrdig, angebetet zu werden, und eben deswegen ist der
Mensch, der bei Ihrer Zrtlichkeit und bei den sichtbarsten Beweisen
der aufrichtigsten Liebe sich noch die Untreue kann einfallen lassen,
eine abscheuliche Seele.

Lottchen.  Eine abscheuliche Seele?  Wohlan; nun fordere ich Beweise.
(Heftiger.)  Doch weder Ihr Vormund noch Sie, noch meine Schwester,
noch mein Vater selbst werden ihm meine Liebe entziehn knnen.  Und
ich nehme keinen Beweis an als sein eigen Gestndnis.  Ich bin so sehr
von seiner Tugend berzeugt, da ich wei, da er auch den Gedanken
der Untreue nicht in sich wrde haben aufsteigen lassen, ohne mir ihn
selbst zu entdecken.  Und ich wrde ihn wegen seiner gewissenhaften
Zrtlichkeit nur desto mehr lieben, wenn ich ihn anders mehr lieben
knnte.

Damis.  Ich sage es Ihnen, wenn Sie mir nicht trauen: so gebe ich
Ihnen das Herz meiner Braut wieder zurck.  Ihnen bin ich's schuldig;
aber ich mag nicht die grte Wohltat von Ihnen genieen und zugleich
Ihr Unglck sehn.

Lottchen.  Sie mssen mich fr sehr wankelmtig halten, wenn Sie
glauben, da ich durch bloe Beschuldigungen mich in der Liebe irren
lasse.  Haben Sie oder ich mehr Gelegenheit gehabt, das Herz meines
Brutigams zu kennen?  Wenn Sie recht haben, warum werfen Sie ihm
seine Untreue abwesend vor?  Rufen Sie ihn hieher.  Alsdann sagen Sie
mir seine Verbrechen.  Er ist edler gesinnet als wir alle.  Und ich
will ihn nun lieben.

Damis.  Sie haben recht.  Ich will ihn selbst suchen.



Siebenzehnter Auftritt

Lottchen.  Julchen.


Lottchen.  Er geht?  Er untersteht sich, ihn zu rufen?  Nun fngt mein
Herz an zu zittern.  (Sie sieht Julchen.  Klglich.)  Meine Schwester,
bist du auch da?  Hast du mich noch lieb?  (Lottchen umarmt sie.)
Willst du mir die traurigste Nachricht bringen?  O nein!  Warum
schweigst du?  Warum kmmt er nicht selbst?

Julchen.  Ich bitte dich, hre auf, einen Menschen zu lieben, der...

Lottchen.  Er soll schuldig sein; aber mu er gleich meiner Liebe
unwrdig sein?  Nein, meine liebe Schwester.  Ach nein, er ist gewi
zu entschuldigen.  Willst du ihn nicht verteidigen?  Vergit du schon,
was er heute zu deiner Ruhe beigetragen hat?  Warum sollte er mir
untreu sein, da ich Vermgen habe?  Warum ward er's nicht, da ich noch
keines hatte?

Julchen.  Er ward es zu der Zeit, da er in den Gedanken stund, da ich
die Erbin des Testaments wre.  Ach, liebe Schwester, wie glcklich
wollte ich sein, wenn ich dich nicht hintergangen she!

Lottchen.  So ist es gewi?  (Hart.)  Nein!  sage ich.

Julchen.  Ich habe lange mit mir gestritten.  Ich habe ihn in meinem
Herzen, vor meinem Brutigam, vor seinem Vormunde und vor unserm Vater
entschuldiget.  Ich wrde sie aus Liebe zu dir noch alle fr betrogne
Zeugen halten.  Aber es ist nicht mehr mglich.  Er selbst hat sich
hier an dieser Stelle angeklagt, als du ihn nach dem empfangenen
Briefe verlassen hattest.  Er war allein.  Die Unruhe und sein
Verbrechen redten aus ihm.  Er hrte mich nicht kommen.  O htt' er
doch ewig geschwiegen!...  Ach, meine Schwester!

Lottchen.  Meine Schwester, was sagst du mir?  Er hat sich selbst
angeklagt?  Er ist untreu?  Aber wie knnte ich ihn noch lieben, wenn
er's wre?  Nein, ich liebe ihn, und er liebt mich gewi.  Ich habe
ihm ja die grten Beweise der aufrichtigsten Neigung gegeben...
(Zornig.)  Aber was qult ihr mich mit dem entsetzlichsten Verdachte?
Was hat er denn getan?  Nichts hat er getan.

Julchen.  Er hat mich auf eine betrgerische Art der Liebe zu meinem
Brutigam entreien und sich an seine Stelle setzen wollen.  Er hat
meinen Vater berreden wollen, als ob ich ihn selbst liebte und als
wenn du hingegen den Herrn Damis liebtest.  Er hat ihm geraten, die
Verlobung noch acht Tage aufzuschieben.  Er hat sogar um mich bei ihm
angehalten.

Lottchen.  Wie?  Hat er nicht noch vor wenig Augenblicken mich um mein
Herz gebeten?  Ihr hat ihn und mich.

Julchen.  Ja, da er gesehen, da das Testament zu deinem Vorteile
eingerichtet ist.

Lottchen.  Also richtet sich sein Herz nach dem Testamente und nicht
nach meiner Liebe?  Ich Betrogene!  Doch es ist unbillig, ihn zu
verdammen.  Ich mu ihn selbst hren.  Auch die edelsten Herzen sind
nicht von Fehlern frei, die sie doch bald bereuen.  (Klglich.)
Liebste Schwester, verdient er keine Vergebung?  Mach ihn doch
unschuldig.  Ich will ihn nicht besitzen.  Ich will ihn zu meiner Qual
meiden.  Ich will ihm die ganze Erbschaft berlassen, wenn ich nur die
Zufriedenheit habe, da er ein redliches Herz hat.  O Liebe!  ist das
der Lohn fr die Treue?



Achtzehnter Auftritt

Die Vorigen.  Siegmund.


Siegmund.  Soll ich nunmehr so glcklich sein, Ihr Ja zu erhalten?
Der Herr Vater hat mir seine Einwilligung gegeben.  Sie lieben mich
doch, gromtige Schne?

Lottchen.  Und Sie lieben mich doch auch?

Siegmund.  Sie kennen mein Herz seit etlichen Jahren, und Sie wissen
gewi, da mein grter und liebster Wunsch durch Ihre Liebe erfllt
worden ist.

Lottchen.  Aber...  meine Schwester...  Warum erschrecken Sie?

Siegmund.  Ich erschrecke, da Sie sich nicht besinnen, da Sie mir
diese List selbst zugemutet haben.  Sollte ich nicht durch eine
verstellte Liebe Julchens Herz versuchen?  Reden Sie, Mamsell Julchen,
entschuldigen Sie mich.

Julchen.  Mein Herr, entschuldigen kann ich Sie nicht.  Bedenken Sie,
was Sie zu mir und zu meinem Vater und vor kurzem hier in dieser Stube
zu sich selbst gesagt haben, ohne da Sie mich sahn.  Alles, was ich
tun kann, ist, da ich meine liebe Schwester bitte, Ihnen Ihre Untreue
zu vergeben.

Siegmund.  Ich soll untreu sein?...  Ich (Er gert in Unordnung.)  Ich
soll der aufrichtigsten Seele untreu sein?  Wer?  Ich?  Gegen Ihren
Herrn Vater soll ich etwas gesprochen haben?  Was sind das fr
schreckliche Geheimnisse?...  Sie sehn mich ngstlich an, meine
Schne?  Wie?  Sie lieben mich nicht?  Sie lassen sich durch meine
Widerlegungen nicht bewegen?...  Sie hren meine Grnde nicht an?...
Bin ich nicht unschuldig?...  Wer sind meine Feinde?...  Ich berufe
mich auf mein Herz, auf die Liebe, auf den Himmel.  ...  Doch auch
mich zu entschuldigen knnte ein Zeichen des Verdachtes sein.  ...
Nein, meine Schne, Sie mssen mir ohne Schwre glauben.  Ich will Sie,
 ich will meine Ruhe, mein Leben verlieren, wenn ich Ihnen untreu
gewesen bin.  Wollen Sie mir noch nicht glauben?

Julchen.  Herr Siegmund, Sie schwren?

Lottchen (mit Trnen).  Er ist wohl unschuldig.

Siegmund.  Ja, das bin ich.  Ich liebe Sie.  Ich bete Sie an und suche
meine Wohlfahrt in Ihrer Zufriedenheit.  Wollen Sie jene vergrern:
so stellen Sie diese wieder her, und lassen Sie den Verdacht fahren,
den ich in der Welt niemanden vergeben kann als Ihnen.  Soll ich das
Glck noch erlangen, Sie als die Meinige zu besitzen?

Lottchen (sie sieht ihn klglich an).  Mich?...  als die Ihrige?...
Ja!

Julchen.  Meine Schwester!

Lottchen.  Schweig.  Herr Siegmund, ich mchte nur noch ein Wort mit
meinem Papa sprechen, alsdann wollen wir unsere Feinde beschmen.

Siegmund.  Ich will ihn gleich suchen.  Soll ich die brige
Gesellschaft auch mitbringen?  Wir mssen doch die gebruchlichen
Zeremonien mit beobachten.

Lottchen.  Ja.  Ich will nur einige Worte mit dem Papa sprechen.
Alsdann bitte ich Sie nebst den andern Herren nachzukommen.



Neunzehnter Auftritt

Julchen.  Lottchen.  Cleon.


Cleon.  Nun, meine Kinder, wenn euch nichts weiter aufhlt: so she
ich's gern, wenn ihr die Ringe wechseltet, damit wir uns alsdann Paar
und Paar zu Tische setzen knnen.  Ei, Lottchen, wer htte heute frh
gedacht, da du auf den Abend mit einem Rittergute zu Bette gehen
wrdest!  Der Himmel hat es wohl gemacht.  Julchen kriegt einen
reichen und wackern Mann, weil sie wenig hat.  Und du, weil du viel
hast, machst einen armen Mann glcklich.  Das ist schn.  Dein
Siegmund wird schon erkenntlich fr deine Treue sein.  Er kann einem
durch seine Worte recht das Herz aus dem Leibe reden.  Der ehrliche
Mann!  Wievielmal hat er mir nicht die Hand gekt!  Wie kindlich hat
er mich nicht um meine Einwilligung gebeten!

Lottchen.  Das ist vortrefflich.  Nun lebe ich wieder.  Lieber Papa,
hat Herr Siegmund denn heute bei Ihnen um meine Schwester angehalten?
Das kann ich nicht glauben.

Cleon.  So halb und halb hat er's wohl getan.  Er mochte etwan denken,
da Herr Damis ein Auge auf dich geworfen htte und da dir's lieber
sein wrde, einen Mann mit vielem Gelde zu nehmen.  Ich war anfangs
etwas unwillig auf ihn; aber er hat mich schon wieder gutgemacht.  Man
kann sich ja wohl bereilen, wenn man nur wieder zu sich selber kmmt.
 Da kommen sie alle.



Zwanzigster Auftritt

Die Vorigen, Siegmund.  Simon.  Damis.  Der Magister.


Cleon.  Endlich erlebe ich die Freude, die ich mir lange gewnscht
habe.  Ich will Sie, meine Herren, mit keiner weitluftigen Rede
aufhalten.  Die Absicht unserer Zusammenkunft ist Ihnen allerseits
bekannt.  Kurz, meine lieben Tchter, ich erteile euch meinen
vterlichen Segen und meine Einwilligung.  (Er sieht Lottchen weinen.)
 Weine nicht, Lottchen, du machst mich sonst auch weichmtig.

Lottchen.  Meine Trnen sind Trnen der Liebe.  Ich habe also Ihre
Einwilligung zu meiner Wahl?  Ich danke Ihnen recht kindlich dafr.

Simon (zu Lottchen).  Aber, meine liebe Mamsell, Sie wollen...  Wie?

Damis.  Ach, liebste Jungfer Schwester, ich bitte Sie...

Lottchen.  Was bitten Sie?  Wollen Sie Julchen von meinen Hnden
empfangen?  (Sie fhrt sie zu ihm.)  Hier ist sie.  Ich stifte die
glcklichste Liebe.  Und Sie, Herr Siegmund...

Siegmund.  Ich nehme Ihr Herz mit der vollkommensten Erkenntlichkeit
an und biete Ihnen diese Hand...

Lottchen.  Unwrdiger!  Mein Vermgen kann ich Ihnen schenken; aber
nicht mein Herz.  Bitten Sie meinem Vater und der brigen Gesellschaft,
 die Sie in mir beleidiget haben, Ihre begangene Niedertrchtigkeit ab.
  Ich habe sie Ihnen schon vergeben, ohne mich zu bekmmern, ob Sie
diese Vergebung verdienen.  (Zum Vormunde.)  Und Ihnen, mein Herr,
ksse ich die Hand fr Ihre Aufrichtigkeit.  Wenn ich jemals mich
wieder zur Liebe entschliee: so haben Sie das erste Recht auf mein
Herz.  (Zu Siegmunden.)  Sie aber werden so billig sein und, ohne sich
zu verantworten, uns verlassen.

Siegmund.  Recht gern.  (Indem er geht.)  Verflucht ist die Liebe!

Damis.  Nicht die Liebe, nur die Untreue.  Dies ist ihr Lohn.

Lottchen (sie ruft ihm noch nach).  Sie werden morgen durch meine
Veranstaltung so viel Geld erhalten, da Sie knftig weniger Ursache
haben, ein redliches Herz zu hintergehn.

Cleon.  Lottchen, was machst du?  Ich bin alles zufrieden.  Du hast ja
mehr Einsicht als ich.

Julchen.  O liebe Schwester, wie gro ist dein Herz!  Gott wei es,
da ich keine Schuld an seinem Verbrechen habe.  O wenn ich dich doch
so glcklich she als mich!

Der Magister.  Ich bin ruhig, da ich das Laster durch mich entdeckt
und durch sich selbst bestraft sehe.  So geht es.  Wenn man nicht
strenge gegen sich selbst ist: so rchen sich unsere Ausschweifungen
fr die Nachsicht, die wir mit unsern Fehlern haben.

Simon (zu Lottchen).  Ich, meine Freundin, wrde das Recht, das Sie
mir knftig auf Ihr Herz erteilet haben, heute noch behaupten, wenn
ich Ihnen nicht schon das Wort gegeben htte, an dieses Glck niemals
zu denken.  Ich bin belohnt genug, da Sie mich Ihrer nicht fr
unwrdig halten und da der Untreue bestraft ist.

Lottchen.  O Himmel!  la es dem Betrger nicht belgehen.  Wie
redlich habe ich ihn geliebt, und wie unglcklich bin ich durch die
Liebe geworden!  Doch nicht die Liebe, die Torheit des Liebhabers hat
mich unglcklich gemacht.  Bedauern Sie mich.

(Ende des dritten und letzten Aufzugs.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die zrtlichen Schwestern, von
Christian Frchtegott Gellert.










End of the Project Gutenberg EBook of Die zaertlichen Schwestern, by 
Christian Fuerchtegott Gellert

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